Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de/literatur Übersetzung aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein ISBN 978-3-492-99176-6 © Arne Dahl 2018 Published by agreement with Salomonsson Agency Titel der schwedischen Originalausgabe : »Mittvatten« bei Albert Bonniers, Stockholm 2017 © der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2018 Covergestaltung: zero-media.net, München nach einem Entwurf von mono studio Covermotiv: Bild unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt Datenkonvertierung: Kösel, Krugzell Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht. Inhalt Cover & Impressum I Teil I - 1. Kapitel - Montag, 30. November, 8:10 Teil I - 2. Kapitel - Montag, 30. November, 9:03 Teil I - 3. Kapitel - Dienstag, 1. Dezember, 10:21 Teil I - 4. Kapitel - Dienstag, 1. Dezember, 13:44 Teil I - 5. Kapitel - Dienstag, 1. Dezember, 23:54 Teil I - 6. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 11:24 Teil I - 7. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 11:46 Teil I - 8. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 12:11 Teil I - 9. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 16:25 Teil I - 10. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 16:31 Teil I - 11. Kapitel Teil I - 12. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 16:49 Teil I - 13. Kapitel - Mittwoch, 2. Dezember, 17:16 II Teil II - 14. Kapitel - Donnerstag, 3. Dezember, 11:49 Teil II - 15. Kapitel Teil II - 16. Kapitel - Donnerstag, 3. Dezember, 12:31 Teil II - 17. Kapitel - Donnerstag, 3. Dezember, 23:03 Teil II - 18. Kapitel - Freitag, 4. Dezember, 9:13 Teil II - 19. Kapitel - Freitag, 4. Dezember, 14:31 Teil II - 20. Kapitel - Freitag, 4. Dezember, 15:28 Teil II - 21. Kapitel - Freitag, 4. Dezember, 21:12 Teil II - 22. Kapitel - Freitag, 4. Dezember, 22:23 Teil II - 23. Kapitel Teil II - 24. Kapitel - Samstag, 5. Dezember, 7:07 Teil II - 25. Kapitel - Samstag, 5. Dezember, 13:56 III Teil III - 26. Kapitel - Samstag, 5. Dezember, 19:22 Teil III - 27. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 7:49 Teil III - 28. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 8:22 Teil III - 29. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 10:00 Teil III - 30. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 13:18 Teil III - 31. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 15:12 Teil III - 32. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 17:02 Teil III - 33. Kapitel - Sonntag, 6. Dezember, 17:57 Teil III - 34. Kapitel Teil III - 35. Kapitel - Montag, 7. Dezember, 4:44 Teil III - 36. Kapitel - Montag, 7. Dezember, 9:26 Teil III - 37. Kapitel - Montag, 7. Dezember, 13:18 Teil III - 38. Kapitel - Montag, 7. Dezember, 14:49 Teil III - 39. Kapitel - Dienstag, 8. Dezember, 12:30 IV Teil IV - 40. Kapitel - Dienstag, 8. Dezember, 18:32 Teil IV - 41. Kapitel - Dienstag, 8. Dezember, 19:09 Teil IV - 42. Kapitel - Mittwoch, 9. Dezember, 12:59 Teil IV - 43. Kapitel - Donnerstag, 10. Dezember, 7:21 Teil IV - 44. Kapitel - Donnerstag, 10. Dezember, 16:18 Teil IV - 45. Kapitel - Sonntag, 13. Dezember, 10:14 I 1 Montag, 30. November, 8:10 Der Hausflur lag im Dunkeln. Trotzdem konnte Berger ein geflügeltes Insekt ausmachen, das langsam an der Decke entlangkrabbelte. Er folgte ihm eine Weile mit dem Blick. Erst als er nicht mehr hinsah, wurde ihm bewusst, dass es eine Biene gewesen war. Obwohl das einzige Licht in dem Flur kaum als Beleuchtung bezeichnet werden konnte, war das Tier ganz deutlich durch den Türspion zu erkennen. Er stand mit dem anderen Mann neben der verschlossenen Tür, sie drückten sich rechts und links davon an die kühle Betonwand. Beide mit erhobenen Schusswaffen. In dem schalen Licht fixierte der ältere Mann Berger, dann nickte er energisch. Ohne die Waffe zu senken, zog Berger einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine Lupe aussah. Er hob ihn an den Spion und spähte hinein. Die Perspektive war verzerrt, dennoch zeichnete sich das Innere der Wohnung klar ab. Ein Flur öffnete sich zu den Umrissen eines Wohnzimmers. Im ersten Morgengrauen schienen riesige Adler auf die großen Fenster zuzusegeln. Wie in Zeitlupe näherten sie sich, schwarze Silhouetten, die für einen Moment im Aufwind direkt vor den Fenstern zu schweben schienen. Dann nahmen die Adler menschliche Konturen an und standen reglos da, fest mit den Füßen am Boden. Einer von ihnen hob die Hände und zeigte zehn Finger, dann neun, dann acht. Berger steckte das Gerät, das wie eine Lupe aussah, in die Tasche zurück und holte den Dietrich hervor. So leise wie möglich schob er ihn ins Schloss. Trotzdem klirrte das Werkzeug beunruhigend, als er damit nach unsichtbaren Zacken und Haken tastete. Sechs, fünf, vier. Er traf nicht auf Widerstand, zum ersten Mal seit Jahren bekam der Dietrich nichts zu fassen. Drei, zwei. Jetzt hatte Berger Erfolg, er hörte das Klicken, als der Dietrich einrastete. Mit erhobener Waffe stieß Berger die Wohnungstür auf. Genau im selben Moment traten die zwei Schwarzgekleideten die Balkontür auf, ihre kleinen MPs im Anschlag. Lautlos verschwanden sie nach links. Berger schlich sich nach rechts. Nun sah er das gesamte Wohnzimmer: ein Kachelofen mit offenem Kamin, ein Sofa, ein Lesesessel, ein Servierwagen. Auf dem Tischchen neben dem Sessel ein dickes Buch. Berger ging darauf zu, ohne die Pistole zu senken. Eine Brille lag auf dem Buch, eine Brille mit absurd dicken Gläsern. Außerdem erkannte Berger, dass es sich um eine Originalausgabe von Shakespeares Gesammelten Werken handelte. Er fasste nichts an, hob stattdessen den Blick. An den Wänden hing nur ein einziges Bild, eine Landschaftsfotografie. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich ein großer Felsen aus dem Wasser. Gibraltar, dachte Berger. Er wandte sich wieder dem Buch zu, ging in die Hocke, musterte eingehend die Brille, sah ein Lesezeichen zwischen den dünnen Seiten hervorragen, rührte jedoch weiterhin nichts an. »Hier«, rief eine gedämpfte Stimme. Berger richtete sich auf und drehte sich um. Der ältere Mann stand draußen im Wohnungsflur und beobachtete ihn. Sein kurz geschorenes Haar erinnerte an Eisenspäne auf einem Magneten. Sein Name war August Steen, und er war der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo. Berger und Steen folgten der Stimme und durchquerten dabei eine Küche. Aus dem hintersten Raum drangen Gesprächsfetzen. Berger ging hinein. Die Schwarzgekleideten hatten sich die MPs über die Schultern gehängt. Mit einer gewissen Skepsis musterte Berger die beiden externen Ressourcen von August Steen. »Wohnung gesichert«, erklärte Roy Grahn. »Aber hier hat sie gesessen«, ergänzte Kent Döös und deutete auf die offensichtlich schallisolierten Wände des fensterlosen Zimmers. Berger sah sich um. Ein vollkommen anonymer Raum und das genaue Gegenteil des gemütlichen Wohnzimmers. Dass keinerlei Spuren von Ketten, Lederbändern oder Infusionsständern zu sehen waren, hieß nicht, dass es sie nicht gegeben hatte, und auch nicht, dass kein Betäubungsmittel zum Einsatz gekommen waren. Doch im Moment klaffte hier nur eine schweigende Leere. Dafür verriet das Schlafzimmer umso mehr. Berger sank neben den zerwühlten Bettlaken auf die Knie. Er legte den Kopf schief, betrachtete das Kissen und konnte in der zunehmenden Morgendämmerung mindestens drei lange schwarze Haare entdecken. »Unser Freund ist nicht gerade darum bemüht, seine Spuren zu verwischen«, sagte er. »Warum sollte er auch?«, erwiderte August Steen. »Das Einzige, was er geheim halten muss, ist der Ort, an den er sie gebracht hat.« Plötzlich hörte Berger ein leises Summen. Er blickte zur Decke. Eine Biene flog quer durch das Schlafzimmer. Dieselbe Biene? Berger folgte ihr durch die Küche ins Wohnzimmer. Vor dem Sessel blieb er stehen und streifte die Handschuhe über. Er schob die dicke Brille zur Seite, schlug die Seiten des Buches dort auf, wo das Lesezeichen steckte, und las. Hamlet. Dritter Akt. Das Lesezeichen zeigte auf eines der bekanntesten Zitate der Weltliteratur. To be, or not to be … Berger ging zu dem Foto an der Wand und betrachtete es noch eingehender. Sah das Meer, den Felsen, die Blumen. Sah die Bienenstöcke, die sich den Hang hinaufzogen. Sah die Bienenstöcke. Die Biene summte erneut. Aber sie war lauter geworden. Berger blickte zur Zimmerdecke, jetzt saßen zwei oben in der Ecke. Lebten Bienen Ende November noch? In Schweden? To bee, or not to bee … »Er züchtet Bienen«, sagte Berger laut. Kent und Roy beäugten ihn skeptisch, Steen sah ihn lediglich neutral an. »Was?«, fragte Roy schließlich. »Hier drinnen?« »Wohl kaum«, antwortete Berger. »Ist das nicht ein Trend?«, fragte Kent. »Bienenstöcke auf Hausdächern?« »Was für ein Quatsch«, schnaubte Roy. Steen runzelte die Stirn. »Es gibt drei Wege hinauf aufs Dach. Das Treppenhaus, eine Feuertreppe und die Balkone. Grahn, können Sie noch zwei Stockwerke weiter hinaufklettern?« Roy warf einen Blick zum Balkon, auf den zwei Seile herabhingen. Er nickte. Steen fuhr fort: »Döös die Feuertreppe. Berger das Treppenhaus. Ich suche eine Überblicksposition. Vorherige Abstimmung. Teilt euer Eintreffen mit. Wartet meine Anweisungen ab. Und: Beeilt euch.« Roy lief auf den Balkon, Berger und Kent stürzten durch die Wohnungstür hinaus. Berger schaltete das Licht an und ging den Flur entlang. Als er das Treppenhaus betrat, sah er eine Biene an der Wand entlangkrabbeln. Es gab zwei Alternativen. Entweder waren die Bienen Ausreißer, oder sie waren eine Geschmacksprobe, ein Hinweis. Wenn sie Ausreißer waren, konnte der Täter ganz ahnungslos mit seinem Entführungsopfer dort oben sitzen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er die Polizisten aus einem bestimmten Grund aufs Dach hinauflocken wollte. Dennoch mussten sie dort hoch, es führte kein Weg daran vorbei. Und es gab auch keine andere Spezialtruppe, die man hätte hinzuziehen können, in diesem Fall herrschte absolute Geheimhaltung. Berger wusste nicht einmal, inwieweit Kent und Roy eigentlich eingeweiht waren. Er beobachtete einen Moment lang, wie die Bienen scheinbar ziellos über die Wand wanderten. Dann begab er sich nach oben. Das schmuddelige, von Neonröhren erleuchtete Treppenhaus führte zu einer robusten Stahltür mit einem Knauf. Berger nahm sein Walkie-Talkie zur Hand und meldete seine Ankunft. Es knisterte, und Roys Stimme erklang. »Auf Position.« Neuerliches Knistern, dann meldete sich August Steen. »Überblick von der benachbarten Immobilie. Es gibt tatsächlich ein kleines, niedriges Häuschen auf dem Dach, nordöstliche Ecke. Grahn, du bist vielleicht fünf Meter entfernt. Die Tür liegt aber in Ihrer Richtung, Berger, von Ihnen aus sind es zwanzig Meter. Döös befindet sich zehn Meter entfernt auf der Feuertreppe auf der gegenüberliegenden Seite.« »Verstanden«, sagte Roy. »Kent?« »Zugestellte Feuertreppe«, keuchte Kent. »Brauche noch ein paar Minuten. Melde mich.« Stille breitete sich aus. Die Neonröhren im Treppenhaus erloschen, und die Dunkelheit umfing Berger. In der Stille ertönte ein Summen, in der Dunkelheit leuchtete ein roter Lichtschalter. Berger streckte sich danach. Das Licht ging blinkend wieder an. Die Biene summte weiter, blieb jedoch unsichtbar. Jetzt hieß es warten. Unerträgliches Warten. Aus Bergers Erinnerung trat ein dunkles Motelzimmer hervor, in das lediglich die Lichter der dröhnenden Autobahn hereinsickerten. Berger schlüpfte mit seiner traurigen Plastiktüte in der Hand hinein, gefüllt mit Tankstellensandwiches und Trinkjoghurts, und wollte sich gerade in dem Sessel niederlassen, als er bemerkte, dass dort schon jemand saß. Sein Herz schlug bis zum Hals, und August Steen sagte: »Das nennen Sie untertauchen?« Die Sekunden verstrichen. Berger fuhr mit der Hand über seine Brust: Die Konturen der schusssicheren Weste waren ihm so vertraut wie die seiner eigenen Rippen. Erneut drängte sich das Motelzimmer vor seinem inneren Auge auf. Mittlerweile saß Berger auf dem Bett und atmete schwer, sein Blick fixierte Steen in dem Sessel. »Wir glauben, dass wir den Ort lokalisiert haben, wo sich Carsten mit Aisha befindet«, sagte Steen. »Halten Sie sich morgen früh bereit.« Berger schüttelte langsam den Kopf und sah sich in dem deprimierenden Motelzimmer um. »Was um Himmels willen mache ich hier?«, fragte er. »Sie sind Schwedens meistgesuchter Mann«, antwortete Steen. »Aber Sie halten sich versteckt.« »Und Sie sind einer der hochrangigsten Säpo-Chefs«, sagte Berger. »Ich bin nicht bei der Säpo, das war ich auch nie. Warum sollten Sie mir helfen?« »Wir helfen uns gegenseitig«, entgegnete Steen. Die Biene summte weiter durch das Treppenhaus, konnte die nächtliche Szene jedoch nicht vertreiben. Berger starrte weiter in die Dunkelheit und auf August Steen, der sich am Ende genötigt sah fortzufahren: »Sie gehören jetzt zu meinem Team, Sam. Sobald wir mehr darüber wissen, was hier gerade vor sich geht, werde ich Sie dringend brauchen. Bis dahin muss ich Sie um Geduld bitten. Ein Safehouse wird für Sie vorbereitet, aber morgen müssen Sie unbedingt auf der Matte stehen.« »Was zum Teufel passiert hier gerade? Irgendein Terroranschlag?« »Der schlimmste Terroranschlag aller Zeiten …« »Schon klar«, fiel Berger ihm ins Wort. »Der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens. Aber ich weiß verdammt noch mal nichts darüber. Und ich kann diese dämliche Geheimniskrämerei der Säpo nicht ertragen.« Steen seufzte laut und lehnte sich in dem mottenzerfressenen Sessel zurück. »Carsten war mehrere Jahre mein engster Vertrauter, eine der wichtigsten Stützen der Säpo. Dann wurde er als Spitzel enttarnt, als jener Landesverräter in der Organisation, nach dem ich schon eine Weile gesucht hatte. Er hat Aisha Pachachi aus demselben Grund entführt, aus dem er auch Ihre Kollegin und Freundin Katharina Andersson, also Cutter, ermordet hat. Um aus ihnen herauszupressen, wo sich mein wichtigstes Ass – nämlich Aishas Vater, Ali Pachachi, der Mann mit dem Netzwerk – aufhält. Kurz gesagt: Er hat Aisha entführt, um Ali mundtot zu machen.« Als Berger dort in dem tristen Motelzimmer auf dem Bett saß, spürte er widerwillig, wie sein Polizisteninstinkt erneut zum Leben erweckt wurde. »Weil Ali gerade herausfindet, wann und wie der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens stattfinden soll?«, fragte er. »Ja.« Steen nickte. »Meiner Einschätzung nach will eine internationale Terrororganisation Ali zum Schweigen bringen und hat deshalb Carsten gekauft. Vermutlich handelt es sich dabei um den IS, den sogenannten Islamischen Staat, aber das ist noch nicht sicher.« Berger sah sich noch einmal in dem deprimierenden Motelzimmer um, aber es gab nichts, worauf er seinen Blick heften konnte. Nichts als den ausweichend antwortenden Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo. »Also hat mir Carsten diesen ganzen Mist eingebrockt?«, fragte Berger. »Er hat mich zum meistgesuchten Mann gemacht? ›Fahndung nach Ex-Polizist wegen Mordes an Tatverdächtiger‹. Der mit meiner alten Dienstwaffe eine Mörderin erschossen hat. Warum zur Hölle?« Steen schüttelte den Kopf. »Das ist noch nicht geklärt«, sagte er. »Aber er hat irgendeine emotionale Bindung zu Molly Blom entwickelt. Wie Sie sich sicher erinnern, hat er dort oben im Inland observiert. Seine Berichte hatten einen komischen Unterton, das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, als ich sie am Stück las. Er nannte Sie ›den Mann und die Frau‹, wenn auch mit Symbolen.« »Symbolen?« »Solchen hier«, antwortete August Steen, zog einen Stift hervor und malte zwei Zeichen auf die Rückseite einer Tageszeitung. Berger sah zwei Symbole – ♂ und ♀ – und zog die Augenbrauen hoch. Steen fuhr fort und zeigte mit dem Finger auf die Bilder. »♂ waren Sie, und ♀ war Molly.« »Molly, die im Koma liegt und mein Kind in sich trägt«, erwiderte Berger finster und schüttelte den Kopf. Steen stemmte sich aus dem schäbigen Sessel hoch und legte die Hand auf Bergers Knie. Das kam ein wenig unerwartet. »Wir haben einen großen Vorteil gegenüber Carsten«, sagte er mit einer Stimme, wie sie Berger noch nie bei ihm gehört hatte. »Er ist zweifellos ein sehr gefährlicher Mensch – wir dürfen ihn wohl als einen erfahrenen Berufskiller bezeichnen –, aber er ist kurz davor zu erblinden. Er ist an der unheilbaren Augenkrankheit RP erkrankt, Retinitis pigmentosa. Morgen früh haben wir die beste Chance, ihn zu erwischen. Und dabei brauche ich Sie, Sam.« Dabei brauche ich Sie, Sam, hallte es in Bergers Kopf nach, in diesem nichtssagenden Hochhaustreppenhaus, vor dieser nichtssagenden Tür, während das Warten ihm immer unendlicher vorkam. Gewaltsam kehrte er in die Gegenwart zurück und betrachtete seine entsicherte Waffe. Sie zitterte in einem merkwürdigen, regelmäßigen Takt, der vermutlich dem seines Herzschlags entsprach. Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass Carsten allmählich erblindete. Das Summen einer unsichtbaren Biene war weiterhin das einzige Geräusch, das Berger hörte. Lang und monoton. Plötzlich knisterte das Walkie-Talkie. »Auf Position«, sagte Kents Stimme. »Na dann«, entgegnete Steen. »Drei. Zwei. Eins.« Berger schob die Tür auf und blickte hinaus. Die erste Morgendämmerung verbreitete ihren vagen Schein über das Hausdach. Zwanzig Meter weiter rechts lag das kleine Haus wie ein Betonklumpen. Schräg vor sich sah Berger Kent die Feuertreppe emporklimmen und auf das Haus zustürzen. Im selben Moment zog sich Roy an einem der Seile hoch und rollte über die kleine Mauer am Rand des Dachs. Jetzt rannte Berger los. Dabei fühlte er sich eigentümlich abwesend, er betrachtete alles aus der Distanz, verzerrt, und wartete nur auf die Schüsse. Roy kam als Erster an, Kent kurz darauf. Dann spurtete auch Berger auf die Hütte zu und sah aus der Entfernung, wie Roy den Fuß hob, die Tür eintrat und verschwand. Auch Kent war da, er zögerte kurz, ehe er ebenfalls in das Häuschen abtauchte. Berger hatte es fast erreicht, da verspürte er einen starken Schmerz am Hals, als hätte jemand eine lautlose Waffe auf ihn abgefeuert. Reflexartig fasste er sich an den Nacken, und nun schmerzte auch seine Hand. In dem Moment stolperte Kent seltsam gebeugt aus dem Häuschen. Er schlug um sich, wobei die Dienstwaffe wie in Zeitlupe in hohem Bogen davonflog. Kent sackte auf die Knie, warf sich zu Boden und wälzte sich herum. Das Summen wurde immer lauter. Berger quälte nun ein stechender Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete und bis in die Glieder brannte. Eine weitere Gestalt kam aus dem Haus. Sie sah aus wie ein Bär, ein Bär im aufrechten Gang. Die Gestalt hob ihre Arme wie zum Gebet, doch da waren keine Hände, da waren Pfoten, Tatzen, die mit dickem, flauschigem Fell überzogen waren. Der restliche Körper wirkte ebenfalls bullig, geradezu wollig, doch aus der bärengleichen Gestalt ragte ein kreidebleiches Gesicht hervor, ein Schädel mit starrem Blick und einem weit geöffneten, aber stummen Mund. Und das Summen wurde immer lauter. Da verstand Berger endlich, was er sah. Dies war Roys Gesicht. Nur war sein ganzer Körper von Bienen bedeckt. Roy taumelte mit eigentümlichen, schweren Schritten wie bei einer Mondlandung an der Befestigung des Seils vorbei zur Dachkante. Dort kletterte er auf die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund auftat. Berger hörte sich selbst rufen, doch es war die Stimme eines anderen: »Bleib stehen, bleib stehen, verdammt!« Stattdessen wankte Roy einfach weiter und stieg auf die Mauer, als würde er von einer fremden Kraft angetrieben. Dann tat er den fatalen Schritt in den Abgrund. Es sah so aus, als würde er kurz in der Luft stehen. In einem Brummen, das immer mehr einer Kakofonie glich, schien Roys Körper für einen Moment in der Unendlichkeit zu schweben, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, als gäbe es kein Oben und Unten mehr. Dann ließen die Bienen wie auf Befehl von ihm ab und flogen von seinem Körper auf wie ein kleiner Tornado. In diesem Moment blickte Berger Roy in die Augen. Und was er sah, war der Tod. Er schaute dem Tod direkt ins Gesicht. Bis Roy fiel. Berger hörte sich selbst brüllen. Er stolperte vorwärts, und der Schmerz, der für einige Sekunden wie weggeblasen gewesen war, kehrte mit voller Kraft zurück. Unterdessen rappelte Kent sich auf und bürstete mit der Hand wie wild seinen Körper ab. Zusammen mit Berger wankte er zum Rand des Dachs. Wo Roy in die Tiefe gestürzt war. Genau in dem Moment, als sie dort ankamen, wandte Berger sich um und sah einen enormen Bienenschwarm aus der weit geöffneten Tür des Häuschens schwirren. Er bildete eine schwarze Wolke über der ohnehin noch dunklen Stadt. Berger und Kent wechselten einen Blick. Kent zupfte eine Biene von seiner bleichen Wange und nickte. Dann sahen sie über die Kante. Roys Körper war in zwei Stücke gerissen und lag dreißig Meter unter ihnen auf dem Parkplatz. Die eine Hälfte auf einem Auto. Kent entfuhr ein Laut, der nicht mehr menschlich klang. »Berger!«, bellte das Walkie-Talkie. »Rettungswagen unterwegs. Sichert das Haus.« Langsam erhob sich Berger neben dem zusammengesunkenen Kent, der vor Trauer und Schmerz schrie. Er sammelte die Bienen von allen frei liegenden Hautoberflächen seines Körpers und spürte, wie sich ein seltsamer Rausch in ihm ausbreitete. Schwankend bewegte er sich auf das kleine Haus zu. Dort presste er sich an die Betonwand und warf einen hastigen Blick hinein, ehe er schnell den Kopf zurückzog. Drinnen war kein Mensch, und es gab auch keine verborgenen Räume. Dafür mindestens sechs geöffnete Bienenstöcke. Es waren nur noch einzelne Bienen zu sehen, von denen ein zähes Summen ausging. Es sollte also möglich sein, das Häuschen zu betreten. Berger griff seine Waffe fester und betrat die Hütte. Wild fuchtelnd versuchte er, die letzten Bienen hinauszuscheuchen. Dann sah er sich um. Außer den Bienenstöcken gab es einen Tisch und einen Stuhl, sonst nichts. Hier hatte Carsten Aisha wohl kaum gefangen gehalten. Sein Ziel war es gewesen, auch die Polizisten hier heraufzulocken. Um ihnen zu schaden, um sie zu töten? Wohl kaum, Carsten war kein Sadist. Wahnsinnig, das schon. Ein Landesverräter. Skrupellos. Aber rational. Er hatte einen anderen Grund gehabt, sie herzuführen. Boden, Decke, Wände – nichts. Ein vollkommen neutraler Raum. Demnach musste in den Bienenstöcken oder auf dem Tisch irgendetwas zu finden sein. Den Bienenstöcken wollte Berger sich nicht weiter nähern, er hatte schon genug Körperkontakt mit ihren Bewohnern gehabt. Erst jetzt sah er, dass einige der Insekten auf dem kleinen Tisch ausharrten. Sie waren ruhiger als ihre Verwandten und krabbelten in einer festen Formation umher, einem Rechteck, etwa einen Dezimeter breit. Berger nahm seine frisch ausgehändigte Säpo-Pistole und wischte die Bienen damit von der Tischplatte. Unter ihnen lag ein Stück Papier. Er wagte es nicht, das Blatt anzufassen, stellte jedoch fest, dass es mit etwas Süßem, Klebrigem bestrichen war. Einer Substanz, die Bienen vermutlich mochten. Das Papier sah aus wie ein kleiner Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Berger reinigte ihn ganz von den Bienen, ließ ihn jedoch liegen. Gegen alle Instinkte wollte er auf die Kriminaltechniker von der Säpo warten. Da entdeckte er unter der Tischplatte eine Schublade. Er ging in die Knie und zog sie vorsichtig heraus. Der Knall war überirdisch, und die Kraft, die Berger zurückwarf, gigantisch. Ein alles umfassender Schock, ein verwirrender Schmerz. Berger wurde schwarz vor Augen. Es existierte nur noch ein einziger, einfacher Gedanke, der im unendlichen Nichts kreiste. Dies ist eine beschissene Art zu sterben. Dann umfasste ihn die Dunkelheit. Als Berger seine Augen wieder aufschlug, war er sich nicht sicher, ob er noch lebte. Doch er sah in einen eisgrauen Blick, darüber ein metallgrauer Bürstenschnitt. »Tatsächlich ist der perfekte Spion ein kastrierter Spion«, sagte August Steen, »aber ganz so drastisch hätte es auch nicht sein müssen.« »Wie bitte?«, keuchte Berger. »Hätten Sie sich nicht hingekniet, wäre Ihnen der Schwanz weggeschossen worden.« Berger blickte an seiner schusssicheren Weste hinab. Es war deutlich sichtbar, wo die Kugel ihn getroffen hatte. Mitten ins Herz. »Verdammte Axt«, sagte er. Steen streckte ihm die Hand entgegen. Berger ergriff sie, kam, begleitet von einer Kaskade von Schmerzstrahlen, wieder auf die Beine und stand vor der offenen Schublade. Hinter der weggeschossenen Front war eine Pistole eingeklemmt, deren Abzug mit einem Stahldraht verbunden war. Berger erkannte die Waffe sofort wieder. Es war eine Sig Sauer P226. Höchstwahrscheinlich Bergers eigene ehemalige Dienstwaffe. Am Lauf klebte ein kleiner handgeschriebener Zettel. Darauf stand, kurz und knapp: »Boom!« »Carsten hat es auf Sie abgesehen, Sam«, sagte Steen. »Jetzt müssen wir Sie aber definitiv unsichtbar machen.« Berger warf einen letzten Blick auf den kleinen Umschlag, seufzte schwer und stolperte zur Tür. Steen holte ihn ein und stützte ihn. Am blassgrauen Novemberhimmel näherte sich langsam, beinahe unwirklich, ein Rettungshubschrauber. 2 Montag, 30. November, 9:03 Seine Sinne spielten verrückt. Die ganze Welt schaukelte. Der herannahende Helikopter klang immer mehr wie das Summen einer gewaltigen Biene. Berger saß auf dem Dach, durchlief alle möglichen Stadien des Schmerzes und war nicht mehr imstande, zwischen Körper und Seele zu unterscheiden. Emotionslos beobachtete er, wie August Steen eine Rolle mit Gazebinde aus einer Tasche nahm und damit näher kam. »Sie müssen mit dem Helikopter mitfliegen«, sagte Steen und fing an, Bergers Kopf mit der Binde zu umwickeln. »Und Sie sind immer noch Schwedens meistgesuchter Mann. Sie dürfen auf keinen Fall erkannt werden.« Der Windzug des landenden Helikopters erfasste sie. Berger sah, dass Steen die Gazebinde aus der Hand gerissen wurde, der Wind sie sofort weiter aufrollte und wie einen riesigen Wimpel in der Luft flattern ließ, ehe sie über die Hochhausdächer von Tensta davonschwebte. Steen holte eine neue Rolle, und es gelang ihm, Bergers Kopf zu verbinden. »Bleiben Sie cool. Ich hole Sie im Söder-Krankenhaus ab.« Dann saß Berger da, unbeachtet, in einer Ecke des Helikopters zusammengekauert, reisekrank, mit Schussschmerzen in der Brust und einem diffus verteilten Bienenstichbrennen. Trotzdem ging es ihm eindeutig besser als den anderen Patienten in dem kleinen, krängenden Innenraum. Die beiden Hälften von Roy Grahns zerschmettertem Körper lagen unter einer blutdurchtränkten Decke. Kent Döös war wach genug, um zu wimmern, und das Wimmern schwoll hin und wieder zu Schmerzens- und Trauergebrüll an, doch er wehrte jeden Versuch ab, wenigstens seine äußerlichen Qualen zu lindern. Der Rettungssanitäter malte mit seiner Morphiumspritze vergeblich ganze Bilder in die Luft. Berger meinte sich zu erinnern, dass er ähnliche Szenen aus Kriegsfilmen kannte. Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf, und er war kurz davor, sich schwallweise in seinen blickdichten Kopfverband zu übergeben, als er ein Fenster entdeckte. Der Anblick von Wasser hatte seine Eingeweide schon immer beruhigt. Er sah die Oberfläche dort unten, aber es dauerte einen Moment, ehe er den Ulvsundasjön, die Tranebergsbron und Lilla Essingen wiedererkannte. Dann Reimersholme, die Liljeholmsbron und Årstaviken. Der Helikopter folgte dem Wasser bis zu einem Dach mit einem Kreis, einem Pluszeichen und einem großen H in der Mitte. Dort landete er auf dem Buchstaben, offenbar ohne dabei seine Geschwindigkeit zu drosseln. Dann ging alles ganz schnell. Die Türen wurden geöffnet, Roys Bahre hinausgerollt, und weg war sie. Kent, dessen großer Körper endlich auf die Morphiumspritze reagiert hatte, wurde auf die Helikopterplattform des Söder-Krankenhauses getragen. Berger blieb zurück. Während der Pilot hinaussprang, die Rotorblätter nun langsamer kreisten und schließlich sanft zum Stehen kamen, hockte Berger in seiner Ecke, den ganzen Kopf bandagiert. Nach einer Weile schaute ein weiß gekleideter Mann herein und winkte ihn zu sich. Berger nahm seine Tasche und kletterte hinaus. Gemeinsam betraten sie das große Krankenhaus. Der Sanitäter blickte nicht einmal in ihre Richtung. Ganz im Einklang mit dem übrigen Empfang ließ man Berger auf der Akutstation in einer Ecke hinter vorgezogenen Vorhängen sitzen, über einen Zeitraum, den er irgendwann nicht mehr einschätzen konnte. Es verging viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Eine Stunde folgte auf die nächste. Berger konzentrierte sich auf seinen Körper. Am meisten schmerzte die Stelle, an der die Kevlar-Weste die Kugel der Sig Sauer P226 abgehalten hatte, doch er bezweifelte, dass seine Rippen verletzt waren. Das Gift der Bienenstiche war schwieriger einzuschätzen, würde für eine Einweisung jedoch auch nicht ausreichen. Also hatte August Steen ihn aus anderen Gründen hierherbringen lassen. Weil es der sicherste Ort war, an dem er sich aufhalten konnte? Während ein Safehouse für ihn vorbereitet wurde? Während seine Sachen dort hingebracht wurden? Von zu Hause? Ob sie in seiner Wohnung gewesen waren? Durchwühlte die Säpo gerade seine Zimmer, während er hier saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve? Er selbst war schon sehr lange nicht mehr bei sich zu Hause gewesen. Wobei es sich wohl vor allem lange anfühlte. Dabei war kaum mehr als ein Monat verstrichen, wahrscheinlich sogar weniger. Die Stunden rannen noch immer zwischen seinen Fingern hindurch. Er versuchte nachzudenken, der freie Flug der stillen Gedanken. Wenn Carsten dieses ganze Bienenhaus einzig und allein präpariert hatte, um niemand anderen als Sam Berger umzunieten, war er dann hier wirklich sicher? Ins Söder-Krankenhaus einzudringen und hinter schützenden Gardinen einige schallgedämpfte Kugeln in einen gewöhnlichen Patienten zu feuern dürfte nicht gerade schwer sein. Vermutlich würde es lange dauern, bis es überhaupt jemand bemerkte. Im nächsten Moment wurden die Vorhänge tatsächlich beiseitegezogen. Berger sah Carsten, der blinzelnde, nicht zu deutende Blick hinter den dicken Brillengläsern, er sah, wie die Pistole erhoben wurde, und registrierte das kleine, beinahe unmerkliche Lächeln, welches das allerletzte Bild sein würde, das Sam Berger mit sich ins Totenreich nähme. Doch es war nicht Carsten, der da hereinkam, auch kein Arzt, es war ein Mann, dessen Bürstenschnitt an Eisenspäne auf einem Magneten erinnerte. »Gehen wir«, sagte August Steen knapp. Sie gingen. Berger schwieg, Steen ebenfalls. In einer versteckten Ecke des Krankenhausparkplatzes stiegen sie in ein Auto, und Steen fuhr nach Süden, aus der Stadt hinaus. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde Berger klar, wie lange er im Krankenhaus gesessen und auf einen Arzt gewartet hatte, der nie kam. Der auch nie die Absicht gehabt hatte zu kommen. Als sie auf der Höhe von Haninge waren, brach Steen das Schweigen. »Das Arschloch hat Roy umgebracht.« Berger starrte vor sich hin. Vor seinem inneren Auge sah er den übernatürlich schwebenden Körper, in Bienen gehüllt. Dann den halbierten Körper unten auf dem Parkplatz. Mit Carsten war nicht zu spaßen. Und er hatte es definitiv auf Sam Berger abgesehen. Steen war anscheinend zum Reden aufgelegt. »Verzeihen Sie die Verzögerung«, sagte er. Berger lachte nicht gerade überschwänglich. »Ich musste den Vorgang sogar noch beschleunigen. Schneller ging es meinerseits nicht«, fuhr Steen fort. »Wohin fahren wir?«, fragte Berger. »Sie werden leider ein Boot nehmen müssen«, antwortete Steen. Berger starrte ihn an. »Ich weiß, dass Sie das können«, fuhr Steen fort. »Ich weiß, dass Sie Wasser mögen. Ich weiß, dass Sie als Kind einen Großteil Ihrer Sommer in den Stockholmer Schären verbracht haben.« »Da wissen Sie mehr als ich«, brummte Berger. »Der Anblick von Wasser beruhigt Sie.« Berger schüttelte den Kopf. Doch Steen ließ nicht locker. »Keine Sorge, es ist ganz einfach, die moderne Navigationsausrüstung übernimmt fast die ganze Arbeit.« »Und dann soll ich also einfach in einem Safehouse herumhocken?« »Der Auftrag, den ich für Sie habe, hat enorme Bedeutung.« »Aber Sie wollen mir nicht mehr darüber verraten als diese lahme Formulierung ›der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens‹?« »Zu diesem Zeitpunkt kann ich es nicht«, erklärte August Steen. »Aber vorerst müssen Sie um jeden Preis untertauchen. Und zwar vollständig. Das bedeutet auch, dass Sie das Boot nur ein einziges Mal benutzen dürfen, danach nie wieder, nur im äußersten Notfall. Die Navigationsausrüstung wird Sie zu einem Bootshaus führen, dort parken Sie das Boot und lassen es stehen.« »Ein Bootshaus?« »Ein richtiges Bootshaus«, sagte Steen mit versteinerter Miene. »Wo man ein Boot hineinfährt. Sie fahren es dort hinein und vertäuen es, und dann lassen Sie es stehen. In dem Safehouse gibt es jede Menge gutes Essen, eine sichere Internetverbindung und einen Haufen Bücher. Betrachten Sie die Zeit als bezahlten Urlaub. Haben Sie ein Hobby?« Berger starrte ihn ungläubig an. »Uhren«, antwortete er schließlich. »Uhrwerke.« August Steen brach in Gelächter aus. Die restliche Fahrt über schwiegen sie. Sie fuhren nach Nynäshamn hinein, durch Nynäshamn hindurch, aus Nynäshamn hinaus. Es erschien Berger wie das Ende der Welt. Der Gasthafen war ungastlich. Vermutlich waren es die freundlich blinkenden Lichter der nahe gelegenen Inseln, die das Meer so schwarz wirken ließen. So unbarmherzig. Vielleicht erschien die Welt ringsherum auch nur deshalb so verlassen, weil Berger und Steen weit und breit die Einzigen waren. Sie wanderten die Anlegebrücke entlang, an deren Rändern die Boote schaukelten, als würden sie von der Dunkelheit selbst hin- und hergewiegt. Kein Niederschlag, zum Glück, und besonders windig war es auch nicht. Das einzig Beängstigende war die Schwärze. Und die glasklare Einsicht, dass Sam Berger schon ungeheuer lange kein Boot mehr gesteuert hatte. Vor allem nicht in der Winterfinsternis. Sie blieben stehen. Berger stellte seine Tasche ab, Steen reichte ihm ein iPad. Berger nahm es entgegen und blickte auf den schwarzen Bildschirm. Steen strich darüber, und eine Kartenansicht erschien. »Einwandfreie GPS-Navigation«, erklärte Steen. »Die Streckenführung umgeht alle Untiefen, das schwöre ich.« »Heißt das, Sie haben es selbst getestet?« »Ein Helikopter wird Ihnen ein paar Sachen von zu Hause liefern. In Kürze werden vier große Umzugskartons vor der Hütte stehen.« »Und was werden Sie so lange tun? Was wird die Säpo tun? Carsten finden, bevor er mich findet?« »Bilden Sie sich bloß nicht zu viel ein«, entgegnete Steen. »So wichtig sind Sie auch wieder nicht. Aber natürlich werden wir ihn kriegen, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch wir werden ihn in erster Linie einkassieren, um Aisha Pachachi zu befreien und damit auch Ali Pachachi zum Reden zu bringen. Solange Aisha gefangen gehalten wird, spricht er nicht. Und ich bin der Einzige auf der ganzen Welt, der weiß, wo sich Ali aufhält. Bisher hat unser Spitzel noch darauf gewartet, dass Ali Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm anbietet, seine Tochter als Geisel abzulösen. Aber jetzt scheint Carsten vorzuhaben, Ali Pachachi von sich aus aufzusuchen. Die Fährte, die uns in Tensta in die Falle locken sollte, war gelegt. Carsten wollte uns dort vorführen.« »Ihr fangt Carsten, bekommt Informationen von Pachachi, und dann soll ich auf der Grundlage dieser Informationen in Aktion treten? Ist das der Plan? Womit wir wieder bei der Frage wären: Warum ausgerechnet ich?« »Möchten Sie diese Diskussion wirklich jetzt führen?«, fragte Steen. »Dazu hätten Sie eine ganze Autofahrt lang Zeit gehabt.« »Ich will es wissen, ja. Ansonsten steige ich nicht in dieses Boot, verdammt noch mal.« »Und was wollen Sie stattdessen tun? Sich in einem anderen Bootshaus verstecken? Außer Landes flüchten?« »Warum? Ausgerechnet? Ich?« August Steen seufzte und führte Berger zu einem stabilen, aber kompakten Boot mit einem veritablen Außenbordmotor. »Sie verfügen über eine Spezialkompetenz, die von äußerster Wichtigkeit für uns sein wird, wenn der Zeitpunkt gekommen ist«, sagte Steen schließlich. »Eine Spezialkompetenz? Ich?« »Außerdem haben Sie auch meine Frage noch nicht beantwortet«, fuhr Steen fort und reichte Berger seine Säpo-Pistole mit der entsprechenden Munition. »Aber sie war ernst gemeint.« »Welche Frage?« Berger nahm die Pistole. »Haben Sie ein Hobby?« 3 Dienstag, 1. Dezember, 10:21 Er durchbrach die Oberfläche genau in dem Moment, als sich die Eisschicht auf dem Wasser bildete. Während er durch die Luft geflogen war, hatte er gesehen, wie einige Segmente der glatten Oberfläche einen anderen Schimmer annahmen. Er hatte das Gefühl, für eine Millisekunde erkennen zu können, wie sich die einzelnen Flüssigkeitsatome den fremden Sauerstoffatomen entgegenstreckten und eine äußerst zerbrechliche Membran bildeten. Die er im nächsten Moment durchbrach. Der Kälteschock traf ihn wie erwartet, aber Theorie ist nicht gleich Praxis. Er wurde überwältigt. Die eisige Kälte drang durch den engen Neoprenanzug bis auf seine schockierte Haut. Das Wasser des Schärengartens umfing ihn, als wollte es ihn einfrieren und für die Nachwelt bewahren, die dann das Urzeitwesen im Eisblock schockiert bestaunen würde. Forscher würden ihn unter kontrollierten Bedingungen auftauen, und er würde, ohne seinen staunenden Gesichtsausdruck zu verlieren, in die schwerelose Atmosphäre des künstlichen Planeten schweben, der die zerstörte Erde bis dahin längst ersetzt hätte. Das eigenartige Bild hatte eine beruhigende Wirkung. Außerdem erinnerten ihn seine ersten Schwimmzüge tatsächlich an eine Weltraumwanderung. Gierig sog er die abgestandene Luft aus der Gasflasche ein, spürte den Schmerz im Brustkorb, dort, wo er vor nicht allzu langer Zeit eine Kugel abgefangen hatte, und meinte sich zu erinnern, warum er mit diesem verwegenen Hobby aufgehört hatte. Eine Hand, die einen riesigen, blau-gelb gestreiften Fisch mit Kussmund gestreichelt hatte, hatte ihn zu dieser Leidenschaft, dem Tauchen, gebracht. Diese vergoldete Erinnerung übersprang jene fünfzehn Jahre, die vergangen waren, seit Sam Berger zuletzt ein Mundstück mit Gummigeschmack zwischen den Zähnen gehabt hatte. Sie radierte auch den Kälteschock aus – und vermutlich eine ganze Reihe anderer Faktoren, die ihn dazu veranlasst hatten, seine Taucherausrüstung nach einem magischen Tauchurlaub vor Lombok in Indonesien für immer in den Schrank zu räumen. Damals war der Bartwuchs hinter dem gehärteten Glas seiner Tauchermaske bedeutend spärlicher und wohl kaum so irritierend gewesen wie heute. Das braun-graue Gestrüpp, der Schnurrbartteil seines Vollbarts, der jetzt sein halbes Gesichtsfeld bedeckte, kratzte unter der Maske. Als es ihm schließlich gelang, die Gedanken von seiner Körperbehaarung wegzulenken, offenbarte sich ihm eine ganz eigene Welt. Von dort oben hatte die Oberfläche so dunkel ausgesehen, als hätte er in einen Eimer Teer springen müssen. Noch dazu war es ein bewölkter, schmutziggrauer Vormittag, ziemlich typisch für den ersten Dezembertag, und Berger hatte nicht erwartet, unten in der sauerstoffarmen Ostsee sonderlich viel zu sehen. Doch das Licht, das trotzdem durchsickerte, enthüllte eine graugrüne Welt mit Klippenformationen und diffus wogenden Tangbüscheln, die ihn tatsächlich berührte. Ein kleiner, farbloser Fischschwarm flitzte vorüber, und Berger beschleunigte seine Schwimmzüge in dem kaum mehr als fünf Grad warmen Wasser. Jetzt erinnerte er sich wieder an seine Faszination, diese verborgenen Teile der Erde zu besuchen, die größten und heimlichsten. Er spürte, wie sein Wesen zu neuem Leben erwachte, während der Meeresboden seinen Charakter änderte und flacher und karger wurde. Und abfiel. Zweifellos schwamm er tieferen Gewässern entgegen. Er achtete darauf, nicht in Hektik zu geraten, sondern in die Ferne zu sehen und auf das Ende seines Blickfelds zu achten, wie ein Fahranfänger. Es waren kaum mehr als fünf, sechs Meter bis dorthin, doch plötzlich konnte Berger den Boden vor sich nicht mehr erkennen. Er verschwand einfach. Berger hielt inne, ließ sich treiben und beobachtete das Szenario. Dann schwamm er einige Züge heran. Tatsächlich schien es, als würde der Boden des Binnenmeers abbrechen und einer plötzlichen Tiefe Platz machen. Jetzt stand er am Rand des Abgrunds. Es war ein merkwürdiges Gefühl, vor ihm lag eine Schlucht, in die man nicht fallen konnte. Dies war Schweden, der Stockholmer Schärengarten, sicher und vertraut – und hier tat sich dieser plötzliche Abgrund auf, hinab in vollkommen unbekanntes Terrain. Berger war klar, dass er sich fernhalten sollte. Doch wie es so oft der Fall ist, wenn man weiß, dass man sich fernhalten soll, näherte er sich stattdessen. Er glitt über die Kante, blickte nach oben, blickte nach unten und sah nichts. Er wartete ab. Ahnte eine leichte Strömung am rechten Oberschenkel, aber mehr nicht. Dann unternahm er einen vorsichtigen Schwimmzug in die Tiefe. Im ersten Moment verstand er nicht, was da vor sich ging, abgesehen davon, dass sich sein Gesicht kälter anfühlte. Dann begriff er, dass es nicht nur kalt war, sondern auch nass. Sein Schnurrbart unter der Tauchermaske wogte leicht hin und her, wie die Tangbüschel auf dem Meeresboden. Die Maske war undicht. Als ihn diese Erkenntnis traf, hatte sie handfeste Folgen. Sein Körper geriet ins Taumeln, die Panik schoss direkt in seine Seele, und er zappelte in der Leere des Nichts. In der rohen Kälte. Auf unbekannten Pfaden kehrte die Vernunft dennoch zurück. Berger bremste sein Taumeln. Er beschränkte die Panik. Die Maske musste entleert werden, das gehört zu den ersten Handgriffen, die man als Tauchschüler lernt. Er versuchte, sich an die Prozedur zu erinnern. Dann zog er die Maske nach unten, während er nach oben blickte und Luft durch die Nase ausstieß. Das wiederholte er mehrmals, bis die Maske so gut wie leer war. Er musste sich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen. Anschließend sah er sich nach allen Seiten um. Das Problem war nur, dass er kein Oben und Unten mehr ausmachen konnte, kein Hier und kein Da. Es gab keinerlei Richtung mehr. Und da begriff Berger, in was er geraten war. Er war im Tiefenrausch. Es gab keine Schwerkraft, keine Strömung. Keinerlei Auftrieb. Keine Anhaltspunkte. Der nächste Schwimmzug konnte ihn direkt in den Abgrund führen oder hinauf zur Oberfläche oder aufs Meer hinaus. Sam Berger ließ sich im großen Nichts treiben, denn jeder Schwimmzug konnte ihn dem Tod näher bringen. Er war vollkommen orientierungslos. Als würde er in der Mitte der Weltmeere schweben. Als wäre er endgültig in diesem leeren, verlassenen, unendlichen Weltall verloren. Immerhin hatte er seine Maske entleert. Erst vor wenigen Sekunden hatte er sich zusammengerissen und auf seine Erfahrungen berufen. Die Bläschen, die er ausgeatmet hatte, schwirrten um ihn herum. Eine Weile kreiselte er noch im großen Nichts, dann schoss ihm etwas in den Kopf. Er konnte freier atmen und richtete sich in diesem Nichts ein. Für eine Weile hielt er den Atem an, bis alle Bläschen um ihn herum verschwunden waren. Dann atmete er kräftig aus. Plötzlich hatte der Strom der Luftblasen eine klare Richtung. Berger drehte sich um und beobachtete, wie die Blasen nach unten strömten. In die Richtung, die er für unten gehalten hatte. Die eigentlich oben war. Noch einmal atmete er kräftig aus und schwamm dann hastig den Bläschen hinterher. Nach oben. Er tauchte aus dem Abgrund, konnte wieder den Meeresboden erkennen und begriff, dass er nun auf dem Heimweg war. Als seine Füße wieder den kargen Felsgrund erreichten, entleerte er seine Maske noch einmal. Der Tiefenrausch. Ihn hatte er ganz vergessen, jenen Zustand, bei dem die Naturgesetze vollkommen aufgehoben waren. Dabei war er schon einmal dort gewesen, kurz nach seiner Begegnung mit dem großen, blau-gelb gestreiften Fisch. Aber die gute Erinnerung hatte die böse überlagert. Im Hafen von Lombok hatte er sich geschworen, nie wieder zu tauchen. Nur war er einfach nicht gut darin, aus seinen Fehlern zu lernen. Als er auf die Hütte auf der kleinen Insel vor Landsort zuschwamm, schwor er sich erneut, nie wieder zu tauchen. 4 Dienstag, 1. Dezember, 13:44 Sam Berger beobachtete die Wasseroberfläche. Die Temperatur war erneut über null gestiegen, und die dünne Eisschicht, die er vor ein paar Sekunden durchbrochen hatte, als er nach dem Tiefenrausch wieder an die Wasseroberfläche gekommen war, schien fast gänzlich verschwunden zu sein. Er folgte einer winzigen Eisscholle mit dem Blick, sie schmolz vor seinen Augen. Er sah zu dem schmutziggrauen Himmel empor. Es war einer dieser unbarmherzigen Tage, ohne Licht, ohne Hoffnung. Ein schadenfrohes graues Zwinkern, das einem mitteilen wollte, es werde das nächste halbe Jahr so bleiben. Bergers Blick wanderte bis zur letzten Schäre des äußeren Schärengartens. Dahinter kam nur noch das offene Meer, bis nach Gotland hinüber. Die Zeit war so seltsam. Alles war nichts als Warten. Dabei war er noch gar nicht besonders lange auf dieser einsamen Insel, aber die Rastlosigkeit fraß ihn bereits auf. Er machte kehrt und begab sich wieder hinauf zur Hütte. Auf halbem Weg hielt er inne und warf einen Blick auf den Anlegesteg. Er war nicht zu sehen. Die Tarnung war beinahe perfekt. Und das Bootshaus, das ein Stück entfernt lag und in dem er das schnelle Motorboot geparkt hatte, das ihn durch die nächtliche Schärenlandschaft hierhergebracht hatte, war überhaupt nicht zu erkennen. Dasselbe galt für die Hütte. Die Äste der Bäume streckten sich mit einer scheinbar zufälligen Präzision über das moosbedeckte Dach. Sollte ein Besucher wider Erwarten doch einen Eingang entdecken, würde er dahinter allenfalls ein kleines, vollkommen verfallenes Häuschen vermuten. Es war eine Illusion. Eine zielstrebig und professionell inszenierte Illusion. Berger öffnete die Tür und betrat den Weinkeller. Ganz nach seinem Geschmack hatte man die gediegene Weinsammlung durch einige Flaschen hochklassigen Single-Malt-Whisky ergänzt. Er durchquerte den perfekt temperierten dunklen Raum und gelangte in den riesigen Wohnbereich. Die vollkommen unerwartete Größe, eine Sitzgruppe, ein Esstisch, ein Schreibtisch. Dazu eine Kücheninsel hinter einer Ecke, ein komplett ausgestattetes Bad mit Sauna. Eine solche luxussanierte Fischerhütte auf einer einsamen Insel würde auf dem freien Markt Millionen kosten. Doch weder die Hütte noch die Insel waren auf dem freien Markt zu haben. Ganz im Gegenteil. Dies war nicht das erste Safehouse der Säpo, das Berger betreten hatte, aber definitiv das gemütlichste. Und sein Auftrag lautete: warten. Er schlenderte durch den Wohnbereich bis zu der Wand mit dem Schreibtisch. Neben einer großen Karte über den Stockholmer Schärengarten gab es auch ein Whiteboard. Dort hingen etliche Papiere in unsortierten Gruppen. Sie schienen aber eindeutig dem Zentrum der Tafel untergeordnet zu sein. Und im Zentrum der Tafel prangte eine Fotografie. Ein schlichtes Schulfoto von einem lachenden dunkelhaarigen Mädchen. Aisha Pachachi, der Beweis für Sam Bergers Scheitern. Das einzige von sieben entführten Mädchen, das Molly und er noch nicht hatten befreien können. Sieben minus eins. Bald wurde sie volljährig. Berger sah natürlich ein, dass die Säpo gerade eine Jagd in viel größeren Dimensionen veranstaltete. Selbst wenn es ihm erlaubt wäre, daran teilzunehmen, wäre sein Beitrag eher marginal. Trotzdem war es frustrierend, einfach nur hier zu sitzen, wie eine Art ruhende Ressource, »definitiv unsichtbar«, wie August Steen gesagt hatte. Aisha Pachachi. Einst von dem Mann gefangen genommen, der sie schützen sollte. Anschließend ein zweites Mal, von einem Spitzel, der die Säpo unterwandert hatte, einem brandgefährlichen Mann namens Carsten, den jetzt alle jagten. So war die Lage. Mit einer Grimasse wendete sich Berger von Aishas Fotografie ab. Jetzt fiel sein Blick auf das einzige Element im Raum, das nicht perfekt war. Vier überdimensionale Umzugskartons mit hastig zusammengerafftem Zeug. Die Grimasse in seinem Gesicht verzerrte sich zu einem eindeutigen Ausdruck von Abscheu. Bei dem Gedanken, dass Steens Vertraute – bei denen es sich nicht mehr um das Duo Kent und Roy gehandelt haben konnte – in seinen Kommodenschubladen herumgekramt hatten, drehte sich ihm der Magen um. Aber Sam Berger war Schwedens meistgesuchter Mann, weshalb es natürlich ausgeschlossen war, dass er selbst in die Ploggatan auf Södermalm zurückkehren würde. Trotzdem konnte er nicht anders, als sich diese groben Hände vorzustellen, wie sie in der untersten Kommodenschublade herumwühlten und respektlos die Kinder- und Frauensachen beiseiteschoben, um Sam Bergers Unterhosen zu finden. Und natürlich hatte man aus seiner schrecklich unaufgeräumten Kleiderkammer einen Haufen Schrott mitgeliefert. Berger warf einen finsteren Blick in den erstbesten Karton. Ganz bestimmt würde er hier einen gelben Fahrradhelm, zwei Fernbedienungen, eine Schachtel mit Reißzwecken, ein paar alte Schulbücher, eine Stoff-Anaconda, einen kaputten Badmintonschläger und einen wilden Haufen Buchseiten brauchen, die sich aus Frejas Taschenbuch zum Thema Erste Hilfe gelöst hatten. Er hatte die Kisten kaum angerührt, seit der Hubschrauber sie auf der Insel abgesetzt hatte. Zwar hatte er sie hereingetragen und geöffnet, war jedoch sofort von Widerwillen gepackt worden und hatte sie stehen lassen. Ihm genügte die Tasche, die er aus dem Inland mitgenommen hatte und die die beiden vorangegangenen Fälle enthielt. Als Erstes hatte er jedoch die Uhrenschachtel herausgeholt. Sie stand jetzt auf seinem Schreibtisch, und er hatte sowohl die Lupe als auch den Gehäuseöffner mitgebracht. Auf einem Tuch lag seine Rolex Oyster Perpetual Datejust aus dem Jahr 1957. Geöffnet wie ein seziertes Tier. Darin erahnte er die perfekt koordinierte Konstellation von kleinen Zahnrädern und Räderwerken. Doch hier draußen auf der Insel schienen sie sich gemächlicher zu drehen als gewöhnlich, als würde jede Sekunde länger währen als in der wirklichen Welt. Jener Welt, in der man nicht unbarmherzig unbeweglich war, nicht schonungslos einsam. Das Zweite, was er aus der Tasche herausgezogen hatte, war das Schulporträt von Aisha Pachachi. Er hängte es in die Mitte des Whiteboards. Dann packte er das übrige Material zu den beiden Fällen aus. Er holte seinen Laptop hervor und Molly Bloms Maschinenpark aus geheimnisvollen Anordnungen – Dosen und Kabeln, Routern und Netzknoten –, all das, was ihm in einer Idealwelt einen unbemerkten Zugang zum Netzwerk der Säpo sichern sollte, wie er Molly als verdeckter Ermittlerin zur Verfügung gestanden hatte. Ehe sie von einem Wahnsinnigen halbtot geprügelt und zerschunden worden war. Nein, jetzt nicht. Jetzt nicht daran denken. Es war schlimm genug, dass ihm diese Gedanken den Schlaf raubten. Jetzt wollte er sie nicht auch noch haben. Berger war sich nicht hundertprozentig darüber im Klaren, wie Mollys Netzsicherheitsausrüstung funktionierte. Und es brachte große Risiken mit sich, seinem »Wohltäter« August Steen zu trotzen, indem er versuchte, in das interne Netzwerk der Säpo einzudringen und sich still und heimlich durch die verschiedenen Sicherheitsebenen vorzuarbeiten. Er war gezwungen, in sehr kleinen, sehr vorsichtigen Schritten zu agieren. Aber er besaß Mollys Passwörter, es musste also möglich sein. Jedenfalls war es eine Möglichkeit, ihn von seiner Rastlosigkeit zu befreien. Nein, das stimmte nicht. Die Rastlosigkeit war nicht heilbar. Sie war nicht persönlich, nicht privat, es war eine professionelle Rastlosigkeit, gegen die nur Arbeit half. Und dies war trotz allem eine Art Arbeit. Auch wenn sie nur in winzigen Schritten voranging. Für was auch immer August Steen ihn aufhob, es erschien Berger unerträglich, hier auf Sparflamme zu sitzen und sich langsam verbrennen zu lassen. Hier ging es nicht um seinen eigentlichen Auftrag. Der war noch nicht erledigt, und Sam Berger brach seine Arbeit nicht mittendrin ab. Sein Auftrag lautete, Aisha Pachachi zu finden. Also musste er mehr über Carsten erfahren. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Denn tatsächlich wusste er nicht das Geringste über ihn. Er hatte nur Bilder. Unauslöschliche Bilder. Das Bild von Cutter mit dem schwarzen Strumpf im Rachen. Das Bild der Mörderin aus dem Inland, die von drei Schüssen mitten ins Herz getroffen worden war. Das Bild von Roys pelzigem Körper, der in die Unendlichkeit schwebte, als wäre die Schwerkraft aufgehoben worden. Keines dieser Bilder würde jemals aus seinem Gedächtnis verschwinden. Nicht, ehe er starb. Berger wurde von Zorn gepackt, einem harten, schweren, kantigen Zorn. Er musste Carsten kriegen. Er musste ihn unschädlich machen. Als er auf seine rechte Hand blickte, sah er, dass sie zitterte. Sie zitterte vor Zorn. Berger fasste sie mit seiner Linken und hielt sie fest. Er tat sein Äußerstes, um wieder klar denken zu können. Carsten war August Steens rechte Hand gewesen, und wenn er es geschafft hatte, diese Position zu erreichen, musste er eine lange Karriere bei der Säpo hinter sich haben. Die Säpo hatte ihn sicherlich pedantisch überprüft und kannte ihn in- und auswendig. Dennoch war es ihm gelungen, sie alle zu täuschen. Steen hatte den Verräter in seinen eigenen Reihen fast ein Jahr lang erfolglos gejagt, obwohl er den Spitzel direkt vor der Nase gehabt hatte. Aber das passte zu jenem Carsten, den Berger selbst getroffen hatte, wenn auch nur sehr kurz – natürlich war er smart und tatkräftig gewesen. Und vermutlich auch eine Spur verrückt – sonst hätte er sich nie von einer fremden Macht kaufen lassen, und zwar von der übelsten, dem einst so blühenden und nun welkenden Kalifat. Ja, Carsten war gerissen, tatkräftig, verrückt, obendrein kurz vor dem Erblinden – und er hatte sich offenbar während seines Überwachungsauftrags in den letzten Wochen ein klein wenig in Molly Blom verliebt. Nichts von alledem war der Säpo jedoch neu gewesen. Steen hatte es Berger selbst erzählt. Es waren Daten, die diese große und gut geschmierte Maschinerie bereits auf Hochtouren verarbeitete. Berger hingegen hatte nichts beizutragen, keine neuen Informationen, keine Perspektive, die der Säpo fehlte. So sehr er auch in seinem Inneren suchte, er konnte keinen Punkt finden, der ihm, dem Ex-Polizisten, nach dem wegen des Mordes an einer Tatverdächtigen gefahndet wurde, einen Vorteil gegenüber der Säpo verschafft hätte. Außer womöglich der Tatsache, dass er nichts zu verlieren hatte. Denn es war bereits alles verloren. Berger setzte sich an den Schreibtisch, fuhr mit der Hand über das Mousepad des Laptops und stellte fest, dass die laufende Suche immer noch nicht beendet war. Er bemühte sich, in das System der Säpo einzudringen, so wie Molly es ihm erklärt hatte. Aber er hatte wie immer nur mit halbem Ohr zugehört, in der lächerlichen Gewissheit, dass sie immer da sein und sich um die Technik kümmern würde. Doch dann hatte er sie im Stich gelassen. Ein geisteskrankes Serienmörderpaar hatte sie ihm entrissen, und Berger hatte es zugelassen. Er hatte es zugelassen. Nein, jetzt nicht. Es würde ihn ohnehin nachts wieder heimsuchen. Sein Blick wanderte zurück zu den Zeichen, die über den Bildschirm des Laptops liefen. Erneut überkam ihn die Rastlosigkeit. Musste er wieder zum Bootssteg hinabgehen, auf den äußeren Schärengarten von Landsort blicken und nichts entdecken? Jedenfalls hatte er nicht vor, während dieser trostlosen Warterei in den Neoprenanzug zu schlüpfen und sich in das eiskalte Wasser zu stürzen. Dieses Hobby gehörte der Vergangenheit an. Plötzlich fiel ihm ein, dass er ja auch freies Internet hatte. Er hatte das anonyme Proxynet bereits aktiviert. Man hatte ihn darüber informiert, dass es auf der Insel eine Reihe von Überwachungskameras gab, die jederzeit aktiviert und auf den Bildschirm geschaltet werden konnten. Er erlaubte es sich, das Google-Fenster zu öffnen und seine beinahe mechanische Suchprozedur zu starten, der er sich schon seit Jahren regelmäßig, aber erfolglos widmete. Zunächst suchte er »Freja Babineaux«. Wie gewöhnlich erhielt er keine Treffer, es schien, als wäre seine frühere Lebensgefährtin mit ihrem neuen Mann in Paris untergetaucht. Vermutlich, dachte er ein wenig bittersüß, war sie eine Hausfrau ohne eigenes Leben. Dann suchte er »Marcus Babineaux«. Obwohl auch das kein vernünftiges Ergebnis brachte, dachte er nicht eine Sekunde daran, auf die Suche nach Marcus’ zehn Minuten jüngerem Zwillingsbruder zu verzichten. Er gab »Oscar Babineaux« ein. Zwillingsbrüder. Das Licht in seinem Leben, ein starker Schein, der allein durch Abwesenheit glänzte und dadurch nur umso stärker war. Der Polarstern, the still point of the turning world. Von dem alles ausging. In diesem Moment geschah etwas. Eine Facebook-Seite wurde angezeigt. Oscar Babineaux, Paris. Und tatsächlich prangte auf dem Profilbild sein jüngster Sohn – elf Jahre alt und, dem Foto nach zu urteilen, ein Profi-Hip-Hopper. Die Seite war erst vor wenigen Tagen eingerichtet worden, und es gab nur wenige Kommentare, alle auf Französisch. Oscar hatte erst zwölf Freunde beisammen. In seinem ersten Post drückte er seine Trauer über den großen Terroranschlag in Paris aus, der verübt worden war, als Sam Berger bewusstlos irgendwo im lappländischen Inland gelegen hatte. Der neueste Eintrag war erst wenige Tage alt – ein Foto, das ein chaotisches Jungenzimmer zeigte. Jemand lag im unteren Teil eines Etagenbetts unter einer Decke, streckte beide Hände in die Höhe und hatte die Finger zu einem Victoryzeichen geformt. Doch unter der Decke ragten die Füße hervor, und auch die Zehen bildeten ein V. Berger zuckte innerlich zusammen. Sein Hals schnürte sich zu. Er streckte die Hand aus und strich sanft über den kalten Laptopbildschirm. Es war seine Geste, Papa Sams übertriebene Geste für große Freude. Keinem der Zwillinge hatte er dieses Talent vererbt, sie hatten hart arbeiten müssen, ehe sie die beiden größten Zehen voneinander trennen und die übrigen drei einrollen konnten. Das Ergebnis war ein ziemlich seltsamer Fuß. Genau so sollte man sich unter die Bettdecke werfen, nachdem man zum Beispiel ein Videospiel gewonnen hatte, und die Beine und Arme, Hände und Füße hinausstrecken. Und dabei vier Victory-Zeichen bilden. Der einzige Kommentar zu dem Bild war »14 – 8«, offenbar ein Spielergebnis. Vermutlich hatte einer der Zwillinge seinen Bruder übertrumpft, aber wer genau unter der Decke lag und sein nicht ganz von Schadenfreude bereinigtes Glück zur Schau stellte, war unmöglich auszumachen. Sam Berger beschloss, das als ein Zeichen aufzufassen. Seine Zwillinge – die seit fast drei Jahren verschwunden waren, von der Großstadt Paris verschluckt – kommunizierten mit ihrem Versager-Vater. Der ihrer Mutter Freja ohne Proteste das alleinige Sorgerecht überlassen hatte. Der, obwohl er Polizist war, keinerlei Nachforschungen angestellt hatte, ob es ihnen in ihrem neuen Zuhause, bei ihrem französischen Stiefvater Jean Babineaux, gut ging. Jenem Vater, der nach dem zweifelhaften Motto Keine Nachrichten sind gute Nachrichten gehandelt und stattdessen in seiner eigenen Verlassenheit gebadet hatte. In diesem Augenblick beschloss Berger, Facebook beizutreten. Doch während er dort saß und grübelte, ob er seinen echten Namen oder eine Art Code benutzen sollte, den nur die Zwillinge verstehen würden, gab der Laptop ein Pling von sich. Er wechselte die Ansicht, die laufende Suche war beendet, und der Bildschirm blinkte bejahend. Es war Berger immerhin gelungen, einen Schritt tiefer in Molly Bloms ausgeklügeltes System vorzudringen. Molly. Die möglicherweise Sams Kind in sich trug. Nein, jetzt nicht. Warte bis heute Nacht. Lass den Mist reifen, gären, faulen, sich zu neuen Albträumen anhäufen. Vorsichtig aktivierte er den weiteren Log-in-Prozess. Wieder musste er warten. Also wechselte er zurück zu Facebook. Jetzt wusste er immerhin, wie er die nächtlichen Albträume bekämpfen konnte. Mit vier Victory-Zeichen. 5 Dienstag, 1. Dezember, 23:54 Als die Nachtschwester das Geräusch zum ersten Mal hörte, reagierte sie nicht darauf. Zwar sah sie kurz von ihrer spanischen Grammatik auf, aber das Verb hacer fesselte sie am Schreibtisch. Die Deklinationen trieben sie noch in den Wahnsinn. Außerdem konnte das Geräusch nicht von einem Fenster gekommen sein, denn wenn man sich in dieser Abteilung auf eines hundertprozentig verlassen konnte, dann darauf, dass die Fenster verriegelt waren. Menschen, die aus einer Anästhesie oder einer langen Bewusstlosigkeit erwachten, waren häufig verwirrt. Insofern musste verhindert werden, dass sie sich aus dem ersten Stock stürzten. Dabei war das Leben selbst nur eine Zwischenstation zwischen dem einen Schlaf und dem nächsten, dem letzten, dachte die Nachtschwester und erschauderte in der Winternacht. Der Dezember hatte gerade begonnen, und er schien immerhin erträglicher als der November. Doch danach kamen noch Januar, Februar, März und April – und diese Monate waren auf Lanzarote eindeutig besser auszuhalten als hier. Hago, schrieb sie. Haces. Hace. Hacemos … Dann hörte sie es erneut, und diesmal war das Geräusch unverkennbar – eine vibrierende Fensterscheibe und ein Klappern. Die Nachtschwester legte den Stift beiseite und spitzte die Ohren. Aber da war nur Stille. Sie stand auf. Das Geräusch musste aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem der drei oder vier nächstgelegenen Räume gekommen sein, einem der Sechsbettsäle oder einem Einzelzimmer. Hätte sie Angst vor Gespenstern, hätte sie diesen Job nicht gewählt. Und auch nicht, wenn sie das Alleinsein fürchten würde. Sie hatte sich dafür entschieden, weil ihre Arbeit an die eines Feuerwehrmannes erinnerte. Oder an Spezialkräfte oder das Militär. Das Warten, die Ruhe, die Einsamkeit, es gab grenzenlose Möglichkeiten, sich der eigenen Fortbildung zu widmen und doch immer auf dem Sprung zu sein, bereit, bei Alarm auszurücken. Das war ihre Natur. Diese Fähigkeit lag allerdings inzwischen auf Eis. Für sie war eine Nachtschicht mittlerweile erfolgreich, wenn sie gar nicht hatte tätig werden müssen, wenn sie ihr Spanisch gelernt hatte. Was im Vergleich zu Hebräisch oder Koreanisch ein Leichtes war. Doch jetzt war sie gefordert. Ein Fenster, das geöffnet und wieder geschlossen wurde, war in einer Abteilung wie dieser keine Nebensächlichkeit. Die Nachtschwester begab sich auf den Gang hinaus. Sie ahnte, dass der Wachmann, der neben dem verschlossenen Eingang saß, nicht nur heimlich Kopfhörer trug, sondern auch noch schlief. Seine schiefe Haltung ließ erahnen, dass er jeden Moment auf den Boden kippen konnte. Sie wollte sich sowieso allein um diese Sache kümmern. Hoffentlich würde er spätestens dann aufwachen, wenn sie laute Schreie ausstieß. Sie öffnete die Tür zum nächsten Sechsbettsaal. Alle Betten waren belegt, sämtliche Patienten wirkten genauso leblos wie immer. Und die Fenster waren wie üblich geschlossen und verriegelt. Der nächste Raum war ein leeres Einzelzimmer, das für Patienten in besonders kritischem Zustand vorgesehen war. Auch dort gab es keinerlei Anzeichen von Bewegung. Hinter der dritten Tür lag ebenfalls ein Einzelzimmer. Hier war das Fenster ebenfalls ordentlich verschlossen, und die Patientin sah aus, als würde sie sich weiterhin in einem Dämmerzustand befinden. Doch gerade, als die Nachtschwester die Tür wieder zuziehen wollte, um zum nächsten Sechsbettsaal zu gehen, nahm sie etwas wahr, ohne es genau benennen zu können. Der Respirator pumpte im schwachen nächtlichen Licht die üblichen schweren, tiefen Atemzüge, doch etwas hatte sich verändert. Der Infusionsständer. Der Schlauch schaukelte leicht hin und her, als würde eine unmerkliche Brise durch den Raum wehen, dabei regte sich kein Luftzug. Jetzt öffnete die Nachtschwester die Tür wieder ganz und betrat das Zimmer. Sie ging zum Bett und blickte auf die Patientin. Die lag still unter ihrer Decke, nur zwei dick bandagierte Arme mit viel zu vielen Schnittwunden und das Nest auf ihrem Kopf, das einst ein Pagenschnitt gewesen war, ragten heraus. Unter der braunen Tönung wurden die blonden Haare bereits sichtbar. Die Krankenschwester streckte sich nach dem wippenden Schlauch, betrachtete ihn, kniff ein wenig in den Infusionsbeutel und klopfte mit dem Fingernagel auf den Flüssigkeitsregler. Alles wirkte normal. Dann ging sie zum Fenster und blickte in die erste frostige Dezembernacht hinaus. Dabei schaute sie direkt auf den Årstaviken. Die zitternden Lichter drüben am Liljeholmskajen hatten es schwer, gegen die Dunkelheit anzukommen. Noch einmal betastete sie prüfend das Fenster. Es war fest geschlossen, ohne Griff und von innen wie außen unmöglich zu öffnen. Sie blickte an der Fassade des Söder-Krankenhauses hinab, soweit es ihr im nächtlichen Dunkel möglich war. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass das Fenster geöffnet worden war. Dazu brauchte man einen Spezialschlüssel, der im Büro des Wachmanns eingeschlossen war. Doch die Nachtschwester hatte das Geräusch definitiv gehört. Außerdem hatte sich der Schlauch auf eine Weise bewegt, wie es ohne Einfluss von außen nicht möglich gewesen wäre. Langsam und nachdenklich kehrte sie zum Fußende des Betts zurück. Sie zog das Krankenblatt heraus und las. Molly Blom. Im ersten Monat schwanger. Der Fötus war allen Anzeichen nach unversehrt. Sie schob das Kärtchen zurück und ging zum Kopfende. Dort betrachtete sie den mittlerweile wieder reglosen Schlauch. Nein, sie hatte sich das nur eingebildet. Hier war niemand gewesen, das war unmöglich, und wenn doch, dann war die Person definitiv nicht über das Fenster gekommen. Die ganze Etage war abgeriegelt, es handelte sich immerhin um eine Hochrisikoabteilung. Und der Wachmann neben dem Eingang hörte zwar Musik und döste – einen Eindringling hätte er dennoch nicht vorbeigelassen. Blieb also nur die Möglichkeit, dass einer der anderen Patienten aufgewacht war und sich im Zimmer geirrt hatte. Wobei dann der Alarm ausgelöst worden wäre. Und auf die Frage, was das mit einem verschlossenen Fenster zu tun haben sollte, das geöffnet worden war, konnte sich die Nachtschwester auch keinen Reim machen. Nein, sie hatte es sich eingebildet. Jetzt fiel ihr Blick auf den Nachttisch. Dort stand etwas, an eine Tasse gelehnt. Ein Zettel? Nein, eher ein ziemlich kleiner Umschlag. Von der Art, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Die Nachtschwester nahm ihn, drehte und wendete ihn. Kein Hinweis. Und verschlossen. Natürlich konnte er schon länger dort gestanden haben. Natürlich konnte er von einem Blumenstrauß stammen, der zu diesem Zeitpunkt längst verwelkt, entsorgt und vergessen war. Doch sie hatte diesen Umschlag noch nie gesehen. Während ihrer Nachtrunde hatte sie den Tisch abgewischt, und da hatte kein Umschlag dort gestanden, dessen war sie sich sicher. Wieder kniff sie ein wenig in den Infusionsbeutel. Es gab keinerlei Hinweis darauf, dass etwas an ihm verändert worden war. Aber der Schlauch hatte in der Luft geschaukelt. Einen Moment blieb die Nachtschwester mit dem kleinen Umschlag in der Hand stehen. War das ein Grund, Alarm zu schlagen? Die ganze Klinik aufzuscheuchen, um dann von dem schläfrigen Wachmann und seinen unangenehmen Kollegen verhört zu werden, die alle Fenstergeräusche als Halluzinationen abstempeln würden? Um die Skepsis der Klinikleitung zu nähren, die bald erste Personalkürzungen bekannt geben wollte? Ausgerechnet jetzt, wo die Nachtschwester mit einer Privatklinik auf Lanzarote im Gespräch war? Nein, sie hatte es sich alles nur eingebildet. Ganz bestimmt. Rasch ließ sie den kleinen Umschlag in ihre Tasche gleiten, und als sie auf den Gang zurückkehrte – wo der Wachmann dem Boden inzwischen bedrohlich nahe gekommen war –, dachte sie bereits wieder an die eigentümliche Konjungation hacéis. 6 Mittwoch, 2. Dezember, 11:24 An der Wand hinter dem Mann im Anzug hing eine Reihe gerahmter Fotos von ebensolchen männlichen Anzugträgern. Sie fand es durchaus faszinierend, dass ausschließlich Männer über den moralischen Status der Polizeigewalt wachten. Vielleicht hätte es andersherum sein sollen. »Kommissarin Rosenkvist«, sagte der Mann streng. »Ein wenig mehr Konzentration, wenn ich bitten darf.« »Ich war konzentriert«, antwortete Desiré Rosenkvist, auch Deer genannt. »Zwei Tage lang war ich konzentriert, während Ihre Männer – klar waren es Männer – mich mehr als eingehend verhört haben.« »Und jetzt bemühen wir uns um eine Zusammenfassung«, sagte Eskilsson verbissen. »Also wäre ich dankbar, wenn Sie sich von den liebreizenden Visagen meiner Vorgänger losreißen könnten.« Deer zeigte auf eine der Visagen am Ende der Reihe, ein Gesicht mit einem roten Pickel auf der Wange. »Er hat eine Vorlesungsreihe über interne Ermittlungen gehalten, als ich auf die Polizeihochschule gegangen bin. In meinem Abschlussjahr.« Hauptkommissar Leif Eskilsson drehte sich um, folgte Deers Zeigefinger mit dem Blick und nickte ein wenig besorgt. »Hjelm, ja«, brummelte er. »War die Vorlesung gut?« »Wenn ich mich richtig erinnere, hat er uns eindrücklich vor Augen geführt, warum die Polizei ihr Gewaltmonopol beständig hinterfragen sollte, ja.« Eskilsson nickte. »Davon abgesehen, gehört er ja selbst eher zu den schwarzen Schafen …« »Ach wirklich?«, fragte Deer. »Ja, er hat anschließend bei der Säpo eine recht undefinierte Stelle übernommen. Um dann unter noch dubioseren Umständen in die europäische Politik zu wechseln. Und jetzt ist er so etwas wie ein hoher EU-Beamter. Aber Sie kennen die Geschichte bestimmt …« »Eigentlich nicht«, entgegnete Deer. »Das ist aber auch nicht unser Thema«, sagte Eskilsson abrupt und zog seinen Stuhl mit einem zielstrebigen Ruck näher an den Schreibtisch heran. »Es geht vielmehr um die Zusammenfassung. Ich bin vor allem neugierig auf Ihre persönlichen Schlüsse, Kommissarin Rosenkvist. Was denken Sie über Ihre Eskapaden im Inland?« Deer saß eine Weile schweigend da. Sie dachte nach – und wog ihre Worte genau ab. Am Ende sagte sie: »Es lief so gut, wie es menschenmöglich war.« Eskilsson betrachtete sie skeptisch. »Hier im Haus kursieren schon Gerüchte über Ihren Heldenstatus«, erklärte er. »Diese Gerüchte besagen, dass Sie auf eigene Faust eine vormals unbekannte Serienmörderin enttarnt haben, eine große Anzahl bislang unbekannter Opfer gefunden und aktiv dazu beigetragen haben, die besagte Serienmörderin unschädlich zu machen. Diese Gerüchte lassen allerdings eine Menge widersprüchlicher und geradezu regelwidriger Umstände außer Acht.« Ohne seinem Blick auszuweichen, konterte Deer: »Ich hoffe, dass in den Verhören schon deutlich geworden ist, warum gewisse Abweichungen vom Protokoll in diesem Fall nötig waren. Sonst hätten wir keine Chance gehabt.« Eskilsson nickte. »Sie sagen tatsächlich ›wir‹, und das ist das Beunruhigende an der ganzen Angelegenheit. Die genauen Umstände, wann und wie Sie sich mit Ihrem suspendierten Ex-Kollegen Sam Berger zusammengetan haben, sind immer noch unklar.« »Und das liegt daran, dass die Säpo eine eigene Behörde ist«, erwiderte Deer, »mit eigenen internen Ermittlern. An einem gewissen Punkt war ich auf die Hilfe der Säpo angewiesen, ich brauchte Berger, und zwar aus einem sehr spezifischen Grund, den ich bereits hinreichend dargelegt habe: um Molly Blom zu finden.« »Die Mörderin wurde am Sonntag begraben«, fiel Eskilsson ihr ins Wort. »Es heißt, die Kirche sei menschenleer gewesen.« Deer nickte. »Das will ich auch hoffen.« Eskilsson schüttelte finster den Kopf. »Die schwedische Polizei hat nur selten ein solches öffentliches Fiasko erlebt wie in diesem Fall, als sich herausstellte, dass Berger die Täterin kaltblütig ermordet hat. Sie müssen verstehen, welche Last jetzt auf den Schultern der Abteilung für Spezielle Ermittlungen liegt. Also auf meinen Schultern.« »War das gerade Ihre Entschuldigung dafür, dass ich zwei Tage lang von Ihren härtesten Kerlen in die Mangel genommen wurde?« »Erwarten Sie keine Entschuldigung«, entgegnete Eskilsson scharf. »Geben Sie mir eine Erklärung. Und die Presseabteilung hat die Sache anscheinend richtig bewertet, mit der Betonung auf Ex, Ex-Polizist. In den Medien wird das Bild von einem Gangster heraufbeschworen, der aus der Truppe geworfen wurde. Glücklicherweise schiebt man uns also nicht alle Schuld zu.« »Hätte man sich dann im Verhör nicht besser darauf konzentrieren sollen, wo sich Berger aufhalten könnte, anstatt bis ins kleinste Detail unsere Jagd auf diese Serienmörderin durchzunehmen?« »Sie müssen das große Ganze sehen.« »Das große Ganze?«, platzte es aus Deer heraus. »Berger zu schnappen müsste doch verdammt noch mal das größte Ganze sein! Wenn Sie wirklich der Meinung sind, dass da draußen ein kaltblütig mordender Ex-Polizist herumläuft.« »Das gehört natürlich auch zu unseren Prioritäten«, antwortete Eskilsson und legte einen Stapel Papiere zusammen, vermutlich ein Ausdruck des unbarmherzig langen Verhörs, dem Deer ausgesetzt worden war. Sie dachte schweigend nach. Dabei betrachtete sie die lange, homogene Reihe der Chefs der Abteilung für Interne Ermittlungen, heute Spezielle Ermittlungen, und verspürte eine leichte Übelkeit. »Also, wie lautet das Urteil?«, fragte sie schließlich. Eskilsson zog die Augenbrauen hoch. »Wir verkünden natürlich keine Urteile«, erklärte er. »Aber wenn Ihre Geschichte stimmt, können die von Ihnen begangenen Dienstvergehen insgesamt als geringfügig bezeichnet werden. Oder als gerechtfertigt. Kommissarin Rosenkvist kann wieder in den aktiven Dienst zurückkehren.« Deer ließ ihren Blick von der Reihe der Anzugträgerporträts hinab auf Eskilsson gleiten und sah um seinen Körper herum einen deutlichen Rahmen. »Das war also alles?«, fragte sie. »Fürs Erste sind wir zufrieden. Sollten wir weitere Informationen benötigen, melden wir uns selbstverständlich.« Deer stand auf und musterte Eskilsson für einen kurzen Moment. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt, rechnete aber damit, durch einen letzten weisen Spruch aufgehalten zu werden. Und so war es. In ihrem Rücken sagte Eskilsson: »Kommissar Conny Landin von der Nationalen Operativen Abteilung lässt ausrichten, dass Sie für den Rest der Woche freinehmen können. Und nächste Woche auch. Zehn Tage zusätzlicher Urlaub, ich muss schon sagen. Den Rest seiner Nachricht muss ich wohl nicht zitieren.« Deer drehte sich abrupt um. »Doch. Doch, sehr gern.« Eskilsson sah abweisend aus, ja geradezu missvergnügt, antwortete aber dennoch. »Das ist allerdings Landins persönliche Meinung. Sie bekommen zehn Tage bezahlten Urlaub für«, er las von einem Blatt ab, »›für einen der besten persönlichen Polizeieinsätze im modernen Schweden‹. Landin ist ja nicht gerade für feine Nuancen und Subtilität bekannt …« Als sich Deer wieder abwandte und den Flur des Polizeipräsidiums betrat, grinste sie breit. Das Grinsen hielt bis zum Aufzug an, wo ihr ein höherer Polizeibeamter, den sie nur vom Sehen kannte, aufmunternd zunickte. Da verschwand es wieder. Als sie auf die Polhemsgatan trat, sah sie so barsch aus wie sonst auch. Es war ein blasser, rauer Tag, der genau auf dem Minuszeichen zu balancieren schien. Deer fühlte sich vollkommen ausgelaugt. Mit einer ordentlichen Befragung hatte sie durchaus gerechnet – aber eine ganze Legion beinharter interner Bullen, die sich zwei Tage lang gegenseitig ablösten? Allerdings ohne sie zu brechen. Im Grunde war ihre lange Aussage eine einzige dicke Lüge gewesen. Aber eine durchdachte, überzeugende, konsequente und in sich stimmige Lüge. In diesem Inlandsfall gab es viel zu viel, was nie ans Tageslicht gelangen durfte. Denn dann wäre Kommissarin Desiré Rosenkvist nicht nur eine Ex-Kommissarin, sondern vermutlich auch eine Ex-Deer. Sie wäre das kleine Desiré-Spielzeug ihrer abgebrühten Mitgefangenen im Knast von Hinseberg. Aber das Ergebnis war keine Lüge. Das Ergebnis war zweifellos »einer der besten persönlichen Polizeieinsätze im modernen Schweden«, dachte sie mit einem erstaunten Dank an Conny Landin. Nur eine Sache stimmte nicht: Der Einsatz war nicht persönlich gewesen. Ein Trio hatte dahintergestanden, und Deer eine Nebenrolle besetzt. Wirklich gelöst hatten den Fall Molly Blom und Sam Berger. Natürlich waren während ihrer Vernehmung Fragen über Bergers möglichen Aufenthaltsort gestellt worden. Aber Deer hatten unmotiviert gewirkt, vor allem im Vergleich zu den übrigen Detailfragen. Im Eifer des Gefechts war dies nur ein wenig seltsam erschienen, aber eben gerade, in Eskilssons Büro, hatte dieses Muster weiter funktioniert. Sam Berger zu fangen »gehört natürlich auch zu unseren Prioritäten«. Diese Äußerung aus dem Mund eines Mannes, dessen Lebensaufgabe und Berufung es war, korrupte Polizisten zu überführen, ob nun Ex oder nicht, schuldig oder nicht, war verblüffend. Nein, so dachte Hauptkommissar Leif Eskilsson nie im Leben. Also war nicht er derjenige, der hinter dieser Devise steckte. Demnach kam der Befehl aus einer anderen Richtung. Und was war der kleinste gemeinsame Nenner bei all dem, was im letzten Monat passiert war? Eigentlich blieb gar nicht viel übrig. Am Sonntag, dem 25. Oktober, um 10:14 Uhr hatten Deer und ihr damaliger Chef Sam Berger einen Zugriff auf ein einsam gelegenes Haus in Märsta eingeleitet – und das hatte eine Lawine ausgelöst, in der sie sich immer noch befanden. Deer schüttelte den Kopf und ging durch den Kronobergsparken zum Fridhemsplan, um in den Bus 3 der blauen Linie zu springen, der bis zum Söder-Krankenhaus durchfuhr. Da es keine interessierten Angehörigen gab, hatte Deer es übernommen, Molly Blom zu besuchen. Seit dem tragischen Geschehnis war sie jeden Tag dort gewesen. Sogar während des zweitägigen, zermürbenden Verhörs hatte sie eine Sondererlaubnis beantragt, um hinzufahren. Es war so merkwürdig, Molly dort mit einer Frisur und einer Haarfarbe zu sehen, die nicht die ihre war. Denn eigentlich war es Deers eigene Frisur und Haarfarbe. Auch wenn Erstere struppig war und Letztere inzwischen verblichen. Deer saß bei Molly Blom, um sich auszusprechen. Dass die Zuhörerin im Koma liegen musste, damit Deer sich öffnen konnte, war kein gutes Zeichen, aber dieses doppelte Spiel war natürlich ohnehin keine gute Lebensführung. Sie sah den Bus in der Ferne. Sie rannte, erreichte ihn aber nicht. Für einen kurzen Moment blieb sie wie in einem Vakuum stehen. Dann schärften sich ihre Sinne, und mit einem Mal wurde ihr alles klar. Der kleinste gemeinsame Nenner bei alldem, was im letzten Monat geschehen war, hieß Säpo. Und nur die Säpo war stark genug, um Eskilsson vom Reden abzuhalten. Deer hatte Sam erst vor vier Tagen getroffen. Plötzlich war er an Mollys Krankenbett aufgetaucht. Da hatte er klar und deutlich seine Unschuld beteuert, was den Mord an der Serienmörderin betraf. Jemand habe ihn in die Falle gelockt und seine alte Dienstpistole benutzt. Und Deer hatte Berger geglaubt. In dieser verkommenen Welt des Doppelspiels war es wichtig, jemandem zu glauben, und ihr blieb nur Sam. Jemand hatte Sam Berger den Mord an jener Frau angehängt, die sie in diesen intensiven Wochen im Inland gejagt hatten. Dann hatte die Säpo die gesamte Sache unter Verschluss gehalten und dafür gesorgt, dass man Berger – den meistgesuchten Mann Schwedens – nicht professionell jagte. Sondern nur ein bisschen lustlos. Warum? Deers erste Schlussfolgerung lautete, dass da etwas schieflief. Ihre zweite, dass sie Sam Berger finden musste. Dann kam die blaue Linie. Sie fuhr ziemlich oft. Und Deer blieben immerhin zehn Tage. 7 Mittwoch, 2. Dezember, 11:46 Der Gelenkbus wand sich um die Kurve, als er vom Ringvägen abbog, und kroch dann gemächlich den Sjukhusbacken empor. Das Söder-Krankenhaus war eine Dauerbaustelle, auch an diesem grau melierten Dezembermorgen, und der Bus zwängte sich zentimetergenau zwischen den Absperrungen hindurch zum Haupteingang des Krankenhauses, um dort einen gleichförmigen Strom von Fahrgästen auszuspucken. Unter ihnen war eine unscheinbare Frau mittleren Alters, die sich kurz in den Glastüren spiegelte. Erst als Deer auf dem Asphalt stand, begriff sie, dass sie sich eben selbst gesehen hatte. Nachdem sie eine Weile durch die unergründlichen Flure des Krankenhauses geirrt war, landete sie zusammen mit einer Leiche in einem Aufzug. Wobei die Leiche eigentlich hinaussollte, doch die beiden weiß gekleideten Sanitäter waren so in ihr lautes Gespräch vertieft, dass die Türen bereits wieder zugeglitten waren, als es ihnen auffiel. Deer musste sich an die Wand drücken, während die Männer die Bahre dann doch noch ein wenig respektlos hinausmanövrierten. Ein Unterarm ragte unter dem Laken hervor, und die toten Fingerspitzen berührten ihren Körper. Eine merkwürdige Eiseskälte breitete sich in Deer aus. Der Fahrstuhl erreichte das richtige Stockwerk, ihre Körpertemperatur normalisierte sich, und während sie den Farbmarkierungen auf dem Boden folgte und tiefer in das Gebäude vordrang, drang sie auch tiefer in ihre eigene Seele vor. Schließlich musste sie sich eingestehen, dass sie nicht allein aus Sorge jeden Tag in dieses Krankenhaus kam. Sie hoffte auch, als Erste vor Ort zu sein, wenn Molly Blom aufwachte. Es waren etwas zu viele Fragen offengeblieben, und nur Molly wusste die Antwort darauf. Was hatten Sam Berger und sie dort oben im Inland eigentlich gemacht? Deer betätigte die Klingel am Eingang der Abteilung. Der Wachmann, der direkt hinter der Tür saß, erhob sich umständlich und betrachtete sie durch die Scheibe. Vor nicht allzu vielen Jahren hätte dort noch ein Polizist gesessen und dafür gesorgt, dass kein Unbefugter zu Molly Blom vordrang – und sie außerdem auch nicht hinausgelangte. Deer fragte sich, ob der dösende Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes tatsächlich so viel billiger war. Endlich drückte der Wachmann die Tür auf und prüfte ihren Dienstausweis. »Alles unter Kontrolle?«, fragte sie. Der Wachmann zuckte mit den Schultern, machte eine hastige Notiz in einer Tabelle, die hinter ihm an der Wand hing, ließ sich erneut nieder und widmete sich seinem Handy. Deer merkte sich seine Gesichtszüge, nicht mehr und nicht weniger, dann spazierte sie den verlassenen Gang entlang bis zu Molly Bloms Tür. Sie war geschlossen, Deer öffnete sie. Blom lag nicht in ihrem Bett. Deers erste Reaktion war spontane Freude. Molly war aus dem Koma erwacht und auf den Beinen. Ihre zweite Reaktion war Skepsis. Dieses Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Und diese Reaktion war eindeutig stärker. Deer sah sich in dem kleinen Einzelzimmer um. Abgesehen von dem Respirator, dem Nachttisch und dem Fenster, gab es auch einen Infusionsständer. Sie folgte dem Schlauch am Flüssigkeitsregler vorbei bis zur Kanüle. Die Nadel lag in einem kleinen Blutfleck mitten auf dem Laken, ringsherum hatte eine klare Flüssigkeit einen bedeutend größeren Fleck gebildet. Bei näherer Betrachtung erkannte Deer ein Spritzmuster von Blut, und an der Nadel klebten noch Reste eines Heftpflasters. Deer bezweifelte, dass das Pflegepersonal das Bett in einem solchen Zustand hinterlassen würde – falls es sich nicht um einen akuten, lebensrettenden Einsatz gehandelt hatte. Man hatte die Nadel aus Molly Bloms Arm herausgerissen. In dem Zimmer gab es noch eine weitere Tür. Deer ging dorthin, öffnete sie sanft und blickte in eine Toilette. Aus der Dunkelheit stieg ihr ein antiseptischer Duft entgegen, und während die Neonröhre behäbig aufblinkte, konnte Deer allmählich eine Gestalt ausmachen. Es war eine Frau. Die Frau saß auf der Toilette. Ihr Körper war in die klassische Krankenhauskleidung gehüllt, und der Kopf so nach vorn gebeugt, dass das braune, halblange Haar wie ein Wasserfall über ihr Gesicht floss. Die Arme hingen schlaff am Körper herab, die Unterarme waren entblößt. In der linken Armbeuge war die blau umrandete Einstichstelle einer Nadel deutlich zu erkennen. Doch keine Spur von Blut. Deer hielt die Luft an und trat einen Schritt näher. Irgendetwas stimmte hier nicht, doch was es war, begriff sie erst, als sie direkt vor der Frau stand. Ihre Arme waren weißer als weiß. Kreidebleich. »Molly«, flüsterte Deer. Sie schluckte. Dann sank sie auf die Knie und beobachtete ihre eigene Hand, während diese sich wie von selbst dem Kopf der Frau näherte. Dem Kopf der toten Frau. Langsam, ganz langsam, strich Deer das Haar beiseite und sah Molly in die Augen. Doch ihr Blick wurde nicht erwidert. Sie konnte in die blauen Augen sehen, aber dahinter war niemand mehr. Molly Blom war tot. Sie war wirklich tot. Für einen Moment stand die Zeit um Deer herum still. Dann setzte sich eine Gehirnzelle in Bewegung. Diese Gehirnzelle aktivierte einige andere, und gemeinsam fingen sie an, das Gesicht zu analysieren. Irgendetwas war falsch. Deer gab sich selbst einen Ruck und bog den Kopf der toten Frau zurück. Der Rigor mortis hatte offenbar noch nicht eingesetzt. Deer betrachtete das Gesicht. Natürlich hatte sie in ihrem Leben schon viel zu viele Tote gesehen, und ihr war bewusst, wie der Tod das Aussehen eines Menschen veränderte, wie das Gesicht in einen ganz neuen Zustand übergehen konnte. Aber dennoch … Nein, dies hier war nicht Molly Blom. Deer ließ den Kopf der Frau wieder auf die Brust zurücksinken und achtete darauf, dass die Tote dabei nicht von der Toilette fiel. Dann richtete sie sich auf und dachte nach. Dachte sehr genau nach. Schließlich ging sie zurück in das Einzelzimmer. Sie betrachtete das Bett mit der herausgerissenen Infusionsnadel inmitten der Blutspritzer. Anschließend stürzte sie auf den Flur hinaus. Sie rannte zum Empfang, doch nirgendwo war das Pflegepersonal zu sehen. Im ersten Moment hatte Deer das Gefühl, die ganze Welt sei verwaist. Erst hinter der vierten Tür, die sie aufriss und die zu einem größeren Saal mit sechs Betten führte, war eine Krankenschwester damit beschäftigt, ein leeres Bett zu beziehen. Deer öffnete den Mund, um sie anzubrüllen. Dann hielt sie inne und betrachtete das leere, frisch bezogene Bett. »Wer lag hier?«, brachte sie hervor. »Wer fragt?«, konterte die Schwester routiniert. Deer holte ihren Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn hoch. »Die Polizei. Es geht um Molly Blom in Zimmer 4. Sie ist verschwunden.« »Verschwunden?«, fragte die Schwester mit großer Skepsis. »Dafür sitzt jetzt eine tote Frau auf ihrer Toilette. Deshalb muss ich meine Frage wiederholen: Wer lag in diesem Bett?« Die Krankenschwester zögerte und erwiderte Deers Blick mit der freundlichen, kritischen Strenge, die man bei Pflegepersonal so oft erlebte. »Hanna«, sagte sie schließlich. »Hanna Dunberg.« »Und sie ist tot? Wann ist sie gestorben? Wie sieht sie aus?« »Wie ein toter Mensch.« »Stellen Sie sich nicht dumm«, entgegnete Deer kalt. »Erzählen Sie, was passiert ist.« Die Krankenschwester legte ein Laken auf dem Bett ab, verschränkte die Arme und sagte: »Hanna ist vor einer Stunde gestorben, nicht gerade überraschend, Brustkrebs im Endstadium. Der Arzt war hier und hat ihren Tod bestätigt, und wir haben sie auf eine Bahre im Flur gelegt, um auf das Personal aus der Leichenhalle zu warten. Nach einer Weile kamen sie und haben sie abgeholt.« Deer verarbeitete die Information, so schnell es ging, und starrte zur Decke. Eine merkwürdige Eiseskälte breitete sich in ihrem Körper aus. »Verdammt!«, schrie sie und stürzte in den Flur hinaus. Sie rannte am Wachmann vorbei, der kaum von seinem Handy aufsah, und fand ein Treppenhaus direkt neben dem Aufzug. Dort stürmte sie die Treppen hinunter, erreichte das Erdgeschoss und rief einem Mann im Arztkittel zu: »Wo ist die Leichenhalle?« »Haus 4«, antwortete der und wies ihr mit der Ruhe des Mediziners den Weg. Deer folgte seinem Zeigefinger und rannte weiter, immer tiefer hinein in das Labyrinth. Fand einen Wegweiser zu Haus 4, raste in diese Richtung und irrte umher. Schließlich konnte sie die Leichenhalle ausmachen, die Tür war angelehnt. Im Flur stand eine leere Bahre, das Laken lag auf dem Boden. Ein weiß gekleideter Mann trat auf den Flur, hielt inne und kratzte sich am Kopf. Deer erkannte ihn aus dem Aufzug. Ein anderer Angestellter kam aus einer Tür, und Deer sah, wie sich die Blicke der Männer trafen. »Das ist ja vollkommen krank«, sagte der eine. Deer rannte auf die beiden zu und rief: »Der nächste Ausgang?« Für einen Moment betrachteten die Angestellten sie, als sei Deer eine Außerirdische. Dann deutete der eine den Flur hinab. »Ganz hinten gibt es einen Notausgang, aber …« Sie pfiff auf seinen Einwand, rannte in die entsprechende Richtung und erreichte das Ende des Flurs. Tatsächlich gab es dort einen Notausgang, und die Tür stand einen Spaltbreit offen. Deer schlüpfte hinaus, gelangte in einen Hinterhof mit einer Treppe, nahm drei Stufen auf einmal und war nach einigen Sätzen wieder an jener Stelle vor dem Krankenhaus, wo die Straße einen Knick machte. Am Haupteingang sah sie den Bus der blauen Linie 3 eintreffen. Sie sprintete los, doch als sie ihn fast erreicht hatte, fuhr der Bus gerade an. Sie brüllte und schrie, aber der Fahrer gab einfach weiter Gas. Das Letzte, was Deer sah, ehe sie stehen blieb, war ein Blick durch die Heckscheibe des Busses. Blaue Augen, vielleicht nicht ganz klar, aber trotzdem so deutlich unter dem braunen Pagenkopf zu erkennen, bei dem allmählich wieder das Blond zutage trat. Molly Bloms Blick. Dann bog die Linie 3 auf den Ringvägen ein und war nicht mehr zu sehen. 8 Mittwoch, 2. Dezember, 12:11 Eine Welt im Entstehen. So wunderlich. Puzzleteile, die sich zusammenfügen. Verrostete Synapsen, die erneut in Stellung gehen und alte Verbindungen wiederfinden. Eine verlorene Welt, die neu entsteht, Stück für Stück, Segment für Segment. Am Anfang war alles Chaos. Das Erwachen extrem plötzlich. Doch die verstreuten Eindrücke weckten ihren professionellen Instinkt. Begreifen, Zusammenhänge, Erinnerungen, alles wurde diesem Instinkt untergeordnet. Sogar die Selbstwahrnehmung ließ auf sich warten. Erst nach einigen Haltestellen wurde ihr bewusst, dass sie allmählich Aufmerksamkeit erregte. Rasch rief sie mit ihren neu erwachten Gehirnzellen eine Karte von Stockholm auf und versuchte, einen Handlungsplan zu entwerfen. Unterdessen wurden die Stimmen um sie herum lauter und leiser. Mittlerweile war der Bus ziemlich voll, und trotzdem stand sie recht isoliert. Da sie einzelne Satzfetzen identifizieren konnte, musste auch ihr Sprachverständnis zurückgekehrt sein. Die Leute flüsterten, dass sie gefährlich sein könne, vielleicht aus einer Anstalt entflohen, und möglicherweise festgehalten werden müsse. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Der Bus hielt, sie drängte sich durch die immer aufgeregteren Pendler, gelangte hinaus und spürte, wie sich die Kälte direkt in ihre Füße hineinfraß. Schnell schlüpfte sie in eine Nebenstraße, in der deutlich weniger Menschen unterwegs waren, warf einen Blick in ein Schaufenster und hielt inne. Sie erblickte sich selbst und erstarrte. Molly Blom als gefallener Engel. Die flatternden weißen Krankenhausklamotten, die nackten Füße, die verbundenen Arme, das leichenblasse Gesicht, das gefärbte Haar. Obendrein fing es an zu schneien. Sie sah aus, als entstammte sie einer schrägen Weihnachtskrippe. Der Erzengel Gabriel als Transvestit. So ging das nicht. Sie musste Abhilfe schaffen und wartete darauf, dass ihr innerer Stadtplan wieder komplett war. Immerhin lag eines der angesagtesten Cafés von Stockholm in dieser Straße, genau, wie sie es in Erinnerung hatte. Sie warf einen hastigen Blick durch das Fenster. Drinnen herrschte ein wenig Chaos, es war Mittagszeit, und es gab nicht genug Plätze für alle, die Leute reservierten sich hektisch ihre Stühle, ehe sie zum üppigen Buffet liefen. Niemand bemerkte sie, als sie sich hineinschlich und ihre Hand in die Tasche eines einsamen, aber teuren Mantels gleiten ließ. Wieder auf der Straße, drückte sie sich an die Hauswand neben der Tür und holte ein Bündel Scheine aus dem dicken Portemonnaie. Dann warf sie es vor den Eingang des Cafés und machte sich aus dem Staub. Der Gothic-Laden lag einige kalte Straßen weiter. Hier drinnen kümmerte sich niemand um sie, mindestens drei Kunden trugen ein noch seltsameres Outfit. Sie suchte die unauffälligsten Kleidungsstücke zusammen, inklusive einem Paar Schuhe mit etwas zu hohen Sohlen, und betrat eine Umkleidekabine, wo sie in die neuen Sachen schlüpfte. Nachdem sie der blasierten Kassiererin die abgerissenen Preisschilder zum Scannen hingehalten hatte, trat sie wieder auf die Straße, warf die Krankenhauskleider in einen Mülleimer und steuerte auf den Handyladen zu. Sie kaufte zwei Prepaid-Handys, billig und kindisch, das eine blau, das andere rot. Das rote schaltete sie sofort an, schrieb eine kurze Nachricht und erhielt eine unerwartet schnelle Antwort. »Aufgewacht. Was steht an? M. B.« »Erfreulich. Der Plan tritt also wieder in Kraft. Behalten Sie das Telefon.« Sie lachte rau – möglicherweise hatte sie einen Hirnschaden erlitten, aber ein Kind war sie nicht. Jetzt nahm sie das blaue Handy, rief eine Nummer an und verabredete Zeit und Ort. Dann warf sie das Handy in einen Müllcontainer und steckte die zuvor zertrampelte SIM-Karte tief in den Auspuff eines parkenden Autos. Sie hatte wichtige Dinge zu erledigen. Der Plan war wieder in Kraft getreten. Rückschlag. Sie wartete nur auf den Rückschlag. Damit musste sie rechnen. Sie war so abrupt aufgewacht, hatte so unmittelbar gehandelt – und seither einfach den ganzen Tag weiteragiert, mit Höchstgeschwindigkeit. Dabei hatte sie keine Ahnung, welchen Schaden die Kapillaren in ihrem Gehirn genommen hatten und was ihr Herz abbekommen hatte. Bis zu diesem Moment hatte sie sich keine Zeit gegönnt, darüber nachzudenken, was während der schicksalhaften Tage im Inland eigentlich passiert war. Jetzt saß sie in einem stockdusteren Raum und erinnerte sich an einen anderen stockdusteren Raum. Auf dem Riddarfjärden fuhr das eine oder andere erleuchtete Schiff vorüber, davon abgesehen, herrschte völlige Dunkelheit. Sie musste sich nur an die Art ihrer Verletzungen erinnern, das war alles. Ganz rational, um die Chance zu haben, einem eventuellen Rückschlag vorzubeugen. Das Problem war nur, dass jeder dieser Versuche in ganz andere Erinnerungen mündete. Aus der Finsternis tauchte ein schwerer Metallstuhl auf, ein Betonboden, kalter, schimmliger Moder, Kellergestank, Fesseln an Armen und Beinen. Ein plastiküberzogenes Plüschsofa, einige Gestalten, die kaum sichtbar waren in der Dunkelheit und die mit einer Art verzerrten Pantomime beschäftigt waren. Und dann die Arme. Nein, sie musste abbrechen, ihr Bewusstsein von diesen Erinnerungen losreißen. Sie sah auf die Uhr des kindischen roten Handys. Die Minuten schleppten sich dahin. Die Arme. Nein. Nein. Nicht die Arme. Wobei, doch. Das war rational. Es führte sie zurück zu rationalen Gedanken. Schläge auf die Arme, egal wie brutal, versetzten wohl nur wenige Menschen ins Koma. Messer dagegen schon. Messer, die langsam durch die Haut drangen, sie aufschnitten. Spritzendes Blut. Ein Körper, der immer mehr Blut verlor. Genug. Aber so war es wahrscheinlich gewesen. Schwerer Blutverlust, Sauerstoffmangel im Gehirn. Beides hatte unvorhersehbare Konsequenzen. Sie war sogar beatmet worden. Damals hatte sie plötzlich dort gestanden, doch sie hatte nicht rechtzeitig reagiert. Dabei hätte sie das tun müssen. Sie verfluchte sich selbst. Wollte nie wieder unterlegen sein. Nie wieder. Der Mann stand halb hinter einer Tür verborgen und beobachtete sie. Ein Boot glitt vorüber und erleuchtete blitzartig sein Gesicht. Er musterte sie angestrengt, aber sie konnte nicht erkennen, ob er eine Waffe trug. Als er sah, dass sie ihn entdeckt hatte, entspannten sich seine Züge. Mit einer entsprechenden Kopfbewegung sagte er: »Interessante Klamotten.« »Hast du es?«, fragte sie mit klopfendem Herzen. »Was hast du für mich, Molly?«, entgegnete er mit einer theatralischen Geste. »Wonach sehe ich denn aus?« Er nickte, und in dem Licht, das das Boot langsam hinter sich herzog, nickte sein Schatten ebenfalls. Hatte sie wirklich eine Verzögerung wahrgenommen? Konnte man Lichtgeschwindigkeit überlisten? »Eine Erklärung wäre schon interessant«, meinte er. »Kommt früh genug«, erwiderte sie. Eine Pause entstand. Jetzt war jeder Lichtschein aus dem Raum verschwunden, und sie konnte ihn nicht einmal mehr nicken sehen. Und dennoch herrschte kein Zweifel, dass er es tat. Mit einem ganz anderen Gefühl. »Verrückt, dass du diese Wohnung noch hast«, sagte er. »All die Monologe, die ich hier gehört habe.« »Es war schön«, erwiderte sie. »Kurz, aber schön.« »Ich hatte keine Ahnung, dass es sie noch gibt. Dabei hätte ich es wissen sollen.« »Es ist ein Zufluchtsort«, sagte sie. »War sie das nicht auch schon damals?«, fragte er. »Zu unserer Zeit?« »Der letzte Außenposten.« »Warum hast du dann keine Waffen hier?« Er klang ehrlich interessiert. »Kein Außenposten«, antwortete sie. »Eher das Gegenteil.« Sie hörte ihn auflachen, allerdings nicht ironisch, wie sie es erwartet hätte. In der darauffolgenden Pause legte er sich seine Worte zurecht. Schließlich sagte er: »Du ahnst gar nicht, wie sehr es mich freut, dich am Leben zu sehen, Molly.« »Was weißt du schon davon?« »Du kennst meine Arbeit«, entgegnete er, vermutlich achselzuckend. Sie beobachtete den schemenhaften Schatten und sagte: »Du hattest kaum etwas mit diesem Fall zu tun.« »Du weißt, dass ich für August Steen arbeite«, erwiderte er. »Was weißt du noch?« »Dass ich heute Morgen aufgewacht bin. Dass ich bis dahin im Koma gelegen habe. Dass ich entführt und gefoltert wurde. Mehr weiß ich nicht. Worauf willst du hinaus?« Der Mann nickte wieder. Dann trat er aus dem Schatten hervor und richtete eine Pistole direkt auf Molly Bloms Brust. Mit einer zackigen Handbewegung reichte er ihr die Waffe. »Danke«, sagte sie und ergriff die Pistole. Langsam zog er den dünnen Lederhandschuh aus und wich wieder in den Schatten zurück. Irgendwo auf dem Riddarfjärden glitt ein Schiff vorüber, und für einen kurzen Moment wurde sein Licht von den dicken Brillengläsern des Mannes reflektiert. »Was macht die Sehkraft?«, fragte sie. »Ich hoffe, dass ich in dieser Angelegenheit bald Hilfe bekomme«, antwortete Carsten und verschwand. 9 Mittwoch, 2. Dezember, 16:25 Er konnte die Spalte in der Dunkelheit kaum ausmachen. Sie war nicht viel breiter als das Boot und wirkte wie eigens dafür aus dem Fels gehauen. Carsten fuhr hinein, die Persenning zur Tarnung hing schon an den Ästen bereit. Eine einfache Handbewegung, und alles war abgedeckt. Er blieb einen Moment stehen und starrte auf den Fels. Ausnahmsweise wusste er es zu schätzen, dass er nichts sehen konnte. Das Boot war wie vom Erdboden verschluckt. Er machte sich auf den Weg. Es war eine Wanderung durch eine reinere Zeit. Im Alter von sechsundzwanzig einzusehen, dass der Augenblick vorüber war. Dass er da war, aber wieder verschwand. Weg war. Ein Aufblitzen vergeudeten Lebensinhalts. Molly. Hier. Diese Schritte. Genau dieselben Schritte, an diesem Ort. In einem anderen Leben. Einem weitaus besseren Leben. Sie beide. Die Geschmeidigkeit seiner Schritte: Er spürte seinen Elan, die Elastizität seiner Beine. Er war ein Wunder der Beweglichkeit, und all die Trainingsjahre, das ganze Akrobatik- und Jongleurprogramm auf der Zirkusschule, wirkten noch immer nach. Doch es musste alles funktionieren. Auch die Augen. Jede Kette hat ihr schwächstes Glied. Seine Kette war stark, aber das schwächste Glied darin so unverhältnismäßig schwach. Jetzt stärkte er es, ja genau, das tat er. Er war dabei, es zu stärken. Die Kette musste gerettet werden. Seine starke Lebenskette. Allerdings gab es einen weiteren Störfaktor. Möglicherweise war er zu diesem Zeitpunkt schon ausgemerzt. Hoffentlich. Auch der beste Plan birgt gewisse Unsicherheiten, und in diesem Fall waren die leider außergewöhnlich hoch. Aber es würde doch mit dem Teufel zugehen, wenn August Steen ♂ nicht mit nach Tensta genommen hätte. Schließlich genoss er es, die totale Macht über seine Mitarbeiter zu haben. Da waren ängstliche Mitarbeiter auf der Flucht genau sein Ding. Und ebenso unwahrscheinlich war es, dass Steen sich nicht selbst in Sicherheit bringen und stattdessen seine hirnlosen Hilfssheriffs Roy und Kent losschicken würde. Wenn Carsten ihn richtig einschätzte, war ♂ sein dritter Mann. Mittlerweile hatten seine geliebten Bienen ihren Job aber längst erledigt. Das Haus auf dem Dach wäre geleert. Die Stunde der Rache stünde kurz bevor. Die Rache für das Inland. ♂ hatte ♀ in Beschlag genommen, auch das musste gerächt werden. Jetzt war er angekommen. Das Meer unterhalb der Klippe hob sich nur in vereinzelten Lichtspiegelungen vom tiefen Dunkel ringsherum ab. Während er sich den Fels hinabgleiten ließ, ahnte er eine Veränderung in der Luft, eine Verdichtung. Irgendetwas passierte gerade. Über dem offenen Meer zog ein Unwetter auf, plötzlich war es ganz deutlich spürbar. Er erreichte den Boden direkt neben der Hütte, schob seine dicke Brille auf die Stirn und begab sich hinein. Die Dunkelheit. Die Hütte. Die Atemzüge, so unruhig – selbst nach zweieinhalb Jahren noch. Er ging zu dem offenen Kamin, rückte das Doppelporträt auf dem Sims zurecht, und sein Blick blieb an dem magischen Schein des Sonnenuntergangs hängen. Und dann war er wieder dort, an diesem sanften Hügel. Wie damals, während seiner Krankschreibung. Nach drei brutalen Jahren undercover als V-Mann bei der albanischen Mafia, wo er sich um die widerwärtige Behandlung der Sexsklavinnen gekümmert und zwangsweise Drogen genommen hatte, um zu überleben. Bis zu dem großen Schlag, der durch und durch erfolgreich gewesen war. Abgesehen davon, dass er selbst danach direkt gegen die Wand lief. Kalter Entzug. Anschließend hatte er sich einfach in ein Flugzeug gesetzt, zu einem zufälligen Ziel irgendwo auf der Welt, es sollte nur warm sein. Und so war er dort gelandet. An diesem Hügel. Ihn spazierte er entlang, ein junger Mann, der durch die Hölle gegangen war und hier neu geboren wurde, auf diesem sonnenbeschienenen Hügel mit seinen Zypressen und Pinien, einigen weißen Häusern, ein paar Eseln mit gesenkten Köpfen, einer Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinaufkletterten. Um sie herum ein Feld aus buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinabreichte. In der Ferne erhob sich der Fels von Gibraltar aus dem Wasser. Die Bienenstöcke. Das Schild »Se vende«. Das Summen … Er kaufte die Insekten, schlug in ihrer Nähe ein Zelt auf, lebte mit ihnen und versuchte, sie zu verstehen, ihre Gemeinschaft zu verstehen. Oben bei der Villa lagen zwei Terrassen, eine davon riesig und mit Blick aufs Meer wie ein unerreichbarer Traum. Mitunter sah er Menschen auf der großen Terrasse sitzen, die Weißwein aus beschlagenen Gläsern tranken. Menschen, die lachten. Menschen, die verliebt waren. Die liebten. Er selbst wohnte in seinem Zelt am Fuße des Hangs, zwischen den Bienen, bis er genesen und zu Kräften gekommen war. Dann kehrte er zurück. Er würde wieder seinen Platz einnehmen, aber nie mehr undercover arbeiten. August Steen nahm ihn erneut in die Wärme der Säpo auf. Doch jedes Jahr kehrte er zurück, um mit seinen Bienen zu leben. So erinnerte er sich immer deutlicher an den Sinn. Den Sinn des Lebens. Und dass dieser Sinn der Vergangenheit angehörte. Er interessierte sich wieder für Literatur, die gemeinsamen literarischen Idole ihrer Jugend. Sie hatte ihm das Lesen beigebracht, sie und niemand anderes. Jetzt erweiterte er seine Lektüren, kam auf Shakespeare und blieb dort hängen. Er las. Er las, in Ermangelung eines Lebens. Insgeheim hatte er jedoch den Eindruck, er würde sich die Augen kaputtlesen. Tatsächlich wurden seine Augen schlechter, aber er ignorierte es, das konnte nichts Ernstes sein. Irgendwann ging er doch zum Arzt. Und bekam die Diagnose. Mit gerunzelter Stirn hielt der Augenarzt seinen professionellen Vortrag, gefolgt von der unerwarteten Empfehlung: »Versuchen Sie, im Hier und Jetzt zu leben.« Daran erinnerte sich Carsten im Nachhinein noch genau. Er hatte keinerlei Fakten über die RP, die Retinitis pigmentosa, behalten. Nur das: »Versuchen Sie, im Hier und Jetzt zu leben.« Leichter gesagt als getan. Er war bei der Säpo, und er sah ein, dass seine Tage bei dieser Truppe gezählt waren. Ein Agent mit Sehbehinderung war ein pensionierter Agent. Also kehrte er zu seinem Hügel zurück. Zu seinen Bienen. Es war an der Zeit, sich auf den Rücken zu legen, den Bauch zu entblößen und das Todesurteil zu akzeptieren. Hier konnte er mit seinen Bienen sitzen und warten, bis sie seine Seele ergriffen und damit davonflogen. So versöhnte er sich langsam mit seinem unausweichlichen Schicksal. Und dann traf ihn dieser Anblick. Wie ein Echo aus der Vergangenheit. Erneut das Schild »Se vende«. Nur etwas weiter oben am Hang. Vor der Villa. Auf der großen Terrasse saß niemand mehr. Keine Verliebten, keine Liebenden. Es gab nur noch das Schild, das sich leicht im Wind bewegte. Se vende. Zu verkaufen. Unerreichbar auch jetzt, und doch wie eine vibrierende Hoffnung. Für die man die richtigen Mittel benötigte. Genug Geld. Und wer hatte ihm einst das Sehen beigebracht? Genau hier, auf dieser Insel, in dieser Hütte? Wer hatte gesagt: »I don’t know what kind of drawers he likes«, woraufhin er selbst erwidert hatte: »None I think.« Und dieses Sehen in jenem Moment, als ihnen beiden klar wurde, dass sie keine Unterwäsche trugen … Als er so deutlich ein sternförmiges Muttermal direkt unter ihrer rechten Brust entdeckt hatte. Das ♂ inzwischen mit Sicherheit auch kannte. Doch ♂ war jetzt tot. Und dann der Kontakt. Ein Ereignis wie ein Gedanke. Es war nicht das erste Mal, dass er angefragt worden war, aber es war das erste Mal, dass sich sein Leben verändern konnte, verändern würde. Von der unerreichbaren Terrasse aufs Meer zu blicken, blind, aber doch sehend – mit den Augen eines anderen Menschen. Mit ihren Augen, die ihm das Sehen beigebracht hatten. Carsten wandte sich von der Fotografie dieser Landschaft ab. Der Landschaft, die der Sinn seines Lebens war. Sein Blick fiel auf das andere Bild. Es war ein Hochzeitsfoto, zwei strahlende junge Menschen. Er betrachtete es eingehend. Dann nahm er einen Stift zur Hand, einen dicken orangefarbenen Filzstift. Mit großer Präzision malte er einen Kreis um eines der vier Augen. Er begutachtete das Ergebnis. Malte den nächsten Kreis, und dann zwei weitere. Schließlich waren alle vier Augen feuerfarben umrandet. Sie gehörten zusammen. Alle vier. Er stellte das Bild wieder auf den Kaminsims und betrachtete es aus der Distanz. Es wirkte sehr eigenartig. Diese vier Augen. Keine anderen. Alle anderen, die sich einmischen wollten, starben. Sie waren in einem Haus im Inland erschossen worden. Sie wurden von seinen Bienen in die Luft gehoben und fallen gelassen. Ihnen wurde der Schwanz weggeschossen. So einfach war das. Carsten lag erneut mit entblößtem Bauch da. Dann sah er das Schild, und alles schien plötzlich möglich. Er würde nie wieder so daliegen. Er würde gewinnen. Carsten würde gewinnen. Niemand durfte sich ihm in den Weg stellen. Am allerwenigsten ♂. Am allerwenigsten Sam Berger. Diese Jämmerlichkeit in Person. Der kastrierte Sam Berger. ♂ ohne Pfeil. Carsten ging einige Schritte auf und ab. Lauschte den aufgeregten Atemzügen. So aufgeregt, selbst nach zweieinhalb Jahren noch. Dann öffnete er die Tür zum Schlafzimmer. Als Erstes sah er den Teddy. Jenen fadenscheinigen staubigen Plüschgesellen, dessen Namen er ihr noch immer nicht entlockt hatte. Er war ihr aus der Hand gerutscht und hing nun halb über der Bettkante, auf dem Infusionsschlauch balancierend. Carsten ging zu ihr, nahm den Teddy und legte ihn zurück an Aishas Wange. Dann setzte er sich und betrachtete sie. Sie hatten keinen echten Kontakt zueinander. Manchmal glaubte er, die Jahre in Gefangenschaft hätten Aishas Gehirn zersetzt. Dass niemand eine so lange Isolation überstehen konnte, ohne verrückt zu werden. Manchmal war er aber auch unsicher, ob es tatsächlich stimmte, und hin und wieder hatte er das Gefühl, sie würde ihn heimlich beobachten, wenn er redete. Er holte sein großes Messer hervor und streifte damit über Aishas Wange. Trotz ihrer Bewusstlosigkeit spürte sie die Kälte der Klinge. Etwas in ihr zuckte zusammen. Du siehst, dachte Carsten und hob das Messer näher an ihr Auge. Du kannst sehen, Aisha – das ist nicht gerecht. Ich kann dir hier und jetzt das Auge herausschneiden. 10 Mittwoch, 2. Dezember, 16:31 Trotz der Dunkelheit konnte Sam Berger sehen, wie sich der Himmel zuzog. Zwischen den spärlich verteilten Inseln im südlichsten Schärengarten Stockholms hatte sich erneut eine zarte Eisschicht gebildet. Dort verschwanden die letzten Spiegelungen der Sterne. Dort endete der Schärengarten. Das Gewitter bildete sich nicht im Schärengarten, es kam vom offenen Meer. Wenn Berger die Augen zusammenkniff, konnte er mit ein wenig Fantasie in der Ferne das umherschweifende Licht des Leuchtturms auf Landsort erahnen. Jetzt wurde sein Blickfeld allerdings von einem heranziehenden Unwetter vernebelt. Es kam von Südosten her, von der Landsortsdjupet, dem tiefsten Punkt der Ostsee. Im Laufe der Jahrzehnte hatte der einen halben Kilometer tiefe Graben als Müllhalde für alles Mögliche gedient, von radioaktivem Abfall bis hin zu ausgedienter Munition und verschrotteten Autos, und es schien, als würde das Gewitter direkt aus dem verseuchten Boden aufsteigen. Berger richtete sich auf und sah es näher kommen. Als eingefleischter Großstadtmensch war er es nicht gewohnt, sich nach Himmelszeichen zu richten. Doch jetzt verstand er sie. Es war Zeit, sich ins Haus zu begeben. Die Umzugskartons standen immer noch unangetastet auf dem Boden des großen Zimmers. Am Whiteboard neben dem Schreibtisch prangte nach wie vor das Foto von Aisha Pachachi. Berger lief daran vorbei, passierte die Küche, gelangte ins Schlafzimmer. Das Fenster ging aufs Meer hinaus, und Berger blieb eine Weile dort stehen. Es war ein faszinierendes Schauspiel, wie das Gewitter durch die Dunkelheit herannahte, das Meer aufpeitschte, mit Licht überzog und Meter für Meter weiß färbte. Als es die erste Ladung Hagelkörner gegen die Scheibe schleuderte, hatte Berger das Gefühl, tief in sein Inneres zu blicken. Die nächtlichen Albträume stürmten auf ihn ein. Molly Blom, die eine viel zu breite Blutspur in dem weißen Schnee hinter sich herzog. Molly Blom, die im Koma lag und ein Kind in sich trug, dessen Vater möglicherweise er selbst war. Molly Blom, die sicher noch nicht wusste und vielleicht nie erfahren würde, dass sie schwanger war. Und gleichzeitig Sam Berger, auf der Flucht vor allem und jedem, wobei er sich auf denjenigen verlassen musste, dem er am wenigsten vertraute, August Steen, Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo. Dessen Handlanger Carsten sich nicht nur als Verräter erwiesen hatte, als echter Quisling, sondern auch noch als Entführer von Aisha Pachachi, die er ihrem vorherigen Entführer entrissen hatte. Und dem es obendrein gelungen war, seine Verfolger in das verkommene Mietshaus in Tensta zu locken, wo er mit präziser Planung tödliche Bienenschwärme auf sie angesetzt hatte. Natürlich steckte irgendeine kranke Symbolik dahinter, irgendein antiker Gedanke über das Verhältnis der Biene zur Seele und zum Tod der Seele, aber damit konnte Berger sich jetzt nicht beschäftigen. Er sah nur Roys bienenumhüllten Körper vor sich, der in der Unendlichkeit zu schweben schien, und dann den Moment, als die Bienen ihn plötzlich losließen. To bee, or not to bee. Sam Berger sah Roys halbierten Körper vor seinem inneren Auge und spürte, wie der Zorn in ihm wuchs. Als würde er von oben herabblicken, sah er, wie die Schublade explodierte und er selbst nach hinten geworfen wurde, und eine heillose Wut packte ihn. Er musste Carsten kriegen. Abrupt wandte er sich von dem Anblick des Unwetters ab. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, starrte auf den ausgeschalteten Bildschirm, betastete seine Brust. Die blaue Schwellung, er erinnerte sich genau an die Form des Musters und hoffte, dass der Druck auf seiner Brust von der abgefangenen Pistolenkugel herrührte und nicht von seinem Selbstmitleid. Denn Selbstmitleid war zu simpel. Es war der einfache Ausweg. Plötzlich alle Zeit der Welt zu haben öffnete jede Schleuse für das Wälzen von Problemen. An diesen Punkt durfte er nicht kommen, er durfte nicht zulassen, dass sich seine Gedanken im Kreis drehten, bis er sich darin verhedderte. Sein Gehirn wusste das, aber das Herz machte, was es wollte. Es war wie immer von einer ganz anderen Weisheit durchdrungen. Also konzentrierte er sich. Polizeiarbeit, logisch und rational. Er musste weiterhin versuchen, in das schwer zugängliche Säpo-Netzwerk vorzudringen und der Frage, wer Carsten wirklich war, auf den Grund zu gehen. Doch als er die Fingerspitzen über das Touchpad bewegte, lief sie immer noch, diese Suche, die er nie ganz verstehen würde. Und bei der er nie wusste, wie viele Spuren er hinterließ. Und wer sie entdecken würde. Doch es war Mollys Vorgehensweise, der er folgte, so gut er eben konnte. Deshalb musste sie weiterlaufen. Im Vertrauen. Unterdessen ging er wieder auf Facebook. Zu guter Letzt hatte er doch ein Konto eröffnet, mit einem Namen, der keinen Hinweis auf ihn bot, doch als er erneut nach Oscar Babineaux suchte, war dieser spurlos verschwunden. Eine Weile glaubte er, er habe einen Fehler gemacht, doch nach und nach begann er einzusehen, dass das Konto entfernt worden war. Und auch der Rest der Familie Babineaux war immer noch wie vom Erdboden verschluckt. Wie leicht war es eigentlich, ein Konto auf Facebook zu löschen? Gab es nicht eine Unmenge an Beispielen von Angehörigen, die erfolglos versucht hatten, die Seiten Verstorbener zu entfernen? Berger öffnete seine Screenshots von Oscars unschuldiger Seite, fand jedoch keinen einzigen nachvollziehbaren Grund dafür, dass sie nicht mehr existierte. Natürlich konnte etwas ganz Harmloses dahinterstecken. Vielleicht hatte Facebook seine Richtlinien geändert, oder Oscar hatte seinen Beitritt bereut, hatte zu viel Spam bekommen, war genervt gewesen oder hatte nicht oft genug an den Computer gedurft und irgendwann alles verflucht. Die dominanteste Eigenschaft von Elfjährigen war schließlich Unbeständigkeit. Vielleicht hatte er seine Zehen hässlich gefunden, die zum V-Zeichen ausgestreckt waren. Das Zeichen der Zwillinge für ihren Vater. Berger war gezwungen, diesen Plan zu verwerfen. Es gab keine unmittelbare Lösung. Außerdem war es zu spät. Hätte er den Kontakt mit seinen Zwillingssöhnen wirklich aufrechterhalten wollen, hätte er sich vor Jahren darum kümmern müssen. Der Druck auf seiner Brust nahm zu. Berger klickte alles weg, was ihn an die Havarien der Vergangenheit erinnerte, und öffnete seinen verschlüsselten Webmail-Server. Seit er auf die Insel gekommen war, hatte er nicht mehr in seinen Posteingang geschaut. Wer sollte schon eine Nachricht an seine geheime Adresse schicken? Doch jetzt hatte er tatsächlich eine neue E-Mail von einem unbekannten Absender. Bei näherem Hinsehen wurde ihm klar, dass die fragliche Person eine Kriminaltechnikerin der Säpo war, die man damit beauftragt hatte, ihm die Ergebnisse der Tatortuntersuchung in Tensta weiterzuleiten. In der Wohnung waren zahlreiche DNA-Spuren gewesen, von Carsten wie auch von Aisha. Carsten hatte sich wirklich keine Mühe gegeben, irgendetwas zu verbergen. In der Hütte auf dem Dach hatte man jedoch – abgesehen von einer unendlichen Menge Bienen-DNA – ausschließlich Spuren von Carsten selbst gefunden. Es stand außer Zweifel, dass Aisha nie dort oben gewesen war. Die E-Mail gab allerdings keinerlei Hinweise auf Carstens Identität, keine Personennummer, keinen Nachnamen, nichts, was Berger näher an den Spitzel herangeführt hätte. Er konnte August Steens nicht gerade geschickt getarnte Direktive im Hintergrund erahnen. Und er registrierte auch, dass ihn die Technikerin nicht namentlich anschrieb, vermutlich wusste sie nicht einmal, an wen sie sich wendete. Steen sorgte dafür, dass Berger sowohl strengstens geheim als auch isoliert blieb. Der detaillierte Bericht darüber, was man im Imkerhäuschen auf dem Dach gefunden hatte, enthielt einiges, das sein Interesse erregte. Die präparierte Pistole in der Schublade war tatsächlich Sam Bergers ehemalige Dienstwaffe, seine alte Sig Sauer P226, die auch bei dem Mord an einer Mörderin zum Einsatz gekommen war, wegen dem Berger nun gesucht wurde. Der Zettel, auf dem »Boom!« gestanden hatte, war sauber. Der Stahldraht war so angebracht worden, dass die Waffe abgefeuert wurde, sobald man die Schublade herauszog, in »Hüfthöhe«, wie die Technikerin es ein wenig prüde beschrieben hatte. Warum? Natürlich hatte Carsten sie auf das Dach gelockt, in dieses Bienenhaus. Er wusste, wer in Steens Auftrag unterwegs war, schließlich war die Auswahl nicht groß. Steen war derjenige, der ihn jagte, und dass Steen Kent und Roy vorschicken würde, war klar. Aber Berger? Wusste Carsten wirklich, dass August Steen ausgerechnet Berger einsetzen würde? Und wenn ja, woher? Wie konnte Steen direkt danach so felsenfest davon überzeugt sein, dass Carsten es mit seiner Schießkonstruktion auf Berger abgesehen hatte? Klar war es logisch, dass Kent und Roy zuerst in die Hütte gehen würden – vielleicht hatte Carsten sogar geplant, dass die Bienen für zwei Mann ausreichten und erst der dritte, im Anschluss, das halbwegs von Insekten bereinigte Haus betreten und die Schublade herausziehen würde. Doch in dem Fall musste er gewusst haben, dass der gesuchte Tatverdächtige Sam Berger an einem streng geheimen Säpo-Einsatz teilnahm. Als dritter Mann. Woher zum Teufel? Und noch dazu wusste Steen offenbar, dass Carsten es gewusst hatte. Berger konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Doch er war froh, in die Hocke gegangen zu sein, bevor er die Schublade geöffnet hatte. Schon lange hatte er niemanden mehr so sehr aus vollem Herzen gehasst, wie er jetzt Carsten hasste. Das Schwein hatte versucht, ihm den Schwanz wegzuschießen, was wiederum irgendetwas mit Molly Blom zu tun haben musste. Mit einer irren Eifersucht, die Berger ebenfalls nicht greifen konnte. Woher wusste Carsten überhaupt von der Beziehung zwischen Molly und ihm? Wenn man es überhaupt eine Beziehung nennen durfte … Eine Sache blieb noch. Der kleine Umschlag, den die Bienen so gierig in Besitz genommen hatten, war mit Nektar bestrichen worden, ihrer Leibspeise. In diesem Umschlag hatte ein Brief gelegen oder besser eine Glückwunschkarte. Die Kriminaltechnikerin schrieb: »Auf der Vorderseite der Karte ist nur ein Element zu sehen, eine mit Kugelschreiber gemalte, eingekreiste Eins. Auf der Rückseite findet sich ein langer, winziger, handgeschriebener Text, mit demselben Kugelschreiber verfasst.« Und auf der besagten Rückseite standen zwei Dinge in einer ordentlichen, fast peniblen Handschrift. Das erste war: »Some say the bee stings: but I say, tis the bee’s wax; for I did but seal once to a thing, and I was never mine own man since.« Berger starrte auf den Text, sowohl auf den handschriftlichen als auch auf den von der Kriminaltechnikerin transkribierten. Was um alles in der Welt war das? Eine Google-Suche gab Aufschluss darüber, dass Shakespeare in seinen Werken oft Bienen erwähnte. Tatsächlich hatte er mehr über Bienen gewusst als die meisten seiner Zeitgenossen. Sein Drama Heinrich V. enthielt einen langen Monolog über die Organisation des Bienenstaats, und im zweiten Teil von Heinrich VI. äußert der Rebellenführer Jack Cade die auf der Karte zitierten Worte über Bienenstiche und Bienenwachs. Aus dem Kontext ergab sich, dass es um Verträge und unterschriebene Vereinbarungen ging. Juristische Übereinkünfte wurden im 16. Jahrhundert mit Bienenwachs versiegelt. Verglichen mit den Stichen der Verträge, sind die Bienenstiche nicht der Rede wert, so ungefähr ließ sich das Zitat verstehen, weil man nach der Unterzeichnung einer solchen Übereinkunft nie wieder frei sein würde. Jetzt wurde der Zusammenhang allmählich begreiflicher. Nutzte Carsten seine Bienen, um mitzuteilen: Das ist doch wohl gar nichts, verglichen mit dem Vertrag, den ich eingegangen bin. Ein Pakt mit dem Teufel? Oder mit dem IS? Oder spielte er auf etwas ganz anderes an, eine Absprache mit der Säpo, mit August Steen? Jedenfalls fühlte Carsten sich nicht mehr frei. Er war nicht länger sein eigener Herr. Die Kriminaltechnikerin ergänzte lakonisch: »Ja, wir haben das Bienenwachs untersucht. Nichts weiter zu finden.« Vielleicht nicht im buchstäblichen Sinne, dachte Berger. Was hatte das zu bedeuten? Warum verwies Carsten auf einen Vertrag, den er zu bereuen schien? Wollte er damit sagen, er hätte keine andere Wahl gehabt? Berger schob die Frage beiseite. Auf Carstens Karte in dem kleinen, nektargetränkten Umschlag stand noch etwas. »like the Andalusian girls« Nur das. Bergers Gedanken wanderten zu dem Bild in Carstens Wohnung. Zu dem Foto von den Bienenstöcken, die sich auf Terrassen den Hang hinaufzogen, zu den Eseln, den Blumen. Und dem Fels von Gibraltar. Das war doch wohl Andalusien? Konnte das ein Zufall sein? Hatte Carsten irgendeine Verbindung zu Andalusien? Von welchen andalusischen Mädchen sprach er da? In dem Moment tat sich etwas auf dem Computerbildschirm, das Berger selbst nicht ausgelöst hatte. Ein neues Fenster öffnete sich, das ein Bild von einem Strand in der Dunkelheit zeigte. Oben in der Ecke leuchtete eine Zwei. Überwachungskamera 2. Von fünf Überwachungskameras auf der Insel war Nummer 2 diejenige, die sich am zweitnächsten am Haus befand. Nummer 1 saß direkt über der Haustür. Der Sturm pfiff über den Bildschirm, und trotzdem entdeckte Berger einen weißen Streifen, als würde sich etwas durch die aufgewühlte Wasseroberfläche pflügen. Er erkannte es wieder, das hatte er schon einmal gesehen, damals allerdings teilweise in Echtzeit. Ein großer weißer Seevogel war gelandet und dann aus dem Bild verschwunden, ehe die Kamera ihn eingefangen hatte. Damals war es ein Schwan gewesen, diesmal hoffentlich auch, ein etwas schnellerer Schwan. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall war es ein Eindringling. Prüfend betrachtete Berger den Bildschirm. Welcher Eindringling konnte eine solche Spur auf dem stürmischen Wasser hinterlassen? Jedenfalls kein menschlicher. Jetzt hüpfte für einige Sekunden ein Vogel ins Bild, ehe er wieder verschwand. Berger tippte auf eine Eiderente. Erst als er die Eiderente sah, wurde ihm bewusst, dass er die Luft angehalten hatte, seit das Kamerabild erschienen war. Tief ausatmend hätte er fast das Plingen des Computers übertönt. Die ewig lange Suche war endlich abgeschlossen. Konzentriert öffnete er das Intranet der Säpo. Er würde nicht durch alle Sicherheitsstufen vordringen, aber ein ordentliches Stück weiterkommen. Jedenfalls würde er anfangen können, das geheimnisvolle Puzzle namens Carsten zu legen. Um ihn zu fassen. Insgeheim hoffte Berger, dass er die Chance haben würde, Carsten zu töten. Aber das würde er natürlich nie laut sagen. Ein neues Pling ertönte. Berger schloss die Augen und verzog das Gesicht. Jetzt bloß keine Fehlermeldung, er wollte nicht gezwungen sein, die stundenlange Suche wieder von vorn beginnen zu lassen. Am meisten fürchtete er sich davor, dass ihn seine Rastlosigkeit dann wieder in die Tiefe des Meers hinabzwingen würde. In den Tiefenrausch. Doch es war keine Fehlermeldung, sondern eine neue E-Mail, noch eine, diesmal aber von einem gänzlich anonymen Absender. Sie enthielt keinerlei Text, nur einen Dateianhang. Vieles deutete darauf hin, dass es ein Video war. Berger wagte es, ihn anzuklicken. Auf dem Bildschirm erschien ein Hinweis, die Datei sei verschlüsselt. Er dachte nach. Dann öffnete er eine frühere E-Mail von August Steen, die grundlegende Anweisungen für seinen Aufenthalt auf der Insel enthielt. Unter anderem auch einen Kryptierungsschlüssel, ein Programm, das »nur für geheime Kommunikation zwischen Ihnen und mir gedacht ist, Sam«. Wenn sich die Videodatei mit diesem Schlüssel öffnen ließ, stammte sie zweifellos direkt vom Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo. For your eyes only. Mit einer gewissen Skepsis lud Berger die Datei in das Entschlüsselungsprogramm und sah zu, wie sie sich langsam vor seinen Augen aufbaute. 11 Es flimmert. Ein Bild will sich aufbauen, bleibt aber unzusammenhängend, ein Mosaik, ein Puzzle, dessen Einzelteile auf der Flucht sind und frei umhertanzen. Es ist ein wildes, verwirrendes, ruckartiges Zusammenspiel von Pixeln, die sich gegenseitig anziehen und wieder abstoßen. Wie eine ewige Bildstörung.Doch dann geschieht etwas. Langsam fügen sich die Teile zusammen, und das Flimmern nimmt ab. Endlich formt das Spektakel ein Bild. Dunkelheit. Kaum mehr als ein schwaches Hintergrundlicht. Eine gemauerte Wand mit Schimmelspuren zeichnet sich vage ab, außerdem eine stabile, aber verrostete Stuhllehne. Dann ist ein Mensch zu sehen, von der Seite. Ein Mensch, der sich vorbeugt und abrupt zurücklehnt, wie von einem unsichtbaren Gummiband gezogen. Das Gesicht ist unscharf, der Fokus liegt auf der Wand hinter der Person, die immer deutlicher als Mann zu erkennen ist. Erst jetzt wird die Einstellung justiert. Und damit tritt das Gesicht trotz der Dunkelheit zutage. Ein männliches Gesicht, so klar, dass man die kleinste Regung sehen kann. Das kurz geschorene Haar erinnert an Eisenspäne auf einem Magneten. Der Blick richtet sich auf die Kamera, eindringlich, aber in gewisser Weise auch ängstlich, unruhig. Ein Blick, der besagt, dass eine sichere und stabile Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Der Blick eines Mannes, der mit so etwas nie gerechnet hätte. Es ist der erstaunte Blick einer Autorität, die in kürzester Zeit entthront wurde. Jetzt erklingt eine Stimme. Eine Stimme, die ebenfalls eindringlich ist, aber nicht zu dem Bild des Mannes passt. »Meine Hände konnte ich befreien«, sagt August Steen heiser. »Aber meine Füße kann ich keinen Millimeter bewegen. Mikrokamera mit 4G, habe ich immer dabei, gut versteckt. Schlechter Empfang hier, außerdem kann ich den Film nur in kleinen Sequenzen schicken, wenn ich Signal bekomme. Das Licht ist auch schwach. Aber ich versuche, alles am Stück zu filmen. Alles, was ich Ihnen zu sagen habe, Sam Berger. Nur Ihnen. Weil ich nicht weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.« Der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo scheint tief Luft zu holen. Dann beugt er sich vor und beginnt. »Ich weiß nicht, wer mich gefangen genommen hat, aber es waren Profis. Ich habe das Polizeipräsidium für ein spätes Mittagessen verlassen, an mehr erinnere ich mich nicht, bis ich in diesem Keller aufgewacht bin, an diesen Stuhl gefesselt, mit Fußschellen, Kabelbindern um die Handgelenke und einer Haube über dem Kopf. Vollkommen allein. Bislang habe ich noch keinen Menschen zu Gesicht bekommen, kein einziges Geräusch gehört. Und ich weiß nicht, wo ich bin. Jetzt kennen Sie die Bedingungen. Ich werde mich möglichst kurz fassen. April 1976, noch bevor Sie geboren wurden, Sam. Ein Nachtklub bei Slussen in Stockholm. Ich war vierundzwanzig, es war mein erster größerer Auftrag für die Säpo. Gerade war mir eine Abhöraktion gelungen, ich hatte eine wertvolle Kassettenaufnahme. Damit konfrontierte ich den Verdächtigen auf der Herrentoilette. Mit Unterstützung zweier kräftiger Kerle kam ich direkt zur Sache. ›Nils Gundersen‹, sagte ich, ›Söldner im Libanon. Ich habe eine Aufnahme.‹ Er musterte mich nur, hart wie Stahl. ›Aufnahme?‹, fragte er. ›Eine Kassette‹, erklärte ich. ›Sie und der berüchtigte albanische Waffenhändler Isli Vrapi. Es geht nicht unbedingt um saubere Geschäfte.‹ Gundersen fixierte mich und sagte: ›Weil wir hier miteinander reden, nehme ich an, Sie wollen etwas von mir?‹ ›Ihre Privatarmee wächst‹, antwortete ich. ›Momentan ist es sinnvoll, im Nahen Osten zu investieren. Und Sie bewegen sich dort sehr erfolgreich, in der Zwischenwelt zwischen Auftragsmord und Völkermord.‹ Auf meine Kunstpause folgte keinerlei Reaktion. Also fuhr ich fort: ›Sie können genau so weitermachen, wer auch immer Sie dafür bezahlt. Allerdings müssen Sie in Zukunft an mich berichten. Und zwar direkt an mich. Sonst wird das Band in falsche Hände geraten.‹ Nils Gundersen schwieg. Dann nickte er langsam. Ich hatte ihn rekrutiert. Gundersen erwies sich als großartige Quelle im Nahen Osten. Und solange er lieferte, durfte er ungehindert seinen schmutzigen Geschäften nachgehen. Ich wiederum berichtete direkt an den Chef der Säpo, meine Berichte unterlagen höchster Geheimhaltung und wurden unbesehen in den tiefsten Archiven verborgen. Das bedeutete aber nicht, dass Gundersens Informationen nutzlos waren. Ganz im Gegenteil. Nur die Quelle blieb streng geheim, und ich wusste als Einziger, wer unsere wichtigste Ressource in der arabischen Welt war. Den Dschihadismus gab es damals noch nicht. Als er sich ausbreitete, nach dem damaligen Krieg in Afghanistan, besaß ich alle wesentlichen Informationen. Dank Gundersen machte ich schnell Karriere, und ganze drei Mal wurde mir angeboten, der höchste Chef der Säpo zu werden. Ich habe aber stets abgelehnt. Auf meiner Position hatte ich mehr Macht. Dort, wo ich war, hatte ich bessere Möglichkeiten, Schweden zu beschützen. Das galt bis jetzt. Heute bin ich dem Tod näher als der Macht. In der afghanischen Freiheitsbewegung gab es einige Freiberufler, die für die CIA arbeiteten. Einer davon war ebenjener Nils Gundersen, der zu diesem Zeitpunkt ein großes und beeindruckendes Heer aus internationalen Söldnern hatte. Und damals knüpfte er auch Verbindungen, die eine entscheidende Bedeutung für Schweden haben sollten. Um nicht zu sagen, für die ganze westliche Welt. In der darauffolgenden Zeit baute Nils Gundersen im Irak einen engen Kontakt zu einem der wichtigsten Islamismusexperten auf, einem Professor und Imam aus Bagdad. Dieser Mann stand an der Spitze einer starken Bewegung, die den Islam modernisieren wollte. Für ihn hing die Zukunft des Glaubens von der Frage ab, ob es gelänge, sich von der buchstäblichen, mittelalterlichen, autoritären Form des Islam loszusagen. Der Professor hatte ein breites Netzwerk geknüpft, das die gesamte muslimische Welt umfasste und alle Tendenzen eines militanten Islam genau beobachtete. Die Lage wurde jedoch immer kritischer, sein Leben war in Gefahr, er war beständig Todesdrohungen ausgesetzt – die nun, in der Schlussphase des Golfkriegs, sehr ernst zu nehmen waren. Wenn der Professor überleben wollte, musste er das Land verlassen. Und sein Wissen und all seine Kontakte mitnehmen. Gundersen begriff, welche Goldgrube dieser Mann war. Er verhalf ihm und seiner Ehefrau zu gefälschten Identitäten und einer sicheren und anonymen Flucht. Es durfte keinerlei Spur in ihre neue Heimat geben. Der Plan gelang. Bis vor einem Monat wusste nur ich allein, dass sich der Professor in einem schäbigen Plattenbau im Stupvägen in Helenelund in der Gemeinde Sollentuna versteckte – unter dem Namen Ali Pachachi. Inzwischen wissen davon jedoch die falschen Menschen, dank einem Verräter in den Reihen der Säpo, einem Informanten namens Carsten. Als ich erste Hinweise darauf entdeckte, dass es in den engsten Kreisen der Säpo einen Spitzel gab, löschte ich, noch bevor uns das bestätigt wurde, alle Dokumente aus dem Archiv und brachte das Ehepaar Pachachi aus Sollentuna weg. Ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der weiß, wo sie sind. Wenn Carsten mich jetzt entführt hat – und so ist es wohl –, wird er zu allen denkbaren Methoden greifen, um mich zum Reden zu bringen. Und ich weiß genau, welche Methoden er zur Verfügung hat. Aber ich werde nicht reden, Sam. Ich werde nicht reden.« 12 Mittwoch, 2. Dezember, 16:49 Deer hatte den Türcode vergessen. Oder er war geändert worden. Was auch immer dahintersteckte, jedenfalls war es ein kleiner Hinweis darauf, wie viel Zeit vergangen war, seit sie das letzte Mal die Zahlen neben der Eingangstür an der Ploggatan auf Södermalm in Stockholm eingegeben hatte. Sie wartete ab. Die Dämmerung hatte eingesetzt, und die kleine Nebenstraße war menschenleer, nachdem gerade ein ungemütlicher Sturm vom südlichen Schärengarten hereingefegt war. Der Winter hatte Einzug in die Hauptstadt gehalten. Die Frage war, ob es sich lohnte, auf einen Nachbarn zu warten, der in den Sturm hinausgezwungen wurde oder vor ihm Schutz suchte. Zurzeit war jedenfalls keiner in der Nähe. Nachdem Deer eine halbe Minute lang überlegt hatte, zog sie den Dietrich aus der Tasche und machte sich am Schloss zu schaffen. Dabei stellte sie fest, wie eingerostet sie als Polizistin war. Die Polizeiarbeit, der sie sich in letzter Zeit gewidmet hatte, war das genaue Gegenteil gewesen. Endlich gelang es ihr, die Tür zu öffnen. Natürlich lief sie direkt im Treppenhaus einem Nachbarn in die Arme, und der Blick des jungen Mannes huschte misstrauisch zu dem Dietrich, den sie nicht mehr rechtzeitig in ihrer Jackentasche hatte verschwinden lassen. Sie entschied sich, ihm nur kurz zuzunicken und die Stufen hinaufzulaufen. Sein Blick brannte ihr im Nacken, bis sie hinter der ersten Biegung verschwand. Für einen Moment hörte sie den Sturm auf der Straße pfeifen, ehe die Haustür hinter dem Mann zufiel. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte sie die vier Stockwerke leichter bezwungen. Jetzt fühlte sie sich lächerlich außer Atem, als sie bei der Tür ankam, auf der »Lindström & Berger« stand. Tatsächlich. Selbst Jahre nachdem Freja Lindström ihren Mann Sam Berger verlassen hatte und mit den gemeinsamen Zwillingssöhnen ausgewandert war, stand ihr Name noch an der Tür, ihr damaliger Name. Wie eine tägliche, masochistische Erinnerung. Jetzt trug sie einen französischen Nachnamen und war, wenn man Berger glauben konnte, von Paris verschluckt worden. Deer blieb eine Weile stehen und atmete aus. Dann holte sie erneut den Dietrich hervor und steckte ihn ins Schloss. Diesmal ging es leichter, dieses Schloss war eines Polizisten wohl kaum würdig. Nicht einmal eines Ex-Polizisten. Die Tür glitt auf, Deer schlich sich in die Wohnung. Sie blieb einen Augenblick im dunklen Flur stehen und nahm die Atmosphäre in sich auf. Warm, feucht, stickig. Möglicherweise bildete sie es sich ein, aber lag nicht auch eine Spur von Verlassenheit in der Luft? Doch der Monat, der seit Bergers letztem Besuch zu Hause vergangen war, konnte wohl kaum solche Spuren hinterlassen haben. Also war es nur Einbildung, die vorgefasste Meinung bahnte sich einen Weg in die Wahrnehmung. Aber da war auch noch etwas anderes. Ein weiterer Geruch, den sie wiederzuerkennen glaubte. Ein schwacher antiseptischer Duft, als wären die Räume vor kurzer Zeit geputzt, wenn nicht sogar desinfiziert worden. Es war so dunkel, dass Deer ihre Taschenlampe einschaltete, während sie den Flur entlangging. Für einen Sekundenbruchteil glaubte sie, eine unscheinbare Frau mittleren Alters würde sie von der Seite angreifen. Zum Glück begriff sie schnell, dass sie einen großen Spiegel passiert hatte. Mit pochendem Herzen ging sie an der geschlossenen Badezimmertür vorbei, warf einen hastigen Blick nach links in Bergers abgedunkeltes Schlafzimmer und kurz darauf nach rechts ins Wohnzimmer. Auch dort waren die Rollläden heruntergelassen, alles ruhte in einer künstlichen Dunkelheit. Seit Berger zur Fahndung ausgeschrieben worden war, hatte er sich wohl kaum hierhergewagt, und davor hatte er nicht gewusst, dass er Hals über Kopf würde fliehen müssen. Warum war dann alles abgedunkelt? Die Rollläden im Schlafzimmer waren eine Sache, aber wozu die Jalousien im Wohnzimmer? Eine Möglichkeit war, dass Berger sein mittelmäßiges Leben in beständiger Dunkelheit verbracht hatte. Sobald er heimkehrte, schlug die Finsternis zu. Aber das klang nicht nach dem Sam, den Deer kannte. Die zweite Möglichkeit war, dass er es nicht selbst getan und jemand anderes die Wohnung abgedunkelt hatte. Aber wenn ja, warum? Und wer? Und wann? Auf dem Weg ins Wohnzimmer hielt Deer inne. Die Sofagruppe vor Schwedens letztem Röhrenfernseher war durchgesessen. Die Whiskyflaschen auf dem Servierwagen enthielten allesamt nur einen kleinen Rest, im Bücherregal sah Deer mehr Staub als Bücher. Bei einer Kommode neben der zweiten Zimmertür – hinter der sich einmal der Raum der Zwillinge befunden hatte – war die unterste Schublade herausgezogen. Deer ging hin. Als sie sich gerade herunterbeugte und kurz darüber nachdachte, weshalb die Schublade leer war, hörte sie ein Geräusch. Der Nachhall war schon verklungen, als der erste Gedanke in ihr plötzlich so leeres Bewusstsein vordrang. Besteck. Besteck, das gegeneinanderschlug. Eine Gabel, die zwischen andere Gabeln fallen gelassen wurde. So hörte es sich an. Ein unwahrscheinliches Geräusch. Ihr fiel keine natürliche Erklärung dafür ein. Klar konnte eine Gabel einen Monat lang auf dem Geschirrgestell balanciert haben, um schließlich genau in diesem Moment in die Spüle zu fallen. Doch waren diese Überlegungen bei Weitem nicht stichhaltig genug. Lautlos zog Deer ihre Pistole. Der kalte Kolben durchstieß die stickige Düsternis. Am Ende des dunklen Flurs sickerte ein Lichtschein durch eine halb geöffnete Tür, die, wenn Deer sich richtig erinnerte, zur Küche führte. Mit erhobener Waffe schlich sie durch den Flur. Das Licht von dort schwebte vor ihr wie eine Luftspiegelung, schwach und starr – es gab keinerlei Hinweise auf eine Bewegung hinter dem Türspalt, keinerlei Geräusche, keine Schatten. Sie passierte eine Tür, hinter der sich vermutlich ein begehbarer Kleiderschrank befand, ehe sie durch die Küchentür spähte. Mit einem leisen Knarren glitt sie auf. Deer verschaffte sich einen Überblick. Das schwache Licht einer nahen Straßenlaterne fiel durch die schmutzigen Fenster und warf einen unruhigen Schein auf die kargste aller Kücheneinrichtungen. Das Geräusch musste aus einer Besteckschublade gekommen sein, die auf der Arbeitsfläche stand, aber Genaueres konnte Deer nicht erkennen. Hier konnte nichts spontan herausgefallen sein, außerdem gab es keinerlei andere Lebenszeichen. Und dennoch. Deer beugte sich zum Fenster vor und nahm etwas wahr. Einen Unterschied. Vielleicht war es eine minimale Druckveränderung, vielleicht ein Laut in einem eigentlich nicht wahrnehmbaren Frequenzbereich, vielleicht ein Geruch. Ja, eventuell war es ein leichter antiseptischer Duft, der dafür sorgte, dass Deer mit einer Geschwindigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte, in die Hocke ging und sich umdrehte. Als sie aufblickte, hatte sie ihre Dienstwaffe direkt auf einen Körper gerichtet. Der ebenfalls eine Waffe auf sie richtete. Mexican standoff. Hinter dem Körper stand die Küchentür offen. Die Pistole zitterte leicht, aber es herrschte kein Zweifel, dass beide Parteien gefasst genug waren, um tödliche Projektile abzufeuern. Die Zeit schien stillzusehen. Ein Staubkorn schwebte durch das einfallende blasse Tageslicht. Es flog durch die Peripherie von Deers Blickfeld. Als es verschwunden war, sagte sie etwas heiser: »Gib zu, dass du nicht geduscht hast, seit du aus dem Krankenhaus abgehauen bist.« Der Körper vor der Küchentür zuckte leicht zusammen, ohne dass der Lauf der Pistole seine Richtung änderte. »Wie bitte?«, fragte er. »Du hast dich umgezogen«, sagte Deer, ebenfalls ohne die Waffe zu senken. »Aber du hast nicht geduscht. Du stinkst immer noch nach Krankenhaus.« »Ich hatte Wichtigeres zu tun«, erwiderte Molly Blom. »Was hältst du davon, die Waffe wegzulegen?«, fragte Deer. »Du zuerst«, antwortete Blom. »Ich traue dir nicht ganz«, entgegnete Deer. »Und trotzdem hast du tagelang an meinem Bett gesessen und auf mich aufgepasst.« »Du warst ja wohl nicht wach«, sagte Deer. »So eine gute Schauspielerin bist du nun auch wieder nicht.« »Du hast keine Ahnung, was für eine hervorragende Schauspielerin ich bin«, erwiderte Blom. »Aber du hast recht. Das habe ich im Protokoll des Wachmanns gelesen.« »Ich dachte, der hätte immer nur geschlafen«, meinte Deer erstaunt und senkte endlich die Waffe. Molly Blom tat es ihr gleich. Dann musterten sie einander. »Wir sollten uns umarmen«, stellte Deer fest. »Habt ihr mich gerettet?«, fragte Blom, ohne die Waffe wegzustecken. »Seid ihr zu dieser eingeschneiten Hütte gekommen, um mich da rauszuholen?« »Du hast dich selbst gerettet«, erklärte Deer. »Wir kamen einige Minuten zu spät. Aber wir haben einen Rettungshubschrauber gerufen und dich hineingehoben. Ich bin mitgeflogen. Du hast im Koma gelegen. Und jetzt plötzlich bist du nicht nur bei Bewusstsein, sondern warst auch noch geistesgegenwärtig und stark genug, um den Platz mit einer Leiche namens Hanna Dunberg zu tauschen.« »Hanna Dunberg?« »Den Angaben zufolge, ja. Was ist passiert?« »Ich bin aufgewacht. Ich habe begriffen, dass ich wegmusste. Und einen Fluchtweg gefunden. Das ist alles.« »Aber du hast im Koma gelegen und wurdest künstlich beatmet. Du hast zwischen Leben und Tod geschwebt.« »Das tun wir doch wohl die ganze Zeit.« Deer schwieg und musterte Blom. Umgezogen hatte sie sich schon, Schuhe mit zu hohen Sohlen, eine nietenbesetzte Lederjacke, durchgeknallte Grufti-Klamotten, die nicht zu ihr passten. Neu gekauft? War sie noch gar nicht zu Hause gewesen? Warum? Weil sie verfolgt wurde? Weil sie wusste, dass sie verfolgt wurde? Also erinnerte sie sich an einiges. Die Frage war nur, an welche Ereignisse genau sie sich erinnerte. Deer legte ihre Worte auf die Goldwaage. »Du hast das Protokoll des Wachmanns gelesen«, sagte sie. »Es hing hinter ihm an der Wand. Hast du auch deine Krankenakte gesehen?« Zum ersten Mal konnte Deer eine Gefühlsregung auf Mollys Gesicht erkennen. Eine hastig gerunzelte Stirn, Skepsis, Neugier. Hatte die Goldwaage ihr etwas Falsches angezeigt? »Worauf willst du hinaus?«, fragte Blom. »Du weißt, dass ich dich im Krankenhaus besucht habe, aber was weißt du über deinen medizinischen Zustand? Weißt du, wie krank du bist?« »Das spüre ich wohl ziemlich genau. Ich wurde wach, war gesund und bin abgehauen.« Deer atmete innerlich auf. Sie hatte nicht zu viel verraten, die Goldwaage hatte ihren Dienst getan. Blom wusste nicht, dass sie schwanger war. Und dies war kaum der passende Moment, sie mit einer so lebensverändernden Tatsache zu konfrontieren. Nicht jetzt. »Und nun bist du also hier«, sagte sie stattdessen, machte eine Armbewegung, die die dunklen Zimmer miteinbezog, und steckte die Pistole wieder in das Schulterholster. Blom betrachtete sie einige Sekunden lang, ehe sie dasselbe tat. »Ja«, antwortete sie, »jetzt bin ich hier.« »In Sam Bergers Wohnung«, ergänzte Deer. »Warum?« »Ich habe gegoogelt. Er ist zur Fahndung ausgeschrieben. Im ganzen Land. Er hat diejenige getötet, die mich ermorden wollte.« »Du weißt doch auch, dass er es nicht war.« »Stimmt«, sagte Blom. »Und deshalb bin ich hier.« »Du willst ihn finden?« »Oder wenigstens verstehen, worum es hier geht.« »Hast du die Jalousien heruntergelassen?«, fragte Deer. »Hast du die Wohnung abgedunkelt und seine Kommodenschubladen leer geräumt?« »Dasselbe wollte ich dich auch fragen.« »Dann war es wohl die Säpo«, meinte Deer mit einem tiefen Seufzer. »Genau das hat mich auch an der klirrenden Gabel stutzig gemacht: Warum wollen sie sich zu erkennen geben?« »Es war ein Löffel«, erwiderte Blom mit dem Anflug eines Lächelns. »Die Abteilung für Interne Ermittlungen hat mich tagelang verhört«, erklärte Deer. »Sie wollten jedes Detail über das Inland wissen. Aber sie waren nicht besonders daran interessiert, wo sich Sam aufhält. Was mich zu der Vermutung veranlasst, dass die Säpo etwas unter Verschluss hält. Und du bist die Säpo, Molly. Du weißt, worum es geht.« »Ja, das sollte ich eigentlich«, antwortete Blom. »Und deshalb bist du hier?« »Um Sam zu finden, ja.« »Ich auch«, sagte Deer. »Hast du eine Theorie?« Zum ersten Mal sah Molly Blom Deer direkt in die Augen. Ihr Blick war härter, als Deer ihn in Erinnerung hatte. Doch es lag auch etwas anderes darin. »Ihr habt verdammt noch mal wirklich alles darangesetzt, mich zu finden«, sagte Blom. »Und wir sind ein paar verhängnisvolle Minuten zu spät gekommen.« »Nicht ganz. Ihr habt mir das Leben gerettet. Vermutlich sollte ich mich bei dir bedanken, Desiré. Das kann ich machen – aber ich habe nicht vor, mit dir zusammenzuarbeiten.« Deer nickte. »Dann müssen wir es jede für sich versuchen. Ich nehme an, du hattest im Gegensatz zu mir schon Zeit, dir die Wohnung genauer anzuschauen. Geleerte Schubladen?« »Zahlreiche. Und keine Zahnbürste.« Deer nickte erneut. »Dann lebt er immerhin. Sie haben seine Sachen zusammengesucht – ohne sein Beisein, denn dann hätten sie ja wohl kaum so gut wie alles mitgenommen. Also haben sie die Jalousien heruntergelassen, um nicht gesehen zu werden. Aber warum haben sie sie nicht wieder hochgezogen?« »Weil es keine Rolle gespielt hat«, antwortete Blom. »Sie haben keine Spuren hinterlassen. Es gibt nichts zu finden. Wir sind umsonst hier, du und ich, aber du darfst natürlich gern trotzdem weitersuchen. Ich für meinen Teil werde jetzt abhauen. Und ich gehe davon aus, dass du nicht versuchen wirst, mich daran zu hindern.« Keine der beiden Frauen rührte sich. Sie musterten einander kühl. Schließlich streckte Deer die Arme aus. Blom ging auf sie zu. Sie umarmten einander, kurz, ein wenig unangenehm berührt – und trotzdem irgendwie innig. Danach ging Molly Blom zur Tür. An der Schwelle blieb sie stehen, die Hand schon auf der Klinke. Für einen Moment hatte Deer das Gefühl, Molly wolle irgendetwas sagen, etwas, das ihr nur schwer über die Lippen kam, doch dann zwinkerte sie ihr nur kurz zu und verschwand. Deers Blick verharrte einige Sekunden auf der Tür, ehe sie zu der Kommode neben dem Kinderzimmer ging. Sie zog die drei übrigen Schubladen heraus. Alle zurückgelassenen Sachen konnten eindeutig einer Frau oder Kindern zugeordnet werden. Dann warf sie einen Blick in das Zimmer der Zwillinge. Dort gab es kein Anzeichen von Wahnsinn, kein verrücktes Mausoleum, es war kein heiliger Boden, aber Deer hatte trotzdem den Eindruck, dass der Raum noch genauso aussah wie an dem Tag, als die Zwillinge verschwunden waren. Im ungemachten unteren Etagenbett entdeckte sie die Schlafanzughose eines achtjährigen Jungen. Sam Berger hatte ganz einfach die Tür geschlossen und nie wieder geöffnet. Deer blieb eine Weile stehen, ehe sie den Bann brach und ins Wohnzimmer zurückging. Sie trat ans Fenster, schob mit den Händen die Lamellen der Jalousie ein wenig auseinander und spähte durch den Spalt. Der Schneesturm heulte dort draußen noch immer, und es war nicht viel zu erkennen. Als es ihr dennoch gelang, ihren Blick zu fokussieren, und sie unten auf der Ploggatan Molly Blom entdeckte, ließ sie die Lamellen sofort wieder los. Blom sah es. Natürlich sah sie es. 13 Mittwoch, 2. Dezember, 17:16 Molly Blom stand dem widerwärtigen Schneesturm von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie schlug den nietenbesetzten Kragen ihrer Lederjacke hoch, drehte sich in der Dunkelheit um und sah von der Ploggatan aus zu Sam Bergers Wohnung hinauf. Vage erkannte sie einen geöffneten Spalt und begegnete Kommissarin Desiré Rosenkvists Blick, ohne ihm wirklich zu begegnen. Dann schloss sich der Spalt wieder, und Molly Blom machte sich auf den Weg. Sie ging im Viertel umher, stapfte unbeholfen durch den Schneematsch zu der eher ärmlichen Gegend, wo die Bondegatan nur noch aus einem kleinen, schiefen Blinddarm bestand, während die Hauptstraße bereits zur Barnängsgatan geworden war. Dort, außer Sichtweite der sich überall ausbreitenden Überwachungskameras, stand ein alter, hässlicher Volvo wie verlassen da. Blom lief hin, sah sich hastig um und ging dann in die Hocke. Von dem feuchten Asphalt unter dem Auto angelte sie etwas Längliches hervor, das an ein Stahllineal erinnerte. Behende schob sie es in den Fensterschlitz neben dem Fahrersitz und zog damit den Türknopf hoch. Dann klopfte sie notdürftig den Schnee von sich ab, stieg ein und startete das Auto, indem sie zwei Kabel zusammenführte. Was für ein Glück, dass so alte Fahrzeuge noch existierten. Ehe sie den ersten Gang einlegte, steckte sie die Hand in die Tasche ihrer Lederjacke, kramte darin herum und bekam zu fassen, wonach sie suchte. Eine Weile betrachtete Molly Blom den kleinen Umschlag aus Bergers Wohnung, der wider Erwarten trocken geblieben war, drehte und wendete ihn. Er sah aus wie das Kuvert einer Glückwunschkarte, und er war zugeklebt. Sie betrachtete ihn kurz, dann schüttelte sie den Kopf, warf ihn ungeöffnet auf den Beifahrersitz und fuhr los. Über kleine Nebenstraßen fädelte sie sich auf den Nynäsvägen und steuerte den Wagen in Richtung Süden. Der Schneesturm, der von dort gekommen war, ließ nach, wahrscheinlich trieb er weiter nach Norden, und nach einer Weile waren weder Wind noch Schnee besonders stark. Molly raste durch einen immer milderen Abend. Plötzlich klingelte ihr rotes Handy. Sie betrachtete es eine Weile, ehe sie sich meldete. »Ja?« Sprachlos lauschte sie einige Sekunden und spürte, wie sie erbleichte. Dann nahm die Zeit eine andere Form an, eine äußerst zielstrebige. Molly überlegte, bis zu welcher Geschwindigkeit sie einen so alten Volvo antreiben konnte. Inzwischen hatte sie das Gaspedal durchgedrückt. Die Zeit war eine Peitsche, die sie voranprügelte. Sie beschleunigte auf hundertzehn und blieb dabei. Nach einigen intensiven Kilometern in der zunehmenden Dunkelheit bog sie auf eine Nebenstraße ab, die wenig später noch schmaler wurde und am Ende nicht viel mehr war als eine Wagenspur im entlaubten Wald. Molly fuhr eine verrückte Rallye auf dem schlingernden Weg, der sich endlos fortzusetzen schien, zwischen Baumstämmen, die im gespenstischen Licht der Scheinwerfer wie tot wirkten, ein Wald von Gespenstern. Es war, als würde der wild aufheulende alte Volvo durch ein Zeitfenster stürzen und sie in eine andere Epoche versetzen. Eine archaische. Eine Zeit, in der übel zugerichtete Leichen von verdorrten Ästen baumelten, während die Krähen ihnen die Augen auspickten. Molly Blom gab weiter Gas. Gab Gas, lenkte und biss die Zähne so fest zusammen, dass ihre Kiefermuskeln schmerzten. Die Hölle lag vor ihr. Jetzt tat sich im Wald eine Lichtung auf. Sie öffnete sich so weit, bis sie an ein Feld erinnerte, das wiederum so aussah, als wäre es vor Urzeiten einmal ein Acker gewesen. Dahinter wurde der Wald wieder dichter, auf Laubbäume folgten Nadelbäume, und hinter dem dichten Waldrand konnte sie mit Mühe und Not eine Hausfassade erahnen. Mit kreischenden Bremsen schlitterte Molly Blom in eine Abzweigung und fuhr auf das verwahrloste Grundstück zu. Das Haus war aus Stein und sah uralt aus. Molly bremste direkt vor der Tür und sprang aus dem Wagen. Hastig holte sie die Schlüssel hervor. Sie klapperten in ihrer zittrigen Hand. Die schiefe Tür hatte drei Schlösser. Molly sperrte alle so schnell wie menschenmöglich auf. Sie öffnete die Tür, und die Dunkelheit schien sie einzusaugen. Als die Tür hinter ihr zufiel, war die Dunkelheit allumfassend. Rasch holte Molly die Taschenlampe heraus, schaltete sie ein und stolperte die steile Treppe zum Keller hinunter. Jetzt war es nicht mehr Molly Blom, die rannte. Es war nicht mehr Molly Blom, der ein modriger Geruch entgegenschlug wie der Atem eines Aussätzigen. Sie tauchte immer tiefer ins Mittelalter hinab. Die Person, die nicht mehr Molly Blom war, stürzte in einen abgeschlossenen, klaustrophobischen Raum. Eine neue Tür, ein neues Schloss, wieder ein zitternder Schlüssel. Eine so feuchte Kälte. Das Knarren der Tür wie ein überirdisches Grollen. Das trostlose Schweifen der Taschenlampe über die Steinwände. Undurchdringliche Dunkelheit. Schwärze. Abermals eine Tür, diese nun verstärkt. Wieder ein Schlüssel. Und während die Tür aufgleitet, ein Hintergrundlicht, zwar schwach, aber hell genug, um sichtbar zu machen, was das eigentliche Zentrum dieses Kellerraums ist. Die sitzende Gestalt. Molly hat den Kern der Dunkelheit erreicht. Die Gestalt hockt in einer Ecke, vollkommen still, mit einer schwarzen Haube über dem Kopf. Vor und hinter dem Stuhl ist höchstens ein Meter Platz, dann kommt die Wand, unregelmäßig gemauert, als wäre der Maurer vor zweihundert Jahren während der Arbeit ein wenig angeheitert gewesen. Die Wand hinter und vor der Gestalt auf dem rostigen, am Boden angeketteten gusseisernen Stuhl ist von Schimmelspuren überzogen. Die Gestalt hat die Arme hinter dem Rücken verschränkt, als wären sie noch immer mit dem Kabelbinder gefesselt. Molly geht zu ihr. Packt die schwarze Haube und reißt sie hoch. Das kurz geschorene Haar erinnert an Eisenspäne auf einem Magneten. Und August Steen, Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo, hat kein bisschen Stahl mehr in seinem stahlgrauen Blick. Aus ihm spricht nichts als Verwunderung. »Molly?«, wispert er. Molly Blom zieht ihre Pistole und erschießt ihn. Sorgfältig, mit drei Schüssen direkt ins Herz. Dann senkt sich wieder die Stille über die Dunkelheit. II 14 Donnerstag, 3. Dezember, 11:49 Sam Berger sah den Film zum fünfzehnten Mal, aber zum ersten Mal an diesem Tag. Das Video endete, doch er starrte weiter auf den Computer. Bis auf einige Flecken, die er nicht genau bestimmen konnte, war der Bildschirm schwarz. Waren das Fingerabdrücke, hatte er gestern unbewusst den Bildschirm berührt? Oder waren es Schweißflecken? Spritzer von Angstschweiß? Es war erst lächerliche drei Tage her, seit er sich im Hafen von Nynäshamn von August Steen getrennt hatte. Der Schuss in die Brust. Aus Bergers eigener Sig Sauer P226. Carsten hatte ihn kastrieren wollen. Und kurz darauf hatte dieser Mistkerl seinen ehemaligen Chef August Steen entführt und ihn – still, anonym, ohne den Hauch einer Erklärung – an einen Stuhl in einem Keller gefesselt. Wie passte das zusammen? Und warum hatte sich der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo in dieser unerhört bedrohlichen Situation ausgerechnet an Sam Berger gewandt? Wenn es Steen offenbar möglich war, der Außenwelt von seiner Lage zu berichten – indem er Filme per E-Mail verschickte, wenn auch nur mittels einer schlechten Verbindung und über eine Mikrokamera –, warum wandte er sich dann nicht an die Führung der Säpo? Warum bemühte er sich nicht darum, eine gigantische Suchaktion auszulösen? Weshalb alarmierte er nicht die Polizei, das Militär, die Presse, wen auch immer? Nein, er hatte diese kleine Kamera aus irgendeiner suspekten Körperöffnung geholt und den Film an niemand anderen als Sam Berger geschickt, und zwar nur an Sam Berger, die meistgesuchte, aber auch meistisolierte und damit eben am wenigsten handlungsfähige Person in Schweden. An einen entmachteten und beinahe auch noch kastrierten Ex-Polizisten. Warum zum Teufel? Was ging hier vor? Berger konnte ihn nicht retten, dessen musste Steen sich bewusst sein. Also wollte er ihm etwas mitteilen, was wichtiger als sein eigenes Leben war. Oder August Steen glaubte tatsächlich, dass Berger und nur er ihn retten konnte. Wie auch immer, es schien ihm jedenfalls äußerst wichtig zu sein, dass diese ganze Erzählung Sam Berger erreichte, und dabei war sie ausdrücklich an ihn gerichtet. Berger gab sich alle Mühe, den Grund zu verstehen. Bisher fand er jedoch nichts an dieser Geschichte, das speziell auf ihn gemünzt zu sein schien. Es war eine allgemein gehaltene Erzählung über das Verhältnis zwischen Steen, Gundersen und Pachachi, und das meiste davon hatte Berger bereits gewusst. Ein sehr junger Steen hatte einen sehr jungen Gundersen rekrutiert, das hatte Berger sich bereits gedacht. Er hatte auch erfahren, dass Ali Pachachi von Steen an einen anderen Ort gebracht worden war, um ihn vor dem Verräter innerhalb der Säpo zu retten, noch ehe dieser enttarnt worden war. Der Verräter wiederum hatte allerdings Pachachis Tochter Aisha in seiner Gewalt. Vermutlich erpresste er Pachachi, damit der sein großes Netzwerk an Dschihadisten-Überwachern in der muslimischen Welt im Zaum hielt. Mit anderen Worten, Schweden war ernsthaft bedroht, und »der schlimmste Terrorangriff in der Geschichte Schwedens« stand offenbar kurz bevor. Wenn August Steen seinem Land und seiner Aufgabe wirklich so ergeben war, wie Berger dachte, verstand er auch, was auf dem Spiel stand. Carstens Taten würden unzählige Schweden das Leben kosten. Carsten hatte sein Land verkauft. Schweden stand kurz vor einer schrecklichen Katastrophe. Plötzlich erschien der merkwürdige Schussangriff auf Bergers Geschlecht nicht mehr so erbärmlich wie noch vor ein paar Tagen. Offenbar kam Sam Berger eine entscheidende Rolle in einem Spiel zu, von dem er bisher nur vage Umrisse erahnen konnte. Steen hatte gesagt, sein Video könne nur in kleinen Sequenzen übermittelt werden – was wohl bedeutete, dass das E-Mail-Programm in der Minikamera keine großen Dateien verschicken konnte und sie automatisch in kleinere Einheiten aufteilte –, und es bestand eine gewisse Chance, dass weitere Sequenzen noch eintreffen würden, hintereinander, sobald das 3G- oder 4G-Signal im Keller ausreichend stark wäre. Diese Ungewissheit machte das ohnehin schon zermürbende Dasein auf der Insel vor Landsort nur noch zermürbender. Warum war Berger hier postiert worden? Und in welcher Position befand er sich jetzt, nachdem Steen entführt worden war? Was trieb Carsten, das Schwein, in diesem Moment? Und wer war er? Berger beugte sich über den Computer. Immerhin war er jetzt drinnen – im internen Netzwerk der Säpo. Wenn es ihm gelänge, auch nur einen Hauch von Mollys Geschick an den Tag zu legen, müsste er Carsten identifizieren und herausfinden können, wer er eigentlich war. Und eventuell auch eine Chance haben, den Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo zu retten. Denn im Grunde war dieses Video ein Flehen. Ein Hilfeschrei. Aber warum an ihn? Berger hatte nie etwas mit der Säpo zu tun gehabt, er war ein ganz gewöhnlicher Kriminalkommissar bei der Stockholmer Polizei gewesen, wenn auch »mit besonderer Amtszulage«. Was machte ausgerechnet ihn so wichtig für einen der führenden Köpfe der Säpo? Berger tauchte in die Abgründe des Geheimdienstes hinab und geriet sofort in den Tiefenrausch. Er wusste nicht, wo oben und unten war, wo vorn und hinten. In ihren beiden früheren Fällen – wenn man sie denn tatsächlich so bezeichnen konnte – hatte sich immer Molly Blom um die Systeme und Archive der Säpo gekümmert. Jetzt war er gezwungen, ganz allein Schwimmen zu lernen. Oder zumindest zu begreifen, wo oben und unten war. Er ließ eine kleine Luftblase entweichen, folgte ihr mit dem Blick, fand die richtige Lage, machte einige vorsichtige Schwimmzüge. Schließlich verstand er, wie es funktionierte. Das System unterschied sich deutlich von dem der normalen Polizei, und als es ihm endlich gelang, eine passende Suchanfrage zu stellen, kam nichts dabei heraus. Der Name Carsten führte zu keinem einzigen Treffer. Ganz unerwartet kam das nicht, immerhin hatte Carsten dem innersten Kreis um August Steen angehört und war seine rechte Hand gewesen. Dass man seiner Identität nicht so leicht auf die Schliche kam, war also nicht überraschend. Streng genommen wusste Berger nicht einmal, ob Carsten ein Vor- oder Nachname war. Nach einigen ungeschickten Manövern fand Berger einen Weg in die Tiefen des internen Netzwerks, wo er auf massenhaft externe Links stieß, die in alle möglichen versteckten Winkel des Internets führten. Er startete eine neue Suche und sah ein, dass sie eine Weile dauern würde. Zeit für eine kleine Zusammenfassung. Ob man irgendwie herausfinden konnte, wo August Steen gefangen gehalten wurde? Der Film lieferte kaum Anhaltspunkte – ein Keller wie jeder andere. Abgesehen davon, dass es einen am Boden festgeschraubten Eisenstuhl mit Fußschellen gab. Und nichts von dem, was Steen gesagt hatte, bot einen bewussten oder unbewussten Hinweis. Steen war vor dem Polizeipräsidium entführt worden und in einem Keller aufgewacht. Er hatte nie einen Täter zu Gesicht bekommen. Sackgasse. Also doch Carsten. Was wusste Berger? Er hatte ihn einige Male getroffen, tatsächlich sogar erst letzte Woche, bevor er als Spitzel enttarnt worden war. Welche Eindrücke hatte er? Zunächst einmal, dass Carsten eine übermäßig dicke Brille trug. Warum lag sie immer noch in der Wohnung in Tensta? Alles, was Berger dort gefunden hatte, waren Zeichen gewesen, bewusst hinterlassene Zeichen. Deshalb hatte Carsten die Brille wohl kaum dort vergessen. Natürlich konnte sie, da sie auf Shakespeares Gesammelten Werken gelegen hatte, auch nur eine Ermahnung zum Lesen gewesen sein. Das schien aber doch ein bisschen zu banal. Schließlich war klar, dass die Säpo das Buch aufschlagen würde, und übertriebene Deutlichkeit passte eigentlich nicht unbedingt zu Carsten. Außerdem handelte es sich vermutlich um teure, spezialangefertigte Gläser für einen Mann mit der fortschreitenden Augenkrankheit RP, es war also kein Gegenstand, den man einfach so zurückließ, um auf ein Buch hinzuweisen, das ohnehin geöffnet, gelesen, interpretiert werden würde. Möglicherweise war die Brille nur ein Hinweis auf ihn selbst. Vielleicht wollte Carsten mitteilen, dass die Brille ihre Dienste getan hatte und er sie nun abwarf wie eine Schlange ihre Haut. Weil seine Erblindung kurz bevorstand. Nur, warum sollte er das mitteilen wollen? Berger tastete sich weiter durch die Wüstenlandschaft seines Kurzzeitgedächtnisses. Er erinnerte sich an eine Höllenreise mit Carsten auf dem Beifahrersitz und Sam und Deer auf dem Rücksitz. Einem äußerst zielstrebigen Carsten, der sie oben im Inland außerdem mit weiteren Anweisungen versorgte. Der, so gut er es aus der Ferne konnte, alles daransetzte, sie bei der Befreiung von Molly Blom zu unterstützen. Und der dann in den Norden fuhr und eine Mörderin zur Strecke brachte – mit Sam Bergers ehemaliger Dienstwaffe. Berger versuchte, seinen Zorn zu unterdrücken und dem Ganzen einen Sinn abzugewinnen. Aber die Einzelteile passten einfach nicht zusammen. ♂ und ♀, hatte August Steen gesagt – was zum Teufel bedeutete das? Der nächste Schritt. Die Wohnung in Tensta. Die eine präzise gestellte Falle gewesen sein musste, um sie dort hinzulocken. Das Timing war perfekt gewesen. Sogar ein paar kleine Bienen hatte es gegeben, die genau zur richtigen Zeit in der Wohnung umhersummten, um Sam Bergers Gespür für Details zu wecken. To bee, or not to bee. Verdammt. Und der Rest? Der Umschlag. Die Zitate. Shakespeare: »Some say the bee stings: but I say, tis the bee’s wax; for I did but seal once to a thing, and I was never mine own man since.« Tableau. Das war das Wort, das er gesucht hatte. Das Hausdach war ein Tableau, eine Szene, in der etwas vorgeführt wurde, was man erst durch das Zitat einordnen konnte: Carsten war nicht mehr sein eigener Herr. Er hatte einen Vertrag unterschrieben, der ihn unfrei machte. Was war das für ein Vertrag? Und was um alles in der Welt hatte das mit den andalusischen Mädchen zu tun: »like the Andalusian girls«? Andalusien. Südspanien. Das Bild in Carstens Wohnung, die Bienenstöcke, der gelbe Hang, die Esel, der Fels von Gibraltar in der Ferne. »Wie die andalusischen Mädchen«. Gab es doch eine Verbindung zu Andalusien, die in diesem Zusammenhang eine Bedeutung hatte? Berger war seine wilden Spekulationen leid, erhob sich mit einem Ruck und ging ins Schlafzimmer. Der Sturm hielt an. Dunkle Eisladungen, die direkt aus der Tiefe des Meers zu stammen schienen, knallten unbeirrt gegen das Fenster. Jedes Mal, wenn das Geheul des Sturms wieder anschwoll, hatte Berger das Gefühl, dass sich der lockere Fensterladen, den er schon zehnmal befestigt hatte, wieder losreißen und durch die Scheibe krachen könnte. Er blickte in das diffuse Dunkel des Dezembertags hinaus, doch er konnte nur wenige Meter weit sehen. Nicht einmal das Meer ließ sich ausmachen, kein anderes Wasser als der Eisbrei, der zusammen mit diversen abgebrochenen Zweigen gegen sein Fenster peitschte. Und trotzdem war es so offensichtlich, dass dies erst der Anfang war. Der Sturm erhob sich wie eine Mauer gegen ihn, schien auf seine miserable Situation hinzudeuten und darauf, wie gefangen er darin war. Wenn der Mann, der ihn hier abgesetzt hatte und der als Einziger seinen Aufenthaltsort kannte, außer Gefecht gesetzt war, würde Berger dann für immer vergessen sein? Einige weitere Säpo-Leute waren involviert, aber der Helikopterpilot wusste mit Sicherheit nicht, wer Berger war, und die Mitarbeiter, die seine Wohnung ausgeräumt und in vier große Umzugskartons gepackt hatten, kannten mit Sicherheit nicht den Bestimmungsort des Gerümpels. Nein, all das wusste nur August Steen. Doch der wurde gefangen gehalten. Bedeutete das, dass Sam Berger jetzt frei war? Frei, um zu fliehen? Aber wohin sollte er fliehen? Spätestens in Nynäshamn würde ihn jemand erkennen und die Polizei rufen. Vielleicht würde das Benzin des Motorboots dort draußen reichen, um ihn nach Estland zu bringen, und er könnte in irgendeiner abgelegenen Hütte in Tallinn untertauchen. Aber würde er dort wirklich eine Zukunft haben? Er hatte kein Geld, konnte weder eine Kreditkarte benutzen noch sich ausweisen. Für den Rest seines Lebens würde er ein mittelloser Flüchtling bleiben. Und so wollte er den Rest seines Lebens nicht verbringen. Mit eingekniffenem Schwanz. Die Klaustrophobie schlug im selben Moment zu, als er sowohl Fenster als auch Sturm den Rücken kehrte. Er hatte das Gefühl, die Wände würden auf ihn zukommen, an ihn heranrücken. Die Einsamkeit war schon seit einigen Jahren ein Teil seines Lebens, aber so aktiv wie jetzt war sie noch nie gewesen. Seine Haut war sein Gefängnis. Berger kehrte in das große Wohnzimmer zurück. Er warf einen hastigen Blick auf den Bildschirm: Die Suche lief unverdrossen weiter. Möglicherweise kam er Carsten gerade Stück für Stück näher. Jetzt fiel sein Blick auf die unausgepackten Umzugskartons. Er verzog das Gesicht und ging hinüber. Missmutig blickte er auf das Chaos hinab. Natürlich waren es Gegenstände aus seinem Leben, die dort lagen – nicht zuletzt Gegenstände aus seinem verlorenen Familienleben, Gegenstände, die an Freja erinnerten, an Marcus, an Oscar. Aber die Unordnung ließ diese Gegenstände merkwürdig fremd erscheinen, als hätte der Zufall auf Hochtouren gearbeitet. Er beschloss, sie wiederzuerobern. Trotzdem waren seine Bewegungen ziemlich unschlüssig, als er anfing, die Sachen aus den überdimensionalen Kisten zu nehmen. Als wäre Ordnung gleichbedeutend mit Erinnerung. Und die Erinnerung würde seine zunehmende Klaustrophobie nicht gerade lindern. Im Hintergrund lief die Suche nach dem entfliehenden Carsten weiter. Gerade hatte Berger ein wenig unbeholfen damit begonnen, in den Ruinen seiner Vergangenheit zu kramen, als der Computer wieder ein Pling von sich gab. Eine neue E-Mail war eingetroffen. 15 Als sich der ergraute Mann auf dem rostigen, am Boden festgeschraubten Stuhl zurücklehnt, ist aus seinem Gemurmel nur eine einzige Phrase immer wieder herauszuhören: »Ich werde nicht sprechen, Sam.« Dann scheint etwas mit August Steen zu passieren. Er sieht zur Decke, sein Blick ist ein anderer geworden, seine Miene eine andere. Es ist, als hätte er sich selbst ertappt. Beim Lügen. Irgendetwas scheint sein Inneres zu erfassen, ein leiser Regen, der langsam, aber unerbittlich zu einer Sintflut wird, die alles Unwahre fortspült. Sein ganzer Körper sammelt das restliche Leben zusammen, das ihm noch bleibt. »Es gibt eine Wasserscheide, Sam, einen Punkt, an dem sich das Leben teilt. Diese Wasserscheide war William Larsson. Der Sohn von Nils Gundersen. Siebzehn Jahre lang verlief mein Kontakt mit Nils aus einer reservierten Distanz. Doch als der Professor, der später zu Ali Pachachi werden sollte, ins Bild kam, wurde unsere Beziehung enger. Nils und ich waren gezwungen, stets in Verbindung zu bleiben, damit es uns in größter Heimlichkeit gelingen konnte, Pachachi nach Schweden einzuschmuggeln. In diesem Zusammenhang wich Nils Gundersen zum ersten Mal von unserem streng professionellen Umgangston ab. Er hatte plötzlich ein Gefühl – ein Gefühl! –, dass er während seines kurzen Aufenthalts in Schweden vor siebzehn Jahren Vater geworden sein könnte. Und er bat mich, die Sache zu untersuchen. Um es kurz zu machen, meine Recherche in Stockholms Geburtsregistern führte zu einer Stina Larsson, die in einer Wohnung im Zentrum von Helenelund in Sollentuna wohnte und einen sechzehnjährigen Sohn mit einem stark entstellten Gesicht hatte. Ich machte Fotos von ihm, die ich an Nils Gundersen weiterleitete. Seine Antwort war herzzerreißend. Die gesamte Kindheit über hatte Nils in der Angst gelebt, die gleichen Symptome wie sein Vater zu entwickeln: eine schwere, genetisch bedingte Deformation des Gesichts. Dazu kam es nicht, stattdessen härtete er sich ab, er wurde hart wie Stahl – doch offenbar hatten seine Gene eine Generation übersprungen und waren an seinen Sohn weitervererbt worden. Je öfter ich den Jungen beschattete, desto klarer wurde mir, wie sehr er gemobbt wurde. Er rettete sich mithilfe eines Hobbys, das für ihn wichtiger wurde als alles andere: Uhren, Uhrwerke, Armbanduhren. Und er schien nur einen Freund zu haben, einen Jungen, den ich ab und zu in den Treppenaufgang im Stupvägen schleichen sah. Erst viele Jahre später verstand ich, dass Sie dieser Junge waren, Sam. Davon abgesehen, ging es in Williams Leben immer nur darum, einer Bande unheimlicher Mobber zu entkommen. Ich war kurz davor, ihnen einen Denkzettel zu verpassen, Sam, ihnen eine Heidenangst einzujagen. Aber dann beherrschte ich mich und suchte bei Nils Rat. Er war der Meinung, es bedürfe drastischerer Maßnahmen. Daher wollte er William zu sich nach Byblos in den Libanon holen. Wir konnten dieselbe Menschenschmuggelroute nehmen, die wir auch schon genutzt hatten, um Pachachi ins Land zu bringen, nur in die Gegenrichtung. Der Frühling verstrich, der Plan nahm Form an, doch an einem Tag im Frühsommer geschah etwas, das mich zum Handeln zwang. Ich fand William in einem erbärmlichen Zustand vor. Er war auf einem Fußballplatz an einen Torpfosten gefesselt worden und bewusstlos, man hatte ihn auf eine Weise ausgepeitscht, die nicht mehr als Mobbing bezeichnet werden konnte. Es war schwere Körperverletzung. Sein Geschlecht war blutüberströmt. Ich fürchtete ernsthaft um sein Leben. Also brachte ich ihn in meine Zweitwohnung in der Stadt. Jetzt mussten wir den Plan schneller vorantreiben. Als William wieder genesen war, hatte er keinerlei Einwände, zu einem Vater zu ziehen, von dem er bisher nicht einmal etwas gewusst hatte, je weiter weg, desto besser. Allerdings bat er um zwei Dinge: dass wir seine Mutter um Erlaubnis fragten und er seine Uhren mitnehmen durfte. Ich besuchte Stina Larsson im Zentrum von Helenelund. Damals hatte ich keine Ahnung, wie schlimm es um sie stand. Sie war eine schwere Alkoholikerin, der die Zwangsräumung drohte. Ich setzte durch, dass die Säpo die Wohnung kaufte, um ein Safehouse daraus zu machen. Stina durfte so lange dort wohnen bleiben, wie sie allein zurechtkam, und ich schmuggelte William mit ihrem Segen zu seinem Vater. Nils hatte die besten plastischen Chirurgen der Welt beauftragt, und ich erhielt regelmäßig Berichte über Williams Veränderungsprozess. Er hatte angefangen, hart zu trainieren und fleißig zu studieren. Nachdem er all die komplizierten Gesichtsoperationen durchlaufen hatte, übernahm er einen Platz im Söldnerheer seines Vaters und wurde ein erfolgreicher Soldat und Informatiker. Kurzum, er wurde ein Mann, der mir nützlich sein konnte. Stina hatte nicht so viel Glück. Es dauerte nicht einmal ein Jahr, dann hatte sie der Alkoholismus endgültig zerstört. Sie wurde in eine Klinik gebracht, wo sie schon nach einem Jahr verstarb. Das führte wiederum dazu, dass das Safehouse der Säpo im Zentrum von Helenelund frei wurde. Mich hatten inzwischen erste Hinweise erreicht, dass jemand der neuen Identität des Professors – als Pizzabäcker in Alby – auf die Spur gekommen sei. Es war an der Zeit, ihn mit einer wirklich sicheren Identität auszustatten. Er erhielt den Namen Ali Pachachi und wurde mit seiner Familie nach Helenelund gebracht. So ging es dann einige Jahre weiter. Der Mann, der jetzt Ali Pachachi hieß, hatte noch immer sein Netzwerk und versorgte die Säpo während der Hochphase der Al-Qaida und später des IS weiterhin mit den Namen potenzieller Terroristen. Nach einigen Jahren erreichte ihn ein Gerücht über das Syndikat des berüchtigten albanischen Waffenhändlers Isli Vrapi. Vrapi selbst war bei einer Schießerei zwischen verfeindeten Banden in einer Kneipe auf dem Götgatsbacken in Stockholm ums Leben gekommen, und eine Zeit lang war unklar, was mit seinem Waffenimperium geschehen würde. Nach einer Weile stand fest, dass ein noch unbekannter, aber endgültiger Nachfolger das Imperium übernommen hatte. Dieser Mann sammelte jetzt seinen Waffenvorrat zusammen, um ihn auf einige europäische Länder zu verteilen, und bereitete sich darauf vor, sein Unternehmen an den IS zu verkaufen. Oder an einen anderen Höchstbietenden. Der Gedanke war beängstigend. Dem Gerücht zufolge handelte es sich um modernste Sturmgewehre, Sprengstoffgürtel, ja sogar von Sprengköpfen und Raketen war die Rede. Einzigartige Prototypen. Und vieles deutete darauf hin, dass diese Waffenvorräte auf dem Weg nach Schweden waren. Ich kontaktierte Nils Gundersen, der sehr an dem Gerücht interessiert war und versprach, der Sache nachzugehen. Er sagte auch, es gebe vage Anzeichen dafür, dass Pachachi in Gefahr sei. Mir waren sie etwas zu vage, um den ganzen komplizierten Identitätswechsel von Neuem anzustoßen. Familie Pachachi musste Familie Pachachi bleiben. Aber es schien ein Leibwächter vonnöten zu sein. So stellte ich den Sachverhalt jedenfalls dar, Sam, und als ich die Sache Nils gegenüber erwähnte, schlug der sofort seinen Sohn vor. Es dauerte nicht lange, bis William Larsson in Schweden an Ort und Stelle war, mit der neu geschaffenen Identität Olle Nilsson. Er wurde bei der Wiborg Detaljist AG eingestellt, einer Zulieferfirma für technische Geräte, aber sein eigentlicher Auftrag bestand darin, der Leibwächter der Familie Pachachi zu sein. Die in seiner Kindheitswohnung im Stupvägen in Helenelund wohnte. Es war von Vorteil, dass er die Wohnung bereits so gut kannte, und Nils hatte mir versichert, sein Sohn sei durch und durch professionell. Doch in Wirklichkeit brauchte die Familie Pachachi gar keinen Leibwächter. Sie wurden nicht bedroht. Ich selbst benötigte William vor Ort, er war unerschütterlich loyal, ein Soldat, der tief in meiner Schuld stand. Ich war es, Sam, ich erteilte William Larsson den Auftrag, Aisha Pachachi zu entführen. Ursprünglich war es einzig und allein eine Weisung von mir, die William am Ende dazu veranlasste, sieben Mädchen in seine Gewalt zu bringen. Vielleicht werden Sie mein Vorgehen verstehen, Sam, vielleicht auch nicht. Vielleicht werden Sie mein Motiv verstehen. Ja, das glaube ich sogar ziemlich sicher, Sam. Trotz allem, was passiert ist. Und jetzt sollen Sie es erfahren. Ali Pachachi hatte –« 16 Donnerstag, 3. Dezember, 12:31 Sam Berger starrte auf den flimmernden Bildschirm. Die Sequenz endete tatsächlich genau an dieser Stelle. August Steens zweites Video endete genau in dem Moment, als er sich dem Kern seiner Erzählung näherte. Erst nach einer gewissen Zeit gelang es Berger, seinen Blick von dem migräneerzeugenden Bildschirm zu lösen. Jetzt fiel er auf das Bild der jungen Aisha Pachachi. Auf dem Foto sah sie aus wie eine Fünfzehnjährige beim Schulabschluss nach neun Jahren Grundschule, die zu neuen Ufern aufbrechen wollte. Dreiundzwanzig Minuten nachdem man das Foto aufgenommen hatte, war sie entführt worden. Von William Larsson. Auf August Steens Befehl. Nächstes Jahr würde sie volljährig werden. Wie sie heute aussah, wusste lediglich eine Person. William hatte es gewusst, bevor er starb. Jetzt wusste es nur noch Carsten. Die Geschichte begann, in Bergers Gehirn Amok zu laufen. William Larsson war August Steens Mann gewesen: Das war eine erschreckende Erkenntnis. Aus einem Berger bislang unbekannten Anlass hatte er den Auftrag bekommen, Aisha Pachachi zu entführen. Dabei war wohl im Kopf des einst gemobbten William eine Sicherung durchgebrannt, und er hatte auch andere fünfzehnjährige Mädchen gekidnappt. Steen musste zu dieser Zeit gewusst haben, was William trieb, er musste seinem Günstling Molly Blom gegenüber ein doppeltes Spiel gespielt haben. Offenbar hatte er so getan, als würde er ihre Suche nach William unterstützen, und zugleich hätte er schützend die Hand über ihn gehalten. Obwohl er sieben Mädchen entführt hatte. Und irgendwann in dieser Zeit hatte wohl auch Steens eigene rechte Hand, Carsten, ein doppeltes Spiel angefangen. Carsten wurde ein Spitzel im Herzen der Säpo, von einer fremden Macht beauftragt, jenen Ali Pachachi zu finden, den Steen in ein Safehouse gebracht hatte, das nur er selbst kannte. Carsten spürte die entführten Mädchen auf, dann befreite er Aisha Pachachi aus Williams Gewalt und versteckte sich mit ihr. Anschließend wartete er Pachachis Reaktion ab, der sich vermutlich für seine Tochter opfern würde. Das war der derzeitige Stand. Was allen Involvierten jedoch augenscheinlich egal war, war das Schicksal der sieben entführten Mädchen. Das machte Sam Berger rasend, obwohl er selbst nicht ganz unschuldig an der Sache war. Auf einem einsamen Fußballplatz ist der Frühsommer besonders rücksichtslos. Es ist windstill, die Luft staubig, die Sonne grell und stechend. Zwei Zeugen gibt es von der Szene mit dem Torpfosten. An dem ein Mensch hängt. Es ist der junge William Larsson, gefesselt und blutig geschlagen. Einer der Zeugen sitzt in sicherem Abstand im Schatten eines Baums. Es ist Sam Berger. Er ist fünfzehn Jahre alt, und er weint. Er trocknet sich die Tränen mit dem blutigen Handtuch und schmeckt Williams Blut. Doch es gibt noch einen weiteren Zeugen, und als Sam den großen, fremden Mann sieht, der auf die Torpfosten zugeht, schleudert er das Handtuch weg und rennt davon. Die Stille im Haus auf der kleinen Schäreninsel war jetzt lähmend. Berger konnte kaum atmen. Seine Schuld umhüllte ihn wie eine schwere dunkle Wolke. Ihn umfing eine feuchte Dunkelheit, die ihn beinahe erstickte. Wie im Tiefenrausch. Hastig sprang er auf, streifte mit der Hand die große Karte des Schärengartens, richtete seinen Blick auf das Whiteboard und fixierte das Foto von Aisha. Carsten hatte sie vor einem knappen Monat entführt und allem Anschein nach einige lächerliche Kilometer entfernt vom Zentrum von Helenelund versteckt. In einer schallisolierten Wohnung in Tensta. Weder die Schallisolierung noch die Bienenzucht auf dem Dach waren ein spontanes Werk, und höchstwahrscheinlich hatte Carsten die Wohnung schon bedeutend länger besessen, das Haus auf dem Dach womöglich unabhängig davon. Die Säpo hatte mit Sicherheit bereits mindestens vier Mann in Tensta, dennoch musste Berger der Sache nachgehen, vor allem jetzt, nachdem es ihm gelungen war, in das innere Netzwerk der Säpo vorzudringen. Vielleicht konnte er sogar auf die Ermittlungsprotokolle zugreifen und sich über den neuesten Stand informieren. Wieder setzte er sich an den Computer, jetzt voller Elan, und arbeitete sich in das System vor. Zu seinem Erstaunen fand er schnell eine »provisorische Notiz« von einem zivilen Säpo-Angestellten an jemanden, der als »Agent Malmberg« bezeichnet wurde. Eine Recherche über den unbekannten Malmberg ergab, dass er oder sie die Ermittlungen leitete und direkt an August Steen berichtete. Eine Reihe von E-Mails und Telefongesprächen an Steen im Laufe des Tages ließ darauf schließen, dass Malmberg den Chef nicht erreicht hatte. Die provisorische Notiz war ebenfalls mit dem aktuellen Tagesdatum versehen und gab Berger einen direkten Einblick in den neuesten Stand der Ermittlungen. Die Wohnung in Tensta war eine Eigentumswohnung, die vor zwei Jahren von einem Mann namens Johan Svensson gekauft worden war. Das frei stehende Häuschen auf dem Dach gehörte allerdings schon seit drei Jahren einem Sven Johansson. Berger war es leid. Diese falschen Identitäten der Säpo waren vermutlich kaum aufzudecken und hatten etwas geradezu Lächerliches an sich. Die Miete und die Strom- und Internetrechnungen wurden von zwei unterschiedlichen Firmenkonten in zwei unterschiedlichen Ländern gezahlt, beides Steueroasen, Monaco und – Gibraltar. Natürlich konnte das Zufall sein. Das Foto an der Wand in der Wohnung in Tensta, der Fels von Gibraltar in der Ferne, die idyllische andalusische Landschaft. Die Karte mit den Worten »like the Andalusian girls«. Nein, Berger interpretierte hier zu viel. Nichts ließ sich zurückverfolgen, anonyme Konten, Bankgeheimnisse, Hinweise auf Vertragsklauseln et cetera et cetera. Überhaupt war die Säpo nicht weitergekommen als bis zu einer auf Gibraltar registrierten Firma namens Big Exit Ltd., die möglicherweise etwas mit Carstens großem Austritt aus der Säpo zu tun hatte. Offensichtlich war Carsten darauf spezialisiert, der Säpo nur jene Spuren zu hinterlassen, die er ihr hinterlassen wollte. Sollten sie also einen Hinweis auf Andalusien erhalten? Warum? Wie auch immer, es deutete jedenfalls nichts darauf hin, dass Agent Malmberg der Frage nachging. Bergers Gedanken wanderten wieder zurück zu dem Wohnzimmer in Tensta. Das Foto mit dem Fels von Gibraltar, die Bienenstöcke am Hang. Zwei Bienen, die im Raum umhersummten. To bee, or not to bee. Nur Berger hatte die Verbindung gesehen, nicht Steen, nicht Roy, nicht Kent. Vielleicht war seine Denkweise der von Carsten doch näher? Freier, mutiger, wilder? Eventuell war es doch so, dass Carsten nur Berger und niemand anderem etwas sagen wollte? Weshalb er genau Berger und keinen anderen hatte kastrieren wollen? Aber noch einmal: Wenn das so war, warum? Intuition ist nichts anderes als konzentrierte Erfahrung. Nein. Halt. Genug. Noch einmal: Er interpretierte zu viel. Es war an der Zeit weiterzugehen. Wo befand Carsten sich jetzt? Wo war er, und wo hielt er Aisha gefangen? Und wohin hatte er August Steen gebracht? Agent Malmberg hatte zwei Mann beauftragt, allen Bewegungen rund um die Immobilie in Tensta nachzugehen. Da die Kriminalität in der Gegend angestiegen war – Krawalle, brennende Autos, Drogenhandel, Bandenmorde –, hatte die Polizei vermehrt Überwachungskameras aufgestellt, es existierte wochenlanges Filmmaterial. Bisher hatte die Recherche nichts ergeben, aber Berger hatte die Links, er konnte sich selbst daran versuchen, wenn er aus irgendeinem Grund befand, dass die Situation auf der einsamen Insel noch nicht klaustrophobisch genug war … Wieder warf er einen Blick aus dem Fenster. Der Schneeregen peitschte immerhin nicht mehr gegen die Scheiben, aber er hielt sich noch immer in schweren, dicken Tropfen. Zurück zum Bericht. Noch hatte kein Fahrzeug mit Carsten an Bord identifiziert werden können. Berger ahnte, dass Carsten genau wusste, wo die Überwachungskameras hingen. Nein, ihn über ein Auto finden zu wollen funktionierte nicht. Was gab es noch? Den Optiker? Den Augenarzt? Wo bezog Carsten seine dicken Brillen? Eine hatte er in der Wohnung hinterlassen, also hatte er unlängst eine neue, vermutlich stärkere abgeholt – bei wem? Die Bienenstöcke. Wo kaufte man die? Und wo die Bienen? Den Protokollen zufolge war die Säpo bereits vollauf damit beschäftigt, all diesen Dingen nachzugehen. Hier hatte Berger also keinerlei Vorsprung. Im Gegensatz zur Säpo blieb ihm jedoch ein Vorteil: Er musste sich nicht an die Gesetze halten, keine Rechenschaft ablegen, gegenüber niemandem. Und so sagte ihm seine Intuition, dass er sich trotz allem der Fährte Gibraltar annehmen sollte. Die Bank in Gibraltar hieß PPB und hatte keinen ganz untadeligen Ruf. Glaubte man einer Website, die allerdings schon beim ersten Ansehen Konspirationstheorien vermuten ließ, war die PPB – die Plutus Private Bank – eine jener Banken, die von der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta zur Geldwäsche genutzt wurden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung handelte es sich um ein Unternehmen, dessen Geschäftsidee auf dem Bankgeheimnis und der Steuerflucht basierte. Sie waren also von vornherein äußerst vorsichtig. Berger spürte eine Reihe von Bankangestellten auf und startete eine umfangreichere Recherche. Mit etwas Glück würde er fündig werden. Er war frei, mutig und wild und brauchte nicht mehr als einen kleinen Finger. Während die Suche lief, stand er auf und streckte sich. Es knackte ein wenig beunruhigend in seiner Wirbelsäule. Allmählich wurde er steif und unbeweglich, aber weder das Wetter noch die Landschaft steigerten sein Bedürfnis nach körperlicher Aktivität. Er war um die Insel spaziert, eine knapp einen Kilometer lange Runde, die man niemals joggend zurücklegen könnte, jedenfalls nicht ohne Knochenbrüche. Also genehmigte er sich stattdessen lieber einen Whisky. Zu seiner großen, aber nicht ganz ungetrübten Freude gab es einen zwölfjährigen Highland Park: Das Unbehagen darüber, dass August Steen all seine Vorlieben kannte, ließ sich für eine Weile in dem beglückenden Geschmackserlebnis ertränken. Als Berger wieder zum Schreibtisch ging, fiel ihm auf, welchen weiten Bogen er um die halb ausgepackten Umzugskartons machen musste. Das sollte er dringend in Angriff nehmen und wenigstens alles Unwichtige aussortieren. Immerhin waren es die Trümmer seines Lebens, die dort für Unordnung sorgten. Als er zum Computer zurückkehrte, wurde ihm ein kleiner Finger gereicht. Berger griff danach und kam zu der Überzeugung, dass er die ganze Hand nehmen konnte. Bei dem kleinen Finger handelte es sich um eine verheiratete Führungskraft auf der mittleren Ebene, die auf einer Dating-Seite aufgetaucht war, gut verborgen, aber dank dem Entschlüsselungssystem der Säpo und dem Militärischen Abschirmdienst dennoch zu enttarnen. Denn vor diesem Mann wurde in einem Chat zwischen zwei Frauen ausdrücklich gewarnt. Sein Pseudonym »Makarenko« sprach für sich, schließlich war der Russe Waleri Makarenko der schlimmste überführte Serienvergewaltiger aller Zeiten, der sich zu jedem Geburtstag die Vergewaltigung einer Frau oder eines Mädchens zum Geschenk gemacht hatte. Den Nachnamen eines solchen Mannes als Pseudonym auf einer Dating-Plattform zu wählen sagte schon einiges über den Benutzer aus. Die Nachrichten der beiden Frauen trugen ihr Übriges zu diesem Eindruck bei. Es bestand kein Zweifel daran, dass diese Führungskraft zur wachsenden Schar jener Männer gehörte, die der Meinung waren, sexuelle Belästigung im Internet sei vollkommen normal. Es war an der Zeit, die ganze Hand zu nehmen. Während Berger überlegte, welchen Alias er wählen sollte, um verzweifelt genug zu klingen, gab der Computer erneut ein Signal von sich. Berger wechselte das Fenster, und plötzlich starrte Carsten ihn durch den Bildschirm und seine dicken Brillengläser hindurch an. Berger schreckte zurück. Es dauerte einige Sekunden, ehe er realisierte, dass er nur auf ein Foto blickte. Endlich hatte er in den tiefsten digitalen Kellerlöchern der Säpo einen Treffer gelandet und den Spitzel aufgespürt. Wie sich herausstellte, hieß Carsten mit Nachnamen Boylan und war den Angaben zufolge im August 1974 in Stockholm geboren. Leider fanden sich kaum andere Informationen, und auch eine einfache Google-Suche nach dem Namen ergab nichts. Dafür stand im Register der Säpo ein kurzer Lebenslauf. Carsten Boylan war vor dreizehn Jahren von der Säpo angestellt worden. Nach drei Jahren vorgeblicher Schreibtischtätigkeit war er zwei Jahre freigestellt worden, hatte sich anschließend langsam, aber sicher ins Innere der Organisation vorgearbeitet und war unter August Steens Fittichen immer weiter aufgestiegen. Für seine Enttarnung als Spitzel gab es keinerlei Hinweise. Berger starrte auf den Bildschirm. Dass der Lebenslauf geradezu nichtssagend war, verriet wiederum einiges. Allem Anschein nach war Carsten direkt ins kalte Wasser geworfen worden und hatte drei harte Jahre hinter sich gehabt, die ein halbes Jahr Erholung notwendig machten. Es folgte eine steile Karriere. Er hatte seine Hundejahre durchlitten, die Feuerprobe bestanden und seine Belohnung erhalten. Ohne große Hoffnung startete Berger eine neue Suche, bei der er auf unterschiedliche Weise die Namen Carsten Boylan, Sven Johansson und Johan Svensson miteinander kombinierte. Dann weitete er den Gedanken ein wenig aus. Warum Tensta? Gab es Verbindungen? War das Kindheitsterritorium? »Geboren in Stockholm« war die Säpo-Sprache für Anonymität, Unauffindbarkeit, und Tensta war genauso gut wie Örkelljunga. Es gab keine Personennummer, keinen Treffer im Einwohnermeldeverzeichnis, keinerlei Angaben zum Wohnort. Carstens Leben vor der Säpo war ausradiert worden, sein Leben in der Säpo bis zur Nichtigkeit verwässert. Trotzdem war Boylan ein ziemlich spezieller Nachname, der in Schweden nicht oft vorkommen dürfte – sollte es da nicht möglich sein, wenigstens einen Verwandten ausfindig zu machen? Tensta in den Siebzigerjahren, eine amerikanische oder britische Einwandererfamilie – nicht einmal zur damaligen Zeit typisch für die Bewohner des Orts. Aber auch nicht aufsehenerregend untypisch. Die englischsprachigen Einwanderer waren immer schon die Mehrheit in Schweden gewesen, neben den verschiedenen Flüchtlingsströmen. Doch Berger bekam nichts zu fassen, er fand nichts, in das er sich hätte verbeißen können. Also notierte er die wenigen Boylans, die es in Schweden gab, und spähte in eine Ecke des Schreibtischs. Dort stand das sichere Satellitentelefon aus dem Inland. Es erschien ihm, als gehörte es zu einem ganz anderen Leben. Was war spannender? Ein paar dezembermüde Boylan-Namensträger im ganzen Land anzurufen – was die Säpo sicherlich schon erledigt hatte – oder die außergewöhnliche Landesvorwahl +350 einzugeben? Die Entscheidung fiel leicht, die Nummer war bereits gewählt. Eine etwas atemlose Männerstimme meldete sich. »Corby.« Berger sagte auf Englisch: »Spreche ich mit Roger Corby in Gibraltar?« »Können Sie sich später noch einmal melden? Ich bin gerade im Fitnessstudio.« »In der Strength Factory, nehme ich an?«, fragte Berger. Am anderen Ende des Hörers wurde es still. Dann entgegnete Roger Corby: »Wer sind Sie?« »Prinzipiell könnte ich der Serienvergewaltiger Waleri Makarenko persönlich sein. Wenn er die Erlaubnis hätte, aus dem Petak-Gefängnis Anrufe zu tätigen.« Weiteres Schweigen, noch tiefer. Schließlich sagte er: »Ich lege jetzt auf.« »Das wäre ein Fehler«, entgegnete Berger. »Ich sitze hier vor der gesamten Kommunikation von ›Makarenko‹ aus dem Dating-Portal All Heart. Inklusive solider Beweise, dass sich hinter diesem Pseudonym ein verheirateter Familienvater namens Roger Corby verbirgt.« Jetzt hatte sich das Schweigen verändert. Atemzüge waren zu hören, die verrieten, dass ihm darauf keine Antwort einfiel. Berger fuhr fort: »Hinter dem Pseudonym ›Lovebird‹ verbirgt sich wiederum meine Schwester. Möchten Sie, dass ich Ihnen vorlese, was Sie meiner geliebten kleinen Schwester geschrieben haben?« »Was wollen Sie?«, fragte Corby heiser. »Es gibt nur einen einzigen Weg, um zu verhindern, dass Ihre Frau und Ihre Chefs von dieser Kommunikation erfahren. Verstanden?« »Ja«, antwortete Corby sofort, aber noch immer heiser. »Gut. Ich rufe morgen um Punkt 16:00 Uhr wieder an. Und dann brauche ich alle Informationen über einen gewissen Sven Johansson bei einer in Gibraltar registrierten Firma, die sich Big Exit Ltd. nennt und monatliche Raten für ein Dachhäuschen in einem Stockholmer Vorort namens Tensta überweist.« »Das könnte schwierig werden«, murmelte Corby. »Bedenken Sie mal, wie schwierig Ihr Leben werden könnte, wenn Sie es nicht tun«, erwiderte Berger und legte auf. Er starrte auf den Hörer des Satellitentelefons. Wenn er eines hasste, dann war es Erpressung, und allein der Gedanke daran, Informationen an einen betrogenen Ehepartner durchsickern zu lassen, befremdete ihn. Petzen, das tat man ganz einfach nicht, es gehörte sich nicht, für niemanden. Es gehörte in die Sphäre des Teufels. Aber Berger tröstete sich damit, dass Corby gegen mindestens eine Frau eine Straftat begangen hatte und eigentlich im Gefängnis sitzen sollte. Da stellte sich eher die Frage, ob er dieses Schwein überhaupt entkommen lassen wollte. Und dennoch ekelte er sich ein wenig vor sich selbst, als er das Telefon beiseiteschob und in Aisha Pachachis fünfzehnjährige Augen sah. Für einen flüchtigen Moment meinte er zu erkennen, wie sie ihm mit einem stummen Nicken ihr Einverständnis gab. Das vertrieb allerdings nicht die Rastlosigkeit, die Selbsthass so oft mit sich bringt. Der Schneeregen vor dem Fenster war wieder stärker geworden, und draußen schien es noch klaustrophobischer als drinnen zu sein. Also doch die Umzugskartons. Er ging hinüber und hörte dabei sein eigenes Seufzen. Es klang genauso fremd, wie wenn man von seinem eigenen Schnarchen hochschreckt. Die Kartons schienen aus einem inneren Druck heraus explodiert zu sein. Er watete eine Weile in dem Chaos umher, bis er etwas sah, das sein Interesse weckte. Zuvor hatten sie Berger vor allem irritiert – was zum Teufel hatte sich die Säpo dabei gedacht, die alten Schuljahrbücher aus seinem Schrank hervorzuwühlen und als wichtigen Teil seines Lebens aufzufassen? –, doch jetzt verlieh ihnen die Szene vom Fußballplatz einen neuen Sinn. Er raffte die Hefte zusammen, füllte sein Whiskyglas nach und warf sich auf das unbestritten bequeme Sofa. Der Highland Park spannte sein Gaumensegel, während er sich durch einen Schärengarten navigierte, den er seit über zwanzig Jahren nicht mehr angesehen hatte. Es waren die Jahrbücher von 1991 – 1993 von der Helenelund-Schule in Sollentuna. Er legte das erste aus der siebten Klasse beiseite und konzentrierte sich auf den neunten Jahrgang. Da war William Larsson in Sam Bergers Klasse gekommen. Ob William mit auf dem Klassenfoto war? Berger hatte keine Erinnerung daran. Er blätterte und fand seine Klasse schließlich. Als sein Blick von der oberen linken Ecke angezogen wurde, gab es keine andere Erinnerung mehr. Keine andere Erinnerung als das kantige, knotige Gesicht, das dem Rest der Klasse unwillkürlich die Aufmerksamkeit stahl. Das Kinn war vollkommen schief, aus der Stirn erhob sich seitlich eine hornähnliche Beule, der rechte Wangenknochen ragte nach oben, der linke zeigte nach unten. Und der Blick hätte töten können. Erneut wurde es Frühsommer. Die Luft war staubig, die Sonne grell und stechend. William hing am Torpfosten, der große Mann bewegte sich auf die blutige Gestalt zu. Dort, wo der fünfzehnjährige Sam in sicherem Abstand saß und sein Gesicht mit dem Handtuch abtrocknete, das nach Williams Blut schmeckte, sah er es erneut, blitzartig. Wie er das Handtuch hob und darauflospeitschte, und wie das Mädchengekicher verschwand, sogar Anton, der schlimmste Mobber, machte sich aus dem Staub, und am Ende stand Sam allein dort mit Williams entblößtem, blutigem Unterleib. Er selbst hatte William ausgepeitscht, weil er ein monströses Uhrwerk sah, und der Schmerz schoss Pfeile durch die Jahrzehnte, Pfeile, die sich in seinen Hirnwindungen festsetzten und durch jede Ecke, jeden Winkel, jeden Zentimeter seines Kopfs befördert wurden, bis das ganze Gehirn elektrisch knisterte und er nicht anders konnte, als weiterzublättern, mehrere Seiten zurück, krampfartig. Berger starrte auf das Klassenfoto, ohne es wirklich zu sehen. Dennoch nahm er wahr, dass sie jünger waren, nicht viel jünger, aber doch augenscheinlich. Eine achte Klasse, und es gab keine Abweichler, niemanden mit einem kantigen, knotigen, hornbesetzten Gesicht, nur gewöhnliche schwedische Vorortvisagen, Dreizehn- bis Vierzehnjährige, und es kam ihm wie eine Linderung vor, seinen Blick über die verblüffend homogene Reihe von Kindern am Übergang zum Erwachsenwerden schweifen zu lassen. Er verharrte bei einem Gesicht, einem Mädchengesicht, und das große Uhrwerk kehrte zurück. Er sah sie dort gefesselt, William im Hintergrund, und er begriff, dass jene Molly, die dort stand, mit einem Silbertape über dem Mund, dieselbe Molly war, die nun vielleicht sein Kind in sich trug. Nun war er vollkommen in ihrem reinen Lächeln versunken. Molly. Der Beginn des Schulhalbjahrs. Der Blick sollte klar und rein und ungetrübt sein, aber es lag etwas Zweideutiges darin. Trotzdem glich ihr heutiges Aussehen dem von damals noch sehr, und selbst wenn sie im Koma lag und vielleicht sterben würde, sah Sam Berger unzweideutig, wie ihr gemeinsames Kind aussehen würde, er sah es mit großer Klarheit. Und dann fiel sein Blick auf die Namensliste unter dem Foto, auf den Namen Molly, und er blieb bei dem Vornamen, wollte nicht weiterlesen, denn irgendetwas war falsch an der Fortsetzung, sein immer noch schmerzendes Gehirn weigerte sich, den Rest zu lesen. Denn da stimmte etwas nicht. Hinter Molly stand nicht Blom. Dort steht ein anderer Nachname. Steen. Dort stand Molly Steen. 17 Donnerstag, 3. Dezember, 23:03 Die Toten waren überall um sie herum in der Dunkelheit – eine stumme, aber starke Gegenwart. Sie kamen immer näher, nur das winzig kleine Licht hielt sie auf Abstand. Doch sie konnte nicht in alle Richtungen gleichzeitig leuchten. Sie spürte, wie der faulige, eiskalte Atem der Toten ihr Gesicht streifte. Sie musste sich zusammenreißen. Molly Blom ging über einen Friedhof, und nur der Schein ihrer Taschenlampe durchbrach die Dunkelheit. Die Gräber waren verhältnismäßig neu, die Kirche ganz und gar nicht. Als der Lichtkegel die Fassade erreichte, offenbarte sich ein Turm, der nicht spitz zulief, sondern von einem gewöhnlichen Schrägdach gekrönt wurde. Die Oberfläche aus Steinen war grob und rau, und als Molly die Lampe erneut auf die Gräber richtete, zog sich die uralte Kirche wieder in die große Finsternis zurück. Eine Weile blieb sie dort stehen und fand zu einem normalen Atemrhythmus zurück. Sie betrachtete die Gräber. Von der Erde bist du genommen, zur Erde kehrst du zurück. Das Leben. Eine so kurze Zeit auf dieser Welt, ein wildes, tanzendes Irrlicht, das aufglimmt und dann für immer verschwindet. Man sollte in Ruhe bis zum Ende herunterbrennen dürfen. Sie schloss die Augen. Es machte kaum einen Unterschied. Dann wanderte sie um die Kirche herum, bis sie eine Pforte erreichte, die aussah, als wäre sie vor Urzeiten angebracht worden. In Anbetracht der grenzenlosen Schändungen, die heute an Kirchengebäuden verübt werden, war sie sicher abgeschlossen und verriegelt. Molly stellte fest, dass sie es nicht war, packte energisch den eiskalten Griff und zog die Pforte auf. Sie öffnete sich in eine Finsternis, die jedoch nicht allumfassend war. Ein vager Schimmer ruhte über dem Kirchenchor, von dem sich rechter Hand die Kanzel erhob. Molly Blom ging langsam durch das Mittelschiff den Gang hinunter nach vorn. Sie sah den schwachen Lichtschein, aber nicht seine Quelle, und die inneren Konturen der Kirche verschwanden, sobald sie den Blick hob. Erst fünf, sechs Kirchenbankreihen weiter vorn entdeckte sie etwas, auf der linken Seite, wo der Lichtschein kaum hinreichte. Der leicht ergraute männliche Hinterkopf war kaum zu erkennen. Um sie herum herrschte eine gnadenlose Stille. Blom verlangsamte ihre Schritte. Dann wurde sie aufgehalten. Eine ruhige Männerstimme sagte: »Halt. Gehen Sie dort hinein.« Sie betrat die Kirchenbank hinter dem Mann. Hielt erneut inne, ein paar Plätze entfernt, dann setzte sie sich und betrachtete den Hinterkopf. Der Mann saß immer noch vollkommen still da. »Ein Treffen in einer Kirche?«, fragte Molly Blom. »Ist das Ihr Ernst?« »Mir kam der Gedanke, es täte Ihnen gut«, antwortete die ruhige Männerstimme. »Das Klischee?«, fragte Blom. »Die Kirche«, entgegnete der Mann. »Der Frieden.« Er drehte sich kurz um, und das Einzige, was sie in der Dunkelheit erkennen konnte, war sein Blick, ein neutraler Blick ohne Gesicht. »Die Gnade«, fügte er hinzu und wandte sich wieder nach vorn. Unwillkürlich sah Molly Blom zu der leidenden Christusgestalt empor. Die ausgestreckten Arme, die angewinkelten Beine, das rinnende Blut, der universelle Schmerzensausdruck. Der Dornenkranz. Vielleicht brauchte sie wirklich die Gnade. Dann sagte der Mann, noch immer von ihr abgewandt: »Herrestad ist die älteste Kirche Schwedens. Frühes Mittelalter, grenzt fast an die Wikingerzeit. Die Balken dort oben wurden auf das Jahr 1112 datiert, weit vor der Gründung Stockholms. Früher romanischer Stil, glatte Maueroberfläche aus Kalkstein, eine Kargheit ohne Dekor. Vielleicht sehen wir hier die ursprüngliche schwedische Volksseele. Karg und schroff. Pflichtbewusst.« Blom lehnte sich zurück und versuchte, sich von der neunhundertjährigen Heiligkeit umfangen zu lassen. Doch es gelang ihr nicht so recht. »Was wollen Sie?«, fragte sie. »Was wollen Sie?«, erwiderte er. Wieder legte sich das Schweigen über den steinalten Kirchenraum. Ja, was wollte Molly Blom? Dass dieses verdammte Gebäude mit all seiner angestauten Zeit sie ein bisschen durcheinanderwirbeln und zu einer Zeitmaschine werden würde. Dass sie 1977 in Sollentuna wieder aussteigen könnte. Und den Adoptionsbeauftragen sagen hörte: Leider sind Sie als Adoptiveltern nicht geeignet. Der Mann drehte sich erneut um. Nach wie vor war er nur ein Blick. Vielleicht lag diesmal eine gewisse Wärme darin, vielleicht bildete sie es sich auch nur ein. Bestimmt war es ein Wunschtraum. »Vatermord ist keine leichte Sache«, sagte er und blickte wieder nach vorn. Sie schloss die Augen. August Steen. Nicht nur ihr Mentor. Viel mehr als ihr Mentor. Es war, als würde dieser Mann ihr ihren Schmerz vergehen lassen. Doch kurz bevor er ganz nachließ, sagte der Mann: »Diese Kirche sind Sie, Molly Blom. Mit so vielen Zeitebenen, so vielen Rollen angefüllt. Im Laufe der Zeit ausstaffiert, aber im Grunde doch karg und schroff. Pflichtbewusst.« Der Mann holte tief Luft, ehe er fortfuhr: »Sie wissen auch, dass es notwendig ist, Molly. Die anderen mussten diese Leiche sehen, es war sehr eilig, und wir haben es rechtzeitig geschafft. Die Situation ist wieder unter Kontrolle. Dank Ihnen haben wir es geschafft. Man hat sich um die Leiche gekümmert und sie vorgezeigt. Rechtzeitig.« »Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen?«, fragte Blom gedämpft. »Ich bin gekommen, um mich von Ihrem Zustand zu überzeugen«, sagte der Mann ruhig. »Vatermord ist, wie gesagt, keine leichte Sache. Aber wenn es Ihnen gelungen ist, sich bis ins Nirgendwo vorzukämpfen, zu diesem alten, einsamen Ackergebiet zwischen Vättern und Tåkern, geht es Ihnen vermutlich gut. Also, ist alles in Ordnung, Molly?« »Alles in Ordnung«, brummelte Blom. »Wie konnten Sie so schnell aufwachen?« Molly Blom blinzelte in das trübe Licht. Zum ersten Mal flackerte es, vermutlich hatte der Mann irgendwo hinter der Kanzel eine oder mehrere Kerzen entzündet. Um für Stimmung zu sorgen? Stimmung? »Was wollen Sie damit sagen?«, fauchte sie. »Sie haben im Koma gelegen. Im besten Fall konnte man hoffen, dass Sie in ein paar Monaten aufwachen und sich langsam wieder ins Leben zurückkämpfen würden. Rollator, Reha, schwache Beine. Noch am Abend davor ließ der behandelnde Arzt mitteilen, dass Ihr Zustand bedauernswerterweise unverändert sei. Doch Sie haben allen Prophezeiungen getrotzt und waren obendrein ausreichend bei Kräften, um auf eine sehr clevere Weise aus einer geschlossenen und gut bewachten Abteilung zu fliehen. Haben Sie eine Ahnung, wie das gelingen konnte? Wie haben Sie es selbst erlebt?« Blom wurde wieder in das Krankenzimmer zurückgeworfen. Diese plötzliche Wachheit. Als würde neues Blut durch ihre Adern fließen. Das weiße Zimmer, die Erinnerung vollkommen ausgelöscht, alles nur weiß. Dröhnende Kopfschmerzen, grenzenloser Durst, der Infusionsständer, die Nadel im Arm, das Heftpflaster. Die angelehnte Tür, die Konturen einer Bahre draußen im Gang, eine Bahre, ein weißer Fuß, der unter dem Laken hervorragte. In dieser Lage versuchte sie, die Situation zu erfassen. Sich einen Plan auszudenken. Ohne jede Erinnerung. Diese Fähigkeit war das Ergebnis eines langen, professionellen Trainings, das vielleicht mehr einer Gehirnwäsche geglichen hatte. Die Infusionsnadel herausreißen, Kräfte sammeln und trotz des massiven Schwindelgefühls den Platz mit der Leiche tauschen. Im Versteck unter dem Laken hatte sie das Protokoll des Wachmanns gelesen und dann in einem Aufzug versehentlich mit der Hand einen anderen Körper berührt. Sie wurde durch Krankenhausflure gefahren, bis in eine Leichenhalle. Dort standen andere Bahren, eine Tote zwischen Toten. Dann hieß es warten und nach einem Fluchtweg suchen. Ein Schild in der Ferne markierte den Notausgang, noch aber standen zwei Männer neben der Bahre. Doch plötzlich war sie allein, allerdings fast nackt, nur mit einem dünnen weißen Krankenhaushemd bekleidet. Sie gelangte in einen Hinterhof, fand eine Treppe, schwankte und musste all ihre Kräfte sammeln, um zur Bushaltestelle zu gelangen. Die blaue Linie, Bus 3. Sie ging langsam und versuchte dabei, nüchtern und normal auszusehen, so gut das barfuß und in einem Krankenhauskittel möglich war. Am Bus angelangt, bat und bettelte sie, bis der Fahrer sie schließlich mitnahm. Dann ging sie zur letzten Reihe und sah weit hinter dem Bus eine Frau rennen. Die Frau kam näher und rief dem Fahrer etwas zu. Doch der Bus scherte aus und beschleunigte. Erst als Molly Blom sich an die haselnussbraunen Rehaugen erinnerte, kehrte sie in die Realität zurück. Deer hatte sie verfolgt. Doch diese Erinnerung überlagerte eine andere nur schwach. Die zweite stammte aus einem dunklen Keller. Immer diese verdammten Keller. Molly erschauderte und sagte: »Ist nicht jedes Erwachen eine Art Wunder?« Der Mann zuckte mit den Schultern und entgegnete: »Auf jeden Fall. Gekappte Synapsen, die auf scheinbar magische Weise wieder richtig miteinander verkoppelt werden. Ich weiß, was Sie meinen. Aber ich finde trotzdem, dass es ein bisschen zu schnell ging.« »Danke«, sagte Molly Blom mürrisch. Der Mann nickte langsam. »Wenn Sie sicher sind, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist, machen wir weiter. Ich verstehe, dass das nicht leicht für Sie war, Molly.« Sie schwieg. Es gab nichts zu sagen. Leicht? Nein, leicht war es nicht gewesen. Sie lachte auf. Doch als das Echo von den uralten Kirchenwänden zurückgeworfen wurde, klang es nicht mehr wie ein Lachen. »Ich habe Sie gefragt, was Sie wollen«, sagte der Mann ruhig. »Aber ich weiß es schon.« »Ich möchte, dass die letzten sechs Wochen nur ein böser Traum waren.« »Ich unterscheide gern zwischen Wille und Wunschtraum.« »Und was glauben Sie zu wissen?« »Ich glaube, Sie wollen Sam Berger finden«, erklärte der Mann. Molly Blom verstummte erneut. Ihr Blick glitt an dem schwachen Lichtschein vorbei in die Dunkelheit. Dort verharrte er so lange, dass sie vor Schreck zusammenzuckte, als sie bemerkte, dass der Mann sich umgedreht hatte und sie betrachtete. Er hatte tatsächlich ein Veilchen im Gesicht. Sein Blick war deswegen jedoch nicht weniger eindringlich. Aber er war auch warm. Das Unfassbare bei alldem war, dass er einen warmen Blick hatte. »Warum finden Sie ihn nicht selbst?«, fragte sie. »Wer sagt, dass ich das nicht schon längst getan habe?«, erwiderte der Mann milde. »Und warum schnappen Sie ihn sich dann nicht?« »Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?« »Was meinen Sie?« »Wenn Sie in Form wären, wüssten Sie, dass ich niemanden schnappen kann. Mir stehen keine operativen Kräfte zur Verfügung. Die muss ich undercover finden. Und in diesem Fall fällt mir keine geeignetere Person ein als Sie, Molly.« »War das ein Kompliment?« »Schönheit liegt im Auge des Betrachters.« Der Mann drehte sich abermals um. Die Kirche von Herrestad schien sich um sie herum zusammenzuziehen, ihre ganze dunkle, mittelalterliche Betagtheit schrumpfte um Molly Blom wie ein Schrumpfschlauch um ein Kabel. Sie atmete ein und kroch zu Kreuze: »Ist es wahr, dass Sie ihn gefunden haben?« 18 Freitag, 4. Dezember, 9:13 Früher war Deer sehr gut darin gewesen. Aber sie war sich nicht sicher, ob dieses Talent nach wie vor bestand. Sie versuchte es trotzdem. Der junge Mann sagte: »Sind Sie sicher, dass es heute war?« »Ganz sicher«, antwortete Deer. »Um 9:15 Uhr.« Nach einem Blick auf die nagelneue Wanduhr meinte der junge Mann: »Dann haben wir ja noch ein paar Minuten.« »Aber er ist doch da?«, fragte Deer mit aller Entrüstung, die sie aufbringen konnte. »Der Chef der Sicherheitsabteilung der Nachrichtendienste hat mich sogar selbst hergebracht. Er weiß, wovon ich rede.« Der junge Mann schüttelte den tutenden Telefonhörer. »Und ich versuche jetzt schon seit einigen Minuten, Jonas Andersson zu erreichen. Ich muss Sie wirklich bitten, Platz zu nehmen.« »Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und der Abteilung für Nachrichtendienste?« »Sind Sie sicher, dass Sie Polizistin sind?«, fragte der junge Mann und untersuchte ihren Dienstausweis noch einmal. »Kommissarin Desiré Rosenkvist von der Nationalen Operativen Einheit, wie Sie hier deutlich erkennen können. Sind Sie sicher, dass Sie August Steens persönlicher Assistent sind?« »Denn wenn Sie Polizistin wären«, fuhr der junge Mann ein wenig stur fort, »dann würden Sie auch den Unterschied zwischen der Abteilung für Nachrichtendienste und der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste kennen.« »Und auch wissen, dass der Abteilungsleiter Steen gleichzeitig ein Büro im Polizeipräsidium in der Polhemsgatan hat, obwohl die Polizei und die Säpo inzwischen unterschiedliche Behörden sind?«, ergänzte Deer. Der junge Mann blinzelte mehrmals nervös. »Diese Aufteilung ist verhältnismäßig neu. Der Umzug findet in mehreren Phasen statt. Bald haben wir aber die gesamte zentrale Säpo hierher nach Solna überführt.« Deer blickte aus dem Fenster und sah Schienen. Schienen und Industriegebäude. Sie beschloss, das nicht zu kommentieren. Stattdessen sagte sie: »Der Unterschied besteht doch wohl darin, dass die Abteilung für Nachrichtendienste ganz einfach nicht existiert. August Steen läuft durch die Gegend und nennt sich Chef der Abteilung für Nachrichtendienste, dabei gibt es die gar nicht.« »Es ist eine Sonderaufgabe«, murmelte der Assistent. »Jetzt ist es Viertel nach neun«, sagte Deer und zeigte auf die Uhr. »Sie stehen nicht im Terminkalender, ich muss erst die Bestätigung einholen.« »Und wie kommen Sie damit voran?«, fragte Deer und richtete ihren Zeigefinger von der Uhr auf den Telefonhörer. Der junge Mann blinzelte wieder mehrmals, dann legte er den Hörer auf die Gabel. »Ich versuche, Jonas Andersson zu erreichen. Bitte setzen Sie sich doch so lange. Bitte.« Deer machte eine resignierte Handbewegung und schlenderte langsam zu der Sitzgruppe im Vorzimmer von August Steens Büro im neuen Hauptquartier der Säpo in Solna. Ihr Blick war fest auf den Türspalt zu Steens Büro gerichtet. Mit ein bisschen Glück würde der persönliche Assistent bald ausreichend beschäftigt sein, um sie aus den Augen zu lassen. Dass August Steen nicht an seinem Platz war, schien genauso offensichtlich wie die Tatsache, dass irgendetwas diesen jungen Mann maßlos stresste. Sie fragte sich, was das sein konnte. Der persönliche Assistent machte sich auf den Weg und schloss die Tür zum Vorzimmer hinter sich. Deer öffnete sie wieder, nur einen kleinen Spalt, um etwaige Geräusche auf dem Flur zu hören. Dann hatte sie es eilig. In das Büro eines hohen Säpo-Chefs einzubrechen war vermutlich das Dümmste, was eine Polizistin tun konnte, die erst kürzlich gründlich von den internen Ermittlern verhört worden war. Aber sie sah keine Alternative. Je mehr sie über die Sache nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass die Säpo Berger irgendwo in einem Safehouse versteckt hatte. Und die Einzigen, mit denen Berger und Blom in letzter Zeit Kontakt gehabt hatten, waren August Steen und seine Männer. Wie hießen sie noch mal? Deer hatte ein Team namens Kent und Roy getroffen, und Berger und sie waren von einem Typen namens Carsten beraten worden, der ihnen außerdem, aus der Ferne, geholfen hatte, oben im Inland die Serienmörderin zu finden. Vielleicht entdeckte sie irgendwo in Steens Büro einen Hinweis auf diese Mitarbeiter. Natürlich konnten sie gewarnt worden sein. Natürlich konnte es Überwachungskameras geben, die jeden ihrer Schritte beobachteten. Es bestand das Risiko, dass sie einen Alarm auslöste, sobald sie einige Meter in den Raum vordrang, und bewaffnete Sicherheitskräfte hereinstürmen würden. August Steens Büro war geräumig, aber karg. Keine Deko, keine Prahlerei und keine Ästhetik. Keinerlei Schnickschnack, es war fast parodistisch männlich. Der ausladende Schreibtisch hatte einen grünen Farbton und erinnerte an einen gepflegten Fußballrasen, mit einem Computer in der Mitte für Nahaufnahmen und Wiederholungen. Ein breites, fast leeres Bücherregal schloss mit der Schreibtischkante ab. Daneben befand sich der einzige Wandschmuck des Raums, der aussah wie ein primitiver Dienstplan mit Namen und Telefonnummern, die mit Bleistift dort hingekritzelt worden waren. Deer hob ihr Handy und machte ein Foto davon. Rings um den Plan klebten einige Post-its mit unverständlichen Notizen, die sie ebenfalls ablichtete. Dann betrachtete sie den Computer und begriff, dass sie in so kurzer Zeit kaum etwas Wichtiges darin würde finden können, also widmete sie sich stattdessen dem Schreibtisch. In fast jeder Schublade lagen Papiere, zerknittert, hineingestopft – möglicherweise ignoriert, so schnell wie möglich weggesteckt. Jetzt ging es darum, eine extrem rasche und dennoch fundierte Auswahl zu treffen. Deer raffte Dokumente an sich, blätterte, hielt zwischendurch inne, um nach Geräuschen zu horchen, fand nichts Vernünftiges – Ankündigungen, trostlose Pressemitteilungen, Handyrechnungen, Kontoauszüge, nichts außer alltäglichem Papierkram. Plötzlich vernahm sie leise Geräusche von draußen aus dem Korridor. Eine Frauenstimme, die in der Ferne lachte. Deer blieb mit einem Papierstapel in der Hand stehen und beurteilte die Lage: Ein Mann, der einen Mann holen sollte, hatte nichts mit einer Frauenstimme zu tun, und schon gar nicht mit einer lachenden. Deer ging auf Risiko, wühlte weiter, verteilte schließlich so viele Dokumente auf dem Boden, wie sie es wagte, und fing an zu fotografieren. Da hörte sie wieder die Frauenstimme, diesmal so nah, dass sie sich irgendwo direkt in ihrem Rücken befinden musste. Sie erstarrte, die Stimme sagte irgendetwas über einen Dreckskerl, der sie in der Personalküche angegrapscht hatte, dann wurde sie immer leiser. Deer machte weiter, lichtete so viel wie möglich ab, auch das restliche Zimmer, sammelte die Papiere wieder zusammen und versuchte, sich an ihre ursprüngliche Reihenfolge zu erinnern. Da drangen wieder Geräusche aus dem Flur herein. Und diesmal waren sie zu nah. Es waren Schritte. Schritte von vier Füßen. In großer, aber lautloser Panik warf Deer alles wieder in die Schubladen, schob die letzte zu und verschaffte sich einen raschen Überblick. Als sie sich einigermaßen sicher war, dass alles wieder so aussah wie vorher, steckte sie das Handy in die Tasche, schlüpfte durch die Tür und konnte sich gerade noch auf das Sofa werfen. Fest stand, dass ihr durch und durch aufgesetztes Lächeln einen ebenso hoffnungsvollen wie entgegenkommenden Eindruck machte. Der persönliche Assistent wurde fast vollständig von einem groß gewachsenen, respekteinflößenden Mann in den besten Jahren verdeckt. Deer stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Der Mann ergriff sie nicht, sondern sagte nur: »Nein, wir sind uns noch nie begegnet.« Deer ließ ihre Hand sinken und hoffte, ihre Miene werde vermitteln, dass sie eher verwirrt als verletzt war. »Aber …«, sagte sie. Jetzt streckte der Mann seine Hand aus. »Jonas Andersson, Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und operativer Chef der Säpo. Kommissarin Rosenkvist behauptet also, ich hätte sie hierherbegleitet?« »Ich habe gedacht, dass …« »So war es aber nicht«, fiel Jonas Andersson ihr ins Wort. »Dafür bin ich der Mann, der Sie jetzt wieder aus diesem Haus hinausbegleiten wird.« Er öffnete die Tür sperrangelweit und machte eine auffordernde Geste. Deer verließ das Büro, und Andersson schloss die Tür wieder, direkt vor der Nase des persönlichen Assistenten, ehe er ihr vorausging und auf den Ausgang zusteuerte. »Steen ist heute nicht da«, sagte er. »Warum wollten Sie ihn treffen?« »Ich hatte gehofft, er könnte mir bei der Klärung einiger Fragen helfen.« »Und dann haben Sie gelogen und behauptet, Sie hätten einen Termin mit ihm? Warum?« »Ich habe nicht gelogen. Ich habe vor ein paar Tagen tatsächlich mit ihm gesprochen. Ziemlich kurz.« »Und welche Fragen wollten Sie klären?« Deer machte eine kleine Kunstpause, ehe sie sagte: »Wissen Sie, wer ich bin?« Jonas Andersson sah sie zum ersten Mal richtig an und erwiderte: »Ja. Der Fall im Inland. Die Serienmörderin. Gute Arbeit.« »Mit etwas Hilfe von Ihrer Seite, ja«, erwiderte Deer. »Wenn auch nicht ganz eindeutiger Hilfe. Ich müsste ein bisschen mehr über die Hintergründe erfahren.« »Warum?«, fragte Andersson. »Reicht professionelle Neugier als Grund nicht aus?« »Wohl kaum. Wer hat Ihnen den Weg zu Steens Büro gezeigt?« »Ich dachte, Sie wären es gewesen, ich kannte Sie nur von einem Foto. Der Typ sah Ihnen ziemlich ähnlich.« »Hm«, machte Andersson nur. Sie gingen dieselbe Treppe hinunter, die Deer einige Minuten zuvor hinaufgestiegen war. Sie hatte draußen im Auto gewartet, bis jemand aufgetaucht war, der professionell ausgesehen hatte. Zu ihm war sie geeilt, hatte ihn in ein Gespräch verwickelt, sich dank seiner Hilfe an der Rezeption vorbeigemogelt und sich dann den Weg zeigen lassen. Ja, vielleicht konnte man das als weibliche List bezeichnen. Aber irgendeinen Vorteil musste man als Frau schließlich auch haben. Jetzt war sie wieder an der Rezeption, auf der anderen Seite der Glastüren. Jonas Andersson streckte erneut die Hand aus, aber als Deer sie gerade ergreifen wollte, um sich zu verabschieden, drehte er sie um neunzig Grad, sodass seine Handfläche auffordernd nach oben wies. Sie betrachtete ihn erstaunt. Allerdings erstaunter, als sie es in Wirklichkeit war. Ganz unerwartet kam das nicht. »Ihr Handy, bitte«, sagte der operative Chef der Säpo in ruhigem Ton. »Was?«, platzte es empört aus Deer heraus. »Sie können gerne warten, während unsere Techniker es untersuchen – das dürfte höchstens ein paar Stunden dauern –, oder ich schicke einen Boten, wenn wir fertig sind. Ich werde auch ein ausführliches Gespräch mit der Rezeptionistin führen und die Aufzeichnungen der Überwachungskameras hier im Eingangsbereich durchgehen. Wegen Ihres kleinen Tricks drohen einige gut ausgebildete Köpfe zu rollen. Und jetzt das Handy.« Deer stöhnte. Dann griff sie in ihre Winterjacke und holte das Handy aus der Innentasche. Jonas Andersson nahm es entgegen und nickte. Anschließend zeigte er auf den Ausgang. »Ich schicke einen Boten.« Sie versuchte, ihr Humpeln zu verbergen, während sie die Stufen vor dem Eingang hinabging und den Parkplatz betrat. Dort stieg sie in ihren Dienstwagen und rauschte davon. Ihr Fuß schmerzte. Sie fuhr ein kurzes Stück auf der E4, nahm die Abfahrt Richtung Hornsberg, bog in eine Seitenstraße der Lindhagensgatan ein und fuhr in eine Parklücke. Rasch beugte sie sich herab, zog einen ihrer Sneaker aus und angelte etwas heraus, das schon viel zu lange gegen ihren Fuß gedrückt hatte. Ihr zweites Handy. Sie hoffte, dass sie es nicht beschädigt hatte. 19 Freitag, 4. Dezember, 14:31 Berger saß auf dem Anlegesteg und ließ die Beine baumeln. Inzwischen konnte man sich wieder im Freien aufhalten, und genau das brauchte er. Frische Luft einatmen. Das Gehirn mit Sauerstoff versorgen. Systematisch die Klaustrophobie bekämpfen. Er blickte in die Unendlichkeit hinaus und konnte bereits die einfallende Dämmerung erahnen. Vier kleinere Schären brachen die Horizontlinie, davon abgesehen, lag das Meer offen vor ihm. Es war windstill, der Regen hatte aufgehört, und die Temperatur konnte sich nicht entscheiden, auf welche Seite der Null sie sich begeben sollte. An manchen Stellen gefror das Eis, an anderen schmolz es. Berger musste einsehen, wie wenig er von den Gesetzen der Physik verstand. Der Physik? Tja, vielleicht eher, wie wenig er von den Gesetzen des Lebens verstand. Wie wenig von allem. Von diesem Fall. Von Carsten. Von Molly. Von Molly Steen. August Steens Vergangenheit war noch unschärfer als Carstens. Berger hatte keine Chance herauszufinden, ob Mollys ursprünglicher Nachname etwas mit August Steen zu tun hatte. Es war nicht gerade der ungewöhnlichste Nachname in Schweden, knapp zweitausend Personen im Land hießen so, Steen mit zwei E. Darunter waren wiederum mindestens zehn, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Sollentuna gewohnt hatten. Es musste also nichts bedeuten. Es musste nicht bedeuten, dass der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo Molly Bloms Vater war. Und trotzdem war es verdammt noch mal ziemlich wahrscheinlich. Es musste nicht bedeuten, dass sie ihren Namen geändert hatte, als sie von der Säpo angeworben worden war, sie konnte ihn auch früher geändert haben. Vielleicht sogar schon als Jugendliche. Es konnte zu jedem beliebigen Zeitpunkt nach der achten Klasse gewesen sein, als sie aus Bergers Reichweite verschwunden war. Er hatte eine Suche nach beiden Namen gestartet. Dabei war er diese ständigen Suchanfragen wahnsinnig leid. Aber er fand sie nicht, was eigentlich auch kein Wunder war. Sie war Undercover-Bulle bei der Säpo geworden, natürlich hatten sie alle Spuren ihrer Vergangenheit gelöscht, die sie finden konnten. Außerdem ging es um eine Zeit vor der allgemeinen Digitalisierung, als die Sachen ganz einfach noch nicht im Netz gespeichert worden waren. Oder man stieß nur über sehr verschlungene Pfade darauf, und das kostete oft Zeit. Molly hatte doch gesagt, sie habe eine Schauspielausbildung gemacht? Er versuchte, sich an den Moment zu erinnern, als sie es erzählt hatte – es war noch nicht irrsinnig lange her –, und was sie eigentlich genau gesagt hatte. Und wie. »Ich bin ein Jahr jünger als du und bin zwei Jahre vor dir in den Polizeidienst eingetreten. Da hatte ich bereits meine Schauspielausbildung absolviert. Du hingegen hast dich durch Südostasien gekifft und hast Schnupperkurse an der Uni besucht. Philosophie, oder?« Es gab einen Haufen Schauspielschulen in Schweden – vom Ausland ganz zu schweigen –, aber ihre Äußerung, wie er sie plötzlich wieder in Erinnerung hatte, ließ eher darauf schließen, dass es eine fundierte Schauspielausbildung gewesen war, die sie in Schweden absolviert hatte, und in diesem Fall gab es wohl auch nur eine. Berger ließ seinen Blick zum Horizont wandern. Von der Meerestiefe der Landsortsdjupet war wirklich gar nichts zu sehen, die flüchtigen Ahnungen verborgener Tiefen, die sein Bewusstsein streiften, kamen mit aller Wahrscheinlichkeit aus seinem Inneren. Er begab sich wieder in die Hütte, watete durch den Inhalt der Umzugskartons, der sich immer mehr ausbreitete, und googelte Schauspielausbildungen. Das war nicht ganz leicht. Molly Steen war 1978 geboren, und wenn sie zwei Jahre früher als Sam Berger Polizistin geworden war, musste das 2003 gewesen sein. Sollte sie zuvor eine dreijährige Schauspielausbildung gemacht haben, musste sie diese spätestens zur Jahrtausendwende begonnen haben. Im Jahr 2000 war Molly zweiundzwanzig gewesen. Wurde man so jung zu einer offiziellen Theaterausbildung zugelassen? Er suchte nach diversen Begriffen – Schauspielschule Dramaten, Akademie für Darstellende Künste, Bühnenseminar, Theaterhochschule, Schauspielausbildung – und ließ mehrere Suchaufträge parallel laufen. Wenn man Molly Blom oder Molly Steen auf diesem Weg direkt finden konnte, hätte sich das zu diesem Zeitpunkt längst zeigen müssen. Es wurde immer deutlicher, dass die Vergangenheit jedes neuen Undercover-Agenten getilgt wurde. Wollte man die Verschleierungstaktik der IT-Abteilung der Säpo umgehen, setzte das zweifellos eine sehr raffinierte Suche voraus. Und Berger gehörte vielleicht nicht unbedingt zu den Menschen, die man als raffiniert bezeichnen konnte. Er war eher ein Kämpfer, und er wollte nicht aufgeben, noch nicht. Auf Seite zweiundvierzig einer Bildersuche, unter Bildern, die nicht das Geringste mit dem Theater zu tun hatten, tauchte schließlich ein älteres Foto auf, äußerst anonym, äußerst anspruchslos. Es war der erste Jahrgang auf der Theaterhochschule in Stockholm, das erste Bild, in den Monaten kurz vor der Jahrtausendwende. In einer Gruppe von höchstens zehn Personen fiel ihm in der oberen rechten Reihe eine blonde Frau auf. Das war doch wohl eine jüngere Ausgabe von Molly Blom? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war es eine junge Molly Steen. Berger versuchte, auf die Homepage zu gehen, von der das Bild stammte. Es funktionierte nicht. Er landete auf einer anderen Seite, die verkündete, dass diese Seite nicht mehr zu finden sei. Es gab keinen Text, keine höhere Bildauflösung, nur das kleine Viereck aus der Trefferliste der Bildersuche. Er startete eine Gesichtserkennung, während er, so gut es ging, die Mienen der glücklichen Theaterklasse fixierte, doch auch das brachte kein Ergebnis. Dann begann er mehrere andere Recherchen, ohne genau zu wissen, wonach er suchte. Theaterhochschule, Jahrgang 1999, Schauspieler, Studentenaufführungen, es war eine wilde Mischung. Seite für Seite scrollte er sich durch die Ergebnisse der trivialen Suche. Der Jahrgang 1999 hatte nach knapp einem Jahr eine gewagte Inszenierung von Hamlet auf die Bühne gebracht. Die Ophelia wurde, so der Kritiker der Dagens Nyheter, »extrem zerbrechlich« von einer gewissen Molly Sten gespielt. Mit einem E. Es gab sogar ein Bild, allerdings in grausig schlechter Auflösung. Doch sie war es. Ihr blondes Haar war zu dieser Zeit bedeutend länger, und wenn es ausgebreitet auf der Bühne lag, als würde es auf dem Wasser treiben, war Ophelia die natürliche Hauptperson. Wenngleich eine tote. Berger ging einigen diffusen Spuren nach und landete am Ende auf Seiten mit Amateurfotografien von Dokumenten. Darunter fand sich auch eine verschwommene Übersicht über die Schüler, die im Jahr 2002 die Abschlussprüfung an der Theaterhochschule in Stockholm bestanden hatten. Berger zoomte heran, versuchte, sie zu lesen, und verfluchte die Tatsache, dass er nicht direkt zu dem Ort im Valhallavägen fahren konnte, der inzwischen Dramatische Hochschule Stockholm hieß, um dort an die Informationen zu kommen. Doch diese Art der Polizeiarbeit gehörte der Vergangenheit an. Jetzt galt es, auf einem schlecht fotografierten Dokument einen Text zu erkennen. Mit einiger Anstrengung gelang es ihm, einen Namen heranzuzoomen. Unter den Schauspielern, die im Sommer 2002 Examen gemacht hatten, war auch Molly Blom. Nicht Molly Steen, weder mit einem noch mit zwei E. Also gut. Auf der Theaterhochschule hatte man Molly Steen aufgenommen. Die Theaterschule abgeschlossen hatte Molly Blom. Irgendwann während der Schauspielausbildung, zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2002, hatte sie ihren Namen gewechselt. Wann, wo, wie? Akribisch las Berger die ganze Liste der Absolventen, fand aber nichts von Belang. Er ging in der Zeit zurück, suchte im Detail nach eventuellen Ereignissen, die in den betreffenden Jahren stattgefunden hatten, forschte nach anderen Studentenvorführungen, nach Klassenlisten. Er versuchte es mit wilden Kombinationen aus den Namen der Absolventen und eventuellen Inszenierungen, doch er fand nichts. Zwei Jahre – der Namenswechsel konnte in dieser Periode jederzeit stattgefunden haben. Am wahrscheinlichsten war wohl doch eine Hochzeit? Ob sie tatsächlich als junge, vielversprechende Schauspielerin geheiratet hatte? Berger war ein wenig unsicher, wie weit die Digitalisierung von Tageszeitungen aus den Jahren 1999 bis 2002 schon fortgeschritten war. Nachdem er in ein Archiv über die größten Tageszeitungen des Landes gelangt war, startete er eine Suche nach alten Hochzeitsanzeigen. Er sah sie auf dem Bildschirm an sich vorbeirauschen, eine nach der anderen, versank für einen Moment in diesem Rauschen und bemerkte kaum, wie diese Ansicht durch eine andere ersetzt wurde. Eine karge Küste. Ein bleiches, aber doch deutliches Licht, zwei Schären, die den Horizont unterbrachen. Ein zwanzig Meter breiter Steinstrand vor dem dunklen, wie in Falten liegenden Wasser, auf dem sich kein neues Eis gebildet hatte. Oben in der Ecke leuchtete eine Fünf. Kamera 5. Berger kannte sie schon. Die Seevögel. Jetzt war allerdings keine Spur von ihnen zu sehen. Die Kamera 5 lag am weitesten entfernt, auf der anderen Seite der Insel. Er betrachtete das Bild, die Dämmerung war hereingebrochen, der schwache Wind kräuselte die Wasseroberfläche, es war nicht zu erkennen, was den Alarm ausgelöst hatte. Vermutlich erneut ein Vogel, der schon wieder verschwunden war. Die Frage war, ob er dieses Risiko eingehen konnte. Er zog die oberste Schreibtischschublade auf und holte die Säpo-Pistole heraus, überprüfte die Munition und entsicherte die Waffe. Die Schublade ließ er offen. Dann suchte er noch einmal mit den Augen den Küstenstreifen ab, nichts zu sehen. Jedenfalls nicht mehr. Er wechselte die Fenster auf dem Bildschirm und sah nach den Suchläufen. Auch dort hatte sich nichts ereignet. Dann passierte es erneut. Das Fenster wurde von einer Ansicht ersetzt, die Berger noch nicht kannte. Am oberen Bildrand leuchtete eine Drei. Überwachungskamera 3. In der einsetzenden Dämmerung waren vor allem Bäume zu erkennen. Berger konnte nicht genau ausmachen, wo die Kamera hing, er musste die Kartenskizze auf seinem Schreibtisch hervorkramen. Die 3 war die mittlere Kamera, mitten auf der Insel platziert, vielleicht dreihundert Meter entfernt. Aber auf dem Bild gab es nichts zu sehen, der eine oder andere Ast zitterte in der leichten Brise, mehr nicht. Zweimal innerhalb kurzer Zeit war der Alarm ausgelöst worden, beim zweiten Mal näher an der Hütte. Nicht draußen auf dem Meer. Also waren es diesmal keine Seevögel. Es konnte aber auch Zufall sein. Berger griff mit einer Hand nach der Waffe, während gleichzeitig etwas bei seinem Suchlauf passierte. Das erkannte er vage hinter dem nichtssagenden Überwachungsbild, und er erlaubte es sich, schnell noch einmal die Fenster zu wechseln. Es gab tatsächlich einen Treffer, der Mikrofilm einer Anzeige in der Upsala Nya Tidning, ein äußerst rudimentärer Text mit Abkürzungen, vermutlich, um Kosten zu sparen. Er stand in der Rubrik »Verheiratet« und lautete: »C. Blom u. M. Steen, jetzt Blom. 4. 11. 2000«. Berger hatte keine Zeit, er hatte wirklich keine Zeit. Sollte dort draußen tatsächlich ein Eindringling unterwegs sein, dann war die Person schon ganz in der Nähe. Dennoch begrenzte er seine übrigen Suchanfragen noch schnell auf ebenjenen 4. November 2000. Dann machte er sich auf den Weg. Draußen war es karg und grau. Er sah sich um, hielt die Waffe vor sich und schwenkte sie einmal in alle Richtungen. Davon abgesehen, dass die Dämmerung zunahm, gab es hier nichts zu sehen. Überhaupt nichts. Berger ging wieder hinein, schloss die Haustür hinter sich und blieb ein wenig ratlos im Weinkeller stehen, direkt neben dem Eingang zum großen Wohnzimmer. Aus der Ferne sah er – mit einer seltsamen Langsamkeit –, wie der Computer erneut die Bildansicht wechselte. Zu Kamera 1. Wo er eben gerade gewesen war. Er warf sich gegen die Haustür, riss sie auf, erahnte hinter einem dichten Gehölz, nur fünf Meter entfernt, eine Bewegung und zielte. Schließlich hatte er nichts zu verlieren. Er schoss. Schoss ohne Vorwarnung, zwei-, dreimal. Etwas zuckte im Gehölz. Mit erhobener Waffe ging er dort hin, wobei die Pistole auffällig zitterte. Die Stille nach dem Schuss war betäubend, die Ohren wie blockiert. Trotzdem hörte er etwas. Etwas, das die Bäume beiseiteweichen ließ. Langsam fiel ein Körper durch die Zweige einer Fichte. Er fiel auf ihn zu. Berger schoss noch einmal darauf, ehe der Körper auf den Boden sackte. Erst als er dort lag, mausetot, erkannte Berger, dass es gar kein Körper war. Er ging näher heran. Es handelte sich um einen Sack, einen Jutesack, gefüllt mit Gras und Zweigen. Er war auf einen hohen Stein gestellt worden und langsam hinabgeglitten. Diese Bewegung hatte Berger gesehen. Und auf den Sack geschossen. Zwei Sekunden blieb er wie gelähmt stehen. Dann ging er wieder zur Hütte. Inzwischen war es dunkel. Die Haustür war geschlossen. Aber er hatte sie nicht geschlossen. Hastig stolperte er dort hin. Seine Waffe zitterte noch heftiger. Als Berger die Tür erreicht hatte, legte er die Hand auf die Klinke und zog sie langsam auf. Aus dem Inneren des Hauses drang ein Sog, ein kalter Sog, der die Tür wieder zuziehen wollte. Berger hielt dagegen, dachte kurz nach und versuchte, genauso kühl vorzugehen wie der Durchzug. Dann riss er die Tür auf, stürmte durch den Weinkeller und erreichte mit einer mehr als schussbereiten Waffe das Wohnzimmer. Ein winziger Instinkt hielt seinen Zeigefinger am Abzug zurück und hinderte ihn daran, kaltblütig die Person zu erschießen, die an seinem Schreibtisch saß und den Bildschirm seines Laptops studierte. Sie drehte sich um. Der braune Pagenkopf war von blonden Strähnen durchzogen. »Wie schießwütig du neuerdings bist«, sagte Molly Blom. Zu seiner eigenen Verwunderung senkte Berger seine Waffe nicht, sondern zielte unbeirrt auf Blom. Aber sprechen konnte er nicht. Er brachte kein Wort heraus. Langsam wankte er auf sie zu. Dabei wurde er von beinahe allen Gefühlen durchströmt, die die menschliche Existenz zu bieten hat. Hinter seinem Rücken schlug der Durchzug mit voller Kraft die Haustür zu. »Ich habe das Fenster eingehakt«, sagte Blom mit einer Geste in Richtung Wohnzimmer. »Damit es nicht kaputtgeht.« Er wollte sie umarmen. Er wollte sie erschießen. Aber mit ihr sprechen, das konnte er nicht. Er ging näher. Jetzt senkte er endlich seine Pistole. Stumm betrachtete er ihr Gesicht. Es war ernst. Und doch spöttisch. Spöttisch? Sie deutete auf den Bildschirm. Ihre Miene war unergründlich. »Du hast einen neuen Treffer«, sagte sie. Berger trat näher. Auf dem Bildschirm sah er jetzt ein Foto, ein Hochzeitsfoto mit zwei lächelnden jungen Menschen. Es war auf den 4. November 2000 datiert. Berger starrte auf das Bild der Frischvermählten. Es waren »C. Blom« und »jetzt M. Blom«. Bei der jungen Frau handelte es sich zweifellos um Molly Blom. Berger richtete seine Aufmerksamkeit auf den jungen Mann. Vielleicht lag es an der fehlenden Brille, dass er ihn nicht sofort erkannte. Vielleicht dauerte es deshalb einige Sekunden, bis er den Bräutigam als Carsten Blom identifizierte. 20 Freitag, 4. Dezember, 15:28 »War das gut?«, fragte sie. »Geradezu lebensnotwendig«, antwortete er, stellte das große Glas ab, das jetzt keinen zwölfjährigen Highland Park mehr enthielt, und spürte, wie seine Lebensgeister zurückkehrten. Sie saßen nebeneinander am Schreibtisch. Es gab zu viel zu sagen, aber Berger wusste nicht, womit er anfangen sollte. »Wie hast du mich gefunden?«, fragte er schließlich, obwohl es ihn eigentlich nicht interessierte. Sie zuckte mit den Schultern. »Vergiss nicht, dass ich eine Vergangenheit bei der Säpo habe.« Er gab sich damit zufrieden. Eigentlich brauchte er nur irgendetwas zu sagen, was nichts mit August Steen, Molly Steen, Molly Blom, Carsten Blom oder Carsten Boylan zu tun hatte. »Bist du einfach aufgewacht?«, fragte er. »Gekappte Synapsen, die auf scheinbar magische Weise wieder richtig miteinander verknüpft werden«, erklärte Molly Blom mit einem etwas undurchsichtigen Grinsen. »Wie bitte?« »Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich bin aufgewacht. Erstaunlich klar im Kopf. Dann bin ich abgehauen und habe beschlossen, Schwedens meistgesuchten Mann zu finden. Nicht zuletzt, um dir zu danken. Dafür, dass du mich im Inland gerettet hast.« Berger fühlte sich wie in einem Magnetfeld. Es gab zwei große, starke Pole. Das stürmische Gefühlschaos auf der einen Seite und die kühle Rationalität auf der anderen. Für einen sehr kurzen Moment siegte der zweite Pol. »Das heißt, du hast mit jemandem gesprochen?«, fragte er. »Wie meinst du das?« »Du warst bewusstlos, als wir dich im Schnee gefunden haben. Und du warst weiterhin bewusstlos, im Rettungshubschrauber, in Falun, im Söder-Krankenhaus. Dann bist du aufgewacht und getürmt. Aber du weißt nicht nur, dass ich ›Schwedens meistgesuchter Mann‹ bin, sondern auch, dass ich dich im Inland ›gerettet‹ habe. Also hast du mit jemandem geredet, seitdem du aufgewacht bist.« »Und du bist nicht einfach nur ein schießwütiger Eremit auf einer einsamen Insel«, sagte Blom mit einem schiefen Grinsen. Das sehr einnehmend war. »Mit wem hast du gesprochen?«, fragte Berger so kalt, wie er konnte. »Desiré Rosenkvist«, entgegnete Blom. »Sie war in deiner Wohnung.« »Sie war in meiner Wohnung?« »Ich war auch da. Wir haben uns zufällig getroffen. Sie hat es mir erzählt.« »Ein Großteil meiner Wohnung ist sowieso hier«, sagte Berger mit einer Geste, die das Chaos in der anderen Hälfte des Wohnzimmers umfasste. »Was hat Deer in meiner Wohnung gemacht?« »Dasselbe wie ich«, antwortete Blom. »Nur unter anderen Voraussetzungen.« »Hat sie nach mir gesucht?« »Ja«, sagte Blom. Berger nickte. Genug Smalltalk. Als er spürte, wie ihn die Wirkung des Whiskys packte, konnte er auch zupacken. Forsch fragte er: »Carsten Blom?« Molly Blom schüttelte eine Weile den Kopf. Dann erwiderte sie: »Das ist eine lange Geschichte.« Berger schnaubte verächtlich. »Ich bin überaus empfänglich für lange Geschichten.« Blom lachte und wandte sich dem Computer zu. Als der Bildschirm wieder aufleuchtete, klickte sie mit einer verächtlichen Miene das Foto von dem glücklichen Brautpaar weg. »Was willst du wissen?« »Na alles!«, rief Berger aus. »Du hast im Koma gelegen, und wenn du nur mit Deer gesprochen hast, weißt du gar nicht, dass Carsten …« »Dass er was?« Berger ließ den Malt Whisky noch einige Sekunden länger wirken und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »Also gut«, sagte er dann. »Ich habe herausgefunden, dass er Carsten Boylan heißt. Nicht Carsten Blom. Und du heißt Molly Steen, nicht Molly Blom.« »Ich heiße Molly Blom«, entgegnete Blom leise. »Molly Blom, geborene Steen.« »Aber Carsten heißt Boylan.« »Es war eine Jugendehe. Keiner von uns war bereit dafür. Wir haben uns nach drei Monaten scheiden lassen. Ich habe den Namen Blom behalten, er hat seinen gewechselt. Aber warum willst du Carsten unter die Lupe nehmen? Er gehört doch zur Säpo.« »Gehörte. Und er hat mir geholfen, dich oben im Inland zu finden. Aber erzähl weiter. Ihr habt geheiratet und euch gleich wieder scheiden lassen?« »Warte mal«, sagte Blom. »Er gehört nicht mehr zur Säpo? Seit wann das denn?« »Seit er die Person umgebracht hat, die dich zu Tode foltern wollte, und den Verdacht auf mich gelenkt hat.« Berger glaubte zu sehen, dass sie blass wurde. »Nicht Carsten«, sagte sie mit dünner Stimme. »Doch«, bestätigte Berger in scharfem Ton. »Genau der.« »Aber ich habe ihn doch noch getroffen. Vorgestern. Er hat mir geholfen, eine Waffe zu besorgen.« Berger stutzte und sah sie an. »Du hast ihn vorgestern getroffen?«, fragte er. »Die ganze verdammte Säpo sucht ihn rund um die Uhr. Keiner weiß, wo er sich aufhält, sie fahnden überall nach ihm. Und du hast ihn getroffen? Wo zum Teufel hast du ihn denn getroffen?« »In unserer alten Wohnung in der Eolsgatan. Ich habe ihn angerufen, und er kam dort hin und hat mir die Waffe gebracht, das war alles. Aber wird er tatsächlich von der ganzen Säpo wegen Mordes gesucht? Sollte das nicht ein Fall für die normale Polizei sein?« »Es ist bedeutend mehr als das«, erklärte Berger und betrachtete sie. »Darauf kommen wir aber später zurück. Wie habt ihr euch kennengelernt?« Blom sah ihn an, dann wich sie seinem Blick aus und zuckte die Achseln. »Irgendeine Party, ich erinnere mich nicht mehr. Ich war jung, angehende Schauspielerin, habe versucht, meine dunkle Vergangenheit auszulöschen, und ziemlich viel gefeiert. Carsten war auch da. Er ging auf irgendeine Zirkusschule. Moderner Zirkus. Vielleicht war er sogar beim Cirkus Cirkör. Jedenfalls konnte er Seile hochklettern und Schlösser öffnen wie kein Zweiter. Er war Akrobat, Entfesselungskünstler und Jongleur.« »Und das hat dich fasziniert?« »Nicht direkt. Aber wir haben andere Gemeinsamkeiten entdeckt. Die gleichen literarischen Idole unserer Jugend. Joyce.« »Joyce?« »James Joyce«, erläuterte Blom. »Der Schriftsteller. Den kennst du doch wohl?« »Ulysses«, sagte Berger zu seiner eigenen Verwunderung. Blom nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ein Klassiker aus dem Jahr 1922. Die Hauptfigur heißt Leopold Bloom. Das letzte Kapitel besteht aus dem langen inneren Monolog seiner Ehefrau Molly im Bett.« »Molly Bloom?«, fragte Berger skeptisch. »Carsten fand es magisch, dass ich Joyce auch liebte, dass ich Molly Steen mit zwei E hieß und er Blom. Er nannte das ein Zeichen von oben, aus einer Welt, die eine gerechtere Ordnung hatte als die unsere. Wenn wir heirateten, käme ich Molly Bloom so nahe wie irgend möglich. Er würde mein Leopold sein.« »Shit«, sagte Berger nur. »Ja, genau so war die Ehe dann auch«, bestätigte Blom. »Shit. Der eine unreifer als die andere. Wir wohnten ein paar Monate zusammen in meiner Wohnung in der Eolsgatan am Riddarfjärden, und dann hatte ich genug. Es war meine Wohnung, nicht seine, und wir haben uns schnell scheiden lassen. Als er hinausgeworfen wurde, hat er sich gerächt, indem er den Namen Boylan annahm.« »Das verstehe ich nicht …« »In Ulysses heißt Molly Blooms Liebhaber Blazes Boylan. Er ist ein Verführer, Konzert- und Boxmanager und einer von Mollys Sängerkollegen. Er taucht an mehreren Stellen in Ulysses auf, nicht zuletzt, weil Leopold weiß, dass Boylan am selben Nachmittag mit seiner Frau ins Bett gehen wird. Carsten hat den Namen angenommen, um mich zu ärgern. Damit er als mein Liebhaber zurückkommen kann statt als Ehemann. Das ist zumindest meine Vermutung …« »Aber dann ist er zur Säpo gegangen? Genau wie du?« »Es war sogar Carsten, der mich dazu überredet hat. Plötzlich meldete er sich wieder und sagte, dass die Säpo nach 9/11 dringend neue Undercover-Agenten suche, und es gebe keine besseren Kandidaten als Schauspieler. In der Zwischenzeit war ich sowieso schon ein bisschen von der Schauspielerei abgekommen und interessierte mich mehr für Recht und Gesetz.« »Er hat dich überredet, bei deinem Vater anzufangen? Bei August Steen?« Blom stutzte. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und sagte mit großer Deutlichkeit: »Er ist nicht mein Vater. Die Namensgleichheit ist nur ein Zufall.« Sie sahen sich an. Lasen in den Augen des anderen. Nach einer Weile fragte Blom: »Warum sollte Carsten unsere Serienmörderin zur Strecke gebracht haben und dir die Tat in die Schuhe schieben? Was passiert hier gerade?« »Was hier passiert, passt in Wirklichkeit gar nicht mit diesem hier zusammen«, sagte Berger und ging hinüber zum Whiteboard. Er deutete auf das Porträt. »Carsten hält Aisha Pachachi gefangen. Sieben minus eins. Er ist der Verräter in den Reihen der Säpo, den Steen seit einem Jahr sucht. Du weißt, wovon ich rede.« Er musterte sie mit großer Aufmerksamkeit und sah ihre Verwirrung. Wäre sie nicht Molly Blom gewesen, hätte er sie in den Arm genommen. Aber jetzt stand er hier mit der vielleicht scharfsinnigsten Undercover-Agentin des Geheimdienstes, die noch dazu Schauspielerin war und ihn schon unzählige Male übers Ohr gehauen hatte. Er lachte. Immerhin weißt du nicht, dass du mein Kind in dir trägst, dachte er. »Aber das weißt du doch?«, fuhr er fort. »Du und dein Ex Carsten, ihr habt beide viele, viele Jahre in August Steens unmittelbarer Nähe gearbeitet. Ihr müsst täglich miteinander zu tun gehabt haben.« »So funktioniert das nicht«, brummelte Blom. »Wie funktioniert es denn?« »August Steen ist gut darin, die Arbeit aufzuteilen. Er verteilt sie auf verschiedene Fachbereiche, und die Grenzen dazwischen sind unumstößlich. Ich weiß nichts darüber, was Carsten macht. Im Grunde auch nicht, was Steen macht.« »Carsten hat Aisha William weggenommen, um ihren Vater daran zu hindern, dass er preisgibt, wann, wo und wie ein ziemlich folgenschwerer Terrorangriff in Schweden stattfinden soll. Dein Ex-Mann arbeitet mit größter Wahrscheinlichkeit für den IS, das einst blühende und nun welkende Kalifat.« Auch jetzt konnte er nicht einschätzen, wie authentisch ihr Erstaunen war. Er fragte sich, ob es ihm gelingen würde – sollte er halbwegs lebendig aus dieser ganzen Geschichte herauskommen –, nicht zum Zyniker zu werden. Ob er sich noch irgendeinen Glauben an das Echte und Unverstellte würde bewahren können. Als er wieder zu sprechen begann, merkte er selbst, wie sein Misstrauen alles durchtränkte. »Du weißt nichts über Carsten, den die ganze Säpo jagt, aber du hast mich hier gefunden, an einem Ort, den nur Steen kennt. Irgendwie passt das nicht zusammen.« »Ich habe nicht vor, meine Zeit mit Rechtfertigungen zu verschwenden«, erwiderte Blom ruhig. »Entweder vertraust du mir, oder eben nicht.« »Wie hast du mich gefunden?«, fragte Berger beharrlich. Sie bedachte ihn mit einem sehr strengen Blick, der deutlich machte, dass sie auf keinen Fall mehr sagen würde als das Folgende. »Mein Informant ist für die Einteilung der Helikoptertransporte der Säpo zuständig.« Berger schenkte sich noch einen Fingerbreit Whisky ein und deutete wieder auf das Foto. »Darauf kommt es an. Aisha zu finden, sie zu retten, Carsten aufzuhalten. Um jeden Preis diesen Dreckskerl Carsten aufzuhalten. Unser Job ist noch nicht beendet.« »Aber was sollst du denn dann hier draußen machen?«, fragte Blom mit einer Handbewegung, die das gesamte Haus einschloss. »Du hockst doch einfach nur hier herum, und deine Beteiligung ist ja wohl kein bisschen sanktioniert. Warum schützt Steen dich vor dem Gesetz? Du gehörst nicht einmal zur Säpo, du bist ein Fremder.« »Ich bin Freelancer«, antwortete Berger. »Deshalb sitze ich hier. Ich bin ein Freelancer, habe allerdings keine Ahnung, was meine Aufgabe ist. Ich warte. Aber das reicht mir nicht. Ich muss noch mehr tun. Deshalb habe ich deine Computerausrüstung ein bisschen überarbeitet und bin ins Archiv der Säpo gelangt. Wir müssen uns beeilen. Während wir beide William gesucht haben, als er die sieben entführten Mädchen von Bålsta in die Wohnung in Helenelund brachte, hatte Carsten ihn schon gefunden, Aisha mitgenommen – und zwar nur sie – und sich nach Tensta begeben. Dort hatte er seit zwei Jahren eine Wohnung unter dem Namen Johan Svensson. Zu der Zeit besaß er auch schon ein Dachhäuschen auf demselben Gebäude – angemietet als Sven Johansson, über eine in Gibraltar registrierte Firma mit dem Namen Big Exit Ltd. –, wo er Bienen züchtete. Dort hat Carsten der Säpo kürzlich eine Falle gestellt, er hat uns aufs Dach gelockt und dafür gesorgt, dass die Bienen einige Männer unschädlich machten – von denen einer, dein ehemaliger Partner Roy, sterben musste. Obendrein hat er meine alte Dienstwaffe so präpariert, dass sie einen Schuss abfeuerte, der mein bestes Stück hätte treffen sollen. Meine Dienstwaffe, mit der er vorher schon deine Entführerin oben im Inland ermordet hatte. Um es mir anzuhängen.« Blom starrte ihn an und erbleichte erneut. Alles Blut schien aus ihrem Gesicht zu entweichen. »Carsten hat Roy umgebracht?«, fragte sie langsam. »Ich habe jahrelang mit Kent und Roy zusammengearbeitet.« »Mit Bienen«, bestätigte Berger. »Mit verfluchten Bienen! Das übersteigt jede Vorstellungskraft. Danach bin ich mit Roy im Rettungshubschrauber geflogen. Er lag auf zwei Bahren, Molly.« Blom starrte an die Decke. Irgendwann musste ihr Gesicht doch wieder Farbe bekommen, dachte Berger. So etwas konnte man nicht spielen. Kein Schauspieler konnte auf Kommando erbleichen. Das war echt. Molly hatte nicht gewusst, dass Roy tot war. »Und Kent?«, fragte sie, ohne ihren Blick von der Decke zu nehmen. »Es scheint so, als würde er durchkommen«, sagte Berger. »Aber ich habe keine Standleitung zum Krankenhaus.« »Und Carsten hat das alles geplant?« »Bis ins kleinste Detail«, antwortete Berger. »Zwei Männer hat er in das Haus auf dem Dach gelockt. Der eine wurde heftig attackiert, der andere weniger. Anschließend war der Weg frei für den dritten Mann, sich hineinzubegeben. Und sich von seiner eigenen alten Dienstwaffe den Schwanz wegschießen zu lassen.« »Du meinst dich?« »Er mag mich nicht«, stellte Berger fest. »Wenn du wirklich einen zerschossenen Schwanz hast, kannst du den Schmerz aber ganz gut verbergen«, bemerkte Blom. »Aufgrund einer glücklichen Eingebung bin ich in die Knie gegangen, bevor ich die präparierte Büroschublade geöffnet habe. Ich habe eine Schutzweste getragen. Und ich bin ihr überaus dankbar.« »Der Schutzweste?« »Der Eingebung.« »Aber woher soll er gewusst haben, dass du an dem Einsatz in diesem Bienenhaus beteiligt sein würdest?«, fragte Molly, jetzt mit etwas mehr Farbe in den Wangen. »Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen«, sagte Berger. »Es ist das Einzige, was nicht zu Carstens Auftrag passt, mit dem er vermutlich ziemlich viel Blutgeld verdienen will. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass er mich ganz einfach als Rivalen ansieht. Er will dich haben, Molly. Du bist das Gegenteil von austauschbar. Er will dich haben, bevor er blind wird.« »So wie auch James Joyce blind wurde«, sagte Blom und verzog das Gesicht. Berger nickte. »Leopold Bloom hat den Verlust seiner Molly noch nicht verwunden.« Molly Blom sah in die Dunkelheit hinaus. Berger folgte ihrem Blick. »Ich glaube, Carsten hat die Sache in Tensta mit einer enormen Präzision geplant«, meinte er schließlich. »Ich sollte erst all seine ausgelegten Fährten lesen, dann die Schublade herausziehen und mir den Schwanz wegschießen lassen. Größter Rivale kastriert. Aber so kam es ja nun doch nicht.« »Fährten?«, fragte Blom. »In einem kleinen Umschlag«, erklärte Berger und zeichnete mit den Fingern die Maße in die Luft. Blom verstummte und wirkte für einen Moment zerstreut. »Was waren das für Hinweise?«, fragte sie schließlich. »Zwei handgeschriebene Nachrichten. Die eine ein Shakespeare-Zitat über Bienen, in dem es wohl eigentlich um irgendeinen Vertrag ging, der Carsten unfrei gemacht hat. Die andere bestand aus den Worten ›like the Andalusian girls‹.« »Oh, verdammt«, entfuhr es Blom. »Oh, verdammt?«, fragte Berger. »Ich erkenne die andalusischen Mädchen wieder«, sagte Blom. »Das ist auch ein Zitat, aus Ulysses, aus Molly Blooms innerem Monolog. Ich glaube, ich erinnere mich an einige Worte daraus: ›yes when I put the rose in my hair like the Andalusian girls used or shall I wear a red yes and how he kissed me under the Moorish wall‹. So in der Art.« »Er spricht in Wahrheit mit dir, Molly«, rief Berger und konnte einen winzigen Knacks in der Eisschicht zwischen ihnen erkennen. »Ist er denn wirklich so ausgefuchst?«, fragte Blom schließlich. »Und so merkwürdig? Kann er wirklich immer noch so auf mich fixiert sein? Nach all den Jahren?« »Ich glaube schon«, sagte Berger. »Aber irgendwie glaube ich auch, dass noch mehr dahintersteckt. Die andalusischen Mädchen verweisen nicht nur auf Joyce und dich und eure alte Verbindung. Ich denke, es gibt eine noch stärkere Referenz auf Spanien und Andalusien. Die nach Gibraltar führt. Wie viel Uhr ist es?« Blom starrte ihn an, blinzelte, blickte auf den Schreibtisch, fand Bergers Uhrenschachtel, öffnete sie und zeigte auf die wertvollen Armbanduhren. »Du hast die Wahl.« Berger entschied sich für seine eigene Uhr, band sich die alte Patek Philippe um und sah, dass die Zeiger die Vier passiert hatten. Vier Uhr nachmittags. Und draußen vor den Fenstern war bereits die Nacht hereingebrochen. »Ich muss noch einen Anruf tätigen«, sagte er, zog das Satellitentelefon zu sich heran und startete die Aufnahmefunktion. »Bei wem?«, fragte Blom. Berger antwortete nicht. Stattdessen tippte er die ungewöhnliche Ländervorwahl + 350 ein. 21 Freitag, 4. Dezember, 21:12 Deer schlich sich langsam, ganz langsam aus dem Zimmer. Ein Gurgeln, das tief aus der Kehle kam, ließ sie innehalten. Reglos blieb sie stehen. Das Risiko, dass die ganze Prozedur von vorn anfangen würde, war groß. Doch dann ging das Gurgeln in ein kurzes Schnarchen über, das zu den Atemzügen einer ganz normalen Achtjährigen wurde, und Deer konnte lautlos Lykkes Tür zuziehen. Von außen. Es war ein als Vorlesen getarnter Kampf gewesen. Wer würde siegreich aus dieser bitteren Fehde hervorgehen? Wenn die Mutter zuerst einschlief, legte Lykke das Buch beiseite, schlich aus dem Wohnzimmer und startete YouTube, um bei leisem Ton eine der klassischen Siegpartien von Liverpool anzuschauen. Wenn Lykke zuerst einschlief, schlich die Mutter in ihr Arbeitszimmer in der zweiten Garage des Reihenhauses und machte den Abend zur Nacht. Nachdem sie einige Male eingenickt war und Lykke genau an der Schwelle zum Wohnzimmer erwischt hatte, war Deer diesmal wider Erwarten siegreich aus dem Spiel hervorgegangen. Ihr Mann Johnny arbeitete im Schichtdienst als Rettungssanitäter. Diesmal hatte er die Abend- und nicht die Nachtschicht, was bedeutete, dass er gegen zehn nach Hause kommen würde, in der Regel völlig erschöpft. Und Deer in Ruhe weiterarbeiten konnte. Obwohl sie eigentlich freihatte. Sie hatte zehn Tage bezahlten Urlaub für ihren Einsatz im Inland bekommen, es ihrem Mann jedoch vorenthalten. Als wäre ihr das Doppelleben schon in Fleisch und Blut übergegangen. Ehe Deer sich auf den Weg ins Büro machte, sah sie sich in dem kleinen Reihenhaus in Skogås am Rande von Stockholm um. Das war die andere Seite der Medaille. Das Leben, das echte Leben. Die Frage war, ob sie eine Chance hatte, jemals wieder hierher zurückzufinden. Dann nahm sie wieder die übliche Strecke durch die erste Garage – die wie immer nach nichts anderem als Garage roch – und gelangte zu Garage Nummer zwei. Die keineswegs eine Garage war, sondern das Büro einer typischen Arbeitssüchtigen. Deer bemühte sich gar nicht mehr, es zu verbergen: Ihr Job war ihr Hobby. Jedenfalls seit er komisch und kompliziert geworden war. Ein einziger Balanceakt. Am Whiteboard hingen einige ausgedruckte Seiten. Deer weckte den Computer aus seinem Ruhezustand und druckte an der Stelle weiter, wo sie ein paar Stunden zuvor von Lykkes immer aufdringlicheren Hungerrufen aus dem Reihenhaus unterbrochen worden war. Dann rollte sie mit dem Bürostuhl näher heran und betrachtete die Ausdrucke ihrer Handyfotos aus August Steens Büro. Bisher waren es vor allem Kontoauszüge und Telefonrechnungen. Sie verglich sie miteinander, machte Notizen und versuchte, Schlüsse daraus zu ziehen. Welche Schlüsse? Was tat sie hier eigentlich gerade? Sie lehnte sich für einen Moment zurück, um mit kühlem Kopf das große Ganze zu interpretieren. Wenn die Säpo wusste, dass Berger nicht am Tod der Serienmörderin schuld war, warum legte sie dann keine Beweise vor, um ihn von dem Verdacht zu befreien? Bei ihrem vermeintlichen Schutz schien es gar nicht um Hilfe zu gehen, sondern eher um eine Art von Erpressung. Nach dem Motto: Wir schützen dich, wenn du einen Auftrag für uns erledigst. Aber wie sollte Berger der Säpo helfen? Deer wusste es nicht, sie suchte nach Anhaltspunkten, und diese Anhaltspunkte konnten nur bei August Steen zu finden sein, der Molly Bloms Mentor war. Also musste Deer Hinweise darauf aufspüren, wo Steen sich aufgehalten hatte, um zu jenem Ort zu gelangen, an dem sich Berger aufhielt. Auf den Handyrechnungen fanden sich eine Reihe Mobilfunknummern und einige Festnetzanschlüsse. Noch erkannte sie keine davon wieder, machte jedoch fleißig Notizen. Die Kontoauszüge ergaben ein Bewegungsmuster, das sich bisher noch nicht weit über die Grenzen Stockholms hinaus erstreckte. Die Kombination aus beidem konnte möglicherweise einen ersten Hinweis darauf geben, wo Steen gewesen war, als er diese oder jene Nummer anrief, aber im Großen und Ganzen war diese Methode doch ein ziemlicher Schuss ins Blaue. Der lärmende Drucker verstummte abrupt. Deer fuhr aus dem Stuhl hoch, lief hin, zog einen Stoß Papiere heraus und setzte sich wieder. Sie blieb an dem Bild hängen, das sie als Dienstplan interpretiert hatte, definitiv für einen und von einem älteren Mann entworfen. Es war ein ausgedruckter Monatsplan, auf dem Bleistiftnotizen die Spuren von älteren, ausradierten Eintragungen überdeckten. Dass dieser Plan neben einem Bücherregal hing, außer Sichtweite von Besuchern, aber dennoch leicht zugänglich, könnte darauf schließen lassen, dass er ein wenig geheim war. Vielleicht, ja sogar hoffentlich, war dies Steens eigener Plan über die Vorhaben seiner engsten Mitarbeiter. Doch die wenigen Texte darauf waren verschlüsselt, kryptische Buchstabenkombinationen, mit Ausnahme von fünf winzigen Zeilen in der linken unteren Ecke, die aus zwei Buchstaben pro Reihe und einer Ziffernfolge bestanden, bei der es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Handynummern handelte. Darunter fanden sich auch die Kürzel RG und KD. Es war durchaus denkbar, dass dies eine Liste von August Steens externen Mitarbeitern war. Und dass sich hinter RG und KD möglicherweise Roy Grahn und Kent Döös verbargen. Deer wählte RGs Nummer. Nachdem es einige Male zu oft geklingelt hatte, als dass sie sich noch Hoffnungen machen konnte, meldete sich doch jemand. Aber kein Roy, sondern eine Frau. »Ja?« sagte die Stimme. »Hallo«, entgegnete Deer ein wenig unvorbereitet. »Wer ist denn da?« »Das Telefon von Roy Grahn.« Deer erstarrte. Dann riss sie sich zusammen. »Ausgezeichnet. Könnte ich mit ihm sprechen?« »Tja, also, wir haben das Telefon nur in unsere Obhut genommen. Ich dachte, der Akku wäre leer. Es lag hier bei uns im Büro in der Schreibtischschublade.« »Das verstehe ich nicht«, sagte Deer ehrlich. »Wo bin ich denn gelandet?« »Ach so, ja, entschuldigen Sie«, entgegnete die Frauenstimme. »Hier spricht Inger Stensson, ich bin Schwester auf der Intensivstation im Söder-Krankenhaus.« Deer runzelte die Stirn, allerdings eher hoffnungsfroh als besorgt. »Wie schon gesagt, ich wollte eigentlich mit Roy Grahn sprechen. Wie geht es ihm?« »Darf ich fragen, wer Sie sind?«, konterte die Frau ein wenig professioneller. »Mein Name ist Lena Andersson«, log Deer. »Roy ist mein Kollege.« »Verstehe«, sagte Inger Stensson. »Ihr Kollege ist leider tot.« Deer schluckte und versuchte, das heiße Brennen zu bekämpfen, das in ihr aufstieg. »Ja, das habe ich schon fast befürchtet«, sagte sie gepresst. »Aber ich weiß noch gar nichts über die genaueren Umstände.« »Abgesehen davon, dass der Körper in zwei Hälften gerissen wurde, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie einen so zerstochenen Menschen gesehen.« »Zerstochen?« »Ja, von Bienen. Und das in diesen Zeiten, wo die Bienen ja fast von der Erde verschwunden sind.« »Und was ist mit Kent?«, fragte Deer. »Ist der auch tot?« »Kent?«, wiederholte Inger Stensson. »Sein Kollege«, erklärte Deer. »Ah«, sagte Stensson. »5, 3.« »Wie bitte?« »Kent Döös, Zimmer 5, Bett 3. Er lebt.« »Wann sind denn Ihre Besuchszeiten?« Sie hatte Bedenken, die aber nicht so groß waren wie ihr schlechtes Gewissen angesichts der Tatsache, dass sie ihre Tochter allein in einem einsamen Haus und mit etwas so Altmodischem und Unzureichendem wie einem Zettel auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Deer tröstete sich damit, dass Johnny mittlerweile wohl schon zu Hause war. Vermutlich war er über ihr Verhalten nicht übermäßig glücklich, aber auch nicht scheidungswütend. Und wenn Lykke einmal eingeschlafen war, konnte sie so schnell nichts mehr wecken. Sie sah von dem über und über verbundenen Mann in Zimmer 5 auf. Ein antiseptischer Geruch wehte von den desinfizierenden Salben zu ihr herauf, von denen sein Körper vermutlich unter den vielen Verbandsschichten bedeckt war. Deer begegnete Inger Stenssons abgeklärtem Blick. »Ist er jemals wach?«, fragte sie. »Für kurze Phasen«, entgegnete Stensson. »Manchmal steht er sogar auf und geht ein Stück.« »Ist er jetzt betäubt?« »Betäubt nicht, nein, aber er nimmt starke Schmerzmittel. Ich habe schon lange keinen Menschen mehr gesehen, der solche Schmerzen hat.« »Sind denn Bienenstiche wirklich so schmerzhaft?«, fragte Deer und erhoffte sich eine Reaktion, die vom üblichen Drehbuch des Pflegepersonals abwich. »In dieser Menge schon«, antwortete Stensson. »Der Körper hat das Gift noch nicht abgebaut. Die meisten denken, Wespenstiche seien das Schlimmste, und die Viecher können ja auch tatsächlich mehrmals zustechen. Eine Biene stirbt nach einem Stich, aber ihr Gift ist zehnmal so stark wie das einer Wespe, und die Symptome sind auch viel heftiger. Wenn Sie wüssten, wie viele Stacheln wir aus diesem Körper gezogen haben …« Nein, dachte Deer. Es war nicht leicht, Inger Stensson mehr zu entlocken, als sie tatsächlich preisgeben durfte. Aber unmöglich war es nicht. Am Telefon hatte sie bereits zu viel gesagt. »Ich müsste wirklich ein paar Takte mit ihm reden«, erklärte Deer. Inger Stensson zuckte mit den Schultern. »Morphium. Ab und zu wird er wach. Aber Sie müssen sich gedulden.« Deer legte die Hand auf Inger Stenssons Arm und sagte jetzt sehr leise und professionell: »Glauben Sie, es gäbe eine Möglichkeit, privat mit ihm zu sprechen? Es geht um einen sensiblen Fall. Und für Sie wäre es am besten, wenn Sie das Gespräch nicht bezeugen müssten. Die Täter, um die es sich handelt, sorgen gern dafür, dass es so wenige Zeugen wie möglich gibt.« Stensson musterte sie. Dann gab sie mit einem kurzen Nicken ihre Einwilligung und ging wieder in ihr Büro. Deer wartete ab und beobachtete Kent Döös. Nachdem sie sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, war sie möglicherweise selbst kurz weggedämmert, denn als sie Kent das nächste Mal ansah, hatte er die Augen geöffnet. Sie waren klar. »Hallo, Kent.« Er betrachtete sie nur. In seinem Blick lag eine Schärfe, die Deer als Misstrauen interpretierte. Sie suchte ihren Dienstausweis, verdeckte routiniert mit ihrer Hand den halben Namen und steckte ihn wieder ein. »Ich heiße Lena Andersson«, sagte sie. »NOA?«, fragte er heiser. Das hat er tatsächlich so schnell erfasst, dachte sie und nickte. »Hat jemand mit Ihnen darüber gesprochen, was passiert ist?« »Natürlich nicht«, sagte Kent. Deer versuchte, beweglich in ihren Gedanken zu sein, flexibel, aber es war schon spät. Ein langer Tag wurde zur Nacht. »Ich weiß, dass es ein Säpo-Einsatz war. Was die Leute aber nicht daran hindert, sich zu beschweren. Es haben sich einige Nachbarn bei der Polizei gemeldet. Wir müssen der Sache nachgehen«, erklärte sie. »Ein paar Tage später, mitten in der Nacht?«, fragte Kent. Ja, dachte Deer, er war wirklich wach. Sie musste eine klügere Herangehensweise wählen. »Ich wusste nicht, dass Bienenstiche zehnmal gefährlicher sind als Wespenstiche«, schwenkte sie um und holte ein Notizbuch hervor, in dem sie nichts zu notieren gedachte. »Ich weiß es jetzt«, erwiderte Kent mit belegter Stimme. »Roy weiß es auch«, sagte Deer. Kent wandte den Blick ab. Er starrte zur Decke. Sie sah, wie ihn die Trauer durchströmte, die reine Trauer über einen toten Kollegen. Möglicherweise auch einen Freund. »Der Einsatz wurde aus der Ferne beobachtet«, log sie. »Können Sie ihn in eigenen Worten beschreiben?« »Die Presseabteilung der Säpo kann das vielleicht«, sagte Kent verbissen. »Verschiedene Behörden, schon klar. Ganz neue Möglichkeiten, um Vorgänge zu verheimlichen. Die Macht der Säpo wächst immer mehr. Ein immer größerer Teil der Polizeiarbeit bleibt geheim, ohne demokratische Kontrolle. All das wissen wir doch längst. Also, was ist passiert?« »Sie machen sich lächerlich«, sagte Kent. »Lena Andersson? Haben Sie das aus dem Säpo-Handbuch für Fake-Namen geklaut?« Jetzt musste sie lachen. Sie konnte sich nicht beherrschen. Das Komische war, dass er auch lachte. Der bandagierte Körper schaukelte auf dem Krankenhausbett. »Ich bin Kommissarin Desiré Rosenkvist«, gab sie mit einem Seufzen zu. Kent nickte. »Das habe ich mir gedacht«, sagte er. »Deer, oder?« Sie schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf. »Ich merke schon, Sie hatten mit Sam Berger zu tun. Wie konnten es so viele Bienenstiche werden? Und wie konnten diese Stiche Roy in den Tod jagen?« »Was wollen Sie eigentlich?« »Berger finden. Aber ich habe auch eine leise Ahnung, dass August Steen verschwunden ist. Macht er das öfter?« »Ich bin ein Externer«, sagte Kent und hustete beunruhigend. »Es ist nicht unbedingt so, dass ich den vollen Überblick darüber habe, was ein hoher Säpo-Chef gerade treibt.« »Der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo, ja. Das Problem ist nur, dass es die Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo gar nicht gibt.« »Natürlich gibt es die. Und Sie müssen jetzt gehen. Bevor Sie jemand sieht.« Deer blickte sich um. An der Decke gab es mehrere undefinierbare Kabeldosen. »Bitte geben Sie mir wenigstens einen Hinweis, Kent«, sagte sie. »War Berger dabei, als Sie von den Bienen angegriffen wurden?« »Sie wollen dieser Sache nicht bis zur letzten Konsequenz nachgehen, das schwöre ich«, sagte Kent. »Verschwinden Sie einfach wieder von hier. So schnell und unauffällig, wie es geht.« Deer stand auf und beschloss zu flehen. »Wenigstens irgendetwas, Kent. Wofür braucht Steen Berger? Warum schützt er ihn vor dem Gesetz?« Kent schüttelte den Kopf. »Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine Abteilung für Nachrichtendienste. Jetzt gibt es nur noch August Steen.« »Aber warum hat er eine spezielle Vereinbarung?« »Was glauben Sie? Gehen Sie!« »Nein. Sagen Sie es mir.« »Er ist wie Hoover, verdammt noch mal. Gehen Sie jetzt!« Deer verließ ihn, während sich ihre Gedanken überschlugen. Hoover? Sie winkte ein wenig abwesend durch das Glasfenster des Schwesternbüros, wo Inger Stensson mit einem vom Bildschirm erleuchteten Gesicht saß und eine müde Abschiedsgeste zustande brachte. Während Deer durch die labyrinthischen Gänge des Söder-Krankenhauses irrte, fragte sie sich, ob sie Sam würde finden können und worum es in dieser Sache eigentlich ging. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, einfach die knappe Woche Urlaub zu genießen, die ihr noch blieb. Vermutlich war Sam Berger in irgendeiner Weise selbst an seinem Schlamassel schuld. Als sie sich zuletzt mit dem Duo Berger und Blom eingelassen hatte, war sogar ihr eigenes Kind bedroht worden, ihre Lykke. So etwas durfte nie wieder passieren. Noch dazu kam jetzt eine SMS. Sie war von Johnny. Er schrieb: »Bin in ein leeres Haus gekommen. L hat geschlafen und schläft immer noch. Wenn du das liest, tue ich es auch. Komm nicht so spät. Kuss!« Ganz ohne Vorwarnung stiegen Deer die Tränen in die Augen. Eine Weile spazierte sie wie benebelt durch diesen Krankenhausirrgarten. Sie sah Markierungen auf dem Boden, die ihre Farbe änderten, und als sie gerade beschlossen hatte, alles sausen zu lassen und wieder eine ganz normale Staatsdienerin zu werden, die sich auf eine Woche unerwarteten Urlaub freuen durfte, überfiel sie ein seltsames Gefühl. Plötzlich kam es ihr so vor, als wäre sie vollkommen verloren. Sie sah sich um. Blickte nach oben, blickte nach unten, nach links und nach rechts. Aber es gab kein Oben und Unten, kein Hier und Da mehr. Keinerlei Richtung. Nachdem sie sich endlich wieder gesammelt hatte, wurde ihr klar, wo sie sich befand und an welches Ziel ihre scheinbar planlosen Schritte sie geführt hatten. Ihre Arbeit war eben doch ihr Hobby. Hinter der Scheibe neben der Tür saß kein dösender Wachmann mehr, aber am Ende des Korridors konnte Deer durch ein großes Fenster noch eine weiß gekleidete Frau mit einem vom Bildschirm erleuchteten Gesicht erkennen. Deer betätigte die Klingel. Draußen war kein Laut zu hören, doch die Frau in dem Glaskäfig hob den Kopf und schob ihre Lesebrille in die Stirn. Mit einer Gemächlichkeit, die grenzenlosen Widerwillen offenbarte, stand sie auf und schlurfte heran, bis sie schließlich doch die Tür erreicht hatte. Deer hielt ihren Dienstausweis gegen die Scheibe. Die weiß gekleidete Frau kniff für einen Moment die Augen zusammen, dann öffnete sie. »Danke«, sagte Deer und las das Namensschild der Frau. Dort stand: »Vilma Lundh, Nachtschwester«. Und in der Hand hielt die Nachtschwester ein Buch mit dem Titel Gramática básica de la lengua española. »Eine spanische Grammatik?«, fragte Deer. »Wie kann ich helfen?«, entgegnete Vilma Lundh schroff und schob die Lesebrille noch weiter in die Stirn. »Ich war in den letzten Tagen mehrmals da, um eine Patientin zu besuchen. Molly Blom, falls Ihnen der Name etwas sagt?« Lundh kniff erneut die Augen zusammen und nickte. Deer musterte die Krankenschwester erwartungsvoll, aber die schwieg. »Es war so seltsam«, fuhr Deer also fort. »Erst gab es keine Lebenszeichen, und dann steht die Patientin gestern früh plötzlich auf und legt eine ziemlich raffinierte Flucht hin.« »Ich habe davon gehört«, sagte Vilma Lundh. »Es ist doch schön, dass es ihr so gut geht.« »Auf jeden Fall«, erwiderte Deer. »Waren Sie in der betreffenden Nacht hier, Vilma?« Die Nachtschwester sah sie an. Als sie ihre Augen schließlich zum dritten Mal zusammenkniff, bat Deer: »Erzählen Sie einfach.« Vilma Lundh fingerte eine Weile an ihrer Grammatik herum. Dann schien sie eine Entscheidung zu treffen. »Folgen Sie mir.« Sie gingen durch den Flur und kamen zu Molly Bloms früherem Zimmer. Jetzt lag ein anderer Patient dort, ein älterer Mann, aber von ähnlichen Gerätschaften umgeben. Ein Respirator gab schwere, tiefe Atemgeräusche von sich, und von einem Infusionsständer führte ein Schlauch zum Arm des Mannes. Die Nachtschwester kniff prüfend in den Infusionsbeutel am Ständer und klopfte mit dem Fingernagel auf den Flüssigkeitsregler. »Der Schlauch hat gewackelt.« »Aha?«, fragte Deer ein wenig verwirrt. »Es begann damit, dass ich gehört habe, wie irgendwo auf der Abteilung ein Fenster geöffnet und geschlossen wurde«, erklärte Lundh. »Ich war mir sicher, dass ich es mir nur eingebildet hatte. Die Fenster hier lassen sich gar nicht öffnen. Als ich in diesem Zimmer nachgesehen habe, hat sich der Schlauch bewegt.« »Verstehe«, sagte Deer ein wenig wacher. »Aber es gab keine anderen Hinweise?« »Keine«, antwortete Lundh. »Bis auf …« »Bis auf?«, fragte Deer noch aufgeweckter. »Tja, also, vielleicht hatte ich ihn früher am Abend übersehen. Vielleicht hing er an irgendeinem entsorgten Blumenstrauß oder einer Pralinenschachtel. Jedenfalls war das keine Sache, wegen der ich die Wachleute und diensthabenden Vorgesetzten geweckt hätte.« Deer betrachtete sie. Kritisch, aber abwartend. »Ach«, sagte Lundh und kniff erneut die Augen zusammen. »Verdammt. Kommen Sie.« Sie gingen zum Büro. Deer sah, dass die Uhr an der Wand 22:23 Uhr anzeigte. Lundh zog eine Schublade auf und wühlte in einer Menge Krimskrams. Dann zog sie von ganz unten etwas hervor, und mit einem Gesicht, auf dem das schlechte Gewissen nur so leuchtete, überreichte sie es Deer. Deer nahm es entgegen. Es war ein kleiner, zugeklebter Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. 22 Freitag, 4. Dezember, 22:23 Molly Blom winkte mit einem kleinen, zugeklebten Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Berger richtete sich kerzengerade im Bett auf. Er war auf keinen Fall eingeschlafen – sein Laptop sollte genau so aufgeklappt auf dem Boden liegen, mit einer halben Seite »qqqqq« am Ende seiner Aufzeichnungen. Jedenfalls war er jetzt hellwach. Sie kam in einem merkwürdigen Frotteeanzug vom Bettsofa im großen Wohnzimmer herein und streckte ihm den Umschlag entgegen. »Der stand zu Hause bei dir auf der Kommode.« »Und du hast sechs Stunden gewartet, um ihn mir zu zeigen, weil …?« »Du so sehr mit diesem Roger Corby in Gibraltar beschäftigt warst. Und ich dann auch. Später habe ich es vergessen.« »Hast du auf keinen Fall«, sagte Berger. »Ich habe dir von diesem kleinen Umschlag im Bienenhaus in Tensta erzählt, mit Shakespeare- und Joyce-Zitaten. Dass du genau so einen bei mir zu Hause gefunden hast, hätte dich doch dazu veranlassen müssen, ihn mir sofort zu zeigen. Also hast du ihn mir aus einem bestimmten Grund vorenthalten.« »Willst du ihn haben oder nicht?« »Ist er noch ungeöffnet?« »Zugeklebt«, bestätigte Blom. »Sollen wir ihn aufmachen?« »Ja, natürlich«, sagte Berger und beobachtete sie. »Frierst du?« »Es ist schweinekalt da draußen«, sagte sie. »Und es gibt nicht genug Decken.« »Ich habe hier ein Doppelbett.« Berger machte eine einladende Geste. »Du hättest auch noch Platz.« Sie sah ihn an. Er sah sie an. Dann zeigte sie auf den Umschlag in seiner Hand. »Na mach schon auf.« Berger betrachtete das Kuvert und legte es beiseite. Dann streckte er sich nach dem Laptop auf dem Boden und musste dafür ein Stück unter der Decke hervorkriechen. »Sag jetzt nicht, du schläfst nackt«, bemerkte Blom trocken. »Ich sage gar nichts«, erwiderte er, löschte eine große Menge an »q« und las, was er geschrieben hatte. Blom seufzte und begab sich zur anderen Betthälfte. Sie hielt so viel Abstand zu ihm wie möglich, zog die Decke über sich und entriss sie ihm dabei fast vollständig. Sie kämpften eine Weile darum. Möglicherweise hatte dieser Kampf etwas Spielerisches an sich. »Lass uns erst mal das Telefonat mit Gibraltar rekapitulieren«, sagte Berger schließlich. »Unser etwas verängstigter Freund Roger Corby hat also herausgefunden, dass Sven Johanssons Firma Big Exit Ltd. mit Sitz in Gibraltar von der Anwaltskanzlei Pantoja & Puerta in Nerja, Andalusien, verwaltet wird. Auf dem Konto von Big Exit bei Corbys Bank PPB, von dem wir Kontoauszüge erhalten haben, liegen immerhin vierzigtausend Euro, was allerdings nicht unbedingt eine gigantische Summe ist. Wenn es tatsächlich irgendwo Blutgeld geben sollte, hat Big Exit Ltd. vermutlich noch an einem anderen Ort ein weitaus besser gefülltes Konto.« »Oder er wartet noch auf das Geld«, schlug Blom vor. »Vielleicht wird er erst bezahlt, wenn Ali Pachachi nicht mehr im Spiel ist.« »Auch denkbar«, sagte Berger nickend. »Und der andere Name?«, fragte Blom und kroch ein wenig näher. »Johan Svensson mit einer Bank in Monaco?« »Keine Ahnung«, antwortete Berger. »Da müssen wir auch etwas tiefer graben, aber momentan habe ich eher das Gefühl, dass die Anwaltskanzlei Pantoja & Puerta die entscheidenden Beweise liefern könnte. Die andere Spur ist mir etwas zu offensichtlich. Carsten würde sich niemals eine solche Blöße geben.« »Big Exit also?« »Natürlich könnte er auch in andere Firmen Geld gesteckt haben, zum Beispiel in diejenige in Monaco, deren Namen ich noch nicht kenne, aber es scheint doch so, als ginge es hier um seinen großen Abgang und als würde der mit Andalusien zusammenhängen. Die Tatsache, dass er ein Anwaltsbüro beauftragt, muss doch ein Anzeichen dafür sein, dass er große Geschäfte am Laufen hat?« »Und dann ist da noch dieser Vertrag, über den du gesprochen hast«, ergänzte Blom. »Das Bienenwachs, das schlimmer sticht als die Bienen, die Vereinbarung, die ihn unfrei macht. Das riecht auch nach Geschäften. Nach faulen Geschäften.« »In Puerto Banús gibt es reichlich Luxusjachten«, sagte Berger. »Aber an so etwas denkst du nicht?« »Das passt nicht zu dem Carsten, den ich kenne. Es mag sein, dass er seinen Lebensstil geändert hat, aber wenn er noch dazu kurz vor der Erblindung steht, glaube ich eher an eine Immobilie, so etwas wie eine große Villa in Toplage mit riesigen Sonnenterrassen. Wo er das Leben auch genießen kann, wenn er nichts mehr sieht, und wo er nicht von Skippern und anderer Besatzung abhängig ist.« »Wie ist denn der Carsten, den du kennst?« »Vor allem ein Zirkusäffchen«, antwortete Blom. »Ich glaube, so eine Attitüde wird man nie los. Irgendwie war alles an ihm immer ein bisschen gekünstelt, als müsste er ein Publikum beeindrucken. Was verführerisch und spannend an ihm war, das wurde schnell extrem anstrengend, weil es einem nie echt vorkam.« »Aber er ist ein echter Verräter«, sagte Berger. »Ein Spitzel in den Reihen der Säpo. Deiner Säpo, Molly. Wie konnte es so weit kommen?« Blom schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn seit fünfzehn Jahren. Ich weiß es wirklich nicht.« »Du hast sicher recht damit, dass er immer übertreibt. Er schreit nach Aufmerksamkeit und will auf Teufel komm raus seine Verbindung zu dir demonstrieren, obendrein sieht er mich als einen Rivalen an und spielt ein literarisches Spiel mit der Säpo. Er wird bald erblinden, und er hat ein romantisches Verhältnis zu Andalusien. Mit seiner Bienen-Aufführung will er zeigen, dass er an einen gewissen Vertrag gebunden ist, weshalb er in diesem Leben nie wieder ein freier Mann sein wird, was aber auch bedeutet, dass er niemals aufhören wird. Aber gibt es irgendeinen Hinweis darauf, wo er sich aufhält?« Blom kroch noch ein bisschen näher, streckte den Arm über ihn und zeigte auf den Nachttisch. Er seufzte, nickte und griff nach dem Umschlag. »Sollen wir uns jetzt damit befassen?«, fragte er. »Was ist da drin? Und vor allem: An wen richtet er sich?« »Wenn ich deine Geschichte richtig verstehe, ergibt es keinen Sinn, dass der erste Umschlag an dich adressiert war, kurz bevor du einen Schuss in den Unterleib verpasst bekommen solltest. Also galt er wohl nicht dir, sondern August Steen und damit der Säpo. Dieser Umschlag hier stand aber bei dir zu Hause, und weil die Säpo auch schon dort war, wissen wir, dass er nur im Nachhinein dort hinterlassen worden sein kann. Wahrscheinlich gibt es eine Reihenfolge: Der Umschlag in Tensta sollte zuerst gefunden werden. Dies müsste ein Nachfolger sein, mit weiteren Informationen, ist wohl der Säpo zugedacht gewesen. Ich lag im Koma, du solltest angeschossen sein. Carsten wähnte sich in dem Glauben, dass wir beide außer Gefecht waren, möglicherweise für immer. Aber was sollen dann diese Spielchen mit dem Umschlag? Überschätzen wir uns einfach, und sie haben überhaupt nichts mit dir oder mir zu tun?«, fragte Molly. »Guter Einwand«, sagte Berger, öffnete den Umschlag ein kleines Stück und schob seinen Zeigefinger hinein. »Aber ich bezweifle es.« »Mach jetzt auf«, befahl Blom. »Was auch immer sich darin befindet, momentan können wir sowieso nichts dagegen ausrichten, weil es schon so spät ist. Aber wir können eine Nacht darüber schlafen.« »Das ist wahr.« Berger schlitzte mit dem Finger den Umschlag auf und ergänzte: »Ich verspreche, dass er für dich ist.« Er holte eine kleine Karte hervor. »Auf der Vorderseite befindet sich eine mit Kugelschreiber geschriebene, eingekreiste Drei. Auf der Rückseite steht, in einer winzigen Handschrift: ›… but I don’t know what kind of drawers he likes none I think didn’t he say yes and half the girls in Gibraltar never wore them either naked as God made them that Andalusian singing her Manola she didn’t make much secret of what she hadn’t …‹.« Molly Bloms Augen weiteten sich. Sie starrte durch das Fenster hinaus in die nächtliche Finsternis. Berger wartete ab. »Manola?«, fragte er schließlich doch. »Es hat irgendeine Bedeutung«, sagte Blom anstelle einer Antwort. »Ist das aus Ulysses?« »Das ist Molly Blooms Monolog, ja. Es klingt, als wäre Manola irgendein Lied, ein Musikstück, aber ich frage mich, ob es nicht auch eine sexuelle Konnotation hat.« »Jedenfalls deutet einiges darauf hin«, stimmte Berger zu. »Denn ›half the girls in Gibraltar never wore them either naked as God made them‹ muss doch bedeuten, dass ›drawers‹ auch ›Unterwäsche‹ sein kann? Was ich nicht geahnt habe. Und auf wen bezieht sich das? Ist ›he‹ in ›he likes none‹ Blazes Boylan, der Liebhaber von Molly Bloom? Ist er gern nackt, wie Gott ihn schuf? Ohne Hose?« Blom lachte. »Wie du«, feixte sie. »Das weißt du nicht«, erwiderte er mit einem schiefen Grinsen. »Aber jetzt sag schon, bezieht sich das auf Boylan?« »Ich glaube ja, ich meine, mich daran zu erinnern. Es ist allerdings ewig her, dass ich es gelesen habe. Aber irgendetwas hat es mit dem Zitat auf sich. Es ruft eine Erinnerung in mir wach, auf die ich gerade einfach nicht komme.« »Vielleicht musst du eine Nacht darüber schlafen?«, schlug Berger vor. »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt schlafen kann«, meinte Blom. »Aber vielleicht darüber nachdenken. Oder es jedenfalls irgendwie verarbeiten.« »Aber ich muss schlafen«, sagte Berger und stellte den Laptop wieder auf den Fußboden. »Willst du den Brief sehen?« Er glaubte mitzubekommen, dass Blom den Kopf schüttelte. Dann fielen ihm die Augen zu. Und sehr leicht, kaum wahrnehmbar, spürte er ihren Atem an seiner Schulter. Dieser Atem hatte etwas Einzigartiges an sich. Gefühle, dachte er noch, von ihnen erfüllt zu sein und sie doch nicht zeigen zu können … Ihr hier zu begegnen, ohne seiner Erleichterung darüber freien Lauf lassen zu dürfen, dass sie überlebt hatte, aufgewacht war, ins Leben zurückgekehrt, dass sie ihr altes Ich geblieben war. Nicht einfach sagen zu können, dass sie ein neues Leben in sich trug. Ein Leben, das vermutlich zur Hälfte von ihm war. Sich ihr in diesem Moment nicht zuwenden zu können, sie zu umarmen, zu empfangen, ein Teil von ihr zu werden … Das Leben war kompliziert. Als er schon halb ins Reich der Träume versunken war, sagte er plötzlich: »Die eingekreiste Drei auf diesem Brief. Und die eingekreiste Eins in Tensta.« Molly Bloms Atem stockte an seiner Schulter. »Die Zwei fehlt?« Er würde sich nie erinnern, ob es ihm noch gelang, ihr zu antworten. Schon bei der ersten Vibration spürte er, dass es sich um eine neue E-Mail handelte. Die Lampe befand sich auf seiner Seite des Betts. Sie war ausgeknipst, aber er hatte es nicht getan. Bis auf das Blinken seines Handys war es stockfinster. Er sah den Absender der Mail, verdrängte Licht und Vibrationen, blieb eine Weile liegen. Als er aus dem Doppelbett aufstand, glitt ihr Arm von ihm herab. Allem Anschein nach schlief sie tief und fest. Andererseits hatte er leider gelernt, dass seine Eindrücke nicht unbedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Lautlos schlich er ins Badezimmer, schloss die Tür ab. Er verzichtete darauf, das Licht einzuschalten, fing das Telefonkabel ein und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren. Dann öffnete er die E-Mail, und das Badezimmer wurde erleuchtet, wenn auch nur schwach. Ehe er auf Pause drückte, hörte er August Steen sagen: »Vielleicht werden Sie mein Handeln verstehen, Sam, vielleicht auch nicht.« Berger versuchte, sich die vorige digitale Sequenz in Erinnerung zu rufen. Es gelang ihm nicht ganz. Stattdessen fixierte er das Standbild von Steen. Sein Alter, die Furcht, die Müdigkeit – all das, was Berger früher nie gesehen hatte. Es gab keinerlei Hinweise darauf, wann die Datei aufgenommen worden war, aber die Einzelteile gehörten alle zu demselben langen Monolog, in dem sich Steen immer öfter beim Lügen ertappte. Vielleicht würde er am Ende bei der Wahrheit ankommen. Vielleicht würde er dann sterben. Jetzt erinnerte Berger sich doch, worum es ging. August Steen hatte gerade gestanden, dass er William Larsson angeheuert hatte, nicht als Leibwächter der Familie Pachachi, wie er ursprünglich behauptet hatte, sondern um ihre Tochter Aisha zu entführen. Warum Steen ausgerechnet die Tochter von Schwedens größtem Kämpfer gegen den Islamismus entführen lassen wollte, blieb allerdings unklar. Berger war gezwungen, seine Sinne zu schärfen. Und spielte das Video ab. 23 »Vielleicht werden Sie mein Handeln verstehen, Sam, vielleicht auch nicht. Aber eventuell werden Sie zumindest mein Motiv nachvollziehen können. Ja, da bin ich mir sogar ziemlich sicher, Sam. Trotz allem, was passiert ist. Und jetzt sollen Sie es erfahren. Ali Pachachi hatte also über sein Netzwerk ein Gerücht aufgeschnappt, dass das Syndikat des verstorbenen albanischen Waffenhändlers Isli Vrapi unter neuer Führung in mehreren europäischen Ländern riesige Vorräte an Waffen ansammelte und sich darauf vorbereitete, sie an den Höchstbietenden zu versteigern. Vor einem Jahr gab es nicht bestätigte Hinweise darauf, dass ein schwedischer Interessent in Betracht kam. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch eingesehen, dass es einen Spitzel in den Reihen der Säpo gab. Man muss sich uns wohl als Triumvirat vorstellen, Sam, als ein Trio, das darüber bestimmte, wie die geheimdienstliche Lage in Schweden beurteilt und wie darauf reagiert werden sollte. Andere nannten uns nicht das Triumvirat, sondern das Bermudadreieck – alles, was im Kraftfeld zwischen August Steen, Ali Pachachi und Nils Gundersen landete, verschwand spurlos. Ich bevorzuge trotzdem die Bezeichnung Triumvirat. Man verbindet sie mit der klassischen Antike, sie klingt nach dem Goldenen Zeitalter Roms, nach Cäsar, Crassus, Pompeius, nach Gerechtigkeit und Zivilisation – aber mit dem Beigeschmack eines Machtgleichgewichts, das auf ebenbürtiger Stärke und gemeinsamen Ambitionen beruht. Wenn der fein kalibrierte Balanceakt des Triumvirats in irgendeiner Weise gestört würde, stünde der Untergang kurz bevor. Dann drohte das Risiko, dass wir alle von der dunklen Magie des Bermudadreiecks verschluckt werden würden. Die Rollen waren klar verteilt. Ich war der Machtspieler innerhalb der Säpo, Nils kontrollierte den Nahen Osten, Ali herrschte über das Wissen. Unser Zusammenspiel war ideal. Solange wir alle dasselbe Ziel hatten. Doch dann passierte etwas. Bei einer offiziellen Reise nach Russland im April wollte ich Geschenke für meine Familie kaufen. Man hatte mir ein Einkaufszentrum am Rande von Moskau empfohlen. Wie aus dem Nichts tauchte dort dieser Mann auf und bat mich, im Menschengewimmel auf einer Bank Platz zu nehmen. Sein Englisch war tadellos. In seiner Nähe entdeckte ich sofort drei Leibwächter. Was der Mann sagte, war keineswegs tadellos. Er behauptete, es gebe Grauzonen, mitunter könne man etwas Gutes für sein Land tun und gleichzeitig gut daran verdienen. Es gebe da ja diese Großhändlervilla. Als ich so tat, als würde ich ihn nicht verstehen, meinte er, ich sei doch schon dreimal auf Möja gewesen, um sie mir anzusehen. In dem Moment verstand ich, dass er es ernst meinte. Ich würde ein echtes Angebot erhalten. Vermutlich war ich nach all den Jahren im Staatsdienst ganz einfach empfänglich. Es war keinesfalls das erste Mal, dass mich jemand im Visier hatte, doch es war immer leicht gewesen zu widerstehen. Aber dies war das erste Mal, dass es sich so einfach anbot, so deutlich. Er nannte eine Summe, beschrieb einen Finanzplan, eine raffinierte, undurchdringbare Besitzstruktur. ›Die russische Mafia‹, sagte ich. ›Man reicht ihnen den kleinen Finger, und sie fressen deine ganze Familie auf, bis hin zu den Vettern dritten Grades.‹ Er schüttelte den Kopf und grinste. ›Nicht die Mafia‹, sagte er und versprach mir hoch und heilig, dass die Waffen nie auf schwedischem Boden zum Einsatz kommen würden. ›Wir wissen, dass Sie über eines der umfangreichsten Netzwerke in der muslimischen Welt verfügen‹, fuhr er fort. ›Wir wissen auch von den künftigen Waffenversteigerungen. Aber es ist unmöglich, an den Händler heranzukommen, an Isli Vrapis Nachfolger. Wir wollen, dass Sie das erledigen, über Ihr Netzwerk. Wir wollen, dass Sie einen Weg finden, die Auktion abzuwenden und uns die exklusiven Rechte anzubieten.‹ Ehe er ging und mich in dieser absurden Einkaufsgalerie zurückließ, sagte er noch: ›Wir brauchen Ihre Antwort innerhalb einer Woche.‹ Dann legte er mir hastig die Hand auf die Schulter und war weg. Die Leibwächter ebenso. Ich reiste wieder nach Hause, durchdachte die Lage, sondierte das Terrain und versuchte zu verstehen, wer mich da kontaktiert hatte. Aber ich kam nicht weiter. Meine Deadline rückte näher. Da meldete sich Ali Pachachi. Ich traf mich mit ihm. Inzwischen hatte er den Namen von Isli Vrapis Nachfolger herausgefunden, und die Organisation erschien plötzlich viel transparenter. Pachachi berichtete alles, was er wusste, und ich glaubte, einen Zugang erkennen zu können. Ausgehend davon, was mein hochverehrter Kollege im Triumvirat berichtete, schien es die Möglichkeit zu geben, einen Samen zu säen. In dem Moment traf ich eine schicksalsschwere Entscheidung. Es war auch der Moment, in dem sich das Machtgleichgewicht im Triumvirat verschob. Ich erzählte Pachachi nichts, sondern behauptete lediglich, ich würde die Informationen ans Ministerium weitergeben und eine internationale Fahndung auslösen. Ali Pachachi vertraute mir. So, wie wir einander immer vertraut hatten. Monate verstrichen, Pachachi wurde allmählich unruhig. Wann würde der Schlag gegen die Waffenorganisation endlich stattfinden? Ich bat ihn um Geduld, so funktioniere das eben in einer Demokratie. Mir wurde klar, dass ich eine Art Leibwächter für Pachachi brauchte. Also jemanden, der ihn in Schach halten konnte. Ich wandte mich an Nils Gundersen im Libanon. Doch als er seinen neu rekrutierten Sohn für Pachachi hierherschickte, geriet das Triumvirat endgültig aus dem Gleichgewicht. Jetzt log ich auch Nils an, über seinen geliebten Sohn, den wir gemeinsam aus der Hölle gerettet hatten. William Larsson kam an, ich gab ihm einen Alibijob bei einem technischen Subunternehmen der Säpo, und dann erteilte ich ihm seinen ersten geheimen Auftrag. William war ein gehorsamer Soldat. Nachdem Pachachis Sohn verschwunden war, beobachtete ich, wie Ali aus dem Gleichgewicht geriet, und ich trug noch zusätzlich zu seiner Instabilität bei, indem ich William beauftragte, seine Tochter Aisha zu entführen. Ich sorgte dafür, dass Ali Pachachi einen Drohbrief erhielt, der von Isli Vrapis Organisation zu stammen schien. Dabei gestaltete ich die Botschaft möglichst unzweideutig: Wenn Pachachi sein Wissen über die Organisation preisgäbe, würde seine Tochter sterben. Das hielt ihn in Schach, sein Interesse für diesen Waffenhandel nahm deutlich ab. Sobald die Polizeiverhöre über das Verschwinden von Aisha überstanden waren, brachte ich Ali und Tahera Pachachi an einen geheimen Ort. Und er hielt dicht. Er berichtete an mich, und ich trug nichts weiter, so hatten wir es uns hoch und heilig versprochen. Dass William dann aufgrund seiner Kindheitserlebnisse durchdrehte, änderte nicht so viel. Molly kam dem Ganzen auf die Schliche, das wissen Sie, Sam, sie entwickelte eine seltsame, aber funktionierende Methode, die mit einer Undercover-Identität und einem Fahrrad zusammenhing. Und Pachachi schwieg weiter. Jetzt mussten nur noch möglichst bald diese Informationen über die schwedische Waffenauktion kommen, damit ich ernten konnte, was aus meinem Samen gewachsen war. Stattdessen kam der Schock. Kurz vor Neujahr fand ich heraus, dass sich ein Spitzel in die Säpo eingeschlichen hatte. Ich wusste nicht, wer es war, aber die Zeichen ließen kaum einen Zweifel zu. Jemand aus der Säpo versuchte, Ali Pachachi zu finden, den geheimsten Mann in ganz Schweden. Ich hatte das Ehepaar schon in Sicherheit gebracht und beeilte mich jetzt, alle Spuren des Triumvirats aus dem Archiv zu löschen. Doch das entdeckte Ihre Freundin Cutter. Dann begab ich mich auf die Jagd. Aber ich fand niemanden. Es war wie verhext. Der Spion war unerhört geschickt, das stand fest, die Frage war nur, wie viel dieser Mistkerl schon herausgefunden hatte. Und aus dem Netzwerk kamen keinerlei Nachrichten über die Waffenauktion. Allmählich hatte ich den Verdacht, sie sei abgeblasen worden. Ich fürchtete, dass ich bald meinen Preis für einen langen, herrlichen Sommer mit meiner wohlgenährten Verwandtschaft auf Möja würde zahlen müssen. Im Oktober wurde dann die fünfzehnjährige Ellen Savinger entführt, und ich begriff – nicht zuletzt dank Mollys Informationen –, dass William seinen Takt erhöhte und bald eine Eskalation drohte. Dabei hatte es William gar nicht auf Aisha Pachachi an sich abgesehen, auch nicht auf Ellen oder eines der anderen Mädchen. Er hatte es auf Sie abgesehen, Sam. Alle schienen es auf Sie abgesehen zu haben. Jetzt waren zwei Dinge wichtig: endlich dem Spitzel auf die Schliche zu kommen und Sie am Leben zu halten, Sam. Denn Sie waren wichtig für mich. Aber Molly brach aus und befreite Sie, und dann verschwandet ihr von meinem Radar. Ich konnte nur hoffen, dass ihr allein überleben würdet. Danach fand Carsten den Weg nach Helenelund und befreite Aisha aus Williams nicht ganz vollendeter Zellenkonstruktion. Das war meine erste Spur. Es war klar, dass derjenige, der Aisha, aber keines der anderen sechs Mädchen mitnehmen würde, mein Spitzel sein musste. Ich sah einen Zusammenhang zwischen der Entführung und einigen anderen Morden, die mit etwas so Außergewöhnlichem wie einem schwarzen Strumpf begangen worden waren. Doch erst als ich in einem Film beobachtete, wie Carsten einem anderen Opfer einen schwarzen Strumpf in den Mund stopfte, erkannte ich das ganze Ausmaß. Das Opfer, das Sie, Sam, angeblich erschossen haben. Die Serienmörderin im Inland. Es schien sogar so, als wären Sie auch für die anderen Strumpfmorde verantwortlich. Obwohl ziemlich unklar war, warum Sie Ihre alte Freundin Katharina Andersson, genannt Cutter, ermordet haben sollten. Anscheinend tötete Carsten sie, weil sie nicht lockerließ, den Aufenthaltsort von Pachachi herauszufinden. Ihr wäre sogar zuzutrauen gewesen, dass sie diese Information aus dem Archiv gehackt hätte. Und erst jetzt verstand ich, wer Carsten in das System geschickt hatte. Jemand, der im Kampf um das Waffenlager dabei sein wollte. Jemand, der wissen wollte, wo die Auktion stattfinden würde. Eine Person, die geahnt hatte, dass das Triumvirat kurz davor war, sich in ein Bermudadreieck zu verwandeln. Und die nicht daraus vertrieben werden wollte. Es war nicht der IS, der Carsten beauftragt hatte. Wir waren alle Quislinge, aber sein Landesverrat hatte nicht ganz dieselben Ausmaße. Das Waffenlager enthält einzigartige Prototypen, für die jeder Söldner nicht nur töten, sondern sogar sterben würde. Kurz darauf kam die Nachricht von Pachachi. Die Auktion findet statt, das Waffenlager liegt in Schweden bereit. All diese Waffen, für die jeder Terrorist Seppuku begehen würde, befinden sich jetzt auf schwedischem Boden. Ich bekam eine Zeit, einen Ort, einen Auftrag. Dann habe ich die Information an meine Kontakte weitergeleitet und mich darauf vorbereitet, meinen Plan zu aktivieren. Und jetzt kann ich es nicht, Sam. Jetzt sitze ich hier, in diesem ekelhaften Keller, in Carstens Gewalt, und habe keine Ahnung, was passieren wird. Ich hoffe nicht, dass sie meiner Familie Möja wegnehmen werden. Denn ich kann mir kein anderes Szenario vorstellen, als dass ich hier sterbe. Sie haben es schon erraten, Sam, und so ist es auch. Nils Gundersen bezahlt Carsten fürstlich dafür, dass er Ali Pachachi findet und aus ihm herauspresst, wo und wann die Auktion stattfinden wird. Aber Sie müssen Carsten aufhalten, Sam. Das müssen Sie unbedingt. Gundersen ist nur an den Prototypen interessiert. Den Rest wird er mit Freuden dem IS überlassen. Ich glaube, dass ich möglicherweise, kurz bevor Carsten mich erwischt hat, einen aussagekräftigen Hinweis darauf erhalten habe, wo sich Carsten mit Aisha befinden könnte. Das Triumvirat ist gefallen, Sam. Wir sind alle im Bermudadreieck.« 24 Samstag, 5. Dezember, 7:07 Berger schlief in dieser Nacht nicht mehr. Während er sich in seinem Bett hin- und herwälzte, fiel ihm auf, dass seine Unruhe gar nicht verwunderlich war. Man hatte einen ganzen Bombenteppich über ihm abgeworfen. Eine Explosion nach der anderen, die sowohl die Wahrnehmung als auch das Denken verzerrte. Mollys Ehe und ihre geistige Verbindung zu Carsten, August Steens Geständnis, William Larssons neue Rolle, Carstens verschobene Rolle. Die Frage war nur, ob das alles stimmte. Steen hatte sich ja bereits als äußerst versierter Lügner erwiesen. Was ebenfalls nicht weiter verwunderlich war, in Anbetracht seines hohen Postens in der unehrlichsten Branche, die das legale Universum überhaupt zu bieten hat. In der auch Molly Blom geschult worden war. Sam Berger war wieder mit ihr allein. Sie hatte seine Isolation aufgebrochen, und er hatte die ganze Nacht ihren Atemzügen gelauscht, die so regelmäßig, so leise, so ehrlich geklungen hatten. Vielleicht war aber auch das nur eine Frage des Trainings. Alles konnte falsch sein. Das war die unheimliche Lehre. Alles konnte falsch sein. Auch sein eigenes Leben. Die Wahrheit war etwas Vergängliches geworden, das die ganze Zeit verschoben und verbogen werden konnte. Es war ein ekelhafter Zustand. Aber in diesem Moment stellte sich die Lage jedenfalls wie folgt dar: August Steen war ein Landesverräter, genau wie Carsten, nur dass er von einer fremden Macht gekauft worden war, unklar, von welcher, möglicherweise einer russischen. Seine Jagd auf Carsten war offenbar eher eine Jagd auf einen konkurrierenden Spion als eine Fahndung im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit. Und Carsten wiederum war anscheinend im Auftrag des Söldners Nils Gundersen tätig, der seine langjährige Loyalität zur Säpo also auch gebrochen hatte. Wie durch und durch verdorben das alles war. August Steen hatte gerade enthüllen wollen, wo Carsten und Aisha sich befinden könnten, als das Video erneut unterbrochen worden war. Das allein war schon Grund genug für eine schlaflose Nacht. Wenn Berger genauer darüber nachdachte, hatte sich aber auch Mollys Atemrhythmus einige Male geändert, und er war überzeugt, dass auch sie einige schlaflose Stunden verbracht hatte. Er versuchte, ihre wachen Phasen zu belauschen und gleichzeitig so zu tun, als würde er schlafen. Es gab Momente, in denen er ahnte, dass sie ihn ebenso belauschte. Plötzlich tat es neben ihm einen Ruck. Er schaltete die Lampe ein und drehte sich um. Molly war aus dem Bett hochgeschnellt, stand in ihrem Flauschanzug mit dem Rücken zur Wand, und ihre Miene war nur schwer zu deuten. »Was ist?«, fragte er und kratzte sich den Bart. »Weiß nicht«, sagte sie. »Irgendetwas mit Carstens Zitat. Eine Erkenntnis, die kurz aufgeblitzt und dann wieder verschwunden ist: ›… but I don’t know what kind of drawers he likes none I think didn’t he say yes and half the girls in Gibraltar never wore them either naked as God made them that Andalusian singing her Manola she didn’t make much secret of what she hadn’t …‹« »Aha«, sagte Berger. »Habt ihr euch das gegenseitig vorgelesen?« »Nein, oder vielleicht …« »War das in deiner Wohnung? In der Elofsgatan?« »Eolsgatan«, korrigierte Blom. »Eol, der Gott des Windes, Aiolos. Wobei, nein, nicht dort, das war ja das Besondere. Ich sagte: ›I don’t know what kind of drawers he likes‹, und er sagte: ›none I think‹. Das war in dem Moment, als mir klar wurde, dass er keine Unterhose trug. Unter der Jeans.« »Wie romantisch«, kommentierte Berger. »Seltsamerweise war es das wirklich«, erwiderte Blom. »Aber wo?« »Eine Wohnung, ein Hotelzimmer, eine … Theaterloge?« »Es liegt mir auf der Zunge. Erzähl mal irgendetwas anderes, vielleicht kommt mir die Erinnerung dann wieder.« Erzähl mal irgendetwas anderes, dachte Berger. Als würde es ihnen an Gesprächsstoff mangeln. Einer der vielen Gedanken, die er in der Nacht gewälzt hatte, kehrte zurück. »Bist du jemals auf Möja gewesen?«, fragte er. »Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Blom. »Warum willst du das wissen?« »Ich dachte, du hättest vielleicht Verwandte dort …?« Sie schüttelte nur den Kopf und blickte nachdenklich drein. »Umschlag Drei«, schlug Berger stattdessen vor. »Umschlag Drei, bei mir zu Hause hinterlegt, kurz nach dem Angriff in Tensta, wo sich Umschlag Eins befand. Umschlag Drei richtet sich also keinesfalls an mich, weil ich zu diesem Zeitpunkt längst hätte kastriert sein sollen. Ich würde sagen: Er ist ziemlich eindeutig an dich gerichtet, Molly. Allerdings war Carsten involviert, als Deer und ich nach dir gesucht haben, er wusste ganz genau, dass du im Koma gelegen hast. Warum sollte er sich an dich richten?« Blom nickte. »Ja«, sagte sie. »Aber dann wohl an mich allein. Nur ich allein kann das alles entschlüsseln, außerdem solltest du außer Gefecht gesetzt sein. Offenbar geht er davon aus, dass ich aufgewacht bin. Er will, dass ich allein ihn suche.« »Das kann man so deuten«, sagte Berger. »Aber Carsten kann wohl kaum wissen, dass ich unverletzt bin und wir uns, wenn ich es so sagen darf, wiedervereint haben.« Er durfte bloß nicht sagen: »Wenn Carsten diese Information nicht aus August Steen herausgefoltert hat, versteht sich.« Es fiel ihm so unfassbar schwer, seine Zunge im Zaum zu halten. Aber in der jetzigen Situation konnte er nicht von Steen und seinen Videos erzählen. Berger wusste noch immer nicht, ob er Molly über den Weg trauen konnte. Wie hatte sie das geheimste aller Safehouses der Säpo gefunden? Mithilfe eines Beamten, der die Helikoptertransporte organisierte? Wirklich? Und wie war sie so schnell aufgewacht? Was für eine Rolle spielte sie überhaupt in dem Ganzen? Was für ein Scheißleben dieses Doppelleben doch war. Wenn diese ganze Geschichte anders enden sollte als mit dem Tod, wäre Sam Berger gezwungen, sein Leben zu reformieren. Im klaren Licht der Transparenz zu leben. Endlich der What-you-see-is-what-you-get-Mensch zu sein, für den er sich so lange selbst gehalten hatte. Seine existenziellen Grübeleien wurden von einer Greifzange um seinen Arm unterbrochen. Er drehte sich um, Molly Blom entließ ihn wieder aus ihrer Umklammerung und starrte ins Leere. Er wartete ab, setzte sich auf und schob sich das Kissen in den Rücken. Dann beobachtete er sie. »Ich erinnere mich«, sagte sie schließlich. »Aha?« »Wir waren auf einer Insel im Schärengarten. Unsere erste gemeinsame Reise. Ein Wochenende auf einer Insel. Die erste Verführung.« »Irgendeine Schäreninsel? Welche?« »Wir hatten ein kleines Haus gemietet. Daran meine ich mich zu erinnern. Es muss im Herbst gewesen sein, fast schon im Winter. Unendlich einsam. Und trotzdem gab es ein paar Häuser, aber alle unbewohnt.« »Interpretiere ich deine Ausführungen richtig, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, wo es war?« »Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Insel es war, nein.« »Wir müssen deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen«, entschied Berger und stand auf. Er trug eine Badehose. Schnell zog er sich etwas über und sagte währenddessen: »Du hattest nicht zufällig einen Computer in diesem verdammten Jutesack?« »Jutesack?« »Mit dem du mir da draußen im Gestrüpp einen Herzinfarkt einjagen wolltest. Wir brauchen zwei Computer. Komm schon, lieg nicht so faul hier herum.« »Doch, ich habe einen Laptop dabei«, entgegnete Blom und schlug die Decke beiseite. »Aber nicht in einem Jutesack.« »Ausgezeichnet«, sagte er, packte sie am Arm und zog sie ins Wohnzimmer, zu der Landkarte neben dem Whiteboard. Molly starrte auf das Wirrwarr des Stockholmer Schärengartens. »Mal sehen, ob wir eine kleine Inspiration für dich finden«, sagte er, setzte sich, schaltete seinen Computer ein und suchte nach Listen von Schäreninseln. Er erhielt ein langes alphabetisches Verzeichnis mit diversen Unterkategorien. Blom starrte noch immer auf die Karte von den fünfundzwanzigtausend Inseln. Anscheinend ließ die Inspiration auf sich warten. »Wie seid ihr auf die Insel gekommen, Carsten und du?«, fragte Berger. »Auto, Bus, Fähre, Schärendampfer?« Blom schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nur an das Haus und die nicht besonders langen Spaziergänge.« »Und wie du entdeckt hast, dass er nichts drunter hatte, ich weiß. Aber du musst dich an mehr erinnern. Ist Carsten Auto gefahren?« »Ich weiß es nicht mehr«, antwortete Blom, schloss die Augen und brachte nach einer Weile hervor: »Nein, wir sind mit dem Schärendampfer gefahren. Es gab keine Autos auf der Insel.« »Gut«, sagte Berger und klickte. Die Auswahl auf dem Bildschirm wurde kleiner, war aber immer noch gewaltig. »Wir sind nicht nach Norden gefahren«, fuhr Blom fort und zog einen Rucksack hervor, der hinter dem Papierkorb unter dem Schreibtisch klemmte. Sie holte ihren Laptop heraus und schaltete ihn ein. Berger stand auf und ging zu der Karte. »War es der äußere Schärengarten?«, fragte er. »Konnte man andere Inseln sehen?« »Ja, mehrere«, sagte Blom und übernahm die Webadresse von Bergers Laptop. Dieselbe Liste tauchte auf ihrem Bildschirm auf. »War es eine große Insel, habt ihr sie umrundet? Hielt der Schärendampfer direkt, gab es einen Dampfschiffanleger? Oder musstet ihr mit einem kleineren Boot weiterfahren?« »Es war eine ziemlich große Insel«, sagte Blom nickend und las die beeindruckende Liste von Inselnamen. »Sie hieß komisch. Und der Dampfer hielt direkt dort, ja.« »Sie hieß komisch? War im Spätherbst aber verlassen? Keine festen Bewohner?« »Wir waren über das Wochenende dort. Aber ich erinnere mich nicht, andere Menschen gesehen zu haben.« Berger hielt plötzlich mitten in der Bewegung inne und starrte sie an. »Und es war nicht Möja?«, fragte er. Sie schaute ihn überrascht an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Was verheimlichst du mir?«, fragte sie. »Bedeutend weniger, als du mir verheimlichst«, antwortete Berger. Sie musterte ihn noch eine Weile, während er zu seinem Laptop zurückkehrte und die Streckenkarte der Fährschiffgesellschaft Waxholmsbolaget öffnete. »Von wo habt ihr abgelegt? In Stockholm, am Nybrokajen oder am Strömkajen? Oder Årsta havsbad? Nynäshamn?« »Strömkajen«, antwortete Blom lahm. »Du erinnerst dich ja doch an mehr, als du glaubst«, erwiderte Berger, vielleicht sogar ein bisschen aufmunternd. Dann fügte er hinzu: »Es ist natürlich lange her, und die Fährverbindungen können sich im Lauf der Zeit geändert haben, aber schau dir doch mal diese Fahrpläne an, vielleicht klingelt ja etwas.« Blom rollte mit dem Stuhl zu ihm heran und las auf seinem Computer. Er beobachtete sie und sah, wie sie plötzlich die Stirn runzelte, wie ihre Hand auf der Maus innehielt. »Hm«, machte sie. »Hm?«, fragte er. »Fjärdlång«, sagte sie. Berger eilte sofort wieder zu der großen Schärengartenkarte, fand die Insel und schätze rasch die Distanz zu seinem Versteck ein. »Bist du sicher?« »Ich glaube schon. Komischer Name.« »Südlicher Schärengarten«, sagte Berger. »Östlich von Stora Ornö. Es gibt massenweise Inseln in der näheren Umgebung, und trotzdem liegt sie dicht am äußeren Schärengarten. Und nicht wahnsinnig weit von hier entfernt. Vielleicht fünfzig Kilometer mit dem Boot, was auch immer das in nautischen Meilen ist. Zoom doch Fjärdlång mal auf Google Maps heran.« Gemeinsam untersuchten sie das Satellitenbild. »Einige Häuser im Norden«, sagte Berger. »Am Dampferanleger im Westen weniger. Im Inneren der Insel auch ein paar, darunter ein etwas protziges Haus namens Thielska villan, das im Sommer eine Jugendherberge ist. Im Südosten ein paar Hütten. Was glaubst du?« Blom deutete mit dem Finger auf eine Stelle. »Wir müssen wohl da gewohnt haben«, sagte sie. »Im Südosten.« Berger nickte, dann räumte er den Schreibtisch auf, setzte sich und streckte sich, dass es knackte. »Dann starten wir eine groß angelegte Suche auf Fjärdlång. Alles, was wir finden können, Besitzer, Vermietung, Distanzen, Geländebeschaffenheit. Wir müssen nach Diskrepanzen suchen und schauen, ob wir das genaue Haus lokalisieren können. Das sehr gut auch das Haus sein kann, wo ihr vor langer Zeit einmal bemerkt habt, dass ihr keine Unterwäsche tragt. Das ist der Ort, wo sich Carsten mit Aisha aufhält.« Blom folgte seiner Aufforderung umgehend. Die Tastaturen klapperten um die Wette. Bis eine von ihnen verstummte. Und nach einer Weile auch die andere. Ihre Blicke trafen sich. »Mit dem Boot?«, fragte Blom. »Bitte?«, fragte Berger. »Du hast gesagt ›fünfzig Kilometer mit dem Boot‹. Heißt das, du hast eines?« Berger kraulte sich den Bart. »Ein ziemlich krasses sogar.« 25 Samstag, 5. Dezember, 13:56 Das Wetter war nicht ideal für eine Bootsfahrt im Schärengarten, so viel stand fest. Der Himmel zog sich zu, und in einer Stunde würde es bereits dämmern. Der scharfe Bug durchschnitt die Wasseroberfläche, auf die immer schwerere Tropfen des Schneeregens niedergingen. Hin und wieder mischte sich auch Hagel darunter. Zu dieser Jahreszeit war der Schärengarten ein seltsamer Ort. Über dem unendlichen Gebiet aus kleinen Felsen und Inseln lag ein grauer Nebel. Kein Stockholmer würde sich der Inselwelt jetzt nähern. Deer stand nahezu allein auf dem Waxholm-Boot, zumindest war sie die Einzige, die sich im Freien aufhielt, wenn auch unter einem Dach. Sie zog den kleinen Umschlag hervor, den ihr die vielleicht nicht ganz so pflichtbewusste Nachtschwester Vilma Lund gegeben hatte, und las. Natürlich war das ein Hinweis. Natürlich war es richtig, was sie hier tat. Aber was würde sie am Ende des Regenbogens finden? Etwas, das definitiv rechtfertigen würde, dass sie eine Waffe trug, dachte sie, und klopfte sich hastig auf die Schulter. Als ob mit einem Regenbogen zu rechnen wäre, dachte sie weiter und spähte durch den Dunstschleier des Niederschlags. Inzwischen war diese Wetterlage in Schweden so normal, dass es mehr als nur ein zusammengesetztes Wort wie Schneeregen dafür geben sollte. Schnegen? Und zu allem Überfluss sah es auch noch so aus, als würde ein Sturm heraufziehen. Der Waxholm-Dampfer näherte sich einer Insel, die weitgehend unbewohnt zu sein schien. Nach einer Weile gelang es Deer, an der kargen Westküste der Insel den Bootsanleger zu erahnen. Nein, das Wetter war nicht ideal für eine Bootsfahrt im Schärengarten. Berger blickte in den sich verdunkelnden Himmel hinauf und hoffte, dass der Sturm von gestern auch wirklich ein Sturm von gestern war. In immer schwereren Tropfen prasselte der Schneeregen auf die grauschwarze Meeresoberfläche, während sie dank Molly Bloms nicht ganz unerwartetem Navigationstalent jede Untiefe umschifften. Nicht ein einziges Mal musste sie auf das GPS von Bergers iPad schauen. Sie hatten beschlossen, den Dampfbootanleger zu meiden, für den Fall, dass Carsten am naheliegendsten Vertäuungspunkt der Insel eine Überwachungskamera installiert hatte. Weil das PS-starke Motorboot auch kräftig lärmte, wollten sie sich von Norden heranarbeiten, von der Meeresseite her, und die sogenannte Bockholmen umrunden, um einen Ankerplatz einige Kilometer nördlich des Ferienhausgebiets im Südosten von Fjärdlång zu finden. Jenem Ferienhausgebiet, wo sich Carsten aller Wahrscheinlichkeit nach mit Aisha aufhielt. »Hier in der Mitte sind Untiefen«, sagte Blom, ohne von der Seekarte aufzusehen. »Fahr langsamer.« Berger gehorchte sofort. Er befolgte Bloms Anweisungen und versuchte, nicht daran zu denken, wie schlimm es wäre, wenn sie auf Grund liefen. Zunächst folgte er der länglichen Parallelinsel nach Norden, fuhr um sie herum, sah erneut, wie sich Fjärdlång vor ihnen auftürmte: Die schon seit tausend Jahren bewohnte Insel erhob sich zu einer ansehnlichen Größe. An der Ostküste der Insel gab es glücklicherweise auch den einen oder anderen Naturhafen, und Molly Blom wählte eine passende Stelle aus. Berger drosselte die Geschwindigkeit des Motorboots auf ein Minimum und ließ es schaukelnd an Land treiben. Die unwirtlichen, schroffen Felsen mahnten ihn zu größter Vorsicht. Dann glitten sie in eine Bucht hinein, die selbst für einen mittelmäßigen Skipper zu bewältigen war. Ein knapper Kilometer Fußmarsch durch unwegsames Gelände lag vor ihnen. Berger zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn, ohne dass sich sein Bart darin verfing. Dann nickte er Blom zu, die sich auf die Schulter klopfte und auf den Weg machte. Er folgte seiner Navigatorin. Dafür, dass auf der Insel kein Verkehr herrschte, war die Straße ziemlich breit. Deer wanderte durch die Dunkelheit und warf hier und da einen Blick auf die Karte ihres Handys, dessen Akku zum Glück aufgeladen war. Das Telefon wurde langsam zu ihrer einzigen Lichtquelle. Es war vollkommen krank, in einem Land zu leben, wo es schon um halb drei dunkel wurde. Der Schneeregen, der Schnegen, wurde inzwischen von einem ziemlich starken Wind begleitet. Deer dankte ihrer glücklichen Eingebung, dass sie sich in mehrere Schichten eingepackt hatte. Plötzlich wurde der Weg schmaler und glich eher einem Pfad. Deer war klar, dass er ziemlich bald im Nichts enden würde. Wie sie wieder von dort wegkommen sollte, war ungewiss. Es erschien ihr nicht gerade verlockend, sich in das felsen- und waldreiche Gelände zu begeben, und die Karte konnte ihr nicht genau verraten, wie die nahe Küste aussah. Vermutlich war sie steil und unzugänglich, und sie musste sich direkt in den Wald vorwagen. Der Pfad verlief ein kurzes Stück geradeaus, und zum ersten Mal seit Langem sah sie das Meer. In der Ferne glimmten einige schwache Lichter wie eine Luftspiegelung. Dann krümmte sich der Pfad wieder, und das Wasser war außer Sichtweite. Wieder blieb ihr nur das Licht von ihrem Handy. Und der Sturm gewann an Stärke. Sie drangen in ein Gelände vor, das nur aus steilen Auf- und Abstiegen zu bestehen schien. Als ob es nicht schon schwer genug gewesen wäre, das ungewöhnlich dichte Heidekraut und die Kiesfelder zu überwinden, frischte jetzt auch noch der Wind auf. Das war deutlich zu spüren, obwohl sie durch den Wald wanderten. Der Schneeregen traf sie nicht mehr ganz so unerbittlich wie unten in der Bucht, dafür peitschten die Zweige immer heftiger hin und her, als hätten sie es direkt auf Berger und Blom abgesehen. Und die Kälte fraß sich durch ihre Kleidung. Blom ging voran, ihre Taschenlampe leuchtete ihnen den Weg. Der Wald schien kein Ende zu nehmen, ebenso wenig wie die Dunkelheit und die Kälte. Der Weg endete nahezu unbemerkt, Deer hätte ihre Wanderung um ein Haar bis ins eiskalte Schärengartenwasser fortgesetzt. Sie versuchte, der Küstenlinie mit dem Blick zu folgen, aber der Himmel war zu verhangen. Trotzdem fühlte sie sich hier wohler als im Wald. Sie ging auf das schwarze Wasser zu, wich aber zur Seite, als es die Felsen überspülte. Die Steine waren groß, seifenglatt und unregelmäßig von einem uralten Riesen verteilt worden, der aus einer Laune heraus all diese kleinen Inseln im Meer zwischen Schweden und Finnland verstreut hatte. Deer gab ihre Wanderung Richtung Finnland auf, schaltete ihre Taschenlampe ein und war nun doch gezwungen, in den Wald zu gehen. Es war nicht mehr weit. Berger wurde von einem plötzlichen Schwindel überfallen. Es kam ihm so vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen, seit durch die Entführung von Ellen Savinger ein Täter enttarnt worden war, der über einen Zeitraum von fast zwei Jahren fünfzehnjährige Mädchen gekidnappt und in einem Keller gefangen gehalten hatte. Als die Gefangenen zum zweiten Mal an einen anderen Ort gebracht worden waren, in ein Labyrinth in einer Wohnung, waren Berger und Blom dort gewesen und hatten sechs Opfer gerettet. Sechs von sieben. Und jetzt waren sie hier. Kurz davor, das siebte und letzte Mädchen zu befreien. Das auch das erste gewesen war. Jenes Mädchen, von dem alles ausgegangen war, ohne dass es die geringste Ahnung davon hatte. Und bald würde es volljährig sein. Der Sturm heulte ohrenbetäubend. Der Schneeregen traf sie durch die dichten Äste hindurch in den Nacken. Nach und nach öffnete sich der Wald. Das Meer wurde sichtbar. Kleine, blasse Lichter von nahe gelegenen Inseln spiegelten sich unregelmäßig auf der aufgepeitschten Wasseroberfläche. Aber der Mond war verschwunden. Die Sterne auch. Ihnen blieben nur die Kegel ihrer beiden Handy-Taschenlampen, die sie jetzt auf den Boden richteten. Damit niemand sie entdecken würde. Der Wald lichtete sich deutlich. Die Felsen, die weit vor ihnen zum Meer abfielen, waren glatt und nackt und glänzten vor Nässe. Entlang der kargen Klippen kamen einige Hütten zum Vorschein. In keiner davon brannte Licht. Molly Blom wandte sich mit dem Handy ab, als könnte dort unten jemand den Lichtschein entdecken, und öffnete die digitale Karte. In Richtung der Dampfbootanleger lagen etwa zehn Quadrate verstreut. Bei dem hintersten leuchtete eine tropfenförmige Markierung. Das Häuschen lag weit von allen anderen entfernt. Eindeutig isoliert und abgelegen. Die kleine Hütte, die für ein halbes Jahr gemietet worden war. Von einem Mann namens Johan Svensson. Blom zog ihre Waffe und warf Berger einen strengen Blick zu, bis auch er seine Pistole hervorholte. Dann nickten sie einander zu und machten sich auf den Weg. Plötzlich rutschte Blom auf einem Felsrücken aus. Sie rollte sich zusammen und machte sich auf einen harten Sturz gefasst, aber sie landete weich. Sie rollte sich zur Seite und bekam etwas zu packen, das sie für einen Ast hielt. Aber es war ein Körper. Nach einigen Hundert Metern zwischen den Bäumen hatte Deer das unbestimmte Gefühl, der Wald würde sich lichten. Sie blieb stehen, verschnaufte und verkleinerte den Lichtkegel der Handy-Taschenlampe, indem sie ihn auf den Boden richtete. Sie hatte es sich nicht eingebildet. Dort unten lagen Häuser. Auf der linken Seite gleich mehrere, einige davon neben einer verlassenen Anlegebrücke, aber auch rechter Hand befand sich eine Hütte. Nirgendwo brannte Licht. Deer ließ den Augenblick noch einmal Revue passieren. Sie saß in ihrem Arbeitszimmer in der zweiten Garage des Reihenhauses in Skogås. Allen Instinkten zum Trotz hatte sie den kleinen Brief den ganzen Weg vom Söder-Krankenhaus bis nach Hause getragen. Erst in ihrem Arbeitszimmer hatte sie den Brieföffner in das Kuvert gesteckt, einen Moment innegehalten, einmal tief Luft geholt – und es schließlich geöffnet. Doch auf der gefalteten Pappe, die möglicherweise tatsächlich eine Glückwunschkarte war, stand lediglich eine Zahl in einem Kreis. Und zwar eine Zwei. Dann hatte sie die Karte umgedreht und die Nachricht gelesen. Dies hatte sie hergeführt, aber sie besaß keinerlei Information darüber, welches Haus das richtige war, deshalb musste sie sich eines nach dem anderen vornehmen. Sie fing von rechts an, beim nächstgelegenen Haus. Hinter allen anderen Häusern – isoliert und abgelegen – stand eine kleine rote Hütte, die kaum auffiel. Ganz im Gegenteil, ihre Schlichtheit war ihr markantestes Kennzeichen. Deer näherte sich von schräg oben, wo es keine Fenster gab. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Der Felsboden war steil und glatt, und sie schlitterte mehr durch den Sturm, als dass sie ging. So lautlos wie möglich. Als sie die Hütte erreicht hatte, presste sie sich an die Wand, zog ihre Waffe und entsicherte sie. Mit auf den Boden gerichtetem Lauf wartete sie, dass sich ihr Atem normalisierte. Sie ließ eine Minute verstreichen und lauschte. Kein Geräusch. Kein Licht. Schließlich spähte sie um die Hausecke. Langsam huschte sie nach rechts zu dem einzigen Fenster, das schräg auf das Meer hinausging. Der schwarze Rollladen war herabgelassen, im Haus schien es vollkommen dunkel zu sein. Deer glitt ganz langsam zu dem Spalt neben dem Rollladen. Sie blickte hinein. Und entdeckte etwas. Einen Kopf. Blom hielt den Körper ein wenig zu lange umklammert, als wollte sie ihn dadurch am Leben halten. Dann ließ sie los und richtete den Lichtkegel ihrer Handy-Taschenlampe auf das Gesicht des Mannes. Beide Augen trieften die Wangen hinab. Erschrocken wich sie zurück. Dies war garantiert Carstens Werk gewesen. Vermutlich ein neugieriger Nachbar, der ihm zu nahe gekommen war. »Wir sind am richtigen Ort«, sagte sie und duckte sich in die Dunkelheit. Es bestand kein Zweifel daran, dass es um das letzte Haus ging, das am weitesten entfernt lag. Berger und Blom schlichen an den anderen Hütten vorbei, beide weiterhin mit gezogenen Waffen und angehaltenem Atem. Die Klippen waren ungeheuer glatt von dem Schneeregen, der jetzt jedoch aufgehört hatte, doch sie arbeiteten sich voran und erreichten die hinterste Hütte Schulter an Schulter. Es gab ein Fenster, und sie postierten sich rechts und links davon. In diesem Moment wanderte der Mond zwischen den Wolken hervor, die gerade noch kompakt gewesen waren. Einige Mondstrahlen sickerten durch das Fenster und erleuchteten das Innere der Hütte. Was Berger und Blom dort drinnen sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Die Tür der Hütte lag zum Wasser hin, und die Kräfte, die Deer nicht nur während der Wanderung über die Insel, sondern während dieses ganzen seltsamen Falls gesammelt hatte, würden mehr als ausreichen, um die Tür einzutreten. Doch das war gar nicht nötig. Denn die Tür stand offen. Mit ihrer Waffe und der Handy-Taschenlampe im Anschlag stürmte Deer in das kleine Haus. Sie hatte den Anblick vom Fenster aus noch genau vor Augen, als sie ihn wirklich sah. Direkt vor sich. Den abgetrennten Kopf. Berger und Blom umrundeten das Haus. Merkwürdigerweise stand die Tür bereits offen – als hätte jemand sie eingetreten. Berger hatte sich auf der einen Seite des Eingangs postiert, Blom auf der anderen. Beide die Waffen im Anschlag. Dann stürmten sie in das Haus. Direkt auf das Grauen zu. Deer starrte auf den abgetrennten Kopf. Er wirkte so grotesk in dem winzig kleinen Haus. Das Geweih war majestätisch. Jede Schaufel hatte sechs Enden. Dies war ohne Zweifel ein veritabler Zwölfender. Der Elchkopf hing an der Wand über einem offenen Kamin. Auf dem Kaminsims stand etwas. Als Deer sich näherte, erkannte sie, dass es ein kleiner Umschlag war. Von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Sie drangen in das kleine Haus vor. Es gab einen offenen Kamin mit einem Sims. An der Wand darüber hing ein Bild, eine Landschaftsfotografie. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich der Fels von Gibraltar aus dem Wasser. Doch das war nicht das Grauenhafte. Auf dem Kaminsims stand etwas. Es war ein Bild unter dem Bild. Ein einfaches Porträt. Ein großes Hochzeitsfoto. Carsten Blom und Molly Blom. Die Augen des Brautpaars waren mit phosphoreszierendem Orange umrahmt. Vier grell leuchtende Ringe um vier Augen. Für einige Sekunden blieben Berger und Blom gemeinsam dort vor dem Kaminsims stehen, dann machten sie sich getrennt auf die Suche. Das Wohnzimmer mit der primitiven Küche war leer. In dem Bad mit einer Komposttoilette fand sich nicht mehr als ein fauliger Geruch. Doch es gab noch eine weitere Tür. Sie war geschlossen. Berger und Blom pressten sich wieder rechts und links davon an die Wand. Die Tür ging nach innen auf, sollte sie abgeschlossen sein, musste man sie also einfach nur eintreten. Die beiden wechselten einen schnellen Blick, Berger nickte, Blom drückte die Klinke herunter und schob die Tür auf. Dahinter lag ein Schlafzimmer, ein sehr kleines Schlafzimmer mit einem Bett darin. Aber es gab mehr als ein Bett. Einen Infusionsständer. Und einen Schlauch. Und eine Ausbeulung unter der Bettdecke. Das Wesen, das dort lag und einen fadenscheinigen Teddy im Arm hielt, schien zu schlafen. Es war eine äußerst magere, ja beinahe ausgemergelte Frau. Als Blom die Decke beiseitezog, zeigte sich, dass der Schlauch über eine Nadel direkt in den Arm der sehr jungen Frau führte. Sie war noch nicht volljährig. Aber sie würde es bald werden. In Freiheit. Und sie war ohne jeden Zweifel Aisha Pachachi. Berger starrte zur Decke. Blom stieß einen lauten Seufzer aus. Dann trat sie ans Bett und legte ihr Ohr an Aishas Mund. Sie hörte Atemzüge und nickte Berger zu. Berger spürte, wie sein Kopf nach unten sank. Er schloss die Augen. Irgendwo in der Ferne hörte er, dass ein Bootsmotor gestartet wurde. III 26 Samstag, 5. Dezember, 19:22 Der gestohlene alte Volvo rollte in das verlassene Industriegebiet. Die Wettergötter spielten Katz und Maus mit ihnen, der Sturm hatte sich zwar vorübergehend zurückgezogen, wartete aber nur auf die richtige Gelegenheit, um das nächste Level zu erreichen. In diesem Moment aber war alles dunkel und still. Dunkel wie in einem Grab. Still wie in einem Grab. Berger saß hinter dem Steuer, Blom dirigierte ihn vom Rücksitz aus, mit Aisha Pachachis Kopf auf dem Schoß. Die Siebzehnjährige gab keinen Laut von sich, nur rasselnde Atemzüge waren zu hören. Ihren alten Teddy hielt sie jedoch fest umklammert. Bislang war sie nicht eine Sekunde bei Bewusstsein gewesen. Doch sie hatten Aisha gefunden. Sie hatten das siebte Mädchen lebend gefunden. Jetzt waren es nicht mehr sieben minus eins. In dieser süßen Gewissheit ruhten sie sich aus. Vielleicht etwas zu lange, denn allmählich mischte sich ein herber Geschmack in die Süße. Es war die bittere Einsicht, dass Carsten entkommen war, dass er jederzeit zurückkehren konnte und dass das Motorboot, das sie gehört hatten, vielleicht gar nicht seines gewesen war. Das zog die nächste Frage nach sich: Warum war er nicht vor Ort gewesen? Warum hatte er nicht versucht, sie aufzuhalten? Aisha war Judas’ Weg zu den dreißig Silberlingen – warum hatte er sie so leichtfertig entkommen lassen? Aber war es wirklich so? Carsten selbst hatte Molly mit den Fährten versorgt, er hatte sie dort hinlocken wollen. Aber nur sie. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass er geflohen war, als er gesehen hatte, dass sie nicht allein war – aber wo hatte er sich dann versteckt? Und passte das wirklich zu Carsten? Dem Mann, der kaltblütig einen gefesselten Menschen ermordet hatte, nur um es Berger in die Schuhe zu schieben? Dem Mann, der ohne Zögern ein Messer in die Augen eines vermeintlich neugierigen Nachbarn gerammt hatte? Hätte Carsten um jeden Preis Aisha Pachachi gefangen halten wollen, hätte er es getan. Nein, irgendetwas war passiert. Irgendetwas hatte seine Pläne durchkreuzt. Das Hochzeitsfoto mit den irren, orange umrandeten Augen sprach dafür, dass Carsten weiterhin auf Molly Blom fixiert war. Aisha hingegen hatte er aufgegeben. Sie waren in dem kleinen Haus in Fjärdlång auf zahlreiche Fragen gestoßen, hatten sie hin- und hergewälzt und waren doch zu keiner einzigen überzeugenden Antwort gekommen. Und gleichzeitig lief ihnen die Zeit davon. Sie wussten nicht, in welchem Zustand Aisha war. Hatte Carsten sie umbringen wollen? Befand sich Gift in dem Infusionsbeutel? Vielleicht hatte er einen anderen, besseren Weg zu Ali Pachachi gefunden und Aisha einfach sich selbst überlassen? Sie wussten nicht, wie lange das Mädchen dort gelegen hatte, vielleicht seit Sonntag, vielleicht länger, vielleicht eine Woche. Genau genommen wussten sie nicht einmal, wann Carsten und Aisha die Wohnung in Tensta verlassen hatten. Es gab jedoch eine Frage, die alle anderen überschattete: Was sollten sie jetzt mit Aisha machen? Einen Rettungshubschrauber rufen? Oder die ganz normale Küstenwache? Oder sie an die Säpo übergeben? Gab es in August Steens Abwesenheit jemanden, der sie auf professionelle Weise schützen konnte, ohne die geringste Ahnung von ihrer Position im Spiel des Triumvirats zu haben? Berger biss sich rechtzeitig auf die Zunge, ehe ihm dieses Wort herausrutschte. Er war gezwungen, sein Wissen aus Steens Videofilmen für sich zu behalten. Mollys Rolle in dem Ganzen warf zu viele Fragen auf. Wie war sie, rein praktisch, zu der kleinen Insel gelangt, auf der Berger festgesessen hatte? Danach hatte er sich tatsächlich erkundigt und auch eine vernünftige Antwort erhalten – auf einem Gummiboot mit einem schallgedämpften Außenborder –, aber es gab noch viel drängendere Fragen. Konnte er ihr überhaupt vertrauen? Auch nur ansatzweise? Wieder fühlte er sich wie im Tiefenrausch. Die Luftblase, die ihm den richtigen Weg wies, war Molly Bloms Antwort: »Wir müssen in erster Linie an Aisha denken.« Berger nickte und machte eine ratlose Geste. »Krankenhaus?«, fragte er. »Damit würden wir sie zu einer leichten Beute machen. Es gibt zu viele Kräfte, zu starke Kräfte, die es auf sie abgesehen haben. Außerdem weiß sie vermutlich wirklich einiges.« »Du hast also eine Lösung?«, fragte Berger. Molly telefonierte draußen vor der Hütte, auf den seifenglatten Klippen, Berger konnte nur Wortfetzen auffangen, mehr nicht. Aber er war gezwungen, ihr zu vertrauen, denn ihre frühere Säpo-Rolle beherrschte sie noch perfekt. Er blieb also allein im Haus mit Aisha, jenem Mädchen, das nicht nur als erstes entführt worden war, sondern auch länger als die anderen sechs Mädchen in der Gewalt zweier unterschiedlicher Täter verblieben war. Mittlerweile seit zweieinhalb Jahren, die entscheidende Zeit des Erwachsenwerdens. Ja, natürlich wusste sie einiges. Solange sie am Leben war. Er setzte sich an die Bettkante und schob den Teddy etwas näher zu ihr heran. Dann strich er ihr sanft mit der Hand über die Wange. Alles, was uns Menschen gut machte, machte uns auch schlecht. Alles, was mit unserer Freiheit zu tun hatte, konnte sich schnell ins Gegenteil verkehren. Blom kam zurück. Sie hatte einen Plan angestoßen, der etwas Zeit in Anspruch nahm. Berger würde das Boot allein holen, während Blom Aisha für die Abfahrt bereit machte und eine provisorische Trage baute. Dann würden Berger und Blom Aisha zum Boot tragen und Blom Berger nach Nynäshamn lotsen. Anschließend sollte Berger Bloms gestohlenen Volvo in ein verlassenes Industriegebiet außerhalb von Haninge fahren. Und dort waren sie jetzt. Wie vereinbart. »Parke hier«, befahl Blom von der Rückbank. Berger bremste, hielt einen kurzen Moment inne und versuchte, scharf nachzudenken. Genau genommen könnte Molly Blom ihn direkt in die Hölle führen. Ein schneller Auftragsmord, niemand würde es je erfahren. Jahrzehntelang würde er als flüchtig gelten, bis man den ganzen Fall zu den Akten legte. Aber nein, beschloss er. Nein, das würde nie passieren. Molly würde niemals kaltblütig einen Menschen ermorden. Dort verlief ihre Grenze. Vor allem, wenn ihr derjenige nahestand. In einem sehr schwachen Licht, das der pechschwarze Himmel irgendwie doch zustande brachte, trugen sie die Trage durch eine verwitterte Tür und betraten ein nicht gleichermaßen verfallenes Industriegebäude. Eigentlich sah es einfach nur verlassen aus, als hätte man von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen lassen. Was hier produziert worden war, konnte man nur schwer erkennen, aber die hohen Decken erinnerten an eine Kathedrale, und von den frei liegenden Dachbalken hingen Seile und Ketten. Durch eine nahezu unsichtbare Tür kam ein Mann in die Halle. Einfach so. Seltsamerweise trug er grüne Chirurgenkleidung. Er zog sich Gummihandschuhe über und fragte: »Haben Sie den Tropf dabei?« Berger starrte ihn an. Der Mann wiederum würdigte Berger keines Blicks. Blom hob den Infusionsbeutel von der Trage, die sie auf dem kahlen Betonboden abgestellt hatten, und reichte ihn hinüber. Der Mann in der Chirurgenkleidung nahm ihn, betrachtete den Beutel und nickte kurz. »Tragen Sie sie herein.« Dann verschwand er wieder hinter der unauffälligen Tür. Berger wartete auf Blom. Sie hoben die Trage genau gleichzeitig an und trugen Aisha Pachachi in einen kleinen Raum, der antiseptisch roch. Der Grüngewandete, der sich jetzt über einen kleinen Metalltisch mit chirurgischem Werkzeug beugte, hatte anscheinend den ganzen Raum desinfiziert. Er war allein, keine Spur von einer Krankenschwester oder anderen Mitarbeitern. Ohne aufzusehen, deutete er auf ein ausklappbares Bett, das mitten im Raum neben einigen Geräten stand, die technisch hochwertig und teuer aussahen. »Legen Sie sie dort ab«, sagte er. Sie taten sofort, wie ihnen geheißen worden war. Berger versuchte, nicht daran zu denken, was man mit einer gewissen männlichen Autorität erreichen konnte. Er strich Aisha Pachachi kurz über die Hand. »Warten Sie draußen«, befahl der Mann knapp, hob seine Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel und scheuchte sie damit aus dem Raum. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Erneut standen sie in der riesigen Industriehalle und sahen einander an. »Jetzt bist du mir aber eine Erklärung schuldig«, forderte Berger. Blom räusperte sich und bemühte sich um eine Antwort, die Berger als halbwegs glaubwürdig einstufte: Dieser Arzt arbeite am Rande der Legalität, und im Grunde reiche das schon als Tätigkeitsbeschreibung. Molly Blom hatte während ihrer Undercover-Zeit einige Male mit ihm zu tun gehabt, aber da war er jedes Mal zu ihr gerufen worden. In verschiedenen prekären Situationen. Berger fragte sich, welche das wohl gewesen waren. Es existierte eine vollständig verborgene Molly Blom, und er war nicht sicher, ob er wirklich so viel mehr über sie wissen wollte. Diskretion war jedenfalls Ehrensache. Sie wusste nicht einmal, wie der Arzt hieß. Er wurde einfach nur so genannt. Der Arzt. Anscheinend konnte er seine mobile Praxis zu jeder Zeit und an jedem Ort errichten. Wenn sich die richtige Person meldete, mit dem passenden Budget. Es gab so einige Tätigkeiten der Säpo, von denen Berger nicht mehr wissen wollte. Berger und Blom sahen einander an. Plötzlich hatten sie Zeit, und sie versuchten, einen Ort zu finden, wo sie ihre Ruhe hatten. Schließlich wurde es der Boden. Mit einigen Metern Abstand voneinander. »Die Badehose war eine Überraschung«, sagte Blom nach einer Weile. »Damit hatte ich nicht gerechnet.« Berger lachte lauthals. Ja, er lachte herzlich. In diesem kathedralengleichen Industriegebäude klang es beinahe schamlos. Als das Echo verebbt war, fragte er: »Was passiert eigentlich gerade um uns herum, Molly? Hat die Welt den Verstand verloren?« »Diese Welt ist immer schon da gewesen«, antwortete Blom. »Die Leute erkennen sie nur erst jetzt.« »Aber Leute wie du haben das schon immer erkannt?« »Leute wie ich sind ein Teil davon.« Berger nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Worauf hoffen wir? Dass sie uns zu ihrem Vater führt?« Blom sah ihn mit einem sehr klaren Blick an. Es gefiel ihm. »Das hängt natürlich davon ab, wie die Lage war, als August Steen das Ehepaar Pachachi in Windeseile aus Helenelund weggebracht hat. Konnte Ali noch einen Ort vorschlagen? Oder hat Steen ihn einfach abgeholt?« »Es stimmt doch, dass August Steen dein Vater ist?«, fragte Berger unvermittelt. Genau in dem Moment dachte Blom: Nein, er ist nicht mein Vater. »Warum ist das denn so wichtig für dich?«, fragte sie laut. »Es steht nicht gerade wenig auf dem Spiel«, entgegnete er nur. »Und dass er verschwunden zu sein scheint, ist kein gutes Zeichen.« Sie wich allen Folgefragen aus und sagte stattdessen: »Wenn Aisha eine intensive Behandlung braucht, was machen wir dann? Oder andersherum: Was tun wir, wenn ihr Zustand in Ordnung ist?« »Ich denke«, antwortete Berger. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Blom. »Mein Unterbewusstsein denkt.« »Das klingt lebensgefährlich.« »Ich weiß nicht, ob die Säpo über meinen Aufenthalt auf der Schäre im Bilde ist. Es gibt zum Beispiel einen Helikopterpiloten, der die Umzugskartons bei mir abgeladen hat. Und dein Helikopterverwalter wusste ja auch Bescheid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der wirklich sucht, das nicht herausfinden kann. Immerhin hast du mich ja auch gefunden. Ansonsten ist das natürlich wirklich ein ziemlich guter Ort zur Konsolidierung. So sehr ich ihn auch gehasst habe. Wobei ich die Insel nur in der Einsamkeit gehasst habe, jetzt ist das eine ganz andere Sache …« »… wenn Aisha und ich dort mit einziehen würden?« »Als Einzug könnte man das wohl kaum bezeichnen.« »Es gibt ja auch noch einen anderen Ort«, sagte Blom sanft. »An das Bootshaus habe ich auch schon gedacht. Aber jetzt sind wir ja weit im Süden der Stadt.« »Als ob uns Entfernungen je abgehalten hätten.« »Damals hatten wir etwas Besseres als einen schrottigen alten Volvo.« »Was wäre deine Alternative?« »Die Frage ist, was geheimer ist: das Safehouse der Säpo auf der Schäre oder das Bootshaus in Sollentuna. August Steen war im Bootshaus, Carsten war dabei. Und die Schäre ist natürlich eindeutig komfortabler. Als müsste man sich zwischen Ryanair und Singapore Airlines Businessclass entscheiden.« »Mit der Businessclass kennst du dich natürlich aus.« »Es reicht, wenn man Ryanair kennt.« Blom nickte und dachte nach. »Wenn wir also grünes Licht kriegen, Aisha mitzunehmen und sie zu befragen, würdest du die Schäre vorziehen?« »Ich bin aus einem bestimmten Grund dort abgesetzt worden«, antwortete Berger. »Und den will ich herausfinden.« »Dann muss das Bootshaus unser unerreichbarer Himmel bleiben«, beschloss Blom. »Vielleicht können wir später hinfahren und unsere Zukunft planen.« »Ja, das klingt wirklich unerreichbar.« »Was führt Carsten wohl im Schilde?«, fragte Blom unvermittelt. »Mein Unterbewusstsein grübelt die ganze Zeit darüber nach. Ich werde es konsultieren.« »Entweder ist er wirklich auf mich fixiert, oder er weiß, dass wir das glauben, und nutzt dieses Vorverständnis für etwas ganz anderes.« »Ich verstehe, was du meinst«, sagte Berger. »Wenn er uns auf diese Spur lenkt, blockiert er alles andere. Glaubst du denn, dass er auf dich fixiert ist? Sollen wir dieses Hochzeitsfoto mit den orangefarbenen Psychoaugen ernst nehmen?« »Ich habe schon seit langer Zeit nur noch sporadischen Kontakt zu ihm. Deshalb weiß ich nicht, wer er jetzt ist. Ich habe wirklich keine Ahnung.« »Aber du hast ausgerechnet ihn kontaktiert, als du eine Waffe brauchtest. Nachdem du aus dem Koma aufgewacht bist, war er der Erste, den du kontaktiert hast.« »Das kannst du nicht wissen«, erwiderte Blom nur. »Erinnerst du dich an den Pol der Unzugänglichkeit? Den Kåbtåjaure-See im Padjelanta-Nationalpark in Lappland. Erinnerst du dich, dass wir dort Kameras montiert haben?« »Mach dich nicht lächerlich, das ist doch erst ein paar Wochen her.« »Du hast im Koma gelegen.« »Doch, ich erinnere mich.« »August Steen hat gesagt, dass Carsten einer der Beobachter war. Er saß dort, hinter der Kamera, und hat uns gesehen. Dich gesehen, mich gesehen. Aus seinen Berichten konnte man, Steen zufolge, eine Fixierung auf dich herauslesen. Und einen Hass auf mich.« Blom nickte und schwieg. Berger schwieg auch. Die Müdigkeit holte ihn ein, der Schlafmangel. Nach einer Weile sagte Molly Blom: »Wenn ich es richtig verstehe, ist es extrem wichtig, dass wir Ali Pachachi finden. Wobei ich mir über den Grund nicht im Klaren bin.« Berger wurde wieder munter und musterte sie. Jetzt war es nicht mehr nur sein Unterbewusstsein, das dachte. Wie viel durfte er eigentlich sagen? Und war sie nicht mit exakt denselben Abwägungen beschäftigt? Verbargen sich nicht genau diese Gedanken hinter der bezaubernden Molly-Blom-Fassade? »Pachachi ist der Schlüssel«, erklärte er. »Er hat irgendein Netzwerk, um Dschihadisten zu enttarnen. Steen hat am einen Ende gewirkt, Nils Gundersen am anderen, im Nahen Osten. Wenn es uns gelingt, Ali Pachachi zu übermitteln, dass seine Tochter lebt, kann er für uns so einiges enthüllen, was er in der jetzigen Lage noch nicht zu enthüllen wagt. Lebenswichtige Informationen über eine mögliche Terroraktion in Schweden und vielleicht noch Größeres. Wir werden ihn zum Reden bringen.« Blom nickte sanft. »Gut«, sagte sie. »Dann sind wir auf einer Wellenlänge.« »Es kann sein, dass Aisha – oder ihr Unterbewusstsein – trotz allem weiß, wo sich ihr Vater befindet. Oder uns einen Anhaltspunkt geben kann, den wir mit unserer deduktiven Präzision ausloten werden.« Jetzt lachte Blom. Diesmal richtig. Eine Art Gleichgewicht entstand, ein Gleichgewicht, in dem man ruhen konnte. Dann sahen sie einander beim Einschlafen zu. Es war unklar, wie lange sie geschlafen hatten, aber eindeutig, dass sie genau zur selben Zeit geweckt wurden. Von klatschenden Händen. Händen in sterilen Gummihandschuhen. »Sie schläft«, erklärte der Arzt. »Also keine Veränderung«, sagte Berger noch ganz benommen. Der Arzt betrachtete ihn wie etwas, das die Katze ins Haus geschleppt hatte. »Eine falsche Schlussfolgerung«, erwiderte er streng. »Vorher war sie bewusstlos, jetzt schläft sie. Im Infusionsbeutel befinden sich nun eine Nährlösung und ein leichtes Hypnotikum. Sie ist unterernährt, aber nicht lebensbedrohlich. Ein gewisser Muskelschwund, aber keine Spur von Schäden im Gehirn oder an den inneren Organen. Aber sie ist müde. Unendlich müde. Mit einer ausgewogenen Mischung aus Bewegung, der richtigen Ernährung und einer Therapie dürfte sie in einer Woche wieder auf den Beinen sein, sie hat eine gute Grundkonstitution. Ich habe einen Plan verfasst und ein Paket an Nahrungsergänzungsmitteln sowie einen Grundstock an Arzneimitteln zusammengestellt, auch ein Breitbandantibiotikum ist dabei, und in den ersten Tagen sollte die Nährlösung regelmäßig gewechselt werden. Die Rechnung maile ich Ihnen.« Um zu unterstreichen, dass er sein letztes Wort gesprochen hatte, streckte ihnen der Arzt seine Hand entgegen. Sie ergriffen sie, dann kehrte er in den desinfizierten Nebenraum zurück und fing an, seine Ausrüstung zusammenzusuchen. Während sie die Trage mit der schlafenden Aisha hinausbrachten, würdigte er sie keines Blicks mehr. Draußen in der Dunkelheit fragte Berger: »Hypnotika?« »Schlafmittel«, erklärte Blom. Vorsichtig hoben sie Aisha von der Trage in den alten Volvo. Blom nahm auf dem Rücksitz Platz, und genau wie zuvor ruhte Aishas Kopf auf ihrem Knie. Berger setzte sich hinter das Lenkrad, führte zwei Kabel zusammen und ließ den Motor aufheulen. »Na dann. Bist du bereit für eine kleine nächtliche Schärengartennavigation?« 27 Sonntag, 6. Dezember, 7:49 Es war Sonntagmorgen, und Deer saß seit Kurzem in ihrem Arbeitszimmer in der Garage. Zuvor hatte sie mehrere Stunden wach gelegen und sich im Bett hin- und hergewälzt. Schließlich hatte sie resigniert das Ehebett verlassen und sich aus dem Schlafzimmer geschlichen, das vom Schnarchen ihres Gatten Johnny erfüllt war, und sie war noch wacher geworden, als sie über den eiskalten Boden der ersten Garage gegangen war. In der zweiten war es dafür umso wärmer. Vor ihr auf dem Schreibtisch lag das, was sie geweckt und wach gehalten hatte: zwei Glückwunschkarten. Auf der linken befand sich eine eingekreiste Zwei, auf der rechten eine eingekreiste Vier. Schon die Ziffern verrieten, dass es dieselbe Handschrift war. Karte Zwei kam aus Molly Bloms Krankenzimmer, Karte Vier aus dem Zimmer mit dem Elchkopf. Sie drehte die Zwei um. In der wohlbekannten, kleinen und präzisen Handschrift stand dort: »Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden.« Und darunter stand noch etwas kleiner und in Klammern: »(Joh. 9,39)«. Das war natürlich ein Bibelzitat, auch wenn die allerersten Wörter aus dem neununddreißigsten Vers im neunten Kapitel des Johannesevangeliums fehlten. In seiner Gänze lautete der Text: »Und Jesus sprach: ›Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden.‹« Doch für Deer hatte das bei ihren Grübeleien des gestrigen Tages kaum einen Unterschied gemacht. Die winzige Handschrift sah so aus, als wäre sie unter großen Anstrengungen fein säuberlich gezeichnet worden, wie von einem Kind, einem Analphabeten oder einem Sehbehinderten. Und was stand dort eigentlich? Was sagte Jesus wirklich? In welchem Zusammenhang? Deer befasste sich eingehender mit dem neunten Kapitel. Es war die Passage, in der Jesus einen Blinden heilte. Er schmierte einen Brei, den er unter anderem aus seiner eigenen Spucke hergestellt hatte, auf das Auge eines blinden Mannes, wodurch der Blinde wieder sehen konnte. Die Fortsetzung war allerdings merkwürdig : Jesus nennt sich Menschensohn und sagt, er sei auf die Welt gekommen, um Blinde sehend zu machen und Sehende blind. Sehende blind? Was war das? Schon einleuchtend, dass Jesus die Blinden heilt, das war natürlich eine Wohltat, aber warum sollte er auch das Gegenteil tun und die Sehenden mit Blindheit schlagen? Deer suchte im Internet nach möglichen Deutungen. Es schien um eine eher übertragende Sicht auf das Sehen und die Blindheit zu gehen. Geistiges Sehen, geistige Verblendung. Die Leute, die glaubten, sehen zu können, sollten wohl erblinden, damit sie wirklich zu sehen begannen. Es schien sich um mehrere Schritte zu handeln: vom falschen Sehen, also etwa dem Leben in Lüge, zur Blindheit und von dort zum echten Sehen, also dem Leben in Wahrheit. Das führte zu nichts. Stattdessen nahm Deer den Zusammenhang ins Visier. Der Brief mit diesem Zitat war also auf Molly Bloms Nachttisch im Söder-Krankenhaus hinterlassen worden, als sie im Koma gelegen hatte. Möglicherweise hatte jemand eine kraftraubende akrobatische Nummer vollzogen, war die steile Fassade des Krankenhauses emporgeklettert, in dem Fall mit irgendeinem Seil, hatte dort draußen in der Dunkelheit ein Schloss an einem Fenster geknackt, das sich angeblich unmöglich von außen öffnen ließ, und war anschließend hineingeklettert, um diesen Umschlag mit einem ehrlich gesagt ziemlich sinnlosen Bibelzitat auf ihrem Tisch zu platzieren. Und dann schnell wieder abzuhauen, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Trotzdem war es wohl doch wahrscheinlicher, dass der Umschlag auf anderem Weg ins Zimmer gelangt war, etwa, wie die Nachtschwester gesagt hatte, von einem verblühten Blumenstrauß übrig geblieben war. Und wäre Brief Vier nicht gewesen, hätte Deer zu diesem Zeitpunkt vielleicht auch geglaubt, irgendein debiles Mitglied der Heilsarmee hätte einer armen, verlorenen Seele in einem einsamen Bett in einem deprimierenden Krankenhaus etwas Gutes tun wollen. Aber Brief Vier existierte. Mit einer gewissen Selbstzufriedenheit dachte sie an den gestrigen Vormittag zurück. Da hatte sie sich den Text näher angesehen und einen kleinen Gedanken gehabt. Wenn der Verfasser des Texts nicht debil war, sondern im Gegenteil ziemlich schlau, hätte er oder sie wohl nicht die Quelle genannt. Bibelzitate waren leicht im Internet zu finden. »Joh. 9,39« darunterzuschreiben war beinahe die Holzhammermethode. Es machte jedenfalls einen wenig intelligenten Eindruck. Angenommen, es wäre tatsächlich jemand zu Blom hinaufgeklettert, hätte in der Dunkelheit das richtige Fenster gefunden und sich eine solch unendliche Mühe gegeben. Dann wäre vermutlich auch das, was die besagte Person mit sorgfältiger Handschrift niedergeschrieben hatte, ziemlich raffiniert und durchdacht. Deer googelte ganz einfach »Joh. 9,39«. Tatsächlich tauchte der Vers in allen möglichen Sprachen auf, die Menge der Bibelseiten im Netz war anscheinend schier unerschöpflich. Doch Deer gab erst auf Seite dreißig auf, wo keinerlei Spur mehr von »Joh. 9,39« zu finden war. Also wechselte sie zur Bildsuche. Ein Reigen religiöser Bilder tauchte auf, von Textauszügen aus deutschen Bibeln aus dem 16. Jahrhundert bis hin zum Logo der Sekte Livets Ord, von Gottes Licht, das aus Wolken hervorstrahlte. Friedenstauben mit Olivenzweigen im Schnabel, Werbetexte wie »Pflege den Körper, den Gott dir geschenkt hat« sowie Bilder aus dem Film Die Auswanderer. Und ganz weit unten: eine Karte mit Quadraten, die an einer Küste und weiter im Landesinneren verstreut lagen. Mit einem Seufzer klickte sie darauf und entdeckte die Abkürzungen neben jedem Quadrat. Eine davon lautete »9,39«. Es war eine Grundstücksbezeichnung. Aber was war mit »Joh.«? Tja, über diesem umfangreichen Gebiet mit Grundstücken stand tatsächlich »Joh.«, als eine Art Rubrik. Deer öffnete die Homepage, von der die Karte stammte. Sie gehörte einer Liegenschaftsverwaltung. Auf einer Insel im Schärengarten. Das besagte Ferienhausgebiet hieß Johamn. Also bedeutete »Joh. 9,39« Grundstück 9,39 im Ferienhausgebiet Johamn. Auf Utö. Von Årsta havsbad fuhr tatsächlich ein Waxholm-Boot nach Utö. In einer guten Stunde. Von Skogås aus wäre Deer in zwanzig Minuten mit dem Auto dort und hätte sogar noch Zeit für eine kleine Recherche. Sie ermittelte den Eigentümer, einen Slobodan Ivanović, erreichte aber nur den Anrufbeantworter eines Taxiunternehmens, das sie nicht kannte. Aber sie fand Ferienhausnachbarn in einem angemessenen Umkreis, die sie anrief. Eine Frau ging ans Telefon. Sie sei gerade nicht auf der Insel, wisse aber, dass Slobodan den Winter in Belgrad verbringe, »er hält diese schwedischen Winter einfach nicht mehr aus«. Im Auto auf dem Weg zur Fähre verstand Deer sehr genau, was Slobodan meinte, und ihr Verständnis nahm auch nicht ab, als sie an Bord des menschenleeren Waxholm-Schiffs stand, das sich durch den immer dichteren Schneeregen vorarbeitete. In Slobodan Ivanovićs Hütte – auf dem Grundstück Joh. 9,39 – fand sie einen Elchkopf und einen kleinen Umschlag. In dem Umschlag lag eine Karte mit einer eingekreisten Vier auf der Vorderseite. Diese lag jetzt vor ihr, neben ihrer Schwesterkarte. Deer drehte sie um und las den Text, der ihr eine schlaflose Nacht beschert hatte. »I am but mad north-north-west. When the wind is southerly, I know a hawk from a handsaw.« Hamlet, so viel hatte sie herausgefunden. Hamlet, als er den Wahnsinnigen spielte. Shakespeare und die Bibel, auf zwei Glückwunschkarten, in der gleichen, akribisch ziselierten Handschrift. Aber was zum Teufel wollte der Briefschreiber damit sagen? Diesen erbärmlichen Zeilen ließ sich ja nichts entnehmen, was auch nur annähernd einen Sinn ergab. Nach ihrem Volltreffer auf Utö war das eine richtige Antiklimax. Hund, Katze, Maus. Vielleicht war es auch genau so gedacht. Irgendwo lagen Brief Eins und Brief Drei. Vielleicht enthielten sie den Schlüssel zu Brief Vier. Aber im Grunde spielte es keine Rolle. Jemand hatte sich zu der bewusstlosen Molly Blom hineingeschlichen, um jemand anderen, möglicherweise aber auch Blom selbst, in eine verlassene Hütte nach Utö zu schicken, wo alles in einer Sackgasse endete. Wer betrieb solche Exzesse, nur um einen Menschen zu ärgern? Deer fragte sich, ob Blom bei ihrer Suche nach Berger mehr Erfolg hatte als sie selbst. Jedenfalls hatte Blom die besseren Mittel zur Verfügung. Vielleicht waren die beiden zu diesem Zeitpunkt auch schon zusammen. Sie blieb eine Weile sitzen und starrte ins Leere, das heißt auf die fensterlosen Garagenwände ihres Arbeitszimmers. Vielleicht war es an der Zeit, endlich aufzugeben, ins Haus zurückzugehen, ins Bett neben den schnarchenden Johnny zu klettern, die Stöpsel in die Ohren zu stecken und Lykkes trippelnde Schritte abzuwarten. Ja, der Zeitpunkt war gekommen. Entschlossen zog sie die oberste Büroschublade auf und stopfte den Umschlag und die Glückwunschkarte hinein. Sie landeten auf einem Haufen anderer Papiere. Deer hielt inne, nahm den Papierstoß heraus und betrachtete die Rechnungsausdrucke aus August Steens Büro in Solna. Sie hatte alles schon einmal durchgesehen, ohne auf etwas Interessantes zu stoßen. Vielleicht sollte sie einen neuen Versuch unternehmen und sich bis ins kleinste Detail vorarbeiten. Seufzend hoffte sie, ihre Familie würde morgen ausschlafen. Sie verteilte die Handyrechnungen auf der rechten Seite des Schreibtischs und die Kontoauszüge links. Dann kroch sie auf den Boden und fing an. Erst die Kontoauszüge. In dem Moment klingelte ihr Telefon. Irgendwo klingelte ihr Handy so, wie es nie zuvor geklingelt hatte, Lykke musste am Klingelton herumgespielt haben. Es war ein nervtötendes, psychotisches Schrillen, das sicher irgendein lebensmüder Ingenieur entwickelt hatte. Am Ende fand sie es. Ihr Misstrauen war bereits geweckt, als sie es unter jenen Papierstapeln hervorangelte, die sie an diesem Morgen definitiv noch nicht angerührt hatte. Denn sie besaß drei Handys. Das Privathandy, das Arbeitshandy und das neue Handy. Und was sie gerade in der Hand hielt, war nicht das normale Privathandy und auch nicht das Arbeitshandy, sondern ihr neues Handy. Das Prepaid-Handy mit den Fotos aus dem Säpo-Hauptquartier. Niemand kannte es. Auf dem Display stand »unbekannte Nummer«. Sie ließ noch ein Klingeln verstreichen, war aber zu neugierig, um nicht ranzugehen. »Ja?«, sagte sie. »Spreche ich mit Desiré Rosenkvist?«, fragte eine schneidige Männerstimme. »Wer ist denn da?«, entgegnete Deer, obwohl sie die Stimme durchaus wiedererkannte. Sie konnte sie nur nicht genau zuordnen. Wahrscheinlich, weil sie eigentlich auf keinen Fall auf diesem Handy anrufen durfte. »Hier ist Jonas Andersson«, antwortete die Stimme. Er musste nicht hinzufügen: Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und operativer Chef der Säpo. »Das ist eine Privatnummer«, sagte Deer zurückhaltend. »Ein Prepaid-Telefon, dessen Nummer auf keiner Liste steht.« »Das tut mir leid«, erwiderte Jonas Andersson. »Und es tut mir auch leid, dass ich so früh am Sonntagmorgen störe.« »Mein Arbeitshandy habe ich im Übrigen nie wiederbekommen«, erklärte Deer. »Falls Sie es mir jetzt zurückbringen wollen, ist der Zeitpunkt etwas außergewöhnlich …« »Wir haben es versucht. Allerdings waren Sie nicht an Ihrem Platz im Polizeipräsidium, Sie haben ja Urlaub. Aber wie Sie sicher verstehen, rufe ich nicht deshalb an.« Deer hatte das Gefühl, sie sollte sich ein bisschen zusammenreißen. Oder zumindest so tun. »Sie können diese Nummer unmöglich haben«, stellte sie beherrscht fest. »Wir können wohl etwas mehr, als Sie uns zutrauen. Und ich muss Ihnen ein Lob aussprechen, ein zusätzliches Handy hätte ich Ihnen tatsächlich gar nicht zugetraut. Doch als unser Techniker in den allerödesten Nachtstunden seines Bereitschaftsdienstes die noch nicht gesichteten Filme der Überwachungskameras durchging, machte er eine interessante Entdeckung.« Mist, dachte Deer. »Was wollen Sie?« »Wir müssen uns sehen«, forderte er. »Ich stimme Ihnen zu«, entgegnete Deer. »Ich hätte da noch einige offene Fragen.« Der operative Chef des schwedischen Geheimdienstes lachte. Dann räusperte er sich. »Es ist jetzt 8:22 Uhr. Können wir uns um zehn auf neutralem Boden treffen?« »Und was ist neutraler Boden?« »Konditorei Tössebageriet.« Im Ernst?, dachte Deer. Aber sie sagte: »Okay.« Sie hatte schon fast aufgelegt, als sie gerade noch hörte: »Und, Frau Kommissarin, bringen Sie Ihr Handy mit.« »Aber nur, wenn Sie meins auch mitbringen.« 28 Sonntag, 6. Dezember, 8:22 Schon möglich, dass dieses Haus wie die Businessclass von Singapore Airlines war, aber trotzdem ist es in allen Flugzeugen immer ein bisschen zu eng. Und ein Safehouse mit nur einem Schlafzimmer schien nicht für die Zukunft geeignet zu sein. Andererseits lag die Zukunft schon hinter ihnen. Berger war auf dem Boden eingeschlafen, obwohl das Wort »schlafen« nicht ganz passte. Blom hatte wieder auf das Sofa ausweichen müssen, mit einigen zusätzlichen Decken aus dem Boot, aber er meinte zu wissen, dass sie trotzdem mehr geschlafen hatte als er. Aber jetzt waren sie aufgestanden und tranken schon den zweiten Kaffee nach dem Frühstück. Sie bewegten sich, so leise sie konnten. Berger ließ sich vor dem Laptop nieder, Blom schob die Schlafzimmertür ein Stück auf, spähte hinein, ließ die Tür einen Spaltbreit offen stehen und setzte sich neben ihn. »Ihr Atem ist gleichmäßiger«, flüsterte sie. Er nickte, deutete auf den Bildschirm und flüsterte zurück: »Die Ermittlungen der Säpo zu Tensta. Ich versuche, den aktuellen Stand zu finden.« Sie nickte ebenfalls und trank einen Schluck Kaffee. »Kennst du einen ›Agenten Malmberg‹?«, fragte Berger. »Hm«, sagte Blom. »Sanna?« »Keine Ahnung.« »Doch, Sanna Malmberg ist gut. Jung, aber gut. Hat sie einen Auftrag?« »Offenbar versucht sie, mit August Steen Kontakt aufzunehmen.« Berger glaubte, einen dunklen Schatten über Bloms Gesicht huschen zu sehen. Aber das war wahrscheinlich Einbildung. »Sonst nichts?«, fragte sie. Berger las genauer und runzelte die Stirn. »Keiner scheint direkt zu recherchieren, wer genau hinter den Immobilien in Tensta steckt, hier steht nur Allgemeines über Big Exit Ltd. Jedenfalls ist niemand der Anwaltskanzlei Pantoja & Puerta in Nerja auf der Spur.« »Dein Erpressungseinsatz …« »Man muss seinen Stolz unterdrücken«, sagte Berger. »Ich werde Roger Corby in Gibraltar jedenfalls nicht auffliegen lassen, er hat den Denkzettel seines Lebens bekommen. Aber ich werde ihn im Auge behalten, da kannst du Gift drauf nehmen.« »Was machen wir mit der Anwaltskanzlei?«, fragte Blom. »Carsten ist bestimmt nicht nach Spanien gefahren«, antwortete Berger. »Er hat es immer noch auf Ali Pachachi abgesehen, um an die Kohle zu kommen.« »Arbeitet er wirklich für den IS?« Berger schüttelte den Kopf und klickte etwas auf dem Laptop an. »Lass uns mal sehen, was Agentin Sanna Malmberg so sagt. Hier, ich zitiere: ›Der Stand der Ermittlungen liefert zurzeit keine begründeten Hypothesen über Qs Auftraggeber. Die Abteilung für Wirtschaftskriminalität wurde als zusätzliche Kompetenz hinzugezogen und sondiert das internationale Feld.‹ Was für ein Geschwafel.« »Q?«, fragte Blom. »Sie nennen ihn Q. Q wie Quisling.« »Verstehe.« Ein schwaches Knarren brachte beide dazu, sich zur Schlafzimmertür umzudrehen. Dort erblickten sie ein Gespenst. Obwohl das Wesen, das in Unterhemd und Shorts in der Tür stand, an ein Infusionsgestell gelehnt und mit einem sehr fadenscheinigen Teddy in der Hand, durch und durch menschlich war. Aber eben sehr blass und mager – und mit tausend Fragen auf den Lippen. »Wo bin ich?«, fragte Aisha Pachachi. »Wer seid ihr?« Tja, dachte Berger. Wer waren sie? Der erste Satz, den Aisha in ihrer neu gewonnen Freiheit zu hören bekommen würde, war eine Lüge. Berger kniff, er sagte nichts, sondern überließ Blom das Lügen. »Wir sind von der Polizei. Ich bin Molly, das ist Sam. Wir haben dich gestern befreit, aber du bist immer noch in Gefahr. Deshalb sind wir gerade an einem geheimen Ort im Schärengarten. Wie geht es dir, Aisha?« Aisha starrte sie an und hing immer gekrümmter an ihrem Tropf. Berger stand auf und ging zu ihr, Blom folgte ihm. Vorsichtig griffen sie Aisha von rechts und links unter die Arme und führten sie wieder zurück zum Bett. Sie halfen ihr hinein, deckten sie zu und betrachteten Aishas vogelähnliches Gesicht. Ihre blasse Haut spannte über den hervorstechenden Wangenknochen, der Blick irrte hin und her, aber die dunklen Augen waren glasklar. In der Gefangenschaft hatte sich das lange schwarze Haar so verfilzt, dass es einem Vogelnest glich. »Ruh dich aus, Aisha, du bist jetzt in Sicherheit«, sagte Blom so sanft, wie sie konnte. Die Worte zeigten Wirkung, Aishas Blick flackerte nicht mehr, und sie sah Blom direkt an. Berger zog zwei Stühle heran, damit sie sich an ihr Bett setzen konnten. Gleichzeitig schaltete er das Mikrofon seines Handys ein. Die Aufnahmefunktion. »Wo ist meine Familie?«, fragte Aisha. Blom ergriff Aishas Hand und wartete ihre Reaktion ab. Aisha nahm es hin, ohne den Blick von Blom abzuwenden. »Deine Eltern sind in Sicherheit«, erklärte Blom. »Das Problem ist nur, dass wir nicht wissen, wo sie sich aufhalten. Du hast deinen zweiten Entführer doch bestimmt gesehen? Du warst nicht die ganze Zeit bewusstlos, oder?« »Carsten?« Aisha nickte. Berger und Blom wechselten einen schnellen Blick. »Ja, Carsten«, sagte Blom. »Er hat dich sicher gefragt, wo dein Vater ist?« »Ob er mich gefragt hat?« »Ja. Hat er dich schlecht behandelt?« Aisha schüttelte den Kopf. »Nein, nie. Er war … nett. Komisch, aber nett.« »Und hat er dich nach deinem Vater gefragt?« »Ja, aber ich habe nicht geantwortet. Ich habe nie geantwortet. Er hat öfter mit mir gesprochen. Kein Vergleich zu William.« »Wir müssen wirklich deine Eltern finden, das ist sehr wichtig. Hast du eine Ahnung, wo sie sein könnten?« Aisha schüttelte wieder den Kopf. Dann schloss sie die Augen. Blom umfasste Aishas Hand nun mit beiden Händen und drückte sie. »Wenn du mehr über deine Jahre in Gefangenschaft erzählen willst, sind wir natürlich sehr froh. Aber vielleicht möchtest du erst einmal zur Ruhe kommen. Später kannst du mit einem Psychologen darüber sprechen. Es könnte aber auch schon helfen, wenn du uns davon erzählst. Wir sind gute Zuhörer. Und vielleicht fällt dir etwas ein, das uns deine Familie finden lässt. Dann kannst du sie bald wiedersehen. In Sicherheit.« »Er war unser Leibwächter«, sagte Aisha plötzlich. »Ich habe nicht verstanden, warum wir einen Leibwächter brauchten.« »Von wem sprichst du jetzt?«, fragte Blom. »Na, von William.« »Wie ist er in euer Leben gekommen?« »Er tauchte plötzlich auf und hat dann lange bei uns gewohnt. Er hat auf dem Sofa geschlafen, uns bewacht und mich in die Schule begleitet.« »Jeden Tag?« »Ja. Aber er konnte uns nicht die ganze Zeit bewachen, Yazid ist trotzdem abgehauen.« »Dein Bruder?« »Ja.« »Und William ist geblieben?« »Vielleicht noch einen Monat oder so. Meine Eltern waren am Boden zerstört. Sie nahmen an, dass Yazid nach Syrien gefahren ist, um für den IS zu kämpfen. Dabei war er kein bisschen religiös.« »Habt ihr die Polizei um Hilfe gebeten?« »Das ging ja nicht. Nicht, wenn er wirklich nach Syrien ist. Dann wäre er ja ein Verbrecher.« »Aber du bist weiterhin ganz normal in die Schule gegangen?« »Ja. Und William hat mich bewacht.« »Und dann kam der letzte Schultag …« »Genau. William hat wieder auf mich gewartet, nur hat er diesmal zu mir gesagt, dass wir eine Weile untertauchen müssten.« »Untertauchen?« »Ja, das klang ein bisschen seltsam, aber ich hatte angefangen, ihm zu vertrauen, also ging ich mit. Während wir fuhren, bat er mich, mein Handy ausleihen zu dürfen. Ich gab es ihm. Wir fuhren in ein Haus in Märsta.« »Er hat sich dein Handy ausgeliehen?« »In dem Haus habe ich es dann zurückbekommen. Aber ich konnte meine Eltern nicht anrufen, er hatte die SIM-Karte herausgenommen. Ich habe ihn gefragt, warum. Er meinte, ich dürfte zurzeit niemanden kontaktieren, weil das Handy dann geortet werden könnte.« »Hat er gesagt, um welche Gefahr es ging?« »Nein. Ich habe ziemlich schnell begriffen, dass etwas nicht stimmte. Als ich abhauen wollte, bekam ich eine Spritze in den Arm gerammt. Und dann bin ich in einer Zelle aufgewacht.« »Weißt du, wo diese Zelle war?« »Das muss im Keller gewesen sein. Ich lag gefesselt auf einer Matratze. Mit so einem Scheißding im Arm.« Aisha schlug so heftig gegen den Infusionsständer, dass ihr der Beutel fast auf den Kopf gefallen wäre. »Ich bin diesen Tropf so dermaßen leid!«, schrie sie. »Ich weiß genau, was du meinst«, sagte Blom und drückte ihre Hand etwas fester. »Aber das ist nur eine Nährlösung. Bis du wieder richtig essen kannst. Möchtest du probieren, ob das schon geht? Sollen wir jetzt erst einmal eine Pause machen?« Aisha schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Ich will weitermachen. Ich muss diesen Mist durchstehen.« »Bist du sicher? Du darfst dich auch nicht überanstrengen.« »Ich will mich aber überanstrengen. Ich will leben. Ich will die Freiheit haben, das zu machen, was ich will.« Berger und Blom warfen einander einen Blick zu, der zunächst ein wenig unsicher war. Natürlich war Aisha gründlich von einem Arzt untersucht worden – und zwar nicht von irgendeinem –, aber dennoch hatten sie es mit einem schwer traumatisierten Entführungsopfer zu tun. Verhielten sie sich überhaupt richtig? Sollten sie Aisha nicht sofort in kompetente physische und psychische Behandlung übergeben? Andererseits wirkte sie gar nicht so mitgenommen. Es deutete einiges darauf hin, dass Carsten sie viel besser behandelt hatte als William. Und sie wollte es selbst, sie wollte erzählen. Anscheinend hatte sie sich lange danach gesehnt, ein richtiges Gespräch führen zu dürfen. Außerdem mussten sie ihr Gehirn in Schwung bringen, die Erinnerungen und Assoziationen, die sie möglicherweise auf die Spur von Carsten Boylan und Ali Pachachi führten. Doch, wir wagen es, besagte der Blick zwischen Berger und Blom schließlich. Wir wagen es, sie weiter zu befragen. »Du bist frei, Aisha«, sagte Blom. »Niemand findet dich hier.« »Es fühlt sich aber verdammt danach an, als wäre ich zum dritten Mal entführt worden.« Berger beugte sich ein wenig vor und erklärte: »Eigentlich ist die Sache ziemlich einfach. Wir müssen deine Eltern finden, bevor Carsten es tut. Und ich garantiere dir, dass du nicht entführt worden bist. Wir sind auf einer Insel im Schärengarten, in einem Safehouse der Säpo. Wenn du willst, kannst du einen Spaziergang machen, sobald du dich stärker fühlst. Heute ist ein ungewöhnlich schöner Tag. Zum ersten Mal seit Wochen scheint die Sonne.« Aisha sah ihn mit einem leichten Schimmern in den Augen an. »Ich würde gern einen Spaziergang machen«, sagte sie. »Aber vorher will ich erzählen.« Berger nickte, lächelte und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Du lagst also auf einer Matratze gefesselt im Keller«, sagte Blom. »Mit einem Tropf.« »Ja«, sagte Aisha. »Anfangs habe ich noch versucht, die Zeit im Auge zu behalten. Es war eine enge Zelle, die Betonwände wirkten neu gebaut und schallisoliert. Es gab ein schwaches Licht, ich habe aber nicht herausgefunden, wo es herkam, und ich hatte ständig das Gefühl, betäubt zu sein. Meine Klamotten waren weg, stattdessen trug ich irgendeinen schrecklichen grauen Schlafanzug. Die Matratze, der Schweiß, der Toiletteneimer, der Tropf. Ekliges Essen. Nach ein paar Tagen ist es mir gelungen, mir die Infusionsnadel aus dem Arm zu reißen. William kam sofort und befestigte sie wieder, er sagte, er müsste mich nicht fesseln, wenn ich im Gegenzug die Nadel in Ruhe ließe. So sind Tage vergangen, wahrscheinlich Wochen. William hat sich total verändert. Er hat nie ein Wort gesagt, sein Blick war anders, seine Klamotten wirkten schmuddelig, und er hat gestunken.« »Hast du es geschafft, die Zeit im Auge zu behalten?« »So in etwa. Bis ich das Wimmern hörte.« »Das Wimmern?« »Wie bleibt man stark?« »Wie meinst du das, Aisha?« »Was macht man, um in einer Hölle stark zu bleiben, in die man im glücklichsten Moment seines Lebens geworfen wird? Ich hatte die neunte Klasse abgeschlossen, hatte alle Möglichkeiten. Und stattdessen wurde ich in einen Keller gesperrt. Wie gelingt einem das, verdammt?« »Man muss in Bewegung bleiben«, sagte Blom etwas unsicher. »Genau. Also musste ich die Fesseln loswerden. Dafür musste ich gehorchen und durfte die Kanüle nicht herausziehen. Die war sicher mit irgendeinem Alarm verbunden. Mein Großvater saß in Abu Ghuraib.« »In Bagdad? Im Gefängnis?« »Meine Mutter hat davon erzählt. Das Schlimmste, was sich ein Mensch vorstellen kann. Mein Großvater hat mir zwei Dinge mit auf den Weg gegeben, ehe er gestorben ist. Das erste war: Du darfst nie still halten, sonst wirst du schwach. Also habe ich mir ein eigenes Work-out-Programm ausgedacht, dass ich auch mit der Nadel im Arm durchführen konnte. Und dann hat Opa noch gesagt: Verlier die Zeit nicht aus den Augen. Aber wenn es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht gibt, wie behält man da den Überblick?« »Ich weiß es ehrlich gesagt nicht …« »Periode!«, rief Aisha. »Was?«, fragte Blom. »Irgendwann hat sie dann aber natürlich aufgehört. Jetzt habe ich meine Periode schon ewig nicht mehr gehabt. Aber damals hatte ich sie noch. So konnte ich immerhin noch die Monate zählen. Und ich hatte fünf Monatsblutungen gehabt, bevor ich zum ersten Mal das Wimmern hörte.« »Ja«, sagte Blom und nickte. »Natürlich. Du bist ein schlaues Mädchen, Aisha.« »Die Decke war schallisoliert, vielleicht auch die Außenwände«, sagte Aisha. »Aber nicht die anderen Wände. Es muss dort mehrere Zellen geben. Und das Wimmern kam von rechts. Ich legte das Ohr an die Wand und wartete. Dann war es wieder zu hören, ganz kurz, wie ein unterdrücktes Weinen. Ich rief. Einmal, zweimal, dreimal. Irgendwann kam eine Antwort. Ich war nicht mehr allein im Keller.« Jetzt verstummte Aisha und versank in ihren Erinnerungen. Blom ließ sie eine Weile in Ruhe. Schließlich fragte sie doch noch, ganz behutsam: »Hast du eine Antwort bekommen?« »Ja«, sagte Aisha und lachte kurz. Dann verzog sich ihr Mund zu einer schiefen Grimasse. »Sind sie tot?« Blom strich ihr über den Arm und antwortete klar und deutlich: »Keine ist tot, Aisha. Alle haben überlebt. Alle sechs.« Aisha sah sie an. Sie weinte lautlos. Es waren zweieinhalb Jahre lang zurückgehaltene Teenagertränen, die aus ihren Augen hervorströmten. Zeit, die sie nie wiederbekommen würde, aber doch würde aufholen können. Das war ein unendlich ergreifender, beinahe schöner Anblick. Blom wandte sich zu Berger um. Als sie sah, wie er langsam die Augen schloss, konnte sie selbst nicht mehr an sich halten. Alles brach über sie herein. Für einen Moment ließ Molly Blom alle Masken fallen. In dem Haus auf der kleinen, einsamen Schäreninsel tat sich ein Moment der Gnade auf, in dem all das Verdorbene, alle Lügen und alle Falschheit verschwanden. Sie verweilten so lange wie möglich darin. Am Ende brach Aisha Pachachis eigene Stimme den Zauber: »Ihr wart das, oder?« Berger schlug die Augen auf. Er sah, wie Blom ebenfalls die Augen öffnete und sich hastig und möglichst unauffällig die Tränen wegwischte. Dann hörte er sie mit leicht gebrochener Stimme sagen: »Wir?« »Die sie befreit haben? Das wart doch ihr?« »Das lässt sich nicht so einfach beantworten«, entgegnete Blom. »Das Wichtige ist, dass sie frei sind. Und leben.« Berger sah, wie das Bett wackelte, als sich Aisha mit einem Ruck aufsetzte. »Fuck, ihr seid echt Helden!« Berger lachte laut. Er konnte nicht anders. Als er mit ansah, wie das Leben förmlich in ihren mageren Körper zurückgepumpt wurde, wurde auch er von Leben erfüllt. Er, der Leblose. Blom warf ihm einen strengen Blick zu, konnte ihr schiefes Grinsen aber auch nicht ganz verbergen. Aisha riss sich die Nadel aus dem Arm. »Jetzt will ich raus und den Schärengarten sehen. Aber vorher brauche ich jede Menge Lablabi, Tepsi und Khouzi. Ich hab mich so krass danach gesehnt.« Als sie Aisha erstaunt anstarrten, machte das Mädchen eine resignierte Geste und rief: »Nee, nicht im Ernst! Ihr habt nichts zu essen besorgt?« 29 Sonntag, 6. Dezember, 10:00 Ende des 19. Jahrhunderts wurde dem Probst Pontus Persson eine kleine Tochter geboren. Seine Frau und er beschlossen, das Mädchen Helga zu taufen. Nachdem sie die Schule beendet hatte, zog Helga nach Uppsala, um sich zur Haushaltslehrerin ausbilden zu lassen. Sie heiratete und hieß fortan Helga Södermark. Mit Mitte dreißig kaufte sie eine Immobilie auf dem Karlavägen in Stockholm, um dort eine Bäckerei zu eröffnen. Sie benannte ihr Geschäft nach ihrem Heimatort in Dalsland, Tösse. Die Tössebageriet steht nicht nur bis heute am selben Ort, auch etliche Einrichtungsgegenstände stammen noch aus ihrer Gründungszeit. Deer bemerkte Stuckrosetten an der Decke und Keramikteller auf den Fensterbänken, die aussahen, als würden sie zur Originaleinrichtung gehören. An einem abgeschiedenen Tisch im Inneren saß der operative Chef der Säpo und Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste. Und er war nicht allein. Jonas Andersson stand auf und wartete, bis sie den Tisch erreicht hatte, um sie dann der höchstens dreißigjährigen Frau an seiner Seite vorzustellen. »Kommissarin Rosenkvist, das ist Sanna Malmberg.« Deer begrüßte die junge Frau erstaunt und hatte Schwierigkeiten, ihre Rolle einzuordnen. Noch ehe sie sich setzen konnte, fuhr Andersson fort: »Ihr Handy, bitte.« »Dann können wir ja tauschen?«, fragte Deer. Sanna Malmberg reichte Deer wortlos ihr Arbeitshandy und erhielt im Gegenzug das Reservetelefon. »Das will ich aber zurückhaben«, sagte Deer. Sanna Malmberg hatte noch immer kein Wort gesagt, als sie sich über das Prepaid-Handy beugte und darin abzutauchen schien. »Ich habe mir erlaubt, schon einen Kaffee für Sie zu bestellen«, erklärte Jonas Andersson und deutete auf die Tasse, die vor ihr auf dem Tisch stand. »Natürlich genau so, wie ich ihn gern trinke«, erwiderte Deer. »Ein nettes, aber nicht besonders subtiles Zeichen.« Jonas Andersson lachte kurz. Deer nahm einen Schluck. In der Tat war der Kaffee genau nach ihrem Geschmack. Und erstaunlich gut. »Warum sind wir jetzt hier?«, fragte sie. Mit einer Kopfbewegung in Richtung des Handys antwortete Andersson: »Unter anderem deshalb. Aber auch ganz einfach, um einmal abzuklären, was Sie während Ihres kleinen Urlaubs eigentlich so treiben. Einbruch bei einem hohen Säpo-Chef ist natürlich eine schwere Straftat, darauf stehen mindestens zwei Jahre Haft.« Mist, dachte Deer. »Wenn Sie vorhaben, mich zu verhaften, hätten Sie mich wohl kaum auf ›neutralem Boden‹ treffen wollen«, entgegnete sie tapfer. Jonas Andersson lächelte schief. »Ich kann Sie verhaften, wo und wann immer ich will.« »Also, um was geht es?« »Warum suchen Sie nach August Steen?« Deer lachte. Aber nur innerlich, es war ein bestätigendes Lachen. »Weil er eine Person in sein Verschwinden verwickelt zu haben scheint, die mir nahesteht. Ohne deren Hilfe ich den Fall, der mir zehn Tage Sonderurlaub gebracht hat, nicht gelöst hätte.« »Berger, ja.« Andersson nickte. »Die Wahrheit ist, dass ich nichts über Sam Berger weiß.« »Das Schlimmste ist, dass ich glaube, dass Sie genauso wenig über August Steen wissen. Dabei sind Sie sein Chef.« Jonas Andersson lachte auf. Es war ein ziemlich freudloses Lachen. »Das ist eine Frage der Definition.« »Habe ich schon verstanden«, entgegnete Deer. »Mitunter wird behauptet, August Steen sei wie Hoover. Und J. Edgar Hoover, der das FBI fast ein halbes Jahrhundert lang geleitet hat, war unantastbar, weil er kompromittierendes Material über jeden amerikanischen Politiker besaß. Ist das auch bei Steen der Fall? Was weiß er zum Beispiel über Sie?« »Angriff ist die beste Verteidigung«, erwiderte Andersson kühl. »Ich verstehe Ihre Strategie schon, Kommissarin Rosenkvist. Wenn Steen irgendetwas Kompromittierendes besitzt, dann nicht über mich, das schwöre ich.« »Aber über jemand anderen, einen hohen Chef. Ansonsten könnte er seine Parallelaktionen nicht so ungehindert laufen lassen. Die Abteilung für Nachrichtendienste existiert doch nicht einmal!« »Auch das ist eine Frage der Definition. Und jeder Geheimdienst, der diese Bezeichnung verdient, arbeitet auch mit freien Agenten. August Steens Rolle ist sehr weit gefasst.« »Und worüber besitzt er Material?« Jonas Andersson warf einen hastigen Blick auf die in Deers Handy versunkene Sanna Malmberg. »Sie verstehen sicher, dass ich dazu nichts sagen kann«, antwortete er. »Belassen wir es dabei, dass er Zugang zu etwas hat, das fundamental für den schwedischen Geheimdienst ist.« »Das Bermudadreieck«, sagte Sanna Malmberg, ohne von ihrem Telefon aufzusehen. »Wie bitte?«, fragte Deer, sah jedoch gleichzeitig ein, dass Malmberg sich wohl kaum verplappert hatte. Es gab eindeutig ein Drehbuch. Und Malmbergs Rolle bestand darin, als Erstes genau dieses Wort in genau diesem Moment zu sagen. Bermudadreieck. »Manche nennen es so«, sagte Andersson. »Alles, was in die Nähe von August Steen gelangt, verschwindet. Und Berger scheint auch im Bermudadreieck gelandet zu sein.« »Was meinen Sie mit verschwinden?« »Sachen verschwinden, aber dann tauchen sie wieder auf, verwandelt, verbessert, in neuer Funktion.« »Also, ich verstehe wirklich nicht …« »Ich hab’s!«, rief Sanna Malmberg und hielt Andersson das Handy so hin, dass Deer das Display nicht sehen konnte. »Gut«, sagte Andersson. »Beam sie mal rüber.« »Alles? Das sind mindestens dreißig Bilder.« »Ich will nur das eine hier haben. Aber speichere den Rest. Und lösche alles andere auf diesem Telefon.« »Das müssen Sie mir jetzt aber wirklich erklären«, protestierte Deer von der anderen Seite des Tischs. »Wir müssen gar nichts«, sagte Jonas Andersson und betrachtete sein Handy. Kurze Zeit später gab es ein Signal von sich. Er zoomte das Bild heran und nickte zufrieden. Dann beugte er sich vor. »Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Kommissarin Rosenkvist. Es würde schon eine extreme Ausnahmesituation voraussetzen, Sie ungestraft davonkommen zu lassen. Und dank dieser Ausbeute sind Sie auf jeden Fall auf einem guten Weg. Wir sind noch nicht ganz zufrieden, aber mit einem halben Bein sind Sie bereits aus dem Gefängnis raus. Verstehen Sie, was ich meine?« »Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich könnte Ihnen wahrscheinlich besser assistieren, wenn ich wüsste, wovon Sie sprechen.« Jonas Andersson fixierte sie. »Berger, Blom und Sie haben allem Anschein nach einen ausgezeichneten Einsatz im Inland geleistet, auch wenn ein Großteil des Falls im Bermudadreieck verschollen ist. Deshalb können wir bei Ihrem Vergehen die Zügel ein bisschen lockern – weil Sie eine hervorragende Arbeit geleistet haben, die nicht zuletzt der Säpo zugutekam. Und deshalb werden wir Ihnen einen kleinen Einblick gewähren. Aber wirklich nur einen kleinen.« »Auf der Bettkante«, sagte Deer und bereute es sofort. Andersson hob eine Augenbraue, räusperte sich und legte das Handy vor sich auf den Tisch. »Dass unser diensthabender Techniker Überwachungsfilme mit Ihnen darauf gefunden hat, war ein Zufall. In Wirklichkeit hat er nach etwas ganz anderem gesucht, nämlich einem Film von der darauffolgenden Nacht. Denn da hat ein gravierender Einbruch in August Steens Büro stattgefunden – von dem gibt es allerdings keinen Film. Irgendwie ist es dem Einbrecher gelungen, die Überwachungskamera außer Gefecht zu setzen. Uns blieb nur das Ergebnis seines Einbruchs, ein verschwundener Computer und verschwundene Aufzeichnungen. Von dem Computer gibt es Sicherheitskopien, da wissen wir also genau, was gestohlen wurde – und eigentlich sollte dieses Material auch gut genug durch Passwörter geschützt sein –, aber bei den Aufzeichnungen verfügten wir nur noch über die vagen Erinnerungen von Steens persönlichem Assistenten. Bis jetzt.« Jonas Andersson drehte sein Handy um. Darauf prangte das Bild des Dienstplans neben August Steens Bücherregal, über den es Deer gelungen war, Roy und Kent ausfindig zu machen. Rings um den Kalender hingen verschiedene Post-its in unterschiedlichen Farben. Der operative Chef der Säpo wischte das Bild weg. Ein neues Foto erschien. »Keine Post-its«, erklärte Andersson und zeigte darauf. »Jetzt wissen wir aber genau, was darauf stand und warum sie gestohlen wurden.« »Dank mir«, sagte Deer und verfluchte sich dafür, dass sie sich genau dieses Bild nicht näher angeschaut hatte. »Dank Ihrer kriminellen Handlungen«, korrigierte Andersson. »Jetzt haben wir unsere Pflicht getan, Ihre Bilder beschlagnahmt und von Ihrem Handy gelöscht. Sollten Sie eine Sicherheitskopie davon gemacht haben, liegt das außerhalb unserer Zuständigkeit.« Deer ließ seine Worte sacken. »Heißt das, Sie brauchen meine Hilfe?«, fragte sie. »Sollten Sie noch weitere Kopien haben, dürfen Sie natürlich gern einen Blick auf die Zettel werfen, aber ich denke, dass die Analysten der Säpo diesbezüglich effektiver sind. Ich wüsste aber doch gern mehr über Berger und Sie und Ihre Zusammenarbeit oben im Inland, die zur Rettung unserer ehemaligen Mitarbeiterin Molly Blom geführt hat. Wie haben Sie zum Beispiel dort hingefunden?« »Ah«, sagte Deer, »verstehe.« »Und?« »Die Säpo hat uns unterstützt. August Steen, mithilfe eines Mannes, der Carsten genannt wird.« »Hm«, erwiderte Jonas Andersson. »Und wie genau ging das vor sich?« »Das ist eine lange Geschichte«, antwortete Deer. »Ist Carsten wichtig?« »Ich würde Ihre lange Geschichte gern hören. Und hätte Sie gern in schriftlicher Form, wahrheitsgemäß, bis ins kleinste Detail. Und zwar bis gestern.« Deer sah ihn erstaunt an. »Haben Sie das jetzt gerade ernsthaft gesagt?« »Dass ich Ihre Geschichte haben will? Ja, definitiv.« »Nein, ich meinte ›und zwar bis gestern‹. So redet ein Abteilungsleiter in einer Telekommunikationsfirma, aber doch nicht der operative Chef der Säpo.« Er lachte. Sanna Malmberg verzog dagegen keine Miene. Andersson hingegen beugte sich vor und schob eine Visitenkarte über den Tisch. »Sie berichten an Sanna, die Ihre Ausführungen in zwei Stunden erwartet, vor zwölf Uhr. Und es wäre gut, wenn dieser Bericht um Welten besser wäre als jener, den Sie der Abteilung für Interne Ermittlungen abgeliefert haben. Leif Eskilsson war natürlich ungeheuer zufrieden mit Ihnen, aber ich persönlich glaube, dass Sie die gesamte Abteilung an der Nase herumgeführt haben.« Deer betrachtete die junge Frau, die vor allem durch ihr Nichtstun glänzte. »Ich dachte doch, unser Treffen würde etwas mehr auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich dachte, Sie würden mir den aktuellen Stand der Ermittlungen zu August Steens Verschwinden mitteilen.« Jonas Andersson seufzte laut. »Leider haben wir das schon getan.« Mit einem Gefühl, das ein schlechtes Gewissen hätte sein sollen, parkte Deer ein paar Häuser weiter die Straße hinab. Dann ging sie nach Hause, schlich sich durch die Seitentür der Garage und hörte deutlich den Ton eines Fußballspiels. Vermutlich handelte es sich um Liverpools Vier-null-Massaker gegen Everton aus dem Jahr 2009. Mit schlechtem Gewissen schlich sie durch die erste Garage in die zweite. Beim Anblick des Schreibtischs löste es sich jedoch sofort in Luft auf. Deer balancierte zwischen den ausgedruckten Fotos über den Boden und blätterte sich durch den übrig gebliebenen Papierstapel auf dem Schreibtisch. Schließlich fand sie das Foto des Dienstplans mit den Post-it-Zetteln, die wie bunte Satelliten ringsherum klebten. Sie nahm eine Lupe, ging alle Zettel durch und schrieb sie ins Reine. Alle waren mit Bleistift bekritzelt, etliche waren nutzlos, Einkaufszettel, Kinofilme, zwei Handynummern ohne weitere Kommentare, einige undurchschaubare Kommentare, und auf einem – rosafarbenen – Zettel stand: »Denken an: Mo. u. 1234.« Dieser fesselte sofort Deers Interesse. Es war eindeutig August Steens Handschrift – die mit allen anderen Bleistiftnotizen übereinstimmte. »Mo.« stand wohl für Montag, vielleicht musste Steen an einem bestimmten Montag an etwas denken. Und vielleicht war »1234« ein Code, ein Zeitpunkt, eine Geldsumme, doch vielleicht war es auch reiner Nonsens. Denn was um alles in der Welt sollte »u.« bedeuten? »Denken an: Mo. u. 1234.« Sie betrachtete ihre Aufzeichnungen, alles, was auf den Notizzetteln gestanden hatte. Wie immer war es wohl am besten, sich nicht zu sehr zu verstricken, sondern das Gehirn arbeiten zu lassen, wenn das Bewusstsein gerade nicht aktiv war. Also empfahl es sich, in der Zwischenzeit etwas anderes zu machen. Sie richtete ihren Blick auf den Boden. Dort lagen alle Ausdrucke der Fotos, die sie mit ihrem Prepaid-Handy in August Steens Büro bei der Säpo in Solna gemacht hatte. Die Telefonrechnungen rechts vom Schreibtisch, die Kontoauszüge links. Seufzend kniete sie sich auf den Boden und konzentrierte sich. Erst die Kontoauszüge. Die ältesten Abrechnungen stammten aus dem letzten Jahr, anscheinend aus der Zeit nach der offiziellen Adressänderung der Säpo, Solna statt Kungsholmen. Und sie hatte alle bereits durchgesehen, Monat für Monat. Jetzt tat sie es ein weiteres Mal, diesmal noch genauer. Wenn es einen Bereich der Polizeiarbeit gab, der per Definition trostlos war, dann war es dieser: deprimierende Durchgänge, dubiose Doppelchecks, ziellose Zahlenvergleiche. Allerdings gab es da zwei Auszüge aus dem September. Und plötzlich war der Ziffernvergleich nicht mehr ziellos, die Durchgänge waren nicht mehr deprimierend. Wenn sie es richtig sah, stand auf einem der Septemberauszüge eine andere Kontonummer. Es musste ein Fehldruck sein, Schlamperei. Aber nein, es war derselbe Name, August Steen, jedoch eine andere Nummer. Na gut, dachte sie. Das war nicht weiter verwunderlich. Natürlich hatte ein Mann wie Steen mehrere Konten. Die Auszüge von einem dieser Konten bewahrte er allerdings nicht im Büro auf, abgesehen von dieser einzigen, eventuell irrtümlichen Ausnahme. Warum? Wie seltsam, dass ihr das vorher nicht aufgefallen war. Allerdings unterschieden sich die Kontonummern auch nur geringfügig. Es war ein Geschäftskonto mit Steens Privatadresse in Äppelviken, Bromma, aber die Säpo war als Rechnungsadresse angeführt. Von diesem Konto war also das Geld abgehoben worden. Es gab keine Kartenzahlungen, nur vier Auszahlungen an Bankautomaten, einmal wöchentlich. An verschiedenen Orten in Uppland. Deer stutzte. Uppland? Wo lag das überhaupt? Noch während sie sich ein wenig für ihre Unwissenheit schämte, stellte sie fest, dass die Auszahlungen in Enköping, Rimbo, Gimo und Östervåla vorgenommen worden waren. Dort war die Karte großzügiger eingesetzt worden, so, wie man es häufig an der Tankstelle, im Supermarkt und im Systembolaget machte – bei Letzterem vielleicht ein wenig zu oft. Kurz: Alles sah aus wie ein ganz normaler Kontoauszug. Das galt jedoch nicht für die andere Karte. Sie schob den Schreibtischstuhl aus dem Weg und kroch auf Knien hinüber zu den Handyrechnungen. Es gab drei verschiedene Nummern, nicht ganz überraschend für einen Mann von August Steens Kaliber. Sie verglich die Datumsangaben und fand einige, die mit den Auszahlungen übereinstimmten, irgendeine Verbindung gab es wohl, der sie nicht auf die Schliche kam. Ihre Hauptaufgabe, die sie sich allerdings nur selbst gestellt hatte, bestand darin, den verschwundenen Sam Berger zu finden, der möglicherweise aus eigenem Antrieb untergetaucht war. Trotzdem gab es deutliche Anzeichen dafür, dass die Säpo ihn schützte und versteckt hielt. Und der einzige hohe Chef der Säpo, mit dem Berger Kontakt hatte, war Molly Bloms alter Vorgesetzter August Steen. Nähere Untersuchungen ergaben, dass auch Steen verschwunden war – und das konnte kein Zufall sein. Steen besaß eine zusätzliche Bankkarte, die möglicherweise in größter Heimlichkeit von ihm selbst benutzt wurde, an unterschiedlichen Orten in Uppland. Konnte eine heimliche Affäre dahinterstecken? War es möglich, dass Steen, ein braver Familienvater in Äppelviken, einmal in der Woche erotische Ausflüge nach Uppland unternahm, in ein Hotel ging, bar bezahlte, um nicht aufzufliegen, und sich dem verbotenen Genuss hingab? In diesem Fall musste eine der Handynummern definitiv der Geliebten gehören. Und könnte man bei dieser Geliebten nicht auch jemanden verstecken? Eine Person wie Sam Berger? Wenn August Steen nun – wie hatte Jonas Andersson es formuliert? – ein Agent mit einer »sehr weit gefassten« Rolle war, müsste die Liebhaberin eine perfekte Möglichkeit sein, um Berger Unterschlupf zu gewähren. Und das Bermudadreieck? Was zum Teufel war das? War Berger dort verschwunden? Im Bermudadreieck von Uppland? Deer ging Handynummer für Handynummer durch. Einige erkannte sie wieder, Roys und Kents zum Beispiel, aber es gab mindestens vier, die sie genauer würde untersuchen müssen. Keine davon stimmte mit den Nummern von den Post-it-Zetteln überein, aber vielleicht führte der Gedanke an diese verdammten Zettel dazu, dass ihr Blick schließlich auf ein ganz bestimmtes Gespräch in einer der langen Spalten fiel. An einem Montag war ein Anruf auf einem von Steens Handys eingegangen. Um 12:34 Uhr. Das Gespräch vor einigen Wochen hatte gute drei Minuten gedauert, an einem Montag im November. Und August Steen hatte daran gedacht. »Denken an: Mo. u. 1234« Er hatte nur nicht daran gedacht, anschließend den Post-it-Zettel von der Wand in seinem Büro zu entfernen. Außer es ging um etwas, an das er immer wieder denken musste. Und das »u.« hätte etwas zu bedeuten. »U« wie ungerade im Gegensatz zu »g« wie gerade? Deer durchsuchte die Liste und entdeckte ein Muster. Es waren zwar verschiedene Nummern, aber jeden zweiten Montag im Monat, in ungeraden Wochen, kam um Punkt 12:34 Uhr ein Anruf. Sie ordnete die Rechnungen chronologisch und fand ein weiteres Muster. Der Anruf erfolgte an zwei Montagen hintereinander von der gleichen Nummer, dann noch zweimal von einer anderen. Vermutlich wurde einmal im Monat ein neues Prepaid-Handy benutzt. Sie prüfte die letzte Rechnung, an diesem Montag war die Nummer erst einmal verwendet worden. Vermutlich gab es sie noch. Also kreiste sie die Nummer dick ein. Das war die Nummer, auf die sie sich konzentrieren musste. Mittlerweile schmerzten ihre Knie, und sie stand auf. Eingehend betrachtete sie die Landkarte auf ihrem Computerbildschirm. Dann wühlte sie in einer Schublade und holte einen Stoß zusammengefalteter Karten heraus. Eine davon breitete sie auf dem Boden aus. Mit dickem Filzschreiber markierte sie die vier Orte, in denen Steen Geld abgehoben hatte: Enköping, Rimbo, Gimo und Östervåla. Sie bildeten beinahe einen Kreis. In dessen Mitte lag eine Stadt. Eine große Stadt. Uppsala. Deer ließ den Blick nach Süden wandern, an Stockholm vorbei, hinaus zu den Inseln im Schärengarten. Im Süden befand sich Utö. Auf dem Schreibtisch lag ein großes Lineal. Deer griff danach und legte das Lineal auf die Karte. Dann zog sie eine gerade Linie von Utö bis zur Mitte des Kreises. Nach Uppsala. Die Himmelsrichtung war eindeutig. Nord-Nord-West. Sie stand wieder auf und holte die beiden Glückwunschkarten aus der Schublade. Hamlets Worte auf Karte Vier: »I am but mad north-north-west. When the wind is southerly, I know a hawk from a handsaw.« Allmählich wurde das Ganze grässlich kompliziert. Plötzlich klingelte Deers Handy. Eine schneidige Männerstimme sagte: »Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass Sie noch eine Viertelstunde haben.« »Was?«, rief Deer gestresst. »Sie haben einen Bericht zu schreiben«, entgegnete der operative Chef der Säpo. 30 Sonntag, 6. Dezember, 13:18 Die Sonne schien tatsächlich. Sie erhellte die kleine Insel und einige Streifen im Meer, die wie Ströme aus Gold funkelten. Und der Sonnenschein am Strand barg die allerletzten Spuren des Sommers. Aisha Pachachi legte den Kopf in den Nacken, genoss die Sonnenstrahlen, schloss die Augen und atmete die sauerstoffreiche Schärenluft ein. Berger und Blom beobachteten, wie dem dünnen Körper wieder Leben eingehaucht wurde. Und wie Aisha gegessen hatte! Sie hatten das Mädchen bremsen müssen, damit sie wenigstens halbwegs das Ernährungsschema des Arztes befolgte, und auch ihren spontanen Bewegungsdrang, ihr Rennen und Hüpfen. Sie hatte definitiv überlebt. Zweieinhalb Jahre Gefangenschaft. Aisha richtete ihren Blick wieder auf den alten Teddy, der auf ihren Knien saß. »Ich hätte echt nicht gedacht, dass ihr Khouzi und Hamise im Kühlschrank habt!« »Das war Molly«, gab Berger zu. »Wir kamen an einem Take-away-Restaurant vorbei.« »Ich weiß aber nicht, ob es irakisch war«, sagte Blom. Aisha lachte nur und blickte aufs Meer hinaus. »Da«, sagte Berger. »Da, wo mein Finger hinzeigt, zwischen den Inseln, kurz vorm Horizont, liegt die tiefste Stelle in der ganzen Ostsee. Sie heißt Landsortsdjupet. Dort geht es einen halben Kilometer direkt in den Abgrund. Das kann man sich nur schwer vorstellen.« Aisha lächelte. »Da unten bin ich gewesen.« Berger lachte laut auf. »Ich habe nicht einmal die halbe Strecke zurückgelegt. Aber schon da war es furchtbar dunkel und kalt.« »Wollen wir wieder zurückgehen?«, fragte Blom und musterte Aisha. Die junge Frau nickte, hörte jedoch nicht auf zu lächeln. Plötzlich sagte sie: »Ich möchte meine Eltern sehen.« »Wir arbeiten daran«, antwortete Berger lahm. Langsam wanderten sie über die Insel zurück. Aisha trug die Ersatzkleider des Safehouse, und obwohl sie ziemlich überdimensional wirkten, passten sie ihr seltsamerweise gut. Unterwegs kamen sie an Bloms schlaffem Gummiboot vorbei, das auf einem Gebüsch lag. In gemächlichem Tempo gingen sie am Wasser entlang. Es war wirklich ein einzigartiger Tag. Die Luft war so rein, das sie fast betäubend wirkte mit ihrer umwerfenden Frische. Sie sahen die Anlegebrücke, das Bootshaus, kamen zur Hütte und gingen durch den Weinkeller in den großen Wohnbereich. »Möchtest du dich wieder hinlegen, Aisha?«, fragte Blom. Aisha schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, lange genug gelegen zu haben.« Berger und das Mädchen ließen sich auf dem Sofa nieder, Blom blieb stehen. »Möchtest du einen Tee?«, fragte sie. »Oder Kaffee?« »Ich habe noch nie Kaffee getrunken«, erklärte Aisha. »Wäre cool, das mal auszuprobieren.« Zweieinhalb Jahre ausradiert, dachte Berger. Die zweieinhalb Jahre, in denen man normalerweise – neben vielen anderen Dingen – anfängt, Kaffee schätzen zu lernen. »Ich koche auch Tee«, sagte Blom und begab sich in die Küche. Berger schaltete die Aufnahmefunktion seines Handys ein, sah in Aishas durchdringende, lebendige Augen und dachte an die Zeit. Was die Zeit, die verstreicht, an Lebenskraft mitnimmt. Dann dachte er: Youth is wasted on the young. »Möchtest du mehr erzählen?«, fragte er schließlich. »Ich weiß nicht, ob ich noch einmal dorthin zurück will«, sagte Aisha. »Wie hat Carsten dich eigentlich behandelt? Du hast gesagt, er war … nett?« »Ja, aber nur im Vergleich zu William«, entgegnete Aisha. »Er hat auch geglaubt, ich wäre viel abwesender, als ich es in Wirklichkeit war. Meistens habe ich nur so getan, als wäre ich weggetreten. Als wäre mein Gehirn in den Jahren zuvor geschrumpft. Deshalb hat Carsten sich auch nicht so sehr darum gekümmert, ob ich etwas mitbekomme. Ich habe das hilfsbedürftige Opfer gespielt, das hat alles einfacher gemacht. Also hat meistens nur er geredet. Er hat viel über eine Welt gesprochen, die bald erlöschen würde. Dass sein Körper und sein Gehirn in Topform wären, er aber Hilfe beim Sehen bräuchte. Und dann hat er Shakespeare zitiert.« »Wir sind jetzt in der Wohnung in Tensta, oder?«, fragte Berger. »Ich habe keine Ahnung, wo wir waren«, erwiderte Aisha. »Aber es war eine Wohnung, ja. Die Rollläden waren fast immer heruntergelassen, und wenn nicht, habe ich Hochhäuser gesehen.« »Hat er dich gefesselt?« »Nein, aber er hat die Tür zu meinem Zimmer abgeschlossen. Es gab keine Fenster dort. Und keine Chance, zu schreien oder irgendwie hinauszukommen.« »Gab es Bienen?« »Bitte was?« »Bienen. Also die Tiere, die Insekten. Hast du welche gesehen?« »Es gab ein Bild mit Bienenstöcken.« »Und einem Sonnenuntergang, Zypressen, Pinien, weißen Häusern, Eseln, Blumen, dem Meer und dem Fels von Gibraltar. Außerdem lag ein dickes Buch mit Shakespeares Gesammelten Werken auf dem Beistelltisch neben dem Lesesessel.« »Sind Sie dort gewesen?« »Ja, ich war tatsächlich da. Kurz nachdem Carsten dich von dort weggebracht hatte. Er hat dich ja häufig an andere Orte verlegt, Aisha.« »William hat uns zweimal woanders hingebracht. Carsten hat auch zweimal mit mir den Ort gewechselt. Und dann kamt ihr. Ich war an sechs Stellen gefangen.« Berger nickte und zählte es an den Fingern ab: »Märsta, Bålsta, Helenelund, Tensta, Fjärdlång und dann hier. Aber hier bist du nicht gefangen.« »Beweisen Sie es mir«, sagte Aisha Pachachi. Berger lächelte. Das konnte er nicht. Vor allem, weil sie möglicherweise recht hatte. Möglicherweise war Aisha ihre Gefangene. Blom kam mit diversen dampfenden Tassen auf einem Tablett herein. Aisha roch an der Kaffeetasse und rümpfte die Nase. »Ich glaube, du brauchst Milch«, sagte Blom und goss einen ordentlichen Schluck hinein. Aisha nippte an ihrem Kaffee und zögerte. Dann trank sie etwas mehr und zog eine verwunderte Miene. »Schmeckt gut«, stellte sie fest. »Erinnerst du dich vielleicht noch an andere Dinge?«, fragte Berger. »Es passierte ja kaum was. Carsten war oft weg. Zum Arbeiten. Dann war ich eingesperrt. Ich dachte, dass ich vielleicht irgendwie ausbrechen könnte, aber das Zimmer war sehr gut abgeschlossen.« »Doch dann passierte etwas, vor einigen Tagen …« »Ja, er hat mich ohne jede Erklärung eingesperrt, das war noch nie vorgekommen. Ich habe gehört, wie es draußen rumort hat. Dann kam er in mein Zimmer und setzte sich auf den Stuhl neben das Bett. Er sah irgendwie anders aus, ich habe erst nach einiger Zeit verstanden, dass es an der Brille lag.« »An der Brille?« »Er hatte eine neue Brille. Noch dicker.« »Hat er sich an dein Bett gesetzt, um mit dir zu reden?« »Ja, er hat gesagt, wir müssten umziehen, und es wäre besser, wenn ich währenddessen schlafen würde. Das Letzte, woran ich mich erinnere, war die Spritze, mit der er ankam. Dann bin ich in einem anderen Bett aufgewacht. Mit einem Tropf.« »Wo stand das Bett?« »Ich weiß es nicht. Aber Hagar war dabei, ich glaube, Carsten hat verstanden, dass ich ohne sie gestorben wäre.« »Hagar?« Aisha hielt den alten Teddy hoch. »Hallo, Hagar«, sagte Berger ein wenig steif. »Hagar grüßt zurück. Aber sie fragt sich, wer Sie sind.« Berger lachte. »Das frage ich mich auch. Was ist noch in dem neuen Bett passiert? Hast du weitergeschlafen?« »Er hat mich nicht mehr aufstehen lassen«, erzählte Aisha. »Ich habe fast die ganze Zeit geschlafen. Aber es war einsam, keine Menschen in der Nähe. So unglaublich still, wie es nur auf dem Land sein kann. Als Kind war ich ein paarmal auf dem Land, beim alten Onkel meiner Mutter, da war es auch so still. Keine verdammten Hochhäuser. Ich habe manchmal aus dem Fenster geschaut und nichts als Wasser gesehen. Es war fast die ganze Zeit kalt, und ich habe gedacht, das Wasser würde gefrieren. Aber das ist nie passiert. Ich möchte meine Mutter sehen.« Berger sah Blom an, sie nickte kurz. »Wir sind schon fast auf dem Weg zu deiner Mutter. Wir müssen sie nur noch finden. Wo du sowieso gerade über die Vergangenheit redest: Kannst du deine Kindheit beschreiben?« Aisha starrte sie an. Nach einer Weile sagte sie: »Meine Kindheit war gut. Im Zentrum von Helenelund. Im Stupvägen.« Molly Blom lächelte. »Ich weiß. Glaubst du uns, dass sowohl Sam als auch ich ebenfalls in Helenelund aufgewachsen sind?« »Nee, echt jetzt?«, rief Aisha Pachachi. »Wo denn genau?« »Wir sind beide in die Helenelund-Schule gegangen«, sagte Blom. »Sam war sogar in meiner Klasse.« »Ich bin in einem kleinen Haus im Tallvägen aufgewachsen«, erzählte Berger. »Und du, Molly?« Infam. Niederträchtig. Doch Blom bedachte ihn nur mit einem herablassenden Blick. »Edsviken«, sagte sie nur. »Shit«, entgegnete Aisha. »Die Villenkids. Die reichen Weißen.« »Das stimmt schon«, erwiderte Blom ruhig. »Aber ich hatte viele Freunde im Pilvägen und im Stupvägen. Und deine Freunde, Aisha?« »Ich hab total viele«, antwortete Aisha und wippte auf dem Sofa auf und ab. »Ich frage mich, wo die geblieben sind.« »Du wirst eine Heldin sein, wenn du zurückkommst«, sagte Blom. »Die Zeitungen werden über dich schreiben. Deine alten Freunde werden sich um dich scharen. Niemand hat dich vergessen, Aisha, das verspreche ich dir.« »Na, hoffentlich. Ich hab Rakel und Nabila so krass vermisst. Und Jonna auch. Und Millan.« »Es muss toll sein, so viele Freunde zu haben«, meinte Blom in einem Ton, der echten Enthusiasmus verriet. »Hatte deine Familie auch so einen großen Freundeskreis? Habt ihr häufig Freunde oder Verwandte deiner Eltern besucht?« »Nicht besonders oft«, sagte Aisha. »Aber es kamen ziemlich viele zu uns. Vor allem Männer, die allein waren. Weder Yazid noch ich sollten ihnen begegnen. Ihre Besuche waren geheim. Sie setzten sich mit unserem Vater in die Küche und redeten.« »Aber ihr seid selten mit der ganzen Familie weggefahren?« »Eigentlich nie. Und wenn, dann waren wir unheimlich vorsichtig. Ich wollte gern meine Cousins und Cousinen treffen, aber meine Eltern sagten, das wäre zu kompliziert. Trotzdem haben wir es ein paarmal gemacht. Und Onkel Salem haben wir natürlich auch besucht. Auf dem Land, aber das war noch schwieriger.« »Erzähl mal ein bisschen mehr über deine Cousins und Cousinen.« »Die wohnen in Alby. Eigentlich sind wir gar nicht verwandt. Bevor meine Eltern nach Helenelund gezogen sind, als Yazid fast noch ein Baby war, haben sie auch in Alby gewohnt. Mein Vater hat in einer Pizzeria gejobbt, bei einem Mann, der Mukhtar hieß, sie waren wie Brüder. Mukhtar hatte viele Kinder, und wir nannten sie Cousins und Cousinen, obwohl sie es gar nicht waren. Aber wir durften sie nicht so oft sehen, wie Yazid und ich das gern gewollt hätten.« »Erinnerst du dich, wo genau in Alby das war?« Berger ließ sein Handy auf dem Tisch liegen und stand auf. Er ging zum Computer, um nach Mukhtar, Pizzeria, Alby zu suchen. »Irgendein Hochhaus«, antwortete Aisha. »Sie hatten einen großen Balkon, ich glaube, im obersten Stockwerk. Man hat auf den See gekuckt.« Berger deutete mit dem Kopf auf den Computer und klickte einen Treffer an. »Was hatte dein Vater für eine Beziehung zu Mukhtar?«, fragte Blom. »War sie genauso geheim wie zu den Männern, die euch besucht haben?« Aisha dachte nach. »Also, im Grunde war nur der Weg zu ihm geheim. Wir parkten immer ein ganzes Stück entfernt. Aber mein Vater und Mukhtar waren mehr als nur Kumpels, glaube ich. Das war ziemlich cool, aber auch ein bisschen komisch, weil es so anders als mit all den anderen Männern war. Mukhtar machte wahnsinnig gutes Essen, wie ein echter Pizzabäcker, ganz anders als mein Vater. Er kann überhaupt nicht gut kochen.« »Weißt du, was dein Vater gearbeitet hat?« »Irgendwas mit Daten. Er hat ja von zu Hause aus gearbeitet, aber er hatte eine eigene Firma.« Berger klickte weiter. In einer Lokalchronik über Alby hatte er wirklich einen Pizzeria-Inhaber namens Mukhtar Nadhim gefunden. Der hatte das Lokal allerdings vor vier Jahren verkauft, und seither fehlte jede Spur von ihm. Das schien vielversprechend zu sein. Noch dazu ließ sich herausfinden, wo Mukhtar Nadhims Familie gewohnt hatte. Berger öffnete ein Satellitenbild und zoomte den Ort heran. Der Balkon war tatsächlich riesig, und man konnte von dort aus bis zum Albysjön sehen. Er fand den aktuellen Wohnungsbesitzer, einen Amjad Sulaka, der zwei verschiedene Telefonnummern hatte. Rein theoretisch konnte Amjad Sulaka doch Ali Pachachi sein, der wiederum ein Professor aus Bagdad war. Oder er war vielleicht einer von Steens Männern, der das Ehepaar Pachachi bei sich versteckte. Jedenfalls war es logisch, dass Steen beschlossen hatte, Pachachi so weit wie möglich von den üblichen Safehouses der Säpo unterzubringen. Es war zweifelsohne besser, einen Ort aus der Vergangenheit zu wählen, der niemals auf einem internen Papier festgehalten worden war. Berger holte das alte Satellitentelefon hervor und verschwand damit im Schlafzimmer. Blom fragte Aisha: »Wie fühlst du dich?« »Ich bin frei«, antwortete sie. »Das ist gut.« Berger kam zurück und schüttelte den Kopf. »Ich habe gerade mit einem Amjad Sulaka in Alby gesprochen. Er wohnt in Mukhtars alter Wohnung in Alby und klingt mir leider nach einem Berufskriminellen der übelsten Sorte. Drogenhandel, Gewaltdelikte.« »An sich ja ein guter Deckmantel«, meinte Blom. »Passt aber trotzdem nicht, oder?« Blom verzog das Gesicht, schien sich an etwas zu erinnern und sagte: »Aber hattest du nicht noch etwas erzählt, Aisha? Von einem Onkel auf dem Land?« »Ja, Onkel Salem.« »Und du hast gesagt, es wäre kompliziert gewesen, ihn zu besuchen. Inwiefern?« »Er hat einfach so ungünstig gewohnt, in einem kleinen Haus weit draußen. Wir hatten einen bestimmten Weg dorthin. Aber wir waren nur ein paarmal da.« »Weißt du, wo das war?« »Ich versuche daraufzukommen. Er war aus einem Hochhausgebiet in der Nähe weggezogen und so froh über sein neues Haus. Und er war ein echter Onkel, also der Onkel meiner Mutter, aber schon steinalt. Bei ihm gab es Familienfotos mit meiner Mutter, als Kind im Irak. Und mit Hagar. Ich habe Hagar von meiner Mutter geerbt. Sie war ein total süßes Kind.« »Hagar?« »Mein Teddy! Was ist denn mit Ihnen los?« »Also, deine Mutter«, schaltete sich Blom wieder ein, mit einer Grimasse, die Berger wiederzuerkennen glaubte, »deine Mutter war also ein total süßes Kind. Und das weißt du, weil du zu Hause bei dem alten Onkel deiner Mutter ein Foto von ihr gesehen hast?« »Bei Salem, genau«, antwortete Aisha leicht schmollend. »Wie heißt er weiter?« »Ich weiß es nicht, das war wahnsinnig geheim. Und Onkel Salem war ziemlich seltsam. In Alby war es viel lustiger.« »In Alby war es lustiger als in …?« »Ich versuche mich doch zu erinnern!« »Reg dich nicht auf«, beruhigte sie Blom. »Wir haben Zeit.« »Sunnersta«, antwortete Aisha plötzlich. Berger und Blom sahen sich an. Nach einer Weile schüttelten beide den Kopf. Berger seufzte kurz und stand auf, um wieder zum Computer zu gehen. Doch er wurde von Aisha aufgehalten, als sie sagte: »Ich glaube, ich würde von dem Hochhausgebiet aus hinfinden.« »Perfekt«, meinte Blom und streichelte ihr die Hand. »Erinnerst du dich noch, wie das Hochhausgebiet hieß?« »Ich glaube schon«, antwortete Aisha. »Obwohl, nicht so ganz.« »Doch, du hast es gleich, Aisha.« Das Mädchen kniff die Augen zusammen. Nach einer Weile glättete sich ihr verkniffenes Gesicht. »Gottsunda«, rief sie. Wieder wechselten Berger und Blom einen Blick. Aber diesmal war es ein anderer. »Gottsunda«, sinnierte Blom. »Du meinst in …« »Ja«, sagte Aisha. »In Uppsala.« 31 Sonntag, 6. Dezember, 15:12 Diese besondere Ruhe. Das selbstverständliche Warten. Die Überzeugung. Er hatte den Weg nicht gefunden. Deshalb hatte er sie einfach arbeiten lassen. Sie waren besser als er. Besser, nicht schlauer. Besser in genau diesem Bereich. Der Stillstand des blinkenden roten Punkts auf dem Bildschirm. Keine Bewegung, seit sie angekommen waren. Auf der kleinen Insel. Es war eine klassische Strategie. Schwäche vortäuschen. So tun, als hätte man verloren. Der Selbstgefälligkeit und Selbstüberschätzung Vorschub geben. Eine falsche Sicherheit vortäuschen. Und dann warten. Warten, bis sich der rote Punkt bewegen würde. Carsten saß in einem anonymen Hotelzimmer, dort, wo sich zwei Europastraßen kreuzten. Und wartete. Wie er es so viele, sinnlose Jahre über getan hatte. Das Gute hatte er bereits erlebt, aber er hatte es nicht festhalten können. Es war ihm entronnen. Nicht es, sondern sie. ♀. Youth is wasted on the young. Eine schnelle Scheidung, dann pure Leere, schließlich ein reifer Mann, der ihn auf seiner Wüstenwanderung aufhielt und seine Ziellosigkeit erkannte. Ein Mann, der das ganze Land zu durchforsten schien und mit der Präzision eines Radars Talente entdeckte, die zuvor orientierungslos umhergetrieben waren. Eines dieser Talente hatte er im Ex-Mann seiner Adoptivtochter erkannt. August Steen, der Adoptivvater seiner Ex-Frau, der ihm kein bisschen nahestand. Noch ein Ereignis, das ihm wie ein Gedanke erschien. Steen, der ihn ins kalte Wasser warf, ohne Vorwarnung, in eine Welt, wo von ihm erwartet wurde, dass er kletterte, sich durch etwas hindurchzwängte, etwas öffnete, was sich nicht öffnen ließ. Aber das war nur ein Teil seiner Aufgabe. Ein unerheblicher Teil. Carsten wurde Informant, er wurde in einen widerlichen Sumpf der Zwangsprostitution hineingeworfen und war für die Sexsklavinnen zuständig, die – direkt vor unseren Nasen, in der humanitären Großmacht Schweden – ausgebeutet, ausgelaugt und ausrangiert wurden. So hatte es die albanische Mafia tatsächlich genannt. Ausrangiert. Er sah so viel Leid, so viel Tod. Ihm wurde das letzte bisschen Glauben an die Menschheit geraubt, jeder Schatten von Hoffnung, und er versuchte, die entstandene Leere mit Drogen zu bekämpfen. Die Albaner wurden zu milden schwedischen Haftstrafen verurteilt und waren schon wieder im Geschäft, ein ewiger Kreislauf, der kaum zu durchbrechen war. Seine Erinnerungen an den Entzug. Dieser ziehende Schmerz. Der Wille zu sterben. Die Reise. Wie die Leere anderweitig ausgefüllt wurde, jedenfalls gut genug, um weiterleben zu können. Von Andalusien, von seinen treuen Bienen. Und von August Steen, der ihn erneut unter seine Fittiche nahm. Jahre der Treue, der echten Treue zu Steen, dem Vorbild, dem Retter in der Not. Er fragte sich, wo Steen abgeblieben war. Warum suchte er nicht intensiver nach ihm? Carsten hätte doch wenigstens irgendeine Spur von ihm entdecken müssen. Jahre der Pflichterfüllung. Die Weiterbildung zum Thema extreme Gewalt. Auch das eine notwendige Kompetenz für eine humanitäre Großmacht. Der Arbeitsalltag war nicht grau, aber homogen. Carsten lebte vielleicht nicht unbedingt, aber er war ein Profi, eine physisch perfekte Schale um die Einsicht herum, dass das Leben bereits an ihm vorbeigezogen war. Er hatte seine Chance gehabt und vertan. Aber die Schale überlebte, und er stieg innerhalb der Säpo auf. Seine Karriere war das Einzige, was er noch hatte, als die Nachricht kam. Steen ließ ihn weiterarbeiten, obwohl sich der Verlauf seiner Augenkrankheit nicht leugnen ließ. Er erhielt die Ausnahmegenehmigung, im Dienst eine dicke Brille zu tragen. Und dann kam das Angebot, dem er nicht widerstehen konnte. Se vende. Die Villa oberhalb der Bienenstöcke. Die Villa mit der großen Terrasse. Die Überwachung von ♂ und ♀ im Inland. Der Ekel, als er die Nähe zwischen den beiden sah. Der Verrat. Eine Ehe nach nur drei Monaten aufzugeben. Die Möglichkeit, die sich plötzlich ergab. ♀ würde zu seinen Augen werden. Und ♂ musste sterben. Gleichzeitig zu lieben und zu hassen – wie war das überhaupt möglich? Teil von etwas sein zu wollen, darin aufzugehen und es trotzdem verletzen zu wollen. Vergiften. Wie krank musste man sein, um solche zwiespältigen Gefühle in sich zu vereinen? Plötzlich passierte etwas, das seine finsteren Grübeleien unterbrach und ihn wieder auf dem Hotelfußboden erdete. Der rote Punkt auf dem Bildschirm bewegte sich langsam, aber sicher. Carsten grinste selbstgewiss. Er hatte alles vorausgesehen. Jetzt konnte unmöglich noch etwas Unerwartetes geschehen. Alles würde genau so ablaufen, wie er es geplant hatte. Es gab kein dark horse. Alles war vorherbestimmt. Vermutlich hatte er einen Namen, aber den hatte sie nie gesagt. Sie hatte ja ohnehin kaum geredet. Aber er hieß bestimmt irgendwie. Dieser zerschlissene Teddy. 32 Sonntag, 6. Dezember, 17:02 Sie waren noch nicht weit gekommen, als sich die Wetterlage änderte. Schon während der Bootsfahrt gen Norden nach Nynäshamn war die milde Schärensonne verschwunden, und kaum hatten sie zwanzig oder dreißig Kilometer in dem alten Volvo zurückgelegt, hatte der Schneeregen wieder eingesetzt. In diesem Mistwetter mussten sie sich durch den zäh fließenden Sonntagsverkehr in der Hauptstadt kämpfen, ehe sie auf die E4 in Richtung Uppsala fuhren. Auf Höhe des Flughafens Arlanda änderte sich die Wetterlage plötzlich. Hier herrschten minus vier Grad, der Schnee lag dicht und weiß am Wegrand, und jedes Gewässer, an dem sie vorbeifuhren, war von einer dicken Eisschicht bedeckt. Nach Arlanda ließ der Verkehr nach, und sie konnten wieder an Wichtigeres denken. Berger fuhr, Blom saß mit Aisha auf der Rückbank. Wie immer hatte die ihren zerschlissenen Teddy Hagar dabei. »Wir fahren also erst nach Gottsunda?«, fragte Berger. »Und du glaubst, von da aus findest du den Weg?« »Habe ich doch gesagt«, antwortete Aisha Pachachi. »Es ist aber schon so lange her. Und draußen ist es dunkel.« »Damals war es draußen auch dunkel.« Berger verstummte. Der Schnee fiel in großen, schwebenden Flocken, die im Licht der Scheinwerfer tanzten, ehe sie von der Dunkelheit verschluckt wurden. Nach einer Weile sahen sie endlich in der Ferne die Lichter von Uppsala. Sie steuerten auf die größte Stadt der Provinz Uppland zu. Eine Umgehungsstraße führte sie südlich um den Ortskern herum, dann über Välsätra nach Gottsunda, einem der sogenannten Problemviertel, ein rechtsfreier Raum mit einer überdurchschnittlich hohen Kriminalitätsrate, Bandenkriegen, Schießereien und religiösem Fanatismus. Doch jetzt ging es nicht um die Gegenwart. Dies war eine Reise in die Vergangenheit, zu den Kindheitserinnerungen von Aisha Pachachi. Sie fand sich erstaunlich problemlos zurecht. Es schien fast so, als hätten sie die schrecklichen Jahre in der Gefangenschaft näher an ihre Kindheit herangeführt, als wäre die Vergangenheit das Einzige, woran sie sich festhalten konnte. Souverän lotste sie Berger durch das Zentrum der Satellitenstadt. Gruppen von jungen Männern liefen in viel zu dicken Jacken herum, die durch keinen Schneefall der Welt zu rechtfertigen waren. Schließlich sagte Aisha: »Ab hier geht es los.« Sie zeigte auf eine etwas größere Straße, die geradewegs nach Süden führte, fort von den Hochhäusern und hin zu einem Viertel mit Einfamilienhäusern. Nach einer Weile verkündete ein Schild, dass sie die Grenze nach Sunnersta überquert hatten. Aisha zögerte zwar an der einen oder anderen Kreuzung, erinnerte sich jedoch immer wieder an den Weg. Auf einem Straßenabschnitt, wo sich die Abstände zwischen den Häusern vergrößerten und keine Laternen standen, bat sie Berger anzuhalten. »Hier haben wir immer geparkt.« Sie machten es genauso. Berger und Blom rückten ihre Waffen zurecht und eilten Aisha nach durch ihre schneebedeckte Kindheitslandschaft. Sie hofften, dass in der Zwischenzeit nicht zu viele neue Häuser in der näheren Umgebung erbaut worden waren und Aisha die Landschaft ihrer Kindheit wiedererkennen würde. Sie fand einen winzigen Seitenweg, der zwischen den Häusern hindurchführte, hinein in ein Labyrinth kleiner Sträßchen. Als die Bebauung spärlicher wurde, erkannte Berger aus der Ferne die alte Brücke über den Fyrisån wieder, ehe der legendäre Fluss in den See Ekoln mündete. Noch immer wirbelten große Schneeflocken um sie herum. Schließlich blieb Aisha zum ersten Mal stehen und sah sich um. »Genau«, sagte sie und zeigte auf den kleinsten der kreuzenden Wege. »Da oben ist es. Am Waldrand.« Es war keine nennenswerte Anhöhe und auch kein großes Haus. Obendrein lag es im Dunkeln. Kein Mond, keine Sterne leuchteten ihnen den Weg, und Straßenlaternen gab es schon seit fünfzig Metern nicht mehr. Sie näherten sich langsam. Das kleine Haus stand dort wie ins Gehölz verpackt, und der unberührte Schnee schien es noch weiter in die Unsichtbarkeit zu drängen. Auch vor der Garage war nicht geräumt, es gab keinerlei Anzeichen von menschlichem Leben. Nicht einmal eine Lampe leuchtete in den Fenstern. Alles ruhte in einer undurchdringlichen Dunkelheit. Berger legte die Hand auf die Klinke der Eingangspforte im Zaun und drückte sie herunter. Vermutlich liefen sie jetzt gerade über einen Kiesweg, aber bei all dem Schnee war das nicht zu erkennen. Jede Hoffnung, keine Spuren zu hinterlassen, war vergebens. Der Weg ging bald in eine Treppe über, die den Hang weiter hinaufführte. Sie war glatt, und Aisha rutschte aus, verlor ihren Teddy und schrie auf. Ein kurzer Schrei nur, aber dennoch laut genug, dass er im Haus zu hören gewesen sein musste. Wenn denn tatsächlich jemand dort drinnen auf sie wartete. Berger eilte auf das Haus zu, doch plötzlich veränderte sich das Geräusch seiner hastigen Schritte. Sie klangen jetzt einsam. Er wartete auf Aisha und Blom, die ein Stück zurücklagen. Berger erreichte als Erster das Haus. Er nahm die Treppe hinauf zur Veranda, blieb vor der Haustür stehen, spähte durch den Schlitz neben dem Schloss und sah den Schließmechanismus. Er gab Blom ein Zeichen, und sie schob Aisha behutsam zur Seite, zog ihre Waffe und entsicherte sie. Berger holte seinen Dietrich hervor, führte ihn so leise wie möglich ins Schloss, tastete nach unsichtbaren Zacken und Haken, bis der Dietrich etwas zu fassen bekam und es leise klickte, als er einrastete. Dann holte auch er seine Pistole hervor. Und der Schnee fiel atemlos durch das All. Berger und Blom formierten sich neben der Tür, in Deckung. Aisha hielten sie auf Abstand. Dann öffnete Berger vorsichtig die Tür. Danach ging alles ganz schnell. Und gleichzeitig so merkwürdig langsam. Das Erste, was sie in der Dunkelheit des Hauses sahen, waren die Konturen zweier Gestalten. Im nächsten Moment begriffen sie, dass sie direkt in die überdimensionale Mündung einer Schrotflinte blickten. Der Knall war ohrenbetäubend. Berger sah, wie die Flinte emporgeschleudert wurde, wie von einem heftigen Rückstoß erfasst, doch dann flog sie weiter zur Decke hinauf. Aus dem Augenwinkel nahm Berger eine kleine Rauchwolke vor der Mündung von Molly Bloms Pistole wahr. Erst stießen die beiden Gestalten einen Klagelaut aus, der sofort in Jubel umschlug, und dann konnte Berger durch das Pfeifen in seinen Ohren nach dem Schuss eine Frauenstimme heraushören, die ausrief: »Aisha! Meine Aisha!« Aisha Pachachi zwängte sich zwischen Berger und Blom hindurch und stürmte auf das Paar zu, das im Wohnzimmer stand. Aisha warf sich ihnen entgegen, und ihre mageren Strichmännchenkonturen wurden von der Frau fest in die Arme geschlossen. Der Mann schaute verstohlen auf seine geschwollene Hand und musterte dann Berger und Blom. Heiserer als sonst stammelte Berger: »Ali Pachachi?« Der Mann musterte ihn kritisch, ehe er entschied, dass die Lage trotz allem unter Kontrolle war und er sich seiner Frau und seiner Tochter zuwenden konnte. Ihm rannen die Tränen über die Wangen, während er sein Kind umarmte. Berger tat einige Schritte vorwärts und warf einen anerkennenden Blick zu Blom, die wiederum erstaunt ihre Pistole betrachtete. Ein Moment der Stille entstand und wurde erst von dem schleifenden Geräusch der Haustür unterbrochen, die sie nicht geschlossen hatten. Hastig drehte sich Berger um. Im Eingang stand ein Mann, eine hochgewachsene, dunkle Silhouette, und richtete eindeutig eine großkalibrige Waffe auf sie. »Die Pistolen auf den Boden, bitte!«, befahl Carsten sanft und schob seine dicke Brille auf der Nase hoch. Sie hatten keine andere Wahl. Berger und Blom gehorchten, und als ihre Waffen auf dem Boden aufkamen, klang das zweifache Klirren wie eine sinnlose Todesmelodie. Carsten zog die Tür hinter sich zu, und ohne für eine Sekunde die Waffe zu senken, sagte er: »Ich danke den Herrschaften, dass Sie mich hierhergeführt haben. Ohne euch hätte ich sie nie gefunden. Und ohne den Teddy.« Er grinste breit. »Den Teddy?«, rief Berger aus, weil ihm nichts Besseres einfiel. »Elektrisches Tag«, erwiderte Carsten desinteressiert und dirigierte Berger und Blom mit der Waffe zum anderen Ende des Zimmers. Sie gingen seitwärts, ohne den Blick von seiner Pistole abzuwenden. Carsten selbst machte einen Schritt auf die Pachachis zu. Er schickte die Frauen in die Mitte des Raums, Aisha umklammerte immer noch schützend ihren Teddy. Tahera Pachachi schluchzte ununterbrochen. Carsten bedeutete ihr zu schweigen und beugte sich dann über Ali Pachachi. Er flüsterte ein paar Worte und bekam einige geflüsterte Antworten, der leise Wortwechsel dauerte ein, zwei Minuten. Anschließend nickte Carsten und zog sich langsam in Richtung Haustür zurück. Wieder dirigierte er sie mit der Waffe und trieb die Gruppe zusammen, fünf aneinandergedrängte Personen. Berger sah, dass Carsten Mollys Blick suchte. In jungen Jahren waren sie einmal verheiratet gewesen. Verliebt. Und aus seinem Blick sprach ganz deutlich, dass sich seinerseits nichts daran geändert hatte. Hinter seinen dicken Brillengläsern brannte unverkennbar das Licht der Liebe. Und ebenso unverkennbar der Hass. Zwar hatte er versucht, Molly allein wiederzusehen, doch dann hatte ziemlich viel anderer Mistkram seine Pläne gekreuzt. Mistkram wie Berger. »Na dann, meine Freunde« sagte Carsten jetzt leise. »Zeit zu sterben.« Berger hörte um sich herum Geschrei und Geschluchze. Als ob das helfen würde. Er hingegen wusste, dass man nichts tun konnte. Wenn er in einem Flugzeug saß, stellte Sam Berger sich oft vor, wie er bei einem Absturz reagieren würde. Würde er von Panik ergriffen werden oder stattdessen ruhig das Unvermeidliche akzeptieren und versuchen, seine Gedanken zu sammeln? Sich auf etwas konzentrieren, das in seinem Leben wichtig gewesen war? Jetzt schloss er die Augen, sah seine Zwillinge vor sich, Marcus und Oscar, und fühlte sich bereit. Bereit zu sterben. Doch als der erste Schuss ertönte, klang er merkwürdig dumpf. Berger war klar, dass er der Erste sein würde, er stand ganz oben auf Carstens Todesliste. Mit einer paradoxen Neugier fragte er sich, wo ihn die Kugel getroffen hatte. Der zweite Schuss war umso lauter und holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Aber er wollte die Augen nicht öffnen, aus Furcht vor dem Anblick toter Körper um sich herum. Er hatte Molly wirklich retten wollen. Er hatte ihr gemeinsames Kind retten wollen. Aber er war unfähig. Zu schwach, zu dumm. Zu machtlos. Als er doch die Augen öffnete, sah er Carstens Pistole durch den Raum fliegen. Er sah Carsten, der sich knurrend an den Oberschenkel fasste. Seine helle Hose färbte sich allmählich rot. Carsten stürzte zu der offenen Haustür, zwängte sich an der kleinen Gestalt vorbei, die plötzlich dort stand, und zischte: »Dark horse.« Die Frau hatte ihn mit ihrem Pistolenlauf weiter im Visier, ohne jedoch einen dritten Schuss abzufeuern. Dann drehte sie sich wieder um, und Berger schaute direkt in zwei weit aufgerissene Rehaugen. Er begegnete Deers erschrockenem Blick und erstarrte. Es kam ihm so vor, als würde sich das Leben aufhängen wie ein Computer. Er erkannte dieses Gefühl aus dem Inland wieder. Wie er einfach nicht mehr funktionierte. Er spürte, wie heftig er zitterte, und dachte an Schlagworte wie posttraumatische Psychose und akute reaktive Psychose. Allerdings im Zeitlupentempo. Die Todesnähe riss immer eine Lücke in die Zeit, das wusste er, und ein kleiner Teil von ihm flehte: Jetzt bloß keine Panikattacke. Nicht jetzt. Aber er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Mühsam gelang es ihm, seinen Kopf zu Molly zu drehen. Doch als er sah, dass sie sich ungefähr in demselben Zustand befand wie er, war er gezwungen, sich selbst zu überwinden. Überwinden, dachte er langsam. Mich selbst, dachte er ein klein wenig schneller. Allmählich kamen die Geräusche wieder zurück. Aisha und Tahera Pachachi weinten, Ali Pachachi stöhnte, Molly Blom war still, wie betäubt. Nur eine Person sprach. Von der Tür aus sagte Deer leise und verwundert: »Ich habe auf ihn geschossen.« Berger betrachtete seine zitternde Hand, während er sich herabbeugte und seine Waffe hervorangelte. Kurz hielt er an der Tür inne und strich Deer über die Wange, dann lief er in den Winter hinaus, um die Verfolgung aufzunehmen. Es schneite noch immer, die Flocken wirbelten, tanzten und schienen zu singen. Carsten war nirgends zu sehen, aber Berger entdeckte eine erste Spur unten am Zaun, eine rote Spur. Sie wurde nach und nach breiter, und er hatte keine Probleme, der blutigen Fährte im Schnee zu folgen. Normalerweise müsste Carsten durch die Schussverletzung im Oberschenkel eingeschränkt sein, normalerweise müsste Berger ihn schnell einholen können. Aber »normalerweise« war momentan kein Zustand mehr, mit dem man rechnen konnte. Nach einer viel zu langen Zeit erreichte er endlich die Straße. Auch dort waren die roten Flecken unübersehbar. Mit der Waffe im Anschlag stolperte Berger im Schneegestöber voran. Trotz der Schüsse, die in diesem idyllischen Wohngebiet abgefeuert worden waren, wirkte Sunnersta seltsam schläfrig und verlassen. Kein Mensch weit und breit, vor allem nicht Carsten. An der Mündung des Fyrisån musste Berger wieder stehen bleiben. Er zitterte heftig am ganzen Körper. Doch er biss die Zähne zusammen, immerhin war er verdammt noch mal ein Profi. Direkt dort, wo der Fyrisån in den See Ekoln mündete, blubberte es leicht im Wasser. Dahinter hatte sich eine zunehmend dickere Eisschicht gebildet. Und dort, wo Berger in der Ferne die alte Flottsundsbron ausmachen konnte, hatte sich auch der Schnee auf das Eis gelegt. Er kam der Blutspur immer näher und wankte weiter am Flussufer entlang, aber nirgends, wirklich nirgends, konnte er auch nur einen Schatten von Carsten entdecken. Schließlich begriff er, dass die Blutspur zur Brücke führte. Er nahm einen Weg, der zur Flussmündung führte, aber glatt und rutschig war. Berger musste sich zunehmend konzentrieren, um nicht hinzufallen, dabei hätte er eigentlich rennen sollen. Endlich hatte er die Brücke erreicht, auf die eine sichtbare Blutspur hinaufführte. Deutlich und frisch – Carsten Boylans verkommener Körper musste nun unter akutem Blutverlust leiden. Berger folgte der Spur auf die Brücke und eilte weiter durch die einsame Winternacht. Doch dann war das Blut plötzlich verschwunden. Die Spur endete einfach. Berger irrte eine Weile über die Brücke, die Pistole stets schussbereit. Doch er dachte etwas zu träge. Wo die Blutspur aufhörte, war ein letzter Blutfleck zu sehen. Auf dem Brückengeländer. Berger beugte sich über das Geländer, spähte über den Rand und richtete seinen verzögerten Blick fünf Meter in die Tiefe auf das schneebedeckte Eis des Fyrisån. Direkt unterhalb des Blutflecks auf dem Geländer befand sich ein dunkles Loch im Eis. Berger atmete schwer und starrte in das Loch, durch das Carsten im eiskalten Flusswasser verschwunden und unter das Eis gesogen worden war. Es dauerte ziemlich lange, bis Sam Berger begriff, dass der merkwürdige Laut, der durch das Schneegestöber und die Winterdunkelheit drang, sein eigenes Schluchzen war. 33 Sonntag, 6. Dezember, 17:57 Zu seiner eigenen Verwunderung fand Berger, dass die Szene, die sich ihm bei seiner Ankunft bot, an eine Weihnachtskrippe erinnerte. Mitten im Wohnzimmer lag Aisha Pachachi auf dem Boden, ein Kissen unter dem Kopf. Neben ihr knieten zwei Frauen, Molly Blom hielt ihre eine Hand, die weinende Tahera Pachachi ihre andere. In einem Sessel daneben saß ein sehr blasser Ali Pachachi und starrte auf die Gruppe. Und im Türrahmen zwischen Flur und Wohnzimmer war Deer in der Hocke zusammengesunken, Gesicht und Pistole nach unten gerichtet. Berger hielt inne und ließ das Tableau auf sich wirken. Im Wohnzimmer hob Molly Blom den Kopf in seine Richtung und fragte: »Carsten?« »Tot«, sagte Berger. Blom schloss die Augen. Berger ging zur Tür und sank neben Deer auf die Knie. Nach einer Weile hob sie den Blick und sah ihn an. Zu seiner Schande musste er wieder an Rehaugen denken. »Wie zum Teufel hast du uns gefunden?«, fragte er. »Das ist eine etwas zu lange Geschichte.« »Ich bin überaus empfänglich für lange Geschichten.« Sie lachte freudlos. »Demnächst«, sagte sie. »Lass uns das demnächst klären.« Berger nickte. Er strich ihr über die Wange und erhielt ein trauriges Lächeln zur Antwort. »Dein Einsatz hat fünf Menschen das Leben gerettet, darunter auch mir«, sagte Berger. »Ich werde immer in deiner Schuld stehen, Deer. Bis an mein Lebensende.« Ihr Kopf sackte wieder nach unten. Dann zog sie etwas aus der Innentasche ihrer Jacke und streckte es ihm entgegen. Es waren zwei Umschläge von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Berger stand auf, seufzte und ging zu der Krippenszene. Heute war der zweite Advent. »Wir sollten uns beeilen«, sagte er zu Blom. »Warum ist die Polizei noch nicht da?« Blom stand von Aishas provisorischem Krankenbett auf und hob ihr Handy. »Ich habe sie aufgehalten. So haben wir ein bisschen Zeit, die ganze Sache noch einmal durchzugehen.« Berger nickte. Dann betrachtete er Aisha und fragte: »Ist alles in Ordnung mit ihr?« Blom nickte und hielt einen kleinen elektronischen Chip hoch. »Sogar der Teddy ist noch intakt«, sagte sie. »Was ist das denn?« »Soweit ich es beurteilen kann, ist das ein RFID-Tag. Radio Frequency Identification. Carsten hat uns nach Fjärdlång gelockt, um den Teddy in einen Sender zu verwandeln. Er wusste, dass Aisha ihn überallhin mitnimmt.« »Nicht uns«, sagte Berger. »Wie bitte?«, fragte Blom. »Nicht uns, sondern dich. Dich hat er nach Fjärdlång gelockt, nicht mich.« »Ich verstehe, was du meinst …« »Und heute Abend wollte Carsten uns wahrscheinlich alle umbringen, alle bis auf dich. Am liebsten hätte er dich allein angetroffen, um dich mitnehmen zu können. Aber er hätte definitiv alle Mitglieder der Familie Pachachi erschossen. Von mir ganz zu schweigen.« Blom nickte sanft. »Bist du sicher, dass er tot ist?« Berger zog eine Grimasse. »Streng genommen habe ich keine Leiche gesehen. Aber er hat stark geblutet und ist von einer Brücke hinab ins Eis gestürzt. Daraus kann sich niemand lebend retten, das verspreche ich dir, vor allem nicht bei schwerem Blutverlust.« »Eine Leiche wäre mir wirklich lieber gewesen«, erwiderte Blom beharrlich. Berger beugte sich zu ihr, umfasste ihre Oberarme, fixierte sie mit dem Blick und sagte langsam und emphatisch: »Ich schwöre, dass Carsten Boylan tot ist.« Blom schüttelte stumm den Kopf. So standen sie für einen Moment da. Zwei starke Willen im Zweikampf. Schließlich wich Berger zurück und zog zwei Briefumschläge aus der Jackentasche. Zusammen mit den beiden, die er gerade von Deer bekommen hatte, reichte er sie an Blom weiter. Sie betrachtete die Umschläge lange, dann bedachte sie Berger mit einem finsteren Blick und ging zum Wohnzimmertisch. Dort öffnete sie sie und breitete die Glückwunschkarten nebeneinander auf dem Tisch aus. Berger wandte sich Aisha und Tahera zu und hockte sich neben sie. »Du bist wieder mal unglaublich tapfer, Aisha«, sagte er. Sie lächelte zu ihm hinauf und entgegnete nur: »Ich bin zu Hause.« Die Blicke von Mutter und Tochter trafen sich. Die liebevolle Wärme zwischen den beiden versetzte Berger einen Stich. Schon lange hatte er seine Zwillinge nicht mehr so vermisst wie in diesem Moment. Er wandte sich an Ali Pachachi in dem Sessel. Auch sein blasses, zerfurchtes Gesicht strahlte. »Danke«, sagte er. Berger erwiderte: »Wir beide müssen bald ein langes Gespräch führen. Und dann werden Sie sich bei den richtigen Personen bedanken.« Während Ali Pachachi aus seinem Sessel glitt und sich wieder mit seiner Familie auf dem Boden vereinte, ging Berger zurück zum Tisch. Die Glückwunschkarten lagen der Reihe nach ausgebreitet, von der eingekreisten Eins bis zur eingekreisten Vier. Blom drehte sie nacheinander um. Richtig sortiert, stand dort jetzt: Karte Eins: »Some say the bee stings: but I say, tis the bee’s wax; for I did but seal once to a thing, and I was never mine own man since.« / »like the Andalusian girls« Karte Zwei: »Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. (Joh. 9,39)« Karte Drei: »… but I don’t know what kind of drawers he likes none I think didn’t he say yes and half the girls in Gibraltar never wore them either naked as God made them that Andalusian singing her Manola she didn’t make much secret of what she hadn’t …« Karte Vier: »I am but mad north-north-west. When the wind is southerly, I know a hawk from a handsaw.« »Ach du grüne Neune«, sagte Berger. »Wenn man es nicht besser wüsste, würde man glauben, er war komplett irre. Nicht nur in Nord-Nord-West.« »Es geht anscheinend wirklich bei allem darum, mich herzulocken«, sagte Blom. »Auch wenn ich noch nicht alle Details verstehe.« Berger wandte sich zum Flur, aber Deer hatte sich bereits herangeschlichen. Sie stand neben ihnen, blickte auf die Karten auf dem Tisch und deutete auf die zweite. »Die stand auf deinem Tisch im Krankenhaus, Molly, als du im Koma gelegen hast. Vieles deutet darauf hin, dass jemand in der Nacht zum Dienstag an der Außenwand hochgeklettert ist, das Fenster mit einem Dietrich geöffnet und den Umschlag neben dich gelegt hat.« »Carsten war früher Zirkusartist«, erklärte Blom mit einem schiefen Grinsen. »Aber was wollte er mit dem Bibelzitat sagen?«, fragte Berger. »Er war ja fast blind, das hatte bestimmt damit zu tun.« »An dieser Stelle spricht Jesus«, erklärte Deer. »Er wird die Blinden sehend machen und die Sehenden blind.« »Ich sollte zu seinen Augen werden«, sagte Blom. Sie verstummte. Deer und Berger sahen sie an. Dann nickte Berger langsam. »Das war jedoch nicht das Wichtigste«, sagte Deer. »Bedeutender ist, dass ›Joh. 9,39‹ auch die Bezeichnung eines Grundstücks auf Utö ist. In einem Haus auf diesem Grundstück stand der vierte Umschlag.« Berger musste lachen. »Was für ein Aufwand! Und wofür? Um im Fyrisån zu ertrinken?« »Auch das erinnert an Shakespeare«, sagte Blom. »Die unendliche Vergänglichkeit des Seins, die Vergeblichkeit all unserer Mühen.« »Jaja, alles ist eine verdammte Tragödie«, brummelte Berger. »Ist das da Hamlet?« Deer nickte. »Hamlet, als er den Irren spielt. Kurz vor dem endgültigen Vatermord. Das hat mir den Weg hierher gewiesen, Nord-Nord-West von Utö aus. Aber zu dieser exakten Adresse haben mich die Handydaten geführt. Jemand hat jeden zweiten Montag mit August Steen telefoniert. Und jeden Monat das Telefon gewechselt, doch diese Nummer wurde immer wieder verwendet. Ich habe die Hilfe eines Technikers von der NOA in Anspruch genommen, um das Handy zu orten. Es steckt mit aller Wahrscheinlichkeit in Ali Pachachis Hosentasche.« »Beeindruckend«, sagte Berger. »Also muss Carsten zumindest ungefähr gewusst haben, wo sich Ali Pachachi aufhielt – in Richtung Nord-Nord-West –, brauchte aber Hilfe, um die genaue Adresse zu finden.« »Und die Hilfe bekam er von uns«, murmelte Blom. »Vom Teddy Hagar. Ich verstehe aber nicht, Desiré, warum du nach August Steen gesucht hast.« »Ich habe dir schon in Sams Wohnung gesagt, dass ich nach Sam suchen will«, erwiderte Deer. »Mir war klar, dass die Säpo ihn aus irgendeinem Grund geschützt hat. Und mir blieb nur Steen, als Sams Kontakt. Dann hat sich herausgestellt, dass August Steen auch verschwunden ist. Aber ich habe noch immer eine Menge Fragen. Wer war eigentlich Carsten? Und was wollte er?« Berger und Blom wechselten einen hastigen Blick. »Das jetzt und hier zu erklären wäre zu kompliziert«, antwortete Berger. »Die kurze Version der Geschichte ist, dass Carsten ein Landesverräter war, ein Quisling, ein Spitzel innerhalb der Säpo. Er war auf der Suche nach wichtigen Informationen, um sie an eine fremde Macht zu verkaufen.« »Oh verdammt«, platzte es aus Deer heraus. »Dann war er das.« »Was?«, fragte Berger. »Irgendjemand ist letzte Nacht in August Steens Büro eingebrochen. Das muss Carsten gewesen sein.« »Woher zum Teufel weißt du das?« »Ich hatte ziemlich viel mit der Säpo zu tun in letzter Zeit. Komischerweise«, antwortete Deer. »Du hattest mit der Säpo zu tun?«, fragte Berger in scharfem Ton. »Mit wem denn?« »Jonas Andersson«, sagte Deer und schien selbst darüber erstaunt. »Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und operativer Chef der Säpo.« »Hm«, machte Blom nur, wirkte aber nicht allzu nervös deswegen. Deer betrachtete sie einen Moment. Dann wandte sie sich um und deutete auf die Karten Eins und Drei. »Und das hier?« Berger drehte die Karten ein wenig zu sich und antwortete: »Das Erste ist ein Zitat von Shakespeare und handelt von einem Vertrag, den Carsten unterschrieben hat und der ihn unfrei machte. Und ›like the Andalusian girls‹ ist ein Zitat von Joyce, das eine direkte Verbindung zwischen Mollys und Carstens Vergangenheit herstellt. Das Dritte ist auch von Joyce und hat uns indirekt zu dem Haus auf Fjärdlång geführt, wo wir Aisha gefunden haben.« »Mit einem präparierten Teddy«, sagte Deer und nickte. »Weil ihr Carsten hierherführen solltet. So weit verstehe ich alles. Aber mir fehlen noch immer viele Puzzleteile.« »Lass uns das später klären, Deer. Jetzt müssen wir erst einmal die Situation hier in den Griff kriegen.« Mit gesenkter Stimme fuhr Berger fort: »Die Familie Pachachi ist wieder vereint, das ist großartig, das ist wunderbar, aber es stellt sich die Frage, wie sicher sie sind. Wir wissen, dass es bei der Säpo viel zu viele undichte Stellen gibt, und ich glaube, wir sollten Ali so weit wie möglich von der Säpo fernhalten.« »Das Bermudadreieck«, sagte Deer. Berger stutzte, sah Deer an, schielte zu Blom hinüber und versuchte, seine Zunge im Zaum zu halten. Wie um alles in der Welt konnte Deer etwas über das Bermudadreieck beziehungsweise das Triumvirat wissen? Und inwieweit war Blom informiert? Berger hatte ihr nichts von August Steens Videos erzählt, weil er immer noch nicht wusste, ob er ihr vollkommen vertrauen konnte. Zum Glück reagierte sie nicht auf das Stichwort »Bermudadreieck«. Allerdings war sie ja auch eine gute Schauspielerin. Berger beschloss, die Aufmerksamkeit ein wenig von dem Wort abzulenken, und fragte rasch: »Und wo ist August Steen?« Keiner antwortete. »Dann also zurück zur Ausgangsfrage«, sagte Berger. »Wenn wir der Säpo nicht trauen können, was machen wir dann mit Familie Pachachi? Es ist enorm wichtig, dass Ali mit niemandem redet und auch keine Möglichkeit dazu hat. Und meine Antwort auf diese Frage bist du, Deer.« »Ich?« »Ja, du. Du hast keinerlei offizielle Verbindung zu diesem Fall. Wenn die Pachachis vollkommen anonym bleiben sollen, musst du sie verstecken, Deer. Du musst die drei ganz einfach sofort mitnehmen und an einen sicheren Ort bringen.« Deer starrte ihn fassungslos an. Berger fuhr fort: »Irgendein entfernter Verwandter, der im Dezember nicht in sein Ferienhaus aufs Land zieht? Ein leer stehendes Haus, das schon lange auf einen neuen Käufer wartet? Es darf nur keinerlei Verbindung zur NOA bestehen, das Versteck muss rein privat sein.« »Aber ich …«, stotterte Deer. »Denk drüber nach«, sagte Berger. »Und bring die Mutter und die Tochter schon mal in den Flur, wir helfen dir. Denn jetzt müssen wir allein mit dem Vater sprechen.« Als sie Aisha Pachachi in den Flur tragen wollten, stand sie aus eigener Kraft auf und stapfte entschlossen aus dem Wohnzimmer. Ohne Zweifel würde sie das alles außerordentlich gut verkraften. Berger und Blom gingen zu Ali Pachachi, der sich wieder auf seinem Sessel niedergelassen hatte. Auf dem Weg zu ihm vibrierte Bergers Handy. Er blieb stehen und zog es aus der Tasche. Eine E-Mail war eingetroffen. Mit einem Dateianhang. Ein Video. Von August Steen. Berger war gezwungen, die Fassung zu wahren und es vorerst nicht zu öffnen. Blom sah ihn fragend an, doch er schüttelte nur den Kopf. Am liebsten hätte Berger allein mit Ali Pachachi gesprochen, unter vier Augen, doch er fand keinen einleuchtenden Grund dafür, den Blom ihm abgekauft hätte. Sie wollte auf jeden Fall dabei sein. »Hervorragender Schuss«, war das Erste, was Pachachi sagte. Blom starrte ihn verblüfft an und brachte ein »Danke« hervor. »Es erfordert sehr große Geschicklichkeit, einem Mann die Schrotflinte wegzuschießen, ohne ihn dabei zu verletzen«, erklärte er. »Obwohl mir doch ein bisschen die Hand wehtut.« »Wir müssen uns über Ihr Geflüster unterhalten«, sagte Berger. »Verstehe«, entgegnete Ali Pachachi. »Carsten hat sich zu Ihnen vorgebeugt. Er hat Ihnen etwas zugeflüstert, und Sie haben etwas zurückgeflüstert. Wir müssen wissen, worum es ging«, erklärte Berger. Ali Pachachi blickte nachdenklich drein. »Ich weiß nicht, was Sie über die Hintergründe wissen«, sagte er schließlich. »Diese Hintergründe dürfen Sie uns auch gern zusammenfassen.« »Ich weiß nicht.« Pachachi zögerte. »Ich habe so lange mit der Drohung gelebt, dass meine Tochter stirbt, wenn ich auch nur das kleinste Detail verrate.« »Ihre Tochter ist jetzt bei Ihnen«, entgegnete Berger. »Sie werden an einen sicheren Ort gebracht.« Pachachi nickte. »In den letzten Jahren hat der mächtigste illegale Waffenhändlerring der Welt, der einst von dem Albaner Isli Vrapi angeführt wurde, in ganz Europa damit begonnen, riesige, moderne Waffenarsenale an den Höchstbietenden zu verkaufen. Diese Lager sind die reinsten Goldgruben, beispielsweise für den IS – eigentlich für jede Terrororganisation. Sie sind speziell auf Terroranschläge ausgerichtet und enthalten außerdem einige Prototypen neuer, revolutionärer Waffensysteme. Es gibt jede Menge Interessenten, so viel steht fest.« »Auktionen?«, fragte Blom. Berger beobachtete sie genau, als sie das sagte. Pachachi nickte. »Einige haben schon stattgefunden, eine in Irland, eine andere in Österreich, und keiner hat etwas bemerkt. Die Waffen sind bereits auf dem freien Markt, und die Bedrohungslage in diesen Ländern ist erheblich gestiegen. Es heißt, dass die dritte Auktion die bisher größte sein wird und in Schweden stattfinden soll. In Kürze.« »Was heißt in Kürze?«, fragte Berger. »Das habe ich diesem Mann zugeflüstert. Damit er meine Tochter nicht erschießt.« »Was genau haben Sie ihm zugeflüstert?« »Wo und wann die Auktion stattfindet. Und die Identität des Nachfolgers von Isli Vrapi, der ja vor einigen Jahren in Schweden verstorben ist.« »Gut«, sagte Blom mit einem tiefen Seufzer. »Dann lassen Sie mal hören.« »Kennen Sie Landsort?« »Landsort?«, rief Berger, und ein eiskalter Schauer lief ihm das Rückgrat hinunter. Deshalb hatte August Steen ihn auf dieser kleinen Insel vor Landsort postiert. Er sollte bei der Waffenauktion eine entscheidende Rolle spielen. Ali Pachachi erzählte weiter. »Formal heißt die Insel gar nicht Landsort, sondern nur der Leuchtturm. Aber man ist immer mehr dazu übergegangen, auch die Insel so zu nennen, die eigentlich Öja heißt. Dort findet die Auktion statt. Mithilfe von Strohmännern hat die Waffenorganisation dafür gesorgt, übermorgen, am 8. Dezember, die ganze Insel zu räumen. Im Süden gibt es eine Jugendherberge namens ›Sista Utkiken‹, wo die Versteigerung stattfinden soll. Wo das eigentliche Waffenlager liegt, weiß niemand, aber es dürfte nicht weit entfernt sein. Alle Interessenten werden vor Ort sein, derzeit sieht es so aus, als kämen mindestens drei Organisationen, allesamt Mörder und Verbrecher. Die eigentliche Auktion wird vermutlich von Profis durchgeführt, von Anwälten, aber es werden auch schwer bewaffnete Söldner da sein. Öja wird für mehrere Stunden eine militarisierte Zone sein.« Berger und Blom wechselten keinen Blick, starrten einander nur an. Sie versuchten, Worte zu finden, Fragen zu finden. »Und um wie viel Uhr soll das alles über die Bühne gehen?«, fragte Berger schließlich. »Die Auktion beginnt übermorgen um Punkt 13 Uhr«, antwortete Pachachi. »Im besten Fall ist es eine ziemlich geordnete Veranstaltung. Im schlimmsten Fall … etwas ganz anderes …« »Der IS auf Landsort?«, fragte jetzt Blom. »Im Ernst?« »Auf Öja, ja«, korrigierte Pachachi. »Und es ist sehr ernst. Hauptsächlich kommen juristische Vertreter, allerdings auch starke Leibwächterarmeen.« »Aber da war doch noch etwas, oder?«, fragte Berger und ertappte sich selbst dabei, wie er die Hand auf die Stirn legte, als könnte er seinen Gedanken auf diese Weise wiederfinden. »Noch etwas?«, fragte Pachachi. »Der Waffenhändler«, sagte Berger. »Wer ist der Waffenhändler?« Pachachi nickte. »Ach ja. Der Name, der mir zugetragen wurde, lautet Jean Babineaux.« 34 Als sich der Mann hastig auf dem Stuhl zurücklehnt, erinnert sein Bürstenschnitt an Eisenspäne auf einem Magneten. Dann setzt er seinen Monolog fort. »Ich glaube, dass ich möglicherweise, kurz bevor Carsten mich erwischt hat, einen aussagekräftigen Hinweis darauf erhalten habe, wo er Aisha versteckt haben könnte. Das Triumvirat ist gefallen, Sam. Wir sind alle im Bermudadreieck. Ich weiß nicht, wie groß der Schock für Sie sein wird. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, wie viel Zeit mir noch bleibt. Jedenfalls habe ich nicht das Gefühl, dass ich noch Zeit auf weitere Lügen verschwenden kann. Deshalb erzähle ich einfach, dass ich drei Kinder habe und vier Enkel. Sie besuchen mich oft draußen auf Möja. In der Großhändlervilla. Zumindest zwei meiner Kinder und alle Enkel. Meine jüngste Tochter ist nur selten hier, sie wurde adoptiert. Als wir in Edsviken, Sollentuna, gewohnt haben, hieß sie noch Molly Steen. In jungen Jahren heiratete sie dann unüberlegt Carsten Blom und nahm seinen Nachnamen an. Als sich die beiden schon wenige Monate später wieder scheiden ließen, wechselte er seinen Namen und wurde Carsten Boylan. Später stellte ich sie beide ein. Zwei herausragende Geheimagenten. Ich war ein guter Spion, Sam. Ich hatte auch ein Auge für neue Talente. In Ihnen habe ich das schon früh erkannt. Deshalb glaube ich auch, dass ich Sie nicht überschätze, wenn ich sage, dass Sie das alles wahrscheinlich schon wissen. Es ist Ihnen bestimmt gelungen, es herauszufinden. Vielleicht haben Sie sogar den Ort entdeckt, wo Molly und Carsten eines ihrer romantischen Stelldicheins hatten. Kurz bevor Carsten mich entführte hat, erreichten mich Hinweise darauf, dass er Aisha dorthin gebracht hat. In eine Hütte am südöstlichen Ende der Insel Fjärdlång im Schärengarten. Immer seine Gefühle verbergen zu müssen, das ist das Schlimmste an diesem Job. Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie einen Text in den Schnee geschrieben, der ein durchgestrichenes M enthielt, heute werden Sie, da Sie mehr wissen, sicher meine damaligen Gefühle verstehen. Sie haben mich dazu gebracht, dass ich mich an der Rettungsaktion im Inland beteiligt habe, und ich habe meinen besten Mann eingesetzt, nicht zuletzt, weil ich wusste, dass er eine direkte Verbindung zu Molly hatte, unserem durchgestrichenen M. Vermutlich hatte er starke Beweggründe, um Ihnen bei ihrer Rettung beizustehen. Dieser Mann war Carsten. Wie ich gehört habe, trug er tatsächlich zu ihrer Rettung bei, aber sie fiel ins Koma. Gleichzeitig kam ich darauf, dass Carsten der Spitzel in den Reihen der Säpo war. Der Quisling. Der Landesverräter. Es war fast zu krank, um wahr zu sein. Aber so ist das eben mit Familie, Sam. Ich weiß nicht, ob Molly aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht ist, ich kann es nur hoffen. Ja, sie wurde adoptiert, aber sie ist meine Tochter, Sam, und es ist Ihre verdammte Pflicht, viel besser auf sie aufzupassen, als ich es je vermocht habe. Sie trägt Ihr Kind in sich, und wenn ich in diesem Kellerloch sterbe und sie nie wieder aufwacht, gehe ich davon aus, dass Sie, Sam Berger, sich um Mollys Kind kümmern werden, um mein Enkelkind, wie um Ihre anderen Kinder. Nein, besser. Bedeutend besser, als Sie sich um Ihre Zwillinge Marcus und Oscar gekümmert haben. Der Frontmann von Isli Vrapis Waffenhändlerring ist ein französischer Anwalt namens Jean Babineaux. Ein sehr energischer und umtriebiger Wirtschaftsjurist, der ein Vermögen verdient hat, indem er für die dubiosesten Organisationen arbeitete, die man sich nur vorstellen kann. Dies bedeutet allerdings auch, dass er das Licht der Öffentlichkeit scheut. Aber wer ist Jean Babineaux eigentlich? Nach einer sehr intensiven Recherche erhielt ich einen Einblick in sein intimstes Leben, über den meine russischen Freunde hocherfreut waren. Ich konnte meine Großhändlervilla auf Möja kaufen und hätte bald in Pension gehen und mein herrlich privilegiertes Leben genießen können. Wie sich nämlich herausstellte, stammte Babineaux’ Familie aus Schweden. Er hatte eine schwedische Frau kennengelernt und war mit ihr und ihren Kindern zusammengezogen, Zwillingsjungen. Erst später wurde mir klar, dass der verlassene schwedische Partner und Vater ein schwedischer Polizist war. Es war Ihre Familie, Sam. Das war einmal Ihre Familie. Über Sie würde ich einen direkten Zugang zu Jean Babineaux’ Privatleben bekommen können. Sie waren der Samen, den ich gesät habe. Ich vermute, dass Sie mir jetzt sehr aufmerksam folgen, Sam. Die Familie Babineaux ist in Paris untergetaucht. Niemand weiß, wo sie sich aufhält. Ich werde Ihnen erzählen, wie mein Plan aussah. Aber was daraus wird, jetzt, da ich in diesem Keller sitze, steht in den Sternen. Es wird nicht möglich sein, vor der Auktion an die Familie Babineaux heranzukommen – sie ist zu gut versteckt, zu streng bewacht –, aber während der Auktion müsste es möglich sein. Jean Babineaux reist immer mit einer Entourage aus den besten Leibwächtern der Welt, erfahrene Experten, die wahrscheinlich eine Vergangenheit in der Fremdenlegion haben. Zusammengenommen sind es stets fünf, und keiner, absolut keiner, kommt ihm zu nahe. Andererseits scheinen die Auktionen selbst Veranstaltungen zu sein, die so ziemlich von allen Gefahren bereinigt sind. Allerdings hat sich meinen Quellen zufolge bei der schwedischen Auktion offenbar etwas geändert. Es wirkt so, als würde Babineaux’ Entourage in Schweden vergrößert werden, jedenfalls verglichen mit den beiden ersten Auktionen in Irland und Österreich. Sie werden nicht mehr zu fünft sein, sondern zu acht. Fünf plus drei. Denn auch der Rest der Familie Babineaux wird auf Landsort zugegen sein. Ich habe keine Ahnung, warum Jean seine Familie mitnehmen will. Vielleicht misstraut er ihnen, vielleicht will er sie unter Kontrolle haben. In jedem Fall sind es fünf plus drei. Und deshalb sitzen Sie da draußen auf Ihrer Insel, Sam. Es war geplant, dass Sie Ihre Zwillinge kontaktieren, sie zu sich locken, sie dazu bewegen, die Jugendherberge auf Landsort genau in dem Moment zu verlassen, in dem die Auktion beginnt und sie endlich allein im Haus sind. Dabei sollten Sie völlig davon überzeugt sein, dass Sie dort wären, um sie zu retten. Stattdessen würde ich vor Ort sein, vor Ihren Augen die Zwillinge entführen und Sie umbringen. Und es dann so aussehen lassen, als wären Sie in die Auktion verwickelt gewesen, als Informant, Sam. Während der Auktion sollte Babineaux die Nachricht erreichen, dass seine Familie entführt worden sei. Die Auktion wäre abgeblasen worden. Eine direkte Verhandlung mit meinen russischen Kontakten – mit dem Anwalt aus Moskau – hätte in die Wege geleitet werden können. Und ich wäre mit Ihrer Familie in Sicherheit gewesen. Die das Ganze aber selbstverständlich nicht überlebt hätte. Das war der Plan. Sie sollten mein Bauernopfer sein, Sam. Sie und Ihre Familie. Wie die Versteigerung auf Landsort jetzt ablaufen wird, ohne mich, weiß ich nicht. Ich fürchte allerdings, es könnte zu einem Blutbad kommen. Und ich bezweifle stark, dass Ihre Familie mit dem Leben davonkommt. Das sind meine Abschiedsworte an Sie, Sam. Ihre Familie ist todgeweiht. Oscar ist tot, Marcus ist tot, Freja ist tot.« Für einen Moment sieht der Mann mit dem stahlgrauen Haar geradezu kindlich vergnügt aus. Er lehnt sich auf dem Stuhl zurück und grinst auf eine Art und Weise, die in jeder anderen Situation väterlich gewirkt hätte, voll Fürsorge und Mitgefühl. Dann aber dreht er sich hastig zur Seite und wirkt, als würde er einen Augenblick aufhorchen. Schließlich zischt er: »Verdammt.« Seine Hand kommt auf die Kamera zu, das Bild wackelt, und man sieht die Decke, die Wände, den Boden. Dann fällt die Kamera aus. Und alles wird schwarz. 35 Montag, 7. Dezember, 4:44 Der Winter, der sie aus Uppsala begleitet hatte, hing noch immer über Stockholm und breitete die erste weiße Decke des Jahres über den Skogskyrkogården. In Björsta übernahm dann wieder der Regen, und als sie in Nynäshamn auf das Boot gingen, war alles wie immer. Der Sturm war rücksichtsvoll genug, um zu warten, bis sie in die Wohnung gekommen waren und sich ein Glas Barolo eingeschenkt hatten. Aber dann pfiff er wieder mit voller Kraft. Dennoch weckte Molly nicht der Sturm, sondern das Geheul. Während der gesamten Reise war Berger wie gelähmt gewesen, und Blom hatte ihn in Ruhe gelassen. Jean Babineaux. Sie konnte und wollte nichts dazu sagen. Er musste es für sich verarbeiten. Auf seine Weise. Deer hingegen war schließlich doch noch ein Unterschlupf eingefallen. Die Tante ihres Mannes Johnny war Witwe und verbrachte den Winter immer auf Gran Canaria, sodass ihr Haus in der Nähe von Strangnäs leer stand. Und es war einsam gelegen. Nachdem sie das Auto in einem Supermarkt in Uppsala mit Vorräten gefüllt hatte, war Deer sofort mit der Familie Pachachi zu Tante Sofias Haus gefahren. Wenig später meldete sie Berger und Blom, dass alles in Ordnung war. Ali Pachachi war sogar mit seiner Schrotflinte im Gepäck gereist, aber wie sich herausstellte, hatte sie keinen Schaden genommen. Auch Aisha ging es gut. Dennoch wurde Molly Blom von diesem Geheul geweckt. Ehe Berger und Blom Uppsala verlassen hatten, waren sie über die Flottsundsbron gefahren. Trotz seines Zustands schob Berger mit der Hand die wachsende Schneedecke weg und legte eine große Zahl an Blutspuren frei. Besonders auf einen Blutfleck auf dem Geländer machte er Molly aufmerksam, und unten im Eis war noch das nun wieder leicht zugefrorene Loch zu erkennen. »Carsten ist tot«, hatte Blom bestätigt, während der gute Tropfen aus Piemont ihren Gaumen erfreute. »Habe ich doch gesagt«, erwiderte Berger und lehnte sich auf dem Sofa zurück. In einer anderen Situation hätte es entspannt ausgesehen. Blom musterte ihn. »Sollten wir nicht doch über Jean Babineaux sprechen?« Berger schüttelte den Kopf. Sein leicht paralysierter Zustand wollte nicht verfliegen. Blom selbst war von einer schweren Müdigkeit erfasst worden, und es gab eigentlich nur wenig, das dagegen sprach, sich früh hinzulegen. Nur wenig – abgesehen von Bergers Gemütsverfassung … »Ich kann jetzt nicht darüber reden«, sagte er. »Lass uns das auf morgen früh verschieben.« Ohne groß zu diskutieren, hatten sie sich im Schlafzimmer auf ihre jeweilige Betthälfte gelegt. Blom war selbst überrascht, wie schnell sie einschlafen konnte, Berger blieb wach. Kaum wurden ihre Atemzüge ruhiger, fing er an, auf seinem Handy herumzutippen. Aber wäre es nicht gut, eine Nacht durchzuschlafen, ehe diese Geschichte auf Landsort mit voller Kraft auf ihn einstürmen würde? Konnte er in seinem derzeitigen Zustand noch einen von August Steens widerlichen Filmen verkraften? Irgendwann war er über seinen eigenen Grübeleien eingeschlafen. Um halb fünf Uhr morgens erwachte er mit einem Ruck. Er hatte das Telefon noch immer fest umklammert. Einige Minuten lag er da und wartete, bis er seine Glieder wieder bewegen konnte. Doch es gab keinen Zweifel. Er musste es tun. Behutsam schlich er sich aus dem Schlafzimmer. Molly Blom wurde um 4 : 44 Uhr von einem Geheul wach. Ihr erster Gedanke war, dass es einem Wolf gelungen sein musste, vom Festland herüberzuschwimmen. Dann erst begriff sie. Sie tastete sich in das Wohnzimmer vor. Es war dunkel. Der einzige, schwache Schein im Raum erhellte bläulich ein Gesicht. Berger starrte auf sein Handy. Er war furchterregend bleich, seine Miene verzerrt. Das unmenschliche Geheul schwoll noch einmal an. Molly ging zu ihm, hockte sich neben ihn und berührte seinen Arm. »Du liebe Güte, was ist denn?« Er starrte sie an, als wäre sie der Teufel persönlich. Sie streckte sich nach dem Handy, aber er hob es hoch. »Du musst mir doch sagen, was passiert ist«, forderte sie so zurückhaltend wie möglich. Sein Blick wurde noch wahnsinniger. Vielleicht lag aber auch eine neue Schärfe darin. »Meine Familie ist todgeweiht«, erklärte er mit dünner Stimme. »Was sagst du da?«, rief sie. »Marcus, Oscar, Freja, sie werden ermordet werden. Meine Zwillinge sind tot. Marcus und Oscar.« »Nein«, sagte sie. »Doch.« Und dann schrie er: »Doch, dein verdammter Vater hat sie ins Grab geschickt. Alle drei sind tot. Kapierst du das?« »Mein Vater?« »August fucking Steen.« »Nein«, sagte sie wieder. »Was zum Teufel? Ich weiß, dass dieser Dreckskerl …« »Was hast du da bekommen?«, unterbrach sie ihn und griff erneut nach dem Handy. »Darf ich mal sehen?« Er gefror zu Eis und hielt das Handy von ihr weg. Dann sammelte er sich ein wenig und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Nein, das geht nicht.« »Warum sollte es nicht gehen?«, fragte Blom. »Was verheimlichst du mir?« »Mir ist jetzt alles scheißegal«, rief Berger. »Dieser Dreckskerl hat meine Kinder umgebracht. Danach gibt es keine Fragen mehr. Es gibt kein Leben mehr. Alles ist vorbei.« Blom setzte sich zu ihm aufs Sofa. Sie nahm ihm das Telefon weg und legte es auf den Tisch, ohne darauf zu sehen. Dann ergriff sie seine Hände, drückte sie, fixierte seinen nervösen Blick und konnte ihn mit einer großen inneren Kraft tatsächlich besänftigen. Vor dem Fenster tobte jetzt der garstige Schärensturm mit voller Kraft. Sie blieben eine Weile so sitzen. In einer paradoxalen Eintracht. Vielleicht überwog für einen Moment sogar das Vertrauen zwischen ihnen und überwand das gegenseitige Misstrauen. »Nein«, sagte Molly nach einer Weile. »Sie sind nicht tot.« »Hör auf damit«, schluchzte Sam, und Tränen rannen ihm aus seinen blutunterlaufenen Augen. »Das ist die Wahrheit.« »Dann musst du dich deutlicher ausdrücken.« »August Steen wollte nach Landsort fahren, um deine Kinder umzubringen? Stimmt das?« Berger hob den Kopf und blickte Blom fest in die Augen. »Darüber kannst du nichts wissen«, entgegnete er ausdruckslos. »Und wenn ich es doch kann?«, fragte Blom. »Wenn ich sage, dass ich dort war, bei ihm im Keller? Und dafür gesorgt habe, dass er in diesem Moment nicht auf Landsort sein kann?« Berger schwieg. In ihm staute sich das ganze Leben auf. Und irgendwo reckte die Hoffnung ihre hässliche Visage hervor. »Wie kann es sein, dass du dort warst?«, fragte er. »Carsten hat ihn doch entführt.« Blom schüttelte langsam den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Ich habe ihn entführt.« Sie sah ihm in die Augen. »Hat er dir Filme geschickt?«, fragte sie. »Mit der Wahrheit«, bestätigte Berger. »Am Ende hat er sich zur Wahrheit durchgerungen. Das schien ihm nicht gerade leichtzufallen.« Blom nickte. »Ja, ich verstehe. Er hatte eine Kamera. Er hat sie wohl auf den Boden fallen lassen, und sie hat weiter Filme geschickt, sobald sie ein Signal finden konnte. Und jetzt hast du die letzte Sequenz bekommen, richtig?« Berger nickte langsam. »Du musst mir versprechen – also wirklich schwören –, dass du mir jetzt die Wahrheit sagst«, forderte er. »Mein ganzes weiteres Leben steht auf dem Spiel.« »Das stimmt«, entgegnete Molly Blom. Er atmete aus. »Warum hast du deinen eigenen Vater entführt?« »Der Sumpf ist tiefer, als du denkst«, erklärte sie. »Und wo ist Steen jetzt? Die ganze Säpo sucht nach ihm.« »Er sitzt immer noch dort«, antwortete Blom leise. Berger sah sie fragend an. »Irgendwas stimmt doch hier nicht«, rief er aus. »Warum hast du deinen eigenen Vater gekidnappt? Einen der höchsten Säpo-Chefs?« »Er war ein durch und durch schlechter Mensch«, antwortete Blom finster. »War?« »Ist. Er ist immer noch schlecht. Und ich habe ihn aus persönlichen Gründen entführt. Mehr bekommst du nicht aus mir heraus. Nicht jetzt.« »Dann gebe ich mich damit zufrieden«, entgegnete Berger. »Aber du erweiterst den Begriff ›Familiendrama‹ wirklich noch um eine ganz neue Dimension.« Blom lachte, ein dumpfes Lachen aus einer unbekannten Tiefe. Dann wurde sie mit einem Mal ernst. »Ich frage mich, ob du nicht derjenige bist, der das Familiendrama um eine ganz neue Dimension erweitert«, sagte sie zögernd. »Ich denke an den Namen, den Pachachi genannt hat: Jean Babineaux.« Berger schwieg und starrte finster vor sich hin, doch Blom blieb beharrlich. »Also ist auf den Filmen noch mehr über Babineaux?« »Auf den Filmen ist die gesamte Wahrheit«, antwortete Berger. Blom deutete auf das Handy, das auf dem Tisch lag. »Die ich aber nicht wissen darf. Weil sie auch etwas Geheimes enthält.« »Ich wollte es dir ersparen, dass …« »Ich habe meinen eigenen Adoptivvater entführt«, entgegnete Blom. »Welches Geheimnis könnte schlimmer sein?« »Bist du sicher, dass du es wissen willst?«, fragte Berger und sah sie eindringlich an. »Ja«, antwortete Blom. »Ich bin sicher.« »Du bist schwanger.« Es wurde still im Raum. Vor dem Fenster gewann der Sturm an neuer Kraft, er heulte, als wollte er ins Haus eindringen. Ins Innere. In ihr Inneres. Molly Blom starrte vor sich hin. »Ich habe eine vage Erinnerung aus dem Inland«, sagte Berger schließlich. »Von den Wochen, als ich bewusstlos und betäubt war. Diese Erinnerung ist wie ein wilder Traum. Aber ich sehe darin deutlich ein sternförmiges Muttermal unter deiner rechten Brust. Während wir uns lieben.« »Du hast mich beim Duschen gesehen«, entgegnete Blom tonlos. Berger zögerte, beobachtete sie, sah ihren leeren Blick und versuchte, ihn zu deuten. »Willst du das etwa leugnen? Wer ist denn dann der Vater?«, fragte er doch. Blom legte die Hand auf ihren Bauch unter dem absurden Schlafanzug. »Nein, ich habe dich nie beim Duschen gesehen«, fuhr Berger fort. »Ich habe dich halb nackt im Haus dort oben am Pol der Unzugänglichkeit gesehen. Aber da trugst du ein Sportbustier. Das hat genau diese Stelle bedeckt. Da konnte ich das Muttermal nicht sehen.« Blom hatte die Augen geschlossen. Aber jetzt knöpfte sie den obersten Knopf ihres Schlafanzugs auf. Und dann den nächsten. Und einen weiteren. Berger saß reglos da und beobachtete es. Als das Oberteil geöffnet war, entblößte sie ihre Brust. Sam erblickte das sternförmige Muttermal. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er rutschte zu ihr hinüber, legte den Kopf auf ihre Brust und das Ohr direkt an ihr Herz. Es schlug schnell, viel zu schnell. Doch schon bald hörte er, wie es sich beruhigte, und er spürte, wie ihr Gesicht auf seinen Kopf sank. Dann hörte er, wie sie leise, ganz leise zu schluchzen begann. 36 Montag, 7. Dezember, 9:26 Er lag auf seiner Betthälfte und beobachtete sie. Sie lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte ihre Kopfhörer in den Ohren. Wenn ihn nicht alles täuschte, sah sie sich gerade zum dritten Mal August Steens gesammelte Filme an. Es war ein einzigartiger Anblick, wie das feine Zusammenspiel all der kleinen Mechanismen von Körper und Geist in etwas so Wunderbarem resultieren konnte. Nach einer Weile nahm sie die Kopfhörer aus den Ohren und blinzelte ein paarmal. Dann sah sie ihn an, lächelte kurz, aber traurig, und schüttelte den Kopf. »Tja, du«, sagte sie. »Tja, du«, sagte er. Sie knuffte das Kissen in ihrem Rücken zurecht. Er machte es sich auch bequem. Sie sahen einander an. »Danke für die letzte Nacht.« »Danke gleichfalls«, sagte Blom. Es war das erste Mal, dass sie ihm ein solches Lächeln zeigte. Dann deutete sie auf den Laptop auf ihren Knien. »Ich weiß, dass ich unsere familiäre Beziehung geleugnet habe, Augusts und meine. Das hat gute Gründe. Und wir sind nicht blutsverwandt. Als ich fünfzehn war, habe ich erfahren, dass ich adoptiert wurde. Und er war als Vater nicht besonders präsent.« Berger zog eine Grimasse. »Stimmt es, dass deine Geschwister und Nichten und Neffen einige Sommer in der Großhändlervilla auf Möja verbracht haben?« »Ja, ich nehme es schon an«, antwortete Molly. »Du nicht so oft, aber trotzdem bist du auch da gewesen?« »Ja.« »Und wie hoch würdest du ihren Wert einschätzen?« »Den Wert?« »Jetzt hör endlich auf! Den Wert der Immobilie. Was hat dieses bescheuerte Haus gekostet?« »Er hat von irgendeinem Erbe geredet. Meine Mutter hat von irgendeinem Erbe geredet. Und zusammengenommen hat es wohl gereicht.« »Nein. Was hat die Großhändlervilla auf Möja gekostet? Eine realistische Schätzung?« »Das weiß ich doch nicht«, antwortete Blom. »Willst du gerade etwas leugnen?«, fragte Berger mit eisiger Stimme. Sie lachte. Herzlich. »Wahrscheinlich mindestens dreißig Millionen Kronen«, sagte sie schließlich. »Ich kenne dich, Molly«, entgegnete Berger. »Jedenfalls kenne ich deine Intelligenz. Und ich kann mir vorstellen, dass deine beiden älteren Geschwister auch nicht auf den Kopf gefallen sind. Genauso wenig wie ihre Partner. Und keiner in diesem cleveren Clan hat sich gewundert, wie sich dein Vater ein dreißig Millionen teures Haus leisten konnte? Als Staatsangestellter?« »Aber mit zweifachem Erbe«, ergänzte Molly. »Molly, was hast du dir dabei gedacht?« Blom seufzte und versuchte, sich zusammenzureißen. »Ich habe ihn immer für ehrbar gehalten, fast schon einen Prinzipienreiter. Er war meine ganze Kindheit über abwesend, ein abwesender Vater. Klar hatte er keine Ahnung davon, was William mit mir im Bootshaus gemacht hat. Ihm wäre noch nicht einmal aufgefallen, wenn mir ein Arm gefehlt hätte. Ich kam also nie auf den Gedanken, dass er vom rechten Weg abgekommen und in dem Sumpf gelandet sein könnte, den er selbst als Grauzone bezeichnet hat, obwohl sie nicht schwärzer hätte sein können. Also wäre ich nie auf die Idee verfallen, dass Möja etwas mit illegalen Geschäften zu tun gehabt haben könnte. Er war der Chef der Säpo, er war mein Chef, er hätte sein Land nie an irgendeine russische Mafia verraten.« »Einmal im Leben bekommt man dieses Angebot, dem man nicht widerstehen kann«, sagte Berger. »Aber nicht er«, erwiderte Blom. »Nicht August fucking Steen.« »Je höher die moralischen Maßstäbe hängen, desto größer ist auch das Risiko. Er war sich selbst leid, seiner Prinzipienreiterei. Irgendwoher wussten die Russen wohl, dass er ein dankbares Opfer war. Die Empfänglichkeit stand ihm auf die Stirn geschrieben. Es sind die Moralapostel, die man nur schwer zu fassen bekommt.« »Ich vermute mal, du denkst da an dich selbst?« »Mag sein«, antwortete Berger. »Aber diese ganze Hintergrundgeschichte ist doch noch viel kränker«, ereiferte sich Blom. »Ich weiß nicht, ob man ihm auch nur ein einziges Wort glauben kann. Er wurde von einem russischen Anwalt in einem Einkaufszentrum am Rande von Moskau kontaktiert? Ernsthaft?« Berger zog eine Grimasse und starrte aus dem Fenster. Das schlimmste Wetterspektakel schien überstanden zu sein. Der Schneeregen hatte aufgehört, und ließen sich nicht sogar ein paar Sonnenstrahlen erahnen? Molly Blom wirkte plötzlich nachdenklich, als würde sie sich an etwas erinnern. »Eine Sache ist mir aufgefallen«, sagte sie. »Sache?« »August sagt in dem Film etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Er spricht von einem ›Frontmann‹.« »Was genau meinst du?« »Er sagt, der Frontmann von Isli Vrapis Waffenhändlerring sei ein französischer Anwalt namens Jean Babineaux. Er sagt nicht ausdrücklich, dass Babineaux der neue Anführer des größten Waffenhändlerrings ist. Er ist nur der Frontmann. So, wie er auch in der Vergangenheit, in seiner Eigenschaft als Wirtschaftsanwalt, alle möglichen zwielichtigen Gestalten vertreten hat und ihr Frontmann war.« Berger runzelte die Stirn. »Was hat Ali Pachachi genau über ihn gesagt?«, fragte er sowohl sich als auch Blom. »Ich habe versucht, mich daran zu erinnern«, antwortete sie. »Ich glaube, er sagte: ›Der Name, der mir zugetragen wurde, lautet Jean Babineaux.‹« »Er hat also auch nicht direkt gesagt, dass Babineaux der unbestrittene Anführer des Waffenhändlerrings ist? Was hat das alles zu bedeuten?« Blom zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Vielleicht bedeutet es gar nicht so viel. Babineaux wird dort mit seiner Familie sein und sich vermutlich um die Auktion kümmern, wie auch in Österreich und in Irland. Es ist nur so, dass er nicht das höchste Tier ist.« »Interessant«, sagte Berger. »Aber für unser Handeln verändert sich dadurch nichts, oder? Was sollen wir überhaupt machen? Ich nehme an, dass das eine grundlegende Entscheidung erfordert. Sollen wir die Säpo einbeziehen oder nicht?« Blom seufzte und schüttelte den Kopf. »Wenn ich diese Filme richtig verstehe, besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, Marcus und Oscar aus dem Haus zu holen, wo sie wohnen sollen, also vermutlich aus der Jugendherberge, über die Pachachi sprach. ›Sista Utkiken‹. Du musst Kontakt mit den Zwillingen aufnehmen, auf Öja vor Ort sein und dich bereithalten, um sie zu befreien. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das ablaufen soll.« »Und Freja.« »Okay«, sagte Blom. »Vielleicht auch sie. Wobei sie sich ja selbst dazu entschieden hat, dorthin mitzufahren. Was man von den Zwillingen nicht behaupten kann.« »Aber ganz Öja wird wohl ein Wespennest sein«, gab Berger zu bedenken. »Nicht nur Babineaux und seine Leibwächter, sondern auch eine unbekannte Zahl an Repräsentanten verschiedener Terrororganisationen werden da sein. Der IS wird vor Ort sein, und diese dämlichen Russen auch.« »Aber nicht Nils Gundersen, oder?« »Der ungekrönte König der Söldner«, sagte Berger grimmig. »Das dritte Standbein des gefallenen Triumvirats.« Blom kratzte sich am Kopf, verzog das Gesicht und sagte: »Im dritten Film sagt August Steen, dass Gundersen Carsten abgeworben und ihn damit beauftragt hat, aus Aisha Pachachi herauszukriegen, wo und wann die Waffenauktion stattfinden würde. Aber es gibt da eine bedenkliche Zeitlücke.« »Zeitlücke?« »Du weißt, was ich meine.« »Nicht so ganz«, sagte Berger. »Sunnersta.« »Ah.« »Ja. Zwischen dem Moment, in dem Desiré Carsten angeschossen hat, bis zu dem Moment, als er in den Fyrisån fiel. Er hatte eine Schussverletzung im Oberschenkel, der Blutverlust war so groß, dass vermutlich eine Arterie getroffen wurde. Vielleicht ist er sterbend vorwärtsgestolpert, blind auf der Flucht. Es ist aber auch möglich, dass er in der Zwischenzeit noch ein Telefonat geführt hat.« »Mit Nils Gundersen?«, fragte Berger. »Wenn dem so ist, müssen wir wohl mit einem weiteren Waffenspekulanten auf Landsort rechnen. Nämlich Gundersen selbst.« »Ich frage mich, ob es dort am Weg zum Wasser eine Überwachungskamera gibt«, sagte Berger. »Vielleicht hängt sie irgendwo in der Nähe der Flottsundsbron. Ich werde Deer bitten, das von der NOA überprüfen zu lassen.« »Aber ich vermute, du gehst eher davon aus, dass wir die Säpo – oder besser noch das gesamte schwedische Militär – benötigen, um mindestens drei gestandenen Leibwächterinstanzen von kauflustigen Waffenspekulanten zu trotzen?« Berger blinzelte. Er hatte nur gemeint, dass es entsetzlich schwer sein würde, an die Zwillinge heranzukommen. Selbst wenn er wider Erwarten einen Weg fände, mit ihnen zu kommunizieren. »Steen behauptet, er hätte einen ›Zugang‹«, sagte er. »Ich nehme an, er meint einen Weg, um an Marcus oder Oscar oder Freja heranzukommen?« »Man kann diesem Mann kein einziges Wort glauben.« »Dieser Mann ist immerhin dein Vater!« »Was meint er? Welchen Zugang?« »Keine Ahnung.« »Wir haben vielleicht keine Chance, seinen Zugang zu finden, aber du brauchst einen eigenen, Sam. Du kannst doch wohl nicht drei Jahre verstreichen lassen, ohne einen ernsthaften Versuch, deine Familie zu finden.« »Ich habe angenommen, dass sie rationale Gründe dafür hatten, nicht in der Öffentlichkeit aufzutauchen. Ich weiß, dass dieser verdammte Jean Anwalt ist, und dachte, er wäre vielleicht in irgendeiner Weise bedroht, eine Zielscheibe. Und ich habe gegoogelt, ich habe beständig nach Spuren im Netz gesucht. Es gab nie welche. Außer …« »Außer?« Berger geriet ins Stocken. »Das hat nichts zu bedeuten«, sagte er. »Es war nur mein Zeichen, da habe ich mir falsche Hoffnungen gemacht.« »Vieles von dem, was du gerade von dir gibst, ist einfach nur komplett unverständlich«, beschwerte sich Blom. Berger hob seinen Laptop vom Boden und fing an, fieberhaft nach unten zu scrollen. »Facebook«, sagte er. »Oscar hatte plötzlich einen Facebook-Account. Das ist noch nicht lange her. Dann war er genauso plötzlich wieder verschwunden. Einer der Jungen lag in einem Etagenbett und machte mein Zeichen. Das doppelte Victoryzeichen.« »Doppelt?« »Eigentlich sogar vierfach. Mit beiden Händen und Füßen. Ein Kunststück. Ich habe einen Screenshot gemacht. Sonst war auf der Seite nichts Besonderes. Sie sah aus wie die Seite eines ganz normalen Elfjährigen. Aber ich habe mir eingebildet, dass dieses Siegeszeichen an mich gerichtet war. Wenig später war das Konto verschwunden.« Blom nickte, rutschte auf Bergers Seite des Betts und betrachtete den Screenshot. Keiner der Texte brachte sie weiter, aber es gab andere mögliche Ansatzpunkte. Einerseits hatte Oscar zwölf Freunde, von denen die meisten wahrscheinlich immer noch auf Facebook waren, andererseits gab es zwei, und nur zwei, wertvolle Bilder: das Foto von Oscar selbst, auf dem er aussah wie ein Profi-Hip-Hopper, und das Foto aus einem unordentlichen Jungenzimmer, auf dem jemand im unteren Etagenbett lag, die Hände und Füße unter der Decke hervorstreckte und mit Fingern und Zehen ein V formte. »Aufteilen?«, fragte Blom. »Ich nehme die Bilder«, antwortete Berger. »Dann nehme ich die Freunde«, sagte Blom. »Schick mal deinen Screenshot rüber.« So geschah es. Ehe Berger überhaupt angefangen hatte, die Bilder zu vergrößern, hörte er schon das Klappern von Bloms Tastatur. Dann zoomte er das erste Bild heran, das Profilbild. Sofort schoss ihm in den Kopf, wie ähnlich Oscar ihm war. Klar imitierte er einen Hip-Hopper, klar gab er sich viel älter als der kleine Junge – Nummer zwei, immer Nummer zwei –, dem Berger im Frühling vor fast drei Jahren aus einem Graben mit Huflattich herausgeholfen hatte, das letzte Bild, das in Schweden von den Zwillingen aufgenommen worden war. Jetzt holte Berger alles wieder ein. Wie er die Zwillinge sofort widerstandslos aufgegeben und sie in eine Art unerreichbares Ideal verwandelt hatte, einen Traum. Die Wahrheit drang auf ihn ein, sie hackte auf ihn ein. Und je tiefer sie kam, desto unbarmherziger wurde sie. Wollte er die beiden so haben? Auf Distanz, wie Erinnerungen, Geister ohne Eigenleben? Ohne einen Körper, ohne Schwierigkeiten? Hatte er sich zufrieden in der Opferrolle eingerichtet? Die Zwillinge waren der Fixpunkt in seinem Leben. Der Polarstern, the still point of the turning world. Der Ursprung von allem. Aber vielleicht doch lieber so weit weg wie möglich? Sodass er – ohne sich anstrengen zu müssen – so richtig in seinem Leid und seiner Unschuld aufgehen konnte? Aber hier ging es um Nähe, um lebendige Menschen, und jetzt hatte er die Chance, die beiden nicht nur zu retten, sondern sogar zurückzuerobern, sie wieder in sein Leben zu holen, das richtige Leben. Je näher er Oscars Gesicht kam, desto näher kam er auch sich selbst. Und ihm gefiel das, was er sah. Hinter Hip-Hop-Oscar gab es eine Wand mit derselben Farbe wie die Wand im Jungenzimmer, weshalb das Foto allem Anschein nach ebenfalls dort aufgenommen worden war. Ein Bilderrahmen ragte ins Bild, Berger zoomte ihn heran. Innen war eine Schrift zu sehen, es war also eher ein Diplom oder Ähnliches. Unter dem Fragment mit französischem Text stand eine unleserliche Unterschrift, trotzdem machte er einen Screenshot mit der größtmöglichen Vergrößerung. Dann war da noch das eigentliche Zimmer. Das Etagenbett sah ziemlich exklusiv aus, auf keinen Fall ein IKEA-Bett, und selbst die Bettwäsche wirkte luxuriös, ägyptische Baumwolle und belgisches Leinen oder so ähnlich. Aber das half ihm keinen Deut weiter. Berger zoomte die Finger heran, ging dann zu den Zehen über und musterte sie eingehend. Die beiden größten Zehen waren eindeutig weiter gespreizt, als er selbst es gekonnt hätte. Die Zwillinge hatten die noble Kunst des Zehenspreizens offenbar weiterhin trainiert. Das verriet ihm doch etwas, etwas, das ihm warm ums Herz werden ließ. Das Bild war vielleicht nicht direkt an Papa Sam gerichtet, indirekt aber schon. Die Erinnerung an ihn war nicht völlig ausgelöscht. Auf einem Tisch schräg vor dem Etagenbett stapelten sich Bücher und Papiere, linker Hand war ein Stück eines Fensters zu sehen. Draußen war es hell, und Berger zoomte weiter heran und fragte sich, ob er Straßen und weiter in der Ferne nicht einen Kirchturm erkennen konnte. Auch davon machte er einen Screenshot und bereitete sich darauf vor, ihn mit allen Pariser Kirchen zu vergleichen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch. Er hatte nicht bemerkt, dass Bloms Tastaturgeklapper verstummt war, aber jetzt hörte er durch den Türspalt einige Satzfetzen, die für sein untrainiertes Ohr wie fließendes Französisch klangen. Sie telefonierte. Er kümmerte sich nicht weiter darum, fixierte den Tisch neben dem Etagenbett und versuchte, Papiere mit lesbarem Text zu erkennen, ließ seinen Blick über einige ziemlich gut gezeichnete Superhelden wandern und entdeckte schließlich auch ein zerknittertes Blatt, das wie eine schulische Mitteilung aussah. Er versuchte, das Logo der Schule heranzuzoomen, konnte aber lediglich die Wörter »Collège Privé« erkennen, was an und für sich schon eine Fährte war. Am oberen Ende des Blatts stand gut lesbar der Name Marcus Babineaux. Berger arbeitete sich Millimeter für Millimeter nach unten vor und gelangte zu einem kräftigen Knick genau dort, wo die Adresse stehen sollte. Zumindest ließ sich eine Postleitzahl erkennen. Dort stand »75116 Paris«. Vor der Tür sagte Molly Blom gerade mit aufgesetzt fröhlicher Stimme: »Bonjour, madame. Voici commissaire Eva Lundström de la police suédoise.« Berger hätte sie gern um Hilfe gebeten, aber stattdessen googelte er. Paris war das 75. Departement in Frankreich, daher stammten die ersten Ziffern der Postleitzahl. Die restlichen bestimmten das Arrondissement, und in diesem Fall musste es sich um das 16. handeln, wie Berger herausfand. Blom verstummte draußen vor der Tür. Er sah auf. Sie kam mit dem Telefon in der Hand und einer leicht gerunzelten Stirn herein. In der anderen Hand hielt sie einen Zettel, der aussah, als hätte sie ihn von Bergers Whiteboard abgerissen. Mit einem gewissen Enthusiasmus sagte er: »Sie wohnen im nördlichen Teil des luxuriösen 16. Arrondissements in Paris. Die Zwillinge gehen auf eine Privatschule, deren Name mit ›Collège Privé‹ anfängt. Nicht weit entfernt liegt eine ziemlich auffällige Kirche. Ich glaube, wir können die Wohnung einkreisen.« Blom nickte stumm und gedankenverloren. »Und wie läuft es bei dir?«, fragte Berger. Sie sah ihn an. »Ich habe eine Telefonnummer.« Berger sprang auf. »Eine Telefonnummer?« »Von Marcus Babineaux«, antwortete Molly Blom. 37 Montag, 7. Dezember, 13:18 Obwohl es im Safehouse der Säpo einen A3-Drucker gab, mussten sie Tesafilm benutzen. Vier zusammengesetzte A3-Bögen wurden zu einem A1-Bogen, so groß war die Insel Öja jetzt, vierundachtzig mal neunundfünfzig Zentimeter. Das sollte reichen. Es war keine normale Karte, sie bestand aus Satellitenfotos. Jeder noch so kleine Anbau war zu erkennen. Jetzt lag sie auf dem Boden im Wohnzimmer. Blom beugte sich beneidenswert gelenkig aus dem Schneidersitz darüber und notierte etwas. Dann richtete sie sich auf und zeigte mit dem Finger auf die Karte. »Also gut, jetzt sind es nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden bis zur Auktion. Ich schätze, dass die Insel bereits geräumt wurde. Die wenigen Bewohner, die es dort gibt, sind bestimmt fürstlich dafür entlohnt worden, sich ein paar Tage nicht blicken zu lassen. Der Tourismus wurde unauffällig eingestellt. Irgendetwas sagt mir, dass auch die Fähre von Ankarudden hier oben im Norden gerade für ein paar Tage wegen Reparaturarbeiten außer Betrieb ist. Die verschiedenen Bieter haben sich vermutlich schon versammelt. Leider komme ich nicht an aktuelle Satellitenbilder über Landsort heran.« »Wir gehen von Hypothesen aus«, sagte Berger. Blom nickte und fuhr fort: »Abgesehen von den kleinen Hütten, gibt es zwei Orte auf der Insel, an denen man wohnen kann, beide im Süden – im Norden besteht die Vegetation vor allem aus Wald und Gestrüpp. Der eine ist die Jugendherberge von Landsort, ›Sista Utkiken‹. Sie liegt genau im Schatten des Leuchtturms und bietet vierunddreißig Schlafplätze, zum Teil auch in nahe gelegenen Hütten. Es gibt dort einen Veranstaltungsraum, wo bei schlechtem Wetter vermutlich die eigentliche Auktion abgehalten wird. Ansonsten glaube ich eher, dass sie im Freien stattfinden wird, im Garten. Aber es existiert noch ein anderer, etwas ungewöhnlicher Wohnort. Eigentlich ist es ein Turm, der Lotsenturm, der in den Sechzigerjahren gebaut wurde und aussieht wie ein missratenes Hochhaus. Jetzt wurde er renoviert und hat sechs Doppelzimmer in modernem Design, ein Zimmer pro Stockwerk. Das sind wieder alles nur Mutmaßungen …« »Hypothesen«, korrigierte Berger vergebens. »… und ich mutmaße, dass die Anwälte, die bei der Auktion antreten, im Lotsenturm wohnen. Die Bieter werden wohl kaum vor Ort sein, das würden sie nie riskieren. Aber die Anwälte haben mit Sicherheit auch Leibwächter, und die wohnen vermutlich in diesen Hütten, die zur Jugendherberge gehören. Das dürfte es Jean Babineaux ermöglichen, das Hauptgebäude der Jugendherberge für sich, seine Familie und seine eigenen Leibwächter zu mieten.« »Fünf plus drei«, sagte Berger. »Allem Anschein nach ja«, sagte Blom. Berger versuchte, seine Beine zu sortieren, fand aber keine angemessene Sitzposition auf dem Boden. »Also, wie sind sie dort hingekommen?« Blom streckte den Rücken durch. »Sie haben eigene Boote. Es gibt eine Menge Naturhäfen an der Küste von Öja. Anwälte und Leibwächter müssen sich frei bewegen und jederzeit wieder abhauen können.« »Keine Fahrzeuge auf der Insel?« Blom zeigte auf einen Strich, der die lang gezogene Insel durchschnitt. »Es gibt nur eine einzige Straße«, erklärte sie. »Aber viele gut versteckte Ankerplätze an der Felsenküste. Nein, sie sind mit dem Boot angereist. Die Vertreter der Bietenden sind jetzt da, das wette ich. Alle … drei?« »Das hängt ja davon ab, ob es Carsten gelungen ist, die Information weiterzugeben, ehe er für immer unter dem Eis verschwand«, antwortete Berger. »In diesem Fall ist Nils Gundersens Team auch dort. Ansonsten vermutlich nur der IS und die Russen. Aber es könnte ja noch mehr Interessenten geben.« »Verrückt, diese Sache mit den Russen«, sagte Blom. »Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wer dahintersteckt.« »Die werden wohl kaum jemand anderen vor Ort haben als ein Team Mafiaanwälte«, mutmaßte Berger. Sie sahen einander an. Dann blickten sie beide gleichzeitig zu dem Satellitentelefon auf dem Boden. »Marcus Nummer war also ›geheim‹?«, fragte Berger. »Wie schon gesagt, ich habe mit seinem Kumpel Olivier gesprochen«, erklärte Blom. »Er meinte, die Zwillinge wären ›komisch‹, blieben immer für sich, würden jeden Tag nach der Schule von einem Chauffeur abgeholt, und die Freunde, die sie haben, werden auf Abstand gehalten, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Aber bei den engeren Freunden ist es anders. Die haben Oscar auch überredet, einen Facebook-Account zu eröffnen, obwohl er es nicht ›durfte‹. Und einer aus der Gruppe hat ein Prepaid-Handy für Marcus gekauft, damit sie heimlich in Verbindung bleiben können. Alles ganz typisch, wenn man in diesem Alter ist.« »Und ihn jetzt auf dem Prepaid-Handy anzurufen wäre zu riskant«, ergänzte Berger nickend. »Noch keine Antwort von deinem Kontakt?« »Nein«, antwortete Blom und sah erneut auf die Uhr. »Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass die Ortung schwierig ist. In diesem Fall könnte Marcus’ Handy ausgeschaltet sein.« Berger schloss die Augen. »Aber das ist unsere einzige Möglichkeit, ihn zu erreichen.« »Ja«, bestätigte Blom. »Ich versuche, mir einen Plan B auszudenken. Aber jetzt ziehen wir erst einmal Plan A durch. Der erste Schritt?« Blitze durchzuckten Bergers Gehirn. Irgendetwas stimmte da nicht. Aber er kam nicht darauf, was es war. »Ich bin natürlich dankbar, dass du mir helfen willst, meine Kinder zu retten«, sagte er. »Und ich weiß, dass sich nicht vorhersehen lässt, was aus der Auktion wird, wenn Jean Babineaux’ Familie kurz vorher verschwindet. Im besten Fall gerät er in Panik, und wir erleben einen echten Shootout auf Landsort. Dann gelingt es der Polizei vielleicht auch noch rechtzeitig, einige der Typen zu fassen. Schlimmstenfalls wird die Auktion planmäßig fortgesetzt, und der IS oder die Russen oder Gundersen bekommen die Waffen. Wie auch immer es ausgeht, die schwedischen Behörden werden die Waffen wohl nicht beschlagnahmen können. Auf die eine oder andere Weise werden sie dann in Schweden im Umlauf sein. Für mich wäre das ein verhältnismäßig kleiner Preis, wenn ich im Gegenzug meine Kinder retten könnte, aber würdest du als alter Säpo-Bulle das wirklich akzeptieren?« Blom musterte ihn. »Das Stichwort lautet ›alt‹. Ich bin nicht mehr bei der Säpo.« »Sollten wir sie nicht trotzdem irgendwie auf Standby haben?« Sie schüttelte langsam den Kopf. »So läuft das nicht«, erklärte sie. »Nicht in einer Welt, in der man Gesetze und Protokolle befolgen muss, jener Welt, die wir doch verteidigen wollen. Unser Fokus liegt auf deinen Kindern und niemandem sonst, und in diesem Fall sind alle Gesetze und Protokolle aufgehoben. Also noch einmal Plan A. Jetzt möchte ich deine Version hören.« Berger betrachtete das große Satellitenbild und zeigte auf ein paar Inseln vor dem nördlichen Teil der Ostküste von Öja. »Wir pumpen dein Gummiboot auf. Wenn wir richtig rechnen, müsste der lautlose Motor stark genug sein, um damit bis zu dieser kleinen Schäre zu gelangen. Von da schicke ich dann, kurz bevor die Auktion beginnt, eine genau durchdachte Nachricht an Marcus und hoffe, dass er, Oscar und Freja sich ungesehen zur Ostküste begeben können und wollen. Dort hole ich sie mit dem Gummiboot ab, fahre zurück zum Inselchen und dann mit dem Motorboot weiter. Während du deinen Plan durchziehst … der großartig klingt, aber auch ziemlich gefährlich ist. Bist du sicher?« »Ich bin mir nur in der Frage nicht sicher, ob du Freja wirklich mitnehmen solltest.« Berger verzog das Gesicht. »Sie lebt mit einem Großkriminellen zusammen, ich weiß«, sagte er. »Aber wir haben keine Ahnung, ob sie die Rolle als Gangsterbraut freiwillig eingenommen hat. Es ist wahrscheinlicher, dass sie nicht wusste, wen sie da eigentlich kennengelernt hatte. Allerdings hat sie ihn geheiratet und lebt seit drei Jahren mit ihm zusammen. Vielleicht will sie ihre Position gar nicht verlieren. Vielleicht will sie auch ihre Kinder nicht verlieren.« Blom machte eine vielsagende Geste, schwieg jedoch. Berger fuhr fort: »Das weiß ich alles. Andererseits ist Jean Babineaux vermutlich ein lebensgefährlicher Mensch. Er nimmt seine ganze Familie mit auf diese Gangsterauktion, weil er ihr nicht traut. Ich vermute, dass Freja gern ausbrechen würde.« »Wenn das so wäre, könnte sie einfach an einem beliebigen Tag in die Schule der Zwillinge fahren, die beiden mitnehmen und zur Polizei gehen. In diesem Fall hätte sie es schon längst getan. Nein, sie hat sich in ihrem Leben als Gangsterbraut eingerichtet – denn das bietet vermutlich einen sehr reibungslosen Alltag und sehr luxuriöse Wochenenden –, und wenn sie deine SMS liest, sind wir geliefert.« »Er nimmt seine Familie mit auf eine lebensgefährliche Geschäftsreise, verdammt noch mal«, rief Berger. »Das spricht doch für das genaue Gegenteil. Sie sind Gefangene, ich kann sie nicht einfach dort lassen.« »Du bist nostalgisch, Sam. Du erinnerst dich an die schönen Zeiten mit ihr. Aber weißt du nicht mehr, dass sie dich ziemlich brutal verlassen hat? Es sei denn, du hättest sie vorher wahnsinnig schlecht behandelt. Hast du das, Sam? Hast du deine Frau verprügelt?« »Ist das ein Verhör?«, platzte es aus Berger heraus. »Sind wir jetzt wieder an diesem Punkt?« »Interessante Reaktion«, sagte Blom zur Wand. Berger schwieg und starrte die andere Wand an. »Ich muss es wissen«, forderte Blom schließlich. »Das hat eine ganz entscheidende Bedeutung für den Ausgang dieser Operation.« »Ausgang dieser Operation«, echote Berger. »Ich weiß nur von dem Vorfall in Arlanda«, sagte Blom. »Du bist deiner Familie gefolgt, als sie nach Paris fliegen wollte. Du hast die Mitarbeiter an der Sicherheitskontrolle tätlich angegriffen, und die Polizei musste hinzugerufen werden. Warst du auch sonst gewalttätig? Ist sie deshalb diesem eleganten Franzosen so schnell verfallen?« »Ich bin keiner, der seine Frau schlägt«, antwortete Berger stumpf. »Steen sagt auf den Filmen auch nichts davon.« »Man kann diesem Mann kein Wort glauben«, erwiderte Blom. »Und deshalb hast du ihn entführt, ich weiß. Das klingt total verrückt.« »Ich habe ihn entführt«, sagte Blom. »Und dann habe ich ihn umgebracht.« Schlagartig herrschte im Wohnzimmer absolute Stille. In der ganzen Hütte. Grabesstille. Als Bergers Stimme erneut erklang, war sie gebrochen. »Du hast deinen eigenen Vater umgebracht?« Blom starrte auf den Boden und schien mit allen Mitteln ihre Gefühle zu unterdrücken. »Ich kann jetzt nicht«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich kann das jetzt nicht erzählen.« »Das musst du aber«, erwiderte Berger. »Ich muss wissen, ob ich dir trauen kann. Bist du … eine Mörderin? Eine Vatermörderin?« »Du kannst mir trauen, wenn ich das hier durchstehe«, flüsterte Blom. »Und ich muss es durchstehen. Noch einen Tag, danach spielt es keine Rolle mehr, ob ich zusammenbreche.« »Aber du warst gezwungen, ihn umzubringen?« »Es gab einen sehr entscheidenden Grund. Und es war extrem eilig. Ich war gezwungen, eine lebensnotwendige Entscheidung zu treffen.« »Aber warum war es so eilig? Was verheimlichst du mir, Molly?« »Momentan musst du nicht mehr wissen«, erwiderte Blom. »Aber ich schwöre, dass du mir vertrauen kannst. Wir werden deine Familie befreien.« »Ich brauche also nicht mehr zu wissen?« Sie sah zu ihm auf. Ihr Blick wirkte schutzlos. »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob meine Familie in sicheren Händen ist«, erklärte Berger. »Vielleicht hast du Steen gar nicht entführt. Vielleicht läuft sein Plan weiter. Du willst Möja auch behalten, und du bist Steens rechte Hand, wie schon so oft. Du willst mein Vertrauen nur gewinnen, damit ich nach Landsort komme, um dort zusammen mit meinen Zwillingen zu sterben. Damit du den Plan deines Vaters vollenden kannst. Und August Steen sitzt irgendwo hinter den Kulissen und lenkt das ganze Spiel.« Sie starrte ihn an. »Sollte ich dir vorlügen, ich hätte meinen eigenen Vater umgebracht?« »So, wie du auch über alles andere lügst«, erwiderte Berger. »Was ist zum Beispiel das hier?« Er wühlte etwas aus seiner Tasche hervor und ließ es mitten auf den Tisch fallen. Es war ein kindisches rotes Telefon. Blom streckte sich und griff heftig blinzelnd nach ihm. »Hast du in meinen Sachen gewühlt?«, fragte sie. »Schon wieder?« »Dabei hattest du es unglaublich gut versteckt. Was ist das hier für ein Handy?« »Sag nicht, dass du irgendetwas damit gemacht hast.« Blom betrachtete das rote Handy. »Es ist gesperrt, ich kann gar nichts damit machen. Aber ich war kurz davor, es auf den Klippen mit dem Fuß zu zermalmen und dann ins Meer zu werfen.« Für Berger sah es fast so aus, als würde sie das Handy streicheln. »Das wäre ein fataler Fehler gewesen«, sagte sie nur. »Dann musst du mir erklären, worum es geht. Was wird da bald um mich herum in die Luft gehen?« »Ich garantiere dir, dass dieses Telefon nichts mit dir zu tun hat.« »Ist es etwas Privates?«, fragte Berger mit triefender Ironie. »Etwas Privates, das nichts mit unserer Geschäftsbeziehung zu tun hat?« Sie seufzte schwer. »Es geht mir nicht besonders gut«, sagte sie. »Aber wir müssen das jetzt durchstehen. Und ich muss dich bitten, mir zu vertrauen. Trotz allem.« In der Stille, die zwischen ihnen entstand, passierte so einiges. Dramen spielten sich ab, Gespenster tanzten, Geister heulten, die Luft vibrierte. Sie saßen eine Weile da, bis sich alles beruhigt hatte. Dann sagte Blom: »Ich möchte, dass du vor Ort bist, damit du deine Zwillinge retten kannst. Nur deshalb. Ich brauche dich lebendig. Was auch immer zwischen dir und mir passiert, mein ungeborenes Kind benötigt einen funktionierenden Vater.« »Ich war ein erbärmlicher Partner«, sagte Berger. »Faul. Unaufmerksam. Unsensibel. Egoistisch. Unreif. Ein Versager. Aber keiner, der seine Frau verprügelt.« »Aber ich bin eine Vatermörderin«, entgegnete Blom. »Irgendwann kann ich vielleicht erzählen, worum es ging. Aber nicht jetzt.« Berger schaute auf, sein Blick war fragend. Sie bemerkte es und verdeutlichte: »Es war notwendig, dass er starb.« Er starrte sie an. »Was verheimlichst du mir, Molly?« Sie schüttelte nur den Kopf. Die Stille kehrte zurück. Sie legte sich über alles und nahm es ein. Berger und Blom mussten sich damit zufriedengeben. Sie blieben schweigend sitzen, bis die Zeit aufhörte zu existieren. Dann klingelte das rote Telefon. 38 Montag, 7. Dezember, 14:49 Die Sonne versank zwischen den kleinen Schären und schien im Meer zu schmelzen, sie rann ins Wasser wie die gemächlichen Lavaströme eines außerordentlich trägen Vulkans. Der Horizont schimmerte in Orange und Gold, und es war, als hätte es im Schärengarten nie Schneeregen gegeben, keine gemeinen, feuchtkalten Unwetter, keine eisigen Rinnsale, die einem in den Kragen liefen. Alles war ruhig, schön und still. Die Ruhe vor dem Sturm. Das fließende Gold spiegelte sich in Mollys Augen, während sie neben Sam auf einem Stein am Ufer saß. Das Blau ihrer Iris wurde von einem goldenen Schnitt geteilt, der Himmel und Wasser in ihr trennte. Sie umarmten sich. Sie umarmten sich tatsächlich. Das Einzige, was zwischen ihnen und dem Meer lag, war ein Gummiboot. Es war kürzlich aufgeblasen worden. Sie hofften, dass vier Personen darin Platz finden würden. Möglicherweise auch bloß drei. Im schlimmsten Fall nur einer. Ganz in der Nähe, aber außerhalb ihres Blickfelds, lag das Motorboot verankert. Berger war froh, dass er es nicht sehen musste. Er drückte Mollys Schulter ganz leicht. Das war als unbestimmte Geste der Zärtlichkeit gedacht gewesen, aber plötzlich verwandelte sich die Goldlinie in ihren Augen in ein ebenso unbestimmtes Schwarz. Molly warf sich zur Seite und erbrach sich geräuschvoll. »Es geht mir wirklich nicht besonders gut«, sagte sie schluchzend. »Übelkeit in der Schwangerschaft«, erwiderte Berger. »Das kenne ich schon.« »So elend war mir noch nie.« »Du warst auch noch nie schwanger.« »Was weißt du schon darüber?« Berger lachte und legte linkisch den Arm um sie. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf und lehnte sich an ihn. Sie lehnte sich tatsächlich an ihn. Das orange glühende Meer färbte sich dunkelrot, ehe es langsam und unerbittlich von der Dunkelheit verschlungen wurde. »Ich weiß, dass du das durchstehen wirst«, sagte Berger. »Du wirst die Zähne zusammenbeißen. Außerdem können wir das Ganze gemeinsam meistern. Wenn du willst. Ob du zusammenbrichst oder nicht, wir sind zusammen.« Jetzt musste sie lachen. Schweigend warteten sie darauf, dass die Dämmerung siegte, so, wie die Finsternis immer siegt. Ehe das Licht wieder die Macht erobert. Und so weiter, bis in alle Ewigkeit. Als es ganz dunkel war, sagte Berger: »Du hast deinem Kontakt also die Nummer des roten Telefons gegeben?« »Das war ein kurzer Blackout«, antwortete Blom. »Ich hatte die Nummer meines normalen Handys vergessen und kam zu dem Schluss, dass es ungefährlich wäre, ihm die andere Nummer zu nennen.« »Nein. Du vergisst nichts«, entgegnete Berger. »Ich weiß«, sagte Blom. »Ob ich mir deswegen Gedanken machen sollte?« »Nach allem, was du durchgemacht hast? Ich glaube nicht.« »Seine Nachricht war jedenfalls positiv. Plan A gilt.« »Ich hätte fast vor Schreck meine eigene Zunge verschluckt, als es geklingelt hat«, sagte Berger. »Also, kannst du jetzt Marcus’ Handy verfolgen?« »Ja, ich kann nicht nur sehen, ob es eingeschaltet ist, sondern auch, wo es sich befindet.« Sie hielt ihm ihr normales Handy hin. Es zeigte ein Satellitenbild von der Südhälfte Öjas. Zwei hohe Gebäude waren deutlich zu erkennen: der Leuchtturm und der Lotsenturm. Unweit des Leuchtturms blinkte eine kleine rote Markierung. Als Blom die Karte ein wenig heranzoomte, wurde eine Häusergruppe sichtbar, das Blinken kam aus dem größten der Häuser. Alles deutete darauf hin, dass hier Marcus und Oscar Babineaux mit ihrem geheimen Handy saßen. »Gut«, sagte Berger. »Das Interessante ist, dass wir erkennen können, ob von dem Handy eine Aktivität ausgeht«, erklärte Blom. »Und so ist es. Seit das Handy Öja erreicht hat, wurden acht SMS verschickt und elf empfangen. Alle nach oder aus Paris.« »Was wiederum darauf hindeutet, dass Marcus und Oscar es sowohl geladen als auch versteckt haben, um per SMS mit ihren Freunden in Paris zu kommunizieren, ohne dass es ihr Stiefvater oder die Leibwächter bemerken. Vermutlich weiß ihre Mutter auch nichts davon, aber das lässt sich schwerer sagen.« »Das klingt einleuchtend«, sagte Blom. »Und damit stellt sich die Frage, ob es am schlausten wäre, die Zwillinge vorab zu kontaktieren, um herauszufinden, wie sie die Sache beurteilen. Und zu versuchen, sie darauf vorzubereiten.« Berger nickte. »Ich weiß. Aber das darf nicht zu früh passieren, denn dann müssten zwei Elfjährige fast vierundzwanzig Stunden lang ein Geheimnis bewahren, was wahrscheinlich vollkommen unmöglich ist. Außerdem muss ich sicher sein, dass auch wirklich sie mir antworten und nicht irgendein bis an die Zähne bewaffneter Leibwächter.« »Hast du dir schon eine Frage ausgedacht, die nur Marcus und Oscar beantworten können?« »Ja, ich glaube, ich weiß eine. Nur, wann genau sollte ich sie am besten stellen?« »Auch nicht zu spät. Wir brauchen rechtzeitig eine Antwort. Eine Bestätigung für ihre Interaktion.« »Bestätigung für ihre Interaktion«, äffte Berger sie nach. Blom hob den Kopf und schaute geradewegs in den mittlerweile fast pechschwarzen Himmel. Der Abendstern war bereits sichtbar, bald würde der sternenklare Schärenhimmel in wildes Gefunkel ausbrechen. »Wir können uns jetzt zusammenreißen und so rational wie möglich denken. Oder all unser Denken und all unsere Zielstrebigkeit aufgeben und uns in einem Meer aus Nostalgie und blutenden Herzen verlieren. Welche Variante würdest du bevorzugen?« »Den Nachthimmel«, antwortete Berger und folgte ihrem Blick. »Für die Menschen, die in Höhlen am Rande des Inlandeises gelebt und ihre Traumvisionen im schwachen Schein der Öllampen an die Grottenwände gemalt haben, sah er ganz genauso aus wie für uns.« »Gut, dann nehmen wir eben die Himmelsvariante«, sagte Blom. Sie lachten. Berger startete einen neuen Versuch. Er drückte Mollys Schulter ganz leicht, eine unbestimmte Geste der Zärtlichkeit, und diesmal musste sie sich nicht übergeben. Überwältigt starrte er in die Dunkelheit und empfand eine starke und unanfechtbare Zusammengehörigkeit. Sie saßen am Lagerfeuer und blickten zu der enormen Eiswand hinauf. Trotz des Feuers, dessen Flammen mehrere Meter hoch in den mystischen Sternenhimmel schlugen, würde es bald zu kalt sein, um draußen zu sitzen. Tief unten in der Grotte warteten die Mammut- und Rentierfelle und die Wärme der anderen. Irgendwer würde wieder nicht schlafen können und stattdessen weiter darauf bestehen, an die Grottenwand zu malen. Man würde weiter versuchen, zusammen zu überleben, gegen den Untergang kämpfen und einander wärmen. Sie würden es schaffen, einander zu wärmen. Molly schmiegte sich enger an ihn. Die Sterne arbeiteten sich aus der Dunkelheit hervor, einer nach dem anderen. Obwohl die meisten schon lange tot waren. Das Einzige, was noch von ihnen existierte, war ihr Licht. Schließlich trennten sie sich langsam, und Molly Blom rückte auf dem Stein von ihm ab, bis sie sich nicht mehr berührten. Stattdessen sahen sie einander an. »Du weißt, dass du mich jetzt nach Nynäshamn fahren musst«, sagte sie. »Jetzt schon?« »Es gibt noch ziemlich viel zu erledigen.« Er nickte. Musterte sie. Beugte sich leicht vor und streichelte ihr über den Bauch. Dann sagte er: »Da draußen auf Landsort werden viele Menschen sein, die mir nahestehen. Fünf Menschen, die ich auf die eine oder andere Art liebe.« Sie entgegnete nichts. Während sie aufstand, erwiderte sie nur seinen Blick, schlicht und direkt. »Nicht zwei meiner Kinder«, ergänzte Berger. »Sondern drei. Versprich mir, dass du ein bisschen vorsichtiger bist als sonst.« Sie lächelte und beugte sich langsam zu ihm herab. Im nächsten Moment warf sie hastig den Oberkörper zur Seite und übergab sich. 39 Dienstag, 8. Dezember, 12:30 Um Punkt halb eins fielen die lästigen Sonnenstrahlen auf den Laptop des Anwalts. Er klappte ihn zu, erhob sich vom Schreibtisch, trat ans Fenster und fuhr sich mit den Händen über den kahl geschorenen Schädel. Alles war bereit, die Strategie formuliert, aber dennoch flexibel. Er hatte viel zu oft an diesem Spiel teilgenommen, um jetzt nervös zu sein. Es ging immer um Leben und Tod, daran hatte er sich gewöhnt. Eigentlich wäre er am liebsten in Rente gegangen, aber sein Haus in Lugano war noch nicht groß genug, als dass er sich endgültig zurückziehen konnte. Außerdem würde er den ständigen Blutgeschmack im Mund vermissen. Er nahm einen Schluck von seinem Energy Drink, kaute seinen Proteinriegel, blickte vom höchsten Punkt der Insel auf die Schärenlandschaft und schüttelte den Kopf. Welcher verrückte nordische Gott war auf die alberne Idee gekommen, fünfundzwanzigtausend Inseln im seichten Wasser zu verstreuen? Aber es war ein strahlender Wintertag in diesem kalten Land. Das Wasser begann zu gefrieren, die Sonne wurde von den Eisflächen reflektiert. Auch die Straße zum ältesten Leuchtturm Schwedens wurde von der außergewöhnlich starken Wintersonne beschienen. Dorthin musste er. Der Anwalt drehte sich um und warf einen Blick in den Spiegel. Noch einmal fuhr er sich über den frisch rasierten Kopf, strich seine gemusterte Seidenkrawatte glatt, zupfte sein Jackett zurecht, zog den Mantel aus Vikunja-Wolle an und schob sein MacBook Pro in die Tasche. Dann betrachtete er sich erneut im Spiegel. »Showtime.« Er nahm die Treppe. Im Stockwerk darunter begegnete er einem ebenso elegant gekleideten Mann, sie nickten einander zu, ohne sich wiederzuerkennen, aber der andere war zweifellos Russe. Auch die beiden unauffälligen Herren, die eine Etage tiefer aus der Tür traten, waren vermutlich Juristen. Legionäre. Und äußerst wenige von ihnen scherten sich um die Grenzen des Gesetzes. Seine beiden Mitarbeiter erwarteten ihn im Erdgeschoss. Zwei weitere, ganz ähnliche Teams waren ebenfalls dort. Grußlos glitt der Anwalt durch die Haustür, trat schnell auf die kleine Straße hinaus und blieb dann stehen, um zu dem merkwürdigen Turm aufzusehen, in dem er die Nacht verbracht hatte. Er sah aus wie ein missratenes Hochhaus. »Der Lotsenturm«, sagte er zu seinem erstaunten Team, dann setzte er sich erneut in Bewegung. Es war ein Spaziergang von wenigen Hundert Metern, genau richtig, um das Blut mit ein wenig Sauerstoff anzureichern. Er hatte denselben Weg schon gestern zurückgelegt, um sich einen Überblick über die Geografie und Räumlichkeiten zu verschaffen und ungefähr zu erahnen, wo die Konkurrenten und Gastgeber logierten. Es gab ein Hauptgebäude, die eigentliche Jugendherberge, und eine Menge frei stehender Hütten, die ringsum verstreut lagen, die meisten in der näheren Umgebung. Der Anwalt und sein Team kamen am alten Leuchtturm vorbei, dem südlichsten Außenposten des Stockholmer Schärengartens, und näherten sich der Jugendherberge von Landsort. Nach kurzer Zeit erreichten sie den schäbigen Garten. Im Sonnenschein waren Tische aufgebaut, voneinander getrennt und mit einem deutlich auszumachenden Haupttisch, der längs vor der Fassade der Jugendherberge stand. Noch war der Tisch leer, aber der Anwalt konnte im Hauptgebäude der Jugendherberge einige Bewegungen ausmachen. Zwei der Nebentische waren dagegen besetzt. An einem saßen drei riesige Männer in viel zu dicken Jacken, und der Anwalt konnte nur raten, was für ein Arsenal sich darunter verbarg. Dagegen war er sich ziemlich sicher, wo sie herkamen. Derart ausgeprägte slawische Züge hatte er bisher nur selten gesehen, und er fragte sich sogar, ob sie vielleicht Brüder waren. Jedenfalls bestand kein Zweifel daran, dass sein russischer Anwaltskollege, dessen Schritte den ganzen Weg vom Lotsenturm bis hierher hinter ihm gehallt hatten, genau diesen Tisch ansteuern würde. Es überraschte ihn nicht allzu sehr, dass Russen anwesend waren. Der andere Tisch weckte hingegen seine Neugier. Dort saßen noch keine Anwälte, aber vermutlich würden sich die beiden unauffälligen Kollegen aus dem Lotsenturm bald dorthin gesellen, er konnte ihre Schritte schon hören. Doch mit den drei bewaffneten Soldaten, die auf ihn warteten, hatte er nicht gerechnet. Sie trugen uniformähnliche Kleidung und sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Ihre Züge waren ostasiatisch. Im Ernst? Nordkoreaner? Wie waren die bloß hergekommen? Dies würde zweifelsohne eine harte Auktion werden. Die schwierigste bisher. Der Anwalt schaute auf seine Patek Philippe Grandes Complications Sky Moon Tourbillon und stellte fest, dass seine eigenen Leibwächter in exakt zwei Minuten von ihrer Hütte herüberkommen würden. Er nahm an einem der Tische Platz. Seine Mitarbeiter setzten sich gegenüber, der jüngere von beiden warf einige etwas zu unsichere Blicke in Richtung der Hütten. Wäre ihre vereinte Front nach außen hin nicht so wichtig gewesen, hätte er ihm eine Ohrfeige verpasst. Nach genau zwei Minuten kamen tatsächlich seine Leibwächter. Vier knallharte Araber mit Bärten, die einem Propheten alle Ehre gemacht hätten. Unter ihren kakifarbenen Militärjacken ragte die eine oder andere Waffe hervor. Sie waren auch schon in Österreich und Irland vor Ort gewesen, und er konnte sich hundertprozentig auf sie verlassen. Dies waren nicht die üblichen drogensüchtigen Kleinkriminellen aus den europäischen Ghettos, sondern ehemalige Elitesoldaten der irakischen Armee. Die härtesten, die man finden konnte. Sie versammelten sich um ihn, formierten sich, und obwohl ihre Blicke immer wieder verstohlen zu ihren drei russischen und nordkoreanischen Kollegen hinüberwanderten, gelang ihnen das Kunststück, völlig entspannt auszusehen. Vier gegen drei. Das war immerhin etwas. Wer zuerst blinzelt, hat verloren, dachte der Anwalt und stieß ein verächtliches Lachen aus. Sein Lachen hatte schon lange nichts mehr mit Freude zu tun. Überhaupt war Freude für ihn nur noch eine Erinnerung. Und er erinnerte sich immer weniger daran. Er sah sich selbst als Schuljungen auf dem Schloss Le Rosey in der Schweiz, dem exklusivsten privaten Internat der Welt, und erinnerte sich, wie glücklich er damals gewesen war. Kaum zu glauben, dass dieser kleine Junge von damals jetzt der Anwalt und Repräsentant des Islamischen Staats war. Nein, Freude würde er in seinem Leben nie wieder haben. An Geld mangelte es ihm hingegen nicht. Jetzt nahm er eine Bewegung neben dem Kücheneingang in der Jugendherberge wahr. Im nächsten Moment schritten drei Frauen heraus und balancierten gut gefüllte Tabletts. Sie trugen Kellnerinnenkleidung, die aussah, als stammte sie aus dem 19. Jahrhundert, und servierten alles von Kaffee bis Champagner. Der Anwalt sah, wie sie sich auf die drei Tische aufteilten. Eine Kellnerin näherte sich ihm und seinem Team. Dann kam noch ein Mensch den Hang zum Meer hinauf. Wobei unklar war, ob es sich tatsächlich um einen Menschen handelte. Es schien fast so, als wäre Jesus persönlich erschienen. Nicht etwa, weil die betreffende Person gut und aufopferungsvoll war – ganz im Gegenteil –, sondern weil sie einen ähnlichen Mythos verkörperte. Der Anwalt hätte nie gedacht, dass er diesem Mann einmal leibhaftig begegnen würde. Das erste Mal seit langer Zeit empfand er ein echtes Gefühl. Der Mann wurde von vier steinernen Gesichtern begleitet, aber seines war das härteste. Dies war Nils Gundersen. Höchstpersönlich. Und er hatte keine Anwälte dabei. Anscheinend wollte er das Bieten selbst übernehmen. Gemeinsam mit seinen Söldnern und ohne das Scharfschützengewehr über seiner Schulter abzulegen, schritt Gundersen zu einem leeren Tisch. Dort blieb er stehen und sah sich majestätisch um. Dann lächelte er und ließ sich nieder. Er holte sein Handy hervor und tippte ungezwungen darauf herum, als würde er in der U-Bahn sitzen. Als würde er in aller Ruhe eine SMS schreiben. Der Anwalt rang immer noch um Fassung, während er in die strahlend blauen Augen der lächelnden Bedienung blickte. Sie hatte blondes Haar, in dem noch Spuren einer braunen Färbung zu erkennen waren, und einen markanten Pagenkopf. »Was wünschen Sie zu trinken?«, fragte Molly Blom auf Englisch. Sam Berger saß im Gummiboot und verschickte seine schon lange im Voraus formulierte Nachricht. Die Klippen der Schäre sorgten dafür, dass er von Öja aus nicht gesehen wurde, und das Gummiboot war mit demselben Tau am größeren Motorboot festgemacht, mit dem er es auch hergeschleppt hatte. Er sah auf die Uhr seines Handys. Dies war der abgesprochene Zeitpunkt. Mit dem Geschmack seines Angstschweißes in den Mundwinkeln tippte er die Nummer von Marcus’ geheimem Handy ein. Das laut der App immer noch eingeschaltet war. Dann blickte er in den blauen Himmel hinauf, ehe er seine ungeheuer durchdachte SMS noch einmal Korrektur las. »Lieber Marcus & lieber Oscar! Hier ist euer Vater. Ich habe euch sehr vermisst. Aber jetzt seid ihr in Gefahr. Demnächst wird euer Stiefvater Jean mit seinen Leibwächtern eure Unterkunft verlassen. Haltet euch bereit. Wenn ich mich das nächste Mal melde, schleicht ihr euch durch die Hintertür hinaus und geradeaus nach Osten zum Wasser. Da hole ich euch ab. Umarmung, euer Vater. PS: Ihr entscheidet selbst, ob ihr Mama fragen wollt. Aber nur, wenn ihr glaubt, dass sie auch mitkommen will. Wenn ihr kommen werdet, antwortet mir sofort auf die Frage, wie viele V-Zeichen es insgesamt sein werden.« Dann schickte er sie ab. Alles hing davon ab, ob er eine Antwort bekam. Einfach alles. Jede Sekunde, die verstrich, war qualvoll. Zäh wie Teer schlich die Zeit dahin. Berger schloss die Augen und atmete flach. War sogar bereit, ganz mit dem Atmen aufzuhören. Da ertönte ein glockenheller Klang. In der Nachricht hätte »null« stehen können. Oder »Hahaha«. Oder »Netter Versuch, Alter.« Doch das stand nicht dort. Dort stand: »12.« Also würden nicht nur die Zwillinge kommen. Freja war auch dabei. Dreimal vier V-Zeichen. Sam Berger atmete wieder. Er sog den Sauerstoff des gesamten Stockholmer Schärengartens ein. Gemeinsam mit den anderen Kellnerinnen zog sich Molly Blom wieder in den Kücheneingang zurück. Sie schaute in den Garten der Jugendherberge und versuchte, sich einen Überblick über die Verteilung zu verschaffen. Zu diesem Zeitpunkt waren vier Gruppen zugegen: Araber, Russen, Asiaten und Nils Gundersen und seine Söldner. Ja, sie erkannte den hartgesottenen alten Mann von diversen Fotos wieder. Er wies sogar Ähnlichkeiten mit seinem Sohn, dem plastisch operierten William Larsson auf, den sie – Molly Blom – getötet hatte. Im nächsten Augenblick wurden aus vier Gruppen fünf. Fünf weitere Männer marschierten aus dem Haupteingang. Vier von ihnen waren extrem breit und muskulös und sahen aus wie typische Fremdenlegionäre. Zwischen ihnen ging ein großer, schmaler, sehr elegant gekleideter Mann. Blom hatte sich der Familie nicht nähern können, als sie an diesem Morgen zusammen mit dem übrigen Servicepersonal auf die Insel gebracht worden war – in der Jugendherberge hatte man blickdichte Trennwände aufgestellt –, aber sie zweifelte keine Sekunde daran, dass dies Jean Babineaux war. Mit seinen vier Leibwächtern. Fünf. Drei Mitglieder der Familie waren noch im Haus. Fünf plus drei. Die fünf Männer blieben für einen Moment stehen und betrachteten den Garten. Bevor Husan, eine knallharte Hausdame Mitte fünfzig, in der Küchentür auftauchte und ihre Kellnerinnen ins Haus jagte, konnte Blom noch sehen, wie Babineaux zum Sprechen ansetzte. Es gelang ihr, unauffällig in Husans weite Kellnerinnenschürze zu greifen und anschließend von ihr wegzuschleichen und die Treppe hinaufzulaufen. Durch das Treppenhausfenster konnte sie über den unentbehrlichen Blumentopf hinweg in den Garten sehen. Und hören, wie Jean Babineaux seine Stimme erhob. »Willkommen im Stockholmer Schärengarten. Es freut mich, dass so viele Bieter gekommen sind, und ich bin überzeugt, dass es ein harter, aber ehrenwerter Kampf werden wird«, sagte er laut. »Der Unterschied zu den beiden früheren Auktionen besteht in der bedeutend höheren Qualität und Quantität des Waffenlagers, was dazu geführt hat, dass heute auch die Leiter der Organisationen anwesend sind.« Blom versuchte, von ihrem Platz im Treppenhaus aus zu verstehen, was sie hörte. Anscheinend hatte sie richtig geraten. Babineaux war nur ein Frontmann, ein Repräsentant. Der neue Chef der Waffenorganisation war aber offensichtlich auch anwesend. Nur wo? Im Haus? Waren dort unten, hinter der abgesperrten Tür, zusammen mit Marcus, Oscar und Freja, noch andere Menschen? Die gleich herauskommen würden? Doch niemand verließ die Jugendherberge. Stattdessen erhob sich ein Mann von einem der Tische und ging langsam auf Babineaux zu. Draußen herrschte Totenstille, als Nils Gundersens mächtige Gestalt auf das Gebäude zuschritt. Blom wurde von Übelkeit überwältigt. Sie schloss die Augen und versuchte um jeden Preis, sich nicht zu erbrechen. Und dann verstand sie, was sie sah. Isli Vrapis illegaler Waffenhändlerring – der unbestritten größte der Welt – wurde jetzt von Nils Gundersen angeführt. Jean Babineaux war Nils Gundersens Anwalt. Molly dachte kurz nach. Änderte das etwas? Babineaux und seine Männer waren immer noch dort draußen. Nein, hier war sonst niemand außer Marcus, Oscar und Freja. Alles deutete darauf hin, dass ihre Flucht möglich wäre. Jetzt sofort. Molly Blom beugte sich vor, grub in dem Blumentopf, wühlte eine Plastiktüte heraus und zog ein kindisches rotes Handy daraus hervor. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten, wie sie selbst am ganzen Körper zitterte, als sie die kurze, aber markante Mitteilung verschickte: »Jetzt!« Bergers Telefon vibrierte. Er las die Nachricht. »Jetzt!« Und tatsächlich schickte er genau in dem Moment dieselbe SMS an Marcus und Oscar: »Jetzt!« Dann warf er den lautlosen Außenborder an und umrundete die kleine Schäre mit dem Gummiboot. Öja kam näher, der Leuchtturm von Landsort ragte im Inneren der Insel auf. Berger beschleunigte den Motor maximal, während er der steinigen Küstenlinie folgte. Die Sonne glitzerte auf der hauchdünnen Eisschicht, die aber nie eine ernsthafte Gefahr für den aufgeblasenen Rumpf des Gummiboots darstellte. Vielmehr schien es auf dem Eis dahinzugleiten. Zu schweben. Er legte die Waffe auf den Boden des Boots und formte die Hand zu einer Schale. Sie war leer. Aber in ihr lag das Leben. Nichts. Und alles. Schräg vor sich sah Molly Blom, wie Nils Gundersen, noch immer mit dem Gewehr über der Schulter, auf Jean Babineaux und seine Entourage zuging. Während er majestätisch den Garten durchschritten hatte, war sein Blick die ganze Zeit auf das Handy gerichtet gewesen. Jetzt machte er eine scherzhafte, theatralische Geste, als würde er eine SMS verschicken, und schaute mit einem breiten Grinsen zu seinen Waffenspekulanten auf. Bergers Telefon vibrierte erneut. Das hätte es nicht tun sollen. Er drosselte die Geschwindigkeit und ließ das Gummiboot dahintreiben. Wenn die SMS von Marcus’ Handy kam, konnte das eigentlich nichts Gutes heißen. Aber sie kam nicht von Marcus, sondern von einer unbekannten Nummer. Berger holte tief Luft und las. »Hochverehrter Sam Berger. Wie ich weiß, waren Sie der einzige Freund meines lieben Sohnes. Ich weiß auch, dass Sie ihn auf ganz besonders perfide Weise verraten haben. Vor einer großen Zahl Mädchen haben Sie sein Geschlecht mit einem Handtuch blutig gepeitscht. Und viele Jahre später haben Sie ihn auf genau diese Weise umgebracht, indem Sie auf sein Geschlecht geschossen haben. Das Ausmaß Ihrer Perversion beeindruckt selbst mich, der schon alles gesehen hat. Wirklich alles. Und wenn Sie nicht bereits begriffen haben, dass ich die Familie meines mediokren Anwalts hierhergebracht habe, um sie noch viel grausamer zu töten, als Sie selbst meinen Sohn William getötet haben, sind Sie wohl kaum ein würdiger Gegner, Sam. Sie dürfen gern herkommen und dabei zusehen, wie ich ganz langsam Ihre Zwillinge zu Tode foltere. Mit freundlichen Grüßen, Nils Gundersen« Berger wurde auf der Stelle übel, und er musste sich heftig übergeben. Bleich im Gesicht, gab er Vollgas. Es war an der Zeit, die Lage zu kontrollieren. Sie musste nachsehen, ob die Zwillinge tatsächlich hatten fliehen können. Blom steckte die Hand in ihre Schürze und zog Husans Schlüsselbund heraus. Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter und stand vor der Tür, die den Küchen- und Servicebereich der Jugendherberge vom übrigen Teil des Hauses trennte. Wo sich die Familie Babineaux inzwischen nicht mehr aufhalten sollte. Sie schob den richtigen Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und stand vor einer weiteren Tür, die sie einen Spaltbreit öffnete. Ein Hinterzimmer mit einer Glastür, die zur Rückseite der Jugendherberge führte. Doch Mollys Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem gefesselt. Zwischen zwei schwer bewaffneten Söldnern saßen eine blasse Frau und zwei offensichtlich verwirrte elfjährige Jungen, die einander sehr ähnlich sahen. Und Sam Berger ähnelten sie auch. Während ihr das Herz bis zum Hals schlug, verbeugte Blom sich tief, wie Husan es ihr beigebracht hatte, und fragte mit fröhlicher Stimme: »Wünschen die Herrschaften etwas zu trinken?« Die Söldner winkten ab, als würden sie eine lästige Fliege vertreiben, aber einer der Jungen sagte heiser: »Ich hätte gern eine Cola.« »Ich auch«, echote der andere Junge. Die blasse Frau schwieg. Ihrem Blick zu begegnen war so, als würde man dem Tod in die Augen sehen. Blom machte eine fragende Geste in Richtung der Söldner und bekam so etwas wie ein gleichgültiges Ja zur Antwort. »Ich bin sofort wieder bei Ihnen«, sagte sie, abermals fröhlich. Mit flinken Schritten verließ sie den Raum und zog die Tür nur zur Hälfte zu. Dann stürmte sie die Treppe hoch, wühlte erneut im Blumentopf, fand die Plastiktüte mit dem roten Handy, grub weiter und holte noch eine Tüte hervor. Darin lagen zwei Gegenstände. Mit zitternder Hand befestigte sie den einen am anderen und entsicherte die nun schallgedämpfte Pistole. Mit der sie schon ihren eigenen Adoptivvater getötet hatte. Und Ali Pachachi die Schrotflinte aus der Hand geschossen hatte. Wenn auch ohne Schalldämpfer. Sie eilte in die Küche, suchte nach Cola-Dosen, während ihr die anderen Kellnerinnen befremdete Blicke zuwarfen, konnte Husan erfolgreich aus dem Weg gehen, fand ein Tablett und schließlich auch zwei Cola-Dosen im Kühlschrank. Damit machte sie sich wieder auf den Weg, balancierte das Tablett auf der linken Hand, die rechte Hand hielt sie hinter dem Rücken. Vor der zweiten Tür blieb sie mucksmäuschenstill stehen, realisierte mit großer Deutlichkeit, was auf dem Spiel stand, und schob dann die Tür mit dem Fuß auf. Mit einem strahlenden Lächeln betrat sie das Zimmer. Die Söldner warfen ihr scharfe, misstrauische Blicke zu. Mehr aber nicht. Kein Waffengeklirr. Molly Blom ließ das Tablett los. Für einen kurzen Moment schien es in der Luft zu schweben, als wäre die Schwerkraft aufgehoben worden. Dann fiel es krachend zu Boden. Im selben Moment zog Blom ihre Waffe und schoss dem linken Söldner vollkommen lautlos in die Stirn. Der rechte hatte bereits seine Maschinenpistole erhoben, als sie ihr Magazin auf seinen Körper verschoss. Hastig bedeutete sie der Familie, still zu sein. Die Zwillinge und die Frau starrten sie an, als würden sie nie wieder einen Ton herausbringen. »Schlau mit der Cola«, sagte sie und deutete auf die Glastür. »Ihr wisst, wo ihr hinmüsst. Haut sofort ab!« Sie blieb stehen und sah, wie die drei auf zitternden Beinen verschwanden. Noch während sie sich umdrehte, stieg erneut die Übelkeit in ihr auf. Und im Türrahmen stand Husan, mit offenem, aber stummem Mund. Blom trat einen Schritt auf sie zu. Husan machte auf dem Absatz kehrt und stolperte zum Haupteingang der Jugendherberge. Durchs Fenster konnte Blom sehen, wie sie in den Garten hinauslief und auf Babineaux zustürzte, um ihn zu warnen, aber keinen Laut über die Lippen brachte. Blom beobachtete, wie Babineaux zurückwich, ebenfalls lautlos, alles geschah wie in einem Stummfilm. Im Augenwinkel bemerkte Molly eine Bewegung drüben bei den Russen. Der größte der drei Brüder reagierte reflexhaft, ein Leibwächter auf Speed. Mit einer erschreckenden Geschwindigkeit zog er eine klassische Kalaschnikow unter seiner Jacke hervor. Husan hatte Babineaux nun fast erreicht, als der russische Leibwächter einen Präzisionsschuss auf ihren Hals abfeuerte. Die Haushälterin fiel auf Babineaux, während das Blut aus ihrem Hals sprudelte, und konnte gerade noch etwas flüstern. Babineaux stürzte rücklings, Husan über sich, auf den Boden. Dann starb sie in seinen Armen. Angeekelt versuchte Babineaux, unter der Leiche hervorzukriechen. Gundersen hatte gebieterisch seine Hand gehoben und konnte damit vorerst weitere Schüsse abwenden. Als er sicher war, dass sich die Lage beruhigt hatte, beugte er sich herab, zog Husan hoch und warf ihre Leiche beiseite wie einen alten Sack. Dann beugte er sich über Babineaux, der etwas stammelte. Gundersen schüttelte den Kopf und gab einem seiner Männer mit der Hand einen deutlichen Befehl. Molly Blom sah, wie der Leibwächter losstürmte. Während er an ihrem Fenster vorbeirannte, riss er eine Waffe unter seiner Fremdenlegionsjacke hervor. Sie glaubte, ein echtes Scharfschützengewehr zu erkennen. Er rannte nach Osten, Richtung Wasser. Blom sprang wieder die Treppe hoch, grub in dem verdammten Blumentopf, holte die Plastiktüte heraus, zog das rote Handy hervor und versuchte, eine Telefonnummer zu wählen. Aber ihre Hände zitterten zu stark. Als sie es nicht mehr zurückhalten konnte, stürzte sie wieder zum Blumentopf, erbrach sich schwallweise, wischte sich den Mund ab und gab schließlich doch die ganze Nummer ein. Es ging ihr wirklich nicht gut. Jemand meldete sich, und sie sagte auf Schwedisch: »Die Familie ist jetzt draußen.« »Danke«, antwortete eine ruhige Männerstimme am Telefon. Kurz bevor Molly auflegte, hörte sie dieselbe Stimme rufen: »Snipers ready!« Berger hatte bereits das Ufer erreicht, als er den Schuss hörte. Ein einziger Schuss, sehr klar und deutlich. Wie eine Warnung. Oder eine Hinrichtung. Er fuhr mit dem Gummiboot direkt auf das Felsufer zu, sprang heraus, zog das Boot weiter an Land, drehte sich um und zögerte kurz. Dann hob er die Waffe vom Boden auf und betrat den Ort, wo seine geliebten Zwillinge von einem gewissenlosen, rachsüchtigen Söldner rituell ermordet werden sollten. War der Schuss gegen jene gerichtet gewesen, die er früher seine Familie genannt hatte? Gegen jene, die für immer und ewig seine Kinder bleiben würden? Auch wenn sie tot auf Öja lagen? Da sah er etwas, das durch das Gehölz am Hang zum Meer fegte. Er sah, wie sich die Äste mit einer geradezu absurden Langsamkeit öffneten, nur um dem hinteren Jungen im nächsten Moment direkt ins Gesicht zu peitschen. Der vordere war schon auf dem Weg zu ihm. Er erkannte Marcus, seinen älteren Sohn, sofort wieder. Seine Miene war gequält, und dennoch lächelte er. Ein wiedererkennendes Lächeln trotz Todesangst. Marcus war elf Jahre alt und rannte wie ein Besessener. Er sprang ins Gummiboot hinab, und Berger schob es sofort ins Wasser. Dann blickte er zu Oscar. Sein jüngerer Sohn rieb sich die Stirn, an der er soeben von den zurückschwingenden Ästen getroffen worden war. Aber auch er stürmte weiter auf das Gummiboot zu und sprang hinein. Trotz der Zeitnot vereinten sie sich in einer innigen Umarmung. Das war alles, was Berger sich gewünscht hatte. Nichts anderes auf dieser Welt. Dennoch gelang es ihm, das Boot weiterhin am Ufer zu halten. Lange genug, um einen Blick über die Köpfe seiner Zwillinge hinweg zu werfen. Und da kam sie. Freja. Sie taumelte als Letzte aus dem Gehölz und stolperte zum Gummiboot. Ihre Blicke trafen sich, Sams und Frejas, die Blicke des Vaters und der Mutter, und sie lächelte. Aber es war nicht mehr dasselbe Lächeln wie vor fünfzehn Jahren. Es war ein anderes. Wie viele Schönheitsoperationen hatte Freja Babineaux schon hinter sich? Ihm war es egal, er lächelte zurück. Als sie gerade einen Schritt ins Gummiboot machen wollte, raschelte es fünfzig Meter weiter nördlich zwischen den Bäumen. Ein Mann kam hervor. Ein großer Mann. Er sah aus wie ein Soldat der Fremdenlegion. Und die Waffe, die er jetzt langsam, aber sicher hob, sah leider aus wie ein Scharfschützengewehr. »Fahr los«, schrie Freja. »Rette die Kinder. Fahr so weit raus, wie du kannst, und kipp das Boot um. Taucht.« Sie warf ihm eine Kusshand zu, genau in dem Moment, als der Schuss fiel. Einsam hallte er über Landsort hinweg. Berger sah noch, wie der Blick aus Frejas Augen zu erlöschen schien. Es war eine Schnellfeuerwaffe, sie würden keine Chance haben. Berger drückte seine Zwillinge noch fester an sich und wünschte, dass sie ihn in die nächste, hoffentlich bessere Welt begleiten würden. Dann hob er den Blick zu der Stelle, an der Freja zusammengesackt sein musste. Doch sie war nicht zusammengesackt. Ihr Blick war nicht erloschen. Im Gegenteil, aus ihm sprach einfach nur ungeheures Erstaunen. Der Fremdenlegionär war auf die Knie gesunken, sein Körper drücke den Lauf seiner Waffe in den Boden. Dann fiel er über den Kolben und blieb aufgestützt sitzen. Hinter ihm tauchte ein Mann auf, der eine rauchende Pistole in der Hand hielt. Sein Haar war kreideweiß, und auch seine Haut schien fast weiß zu sein. Er gab Berger mit einer Geste zu verstehen, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen sollten. Berger begriff gar nichts. Doch er warf den lautlosen Motor an, Freja sprang an Bord, und sie rasten auf die kleine Schäre zu, wo das größere Motorboot wartete. Zwischendurch wechselten sie Blicke, erstaunte, verwirrte Blicke. Der große, kreideweiße Mann blieb am Ufer neben der aufgestützten Leiche zurück und tat etwas Unerwartetes. Er salutierte ihnen. So verharrte er, bis sie außer Sichtweite waren. Dann hörten sie einen dritten Schuss. Und einen vierten. Anschließend brach die Hölle los. Es war, als würde die ganze Insel in einem perversen Feuerwerk explodieren. Molly Blom blieb auf der Treppe liegen. Sie hatte das Gefühl, das Leben würde aus ihr herausrinnen. Ausgerechnet ein Schuss weckte neue Energien in ihr, ein Pistolenschuss aus der Ferne. Sie kam auf die Füße, wankte die Treppe hinab und taumelte zusammen mit einer anderen Kellnerin aus der Küchentür. Draußen sah sie einen sehr bleichen Jean Babineaux, der von drei eng zusammenstehenden Leibwächtern gegen die Fassade der Jugendherberge gedrückt wurde. Die Söldner stürmten auf Nils Gundersen zu, um ihm Deckung zu geben. Gundersen sagte mit sicherer, autoritärer Stimme: »Die Auktion wird vorübergehend ausgesetzt. Ich muss um einige Minuten Geduld bitten. Senken Sie alle Ihre Waffen. Und zwar jetzt!« Nachdem sie Blicke in alle Richtungen geworfen hatte, tat die gesamte Leibwächtermannschaft, wie ihr geheißen. Nur ein Mann kam auf die Idee zu protestieren. Der IS-Anwalt stand auf. Seine blanke Glatze reflektierte die Sonne. Mit lauter, freudloser Stimme erklärte er: »Ich glaube, wir sollten das Spektakel an dieser Stelle lieber einstellen.« Im nächsten Moment wurde ihm der glatt rasierte Schädel weggeblasen. Von irgendwoher schwebte eine Erinnerung herbei, von einem Jungen im Glücksrausch, der zum Himmel blickt, die Arme ausbreitet und die Gaben des Lebens empfängt. Dann war sie wieder weg. Die IS-Soldaten reagierten instinktiv. Der eine verpasste einem von Gundersens Legionärstypen einen Kopfschuss. Gundersen selbst brachte mit erstaunlicher Geschwindigkeit sein Scharfschützengewehr in Stellung und nietete einen der russischen Brüder um, während dieser noch nach seiner Kalaschnikow tastete. Der größte Russe war mit seiner Aufmerksamkeit ganz woanders, er hatte sein Maschinengewehr bereits im Anschlag und schaltete in schneller Folge zwei Nordkoreaner aus, während der dritte mit beachtlicher Präzision zwei von Babineaux’ Leibwächtern umlegte. Obwohl seine beiden unmittelbaren Nachbarn im menschlichen Schutzgürtel um Babineaux gefallen waren, erschoss ein dritter Leibwächter ohne Zögern den größten Russen. Jetzt blieb Babineaux nur noch ein Bodyguard, Gundersen wurde von zweien gedeckt. Babineaux’ Leibwächter schützte ihn mit seinem Körper, und sie glitten im Krebsgang an der Außenwand der Jugendherberge entlang in Richtung Haupteingang. Die IS-Soldaten und die Legionäre Gundersens, die noch übrig waren, ballerten wild aufeinander los, den letzten Koreaner streckte ein Fernschuss zu Boden. Tische wurden umgekippt, konnten jedoch keinen wirklichen Schutz gegen Waffen mit einer so grenzenlosen Schlagkraft bieten. Von den IS-Soldaten war jetzt nur noch einer übrig, und er erhob sich hinter einem durchsiebten Tisch und zielte auf Babineaux. Dessen Leibwächter fing den Schuss mit seinem Körper ab. Er sackte im selben Moment zusammen, in dem sein Mörder eine Kugel in den Kopf bekam. Von ihm blieb nur noch die Hälfte übrig, als er nach hinten geschleudert wurde. Blom sah, wie zwei gut platzierte Schüsse aus der Ferne Nils Gundersens letzte Leibwächter trafen, doch als seine Verteidigungsmauer fiel, befand sich dahinter kein Gundersen mehr. Er war verschwunden. Kurz nachdem der vorletzte Fernschuss ertönt war und den russischen Anwalt erwischt hatte, schlug die letzte Kugel in Jean Babineaux’ Schulter ein und riss ihm den halben Arm weg. Langsam glitt er an der Wand der Jugendherberge hinab und hinterließ eine rote Schleifspur. Dort lag er noch immer, als sie heranstürmten. Die erste Welle war schwarz gekleidet. Sie hatten Scharfschützengewehre und Schnellfeuerwaffen. Zunächst sicherten sie die wenigen Anwesenden, die sich noch bewegen konnten. Einige, aber nicht viele der Überlebenden waren noch bei klarem Verstand. Molly Blom sah alles mit an. Sie saß auf der Küchentreppe neben einer ohnmächtigen Kellnerin und betrachtete die Geschehnisse wie durch einen Filter. Einen Filter, der den vereinten Wahnsinn aller Dinge zeigte. Glasklar. Dann übergab sie sich. Die zweite Welle kam in Zivil. Molly konnte nicht zählen, wie viele es waren. Aber einen Mann erkannte sie wieder. Er hatte wirres graues Haar, war ziemlich schmal und trug Jeans und eine Thermojacke. Das Veilchen um sein Auge war immer noch zu sehen. Er blieb mitten im Garten stehen, streckte die Hände aus, eine davon mit einer Pistole, schüttelte den Kopf und drehte sich langsam am Kriegsschauplatz im Kreis. Dann hielt er inne. Schüttelte noch einmal leicht den Kopf, seufzte und sagte nur kurz und knapp: »Europa.« Während er auf Molly Blom zuging, rief er einem Mann zu, der neben ihm herlief und südeuropäisch aussah: »Angelos! Haben wir Arto im Blick?« Am Hang zur Ostseite der Insel erschien ein großer, schmaler, kreideweißer Mann. Er schob seine Pistole zurück ins Holster und sagte: »Ich bin hier.« Der Grauhaarige drehte sich zu ihm um. »Ist alles gut gegangen?« Der Weißhaarige nickte. »Es ist gut gegangen.« Der Grauhaarige lächelte kurz. Der Weißhaarige bemerkte: »Du musst irgendetwas gegen dieses Veilchen unternehmen. Das sieht einfach würdelos aus.« Der Grauhaarige ging zu Blom und hockte sich neben sie. Sie spürte, wie schief sie dort hing, wie schief sie noch immer das ganze Geschehen wahrnahm. »Alles in Ordnung, Molly?«, fragte er mit ruhiger Stimme. »Das würde ich nicht direkt sagen«, antwortete sie. »Gundersen ist weg.« Der Mann mit dem Veilchen gab den anderen einen schnellen Wink und schrie einen englischen Befehl. Alle Fremden brachten sich in Sicherheit. Hastig zog der Grauhaarige Blom und die ohnmächtige Kellnerin in die Jugendherberge. Er lächelte, strich ihr kurz über die Wange und sagte: »Ohne Sie hätten wir nie hergefunden. Ich schulde Ihnen großen Dank, Molly. Es wird verdammt noch mal immer schwerer, die Demokratie zu verteidigen. Und am Ende fragt man sich, ob es überhaupt die Demokratie ist, die man verteidigt.« Sie betrachtete ihn. Ihr Blick war eigentümlich mikroskopisch. Sie sah jede Einzelheit, jede noch so kleine Pore. Entdeckte eine Hautveränderung direkt unter dem Veilchen, eine Rötung. Einen Pickel. Der Mann mit dem Veilchen und dem Pickel stand auf, begab sich hinaus und beugte sich über Jean Babineaux’ gefallenen, aber noch immer keuchenden Körper. »Die Koordinaten, Jean«, forderte er auf Englisch. Babineaux’ vor Kurzem noch bildschönes Gesicht war völlig verzerrt. »Leck mich am Arsch«, fauchte er auf Französisch. Der Grauhaarige schüttelte sanft und mitleidig den Kopf. »Wir wissen, dass Sie sie irgendwo auf Ihrem Telefon oder Ihrem Computer haben«, sagte er. »Das Problem ist, dass Sie sterben müssen, wenn ich gezwungen bin, danach zu suchen. Wenn Sie mir die Koordinaten verraten, werden Sie überleben. So einfach ist das.« Babineaux starrte ihn mit gebrochenem Blick an. »Europol«, fauchte er. »Fuck off.« »Leben oder sterben, Jean? Ich zähle von drei herunter. Drei. Zwei. E…« In dem Moment explodierte Jean Babineaux’ Kopf. Der Grauhaarige warf sich hinter dem gefallenen Körper zu Boden. Einer der Schwarzgekleideten rief: »Waldrand, Nordwest!« Dann rannten sie los. »Verdammt«, fluchte der Mann, zog Babineaux’ Handy aus seinem Jackett und ging damit in die Jugendherberge zurück. Er landete wieder neben Molly. »Gundersen?«, fragte sie. Der Mann verzog das Gesicht. »Er muss steinalt sein, unser lieber Nils, aber er ist noch immer ein teuflisch guter Scharfschütze.« »Aber warum hat er Babineaux erschossen?« »Eigentlich wollte er wohl das hier treffen«, erklärte der grauhaarige Mann und hielt das Handy hoch. »Hier befinden sich die Koordinaten des großen Waffenlagers. Ich muss sie nur finden.« Er fing an, in dem Telefon zu suchen. Einige eigentümlich träge Minuten flossen dahin. In Bloms Kopf war die Zeit außer Kraft gesetzt. Es ging ihr erbärmlich. Endlich nickte der Mann und grinste. »War nicht sonderlich schwer«, sagte er. »Kühnheit und Karma haben denselben Anfangsbuchstaben.« Er machte einen Screenshot, schickte ihn weiter und überließ Molly Blom das Handy. »Was?«, fragte sie. »Was soll ich denn damit? Ihr habt doch alles geregelt?« »Wir?«, fragte der Grauhaarige lächelnd. »Wir waren nie hier.« Blom musste lachen. Es ging ihr wirklich nicht besonders gut, aber sie konnte es sich nicht verkneifen. Sie lachte so lange, bis der Grauhaarige einstimmen musste. »Helfen Sie mir mal auf«, bat sie schließlich. Er tat es. Sie führte ihn nach Osten. Ein anderer Mann in Zivil tauchte auf und gab ihr die Hand. Sie drückte sie verwundert. Er war kleiner als sie und sah südamerikanisch aus. »Hervorragende Arbeit«, sagte er auf Schwedisch. »Danke.« Und noch ehe sie etwas erwidern konnte, war er verschwunden. Sie starrte ihm nach und fragte erstaunt: »Wer war das denn?« »Jorge«, sagte der Grauhaarige. »Nicht weiter wichtig.« Doch man sah ihm an, wie wichtig es ihm war. Sie gelangten zu dem Hang. Darunter breitete sich das Meer aus, zur Hälfte mit Eis bedeckt. Die beginnende Dämmerung spiegelte sich auf der Meeresoberfläche. Molly sank auf die Knie und wartete. Der Mann kniete sich neben sie und sagte: »Morgen in Schwedens zweitältester Kirche. Wenn man überleben will, braucht man ein bisschen Abwechslung. Was halten Sie von ein Uhr? Morgen dürfen Sie ausschlafen, Molly, das haben Sie sich wirklich verdient.« Sie schüttelte nur den Kopf. Dann hörte sie es. Sie hörte, wie das Motorboot gestartet wurde. Lächelnd schloss sie die Augen. IV 40 Dienstag, 8. Dezember, 18:32 Es gab nur ein Schiff. Aus ein wenig Distanz sah es aus wie ein Gespensterschiff. Alles war dunkel, der Schärengarten, das Schiff. Alles war dunkel und kalt. Alles fraß sich in einen hinein. Doch als das Schiff eine abgelegene Insel umrundete, gab es plötzlich auch wieder Licht. Ein begrenztes Licht, oben auf der Insel. Einen hell erleuchteten Bereich, der an einen uralten Opferplatz erinnerte. Weiß gekleidete Druiden bewegten sich in gleichmäßigen Bahnen über die erleuchtete Bühne. Bei näherem Hinsehen waren es vielleicht auch Kriminaltechniker. Die Scheinwerfer, die man oben bei der Jugendherberge von Landsort aufgebaut hatte, waren enorm stark, aber sehr gezielt. Ihre Leuchtkraft drang nicht bis an die Außenwelt. Ein Satellit hätte die Szene womöglich von oben einfangen können, aber es gab keine Satelliten in der Nähe. Nur das Schiff. An Deck befanden sich mehrere Menschen. In der Dunkelheit sagte einer von ihnen, ein Mann: »Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?« Der Angesprochene nickte. Er war das Gegenteil der Druiden. Ganz in Schwarz, und die schwarze Kleidung saß wie eine zweite Haut. Er sagte nichts, sah sich nur um. An Deck des Gespensterschiffs befand sich sein ganzes Leben. Und es war immer noch da. Alles war noch da. Er formte die Hand zu einer Schale. Sie war leer. In ihr lag das Leben. Nichts. Und alles. In einem geheizten Bereich an Deck saßen, ganz eng beieinander, zwei Zwillingsjungen und ihre Mutter, gut bewacht von unverkennbaren Säpo-Mitarbeitern. Näher an der Reling standen weitere, dunkel gekleidete Säpo-Männer um einen kleinen Kreis von Menschen herum. Abgesehen von ihm und dem Mann, der gesprochen hatte, noch zwei Frauen. Beide hatten einen Pagenkopf, die eine braunhaarig, die andere blond, wenn auch mit braunen Strähnen. In der Ferne erlosch die Beleuchtung, der Opferplatz wurde aufgelöst, und die Druiden verflüchtigten sich. Mit einem Nicken zum letzten Licht der Insel hin sagte der Mann, der gesprochen hatte: »Mehr als zwanzig Tote. Das ist wirklich einzigartig auf schwedischem Boden.« Jonas Andersson, Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und operativer Chef der Säpo, erhielt zunächst keine Antwort. Erst einige Sekunden später entgegnete Kommissarin Desiré Rosenkvist von der Nationalen Operativen Abteilung, kurz NOA: »Mehr als zwanzig? Echt wahr?« »Und da ist der ermordete August Steen noch nicht mit eingerechnet«, erklärte Andersson. »Ich nehme an, Sie werden alle verstehen, dass in diesem Fall eine absolute Verschwiegenheitspflicht besteht. Für alle Beteiligten«, ergänzte Andersson und nickte vielsagend in Richtung Marcus, Oscar und Freja. Erneut breitete sich Schweigen aus. »Aber, mehr als zwanzig Tote …«, sagte Deer. »Warum ist nicht die ganze Insel voll mit internationaler Presse?« »Das entspricht wohl Monaten Bandenkrieg in den schwedischen Vororten«, erwiderte Andersson zynisch und zuckte mit den Schultern. »Und hier scheint es dasselbe Phänomen zu sein: Mörder ermorden Mörder.« »Trotzdem müssten die Medien doch längst da sein«, beharrte Deer. »Bisher ist nichts an die Öffentlichkeit gedrungen«, erklärte Andersson. »Es gab ein paar Beschwerden von alten Tanten, weil ihre Hunde von verfrühten Silvesterraketen erschreckt wurden, mehr nicht.« »Wohnen denn keine Menschen da?« »Sie haben die Insel geräumt«, erklärte der Mann in der hautengen schwarzen Kleidung. »Und für die Säpo ist es sicher eine einmalige Chance, ohne die Einmischung der Medien zu arbeiten.« »Eigentlich hätten wir dort mehrere Wochen gebraucht«, brummelte Andersson. »Jetzt sieht es ganz danach aus, als würden die Bewohner schon morgen zurückkehren. Wenn wir nicht eine unauffällige Lösung finden, wie wir das noch ein bisschen hinauszögern können.« »Gibt es wirklich gar keine Zeugen?«, fragte Deer. »Zwei Kellnerinnen«, antwortete Andersson. »Die eine war ohnmächtig, die andere hat sich im Schrank versteckt. Sie können über den Vorfall nicht mehr sagen, als dass es plötzlich wie wild geknallt hat. Aber sie wissen immerhin davon.« »Hätte es die beiden nicht gegeben, könnte die Säpo alles verschleiern«, sagte der schwarz gekleidete Mann. »Und die Frage ist, ob es Ihnen wirklich nicht gelingt, zwei Kellnerinnen einen Maulkorb zu verpassen.« Jonas Andersson sah ihn an. »Sie, Sam Berger, waren nicht einmal vor Ort. Aber Molly Blom hat alles gesehen. Sie weiß exakt, was passiert ist. Genau wie ich jetzt exakt weiß, was oben im Inland passiert ist. Dank Kommissarin Rosenkvists vorbildlichem, konzisem schriftlichem Bericht. Sie sind ja wirklich ein unzertrennliches Trio, Sie drei, nicht wahr?« »Ein richtiges Triumvirat«, brummelte Berger und warf der errötenden Deer einen scheelen Blick zu. »Dann lassen Sie uns doch jetzt mal alle Karten auf den Tisch legen«, sagte Andersson. »Es stimmt doch, dass Sie exakt wissen, was dort auf Öja vorgefallen ist, Molly?« »Es geht mir nicht besonders gut«, antwortete Molly Blom nur. »Das sagten Sie bereits«, erwiderte Andersson kalt. »Und Sie wollen allen Ernstes behaupten, Sie wären auch die ganze Zeit bewusstlos gewesen?« Blom nickte in der Dunkelheit. »Tut mir leid«, sagte sie. »Aber Sie wissen doch auch so genug.« »Ihre Hypothese ist also, dass Carsten Boylan, der inzwischen verstorben ist, August Steen entführt und ermordet hat? Um aus Ali Pachachi herauszubekommen, wann und wo diese Waffenauktion stattfinden sollte und diese Information anschließend an die Nordkoreaner weiterzugeben? Ali Pachachi, der Mann mit dem Netzwerk, der dank Kommissarin Rosenkvist jetzt auch offiziell im Gewahrsam der Säpo ist?« »So muss es gewesen sein«, antwortete Blom. »Carsten muss eine Absprache mit Nordkorea getroffen haben. ›Some say the bee stings: but I say, tis the bee’s wax‹ …« »Dank mir ist ja wohl übertrieben«, fiel Deer ihr ins Wort. »Es waren Sam und Molly, die …« »Sie haben die Videos bekommen«, unterbrach Berger sie. »Jetzt ist es Ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass innerhalb der Säpo nicht noch mehr korrupte Machtzentren wie dieses Triumvirat entstehen. Aus dem am Ende doch nur ein Bermudadreieck wird.« »Das Bermudadreieck«, sagte Andersson nickend. »Es gab immer schon Gerüchte über Steen. Dass er Informationen besaß, die niemand sonst kannte. Dass er tun und lassen konnte, was er wollte. Für mich war er auch unantastbar.« Jonas Andersson verstummte und dachte nach. Dann zeigte er in die Richtung, in der Landsort schon längst in der Dunkelheit versunken war. »Wir müssen trotzdem noch einmal dorthin zurück«, sagte er. »Ich werde Sie natürlich alle drei befragen, aber ich brauche einen Grund. Ich muss über den Grund nachdenken, ehe wir mit diesen langen und zeitraubenden Vernehmungen anfangen.« »Dann stellen Sie doch eine Frage«, erwiderte Berger. Jonas Andersson lachte kurz, wurde jedoch mit einem Mal sehr ernst und sagte: »Die Waffenauktion. Erzählen Sie kurz davon.« »Isli Vrapis Nachfolger innerhalb der größten illegalen Waffenhandelsorganisation der Welt hat ein Waffenlager aufgebaut, um es in Europa zu verkaufen, weil der IS vor einigen Jahren als unüberwindbar galt und gerade die Nachricht verbreitet hatte, er plane Terroranschläge in der westlichen Welt. Ein neuer Waffenmarkt war entstanden. Es kamen weitere Interessenten hinzu, und Vrapis Nachfolger beschloss, regelrechte Versteigerungen abzuhalten, um den größtmöglichen Profit herauszuschlagen. Die Auktion in Landsort war die dritte und eindeutig größte. Vier Gruppen von Bietern waren zusammengekommen. Irgendetwas hat am Ende dazu geführt, dass sie sich gegenseitig abgeknallt haben. Und alle Anwesenden waren herausragende Schützen.« »Sie behaupten also, dass Isli Vrapis Nachfolger der Söldner Nils Gundersen war? Der von einem Anwalt namens Jean Babineaux vertreten wurde?« »Ja«, sagte Berger. »Aber was ist mit Gundersens Leiche«, wendete Andersson mit einer fragenden Geste ein. »Sie fehlt. Jean Babineaux haben wir hingegen tot aufgefunden.« Berger deutete auf seine Söhne und Freja, die neben ihnen im geheizten Bereich an Deck saßen und sagte: »Ja, das habe ich schon gehört. Seine Familie wurde hingegen befreit. Ich hoffe, Sie können sie vor Nils Gundersen beschützen. Wie Sie wissen, sind das meine Kinder, meine Zwillinge, und die Mutter meiner Kinder.« »Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie in ein Zeugenschutzprogramm kommen«, sagte Andersson. »Sie vielleicht auch, Sam. Aber wie konnte Nils Gundersen fliehen?« Berger und Blom hatten sich in der letzten Zeit so oft in die Augen gesehen, dass es jetzt nicht mehr nötig war. Beide hielten den Mund. Dann wurde die gleichmäßige Fahrt des Schiffs unterbrochen. Der Motor verstummte, die Ankerketten wurden ausgefahren, Besatzungsleute tauchten an Deck auf und zerrten an dicken Tampen. Molly Blom holte ein Handy hervor, das nicht ihr eigenes war. Sie öffnete einen Screenshot. Berger schaute auf das GPS seines Handys. Die Ziffern stimmten überein. Sie waren angekommen. Ein respekteinflößender Mann Mitte fünfzig tauchte auf, ein richtiger Seebär. Mit der zu erwartenden Whiskystimme sagte er: »Das sind im Großen und Ganzen die Koordinaten der Djupet.« Sie sahen ihn an. Der Kapitän schuldete ihnen eine Erklärung. Stattdessen wartete er ab. Schließlich sagte Berger: »Ah.« »Mm, eine gewisse Vorsicht empfiehlt sich.« »Also die Landsortsdjupet?«, fragte Berger. »Die tiefste Stelle der Ostsee?« »Good boy«, antwortete der Kapitän heiser. »Eine sichelförmige Verwerfung, einen halben Kilometer tief. Es geht direkt in den Abgrund. Euer Zeug müsste größtenteils am Rand liegen. Sind Sie bereit? Wir brauchen vier Fixpunkte von Ihnen.« Berger nickte. Warum, wusste er selber nicht. Er gab Blom sein Handy, richtete seinen Neoprenanzug und zog die Tauchhandschuhe über. Dann kam eine Gruppe anderer Taucher auf ihn zu, die anfingen, Sachen an seinem Körper zu befestigen. Während ihm einer, der eine Art leitender Taucher zu sein schien, Anweisungen ins Ohr flüsterte, winkte Berger die Zwillinge zu sich. Ein wenig zögernd kamen sie herbei. Er ging schwer beladen vor ihnen in die Knie. Marcus und Oscar. Ihre Gesichter so nah. Ihre Blicke, ihre Mienen. So ähnlich, und doch so verschieden. Sie würden für immer die Fixpunkte seines Lebens bleiben. Aber sie würden nicht länger ein Himmel sein, nicht mal ein Polarstern. Sie wären kein unerreichbares Ideal mehr, sondern Menschen, und sie wären in seiner Nähe. Er wollte ihre Wangen berühren. Sie wichen zurück. Er trug immer noch die Tauchhandschuhe. Stattdessen zog er sie an sich, Wange an Wange. Ihre Wärme breitete sich in ihm aus. Jetzt kein Wort. Kein Wort, das alles banalisierte. Dies musste genug sein. Er ging zur Reling. Griff hastig Molly Bloms Hand. Sie mimte mit den Lippen ein »Bist du ganz sicher?« Er nickte. Der leitende Taucher kam herbei. Er zog an den Bändern, justierte alles, schloss den Deckel des merkwürdigen Metallkorbs auf seiner Brust. »Hier befinden sich vier Metallplatten mit Sendern«, erklärte er. »Verlieren Sie keine davon. Wir haben nur diese.« »Okay«, sagte Berger. Der leitende Taucher zögerte und fixierte ihn für einen Moment. Dann sagte er: »Sie wissen schon, dass wir hier vier Profis sind, oder? Sie müssen das wirklich nicht machen.« »Doch«, erwiderte Berger. »Es gibt da etwas, das ich hinter mich bringen muss.« »Was denn?« »Den Tiefenrausch«, antwortete Berger. Er zog die Schwimmflossen an, und ehe sie ihn in das eiskalte Wasser abseilten, biss er beherzt in das Mundstück, das nach Gummi schmeckte. Er gelangte mit einem kleinen Aufzug am Rumpf des Schiffs entlang nach unten und wurde vom Kälteschock überwältigt. Die Kälte presste den Neoprenanzug an seine erschrockene Haut. Nichts Neues. Eine Weile lag er da und trieb neben dem dunklen Geisterschiff her. Dann wurden die Scheinwerfer eingeschaltet, einer nach dem anderen, erst oberhalb der Wasseroberfläche, dann unterhalb. Er schaltete auch seine eigene Handlampe ein, die mit einem Riemen an seinem Handgelenk befestigt und erstaunlich stark war. Als er sie auf den Nachthimmel richtete, schien sie die Sterne zu erleuchten. Dann tauchte er. Die Unterwasserscheinwerfer erhellten das dunkle Wasser. Plötzlich gab es Leben dort unten, Bewegung. Er sah, wie sich der Oberlippenbart seines Vollbarts hinter dem gehärteten Glas der Tauchermaske hob, er sah Blasen, winzige Tierchen, Teile von Tang und Algen vorbeischweben. Ein kleiner, farbloser Fischschwarm flitzte vorüber. Und er sah eine große Tiefe. Die allerdings nur ein Bruchteil der richtig großen Tiefe war. Die wiederum nur ein Bruchteil dessen war, was die Erde im Verborgenen zu bieten hatte, ihrem größten und geheimsten Teil. Er ließ sich eine Weile lang treiben, atmete ruhig und konzentriert. Dann begab er sich hinab. Berger fand den großen Container fast sofort. Er saß in einer kleineren Felsspalte neben einer größeren Schlucht, wohl kaum ein zufällig gewählter Platz. Kein normales Echolot hätte eine Chance gehabt, ihn zu entdecken. Noch dazu war der Conainer tarnfarben. Er lag dort, wo das Licht der Unterwasserscheinwerfer bereits abnahm. Während der Präzisionsarbeit würde sich Berger also auf seine eigene Lampe verlassen müssen. Er schwamm näher heran. Ließ seine behandschuhte Hand an dem grüngrauen Metall entlanggleiten. Versuchte, nicht daran zu denken, was sich dahinter verbarg. Ruhig und gefasst blieb er dort, machte einige regelmäßige Schwimmzüge auf der Stelle, während er den eigenartigen Korb öffnete, der um seine Brust geschnallt war. Er nahm die erste Senderplatte heraus, drehte und wendete sie, riss die Schutzfolie ab und spürte, wie die Platte magnetisch vom Metall angezogen wurde, bis sie mit einem dumpfen Geräusch gegen den Container prallte und dort hängen blieb. Er ließ sie los. Sie saß fest, und Berger nickte zufrieden. Anschließend schwamm er um die Ecke. Wiederholte die Prozedur. Alles klappte problemlos. Die Platte wurde mit großer Kraft an die grüne Metallwand gesogen. Und blieb dort. Dann noch einmal um die Ecke. Der gleiche Prozess. Korb öffnen, Platte raus, Schutzfolie weg, klonk – am Platz. Drei von vier Seiten. Ein Kinderspiel. Da wurde ihm klar, dass er so nicht denken durfte. Es war noch eine Seite vom Container übrig. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Er umrundete das große Rechteck. Hielt sich daran fest. Landete auf der Schattenseite und konnte sich jetzt nur noch auf seine eigene Lampe verlassen. Das erschwerte es ihm, den Korb an seiner Brust zu öffnen, doch schließlich gelang es ihm trotzdem, auch mit einer Hand. Er hielt die schwere Metallplatte fest, die den Sender und eine Menge andere, nicht näher definierte Technik enthielt. Alles, was zuvor so leicht und so schmerzlos gewesen war, schien plötzlich unüberwindbar. Um die Schutzfolie abzuziehen, musste er die Lampe loslassen. Sie glitt an ihrer Leine von ihm weg, bis das Ende erreicht war. Im nunmehr diffusen Licht tastete er nach der Folie und fand den Zipfel nicht, an dem er sie lösen konnte. Mit einem Mal erschienen ihm die Tauchhandschuhe vollkommen untauglich. Er tastete nach der Lasche. Bekam sie zu fassen. Dann entglitt ihm die Platte, er hielt plötzlich nur noch die Schutzfolie in der Hand, konnte jedoch die Lampe heranholen. Rasch richtete er sie nach unten und sah, wie die Metallplatte hinabsegelte, auf einen Meeresgrund, der tiefer war, als er sein sollte. Er schwamm ihr nach. Sah sie dort unten weiter sinken, im Schein der Lampe. Sah, wie sie lautlos auf dem Boden aufkam, eine Sandwolke aufwirbelte, darin verschwand. Berger konnte genug Geduld aufbringen, um abzuwarten, bis sich die Wolke gelegt hatte. Die Platte lag zwischen ein paar Steinen. Er tauchte zu ihr, leuchtete mit der Lampe den Weg ab, bekam die Platte zu fassen, befreite sie und sah nach oben. Dann blickte er hinüber zu etwas, was wie ein Graben aussah. Sichelförmig. So tief, als würde er bis zum Mittelpunkt der Erde hinabreichen. Berger schaute zum Container hinauf, der dort oben auf dem Rand in einer kleineren Felsspalte balancierte. Dahin musste er, einfach nur hinauf und die letzte Platte anbringen. Stattdessen wurde sein Blick von dem Graben angezogen. Und er verstand. Die Landsortsdjupet. Dort unten befand sich der tiefste Punkt der Ostsee. Es ging einen halben Kilometer hinab. In eine ganz andere Welt. In den Abgrund. Er schaltete seine Lampe aus und betrachtete die Ränder des Grabens in den schwachen Ausläufern der Scheinwerfer, die vom Schiff hinableuchteten. Er hatte etwas Magisches an sich. Berger schwamm hin. Obwohl ihm sein Instinkt das Gegenteil sagte, begab er sich zum Rand. Hielt kurz davor an. Umklammerte die letzte Metallplatte so fest, dass seine verfrorene Hand krampfte. Dann näherte es sich sanft der Schwelle zum tiefsten Punkt der Ostsee. Er spürte den Sog des Abgrunds. Und näherte sich noch ein bisschen. Plötzlich schoss eine Gestalt blitzartig aus der tiefen Schlucht hervor. Bergers Herz setzte aus, als die dunklen Konturen zu seinem eigenen Spiegelbild wurden. Der andere Taucher machte einen letzten Schwimmzug auf ihn zu. Berger sah das Messer, das riesige Tauchermesser, und er sah, wie es geschwungen wurde. Es näherte sich so schnell, wie es der Wasserwiderstand zuließ. Zielstrebig hielt Berger dem Angreifer den Metallkorb und die Platte mit dem Sender entgegen. Das Messer traf mit voller Kraft auf die Platte und verfehlte sein Ziel. Stattdessen kam jetzt der Kopf des Angreifers auf ihn zu. Nur wenige Zentimeter trennten ihn von den Augen hinter der Maske. Tauchermaske gegen Tauchermaske. Der Hass in Nils Gundersens eisgrauen Augen war unverkennbar. Berger sah, wie sich seine Lippen um das Gummimundstück bewegten. Und durch das Meereswasser hindurch hörte er ihn verzerrt brüllen: »Für William!« Berger riss sich von dem Anblick los, wich zur Seite und steuerte direkt auf die Landsortsdjupet zu. Er machte ein paar schnelle Schwimmzüge, drehte sich um und sah, wie Gundersens durchtrainierter Körper ebenfalls herumschnellte, schlangengleich. Die Scheinwerfer des Schiffs wurden schwächer, um ihn herum war es fast völlig dunkel. Gundersen kam näher, das große Messer erneut im Anschlag. Sein erzürnter Körper schien wie von einem göttlichen Licht umrahmt. Und dann war er wieder über ihm. Berger verbarg sich erneut hinter der Eisenplatte, und der Korb über seiner Brust hielt Gundersens Körper auf Abstand, aber nicht die Arme, nicht das Messer, das sich mit einer eigenartigen Langsamkeit durch das dunkle Wasser der Landsortsdjupet bewegte. Die Klinge näherte sich Bergers Gesicht. Er wich aus, riss seinen Kopf hastig zur linken Schulter, und das Messer glitt direkt an seinem Gesicht vorbei. Berger spürte, wie es seinen Neoprenanzug streifte. Spürte die Kälte an seiner linken Schulter. Sah eine rote Wolke, die sich rasch im Wasser verflüchtigte. Sein eigenes Blut. Das Messer musste seine Schulter getroffen, sich aber nicht hineingebohrt, sondern ihn nur geschnitten haben. Eine lange Wunde, unklar, wie tief. Doch jetzt war das Messer wieder frei. Berger sah, wie es abermals auf ihn herabzusausen drohte. Er zog die Beine unter seinem Korb an und konnte trotz seiner Schwerelosigkeit einen doppelten Tritt platzieren. Beide trafen Gundersen an den Rippen, und der alte Krieger taumelte zurück. Es war ein unerwartet guter Treffer, bei dem sicher einige Rippen gebrochen worden waren. Das kümmerte Gundersen allerdings herzlich wenig. Er ging erneut zum Angriff über, wütend wie ein Zwanzigjähriger, ohne zu zögern. Diesmal zielte er mit dem Messer auf Bergers Sauerstoffschlauch. Berger hob die Taschenlampe, richtete sie direkt auf Gundersens Augen und schaltete sie ein. Derart geblendet, verfehlte der grob sein Ziel, und Berger schwamm hastig zum Ausgang der Schlucht, stellte die Lampe wieder aus, verbarg sich hinter dem Container, spähte um die Ecke und sah Gundersen mit einer eleganten Pirouette aus der Landsortsdjupet hervorgleiten, die viel mehr Taucherfahrung verriet, als er selbst zu bieten hatte. Dieser Mann hatte vorgehabt, seine Söhne zu Tode zu foltern. Und hatte es immer noch vor. Daran bestand nicht der geringste Zweifel. Berger schaute nach oben. Sah seine eigenen Luftbläschen. Begriff, dass Gundersen sie sah. Und entdeckte auf der anderen Seite des Containers wiederum Gundersens Luftbläschen. Keiner von ihnen konnte sich hinter dem Container verstecken. Es gab keinen Hinterhalt. Seine Kräfte schwanden allmählich. Die Lage wurde immer prekärer. Er musste sich dringend etwas einfallen lassen. Nachdenken. Ernsthaft nachdenken. Einen winzigen Vorsprung finden, um nachzudenken. Hinter der Ecke des Containers beobachtete er, wie Gundersen erneut auf ihn zukam, wie sein Blick den aufsteigenden Bläschen folgte. Berger tauchte von ihm weg, seitwärts, zur nächsten Ecke. Jetzt schwamm Gundersen hinter dem Container hervor, lugte mit erhobenem Messer um die Ecke. Doch da war niemand. Die Bläschen hatten sich seitwärts voranbewegt, befanden sich allem Anschein nach diagonal auf der anderen Seite. Gundersen umrundete die nächste Ecke, die Bläschen waren schon eine Ecke weiter. Allmählich erinnerte das an einen Kreistanz. So ging es noch eine Weile weiter. Berger hielt sich die ganze Zeit so weit wie möglich von Gundersens Bläschenstrom fern. Gundersen wartete ab. Beobachtete die Lage. Auf der gegenüberliegenden Seite des Containers hatte Berger ebenfalls angehalten. Noch einmal. Katz und Maus. Gundersen schwebte langsam an der Längsseite des Containers entlang. Er sah nach, ob ihm die anderen Bläschen folgten, wie bei den letzten beiden Runden ihres Tanzes. Sie taten es nicht. Sie stiegen von derselben Stelle auf. Gundersen glitt um die nächste Ecke. Bergers Bläschen bewegten sich weiterhin nicht voran. Noch eine Ecke. Niemand zu sehen. Der Bläschenstrom stieg jetzt direkt hinter der nächsten Ecke auf. Gundersen sammelte all seine Kräfte. Er verharrte reglos. Hielt den Atem an, um weitere Bläschen zu vermeiden, und spürte, dass das Messer perfekt in seiner Hand lag, wie schon so oft in seinem langen Leben als Berufskiller. Und jetzt befand sich der Mörder seines Sohnes direkt hinter dieser verdammten Ecke. Er war bereit, ihn hinzurichten, ihn abzuschlachten wie ein Schwein. Noch einmal sog Gundersen besonders viel Luft ein und hechtete um die Ecke des Containers. Auf dem Meeresboden lag eine Sauerstoffflasche. Die Bläschen strömten aus dem abgekoppelten Mundstück. Gundersen reagierte eine halbe Sekunde zu spät. Vielleicht war er tatsächlich ein bisschen alt geworden. Jedenfalls schaffte er es nicht mehr, rechtzeitig herumzuschnellen und die Richtung zu ändern. Trotzdem hatte er sich so weit umgedreht, dass er die Gestalt auf sich zukommen sah. Er spürte den harten Schlag gegen seine Schläfe, dann zersplitterte sein Blickfeld, und plötzlich atmete er brackiges Meerwasser ein. Mit aller Kraft riss Berger den Schlauch von Gundersens Sauerstoffflasche. Dann schlug er ihm noch einmal brutal die Metallplatte gegen die Schläfe und trat ihm zweimal an derselben Stelle in die Rippen, ehe er zu seiner zurückgelassenen Sauerstoffflasche hinabzutauchen versuchte. Doch schon sah er Gundersens leblosen Körper über den Rand der Landsortsdjupet treiben. Hinter ihm schwebte sein großes Jagdmesser noch eine Weile im Nichts, bis es ebenfalls von der Schwerkraft hinabgezogen wurde. Diese Chance konnte Berger sich unmöglich entgehen lassen. Er nahm all seine Kraft zusammen, fing das Messer ein und stürzte über den Rand. Dann hieb er es mit aller Kraft zwischen die Schulterblätter der schwebenden Gestalt, wo es stecken blieb. Anschließend beförderte er Nils Gundersen mit einem Tritt in die Landsortsdjupet hinab. Er sah, wie der blutende, leblose Körper von einem Sog erfasst wurde und langsam, ganz langsam in die Tiefe hinabkreiselte. Dabei zog er eine blutige Spirale hinter sich her. Bald darauf war auch sie verschwunden. Und Nils Gundersen dort, wo er hingehörte. 41 Dienstag, 8. Dezember, 19:09 Gundersen war verschwunden. Unten befand sich nur noch der unendliche Schlund der Landsortsdjupet. Wenn es denn tatsächlich unten war. Berger musste schleunigst zurück zu seiner Sauerstoffflasche, musste den lebensnotwendigen Atemzug nehmen, nach dem seine Lungen jetzt schrien. Er drehte sich um. Dort sah es genauso aus. Er richtete den Blick nach oben. Wobei das vielleicht gar nicht oben war. Atemlos zu sein und nicht atmen zu können. Berger drehte sich im Kreis. Er blickte in alle Richtungen. Und überall sah es gleich aus. Mittlerweile hatte er das Gefühl, seine Lunge würde gleich platzen. Hektisch leuchtete er um sich herum. Es machte keinerlei Unterschied. Er blickte nach oben, blickte nach unten, blickte nach links und nach rechts. Das Problem war nur, dass es kein Oben und Unten mehr gab, kein Hier und kein Da. Es gab keinerlei Richtung mehr. Jetzt spürte er, wie die Panik in ihm aufwallte wie ein fremder Blutkreislauf. Er spürte, wie sein Gehirn allmählich erlosch. Wie jede Zelle nach Sauerstoff schrie. Die Einsicht war fast eine Befreiung. Hier würde er sterben. Sam Berger war kurz davor, diesen Kampf zu verlieren. Jede Denkfunktion hatte ausgesetzt. Die Panik lähmte seinen Körper. Er sah ihn wie aus einer weiten Ferne, sah, wie seine Bewegungen langsam erlahmten. Seine Lungen waren nichts als Schmerz. In diesem Moment gab er auf. Gab einfach auf. Obwohl ein winzig kleiner Rest seines Bewusstseins das nicht wollte. Sich verweigerte. Und dieser kleine Rest brachte ihn dazu, noch einmal mit der Lampe um sich zu leuchten. Ein letztes Mal. Es gab keine Bläschen mehr. Bei seinem letzten Tiefenrausch hatten ihn die Bläschen gerettet. Damals hatte er eine Sauerstoffflasche gehabt und sich vom Luftstrom den Weg weisen lassen. Jetzt gab es keine Rettung mehr. Doch der winzig kleine Rest seines Bewusstseins sagte: Du musst dir deine eigene Blase schaffen. Er hatte keine Luft mehr in den Lungen. Und dennoch gelang es ihm, noch einmal auszuatmen, es war der Atemhauch, der sein letzter werden sollte. Und dieser Hauch wurde zu einer Blase. Zu einer einzigen, kleinen Blase. Sie kletterte an der Maske hinab und setzte ihren Weg an seinem unbeweglichen Körper fort. Es gelang ihm, sich umzudrehen und zuzusehen, wie sie nach unten trieb. In die Richtung, die er für unten gehalten hatte. Mit letzter Kraft folgte er der kleinen Blase. Seine Glieder waren eigenartig zäh. Das Blut schien so langsam zu fließen. Er sah die Blase dort oben verschwinden. An einer Kante vorbei. Als er zu ihr gelangte, war sein Gehirn kurz davor zu explodieren. Aber die Kante gab es, und hinter der Kante sah er einen schwachen Strom aus Luftbläschen. Sie kamen aus seiner Sauerstoffflasche. Er entdeckte sie dort drüben. Etwa zehn Meter entfernt. Sie lag neben dem Container wie eine Luftspiegelung. Mühsam schleppte er sich dort hin. Das Problem war nur, dass er sich kaum noch schleppen konnte. Sein Blickfeld geriet ins Wanken. Er strengte sich an, noch einen Schwimmzug mehr zu machen. Es ging nicht. Sein Körper war wie ein einziger, freigelegter Nerv. Doch irgendetwas, irgendwo in ihm, dachte noch: nicht hier. Nicht hier sterben. Nicht so nah am Sauerstoff. Dieses Etwas hob seine Hände, Arme, Beine. Er sammelte das letzte bisschen Kraft, was noch in ihm steckte, zu einem Schwimmzug, der einen weiteren hervorbrachte. Und noch einen. Jetzt platzten seine Lungen. Er war sich ganz sicher. Jetzt waren sie dahin. Am äußersten Rand seines Blickfelds sah er den Sauerstoffschlauch hin- und herwehen wie eine kranke schwarze Koralle. Die Luftbläschen perlten heraus. Er sah, wie sich seine Hand nach dem Mundstück reckte, wie die Bläschen einen Todestanz vollführten. Dann bekam er das Ding zu fassen. Die Zeit, die verging, bis er das nach Gummi schmeckende Mundstück endlich zwischen den Zähnen hatte, würde sich niemals beschreiben lassen. Und der erste Atemzug war wie eine Wiedergeburt. Seine Lungen pfiffen, sie kreischten, sie waren nicht explodiert, aber jetzt platzten sie fast vor Glück. Berger gelang es dennoch, seinen Atem unter Kontrolle zu halten, nicht panisch nach Luft zu schnappen und nicht die Besinnung zu verlieren. Er trieb so lange im Wasser vor sich hin, dass ihm die immer gleichmäßigere Atmung wie das Paradies auf Erden vorkam. Als wäre er tatsächlich gestorben und in einer besseren Welt wiedergeboren worden. Es war ein Zustand äußerster Klarheit. Er war einfach nur da, und er liebte es, da zu sein. Behutsam legte er die Hand auf die kalte Wand des Containers und genoss einfach nur das Gefühl zu existieren. Wie eine Liebkosung brachte er die letzte Metallplatte an. Dann glitt er langsam empor. Erreichte die Oberfläche. Griff nach dem Aufzug an der Schiffsseite, zog sich langsam die Maske vom Kopf und atmete frei. Er wurde nach oben befördert, sah die Reling und die Menschen hinter der Reling. Sah die vier anderen Taucher bereitstehen, aber auch etwas Wichtigeres. Er sah Deer, die ihn anlächelte, sah Freja nicken, die Zwillinge auf sich zustürmen und Molly, die ihm entgegenging. Sam Berger existierte. Es gab ihn. Und alles war gut. Sehr lange war alles sehr gut. Er würde noch eine Weile damit warten, von Nils Gundersen und seinem Todeskamp zu erzählen. Jetzt hatte er nicht die Kraft dafür. »Du blutest«, stellte Molly fest und berührte seine Schulter. »Es war ein bisschen chaotisch da unten«, sagte er nur. Ein Mann löste sich aus dem Kreis der Säpo-Leute, kam zu ihrer kleinen Gruppe und sagte: »Wollen Sie es mit ansehen?« Berger schaute auf, in Jonas Anderssons Gesicht. Die vier anderen Taucher waren schon im Wasser. Ein langer Balken war vom Schiff ausgeklappt worden, eine Hebevorrichtung wurde hinabgesenkt. Berger folgte dem operativen Chef der Säpo ins Innere des Schiffs. Die Zwillinge waren dabei, ebenso wie Deer und Molly. Eine Kameraperspektive, die aussah wie eine Röntgenaufnahme, erschien auf dem Bildschirm auf der Kommandobrücke. Sie filmte ein Rechteck. Die Platten, die Berger an den Wänden des Containers befestigt hatte, machten ihn durchsichtig. Man konnte hineinsehen. »Er ist vollkommen wasserdicht«, sagte Jonas Andersson. Man sah ein unendlich großes Waffenarsenal. Pistolen, Maschinengewehre, Handgranaten, Bazookas, ballistische Raketen und eine ganze Abteilung mit Sprengstoffgürteln und Waffen, wie es sie in dieser Menge noch nie zuvor gegeben hatte. Über eine eher klassische Unterwasserkamera konnten Sam und die anderen beobachten, wie vier Taucher Ketten unter und um den Container legten und ihn an einem riesigen Haken festmachten, der von oben herabhing. An ihm liefen alle Ketten zusammen. Dann wurde der Container aus der Felsspalte gehoben, in der er mehr oder weniger eingekeilt gewesen war. Er schien zu schweben, über den Meeresboden davonzuschaukeln. Bis er den Rand des Grabens erreicht hatte. Bis er am Abgrund der Landsortsdjupet balancierte. Dort blieb der Container stehen. Berger sah den operativen Chef der Säpo fragend an. Jonas Andersson schloss kurz die Augen und nickte dem alten Seebären zu, dessen Hand einen Hebel umfasste. Er schob ihn nach vorn. Und der Haken öffnete sich. Der Container taumelte in die Landsortsdjupet, prallte unterwegs gegen eine Felswand, drehte sich im Kreis und kippte. Ganz tief unten konnte Sam Berger eine Explosion erahnen, einen Lichtschein, der plötzlich aus dem Abgrund aufflammte. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Container schon so tief im Abgrund versunken, dass es keine Bedeutung mehr hatte. 42 Mittwoch, 9. Dezember, 12:59 Die Toten waren überall um sie herum, aber sie lagen unter einer dicken Schneedecke. Sie spürte nicht den kleinsten Hauch ihres fauligen, eiskalten Atems. Molly Blom ging über einen Friedhof. Das Licht war blendend, aber die frostige Kälte strich ein wenig grob über ihre Wangen. Dafür war der Schnee ordentlich geräumt worden. Sie konnte sich auf einem schmalen Pfad durch das meterhohe Weiß bewegen, ein schmaler Weg, der zu Schwedens zweitältester Kirche führte. Aber es ging ihr nicht besonders gut. Es schien auf brutale Weise logisch, dass die alte Kirche von Alnö ebenfalls auf einer Insel im Schärengarten lag. Etwas weniger logisch war dagegen, dass sie sich vierhundert Kilometer nördlich von Stockholm befand. Während sie mit dem Mietwagen über die Brücke fuhr, die Schwedens längste gewesen war, bis man die Ölandsbron gebaut hatte, war sie zum ersten Mal unsicher, ob sie nicht am falschen Ort war. Als sie schließlich die Kirchenpforte erreichte, war diese Unsicherheit wie weggeblasen. Sie spürte, dass sie richtig war. Einfach so. Sie spürte es. Auf der anderen Straßenseite lag die neue Kirche, größer, beeindruckender, trotzdem eindeutig unbedeutender. Die alte Kirche war weiß und wirkte beinahe gedrungen, und als Blom in die kleine Vorhalle trat, wirkte der Raum fast wie eine Miniatur, eine Puppenstube. Sie ging das Kirchenschiff hinab und wurde davon überwältigt, dass die mittelalterlichen Gewölbe-, Wand- und Deckengemälde so nahe schienen. Und trotzdem wirkte der kleine Kirchenraum erstaunlich geräumig. Der graue Hinterkopf thronte einsam und majestätisch in einer der vorderen Bankreihen auf der linken Seite. Sie schritt langsam dort hin, glitt in die Reihe dahinter, blieb ein paar Meter entfernt von ihm stehen, ehe sie sich setzte, und sagte: »Eigentlich sind Sie doch nur auf Sightseeingtour.« Der Mann gluckste ein wenig. »Ehrlich gesagt wusste ich vorher nicht mal, wo die zweitälteste Kirche Schwedens überhaupt steht. Aber irgendwie wirkte es so passend. Weit draußen im Nirgendwo.« Dann zuckte er mit den Schultern und fuhr fort: »Nennen Sie mich ruhig nostalgisch. Aber derzeit halte ich mich ja nie in Schweden auf.« »Bin ich jetzt frei?«, fragte Molly Blom. Er drehte sich um und betrachtete sie. »Sie waren schon immer frei, Molly.« Sie deutete auf sein Gesicht. »Das Veilchen ist verschwunden«, sagte sie. »Weggeschminkt«, erwiderte er lächelnd. »Es war so würdelos.« Blom lachte und schüttelte den Kopf. »Ich habe mit dem Boxen angefangen«, erklärte er. »Ein Zeichen dafür, dass ich alt werde, ich weiß, aber es macht wirklich Spaß.« Die beiden verstummten und ließen die kleine Kirche auf sich wirken. Wortlos reichte Blom dem Mann das Handy von Jean Babineaux. Er nahm es, nickte zum Dank und deutete auf den Altar und das Taufbecken. »Der Chor ist noch aus dem 12. Jahrhundert«, sagte er. »Im Originalzustand. Der Legende zufolge waren es zwölf hiesige Bauern, die direkt nach ihrer Christianisierung anfingen, die Kirche zu errichten. Als zweite Kirche in einem Land, das damals noch gar nicht Schweden war.« Blom ließ ihren Blick über die unvergleichliche Kirchenmalerei schweifen. Sie hätte sich gern von etwas anderem erfüllen lassen als von einer unendlichen Müdigkeit und einer immer häufiger auftretenden Übelkeit. Doch der Mann fuhr fort: »Alnö ist schon seit Urzeiten bewohnt. Es gibt eine Reihe von heidnischen Kultstätten auf der ganzen Insel, und im 5. Jahrhundert hatte man sogar einen Opferplatz. Vieles deutet darauf hin, dass man die Kirche auf dieser alten heidnischen Stätte erbaut hat, als wollte man markieren, dass die Zeiten von Odin und Thor nun endgültig vorbei waren.« Er verstummte, um nach einer Weile mit einer etwas anderen Stimme fortzufahren: »Ich nehme an, dass man so Kulturen gründet. Auf den Ruinen anderer Kulturen. Seit der kognitiven Wende geht es in der Geschichte der Menschheit immer um Macht, Gewalt und Siege. Aber es gab immer auch eine gegenläufige Bewegung: die der Mitmenschlichkeit, der Kunst, der Musik, der Gelehrsamkeit, des Nachdenkens, der Träume. Das hat uns trotz allem vor dem Abgrund bewahrt. Und in den letzten fünfzig Jahren haben wir, wenn auch nicht ganz perfekt, doch den Frieden in Europa bewahrt. Wir konnten an anderes denken, an wertvollere Dinge als Krieg und Leid. Wie auch immer man die Sache betrachtet, gestern wurde nicht nur Schweden, sondern auch ganz Europa zu einem viel sichereren Ort.« »Versuchen Sie gerade, mich oder sich selbst zu überzeugen?«, fragte Blom. »Sowohl als auch wahrscheinlich«, antwortete der Mann lachend. »Es sind mehr als zwanzig Menschen ums Leben gekommen.« »Mehr als zwanzig Mörder haben sich gegenseitig ermordet«, sagte der Mann. »Das ist nicht wahr. Husan wurde erschossen, sie war unschuldig. Und außerdem wurden auch Schüsse aus großer Distanz abgegeben.« »Ich dachte, Sie wären die ganze Zeit bewusstlos gewesen. Das haben Sie zumindest behauptet, als der operative Chef der Säpo Sie verhört hat.« »Das können Sie doch gar nicht wissen.« Der Mann lachte. »Ja, stimmt. Ich habe geraten«, gestand er. Molly Blom schüttelte den Kopf. Es ging ihr wirklich nicht gut. »Nils Gundersen?«, fragte sie nur. »Verschwunden«, entgegnete der Mann mit bedauernder Miene. Sie lachte kurz. »Ja. Ganz tief unten in der Landsortsdjupet.« Zum ersten Mal entdeckte sie einen verwunderten Ausdruck im sonst so zurückhaltenden Gesicht des Mannes. »Was genau meinen Sie?«, fragte er. »Seine Leiche wird vermutlich nie gefunden werden. Wenn doch, steckt ein Messer zwischen ihren Schulterblättern. Das Sam Berger dort hineingerammt hat.« Der Mann betrachtete sie mit großem Interesse. »Können Sie das garantieren?«, fragte er. »Mit absoluter Sicherheit«, antwortete sie. Er nickte. »Gut gelöst von Berger. Ich frage mich, ob das die Situation seiner Familie verändert. Vermutlich schon. Jetzt wird es lediglich zu Machtkämpfen innerhalb der Organisation kommen. Bedeutend weniger Waffen auf dem Markt, eine Konzentration auf die inneren Angelegenheiten. Da wird sich niemand für Freja, Marcus und Oscar interessieren.« »Und die Anwälte?« »Diese Nuss ist etwas schwieriger zu knacken«, antwortete der Mann. »Ein ganzer Kader, der vor allem aus Mitarbeitern besteht, ist in diesem Moment dabei, uns mit lebenswichtigen Informationen zu versorgen. Was wir später damit anfangen, ist etwas ungewiss, aber es sieht ganz nach langen Haftstrafen aus.« Der Mann drehte sich erneut um und änderte seinen Ton. »Hören Sie mir gut zu, Molly. Als ich Sie angeworben habe, hatte ich keine Ahnung, dass dieser Fall so kompliziert sein würde. Das müssen Sie mir glauben. Aber jetzt ist es vorbei, Sie haben keinerlei Verpflichtungen mehr. Genießen Sie das Leben und das Leben, das in Ihnen heranwächst. Sie werden es sich finanziell leisten können, eine Weile freizunehmen. Etwas Neues aufzubauen. Und meine Dankbarkeit ist Ihnen für immer gewiss.« »Ihre Dankbarkeit?«, fragte Blom kühl. »Es gibt Sie doch nicht einmal. Euch alle gibt es gar nicht.« Der Mann zuckte mit den Schultern und sah sie an. In seinen blauen Augen lag eine echte Wärme. Sie wünschte, es ginge ihr besser, dann hätte sie es schätzen können. »Es stimmt, dass wir noch immer geheim sind«, sagte er. »Ich hatte erwartet, dass diese Zeit jetzt vorbei wäre, aber Europa befindet sich in einem desolaten Zustand.« Molly Blom starrte zu der fabelhaften Kirchendecke hinauf. Die Menschen dort begannen, sich zu bewegen, die Jahrhunderte lösten sich auf, sie kamen so nah. Sie fingen an, sich im Kreis zu drehen, zu tanzen, sie kamen näher und näher. Das Mittelalter kam näher und näher. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Er stand reglos da und betrachtete sie. »Es ist besser, wenn wir nicht zusammen hinausgehen«, sagte er. »Warten Sie noch ein paar Minuten.« Und dann war er weg. Molly Blom blieb allein mit dem kreiselnden Mittelalter zurück. Wenn diese Übelkeit wirklich von der Schwangerschaft herrührte, verstand sie nicht, warum auch nur eine einzige Frau überhaupt Kinder bekommen wollte. Und dabei war sie zäher als die meisten. Sie konnte nicht aufstehen, aber sie konnte sich auch nicht in der schönen alten Kirche übergeben. Die mittelalterlichen Engel in blassen Farben breiteten dort oben ihre Flügel aus. Die leidenden Gesichter der Mönche wurden größer, der Ausdruck von Schmerz in ihren bläulichen Gesichtern stärker. Das selige Lächeln der Nonnen verzerrte sich zu wilder Lust, die Schreie der Ekstase verwoben sich ineinander. Die Heiligen hoben ihre immer größeren, immer gierigeren Hände zu den Wolken, Gott trat als heilendes Licht in Erscheinung, das sich von einem Gewölbe zum anderen ausbreitete, Gewölbe um Gewölbe um Gewölbe, schier unendlich, und die Engel schwebten mit Zauberstäben umher und verwandelten das versiegende Gotteslicht und färbten es rot, der ganze tief hängende Himmel schien von Blut überflutet, und ein Mönch nach dem anderen streckte seinen Kopf aus diesem Meer des heidnischen Blutes hervor und schnappte nach Luft, die Nonnen wuchsen, schief, verzerrt, ihre Körperteile vergrößerten sich und schrumpften wieder, während sie weiterhin schrien, in ständig neuen Orgasmen, und einem der Mönche wuchs eine enorme Nase, die immer mehr an eine Schweineschnauze erinnerte, aus der einzelne Borsten herausragten, ein anderer Mönch streckte sein Kinn so weit vor, dass sein Mund mit Blut volllief, bei einem dritten wurden die Augen riesig, kamen näher und betrachteten Molly forschend wie durch sehr dicke Brillengläser. Am späteren Nachmittag ging ein Hausmeister auf seinem täglichen Kontrollgang in die Kirche von Alnö. Er kannte seine Kirche in- und auswendig und spürte sofort, dass jemand hier gewesen war. An und für sich war das nur erfreulich – im Winter kamen wahrlich nicht viele Besucher –, aber trotz aller Instandhaltungsmängel hätte niemand einfach so durch die Kirchenpforte gelangen dürfen. Vermutlich hatte der Pfarrer einen Fehler begangen, hatte wieder seinen Schlüssel verliehen oder Ähnliches, wie er es oft tat. Er wanderte durch das Langschiff, den Blick zum Gewölbe gerichtet. Wie er sie liebte, diese Gemälde aus einer Zeit, als das Leben so nah gewesen war, so intensiv. Am eigenen Körper spürbar. Als er den Kirchenchor fast erreicht hatte, bemerkte er etwas. Auf der dritten Bankreihe links. Er ging näher heran. Dort lehnte ein kleiner Umschlag von der Art, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. 43 Donnerstag, 10. Dezember, 7:21 Berger stand nicht mehr unter Hausarrest. Genau genommen war es nie so gewesen, doch kaum war das Waffenlager in der Landsortsdjupet versenkt worden, hatte man ihn, Molly und Deer voneinander getrennt. Von Nynäshamn aus waren sie in drei verschiedenen Autos zum Hauptquartier der Säpo in Solna transportiert worden. Dann hatte man sie in separate Vernehmungsräume gesetzt. Ein Arzt war erschienen und hatte Bergers blutende Schulter genäht, ehe die Befragung begann. Vermutlich waren es die besten Vernehmungsleiter der Säpo, die sie sich nun getrennt voneinander vorknöpften, damit sie ihre Geschichten nicht aufeinander abstimmen konnten. Jonas Andersson, Chef der Sicherheitsabteilung für Nachrichtendienste und operativer Chef der Säpo, war hin und wieder aufgetaucht und hatte einige Fragen eingeflochten, die wahrscheinlich mit dem zusammenhingen, was Deer oder Molly gerade in ihren isolierten Vernehmungsräumen herausgerutscht war. Berger war noch nie so müde gewesen wie während dieser Befragung. Er hatte das Gefühl, der ganze Wahnsinn der letzten Woche würde ihn in den Schlaf schaukeln. Und die Tatsache, dass er jetzt nicht mehr in Alarmbereitschaft war, trug wohl ihr Übriges bei. Er sehnte sich nach seinen Zwillingen und fühlte sich so sicher, ruhig und entspannt wie schon seit, ja, vermutlich Jahren nicht mehr. Allein das Gefühl, dass er seine Zunge nicht mehr im Zaum halten, nicht mehr die Wahrheit polieren und lügen musste, war einzigartig. Und vermutlich auch ein Selbstbetrug. Er erzählte nichts davon, dass er einen Banker auf Gibraltar erpresst hatte, nichts von einem großen, kreideweißen Mann, der den potenziellen Mörder seiner Familie erschossen hatte, und natürlich auch nichts über Mollys Vatermord. Genau genommen log er ziemlich ungehemmt. Am späten Abend war Andersson wieder aufgetaucht und hatte mitgeteilt, dass es ihnen gelungen sei, an das Back-up von August Steens Computer zu kommen, und dass es Monate brauchen würde, um das ganze Material durchzugehen. Aber man habe schon jetzt ein Video gefunden. Auf diesem sei zu sehen, wie Carsten Boylan die Serienmörderin oben im Inland erschossen habe. Und Sam Berger war nicht mehr der meistgesuchte Mann Schwedens. Man sah Jonas Anderssons Gesicht an, dass es schon Morgen war, als er ein paar Stunden später in Bergers Vernehmungszimmer trat und ihm mitteilte, dass er nun gehen könne. Was nicht direkt bedeutete, dass er ein freier Mann war. Zunächst würde man ihn vierundzwanzig Stunden überwachen, und in dieser Zeit war es ihm unmöglich, über irgendeinen Kanal mit Deer und Molly zu kommunizieren. Die Säpo würde mindestens so lange brauchen, um ihre Zeugenaussagen zu vergleichen, und so lange mussten sie voneinander getrennt bleiben. Berger wurde von verbissenen Säpo-Mitarbeitern in einem schwarzen Auto nach Hause gefahren. Nach Hause. In die Ploggatan, Södermalm. Zum ersten Mal seit drei Jahren würde er dort nicht allein sein. Die Menschen, die einmal seine Familie gewesen waren, warteten auf ihn. Nur im Treppenhaus standen ein paar Bewacher von der Säpo. Man konnte es wohl doch als eine Art Hausarrest bezeichnen. Die Zwillinge fielen ihm um den Hals. Er zog die heruntergelassenen Jalousien hoch und ließ das Licht herein. Es wurde ein fantastischer Tag. Sein verkümmertes Vaterdasein blühte plötzlich auf geradezu absurde Weise auf. Es gab so viel zu reden, so viel zu sagen, so viel, worüber man sich freuen und worüber man traurig sein konnte. Er lachte viel, weinte viel, trat wieder in Kontakt mit einem ganzen Gefühlsregister, das ihm gemeinsam mit den Zwillingen abhandengekommen war. Er wurde ein neuer Mensch. Sein wahres Ich. Obwohl die Wohnung ziemlich leer war – die versprochene Rücklieferung aus dem Safehouse vor Landsort ließ auf sich warten –, fanden sie viele Spiele, nicht zuletzt Videospiele, die zwar nicht mehr die neuesten waren, aber in dieser Situation eine nostalgische Funktion hatten. Die Zwillinge spielten sie mit offensichtlicher Ironie. Wenn einer von ihnen gewonnen hatte, machte er trotzdem instinktiv das Victory-Zeichen. Mit den Fingern und den Zehen. Es war schwer, ihnen etwas über ihre Zeit in Paris zu entlocken, und Berger wollte sie auch nicht unter Druck setzen. Besonders traumatisch schien sie aber nicht gewesen zu sein, nur die ständige Isolation, das ganz und gar eingeschränkte Leben, war etwas speziell gewesen. Doch sie waren erst neun, zehn, elf Jahre alt und unendlich flexibel. Alles, was passierte, war normal. Sie passten sich an und lebten weiter. Fest stand, dass auch Jean Babineaux kein sehr präsenter Vater gewesen war, sondern eher durch ständige Abwesenheit geglänzt hatte. Auf die Frage, ob Freja Babineaux ihre Elternrolle so viel besser ausgefüllt hatte, bekam Berger nie eine richtige Antwort. Vielleicht, weil er sie gar nicht erst stellte. Freja hielt sich im Hintergrund, war kaum zu sehen. Wenn sie hin und wieder doch den Raum verließ, der einmal ihr gemeinsames Schlafzimmer gewesen war, konnte er ihre Blicke nur schwer deuten, nicht zuletzt deshalb, weil er ihr Gesicht kaum wiedererkannte. Warum all diese Schönheitsoperationen? Und war das Scham, was da in ihren Augen leuchtete? Schuldgefühle? Zorn? Gleichgültigkeit? Begehren? Müdigkeit? Trauer? Er wusste es nicht. Er wusste es wirklich nicht. Einmal schlief Berger in der Nacht während eines Videospiels zwischen den Zwillingen auf dem Sofa ein. Später waren die beiden in ihr altes Kinderzimmer gegangen, und das Gefühl der Trennung war nie stärker gewesen. Berger wurde erst wieder wach, als sein Handy klingelte. Der Bildschirm zeigte an, dass es Punkt sieben war und eine »unbekannte Nummer« anrief. Er ging ran. Jonas Andersson teilte ihm mit, dass die Kommunikationssperre aufgehoben war. Er durfte wieder mit Molly und Deer sprechen, wenn es notwendig war. Von der Schießerei auf Öja war nach wie vor nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Die Anwohner waren ohne Proteste auf die Insel zurückgekehrt. Berger ahnte, dass es in den Sternen stand, wie lange der Maulkorb der Säpo die beiden überlebenden Kellnerinnen noch in Schach halten würde. Auch war unklar, wie gut die Säpo die vielen Einschusslöcher kaschiert hatte. Nach dem Telefonat war Berger ins Bad gewankt und hatte schnell geduscht. In denselben, nicht ganz sauberen Klamotten, aber mit etwas festeren Schritten, hatte er anschließend die Küche erreicht. Dort stand er jetzt. Und betrachtete Freja. Sie saß am Küchentisch und starrte aus dem Fenster. Ohne sich auch nur in seine Richtung zu drehen, sagte sie: »Sie haben uns gestern Abend verhört, das weißt du, oder?« Er nickte, schenkte sich einen Kaffee ein und setzte sich. »Und, wie lief es?« »Ich habe gesagt, dass ich nicht erklären könne, wie wir überlebt haben. Dass ich ab dem Zeitpunkt, als ich in das Gummiboot gestiegen bin, nur noch verschwommene Erinnerungen habe.« Er nickte abermals, schwieg jedoch. »Ich weiß nicht, was ich fühle«, sagte Freja schließlich. »Ja, das habe ich schon gemerkt«, erwiderte Berger. »Aber ich nehme an, dass Marcus und Oscar dich vor die Wahl gestellt haben. Du musstest eine schnelle Entscheidung treffen.« »Ich wusste nicht, dass er kriminell war.« »Ihr habt fast drei Jahre lang zusammengelebt, Freja. Du warst drei Jahre lang mit ihm verheiratet.« »Schon klar«, sagte sie. »Das ist eine lange Geschichte.« »Ich bin überaus empfänglich für lange Geschichten.« Sie schnaubte verächtlich, und jetzt sah sie ihn zum ersten Mal an. »Ich aber nicht«, erwiderte sie nur. Wortlos sahen sie einander an. »Nein«, sagte er schließlich, »wir sind wohl noch nicht bereit dafür. Aber ihr dürft natürlich hier wohnen bleiben, so lange ihr wollt. Es wird ein bisschen dauern, alles in Ordnung zu bringen.« »Sie haben von einer geschützten Identität gesprochen«, berichtete Freja. »Das ist eine Möglichkeit. Sie müssen eine ordentliche Risikoanalyse durchführen. So etwas dauert.« Freja schnitt eine vieldeutige Grimasse, und im selben Moment klingelte Bergers Handy erneut. Er zog es aus der Jeanstasche und meldete sich. Es war Deer. »Ich glaube, du solltest herkommen«, sagte sie. »Ist etwas passiert?« »Nein, nein«, antwortete sie. »Aber wir müssen reden.« »Ich fahre sofort los«, versprach er. »Bist du zu Hause?« »In meinem Arbeitszimmer.« Berger schaute hinüber in die Küche. Freja starrte wieder in die ziemlich grauen Wolken hinaus. Aber ihr Blick reichte weiter, bis zu einem Punkt jenseits des Himmels. Auf dem Weg nach Skogås wählte er Molly Bloms Nummer. Sie meldete sich nicht. Vermutlich ging es ihr nicht so gut. Er hoffte, dass sie zu Hause in der Stenbocksgatan war und endlich einmal richtig ausschlief. Bald würde ihre Übelkeit vermutlich einem herrlich schrägen Schwangerschaftsappetit weichen. Während der Fahrt verdunkelten sich die Wolken, und der Schneefall nahm zu, doch als er das Auto in Deers Garageneinfahrt parkte, überwog schon wieder der Regen. Berger ging durch die Seitentür, kam in die erste Garage, streichelte im Vorbeigehen Deers wohlbekannten Dienstwagen und klopfte an die Tür zur zweiten Garage. Sie öffnete. Lächelte ihn an, ließ ihn herein und umarmte ihn. Aber war ihr Lächeln nicht irgendwie seltsam? »Ist etwas passiert?«, wiederholte er. »Ist etwas mit Aisha?« Deer schüttelte den Kopf. »Nein, Aisha geht es gut. Es scheint fast so, als hätte sie die Zeit in der Gefangenschaft physisch und psychisch gestärkt. Die Säpo hat die Familie an einem neuen Ort untergebracht, unter neuem Namen.« »Das Triumvirat ist zerschlagen«, schnaubte Berger verächtlich. »Ein einziger Mann kann doch kein Bermudadreieck sein.« Sie lachte. »Soweit ich es verstanden habe, übernimmt Jonas Andersson jetzt persönlich die Rolle des Kontaktmanns von Ali Pachachi.« Berger nickte, dann deutete er auf die Tür. »Keine Säpo-Bewacher?« »Ich werde wohl nicht als so großes Sicherheitsrisiko eingestuft wie du.« Er musterte seine ehemalige Kollegin und runzelte die Stirn. »Doch, irgendetwas ist passiert.« »Ich muss zugeben, dass ich lieber für ein paar Wochen von dir verschont geblieben wäre«, sagte sie mit einer resignierten Geste. »Meiner Psyche zuliebe. Aber ja, es ist etwas passiert, dein Scharfsinn kennt wirklich keine Grenzen.« »Du bist eine schlechte Schauspielerin«, bemerkte Berger. »Und das meine ich als Kompliment.« Deer ging zu ihrem Schreibtisch und setzte sich vor den Computer. »Erinnerst du dich, dass wir eine Anfrage an die NOA gestellt haben?«, fragte sie. »Wegen einer potenziellen Überwachungskamera?« Berger hatte das Gefühl, das Blut würde plötzlich langsamer durch seinen Körper fließen. Er hatte mehr als nur schlimme Vorahnungen. Anstatt ihr zu antworten, beugte er sich nur über den Computer, wo Deer gerade begann, einen Film abzuspielen. Berger wusste sofort, wo er aufgenommen worden war. Die Kamera musste an einem Laternenpfahl auf der anderen Seite der Flottsundsbron hängen, in Sunnersta bei Uppsala. Die Perspektive verriet, dass sie sehr weit oben saß. Nach kurzer Zeit kam ein Mann ins Bild, der stark hinkte, und selbst aus dieser Entfernung konnte man den großen Blutfleck auf seiner hellen Hose erkennen. Mit einiger Anstrengung auch die dicken Brillengläser. Es handelte sich zweifelsfrei um Carsten, der von der anderen Seite herankam und kurz davor war, die Brücke zu überqueren. Doch dann zögerte er. Sah zur Seite und entdeckte etwas. Mit großer Mühe beugte er sich herab und hievte es hoch. Erst als er die Brücke betreten hatte, konnte man erkennen, dass es ein gewaltiger Stein war, so schwer, dass er ihn kaum heben konnte. Dennoch schleppte er ihn auf die Brücke, bis er in der Mitte angekommen war, schmierte etwas von seinem Blut auf das Geländer, holte eine Art Schnellverband aus der Jackentasche und verarztete hastig seine Wunde. Dann warf er den Stein in den Fyrisån. Und schien mit ihm zusammen ins Eis zu fallen. Nur wenige Minuten später wankte ein zweiter Mann die Brücke entlang. Berger konnte sich vage wiedererkennen. Er erreichte denselben Ort, sank auf die Knie, atmete heftig und starrte in das Loch, in dem Carsten verschwunden war. Dann weinte er. Schließlich sahen Deer und Berger zu, wie er die Brücke verließ. Er verschwand aus dem Bild. Dann passierte etwas. Mit den geschmeidigen Bewegungen eines Akrobaten schwang sich Carsten Boylan wieder über das Brückengeländer und blieb einen Moment völlig erschöpft in seinem eigenen Blut liegen. Dann stand er auf und stolperte in seinen eigenen Fußspuren wieder zurück. »Verdammt«, sagte Berger. »Er ist eiskalt.« »Er muss unter der Brücke gehangen haben.« »Der Zirkusartist.« »Das ist leider noch nicht alles«, fuhr Deer fort. »Kurz bevor ich dich angerufen habe, bekam ich eine Mail von einem Mann namens Reidar Korsvik.« »Was zum Teufel kommt denn jetzt?« »Reidar Korsvik ist Hausmeister in einer Kirche auf Alnö.« »Alnö? Im Schärengarten?« »Ja, aber nicht unser Schärengarten, sondern ein viel kleinerer. Vor Sundsvall. Korsvik ist sowohl in der alten als auch in der neuen Kirche auf Alnö Hausmeister. Und auf einer Kirchenbank in der alten Kirche hat er das hier gefunden.« Deer öffnete auf dem Bildschirm ein schlechtes Foto. Es zeigte einen kleinen Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten. Auf dem Umschlag stand: »Für Sam Berger! Achtung, wichtig! Bitte mailen an desire.rosenkvist@polisen.se«. »Warum an dich?«, rief Berger aus. »Wie du schon sagtest: keine Säpo-Bewacher. Carsten hat uns zusammen im Inland gesehen. Er wusste, dass wir uns nahestehen.« »Und der Inhalt?« Deer betrachtete ihren früheren Chef, versuchte, seine Reaktion abzuschätzen. Dann blätterte sie zum nächsten schlechten Foto vor. Es war die eigentliche Glückwunschkarte. Mit einer eingekreisten Fünf. Brief Fünf. »Verdammt«, sagte Berger. Deer zögerte einen Augenblick, ehe sie zum nächsten Bild weiterklickte. Es war die andere Seite der Karte. In einer sehr pedantischen, fein säuberlichen Miniaturschrift stand dort: »Gibraltar as a girl where I was a Flower of the mountain yes when I put the rose in my hair like the Andalusian girls used or shall I wear a red yes and how he kissed me under the Moorish wall and I thought well as well him as another and then I asked him with my eyes to ask again yes and then he asked me would I yes to say yes my mountain flower and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.« »Oh mein Gott«, jammerte Berger. Jetzt floss das Blut in seinen Adern gar nicht mehr. »Wie gesagt, mir fehlen noch ein Haufen Puzzleteile«, erklärte Deer. »Aber den südlichen Wind erkenne ich natürlich.« »Was redest du da?«, fragte Berger quengelnd. »Wo er gesund ist. Oder auf jeden Fall einen Habicht von einer Säge unterscheiden kann.« »Wie bitte?« Deer verdeutlichte: »Hamlet. ›I am but mad north-north-west. When the wind is southerly, I know a hawk from a handsaw.‹ Auf einer der früheren Umschläge stand doch ›like the Andalusian girls‹, und du hast erklärt, dass es die letzten Worte in James Joyces Ulysses sind. Molly Blooms innerer Monolog.« Berger fing an, in Deers Arbeitszimmer auf und ab zu gehen. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. »Wir hätten es verstehen müssen«, fauchte er. »Die Nordkoreaner. Sie hätten doch gar nicht nach Landsort finden können, wenn Carsten ihnen nicht mitgeteilt hätte, wann und wo die Auktion stattfindet.« »Er hätte sie auch auf dem Weg zur Brücke anrufen können, wenn er anschließend gestorben wäre. Das haben wir doch bereits festgestellt. Du darfst nicht die ganze Schuld auf dich nehmen, Sam. Die Aktion hingegen schon.« »Die Auktion?« »Nein, die Aktion. Die zukünftige Aktion. Du musst handeln. Und zwar sofort. Hör auf zu heulen und nimm das Zepter in die Hand.« Berger blieb stehen. Er sah ein, wie recht sie hatte, beendete seine sinnlosen Grübeleien und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Es konnte kein Zweifel daran herrschen, dass Molly in Carstens Gewalt war. »Die Anwaltskanzlei Pantoja & Puerta«, rief er. »Bist du bereit für eine Reise nach Süden, Deer?« Sie schnaubte nur und deutete neben die Tür. Dort stand bereits eine kleine Reisetasche. »When the wind is southerly«, sagte sie. 44 Donnerstag, 10. Dezember, 16:18 Europas Balkon. Er war fantastisch in der Nachmittagssonne. Europas letzter Außenposten. Eine riesige Terrasse oberhalb einer steilen Felswand. Unten ragten mehrere hohe Klippen aus dem Meer, das selbst jetzt im Dezember noch leuchtend blau war. Übermütige Jugendliche sprangen von den Klippen, schlugen Saltos und machten Pirouetten. Hinter ihnen lag nur das Meer. Und Afrika. Jede Sekunde zählte. Und dennoch konnten sie dem Ausblick von diesem Balkon nicht widerstehen. Sie saßen eine Weile in der Sonne und tankten Kraft. Dies war auch Europa. Berger konnte sich den Gedanken nicht verkneifen: das richtige Europa. Es war sein erster bewusster Gedanke, seit sie auf dem Flughafen von Málaga gelandet waren und er eingesehen hatte, dass Nerja in der falschen Richtung lag. Sie fuhren an der spanischen Südküste entlang nach Osten, weg von Gibraltar. Aber daran ließ sich nicht viel ändern. Deer schloss für einen Moment die Augen und genoss die Sonnenstrahlen. Wenn sie nicht hier sterben würde, könnte sie vielleicht noch ein paar Tage bleiben. Im Dezember im Meer baden. Einige Fotos an Lykke und Johnny schicken. Sie genoss diesen Gedanken kurz, dann sagte sie: »Müssten wir nicht darüber nachdenken, warum Carsten diesen Brief Nummer Fünf geschrieben und an dich adressiert hat? Es ist ja noch nicht lange her, dass er versucht hat, dir lebenswichtige Körperteile wegzuschießen …« »Sind nicht all seine Briefe reine Angeberei?«, brummelte Berger und blickte auf sein Handy. »Er will zeigen, wie toll er ist, er braucht ein Publikum. Er will, dass man ihn schlau findet.« »Oder er will seinem Rivalen mitteilen, dass das Spiel aus ist. Er hat gewonnen. Du hast verloren.« »Auch denkbar«, sagte Berger, der nur sein Handy im Blick hatte. Deer war seine Zerstreutheit leid. »Was machst du da eigentlich gerade?« Berger las von seinem Handy ab. »Der Arzt meint, Mollys Symptome passen nicht zu der typischen Übelkeit in der Schwangerschaft. Vermutlich hat Carsten Molly vergiftet. Das könnte im Krankenhaus passiert sein, als er den Umschlag dort hinterlassen hat, vielleicht hat er etwas in ihre Infusionslösung gemischt.« »Oh verdammt«, sagte Deer. »Der Schlauch des Tropfes hat in der Luft geschaukelt.« »Aber sie hat ihn auch noch einmal allein getroffen, von Angesicht zu Angesicht, und er hat ihr eine Pistole übergeben. Auch daran könnte sich Gift befunden haben, irgendein langsam wirkendes Gift. Der Arzt macht einige Vorschläge, was es sein könnte.« »Es ging ihr wirklich nicht gut«, kommentierte Deer. Berger fuhr in einem etwas anderen Ton fort: »Ich möchte, dass du jetzt auf mich wartest, Deer. Setz dich in eine Bar, trink einen Kaffee.« Deer starrte ihn an. Berger stand auf. »Hast du vor, allein in dieses Anwaltsbüro zu gehen?«, fragte Deer entgeistert. »Denk daran, dass nur ich eine echte schwedische Dienstmarke habe.« »Du willst aber lieber nicht mitkommen, glaube mir. Du willst auch weiterhin Polizistin bleiben. Wir sehen uns später.« Deer sah, wie er sich auf den Weg machte. Sam Bergers Schritte waren ganz anders als sonst. Wie sie es noch nie bei ihm gesehen hatte. Zu spät rief sie ihm nach: »Wer soll das eigentlich sein? Der Arzt?« Sie schüttelte den Kopf, erhob sich ebenfalls und fing an, durch Nerjas Altstadt zu streifen. Sie war einzigartig. Aus jeder Gasse und jeder Nebenstraße strahlte das Licht. Nach einer Weile warf sie einen Blick auf ihr Telefon. Kein Lebenszeichen, kein Brummen. Sie wollte wirklich nicht wissen, was Sam Berger bei der Anwaltskanzlei Pantoja & Puerta machte. Und gleichzeitig gab es in genau diesem Moment nur wenige Dinge, die sie lieber gewusst hätte. Sie hatte die Adresse, blickte auf ihr Telefon hinab, folgte der Karte, tat so, als würde sie umherschlendern. Selten war ein Mensch so zielstrebig geschlendert. Dann fand sie das Haus, las das Schild, sah ein, dass sie nicht einfach hineingehen konnte, ohne entdeckt zu werden, und beschloss, sich stattdessen vor eine Bar direkt gegenüber zu setzen. Nichts geschah. Der Kellner tauchte auf, ihr innerer Teenager sagte »Sangría«, ohne sich daran zu erinnern, was das war. Ein Glas mit einer roten Flüssigkeit und Apfelsinenscheiben wurde gebracht. Sie schmeckte süß, nach Rotwein, vielleicht auch Likör, Wasser, Zimt. Köstlich. Aber Deer war kurz davor, den Verstand zu verlieren. Sie hatte den gesamten Inhalt des Glases konsumiert, als Berger aus dem Gebäude stürzte. Sie hielt ihn auf. Er starrte sie an, als wüsste er nicht mehr, wer sie war. Dieser Zustand hielt etwas zu lange an. Am Ende fand er wieder in die Realität zurück. »Du riechst nach Sangría«, stellte er fest. Und während sie zum Auto rannten, keuchte er: »Die Hügel oberhalb von Estepona.« Deer machte einen schnellen Überschlag im Kopf. Von Nerja bis nach Estepona waren es wohl knapp hundertfünfzig Kilometer. An Málaga und an Marbella vorbei. Immerhin die ganze Zeit auf der Autobahn. Aber hier wollte Deer ihre verbleibenden Ferientage verbringen. In Nerja. Das hatte sie schon beschlossen. Vorausgesetzt, sie überlebte. Sie rannten zu ihrem Mietwagen, der hoffentlich noch nicht abgeschleppt worden war. Deer warf einen Blick auf das unendliche Meer. Sie konnte bereits die ersten Zeichen der einzigartigen andalusischen Dämmerung erahnen. Molly Blom ging es wirklich nicht gut. Ihr Blickfeld war verdunkelt, sie saß auf einem Stuhl auf einer Terrasse und starrte in den blauen Himmel, ohne ihn richtig zu sehen. Sie war nicht gefesselt, auf keine andere Weise in ihrer Bewegungsfreiheit gehindert, als dass sie sich kaum bewegen konnte. Ihre Glieder gehorchten ihr nicht. Sie gehorchten ihr nicht. Mühsam hob sie die Hand, und es gelang ihr, den Kopf zu senken, sodass sie darauf hinabsehen konnte. Langsam, aber sicher ballte sie ihre Hand zu einer Faust. Jetzt kam es nur auf ihren Willen an. Alles war reiner Wille. Molly Blom dachte an das Leben in ihrem Körper, das andere Leben. Sie spürte keine Bewegungen dort drinnen, hatte nie welche gespürt, konnte nicht herausfinden, wie die Lage war. Aber diesem kleinen Wesen zuliebe würde sie bis zur letzten Sekunde kämpfen. Kämpfen, wie sie noch nie gekämpft hatte. Dabei hatte sie in ihrem Leben schon viel kämpfen müssen. Sie zwang ihren Blick hinüber zum Terrassengeländer. Dort stand er und starrte aufs Meer hinaus. Ihr Hass war blinder als je zuvor. In jeder anderen Situation wäre der Schmerz nach dem Schuss in den Oberschenkel verheerend gewesen. Jetzt spürte er ihn kaum noch. Carsten sah ohne fremde Hilfe, wie die einzigartige andalusische Dämmerung hereinbrach. Und er sah, mit eigenen Augen, seine Traumterrasse, hundert Meter steil über dem ganz und gar nicht trüben Wasser. Es glitzerte golden, und er konnte mindestens alle Farben des Regenbogens darin ausmachen. Mindestens. Das war eindeutig mehr, als fast blind zu sein. Weit in der Ferne konnte er sogar den Fels von Gibraltar sehen, der wie eine Haifischflosse aus den Tiefen des Meeres ragte. Und die Bienenstöcke, seine eigenen Bienen an den Hängen. Er hatte sie schon so viel länger als die Villa. Nach ihr hatte er aber auch schon seit Jahren geschielt wie nach einem unerreichbaren Traum. Und jetzt war er Wirklichkeit geworden. Das Problem war nur, dass er ihn nie würde sehen können. Wenn er keine Hilfe bekam. All die Bienen, die summten – auch jetzt, im Dezember –, und all die Kontrolle, die er über sie ausüben konnte. Und mit ihnen. Die Bienen waren wie seine eigene Familie, und sie taten alles, worum er sie bat. Nur aus seinem Vertrag hatten sie ihn nicht lösen können. Doch jetzt war er endgültig befreit. Keine weiteren Nordkoreaner in seinem Leben. Endlich waren alle Rechnungen bezahlt, alle Dokumente unterschrieben, alles Weltliche war über die Bühne gebracht. Der Rest seines Lebens würde vom Geistigen bestimmt sein. Ab sofort wäre alles geistig. Denn die zwei Gläser Weißwein, die zwischen ihnen auf dem Tisch standen und langsam beschlugen, waren wohl durchaus der geistigen Sphäre zuzurechnen. Genau wie die regungslose Molly Blom. Und ihre Augen. Die bald seine Augen werden würden. Sie sah, wie sich Carsten von der Balustrade der großen Terrasse näherte. Die sonst so kraftvollen Schritte des Zirkusartisten waren aus dem Gleichgewicht geraten und verrieten nicht nur, dass er große Schmerzen im Bein hatte, sondern auch, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Bis auf die Grenzen, die er so klar auf der Terrasse ausgemessen hatte. Sichere Zone, unsichere Zone. Sie fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Sie konnte sich kaum von dem Gedanken lösen, obwohl er jetzt schon so nah war. Er ging neben ihr in die Hocke. Weil sie während des Flugs betäubt gewesen war, sprach er jetzt zum ersten Mal richtig mit ihr. »Ich frage mich, ob du das verstehen kannst«, sagte er, ohne sie richtig anzusehen. »Ich frage mich, ob du, Molly Blom, ernsthaft verstehen kannst, was es bedeutet, einen Menschen gleichzeitig zu lieben und zu hassen. Also sowohl als auch.« Sie strengte sich bis aufs Äußerste an, um eine Stimme zu finden, um überhaupt Worte zu finden in diesem wüsten Chaos in ihrem Inneren. »Was hast du mit mir gemacht?«, fragte sie heiser. Er antwortete lächelnd: »Du weißt ja, wie wir Spione so sind. Hartgesottene Nerds, die immer das Allerneueste aufspüren. In diesem Fall zwei Drogen, die ausgezeichnet zu uns passen. Zu dir und mir. Zusammen.« »Drogen?«, flüsterte Molly. Carstens selbstzufriedenes Grinsen war zutiefst beängstigend. »Ich habe dich aus dem Koma geweckt, Molly«, sagte er. »Ohne mich würdest du dich zu diesem Zeitpunkt allenfalls mit einem Rollator durch die Gegend schleppen.« Sie starrte ihn nur an, brachte jedoch kein Wort hervor. »Zolpidem«, erklärte er. »Was?« »Anfangs war das ein Schlafmittel«, erläuterte Carsten. »Ziemlich starke Tabletten. Aber wie sich herausstellte, hat es bei Menschen, die im Koma liegen, genau den gegenteiligen Effekt. Sie können aufwachen. Aber sie können auch sterben. Ich bin ein kalkuliertes Risiko eingegangen, als ich es im Krankenhaus in deinen Tropf gegeben habe. Um ehrlich zu sein, habe ich dir eine heftige Überdosis verpasst, denn im Koma warst du ja sowieso zu nichts zu gebrauchen. Glücklicherweise hat es aber positiv bei dir angeschlagen. Du warst schneller als erwartet wieder auf den Beinen. Hast mich angerufen, weil du eine Waffe brauchtest. Das hat mir eine unerwartete Möglichkeit eröffnet, Phase zwei unseres gemeinsamen Projektes einzuleiten.« »Was sagst du da, Carsten?«, keuchte Blom. »Ein langsam wirkendes Gift, das auf deine Pistole appliziert worden ist. Die ich dir in der Wohnung in der Eolsgatan überreicht habe. Du weißt ja, wie sorgfältig ich immer mit meinen Handschuhen umgehe.« Er zog seine dünnen Lederhandschuhe über, während er weitersprach: »Es wirkt tatsächlich sehr langsam. Ich habe damit gerechnet, dass es ungefähr eine Woche dauern würde, bis es Zeit wäre, dich hierherzufahren. Dann würde die Dösigkeit einsetzen, leider erst nach einer Übergangsphase mit Übelkeit.« »Dösigkeit?« Carsten strich ihr sanft über die Wange. »Ich habe lange an Shakespeare geglaubt. Die Beziehung zwischen Macbeth und Lady Macbeth. Wie sie ihn in moralische Abgründe lockt und es später selbst nicht verkraftet. Aber dann habe ich natürlich eingesehen, dass es nur eine Stelle in der Literatur gibt, an der man wirklich versteht, was es heißt, einen Menschen gleichzeitig zu lieben und zu hassen.« »Der Monolog«, flüsterte Molly. »Siehst du, wie ähnlich wir denken!«, rief Carsten mit einem breiten Lächeln. »Molly Blooms Monolog, natürlich. In James Joyces Ulysses. Ein passiv-aggressives Meisterwerk. Die männliche Kontrolle über den Denkstrom der freien Frau. Aber all das weißt du ja, Molly. Du hast es mir beigebracht.« »Wir waren verheiratet«, keuchte Molly atemlos. »Und du weißt, warum es zu Ende ging.« »Erinnere mich daran«, sagte Carsten, holte sein Jagdmesser hervor und ließ es ganz sanft über Mollys Wange nach oben gleiten. Weder ihr Körper noch ihre Worte gehorchten ihr. Sie spürte, wie sich der kalte Stahl ihrem linken Auge näherte, und vermochte nicht einmal zu blinzeln. Die Messerschneide wanderte über den unteren Teil ihres Blickfelds nach oben wie ein Sonnenuntergang. »Du bist nicht ganz bei Sinnen, Carsten«, sagte sie leise. »Das darfst du gern ein bisschen erläutern«, entgegnete er und führte das Messer dichter an ihr Auge heran. Sie spürte, wie es ihre Hornhaut berührte. »Du brauchst meine Augen noch«, erinnerte sie ihn, und ihre Betäubung war so stark, dass es nicht einmal panisch klang. »Eigentlich brauche ich nur eines«, sagte Carsten lächelnd. »Es ging um deinen Minderwertigkeitskomplex, Carsten. Ich hatte immerzu das Gefühl, dass du jederzeit ausflippen konntest, weil du dir wertlos vorkamst. Weil du fandest, dass ich besser wäre als du. In allem.« Carsten nickte sanft und scheinbar nachdenklich. »Meine einzige Fähigkeit war meine Körperbeherrschung«, ergänzte er. »Du weißt, dass ich acht Bälle gleichzeitig in der Luft jonglieren konnte, oder?« »Und fünf Messer«, flüsterte Molly. »Aber man durfte deine Kreise währenddessen nicht durchbrechen.« »Das war gefährlich«, pflichtete Carsten ihr bei. »Und ist es immer noch.« Er nahm das Messer von ihrem Auge weg und stand auf. Starrte in die wunderschöne Landschaft hinaus. Ein unerwartet kalter Wind blies vom Mittelmeer herauf. Mitten in diese Schönheit hinein sagte Carsten: »Ich kann jeden Moment blind werden, Molly. Du sollst für mich sehen. Du sollst reglos daliegen, ans Bett gefesselt wie Molly Bloom, und meine Augen sein. Du sollst mir die Augen öffnen, so wie damals auch. Bevor du mich verlassen hast. Du sollst reglos daliegen und mir alles erzählen, was du siehst, und wir werden bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben.« Molly sah zu ihm auf. Sein Gesicht verschwamm mit dem Orange der untergehenden Sonne. »Du hast mich vergiftet«, sagte sie. »Ich werde sterben. Es wird keine gemeinsame Ewigkeit geben.« »Das Gift lässt sich ausbalancieren«, erwiderte Carsten und ging erneut neben ihr in die Hocke. »Ab sofort gibt es nur noch dich und mich, für immer, Molly. Und jetzt möchte ich deinen inneren Monolog hören. Während wir warten.« Berger machte eine Vollbremsung, als sie das Haus sahen. Zum Glück entdeckten sie es rechtzeitig, sodass die quietschenden Reifen oben wohl nicht zu hören waren. Sie stiegen aus, und nachdem sie über einen Hügel gelaufen waren, breitete sich ein einzigartiger Blick vor ihnen aus. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich der Fels von Gibraltar aus dem Wasser. Es war wie ein Stillleben. Unweit der Bienenstöcke lag eine große weiße Villa. Sie befand sich genau dort, wo das Foto an der Wand in Tensta aufgehört hatte. Berger und Deer sahen ganz weit oben die Ränder der Balustrade einer Terrasse, die schräg in die andere Richtung hinausging, direkt auf das gold glitzernde Meer. Bisher war das einzige Lebenszeichen eine Art Rauchwolke, die über den Bienenstöcken hing. Es waren die Bienen. Und es sah aus, als würden sie auf irgendetwas warten. Berger und Deer nahmen einen Seitenweg, der um das Haus herum zum Haupteingang führte. Sie näherten sich geduckt. Es war überraschend weit bis dorthin. Die Terrasse verschwand außer Sichtweite. Die Sonne auch. Je näher sie kamen, desto mehr befanden sie sich im Schatten. Und im Funkloch. Dann standen sie vor der dicken Außentür der Villa. Sie sah verstärkt aus. Berger holte seinen alten Dietrich hervor, den ganzen Bund. Als er ihn aus der Tasche zog, klirrte er. Er hätte nicht klirren dürfen. Carsten Boylan erwachte aus seinem lebenslangen Traum. Ein leiser Klang holte ihn in die eiskalte Realität zurück. In die Welt der bevorstehenden Blindheit. Die er um jeden Preis bekämpfen würde. Er lächelte. Ruhig beugte er sich über den Tisch zwischen den Stühlen. Er nahm eines der Weißweingläser und drückte Molly Blom das andere in die Hand. Sie stießen an. Er erahnte zwei hellgelbe Oberflächen, die hin- und herschwappten, als der Klang ertönte, davon abgesehen, erkannte er sehr wenig. Er brauchte wirklich jemanden, der für ihn sah. Hören konnte er selbst. Handeln konnte er selbst. Berger und Deer verschafften sich Zutritt zum Haus. Drinnen war alles aus Marmor. Sie folgten ihrer inneren Karte dorthin, wo sie die Balustrade vermuteten, die sie von unten erblickt hatten, und bewegten sich vollkommen lautlos, gaben einander Deckung, taten die ersten Schritte die Wendeltreppe hinauf. Das war das Schlimmste, was es gab. Wendeltreppen. Sitting ducks. Sie schlängelten sich hinauf. Der ganze Marmor verbreitete eine seltsame Kälte. Als wäre alles seelenlos. Sie konnten jeden Moment erschossen werden. Aber sie gelangten nach oben. Lebend. Sie erreichten ein Wohnzimmer, hinter dessen dicken, zugezogenen Vorhängen die Terrasse sein musste. Der Raum lag in völliger Dunkelheit. Geduckte Schritte dorthin. Der Atem angehalten. Jeder positionierte sich auf seiner Seite des Vorhangs, der sanft im Wind wehte. Sie schlichen langsam voran, damit er sich nicht anders bewegte als sonst. Berger betrachtete seine Hände. Die Pistole in seiner rechten Hand zitterte in einem wohlbekannten, regelmäßigen Rhythmus, die linke, die auf die geschlossene Lücke zwischen den beiden Vorhängen zustrebte, in einem ganz anderen Takt. Er war nur mehr ein Wirrwarr aus losgelösten Körperteilen. Deer gab ihm Deckung, als er den Vorhang aufriss, und mit angehaltenem Atem hechteten sie auf die Terrasse. Sie war leer, vollkommen leer. Und viel kleiner, als sie erwartet hatten. Es war niemand da. Berger beugte sich über die Balustrade nach vorn, an der Außenwand vorbei. Streckte sich ein wenig hinüber. Da hörte er den Schuss. Spürte den Schmerz im Augenwinkel. Sah durch eine dicken Blutfilm nach oben. Hinter der Wand, eine Treppe hinab, konnte er eine andere, bedeutend größere Terrasse erkennen. Sie waren tatsächlich auf der falschen Terrasse. Berger sah die Ecke der Hauswand, sah den weggeschossenen Beton, das Blut an der Wand, fasste sich ans Auge. Er konnte sich gerade noch zusammenreißen, nicht zu schreien. »Nur ein Splitter«, flüsterte Deer und spähte ebenfalls um die Ecke. Ein weiterer Schuss ertönte. Carsten gab einen zweiten Schuss ab und trat einen Schritt zurück, blieb aber innerhalb seiner deutlich abgesteckten Grenzen. War bereit, seine letzte Sehkraft für diese Sache hier zu opfern. Er wusste, dass er außer Sichtweite war, außer Schussweite. Sichere Zone, unsichere Zone. Er grinste schief. Lugte wieder hervor. Sah für einen kurzen Moment die zerschossene Ecke dort oben, sah, wie das Blut langsam von der Wand herunterrann, konnte die Balustrade der kleineren Terrasse erahnen. Wer von ihnen würde nach unten kommen? Wer würde wieder seinen Kopf hervorstrecken? Auch die Tür hatte er ganz und gar im Blick. Keiner würde durch diese dicken Vorhänge dringen, ohne erschossen zu werden. Er hatte die Kontrolle. Die volle Kontrolle. Er fragte sich, wer geschossen hatte. Zu einer Hälfte war er Leopold Bloom, der geduldig Wartende, zur anderen Blazes Boylan, der Ungestüme, Lüsterne, Wilde. Er war beides. Er war vollkommen. Er war Bloom, er war Boylan. Er war alles. Alles auf dieser Welt. Und er war mit seiner Molly Bloom hier. So viel Perfektion, so viel Perversion. Er wandte sich zu Molly Bloms Stuhl um. Auf dem sie im selben Stadium der Dösigkeit saß wie Molly Bloom. So wollte er sie haben. Das Problem war nur, dass sie nicht mehr dort saß. Ihr Stuhl war leer. Molly hatte alles gesehen. Jede von Carstens Bewegungen. Wie er mit einer großen, routinierten Ruhe seine Grenzen abgesteckt hatte. Und sich genau am richtigen Orten positioniert hatte. Sichere Zone, unsichere Zone. Der Wille, den es erfordert hatte, aus dem Stuhl hochzukommen, war übermenschlich gewesen. Und der Wille, den ihre nächste Handlung voraussetzte, war noch viel stärker. Mit einer fast unbegreiflichen Langsamkeit folgte sie seinem Blick, der sich auf ihren Stuhl richtete. Obwohl ihr höchstens eine Zehntelsekunde blieb, zog sich die Zeit in die Länge, floss so zäh dahin wie gerinnendes Blut an einer Wand. Noch ehe sie wahrnahm, wie sein verdunkelter Blick zu ihr wanderte, kam sie in Schwung. Auf dem Weg zu ihm sah sie deutlich, wie Carsten Boylan genau in diesem Moment klinisch blind wurde. Der Blick, mit dem er sie betrachtete, war nicht länger ein Blick. Dann rempelte sie ihn zu Boden. Durchbrach seine Kreise. Sie spürte selbst, wie kraftlos der Kopfstoß gewesen war, den sie ihm versetzt hatte, wie tot sie und ihr Embryo sein würden, wenn er nicht ausreichen würde, um ihn über die unsichtbare Grenze zu befördern. Doch er geriet ins Wanken, tat den fatalen Schritt. Sie hatte niedrig angesetzt, den Kopf direkt in seine Hüfte gerammt. Sie hatte bemerkt, dass er den Schmerz auch in seinem verletzten Bein gespürt hatte. Das war ihre Chance gewesen. Carsten taumelte ins Leere und hatte seine Pistole bereits auf sie gerichtet, als ihn der Schuss in den Rücken traf. Er hätte schießen können, aber er tat es nicht. Er nahm den nächsten Schuss entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken. Während Molly auf den Marmorboden sank, warf sie einen Blick hinauf zu der anderen Terrasse. Deer kam zum Vorschein. Sie schoss noch einmal. Als Berger mit blutüberströmtem Gesicht hinter dem Vorhang hervorhechtete, machte er kein Geheimnis daraus, worauf er zielte. Blom lag auf dem Boden und übergab sich, während Carsten mit drei Kugeln im Rücken an ihr vorbeiwankte und seinen leeren Blick auf Berger richtete. Und Berger streckte ihn mit zwei Schüssen nieder. Einem in jedes Auge. Durch die dicken Brillengläser. Während Carsten zusammensackte, schwirrte ein Bienenschwarm auf die große Terrasse und kreiste eine Weile lang über seinem toten Körper. Als er auf dem Boden lag, sah es für einen Moment so aus, als würden die Bienen versuchen, seine Seele aufzufangen. Dann formierten sie sich zu einem Fächer, der zum Himmel hinaufflog, und für einen kurzen Augenblick bildeten sie die einzige Wolke am errötenden andalusischen Himmel. Deer drang durch den Vorhang ins Freie und versuchte, die Szene zu erfassen. Das Erste, was sie erblickte, war Carstens dicke Brille, die zersplittert und blutig auf dem Marmorboden der Terrasse lag. Erst danach sah sie, wie Berger sich über Blom beugte, auf die Knie sank und die Arme um sie schlang. Die Sonne versank gerade orange-rot im Meer. Deer betrachtete die Szenerie eine Weile. Die Menschen sahen aus wie Skulpturen. Und sie verstand, dass ihnen etwas Ewiges innewohnte. Dann blickte sie aufs Mittelmeer hinaus, wo sich der schwach erleuchtete Horizont wölbte und die Sonne hinter seiner Wölbung verschwand. Deer sah, wie ihr unendlich mächtiges Licht über die Meeresoberfläche rann. Sie sah, wie sich ganz Andalusien in diesem majestätischen Sonnenuntergang spiegelte. Und die Sonne verschwand. 45 Sonntag, 13. Dezember, 10:14 Eine magische Sonne ließ ihre matten Strahlen durch die leblosen Espenzweige und die schmutzigen Fensterscheiben fallen und breitete sich im Inneren des Bootshauses aus. Über dem alten Uhrwerk mit seinen Zahnrädern, Getrieben und Triebfedern, seiner Unruh, seinen Endhaken und seinem Gewicht hatte sich in der Zwischenzeit keine ordentliche Staubschicht bilden können. Nicht einmal über die Sammlung von gestrandeten Bojen und mit Grünspan überzogenen Ankern, Tampen, Tauen und Seilen. Es war Lucia. Eigentlich hätte sich die Eisdecke über dem Edsviken schließen müssen. Stattdessen war die Sonne da. Mit all ihren Reflexionen. »Es ist auf den Punkt genau fünfzig Tage her, seit alles angefangen hat«, sagte Berger. »Und dieser kleine Rabauke ist auf den Punkt genau einen Monat alt.« Blom strich sich über den Bauch. Berger öffnete die Tür des Bootshauses, aber er war nicht als Erster drinnen. Marcus und Oscar waren schneller. Die Zwillinge staunten nicht schlecht, als sie zwischen den faszinierenden Überbleibseln der Vergangenheit umherliefen. Berger und Blom saßen am Holztisch und beobachteten sie. All das Leben, das in ihnen steckte. Und all das Leben, das in ihr steckte. Und sogar ein bisschen in ihm. Trotz des dicken Verbands, der quer über sein Gesicht verlief. »Ich habe das Bootshaus gestern gekauft«, erklärte Berger. Blom erstarrte und sah ihn ungläubig an. Mit einer entschuldigenden Geste fuhr er fort: »Die Auseinandersetzung zwischen den beiden zerstrittenen Parteien war eskaliert. Ich habe es für einen Spottpreis bekommen.« »Und das hast du gemacht, als ich noch im Krankenhaus lag?«, fragte sie. »Genau in dem Moment, als du und unser Kind für gesund erklärt wurden, ja. Du hattest wirklich recht damit, dass Carsten ein Gegengift besaß.« »Das hat er angedeutet. Die Ärzte haben allerdings gesagt, dass es ein ziemlich wirksames Gift war. Er hatte es auf der Pistole verteilt, die er mir überreicht hat, als er seine verdammten Lederhandschuhe trug.« »Und es war also wirklich ein langsam wirkendes Gift?« »Aber glücklicherweise ungefährlich für den Embryo, ja.« »Wir können es nicht länger ›den Embryo‹ nennen. Das klingt so unmenschlich.« Ein neues Schweigen entstand. Die Zwillinge rissen die Tür zum Bootssteg auf und stürmten hinaus. »Ich weiß nicht, ob wir irgendetwas irgendwie nennen sollten«, sagte Molly nach einer Weile. »Ich weiß nicht einmal, was wir sind.« »Ich auch nicht«, erwiderte Berger. »Aber das Bootshaus gehört mir. Und dir, wenn du willst.« Sie schüttelte lange den Kopf, ehe sie auf den Steg deutete, wo die Zwillinge gerade Steine gefunden hatten, die sie auf das gefrierende Wasser schleuderten. »Wie steht es um die Familie?«, fragte sie. »Die wohnt immer noch bei mir«, antworte Berger. »Ich schlafe auf dem Sofa. Es ist alles unklar.« »Auch zwischen Freja und dir?« »Da am allermeisten«, sagte er. »Und so wird es auch bleiben. Zwischen uns ist nichts mehr. Sie lebt und versucht, sich selbst zu verstehen. Wenn sie keine geschützte Identität bekommen, können wir uns das Sorgerecht teilen. Ansonsten wird es kompliziert.« »Könntest du die Zwillinge verlieren?« »Sie hat noch immer das volle Sorgerecht. Wenn sie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden, landen sie in irgendeiner schwedischen Kleinstadt, ohne dass ich erfahre, wo sie sind. Dann sind sie wirklich weg.« Er schloss die Augen. Aber er riss sich zusammen. »Deer hat jedenfalls neuerdings ein Instagram-Konto. Nur Sonnen- und Badebilder. Auf dem letzten springt sie von der höchsten Klippe in Nerja. Immerhin hat sie das Bild hochgeladen und scheint demzufolge noch zu leben.« »Aber wer hat sie fotografiert?« Blom lachte. »Diese Frage will sie auf keinen Fall beantworten«, sagte Berger. »Aufgenommen vom Balkon Europas. Sie muss ihr Handy also jemandem überlassen haben, der sich außer Reichweite befand und einfach damit hätte wegrennen können. Wem vertraut man so sehr?« »Das muss nicht so sein«, erwiderte Blom. »Jemand könnte ihr das Bild auch geschickt haben.« »Du denkst wie eine Detektivin«, sagte Berger. »Das ist gut. Gut für die Zukunft.« »Du meinst also wirklich, wir sollten das Bootshaus aufrüsten und eine Art Detektivbüro eröffnen?« »Das meine ich. Aber nur unter einer Voraussetzung.« »Und die wäre?« »Dass wir einander vertrauen können.« Sie antwortete nicht. Saß nur schweigend da. Berger betrachtete sie. »Es hat so viel Misstrauen zwischen uns geherrscht«, sagte er schließlich. »Und ich weiß immer noch nicht, ob ich dir vertrauen kann. Es sind da noch einige Fragen offen.« Sie schwieg weiter. Doch eine deutliche Finsternis senkte sich auf sie herab. »Gibt es noch mehr Geheimnisse, Molly? Du hast doch zum Beispiel bestimmt keinen Freund, der für die Helikoptertransporte bei der Säpo zuständig ist? Wie hast du mich auf dieser Schäre vor Landsort gefunden?« Sie blieb stumm. Starrte ins Nichts. Sah zwei uralte Kirchtürme vor sich. »Jemand hat uns gerettet«, fuhr Berger fort. »Die Zwillinge saßen im Gummiboot, Freja war gerade auf dem Weg dorthin. Ein großer, dünner, blasser Mann hat uns gerettet. Außerdem hat er sich anschließend an den Strand von Öja gestellt und uns salutiert. Er kam nicht in deinem Bericht vor. Aber du musst ihn gesehen haben.« Molly Blom verzog das Gesicht und sagte schließlich: »Es waren Freunde vor Ort.« »Freunde?«, rief Berger. »Was für Freunde?« »Auf Landsort gibt es ein paar alte Geschütze. Und darunter befinden sich unterirdische Schutzräume. Dort hatten sie sich versteckt. Dort wollte sich auch August Steen verstecken und deine Kinder entführen.« »Aber Freunde? Woher?« »Europa«, antwortete Blom mit einem blassen Lächeln. Berger starrte sie offen an. »Und diese Freunde wussten also von der Auktion, weil …« »… weil ich ihnen davon erzählt habe, ja.« Berger konnte nichts mehr sagen. Sein Wortvorrat war völlig aufgebraucht. »Sie besaßen Informationen darüber, dass es bei der Säpo nicht nur einen Spitzel gab, sondern zwei«, erklärte Blom. »Ich habe August Steen entführt, weil er der andere war. Der Spitzel, der den Spitzel jagte. Sie wussten von Steen, aber nicht von Carsten. Als ich aus dem Koma erwacht bin, habe ich auch nichts von Carstens Verrat geahnt, sonst hätte ich mich nicht wegen der Pistole an ihn gewandt. Und unsere Freunde mussten an Ali Pachachis Informationen kommen. Über Jean Babineaux, über die Auktion. Um dort sein zu können und die Auktion zu verhindern, den großen Waffenverkauf zu stoppen, an das Waffenlager zu kommen und die Vertreter mehrerer großer krimineller Organisationen festzunehmen. Allerdings wusste niemand, dass Nils Gundersen inzwischen alles in Beschlag genommen hatte.« »Aber du hättest deinen Vater nicht umbringen müssen.« »Er war nicht mein Vater«, entgegnete Blom und blickte zum Bootssteg hinüber. Die Zwillinge hielten sich immer noch dort auf und tobten herum. »Dann eben dein Adoptivvater. Du hättest ihn nicht umbringen müssen.« »Doch«, sagte Blom. »Er war ein Landesverräter.« »Das ist ja wohl kein Grund!«, ereiferte sich Berger. »Wir haben in diesem Land keine Todesstrafe.« Blom seufzte. »Die Europäer hatten einen Undercover-Agenten, der im Kontakt mit der Waffenorganisation stand, ohne zu wissen, wer diese Leute wirklich waren. Ich habe ihn auf Öja getroffen. Er heißt Jorge. Gundersen hatte begriffen, dass August Steen einen Alleingang machen wollte, das verstehe ich erst jetzt. Deshalb wollte er Steen tot sehen, und er hätte sich nicht auf Jorges Wort verlassen. Er wollte die Leiche sehen, und es gab eine zeitliche Frist. Eine sehr begrenzte. Es war eilig. Extrem eilig. Ohne Steens Leiche wäre die ganze Aktion gegen die Waffenhändler geplatzt. So unbarmherzig war das.« »Du hast deinen eigenen Vater umgebracht, um die Aktion nicht zu gefährden?« »Ja«, antwortete Blom. »Wir mussten schnell eine Entscheidung treffen. Die Vor- und Nachteile abwägen. Dazu ist man in dieser Welt gezwungen, von der du nichts wissen willst. Die es aber gibt, ob du es wahrhaben willst oder nicht.« Berger starrte sie an. »Du bist und bleibst voller Geheimnisse«, sagte er. »Und was ist mit dir?«, fragte Blom. »Wie lange hat es gedauert, bis du mir erzählt hast, dass du dort unten in der Landsortsdjupet gegen Nils Gundersen gekämpft und ihn dann umgebracht hast?« »Er war immerhin nicht mein Vater«, brummelte Berger. »Auf jeden Fall ist es jetzt vorbei«, stellte Blom fest. »Keine weiteren Geheimnisse. Alles liegt offen.« »What you see is what you get«, erwiderte Berger lächelnd. »Lass uns nicht gleich übertreiben«, meinte Blom und lächelte ebenfalls. So saßen sie eine Weile da. Bis Berger sagte: »Und der blasse Mann? Der meine Familie gerettet hat?« »Einer der Europäer«, antwortete Blom und nickte. Dann schwiegen sie wieder. Bis Berger fragte: »August Steen war also schon tot, als er mit mir gesprochen hat? Als ich die Filme gesehen habe, war er schon tot?« »Bei allen bis auf den ersten«, gestand Blom. Berger schüttelte den Kopf. Er hatte viel zu lange einem toten Mann zugehört. »War das auch wirklich das letzte Geheimnis?«, fragte er schließlich. Blom nickte sanft. Berger blickte in die grelle Wintersonne, die sich im Edsviken spiegelte. Er ließ sich von ihr blenden. Als er sich so gut wie blind fühlte, sagte er mit einem schwachen Lächeln: »Eigentlich ist das fantastisch. Was für ein einzigartiges Netzwerk wir als Freiberufler hätten. Europa. Eine Säpo, die jetzt anscheinend wirklich sauber ist. Die Nationale Operative Abteilung mit Deer. Wir wären Gold wert, Molly.« »Aber dann würde man uns für inoffizielle Aufträge einsetzen. Wir müssten Spione werden. Und ich weiß nicht, ob ich noch weiter im Verborgenen agieren möchte.« »Wenn das so ist, bist du in der falschen Branche«, konterte Berger. »Ja, das kann natürlich auch sein«, erwiderte Blom mit dunkler Miene. »Dass ich eigentlich etwas ganz anderes machen möchte. Jetzt, wo ich ein Kind bekomme.« Berger schaute sie an. »Es wird sowieso Zeit in Anspruch nehmen, das Bootshaus umzubauen. Wir müssen noch nichts entscheiden.« Sie sahen einander an. Und nickten. »Manchmal frage ich mich ganz einfach, wo all das Böse herkommt«, sinnierte Berger und sah auf den Steg hinaus. »Hast du eine Antwort gefunden?«, fragte Blom. »Nicht direkt.« »Ich bin eine Vatermörderin«, sagte Blom dumpf. »Kannst du damit wirklich leben?« In diesem Moment kamen die Zwillinge vom Steg zurück. Ihren Gesichtern war deutlich anzusehen, dass sie sich nach wie vor in einer magischen Welt befanden. Berger fragte sich, wie lange dieser Zustand wohl noch anhalten würde. »Ja«, antwortete er und beugte sich hinab, um seine Söhne zu begrüßen. Während er sie in die Arme schloss, blickte er zu Blom auf und sagte: »Ja. Ich kann damit leben.« In diesem Moment schloss sich die Eisdecke.