Ben Aaronovitch Der Galgen von Tyburn Roman Deutsch von Christine Blum Dieses Buch ist allen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren überall auf der Welt gewidmet – denn sie sind die wahren Hüter der geheimen Flamme, und man sollte sich nicht mit ihnen anlegen. Im Schritt geht es rumpelnd dahin. Das Totengeläut nur bedrückt uns. Mit Sträußchen und Tüchlein zuhauf Hat lustig und fein man geschmückt uns. Den Straßenrand säumen die Reih’n Junger Maiden, von Mitleid ganz trübe, Solche wie uns – so sind alle sich eins – In ganz London es keine mehr gebe. Dann, ach!, heißt’s: zum Galgen, mein Freund! So hat es der Richter verkündet. Ein Schwarzrock, ihr wisst, wen ich mein’, Singt sein Liedchen von Reue und Sünde. Man zurrt um den Hals uns den Strick »Betet für uns«, hör’n wir uns brabbeln. Ein Sack dann verdunkelt den Blick, Ein Ruck – hei, wie lustig wir zappeln! Tyburn-Ballade, nach der mündlichen Überlieferung niedergeschrieben von Francis Place 1 Keine Sternstunde der Architektur Ich träumte, dass Mr. Punch mir hämisch ins Ohr lachte, aber beim Aufwachen stellte ich fest, dass es mein Handy war. Die angezeigte Nummer war mir bekannt, daher überraschte mich die kühle, kultivierte Stimme am anderen Ende nicht. »Peter«, sagte Lady Ty, »erinnern Sie sich noch an unser Gespräch am Oxford Circus?« Ich erinnerte mich sehr gut. Wie sie mich gefunden hatte, als mir das Kunststück gelungen war, unter dem Bahnsteig der U-Bahn verschüttet zu werden. Wie sie sich über mich gebeugt hatte, nachdem man mich ausgegraben hatte, an den Hauch von Muskat und Safran in ihrem Atem. »Eines Tages werde ich Sie um einen Gefallen bitten, und Sie wissen, was Sie dann zu antworten haben?« »Natürlich, Ma’am«, sagte ich in Erinnerung daran, was ich damals geantwortet hatte. »Sehr wohl, Ma’am, zu Befehl, Ma’am.« Es war fünf Uhr morgens, noch dunkel, und Regen plapperte an die Scheibe der Terrassentür am anderen Ende von Beverleys Zimmer. Das einzige nennenswerte Licht kam vom Bildschirm meines Handys. Die andere Seite des breiten Betts war leer – ich war allein. »Eine Freundin meiner Tochter hatte einen Unfall«, sagte Lady Ty. »Ich möchte, dass Sie dafür sorgen, dass meine Tochter aus allen Ermittlungen herausgehalten wird.« Oh Mist, dachte ich. Diese Art Gefallen. Sie nannte mir den Ort und umriss, was sie von den Umständen wusste. »Ich soll beweisen, dass Ihre Tochter nicht in die Sache verwickelt ist?« »Sie missverstehen mich. Mir ist egal, ob und wie sie darin verwickelt ist. Ich will, dass sie aus dem Fall herausgehalten wird.« Sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie da verlangte, aber ich verkniff mir jeden Versuch, es ihr zu erklären. »Verstanden.« »Und Peter«, sagte sie, »kein Wort davon zu Nightingale, ist das klar?« »Sonnenklar.« Sobald sie aufgelegt hatte, rief ich im Folly an. »Ich möchte behaupten, dass ich ohnehin unweigerlich Interesse an dem Fall entwickelt hätte«, sagte Nightingale, sobald ich ihn über alles in Kenntnis gesetzt hatte. »Ich werde mich allerdings bemühen, so zu tun, als wüsste ich von nichts, bis Sie mich brauchen.« Er verstummte und fügte hinzu: »Sie werden es mich wissen lassen, wenn dieser Moment gekommen ist.« Es war keine Frage. »Ja, Sir«, sagte ich, legte auf und fragte mich, warum heute alle schon so früh am Morgen einen derart nachdrücklichen Ton draufhatten. Beverley gehören beide Hälften eines Doppelhauses aus den zwanziger Jahren an der Beverley Avenue in Wimbledon. Das Haus ist ein bisschen seltsam – nur halb eingerichtet und wenig benutzt. Bei meinem ersten Besuch erklärte sie mir, sie hätte es »mehr oder weniger geerbt« und sich noch nicht ganz entschieden, was sie damit machen wolle. Sie schläft im Erdgeschoss in einem Zimmer zum Garten hinaus, in dem außer einem Ikea-Bett mit unaussprechlichem Namen nur zwei nicht zusammenpassende Schränke und eine antike Mahagonikommode stehen. Der Dielenboden ist zur Hälfte mit einem Perserteppich bedeckt. Ich betastete die leere Hälfte des Bettes. Sie war fast kalt, auf dem Kissen ahnte man noch einen Hauch Haaröl. Beverley musste sich vor Stunden davongemacht haben. Ich seufzte, schlug das warme Federbett zurück und fröstelte. Die Terrassentür stand halb offen, ein kühler Wind wehte den Geruch nach Regen herein. Da das Badezimmer im ersten Stock keine Dusche hatte, vollführte ich meine morgendlichen Waschungen mithilfe eines Eimers in der riesigen ovalen Badewanne, von der ich aus vergnüglicher Erfahrung wusste, dass bequem zwei Leute auf einmal hineinpassten, und zog mich an. In der Met wird alles, was mit Ermittlungen zu tun hat, genauestens überwacht. Das heißt, man kann sich nicht einfach in seinen AWARE-Account einloggen und nach Informationen schürfen, ohne einen verdammt guten Grund zu haben. Während ich meine Schuhe polierte, telefonierte ich also mit DC Guleed, die, wie ich wusste, diese Woche die Mordbereitschaft-Nachtschicht hatte. »Hi, Peter«, sagte sie. Im Hintergrund hörte ich gedämpfte Innenraum-Geräusche und polizeilich klingende Stimmen. Ich fragte sie, ob sie von einem Einsatz in Knightsbridge gehört hatte, verdächtiger Todesfall mit Drogenzusammenhang. »Warum willst du das wissen?«, fragte sie zurück – woraus ich schloss, dass sie sich exakt am Ort des Geschehens befand. Jetzt ertönte hinter ihr ein vertrautes dröhnendes Organ mit Manchester-Klangfärbung, das wissen wollte, mit wem zum Teufel sie da redete. Detective Chief Inspector Alexander Seawoll. Der als Chefermittler eigentlich noch nicht mal aufgestanden sein sollte, bis die Mordbereitschaft ihre Arbeit beendet hatte. »Peter«, informierte sie ihn. »Er erkundigt sich nach unserem verdächtigen Todesfall.« »Sagen Sie ihm, wenn das nichts mit seiner Sparte zu tun hat, geht es ihn einen Scheiß an.« »Hast du berechtigtes Interesse daran?«, fragte Guleed mich. »Es könnte gewisse Verbindungen geben«, sagte ich, was schon irgendwie stimmte, da Tyburns Tochter darin verwickelt war. Guleed gab das weiter. Seawoll brummelte etwas Unfreundliches vor sich hin. »Dann soll er seinen Arsch hierherbewegen, und zwar pronto.« »Du sollst herkommen«, sagte Guleed und gab mir die genaue Adresse. Ehe ich ging, schaltete ich mein Handy aus und trat in den Garten hinaus. Aus dem Regen war ein Nieseln geworden, das sofort meine Haare und das Leder meiner Jacke durchfeuchtete. Für Londoner Verhältnisse ist Beverleys Garten riesig: er reicht fünfzig Meter weit zum Fluss hinunter und ist doppelt so breit wie die angrenzenden Gärten. Trotz der Lichtverschmutzung unter der tief hängenden Wolkendecke bestand ein gewisses Risiko, über das wahllos herumstehende Gartenmobiliar zu stolpern, deshalb erschuf ich mir für den Weg ein Werlicht. Der Beverley Brook entspringt im Worcester Park im Südosten Londons und durchfließt eine erstaunliche Anzahl weiterer Parks, Grünanlagen und Golfplätze, bevor er bei Barn Elms in die Themse mündet. Im Durchschnitt, sagt Beverley, führt sie einen halben Kubikmeter Wasser pro Sekunde, hat es aber auch schon ein paarmal auf über sechs gebracht. Und sofern man ihr nicht genügend Aufmerksamkeit, Fürsorglichkeit und gelegentlich eine Flasche Junipero Gin schenke, werde sie keine Verantwortung dafür übernehmen, wo das überschüssige Wasser lande. Keine Drohung, natürlich. Aber einen Fluss sollte man nie unterschätzen, glauben Sie mir. Das Flussufer am Ende des Gartens war mit jungen Erlen und Eschen bewachsen. Fast überall ist der Beverley Brook so flach, dass man bis auf den Grund sehen kann, aber hier gab es im Schatten einer Trauerweide ein tiefes Becken. Mein milchig blaues Werlicht, das langsam um mich herumgaukelte, spiegelte sich kalt auf der pechschwarzen Wasseroberfläche. »Hey, Bev«, rief ich. »Bist du da drin?« Sie konnte genauso gut kilometerweit weg sein, bei ihrer Mutter in Wapping zum Beispiel. Oder sie suchte mit ihren Schwestern die Themse nach Strandgut und Selbstmördern ab oder was immer sie da so trieben. Aber manchmal war sie auch schon aufgetaucht, wenn ich sie gerufen hatte. Einmal war sie mir sogar wie ein Lachs direkt in die Arme gesprungen, nackt und nassglänzend – es war also auf jeden Fall einen Versuch wert. Diesmal blieb eine Antwort jedoch aus. Da war nur der Nieselregen und das leise Dröhnen der Umgehungsstraße von Kingston jenseits des Flusses. Ich wartete etwa eine Minute, so dass ich später behaupten konnte, ich hätte fünf gewartet, dann wanderte ich zurück. Durch die Gartenpforte trat ich auf die Straße hinaus und ging an Beverleys Kia Picanto vorbei zu meinem orangefarbenen Asbo. Ich prüfte nach, ob ich mein Beweisentnahmeset dabeihatte und das Ladekabel des Airwave am Netz war. Dann startete ich den Motor und fuhr nach Knightsbridge. Hyde Park Nummer Eins hockte neben dem Mandarin Oriental Hotel wie ein Stapel Büromöbel. Es besaß die Eleganz und den Charme eines Kopiergeräts – na gut, sagen wir: einer ultramodernen Kopier-Scanner-Fax-Kombination. Sicher, wie Beverley so schön sagt, habe ich gewisse Ansichten, was Architektur angeht. Aber manche modernen Gebäude gefallen mir. Das »Gherkin«. Das Lloyd’s Building. Selbst der Shard, auch wenn ich immer das nagende Gefühl habe, dass auf der Spitze womöglich Nazgûl hausen. Hyde Park Nummer Eins hingegen hatte der gute Richard Rogers wirklich nur gemacht, damit die Kohle stimmte. Richtig hässlich konnte man es nicht nennen – es war einfach gar nichts. Berühmt war es dafür, die teuersten Wohnungen Großbritanniens aufzuweisen, was mal wieder zeigt, dass bei Immobilien allein die Lage zählt. Das Gebäude besteht aus vier Blocks – in den Broschüren heißen sie Pavillons – zwischen dem Mandarin Oriental Hotel im Osten und dem Parkeingang Edinburgh Gate im Westen. Die Nord- und Südfront der Pavillons sind jeweils keilförmig angelegt, um das Tageslicht optimal zu nutzen, folglich sieht das Ganze im Grundriss aus wie zwei beim Manöver ineinandergerasselte Sternenzerstörer. Als ich mich auf der A4 näherte, war der gesamte Komplex stockfinster bis auf eine Wohnung auf mittlerer Höhe im zweiten Block von links. Kein Problem also, den Tatort zu finden. Mit einem Parkplatz war es da schon schwieriger. Aber der Trick, als Polizist einen Strafzettel zu vermeiden, liegt darin, dein unscheinbares Zivilfahrzeug zwischen die battenbergkarierten Streifenwagen und Sprinter zu schmuggeln, die sich unvermeidlich vor jedem Tatort ansammeln. Ich fand sie unter der merkwürdigen Betonüberdachung des Edinburgh Gate links von Hyde Park Nummer Eins, wo sie als Nebeneffekt auch gleich noch die Zufahrt zu dem Fahrzeuglift blockierten, mit dem gewöhnlich die Nobelschlitten der Reichen und Schönen nach unten in die Tiefgarage verfrachtet wurden. Außerdem enthielten die Untergeschosse, wie ich mal gelesen hatte, ein hauseigenes Fitnessstudio, einen Swimmingpool, einen Squashcourt und einen Weinkeller. Ich hoffte sehr, dass ich da nicht runtermusste. Nicht dass ich an Klaustrophobie leide, aber ich weiß aus persönlicher Erfahrung, wie viel Gewicht so ein paar Kubikmeter Erde über einem haben können und welchen Geschmack Verzweiflung hat. Guleed erwartete mich vor dem zylindrischen Glasportal der Lobby. Eingedenk der verschiedenen Gelegenheiten, bei denen wir schon zusammengearbeitet hatten, begrüßte sie mich mit größter Liebenswürdigkeit. »Am besten wär’s, wenn du dich gleich wieder verpissen würdest.« Ich war schockiert. »So ein schlimmes Wort.« Sie sah mich nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. Mir fiel auf, dass sie einen ziemlich feinen Hijab trug, lila mit silbernen Fransen, eine farblich dazu passende Jacke und einen eleganten langen schwarzen Rock. Das sah mir nicht nach Arbeitskleidung aus. »Hattest du ein Date?« »Nein. Eine Geburtstagsfeier.« »Ich dachte, du hättest diese Woche Mordbereitschaft.« »Ich hab getauscht. Damit ich zu der Geburtstagsfeier gehen konnte.« »Oh. Tut mir leid.« »Wird das hier wieder so was Obskures?« »Weiß ich nicht. Ich bin ja gerade erst gekommen.« Guleed nickte dem Hilfspolizisten zu, der den Eingang bewachte. »Schreiben Sie ihn auf die Liste.« Und dann zu mir: »Hier wird’s dir gefallen.« Durch die gläserne Tür, die einer Luftschleuse ähnelte, betraten wir eine Galerie, und Guleed führte mich eine Treppe hinunter in die zwei Stockwerke hohe Empfangshalle mit Ledersesseln und einer sinnfreien Skulptur, wie sie zum Beispiel von profitgeilen Banken tonnenweise gekauft werden. Durch eine Glaswand, die gerüchteweise kugelsicher war, sah man auf einen kleinen künstlichen Garten und – hinter einer weiteren Scheibe Sicherheitsglas – auf die düsteren, gefährlichen Straßen von Knightsbridge hinaus. Neben dem Empfangstresen stand ein durchtrainiert wirkender Mann mit brauner Haut und schwarzem Haar in einem hochwertigen Konfektionsanzug. Vielleicht Indonesier, dachte ich. Ihm gelang das Kunststück, gleichzeitig wachsam und zu Tode gelangweilt zu wirken. Ex-Bulle, Ex-Soldat, Ex-Agent, irgendwas in der Art. Die Sicherheitsmaßnahmen kamen mir ein bisschen paranoid vor, aber wie mein Dad sagt, mit dem Geld kommen die Sorgen darum. Der Securitymann warf mir und Guleed einen säuerlichen Blick zu. Ich lächelte zurück und wünschte ihm ein freundliches »Guten Morgen«. Denn ich bin nun mal der Arm des Gesetzes, und der darf – sofern der Filz von Politik und Macht ihn nicht gerade daran hindert – sich überallhin bewegen, selbst in die Festungen des Geldadels hinein. Die vorliegende Festung betrat man mittels eines gläsernen Aufzugs in einem ebenso gläsernen Schacht, so dass man (vorausgesetzt, man war »man«) die Aussicht über den Hyde Park genießen konnte – wofür man ja schließlich auch zehn Millionen Pfund und mehr gelatzt hatte. Der Aufzug führte auf einen Flur, wo wir den Tanz der weißen Overalls aufführten, bei dem die Würde des Gesetzes unweigerlich gewisse Einbußen erleidet, während man auf einem Bein herumhüpft und versucht, das andere in den blöden Papieranzug hineinzumanövrieren. Wie sich herausstellte, trug Guleed Leggings unter ihrem Rock; den Rock ließ sie ebenso wie das Kopftuch in einer bereitgestellten durchsichtigen Plastiktüte zurück. In vorschriftsmäßig hygienischer Verpackung gingen wir sodann nach links durch eine Mahagoni-Doppeltür, die durch ein tragbares Flutlicht am Zufallen gehindert wurde. Dahinter lag ein kurzer Flur mit halbrunder Rückwand und einer Menge abstrakter Kunst an den übrigen Wänden. In Sachen Wohnung bringt mehr Geld einem irgendwann nicht mehr viel, außer dass die Hausratversicherung in schwindelerregende Höhen steigt. Ein Raum mit eleganten Proportionen wirkt auch mit weißer Tapete und kahlem Holzboden elegant. In einem unschön geschnittenen Raum hingegen bewirken selbst die hübschesten Schleiflack-Beistelltischchen aus Rosenholz nichts anderes, als die Putzleute zu nerven. Architektonisch gesehen hatte Hyde Park Nummer Eins den Charme eines brutalistischen Sozialwohnblocks, nur in größerem Maßstab. Natürlich waren die Zimmer viel geräumiger. Aber unter dem Druck, möglichst viele Wohnungen in das Ding zu packen, hatte man deutlich an der Deckenhöhe gespart, was die Proportionen völlig ruinierte. Seawoll fanden wir gleich um die Ecke in etwas, was im Grundriss als »Arbeitszimmer« aufgeführt war. Um so viel Tageslicht wie möglich zu bekommen, waren die Wohnungen wie Blätter gestaltet: in der Mitte ein langer Gang, von dem die Zimmer abzweigten wie Blattadern vom Stängel. Das bedeutete, die meisten Wände standen nicht rechtwinklig zueinander, was die Optionen zum Aufstellen von Möbeln erheblich begrenzte. Wenn man nicht Türen oder Fenster blockieren wollte, musste man Betten, Schränke, Regale und all das andere Zeug, das aus einem Betonhohlkörper eine Wohnung macht, genau dorthin platzieren, wo es vom Architekten vorgesehen war. Im Falle des Arbeitszimmers hieß das, man konnte den Schreibtisch weder so stellen, dass man zum Fenster hinausschauen konnte, noch andersherum, um den Lichteinfall auszunutzen. Stattdessen stand der schwarzglänzende Tisch mit den Edelstahlbeinen vor einem dazu passenden verglasten Bücherregal, das, soweit ich sehen konnte, ein paar unförmige Objekte aus Glas und Chrom und einige Softporno-Bildbände enthielt, die sich als innovative Aktfotografie tarnten. Sie waren noch eingeschweißt. Seawoll saß in dem lederbezogenen Chefsessel hinter dem Schreibtisch. Er trug einen gefährlich prall sitzenden Plastikanzug, in dem er aussah wie der nicht mehr ganz so gut aufgepumpte ältere Bruder des Michelinmännchens. »Man kann den Stuhl nicht mal ganz drehen«, sagte er. »Was nützt einem so ein Scheiß-Drehstuhl, wenn man ihn verdammt noch mal nicht drehen kann?« Er bemerkte, dass ich die Titel der Bücher zu lesen versuchte. »Lassen Sie’s, das ist nur Deko. Soweit wir wissen, wohnt hier niemand.« Ich betrachtete das gerahmte Foto einer jungen Frau mit Hund. »Wem gehört die Wohnung dann?« »Einer Briefkastenfirma auf Jersey.« Seawoll strich mit den Fingern an der Unterseite der Tischplatte entlang –vermutlich suchte er nach Geheimfächern. »Die können wir erst aufspüren, wenn die Jungs von der Geldwäsche endlich einen ihrer Spezialisten aus dem Bett kriegen.« Er gab die Hoffnung auf ein Geheimfach auf und stach mit dem Finger in Guleeds Richtung. »Sahra. Klemmen Sie sich ans Telefon und machen Sie denen Dampf.« »Gern«, sagte Guleed und verschwand. Seawoll sah ihr nach. »Ihr Bruder ist Finanzbuchhalter.« Und dann: »Was wollen Sie verdammt noch mal hier?« Etwa zwei Nanosekunden lang erwog ich, ihn anzuschwindeln, aber ich bin nicht lebensmüde – nicht mal metaphorisch. Andererseits ist die Wahrheit, philosophisch gesehen, ein höchst unklares Konzept, und man sollte sich stets bewusst sein, dass es da Nuancen gibt. »Ich habe von einer Quelle den Hinweis bekommen, dass am Rande etwas Falcon-mäßiges involviert sein könnte.« Und weil ich sah, wie Seawoll sich aufzurichten begann: »Lady Cecelia Tyburn-Thames glaubt, ihre Tochter könnte eventuell zum Zeitpunkt des Vorfalls hier gewesen sein.« »Und jetzt will sie, dass Sie die Sache für sie richten?« »Ja.« »Wissen Sie, was für ein ›Vorfall‹ das war?« »Versehentliche Überdosis.« Seawoll nickte. »Sie fragen sich vielleicht, was zum Henker ich dann hier mache.« Mir rann ein Schweißtropfen den Rücken hinunter. »Weil Sie mal einen Einblick in das Leben der Reichen und Schamlosen kriegen wollten?« »Weil zu dieser Wohnung eigentlich niemand Zutritt hatte. Haben Sie unten die Autos vom Diplomatenschutz gesehen?« Die Abteilung Diplomatenschutz übernimmt Leibwächterfunktion für Angehörige der Königlichen Familie und Leute, bei denen es nach Ansicht der Regierung unpraktisch wäre, wenn sie umgebracht würden, während sie sich im Vereinigten Königreich aufhalten. Ihre Mitglieder sind grundsätzlich bewaffnet und fahren rote Dienstwagen – rot deshalb, um der Allgemeinheit zu verstehen zu geben, dass sie nicht dazu da sind, Schlägereien zu beenden, verlorengegangene Kleinkinder zu suchen oder einem zu sagen, wie spät es ist. »Nein, Sir.« »Nicht? Die faulen Säcke. Sind bestimmt frühstücken gegangen.« Er erklärte, dank des bewachten Foyers, der kugelsicheren Glasscheiben in den unteren Geschossen und des hochqualifizierten Sicherheitsdiensts, bei dem jedem Drittwelt-Diktator das Herz aufgegangen wäre, sei dies genau der Ort, wo die Diplomatenschützer gern ihre hochdotierten Schutzpersonen einquartierten – »zum Beispiel die Königsfamilie von Qatar«. So wusste man sie bombensicher untergebracht – wenn sie nicht gerade bei Harvey Nichols shoppen oder in der Oper waren oder mal eben die jährlichen Steuereinnahmen ihres Landes beim Pferderennen verwetten wollten, oder wie sich die unanständig Reichen sonst die Zeit vertrieben. »Wenn also eine Bande von Rotzgören hier einfach reinspazieren kann, will der Diplomatenschutz wissen, warum. Und ich werde mitten in der Nacht aus dem Bett geschmissen und kriege gesagt, ich soll das gefälligst rausfinden, oder ich kriege einen Anschiss. Einen Anschiss? Ich?«, tobte er. »Und als ich grade denke, tiefer runter in die braune Soße geht’s nicht, da tauchen Sie auf.« Mit einem Grunzen stemmte er sich hoch, woraufhin der Stuhl gegen die Vitrine hinter ihm knallte und die verschiedenen Objets d’Abart darin klappernd ins Wanken gerieten. »Sehen Sie?«, sagte er, als er stand. »Nicht mal genug Platz, um sich ein bisschen zurückzulehnen und zu entspannen. Allerdings ist nebenan ein Multimediaraum, der die perfekte private Videokabine abgeben würde.« Er merkte wohl, dass ich nicht ganz mitkam. »Wie es sie in Sexshops gab, als die noch richtige Sexshops waren, wissen Sie?«, sagte er langsam, zum Mitschreiben. Dann schüttelte er melancholisch den Kopf. »Ihre Generation holt sich die Schmuddelbilder ja aufs Handy.« Ich fragte mich, ob er auch mit Guleed so redete. Irgendwie bezweifelte ich es. Er führte mich in den Multimediaraum, der in kühlem Graugrün gehalten und schallgedämpft war. Es gab einen riesigen Fernseher, größer als die durchschnittliche Leinwand in Retro-Kinos, und ein elegantes, leicht gebogenes Sofa, das sich ausnahmsweise mal wunderbar in den Raum einfügte. Und wenn ich mich nicht irrte, hatte vor nicht allzu langer Zeit jemand Sex darauf gehabt. Auf der Sitzfläche war ein v-förmiger Fleck, und die amethyst- und petrolfarbenen Sofakissen lagen auf dem Boden verstreut. Auf dem Couchtisch befand sich eine Insel aus Weinflaschen, und neben dem Blu-ray-Player standen zwei Weingläser – alles mit weißem Fingerabdruckpulver bestäubt. »Sehen Sie«, sagte Seawoll. »Der Nonplusultra-Wichspalast.« »Ich glaube, das war nicht das, was die hier gemacht haben, Sir«, sagte ich. Seawoll seufzte. »Treiben Sie’s nicht zu weit, ja?« Dann fasste er zusammen, was bisher über den Fall bekannt war. Um halb eins in der Nacht hatte ein junger Mann per Handy einen Notruf getätigt und einen Rettungswagen angefordert; seine Freundin »Chrissy« habe sich eine Überdosis Drogen eingeworfen. Er klang … »Hysterisch, verzweifelt und total zugedröhnt«, sagte Seawoll. Als der Rettungswagen kam, wollte die Security die Sanitäter nicht ins Haus lassen mit der Begründung, die Wohnung sei derzeit unbewohnt. Die Ambulanz rief bei der Zentrale an. Die schickte eine Polizeistreife hin, welche geradewegs in ein paar Leute vom Diplomatenschutz hineinrannte, denn der wurde automatisch alarmiert, wenn die Alarmanlage des Wohnkomplexes losging. Alles quetschte sich in die Aufzüge, die Security schloss die Wohnungstür auf, und voilà, im Salon der Wohnung fanden sie Christina Chorley, siebzehn Jahre alt, mitten in einem Krampfanfall. Dorthin war sie von ihrem Freund James Murray, ebenfalls siebzehn, gezerrt worden. Der erklärte den Sanitätern und allen, die sonst noch dabeistanden, es sei doch nur E gewesen. »Bloß E!« Hatte er auch welches genommen? Ja, schon. Wer befand sich noch in der Wohnung? Nur sie beide. Und, oh Gott, es war doch bloß E! Die beiden wurden in den Rettungswagen verfrachtet, während alle involvierten Einheiten den Fall in der Hierarchie immer weiter nach oben kickten, bis er durchs Schlafzimmerfenster von DCI Seawoll gehüpft kam. »Metaphorisch gesprochen«, sagte Seawoll. Der »Salon« war der große keilförmige Raum mit niedriger Decke und unvergleichlicher Aussicht auf den Hyde Park. Langsam gewöhnte ich mich daran, welche Summen hier allein für das Mobiliar ausgegeben worden waren, das unmotiviert herumstand wie bei den Sims. Und zwischen dem Geld fanden sich deutliche Anzeichen, dass hier ein paar Leute Spaß gehabt hatten – noch mehr Flaschen, Weingläser, leere Zellophanpackungen, eine flache Pfütze grauweißliches Erbrochenes auf dem handgewebten cremefarbenen Wollteppich. Definitiv mehr als zwei Personen. Eher sechs oder sieben – vielleicht sogar noch mehr, falls es sich um extrem ordentliche Teenies handelte. Aber nicht so ordentlich, dass sie ihre Pillen mitgenommen hätten, als sie sich dünne machten. »Wir glauben, dass sie abgehauen sind, nachdem James Murray den Notruf abgesetzt hatte«, sagte Seawoll. Sowohl Polizei als auch Sanitäter hatten die Beschreibung der Pillen in die TICTAC-Datenbank eingegeben, hatten den Namen erhalten – Magic Babas – sowie die besorgniserregende Information, dass diese Sorte besonders viel PMA enthielt, auch als Para-Methoxyamphetamin oder Dr. Death bekannt. Nicht zu verwechseln mit MDMA alias Ecstasy, der Droge, die einen in die Lage versetzt, richtig schlechte Musik zu hören, ohne dass einem vor Langeweile das Hirn implodiert. PMA ist viel stärker als MDMA, wirkt aber langsamer. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass Leute denken, die erste Pille sei ein Blindgänger gewesen, und sich noch zwei einwerfen, worauf mit ihnen etwas passiert, was Dr. Walid als »der Gesundheit abträglich« bezeichnen würde. Da Christina Chorley auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben war, hatte es absolute Priorität gehabt, herauszufinden, wer außer ihr diese Magic Babas genommen hatte – vielleicht brauchte ja noch jemand medizinische Hilfe –, und zwar schnell, solange James Murray noch vernehmungsfähig war. Der hatte zuerst an seiner Behauptung festgehalten, er und Christina seien allein in der Wohnung gewesen, aber nach fünf Minuten mit DI Stephanopoulos, die, rüde den Armen ihrer Frau entrissen, nicht in bester Laune war, spuckte er die Namen schneller aus, als man sie aufschreiben konnte. »Darunter auch Olivia Jane McAllister-Thames«, sagte Seawoll. »Und jetzt gibt’s ein paar Fragen, auf die ich eine Antwort brauche. Zum Beispiel, wie kamen die Kids in die Wohnung? Woher hatten sie die Drogen? Und kriege ich hier Ergebnisse, bevor das Ganze zu einem verdammten Scheiß-Medien-Shitstorm ausartet?« Ich trat zu ihm ans Fenster. Allmählich wurde es hell. Dichter Nebel ließ die Rasenflächen des Parks und die Straßen der Stadt verschwimmen. Seawoll zeigte auf den Pseudogarten hinter der Wohnanlage, in dem zwei Bronzeköpfe standen, die aussahen, als hätte man sie in einem Corby-Hosenbügler plattgedrückt und dann die Gehirne rausgelöffelt. »Das Ding nennt sich Warten auf die Erleuchtung«, sagte er. »Aber im Grunde ist es ein verdammter Abklatsch der Foothills of the Headlands aus Yellow Submarine.« Was mir überhaupt nichts sagte. »Mein Gott, an die Reichen ist das Geld so verschwendet.« »Soll ich Olivia McAllister-Thames vernehmen?«, erkundigte ich mich. »Nein. Das soll Sahra machen.« Er wedelte mit der Hand in Richtung Wohnung. »Schon gemerkt, ob da was kribbelt?« Ich erwiderte würdevoll, ich hätte eine erste Falcon-Einschätzung vorgenommen und nichts gefunden, was darauf hindeute, dass vor Ort ein übernatürliches Ereignis stattgefunden habe. »Na, Gott sei Dank. In dem Fall können Sie Sahra begleiten und aufpassen, dass ihr nichts Abstruses passiert.« Wie die meisten höheren Beamten, die wussten, was es mit dem Folly auf sich hatte, mied Seawoll das M-Wort wie der Teufel das Weihwasser. Andererseits würde er niemals etwas von vornherein ausschließen, was möglicherweise fallrelevant war. Verständlich. Man will ja zum Beispiel auch nicht ständig darüber nachdenken, dass achtzig Prozent der Kindsmorde von den Eltern verübt werden, trotzdem sind die trauernden Mamas und Papas eindeutig deine Hauptverdächtigen, bis sie entlastet sind. »Um genau zu sein, mache ich Sie persönlich dafür verantwortlich, dass ihr nichts Abstruses passiert. Wenn Sie das nicht garantieren können, holen Sie gefälligst Ihren Boss – kapiert?« »Ja, Sir«, sagte ich. Guleed behauptete immer, sie sei wegen einer Mutprobe in die Polizei reingerutscht. »Meine Schwester hat gewettet, dass ich die Bewerbung nicht abschicken würde«, hatte sie mir mal erzählt. »Aber ich hätte nie gedacht, dass die mich nehmen.« Als ich nach dem unumgänglichen Bewerbungsgespräch fragte, sagte sie, sie hätte an dem Tag nichts Besseres zu tun gehabt. »Was haben deine Eltern gesagt?«, wollte ich wissen. »Sie fanden das Anfangsgehalt ein bisschen niedrig.« »Und deine Freunde?« Da hatte sie das Thema gewechselt. Guleed war eins von Seawolls Lieblingskindern, eine seiner Walküren. Er hatte sichtlich vor, sie auf der Überholspur aufsteigen zu lassen. Ihr eine so heikle Vernehmung zu übertragen wie die von Olivia McAllister-Thames war teils Test, teils Training und teils Vertrauensbeweis. Tyburn wohnte einen Kilometer östlich von Hyde Park Nummer Eins, gleich um die Ecke von Shepherd’s Market, in einem vierstöckigen georgianischen Stadthaus, dessen elegante Proportionen selbst dem hartgesottensten kanadischen Bauunternehmer Tränen der Ergriffenheit in die Augen getrieben hätten – bevor er die Bude entkernt und im neuesten, garantiert persönlichkeitsfreien Innendesign eingerichtet hätte. Das zumindest würde Tyburn nie tun. Sie wollte die Verbindung zur Vergangenheit, zu den alten Institutionen und Traditionen der Stadt, als deren Erbin sie sich sah. Ich klingelte. Während wir warteten, stimmten wir das übliche Londoner Klagelied an. »Schau dir das Haus an«, sagte Guleed. »Ich weiß.« »Wie viel schätzt du?« »Acht Millionen. So über den Daumen gepeilt.« »Manche haben’s halt.« Meine rituelle Antwort wäre gewesen: Tja, jeder, wie er kann, was? Aber da öffnete sich die Tür. Vor uns stand Lady Ty und sah uns an, als hielten wir bunte Broschüren in der Hand und würden sie gleich mit religiösem Eifer zu einem anderen Stromanbieter bekehren wollen. Ich überließ das Reden Guleed – ich bin keiner, der sich unter Kollegen vordrängen muss. Als Lady Ty uns in die Küche führte, krauste Olivia die Nase und warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu, den diese mit einem finsteren Stirnrunzeln erwiderte. Olivia McAllister-Thames war hellhäutig, viel heller als ich, und die braunen Haare fielen ihr in der Sorte sanfter Wellen auf die Schultern, für die meine Mutter ihr erstgeborenes Kind geopfert hätte. Aber die Augen hatte sie von ihrer Mutter, tiefbraun und leicht schräg wie die einer Katze. Sie trug ein übergroßes bernsteinfarbenes Rugby-Trikot, das ihr fast bis zu den Knien reichte, Jeans und lila Flip-Flops. Neben ihr saß ein weißer Mann mittleren Alters, den Lady Ty als ihren Anwalt vorstellte. Als wir eintraten, stand er – im Gegensatz zu Olivia – höflich auf und gab uns die Hand. Dann setzten wir uns alle um den Küchentisch. In der modernen Polizeiarbeit außerhalb Londons tendiert man heutzutage zu tischlosen Vernehmungen, weil es leichter ist, jemandes Körpersprache zu lesen (und durch Überwachungskameras aufzuzeichnen), wenn kein mit Zigarettenbrandflecken übersätes Rechteck aus laminierter Spanplatte im Weg ist. Ich fragte mich, ob Lady Ty das wusste und uns aus diesem Grund nicht ins Wohnzimmer geführt hatte. Aber vielleicht wollte sie nur nicht, dass ich mir ihr Blu-ray-Regal ansah. Guleed schob mir das Aussageformular zu, und ich wühlte in meinen Taschen nach einem halbwegs anständigen Stift. Die meisten Aussagen werden handschriftlich aufgenommen, da zahlt es sich aus, wenn man wählerisch mit seinem Schreibgerät ist und nicht jeden Werbekuli nimmt. Ich benutze einen Mitsubishi Uni Ball, falls Sie es genau wissen wollen. Wir fingen mit der Belehrung plus an, bei der man den zu Befragenden zuerst mit der eigentlichen Belehrung zu Tode erschreckt (Sie haben das Recht zu schweigen et cetera pp.) und dann, gerade wenn er sicher ist, jetzt würde er gleich abgeführt, hinzufügt: »Aber Sie sind derzeit nicht unter Arrest und es steht Ihnen frei, jederzeit zu gehen.« Während Guleed den Spruch herunterspulte, nickte der Anwalt weise, Olivia starrte auf die Tischplatte, und Lady Ty schenkte mir bei den Worten »jederzeit zu gehen« ein säuerliches Lächeln. Zum Aufwärmen fragte Guleed, auf welche Schule Olivia ging. Es war St. Paul’s, eine heillos teure Privatanstalt in Hammersmith – wobei, für eine Tagesschülerin ohne Internatsunterbringung kostete es wahrscheinlich nur etwa so viel wie das Anfangsgehalt eines Police Constable. Danach wollte sie nach Cambridge, aber zunächst hatte sie vor, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen (sie sagte »Gap-Year« dazu), in dem sie irgendwo in der Dritten Welt in der Entwicklungshilfe arbeiten wollte. »Englisch unterrichten«, erklärte sie. »Oder beim Aufbau eines Waisenhauses helfen. Hab ich noch nicht endgültig entschieden.« »Vielleicht in Somalia«, ergänzte Lady Ty. Und dann, an mich gewandt: »Oder Sierra Leone.« »Mrs. Thames«, sagte Guleed, »ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Tochter selbst auf meine Fragen antworten lassen könnten.« Über Lady Tys Miene zuckte Ärger, gefolgt von einem winzigen Hauch Belustigung und Respekt. Guleed fragte, ob dies Olivias einziger Wohnsitz war oder ob sie woanders noch einen hatte – Fragen, auf die sie die Antwort schon kannte, die ihr aber ermöglichten, sich allmählich zu der Frage vorzuarbeiten, wo Olivia in der vergangenen Nacht gewesen war. Ich musterte unauffällig den Anwalt. Seine Miene wirkte selbstgefällig, aber auf seiner Oberlippe standen Schweißperlen. Familienanwalt, entschied ich, normalerweise eher damit betraut, Eigentumsübertragungen aufzusetzen und Lady Tys Vermögen in der Gegend herumzuschieben. »War deine Mum gestern Abend zu Hause?«, fragte Guleed. Olivia zögerte und warf einen Blick auf ihre Mum, die allerdings starr Guleed fixierte. »Ja«, sagte Olivia. »Soweit ich weiß.« »Und war dein Vater auch zu Hause?« »Er ist im Ausland«, sagte Lady Ty. Guleed fragte, wo er sich denn aufhalte. »Ist das relevant?«, wollte der Anwalt wissen. »Es geht mir nur darum, den zeitlichen Zusammenhang klarzustellen«, sagte Guleed. »Er ist in Dubai«, sagte Lady Ty. »Er hat dort einen Auftrag.« »Tatsächlich? Was für einen Auftrag?« »Er ist Ingenieur«, sagte Lady Ty und sah mich an. »Spezialisiert auf Hydrologie, Wasserwirtschaft, solche Sachen.« Dann bohrte ihr Blick sich wieder in Guleeds. »Der führende Fachmann in seiner Sparte.« All das wussten Guleed und ich natürlich schon – nicht nur, weil wir vor unserer Fahrt hierher einen polizeilichen Datencheck angefordert hatten und ich rein routinemäßig sowieso Dossiers über alle Flüsse angelegt habe, sondern auch, weil Beverley sich vor ein paar Wochen fürchterlich über Lady Ty und ihren »verdammt perfekten Ehemann« aufgeregt hatte und mir damit die halbe Nacht lang das Ohr abgekaut hatte. Beverley zufolge gab es nur zwei Dinge, die George McAllister-Thames in den Augen ihrer Mutter noch perfekter hätten machen können, erstens der Doktor in Medizin und zweitens eine etwas sonnengebräuntere Haut. »Und was machen Sie beruflich?«, fragte Guleed Lady Ty. Der Anwalt starrte sie an. »Ist das Ihr Ernst, Detective?« »Ich bin nur neugierig.« »Hat der Sperling es Ihnen nicht gesagt?«, fragte Tyburn. »Der Sperling?« Lady Ty neigte den Kopf in meine Richtung. »Ihr Kollege.« »Sie sitzt in ein paar halbstaatlichen Organisationen mit drin«, sagte Olivia, die Augen auf einen Punkt in der Tischmitte gerichtet. »Und im Aufsichtsrat von ungefähr tausend Unternehmen.« »Fünf«, berichtigte Lady Ty. »Ich gehöre dem Aufsichtsrat von fünf Unternehmen an.« »Sie sind also nicht als Göttin des Flusses Tyburn tätig?«, fragte Guleed. Ich zuckte zusammen, und Olivia verdrehte die Augen, doch zum Glück hatte Lady Ty heute offensichtlich ihren langmütigen Tag. »Das ist nicht gerade eine berufliche Tätigkeit, nicht wahr? Und zum Thema gehört es auch nicht.« Der Anwalt öffnete den Mund, aber Guleed wandte sich schon an Olivia und fragte sie, wie viele Leute sich denn in der Wohnung am Hyde Park aufgehalten hätten. »Weiß ich nicht«, sagte Olivia. »Verstehe«, erwiderte Guleed. »Fangen wir doch mit denjenigen an, von denen du weißt, dass sie da waren.« Olivia rutschte auf ihrem Stuhl hin und her wie eine Fünfjährige – wegen genau solcher Fragen rät einem der Anwalt normalerweise, bei Vernehmungen den Mund zu halten. Sie machte es Guleed nicht leicht, aber schließlich gab sie zu, dass sie mit ein paar anderen jungen Leuten in der Wohnung gewesen war. Das tote Mädchen, Christina Chorley, hatte sie vorher aber nicht gekannt, und sie wusste auch nicht, durch welchen Trick sich die Gruppe Zutritt zu Hyde Park Nummer Eins verschafft hatte. »Wir sind durchs Hotel nebenan gekommen«, erzählte sie. Das Mandarin Oriental Hotel bot alle möglichen Dienstleistungen für die Bewohner von Hyde Park Nummer Eins an, von Wohnungsreinigung und Belieferung mit Essen aus dem Restaurant bis hin zu Hundeausführen und Aromatherapie. Es gab einen unterirdischen Verbindungsgang vom Hotel in die Wohnanlage. Von dort aus waren die Kids im Serviceaufzug zur Wohnung gefahren. »Ich bin den anderen einfach hinterhergelaufen«, sagte sie und behauptete, ein bisschen angesäuselt gewesen zu sein. Einer der Jungs hatte, so schien es, die Codes der Sicherheitstüren besessen – James hieß er, meinte sie sich zu erinnern, aber seinen Nachnamen kannte sie nicht. Möglicherweise war das James Murray, der Freund der unglückseligen Christina, aber zu spekulieren verbietet sich bei unsereins. Namen, die sie kannte, waren indessen Albertina Pryce, eine Mitschülerin am St. Paul’s, deren Freund, Alasdair Irgendwie, der auf der Westminster School war, Maureen, die ältere Schwester von irgendwem, und Rod – wofür auch immer diese Abkürzung stand – Crawfish oder so, jedenfalls ein Schotte. »Er redete nämlich so schottisch«, sagte sie. Guleed konzentrierte sich etwa zwanzig Minuten lang auf die Namen und den zeitlichen Ablauf – zwanzig Minuten sind die Zeitspanne, nach der der durchschnittliche Verdächtige (Verzeihung, Zeuge) die Details der Lügen wieder vergessen hat, die er dir vorhin aufgetischt hat –, dann fragte sie nach den Drogen. »Was für Drogen?«, fragte Olivia zurück. Ihr Blick irrte zu dem auf französischer Bauernschrank getrimmten Walnuss-Büfett, dessen eines Bord zu meinem Vergnügen von einem Thronjubiläumsteller von 1977 und zwei Fototellern geziert wurde – einer zeigte Olivia, der andere ihren älteren Bruder, beide vor mindestens drei Jahren. Aus den gequälten Mienen, der formellen Pose und der Schuluniform zu schließen, waren es Abzüge von Schulfotos. Meine Mum hat im Wohnzimmer auch so ein Bord, auf dem unter anderem ein Lady-Diana-Gedenkteller und mein Abschlussfoto von der Polizeischule stehen. »Die hier.« Guleed zeigte Olivia ein Foto auf ihrem Tablet: ein paar pinke Pillen auf einem weißen Blatt Papier. Auf jeder war ein grinsender Elefantenkopf aufgedruckt. Magic Babas. Olivia warf einen Blick darauf, dann schielte sie zu ihrer Mutter hinüber, und ich sah deutlich, wie sie die falsche Entscheidung traf. Bevor ich etwas sagen konnte, öffnete sie schon den Mund und setzte ihre Zukunft aufs Spiel. »Ja, die hab ich gekauft. Was ist damit?« 2 Teenager-Spiele Guleed hatte keine Wahl – sie musste sie festnehmen. Der Anwalt wusste das auch, aber ehe er den Mund aufmachen konnte, war Guleed schon auf den Beinen und ratterte die Haftbelehrung herunter. Lady Ty, die ihre Tochter ungläubig angestarrt hatte, wandte sich ruckartig zu Guleed um – und einen Augenblick lang lag auf ihrem Gesicht ein Ausdruck, von dem ich nie geglaubt hätte, ihn dort jemals zu sehen: abgrundtiefe Angst. Schon im nächsten Moment war er verschwunden, stattdessen war da die eiserne Entschlossenheit zu sehen, die für jeden vernünftigen Sohn Westafrikas ein deutliches Signal ist, dass er besser schon längst die Beine in die Hand genommen hätte. Sie stand auf, und ich spürte etwas wie eine starke eisige Strömung. Ich schwöre, die Tassen auf dem Abtropfbrett neben dem Spülbecken begannen zu vibrieren. Ich stand ebenfalls auf und sagte, so laut und nachdrücklich ich es wagte, ihren Namen. »Tyburn.« Sie funkelte mich an und dann ihre Tochter, die so entsetzt zu den Erwachsenen aufsah, dass mir klar war, sie kapierte erst jetzt, in welche Scheiße sie sich da reingeritten hatte. Im Rückblick glaube ich, der einzige Grund, warum die Sache nicht völlig eskalierte, war, dass Lady Ty sich nicht entscheiden konnte, auf wen sie wütender war. »Setzen wir uns doch wieder«, sagte Guleed, »und ich arrangiere die Fahrt.« Tyburn und ich nahmen wieder Platz. Guleed verschwand unauffällig durch die Küchentür, wahrscheinlich um Verstärkung in größtmöglicher Zahl anzufordern. Wir brauchten einen Transport nach Belgravia, ein Hausdurchsuchungsteam sowie bittebitte etwas Falcon-Unterstützung für mich und einen höheren Beamten, der über alles den tröstlichen Mantel der Autorität breitete. »Bin ich wirklich verhaftet?«, fragte Olivia. Der Anwalt räusperte sich. »Kein Wort mehr«, befahl Lady Ty ihr und wandte sich an den Anwalt. »Und Sie sorgen dafür, dass auf der Polizeistation der beste Strafverteidiger auf uns wartet, den Sie kennen.« Der Anwalt schluckte, nickte, öffnete nochmals kurz den Mund, besann sich dann aber eines Besseren. Hastig schnappte er sich seine Aktentasche und seine Dokumente und machte, dass er wegkam. »Ich …«, sagte Olivia. »Mund halten, dummes Ding«, kam es von Lady Ty. Also saßen wir zehn Minuten schweigend da – so lange brauchte Guleed, um alles zu organisieren. Dann kam sie wieder in die Küche und erklärte Olivia, sie müsse nun mitkommen. Wir alle standen wieder auf, aber diesmal hatte Lady Ty sich unter Kontrolle und sah ohne größeren Sachschaden zu, wie ihre Tochter abgeführt wurde. Trotzdem nahm ich mir vor, heute Nachmittag mal beim Wasserwerk nachzufragen – nur zur Sicherheit. Als ich mit ihr allein war, zischte sie: »Ist das Ihre Vorstellung von Sehr wohl, Ma’am? Ich hätte Sie unter der Erde lassen sollen.« Wo mich etwas überkommen hatte, was ich damals für eine Halluzination gehalten hatte. Ein Wachtraum, in dem ich an der Oxford Road stand, als sie noch ein staubiger ländlicher Weg war, und mich mit einem jungen Mann mit umgegürtetem Schwert und funkelnden Augen unterhielt. Er hatte sich mir als Sir Tyburn vorgestellt und hätte das Gespräch gern ausgedehnt, aber ich hatte noch etwas im Land der Lebenden zu erledigen. Als ich damit fertig war, hatte ich die Hilfe des offiziellen Archivars des Folly, Dr. Harold Postmartin, angefordert, um zu sehen, ob die Geschichtsschreibung etwas zu meinem Gesprächspartner hergab. Tatsächlich fanden wir einen Vermerk im Rotuli Parliamentorum, das, wie jeder weiß, komplett auf Latein geschrieben ist. Dort war der Bursche als Sir William von Tyburn gelistet – oder auch Sir William vom Tyburn, je nachdem, wie man es übersetzen wollte. Ich hätte Lady Ty gern gefragt, ob der junge Sir William eine frühere Inkarnation des Tyburn war, ob sie sich irgendwie an ihn erinnerte oder das Gefühl hatte, dass er in ihr aufgegangen war oder so – oder ob es einen totalen Bruch gegeben hatte, als er Mitte des neunzehnten Jahrhunderts »gestorben« war. Aber der kluge Mann weiß, wann er besser die Klappe hält, deshalb verbrachten wir wieder eine gefühlt sehr lange Zeit in Schweigen, bis Lady Ty plötzlich den Kopf in Richtung Straße wandte. »Nun, jetzt sind Sie aus dem Schneider. Ihr Herr und Meister ist da.« Einen Moment später betrat Nightingale die Küche und nickte Lady Ty knapp und formell zu. »Cecelia. Wie fühlen Sie sich?« »Oh, ich bin höchst gerührt über die persönliche Zuwendung.« »Wollen Sie nicht mit mir kommen«, sagte Nightingale, »und wir sehen mal, ob wir das nicht regeln können?« Das sagt man immer, selbst zu Leuten, die mit dem Hammer über ihrer oder ihrem blutüberströmten Angetrauten stehen. Und das Seltsamste ist, dass die meisten Leute, selbst die, die eigentlich wissen müssten, dass, egal was jetzt kommt, es nicht gut für sie ausgehen wird, gefügig mitkommen und sich regeln lassen. Ich glaubte nicht, dass Lady Ty auf lange Sicht gefügig bleiben würde, aber das ist das Schöne am Dasein als einfacher Constable. Man darf die heiklen Dinge seinen Vorgesetzten aufdrücken. Ehe er die Küche verließ, fing Nightingale meinen Blick auf und machte eine kleine Handbewegung nach oben – er wollte, dass ich Olivias Zimmer überprüfte, bevor das Durchsuchungsteam kam. Das Problem mit der Spurensicherung ist: Je besser sie wird, desto schwieriger wird es, so zu arbeiten, dass man sie nicht verfälscht. In den alten Zeiten polterte die Polizei in ihren Quadratlatschen durch die Wohnungen von Verdächtigen und stocherte mit einem Bleistift im dortigen Inventar herum. Heutzutage kann man aus einer Probe von Fliegenschissgröße schon brauchbare DNA erhalten, und Handschuhe sind das Mindeste, was man tragen muss. Ich hatte mir schon länger angewöhnt, immer ein Paar frische Latexhandschuhe in der Tasche zu haben, und seit Kurzem hatte ich sie um ein Paar Schuhüberzüge ergänzt – nur für alle Fälle. Auf polierten Holzböden muss man in denen allerdings vorsichtig sein, also zog ich sie erst an, als ich im zweiten Stock Olivias Zimmer gefunden hatte. Es war groß, besaß eine teure, unaufdringlich blau-lavendelfarben gemusterte Tapete und noch die Original-Stuckverzierungen an der hohen Decke. Die runderneuerten Schiebefenster gingen zur Straße hinaus. Zusammen mit dem zugehörigen Badezimmer war es etwa zwei Drittel so groß wie die Wohnung meiner Eltern. Der begehbare Kleiderschrank war jedenfalls mindestens so groß wie mein Kinderzimmer und völlig überflüssig, weil der größte Teil von Olivias Klamotten sowieso hübsch gleichmäßig über den Fußboden verteilt war. Ich bückte mich, um mir die Etiketten anzusehen – es waren vor allem mittelteure Markensachen, dazwischen ein paar Designerteile. Ihre Schuhe hingegen standen säuberlich aufgereiht auf einem eigens hierfür angefertigten Regal am Fußende des Bettes. Manche der High Heels waren ziemlich krass, vor allem ein Paar blaue Pumps von Manolo Blahnik, die aussahen wie der programmierte Knöchelbruch. Ausgeschlossen, dass jemand wie Lady Ty keine Reinigungskraft hatte. Aus der Abwesenheit von Staub in den Lücken des Treppengeländers zu schließen, kam er oder sie mindestens viermal wöchentlich. Allerdings bezweifelte ich, dass die Serviceperson heute schon da gewesen war und das ordentlich gemachte Bett frisch bezogen hatte. Ich sah genauer hin: die Bettdecke war ein bisschen eingedrückt, die Kissen zerknautscht. Meine Vermutung war, dass Olivia sich nach ihrer Rückkehr aufs Bett gelegt und eine sehr kurze Runde geschlafen hatte, ehe Guleed und ich gekommen waren, um ihr den Tag zu versüßen. Bei der Befragung war sie normal gekleidet und frisch geschrubbt gewesen, sie musste also geduscht und sich umgezogen haben. Tatsächlich lagen auf dem Boden des Badezimmers ihre gestrigen Partyklamotten und ein Badetuch. Ich blieb auf Abstand und machte mir eine Notiz, die ich dem Durchsuchungsteam weitergeben würde. Dann trat ich zurück ins Zimmer und versuchte, ein Gefühl für Olivia zu bekommen. Dem Bett gegenüber hing ein gerahmtes, sorgfältig platziertes Poster von Joan Armatrading, eine Vergrößerung ihres Albumcovers von 1976. Das kam mir ziemlich retro für Olivia vor. Also, ich zum Beispiel kenne Joan Armatrading nur, weil ihre Alben zu dem sehr wenigen Nicht-Jazz gehören, den mein Dad in seiner Sammlung billigte, neben Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles und einigen wenigen frühen Sachen von Jethro Tull. Wenn mein Dad nicht zu Hause war, hatte ich sie alle bis zum Erbrechen laufen lassen, bis ich alt genug war, um mir meinen eigenen Musikgeschmack zusammenzuklauen. Zwischen dem Poster und der Schranktür war die Wand über etwa einen Meter mit einer Fotocollage bedeckt – die Fotos waren direkt auf die Wand geklebt. Die meisten waren per Tintenstrahldrucker auf Standard-Druckerpapier ausgedruckt, manche auch aus Hochglanzmagazinen ausgeschnitten – Modezeitschriften vermutlich, ich erkannte Alek Wek und Azaelia Banks sowie eine Auswahl weißer Popstars und Schauspieler. Die ausgedruckten waren Handyfotos, oft Selfies. Olivia auf Partys, in Clubs, in der Schule. Olivia unterwegs in London. Ich zückte mein eigenes Handy, fotografierte alle Leute ab, die außer Olivia die Handyfotos bevölkerten, und notierte mir grob, wie oft sie zu sehen waren. Die mit Abstand Häufigste war ein weißes Mädchen mit weit auseinanderstehenden blauen Augen und einer Flut lockigem schwarzem Haar, das ihr entweder unordentlich ins Gesicht fiel oder zu variablen Pferde- oder Rattenschwänzen gebunden war. Auf einem Foto war es sogar kunstvoll hochgesteckt; hier stand sie mit Olivia in Abendgarderobe irgendwo vor einem nobel wirkenden Haus. Sie hatten einander die Arme um die Taille gelegt und grinsten verschmitzt in die Kamera. Allerbeste Freundinnen, ganz klar. Niemand von den anderen Mädchen oder Jungs tauchte auch nur annähernd so oft auf. Und mit Ausnahme je eines Schnappschusses von ihrem Bruder und ihrer Mutter waren alle weiß. Die Lehrbücher und Ordner auf ihrem Massivholzschreibtisch standen überaus ordentlich nebeneinander aufgereiht. Englisch, Geografie, Französisch. Ich blätterte sie durch, ob es persönliche Kritzeleien gab, aber alles, was ich fand, waren Klebezettel und massenhaft verschiedenfarbig markierten Text. Eines war klar, Olivia hatte nicht vor, durch die Abschlussprüfungen zu fallen. Was ich verstehen konnte – so, wie ihre Mum drauf war. Die Bücherregale waren interessant. Unten standen die Kinderbücher und ein paar Brettspiele, nach oben hin wurde es immer erwachsener: Roald Dahl, Gregs Tagebuch, Harry Potter, dann Biss zum Morgengrauen, The Girls’ Book of Excellence, Malorie Blackman und erstaunlicherweise Zolas Le ventre de Paris auf Französisch. Weil es etwas hervorstand, zog ich es heraus und sah, dass der Rand voller Bleistiftnotizen war – überwiegend Übersetzungen schwieriger Vokabeln. Mein Französisch ist zwar noch schlechter als mein Latein, aber selbst ich begriff, dass das auch für eine Oberstufenschülerin ziemlich anspruchsvolle Lektüre war. Ich ging zurück zu der Collage und schaute genauer hin. Aus der Fassade des Hauses zu schließen, vor dem Olivia und ihre ABF in Abendkleidung posierten, konnte das Foto durchaus in einer französischen Stadt aufgenommen worden sein. Ein paar andere hatten definitiv Beaux-Arts-Architektur im Hintergrund – wiederum vielleicht Frankreich. Hätte ich nicht in einer millionenschweren Premium-Immobilie in Mayfair gestanden, hätte ich hier eine mögliche Importroute gesehen. Aber Kids reicher Eltern schmuggeln ihre Drogen nicht selbst. Dafür haben die Reichen ihre Handlanger, die die Risiken übernehmen. Im Zimmer gab es zwei gut erreichbare Steckdosen. An beide waren die üblichen Verlängerungskabel und Mehrfachstecker angeschlossen. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich alle Stecker zugeordnet hatte: Laptop, Drucker, hochpreisige Playbar, ein Ladegerät für ein iPhone, das vermutlich in ebendiesem Moment dem zuständigen Beamten in Belgravia ausgehändigt wurde, und ein weiteres Ladegerät, vielleicht für ein anderes Handy. Ich notierte mir, zu überprüfen, was für ein Handy Olivia normalerweise benutzte und ob sie dieses oder überhaupt ein Gerät abgegeben hatte. In einer schwarz lackierten flachen Schale auf dem Schreibtisch lagen Büroklammern, ein Block Klebezettel und eine Handvoll USB-Sticks, die ich den IT-Forensikern überließ. Dann setzte ich mich aufs Bett, holte tief Luft und schloss die Augen. Ich hatte weder legale noch illegale Betäubungsmittel noch irgendwelches Zubehör gefunden. Natürlich konnte sie es versteckt haben, aber dann würden die Fahnder es finden. Vestigia spürte ich auch keine. Bisher hatte ich bei den verschiedenen Flussgöttern und -göttinnen immer etwas gespürt – selbst wenn sie es absichtlich unterdrückten –, aber hier war abgesehen vom üblichen Hintergrundrauschen nichts. Was bekam das Kind eines Flusses und eines Sterblichen vererbt, und von wem? Fleet war mit einem Fae verheiratet, aber laut Beverley waren ihre Kinder alle adoptiert. Oxley hatte Isis, die sich unverkennbar irgendwo mit Unsterblichkeit angesteckt hatte, und Effra hatte Oberon, der von Nightingale als Alter Soldat bezeichnet wurde – man beachte die Großschreibung. Wenn Beverley und ich Kinder hätten – nicht dass das Thema im Raum stand! –, was wären sie wohl, außer unglaublich gutaussehend natürlich? Bäche, Rinnsale, Abflussrohre oder gar nichts? Was mich daran erinnerte, dass ich Beverley anrufen musste. »Hi, Babe«, sagte sie. Im Hintergrund klatschte Wasser gegen eine senkrechte Oberfläche, vielleicht eine Bootswand oder, wahrscheinlicher, ein befestigtes Flussufer. Ich fragte sie, wo sie war. »Auf Eel Pie Island. Muss einen Streit schlichten. Es gibt echt unverschämte Leute, weißt du. Die denken, ein Haus auf einer Insel wäre eine Investition wie jede andere.« »Ist es das nicht?« Diese Ecke von Richmond/Twickenham war zum Hipsterviertel geworden, seit das Großkapital angefangen hatte, die Fernsehproduzenten und Verleger aus Hampstead und Primrose Hill zu verdrängen. »Nö. Wenn man auf einer Insel im Fluss leben will – und dann auch noch in diesem Fluss! –, muss man schon ein bisschen was dafür tun. Bist du noch bei mir zu Hause?« »Nein, im Einsatz.« Offenbar hatte sie noch nichts von der Sache mit ihrer Nichte gehört. »Schade. Ich hatte gehofft, du würdest mir das Bett warmhalten.« »Tut mir leid«, sagte ich. »Hör mal, ich kann dir momentan nichts Genaueres sagen, aber du solltest vielleicht mal deine Mum anrufen.« »Ist es ein normaler Einsatz?«, fragte sie. »Oder ein magischer?« »Weiß ich noch nicht, und ich dürfte es dir sowieso nicht sagen.« »Vielleicht siehst du sie heute ja selber noch«, sagte Beverley. »Sie meinte, sie geht vielleicht zum Konzert deines Dad.« Das ich völlig vergessen hatte. »Ruf sie an«, sagte ich. »Es ist wichtig.« Sie versprach, das zu erledigen, sobald sie sich um die widerspenstigen Neu-Insulaner gekümmert hatte. Und was wären unsere Kinder nun?, fragte ich mich, nachdem wir aufgelegt hatten. Gute Schwimmer? Dieses Zimmer würde mir keine weiteren Infos liefern. Zeit, in die Firma zu gehen. Nach der Sache mit den Jazzern, der U-Bahn, den Russen und nicht zu vergessen dem Schimmelpilz (so gern wir den vergessen würden) hatte sich das Revier Belgravia ins Unvermeidliche gefügt und mir im Büro des Außenteams einen eigenen Schreibtisch zur Verfügung gestellt. Wobei, »eigen« ist relativ, da ich ihn mir mit Guleed und einem DC namens David Carey teilte. Keiner von beiden war besonders erfreut über das Arrangement, nicht zuletzt deshalb, weil der Tisch nur für zwei Personen gedacht war. »Oh. So ein Fall ist das«, sagte Carey, als ich mich neben ihn setzte. »Kann ich noch Urlaub einreichen?« Ich äußerte die Befürchtung, dass es dafür zu spät sein könnte, sagte aber, wenn er Glück hatte, würde Guleed die Hauptarbeit erledigen. »Solange es nicht wieder mit komischen Autos zu tun hat«, brummte er. Mein Fall hatte inzwischen einen Namen bekommen, Operation Ringelblume. Nach einem kurzen Anruf beim Fallmanager bekam ich Zugang zu HOLMES, der allumfassenden Polizei-Datenbank. Ich gab die Ergebnisse meiner Voruntersuchung von Olivias Zimmer ein und lud meine Fotos von der Wandcollage hoch. Dann suchte ich, ob schon jemand eine vollständige Liste der Jugendlichen auf der Party eingestellt hatte. Ich wollte sehen, ob es Übereinstimmungen mit Olivias Collage gab. Irgendwann wies Carey mich darauf hin, dass eine Namensliste, samt Fotos, am Whiteboard hing. Eines der Mädchen auf Olivias Collage war Albertina Pryce, aber sonst gab es keine Treffer. Ich fragte Carey, ob das schon die endgültige Liste sei, aber er sagte, sie hätten noch nicht alle Aussagen zusammen. Ein paar Türen weiter, in einem der Vernehmungsräume, hatte Olivia, inzwischen assistiert von einem adäquat teuer gekleideten Anwalt mit gebührend kampflustigem Liverpooler Akzent, vernünftigerweise beschlossen, ab jetzt keinen Ton mehr zu sagen. Guleed war sauer, nicht nur, weil die erste Durchsuchung bei Familie Tyburn nichts Nützliches zutage gefördert hatte, sondern auch, weil es zwar Fingerabdrücke von sechs verschiedenen Personen auf den Pillenpackungen gab, aber keiner davon Olivia gehörte. Überhaupt war keiner der Fingerabdrücke in der Wohnung in Hyde Park Nummer Eins ihr zuzuordnen. Guleed wollte von mir wissen, ob Tyburn vielleicht Fingerabdrücke wegzaubern konnte. Ich sagte, nicht ohne gleich alle anderen auch zu vernichten. Sie wollte, dass ich mich bei Nightingale vergewisserte, aber ich erwiderte, dass ich mir sicher war, weil ich mal alle modernen Spurensicherungstechniken aufgelistet und dann bei jeder einzelnen getestet hatte, ob Nightingale ein Mittel dagegen hatte. »Hatte er bei irgendeiner Erfolg?«, fragte sie. »Bisher nicht. Man kann natürlich alle Oberflächen eines Tatorts abflämmen, aber das würde man hinterher sehen.« »Kann ich mir vorstellen«, sagte Guleed, die einmal mitangesehen hatte, wie ich aus Versehen eine Ente gegrillt hatte. Da Olivia erst siebzehn war, durfte bei der Vernehmung außer dem Anwalt noch ein weiterer Erwachsener zugegen sein. Natürlich wählte sie ihre Mutter, was bedeutete, dass aus Sicherheitsgründen auch Nightingale dabei sein musste. Aufgrund der besonderen Umstände hatte auch DI Stephanopoulos beschlossen, sich dazuzusetzen – keiner wusste oder wagte zu fragen, ob aus reiner Neugier oder weil es ihr darum ging, dass die Mordkommission die Kontrolle behielt. Stephanopoulos war eine gedrungene weiße Frau mit braunem Bürstenhaarschnitt, der nicht mal in den Achtzigern als modern angesehen worden wäre, und einem Gesicht, das selbst in entspanntem Zustand finster wirkte. Gerüchteweise hatte sie irgendwo in einem Vorort ein großes Haus, eine Frau, einen Garten voller Hühner und Tulpen und Regenbögen und eine Terry-Pratchett-Sammlung. Wenn das stimmte, so war bisher noch nie ein Beweis für irgendwas davon bis diesseits der Nordtangente vorgedrungen, schon gar nicht bis zum Revier Belgravia. Normalerweise werden Vernehmungen nie von höheren Beamten durchgeführt. Bei Olivia waren es nun sogar zwei – ich fragte mich, ob ihr das das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein. In den drei Stunden der Vernehmung gab sie nicht eine verwertbare Aussage von sich. Genau das ist der Grund, warum höhere Beamte normalerweise Besseres zu tun haben. Es war auch der Grund, warum Nightingale noch im Vernehmungsraum saß, als Dr. Walid anrief und meinte, es gebe da etwas Interessantes, das er uns im Seziersaal zeigen wolle. Als ich Guleed Bescheid sagte, dass ich wegmusste, wollte sie mit. Ich fragte sie, ob sie sich sicher sei. »Es geht um Falcon-Zeug.« »Wenn ich mich schon ständig damit herumschlagen muss, kann ich genauso gut versuchen, was darüber zu lernen.« »Gutes Argument.« In längst vergangenen Zeiten, zum Beispiel im letzten Jahr, hätte Nightingale erwartet, dass ich versuchte, sie davon abzubringen. Aber unsere methodischen Richtlinien hatten sich geändert. In der ersten Jahreshälfte hatten wir etwas einberufen, was man »ressortübergreifende strategische Planungssitzung« hätte nennen können, wenn es nicht einfach so gewesen wäre, dass Nightingale, Dr. Walid, Dr. Postmartin und ich im Atrium bei einer Tasse Tee zusammensaßen und uns den Kopf darüber zerbrachen, wie in aller Welt wir mit der drastischen Zunahme magischer Zwischenfälle in der letzten Zeit fertigwerden sollten. Hauptgrund für das Treffen war gewesen, dass Dr. Walid sich gern einen Assistenten zulegen wollte, jemanden, der wirklich Ahnung von Pathologie hatte. »Und der mehr über Gehirne weiß als über den Magen-Darm-Trakt«, erklärte unser weltberühmter Gastroenterologe. Er hatte schon eine vielversprechende Ärztin am University College Hospital im Auge. Das Problem war, dass er ein Budget brauchte, um ihr ein Gehalt zahlen zu können, denn nach mindestens sechs Jahren Studium möchten junge Ärzte seltsamerweise gerne Geld verdienen. »Der Golfclub ist ja auch nicht billig«, sagte ich. »Golfclub? Es geht wohl eher um den Dispokredit«, erwiderte Dr. Walid. Das Ergebnis war Dr. Jennifer Vaughan, eine schrecklich gescheite weiße Frau aus Newport, die sich mit dem hehren Ziel für Medizin eingeschrieben hatte, Menschen zu helfen, bis sie irgendwann festgestellt hatte, dass sie die inneren Zusammenhänge spannender fand als die Menschen, und zunehmend in Richtung Leichenschauhaus und Pathologenkarriere abdriftete. Ich wusste viel mehr über ihr Leben, als ihr vermutlich lieb gewesen wäre, einschließlich der Beinahe-Verwarnung wegen Störung der öffentlichen Ordnung im Gokart-Center in Newport – ich war es nämlich gewesen, der ihren Lebenslauf überprüfen musste. Wir legten für eine solche Überprüfung die Sicherheitsstandards für behördliche Mitarbeiter zugrunde, sowie einige zusätzliche Kriterien im Hinblick auf gewisse andere Dinge, die von Polizisten wie Seawoll gern als »abstruser Scheiß« bezeichnet werden. Nicht dass ich sie direkt fragte, ob sie oder ein Mitglied ihrer Familie je eine Fee gewesen sei, aber ich kam haarscharf in die Nähe. Dabei war es nicht gerade hilfreich, dass sie diesen walisischen Akzent hatte, mit dem sie selbst dann sarkastisch klang, wenn sie es nicht war. »Ist es für die Met wirklich von Belang, ob ich gern schwimme?«, fragte sie während eines der drei Gespräche, die ich mit ihr führte. Ich sagte, sie wäre vermutlich überrascht. »Das hoffe ich«, gab sie zurück. »Sonst wäre das hier ziemliche Zeitverschwendung, meinen Sie nicht?« Zum Glück mussten Guleed und ich uns nicht die sterblichen Überreste von Christina Chorley ansehen – Dr. Vaughan hatte ein paar Fotos vorbereitet, die sie uns auf ihrem Tablet zeigte. Noch besser war, dass wir uns in der Iain West Forensic Suite der Pathologie Westminster trafen, wo es einen verglasten Beobachtungsraum gab, in dem man die Leichen nicht roch. Glauben Sie mir, selbst bei so schön frischen Leichen wie der von Miss Chorley ist das ein Vorteil. Ich stellte Guleed den beiden Doctores vor. Sie schüttelten sich die Hände, und dann lehnte sich Dr. Walid lässig an eine Arbeitsplatte, verschränkte die Arme und ließ Dr. Vaughan erläutern, was sie gefunden hatten. Sie zeigte auf einen dunklen Schatten. »Das hier war die Todesursache.« Ich warf einen Blick zu Dr. Walid hinüber und fragte, ob das ein Aneurysma war. »Nein«, sagte Dr. Vaughan langsam. »Ein Aneurysma kann es nicht sein, weil Aneurysmen Aussackungen in Blutgefäßen sind, die über die Jahre immer größer werden, und wenn man Pech hat, platzen sie irgendwann und verursachen eine intrakranielle Blutung. Was dem Gehirn nicht gerade guttut, wie wir alle wissen.« »Aber das ist doch eine intrakranielle Blutung«, sagte ich. »Solche Bilder habe ich schon gesehen.« »Das mag schon sein, aber sie ist nicht durch ein Aneurysma verursacht.« Guleed sah mich mitleidig an. Sie wusste immer genau, wann sie besser den Mund hielt, und hatte diese verrückte Gabe, ganz unauffällig mit dem Hintergrund zu verschmelzen, wann immer sie wollte. Na gut, jeder hat seine Art, mit schwierigen Situationen umzugehen. Meine ist es, blöde Fragen zu stellen. »Sie hat keine natürliche Ursache«, schloss ich. »Oder?« »Nun«, sagte Dr. Vaughan, »die Sache ist die. Sehen Sie diese Stelle, wo das Gehirn so schwammig aussieht? Das sind Anzeichen für minimale Gewebeschäden.« »Verursacht wodurch?«, fragte ich. Dr. Walid schmunzelte, und Dr. Vaughan seufzte. »Um ehrlich zu sein, mein Tipp wäre, dass jemand ihr das Gehirn aufgeschnitten, ein paarmal mit einer dünnen Kanüle reingestochen, es dann nahtlos wieder zusammengesetzt und ihr zurück in den Kopf gesteckt hat. Ohne dass sie es gemerkt hat.« »Das klingt nicht nach einem sehr wahrscheinlichen Szenario«, sagte ich. »Nicht wahr? Auf jeden Fall haben diese Kanülenstiche auch ein Blutgefäß erwischt, was zu der intrakraniellen Blutung führte, die letztlich die Todesursache war.« Ich fragte, was denn außer einer Kanüle die Stiche verursacht haben könnte. Dr. Vaughan lächelte breit. »Wie Sie wissen, habe ich Dr. Walids Fälle studiert. Und auch die ›Literatur‹ zu vergleichbaren Fällen, die er mir zur Verfügung gestellt hat. Nun, um fair zu sein, die Kollegen vor uns hatten natürlich keine modernen bildgebenden Verfahren zur Verfügung, aber selbst wenn man das berücksichtigt, waren sie bemerkenswert vage, was die Unterscheidung zwischen zerebrovaskulären und anderen Hirntraumata anging. Jedoch haben sie uns einige exzellente Exemplare konserviert.« Einen ganzen Raum voll Gehirne, wie ich genau wusste – manche noch aus dem 18. Jahrhundert. Anscheinend war es in der guten alten Zeit Usus gewesen, dass verstorbene Zauberer dem Folly nicht nur ihre Aufzeichnungen, vergessenen Bibliotheksbücher und sonstige Kinkerlitzchen wie Bargeld, Antiquitäten oder gutes Ackerland in den mittel- und südenglischen Grafschaften hinterließen (die Landzuwendungen waren es übrigens, denen Dr. Vaughan letztendlich ihr Gehalt verdankte), sondern auch ihre sterblichen Überreste. »Das Hunterian Museum sollte besser nicht erfahren, was Sie hier haben«, hatte Dr. Vaughan bemerkt, als wir sie in die Sammlung des Folly eingeführt hatten. »Sonst kommen die am nächsten Tag mit einem LKW, darauf können Sie Gift nehmen.« Jetzt betrachtete sie ihr Tablet. »Viele der Präparate weisen ebenfalls dieses Muster winziger Verletzungen auf. Wir sollten vielleicht noch keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber diese Gewebeschäden sehen aus wie ein frühes Stadium hyperthaumaturgischer Zersetzung.« »Sie war eine Praktizierende?«, fragte ich. »Oder das Opfer einer Sequestrierung«, sagte Dr. Walid. Sequestrierung. Es gibt gewisse unangenehme Phänomene, die in deinen Kopf eindringen und dich physisch wie magisch zu allen möglichen Handlungen zwingen können. Diese Phänomene haben gewöhnlich keine Skrupel, dich magisch restlos auszusaugen, und da eine zu starke magische Aktivität dein Gehirn in Schweizer Käse verwandelt, stirbst du dabei fast unweigerlich. Mr. Punch war so ein Phänomen. Allerdings schienen solche Dinge eher selten zu sein, also lag es näher, dass Christina Praktizierende gewesen war. Magisches Talent ist ein Mythos – jeder kann zaubern lernen, so wie jeder lernen kann, Gitarre zu spielen. Beides lernt man nicht spontan. Jemand muss einem die Grundlagen zeigen, zumindest so was wie drei Akkorde und ein Schlagmuster. Der Unterschied ist, dass es einen nicht umbringt, das Intro von Stairway to Heaven zu üben. Also, jedenfalls nicht direkt. Dr. Vaughan stimmte mir zu, dass Sequestrierung eher unwahrscheinlich war. »Autodidaktin?«, fragte ich. »Aus dem pathologischen Bild können wir dahingehend nichts schließen«, sagte Dr. Walid. »Aber der Vorkriegsliteratur zufolge scheinen sich Praktizierende mit fundierter Ausbildung selten dermaßen verletzt zu haben.« Da ein maßgeblicher Teil der fundierten Ausbildung darin bestand, zu lernen, wie man es vermied, sich selbst den Garaus zu machen. »Heißt das also, dass sie magisch aktiv war, als sie starb?«, wollte Guleed wissen. »Du hast das M-Wort gesagt«, bemerkte ich, aber sie ignorierte mich. »Nicht unbedingt«, sagte Dr. Vaughan. »Vielleicht hat das PMA ihren Blutdruck so gesteigert, dass ein bereits vorgeschädigtes Blutgefäß platzte. Dazu würden die Krämpfe und anderen Symptome vor ihrem Tod passen.« Olivia McAllister-Thames würde es allerdings nicht helfen, dass Christina eine Vorerkrankung hatte – es war schon eine Straftat, ihr die Drogen überhaupt besorgt zu haben. Bei Gericht würde es also immer noch auf Totschlag hinauslaufen. Und damit auf möglicherweise lebenslänglich für Olivia und garantiert lebenslänglich in der Tinte für mich. »Wenn sie eine angehende Hexe war …«, sagte Guleed. »Magierin«, sagte Dr. Walid, im selben Moment, als ich »Praktizierende« sagte. Guleed tauschte einen Blick mit Dr. Vaughan. »Egal«, beschied sie. »Und wenn sie es sich nun doch nicht selbst beigebracht hatte, wer dann?« »Gute Frage«, sagte ich. »Vielleicht sollten wir mal ihren Vater vernehmen.« 3 Fröhlichkeit am Steuer Anders als im Fernsehen kreuzt man im echten Leben nicht einfach bei den trauernden Angehörigen auf und fängt an, heikle Fragen zu stellen. Also, außer man ist der Meinung, sie hätten etwas mit dem Todesfall zu tun, und dafür sollte man tunlichst gute Gründe beziehungsweise Beweise haben. In jedem Fall muss man die Befragung zuerst vom Chefermittler oder dem zuständigen DI absegnen lassen – Letzteres war in diesem Fall Stephanopoulos. Sie wollte natürlich wissen, warum. »Es gibt Hinweise darauf, dass Christina Chorley Praktizierende gewesen sein könnte«, sagte ich und erklärte ihr, was Dr. Walid und Dr. Vaughan gefunden hatten, woraufhin Stephanopoulos ungefähr die gleichen Fragen stellte wie ich. Woraufhin ich ihr ungefähr die gleichen nicht-wirklich-befriedigenden Antworten gab, die Vaughan und Walid mir gegeben hatten. Das nennt man bei der Polizei Informationsfokussierung: Zuerst arbeitet man heraus, was man nicht weiß, dann sucht man sich ein armes Opfer und befragt es, bis man irgendwelche Antworten von ihm erhält. In den alten Zeiten war es ziemlich egal, ob die Antworten etwas mit den Tatsachen zu tun hatten, aber heutzutage sind wir da ein wenig wählerischer geworden. Stephanopoulos schickte uns zu Seawoll. »Wenn’s sein muss«, sagte der. »Aber lassen Sie wenigstens ’n bisschen Takt und verdammte Diplomatie walten.« Martin Chorley wohnte nicht direkt in London, sondern jenseits der M25 in einem locker zwei Millionen schweren ehemaligen Pfarrhaus aus dem 18. Jahrhundert bei High Wycombe. Aber Guleed und mir blieb eine Reise im Schneckentempo die M40 hinauf erspart, weil Mr. Chorley sich, nachdem er morgens den Leichnam seiner Tochter identifiziert hatte, direkt zu seinem Arbeitsplatz in der City begeben hatte. Einen Angehörigenbetreuer hatte er rundweg abgelehnt – das taten viele –, war aber gleich nach der Identifizierung vernommen worden. Da »enger Verwandter« sich bei der Polizei nun mal wunderbar auf »Hauptverdächtiger« reimt, hatte sich über ihn schon einiges in HOLMES angesammelt. Hier fanden Guleed und ich die wichtigsten Details vor: Geburtsort, Schule, Abschluss, beruflicher Werdegang, das große Haus und die Wohnung über seinem Büro mit Adresse Little Britain, die ihm gratis zur Verfügung stand. »Was, keine Villa in der Toskana?«, fragte ich. »Er scheint’s eher mit Amerika zu haben«, sagte Guleed, die sich gerade durch zwanzig Jahre Reisedokumentation arbeitete. »Washington, New York, Miami, ein paarmal nach Atlanta – hauptsächlich dienstlich, vermute ich.« Genau wie nach Berlin, Paris und Genf, in seiner Funktion als Vorsitzender einer Stiftung, die sich Public Policy Foundation nannte. Derjenige, der den Eintrag gemacht hatte, hatte eine hilfreiche Notiz beigefügt: Achtung, einflussreicher Thinktank. Ich notierte die Adresse, und wir machten uns auf den Weg, unser Empathietraining zu testen. Gegen Nachmittag hatte der Wind aufgefrischt. An Ludgate Hill drängten sich pausemachende Raucher unter die mit Absicht völlig unzureichenden Vordächer moderner Gebäude, die Obdachlose davon abhalten sollten, dort ihr Lager aufzuschlagen, und versuchten möglichst viel Nikotin in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen, bevor Unterkühlung einsetzte. Stadtverkehr im Regen ist immer ungenießbar. Guleed war es auch, nachdem wir auf meiner Abkürzung, die uns den Verkehr an der St. Paul’s Cathedral ersparen sollte, zwanzig Minuten lang einen Ocado-Lieferwagen vor der Nase hatten, der an jeder Straßenlaterne hielt. Zum Glück bog er ab, bevor wir die Rotunda erreichten, und wir umrundeten rasch das Museum of London und bogen beim Postman’s Park in die Straße Little Britain ein. Die Bäume im Park hatten noch fast alle Blätter, und die Straße war schmal und schattig und roch nach nassem Gras statt nach dem zudringlichen Betongeruch, der im Rest der Stadt vorherrschte. Das mittviktorianische Gebäude, in dem sich das Büro befand, täuschte mit seinen florentinischen Schnörkeln niemanden außer sich selbst. Neben der Tür hing ein Bronzeschild mit der Aufschrift Public Policy Foundation, und drinnen erwarteten uns ein Foyer aus kühlem bläulichem Marmor und eine junge, seltsam länglich wirkende Frau an der Rezeption. Wir hatten uns nicht angemeldet, was Guleed die Chance gab, die Rezeptionistin ein bisschen zu ärgern, indem sie sich vorstellte, ohne gleich ihren Dienstausweis zu schwenken. Die Miene der Rezeptionistin machte die klassische Wendung in drei Zügen – von Schreck über Misstrauen zu professioneller Freundlichkeit –, und schließlich nahm sie das Telefon und informierte jemanden am anderen Ende, »die Polizei« sei da und wolle mit Mr. Chorley reden. Guleed und ich waren uns einig, dass wir ihr für ihre zögerliche Art, uns als Polizei zu identifizieren, Punkte abziehen mussten, dass sie sich aber alles in allem ganz gut geschlagen hatte. »Auf jeden Fall in der oberen Hälfte der Rangliste«, befand Guleed, während wir darauf warteten, dass uns jemand zu Martin Chorley brachte. Chorleys Büro wirkte bewusst bescheiden: lasierter Dielenboden, ein paar zusammengewürfelte Läufer, eine lederne Sitzgruppe von John Lewis, dazu ein Tisch mit Glasplatte, den ich als Ikea-Stück erkannte, weil ich überlegt hatte, so einen für die Tech-Gruft anzuschaffen. Chorley selbst war etwa so groß wie ich, schlank, aber mit einem leichten Rettungsring um die Mitte, weswegen er in naher Zukunft vermutlich ziemlich viel Zeit im Fitnessstudio verbringen würde. Sein Haar war dunkelbraun und konservativ geschnitten, seine blassgrauen Augen standen eng zusammen. Den Knitterfalten nach stammte die Anzughose noch von gestern, aber sein hellblaues Hemd war frisch, die Knicke so scharf, dass ich vermutete, er hatte es für Notfälle in der Packung im Büro aufbewahrt. Er bot uns Kaffee an. Wir lehnten ab. In der Regel nimmt man bei Befragungen ein Getränk nur an, wenn der zu Befragende es selbst macht (um eine Atmosphäre der Normalität zu schaffen) – oder aber wir Beamten das tun (um in aller Ruhe in der Küche herumschnüffeln zu können). Er nahm sich eine Flasche Mineralwasser von seinem Schreibtisch und bedeutete uns, auf dem schwarzen Sofa Platz zu nehmen, während er sich in dem dazu passenden Sessel niederließ. Sein Gesicht wirkte grau, und er hatte dunkle Schatten unter den Augen. Also begann ich ganz freundlich und erklärte, dies sei eine routinemäßige zweite Befragung, bla bla bla – ich kam etwa einen halben Satz weit, da unterbrach er mich. »Ich habe gehört, Sie haben jemanden verhaftet«, sagte er mit diesem absichtsvoll abgeschwächten Oberschicht-Akzent, der als BBC-Standard bekannt gewesen war, ehe man dort regionale Färbungen zuließ. Bei polizeilichen Befragungen gilt das eherne Gesetz, dass der Informationsfluss nur in eine Richtung erfolgen darf. Aber mit trauernden Eltern muss man vorsichtig umgehen, sonst schreiben sie an den Daily Telegraph. Oder rufen in Mr. Chorleys Fall den Verleger zu Hause an. »Es gab eine Festnahme«, sagte ich. »Aber es ist noch nicht geklärt, ob und wie das mit dem Tod Ihrer Tochter zusammenhängt.« Er nickte düster und trank einen Schluck Wasser. Ich wartete kurz, ob er nachfragen würde, wer genau festgenommen worden war. Als er es nicht tat, ging ich zu den Routinefragen über, die verschleiern sollten, warum ich in Wirklichkeit da war. Nightingales ursprüngliche Definition eines abtrünnigen Praktizierenden war »jemand, der ohne Autorisierung durch das Folly Magie praktiziert«. Da die einzigen vom Folly autorisierten Praktizierenden derzeit er und ich waren, hatte ich angemerkt, dass diese Definition nicht sehr nützlich war. Es gab ja noch immer ein paar Zauberer, die aus seiner ehemaligen Schule hervorgegangen waren und sich zwar zur Ruhe gesetzt hatten, aber immer noch praktizieren konnten, wenn es sein musste. Nicht zu vergessen all die Flüsse, russischen Nachthexen, Fae, Demi-Fae und wer weiß was sonst noch für Fae, die in der Gegend herumliefen und Sachen anstellten, die für mich verdächtig nach Magie aussahen. Also definierten wir »abtrünniger Magier« um als jemand, der mittels Magie die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdete, und begannen eine Reihe ausgeklügelter Methoden zu entwickeln, um durch Befragung von Verwandten und Vertrauten herauszufinden, ob sich jemand möglicherweise mit dem befasst hatte, was man als magisches Äquivalent dessen bezeichnen konnte, dass man aus Übermut und Profitgier den Kopf in die Mikrowelle steckte. »Haben Sie in der letzten Zeit Veränderungen in Christinas Verhalten bemerkt?«, fragte ich. »Zum Beispiel plötzliche neue Interessen?« »Sie ist siebzehn. Sie hat ständig neue Interessen. Hatte.« Er drehte das Gesicht zum Fenster und atmete tief durch. »Kam Ihnen etwas davon besonders ungewöhnlich vor?« Er wandte sich uns wieder zu. »Etwas wovon?« »Von den neuen Interessen«, sagte Guleed mit einem Hauch respektvoller Neugier – das war so ein Partytrick von ihr. Der Sage nach hatte sie einmal einem Vergewaltiger ein Geständnis entlockt, einfach indem sie ein mitfühlendes Gesicht gemacht und von Zeit zu Zeit verständnisvoll genickt hatte. »Also, ich«, war Stephanopoulos’ Kommentar dazu gewesen, »hätte ihm die Eier an den Sitz genagelt.« Ja, die guten alten Zeiten, dachte ich. Auch Martin Chorley erlag ihr. »Geschichte«, sagte er. »Sie hat angefangen, wahnsinnig viel über Geschichte zu lesen. Das fand ich etwas seltsam, weil sie Geschichte gar nicht als Schwerpunktfach in der Schule hatte.« Wann und wobei sich dieses Interesse zu manifestieren begonnen hatte, konnte er nicht genau sagen, und ich merkte, dass es ihn nur verärgern würde, wenn wir weiterbohrten. Also ließ ich es. Takt und verdammte Diplomatie eben. Christinas Zimmer in St. Paul’s war bereits von der Spurensicherung umgekrempelt worden. Ich nahm mir vor, in deren Bericht nachzulesen, was man in den Bücherregalen gefunden hatte. Die Hauptinteressen seiner Tochter, meinte Martin Chorley, schienen sich um ihr Handy gedreht zu haben. »Ich habe nie nachgefragt«, sagte er. »Ich war nur froh –« Er hielt inne, und seine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. »Ich habe einfach nie nachgefragt.« »War es ungewöhnlich, dass Christina übers Wochenende in der Stadt blieb?«, fragte Guleed. »Ich glaube, diese Frage wurde mir schon gestellt.« »Es tut mir leid, Sir«, sagte Guleed. »Den zeitlichen Ablauf festzulegen ist essenziell, und wir haben festgestellt, dass viele Menschen sich mit zunehmendem Abstand zu einem Ereignis manchmal an mehr Einzelheiten erinnern. Jedes kleine Detail könnte helfen.« Wir hatten auch festgestellt, dass viele Menschen dazu neigten zu vergessen, was für Lügen sie den Beamten beim letzten Mal erzählt hatten. Aber entweder hatte Mr. Chorley ein außerordentlich gutes Gedächtnis, oder seine frühere Aussage – dass nämlich seine Tochter bei ihrer Freundin Albertina Pryce übernachtet hatte – war die schlichte Wahrheit. »Sie hat immer mal wieder das Wochenende bei Albertina verbracht.« »Hat sie auch mal bei jemand anderem übernachtet?«, wollte Guleed wissen. »Nicht dass ich wüsste. Manchmal gab es Übernachtungspartys und solche Mädchensachen. Ich hatte schon mal überlegt, ob ich ihr Handy überwachen sollte, aber man will ja nicht zu autoritär sein, verstehen Sie? Seit ihre Mutter starb, war es nicht ganz einfach für mich, ihr Vater und Mutter zugleich zu sein.« Verständnisvolles Nicken von Guleed. Christinas Mutter war vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben, auf der A355 kurz vor der Auffahrt auf die M40. Sie hatte die Kontrolle über ihren Mercedes C-Klasse verloren und war in den Gegenverkehr hineingefahren. Dem Unfallbericht zufolge war ihr Promillepegel fünfmal so hoch gewesen wie erlaubt, aber da sie außer sich selbst niemanden umgebracht hatte, war der Untersuchungsrichter so kulant gewesen, es als normalen Unfalltod einzustufen. »Meinen Sie, ich hätte mich mehr interessieren sollen?«, fragte Mr. Chorley. »Mehr so wie diese Helikopter-Eltern?« Guleed seufzte auf eine »Was soll man schon machen«-Art und zog ein mitfühlendes Gesicht. »Hatte sie jemals Probleme mit ihren Handys?«, fragte ich. Das rief ein Stirnrunzeln hervor. »Was für Probleme?« »Hatten Sie den Eindruck, als würden sie häufig verloren- oder kaputtgehen? Also, öfter, als man erwarten sollte?« »Sie meinen, sie hat sie verkauft? Um Geld für Drogen zu bekommen?« Eigentlich meinte ich, dass sie sie vielleicht aus Versehen magisch geschreddert hatte, aber ich hatte das dumpfe Gefühl, das laut zu sagen entspräche nicht Seawolls Anordnung bezüglich Takt und Diplomatie. Außerdem wollte ich sehen, wie Mr. Chorley reagierte – ob er möglicherweise wusste, dass kaputte Handys eine spezielle Bedeutung hatten. Doch er wirkte vor allem verwirrt und traurig. Man sollte zwischen gründlich und grausam unterscheiden können, also hakte ich meine restlichen Fragen schnell und möglichst schmerzlos ab. Guleed begriff und stellte keine eigenen Fragen mehr. »Und, hast du was Verwertbares erfahren?«, fragte sie, als wir wieder hinaus in den Regen traten. »Nicht wirklich.« »Dachte ich mir schon.« Verwertbar oder nicht, es musste trotzdem aufgeschrieben werden, weil a) empirisch gesehen auch ein negatives Ergebnis ein Ergebnis ist, b) jemand Schlaueres als du vielleicht einen Schluss daraus zieht, auf den du nicht kommst, und c) es im Falle einer Fallrevision immer sinnvoll ist, wenigstens den Anschein von Kompetenz zu erwecken. Also kehrten wir an unser Schreibtisch-Sharing in Belgravia zurück und taten genau das. »Hältst du es für seltsam, dass er nur eins hatte?«, fragte Guleed. »Ein was?« »Kind. In den Kreisen hat man üblicherweise drei oder vier.« »Ich glaub nicht, dass das Pflicht ist.« Da fiel mir etwas ein. »Haben wir schon mit den Kindermädchen geredet?« Dem Whiteboard zufolge waren inzwischen fünf der Jugendlichen auf der Party identifiziert, so dass – wenn wir richtig gezählt hatten – noch zwei übrigblieben. Einen davon, »Rod Crawfish oder so« hatte DC Carey unter Vorbehalt als Roderick Crawford identifiziert, einen Westminster-Schüler im selben Jahrgang wie James Murray. Carey war gerade nach Primrose Hill unterwegs, um mit einem brandneuen DC namens Fergus Ryan bei selbigem Crawford die AIDA durchzugehen (Ausfindigmachung, IDentifizierung, Ausschluss als Verdächtiger). »Fergus Ryan«, sagte ich. »Im Ernst? Woher kommt der denn?« »Redbridge, glaube ich.« Drei der Jugendlichen hatten, anders als Christina, jüngere Geschwister und infolgedessen Kindermädchen, die mit im Haus wohnten. »Sag ich doch«, sagte Guleed. »Große Familien.« Bei allen Nannys war bereits die Maßnahme, sie zu vernehmen, vermerkt. Aber ich dachte mir, dass Christina Chorley als Kind sicher auch eine gehabt hatte, und »der Sklave weiß immer mehr über den Meister als der Meister über den Sklaven«, auch wenn ich mich beim besten Willen nicht erinnern konnte, wer das gesagt hatte. Sie ausfindig zu machen, ohne dass Mr. Chorley es mitbekam, würde ein bisschen knifflig werden, also notierte ich es als Maßnahmenvorschlag in der Hoffnung, dass Stephanopoulos es jemand anderem aufdrücken würde. Nachdem ich meinen Bericht im Büro des stationären Ermittlungsteams abgegeben hatte, machte ich mich auf die Suche nach Nightingale. Ich fand ihn unten in Stephanopoulos’ Büro, wo er sich einige Blätter durchlas, die ihm eine mitleidige Seele ausgedruckt haben musste. Als ich hereinkam, sah er auf. »Und, etwas gefunden?« Ich erzählte ihm von der vergeblichen Befragung und meinen Ideen – frühere Kindermädchen zu vernehmen und mich in Christinas Zimmer im Haus in High Wycombe umzuschauen. »Aber nicht heute Abend«, sagte er. »Denn da haben Sie eine familiäre Verpflichtung, glaube ich?« »Was ist mit Tyburn?«, fragte ich. »Olivia wurde vor einer Stunde mit der Auflage nach Hause entlassen, sich gleich morgen früh wieder hier einzufinden. Cecelia machte einen recht gefassten Eindruck – alles in allem. Ich denke, zumindest heute Nacht dürften wir vor verheerenden Überflutungen im Gebiet des Tyburn sicher sein.« »Hat Olivia ihre Aussage geändert?« »Nein. Sie behauptet immer noch, die tödlichen Tabletten beschafft zu haben. Wobei ich ihr offen gestanden kein Wort glaube, und Miriam übrigens auch nicht. Nicht zuletzt, weil sie uns keine Einzelheiten liefern kann, wie und wo sie die Drogen bekommen hat.« Er nickte zu Stephanopoulos’ Tisch hin. »Miriam sagte, sie sei bald wieder da – falls Sie sie noch brauchen.« Dass es keine greifbaren Beweise für oder gegen irgendwas gab, außer dass Olivia definitiv auf der Party gewesen war, ließ Stephanopoulos sicher keine Ruhe. Trotzdem, wäre Olivia irgendeine Siebzehnjährige aus einem Sozialwohnblock gewesen, hätten wir dem Fall kaum so viel Zeit gewidmet. Wir hatten ein Geständnis, also hätten wir wahrscheinlich einfach beschlossen, dass hinreichender Tatverdacht bestand, und den Rest der Staatsanwaltschaft überlassen. »Ich habe mir einen Moment Zeit genommen, um zu sehen, ob jemand von den Eltern auf einer unserer Listen steht«, bemerkte Nightingale dann noch. Was bedeutete: ob einer von ihnen zum Dining-Club »Little Crocodiles« in Oxford gehört hatte – ein Club, der im Unterschied zu den üblichen nicht einfach nur besoffen irgendwelche Restaurants zerlegte, sondern stattdessen das hehre Ziel verfolgte, die Magie zu erlernen. Der Unterweiser in dieser Kunst war ein ehemaliger Kollege von Nightingale gewesen, Geoffrey Wheatcroft. Da er hierdurch sowohl das Gesetz als auch – noch frevelhafter – die sozialen Übereinkünfte des Folly gebrochen hatte, konnte er von Glück sagen, dass er friedlich im Bett gestorben war, bevor Nightingale es herausgefunden hatte. Was den Club anging, besaßen wir mehrere Listen: eine von nachweislichen Mitgliedern Anfang der achtziger Jahre, sie kam von Lady Ty, die damals dort ihren – natürlich glanzvollen – Abschluss gemacht hatte. Dann eine Liste vermuteter Mitglieder von den fünfziger Jahren an, deren Namen aus verschiedenen zuverlässigen Quellen stammten. Und schließlich eine Liste von Leuten, die möglicherweise Mitglied gewesen waren und/oder enge Verbindungen zu bestätigten Mitgliedern gehabt hatten. Man kann sich vorstellen, dass letztere Liste unendlich lang war und so ziemlich jeden umfasste, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Oxford studiert hatte. Nicht überraschend, dass auf ihr sowohl Martin Chorley als auch Albert Pryce standen. Pryce war an Wheatcrofts altem College, dem Magdalen, gewesen, Chorley am Oriel. Ein wichtiger Punkt war, dass Chorleys Zeit dort sich mit der eines gewissen Robert Weil überschnitt, der gerade lebenslänglich absaß, weil wir ihn dabei erwischt hatten, wie er in der Nähe von Crawley die Leiche einer noch unidentifizierten Frau im Wald verscharren wollte. Wir waren ebenso sicher, dass er sie nicht selbst getötet hatte, wie, dass er ein Little Crocodile war, aber beweisen konnten wir beides nicht. Definitiv aus den Little Crocodiles hervorgegangen war Albert Woodville-Gentle, auch bekannt als der erste gesichtslose Magier, der während der sechziger Jahre in Soho Menschen unaussprechliche Dinge angetan und später einen jüngeren Mann gefördert hatte, der ähnlich drauf war und sein Gesicht ebenfalls verbarg. Ich hatte den Newcomer bei zwei Gelegenheiten näher kennengelernt. Beide Male hätte er mich um ein Haar umgebracht. Und Nightingale, der verbürgtermaßen schon im Nahkampf gegen ein Paar deutscher Tiger-Panzer gewonnen hatte, war sich nicht sicher, ob er gegen ihn würde bestehen können, sollte es zum Showdown zwischen ihnen kommen. Nicht dass wir etwas in der Art vorhatten – schließlich waren wir die Polizei. Noch war die Indizienlage verdammt dünn. Nobelschicht-Dad des Opfers und Nobelschicht-Dad der besten Freundin des Opfers haben beide dieselbe Nobel-Universität besucht – na so was. Da würde jemand ziemlich tief graben müssen, ob es eine handfestere Verbindung gab. Raten Sie mal, wer das sein würde. Aber nicht mehr heute Abend. »Sind Sie sicher, dass ich jetzt wegkann?«, fragte ich Nightingale. »Ich habe Ihrer Mutter versichert, dass es nicht meine Schuld sein wird, falls Sie nicht kommen.« »Sie haben mit meiner Mutter geredet?« Nightingale grinste. Er hatte ein erstaunlich spitzbübisches Grinsen. »Als Ihr …« Er unterbrach sich, wie immer an dieser Stelle. »Als der für Ihre Ausbildung Verantwortliche habe ich die Pflicht, Ihre Eltern über Ihre Fortschritte auf dem Laufenden zu halten.« Als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er schnell hinzu: »Nur in allgemeiner Form.« »Haben Sie auch mit meinem Dad geredet?« »Gewiss doch.« »Und?« »Ich hatte gar nicht gewusst, dass Tubby Hayes auch ein meisterlicher Vibraphonist war. Tatsächlich hat er in dieser Funktion sogar einmal mit Charles Mingus zusammen gespielt.« Ich war erleichtert – zumindest meinen Vater interessierte meine berufliche Karriere nach wie vor nicht die Bohne. »Und worüber haben Sie sich mit meiner Mum unterhalten?« »Sie bekundete lebhaftes Interesse an der Familie Thames.« Ich widerstand dem Drang, mich sehr klein zu machen und unter Stephanopoulos’ Tisch zu verkriechen. »Ich nehme an, ein paar dringende Notfall-Überstunden stehen nicht zur Debatte?« »Mit dem Risiko, Ihre Mutter zu verärgern? Ganz sicher nicht.« Wer neben einem Fluss lebt, sagt Beverley, bekommt unweigerlich ab und zu eine Überschwemmung ab. Das ist der Preis, den man dafür zahlt, dort seinen Geschäften nachzugehen und den Segen des Gewässers zu haben. Ein Großteil des Londoner Stadtteils Barnes liegt in einer Themseschleife, die von der Putney Bridge bis zu einer Eisenbahnbrücke reicht. Eines Tages, sagt Beverley, werden ihre Mama und sie diesen Bereich an der Basis abknipsen und eine hübsche große Insel daraus machen. Als ich fragte, wann ungefähr, zuckte sie mit den Achseln. »Früher oder später.« Nichts lässt dich so schön die eigene Bedeutungslosigkeit erkennen wie wenn deine Freundin so mit geologischen Zeitaltern jongliert. Der Bull’s Head liegt in sicherer Entfernung vom Fluss etwas oberhalb eines künstlichen Damms am Südufer. Gleich um die Ecke wohnte Gustav Holst, als er seine Planeten komponierte – das weiß ich, weil an dem Haus eine blaue Gedenktafel hängt und Beverley mich dort mal eine halbe Stunde warten ließ, weil sie sich um ein paar in der Nähe wohnende Trolle kümmern musste. Der Pub ist ein frühviktorianisches Herrenhaus mit Fenstern bis zum Boden und schmiedeeisernen Balkonen, die ihm einen Hauch von New Orleans verleihen. Mit der Zeit wurde er zwischen anderen Gebäuden eingezwängt, konnte sich aber seinen Hof mit dem Kutschenhaus erhalten – in dem heute der Jazz zu Hause ist. Im Bull spielte schon Coleman Hawkins, ebenso der vielseitig begabte, von Dad und Nightingale geliebte Tubby Hayes, bis er in den siebziger Jahren den Löffel abgab. Andere namhafte Gäste waren Shorty Rogers, Bud Shank und Ben Webster. Und während des Jazz-Revivals der Nullerjahre wurde der Bull’s Head durch aufsteigende Sterne wie Jamie Cullum und Simon Spillett zum angesagten In-Schuppen – oh Mann. Mein Dad hatte hier schon in der Vergangenheit gespielt, und heute Abend wollte er an diesem Ort seinen vierten Versuch starten, es zum Jazz-Star zu schaffen, egal wie weit der führen würde. Es sollte auch das Debüt seiner brandneuen Zähne werden, die von meiner Wenigkeit finanziert worden waren – mit Hilfe einer privaten Kampagne und meiner letzten Ersparnisse. Ich war dabei gewesen, als er seinen neuen Ansatz ausprobiert hatte, hatte zugesehen, wie er die Trompete anhob, nervös innehielt, die Lippen mit der Zunge befeuchtete, die Trompete schließlich ansetzte und einen einzelnen, glockenreinen Ton blies. Ich hatte gesehen, wie er das Instrument wieder absetzte und fassungslos anstarrte und dann meine Mum ansah, die sich in die Nasenwurzel kniff, um ihre Tränen zu verbergen. Dann lächelte mein Dad mich an, und in diesem Moment, nur diesen einen Moment lang, verzieh ich ihm alles – alles –, weil ich wusste: so sieht vollkommenes Glück aus, und ich habe Anteil daran. In den folgenden Tagen gab sich das ziemlich schnell wieder, aber die Musik blieb, und meine Mum war glücklich. Ich war nicht ganz so glücklich darüber, welches Interesse die Auftritte meines Dad in der Demi-monde erregten. Aber wie Nightingale sagte, daran war ich selbst schuld. »Sie haben doch so sehr auf diesem Tag der Offenen Tür in Casterbrook bestanden. Das Konzert Ihres Vaters dort muss sie fasziniert haben.« Das ist das Problem mit der bürgernahen Polizeiarbeit: komischerweise erwarten die Bürger dann plötzlich, dass du Teil der Gemeinschaft wirst. Zum Glück sprach der Soul-Jazz meines Dad wenigstens nicht die wilderen Gothic-Abgründe der Demi-monde an, daher hoffte ich, dass das Verhältnis Normalbürger/abstruser Scheiß an diesem Abend einigermaßen zu Gunsten der Normalbürger ausfallen würde. Es war schon dunkel, als ich am Uferdamm parkte, und ein kalter Wind vom Fluss her versprach mehr Regen. Eben wechselte die Ebbe zur Flut, und ich spürte, wie das Wasser der Themse stromaufwärts stieg und am freiliegenden Kies des Flussbetts leckte. Beverley saß im vorderen Gastraum am Fenster und winkte mir zu. Sie trug ein lila Stricktop mit weitem Ausschnitt, der eine Schulter freiließ, und hatte ihre Dreadlocks mit einem farblich passenden Wollschal zurückgebunden. Über der Stuhllehne hing eine dunkelrote Lederjacke. Obwohl es sehr voll war, war es ihr gelungen, einen Tisch zu ergattern und mir sogar einen Platz freizuhalten. Als ich mich neben sie zwängte, stellte ein völlig Fremder mir ein kleines Bier vor die Nase und verschwand wieder. »Bezahlst du die überhaupt?«, fragte ich. Sie raunte mir ins Ohr: »So kurz vor der Flut weiß ich gar nicht, ob ich sie davon abhalten könnte.« Dann küsste sie mich auf die Lippen, ehe sie mich den beiden anderen am Tisch vorstellte. Sie hatte ein befreundetes Pärchen von der Queen Mary University mitgebracht, wo sie Umweltwissenschaften studierte. Ihrer Mum hatte sie den Studiengang schmackhaft gemacht, indem sie erklärt hatte, es sei zwar nicht Jura oder Medizin, aber ein bisschen wie Ingenieurwesen – wenn man nicht zu genau hinschaute. Und was den Snobfaktor anging, konnte nicht mal Lady Ty etwas gegen Queen Mary sagen. Bevs Freunde waren Douglas, der das reinste Hipsterklischee gewesen wäre, wenn er das mit dem Bart ordentlich hinbekommen hätte, und Melanie, eine dieser molligen Betriebsnudeln, die immer den Eindruck erwecken, dass sie sich nur mit größter Willenskraft davon abhalten, im Raum herumzuhüpfen. Ich hatte Beverley einmal gefragt, ob sie ihren Freunden eigentlich erzählte hatte, dass sie die Göttin eines nicht ganz kleinen Flusses in London war. Klar, hatte sie gesagt, natürlich. »Und?«, hatte ich wissen wollen. »Sie halten mich für ein bisschen eso-gaga. Mit den Dreads sowieso.« Nach Beverleys Erfahrung drückten die Leute einem immer das erste halbwegs passende Etikett auf – ob es den Tatsachen entsprach oder nicht. »Und das richtigzustellen ist so unglaublich anstrengend, findest du nicht? Außerdem muss man dann alles erklären … Und eigentlich sollte unsereins doch möglichst unauffällig bleiben, oder?« Es folgte ein typisches Nightingale-Zitat. »Uns an die Abmachung halten und nur nicht die Pferde scheu machen.« Beverley hatte massenweise Freunde an der Uni, aber diese beiden waren die einzigen, die sich für Jazz interessierten. Nicht so sehr, dass sie meinen Vater gekannt hätten, ohne bei Wikipedia nachzuschauen, aber schon durchaus. »Und es ist ja für einen guten Zweck«, sagte Melanie. Das war mir neu. Ich sah Beverley an. »Hilfe nach der Ebola-Krise«, sagte sie. Hilfe für die Verwandtschaft meiner Mum, dachte ich. Aber da diese mindestens ein Viertel der Bevölkerung von Sierra Leone zu umfassen schien, lief es vielleicht auf dasselbe hinaus. Komisch eigentlich – für eine Fula hatte meine Mum erstaunlich viele Temne- und Susu-Verwandte. Melanie sagte, sie würde nach dem Abschluss gern in einem Land wie Sierra Leone arbeiten, irgendwo, wo man noch wirklich etwas bewirken konnte. Was ich darüber dächte? »Die Strände bei Freetown sind klasse«, sagte ich und erntete einen verwirrten Blick. Aber wenn man weiße Leute zu sehr auf die Schippe nimmt, muss man damit rechnen, dass einen das Universum postwendend dafür bestraft. In diesem Fall, als meine Mum hereinkam, mich erblickte und zu sich winkte. Sie sah aus wie einem alten Foto entstiegen: schwarzer Rollkragenpullover und graue Hose. Um ihren Hals waren ein paar dicke Goldketten geschlungen, die erstaunlicherweise offenbar die finanziellen Engpässe meiner Familie überlebt hatten, und sie trug eine hochwertige Pagenkopf-Perücke. Alles, was fehlte, war eine Baskenmütze. Als ich bei ihr ankam, küsste sie mich in Pariser Manier auf beide Wangen, was ein bisschen beunruhigend war. »Peter, ich muss mit dir reden«, sagte sie auf Krio. Ich seufzte und ließ mich in eine ruhige Ecke ziehen. Als ich klein war, verfiel sie immer dann in Krio, wenn sie wütend auf mich war oder etwas von mir wollte, zum Beispiel, dass ich ihr eine Tasse Tee machte oder einkaufen ging. Heutzutage zeigt es an, dass sie über etwas reden will, worauf ich überhaupt keine Lust habe. »Also, du und Beverley, ihr schlaft zusammen, ja?« »Mum!«, sagte ich und klang zu meinem Ärger wie ein genervter Teenager. »Ihr verhütet ja wohl hoffentlich.« »Natürlich verhüten wir. Übrigens geht dich das gar nichts an.« »Ihr müsst immer was benutzen und vorsichtig sein.« »Wir sind sehr vorsichtig.« Das schien sie irgendwie zu enttäuschen. »Du sagst mir’s aber, wenn ich Enkel kriege?« »Ich glaub nicht, dass wir schon so weit sind.« »Der Sohn von Tante Kadie hat schon zwei Kleine.« »Ich weiß – ich musste mit dir zur Taufe gehen, erinnerst du dich?« »Er ist jünger als du.« »Er hat mehr Freizeit als ich.« »Besser, wenn man jung Kinder kriegt«, sagte meine Mum. »Das ist wissenschaftlich erwiesen.« »Ja, Mum.« »Ich würde auch babysitten.« »Was?« »Wenn ihr welche kriegt, pass ich auf sie auf«, sagte sie. »So könnt ihr beide euren Kram weitermachen.« Ich fragte mich plötzlich, ob meine Mum schwimmen konnte. Und ob ich es wagen würde, Beverley von diesem Angebot zu erzählen. Nicht jetzt, dachte ich. Jetzt ist definitiv nicht der richtige Moment. Zum Glück wurde es langsam Zeit, sich zur Seitentür hinauszubegeben und dem schwarzen Pfeil auf der weiß getünchten Backsteinmauer zum JAZZ ROOM zu folgen. Meinem Dad zufolge war dieser gerade frisch renoviert worden und die Akustik viel besser als vorher – abgesehen davon, dass es keinen Flügel mehr gab, war er perfekt. »Joe Harriott wäre begeistert gewesen.« Trotz seiner Bedeutung für die Jazzgeschichte war der Raum eher klein. Es gab eine Bar und in der hinteren Ecke eine dreieckige Bühne. Bev sicherte sich natürlich den Platz in der Mitte der ersten Reihe, ihre Freunde trotteten nervös hinterher. Über die Schulter warf sie mir einen Blick zu, die dunklen Augen funkelnd, den schönen Mund zu einem kaum merklichen Lächeln verzogen, aber ich blieb lieber an der Tür, wo ich ein Auge darauf haben konnte, wer hereinkam. Die Zauberer des Folly (beziehungsweise der Gesellschaft der Weisen, damals, als es noch kein Twitter gab, wo man über einen solchen Namen so richtig Spott und Hohn ausgießen konnte) hatten nie so ganz gewusst, wie sie mit der Demi-monde umgehen sollten, jenem abenteuerlichen Sammelsurium von Leuten und Dingen-die-zugleich-Leute-waren, die sich am Rande der magischen Welt bewegten. Als die Klassifizierungsmanie des 17. und 18. Jahrhunderts vorhersehbarerweise auch die Zauberer packte, schrieben sie lange Abhandlungen über proportionale Anteile von Menschen- und gutem oder bösem Feenblut und gaben jeder Mischung einen hochtrabenden Namen. Das Meiste davon war so brauchbar wie die Theorie vom Lichtäther, aber es erklärte, warum man sich in manchen Londoner Pubs eine Tracht Prügel einhandelte, wenn man jemanden einen Goblin nannte. Trotzdem hatte ich nach über zwei Jahren im Folly genug Erfahrung, um zu erkennen, ob ich welche vor mir hatte – meistens jedenfalls. Den hier erkannte ich, kaum dass er die Nase durch die Tür gesteckt hatte. Ein kleiner weißer, ziemlich junger Mann mit spitzem Kinn und zurückgegeltem rostrotem Haar. Er trug eine ländlich anmutende Tweedjacke über einem schwarzen T-Shirt, eine Zombiejäger-Cargohose und Wanderstiefel – keine DMs, sondern etwas Schweizer-Armee-mäßiges. Ich wusste sofort, dass er zumindest teilweise Fae war, und ein Ganove dazu. Zum einen aufgrund meiner langjährigen Erfahrung als Bobby, zum anderen wegen seiner engelsgleichen Unschuldsmiene, aber vor allem deshalb, weil ich ihn vor einer Weile dabei erwischt hatte, wie er sich an meine dreizehnjährige Cousine heranmachen wollte, und ihn daraufhin umfassend überprüft hatte. Er hieß Reynard Fossman und war unerfreulich erfreut, mich zu sehen. Zum Gruß hob er seinen Spazierstock. Dieser bestand aus Hickoryholz mit einem dicken Wurzelstock als Knauf, auf Hochglanz poliert, um die Maserung zur Geltung zu bringen. Ich erwog, Reynard wegen Besitz einer Angriffswaffe festzunehmen – es zählt ja nicht in erster Linie die Art der Waffe, sondern die Absicht, in der diese mitgeführt wird. »Mr. Fossman«, sagte ich. Er lächelte mich füchsisch an. »Wie schön. Sie erinnern sich an mich.« »In der Tat.« »Wie geht es Ihrer bezaubernden Cousine?«, erkundigte er sich. »Ich hoffe doch, sie strahlt wie eh und je.« »Was wollen Sie?« »Oh, vieles. Doch gegenwärtig möchte ich Ihrem Meister eine Nachricht überbringen.« Meistens sind die Leute enttäuscht, wenn man auf so was nicht reagiert. Manche werden richtig frustriert und regen sich mehr auf, als ihnen guttut. So kommt man manchmal an wertvolle Informationen, oder man kann sie wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten festnehmen. Ich setzte meine unbeteiligtste Miene auf, aber Reynard legte nur den Kopf schief und sah mich berechnend an. Er war sprichwörtlich schlau – und noch so einiges andere, was mit »sch« anfing. »Sagen Sie ihm«, fuhr er fort, »dass ich ihn mit jemandem in Kontakt bringen kann, der ein Objekt besitzt, das er möglicherweise gern erwerben würde.« »Was für ein Objekt?« »Jonathan Wilds letztes Rechnungsbuch.« »Und?«, fragte ich. »Sie wissen doch, wer Jonathan Wild war?« Jonathan Wild, selbsternannter Generaldiebesfänger, der sich den Umweg über den klassischen Hehler ersparte, indem er alles höchstselbst organisierte: die Raubzüge und den Weiterverkauf beziehungsweise Rückkauf der Beute durch die Eigentümer, alles sehr praktisch arrangiert, mit minimalem Zeitaufwand für alle Beteiligten. Eine unfehlbare Masche – niemand kam an ihm vorbei. Weder die Bürger, die ihre Sachen zurückhaben wollten, noch die Diebe, wenn sie nicht im Handumdrehen am Galgen von Tyburn enden wollten. Natürlich fand all das im achtzehnten Jahrhundert statt, in dem man sich als Gentleman für einen Fünfer ohne weiteres ein gutes Essen und reizvolle Gesellschaft leisten und mit dem Rest immer noch den einen oder anderen Richter bestechen konnte. »Ist das einer von One Direction?«, fragte ich. Reynard seufzte theatralisch und reichte mir seine Visitenkarte. »Richten Sie es einfach der Nachtigall aus.« Und nicht ohne vor meiner Mum einen imaginären Zylinder zu lüpfen, verschwand er wieder in die Nacht hinaus. Ich warf einen Blick auf die Karte. Hochwertiger weißer Karton, ein stilisierter Fuchskopf in rotgoldener Prägung, darunter nur eine Handynummer – ein Wegwerfhandy, wie ich herausfand, als ich sie am nächsten Morgen überprüfte. »Ah«, sagte Nightingale, als ich kurz rausging und ihn anrief. »In der Tat ein Objekt, das zu erwerben kein Fehler wäre.« Was auf Nightingalisch bedeutete: das Ding dürfen wir uns nicht durch die Lappen gehen lassen. »Lassen Sie uns das morgen besprechen.« Später am Abend schlugen mein Dad und seine Hilfstruppen The Sidewinder an, und ich konnte etwa dreißig Sekunden lang bewundern, wie sich Beverley dazu bewegte, bevor sie mich aus der Menge zerrte und zwang, mit ihr zu tanzen. Als das Stück endete, zog sie mich an sich und küsste mich. Sie roch nach frisch gemähtem Gras und warmem Autowachs, Liegestühlen und Gartenschläuchen … wie ein heißer Sommertag in einem Londoner Vorgarten. Meine Mutter lässt meinen Dad heutzutage nach seinen Auftritten nicht mehr lange herumhängen, also steckte ich die beiden in ein Uber und setzte mich zu den Hilfstruppen plus Partnern plus Beverley plus deren Freunden an die Bar. Der Inhaber des Bull’s Head war schon fast so lange ein Fan von Dad wie meine Mum, daher wurden wir nach der Sperrstunde als »private Feier« deklariert und weiter mit Drinks zum Einkaufspreis versorgt. Die Band, zumindest Daniel und Max, verstand das natürlich als Herausforderung, genau wie ihr und Beverleys Anhang. Musiker und Studenten. Der Wirt hätte es sich eigentlich denken können. »Bei so ’ner Bohnenstange«, sagte James, nachdem Daniels Freund das x-te Guinness geleert hatte, »fragt man sich wirklich, wo das alles bleibt.« James war Schotte und der Drummer, daher war es traditionellerweise sein Van, in dem die Band herumzog. Das gab Anlass zu Spannungen. »Ich will ja keine nationalen Stereotypen bedienen, aber ich hab auch verdammte Lust auf einen Drink«, sagte er und schaute Daniel und Max bedeutungsvoll an. Die hatten überhaupt kein Mitleid. »Hättest du halt Sax gelernt«, sagte Max. »Hör dich mal reden – du bist doch sternhagelvoll. Wie viele Möchtegern-Saxophonisten gibt’s auf der Welt, hm? Aber Jazzdrummer, das ist ’ne Berufung.« Bevs Freunde bemühten sich redlich, mit den Jazzern mitzuhalten, und mussten daher schließlich mitsamt der Band und ihrem Dunstkreis in den Van verladen werden. James versprach hoch und heilig, sie alle wohlbehalten in ihren Domizilen abzuliefern. Als der Van davonrumpelte, fiel mir auf, wie tief er in der Federung hing, und hoffte bloß, er würde nicht in eine Polizeikontrolle geraten. Ironischerweise, wie sich gleich herausstellen sollte. Draußen am Fluss war es windig, die Kälte kroch mir unter den Jackenkragen. Die Flut war nun etwa auf dem Höchststand, ich konnte direkt spüren, wie Beverleys Mutter dort unten nach Rissen im Damm suchte – nicht in böser Absicht, verstehen Sie, einfach auf natürliche, spielerische Art. So war ich nicht überrascht, als Bev auf die Brüstung sprang und anfing, sich auszuziehen. Dann drehte sie sich zu mir um, nur in Slip und dem roten Seiden-BH, von dem ich genau wusste, dass sie ihn Effra gemopst hatte und er zwei Buchstaben zu klein war. »Wer ist zuerst zu Hause?«, rief sie mir zu, drehte sich um und machte einen Kopfsprung ins Wasser. Ich hob ihre Klamotten auf, warf sie auf den Beifahrersitz und düste in zügigem, aber völlig legalem Tempo die Barnes High Street entlang. Ich erwog kurz, Blaulicht und Sirene einzuschalten, aber das wäre geschummelt gewesen. Trotzdem hätte ich gewonnen, wäre ich nicht auf der Kingston Road von zwei Uniformierten »auf Verdacht« rausgewinkt worden und hätte meine Dienstmarke zeigen müssen. »Was haben Sie denn erwartet?«, sagte ich. »Ein Ford Focus! War es wegen der Farbe?« Aus offensichtlichen Gründen hatte ich aufgehört, den orangefarbenen Asbo für Undercover-Tätigkeiten zu nutzen, daher war er zum Freizeitauto geworden. »Um ehrlich zu sein«, sagte der eine Uniformierte, »Sie haben einfach so verdammt fröhlich gewirkt – das kam uns verdächtig vor.« Ich blieb höflich, merkte mir aber ihre Kragennummern. Man weiß nie. Fröhlichkeit am Steuer, dachte ich. Mal was Neues. Zumindest hieß das, dass Beverley mich zu Hause schon im Bett erwartete. 4 Rege Mithilfe der Bevölkerung Am nächsten Morgen war ich es, der Beverley im Bett allein lassen musste, von der unter den Decken bis auf ein paar Dreadlocks nichts hervorlugte. Auf meinem Handy war eine Nachricht von Stephanopoulos: Mein Büro 7h Vernehmungsbesprechung Albertina Pryce. Die Polizei setzt sehr bewusst diverse subtil abgestufte Grade an Einschüchterung ein – von der verhüllten Drohung eines »netten Gesprächs« bis zum unangekündigten Besuch im Morgengrauen mit einem Rammbock, einem Mannschaftsbus voll Krawallbereitschaft und einem Dokumentarteam mit Kamera. Jemanden frühmorgens aufs Revier zu laden, um »eine frühere Aussage nochmals durchzugehen«, ist ein Signal, dass die Polizei dich für einen ausgemachten Lügenbeutel hält, dir aber noch eine Chance geben möchte, die Sache richtigzustellen. Es ist auch ein Signal, dass man vernünftigerweise seinen Anwalt mitbringen sollte – nur für alle Fälle. Es warf also einiges Licht auf den Charakter von Albert Pryce – vielfacher Kandidat für den Booker-Preis und Stammgast bei Radio 4, der von der BBC deshalb sogar einen eigenen Hausausweis bekommen hatte –, wenn er beschloss, dass er selbst den Ansprüchen an die rechtliche Vertretung seiner Tochter vollkommen genügte. Stephanopoulos und Seawoll, immer höchst gewieft in der Nutzung aller Nuancen zwischenmenschlicher Dynamik, wenn es darum ging, Informationen aus Verdächtigen herauszuquetschen, beschlossen, mich allein reinzuschicken. Wenn man es mit den Reichen und Mächtigen zu tun hat, steckt man sie normalerweise in die mit Pastellsofas samt Zierkissen ausgestattete OVE-(Optimales Vernehmungsergebnis-)Suite, entworfen für traumatisierte und empfindsame Zeugen. Aber entweder waren die OVEs gerade alle belegt oder Stephanopoulos hatte Das schmutzige Gewerbe gelesen, Pryce’ bookerpreisverdächtiges Werk über Verbrechen und Strafe. Das, so die Literaturbeilage der Times, Dostojewskis Prämisse in brillanter Weise ins Gegenteil verkehrte anhand des Porträts eines Mannes, der aus schierer Genervtheit seine Frau umgebracht hat und trotzdem, wie sich herausstellt, höhere Moralvorstellungen besitzt als die korrupten, verkommenen Beamten, die ihn verfolgen. Ganz und gar zufällig landeten wir also in Vernehmungsraum 3, den Belgravia eigentlich nur für geruchsintensivere Kunden nutzt. Nicht dass man beim Betreten auf Erbrochenem ausrutscht, so schlimm ist es nicht, aber es herrscht darin eine dezidierte Atmosphäre von altem Krankenhaus (Desinfektionsmittel und Urin). Wir ließen die beiden dort eine halbe Stunde schmoren, während wir – Seawoll, Stephanopoulos und ich – unsere Strategie besprachen. »Gehen Sie rein und lassen Sie Ihren berühmten Charme spielen«, sagte Stephanopoulos. »Wir wollen, dass der Dad richtig schön entspannt ist«, fügte Seawoll hinzu. Also schnappte ich mir einen Stapel Papiere, nahm ihn mit rein und blätterte erst mal ein bisschen darin herum, bevor ich mich vorstellte und ihnen die Hand gab. So langsam fragte ich mich, ob es irgendwo eine Fabrik gab, wo besorgniserregend dünne weiße Mädchen mit guten Manieren und nervösem Charakter hergestellt wurden. Albertina Pryce’ schmales, spitzes Gesicht wurde von langem blondem Haar umrahmt. Sie trug ein viel zu großes pinkes Sweatshirt und Skinny-Jeans. Ihr Händedruck war schlaff, und ich konnte die kleinen Knochen in ihrer Hand unter meinen Fingern spüren. Mr. Pryce war überraschend klein, aber breitschultrig. Er hatte das gleiche helle Haar wie seine Tochter, nur mit einem kantigen, groben Gesicht darunter. Er trug ein gut geschnittenes blaues Jackett über einem steif gebügelten weißen Hemd, aber keine Krawatte. Die beiden obersten Hemdknöpfe standen offen und gewährten Einblick in etwa einen Zentimeter ergrauendes Brusthaar. Als er aufstand, um mir die Hand zu schütteln, sah ich, dass er vorgebleichte Jeans trug. Sein Griff war kräftig, die Haut seiner Handflächen weich. Aus meinen Notizen wusste ich, dass er dreiundsechzig war, aber er sah aus, als klammerte er sich mit beiden Händen verzweifelt an die fünfzig. »Grant, hm?«, sagte er, als wir uns wieder setzten. »Dad aus der Karibik, was?« Er wartete ungeduldig, während ich der Tochter die Belehrung plus vorbetete, und unterbrach mich, bevor ich auch nur die erste Frage stellen konnte. »Können wir das nicht schneller hinter uns bringen?« »Tut mir leid, Sir, aber aus gesetzlichen Gründen müssen wir das hier vorausschicken«, erwiderte ich. Albertina schielte nervös auf meinen Stapel Papiere und dann nach links – von ihrem Vater weg. Der indessen nickte mir mitfühlend zu. »Bürokratie«, sagte er weise. »Sir«, sagte ich, weil Stephanopoulos wollte, dass ich ihn ein bisschen aus der Reserve lockte, aber nicht zu auffällig. »Ich weiß, das ist schwer für Sie, Peter«, hatte sie gesagt. »Aber wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Gelehrsamkeit und muntere Schlagfertigkeit eine kleine Weile im Zaum halten könnten.« »Darf ich vorlaut sein?«, hatte ich gefragt. »Nein, verdammt«, sagte Seawoll. »Das Protokoll muss leider eingehalten werden, Sir«, sagte ich nun zu Albert Pryce. »Muss es? Oder glauben wir das nur?«, gab er zurück. »Sind Sie zur Polizei gegangen, um Papierkram zu erledigen? Natürlich nicht.« Ich schob mit großem Aufwand meine Papiere säuberlichst zusammen und sah Albertina an, die beharrlich eine Stelle auf der Tischplatte anstarrte, wo vermutlich ihr Handy gelegen hätte, wenn wir nicht darauf bestanden hätten, dass sie es in ihrer Handtasche ließ. »Würdest du sagen, dass du Christinas beste Freundin warst?«, fragte ich sie. »Vielleicht«, sagte sie. »Ach komm«, warf ihr Vater ein. »Ihr wart doch praktisch siamesische Zwillinge.« Albertina funkelte ihn an, aber entweder war er ihrem finsteren Blick so häufig ausgesetzt, dass er immun geworden war, oder, was mir wahrscheinlicher vorkam, er bemerkte ihn gar nicht. Seawoll hatte mir befohlen, nicht vorlaut zu sein, aber es gibt vorlaut und vorlaut. »Sie haben Christina Chorley also auch oft gesehen, Sir?«, fragte ich ihn. »Oh, sehr clever«, sagte er. »Mann mittleren Alters, junges Mädchen, schauen wir doch mal, ob wir da nicht was finden – hab ich recht?« »Wir möchten nur ein möglichst genaues Bild vom zeitlichen Ablauf bekommen.« »Interessant, dass Sie das kollektive ›Wir‹ benutzen«, sagte er. »Ist das der Grund, warum Sie zur Polizei gegangen sind? Um eine Identität zu finden? Sie haben einen altmodischen Londoner Arbeiterklasse-Akzent. Ich wette, Ihre Mutter war alteingesessene Londonerin, südliches Themseufer, vielleicht Deptford oder Southwark.« Ich konnte einfach nicht widerstehen. Ich sagte: »Mehr oder weniger.« »Also sind Sie in diesem Spannungsfeld zwischen Schwarz und Weiß aufgewachsen«, sagte er. »Nie ganz das eine oder das andere. Ich meine, ohne schwarze Vaterfigur, anhand derer Sie sich eine schwarze Identität hätten aufbauen können, und mit Ihrer weiblichen Seite hatten Sie als echter Kerl aus dem Proletariat nichts am Hut. Ich wette, in der Schule hatten Sie es schwer. Stimmt’s? Kleiner Rebell, der sich aufspielen musste.« »Es gab da schon Momente«, sagte ich und dachte daran, wie Colin Sachlaw und ich uns einmal ein bisschen Trockeneis aus dem Chemielabor ausgeliehen und in die Mädchentoilette geworfen hatten. Die Woche Nachsitzen war mir egal gewesen, aber die Schule rief meine Mum bei der Arbeit an, und das nahm ein böses Ende. »Und dann – hallo, Polizei«, sagte Mr. Pryce. »Plötzlich eine wunderbare Identität durch die Uniform, ein bisschen Autorität, und weiß der Himmel, seit dem Fall Steven Lawrence ist man dort ja so händeringend auf ethnische Balance bedacht, dass man bei Bildungsdefiziten gern ein Auge zudrückt.« Das war, wie nennt man es so schön, Provokation pur. Aber wie Nightingale mir einmal während des Boxtrainings sagte, der beste Schlag ist der, den dein Opfer gar nicht bemerkt, bis es umkippt. »Ich mache Ihnen das nicht zum Vorwurf«, fuhr Pryce fort, ohne die angewiderte Miene seiner Tochter zu bemerken. »Sie haben nur verzweifelt in den Trümmern der liberalen modernen Gesellschaft nach Struktur gesucht, nach etwas, was Sie sinnvoll mit anderen Menschen verbindet. Aber das tun wir ja heute gar nicht mehr, nicht wahr? Wirkliche Kommunikation mit anderen Menschen suchen. Das übermächtige Selbst hat unsere Fähigkeit zu kommunizieren erstickt.« »Dad«, sagte Albertina. »Dabei haben Sie noch Glück gehabt«, sagte Pryce. »Es hätte ja auch der Islam sein können, nicht wahr? Der Sirenengesang der verrückten Mullahs. Oder die raue Bruderschaft einer Gang. Hat es Sie nicht gereizt, die Ungläubigen zu töten? Hatten Sie etwas gegen Drogen?« »Dad«, schrie Albertina. »Halt verdammt noch mal endlich die Klappe.« Der Mund ihres Vaters schloss sich mit einem Klick, und er sah seine Tochter auf eine schuldbewusste Art an, die ahnen ließ, dass Elterngespräche in der Schule und anderswo wohl ziemlich ähnlich abgelaufen waren. Albertina wandte sich mir zu, atmete tief durch und fragte, ob es in Ordnung sei, wenn sie sich ihren gesetzlich vorgeschriebenen anwesenden Erwachsenen selbst aussuchte, vielen Dank auch. Ihr Dad war sicher so einiges, aber dumm war er nicht. Der nächste gesetzlich vorgeschriebene Erwachsene war ein verdächtig kompetenter Strafverteidiger, dessen Eltern vielleicht mal aus Kaschmir gekommen waren, dessen Zungenschlag ihn aber als gebürtigen Bradforder auswies. Außerdem hatte er sein dichtes schwarzes Haar mit Gel zurückgekämmt und hätte wahrscheinlich seine Fliegersonnenbrille am liebsten auch drinnen getragen. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig. Stephanopoulos ergriff die Gelegenheit, Albert Pryce gesondert zu vernehmen, und schickte Guleed zu ihm rein. Ich fragte mich, was die von den verrückten Mullahs halten würde. »Ich entschuldige mich für meinen Dad«, sagte Albertina, als wir uns wieder gesetzt hatten. Ich hatte mir einen Kaffee und ihr eine Flasche Eistee geholt und ein paar Kekse dazugestellt, um eine »Wir unterhalten uns nur nett«-Atmosphäre herzustellen, und Stephanopoulos hatte mir erlaubt, die Jacke auszuziehen. »Meiner redet ständig über Jazz«, sagte ich. »Da haben Sie’s gut«, sagte sie, und wir schauten beide den Anwalt fragend an. Der schüttelte leicht den Kopf. »Darf ich Sie daran erinnern, dass das hier eine Vernehmung ist?« »Kommen Sie«, sagte Albertina. »Sie auch. Dann können wir ernst werden.« Es dauerte ein bisschen. Dann sagte er: »Politik. Sein Lieblingsthema ist die Teilung.« Albertina fragte, was für eine Teilung. »Die Teilung Indiens. Können wir jetzt weitermachen?« Albertina seufzte und fragte mich, was ich denn wissen wolle. »Wann war Christina das letzte Mal übers Wochenende bei dir?«, fragte ich. »Vor drei Wochen.« Ich schaute die Daten nach und machte ein Häkchen. Sie stimmten überein. »Und davor?« Sie musste kurz nachdenken, dann meinte sie, dass das drei oder vier Wochen zuvor gewesen sein musste. »Weißt du, ob sie ihrem Vater manchmal erzählt hat, sie würde bei dir übernachten, dann aber woanders war?« »Ja, hat sie. Ich musste sie decken.« »Weißt du, wo sie dann war?« »Bei einem Mann.« Das Wort »Mann« betonte sie auf eine Art, die klarmachte, dass es kein Junge war. Ich fragte, ob dieser Mann einen Namen hatte. »Raymond«, sagte sie. »Nein, warten Sie – Reynard. Wie ein Franzose.« »Hast du ihn mal kennengelernt?« Sie schüttelte den Kopf. »Also hast du ihn nie getroffen?«, hakte ich nach, weil man mit Fürs Protokoll: die Zeugin hat den Kopf geschüttelt bei Gericht böse auf die Nase fallen kann. »Nein, nie.« »Aber du wusstest, dass er ein Erwachsener war?« »Sie hat ja von früh bis spät von ihm geredet. Na ja, zumindest hatte sie nicht wie Dad den Drang, es aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit’s auch jeder lesen kann.« Albert Pryce’ vorletztes Buch Die Liegenschaft war eine halb-autobiografische Erzählung darüber, wie er seine zweite Frau – Albertinas Mutter – verlassen hatte, weil er sich in eine amerikanische Praktikantin verliebt hatte, die halb so alt war wie er. »Bist du sicher, dass er Reynard hieß?« »Ja, ganz sicher.« »War etwas an ihm ungewöhnlich?« »Wie meinen Sie das?« »Kam dir etwas, was Christina über ihn erzählte, ungewöhnlich vor?« »Sie sagte, er wäre ein Prinz.« Prinz wovon, wollte ich wissen. »Nicht so ein Prinz«, sagte Albertina. »Ein Märchenprinz, sagte Chrissy.« »Interessant«, sagte ich und fragte weiter, ob Albertina wusste, wie Christina und ihr Prinz sich kennengelernt hatten. Währenddessen schrieb ich auf meinen Notizblock in so großen Buchstaben, dass sie auch durch die Kamera deutlich zu sehen waren, NIGHTINGALE und unterstrich das zweimal. Das Wort »Scheiße« ist eines der flexibelsten, die es gibt. Man kann damit emotionale Zustände von ekstatischer Überraschung bis hin zu müder Resignation im Angesicht der unvermeidlich heranrollenden Katastrophe zum Ausdruck bringen. Seawolls Gemütszustand tendierte definitiv zu Letzterem, als wir uns alle in sein Büro gesetzt hatten, um über Reynard Fossman zu reden. »Scheiße«, sagte Seawoll. »Und der ist gestern Abend auf Sie zugekommen?«, fragte Stephanopoulos. Ich berichtete ihnen von meiner kurzen Begegnung mit Reynard bei dem Konzert und seiner Botschaft für Nightingale. »Das kann kein Zufall sein«, sagte Stephanopoulos. »Dass er genau in dem Moment persönlich aufkreuzt, wo er auch in den Ermittlungen auftaucht.« »Scheiße«, wiederholte Seawoll noch einmal, jetzt mit einem Hauch Melancholie in der Stimme. »Ich wollte Operation Ringelblume eigentlich heute abschließen – ich hab da eine hübsche Messerstecherei in Fulham, bei der ich Miriams Arbeitszeit viel besser gebrauchen könnte.« »Dann schlage ich vor, wir ergreifen ihn so schnell wie möglich«, sagte Nightingale. »Um zügig zu klären, ob er für Ihre Ermittlung eine Rolle spielt oder nicht.« Stephanopoulos warf einen Blick auf ihr Tablet, auf dem sie die aktuellste Version der umfassenden Überprüfung von Reynard Fossman hatte. Ich wusste, dass darin einiges stand, was ihr nicht gefiel. (Ich wusste das, weil Guleed, die von Stephanopoulos zur Informationsbeschaffung verdonnert worden war, mich so lange böse angestarrt hatte, bis ich ihr die Akte aushändigte, die ich über den rothaarigen kleinen Tagedieb angelegt hatte.) »Fossman«, sagte Stephanopoulos. »Von niederdeutsch vos: der Fuchs, also eigentlich Fuchsmann.« Sie begegnete meinem Blick. »Reineke Fuchs.« »Mieser kleiner soziopathischer Trickser, taucht vor allem in der französischen Literatur des vierzehnten Jahrhunderts auf. Ein bisschen wie Br’er Rabbit, nur ohne die versöhnende Eigenschaft der Demut«, erläuterte ich. Reynard Fossman hatte eine Reihe von Vorstrafen, die schwerste davon wegen Körperverletzung, weil er während einer Demo gegen Fuchsjagden einem Mitglied der Old Berkshire Hunt ein Ohr abgebissen hatte und gegen einige weitere jagdlich orientierte Gentlemen handgreiflich geworden war. Ansonsten waren da unerlaubtes Eindringen, Verstöße gegen die öffentliche Ordnung – alle im Zusammenhang mit Protesten gegen die Fuchsjagd – und ein mutmaßlicher Fall von Exhibitionismus, als man ihn geschnappt hatte, wie er splitternackt durch den Wimbledon Common lief. Nach Reynards Aussage handelte es sich um einen Streich, der ein bisschen aus dem Ruder gelaufen war. Das Festnahmeprotokoll war ziemlich witzig, schlussendlich hatten die Beamten ihm eine Hose geliehen und ihn nach Hause gefahren. »Also ist er ein französisches Märchen, ja?«, sagte Seawoll und sah dabei Gott sei Dank nicht mich, sondern Nightingale an. »Das ist eine schwierige Frage, Alexander«, sagte Nightingale. »Ich weiß, dass es eine schwierige Frage ist, Thomas«, gab Seawoll langsam zurück. »Deshalb stelle ich sie ja, verdammt noch mal.« »Aber wollen Sie die Antwort wirklich wissen?«, fragte Nightingale. »Sie haben sich in der Vergangenheit solchen Dingen gegenüber immer reserviert gezeigt. Darf ich das so verstehen, dass sich Ihre Einstellung geändert hat?« »Himmelarschundzwirn, verstehen Sie von mir aus, was Sie wollen. In diesem Fall will ich’s verdammt noch mal wissen, weil ich keine Lust habe, noch mehr Beamte an abstruse Dinge zu verlieren, von denen ich keine Scheiß-Ahnung hab.« Er sah mich finster an. »Zwei sind schon viel zu viel.« »Fossman gehört definitiv zur Demi-monde«, begann Nightingale. »Demi-monde?«, unterbrach Seawoll, der gar nicht gern unzufrieden war und es seine Umgebung umgehend wissen ließ, wenn er’s war. »So nennen wir alle Leute, die irgendwie mit abstrusem Scheiß zu tun haben«, warf ich hastig ein, in der Hoffnung, eine Eskalation abzuwenden. »Manche wissen nur mehr davon als gewöhnliche Leute, andere sind schon an sich ein bisschen seltsam.« Laut ausgesprochen klang es noch etwas dämlicher als befürchtet. Aber Seawoll nickte. »Individuen wie Reynard gibt es gar nicht selten«, erklärte Nightingale. »Es ist oft schwer zu sagen, ob sie bewusst oder unbewusst versuchen, eine Figur aus Sage oder Mythos nachzuahmen, oder ob sie in der Tat eine Inkarnation dieser Figur sind.« »Und was wäre der Unterschied?«, fragte Seawoll. »Nun, im ersteren Fall sind sie recht harmlos. Aber sollte er tatsächlich die fleischgewordene Sage sein, dann dürfte er eines der gefährlichsten Individuen sein, denen Sie je begegnen werden.« »Gefährlicher als Sie?« »Möglicherweise werden wir das bald herausfinden.« Stephanopoulos stieß einen Seufzer aus, der wahrscheinlich noch im Büro des Außenteams über uns zu hören war. »Das ist ja alles sehr spannend, Jungs, aber könnten wir wieder zur Sache kommen?«, sagte sie. »Reynard hatte eine Nachricht an Sie – von der er genau wusste, dass sie Sie interessieren würde.« Ich las von meinen Notizen ab, um die exakte Formulierung zu verwenden. »Er sagte, er könne uns ›mit jemandem in Kontakt bringen, der ein Objekt besitzt, das Nightingale möglicherweise gern erwerben würde‹. Als ich nachfragte, was das sei, sagte er: ›Jonathan Wilds letztes Rechnungsbuch.‹« Kein Londoner Polizist, der auch nur ein bisschen an Geschichte interessiert ist, kommt an Jonathan Wild vorbei. Weder Seawoll noch Stephanopoulos mussten nachfragen, wer das war. Aber als Polizisten fragten sie natürlich nach, warum gerade dieses Buch für das Folly von Interesse wäre. »Abgesehen von seinem offensichtlichen historischen Wert könnte es Hinweise auf den Verbleib einiger verlorener Aufzeichnungen von Isaac Newton enthalten«, sagte Nightingale. »Derjenigen, die Keynes nicht finden konnte.« »Verdammt, wollen Sie mir jetzt etwa erzählen, dass auch Sir John Maynard Keynes zu Ihrer Bande gehört hat?«, fragte Seawoll. »Nicht als Praktizierender. Er war uns nur verbunden.« »Und Isaac Newton hat welche Bedeutung für das Folly?«, fragte Stephanopoulos. »Nun, er hat es gegründet.« Und zwar damals, in den Aufbruchstagen der voraufklärerischen Nachrenaissance, als kein Unterschied zwischen Magie und Naturwissenschaften gemacht wurde – alles zählte zur Naturphilosophie, und man war sich noch nicht ganz sicher, was was war. Damals hatte die Chemie sich noch nicht von ihrem gefährlich fremdländischen »Al-« gelöst, und Sir Isaac Newton suchte Antworten auf alles – wie lange das Universum Bestand haben würde, wann genau Gottes Schöpfung stattgefunden hatte, wie man den Stein der Weisen herstellte und warum alles, was man hochwirft, wieder runterkommen muss. In jenen Tagen war die Vorstellung, dass große Himmelskörper die Umlaufbahn anderer Himmelskörper beeinflussen können, ohne dass zwischen ihnen direkter Kontakt herrscht, nichts anderes als magisches Denken. Riesige unsichtbare Kristallsphären – das war doch die einzige rationale Erklärung. Und wer das nicht einsehen will, kommt womöglich als Nächstes mit der These an, dass Krankheiten nicht durch schlechte Gerüche hervorgerufen werden. Dabei ist das Lavendel-Duftsträußchen vor deiner Nase das einzig Wahre in Pestilenz und Krisenzeiten. Wie jeder weiß. Sir Isaac Newton verfasste die berühmte Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, in der er Prinzipien festhielt, die es ein paar hundert Jahre später ermöglichten, Menschen zum Mond zu schicken. Danach schrieb er die etwas weniger bekannte Philosophiae Naturalis Principia Artes Magicis. Hierin sind magische Grundregeln niedergelegt, die mich in die Lage versetzen, Papierzielscheiben ordentlich eins draufzugeben, und Nightingale, mittelgroße landwirtschaftliche Gebäude in ihre Einzelteile zu zerlegen. »Es gibt Hinweise darauf, dass eine dritte Principia existieren könnte«, sagte Nightingale. »Die von Alchemie handelt.« »Was Sie nicht sagen«, brummte Seawoll. »Blei zu Gold und so?« »Als er sie schrieb, war er der Königliche Münzmeister«, sagte Nightingale. »Möglicherweise erwog er es als brauchbare Maßnahme, die Währung aufzuwerten.« »Kein Wunder, dass Keynes ein Fan von ihm war«, sagte Stephanopoulos. »In der Tat«, sagte Nightingale. »Wie auch immer, falls Wilds Rechnungsbuch existiert, und falls darin Hinweise auf Newtons verlorene Aufzeichnungen stehen, müssen wir es in unseren Besitz bringen.« Seawoll kniff die Augen zusammen. »Warum?« »Weil wir die rechtmäßigen Eigentümer sind. Und sollte darin wirklich das Geheimnis der Transmutation oder – der Himmel bewahre uns – des Steins der Weisen enthalten sein, so dürfen sie auf keinen Fall in die falschen Hände gelangen.« »Na gut«, sagte Seawoll. »Sie wollen Wilds Rechnungsbuch. Wir brauchen Reynard als wichtigen Zeugen. Was Sie danach mit ihm machen, ist Ihre Sache. Können wir uns darauf einigen?« »Voll und ganz.« »Ich nehme an, uns liegt keine aktuelle Adresse von Mr. Fossman vor?« Ich sagte, die neueste sei leider fünf Jahre alt. Seawoll nickte geistesabwesend. »In dem Fall schauen Sie, dass Sie so schnell wie möglich ein Treffen arrangieren und wir den kleinen Scheißer festnehmen, bevor dieser verdammte Fall noch komplizierter wird.« Eine Faustregel bei derartigen Verhandlungen ist, dass der Mittelsmann ein möglichst kleines Licht ist, damit man Spielraum hat, um schwerere Geschütze aufzufahren. Also machte ich den Anruf. »Sind Sie bereit für den Handel?«, fragte Reynard. »Zumindest, darüber zu reden«, sagte ich. »Kennen Sie das Montreux Jazz Café im Harrods?« »Nicht wirklich.« »Ja, also, es ist ein Café im Harrods. Kommen Sie morgen um zehn Uhr vormittags dorthin. Nur Sie allein, sonst niemand.« Ich willigte ein, und er legte auf, bevor ich mehr aus ihm herauskriegen konnte. Wir verbrachten ein paar vergnügte Stunden damit, das Treffen zu planen. Danach wollte ich mich zu Bev davonstehlen, aber Nightingale fing mich ab. »Ich traue der Sache nicht. Ich will, dass Sie morgen hellwach sind.« Und er ermahnte mich, dass ich ihm noch etwas Training und eine Plinius-der-Jüngere-Übersetzung schuldete. Scheiße, dachte ich. Na gut, merda. Oder von mir aus auch gleich merda maxima. Das 1851 gegründete Harrods ist der größte in Familienbesitz befindliche Kramladen der Welt. Wobei es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass einer aus der Königsfamilie von Qatar hinter der Kasse sitzt. Es umfasst zwanzigtausend Quadratmeter der weltteuersten Immobilienkategorie und lag, wie ich nicht umhinkonnte zu bemerken, keine dreihundert Meter von unserem Tatort in Hyde Park Nummer Eins entfernt. Selbst um zehn Uhr morgens war zu erwarten, dass Harrods schon recht gut besucht sein würde. Von überwiegend gutbetuchten, einflussreichen Besuchern, darunter viele Ausländer, von denen wiederum sicher nicht wenige den ein oder anderen Grad an diplomatischer Immunität genossen. »Was ich damit sagen will«, hatte Seawoll gesagt, »ist, dass Sie verdammt noch mal versuchen werden, den dort von Ihnen angerichteten Sachschaden auf null zu begrenzen.« Ich weiß wirklich nicht, wie ich zu dem Ruf komme, ständig irgendwas kaputtzumachen – es ist total unfair. Harrods hat schon allein zehn Kundeneingänge, von den Personal- und Lieferanteneingängen ganz zu schweigen, was einem potenziellen Flüchtigen eine breite Auswahl schneller, unproblematischer Fluchtwege zum günstigen Preis bietet. Drinnen besteht es aus einem Labyrinth von Verkaufsflächen, Treppen und Rolltreppen. Ein idealer Ort für ein Treffen, wenn man nichts Gutes im Schilde führt – und für uns war die Frage nicht, ob, sondern in welcher Hinsicht Reynard Fossman Böses im Schilde führte. Unserem Plan gemäß betrat ich das Kaufhaus durch den Haupteingang am Hans Crescent. Die morgendliche Klientel bestand überwiegend aus schick gekleideten weißen Frauen, dazwischen zur Auflockerung hin und wieder eine hochpreisige Burka. Ich folgte der Route, die wir am Abend ausbaldowert hatten: zwei Rolltreppen hinauf, vorbei an Spiegelelementen, wandgroßen Werbepostern für Dolce & Gabbana und Jimmy Choo Eau de Parfum und ein paar Verkaufsräumen für Luxusmöbel. Das meiste darin war wahrscheinlich erschwinglicher und auf jeden Fall hübscher als die Sachen in Hyde Park Nummer Eins, aber immer noch einen Tick außerhalb meiner Preisklasse. Und – ich habe schon im Einzelhandel gearbeitet, und ich muss sagen, das Personal bei Harrods war durchweg unwahrscheinlich attraktiv, gut gekleidet und gut gelaunt. Entweder sie bekamen schwindelerregende Löhne, oder die Personalabteilung war nach Stepford, Connecticut, outgesourct worden. Das Schild mit der Aufschrift »Bitte warten Sie hier, wir bringen Sie zu Ihrem Tisch« am Eingang des Jazzcafés wurde von einer einschüchternden Kellnerin bewacht. Hinter ihr stand eine blasphemisch schlechte Skulptur von Aretha Franklin, bei deren Anblick mein Vater sofort zum Management marschiert wäre, um Beschwerde einzulegen. Ich sagte der Kellnerin, dass ich »mit dem Typen da drüben« verabredet sei, und sie winkte mich kommentarlos vorbei. Drinnen waren die Wände grau verputzt mit schwarz und weiß gefliesten Flächen dazwischen, es gab einen Edelstahltresen und an den Tischen runde Stühle aus PVC. Auf ein paar Wandborden standen antike Tonbandgeräte. Es war nicht mal authentisch genug für die Disney-Version eines Jazzcafés. Aber komplett verdammenswert war es nicht: Die beiden großen Bildschirme an den Wänden zeigten Videos vom Montreux Jazz Festival – gerade sah man Mélissa Laveaux live in concert. Reynard war der einzige Gast. Er saß an einem Tisch für sechs Personen, von dem aus man den Gang vor dem Café und den Geschenkverpackungsservice gegenüber im Blick hatte. Er trug dieselbe Tweedjacke wie bei dem Konzert, das heutige T-Shirt war schwarz und hatte die weiße Aufschrift MEIN TOTEMTIER IST EIN GOTH. Eine Tasche schien er nicht dabeizuhaben, aber wir hatten es ohnehin für unwahrscheinlich gehalten, dass er das Buch gleich mitbringen würde. Als er mich sah, stand er auf und deutete auf den Stuhl gegenüber. Mir entging nicht, dass ich so mit dem Rücken zum Eingang saß. »Wo ist die Nachtigall?«, fragte er. »Muss arbeiten. Haben Sie das Buch dabei?« »Das wäre ziemlich einfältig von mir, meinen Sie nicht?« Die Kellnerin fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte einen schwarzen Americano und sah Reynard an. »Und Sie?« »Nichts, danke.« Als die Kellnerin davonging, klebte sein Blick an ihrem Po. »Bisschen reif für meinen Geschmack«, sagte er. »Schon kapiert«, sagte ich. »Sie sind ein toller Hecht.« »Ich bin, was ich bin.« »Wie viel wollen Sie?« Er hob eine Augenbraue. »Damit fangen Sie an? So verhandelt man doch nicht.« »Das hier ist keine Verhandlung«, sagte ich. »Ich bin kein Privatmann oder verdeckter Spion oder sonst was. Ich bin Polizist, und Sie sind im Besitz eines gestohlenen Objekts von einigem Wert, das wir seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgeben wollen – in diesem Falle uns.« »Dass es gestohlen ist, können Sie nicht beweisen.« »Nein. Aber Sie sind, was Sie sind. Oder? Wissen Sie, momentan würden wir den Aufwand gern vermeiden, Sie zu verhaften, die nötigen Informationen aus Ihnen rauszupressen, uns das Objekt selber zu holen und Sie in den Knast zu stecken.« »Wofür verhaften?« »Irgendwas wird es da schon geben. Sie und Christina waren jedenfalls keine Unschuldslämmer, das ist sicher.« Bei Christinas Namen fuhr Reynard zusammen und starrte mich an – den Rest des Satzes hörte er vermutlich gar nicht mehr. »Damit hab ich nichts zu tun.« »Ach ja.« Ich wollte noch eine clevere Bemerkung machen, da setzte sich eine Frau neben Reynard. Sie trug einen pastellgelben Blazer, eine weiße Bluse und schwarze Leggings. Ihr Gesicht war mir extrem vertraut. »Hi, Peter«, sagte Lesley May. »Wie geht’s?« Reynard war kreidebleich geworden. Ich schwöre, seine Hände begannen zu zittern. Es war ihr altes Gesicht, von damals, vor Mr. Punch und dem Royal Opera House. »Also«, sagte sie. »Bist du verwanzt oder nicht?« »Hallo, Lesley«, sagte ich – etwas lauter als beabsichtigt. »Na, das beantwortet meine Frage«, sagte sie. »Ich wette, du bist überrascht, mich zu sehen.« Zwanzig Sekunden, schätzte ich, würden mir reichen. »Was glaubst du denn?«, gab ich zurück. Sie lächelte, und ich sah, dass die Haut ihres Gesichts weich und glatt war wie die eines Kindes. »Hab mein Gesicht richten lassen.« »Das sehe ich.« Zehn Sekunden. »Du hast nicht geglaubt, dass das geht.« »Da lag ich offenbar falsch«, gab ich zu. »Die Frage ist also«, sagte sie, »hat Nightingale dich angelogen, oder hat er nur keine Ahnung?« »Damit will ich nichts zu tun haben«, sagte Reynard und wollte aufstehen. Lesley ballte die Faust, und ich spürte das kleine Kribbeln, das einen warnt, dass ein Praktizierender eine Forma aufbaut. Wenn man dagegen etwas tun will, muss man sehr schnell erraten, was für eine Forma es ist, und dann als Erster zuschlagen und den Gegenzauber wirken. Nightingale nennt das lutte sans merci. Um es zu überleben, braucht man eine gute Wahrnehmung, Voraussicht und blitzschnelle Reflexe. Was man natürlich auch tun kann: Man lehnt sich im Stuhl zurück, stemmt beide Füße gegen den Tisch und stößt ihn mit aller Kraft von sich. Lesley bekam die Tischkante in den Magen und Reynard gegen die Oberschenkel. Lesley ging mit dem Stoß mit – ich konnte genau sehen, wie sie sich dem Schwung überließ – und vollendete im Fallen den Zauber. Keine leichte Übung, kann ich Ihnen sagen. Reynard schrie vor Schmerz auf und machte einen sauberen kleinen Sprung aus dem Stand auf die Tischplatte. Der vernünftigen Überlegung folgend, dass, wie auch immer Lesleys Zauber geartet sein mochte, ich ihm auf keinen Fall frontal begegnen wollte, warf ich mich schräg über den Tisch. Während ich über die Tischplatte glitt, beschwor ich ein paar verzögerte Feuerbälle herauf, die ich zu Nightingales Missvergnügen Skin-Granaten nenne, und ließ sie in Lesleys ungefähre Richtung segeln. John Woo wäre stolz auf mich gewesen. Halbherzig versuchte ich Reynard zu packen, aber der sprang vom Tisch und stürzte zum Ausgang hinaus. Ich ließ ihn gehen – meine Priorität war jetzt Lesley. Doch bevor ich mich von der Tischplatte rollen konnte, machte die einen Satz und schoss senkrecht in die Höhe. Ich machte mich ganz flach, während ich der Decke entgegensauste, aber da blitzte es unter mir grell auf, wie das Blitzlicht einer Profi-Kamera, der Tisch kippte nach links und warf mich ab. Meine Schulter kam hart auf etwas auf – ich glaube, es war Aretha –, dann knallte ich mit dem Gesicht nach unten auf den Fliesenboden. Ein Nickerchen hielt ich momentan nicht für die beste Idee, also rollte ich mich in eine beliebige Richtung und kämpfte mich auf die Füße. Gerade noch rechtzeitig, um Lesley durch den Ausgang Reynard hinterherwetzen zu sehen, der eben in einem Querkorridor verschwand, über dem HARRODS’ TECHNOLOGY stand. Ich rannte ihnen nach – mit hochgefahrenem Kraftfeldschild, weil ich ziemlich sicher war, dass das hier kein gutes Ende nehmen würde. Für einen Mittwochvormittag waren zum Ausrasten viele Kunden unterwegs. Bei der Polizei gibt es Regeln, inwieweit man bei einer Verfolgungsjagd Unbeteiligte in Gefahr bringen darf. Die oberste lautet: Keine Unbeteiligten in Gefahr bringen. »Polizei«, brüllte ich, während eine Unbeteiligte von meinem Schild abprallte. »Alle raus hier!« Was bewirkte, dass einige Leute stehen blieben, andere ihre Handys zückten und der Rest ungerührt weiter shoppte. Ich brüllte wieder, was mir wenigstens so weit freie Bahn verschaffte, dass ich sah, wie Lesley nach links in einen Verkaufsraum abbog. Ich folgte ihr. Als ich um eine Spielkonsole mit drei Bildschirmen und Rennwagenlenkung herumschlitterte, spürte ich eine Erschütterung durch meinen Schild gehen. Es stank nach verbranntem Plastik; ich hoffte, das war nicht meine Schuld. Ein Stück vor mir lieferten sich Lesley, Reynard und ein kräftig gebauter weißer Mann in einem beigen Regenmantel einen Drei-Parteien-Ringkampf. Der Mann hatte einen stoppeligen Kurzhaarschnitt aus Armeebeständen und Schweinsäuglein. Wie Kaufhaus-Security wirkte er nicht, und in mir stieg leichter Ärger auf. Möchtegernhelden in Aktion sind ja schön und gut, bis sie dabei draufgehen, und dann raten Sie mal, wer bei der folgenden Ermittlung Rede und Antwort stehen darf. Wenigstens war die Umgebung so beengt – rechts ein langer SpyGear-Tresen, links Vodafone –, dass alle potenziellen Kollateralschäden hier den gesunden Menschenverstand besessen hatten, sich zu verkrümeln. Ich war keine zwei Meter von dem Kampf entfernt, da traf mich etwas von hinten in den Rücken und warf mich bäuchlings zu Boden. Plötzlich roch es nach Kerzenwachs und Hyazinthen, und ein Band aus rotem Rauch schoss über mich hinweg und Stoppelschnitt ins Gesicht. Während er zurücktaumelte, flatterte der Rauch wie ein Seidenbanner im Wind und klatschte dann Lesley vor die Brust, so hart, dass sie rücklings über einen Verkaufstresen geworfen wurde. Ich verzog das Gesicht, als ich unter ihr Glas splittern hörte. Hinter ihr flog diverses Spionagespielzeug durch die Gegend. Trotz des Schlags, den er abbekommen hatte, hatte Stoppelschnitt Reynard nicht losgelassen. Er erlangte das Gleichgewicht wieder und begann Reynard mit eisernem Griff den Gang entlangzuzerren. Ich versuchte auf die Füße zu kommen, aber ein neuer Schlag warf mich gleich wieder um. Über meinen Kopf hinweg wogte eine zweite karmesinrote Rauchfahne wie ein Retro-Spezialeffekt aus den Achtzigern. »Ist das Nightingale?«, rief Lesley von irgendwo rechts. Hyazinthen und Kerzenwachs?, dachte ich. Wohl kaum. Im Gegenteil, ich vermutete, dass der rote Rauch etwas damit zu tun hatte, warum Nightingale noch nicht hier war – eigentlich rechnete ich längst mit ihm. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht mehr lange brauchen würde. »Bleib unten«, rief ich zurück. »Selber«, versetzte sie. Ich rollte mich nach links durch eine Lücke im Vodafone-Tresen in der Hoffnung, die nächste Klatsche vermeiden zu können, und fand mich Auge in Auge mit einem sehr gut gekleideten, aber angstschlotternden Asiaten wieder. Ich bedeutete ihm nachdrücklich, unten zu bleiben. Er nickte in absolutem Einverständnis. Der Tresen, hinter dem ich mich befand, hatte eine Glasoberfläche, weshalb ich hinauslinsen konnte, ohne gleich Gefahr zu laufen, dass mir etwas den Kopf von den Schultern fegte. Der rote Rauch hatte sich um Reynards Hals gewickelt und zog ihn zurück in unsere Richtung, egal wie sehr Stoppelschnitt sich abmühte, ihn weiterzuschleifen. Gerade als ich den Kopf drehte, um zu sehen, woher der Rauch kam, zischte ein blendend heller, molotowcocktailgelber Lichtpuls daran entlang und zerstreute ihn dabei. Das Licht raste über mich hinweg – dann, kurz bevor es Stoppelschnitt und Reynard erreichte, verlangsamte es und ließ das letzte Stück des Rauchs mit einem sanften Plopp zerstieben. Die beiden erstarrten für einen Moment in ihrem Kampf, beide komplett verdattert. Also, das war Nightingale. Reynard erholte sich zuerst und schlug Stoppelschnitt mit einem Knurren die Zähne in den Hals. Der Mann schrie auf und hämmerte mit den Fäusten auf Reynards Kopf ein. Lesley war noch nicht wieder aus ihrem Versteck aufgetaucht. Und da sie weiterhin meine Priorität war, war mir das Patt zwischen den beiden da vorn nur recht. Jede Sekunde Status quo bedeutete, dass mehr Unbeteiligte evakuiert wurden, sich die Einsatzkräfte enger zusammenzogen und Nightingale hoffentlich endlich in Person auftauchte. Und wenn Reynard in der Zwischenzeit ein bisschen vermöbelt wurde – damit konnte ich leben. Leider ging mein schöner Plan in die Binsen, als Stoppelschnitt die Hand in seine Jacke schob, eine kompakte Halbautomatikpistole herauszog und Reynard mit dem Griff eins überzog. Aus polizeilicher Sicht sind Schusswaffen ein echtes Ärgernis. Sobald sich herausstellt, dass jemand bewaffnet ist, muss man sämtliche operativen Prioritäten fahren lassen. Dann muss man sich zwingend auf den Idioten konzentrieren, der so bescheuert ist, in der Londoner Innenstadt eine Knarre zu ziehen, und die öffentliche Sicherheit wird zu Priorität Nummer eins, dicht gefolgt von der Sicherheit der beteiligten Beamten und dann, nicht ganz so dicht, von der Sicherheit des Schwachkopfs mit der Pistole. Jedwede anderen operativen Ziele, wie zum Beispiel ehemalige Kollegen zu verhaften, kann man vergessen. »Schusswaffe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Stoppelschnitt wirbelte herum und richtete die Waffe einhändig, aber sonst sehr professionell in meine Richtung. Ich zog den Kopf ein und fuhr meinen Schild hoch – aber noch während er auf mich zielte, sprang Lesley aus ihrem Versteck und auf ihn zu. Er war schnell. Sie war auf halber Strecke, da hatte er sich schon zu ihr umgewandt und feuerte – ein dumpfes, lautes Ploppen –, und wieder, und wieder. Vor Lesleys Brust waberte die Luft, und etwas Kleines und Schnelles pfiff über meinen Kopf hinweg. Einen vierten Schuss konnte der Kerl nicht mehr abgeben, weil Lesley ihm etwas gegen das Handgelenk pfefferte, was ich als ausziehbaren Schlagstock der Met erkannte. Es knackte, er schnappte vor Schmerz nach Luft, und die Pistole flog ihm aus der Hand. Lesley landete einen zweiten harten Schlag gegen seinen Kopf und dann einen dritten mitten in sein Gesicht. Wieder knackte es, und Blut sprühte ihm aus dem Mund. Mit Hilfe von Impello beförderte ich die Pistole so weit weg wie möglich, dann sprang ich auf und brüllte: »Bewaffnete Polizei, sofort aufhören und Waffen fallen lassen!« Alle drei hielten inne und starrten mich an – und einen Moment lang dachte ich, sie würden tatsächlich gehorchen, und sei es nur aus purer Verblüffung. Aber dann rammte Reynard Stoppelschnitt das Knie zwischen die Beine und flitzte davon. Die Waffe der Wahl eines klassisch ausgebildeten Zauberers ist traditionell der Feuerball. Kein Witz. Aus polizeilicher Sicht hat er sogar einige Vorteile. Als Ball ist er weich und nicht unendlich schnell, was bedeutet, du kannst dir sicher sein, dass er nicht dein Ziel plus die Wand dahinter plus die unschuldigen Rentner an der Bushaltestelle draußen durchschlägt. Leider bedeutet es auch, dass die blöden Dinger (außer, man heißt Nightingale) durch moderne ballistische Schutzausrüstung, meine Metvest und in manchen Fällen sogar durch einen dicken Wollpullover aufgehalten werden können. Zugleich behalten sie ihr tödliches Potenzial, was bedeutet, man sollte sich genau überlegen, auf wen man sie schleudert. Also knallte ich Lesley stattdessen eine Wasserbombe vor den Latz. Dieser Zauber ist komplizierter – dritter Ordnung – und basiert auf den Formeln Aqua und Impello, aufgemotzt durch ein paar Extras, die wir Adjectivum nennen und die Einfluss darauf haben, wie die Formae wirken. Das Ergebnis ist ein Ball aus Wasser von der Größe eines Luftballons, der bei korrekter Anwendung im Gesicht einer Zielperson selbige oft dazu bringt, in ihrer gegenwärtigen Tätigkeit innezuhalten, welche auch immer das ist. Feuerbälle sind unter Stress viel schneller und einfacher zu erschaffen, aber ich hatte den Wasserzauber geübt, indem ich mit einer von Beverleys jüngeren Schwestern Völkerball gespielt hatte, und glauben Sie mir, so eine hyperaktive neunjährige Flussgöttin als Gegnerin führt dazu, dass man sich sehr schnell verbessert. Nightingale sagt, einer der Präfekten an seiner alten Schule habe behauptet, es gebe eine Variante mit einem Ball aus Gin, aber trotz aller Bemühungen einiger Jungforscher gelang es niemandem, den Zauber zu rekonstruieren. »Und wie Sie sich vorstellen können«, erzählte Nightingale mir, »gab sich die Unterprima da wahrhaftig Mühe.« Nun, für meine Zwecke war Wasser völlig ausreichend, und ich bin mir sicher, Lesley wusste mein elegantes Verfahren zu schätzen, als es ihr ins Gesicht klatschte. Sie ging fluchend zu Boden, und ich stürzte auf sie zu, wobei ich meinen eigenen Schlagstock ausfuhr. Ich schaffte es nicht, denn als ich fast bei ihr war, schleuderte Lesley mir Stoppelschnitt entgegen. Mit Impello natürlich, aber das macht es nicht weniger schmerzhaft, wenn einem hundertvierzig Kilo Modesünde entgegengesegelt kommen und einen voll erwischen – vor allem, wenn man auch noch verpflichtet ist, sich menschenfreundlich zu verhalten, und den Blödmann auffangen muss. Während ich daher damit beschäftigt war, Stoppelschnitt in die stabile Seitenlage zu drapieren, rannte Lesley schon wieder Reynard nach. Gleich darauf waren Rufe, Krachen und Klirren zu hören. Weil ich Polizist bin, war das die Richtung, in die ich mich als Nächstes wandte. Im Nebenraum traf ich auf Guleed, die mit David Carey und ein paar Uniformierten gerade von der anderen Seite hereingestürmt kam. Carey steuerte sofort auf einen Kollateralschaden zu, der offensichtlich niedergeschlagen worden war. Guleed zeigte auf eine Rampe. »Da rauf!« Ich wandte mich an einen der Uniformierten. »Dort hinten liegt ein bewusstloser Verdächtiger. Männlich, weiß, billiger Anzug, keine Lebensgefahr. Hatte eine Waffe, die wurde entfernt. Nach weiteren Waffen durchsuchen, wegen Körperverletzung festhalten und verarzten.« Und dass er die Waffe sicherstellen und durch einen Spurensicherer eintüten lassen solle. Er nickte und schnappte sich vernünftigerweise einen Kumpel, bevor er den Raum betrat, aus dem ich gekommen war. Guleed und ich bewegten uns vorsichtig die Rampe hinauf. Oben lag ein kurzer Korridor mit Türen zu den Kundentoiletten. »Die sind hier in vollem Tempo durch«, sagte Guleed. »Wo ist Nightingale?«, fragte ich. »Noch im Café. Muss sich um was Falcon-mäßiges kümmern.« Vermutlich das, was mit rotem Rauch um sich schlug. Der Korridor mündete wieder in einen Verkaufsraum, diesmal voller Flachbildschirmfernseher, die herumstanden wie die verdächtig gelegen kommende Deckung in einem Third-Person-Shooter. Weder Kunden noch Personal waren zu sehen. Guleed sagte, Stephanopoulos hätte ihre Truppen von der anderen Seite reingeschickt, als die Sache den Bach runterzugehen begann. »Wir sollten also eine abgeriegelte Sicherheitszone haben.« Was bedeutete, dass Reynard und Lesley noch irgendwo da drin zwischen Toshiba und Panasonic sein mussten. »War das wirklich Lesley?«, fragte sie. »In Lebensgröße«, sagte ich. »Und doppelt so schön.« »Wie kann das sein?« »Greif du dir Reynard. Ich schnappe Lesley, dann können wir sie fragen.« So was nennt man bei der Polizei eine Einsatztaktik. »Okay«, sagte Guleed. »Langsam und leise oder schnell und laut?« »Laut.« Also marschierten wir frech wie Oskar in den Fernseherwald, aber in vorschriftsmäßiger Haltung, den ausgefahrenen Schlagstock über der Schulter und den linken Arm ausgestreckt. Wohin man schaute, lief die Jeremy Kyle Show, nur ein paar Bildschirme am Ende der Reihe zeigten Alpha and Omega 2. Schwer zu sagen, was schlechter war. »Lesley«, rief ich. »Du weißt doch, wie das läuft. Du weißt, dass du keine Fluchtmöglichkeit mehr hast. Also lass den Fuchs laufen und zeig dich.« Guleed schnaubte leise. »Komm schon, Lesley – tu uns den Gefallen.« Im Durchgang am anderen Ende erschienen ein paar Uniformierte, aber Guleed bedeutete ihnen, dortzubleiben. Andere tauchten in den übrigen Ausgängen auf und bezogen dort Position. Etwa in der Mitte des Raums stand eine altertümliche Jukebox, die nicht lief, wie ich bemerkte. Während wir uns ihr näherten, vergrößerten Guleed und ich unseren Abstand zueinander. Ich konnte Lesley fast atmen hören. Einer der Fernseher links in der Ecke war ausgeschaltet. Es leuchtete nicht einmal das Stand-by-Lämpchen, und auch der Blu-ray-Player darunter war dunkel. »Hey, Peter«, rief Lesley von hinter dem Fernseher. »Vorsicht.« Etwas Kleines, Flaches, Metallisches sauste durch die Luft und landete dort, wo ich gestanden hätte, wäre ich nicht sofort zurückgesprungen. Es war ein iPhone. Über seinen Bildschirm züngelte ein kleines blaues Flämmchen. Ich öffnete den Mund, um »Zurück!« zu schreien. Aber da war es natürlich schon zu spät. Das Handy explodierte auf sehr wunderliche Art. Ich konnte die Druckwelle sogar sehen, eine Sphäre wabernder Luft, die sich träge und unaufhaltsam ausbreitete und alles, was einen Mikroprozessor besaß, ausschaltete. Dann erreichte die Welle mich und riss mich zu Boden. Ich spürte statische Elektrizität, es roch nach Ozon und Zitronen. Ach du Scheiße, dachte ich, sie hat ihr iPhone zur Waffe gemacht. Dann gingen die Lichter aus. 5 Mother's Little Helper Seawoll sagte zu unserem Bericht nur: »Das hätte besser laufen können.« Was böse Omen angeht, war das verdammt böse. Ich hatte bei der Explosion nicht das Bewusstsein verloren. Ich war schon mal bewusstlos gewesen, aber diesmal definitiv nicht. Alles, was den Geist aufgab, waren sämtliche Lampen, Überwachungskameras und Airwaves in dreißig Metern Umkreis. Oh, und ein bisschen Unterhaltungselektronik im Wert von ein paar Millionen. Ganz ehrlich, hätten wir uns nicht in einem Starbucks treffen können? Ich hoffte wirklich, dass Harrods gegen Lesley-Schäden versichert war. Das, was wir noch an Kameraaufzeichnungen retten konnten, zeigte, wie Reynard über die Haupttreppe und durch die Lebensmittelabteilung nach draußen floh. Von Lesley fand sich keine Spur. Stephanopoulos ließ das Kaufhaus zwar schließen und gründlich durchkämmen, aber niemand zweifelte daran, dass Lesley längst über alle Berge war. Wie, war eine andere Frage. Auch Stoppelschnitt war entkommen. Wir konnten allerdings seine Pistole bergen, die sich als verdächtig saubere Glock 17 mit abgeschliffener Seriennummer herausstellte, die in unseren und den Interpol-Datenbanken nicht zu finden war. Seawoll fand, das stank nach Spion, aber niemand hatte es eilig, die Geheimdienste einzuschalten. Die würden sich früher oder später sowieso selbst einladen. Immerhin war es kein totales Verlustgeschäft, denn in den Ruinen des Montreux Jazz Café hielt Nightingale ein mir seltsam bekannt vorkommendes verdächtiges Subjekt in Verwahrung. »Haben Sie die richtige Belehrung benutzt?«, fragte ich. »Ich denke schon«, sagte er. Lesley Mays Name hing zwischen uns, aber vorerst hatten wir anderes zu tun. Selbst im Sitzen – auf einem heilgebliebenen Café-Plastikstuhl – wirkte die Verdächtige sehr groß, tatsächlich war sie größer als ich. Sie trug einen schicken schwarzen Wollblazer – Stella McCartney, fand Guleed später heraus, als sie sich heimlich das Etikett ansah –, ein weißes Herrenhemd und vorgebleichte Skinny-Jeans. Als ich mich näherte, senkte sie den Kopf, so dass ihr das lange glatte Haar übers Gesicht fiel. Aber es war zu spät – ich hatte sie erkannt. »Hallo. Scheint ja gut bezahlt zu werden, so ein Putzjob«, sagte ich. Guleed fragte, ob ich sie kannte. Eines, was man sich als Polizist aneignet, ist ein gutes Gedächtnis für Gesichter und Namen. Nicht nur wegen der langen Parade an Gaunern, auf die man so trifft, sondern vor allem, weil viele davon Wiederholungstäter sind. Es gilt als unhöflich, jemandes Namen nicht zu kennen, wenn man ihn zum vierten Mal verhaftet. Die Frau hier hatte ich kennengelernt, als ich im Vorjahr das Büro einer Sicherheitsfirma in der Nähe der Liverpool Street durchsucht hatte. Leider wurde ich dann durch diesen kleinen Zwischenfall mit dem einstürzenden Hochhaus abgelenkt. »Sie hat behauptet, sie hieße Awa Shambir.« »Das wage ich zu bezweifeln«, erwiderte Guleed und sagte etwas zu der Frau in einer Sprache, von der ich annahm, dass es ein Somali-Dialekt war. Die Frau hielt weiter den Kopf gesenkt, aber ich sah, dass sie lächelte. »Könnten Sie das etwas langsamer wiederholen?«, fragte sie. »Ich bin ziemlich eingerostet.« »Keine Somali«, sagte Guleed. »Vielleicht aus Äthiopien.« Reinstes Südengland, dachte ich, mit einem Hauch teure Privatschule darin. Nicht der Akzent, mit dem sie damals mit mir geredet hatte. »Wie ist Ihr wirklicher Name?«, fragte ich, aber die Frau hielt weiter den Kopf gesenkt und schwieg. Nightingale und ich ließen sie bei Guleed und zogen uns in ein Nebenzimmer des Cafés zurück, um ein paar erste Einschätzungen auszutauschen. »Das hier wird zweifellos Konsequenzen nach sich ziehen«, sagte Nightingale, was übersetzt hieß: Achtung, da kommt was knüppeldick auf uns zu. »Wir sollten die uns verbleibende Zeit gut nutzen.« Wir beschlossen, dass ich die mysteriöse Nicht-Somali mitnehmen und in eine unserer Spezialzellen in Belgravia sperren würde. »Seien Sie vorsichtig«, sagte Nightingale. »Die Formae selbst kannte ich nicht, aber sie hat eine sehr saubere Technik. Ich würde sagen, sie praktiziert schon lange.« Ich fragte, wie lange. »Schwer zu sagen. Aber sicherlich schon, seit sie ein Kind war. Bleiben Sie hinter ihr und behalten Sie stets die Hand an den Handschellen.« Während des Krieges hatte man im Folly Techniken entwickelt, um mit kriegsgefangenen Praktizierenden umzugehen. Nightingale hatte tatsächlich ein altes Handbuch ausgegraben – kein Witz –, komplett mit billigem Khaki-Pappeinband und Illustrationen. Im Wesentlichen lief es darauf hinaus, dass man ein Auge auf sie haben und jeden Zauberversuch im Keim ersticken sollte. »Ich fürchte, sie wird nicht sehr kooperativ sein«, meinte ich. »So gut wird man nicht ohne Lehrmeister«, sagte Nightingale. »Halten wir sie unter Verschluss und schauen, wer sie holen kommt.« Während Nightingale und Stephanopoulos also blieben, um sich dem unausweichlichen Donnerwetter zu stellen, packten Guleed und ich unsere Gefangene ein und verfrachteten sie nach Belgravia, um zu sehen, welcher Sith-Lord anrücken würde, um sie rauszuhauen. Die diensthabende Beamtin sah uns komisch an, als wir unseren Schützling einbuchten. »Wie viele von diesen feinen jungen Damen wollen Sie noch hier parken? Müssen wir die Verpflegung demnächst bei Fortnum & Mason bestellen?« »Die da muss in eine Falcon-Zelle«, sagte ich. Das wischte ihr das Lächeln aus dem Gesicht. Jenes Handbuch aus Kriegszeiten, in dem der Umgang mit magischen Kriegsgefangenen erklärt wurde, enthielt auch Instruktionen, wie man Zellen für sie einrichtete. Nightingale beschloss, das Präparieren der Zellen als eine interessante Kombination aus Notwendigkeit und Training anzugehen. Die Schutzmaßnahmen stellten sich als Streifen aus Eisen heraus, in die grobe wirbel- und rankenförmige Ornamente aus Kupfer eingelassen wurden. Man verzaubert sie, während man sie schmiedet, was sehr meditativ und gut für die Oberkörpermuskulatur ist. Dann suchten wir uns zwei Zellen in Belgravia aus, schweißten die Streifen quer über das Türblatt und überstrichen sie polizeiblau. Das Schweißen erledigte Nightingale und ich das Streichen. Danach verbrachte ich einen unterhaltsamen Nachmittag in einer der Zellen damit, zu versuchen, auf magische Weise hinauszugelangen. Und dann einen unerfreulichen Abend, da Nightingale mich dem Diensthabenden überlassen hatte, der mich weiter schmoren ließ. Ich hatte mich schon auf eine Nacht in der Zelle eingestellt und fragte mich gerade, wann das Abendessen kommen würde, da erbarmte sich Guleed und ließ mich raus. Als jetzt die Beamtin nach dem Namen fragte, dachte ich, unsere Verdächtige würde sich weiter ausschweigen, aber zu meiner Überraschung lächelte sie sie strahlend an und sagte: »Lady Caroline Elizabeth Louise Linden-Limmer.« Dann richtete sie das Lächeln auf Guleed und mich. »Meine Mum ist eine Viscountess.« »Wie nett«, sagte die Diensthabende. »Und meine ist ein Jaffa Cake.« Nach dreißig Sekunden brachte uns Google zu Carolines Mutter, Lady Helena Louise Linden-Limmer, oder besser gesagt: zu einem berühmten Foto von ihr, aufgenommen 1964 von David Bailey, auf dem sie einen Mantel aus Leopardenfell trug und sonst nichts. Der nächste Treffer war ihre Autobiografie, Wilde Jugend: Eine Kindheit in Afrika, und dann ein eingescannter Artikel aus der Beilage des Observer von etwa 1988 über ihre Menagerie (wie sie es nannte) adoptierter und Pflegekinder, zu jener Zeit waren es sechs. Alles Mädchen. Ich sah mir die Fotos an. Zwei waren schwarz, eines braun, eines vielleicht Chinesin oder Südostasiatin. Eines der beiden weißen Mädchen war spastisch gelähmt, das zweite thalidomidgeschädigt. Dem Artikel zufolge hatte Lady Linden-Limmer schon Rehakliniken in Goa und Kalkutta geleitet und Leprakranke betreut. Man könne doch nicht einfach heimgehen und alles hinter sich lassen, hatte sie in dem Interview gesagt. Eines der schwarzen Mädchen war vielleicht vier Jahre alt, trug ein schmutziges blaues Kleidchen und hatte den listigen Gesichtsausdruck der Frau in unserer Zelle. Ich hängte den Artikel an Carolines HOLMES-Dossier an und wollte gerade eine vollständige Überprüfung ihrer Mutter beantragen, da gab mir Guleed unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein und machte eine Kopfbewegung zur Tür. Dort war gerade William Pollock eingetreten, ein hochgewachsener DI von der Abteilung zur Aufrechterhaltung der Professionellen Standards. Und der leitende Beamte der Jagd auf Lesley May. Er winkte mich zu sich. Ich grinste Guleed zu und machte mich auf den Weg. Guleed, die wusste, dass sie als Nächste dran war, seufzte und ging wieder an die Arbeit. In den ersten Monaten, nachdem Lesley zur Dunklen Seite übergewechselt war, begegnete man mir mit einem gewissen Misstrauen. Sicher, sie hatte mich in den Rücken getasert, gerade als ich drauf und dran gewesen war, den Gesichtslosen zu verhaften. Aber dass sich das wirklich so zugetragen hatte, darauf hatten sie nur mein Wort, und das ABC der Polizei geht buchstäblich so: Alles zehnmal überprüfen, Bloß niemandem glauben, Chronisch misstrauisch sein. Nach einem Jahr anhaltenden Argwohns begann Inspector Pollock jedoch in Betracht zu ziehen, dass ich möglicherweise doch kein falscher Fuffziger war, und statt zu »Vernehmungen« in Vernehmungsräumen wurde ich jetzt zu sogenannten Akutbesprechungen in Besprechungszimmern gebeten. Wenn DI Pollock mich irgendwann mal auf ein Schwätzchen bei einem Pint in die Kneipe nebenan einlud, würde ich wissen, dass ich voll rehabilitiert war. Er fragte mich, ob wir Hinweise gehabt hätten, dass Lesley bei dem Treffen auftauchen würde oder dass GL 1, wie der Gesichtslose inzwischen polizeilich geführt wurde, irgendein Interesse an Reynard Fossman hatte. Ich sagte ihm, wenn wir auch nur die geringste Ahnung gehabt hätten, hätten wir den Einsatzplan für das Treffen vermutlich komplett anders gestaltet. »Nämlich wie?« »Wir hätten einen sichereren Ort für das Treffen gewählt.« »Warum haben Sie das nicht von vornherein getan?« »Weil nach unserer Einschätzung ein anderer Treffpunkt mit dem großen Risiko behaftet gewesen wäre, dass Fossman nicht auftauchen würde. In welchem Fall wir ihn auf ressourcenintensive Weise hätten suchen müssen, insbesondere, da er inzwischen von Interesse für Operation Ringelblume ist.« »Und Sie hatten keine wie auch immer gearteten Informationen darüber, dass Fossman eine Verbindung zu Lesley May oder GL 1 hatte?« »Nein, überhaupt keine.« »Sind Sie sicher, dass Lesley May nicht Ihretwegen da war?« »Sir?« »Vielleicht wollte sie mit Ihnen sprechen. Haben Sie das schon in Betracht gezogen?« »Sie hat sich bei jeder Gelegenheit auf Reynard gestürzt. Sie war definitiv seinetwegen da.« »Und Sie selbst hatten seit Herefordshire keinerlei Kontakt mehr zu Lesley May.« »Nein.« »Wussten Sie, ob sich Reynard Fossman und Lesley May möglicherweise kannten?« Und so ging es weiter, immer im Kreis herum. Vor allem interessierte ihn, wie ich Lesley erkannt hatte – war ich mir sicher, dass es ihr Gesicht gewesen war, oder hatte ich unbewusst ihre Stimme oder Körpersprache in meine Identifizierung einbezogen? »Es war ihr Gesicht. Definitiv«, sagte ich. Nur glatter, blasser, makellos und auf beunruhigende Weise ein bisschen wie die Haut der Feenkönigin – wenn die sich diesseits der Grenze aufhielt. Da ich ja von Vernehmungen zu Besprechungen befördert worden war, ließ Pollock mir tatsächlich auch ein paar Informationen zukommen, fast wie unter Kollegen. »Wir haben noch nicht herausgefunden, wie sie in das Kaufhaus rein- und wieder hinausgekommen ist«, sagte er. »Harrods wird engmaschig überwacht, es gibt Kameras an allen Ein- und Ausgängen. Einige funktionieren noch. Bisher haben wir Lesley May nicht darauf gefunden.« Er wollte wissen, ob man sich mit Magie unsichtbar machen oder teleportieren könne. Er fragte sogar, ob es »Wege durch andere Gefilde« gäbe, auf denen ein Praktizierender ungesehen wandeln könne. Das schockierte mich ein bisschen, weil ich DI Pollock nicht als Romantiker eingestuft hätte. Ich schwöre, als Nächstes hätte er mit dem Hyperraum angefangen. Bevor er das tun konnte, machte ich ihm unmissverständlich klar, dass meines Wissens Praktizierende sich weder teleportieren noch auf Feenpfaden gehen konnten. Was die Unsichtbarkeit betraf … Ich musste an die Einhörner in Herefordshire denken. Trotzdem glaubte ich nicht, dass es möglich war. »Wie haben Sie sich dabei gefühlt?«, fragte er dann. »Wobei, Sir?« »Als Sie Lesley wiedergesehen haben.« Schock. Wut. Das Gefühl, verraten worden zu sein – die vergebliche Hoffnung, dass sie sich anders entschieden hatte, und Wut auf mich selbst, dass ich diese Hoffnung hegte. »Ich war erstaunt, Sir«, sagte ich. »Ich hätte nicht gedacht, dass sie so was Dämliches tun würde.« Gegen Mitte des Nachmittags war ich fertig und hoffte eigentlich irgendwo was essen zu können, aber Nightingale und Stephanopoulos fingen mich ab und führten mich zur OVE-Suite, wohin man Lady Helena Linden-Limmer gesteckt hatte. »Guleed wird die Tochter vernehmen. Sie können Ihren Charme an der Mutter ausprobieren«, sagte Stephanopoulos. Ich sah Nightingale an. Der nickte nur. Es gelang mir, ein Notsandwich abzustauben, das ich während der etwas vagen strategischen Besprechung mit Guleed, Stephanopoulos und Nightingale hinunterschlang. Unser Plan bestand im Grunde darin, erst mal zu sehen, wie jede der beiden auf ein paar Eingangsfragen reagierte, dann eine Pause einzulegen und die weiteren Fragen von ihren Antworten abhängig zu machen. Beide Befragungen wurden außerdem als »Falcon-Vernehmungen« eingestuft, das hieß, wir würden erst hinterher entscheiden, ob sie offiziell stattgefunden hatten oder nicht. Guleed schob mir das vervollständigte Dossier über Caroline Linden-Limmer zu und deutete auf eine Notiz, dass sie mit achtzehn eine Änderung der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung von männlich in weiblich erwirkt hatte. »Dann …«, begann ich, aber das massive Schweigen, das von Stephanopoulos hinter mir ausstrahlte, ließ mich verstummen. Ich schielte zu Nightingale hinüber, der fragend zurückblickte, und beschloss, ihm später zu erklären, was das im Einzelnen bedeutete. Als ich das schließlich tat, erzürnte ihn zu meiner Überraschung vor allem die Tatsache, dass man sich an ein Gericht wenden musste, um entscheiden zu lassen, welchem Geschlecht man nun angehörte – er formulierte es nicht so, aber ich gewann den Eindruck, dass er ein solches Gericht per se für unbritisch hielt. So wie Eugenik, Burkaverbote und Klimaanlagen. Ich dachte an das kleine Mädchen im blauen Kleid. Eine Geschlechtsänderung kann man erst mit achtzehn beantragen. Es musste sich wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Ihre Mutter kam mir nicht wie jemand vor, der gern lange wartete. In der schwarz-weißen Welt der David-Bailey-Fotos hatte Lady Helena größer gewirkt, als sie in Wirklichkeit war. Der Pixie-Haarschnitt, den sie damals getragen hatte, hatte das glatte Oval ihres Gesichts und die Augen mit den gigantischen Wimpern betont. Jetzt sah ich das Gesicht in Farbe. Es hatte diesen runzligen Gamsleder-Teint, den weiße Leute bekommen, wenn sie ihr Leben unter heißer Sonne verbringen. Das Haar war länger, struppiger und graumeliert. »Sie haben meine Glamourfotos gesehen, nicht wahr?«, fragte sie, noch ehe ich mich vorstellen konnte. »Das sehe ich den Leuten immer an.« Dann stand sie auf und gab mir die Hand. Ihre war schmal, aber die Handfläche rau und ihr Griff fest. Sie seufzte. »So ein gelebtes Leben macht schon einen Unterschied.« Wir sanken in die Stühle; hier in der OVE-Suite waren das niedrige Siebziger-Jahre-Polstersessel mit robusten Pastellbezügen. Sehr praktisch, wenn man auf dem Revier übernachten muss – wobei einem da meist die Kriminalbereitschaft zuvorkommt. »Wo ist meine Tochter?«, fragte sie, sobald ich mit der Belehrung plus fertig war. Ich erklärte, Caroline sei gleich nebenan und damit beschäftigt, ihre Rolle bei dem morgendlichen Zwischenfall im Harrods zu erklären. Den betitelte ich als »ernst«, was normalerweise eine Reaktion hervorruft. Aber Helena blieb für meinen Geschmack ein bisschen zu heiter. Wenn man jemanden vernimmt und der ein Verbrechen bemerkenswert leicht zu nehmen scheint, liegt das oft daran, dass er froh ist, dass du etwas anderes nicht herausgefunden hast. Hofft man dann allerdings, das andere werde sich in bahnbrechender Weise als fallrelevant herausstellen, muss man meist feststellen, dass es sich typischerweise um die banalsten Sachen handelt: Seitensprünge, Pornos, geheime Zweitfamilien, so menschliches Zeug eben. »Was soll sie denn angestellt haben?« »Tätlicher Übergriff«, sagte ich, »unter anderem auf einen Polizeibeamten, Sachbeschädigung, Strafvereitelung, Beihilfe zu einer Straftat und Behinderung der Polizei im Einsatz.« Lady Helena betrachtete mich lange. »Tätlicher Übergriff?«, fragte sie dann. »Hat sie körperlich jemanden angegriffen?« Tja, selbst die Cleversten können es nicht lassen, den Cleveren rauszukehren. Wenn man dann will, dass sie weiter auf clever machen, stellt man sich am besten dumm. »In gewisser Weise«, sagte ich. Lady Helena beugte sich vor und sah mir in die Augen. »Hat meine Tochter zu irgendeinem Zeitpunkt physisch einen anderen Menschen angegriffen?« Womit meine und Nightingales Frage beantwortet war, ob Carolines Mutter von der Magie wusste. »Tätlicher Übergriff bedeutet nicht unbedingt, dass es zu physischem Kontakt kommen muss.« »Wie hat meine Tochter den Polizisten also genau angegriffen? Waren es übrigens Sie?« »Ihre Tochter hat als Adresse Ihr Haus in Montgomeryshire angegeben«, sagte ich. »Wohnt sie noch bei Ihnen?« Lady Helena lehnte sich wieder zurück. »Die Kinder von heute. Wollen einfach nicht aus dem gemachten Nest raus. Ich sehe die Schuld bei den Eltern.« »Und Ihre übrigen Kinder?« Bei den anderen fünf Mitgliedern der »Menagerie« standen im Führerschein komplett unterschiedliche Adressen. »Die sind alle ausgezogen, oder?« »Ich habe sie zur Unabhängigkeit erzogen.« »Nur Caroline nicht?« »Caroline wird das Familienunternehmen weiterführen.« »Und was ist das für ein Familienunternehmen?« »Es hat das Ziel, Menschen zu helfen«, sagte sie. »Wir betreiben ein Erholungszentrum für Menschen, die ihr Leben wieder in die Balance bringen müssen.« »In welcher Hinsicht in die Balance bringen?«, fragte ich. Sie legte den Kopf schief und kniff die Augen ein wenig zusammen. »In körperlicher, geistiger und seelischer. Ein Mensch ist nur dann gesund, wenn alle drei Bestandteile jeweils für sich und mit den beiden anderen im Gleichgewicht sind. Wir helfen unseren Gästen, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.« »Wie?« »Vor allem, indem sie bei uns ein bisschen Ruhe und Frieden finden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Und indem wir dafür Unsummen verlangen – das Geld spielt bei dem Prozess eine große Rolle. Die Leute wissen nur das zu schätzen, wofür sie bezahlen müssen.« Ich fragte, ob in ihrer Klinik jemals eine Christina Chorley gewesen sei, aber sie sagte, an diesen Namen könne sie sich nicht erinnern. Ich ging die Namen auf der unseligen Party durch und warf beiläufig auch Reynards Namen mit ein. Sie behauptete, keinen von ihnen zu kennen, aber bei Reynard war da definitiv eine Reaktion – ihr Blick zuckte leicht zur Seite. Mein Handy vibrierte in meiner Hosentasche. »Na gut«, sagte ich. »Ich hole mir rasch einen Kaffee. Hätten Sie auch gern einen? Oder etwas anderes?« »Würden Sie mir den Kaffee empfehlen?« »Nur im Notfall.« Daraufhin lehnte sie ab, und ich trat auf den Gang hinaus, wo mich Nightingale mit einer Tasse Kaffee empfing. Guleed und Stephanopoulos kamen ebenfalls hinzu. Ich nippte an dem Kaffee. Ich hatte nicht gelogen, er war grauenhaft. Guleed war mit Caroline noch nicht sehr weit gekommen. Caroline behauptete, sie sei nur shoppen gewesen und habe keinerlei böse Absichten gehegt, als sich mit einem Mal Nightingale auf sie gestürzt und sie unbegründeterweise festgenommen habe. Sie stritt auch ab, Lesley und mich im Vorjahr in den Geschäftsräumen von County Gard getroffen zu haben. Ihre Anwältin forderte Beweise, dass ihre Mandantin sich irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen, und wenn wir keine vorlegen könnten, dann … und so weiter und so fort. Da die Anwältin für die Mutter arbeitete, beschlossen wir, dass Guleed sich weiter mit der Tochter herumschlagen sollte, um diese und die Anwältin beschäftigt zu halten, während ich Lady Helena nun etwas gröber auf den Zahn fühlen sollte. »Und das bedeutet?«, fragte ich. »Das bedeutet, Peter«, sagte Stephanopoulos, »dass Sie jetzt da reingehen und mit der Tür ins Haus fallen.« Wie Guleed immer sagt, es ist prima, wenn man mal seine Stärken ausspielen kann. Also ging ich wieder rein, setzte mich Lady Helena gegenüber und sagte: »Okay, erzählen Sie mir doch bitte, wie lange Sie schon Magie praktizieren.« An dem langen Zögern, bevor sie antwortete, erkannte ich, dass sie diese Frage nicht erwartet hatte. Woraus ich eine Menge schließen konnte. Erstens, dass sie nicht wusste, wer ich war. Vielleicht wusste sie nicht einmal etwas vom Folly – was bedeutete, dass sie keinen Kontakt zur Demi-monde hatte, in der wir ja hinlänglich bekannt waren. Oder ihr war gerade eingefallen, dass sie die Herdplatte nicht ausgeschaltet hatte. »Wenn Sie Magie sagen«, sagte sie schließlich, »meinen Sie was genau?« »Das Hervorrufen physischer Wirkungen durch das Anwenden von Zaubersprüchen.« »Mein Gott, Sie meinen das tatsächlich ernst.« Ich habe ein hübsches Niedrigenergie-Werlicht entwickelt, das ich in einem Vernehmungsraum heraufbeschwören kann, ohne dass gleich das komplette Überwachungsequipment durchbrennt. Sie wären überrascht, wie oft ich es anwenden muss. Meine letzte Verfeinerung war, ein Scindere hinzuzufügen, so dass ich es über meiner Schulter parken und als Leselampe verwenden kann. Zu Beginn meiner Lehrzeit brauchte ich fast zwei Monate, um den Werlicht-Zauber zu meistern. Heute muss ich kaum mehr darüber nachdenken. Erfahrene Praktizierende spüren schon, dass ein anderer Praktizierender zaubert, während er noch seinen Spruch aufbaut. Je erfahrener man ist, desto sensibler und schneller fängt man diese Schwingungen auf. Lady Helena reagierte, noch ehe ich die metaphorische erste Silbe beendet hatte, und als das Werlicht zwischen uns über dem Couchtisch hing, wusste sie, dass ich Bescheid wusste und sie nach allen Regeln der Kunst aufgeflogen war. »Es stimmt also«, sagte sie. »Die magische Gestapo erfreut sich bester Gesundheit.« Nur zu, vergleichen Sie Nightingale mit der Gestapo, dachte ich. Schauen wir mal, was dann passsiert. »Ich nehme an, Sie sind selbst Praktizierende.« »Praktizierende«, wiederholte sie. »So nennen Sie sich?« Ich sagte, das sei die offizielle Bezeichnung. »Meine Güte«, sagte sie. »Was für ein hässliches Wort. Aber ich sollte wohl nicht überrascht sein, dass das Establishment versucht, der Magie alles Schöne zu nehmen. Bei allem anderen versuchen sie es ja auch auf Biegen und Brechen.« »Wie nennen Sie sich denn?«, fragte ich. »Hexe, mein Süßer«, sagte sie. »Oder Zauberin – je nach Laune.« »Und wer hat Sie ausgebildet?« Lady Helena lächelte. »Wer wohl? Meine Mutter natürlich. Genau wie ihre Mutter sie ausgebildet hatte und die wiederum ihre Mutter. Angefangen hat alles mit Königin Caroline.« Also am Hof von Caroline von Ansbach, von der man weiß, dass sie ihrem Mann, dem späteren Georg II., an Intelligenz weit überlegen war. Die freundschaftlichen Umgang mit Walpole und Leibniz gepflegt und medizinische Experimente an Gefangenen und Waisenkindern durchgeführt hatte. »Eine frühe Form der Impfung, Schätzchen«, sagte Lady Helena. »Sie lebten alle glücklich und zufrieden weiter.« Ein regelmäßiger Gast an Carolines Hof war Phillip Boucherett, einstiger Protegé Isaac Newtons. Dort machte er ihren Kreis – Herren wie Damen – mit dem bekannt, was Nightingale die »Lehren und Künste« der Magie nennt. »Natürlich«, sagte Lady Helena, »war Ihr Verein damals ganz übel beleumdet.« Ihr zufolge bestand das Folly zu jener Zeit aus einer Bande von Quacksalbern, Schwindlern und Scharlatanen, die sich in einem schwimmenden Kaffeehaus trafen, das vor Somerset House vor Anker lag. Die wahren intellektuellen Erben der zweiten Principia gingen aus Carolines Salons hervor und später aus denen von Elizabeth Montague und ihren Blaustrümpfen. Sie nannten sich Société de la rose – Gesellschaft der Rose. »Warum das?«, fragte ich. »Keine Ahnung«, sagte Lady Helena. Doch diese Allianz aus edlen Damen und draufgängerischen mittelständischen Unternehmern konnte nicht von Dauer sein. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war selbst einem so korrupten Laissez-faire-Staat wie dem britischen klar, dass man der Magie auf organisierte Art beikommen musste. Vorreiter waren die Schotten, namentlich Mitglieder des berühmten Edinburgh Clubs, die sich nach und nach in London einfanden. Um 1760 nannten sie sich schon Praktizierende, schmierten ihren Gönnern Honig ums Maul und sackten fleißig deren Kohle ein. »Und kaum besaßen die Herren der Schöpfung einen Hauch von Respektabilität, da konnten sie die Frauen nicht schnell genug loswerden«, sagte Lady Helena. Als Frau Praktizierende zu sein wurde im Nu so anrüchig wie als Frau … nun, im Grunde alles zu sein, was nichts mit Haushalt zu tun hatte. Die Männer zogen in ihren brandneuen Club am Russell Square und knallten den Frauen die Tür vor der Nase zu. Ich hatte durchaus bemerkt, dass es im Hörsaal des Folly eine separate »Damenempore« gab, die man durch einen kleinen Gang jenseits der Osttreppe erreichte. Vermutlich diente sie dazu, dass stolze Mütter, Schwestern und Ehefrauen zusehen konnten, wie ihr Mannsvolk besonders ausgeklügelte neue Formae und Zauber demonstrierte. Es gab sogar eine diskrete Messingtafel. Ich beschloss, dies nicht zu erwähnen. »Aber die Frauen ›praktizierten‹ weiter«, erzählte Lady Helena, »genau wie sie weiter komponierten, malten und all die anderen Dinge taten, die die Geschichtsschreibung ihnen nicht zugesteht. Mütter unterrichteten ihre Töchter und gaben so ihre Kenntnisse von Generation zu Generation weiter – wie die Frauen das immer mit allem machen mussten. Wussten Sie, dass meine Mutter beim Kriegsministerium ein Gesuch einreichte, in der Armee dienen zu dürfen? Wissen Sie, was die ihr antworteten?« Ich gestand, dass ich es nicht wusste. »Nichts. Nicht einmal ein höfliches ›Vergessen Sie’s‹. Kein Wunder, dass sie nach Kenia abhaute, in ein neues Land mit neuen Möglichkeiten.« »Hat sie in Kenia Magie praktiziert?«, fragte ich. »Theoretisiert hat sie jedenfalls nicht.« »Und Sie?« »Ich war Mamis kleine Helferin. Wir nahmen verletzte Tiere auf und pflegten sie wieder gesund.« »Mit Hilfe von Magie«, sagte ich möglichst beiläufig. »Ich plaudere doch nicht aus der Schule. Wobei, wenn Sie es wirklich wissen wollen, können wir sicherlich zu einer Übereinkunft kommen.« Genau darauf hatte sie hingearbeitet, erkannte ich. Ließ uns den Köder vor der Nase baumeln in der Hoffnung, dass wir anbeißen würden. Ich war gewillt, bares Geld zu verwetten, dass sie schon alles über die Isaacs, das Folly und wahrscheinlich auch Nightingale gewusst hatte, ehe sie den Fuß ins Revier gesetzt hatte. Sie hatte uns an die Wand gespielt, aber das Schöne bei der Polizei ist: Wir dürfen schummeln. »Zuerst sagen Sie mir, welches Interesse Sie an Reynard Fossman haben. Dann spreche ich vielleicht mit meinem Chef, wie wir das hier regeln können.« Lady Helena machte eine lässige Geste. »Er hat uns etwas zum Kauf angeboten. Eine Antiquität.« »Was für eine Antiquität? Ein Familienerbstück? Eine Chippendale-Kommode? Eine Lizenz zum Bau einer Wehranlage mit Zugbrücke?« »Jonathan Wilds letztes Rechnungsbuch.« »Und warum sollten Sie das haben wollen?«, fragte ich. »Sie wissen verdammt gut, warum.« »Ja. Aber ich möchte, dass Sie es laut aussprechen.« »Die dritte Principia.« »Sind Sie so scharf darauf, Blei zu Gold zu machen?« »Der schnöde Mammon interessiert mich nicht. Aber denken Sie nur – der Stein der Weisen. Ewiges Leben und folglich das Heilmittel gegen alles, was den Menschen befallen kann.« Sie lehnte sich zurück und kreuzte die Arme. »So, das war’s für den Sperling. Wenn Sie mehr wissen wollen, schicken Sie die Nachtigall rein.« »Glauben Sie, es gibt noch mehr?«, fragte Nightingale. Wir ließen Lady Helena und die Honourable Caroline ein bisschen schmoren, frei nach dem polizeilichen Prinzip: Im Zweifel abwarten und Tee trinken – man weiß nie, ob nicht plötzlich etwas Belastendes am Horizont auftaucht. Wobei man diesem Prozess manchmal etwas nachhelfen muss. Nightingale und Stephanopoulos hatten es sich in deren Büro bequem gemacht und mich Kaffee und etwas zu knabbern holen lassen. Nachdem die Schokokekse gerecht verteilt waren, gingen wir zum Geschäftlichen über. »Sie weiß, wer wir sind«, sagte ich. »Was bedeutet, dass sie wahrscheinlich einen Hintergedanken dabei hatte, herzukommen.« »Was für einen?«, fragte Nightingale. »Sicher nicht, ihre Tochter rauszuhauen«, sagte Stephanopoulos. »Die wird die Anwältin in spätestens zwei Stunden draußen haben. Wir haben zu wenig Konkretes gegen sie vorliegen, außer dass sie in eine Störung der öffentlichen Ordnung verwickelt war. Sie wird weiter darauf beharren, dass sie nur shoppen war und unschuldig in einen Polizeieinsatz geraten ist.« »Das ist bedauerlich«, sagte Nightingale. »Das kommt davon, wenn eine Abteilung der Met ohne gesetzliche Grundlage arbeitet«, sagte Stephanopoulos. »Wir können vor Gericht doch nicht damit argumentieren, dass sie die Polizei bei der Ausübung ihrer Pflichten behinderte, indem sie Rauch aus ihren Fingerspitzen schoss.« »Ganz recht«, sagte Nightingale. »Darum werde ich mir ein Beispiel an Peter nehmen und die beiden zum Tee einladen.« »Sir?« Ich sah Stephanopoulos an. Sie hob die Schultern. »Lady Helena will offensichtlich etwas von uns«, sagte er. »Und ebenso offensichtlich hat sie Kenntnisse, von denen wir profitieren könnten. Ich schlage vor, wir fragen sie – höflich – nach beidem.« »Also heute Nachmittag zum Tee?«, fragte ich. »Guter Gott, Peter, nein. Frühestens morgen Nachmittag. Einerseits müssen wir so viel wie möglich über Lady Helena herausfinden, und ich muss Postmartin über das Rechnungsbuch informieren. Aber vor allem müssen wir Molly Zeit geben, sich auf die Gäste einzustellen. Wenn wir ihr ohne Vorwarnung eine Aristokratin auf den Hals hetzen, könnte das übel für uns ausgehen.« Und so bewegten wir uns schwanengleich durch den restlichen Tag: die obere Hälfte glitt leicht und elegant über die Polizeiarbeit hinweg, während Guleed und ich uns unten in den trüben Gewässern der Bürokratie abstrampelten und nach Informationen über eine Frau fischten, die fraglos schon auf dem Arm ihrer Mutter gelernt hatte, wie man sich bürokratisch unsichtbar macht. Und möglicherweise, wie man mit Hilfe von Magie heilt. Mit allem, was das implizierte. Und nachdem das Universum sichergestellt hatte, dass meine Gedanken ganz auf eine Sache fixiert waren, schlug es mir, weil es sich mal wieder richtig amüsieren wollte, aus einer völlig anderen Richtung ins Gesicht. Ich überlegte gerade, das Auswärtige und Commonwealth-Amt, ehemals Kolonialministerium, anzurufen, um zu sehen, ob man dort etwas über Lady Helenas Aktivitäten in Kenia wusste, da klingelte mein Telefon, und eine amerikanische Stimme sagte: »Hi, Peter, wie geht’s denn so?« Es war Kim – oder, formell, Special Agent Kimberley Reynolds vom FBI. Wir hatten uns vor ein paar Jahren kennengelernt und damals um die Wette Autos verwanzt und Verdächtige abhandenkommen lassen und schließlich zwei Drittel des ersten Kanalisations-Dreierbobs der Welt gebildet. Seither hatte unser Kontakt aus insgesamt vielleicht zehn Mails bestanden – hauptsächlich zu Weihnachten. Und einer, um Kim über Lesley Mays berufliche Umorientierung in Kenntnis zu setzen. »Hi, Kim«, sagte ich. »Was gibt’s?« »Du schreibst mir nie, Peter«, sagte sie. »Und anrufen tust du auch nicht. Ich wollte einfach mal wissen, wie’s dir geht.« Das hielt ich für höchst unwahrscheinlich. Okay – es konnte nicht daran liegen, dass sie glaubte, verwanzt zu sein. Denn wenn das der Fall ist, hört jemand mit und wird sich wahrscheinlich nicht von einem pseudo-beiläufigen »Hey, hast du auch mitgekriegt, wie viel Schnee dieses Jahr in Moskau liegt«-Geplauder täuschen lassen. Es musste also eher etwas mit glaubhafter Abstreitbarkeit zu tun haben. Kimberley wollte später behaupten können, dass das hier ein rein freundschaftlicher Anruf ohne jegliche polizeiliche Implikation gewesen war. Die Frage war, wem gegenüber sie das behaupten können wollte – eine Frage, die ich ihr aus offensichtlichen Gründen im Moment nicht stellen konnte. »Ach, du kennst das ja«, sagte ich. »Verbrechen bekämpfen, Papierkram erledigen, man hat ständig was zu tun.« »Na ja, wie auch immer«, sagte Kimberley. »Gestern ist was Lustiges passiert. Ich saß an meinem Schreibtisch, da kamen zwei Herren rein, stellten sich vor und erkundigten sich nach dir.« »Agenten?«, fragte ich. »Das war das Komische«, sagte sie, weiter in heiterem Ton. »Sie hatten Besucherpässe. Aber weißt du was, ihr Begleiter muss sich abgesetzt und sie alleingelassen haben.« »Tatsächlich?« Besucher, die ohne Begleitung in einem FBI-Büro herumlaufen durften, mussten irgendeinen offiziellen Status haben oder zumindest von irgendwem autorisiert sein. »Was wollten sie denn wissen?« »Wer du bist. Auf welchem Revier du arbeitest.« Kimberley machte eine Pause. »Ob du jemals was Außergewöhnliches getan hättest.« »Außergewöhnlich?« »Jep. So haben sie es formuliert.« Scheiße, Scheiße, Scheiße, merda maxima monstruosa. »Was hast du ihnen gesagt?« »Ich habe ihnen gesagt, du wärst ein netter Polizist niederen Ranges, der damals nach der Ermordung eines US-Bürgers in London zur Taskforce gehörte.« »Und?« »Sie haben es mir nicht abgenommen.« »Haben sie dich noch nach anderen Leuten gefragt?« Damit meinte ich Nightingale. »Nein«, sagte sie. »Sie schienen nur dich zu kennen.« In ihrem – sowieso stark redigierten – Bericht fürs FBI hatte Kimberley Nightingale nicht erwähnt. Auch im Fallbericht der Met über den Mord an dem US-Bürger James Gallagher kam er nicht vor, genauso wenig die Gemeinschaft magischer Leute, die unter Notting Hill lebte. Das war das Standardvorgehen. »Haben sie gesagt, warum sie das wissen wollen?« »Komischerweise nicht. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie dich in nächster Zeit vielleicht besuchen wollen, deshalb dachte ich, ich sag dir schon mal Bescheid.« »Danke dir.« »Gern geschehen, und pass auf dich auf.« Und sie legte auf. »Was war das?«, fragte Guleed von der anderen Seite des Schreibtischs. »Da braut sich was zusammen«, sagte ich. »Und zwar gewaltig.« 6 Über das Vergleichen von Uhren Nightingale hält viel von all diesem Gesunder-Körper-gesunder-Geist-Kram und so weiter, und da er ziemlich gut aussieht für jemanden, der schon vor mindestens zehn Jahren einen Geburtstagsgruß von der Queen hätte bekommen müssen, neige ich dazu, ihn mir in dieser Hinsicht zum Vorbild zu nehmen. Deshalb lasse ich, wenn ich in Belgravia arbeite, manchmal das Auto dort, damit ich am nächsten Morgen hinjoggen kann. Die Strecke ist ganz okay: zuerst die noch von den abendlichen Theaterbesuchern vermüllte St Martin’s Lane entlang, dann über den Trafalgar Square und auf die Mall, mit einem freundlichen Winken in Richtung Ihrer Majestät, falls sie zu Hause ist. Der Morgen war kühl und trotz des Geruchs nach Regen klar. Das Morgenrot tauchte den Asphalt in hübsches Rosa. Ich war gerade am Institute for Contemporary Arts vorbei, da rief mich Beverley an, wie fast jeden Morgen, wenn ich nicht bei ihr übernachte. »Das soll jetzt nicht zickig klingen, Babe«, sagte sie, »aber wann hattest du vor, mir zu sagen, dass du in Lesley reingerannt bist?« Ich blieb stehen und atmete tief die kalte Luft ein. »Also, erstens hatte ich nicht vor, es dir am Telefon zu sagen. Woher weißt du es überhaupt?« »Tyburn ist mir gestern ›zufällig‹ über den Weg gelaufen«, sagte sie. »Konnte es nicht erwarten, es mir zu erzählen. Was hast du denn gemacht, dass sie so sauer auf dich ist?« »Hab meinen Zehnten nicht pünktlich gezahlt.« »Und was war nun mit Lesley?« »Die hat mal wieder versucht, mich umzubringen. Aber ich glaube nicht, dass es was Persönliches war.« »Moment mal. War das etwa die Sache bei Harrods?« »Vielleicht.« »Also du warst das, der den Nobelladen in Trümmer gelegt hat. Kein Wunder, dass Ty sauer ist. Hast du mir wenigstens was mitgebracht?« »War leider keine Zeit dafür. Hättest du was Besonderes gewollt?« »Ja, immer! Und jetzt jagst du Lesley?« »Das ist nicht mein Job. Für Lesley ist das DPS verantwortlich, und die wollen mich da raushalten. Und wenn man gern Polizist ist – und das bin ich –, dann legt man sich nicht mit dem DPS an.« »Und warum war sie dann da?« »Sie treibt Spielchen mit mir. Erst diese dauernden SMS letztes Jahr, und jetzt taucht sie plötzlich bei Harrods auf. Ich glaube, sie will mich aus dem Gleichgewicht bringen.« Ein kalter Windstoß fuhr die Mall entlang und kühlte den Schweiß auf meinem Rücken ab. Ich setzte mich wieder in Bewegung. »Oder sie will dir was mitteilen«, sagte Beverley. »Dann soll sie mir einen Brief schreiben. Oder noch besser, sich festnehmen lassen.« »Hey. War ja nur eine Idee.« »Sorry, Bev.« »Kommst du heute Abend vorbei? Ich muss für morgen einen Essay über den Kohlenstoffzyklus in der Atmosphäre schreiben – du könntest mir helfen.« »Geht leider nicht«, sagte ich. »Ich muss Handyzerstörungsforschung betreiben.« Jemand hatte mir eine Ausgabe der Sun auf den Schreibtisch gelegt. Auf der Titelseite prangte ein gutes Foto vom Einsatzkommando unter dem Vordach des Harrods. Die Schlagzeile lautete HARRODS-HORROR. Bei einem schnellen Durchblättern wurde klar, dass sie keinen blassen Schimmer hatten, was passiert war, was sie aber nicht daran hinderte, der Sache sechs Seiten zu widmen. Wie sich herausstellte, war das Ereignis die Titelstory fast aller Zeitungen außer dem Daily Express, bei dem die UKIP das Rennen gemacht hatte. Ich wusste, dass Seawoll und Stephanopoulos mich schon vor einer Menge Ärger bewahrt hatten. Nach der Geschichte am Trafalgar Square hatte Seawoll allerdings zugegeben, dass meine Karriere ihre seltsame Fähigkeit, auch die schlimmsten Sachschäden zu überleben, eher der Sorge verdankte, dass – sollte die Met mich tatsächlich loswerden – mein eventueller Nachfolger noch schlimmer sein könnte. »Nightingale ist ja verdammt noch mal unantastbar«, hatte er gesagt. »Und Sie sind immerhin ein Übel, das wir kennen.« Dennoch wusste ich zufällig, dass in Belgravia eine Wette lief, wie lange ich wohl noch da wäre und wie die Umstände meines Ausscheidens sich gestalten würden – die Optionen waren: Tod, Berufsunfähigkeit (körperlich), Berufsunfähigkeit (geistig), dauerhafte Suspendierung aus disziplinarischen Gründen, unehrenhafte Entlassung, Versetzung zu Interpol und, mit nur einer Stimme, Aufstieg in eine höhere Existenzebene. Letzteres kam mir auch etwas unwahrscheinlich vor. Ein paar Minuten später tauchte Guleed in ihrer Hugo-Boss-Lederjacke auf, von der sie sagte, ihre Mum habe sie ihr geschenkt. Was bedeutete, dass sie ziemlich ernsthafte Polizeiarbeit betrieben hatte. »Die Zugangscodes«, sagte sie auf meinen fragenden Blick. Ihren eigenen Aussagen nach waren die Jugendlichen durch den Verbindungsgang vom Mandarin Oriental Hotel in Hyde Park Nummer Eins eingedrungen. Zwei von ihnen hatten James Murray, den offiziellen Freund des Opfers, als denjenigen benannt, der den Generalschlüssel besessen und die Sicherheitscodes in die Zahlenfelder eingegeben hatte. Daraufhin wurde unter anderem eine zweite Befragung von James Murray dazu angeordnet, woher er die Codes gehabt hatte, die noch ausstand, bis Guleed ihn sich heute Morgen vorgeknöpft hatte. »Christina Chorley hat ihm die Codes gegeben. Und den Schlüssel auch.« Da James nicht wusste, woher Christina beides gehabt hatte, und sie wegen Todes vernehmungsunfähig war, hatte Guleed beschlossen, die Sache von der anderen Seite her anzugehen und herauszufinden, wem die Wohnung gehörte. Also, in Wirklichkeit. »Ich dachte, das wäre alles schon am Laufen?«, fragte ich. »Ich weiß nicht, ob du’s bemerkt hast, aber so gut wie alle anderen sind wegen dieser Mordsache in Fulham abgezogen worden. Unseren Fall bearbeiten im Grunde du, ich und David, wenn wir ihn zwischendurch dazu breitschlagen können.« »Hatte ich noch nicht bemerkt.« Das erklärte immerhin, warum außer uns niemand da war. »Kein Wunder. Du warst ja damit beschäftigt, Harrods in die Luft zu jagen.« »Gab es Druck von oben?« »Was glaubst du wohl?« Ich fragte nicht, von wem – ich war mir ziemlich sicher, dass Deputy Assistant Commissioner Folsom dahintersteckte, der Herr mit den unseligen Augenbrauen und der Opern-Midlifecrisis. Er gehörte zu Lady Tys Kreis und hatte zwar keinen direkten Einfluss auf das Revier Belgravia, kannte aber sicher jemanden, der das hatte – wahrscheinlich den Assistant Commissioner. Und der würde zuerst wissen wollen, ob unser verdächtiger Todesfall denn auch die Ressourcen wert war, wo das Budget der Met doch ständig von der Regierung gekürzt wurde und in letzter Zeit immer neue lange zurückliegende Missbrauchsfälle ans Licht kamen, die teure Ermittlungen nach sich zogen. Und da gab es kein wirklich überzeugendes Argument, weil es nun mal Aufgabe der obersten Hierarchieebene ist, das Budget zu verteilen – und wenn wir ehrlich sind, es gibt immer mehr Verbrechen als Budget. Also hatten Seawoll und Stephanopoulos die meisten ihrer Leute von Operation Ringelblume abgezogen, bis auf Guleed. Denn die beiden legten zwar wie jeder anständige Bulle größten Wert auf Aufklärung eines Falls, zogen es aber vor, wenn die auch ungefähr der Wahrheit entsprach. In dieser Hinsicht waren sie sehr modern. Daher gab es immer noch einen Maßnahmenkatalog, der abgearbeitet werden musste, und Guleed und ich waren diejenigen, die ihn abarbeiteten, und die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten weiter. Nur halt im ersten Gang. Dieser Zeitlupen-Mahlvorgang hatte Guleed zu einem zivilen Angestellten der Abteilung Schwerer Betrug geführt, der ein Freund ihres Bruders war. Er hatte ihr geholfen, das wohlüberlegt verwirrende Geflecht von Strohmännern und Briefkastenfirmen, das die Wohnung in Hyde Park Nummer Eins umgab, zu entwirren. »Und bei einem Namen tauchte ein Verweis auf Operation Wentworth auf.« Sie lächelte breit. »Klingelt da was?« So war die Ermittlung getauft worden, die sich der illegalen Sprengung von Skygarden Tower (mit mir obendrauf, möchte ich anmerken) und den Aktivitäten der Firma County Gard Ltd widmete, von der wir inzwischen wussten, dass sie genau wie County Finance Management und The County System Company ein Tarnunternehmen des Gesichtslosen war. »Also gibt’s eine Verbindung zwischen Christina Chorley und dem Gesichtslosen«, sagte ich. »An County Gard beißt sich der Schwere Betrug seit über einem Jahr die Zähne aus. Ich hoffe, so kommen sie der Sache endlich näher.« »Und im Büro von County Gard hast du zum ersten Mal die Honourable Caroline Linden-Limmer getroffen.« »Ja.« »Die in Verbindung zu Reynard Fossman steht, der wiederum eine Verbindung zu Christina Chorley hat, die wir jetzt mit County Gard verbinden konnten.« Wobei die Verbindung zu County Gard auch aus Reynard bestehen könnte, dachte ich. Wir wussten ja, dass der Gesichtslose Tigermänner und Cat-Girls liebte – warum nicht auch Füchse? »Die Ehrenwerte Caroline scheint ihre Finger überall drin zu haben«, sagte Guleed. »Meine Frage ist – hältst du es wirklich für eine gute Idee, sie in euren geheimen Schlupfwinkel zum Tee einzuladen?« Aber die Einladung war schon erfolgt, und zur verabredeten Zeit wartete ich in meinem zweitbesten Anzug im Foyer darauf, dass sie klopften. Sie kamen fünfzehn Minuten zu spät. Dann klingelte es, und ich betätigte den Mechanismus, der die Doppeltür auf beeindruckende Weise wie von selbst aufschwingen lässt; na ja, früher mal war ich jedenfalls beeindruckt gewesen. Lady Helena stand mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen auf der Schwelle. Sie hatte schwer in den Alternde-Bohemienne-Look investiert – burgunderrote Steppjacke und Cordhosen. Ihre Tochter trug ein konservatives marineblaues Kostüm, das so perfekt an ihrem hochgewachsenen Körper saß, dass es nur maßgeschneidert sein konnte. Außer bei meiner Mum und bestimmten Onkeln und Tanten habe ich es nicht so mit Ehrfurcht vor dem Alter. Und vor ererbten Titeln schon gar nicht. Andererseits glaube ich daran, dass Leute sich leichter verplappern, wenn man es ihnen angenehm macht. Also lächelte ich und sprach sie mit »Lady Helena« an. Mir entging nicht, dass sie mich nicht aufforderte, ich solle sie »bitte einfach Helena« nennen. Ich bat die beiden herein und ließ die Türen hinter ihnen ins Schloss gleiten. Vor der Statue von Isaac Newton blieb Lady Helena stehen und las die Inschrift. Natur und der Natur Gesetze lagen in dunkler Nacht; Gott sprach: Newton sei! Und sie strahlten voll Pracht. »›Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheinen mag‹«, sagte sie, und ich erkannte Newtons Worte, »›aber mir selbst komme ich nur wie ein Junge vor, der am Strand spielte.‹« Sie hob eine Augenbraue. »Wo wären wir nur ohne die großen Männer der Geschichte.« Und ohne meine Aufforderung abzuwarten, rauschte sie ins Atrium. Ich begegnete Carolines Blick. Sie verdrehte die Augen. Für den Nachmittagstee benutzen wir immer das Atrium, weil Molly nicht erlaubt, dass im Frühstückszimmer etwas anderes als das Frühstück stattfindet, und der große Speisesaal ist trotz des hübschen Deckengemäldes aus dem 18. Jahrhundert, auf dem Newton der Welt das Licht bringt, ein bisschen heruntergekommen. Die grünen Ledersessel waren kunstvoll neu arrangiert worden – der besonders gemütliche mit den rissigen Armlehnen war nicht unter denen, die in lockerer U-Form um zwei niedrige Tischchen aus Walnussholz gruppiert waren. Sowohl die Tischplatten als auch das grüne Leder schimmerten, und es roch durchdringend nach Möbelpolitur. Auf den Tischchen war das silberne Teeservice aufgestellt, das ich bisher nur als Dekoration auf der Anrichte im Privaten Speisezimmer kannte. Auf den Platten türmte sich eine Auswahl an Keksen, Kuchen und glasierten Törtchen in Rosa und Gelb. Erst später bekam ich mit, welche Mengen davon noch auf Vorrat vorhanden waren. Molly hatte die ganze Nacht gebacken, bis Toby gegen Morgen in ein diabetisches Koma gefallen war. Derzeit lag er mit den Beinen nach oben reglos in der Küche. Nightingale stand auf, als die Damen eintraten, und deutete auf die Sessel. Ich hatte gehofft, dass sich Molly plötzlich hinter ihnen materialisieren würde, doch stattdessen kam sie von der Küchentreppe her angeglitten, in den Händen ein Silbertablett mit einer viereckigen weißen Art-déco-Teekanne mit Goldrand darauf. Lady Helena beobachtete, wie Molly näherkam. Interessiert, aber nicht überrascht. Ich fragte mich, was sie über Molly wusste. Und darüber, wie das Folly innen aussah. Als wir saßen und Molly den Tee serviert hatte, nickte Nightingale und lud unsere Gäste mit einem formellen Nicken ein, zu essen und zu trinken, ohne eine Verpflichtung befürchten zu müssen. »Danke«, sagte Lady Helena. »Nur aus Neugier, halten Sie dieses Ritual wirklich für nötig?« »Unter uns gesagt – was Praktizierende unter sich betrifft, bezweifle ich es. Am Hof der Themse oder unter den Hohen Fae würde ich das Risiko nicht eingehen wollen.« Lady Helena nahm einen Schluck von ihrem Tee. »Glauben Sie nicht, dass das Ganze in einer archaischen Angst vor der weiblichen Sphäre begründet liegt?« Als Nightingale sie nur höflich fragend anblickte, fügte sie hinzu: »Da die Nahrungszubereitung von alters her in der Verantwortung der Frau liegt.« »Ich habe keine Ahnung. Aber es ist meine Devise, im Zweifelsfall lieber etwas zu viel Vorsicht walten zu lassen.« Während sie weiter in dieser Art um den heißen Brei herumredeten, aß ich ein Stück Erdbeer-Gitterkuchen und Caroline zwei rosa glasierte Engelskuchen hintereinander. »Sie wurden von Ihrer Mutter ausgebildet, habe ich gehört«, sagte Nightingale schließlich. »War das die gängige Praxis?« »Ich glaube, so etwas wie eine ›gängige Praxis‹ gab es nicht«, sagte Lady Helena. »Meine Mutter wurde von ihrer Tante ausgebildet und diese von jemandem aus dem Freundeskreis der Familie.« »Einer weiblichen Freundin?« »Selbstverständlich. Aber ich denke, dieses Thema gibt nicht mehr viel her. Sollen wir zum Geschäftlichen übergehen?« »Gewiss doch. Was würden Sie gern besprechen?« Lady Helena setzte die Teetasse ab. Sie hatte den Tee kaum angerührt. »Jonathan Wilds letztes Rechnungsbuch. Die dritte Principia. Alchemie. Das Geheimnis des ewigen Lebens.« Sie lächelte, ein strahlendes Echo der Frau auf der Fotografie. »Liefert das genug Gesprächsstoff?« »Wir sind immer an Informationen interessiert, die beim Auffinden gestohlener Güter behilflich sein können«, sagte Nightingale. »Ist das hier der Fall?«, fragte Lady Helena. Nightingale warf mir einen Blick zu. »Die dritte Principia wurde definitiv im Jahre 1719 gestohlen«, erklärte ich. »Damals war ein gewisser Sir Isaac Newton Königlicher Münzmeister und ständig dabei, Fälscher und Münzstutzer zum Galgen zu schicken.« »Der Legende nach wurde das Buch von Jack Sheppard persönlich gestohlen«, sagte Nightingale. »Also ja, meiner Ansicht nach handelt es sich um gestohlenes Gut.« Lady Helena hob die Hände. »Nun, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht, wir sind beide rechtmäßige und unmittelbare Erben Sir Isaac Newtons. Wir können einander nicht ignorieren, und ich bin sicher, Sie stimmen mir zu, dass jeder Konflikt zwischen uns sinnlos und kontraproduktiv wäre. Was bleibt uns also?« Nightingale nickte langsam. »Sie sind der Meinung, wir sollten zusammenarbeiten.« Er sah mich an und lachte. »Dialogische Einbindung relevanter Interessengruppen.« Oh ja, er tut immer so, als stünde er still und ließe die moderne Welt an sich vorbeifließen, dachte ich. Aber er passt genau auf, und wenn er etwas Nützliches sieht, greift er lässig zu und nimmt es sich – Dinge, Ideen, Leute. Sein Lächeln verschwand, als er wieder Lady Helena ansah. »Lassen wir die Frage nach der gemeinsamen Sache für einen Moment beiseite und klären zunächst ein paar grundsätzliche Fragen. Haben Sie jemals von einem Zauberer gehört, der seine Identität verbirgt?« »Mit Hilfe einer Glamour-Bezauberung und einer Maske vor dem Gesicht?«, fragte Lady Helena. »Wir nennen ihn den gesichtslosen Magier«, sagte ich und merkte genau, dass Caroline ein Kichern unterdrückte. »Wir glauben, dass es zwei gegeben haben könnte«, sagte Nightingale. »Einen, der in den sechziger und siebziger Jahren aktiv war, und einen zweiten, seinen Nachfolger, wenn Sie so wollen, der seit Mitte der Neunziger in Erscheinung tritt.« »Der Ältere ist tot«, fügte ich hinzu. »Wenn Sie Albert Woodville-Gentle meinen«, sagte Lady Helena, »dann will ich das verflixt noch mal hoffen – schließlich habe ich ihn getötet.« Nightingale war so perplex, dass er fast eine halbe Sekunde schockiert schwieg, bevor er fragte, wann denn das passiert sei. »Am Augustfeiertag 1979«, sagte Lady Helena. »Sind Sie sicher, dass er tot war?« »Soll das heißen, er war es nicht?« »Er lebte noch bis vor zwei Jahren putzmunter im Barbican Centre«, sagte ich. »Mit einer russischen Pflegekraft.« »Warten Sie«, sagte Lady Helena. »Doch nicht etwa Varvara Sidorovna Tamonina?« »Genau die«, sagte ich. »Die verlogene Hexe.« Lady Helena wandte sich ihrer Tochter zu. »Und ich wollte dir nicht glauben, als du sagtest, sie würde lügen.« »Sie kennen sich?«, fragte ich. »Wir sind uns mal begegnet«, sagte Lady Helena. »Aber egal. Lebt Albert immer noch?« Nightingale verneinte, und sie war sichtlich erleichtert. Er erzählte ihr ein wenig mehr, zum Beispiel, dass Albert durch hyperthaumaturgische Gehirnschädigung an den Rollstuhl gefesselt gewesen war, aber auffälligerweise erwähnte er nicht, dass es der zweite Gesichtslose gewesen war, der Varvara Sidorovna eingestellt hatte. Er wollte wissen, ob Lady Helena das schon wusste. Ich auch. »Vielleicht sollten Sie uns erzählen, warum Sie ihn damals töten wollten«, sagte er dann. Und da wurde mir klar, dass er die Teestunde im Folly aus genau diesem Grund arrangiert hatte. Weil wir hier nicht Polizisten und Verdächtige waren, sondern vier Gleichgesinnte – Menschen, die sich durch geheime Kenntnisse und Fähigkeiten von der Masse abhoben – und Lady Helena uns gleich eine spannende Geschichte erzählen würde, statt sich mit dem Geständnis eines Mordversuchs selbst zu belasten. Deshalb hatte ich auch mein Notizbuch nicht zur Hand. Aber ich zeichnete die Unterhaltung auf einem altmodischen Diktiergerät auf, das ich eigens zu diesem Zweck auf eBay gekauft und unter die Tischplatte geklebt hatte. Unter Magieeinfluss leben Transistoren auch nicht viel länger als Mikroprozessoren, aber Magnetbänder schon. Was bedeutete, selbst im Falle einer größeren Meinungsverschiedenheit blieben mir meine Aufzeichnungen erhalten. Und das, liebe Jungen und Mädchen, ist der Grund, warum wir so viel Zeit im Labor zubringen und Experimente machen. »Ich bin auf einer Farm in Afrika aufgewachsen«, begann Lady Helena. »Mein Vater hatte von seinem Vater einen Titel geerbt, aber sonst nicht viel. Nachdem er aus der Luftwaffe entlassen war, zog er also dorthin, um sein Glück zu suchen.« Sie war ein Einzelkind gewesen und, wie sie sagte, aufgewachsen »wie Unkraut«, das einzige weiße Kind in hundert Meilen Umkreis. »Damals war der Wildbestand noch nicht von Wilderern dezimiert worden. Es gab noch Raubtiere, die Vieh rissen, und einmal holte ein Leopard zwei Kinder aus dem Dorf.« Ihr Vater hatte die Jagdpartie auf den Menschenfresser angeführt, und er war es auch gewesen, der das Tier erlegt hatte. Das Fell hatte er verkauft, um den Erlös für die Farm zu verwenden, aber den Kopf hatte er als Trophäe behalten. »Sie hat ihn immer noch«, warf Caroline ein. »In einem Karton auf dem Speicher. Wir sind früher immer raufgeschlichen, um ihn anzuschauen und uns zu gruseln.« »Und ich hatte mich schon gefragt, warum die Sachen auf dem Speicher immer mal woanders standen«, sagte Lady Helena. »Ich dachte, wir hätten vielleicht einen Poltergeist. Ihr könnt froh sein, dass ich keine Falle aufgestellt habe.« Ich wechselte einen Blick mit Nightingale, der wahrscheinlich dasselbe dachte wie ich: Was für eine Falle wäre das gewesen, und woher weiß sie, wie man eine herstellt? Lady Helenas Mutter hatte das Töten des Leopards nicht gefallen. Sie betrachtete den Menschen als Eindringling in die afrikanische Natur und fand, er solle sich nicht wundern, wenn die Tiere ihren natürlichen Instinkten folgten. »Wenn der Mensch nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, Liebling«, hatte sie gesagt, »sollte er vielleicht woanders leben.« Um ihre Tochter hatte sie sich aber keine Sorgen gemacht – die durfte mutterseelenallein auf Entdeckungstour gehen. Gut, pro forma war immer einer der Hausboys damit betraut, ein Auge auf sie zu haben. »Sie hatte mir schon mit sieben das Löwenmäulchen beigebracht.« Nightingale bat um eine Demonstration. Lady Helena schwenkte leicht die Hand, und es gab einen Blitz und einen lauten Knall, der von den Wänden widerhallte. Im nächsten Moment stand Molly hinter Nightingales Sessel. Es ging zu schnell, als dass ich ihr Signare erfassen konnte, aber da war auf jeden Fall dieser Hauch von brennendem Kerzenwachs, den ich bei dem Kampf im Harrods gespürt hatte. Nightingale fragte Molly, ob wir eine frische Kanne Tee bekommen könnten. Caroline nickte enthusiastisch und nahm sich ein Manchester-Törtchen, oder vielleicht auch ein Liverpool-Törtchen, ich verwechsle die immer. »Was hielten die Einheimischen von der Magie?«, fragte ich und dachte an meine Mum, die klare Ansichten über Zauberei, Hexen und deren Platz in einer gut organisierten Gesellschaft hat: so weit von ihr entfernt wie möglich. »Es waren Stammesleute. Sie glaubten ohnehin an Magie. Ich denke nicht, dass sie etwas daran merkwürdig fanden, auch wenn wir wazungu waren.« Vielmehr waren sie begeistert von Helenas Mutter und deren Fähigkeiten, Knochen einzurenken und Verletzungen zu behandeln. Nightingale fragte, woher sie diese Kenntnisse gehabt hatte. »Die Grundlagen hatte sie von ihrer Tante gelernt. Aber sie hat die Techniken an ihren Tieren geübt und verfeinert.« »Und an den Einheimischen?«, warf ich ein. Helena sah mich böse an und wandte sich wieder Nightingale zu. »Verstehen Sie, in der Gegend gab es keine Ärzte oder Krankenhäuser«, sagte sie. »Sie konnte die Leute nicht einfach abweisen.« Nightingale nickte verständnisvoll. Aber die Fähigkeiten ihrer Mutter hatten Grenzen. Offene Wunden, Knochenbrüche, Schnitte und Schürfwunden waren einfach. Nicht aber schwere oder chronische Krankheiten. »Krebs«, sagte Lady Helena bitter. »Gut erkennbare und begrenzte Tumore konnte sie herausschneiden und dann die Heilung der Wunde beschleunigen. Aber in systemische Sachen konnte sie nicht eingreifen. Einschließlich ihrer eigenen Leukämie.« Ihrer Familie hatte sie nichts davon gesagt, bis es zu spät für eine Chemotherapie war. »Das war schon in Uganda, wohin wir wegen des Mau-Mau-Kriegs gezogen waren.« Ich hätte sie gern gefragt, was für Formae ihre Mutter bei Knochenbrüchen und Gewebeverletzungen eingesetzt hatte, aber Nightingale hatte vorher ein ernstes Wörtchen mit mir geredet. »Bitte versuchen Sie sich nicht von Einzelheiten ablenken zu lassen, Peter. Wir wollen herausfinden, inwiefern sie mit Fossman zu tun hat und was sie über den Gesichtslosen weiß. Wenn alles gut geht, werden Sie später reichlich Zeit haben, Ihre Neugier zu befriedigen.« Meine Neugier?, dachte ich, während Lady Helena uns beschrieb, wie gebrochene Knochen in Tagen statt Wochen heilten. Dr. Walid wird seinen hippokratischen Eid brechen und uns umbringen, weil wir ihn nicht mit eingeladen haben. Zum Glück konnte ich ihm zur Besänftigung wenigstens die Aufnahme vorspielen. Nachdem Helenas Mutter gestorben war, hatte ihr Vater sie auf eine höhere Töchterschule verfrachtet, um ihr eine anständige Erziehung angedeihen zu lassen. Aber im London der sechziger Jahre hatte es für furchtlose junge Frauen massenhaft Gelegenheit für verrückte Abenteuer gegeben – sich für David Bailey auszuziehen war noch eines der harmloseren gewesen. »Sie kennen das ja alles, Schätzchen«, sagte sie zu Nightingale. »Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Aber natürlich fühlte ich mich vor allem zu dem hingezogen, was man die Demi-monde nennt.« Sie sah mich an und fügte hinzu: »Französisch für ›Halbwelt‹.« Offenbar hatte sie noch nie etwas von Google gehört. »Damals etwas exklusiver, nicht so angesagt.« Sie grinste. »Und weniger sicher.« Dort lernte sie einen jungen Mann namens Albert Woodville-Gentle kennen, der zaubern konnte. »Nicht so gut wie ich. Bei ihm war alles zackbumm, überhaupt keine Finesse.« »Hatten Sie eine intime Beziehung?«, wollte Nightingale wissen. »Gelegentlich. Wenn wir Lust darauf hatten.« »Freundschaft plus Bett«, sagte Caroline. »So ein vulgärer Ausdruck«, tadelte Lady Helena. Carolines Blick suchte meinen, und hinter dem Rücken ihrer Mum formte sie mit dem Mund: Dann eben Fickbeziehung. Was die beiden zueinanderzog, war die Magie. Den Sommer ’66 verbrachten sie in Monte Carlo, wo sie die Bank sprengten, und den Winter in Tanger, wo sie den Gewinn verprassten. Und die ganze Zeit brachten sie sich gegenseitig ihre magischen Kenntnisse bei und verfeinerten ihre Technik. »Und wir hatten atemberaubenden Sex auf dem Dach. Mit Chris Harlowe und Procul Harum im Radio.« Caroline verzog das Gesicht. An einem grauen Oktobertag des Jahres 1967 kamen sie nach London zurück und stellten fest, dass sich alles verändert hatte. »Man konnte förmlich spüren, wie sogar die Steine es ausschwitzten. Und an unseren alten Lieblingsorten waren überall neue Gesichter. Es war nicht mehr das London, das wir gekannt hatten. Es war gefährlich, befremdlich. Mir kam es jedenfalls so vor.« Albert Woodville-Gentle schien besser damit zurechtzukommen. »Aber ich hatte sowieso schon länger mit dem Gedanken gespielt, nach Indien zu gehen«, sagte sie, und schwupp, war sie weg, wenn auch mit British Airways und nicht auf dem Hippie-Trail. »Ich habe in einem Ashram studiert und bei ein, zwei Privatgurus.« Eine einheimische magische Tradition hatte sie indessen nicht finden können. »Obwohl ich das starke Gefühl hatte, dass da unter der Oberfläche etwas war. Damals wusste ich nichts von den Flüssen, sonst hätte ich in anderen Richtungen gesucht. Aber man kannte dort Ihren Verein.« Sie nickte Nightingale zu. »Ich bin mir nicht sicher, ob Sie in Indien den besten Eindruck hinterlassen haben.« »Also fanden Sie dort nicht, wonach Sie suchten?«, fragte er. »Ja und nein. Eine indische magische Tradition nicht, zumindest keine, die auf dem beruht, was wir Magie nennen.« Aber in den Slums von Kalkutta fand sie ein Ziel. Eine Berufung. »Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen, wie es dort ist. Diese unglaubliche Masse an Menschen, die dich von allen Seiten zu erdrücken scheint, der Lärm, die Farben, das Chaos, die Gerüche und das Leid. Wenn man länger dort bleiben will, flüchtet man sich entweder hinter hohe Mauern oder man krempelt die Ärmel hoch und versucht zu helfen.« Sie half mit, in einem bitterarmen Vorort eine ärztliche Versorgung aufzubauen, und fand dort reichlich Anwendungsmöglichkeiten für die magischen Techniken, die ihre Mutter in Afrika entwickelt hatte. »Anfangs beließ ich es bei den einfachen Dingen, Knochenbrüche, offene Wunden, aber in Paikpara kam man damit nicht weit. Allein an den Durchfallpatienten konnte man sich abarbeiten, bis man tot umfiel.« Das hätte sie auch am liebsten getan, weil diese Krankheiten die Kinder töteten. Die Grundprobleme waren aber nun mal die Armut und die schlechten hygienischen Verhältnisse. »Und dagegen kam ich nicht an. Aber ich dachte, ich könnte vielleicht etwas gegen die Lepra tun«, sagte sie, und ich ließ beinahe mein zweites Stück Bakewell-Torte fallen. »Und, konnten Sie?«, fragte ich, was mir ein Stirnrunzeln von Nightingale einbrachte. »Gegen die Krankheit selbst, nein. Gegen die Symptome, die Nervenschäden, ja, manchmal. Aber in keiner Weise zuverlässig. Ich sah einen möglichen Weg, aber ich hätte Geld für medizinische Ausrüstung und Medikamente gebraucht.« Und um der schrecklichen Not etwas entgegenzusetzen, die sie jeden Tag schier erdrückte. Also kehrte sie nach London zurück, um eine Spendenbasis für ihre Wohltätigkeitsorganisation zu schaffen, und lief geradewegs wieder Albert Woodville-Gentle in die Arme, charmant wie eh und je. Nachdem sie ihre Bekanntschaft erneuert hatten, trafen sie eine Übereinkunft: Albert würde ihr ein Startkapital zur Verfügung stellen und den Londoner Teil der Stiftung übernehmen, und im Gegenzug brachte Helena ihm die Techniken bei, die sie in Indien entwickelt hatte. Ich dachte an den Strip-Club des Doktor Moreau, wo Woodville-Gentle echte Cat-Girls und Tiger-Boys und andere Dinge erschaffen hatte, die Nightingale mich nicht hatte sehen lassen. Und an die glatte Babyhaut auf Lesley Mays Gesicht. Und plötzlich fiel es mir sehr schwer, meine Miene höflichen Interesses aufrechtzuerhalten. »Und Sie ahnten nicht, wozu er Ihre Techniken verwendete«, sagte Nightingale. »Im Mai 1979 erhielt ich einen Anruf«, sagte sie. »Der Anrufer fragte mich, ob ich wüsste, was mein ›guter Freund‹ in Wirklichkeit trieb, und gab mir die Adresse eines Clubs in Soho. Ich glaube, Sie kennen ihn.« »Brewer Street«, sagte Nightingale. »Wer war der Anrufer?«, fragte ich. Das wusste Lady Helena nicht. Sie war gerade beschäftigt gewesen, als sie abgenommen hatte, und hatte den Anfang nicht gut verstanden. »Eine Frau. Engländerin, denke ich, zumindest hatte sie keinerlei Akzent.« Also Engländerin der Oberschicht, dachte ich. Was Akzente angeht, hält jeder den eigenen für nicht vorhanden. »Haben Sie den Club aufgesucht?«, fragte Nightingale. »Ich hatte in jenem Sommer sowieso eine Reise nach London geplant. Statt Albert wie üblich anzurufen, dass ich da war, ging ich auf dem Weg zum Hotel in dem Club vorbei. Wissen Sie, was da im Foyer stand?« Nightingale nickte. Auch ich erinnerte mich sehr gut. Der körperlose Kopf von Larry »der Lerche« Piercingham, kleinkrimineller Informant und untotes Exempel dafür, warum man sich besser nicht mit dem Gesichtslosen anlegte. Er war wie ein Wahrsageautomat zurechtgemacht und, wie Dr. Walid später feststellte, über dreißig Jahre lang in einem halb lebendigen Zustand gehalten worden. Lady Helena hieb mit der Hand auf den Tisch, dass das Porzellan klirrte. »Diese Technik hatte ich entwickelt«, zischte sie. »Um in einem Notfall den Hirntod hinauszuzögern.« Sie hob die Hand zum zweiten Mal, hielt dann inne und ließ sie in den Schoß sinken. »Haben Sie das sonst noch jemandem beigebracht?«, fragte ich. »Meinen Sie damit, warum ich es keiner Pharmafirma verraten habe? Weil es kompliziert ist, gefährlich für den Anwender und eine Erfolgsquote von eins zu zwanzig hat. Ich hatte es nur im äußersten Notfall angewendet und versucht, es weiterzuentwickeln, aber meistens ist das Resultat nur ein schrecklicher halblebendiger Zustand.« »Zombies«, sagte Caroline, was ihr einen bösen Blick von ihrer Mutter einbrachte. »Was denn? Das ist es doch, was man kriegt, wenn es schiefläuft – Zombies.« »Ich beschloss, dass diese Technik niemandem in die Hände fallen durfte«, sagte Lady Helena. »Insbesondere nicht dem medizinischen Establishment. Meine Güte, können Sie sich vorstellen, was das Militär damit angefangen hätte? Man darf gar nicht darüber nachdenken.« Nach ihrer Begegnung mit Larry der Lerche beschloss sie, dass sie ihre weiterentwickelten medizinischen Techniken überhaupt niemandem weitergeben durfte, auch nicht ihrer Erbin. Sie mussten mit ihr sterben. »Und Albert?«, fragte Nightingale. »Genau«, sagte sie. »Der liebe Albert.« Sie verabredete sich in ihrem Hotel mit ihm, aber er musste erfahren haben, dass sie im Club gewesen war, denn er tauchte kampfbereit auf. »Es war eine Art gegenseitiger Hinterhalt«, erklärte Lady Helena. »Er griff zuerst an, aber ich war schon immer schneller gewesen als er. Es wurde recht unangenehm, und ich fürchte, das Hotel bekam das Meiste ab. Nur gut, dass ich nie unter meinem richtigen Namen buchte.« »Handelte es sich um das Pontypool Hotel am Argyle Square?«, fragte Nightingale. »In der Tat, ja.« »Man bat mich damals, das zu untersuchen«, sagte er, und zu mir: »Zuerst vermutete man eine Gasexplosion, dann Brandstiftung und dann die IRA, deshalb waren die Spuren schon etwas kühl, als schließlich ich gerufen wurde.« Er sah Lady Helena an. »Danke, dass Sie das aufgeklärt haben.« Und danke übrigens, dass Sie der Liste Ihrer möglichen Straftaten neben versuchtem Mord auch fahrlässige Körperverletzung und Identitätsbetrug hinzugefügt haben, dachte ich, ganz zu schweigen vom Eingeständnis Ihrer sorglosen Haltung zur medizinischen Ethik. »Ja, so endete es mit uns«, sagte sie. »Ich hielt den lieben Albert für tot. Zeit für einen coup de grace, um sicherzugehen, hatte ich nicht, weil die Polizei praktisch schon vor dem stand, was von der Tür übriggeblieben war. Also verabschiedete ich mich unauffällig.« Nightingale nickte sehr nachdenklich, und ich dachte mir, dass da jemand bald alte Fallakten von 1979 ausgraben würde, aber zur Abwechslung mal nicht ich. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen großen Karton voll modriger Papiere handelte, war groß – was Nightingale sowieso mehr Spaß machen würde als mir. Ohne Albert versiegten die Spendengelder, und ohnehin hatte sie angefangen, an der ethischen Vertretbarkeit ihrer Arbeit zu zweifeln. »Aber Sie haben doch bestimmt Leben gerettet«, sagte ich. »Mit den Krankheiten der Dritten Welt ist es wie mit dem Hunger«, entgegnete Lady Helena. »Wenn der Wille da wäre, könnte man beides schon morgen abschaffen.« Und ihre Angst vor potenziellem Missbrauch war zu groß geworden. »Überlegen Sie mal, was die militärische Forschung mit Tierhybriden machen könnte. Nein, besser, dieses Wissen stirbt mit mir.« Nightingale warf mir einen Blick zu und neigte den Kopf auf kaum merkliche Weise, was besagte, dass es an der Zeit war, dass die Kinder spielen gingen. Ich hatte mir ein paar Anreize überlegt, wie ich Caroline weglocken konnte, aber es reichte schon, als ich fragte, ob sie eine Führung durchs Haus wollte – sie sagte sofort ja. Toby, der aus seinem Fresskoma erwacht war und offensichtlich nach etwas Aufmerksamkeit lechzte, schloss sich uns an. Ich begann mit dem Hörsaal, in dem sich Generationen von Praktizierenden durch Vorlesungen und Schauversuche geschnarcht hatten, zeigte ihr dann das Rauchzimmer mit den Jugendstilornamenten und die Allgemeine Bibliothek, weil wir von dort über die Bibliotheksleiter durch eine verborgene Tür auf einem der oberen Regalborde zu der Treppe zum Hauptlabor gelangen konnten. »Und was macht ihr hier?«, fragte Caroline. Am einen Ende des Labors lag ein Haufen modifizierter Smartphones der ersten Generation und am anderen Ende auf einem Labortisch ein Stück Blech mit zahlreichen Brandflecken. Auf dem Blech und dem Boden davor hatte ich mit Strichen Abstände markiert. An den von uns aus gesehen nächsten klebten die Überreste billiger Taschenrechner – ich war noch nicht dazu gekommen, sie abzukratzen. »Erinnerst du dich daran, wie bei Harrods die Lichter ausgingen?« »Ich erinnere mich nur, wie dein Meister mich umgeworfen hat.« »Er ist nicht mein Meister.« »Na, dein Vater ist er nicht, oder?« Dann sah sie mich scharf an. »Oder doch?« »Er ist mein Chef«, sagte ich. »Mein Vorgesetzter.« »Aha«, sagte sie. Dann betrachtete sie die Werkbank. »Weißt du, warum Magie Elektronik beeinflusst?« »Nein. Du?« »Nein.« Sie sah zu dem Haufen Smartphones hinüber. »Ich glaube, du weißt mehr als ich.« Also erklärte ich ihr, dass Magie meiner Erfahrung nach schwere Schäden an Mikroprozessoren verursachte, an Transistoren etwas weniger schlimme. »Aber keine an Elektronenröhren oder einfachen Schaltkreisen.« »Das weiß ich.« Sie hielt mir ihr Handgelenk entgegen. Daran prangte eine mindestens achthundert Pfund teure klassische Ladies Fireman von Balls aus Silber und Edelstahl. »Und deine?«, fragte sie. Ich zeigte ihr meine schwarz-silberne Omega. Sie packte meinen Unterarm und zog ihn heran, um sich die Uhr näher anzuschauen. »Verdammt. Woher hast du die?« »Weihnachtsgeschenk.« »Und dein Boss?«, fragte Caroline. »Dein Vorgesetzter? Was hat der für eine?« »Immer passend zur Kleidung. Ich glaube, er hat eine Schublade voll davon, gleich neben den Manschettenknöpfen.« »Hat Stil, der Mann«, sagte sie. »Bisschen altmodisch für meinen Geschmack.« Ah, du hast keine Ahnung, dachte ich. Nur einen Verdacht. Tja, von mir erfährst du auch nichts Neues. »Wenn man hier arbeitet, ist es nicht leicht, up to date zu bleiben. Und was hat deine Mum ums Handgelenk?« »Nur Haut. Sie findet, die Uhrzeit ist ein Diktat des Industriekapitalismus, dem man sich nicht widerstandslos unterwerfen darf. Außerdem meint sie, eine Uhr würde den Energiefluss zwischen ihren Chakren stören. Du hast mir noch nicht gesagt, wozu diese Handys da sind.« »Jemand«, sagte ich und meinte Lesley May, »hat herausgefunden, wie man das Energiepotenzial von Smartphones anzapft, um Magie zu wirken.« »Muss es ein iPhone sein, oder geht auch Android?« »Hauptsache, es hat einen Mikrochip.« »Warte mal. Soll das heißen, Chips werden durch Magie nicht nur zerstört – sondern man kann tatsächlich ihre Energie nutzen? Woher weißt du das?« Weil ich trainiert hatte, zu Forschungszwecken ein sehr gleichmäßiges Werlicht zu schaffen, und es mit Taschenrechnern, Handys und einmal einem uralten Laptop gefüttert hatte. Dabei hatte ich die unterschiedliche Leuchtkraft mit einem antiken Spektrometer gemessen, das ich in einem Lagerraum gefunden hatte. Es war ein Kunstwerk aus Messing und Emaille, das aussah, als hätte jemand zwei Teleskope auf einem frühen Schallplattenteller befestigt. Das Prisma hatte ich erst zwei Wochen später gefunden, in einer anderen Schachtel, zusammen mit ein paar handgeschriebenen Notizen auf Latein, die ich Nightingale nicht gezeigt hatte, aus Angst, dass er sie konfiszieren würde. Übersetzt hatte ich sie noch nicht, aber von den Diagrammen her war ich mir ziemlich sicher, dass der Autor ähnliche Experimente durchgeführt hatte wie ich. »Wie füttert man einen Zauber mit einem Taschenrechner?«, fragte Caroline. »So wie man bei einem Tieropfer vorgehen würde, nur ohne Tier.« Das erstaunte Caroline, nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht gewusst hatte, dass man tatsächlich Tiere opfern konnte – eigentlich nicht verwunderlich, so wie ihre Mum drauf war. »Zehn Punkte für Ravenclaw«, sagte sie. »Was? Ich bin für Gryffindor.« »Träum weiter. Ravenclaw, definitiv.« »Ich glaube«, sagte ich, »es müsste möglich sein, eine Art magische Kettenreaktion zu initiieren, die von den Chips gespeist wird, ohne dass der Praktizierende noch etwas dazu tun muss.« Fast hätte ich gesagt, wie bei einer Phaserüberladung, aber ich habe gelernt, solche Witze für mich zu behalten, selbst bei Leuten, die Harry-Potter-Anspielungen machen – vor allem bei Leuten, die Harry-Potter-Anspielungen machen. »Und was genau bringt das?« »Magisch gesehen bringt es praktisch gar nichts. Aber es hat den netten Nebeneffekt, dass jeder Mikroprozessor im Umkreis von zwanzig Metern pulverisiert wird.« Ich war morgens den Tatort im Harrods mit einem Laser-Entfernungsmesser und einem Taschenmikroskop abgegangen und hatte festgestellt, dass alle Mikrochips im Umkreis von zehn Metern völlig verschmurgelt waren, alle innerhalb von zwanzig Metern irreparabel beschädigt, und bis auf dreißig Meter gab es noch deutliche Anzeichen von Schäden. Ich hoffte, dass sich bei weiterer Recherche herausstellen würde, dass das Ganze dem Entfernungsgesetz folgte – sonst musste ich bei CERN anrufen und den Jungs sagen, dass sie erst mal eine Teepause machen sollten. »Ich habe einen ähnlichen Zauber, mit dem ich elektronische Zündschlösser ausschalten kann«, erzählte ich. »Abwürger nenne ich ihn.« »Cooler Name.« »Danke«, sagte ich. »Und wie nennst du diesen Rauchseilzauber?« Sie sagte, der eigentliche Name sei in Sanskrit oder Bengali oder so, aber sie nenne ihn einfach den Seiltrick. »Wir haben unten einen Schießstand«, sagte ich. »Hast du Lust, mir zu zeigen, wie das geht?« Er war definitiv nicht so leicht, wie sie ihn aussehen ließ. Ich zeigte ihr den Abwürger und die Skin-Granate, aber die Wasserbälle behielt ich für mich, weil sich jeder Mann ein paar Geheimnisse bewahren sollte. Wir demolierten die NATO-Pappkameraden nach Strich und Faden und wären vermutlich in Kürze zu Paintballpistolen übergegangen, aber da kamen die Erwachsenen und sagten, Caroline müsse jetzt nach Hause. Ich begleitete sie noch zum Auto. Es war sage und schreibe ein waschechter früher MG MGB – Baujahr 1968, nach den Instrumenten im Armaturenbrett zu schließen –, allerdings war er irgendwann in einem grausigen Limettengrün gespritzt worden, was wieder mal bewies, dass neun von zehn Oldtimern an ihre Besitzer verschwendet sind. Während ich ihnen nachwinkte, prägte ich mir das Kennzeichen ein, damit wir es in die Akte aufnehmen konnten. Nightingale sagte, er sei mit Lady Helena zu einer Übereinkunft gekommen. Sie würden gemeinsam Reynard Fossman aufspüren; ich solle derweil mit Operation Ringelblume weitermachen, um Fossmans Rolle darin genauer zu bestimmen. Und wenn ich dabei zufällig herausbekam, aus welcher Quelle Christina Chorleys tödliche Dosis Drogen stammte, damit Tyburns Tochter aus dem Schneider war, umso besser. »Nur um eines klarzustellen«, sagte ich. »Wenn Sie Fossman finden, wird er aber offiziell belehrt und vernommen – ja?« »Halten Sie das für klug? Unter den gegebenen Umständen?« »Entweder sind wir das Gesetz oder nicht.« Nightingale nickte ernst. Dann wandte er den Blick ab und lächelte. »Einverstanden.« »Gut«, sagte ich, aber das Lächeln kam mir komisch vor. Ich hatte erwartet, noch etwas Kuchen vorzufinden, aber als ich ins Folly zurückkam, hatte Molly schon alles, was nicht angebissen war, in professionelle Konditorschachteln gepackt. Sie konnte unmöglich vorhaben, es aufzuheben – wir würden niemals alles essen können, bevor es schlecht wurde, und vom Einfrieren hielt Molly grundsätzlich gar nichts. »Obdachlosenheime«, sagte Nightingale, als ich daran dachte, ihn zu fragen. »Das erfuhr ich neulich von einer netten jungen Dame, die mit einem Lieferwagen vorbeikam.« »Wir sollten herausfinden, mit wem sie sich dort abgibt«, sagte ich. »Wozu denn das?« »Grundlegende Vorsichtsmaßnahme?« »Aber Peter«, sagte er, »wenn wir das tun, könnte sie doch bemerken, dass wir Bescheid wissen.« Er nahm sich ein einsam herumstehendes Stück Liverpool-Torte. »Es macht ihr so viel Spaß, etwas heimlich hinter unserem Rücken zu tun, den würde ich ihr ungern verderben.« 7 Das freche Füchslein Als ich nach Belgravia zurückkam, musste ich feststellen, dass immer noch alle außer mir mit der Messerstecherei in Fulham beschäftigt waren. »Der arme Kerl stand vor einem Pub und trank sein Bier«, sagte Carey. »Da rückt einfach ein Trupp Leute an und sticht ihn nieder.« Am Whiteboard hing bereits eine Reihe weißer Gesichter – sie waren zwar so schlau gewesen, sich wegen der Überwachungskameras die Kapuzen ins Gesicht zu ziehen, aber jemand im Pub hatte sie erkannt. »Er hatte wohl was mit der Freundin von einem der Verdächtigen«, sagte Carey. »Wir wissen noch nicht genau, wessen Freundin sie war, aber zwei der Täter waren Brüder von ihr. Wären es Muslime, hätte ich gesagt, es war ein Ehrenmord.« In den Medien werden solche Sachen immer als sinnlos bezeichnet. Aber Sinn ergibt das Motiv durchaus. Es ist nur einfach dumm. Genau diese Art Fälle liebte Seawoll: einfach, geradlinig und gut für die Aufklärungsquote. Es war geplant, am nächsten Morgen alle sechs Verdächtigen bei verschiedenen Durchsuchungsaktionen zu schnappen. Carey war mit der Leitung einer der Festnahmen betraut worden, worüber Guleed sich maßlos ärgerte, weil sie nach wie vor im Morast meines Falcon-Falls feststeckte. Es war immer leicht zu erkennen, wenn Guleed sauer auf einen war, weil sie dann so eine distanzierte Höflichkeit an den Tag legte, wenn man mit ihr redete. Deshalb blieb ich lieber auf dem Revier, als sie ankündigte, sie werde jetzt St. Paul’s, exklusive Schule für höhere und höchste Töchter, aufsuchen und den Partyjahrgang nach allen Regeln der Kunst einschüchtern, und arbeitete mich durch die Maßnahmenliste von Operation Ringelblume, um zu sehen, ob etwas besonders verlockend wirkte. Das Interessanteste war ein Verweis auf die Kollegen aus Bromley, die jemanden mit einem ganzen Koffer Magic Babas hochgenommen hatten. Nicht nur dieselbe Marke wie die aus Hyde Park Nummer Eins, sondern dem Laborbericht zufolge ziemlich sicher aus derselben Charge. Also ordnete ich mir für den nächsten Morgen einen Ausflug ans andere Themseufer an. Das Polizeirevier Bromley ist wie das in Belgravia ein rotes Backsteingebäude aus den Neunzigern, das aussieht wie ein Morrison-Supermarkt, der im letzten Moment umgewidmet und mit Büros und Arrestzellen ausgestattet worden ist. An der Rezeption erwartete mich ein PC mittleren Alters und begleitete mich in einen Vernehmungsraum, wo Aiden Burghley, Möchtegern-Vorstadtdealer, mit seiner Anwältin wartete. Aiden war ein junger Mann, etwa in meinem Alter, aber kleiner, mit einem weichen, konturlosen Gesicht, braunem Haar und wässrigen blauen Augen. Er sah mehr so aus, als verkaufte er Versicherungen oder Häuser statt Drogen, aber seiner Akte nach war sein Abschluss an der Warwick University so beklagenswert schlecht gewesen, dass er wieder bei seinen Eltern in Bromley gelandet war. Eine Berufstätigkeit war nicht verzeichnet, aber er besaß einen uralten Vauxhall Vectra; verständlich also, dass er irgendwann so verzweifelt gewesen war, sich dem Verbrechen zuzuwenden. Die Versuchung war aber auch allzu groß: Man nahm die Fähre nach Holland, setzte sich in einen Coffeeshop, organisierte sich ein paar Pillen, machte noch ein bisschen einen drauf und tuckerte über den Kanal zurück. Pillen können Hunde nicht erschnüffeln. Man kauft sie auch nicht en gros, deshalb wird niemand misstrauisch, weil du schwer beladen bist. Ach was, du hast ja praktisch nur die zulässige Menge für den persönlichen Gebrauch dabei, höchstens ein kleines bisschen mehr, und die Chancen, dass du bei der Zollkontrolle zufällig rausgeholt wirst, stehen eins zu tausend – oder eher hunderttausend. Wäre Aiden Burghley so vernünftig gewesen, sich die Pillen selber einzuschmeißen oder sie höchstens mit Freunden zu teilen, hätte er keine Probleme gekriegt, aber nein – er hatte versucht, sie im Glitrrz, einem Club in der Nähe der Bromley High Street, an zwei überraschte Polizistinnen außer Dienst zu verhökern. Nach kurzer Überlegung, ob es ihnen wert war, um der leichten Festnahme willen zuzugeben, dass sie sich in ihrer Freizeit in einem so notorischen Krawallschuppen herumtrieben, entschieden sie sich für die Festnahme. Daher hatte Aiden die Nacht in einer Zelle verbracht und sah sich nun mit einer langen Liste von Beschuldigungen voll unschöner Wörter wie »illegale Substanzen« und »verbrecherische Absicht« konfrontiert. Seine Anwältin von der örtlichen Pflichtverteidigung war ebenfalls jung und milchgesichtig. Aber bei Pflichtverteidigern muss man vorsichtig sein – sie verbringen nicht nur mehr Zeit in Verhörräumen als man selbst, sondern sind üblicherweise auch sehr schlecht gelaunt, weil ihre Mandanten Idioten sind und das Budget für Pflichtverteidiger von der Regierung laufend gekürzt wird. Tatsächlich kniff sie ihre schiefergrauen Augen schon zusammen, als ich mich vorstellte. Aiden würde vor Gericht kommen, das war klar. Aber als junger weißer Typ aus der Mittelschicht, der erstmals straffällig geworden war, hatte er gute Chancen, mit Bewährung davonzukommen, wenn er auf schuldig plädierte. Meine Strategie war einfach: Ich drohte ihm damit, ihn im Fall Christina Chorley in die Verdächtigenliste aufzunehmen. »Die Pillen, durch die sie gestorben ist, kommen aus derselben Charge wie die, die Sie aus Holland mitgebracht haben. Somit erfüllen Sie die Bedingungen, um wegen Totschlags …« So weit kam ich, ehe die Anwältin mich unterbrach und wissen wollte, inwiefern denn gesichert sei, dass Aidans Drogen wirklich genau denen entsprachen, die angeblich zum Tod von Christina Chorley geführt hätten. Ich war nur froh, dass sie noch nichts vom gerichtsmedizinischen Bericht wissen konnte. Hätte sie von Christinas Vorerkrankung gewusst, wäre hier und jetzt Schluss gewesen. Ich wartete ab, bis sie sich beruhigt hatte, unterbrach die Vernehmung und fragte sie, ob ich kurz mit ihr allein sprechen könne. Die Anwältin mit dem schönen Namen Patricia Polly (ja, wirklich, Patricia Polly) sagte, sie bräuchte sowieso eine Zigarette, also verzogen wir uns auf den Parkplatz. »Hören Sie«, sagte ich. »Ich will dem Jungen ja gar nichts, aber das ist ein hochbrisanter Fall, und irgendjemand wird dafür eingelocht werden. Selbst wenn ich jetzt wieder abhaue, jedes Kollegenteam, das sich die Sache später mal anschaut, wird zum selben Schluss kommen wie ich.« Was, na ja, keine komplette Lüge war, aber sehr weit oben auf der Wunschdenken-Skala. Ms. Polly nahm einen tiefen Zug von ihrer Silk Cut und nickte. »Okay, was wollen Sie?« »Ich weiß, dass er behauptet, er hätte sich die Dinger als persönlichen Vorrat angeschafft und nur deshalb ein paar verkauft, weil er unerwartet völlig abgebrannt war. Aber ich vermute, er hat irgendwem einen großen Batzen davon vertickt. Ich will nur wissen, wem.« »So was lasse ich ihn nicht zugeben. Selbst wenn es stimmen sollte.« Ich wartete ab. »Wenn Sie uns allerdings etwas gegenseitige Rücksichtnahme in Aussicht stellen …« »Fragen Sie ihn doch erst mal im Vertrauen, ob er uns weiterhelfen kann. Wenn da nämlich noch jemand anders im Spiel ist, hilft er uns nicht nur freiwillig mit wichtigen Informationen, sondern er sorgt auch dafür, dass nicht mehr er, sondern dieser andere von uns aufs Korn genommen wird.« Ich sah, dass sie noch Zweifel hatte, nahm aber an, dass sie letztendlich das Risiko eingehen würde. Ich gab ihr meine Visitenkarte und hatte genug Zeit, mir in der Kantine ein komplettes englisches Frühstück einzuverleiben, ehe sie mich anrief. Da war offenbar so ein Upperclass-Mädchen gewesen. »Hatte sie einen Namen?«, fragte ich Aiden. Wir wurden aufgezeichnet, weil es immer noch eine formelle Vernehmung war und ich die Aussage eventuell fürs Gericht brauchte. Es hat ja keinen Sinn, zu wissen, wer’s war, wenn man es nicht beweisen kann. »Seien Sie nicht blöd«, sagte Aiden. Ich fragte, wie sie ausgesehen hatte. »Weiß ich nicht mehr. Locken und …« Er machte mit beiden Händen ausladende Gesten vor seiner Brust. »Sie wissen schon.« »Schwarz oder weiß?« »Vielleicht.« »Vielleicht?« »Vielleicht ein bisschen gebräunt? Ich hab ihr echt nicht so ins Gesicht geschaut.« Ich fragte, ob er ihr Auto gesehen hatte. »Oh, klar. Ein BMW X5, Dreiliter-Turbo-Diesel.« »Welche Farbe?« »Imperial Blue.« »Imperial Blue?« »Ja, so nennt sich der Farbton. Imperial Blue.« »Können Sie sich an ihre Kleidung erinnern?« »Nö, Kumpel. Sorry.« Das war ein hervorragendes Beispiel dafür, warum Augenzeugen immer mit Vorsicht zu behandeln sind, seit Marc Anton sagte: Keine Ahnung, Kumpel, die hatten alle so ’ne Toga an. »Haben Sie die Zulassungszahl auf dem Nummernschild sehen können?« »Ja. 63.« An den Rest des Nummernschilds erinnerte er sich nicht, auch nicht an den Zulassungsbezirk. Manche Dinge sind für manche Leute wichtiger als andere. 63 bedeutete, dass das Auto zwischen September 2013 und Februar 2014 zugelassen worden war – das engte es schon mal etwas ein. Ich beendete die Vernehmung, gab ihn der Kriminalabteilung Bromley zurück und erwähnte lobend, wie brav er gewesen war – was auch immer ihm das bringen würde. Dann fuhr ich über den Fluss zurück und ließ mich an meinem Stückchen Tisch in Belgravia nieder. Carey brummte etwas und rückte ein bisschen zur Seite, ansonsten war er ganz darauf konzentriert, die Tonne Papierkram zu erledigen, die so einer kleinen Durchsuchungsaktion vorausgeht. Guleed war nicht zu sehen. Wahrscheinlich terrorisierte sie noch immer die Schulklasse in St. Paul’s. Als Aiden Burghley den blauen BMW erwähnte, hatte etwas in meinem Gedächtnis klick gemacht. Und als ich mich in HOLMES einloggte und in den Personendossiers von Operation Ringelblume eine Wortsuche durchführte, bekam ich es schwarz auf weiß: einen blauen BMW X5, im fraglichen Zeitraum registriert, zugelassen auf George McAllister-Thames. Auf gut Glück schaute ich in der Datenbank der automatischen Kennzeichenerfassung die gespeicherten Daten im Bereich Bromley nach. Und da war das Auto, wie es auf der A21 Richtung Bromley-Mitte und wieder zurück düste. Mit genau dem richtigen Zeitfenster dazwischen, dass Aiden Burghley dem Fahrer ein bisschen PMA verkaufen konnte. Ich zögerte kurz, dann gab ich das alles in HOLMES ein – ich wollte Lady Tys auf Abwege geratene Tochter nicht noch tiefer hineinreiten, aber der Sinn eines Datenerfassungssystems besteht nun mal darin, mit Daten gefüttert zu werden. Immerhin lief die Ermittlung dank Lady Tys Einfluss momentan auf Sparflamme, deshalb ging ich davon aus, dass Olivia vorerst keine größere Gefahr drohte. Mit etwas Glück verschaffte mir das genug Zeit, die Sache zu klären – unter Zuhilfenahme der guten alten Familienbande. Wenn in alten Zeiten ein wackerer Freisasse London durch das Aldgate in Richtung Colchester verließ, so tat er es in dem sicheren Wissen, dass nur eine Meile weiter ein kleiner Weiler lag, in dem er auf ein Pint und eine schnelle Pastete einkehren konnte. Diese Raststation wurde Mile End genannt, nach Le Mille End, was in normannischem Französisch »das eine Meile entfernte Dorf« bedeutet. Die Straße durch das Aldgate hieß Aldgatestrete und weil das ja viel zu offensichtlich war, nannte man sie später Mile End Road. In Mile End unterzeichnete der junge Richard II. während der Bauernrevolte im Jahre 1381 die Vereinbarungen mit den Aufständischen ohne die geringste Absicht, sie einzuhalten, und hier schlug die erste V1-Rakete des Blitzkriegs ein. Außerdem kann man in Mile End an der Queen Mary University Umweltwissenschaften studieren – deshalb traf ich mich hier zum Mittagessen mit Beverley Brook. Gleich die Straße runter gibt es ein paar der besten indischen Restaurants in London – aber nein, Bev, die seit Herefordshire total auf Outdoor stand, wollte lieber an der Green Bridge picknicken. Das ist eine Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Mile End Road, die die zwei Hälften des Mile End Park miteinander verbindet. Da sie aus dem aktuellen Jahrtausend stammt, sind in der Basis natürlich jede Menge Ladenlokale eingebaut. Eines davon heißt Rooster Piri Piri, und dort bekam man einen einigermaßen erschwinglichen Double Chicken Burger mit Pommes. Auch wenn Beverley und ich uns einig waren, dass die extrascharfe Piri-Piri-Sauce ein bisschen mild war. Wir stellten uns hinter ein paar jungen Typen mit identischer Bartmode und Malcolm-X-Brillen mit schwarzer Fassung an, die eine komplizierte Sammelbestellung aufgaben. Ihre Väter waren vielleicht aus Bangladesh oder Pakistan gekommen, aber sie sprachen Englisch mit Londoner bis Glasgower Akzent – mit einem Ausreißer nach Frankreich, bemerkte ich. »Ingenieurstudenten«, sagte Beverley, während die Jungs diskutierten, wie sie die Rechnung aufteilen sollten. Nachdem sie ihre Bestellung fertig konstruiert hatten, bekamen auch wir unser Essen. Wir stiegen damit auf die Brücke und schlenderten in den Park hinein, wo es eine nette freie Bank gab, von der aus man den Grand Union Canal nicht sehen konnte. »Es wäre unhöflich von mir, zu nah am Kanal zu sitzen, ohne Mrs. Canal um Erlaubnis zu bitten«, erklärte Beverley. Und das war ihr die Mühe nicht wert, zumal sie nicht fand, dass der Kanal so großartig anzuschauen war. »Da kenn ich Sümpfe mit einer besseren Durchflussrate.« Also, ich habe die Göttin des Grand Union Canal schon getroffen, und sie ist wirklich freundlich – vorausgesetzt, man bringt ihr eine Banane mit. Vorzugsweise aus dem Freihandel. Nachdem wir damit fertig waren, uns um die Pommes zu streiten, fragte ich Bev, ob sie mir vielleicht ein informelles Treffen mit ihrer Schwester arrangieren konnte. »Kannst du nicht einfach hingehen und klingeln?«, wollte sie wissen. »Selbst wenn ich spontan bei ihr vorbeischauen würde, würde sie doch nie ohne ihren Anwalt mit mir reden wollen.« Wenn sie klug ist, dachte ich, und das ist sie definitiv. »Ich will da nicht mit reingezogen werden.« »Ich will dich da doch nicht mit reinziehen.« »Oh doch.« »Okay, ich geb’s zu.« »Ich lasse mich aber nicht reinziehen.« »Olivia ist deine Nichte«, sagte ich. »Und sie steuert gerade mit schlafwandlerischer Sicherheit in eine schwere Anklage wegen Drogenbesitzes rein.« »Und Tyburn ist meine Schwester«, gab Bev zurück. »Meine ältere Schwester, und wenn sie einem was übelnimmt, dann ewig. Und damit meine ich: ewig. Außerdem wird es nicht so weit kommen – Tyburn wird es schon regeln.« »Und wie will sie das machen?« »Wenn es sein muss, wird sie zu eurem Oberkommando marschieren und deinem Boss klarmachen, dass jetzt Schluss ist. Wer soll sie schon aufhalten?« »Ich.« »Warum?« »Weil das mein Job ist. Weil das der Sinn und Zweck des Folly ist.« »Nein. Das ist, was du zum Sinn und Zweck des Folly erklärt hast. Ich frage mich, ob die Nachtigall das genauso sieht wie du.« »Weiß ich nicht. Aber darum geht’s auch nicht.« »Wirklich nicht?«, fragte Bev. »Kannst du diesen Fall nicht einfach Fall sein lassen – damit du ein ruhigeres Leben hast?« Es entstand eine lange Pause, in der Beverley mir unverwandt in die Augen sah und ich plötzlich Angst hatte, dass sie mich bitten würde, ihr zuliebe die Ermittlungen abzubrechen. Wenn sie das getan hätte, wäre ich nicht sicher gewesen, was ich sagen würde. Aber schließlich schüttelte sie den Kopf und schwenkte ihren Burger. »Na gut. Ich tu’s. Aber das kostet dich was.« »Was ist es diesmal?« »Maksim muss auf meiner Strecke durch Wimbledon Common ein paar Wellenbrecher in meinen Lauf einbauen.« Maksim war der Verwalter und einzige Angestellte der Stiftung zur Erhaltung und Verschönerung des Beverley Brook. Er war außerdem ein furchterregender ehemaliger russischer Mafioso, der auf komplizierten und moralisch fragwürdigen Wegen in Beverleys Dienste gekommen war. »Da braucht er Hilfe.« »Na gut. Solange du auch kommst und zuschaust.« Beverley grinste. »Du weißt, dass ich’s mag, wenn du Gewässerverschönerung betreibst.« Eigentlich mochte sie es vor allem, mich voll bekleidet ins Wasser zu kriegen. Ich glaube, daran ist einzig und allein Colin Firth schuld. Auf der Rückfahrt hatte ich einen plötzlichen Geistesblitz, daher begab ich mich, sobald ich wieder in Belgravia war, schnurstracks zu Guleed, die die Aussagen der terrorisierten reichen Töchter von St. Paul’s zu Papier brachte. Ich zeigte ihr mein Foto von der Collage an Olivias Wand mit dem lockigen Mädchen, das darin so oft auftauchte. »War die auch dabei?« »Oh ja.« Guleed sah in ihr Notizbuch. »Phoebe Beaumont-Jones. Hat ein paar Kurse zusammen mit deiner Olivia.« Ich dachte an das Foto aus Frankreich, auf dem sie sich so lässig umschlungen hielten. »Nicht die beste Freundin?« »Davon hat keiner ein Wort gesagt. Phoebe selbst auch nicht.« »Auf dem Foto sieht es definitiv so aus, als wären sie befreundet.« »Glaubst du, sie war mit auf der Party?«, fragte Guleed. Keiner der Zeugen hatte sie erwähnt, aber wenn sie nur als Freundin von Olivia dabei gewesen war, hatten sie sie vielleicht gar nicht weiter wahrgenommen. Oder hatten sie Angst vor Olivia – oder vor Phoebe selbst? Man darf nie von der äußeren Erscheinung ausgehen. Einmal war ich daran beteiligt, eine Schlägergang auszuheben, die im Auftrag eines Rentners mit kaputter Hüfte und Streichholzarmen die Oxford Street unsicher machte. Sie hatten solche Angst vor ihm, dass keiner von ihnen ihn verpfiff. Außerhalb der Vernehmungen fragte ich einen, warum. Er sagte, wenn der Alte in Rage komme, gebe es kein Halten mehr, dann schlage er einen restlos zu Brei. Es war durchaus möglich, dass Phoebe so jemand war, den die anderen Paulinen nicht zu erwähnen wagten. War sie auch diejenige, die die Drogen geliefert hatte? Ich sah Guleed an, die offensichtlich in eine ähnliche Richtung dachte. Also riefen wir in Bromley an und schickten ihnen ein Foto von Phoebe, damit sie es Aiden Burghley zeigen konnten. Weniger als eine Stunde Papierkram später rief Bromley zurück. Ja, es sei möglich, dass Phoebe die junge Dame gewesen sei, der Aiden die Pillen verkauft hatte – vielleicht. Wir versorgten Bromley mit allen persönlichen Daten, baten sie aber, uns zu benachrichtigen, bevor sie Maßnahmen in Phoebes Richtung ergriffen. »Nachhaken?«, fragte Guleed, womit sie meinte, ob wir uns auf die Suche nach Phoebe machen und ihr mal nachdrücklich auf den Zahn fühlen sollten, so dass sie vor Schreck vielleicht gleich was ausspuckte. Immer eine empfehlenswerte Taktik – aus dem Nichts aufzutauchen wie eine garstige Überraschung. Aber da das Mädchen siebzehn war, würden wir zuerst einen verantwortlichen Erwachsenen auftreiben müssen und so weiter, und das würde den Effekt ziemlich zunichtemachen. »Was meinst du?«, fragte ich. Guleed biss sich auf die Lippe. »Schauen wir vielleicht erst mal, ob wir noch was aus Olivia herausbekommen. Wenn Phoebe die Drogen besorgt hat, würde ich gern wissen, warum Olivia sie deckt.« »Vielleicht glaubt sie, dass sie nichts zu befürchten hat«, sagte ich. »Weil ihre Mum das schon regeln wird.« Guleed seufzte. »Schön blöd, wenn sie sich darauf verlässt.« »Zumindest momentan scheint ihre Mum es ganz gut hinzukriegen.« »Als ich klein war«, sagte Guleed, »wohnte ich in einem großen Haus mit Marmorböden, die vom Personal ständig blankgeputzt wurden. An die Böden erinnere ich mich, weil man, wenn man ordentlich Anlauf nahm, auf einem kleinen Teppich von der Diele durch den ganzen Flur bis ins Esszimmer schlittern konnte. In den Garagen standen fünf Autos. Eines davon war ein wunderschöner glänzend grüner Mercedes, und jeden Morgen setzte sich mein Vater hinten in den Mercedes und wurde zur Arbeit gefahren.« Sie zupfte leicht an ihrem Hijab. »Dann, eines Morgens, weckte unsere Mutter uns Kinder auf, packte uns hinten in den Mercedes, und mein Vater fuhr uns zum Flughafen. Am nächsten Tag wachte ich in einem B&B an der Euston Road auf. Wir waren zu siebt in zwei Zimmern, und es müffelte nach Klo.« Sie notierte etwas in ihr Notizbuch. »Mein Vater war ein sehr wichtiger Mann, bis er von heute auf morgen nichts mehr war. Macht ist in dieser Welt sehr flüchtig.« »Trotzdem bist du Polizistin geworden«, sagte ich. »Ich sagte, sie ist flüchtig. Nicht, dass sie unnötig wäre.« »Was war dein Dad denn, dass er so wichtig war?« Guleed klappte ihr Buch zu. »Setzen wir jetzt Olivia unter Druck oder nicht?« »Da kriege ich demnächst einen Treffpunkt gesagt«, sagte ich, was ja mehr oder weniger stimmte. »Wo ist eigentlich David?« »Kundschaftet sein Ziel aus. Er hat in einem Immobilienportal den kompletten Grundriss des Hauses gefunden und sieht jetzt zu, dass er alle Ausgänge überwacht bekommt.« »Gründlich sein zahlt sich aus«, sagte ich. Guleed zuckte mit den Schultern. Ich spürte, dass sie gleich wieder das Olivia-Thema aufbringen würde, da klingelte zu meiner Rettung mein Handy. Es war Beverley. »Du bist mir so dermaßen was schuldig«, erklärte sie und sagte mir Bescheid, wann und wo. Als ich es Guleed weitergab, war sie nicht erfreut. »Nur du?« »Wenn du dabei bist, wird es irgendwie auf offizielle Art offiziell. Und vielleicht ist das die beste Chance, die wir haben, herauszufinden, wer die Drogen gekauft hat.« »Wenn es aber doch Olivia war?« »Dann verschwenden wir unsere Zeit wenigstens nicht, indem wir sinnlos nach jemand anderem fahnden.« »Na gut. Aber ich warte vor der Tür, solange du drin bist.« Also zurück nach Mayfair, wo der stete Geldstrom die Straßen sauber und frei von unansehnlichen Exemplaren der Unterschicht hält. Es war ganz gut, dass Guleed im Auto bleiben wollte, weil wir sowieso keinen legalen Parkplatz fanden. »Sei vorsichtig«, sagte Guleed, als ich ausstieg. »Klar. Wenn du in einer Stunde noch kein Lebenszeichen von mir hast, rufst du den Präsidenten an.« Lady Ty öffnete mir die Tür. Ausnahmsweise trug sie kein Kostüm, sondern eine ausgebleichte Jeans und einen weiten grünen Arran-Pullover. Ihr Haar war unter einem verwaschenen afrikanisch gemusterten grün-goldenen Tuch verborgen. Entweder hatte sie gerade eine Haarkur drauf oder der Stress führte bei ihr zu atavistischen Verhaltensweisen. Keines von beiden war ein gutes Omen. Ihr Blick erfasste kurz Guleed und kehrte zu mir zurück. »Ah, die Geheimpolizistentochter haben Sie im Auto gelassen.« »Ty«, sagte ich, »Sie sind besser in Sarkasmus als ich. Ich gebe mich geschlagen, oder was auch immer. Können wir es einfach hinter uns bringen?« Dass ich möglicherweise noch weniger Lust auf dieses Treffen haben könnte als sie, brachte sie lange genug aus dem Konzept, um mich widerstandslos ins Haus zu lassen. Gleich darauf stand ich wieder in der Küche, in der die Sache schon neulich aus dem Ruder gelaufen war. Olivia saß am selben Platz wie damals, aber diesmal gab es keine Belehrung und kein Notizbuch. Das hier war kein polizeilicher Besuch. Es war überhaupt kein Besuch. Ich war gar nicht hier. Da sie saß, blieb ich stehen. Ihre Mum auch. »Wir wissen Bescheid über Phoebe«, sagte ich. Ein winziger Ruck mit dem Kopf, als Olivia versuchte, ihre Reaktion zu verbergen. Und es half ihr auch nicht unbedingt, dass ihre Mutter fragte: »Was ist mit Phoebe?« Ich sah Lady Ty an, beobachtete aber aus den Augenwinkeln Olivia. »Ihr Mann George fährt einen blauen BMW?«, fragte ich und nannte das Kennzeichen. »Was ist damit?«, fragte Lady Ty, die vermutlich gerade vorgehabt hatte, mir die Daumenschrauben anzulegen, und jetzt Gott sei Dank etwas anderes hatte, worüber sie sich den Kopf zerbrechen konnte. »Wissen Sie, wo sich das Auto derzeit befindet?« »George hat einen Parkplatz in der Marble-Arch-Garage. Da steht es immer, wenn er auf Dienstreise ist.« »Mit einem Auto, auf das diese Beschreibung passt, wurden die Drogen gekauft, an denen Christina Chorley starb.« »Unmöglich.« Lady Ty ging zu einer erstaunlich markenlosen Handtasche, die auf der Arbeitsfläche neben der Mikrowelle stand, zog einen Schlüsselbund heraus und schwenkte ihn vor mir hin und her. »Das hier ist einer der beiden existierenden Schlüssel. Den anderen hat George.« »Dann waren Sie es, die die Drogen gekauft hat.« »Das ist doch absurd. Sie wissen genau, dass das absurd ist.« »Ich weiß, dass das Auto zur fraglichen Zeit am fraglichen Ort war. Ein Dealer kann es identifizieren, und es gibt Aufnahmen von Überwachungskameras.« Letzteres war eine faustdicke Lüge. Wenn ich mich fünf Tage lang auf die Suche nach Kameraaufzeichnungen machte, standen die Chancen vielleicht fifty-fifty, dass ich eine fand, die das Auto vor Ort erfasst hatte. »Ich hab’s Ihnen doch schon gesagt«, kam Olivias Stimme von hinter mir. »Das war ich.« »Sie hat nicht mal den Führerschein«, hielt Lady Ty dagegen. »Ich habe ihr angeboten, ihn ihr zu bezahlen, aber sie hat keine Lust.« Das wusste ich – genau wie ich wusste, dass Phoebe Beaumont-Jones einen funkelnagelneuen Lappen ihr Eigen nannte, erst im letzten Monat ausgestellt. Offensichtlich war sie motivierter als unsere gute Olivia. »Also müssen Sie es gewesen sein«, sagte ich zu Lady Ty, die zur Antwort eine Augenbraue hob. Ich richtete mich auf und sagte in meinem strengsten Ton: »Cecelia Tyburn McAllister-Thames, ich …« Der Name ist lang, und ich dehnte ihn so weit wie möglich aus, aber ich frage mich, was passiert wäre, wenn Olivia aus härterem Holz geschnitzt gewesen wäre. »Na gut«, rief Olivia. »Na gut, okay, ich war’s nicht allein.« Lady Ty sah mich an, bevor ich mich ihrer Tochter zuwandte, und ihr Blick war kühl und voller Ironie und furchterregend. »War Phoebe dabei?«, fragte ich. »Ja.« »Hat sie die Drogen gekauft?« Olivia zögerte. »Hat sie sie gekauft?«, fragte ihre Mutter. »Ja.« Lady Ty fragte weiter, ob es Phoebes Idee gewesen sei, die Drogen zu kaufen. Als Olivia wieder zögerte, wiederholte sie die Frage in einem Ton, den ich von meiner eigenen Mum kannte. Ein Ton, der besagt: Ja, du wirst gewaltigen Ärger kriegen, aber das ist nichts gegen den Ärger, den du kriegst, wenn du mir jetzt weiter dumm kommst. »Ja«, sagte Olivia. Es war Phoebes Idee gewesen, denn Phoebe war witzig und spannend und verbrachte nicht ihr ganzes Leben damit, zu versuchen, die Erwartungen anderer Leute zu erfüllen. Eine Rebellin. »Jaja«, sagte Lady Ty. »Schön für sie. Und warum genau hattest du vor, an ihrer Stelle ins Gefängnis zu wandern?« »Ich kenne doch deine Methoden«, sagte Olivia. »Ich wusste ja, dass du mich raushauen würdest.« »Das ist mir klar. Was ich wissen will, ist: Warum hast du für dieses Mädchen auch nur das Risiko auf dich genommen? Mein Gott, ich habe auch gute Freunde, aber ich würde doch nicht für sie ins Gefängnis gehen – schon gar nicht für eine Packung blöder Pillen.« Ich hatte genug solcher Situationen erlebt, um zu wissen, jetzt ging es zügig in Richtung Apokalypse, und mein Zeitfenster, noch etwas Sinnvolles aus einer von ihnen rauszubekommen, war verschwindend klein. »Wessen Idee war es, zu der Party in Hyde Park Nummer Eins zu gehen?«, fragte ich. Mutter und Tochter wandten sich um und starrten mich an. »Was hat denn das damit zu tun?«, wollte Olivia wissen. »Du hast gesagt, Christina wäre keine Freundin von dir gewesen. War es Phoebe, die vorschlug, dass ihr hingeht?« »Das muss ich nicht beantworten«, sagte sie, aber gewissermaßen hatte sie das schon. Lady Ty drehte sich wieder zu ihr um. »Warum tust du das? Was ist mit diesem … diesem Mädchen, dass du sie so beschützt?« »Ich liebe sie«, sagte Olivia sehr leise. »Was?« »Sie ist meine Freundin.« Und dann, um jeden semantischen Zweifel auszumerzen: »Wir sind zusammen.« Und weil ihre Mum sie wie betäubt anstarrte: »Wir haben Sex. Wir sind Lesben, gay, vom anderen Ufer …« »Schon gut«, schnitt ihre Mutter ihr das Wort ab. »Ich hab’s verstanden. Du bist lesbisch.« Zu diesem Zeitpunkt wünschte ich mir inbrünstig, Guleed zu sein und ganz dezent mit der französischen Bauernschrankimitation hinter mir zu verschmelzen. Lady Ty holte tief Luft. »Na schön. Seit wann?« »Seit ich vielleicht elf war.« »Und warum hast du es mir nie gesagt?« Sie warf einen funkelnden Blick in meine Richtung. »Weiß er es?« »Warum sollte denn er das wissen, bitte?« »Warum weiß ich es nicht, bitte?« »Weil ich mir schon dachte, dass du so reagieren würdest«, sagte Olivia. Als ihre Mum sie weiter wie betäubt anstarrte, setzte sie hinzu: »Tante Fleet hat gemeint, ich sollte es dir sagen.« »Fleet weiß es also? Natürlich weiß Fleet es. Warum bin ich nicht überrascht?« »Mit irgendwem musste ich irgendwann darüber reden«, begann Olivia, unterbrach sich und sah mich an. Auch ihre Mum sah mich an. »Sie haben, was Sie wollen«, sagte sie in seltsam gleichmütigem Ton. »Ziehen Sie Leine.« Ich zog Leine. Guleed saß noch im Auto und las sich etwas auf dem Handy durch. Sie hatte die Gelegenheit genutzt, um ihren Hijab zu wechseln. Der neue war neonblau mit silbernen und schwarzen Einsprengseln. Guleed hatte mir mal erklärt, dass Hijabs wie T-Shirts waren, man konnte mit ihnen genauso individuell seine Persönlichkeit ausdrücken, aber im Unterschied zu T-Shirts konnte man sie auch in Kombination mit den konservativen Klamotten tragen, die bei der Polizei angesagt sind. Als ich sie auf den neuesten Stand gebracht hatte, fragte sie: »Meinst du, dass Phoebe mehr mit dem toten Mädchen und Reynard zu tun gehabt haben könnte als Tyburns Tochter?« »Vielleicht. Wir sollten sie fragen.« Wir waren bereits auf dem Weg zu Phoebe Beaumont-Jones’ Adresse in St John’s Wood. Sie wohnte gleich westlich von Primrose Hill in dem elitären Streifen, der von Hampstead Hill im Norden nach Mayfair im Süden verläuft. Genau den Lauf des unterirdischen Tyburn entlang, konnte ich nicht umhin zu bemerken. Mein Dad sagt, als er jünger war, wohnten dort alle möglichen Leute, aber die Künstler, Musiker und anderen Unerwünschten seien von den immer höheren Immobilienpreisen vertrieben worden. Ich war mir sehr sicher, dass Olivia Phoebe höchstens zehn Sekunden, nachdem ich gegangen war, per Telefon oder SMS vorgewarnt hatte, deshalb mussten wir das Haus so schnell wie möglich zumindest überwachen, falls sie versuchte, sich davonzumachen. Aber noch ehe wir es erreichten, rief mich Nightingale an und sagte, sie hätten Reynard Fossman gefunden. »Wo?«, fragte ich. »Er hält sich in Archway versteckt – im Intrepid Fox.« »Im Ernst? Im Unerschrockenen Fuchs?« »Vielleicht«, sagte Nightingale, »dachte er, wir würden uns von der allzu großen Offensichtlichkeit täuschen lassen.« Da hatte er ganz offensichtlich keine Erfahrung mit der Polizei. Wir mögen es offensichtlich. Uns kann es gar nicht offensichtlich genug sein. Da es eine reine Falcon-Operation mit fragwürdiger Verstärkung sein würde, brauchte Nightingale mich sofort. Guleed versprach, Phoebes Haus im Auge zu behalten, bis ich wieder zu ihr stoßen konnte. »Alle Isaacs an die Front, was?«, sagte sie. »Wo hast du denn den Namen her?« »Wird das Folly nicht so bezeichnet? Irgendwo hab ich das mal gehört.« »Du hast mit Bev geredet, ja?« »Ich verrate nichts.« Also hatte sie mit Bev geredet. Himmel, ich hoffte, es war Bev gewesen. Denn wenn es jemand anders gewesen war … Guleed ließ mich an der Warren Street raus, damit ich die U-Bahn nach Archway nehmen konnte. Als ich klein war, war der heutige Intrepid Fox noch die Archway Tavern, ein berüchtigter Pub inmitten des großen Kreisverkehrs von Archway, kein Ort, wo ein wohlerzogener Junge aus Kentish Town hinging. Der ursprüngliche Intrepid Fox hingegen war ein Metal-Pub-Club-Mix in Soho gewesen und als solcher eines der ersten Opfer der Langweilisierung des West End geworden. Er zog zunächst nach St Giles um und dann in die Tavern, der niemand eine Träne nachweinte. Das Gebäude wurde innen und außen so schwarz gestrichen wie das Schlafzimmer eines Teenagers und die Wände mit einer Menge Gothic-Deko gepflastert in der Hoffnung, dass vielleicht mal Marilyn Manson auf ein Pint vorbeischauen würde. Übrigens wurde der Club kurz nach unserer Razzia geschlossen, aber diesmal kann ich reinen Gewissens sagen, dass es nicht meine Schuld war. Archway ist der Ort, wo der Nachkriegstraum von einer Stadtautobahn dank Bürgerprotesten und der Unfähigkeit der Stadtplaner, auch nur die grundlegendsten Fragen zur Verkehrssteuerung zu beantworten, zerplatzte. Das Bauprüfungsverfahren artete bekanntermaßen in ein solches Chaos aus, dass der Chefplaner auf einer Feuerleiter vor den protestierenden Bürgern fliehen musste. So blieb die A1 unerweitert, und in ihrer Verlängerung hockte wie eh und je die damalige Archway Tavern wie eine Mischung aus Panzersperre und Backstein-Klohäuschen und blockierte den Fortschritt. Ich habe mich schon oft gefragt, ob solche unzähmbaren Orte in London möglicherweise auf irgendeine Art Mr. Punch, dem Geist des Aufruhrs und der Rebellion, heilig sind. Vielleicht war das der Grund, warum ich glaubte, ihn lachen zu hören, als wir Reynard den Fuchs hopsnahmen. Vielleicht war es aber auch eine Kohlenmonoxidvergiftung, weil Caroline und ich auf einem dreißig Zentimeter breiten Stück Bürgersteig mit lediglich einer Leitplanke zwischen uns und drei Spuren stockendem Verkehr standen. Hier befand sich der Hinterausgang des Intrepid Fox, durch den nach unserer Schätzung etwa zwei Minuten, nachdem Nightingale und Lady Helena vorn reingegangen waren, Reynard mit hoher Geschwindigkeit herausgeschossen kommen würde. »Was auch passiert«, schärfte ich Caroline ein, »fass ihn nicht an – sobald du Hand an ihn legst, wird’s juristisch kompliziert. Hindere ihn notfalls lieber mit deinem Seiltrick an der Flucht. Das Handgreifliche übernehme ich.« »Bist du gern bei der Polizei?«, wollte sie wissen. »Und wie. Warum?« »Du scheinst ein helles Bürschlein. Kommt mir wie Verschwendung vor.« »Meinst du, ich hätte besser Börsenmakler werden sollen? Oder Fernsehkoch oder was ähnlich Sinnvolles?« »Oh. Ein Idealist.« Da fragte ich sie, was sie denn mit ihren Fähigkeiten vorhatte. »Ich will fliegen lernen.« »Mit Hilfe von Magie?« »Natürlich mit Hilfe von Magie. Den Pilotenschein hab ich schon.« »Und wenn du fliegen kannst, was machst du dann damit?« »Dann fliege ich.« Ich spürte mehr, als ich es hörte, wie es im Pub rumpelte, und roch einen Hauch Kerzenwachs. »Das war Mum«, sagte Caroline. Ich bedeutete ihr, auf der einen Seite der Tür Aufstellung zu nehmen, während ich mich auf der anderen postierte. »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.« Glas splitterte – definitiv kein Vestigium. Es folgte eine Art hohes Bellen. »Reynard?«, fragte Caroline. Ich hob die Schultern. Drinnen hörte es sich an, als ließe jemand die Tonspur einer Michael-Bay-Actionszene rückwärts laufen, und etwas krachte mit solcher Wucht gegen die Tür, dass der Türrahmen bebte. »Nightingale«, sagte ich. Dann wurde es verdächtig still. Wir spannten uns beide an und zwangen uns dann, tief durchzuatmen, um einen freien Kopf zu bekommen. Nichts Kompliziertes, dachte ich. Eine Wasserbombe ins Gesicht und ihn dann via Impello Nightingale entgegenschleudern, der ihm garantiert dicht auf den Fersen ist. Wir warteten eine scheinbare Ewigkeit, während der Verkehr an uns vorbeistockte und das Kohlenmonoxid sich in unseren roten Blutkörperchen festsetzte – dann öffnete sich die Tür, und Nightingale steckte den Kopf heraus. »Sie können hereinkommen«, sagte er. »Wir haben ihn.« Reynard wirkte recht unfroh, als wir ihn aus den düsteren Hallen des Gruftitums durch den Haupteingang in den blauen Asbo verfrachteten (der Jaguar wäre ein bisschen auffällig gewesen). Als er sicher mit Handschellen ausgestattet im Fond saß, ließ ihm Nightingale die Belehrung zukommen – es war die richtige, moderne, wie ich bemerkte. Man musste es Reynard lassen, er sah aus, als wollte er sich jeden Moment widersetzen – bevor er plötzlich in sich zusammensank und den Kopf hängen ließ. »Wohin bringen Sie ihn?«, fragte ich Nightingale. Technisch gesehen ist das Folly zwar ein Polizeirevier, aber in Bezug auf die Menschenrechte hat es einen ähnlichen Status wie Guantanamo. »Belgravia«, sagte Nightingale, schlug lächelnd ein waschechtes Beweis- und Maßnahmenbuch der Metropolitan Police auf und zeigte mir eine FESTGENOMMENE PERSONEN-Seite, auf der bereits in sauberen Großbuchstaben Reynard Fossmans Name eingetragen war. Ich fragte mich, was Reynard als ethnische Herkunft angeben würde – in der entsprechenden Zeile war definitiv nicht genug Platz für anthropomorphes Fabelwesen. »Miriam sagte, sie wolle bei der Vernehmung dabei sein.« Ich sah zu Lady Helena und Caroline hinüber, die in nicht zu auffälliger Hörweite standen. »Und die Damen?« »Sie warten auf Harold, der momentan auf dem Weg von Oxford hierher sein müsste.« »Also haben Sie es gefunden?«, fragte ich. Postmartin verließ sein beschauliches Oxford sicherlich nicht in solcher Hast für etwas Geringeres als die dritte Principia. »Wir haben etwas gefunden, was es sein könnte. Wenn wir Glück haben, kann Harold es uns bestätigen.« »Sie scheinen also alles im Griff zu haben.« »Sie müssen nicht so enttäuscht klingen, Peter. Ich lerne schnell. Aber wenn Sie ein Auge auf meine Fortschritte haben wollen, dürfen Sie mich gern begleiten.« »Schon gut. Ich hab Guleed sowieso versprochen, vor dem Abendessen zurück zu sein.« Ich umriss kurz, wie es mit Phoebe Beaumont-Jones und ihrer baldigen unfreiwilligen Unterstützung der Polizei bei deren Ermittlungen aussah. »Hätten Sie in diesem Fall gern meinen Beistand?« »Keine Sorge«, sagte ich. »Ich denke, wir kommen klar.« Berühmte letzte Worte. 8 Ungeladene Gäste Ich machte mich also wieder auf den Weg in die Straße mit dem erstaunlichen Namen Woronzow Road in St John’s Wood, wo die mysteriöse Phoebe Beaumont-Jones zu Hause war. Unterwegs rief Stephanopoulos mich an. »Sie haben keinen Verdächtigen verschwinden lassen, oder?« Oh je, bitte nicht, dachte ich. »Nicht dass ich wüsste«, sagte ich in der vergeblichen Hoffnung, Stephanopoulos würde die Absicht der glaubhaften Abstreitbarkeit bei dieser Antwort nicht bemerken. »Es ist nur so, dass Bromley einen kleinen Scheißer namens Aiden Burghley vermisst, mit dem Sie offenbar heute Mittag noch gesprochen haben.« Ich versicherte ihr, dass ich ihn nicht nur nicht hatte verschwinden lassen, sondern dass er sich, als ich gegangen war, in der sicheren Obhut besagter Kripo Bromley sowie seiner Anwältin befunden hatte. »Die sagt, sie hätte ihn nur fünf Sekunden aus den Augen gelassen, und schon war er weg.« »Ich war’s nicht, Boss.« »War es Ihr Boss?«, fragte sie, weil sie bei der Polizei ist und das mit der glaubhaften Abstreitbarkeit gepeilt hatte. Ich sagte, der sei es auch nicht gewesen – im Gegenteil, er sei gerade dabei, Reynard den Hühnerdieb nach Belgravia zu liefern. In diesem Falle, beschloss Stephanopoulos, war Aiden Burghley offenbar auf eigene Verantwortung stiften gegangen und daher Bromleys Problem, nicht unseres. Es war ein paar Stunden nach der Schul-Rushhour. Die Sonne ging gerade unter, die dicken Geländewagen standen alle sauber aufgereiht am Straßenrand. Zwei Häuser vor dem der Familie Beaumont-Jones entdeckte ich dazwischen den Asbo und spazierte hinüber. Aus dem Seitenspiegel traf mich sofort Guleeds Blick – niemand schleicht sich ungesehen von hinten an die Muslim-Ninja ran. Ich stieg neben ihr ein und bot ihr das Chicken Kebab, das ich an einer Halal-Bude in Tufnell Park erworben hatte, zum Tausch gegen ihr Tablet an. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten setzt die Met inzwischen massenhaft und mit Begeisterung mobiles Hightech ein – vor allem deshalb, weil man damit überall so tun kann, als arbeite man: zu Hause, in der Kantine, in der Kneipe. Leitende Beamte waren vor allem von iPads begeistert, weil die Find-my-iPad-Funktion ihnen ermöglichte, genau zu verfolgen, wie viel Zeit man in der Kneipe verbracht hatte – und ihre eigenen vergessenen iPads wiederzufinden, bevor jemand anders sie sich schnappte und den Inhalt an den Guardian verkaufte. Guleed war also sogar im Auto fleißig dabei gewesen, Informationen zu sammeln. »Der Vater ist offenbar stinkreich«, sagte sie. »Was macht er?« »Investiert.« Jeremy Beaumont-Jones hatte das Glück gehabt, reich geboren worden zu sein. Er gehörte nicht zu der wirklich abgehobenen Oligarchenschicht, aber ab einer gewissen kritischen Masse zieht das schiere Gewicht des Geldes noch mehr Geld an wie ein finanzielles Schwarzes Loch. Wenn man so vernünftig ist, es nicht für Rennpferde, Kokain oder Musicals auf den Kopf zu hauen, hat man ein finanzielles Perpetuum mobile. Außerdem war er in Oxford gewesen, wenn auch nicht auf einer unserer Little-Crocodile-Listen. »Wo ist er momentan?«, wollte ich wissen. »Bei einem Kongress auf den Bahamas.« »Könnte er schon auf dem Rückweg sein?«, fragte ich. Wenn der Herr Papa mit einem Aufgebot an Rechtsanwälten anrückte, könnte das der Ermittlung den nächsten Hemmschuh anlegen. Nachdem bereits Lady Ty uns so gut wie lahmgelegt hatte, hatte ich wenig Lust, noch eine Ladung Macht und Einfluss abzubekommen. »Er ist noch mindestens fünf Stunden weit weg.« Allerdings hatte er einen Privatjet. Ich musterte das Haus – das ehrlich gesagt ziemlich nichtssagend war, ein spätviktorianisches Reihenhaus, das selbst in dieser Gegend nicht mehr als drei, vier Millionen wert sein konnte. »Bisschen dürftig für jemanden von dem Kaliber.« »Er hat noch vier andere. Oh, schau, gerade geht das Hausmädchen.« Eine dünne, verhärmte Frau mit sandfarbenem Haar trat durch die Gartenpforte und ging in Richtung Swiss Cottage davon. Polin oder Rumänin vielleicht. Mum behauptete, reiche Privatkunden zögen weiße Reinigungskräfte afrikanischen vor. Im Grunde zögen sie auch Filipinos oder Vietnamesen oder sonst wen vor – Hauptsache, keine Afrikaner. Mum meinte, Büros seien ihr sowieso lieber, weil einen da keine hochnäsige weiße Frau überwachte und einem erklärte, wie man seinen Job zu machen hatte. Auf Krio klang es um einiges unhöflicher, muss ich sagen. Sonst hatte Guleed niemanden hineingehen oder herauskommen sehen, und falls Phoebe sich zufällig gerade auf einem der anderen vier Anwesen aufhielt – in der Lombardei, Irland, den Cotswolds oder Santa Barbara –, brachte es überhaupt nichts, wenn wir noch länger hier herumsaßen wie bestellt und nicht abgeholt. Wir wollten gerade aussteigen, da erschien der Stoppelschnitt aus dem Harrods auf der Bildfläche. Ich erkannte ihn sofort und Guleed auch, die schon Verstärkung anforderte, als ich noch nicht mit Fluchen fertig war. Stoppelschnitt war heute mit drei Kumpels unterwegs, ebenfalls weiß und mit Army-Muskeln und -Frisuren ausstaffiert. Alle trugen schwarze, locker geschnittene Anzüge, bequem und hervorragend geeignet zum Verbergen von Waffen. So en masse hätten sie sich auch gleich Stars and Stripes ins Gesicht malen können, so amerikanisch sahen sie aus. Sie gingen die Vortreppe hinauf und blieben vor der Tür stehen. Zwei ließen wachsam den Blick schweifen, während ein dritter sich am Schloss zu schaffen machte. Was genau er tat, konnte ich nicht sehen, bezweifelte aber, dass es etwas Legales war. Was auch immer, es ging schnell. Die Tür öffnete sich, und die vier traten auf routiniert effiziente Weise ins Haus. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich gerade Kimberleys Besucher im FBI kennengelernt hatte. Wo waren sie hergekommen? Bestimmt nicht von der U-Bahn-Station. Ich blickte die Straße entlang und erspähte zwischen den Hausfrauenpanzern einen schwarzen Ford Explorer mit der üblichen getönten Windschutzscheibe, trotzdem war auf dem Fahrersitz vage ein Mann zu erkennen. »Den können wir da nicht lassen«, sagte Guleed. Sie hatte recht. Wenn wir jetzt einfach dem Trupp hinterhermarschierten, würde der Kerl sie warnen. Also schusterten wir rasch einen unserer besseren Pläne zusammen – »besser« insofern, als er tatsächlich klappte wie geplant. Ich näherte mich dem Wagen über den Bürgersteig, während Guleed mitten auf der Straße darauf zuschlenderte und die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich zog. Sobald sie sie hatte, zog sie ihre Dienstmarke heraus und zeigte sie ihm weithin sichtbar, während sie weiter auf ihn zuging. Bei einem möglicherweise bewaffneten Amerikaner, so unsere einhellige Meinung, war es besser, von vornherein jeden Zweifel auszuschließen. »Vor allem, weil ich die mit der zweifelhaften Rolle sein werde«, sagte Guleed. Mich hatte der Fahrer vielleicht auch schon als Cop erkannt, aber das war egal. Er zögerte lange genug, dass ich dem Explorer einen Abwürger in die Motorhaube verpassen konnte – und damit konnte man diese spezielle Zündelektronik zu den Akten legen. Aber ich schränkte den Zauber so weit ein, dass sein Handy nicht litt, falls wir das später noch brauchten. Als guter Amerikaner legte er instinktiv die Hände aufs Lenkrad, wo wir sie sehen konnten. »Guten Abend, Sir«, sagte Guleed. »Würden Sie bitte aussteigen?« Und die Sache war gegessen. Er stieg aus, und wir durchsuchten ihn in vorbildlicher Befolgung von Kodex A, Paragraf 3.1 des Leitfadens der Met – nämlich dass jede Leibesvisitation höflich und mit Rücksicht und Respekt vor der zu durchsuchenden Person durchzuführen sei. Abgesehen davon, dass er klugerweise keinen Ton von sich gab, kooperierte er anstandslos. Das war erfreulich, weil er groß, fit und mit einer Halbautomatik in einem Schulterholster ausgestattet war. Außerdem hatte er ein Samsung Galaxy mit nachträglich eingebautem Generalschalter bei sich, gar nicht unähnlich den Telefonen, die Nightingale und ich verwendeten. Und am Handgelenk trug er eine mechanische Taucheruhr. Das war die klassische Praktizierenden-Ausrüstung, und in Kombination damit, dass er keinerlei Ausweisdokumente bei sich trug – nicht mal einen Führerschein –, fühlte ich mich in der Vermutung bestätigt, dass wir es hier mit magischen Geheimagenten zu tun hatten. Vielleicht sogar in vom amerikanischen Staat autorisierter Funktion. Die konnten sie hier in London allerdings in der Pfeife rauchen, deshalb nahm Guleed ihn wegen Mitführens einer Schusswaffe, Fahrens ohne Führerschein und verdächtigen ausländischen Auftretens in einem Wohngebiet fest. Als wir ihm Handschellen angelegt hatten, tauchte auch schon der erste Einsatzwagen auf, und wir verfrachteten ihn mit Schwung auf den Rücksitz. An diesem Punkt wäre ich voll und ganz damit zufrieden gewesen, auf Verstärkung zu warten, und träumte selig von einer bewaffneten Einheit des SCO 19, dem SAS und/oder Nightingale im Panzerzerstörungsmodus – da erwischte mich vom Haus her eine geballte Ladung Vestigia. Genaues erkannte ich nicht, nur einen Schuss öliges Wasser und einen kalten Schauder, der mir den Rücken hinunterlief. Laut meinem eselsohrigen Exemplar von Blackstones Handbuch der polizeilichen Praxis war ich in Sachen Schutz von Zivilpersonen jederzeit zum aktiven Eingreifen verpflichtet. Das bedeutete, ich musste mich zumindest pro forma vergewissern, dass Phoebe Beaumont-Jones nicht in diesem Augenblick von den restlichen Möchtegern-Jack-Bauers eine Runde Waterboarding verabreicht bekam. Vorausgesetzt natürlich, diese waren nicht mit der guten Phoebe im Bunde und saßen gerade gemütlich mit ihr bei einer Tasse Tee und konspirativem Geplauder. Und vorausgesetzt, sie befand sich überhaupt im Haus. Normalerweise sieht die Metropolitan Police es gar nicht gern, wenn ihre Beamten einfach irgendwo reinstürmen, ohne vorher eine Risikoanalyse zu machen oder die angemessene Spezialeinheit anzufordern. Unglücklicherweise war ich in diesem Fall die angemessene Spezialeinheit. Die bewaffneten Einsatzkräfte, die auf dem Weg hierher waren, waren für den Umgang mit einem Falcon-Szenario nicht ausgebildet – nicht zuletzt, weil der erste Entwurf des Leitfadens für Falcon-Großeinsätze alias Wie man mit abstrusem Scheiß umgeht derzeit als halbfertiges Word-Dokument auf meinem PC in der Remise des Folly vor sich hindämmerte. Ich rief Nightingale an, der meinte, er brauche noch eine Viertelstunde, und bat ihn um Erlaubnis, mal reinzuschauen. »Ja«, sagte er sofort. »Aber seien Sie sehr vorsichtig, Peter.« Guleed erklärte ich, das Standardvorgehen erfordere, dass ein zweiter Beamter außerhalb der unmittelbaren Zone potenzieller magischer Effekte (ZPME) blieb, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten, falls mein Airwave plus sonstige persönliche elektronische Kommunikationsmedien außer Funktion geraten sollten. Sie war zu Recht skeptisch. »Stimmt das wirklich?« Ja, sobald ich zurück ins Folly komme und es in meinen Leitfaden reinschreiben kann, dachte ich. »Verhindere einfach, dass irgendwer reingeht«, sagte ich. »Insbesondere du.« »Und wenn drinnen Sachen explodieren?« Das würdigte ich keiner Antwort. »Ich komme zumindest bis zur Tür mit«, sagte sie. Im Vorgarten bemerkte ich, dass in den Rasen dicke Streifen Glas oder Plexiglas eingelassen waren – Oberlichter einer Unterkellerung. Als ich Guleed darauf aufmerksam machte, schnitt sie eine Grimasse. Die ganz Stinkreichen haben den Sinn des Stadtlebens bis heute nicht kapiert und sind frustriert darüber, dass es schlicht unmöglich ist, in eine typische Londoner Stadtvilla die Annehmlichkeiten eines Landhauses mit Schaugarage, Swimmingpool, Kinosaal, Dienstbotenflügel etcetera hineinzuquetschen. Wer keine transdimensionale Technologie beherrscht, die bisher den Time Lords vorbehalten ist, muss sein Haus also nach unten erweitern. Man sieht: Alles, was zwischen einem Durchschnittsmillionär und der Aussicht auf eine Karriere als Bond-Schurke steht, ist die Frage, ob er zufällig einen erloschenen Vulkan zur Verfügung hat oder nicht. Solche nach unten erweiterten Häuser sind extrem lästig zu erstürmen, weil man doppelt so viele Leute braucht, um alles zu sichern. Stephanopoulos sagte einmal, beim Zuschauen sehe es aus wie der Witz mit den dreißig Chinesen im Kleinwagen, nur andersherum. Bei einer Razzia in Kensington war sie mal, nachdem sie eine halbe Stunde draußen gewartet hatte, schließlich reingegangen, um nachzusehen, ob sich auch keiner vom Zugriffsteam drinnen verirrt hatte oder womöglich der Versuchung der Bowlingbahn erlegen war, die sich gerüchteweise im zweiten Untergeschoss befand. Die Eingangstür stand einen Spalt offen, das Schloss war aufgebohrt worden. Also kein Freundschaftsbesuch. Ich steckte das Airwave im Freisprechmodus in die Tasche. In dem Moment wurde die Tür von innen geöffnet. Sie hatten jemanden als Wache am Eingang gelassen – natürlich. Der Mann war kleiner als der Fahrer, blond und hatte ein ovales Gesicht mit einem ganz erstaunlich fliehenden Kinn. Er öffnete die Tür nur halb und hielt die rechte Hand dahinter verborgen, daher entschied ich nach kurzer taktischer Erwägung, dass ein Kopfstoß vielleicht nicht sinnvoll wäre. »Hallo«, sagte er heiter. »Kann ich Ihnen helfen?« Ich bin nicht besonders gut in amerikanischen Akzenten, aber ich schätzte ihn auf Ostküste. Einen verrückten Moment lang war ich in Versuchung, ihn zu fragen, wie es um seine persönliche Beziehung zu Jesus bestellt war und, falls eine solche nicht vorhanden, ob er gern eine hätte? Aber ich glaube, das lag am Adrenalin. Die Pistole, die er vermutlich hinter der Tür versteckt hielt, lastete doch ein wenig auf meinem Verstand. »Hi«, sagte ich. »Peter Grant. Ich bin von der Polizei. Ist Phoebe Beaumont-Jones da? Ich würde gern mit ihr reden.« »Klar«, sagte er. »Kommen Sie rein.« Er öffnete die Tür etwas weiter und trat beiseite, um mich reinzulassen. Guleed, die sich, als die Tür geöffnet wurde, außer Sicht an die Hauswand gedrückt hatte, tippte mit dem Fingernagel zweimal gegen die Wand, um zu signalisieren, dass ihr das gar nicht gefiel. Aber sie blieb unsichtbar. Als ich in den Flur kam, war in keiner seiner Hände eine Pistole zu sehen. Ich vermutete, dass er sie hinten in den Hosenbund gesteckt hatte, aber sicher war ich nicht. Und aus einsatztechnischer Sicht vermeidet man gern jede Unsicherheit in Sachen versteckte Waffen, bevor man irgendwelche Dummheiten macht. Ich fragte ihn, wie er hieß. Er sagte, Teddy, womit er schon einmal den Tatbestand der Identitätsverschleierung erfüllte. Drinnen war das Haus vor höchstens fünf Jahren bis auf die Grundmauern ausgeweidet und neu gestaltet worden. Die für Londoner Stadthäuser so typische enge gerade Treppe war einer Wendeltreppe mit Marmorsetzstufen gewichen, wie Leute sie lieben, die ihre Möbel nicht selbst raufschleppen müssen. Eine ähnliche Treppe führte nach unten, und ich roch einen Hauch Chlor von einem Swimmingpool. Die Kombination von unterirdisch und Wasser ist eine, die mir nicht besonders zusagt. Natürlich gingen wir runter. Gemessen am Londoner Superbasementstandard war dieses hier eher bescheiden – eigentlich gab es nur Swimmingpool, Fitnessraum und Weinkeller. Der Pool war nicht sonderlich groß, da er den schmalen Grundriss des Hauses nicht überschreiten durfte, keine zehn Meter lang und knapp drei Meter breit. Unterwasserscheinwerfer malten zitternde Lichtreflexe auf die Decke und die blassrötlichen Marmorwände. Dem Designer hatte wohl ein türkisches Bad vorgeschwebt, aber gelungen war ihm eher etwas wie tschechischer Porno. Vor dem Pool gab es einen gefliesten Bereich mit einer weißen Plastik-Tischgarnitur und dazu passender überflüssiger Sonnenliege. Auf der Liege lag ein weißes junges Mädchen in einem blauen String-Bikini. Ich erkannte sie sofort von Olivias Fotos. Links und rechts von ihr stand je einer der Freunde von Stoppelschnitt mit aufgeknöpftem Jackett, die Arme locker seitlich herabhängend. Stoppelschnitt saß am Tisch, als wartete er auf den Kellner. »Das ist aber ungünstig«, sagte er. Er hatte noch einen kräftigen Bluterguss im Gesicht – hübsch lilafleckig, der musste richtig weh tun. Ich erwog kurz, ihnen zu sagen, dass sie alle verhaftet waren, aber nicht mal ich bin so bescheuert. Phoebe sah mich mit starrem Blick an. Ich bemerkte, dass ihre Beine zitterten. »Hallo, Phoebe«, sagte ich. »Wie geht’s dir?« Sie nickte nervös, schien aber nicht fähig, auch nur einen Ton herauszubringen. »Setzen Sie sich doch«, sagte Stoppelschnitt. Er klang leicht nach Südstaaten, aber nicht dieses Fernsehklischee, sondern der bewusst kultivierte Akzent von jemandem, der sich große Mühe gibt, als vernünftiger, zivilisierter Mensch durchzugehen. Ich war sofort auf der Hut. Also, noch mehr, als ich angesichts der Waffendichte hier drin sowieso schon war. »Wie ist Ihr Name?«, fragte ich. »Das ist momentan nebensächlich«, sagte er. »Was ist denn hauptsächlich?«, wollte ich wissen. Stoppelschnitt legte den Kopf leicht schief. »Ich würde sagen, wir haben uns hier in die etwas unglückliche Lage manövriert, dass zwei Parteien, die eigentlich Verbündete sein sollten, sich als Gegner gegenüberstehen.« »Verbündete?« »Sowohl Sie als auch wir sind die Erben Isaac Newtons«, sagte er. »Produkt derselben Aufklärung.« Damit war das nach Lady Helena schon der zweite Zweig Erben in einer Woche. Also, ich persönlich betrachte mich ja weniger als Erbe des großen Mannes, eher als jemand, der mal vorbeigekommen ist, um sich den Rasenmäher auszuleihen, aber wie Stephanopoulos mehr als einmal angedeutet hatte, ist meine vorlaute Klappe im Kontext der modernen Polizeiarbeit zuweilen unangebracht. »Nur um das klarzustellen«, sagte ich, »Sie sind die amerikanischen Zauberer?« Stoppelschnitt schüttelte langsam den Kopf. »Spezialisten, mein Junge. Wir sind dazu da, Probleme zu lösen, nicht, welche zu schaffen.« Also, aus meiner Sicht stellte sich das etwas anders dar, aber ich hatte momentan überhaupt nichts dagegen, ihn quasseln zu lassen, bis Nightingale auftauchte. Andererseits hatte sich Stoppelschnitt sicher schon ausgerechnet, dass Verstärkung unterwegs war. Es machte mich leicht nervös, wie entspannt er wirkte. »Ich glaube, Sie befinden sich hier ein bisschen außerhalb Ihres gesetzlichen Einflussbereichs«, sagte ich. »Unser Einflussbereich ist die ganze Welt, mein Junge. Ich kann Ihnen das Dekret des Präsidenten gern zeigen.« Ich sah zu Phoebe hinüber, die immer noch zitterte. Es war ziemlich kühl, und ich fragte mich, ob die Heizung abgeschaltet worden war. »Ich werde jetzt ganz langsam meine Jacke ausziehen«, sagte ich. Stoppelschnitt sagte, nur zu, und ließ mich die Jacke an einen seiner Leute weitergeben, damit der sie Phoebe gab, die sie sich überzog. Phoebe war viel kleiner, als sie auf den Fotos wirkte, und als sie sich bemühte, auch die Beine unter die Jacke zu ziehen, sah sie richtig kindlich aus. »Schade«, sagte Stoppelschnitt, als Phoebe aufhörte, weithin sichtbar zu zittern. »Noch eine Viertelstunde, dann hätten wir vielleicht was Nützliches aus ihr rausbekommen.« Ich sagte ihm, es sei besser, wenn er Phoebe jetzt gehen ließe. »Besser für wen?«, fragte er. Ich fragte mich wieder, worauf er wartete – was hatte er im Ärmel? »Besser für Phoebe«, sagte ich. »Und auf lange Sicht auch besser für Sie und Ihre Leute.« Stoppelschnitt bedeutete Phoebe mit einer eleganten Geste, sie solle verschwinden. Sie starrte ihn nur an. Ich sagte ihr, es sei alles in Ordnung, und in Anbetracht der Situation kam das erstaunlich überzeugend rüber. Phoebe sprang flink auf die Füße und schob sich an mir vorbei, ohne den Blick von Stoppelschnitt zu lassen. »Geh zur Vordertür raus«, sagte ich. »Bleib nicht stehen, bis du jemanden in Uniform siehst.« Sie nickte und eilte zur Treppe. Ich versuchte einfach mal mein Glück und drehte mich um, um ihr nachzuschlendern. Aber Stoppelschnitt schüttelte den Kopf. »Sie nicht, Peter.« Dann hob er das Handgelenk an den Mund und sagte in seinen Ärmel: »Teddy, wir lassen den Schemen gehen.« Dass er meinen Namen kannte, bewies ziemlich eindeutig, dass ich Kim Reynolds’ Besucher vor mir hatte, aber ich fragte mich, was ein »Schemen« sein sollte – und warum die Kerle immer noch so entspannt waren. Stoppelschnitt schien nicht dumm. Ihm musste klar sein, dass wir das Haus umstellen und demnächst bewaffnet stürmen würden – wenn sie Glück hatten. Wenn nicht, würde ein hochspezialisierter Verhandlungsbeamter der Met auftauchen und entnervend vernünftig auf sie einreden, bis die Amerikaner a) kapitulierten oder b) sich eine Kugel in den Kopf schossen, damit das endlich aufhörte. »Was ist ein Schemen?«, fragte ich. »Ein Wesen, das aussieht wie ein Mensch, aber in den Schatten wandelt«, sagte er. Selbst wenn man jeden Moment erwartet, dass mit dem Verdächtigen etwas Gewalttätiges angestellt wird, sollte man, so sehen es die polizeilichen Handlungsmaximen vor, stets versuchen, die Lage zu deeskalieren – eine friedliche Lösung wird jedermann zumindest einen Haufen Papierkram ersparen. »Bin ich auch ein Schemen?«, wollte ich wissen. »Das Urteil über Sie ist noch nicht gesprochen, mein Junge«, sagte Stoppelschnitt und sprach dann wieder in seinen Ärmel: »Okay, Teddy, wir hauen jetzt ab.« Ich fragte mich, was zum Teufel sie vorhatten – gab es einen Hinterausgang, einen Hubschrauber auf dem Dach, oder hatten sie sich beim International Rescue Committee eine Tunnelbohrmaschine ausgeliehen? Ich fand es nie heraus, denn in diesem Moment gingen die Lichter aus. Alle auf einmal. Da ich mich in einem Raum voll leicht erregbarer Männer mit Schusswaffen befand, schien es keine schlechte Idee, meinen Schwerpunkt aus der Schusslinie zu bringen. Ich ließ mich zu Boden fallen. Gleichzeitig hörte ich ein Krachen, ein unterdrücktes Ächzen und ein Rauschen. Und ein schrecklicher, vertrauter Gestank rollte über mich hinweg – die flüssige Scheiße der Kanalisation. Etwas klatschte gegen mein Bein. Schnell zog ich es ein. Die Amerikaner brüllten durcheinander, und etwas Schweres fiel in den Pool – ich hoffte, es war kein Toter. Ich brauchte unbedingt Licht, aber so weit weg von mir wie möglich. Daher beschwor ich ein Werlicht ans hinterste Ende des Raumes, wo es mich nicht blenden oder beleuchten würde. Noch während ich den Zauber vollendete, baute ich im Kopf die Formae für einen Schild auf. Das Werlicht leuchtete auf, seltsam verschwommen und wabernd. Überall begann es unerträglich laut zu knallen – die Amis eröffneten das Feuer. Das Licht flackerte und warf zitternde Schatten auf Wände und Decke. »Feuer einstellen«, brüllte ich. Nur für den Fall, dass keiner auf mich hörte, fuhr ich den Schild hoch. Ein kalter, stinkender Windstoß traf mich, und da begriff ich, was los war. Mein Werlicht hatte sich mitten in einer Wand aus Wasser manifestiert, die vom Pool bis an die Decke reichte. Sie kam durch den Raum auf mich zugerast, und das verursachte den Wind. Oh Shit, dachte ich, während vor mir der Schild entstand. Der falsche Zauber. Aber tatsächlich hielt der Schild das Wasser doch einen Sekundenbruchteil lang auf, bevor es mich, die Amerikaner und die billigen Gartenmöbel quer durch den Keller davonriss. Was uns zufällig das Leben rettete. Nicht, dass ich das in jenem Augenblick zu schätzen wusste. Durch den Schild gewann ich noch die Zeit, Luft zu holen, dann war nur noch kaltes strudelndes Chaos um mich, aufgelockert durch gelegentliche heftige Stöße und meine konstante helle Panik. Ich krachte mit beiden Schultern gegen irgendwas, und obwohl ich den Kopf eingezogen hatte, wurde er durch den Schwung nach hinten gerissen und traf auf eine harte Oberfläche. Vor Schmerz ließ ich den angehaltenen Atem entweichen und das Werlicht ausgehen. Finsternis schlug über mir zusammen, und von fern hörte ich eine schrille, gruselig fröhliche Stimme einen Singsang anstimmen: »Hei ho dideldumdei, ich mach sie alle, eins-zwei-drei.« Atmen ist eine automatische Körperfunktion, und irgendwann ist es so weit, dass du Atem holen musst, egal was dein Bewusstsein dir sagt und egal was du schlussendlich einatmen wirst. In der Finsternis sah ich blasse, schwankende Lichtstreifen. Die Oberlichter im Vorgarten. Ich brauchte dringend einen Ausweg, und für Subtilität hatte ich jetzt wirklich keine Zeit. »Knüppeldick!« Magie hat nichts mit starken Gefühlen, Zorn oder der Macht der Freundschaft zu tun. Magie bedeutet absolute Konzentration und Selbstkontrolle und die Fähigkeit, selbst dann noch klar zu denken, wenn man am Ertrinken ist. »Verdresch ich Old Nick!« Übung und Erfahrung sind dabei sehr nützlich. Aber am wichtigsten ist es, vorbereitet zu sein. Ich hatte einmal einen lustigen Nachmittag in der U-Bahn-Station Oxford Circus verbracht, begraben im Erdreich unter dem Bahnsteig der Central Line Richtung Osten. Danach habe ich Nightingale bearbeitet, mir etwas beizubringen, was einfach und effektiv gegen Bausubstanz wirkt. Es ist eine Variante von Impello mit diversen Schlenkern und Wendungen. Nichts, was Lehrlinge normalerweise lernen, sagte Nightingale. Auch bei der täglichen Polizeiarbeit sind die Einsatzmöglichkeiten eher begrenzt. Ich suchte mir eine Stelle in der Mitte eines der Oberlichter aus. »Kommt jemals er bei mir vorbei.« Ich hatte wirklich viel geübt – und ich war motiviert. Und ich hätte fast alles getan, damit der verdammte Mr. Punch endlich die Klappe hielt. Nur wirkte der Zauber nicht. Es war genug Licht da, dass ich die kleinen Staubwölkchen an der Decke sehen konnte. Feine Risse breiteten sich sternförmig von meinem Zielpunkt aus, aber die Decke war stabil gebaut und hielt stand. Ich versuchte die Formae ein zweites Mal zusammenzusuchen, aber mein Verstand war beherrscht von dem dringenden Bedürfnis, zu atmen, und einem langgezogenen, juchzenden Triumphschrei. Plötzlich spürte ich einen heftigen Schmerz in den Ohren, über mir wurde es auf einen Schlag hell, und der Teil der Decke, auf den ich den Zauber gerichtet hatte, schien nach oben wegzuexplodieren. Ich bewegte die Beine, so kräftig ich konnte, und schwamm auf das Licht zu. Als ich fast oben war, sog das Wasser mich plötzlich zurück, als wäre ich in einen Strudel geraten. Und abwärts ging’s. In meiner Brust war ein hohles Pochen, und mir war klar, jetzt würde es nur noch Sekunden dauern, bis ich einen evolutionären Schritt rückwärts machen und versuchen würde, Wasser zu atmen, aber da spürte ich Boden unter den Füßen. So fest ich konnte, stieß ich mich ab, dem Licht entgegen. Das Wasser um mich dröhnte und wogte, und plötzlich flog ich nach oben. Ich schoss in die Luft hinaus und atmete tief ein, und dann hustete und würgte ich, weil mir noch das Wasser übers Gesicht lief. Jemand packte mich am Arm und hielt mich über Wasser, während ich verzweifelt hustete und dann ein zweites Mal einatmete – diesmal richtig. Blinzelnd erkannte ich vor mir braune Augen, umrahmt von schwarzem Stoff. Ich blinzelte weiter und erkannte, dass es Guleed war, die sich den unteren Teil ihres Hijab über Nase und Mund gezogen hatte. Warum, wurde mir klar, als ich das nächste Mal einatmete und sofort wieder husten musste. Die Luft war so voller Ziegelstaub, dass ich nicht einmal die Straßenlaternen sehen konnte. Ich hing am erstaunlich glatten Rand eines etwa anderthalb Meter breiten Lochs im Garten. Dreckiges Wasser schwappte in einem rhythmischen Pulsieren über den Rand. Mein Zauber musste das Oberlicht zumindest lädiert haben, und dann war aus irgendeinem Grund der Wasserspiegel so stark gestiegen, dass es herausgedrückt wurde. Ich hätte gern gefragt, aus welchem Grund, aber ich war zu sehr mit Atmen beschäftigt. Allerdings nicht so beschäftigt, dass ich nicht laut geschrien hätte, als etwas mein Bein packte und versuchte, mich wieder abwärts zu ziehen. Ich strampelte wie verrückt, und Guleed packte meinen Arm fester und versuchte mich ganz über den Rand zu zerren. Da durchbrach neben mir ein Kopf die Wasseroberfläche und fing mit dem Luftschnappen an, das ich gerade hinter mich gebracht hatte. Es war einer von Stoppelschnitts Jungs. Würgend und keuchend gesellte sich noch einer hinzu – machte zwei. »Ich brauche hier mehr Leute«, brüllte Guleed, die alle Hände voll zu tun hatte, uns drei in dem spontan entstandenen Gartenteich über Wasser zu halten. Aus der Staubwolke materialisierten sich zwei Uniformierte und halfen dabei, mich herauszuziehen. »Hier lang«, sagte der eine und schob mich sanft zur Straße. Als ich aus dem Backsteinnebel trat, stürzte sich sofort ein schlanker, erstaunlich elegant wirkender Sanitäter auf mich, warf mir eine Aludecke über die Schultern und wollte wissen, ob ich Schmerzen hätte. Ich antwortete, ich sei gerade wunschlos glücklich mit meiner Atemtätigkeit. Er wollte mich unbedingt in seinen Rettungswagen schleppen und medizinische Sachen mit mir anstellen, aber ich hielt stand, bis Guleed aus dem Staub auftauchte, gefolgt von den beiden Uniformierten und den vorschriftsmäßig durchsuchten und in Handschellen gelegten Amerikanern. Ich fragte sie, ob sie Teddy oder Stoppelschnitt gesehen hätte. Sie entschleierte ihre Mundpartie und sagte: »Teddy hab ich mir geschnappt, sobald Phoebe durchs Gartentor raus war.« »Wir sollten dringend noch mal reingehen und den Anführer finden«, sagte ich. »Das halte ich für keine gute Idee«, sagte sie. Der Staub legte sich allmählich. Ich blickte zurück zum Haus und stellte fest, dass es sich auffallend verändert hatte. Die ganze Vorderfassade war in den Keller gesackt, und man konnte in die Zimmer hineinsehen wie bei einem kaputten Puppenhaus. Es sah aus wie 1940, überall zersplitterte Bodendielen und verstreute Trümmer. Ein Zimmer ganz oben war fröhlich sonnengelb tapeziert, ein Bett balancierte gefährlich am Rand dessen, was noch vom Fußboden übrig war. Das Zusammenbrechen der Fassade musste den Druck erzeugt haben, der meinem misslungenen magischen Loch zum Durchbruch verholfen hatte. Und ein zweiter Einsturz hatte mich hinauskatapultiert. Und wenn nicht ein Wunder geschehen war, befand sich Stoppelschnitt vermutlich irgendwo darunter. Unsere bewaffnete Spezialeinheit trat höflich zurück, um der Feuerwehr Platz zu machen. Sobald die den Ort gesichert hatte, würden sie mit Hunden und Wärmesensoren durchgehen. »Oh, Scheiße«, sagte ich. Guleed sah mich an, dann die Ruine des Hauses, dann wieder mich. »Sag nichts«, sagte ich. »Sag einfach gar nichts.« Die Diensthabende seufzte, als sie die Überreste von Stoppelschnitts Truppe sah. »Oh Mann, ging’s mir gerade noch gut.« Sie ließ sich nicht davon stören, dass die Amerikaner alle in stoischem Schweigen verharrten, trug in jedes Kästchen säuberlich »verweigert« ein, sorgte dafür, dass DNA-Proben und elektronische Fingerabdrücke genommen wurden, und sperrte die Amis weg. Um Verwechslungen zu vermeiden, liefen sie am Whiteboard unter Männlich, anon. – »Teddy«; Männlich, anon. – blond; Männlich, anon. – Narbe Augenbraue. Da sie alle erwachsen, Ausländer und auf frischer Tat ertappt worden waren, konnten sie warten. Phoebe Beaumont-Jones hingegen, siebzehn Jahre alt und – solange es keine Beweise für ihr mutmaßliches Dealertum gab – Zeugin und nicht Verdächtige, musste sofort vernommen werden. Nachdem ich also meiner Notfalltasche, die ich unter unserem Gemeinschaftsschreibtisch im Büro des Außenteams aufbewahrte, ein paar trockene Klamotten entnommen hatte, gesellte ich mich zu Guleed in die Optimales-Vernehmungsergebnis-Suite, um genau das zu tun. Wer heute Abend auf der Suche nach einem gemütlichen Plätzchen für ein Nickerchen war, würde sich mit seinem Schreibtisch begnügen müssen wie alle anderen Leute auch. Phoebe hatte sich geweigert, ihre Stiefmutter als verantwortliche Erwachsene dabeizuhaben. »Da geh ich lieber ins Gefängnis, wirklich«, hatte sie gesagt. Und da ihr Dad noch nicht wieder im Lande war, wurde es schließlich ein junger Anwalt einer hiesigen Kanzlei. Er war weiß, adrett und sprach ein Pseudo-Südlondonerisch, von dem sich niemand täuschen ließ außer vielleicht Phoebe. Nach der Belehrung plus hätte ich gern gleich über die Drogen geredet. Aber auf Wunsch der leitenden Beamten, die uns über Video beobachteten, hatte die Frage Priorität, was zum Henker die Amerikaner bei ihr gewollt hatten. Phoebe sagte, sie hätte keine Ahnung. »Ich war unten am Pool – da tauchten sie plötzlich auf.« Mit »sie« meinte sie Stoppelschnitt, der sich ihr als Dean vorgestellt hatte, und seine fröhlichen Gesellen. Sie hatten sie über ihre eBay-Aktivitäten befragt. »Was ist mit deinen eBay-Aktivitäten?«, wollte ich wissen. »Weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich mach nie was auf eBay.« »Hast du einen PayPal-Account?«, fragte Guleed. »Nein. Ich hab eine Kreditkarte.« Phoebe kaufte ebenso gern online wie Second-Hand-Sachen – nur nicht gleichzeitig. »Es macht total Spaß, in Charity-Shops Klamotten zu kaufen«, sagte sie. »Einmal hätte ich in einem in Chelsea fast eine echte Nicole-Farhi-Jacke abgestaubt, aber so ’ne Tussi hat sie mir vor der Nase weggeschnappt.« Was genau sie auf eBay angestellt haben sollte, wusste sie nicht. Dean alias Stoppelschnitt schien zu glauben, sie hätte versucht, ein Buch zu verkaufen. Wir fragten, was für ein Buch. »Ein altes. Also, richtig antik. Genau genommen hat er von einem Rechnungsbuch geredet.« »Hat er einen Titel erwähnt?«, fragte ich. Phoebe verneinte, aber als wir weiterbohrten, kam heraus, dass Stoppelschnitt-Dean so etwas wie »Letztes Rechnungsbuch« gesagt haben könnte. Das kam mir fast schon zu passend vor. Verdächtige können oft nicht widerstehen, ihre Lügen ein bisschen auszuschmücken in der Hoffnung, dass sie dann glaubhafter klingen – tatsächlich macht uns das aber nur noch misstrauischer. Ich nahm mir vor, die Angelegenheit in einer späteren Vernehmung wieder aufzugreifen, und fragte sie, was sie vor der Ankunft der Amerikaner gemacht hatte. »Ich war in der Küche und holte mir was zu trinken. Und dann«, Phoebe runzelte die Stirn, »klopfte jemand an die Tür.« Die genaue Uhrzeit konnte sie nicht sagen, aber es war kurz bevor die Putzfrau gegangen war. Zu dieser Zeit hatten Guleed und ich die Tür im Auge gehabt und definitiv niemanden gesehen. Die Amerikaner waren erst gekommen, als die Putzfrau weg war. An Guleed schleicht sich keiner vorbei – sie sagt, als Älteste von vielen Geschwistern entwickelt man dieses Talent automatisch. »Hast du aufgemacht?«, fragte Guleed. »Nein.« »War es ein Klopfen oder die Türklingel?«, fragte ich. »Ein Klopfen«, sagte sie zögernd, und dann entschiedener: »Definitiv ein Klopfen.« »An der Vordertür?«, fragte Guleed. »Ich denke schon.« Aber ganz sicher war sie nicht. Also konnte es auch die Hintertür gewesen sein. »Und dann?«, fragte Guleed. »Bin ich runtergegangen.« »Zum Schwimmen?« »Warum hätte ich sonst runtergehen sollen?« Als ich gekommen war, waren sie und ihr Bikini völlig trocken gewesen. »Was hattest du in der Küche an?«, fragte Guleed. »Ist das wichtig?« »Es hilft uns, den zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren.« »Jeans«, sagte sie. »Oder vielleicht eine Jogginghose und ein Sweatshirt.« »Nicht den Bikini?« »Nein.« »Auch nicht unter der Kleidung?«, bohrte Guleed. Phoebe warf mir einen Blick zu und verdrehte die Augen. »Nein.« »Bewahrst du den Bikini unten beim Pool auf?«, fragte ich. »Nie im Leben! Es ist ein Sofia von Vix – Olly hat ihn mir in Nizza besorgt. Den würde ich nie da unten lassen, wo die drankann.« »Die« war Victoria Jones, Phoebes Stiefmutter. »Also musst du doch zuerst in dein Zimmer gegangen sein, bevor du zum Pool runter bist«, sagte ich. Phoebe zuckte die Schultern. »Stimmt. Muss ich wohl.« Das menschliche Gedächtnis ist höchst unzuverlässig, und es kommt nicht selten vor, dass Zeugen sich an die Ereignisse, derentwegen sie vor dir sitzen, nur sehr unvollständig erinnern können, selbst wenn diese gerade erst stattgefunden haben. Aber die offensichtliche Lücke in Phoebes Erinnerungen begann mich doch zu beunruhigen. »Bevor die Amerikaner auftauchten«, fragte ich, »war da jemand anders mit dir unten im Keller?« »Wie, jemand?« »Irgendjemand.« Phoebe runzelte die Stirn. »Mit irgendwem hab ich geredet.« »Erinnerst du dich, mit wem?«, fragte Guleed. »Jemand von der Schule, glaube ich.« »Eine Schulfreundin?« »Nein.« Phoebe biss sich auf die Lippe. »Jemand Älteres.« »Mann oder Frau?« »Mann.« »Ein Lehrer?«, fragte ich. »Nein«, gab sie fest zurück. »Kein Lehrer. Komisch, ich glaube, es war der Vater von irgendwem …« »Trotzdem hast du ihn nicht erkannt?«, fragte ich. »Schon, aber nicht so, dass ich sagen könnte, wer er war.« Vage schwenkte sie beide Hände. »Als ob man auf dem Schulweg ist und plötzlich nicht mehr weiß, was man zum Frühstück hatte. Man weiß, dass man gefrühstückt hat, man weiß, was man normalerweise frühstückt, aber man kann sich einfach nicht erinnern, was man genau heute gegessen hat.« In doppelter Besetzung jemanden zu verhören erfordert einen gewissen Rhythmus. Du und dein Partner müsst den Ball ständig hin- und herschlagen, um den Befragten nie zur Ruhe kommen zu lassen. Wenn der keine Zeit hat, um über seine Antworten nachzudenken, ist die Chance größer, dass er versehentlich mit der Wahrheit herausplatzt. Oder sich zumindest genug widerspricht, dass man kapiert, was er vertuschen will. In der Hollywoodversion wird das zur Good-cop-bad-cop-Taktik überspitzt, um mit minimalem Zeitaufwand maximale Dramatik herzustellen. Guleed und ich hatten jetzt schon ein Jahr Übung darin, alle möglichen Leute zu verhören – von verrückten Mechanikern bis zu schlechtgelaunten Türstehern (ganz zu schweigen von der Sache mit dem Polizeipferd, aber ich musste ihr schwören, die niemals zu erwähnen). Daher wusste sie, dass jetzt ich mit einer Frage dran war, zum Beispiel mit der, wie denn seine Stimme geklungen hatte. Aber ironischerweise setzte genau in diesem Moment mein Denken aus. Denn plötzlich wusste ich, wer an diesem Abend mit uns unten beim Swimmingpool gewesen war. »Wie klang denn seine Stimme?«, fragte Guleed. Falls Phoebe eine Antwort gab, hörte ich sie nicht, weil ich mir dachte, dass es sicherlich nicht unendlich viele Eltern von Mitschülern gab, die Phoebe persönlich kannte. Mit etwas Glück waren es nur zehn bis zwanzig Väter, und die würden alle auf der Liste der Schule zu finden sein. Diese Liste konnten wir mit der Liste der Little Crocodiles vergleichen und dann weiter einschränken, indem wir herausfanden, wer für gewisse wichtige Zeitpunkte ein glaubhaftes Alibi hatte. Ja, er hatte seine Spuren immer gut verwischt. Aber wie hatte Nightingale gesagt: »Er ist nicht Moriarty. Er ist auch nur ein Krimineller, und früher oder später wird er einen Fehler machen.« Ich war mir ziemlich sicher, dass der Gesichtslose das gerade getan hatte. 9 Das Tigerjagdkomitee Der Hauptzweck einer Stabskonferenz ist es, eine Kollektivschuld an etwaigem Murks zu etablieren, der sich aus den dabei beschlossenen Maßnahmen ergibt. Damit keiner behaupten kann, von nichts gewusst zu haben, wenn die Sache den Bach runtergeht – es waren ja alle dabei, als das Ganze beschlossen wurde, nicht wahr? Steht nämlich im Protokoll. Normalerweise machen niedere Constables wie unsereins einen großen Bogen um solche Sitzungen und erledigen stattdessen absolut vordringliche Aufgaben wie Papierkram, Haus-zu-Haus-Befragungen oder die Durchsuchung einer Mülldeponie. Doch aufgrund der flachen Hierarchie des Folly (die genau zwei Stufen und zwei Mitarbeiter umfasste: Nightingale und mich) und seines spezialisierten Aufgabenbereichs nahm ich nicht nur teil, es wurde auch erwartet, dass ich einen wertvollen Beitrag leistete. Also saß ich nun in einem karg möblierten Konferenzraum im vierzehnten Stock des Empress State Building mit diversen Vertretern des Direktorats für die Aufrechterhaltung der professionellen Standards, der Mordkommission Belgravia und der Nationalen Kriminalbehörde zusammen. Den Vorsitz hatte ein gewisser Deputy Assistant Commissioner Richard Folsom, der mich – abgesehen davon, dass er eine voll abhängige Ein-Mann-Filiale der Tyburn-Gesellschaft darstellte – wegen der Geschichte in Covent Garden ganz persönlich auf dem Kieker hatte. Keine Frage, wo der Schwarze Peter bleiben wird, dachte ich. In jedem Sinne des Wortes. Guleed, bemerkte ich, glänzte durch Abwesenheit. Tatsächlich warf Folsom erst einen flüchtigen Blick auf mich, wobei sein rechtes Augenlid prompt nervös zu zucken begann, bevor er sich an Seawoll wandte und ihn bat, uns alle über den derzeitigen Stand der Ermittlungen und unsere operationale Taktik zu informieren. Man konnte Seawolls Antwort zusammenfassen mit 1. »verworren« und 2. »bereit zu handeln«, sobald wir auch nur die geringste Ahnung hatten, was wir tun sollten. Wir hatten Phoebe Beaumont-Jones von Freitag auf Samstag auf dem Revier behalten, weil die Kripo Bromley wegen der Drogen mit ihr reden wollte. Aber da Aiden Burghley nicht mehr zur Hand war, der ihr das Zeug möglicherweise verkauft hatte, wurde sie am Samstagnachmittag wegen mangelnder Beweislage entlassen. Zu niemandes Überraschung schlug DAC Folsom vor, da es keine Hinweise darauf gebe, dass Christina Chorley genötigt worden sei, die Pillen zu schlucken, und Olivia McAllister-Thames ihre Aussage zurückgezogen habe, ganz abgesehen davon, dass es nicht den geringsten Beweis gebe, dass sie oder ihre Freundin Phoebe Beaumont-Jones etwas mit den Drogen zu tun gehabt hatten, sei es wohl das Beste, Operation Ringelblume für abgeschlossen zu erklären und die Akte an den Strafverfolgungsdienst der Krone zu übergeben. »Vor allem angesichts der vielen anderen dringlichen Angelegenheiten, die sich inzwischen in den Vordergrund geschoben haben.« Eine Sekunde lang dachte ich, Seawoll würde einfach aus Prinzip widersprechen, aber dann zuckte er nur mit den Schultern. Man wird nicht Detective Chief Inspector, wenn man nicht spürt, wann man auf verlorenem Posten steht. Und Folsom hatte recht – es gab wichtigere Dinge, um die Belgravia sich kümmern musste. »La majestueuse égalité des lois, qui interdit au riche comme au pauvre de coucher sous les ponts, de mendier dans les rues et de voler du pain«, sagte Nightingale später, als wir unseren Anteil an der Fallakte vorbereiteten. Das ist Französisch und heißt so viel wie: Wer hat, dem wird gegeben. Also adieu, Operation Ringelblume. Blieben die Jagd auf Lesley May, der Betrugsfall um den illegalen Abriss von Skygarden Tower und die noch offene Ermittlung bezüglich des unschönen Todes eines gewissen Schlossers namens Patrick Mulkern. Die Mordkommission Bromley, die für Letztere zuständig war, blieb der Sitzung ebenfalls auffällig fern; am Sonntagnachmittag hatten sie uns pflichtschuldig die Akte vorbeigebracht und sich dann schleunigst aus dem Staub gemacht. Die Chefermittlerin hatte eigens ihren freien Sonntag geopfert, um sie loswerden zu können. Und dann waren da natürlich noch die Amerikaner. Es hatte anderthalb Tage gedauert, die Überreste des Hauses so weit zu sichern, dass Stoppelschnitts Leiche geborgen werden konnte, die in Dr. Jennifer Vaughans Worten »schwere Quetschungen davongetragen hatte« und in denen von Dr. Walid »total plattgewalzt« war. Zum Glück schien es keine weiteren Todesopfer gegeben zu haben, und die Nachbarhäuser waren zwar beschädigt, aber nicht einsturzgefährdet. Die Nachbarn selbst waren schwer traumatisiert, wie man es halt ist, wenn man mitansehen muss, wie Sachwerte von drei Millionen buchstäblich vom Erdboden verschluckt werden, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie versuchen würden, uns dafür verantwortlich zu machen. Noch während unserer Stabssitzung war ein Team von Spitzenanwälten der Polizei dabei, zu überlegen, wie man dem Bauträger der Kellererweiterung die Schuld zuschieben konnte. Stoppelschnitts Landsmänner gaben bei den Befragungen kein Wort von sich und lehnten sogar das übliche Angebot ab, die amerikanische Botschaft zu kontaktieren. Keiner von ihnen hatte Papiere bei sich gehabt, und diejenigen, die meinen kleinen Schwimm-Kurzsprint mitgemacht hatten, hatten beim Auftauchen keine Waffe bei sich gehabt. Ich war mir ziemlich sicher, dass es sich, wenn sie gefunden wurden, um dieselbe Art anonymisierter Glocks handeln würde, wie man sie Teddy und dem Fahrer abgenommen hatte. »Haben wir von uns aus die amerikanische Botschaft informiert?«, wollte Folsom wissen. Die Frau von der Nationalen Kriminalbehörde sagte, man habe Belgravia gebeten, das noch zu unterlassen. »Wir wollen wissen, ob es dort Leute gibt, die schon wissen, dass sie hier sind.« Ich fragte mich, ob ich es riskieren konnte, Kim Reynolds anzurufen, aber ich wollte sie ungern in die Sache hineinziehen, wenn es nicht absolut nötig war. Dann begann Folsom auf meiner Vorgehensweise im Keller herumzureiten. »Warum haben Sie nicht auf Verstärkung gewartet?« »Weil ich Grund hatte zu glauben, dass sich ein Falcon-Vorfall anbahnte und mindestens eine Person dabei gefährdet war«, sagte ich. »Ich glaubte, mit einer vorsichtigen Vorgehensweise könnte ich die Lage vielleicht so lange unter Kontrolle halten, bis angemessene Falcon-Unterstützung vor Ort wäre.« Folsom fragte, was er unter »angemessener Falcon-Unterstützung« verstehen solle. »Mich, denke ich«, sagte Nightingale. »Im Übrigen hat Peter sein Vorgehen zuvor mit mir abgesprochen. Es war das einzig Richtige, und ich glaube, wären nicht externe Faktoren hinzugekommen, dann hätte vielleicht eine friedliche Lösung erwirkt werden können.« Folsom nickte, als versuchte er sich insgeheim das Wort »erwirkt« für künftige Gelegenheiten zu merken. Dann bedachte er mich mit einem schmallippigen Lächeln. »Es ist nicht das erste Mal, dass Peter wegen des Mangels an Falcon-Ressourcen in eine potenziell lebensgefährliche Lage gekommen ist«, sagte er und begann sehr angelegentlich eine Liste zu studieren. »Als da wären: Schwerer Verkehrsunfall unter Beteiligung eines Rettungswagens. Beinahe-Ertrinken in der Themse. Konfrontation mit Bewaffneten in der Kanalisation. Verschüttetwerden unter Trümmern in Oxford Street Station. Und, sofern man diesem Bericht Glauben schenken kann, Sturz von einem dreißigstöckigen Wohnblock, während dieser gerade gesprengt wurde.« Ich öffnete den Mund, um zu sagen, dass das alles ein bisschen sehr vereinfacht war, aber er brachte mich mit erhobener Hand zum Schweigen. »Außerdem war Peter in einen unautorisierten Geiselaustausch in Herefordshire und eine Schießerei auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Essex verwickelt. Ganz zu schweigen von der Sache in den Royal Botanical Gardens in Kew.« Die echt nicht meine Schuld war, möchte ich gern hinzufügen, wobei ich in meinem Bericht vielleicht besser auf das Wort Krynoid verzichtet hätte. »Und allein in der vergangenen Woche hatte er zwei Zusammenstöße mit Bewaffneten, von denen der zweite mit einem weiteren Hauseinsturz mit Todesopfern endete.« Seinen eigenen ruhmreichen Beitrag zu den Bow-Street-Unruhen hatte er nicht erwähnt, bemerkte ich. »All diese Vorfälle«, sagte Folsom an Nightingale gewandt, »sind auch wegen des derzeitigen Mangels an angemessen Falcon-erfahrenem Personal so eskaliert.« »Neue Lehrlinge auszubilden erfordert Zeit«, sagte Nightingale. »Das geht nicht von einem Tag auf den anderen.« »Dann stimmen Sie mir zu, dass es Ihnen an Ressourcen fehlt?« Offensichtlich war Folsom darauf aus, Nightingale das Geständnis abzuringen, dass das Folly seinen Aufgaben nicht gewachsen war – und zwar fein säuberlich in einem hochoffiziellen Sitzungsprotokoll festgehalten. »Wenn ich dazu etwas sagen darf, Sir«, mischte ich mich ein. »Wir, also die Einheit für Spezielle Analysen, haben kürzlich ein Programm zur Erweiterung unserer Kapazitäten ins Leben gerufen, damit wir bei Falcon- und Pseudo-Falcon-Vorfällen größere operative Schlagkraft entwickeln und effektiver mit anderen operativen Kommandoeinheiten interagieren können. Die erste Phase ist bereits initiiert.« Ich bemerkte, dass Stephanopoulos den Mund hinter der Hand versteckte. Folsom hätte es eigentlich besser wissen müssen – aber er schluckte den Köder. »Und worin besteht die erste Phase?« »Eine größere Zahl von Spezialkräften heranzubilden, insbesondere in medizinisch-forensischer Hinsicht, um in Zukunft einen ständigen Bereitschaftsdienst für ermittlungstechnische Fragen bieten zu können. Des weiteren entwickeln wir einen Leitfaden für den optimalen Umgang mit vermuteten Falcon-Vorfällen und -Ermittlungen.« Ich hörte Seawoll ein Husten unterdrücken – zumindest hörte es sich entfernt nach Husten an. »Parallel zur Durchführung von Phase eins erstellt die ESA gerade ein Konsultationspapier, das wir zunächst den relevanten Falcon-Interessengruppen unterbreiten und dann dem Commissioner zur Prüfung vorlegen werden.« »Warum wurde Phase eins ohne vorhergehendes Konsultationspapier begonnen?«, fragte Folsom – mit anderen Worten: Woher kommt das Budget dafür, ohne dass es vorher mit dem Commissioner abgeklärt wurde? »Die Initiierung von Phase eins wurde nach den existierenden Richtlinien des Innenministeriums vorgenommen«, sagte ich. Die zuletzt während der Suezkrise 1956 überarbeitet wurden, sicher ein guter Zeitpunkt, um so ein paar politisch-organisatorische Kleinigkeiten zu veröffentlichen, auf die man nicht zu viel Aufmerksamkeit lenken wollte. »Zudem wird Phase eins zur Gänze aus dem derzeitigen Budget der ESA finanziert.« Mit anderen Worten, die Kohle kommt von uns, also stecken Sie sich Ihre Abklärung in Ihre La Traviata oder wohin Sie wollen. Folsom zögerte, dann zuckte er mit den Schultern. Die Sache gefiel ihm nicht, aber er konnte sich Zeit lassen. Nebenbei bemerkt hatte er völlig recht. Die derzeitige operative Struktur des Folly war absolut archaisch und ihren Aufgaben keineswegs gewachsen. Nur würde ich den Teufel tun und ihn oder Lady Ty das beheben lassen. Natürlich muste ich jetzt verdammt pronto ein Konsultationspapier liefern, oder man würde mir massiv aufs Dach steigen. Danach folgten gefühlte fünf Tage, in Wahrheit aber nur zwei Stunden zähen Ringens, wer nun was unternehmen sollte. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass die Nationale Kriminalbehörde weiter ermitteln würde, was es mit dem Schattenwirtschaftsimperium des Gesichtslosen auf sich hatte, der CTC würde sich um die Amerikaner kümmern und das Folly mit Unterstützung der Mordkommission Belgravia um den Falcon-Kram. »Gut, dass wir das mal geklärt haben«, sagte Seawoll nur. Die Unterstützung von Belgravia für uns hielt sich weiterhin in Grenzen, weil man dort immer noch dabei war, die Messerstecherei in trockene Tücher zu bekommen, aber Guleed wurde uns weiterhin zugesichert. Die vor Freude im Quadrat springen würde, das ahnte ich schon. Ehe wir das Gebäude verlassen konnten, nahm ein gewisser DS Kittredge vom CTC, der Antiterroreinheit, Nightingale und mich beiseite und sagte, da seien ein paar Leute, die gern noch mit uns reden wollten. Kittredge hatte vor ein paar Jahren das Pech gehabt, in einen Folly-Fall hineingezogen zu werden – offenbar haftete ihm das noch an, und zweifellos hatte ihm irgendein Vorgesetzter gesagt, da er ja schon mal mit diesen Irren zu tun gehabt hätte, könne er das doch auch jetzt wieder übernehmen. So ausdruckslos seine Miene war, ich sah ihm trotzdem an, dass er tausendmal lieber besoffene Medizinstudenten in Ladbroke Grove verhaftet hätte. Er führte uns in den achtundzwanzigsten Stock, der gemeinsam mit dem siebenundzwanzigsten das Hoheitsgebiet des CTC bildete, jenes langen Arms der Met, mit dem sie politische Verbrechen untersucht und die Geheimdienste auf Abstand hält. In einem dortigen Konferenzraum machte Kittredge uns mit zwei Beamten des MI5 bekannt. Es waren ein Mann und eine Frau, beide weiß, beide mit sorgsam heruntergedimmtem Oberschichtakzent und in wohlüberlegt unauffälliger Konfektionskleidung. Er war blond, in den Dreißigern, Rugbyspielerfigur, blassblaue Augen mit Tendenz, diese zusammenzukneifen. Sie war etwas älter, hatte einen exakt geschnittenen kastanienbraunen Pagenkopf, graue Augen und stellte sich als Finula vor – kein Nachname. Der blonde Mann stellte sich überhaupt nicht vor und verbrachte den größten Teils der Unterredung damit, mit zusammengekniffenen Augen Nightingale anzustarren. Einem von ihnen musste das überaus mitgenommene Toughbook auf dem Tisch gehören – vielleicht diente es dazu, auch unter Nahkampfbedingungen Angry Birds zu spielen. Finula sah, wie ich es musterte, und schüttelte schuldbewusst den Kopf. »Fragen Sie nicht.« »Hat es eine Selbstzerstörungsfunktion?«, fragte ich. Blondie sah mich irritiert an, aber Kittredges Lippen zuckten. »Nein«, sagte Finula. »Aber im Notfall kann man jemanden damit erschlagen.« »Ich würde gern wissen, wie Sie den Wagen lahmgelegt haben«, sagte Blondie. »Ich könnte es Ihnen zeigen«, sagte ich. »An Ihrem Laptop, falls Sie nichts dagegen haben.« Finula legte in einer unbewusst schützenden Geste die Hand auf den Deckel. Ich dachte: Ihr wisst ganz genau, wovon ich rede, oder? »Ich glaube, der Sinn dieses Treffens ist es«, schaltete sich Nightingale ein, »Informationen über unsere amerikanischen Freunde zusammenzutragen.« »Seit ständig neue islamistische Zellen aus dem Boden schießen«, sagte Finula, »gar nicht zu reden von den hartgesottenen Rechten und halsstarrigen irischen Feniern, sind wir einfach zu beschäftigt, um uns auch noch groß um unsere engsten Verbündeten zu kümmern.« »Wissen Sie inzwischen, wer die Herren sind?«, fragte Nightingale. »Ja. Sie gehören einem privaten Sicherheitsunternehmen aus Charlottesville, Virginia, an. Es hatte ein paar kleinere Aufträge in Afghanistan und dem Irak – daher kennen wir sie –, ist aber bei weitem nicht so groß wie Blackwater. Der offizielle Name lautet Alderman Technical Solutions, der wurde aber erst 2005 eingetragen. Die Zeit davor ist etwas undurchsichtig, aber wir glauben, dass sie sich möglicherweise The Virginia Gentleman’s Company nannten.« Nightingale richtete sich auf. »Der Name klingt bekannt. Ich glaube, ich hatte während des Krieges mit ihnen zu tun.« Nightingale zufolge hatten sie die zweite Welle amerikanischer Praktizierender gebildet, die sich nach Pearl Harbor zum Kriegsdienst gemeldet hatten. Die erste Welle hatte aus ungefähr hundert Freiwilligen von der University of Pennsylvania bestanden, den sogenannten Printer’s Men – sie waren 1940 eingetroffen und hatten direkt mit dem Folly oder der Special Operations Executive, der Sondereinsatztruppe des britischen Geheimdiensts, zusammengearbeitet. Die Virginier hingegen, die unvermeidlicherweise sofort den Spitznamen »The Virgins« erhalten hatten, waren auf Abstand zu den britischen und Commonwealth-Praktizierenden geblieben. »Ihr Hauptquartier war in Istanbul«, sagte Nightingale. »Mein Eindruck war, dass sie eine recht niedrige Meinung von uns hatten, und dann war da natürlich die kleine Geschichte, dass wir uns 1812 mit Tecumseh verbündet hatten.« Blondie sah auf und bat ihn, das genauer zu erklären. Anscheinend hatte Großbritannien 1812, als unsere spezielle Beziehung zu Amerika noch auf ganz andere Weise speziell gewesen war, die Strategie verfolgt, die amerikanischen Ureinwohner in ihren Bemühungen um ein eigenes Gebiet zu unterstützen, das als Puffer zwischen den aggressiv expandierenden Vereinigten Staaten und dem total friedliebenden, überhaupt nicht expansionshungrigen Stück des britischen Empire dienen sollte, das bald als Kanada bekannt werden würde. Als der Britisch-Amerikanische Krieg mit dem Frieden von Gent endete, ließen die Briten in schöner alter Tradition ihre Verbündeten im Stich. Welche umgehend von den Amerikanern ausgelöscht wurden, gemeinsam mit allen anderen in der Nähe befindlichen Ureinwohner-Stämmen – selbst denjenigen, die während des Krieges auf der Seite der USA gestanden hatten. Genau so was ist der Grund dafür, warum der Kolonialismus einen so schlechten Ruf hat. Nightingale hatte das Gefühl, die Virgins hätten dem Folly nie vergeben, dass es Tecumsehs Medizinmänner mit modernen Newton’schen Techniken vertraut gemacht hatte. »Sie schienen nicht viel mit uns zu tun haben zu wollen.« »Waren sie an dem Angriff auf dem Ettersberg beteiligt?«, fragte Finula. »Nein. Sie …« Nightingale suchte nach dem richtigen Wort. »Sie standen dem verächtlich gegenüber. Sie glaubten nicht, dass die Forschungen der Deutschen eine große Bedrohung für die Alliierten sein könnten. Meiner Meinung nach lagen sie falsch, was die Bedrohung betraf, aber die Gefahren einer solchen Operation so tief in Feindesgebiet schätzten sie richtig ein.« Gefahren, die die britischen Zauberer erst erkannten, als ihre besten Leute in den Wäldern auf dem Großen Ettersberg regelrecht abgeschlachtet wurden. »Damals wussten wir natürlich noch nichts vom Manhattan-Projekt«, sagte Nightingale. »Ich vermute allerdings, sie schon.« Es klang bitter. Ich persönlich fand es zwar besser, dass jetzt nicht Teile Deutschlands von allein im Dunkeln leuchteten … aber ich hatte auch nicht den größten Teil meiner Freunde in diesem Wald gelassen. Nightingale schüttelte den Kopf und sah die Agenten mit einem knappen Lächeln an. »Natürlich ist nichts hiervon für den gegenwärtigen Fall relevant.« »Wussten Sie, dass diese Amerikaner hierherkommen würden?« »Ich wurde vergangene Woche vorgewarnt«, sagte ich. »Durch einen Anruf von Agent Kimberley Reynolds vom FBI, ja?« Ich sagte ja. Sie fragten, ob ich seither Kontakt zu ihr gehabt hätte. »Nein. Ich wollte sie nicht mit hineinziehen.« »Dann wissen Sie auch nicht, dass sie letzte Nacht einen American-Airlines-Flug von New York nach London genommen hat? Das kann kaum ein Zufall sein, nicht wahr?« Wir einigten uns darauf, dass es vermutlich keiner war, dass ich aber meine Finger nicht im Spiel gehabt hatte. »Was beunruhigt Sie mehr, Officer – dass wir eigene Kommunikationskanäle zu den Amerikanern haben könnten, oder dass wir keine haben?«, fragte Nightingale. »Was uns beunruhigt«, sagte Finula und betonte die Pluralform, »ist, dass wir als Behörde, in deren Verantwortung der Schutz unseres Landes liegt, erst jetzt davon erfahren.« »Wir hatten nicht das Gefühl, dass es nötig wäre«, sagte Nightingale. »Wir dachten, Sie hätten sowieso alle Hände voll zu tun mit den irischen Separatisten und so weiter. Und 1948 wurde klar vereinbart, dass Magie und die Demi-monde weiter unter unsere Verantwortung fallen würden.« »Das war vor einem halben Jahrhundert«, sagte Finula. »Damals gab es uns offiziell gar nicht, und man nahm die Leute noch beim Wort und vertraute auf ihre Ehre als Gentleman. Heute veröffentlichen wir Stellenanzeigen im Guardian und haben ein Unternehmensleitbild und so weiter. Es hat sich einiges verändert auf der Welt, und wir mit – aber Sie nicht.« Sie warf einen Blick auf mich. »Oder zumindest nur unmaßgeblich. Wir können nicht die Augen davor verschließen, welchen Schaden Individuen mit Fähigkeiten, ähnlich den Ihren, anrichten könnten. Vor allem«, fügte sie hinzu, »wenn wir keine adäquate Verteidigung dagegen haben.« »Schießen Sie ihnen doch mit einer Langfeuerwaffe in den Kopf«, sagte Nightingale. »Oder aus kurzer Entfernung mit der Pistole, wenn der Praktizierende nicht auf der Hut ist.« »Würde das bei Ihnen funktionieren?« »Das hat es schon«, sagte Nightingale. »Zweimal. Hören Sie, einen Hilfspolizisten kann man innerhalb weniger Wochen ausbilden. Wie man eine Bombe baut, kann man aus einem Buch lernen. Aber um mit Magie in einem Kampf etwas Sinnvolles auszurichten, ist jahrelanges Training nötig.« Er nickte in meine Richtung. »Es sei denn, man ist außergewöhnlich begabt. Und selbst dann …« Er hob die Schultern. »Und bei einem Verhör ist Magie nur von begrenztem Nutzen«, warf ich ein. »Es ist recht einfach, zu lernen, Glamour-Bezauberungen zu widerstehen.« »Aber all das ist wirklich nebensächlich«, sagte Nightingale. »Wir werden Ihnen natürlich unser Konsultationspapier zukommen lassen, vorausgesetzt, Sie gehören zu …« Er sah mich an. »Den relevanten Interessengruppen«, sagte ich, und er zwinkerte mir kaum merklich zu. »Aber wenn Sie uns momentan sonst nichts Nützliches sagen können, fürchte ich, dass Sie uns jetzt entschuldigen müssen.« Nightingale stand auf. Ich tat es ihm nach. Sie hatten tatsächlich nichts Nützliches mehr zu sagen, also machten wir, dass wir wegkamen. »Glauben Sie, das war wieder ein Vorstoß von Tyburn?«, fragte er mich auf der Rückfahrt nach Belgravia. »Nein. Wir sind inzwischen einfach viel exponierter. Mich wundert, dass sich die Medien noch nicht auf uns gestürzt haben.« Ich hatte erwartet, dass Tyburn die Medien wenigstens als Druckmittel in ihrer groß angelegten Kampagne zur »Reform« des Folly einsetzen würde. Ich konnte nur annehmen, dass ihre Schwester Fleet sie zurückhielt – oder sogar ihre Mutter. Beverley hatte mich gefragt, ob Tyburn etwas mit dem eingestürzten Haus zu tun hatte. Wir waren gerade bei unserem gemeinsamen Bad am Sonntagmorgen – ihrer Version von einer aufmunternden Tasse Tee. Der Tyburn floss gleich hinter Phoebe Beaumont-Jones’ Haus entlang, in die Richtung, aus der der erste Wasserschwall gekommen war. Und wir warteten noch immer auf den Bericht von Thames Water darüber, wo die plötzliche Flut ihren Ursprung gehabt hatte. »Du bist doch ihre Schwester. Müsstest nicht du das wissen?« Ich fügte hinzu, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie so sauer auf mich war. »Auf dich vielleicht nicht«, überlegte Beverley und ließ ihre Zehen über meine Brust krabbeln. »Aber seit du Klein-Olly verhaftet hast, hat sie Abflüsse von Westminster bis Hampstead verstopft. Mit lesbisch kommt sie klar, mit Drogen verticken auch – aber dass Olly sich für ihre Freundin aufopfern wollte? Das hat sie schwer genervt.« »Wirklich?«, fragte ich. »Fest steht, falls es Ty war, hatte sie es jedenfalls nicht auf dich abgesehen.« Ich fragte, was sie zu der Annahme führte. »Du lebst noch.« Ich glaubte nicht, dass es Lady Ty gewesen war – obwohl sie seit dem Hauseinsturz ebenso zur Person von polizeilichem Interesse geworden war wie ihre Tochter, mit eigenem Personeneintrag in HOLMES und einem Katalog von Maßnahmen zu ihrem möglichen Ausschluss als Verdächtige. Meine Vermutung war ja, dass Phoebe Besuch vom Gesichtslosen gehabt hatte, ehe zunächst Stoppelschnitt und seine Virgins hinzugekommen waren und dann ich mit meinem unfehlbaren Talent, zur falschen Zeit am falschen Ort aufzukreuzen. Die Flut hatte einzig dem Zweck gedient, seine Flucht zu decken – ich bezweifelte, dass andernfalls noch jemand von uns am Leben gewesen wäre. Vielleicht hatte er gehofft, wir würden Lady Ty die Schuld in die Schuhe schieben. Wobei es mich wunderte, warum er das glauben sollte. Wusste er etwas, was wir nicht wussten? Oder war er falsch informiert? Und wenn es stimmte, was Phoebe sagte – dass der Gesichtslose ein Verwandter einer Schülerin von St Paul’s war, ja, noch besser: einer, den sie persönlich kannte –, dann war der Heuhaufen, in dem er sich versteckte, plötzlich auf handhabbare Größe geschrumpft. In Belgravia ermittelten wir die genaue Größe des Heuhaufens und begannen nach Abkürzungen zu suchen. Guleed fuhr wieder nach St. Paul’s, um sich die Namen sämtlicher Eltern und Vormünder der Schüler geben zu lassen. Stephanopoulos kam mit, um der Sache mehr Autorität zu verleihen, für den Fall, dass dort jemand Upperclass-Zicken machte. Währenddessen vertiefte ich mich in die unzähligen Daten und Fakten, die wir über die Eltern der Jugendlichen auf der unseligen Ecstasy-Party besaßen. Zuerst wollte ich die Mütter ignorieren, aber dann fiel mir ein, dass wir uns trotz allem nicht sicher sein konnten, ob der Gesichtslose männlich war. Ich begann auch nochmals alle Fälle durchzugehen, bei denen wir Verbindungen zu ihm vermuteten, um zu sehen, ob irgendjemand ins Profil passte. Also, sozusagen. Vor einem Jahr hatte sich Richard Lewis, Stadtplaner bei der Stadtverwaltung Southwark, in Paddington Station vor eine U-Bahn geworfen. Wir hatten den Verdacht, dass er dabei unter dem Einfluss einer Bezauberung stand, und sogar den Moment identifiziert, in dem der Zauber eingesetzt haben könnte. Wohlgemerkt, dies war gleich hinter der Sperre einer Londoner U-Bahn-Station gewesen, ergo an einem der meistüberwachten Orte der Welt. Und da man jemanden nicht aus großer Entfernung einer Bezauberung unterwerfen kann, musste der Gesichtslose auf den Kameras zu sehen sein. Zusammen mit etwa tausend anderen Passagieren. Ich dachte mir, dass es vielleicht einen Versuch wert war, und verbrachte einige Zeit damit, Bilder der Eltern der Partykids mit der Menge in der U-Bahn-Station zu vergleichen. Da die magische Gesichtserkennung noch nicht erfunden war, dauerte das fast das ganze Wochenende. Bis auf die paar Stunden, die ich bei Bev verbrachte, und die zwei Stunden Magietraining, auf denen Nightingale bestand. »Wir müssen dringend an Ihrer Präzision arbeiten«, sagte er. Meine Wimmelbild-Suche führte zu keinem Ergebnis, aber wenigstens katalogisierte ich die meisten wahrscheinlichen Ziele, um es dem armen Kerl leichter zu machen, der bald alle Fotos von Eltern der Schule damit vergleichen musste. »Und von deren Personal«, sagte Guleed. »Phoebe könnte das verwechselt haben.« Diese Suche hatte aber niedere Priorität, weil wir einen konkreten Zeitrahmen hatten, nämlich um den Hauseinsturz am Freitagabend herum, mit dem wir die Alibis der fraglichen Personen abgleichen konnten. Das Alibi von Phoebes eigenem Vater war sein Auslandsaufenthalt, allerdings stellte sich heraus, dass er in den frühen Neunzigern am Magdalen College in Oxford gewesen war. Ungefähr zur selben Zeit wie der U-Bahn-Personenschaden Richard Lewis, von dem wir wussten, dass er ein Kleines Krokodil gewesen war, und Christina Chorleys Vater Martin. Wäre ja zu schön gewesen, wenn wenigstens einer von ihnen in Cambridge gewesen wäre, oder – ähem – in Bristol, wohin Guleed zufolge diejenigen Oberschicht-Studenten gingen, bei denen es nicht für Oxbridge reichte. Abgesehen davon ließ mich der fröhliche Gedanke nicht los, dass der Gesichtslose sich in guter alter Sith-Lord-Manier womöglich einen Lehrling herangezogen haben könnte. Aber eigentlich war das unwahrscheinlich. Hätte er einen voll ausgebildeten Lehrling gehabt, dann hätte er Varvara nicht gebraucht, und mit einem nur halb ausgebildeten konnte ich es vermutlich aufnehmen. Aber wenn dieser Lehrling Lesley May war? Wer von uns würde länger zögern, fragte ich mich. Wenn man jemanden als Verdächtigen ausschließen will, schickt man normalerweise das rangniedrigste Teammitglied bei ihm vorbei, das ihn unverblümt fragt, was er oder sie zum fraglichen Zeitpunkt gemacht hat. Derselbe arme Tropf darf dieses Alibi dann sorgsam anhand von Aufnahmen von Überwachungskameras, der Daten des Mobiltelefons und/oder menschlicher Zeugen überprüfen. Bei dem Gesichtslosen konnten wir so nicht vorgehen, weil unmöglich vorherzusagen war, was er tun würde, wenn er merkte, dass wir ihm auf die Pelle rückten. Da zur Palette seiner Fähigkeiten gehörte, Häuser dem Erdboden gleichzumachen und unglückliche Mitbürger dazu zu bringen, sich irgendwo runterzuwerfen, mussten wir das Ganze, wie Nightingale sagte, schon wie eine Großwildjagd angehen. Wir mussten uns von der windabgewandten Seite her anschleichen, bis wir unser Großkalibergewehr im Anschlag hatten. Und weil es sich bei dem fraglichen Großkaliber um Nightingale handelte, bedeutete das, dass er greifbar sein musste, wenn wir unsere Verdächtigen in ihren Höhlen aufstöberten. Wir begannen mit Albert Pryce. Da womöglich schon Nightingales bloße Anwesenheit ausreichen würde, um unsere Beute in Alarmbereitschaft zu versetzen, musste er sich außer Sicht bereithalten, um gegebenenfalls eingreifen zu können. In diesem Fall bestand meine Rolle darin, so schnell wie möglich zum Ausgang zu rennen und dabei alle potenziellen Kollateralschäden mitzunehmen. Außer, Lesley tauchte auf, in welchem Falle ich sie mir schnappen sollte. Als wir dann mit unserem schönen Plan bei Albert Pryce in St. John’s Wood vorfuhren, war er leider nicht zu Hause. Eine unleugbare ermittlerische Pleite. Zum Glück öffnete Albertina mir die Tür und bat mich ohne weiteres herein. Nightingale hatte ich im Jaguar zurückgelassen, wo er sich Gedanken über die Unendlichkeit machen, das Kreuzworträtsel im Telegraph lösen und auf laute Schreie lauschen konnte. Das Haus war so frühviktorianisch, dass ihm noch viel Regency-Klasse anzusehen war. Drinnen wirkte es wie ein Haus, in dem wahrhaftig Menschen wohnten, mit gerahmten Drucken an der Wand, Bücherregalen und Möbeln, deren Kanten Gebrauchsspuren aufwiesen. Die Küche zeigte aber durchaus Symptome des großen Geldes: grifflose Schränke aus gebürstetem Edelstahl, Spülbecken von unerklärlich seltsamer Form und Arbeitsflächen, die den Charme eines Pathologielabors ausstrahlten. Albertina hatte sichtlich ihr Bestes getan, um die Küche menschlicher zu gestalten, indem sie leere Tassen, aufgeschraubte Marmeladegläser mit darin steckenden Messern, einen Fächer halb aus der Packung gefallener Brotscheiben und eine sorgfältig mitten in der Sonne platzierte Packung Biomilch darin verteilt hatte. »Er ist in Aberystwyth, Grandma besuchen«, erzählte sie und bot mir ein Marmite-Sandwich an. »Die ist gerade nicht so gut auf ihn zu sprechen.« Ich hätte sie gern gefragt, was ihr Dad am Freitagabend gemacht hatte und ob er vielleicht zufällig ein Haus über mir hatte zusammenstürzen lassen, aber mir fiel gerade kein guter Weg ein, das in die Unterhaltung einfließen zu lassen. Daher erkundigte ich mich, was Grandma denn an ihm auszusetzen hatte. »Sie ist sauer, dass er nach Amerika ziehen will. Sie sagt, sie hätte sich grade erst daran gewöhnt, dass er in London wohnt.« »Wann ist er denn nach London gezogen?« »Vor einer Ewigkeit.« Meinen Notizen zufolge war es 1972 gewesen, nachdem er das Studium beendet hatte. Aber mit siebzehn kommt einem die Ewigkeit noch nicht so lang vor. »Aberystwyth ist doch eine ganze Ecke entfernt«, sagte ich. »Die Fahrt muss ätzend sein. Oder hat er den Zug genommen?« »Dad fährt nicht mehr Zug. Er sagt, er ist allergisch gegen andere Leute. Er fährt mit dem Auto, auch wenn das unendlich lange dauert.« »Wann ist er denn losgefahren?« »Am Freitagmorgen. Um den Verkehr zu vermeiden.« Das kam so glatt, dass ich mich fragte, ob sie es auf seine Anweisung hin sagte. Nur wozu? Trotzdem, irgendein armes Schwein in Belgravia würde jetzt einige Zeit damit verbringen dürfen, zu überprüfen, ob die Verkehrskameras auf der M4 Albert Pryce’ Mercedes M-Klasse erfasst hatten, und wenn ja, wann. Ich hoffte bloß, das würde nicht ich sein. »Wann zieht ihr denn in die USA?«, fragte ich und überlegte schon, ob wir sie höflich bitten müssten, im Land zu bleiben, und unter welchem plausiblen Vorwand. »Erst nächstes Frühjahr«, antwortete sie. »Und ich bleibe sowieso hier. Wegziehen werden nur er, die Praktikantin und die Ersatzteile.« Die Praktikantin, das war die Dame, die in jenem hochgelobten halb-autobiografischen Roman ihres Vaters vorkam – Ehefrau Nummer drei und Mutter der beiden »Ersatzteile«, die in diesem Moment vielleicht fröhlich die Rücksitze des Toyotas ihrer Mutter vollkotzten, während diese sie von der Spielgruppe zum Kaffeeklatsch zum Baby-Ballettkurs kutschierte. »Sie will unbedingt zurück in die Staaten«, sagte Albertina. Und hatte ihrem Mann eingeredet, dass er dort die Anerkennung erhalten würde, die er verdiente. Nicht wie in London, wo niemand so recht sein Genie zu schätzen wusste. »Da plagen ihn immer solche Zweifel«, vertraute Albertina mir an. »Er hat doch den Booker-Preis gewonnen«, sagte ich. Und war so ziemlich jedes Mal, wenn er einen neuen Roman herausgebracht hatte, in der engsten Auswahl dafür gewesen. Albertina zuckte mit den Schultern. »Er hat ein finsteres Geheimnis.« »Aha?«, sagte ich und hoffte, dass es nicht zu interessiert klang. »Mhm«, gab sie zurück und fragte, ob ich Science Fiction mochte. Ich deutete an, dass ich gelegentlich schon den einen oder anderen SF-Roman zur Hand genommen hatte. »Dann werden Sie begeistert sein.« Und sie nahm mich mit ins Arbeitszimmer ihres Vaters. Fiel die Küche allmählich dem Geld zum Opfer, so war das Arbeitszimmer schon lange an die Literatur verloren. Jeder freie Zentimeter Wandfläche war mit Regalen bedeckt, die von Büchern überquollen. Ich fühlte mich an die Plattensammlung meines Vaters erinnert, die das Schlafzimmer meiner Eltern gänzlich ausfüllte und jede andere Aktivität außer Schlafen in den Rest der kleinen Wohnung verdrängt hatte. Deshalb dient mein ehemaliges Kinderzimmer heute meiner Mutter als begehbarer Kleider- und Schuhschrank. Aber anders als das kostbare Vinyl meines Vaters, das ausschließlich in absolut senkrechter Position auf Regalen von genau der richtigen Größe aufbewahrt werden darf, hatten die Bücher hier auch den Fußboden und den großen massiven Esszimmertisch in der Mitte des Raums erobert, der als Schreibtisch diente. Und Albert Pryce hatte keine Skrupel, seine Bücher neuen Zwecken zuzuführen: als Tassenuntersetzer, Briefbeschwerer auf dicken Stapeln loser Blätter oder sogar improvisiertes Baumaterial für neue Regale, die wiederum weitere Bücher, einen altmodischen Ghettoblaster und eine Reihe verwelkter Topfpflanzen enthielten. »Haben Sie sie schon entdeckt?«, fragte Albertina. Da ich nach Anzeichen Ausschau hielt, dass ihr Dad ein ethisch fragwürdiger Praktizierender war, bezweifelte ich, dass ich das, was sie meinte, sah. Ich wollte gerade nein sagen, da entdeckte ich sie tatsächlich. Zwischen den meisten Regalböden war so viel Abstand, dass auch großformatige Bücher hineinpassten, nur einer hatte genau die passende Höhe für eine Reihe altmodisch aussehender Taschenbücher. Die Buchrücken waren schreiend bunt und so glatt, dass die Werke garantiert ungelesen waren. Ich kannte die Anzeichen – hier standen nicht Gebrauchsbücher, sondern eine Sammlung. Ich sah Albertina an. Sie grinste und sagte, ich dürfe sie mir ruhig näher anschauen. »Die Praktikantin will sie sowieso unbedingt hierlassen. Sie hat schon heimlich jemanden kommen lassen, um den Wert zu schätzen.« Ich zog wahllos eines heraus. Es besaß einen breiten gelben Rücken mit dem Logo des amerikanischen SF-Verlags DAW. Das Cover sah aus wie ein solider alter Frazetta oder eine gelungene Imitation davon – muskulöse weiße Männer und Frauen in unwahrscheinlich eng anliegenden Raumanzügen mit runden Glashelmen. Der Titel lautete Die Kristalltürme von Mazarin, von einem gewissen T.J. Morton. Ich schaute mir das nächste Buch an. Es war derselbe Titel, diesmal herausgegeben von der New English Library, mit einem Cover, das eine seltsam fremdartige Landschaft mit Kugelbäumen und viel zu tief hängenden Planeten zeigte. Eine kurze Durchsicht des restlichen Regalbords zeigte, dass es sich ausnahmslos um Erstausgaben dreier mir völlig unbekannter Science-Fiction-Autoren handelte – wobei ich das Gefühl hatte, dass ich ein, zwei von den Büchern vielleicht mal gelesen hatte. Die Autoren waren der bereits erwähnte T.J. Morton, ein Allen Vincent und ein Carter Houston. Von Carter Houston gab es eine ganze Menge; er war anscheinend auf muskelbepackte Barbaren spezialisiert und konnte, wenn man den Zitaten auf dem Cover glauben wollte, den Autoren von Conan der Barbar und John Norman, dem Schöpfer von Gor, durchaus das Wasser reichen. »Interessante Autoren«, bemerkte ich. »Nicht Autoren. Nur einer – das sind alles Pseudonyme.« »Aber nicht dein Dad?« Das war kaum möglich, denn manche der Bücher stammten aus den fünfziger Jahren. Natürlich konnte er ein Wunderkind gewesen sein wie mein eigener Vater. »Nicht ganz«, sagte Albertina. »Mein Großvater.« Der laut meinem offenbar nicht ganz verlässlichen polizeilichen Dossier über die Familie Pryce ein mustergültiges Leben als Professor für Militärgeschichte an der Universität Aberystwyth geführt hatte. Albertina indessen, die sichtlich ein Fan von ihm war, erzählte mir, dass er parallel dazu eine geheime Existenz als höchst produktiver Autor von Science-Fiction- und Fantasy-Trash geführt hatte – etwa bis Anfang der siebziger Jahre, der Zeit, als sein Sohn Albert seinen ersten Literaturpreis für seinen Debütroman Die Listigen entgegennahm. Ich musste unweigerlich an die Person denken, die in elbischen Buchstaben quer über eine Dämonenfalle geschrieben hatte: Wenn du dies lesen kannst, bist du nicht nur ein Nerd, sondern vermutlich auch tot. Während ich noch fieberhaft darüber nachdachte, wie ich das Gespräch auf Fragen lenken konnte wie zum Beispiel, ob ihr Dad jemals über Magie, Geister oder Ähnliches gesprochen hatte, klingelte mein Telefon. Es war die Kripo Bromley, und es ging um Aiden Burghley. »Haben Sie ihn gefunden?«, fragte ich. »Mehr oder weniger«, sagte Bromley. »Oder sagen wir: teilweise.« 10 Stückwerk Wir alle sind Sklaven unserer Gewohnheiten, kleiner Verhaltensticks, deren wir uns oft kaum bewusst sind – und selbst wenn, könnten wir wahrscheinlich gar nichts daran ändern, auch wenn wir es wollten. Bev schläft immer auf der linken Seite des Bettes, Guleed wirft immer drei Stück Zucker in ihren schwarzen Kaffee, und der Gesichtslose hat zwei Herangehensweisen, wenn es darum geht, Leute umzulegen, die er tot sehen will. Wenn es rein geschäftlich ist, bevorzugt er unauffällige, forensisch unsichtbare Methoden: einen plötzlichen Herztod oder scheinbaren Selbstmord. Ist er hingegen stinksauer oder will ein Exempel statuieren, dann wird es extrem eklig. Jemandem den Penis abbeißen zu lassen oder ihn von innen heraus in Brand zu setzen sind nur zwei der erbaulichen Möglichkeiten, von denen wir sicher wissen, dass er sie schon angewandt hat. Bisher hatten wir noch keinen forensischen Psychologen einschalten wollen, in der begründeten Sorge, dass der erst mal uns würde analysieren wollen, weil wir an Feen glaubten. Aber man brauchte kein Psychologiediplom, um zu kapieren, dass das mit dem »Exempel statuieren« Quatsch war. Eigentlich war er einfach darauf aus, den Mitmenschen kreativste scheußliche Dinge anzutun. Man fragte sich jedenfalls, was der arme Aiden Burghley verbrochen hatte, dass sein Gesicht an einen Baum in einem kleinen Park in Südlondon genagelt worden war. Oder nicht direkt genagelt. Sondern vom Schädel abgezogen und in Kopfhöhe am Baum befestigt – meine Kopfhöhe, bemerkte ich. Aiden selbst war kleiner gewesen. Downham Fields ist ein niedriger begrünter Hügel in der Mitte von Downham Estate, einer Sozialwohnanlage aus den zwanziger Jahren in Lewisham. Der London County Council hatte sie als preiswerte Version des damals schwer modernen Konzepts der Gartenstadt gebaut, um in sechstausend sehr schlichten Doppelhaushälften die »anständige« Arbeiterklasse von Bermondsey und Rotherhithe unterzubringen. Oder sagen wir, schlicht für Leute, die mit solchem Luxus wie sanitären Anlagen im Haus und einem Garten nach hinten hinaus aufgewachsen sind. Damit sich der Pöbel der Großzügigkeit des Staates gegenüber auch respektvoll verhielt, wurden Inspektoren damit betraut, darauf zu achten, dass ein geziemendes Maß an Ordnung und Sauberkeit aufrechterhalten wurde. Das reichte den Bewohnern der privaten Oberschichtsiedlung nebenan allerdings nicht aus – sie bestanden auf einer zwei Meter hohen, mit Glasscherben gespickten Mauer, um den gebührenden Abstand sicherzustellen. Der niedrige Hügel in der Mitte des Parks wurde von einer katholischen Kirche mit daran angeschlossener Schule gekrönt. Am Hang unterhalb befand sich ein rechteckiges Wäldchen aus Bäumen, von denen ich wie üblich keinen Schimmer hatte, wie sie hießen. Direkt am Rand des Wäldchens hing und lag herum, was von Aiden Burghley übrig war. Die Mordkommission Bromley hatte das Gebiet bereits grob durchsucht, die Anwohner befragt und die Überwachungskameras ausgewertet, dann hatten sie das Ganze mit Handkuss Nightingale, Stephanopoulos und mir übergeben und sich unter Freudenschreien davongemacht. Es hatte fast den Anschein, als wollten sie nichts damit zu tun haben. Das ging mir genauso. Bromley zufolge musste der Mord in einem Zeitfenster von einer Viertelstunde durchgeführt worden sein, nämlich nachdem ein paar Schulkinder auf dem Weg zu dem Freizeitzentrum neben der Kirche an der Stelle vorbeigekommen waren und bevor ein Mr. Thomas Gantry bei einem Spaziergang bemerkte, dass sein Irish Setter Chuck plötzlich mit etwas im Maul auf ihn zugerannt kam, was sich dann nicht als weggeworfener Hinterschinken herausstellte. Chuck hatte seine Beute lange nicht herausgeben wollen – erst mit Hilfe eines Stücks Käse ließ er sich überreden, sie loszulassen. Dr. Jennifer Vaughan fand das sehr lehrreich. »Ich wusste gar nicht, dass Hunde Käse mögen«, bemerkte sie, bevor sie Chuck erkennungsdienstliche Speichelproben entnahm. In den fraglichen fünfzehn Minuten war Aiden Burghley an allen großen Gelenken – Knöchel, Knie, Hüfte, Schulter, Ellbogen und Handgelenk – systematisch auseinandermontiert worden. Unter dem Baum lag nur der Torso mit Kopf, gekleidet noch in das Sweatshirt und die Jeans, die er bei dem Verhör getragen hatte. Beides war unversehrt – wie die Untersuchung ergab, waren die Glieder mit so extremer Axialkraft aus ihren Verankerungen gezerrt worden, dass Haut und Bänder einfach entzweigerissen waren. »Nicht ganz einfach«, bemerkte Dr. Walid. »Insbesondere bei einem jungen Menschen«, fügte er hinzu und diskutierte dann eine Weile mit Dr. Vaughan darüber, ob jugendlich elastische Haut wirklich einen so großen Unterschied machte. Aiden Burghleys Kopf war ein einziger Albtraum – die Gesichtshaut war sauber von den trockenfleischfarbigen Muskeln und Sehnen darunter gelöst worden. Es sah fast aus wie ein operativer Eingriff; die spätere mikroskopische Untersuchung ergab aber, dass die Haut nicht mit etwas Scharfem abgetrennt, sondern abgerissen worden war. Sein Gesicht war so an dem Baum befestigt worden, dass es über die halbrunden Ränge gleichförmiger Doppelhäuser hinwegblickte, die sich bis an den Horizont erstreckten. Ich stellte mich in der Blickrichtung auf, konnte aber nichts Besonderes entdecken. Es hatte am heutigen Tag immer wieder geregnet, und die Aussicht war kaum der Rede wert. An den Rändern der weißen forensischen Zelte, mit denen sich das Spurensicherungsteam bemühte, alle Überreste zu schützen, zerrte der Wind. »Ich weiß nicht, ob mir die Implikationen dieser Entwicklung so recht gefallen«, sagte Nightingale. Ich wusste, dass er an Lesleys neues Gesicht und die Wunderheilermagie der Viscountess Linden-Limmer dachte. »Das ist eine Art Kommunikation mit uns«, sagte ich. »Ja«, bestätigte Nightingale. »Und genau das gefällt mir nicht.« Die Doctores Walid und Vaughan fanden beide, dass die Aktion etwas deutlich Prahlerisches hatte, vor allem nachdem Dr. Vaughan feststellte, dass die Gesichtshaut mit der Baumrinde verschmolzen war. Und das Holz war subtil so verformt worden, dass es die Knochen- und Knorpelstruktur der Gesichtszüge täuschend echt nachahmte. »Sonst hätte man ihn wohl kaum so schnell erkannt«, erklärte sie. Trotzdem wirkte es unnötig aufwendig. Und warum hier in Downham Fields, wo es doch ein halbes Dutzend anderer Grünflächen weiter südlich gab, viel näher an Aiden Burghleys angestammtem Revier Bromley? »Möglicherweise hat das Ganze weniger mit Mr. Burghley selbst zu tun«, mutmaßte Nightingale. »Mist«, sagte ich – denn wenn es etwas gab, was der Gesichtslose noch lieber tat als Leuten die Glieder auszureißen, dann war es, irgendwo eine Ablenkung zu schaffen, während er sich in aller Ruhe an das eigentliche Opfer heranpirschte und es abmurkste. Ich sah Nightingale an. Er blickte stirnrunzelnd zurück. »Reynard«, sagte ich. Es ist erstaunlich, wie schnell man in einem Jaguar-Oldtimer quer durch London kommt, wenn man Blaulicht und Sirene einschaltet und dein Vorgesetzter fährt wie eine gesengte Sau. Gegen das abendliche Nadelöhr der Vauxhall Bridge war allerdings nichts zu machen – da hätte man schon in einen Sherman-Panzer investieren müssen. Wir hatten Belgravia bereits alarmiert und veranlasst, dass der Zellentrakt abgeriegelt wurde. »Falcon-Abriegelungsverfahren« fügte ich im Geiste meinem ständig wachsenden Leitfaden hinzu. Das Airwave des Jaguar stellte ich auf die Frequenz von Belgravia ein, und Nightingale und ich lauschten schweigend im grauen Nieselregen auf Heulen und Wehklagen. Das fing aber erst an, als wir ankamen. Im Korridor stapelte sich die Kundschaft des halben Abends, und der diensthabende Inspector erwartete uns mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen und einem metaphorischen Nudelholz in der Hand. Und die Wachbeamtin erklärte uns, sie hätte die Verantwortung für alle Gefangenen, ja? Sie kannte die Gerüchte über einstürzende Häuser und brennende Märkte und auch darüber, was vor ein paar Jahren wirklich im Revier Savile Row passiert war. Sie wollte jetzt sofort eine bitteschön umfassende Risikoeinschätzung, wenn nicht, konnten wir unseren Verdächtigen gern sonst wohin verfrachten. Ins Folly konnten wir Reynard aber nicht bringen. Abgesehen davon, dass die Verhältnisse dort nicht dem Polizeigesetz entsprachen, gab es nicht einmal Zellen. Wobei wir ihn vermutlich in eine der unbenutzten Dienstbotenkammern im Dachgeschoss hätten stecken können. Die Beamtin schlug vor, ihn doch nach Paddington Green zu bringen, wo Terrorverdächtige untergebracht wurden. Aber Nightingale war dagegen. »Wenn ein Gefangener verlegt wird, ist er am gefährdetsten. Andererseits, wenn unser Gegner wirklich einen Angriff geplant hätte, hätte er ihn jetzt vermutlich schon durchgeführt.« Trotzdem richtete er sich darauf ein, die Nacht im Zellentrakt zu verbringen. Was bedeutete, dass ich losgeschickt wurde, um etwas zu essen zu besorgen, unser Vorgehen dienstlich zu protokollieren und etwas überfälligen Papierkram zu erledigen. David Carey fragte, ob ich mit in den Pub wollte, um seine erfolgreiche Razzia zu feiern, die ihm zwei Fleischermesser, eine Tüte dubioses Gras und – der Grund für die Feier – dreitausend Pfund in kleinen Scheinen eingebracht hatte, die geradezu herausschrien, dass sie für Drogendeals gedacht waren. Beverley musste auf ihre Schwester Brent aufpassen, daher schien es der ideale Abend, um sich dienstlich eine mäßige Kante zu geben … bis mich Agent Kimberley Reynolds von einem Wegwerfhandy aus anrief. »Ich dachte, ich sollte endlich mal auf deine Einladung zum Kebab zurückkommen«, sagte sie. Ich brauchte ein paar Sekunden. Dann dämmerte es mir: Shepherd’s Bush im Schnee, Zach, der nach Strich und Faden verdroschen wurde, und ich, der Kimberley mit Impello auf die Matte beförderte, weil ich dachte, sie hätte nach einer Waffe gegriffen. Danach waren wir um die Ecke ein Kebab essen gegangen – oder zumindest ich; Kimberley hatte sich strikt an Cola gehalten, obwohl der Kaffee gar nicht so schlimm gewesen war. »Für ein anständiges Kebab hab ich immer Zeit«, sagte ich. »Was meinst du, wann kriegst du Hunger?« »In einer Stunde?« »Okay, bis dann«, sagte ich und eilte nach unten, um Nightingale zu sagen, wohin ich ging. Die Uxbridge Road war voller Gestalten mit eingezogenen Köpfen, die zur U-Bahn hasteten. In einer Seitenstraße fand ich zu meinem Erstaunen einen Parkplatz, zog ebenfalls den Kopf ein und hastete im Regen unter der Brücke hindurch. Es handelte sich um einen typisch kurdischen Kebab-Imbiss, der genauso aussah wie die griechischen Gyrosbuden, mit denen ich aufgewachsen war, nur dass das Fleisch garantiert halal war. Zur Abwechslung nahm Kimberley jetzt einen Kaffee und ich aus Pietät gegenüber Aiden Burghley eine Falafel. Kimberley hatte ihr Agentenkostüm gegen ein Paar schwarze Jeans, ein orange-graues Sweatshirt mit den Buchstaben OSU auf der Brust und eine blaue Steppjacke getauscht und, soweit ich sehen konnte, das Schulterholster weggelassen. »Du färbst dir die Haare nicht mehr«, bemerkte ich. »Ich hab’s aufgegeben, meine Haarfarbe zu tarnen, als ich merkte, dass ich sowieso schon bis zum Hals in den X-Akten drinstecke.« »Die X-Akten gibt’s wirklich?« »Das wäre dein Traum, was? Tut mir leid, ich muss dich enttäuschen.« »Was, keine Ufos?« »Bisher nicht.« Sie nahm mit allen Anzeichen des Behagens einen Schluck Kaffee. »Ich sag dir Bescheid, sobald welche auftauchen.« Ich fragte, was sie wieder über den großen Teich führte. Sie wedelte mit der Hand. »Alles nur deine Schuld.« »Halt mal, das glaub ich nicht.« Kimberley widersprach. »Nach unseren kleinen Abenteuern im Untergrund war ich neugierig. Es kam mir unwahrscheinlich vor, dass ihr Briten ein Monopol habt auf …« Sie zögerte. »Magie?«, schlug ich vor. Sie zuckte mit den Achseln. »Es kam mir jedenfalls unwahrscheinlich vor. Typische Ermittlerschwäche – man kann es nie einfach gut sein lassen.« Also hatte sie herumgeschnüffelt und war dabei offenbar nicht so subtil gewesen, wie sie geglaubt hatte, denn das Nächste, was passierte, war, dass ihr Vorgesetzter sie zu sich ins Büro lud, wo ein eigens ihretwegen aus Washington eingeflogener Deputy Assistant Director auf sie wartete. »Er hatte meine London-Akte offen auf dem Tisch liegen, sah mir ins Gesicht und fragte: ›Haben Sie diesem Bericht noch etwas hinzuzufügen?‹ Ich sagte, möglicherweise ja, aber das würde ihm vermutlich nicht gefallen.« Sie grinste. »Also, sinngemäß. Da sagte er: ›Erzählen Sie es mir doch und lassen Sie mich das entscheiden.‹« »Und was hast du ihm erzählt?« »Also, zunächst hab ich mich nur so vorgetastet. Sagte, dass du ein paar Sachen gemacht hattest, die ich mir nicht ganz erklären konnte. Er nickte nur und fragte, ob ich auf noch andere Beispiele für angewandte Magie gestoßen sei.« »Und?« »Da hab ich ihm alles erzählt. Über dich, Nightingale, Lesley, das Folly – auch über das Volk unter der Stadt. Er war kein bisschen erstaunt.« Eine Woche später wurde ihr eine Versetzung nach Washington angeboten. »Also, eigentlich wurde ich dorthin beordert.« Ins Amt für partnerschaftliche Zusammenarbeit, das die Kooperation des FBI mit »Partnerorganisationen« und den regionalen Polizeien regelte. »Da heben sie also die X-Akten auf?« »Genau.« Sie lehnte sich im Stuhl zurück. »In einer großen geheimen Lagerhalle.« Ihre reguläre Arbeit bestand darin, mit verschiedenen Partnerorganisationen des FBI zusammenzuarbeiten. »Egal ob die Lust auf eine Zusammenarbeit haben oder nicht.« Um den abstrusen Scheiß musste sie sich in ihrer Freizeit kümmern. »Was zum Beispiel?« »Der Frage nachgehen, ob Amokläufer von Dämonen besessen sein könnten.« Die Zahl der Amokläufer nahm seit der Jahrtausendwende immer mehr zu – und die der Opfer auch. Und da man den USA nicht mit der Einschränkung von Waffenbesitz kommen konnte, suchte das FBI fieberhaft nach anderen Vorbeugungsmaßnahmen. Kimberley fand tatsächlich Literatur zu dem Thema, ausgerechnet beim Zentrum für Seuchenkontrolle. Dort hatte man 1995 eine Studie in Auftrag gegeben, in der sehr verklausuliert angedeutet wurde, dass einige Vorfälle von Massenmord nicht gewöhnlicher Kriminalität oder psychischen Erkrankungen zugeschrieben werden konnten. Die Studie war nie veröffentlicht worden, und es war auch keine Folgestudie genehmigt worden. Also hatte Kimberley eine Tour kreuz und quer durch die USA gemacht und alle noch lebenden Amokläufer befragt, die sie auftreiben konnte und die bereit waren, mit ihr zu reden. Ich dachte an Mr. Punch und das blutige Chaos, das er um sich verbreitet hatte, und fragte, ob es Fälle gab, wo sich der Verdacht bestätigt hatte. »Schwer zu sagen. Sehr oft tötet der Schütze sich selbst oder wird von Einsatzkräften erschossen. Die restlichen haben die typische desolate Story.« Sprich, sie waren missbraucht oder gemobbt worden oder waren einfach sauer darüber, wie die Welt sie behandelte, und hatten beschlossen, ihr eine Lektion zu erteilen. Aber da war eine Befragung in Florence, Arizona. Ein sechsunddreißigjähriger weißer Mann, der eines Morgens aufgewacht war, ohne ersichtlichen Grund seine Frau erschossen hatte, dann zu seiner Schwiegermutter gefahren war und auch sie umgebracht hatte. Er hatte es nur deshalb nicht auf die Liste der Massenmörder des FBI geschafft, weil der Briefträger ihn überwältigt hatte, bevor er im nahegelegenen 7-Eleven-Supermarkt das Feuer eröffnen konnte. Während Kimberleys Befragung hatte er behauptet, der Geist eines Bären sei damals in ihn gefahren. »Ein alter Bär, sagte er – aus der Zeit vor der Ankunft des weißen Mannes. Ein verdammt wütender Bär.« Ich fragte, ob sie ihm geglaubt hatte. »Hast du schon mal einen Bären brüllen hören?«, fragte sie. »Einen, der wirklich wütend ist? Es gibt nichts, was sich auch nur annähernd so anhört. So ein tiefes, heiseres Brüllen. Ich habe es zweimal gehört. Einmal mit meinem Dad auf der Jagd, und noch einmal, als ich diesen Mann in Florence befragt habe.« Sie hielt inne – wohl um zu sehen, wie ich reagierte. »Also, nicht wirklich«, sagte sie dann. »Eher wie ein Echo oder … ich weiß nicht genau.« »Eine Erinnerung?«, fragte ich. Kim sah mich durchdringend an. »Du weißt also, wovon ich rede.« »Man nennt es Vestigium«, antwortete ich. »Es ist eine Art Nachhall magischer Ereignisse. Andererseits, ehrlich gesagt, manchmal ist es auch nur Einbildung … oder eine tatsächliche eigene Erinnerung, die durch etwas hochkommt, was jemand sagt oder tut.« »Also, ist es jetzt real oder nicht?« Ich sagte, ja, schon, aber um die wirklichen Vestigia von den anderen Sachen zu unterscheiden, bräuchte man einen Lehrer. Wobei ein nervender kleiner Hund auch von einigem Nutzen sein könnte. Als sie fragte, was für eine Rasse ich empfehlen würde, wurde mir klar, dass ich sie wohl ein bisschen verwirrt hatte. »Vergiss den Hund«, sagte ich. »Schade. Ich mag Hunde.« »Der Hund war eine kleine Abschweifung.« Kimberleys Lippen zuckten. »Was du nicht sagst. Was meinst du also – war mein Amokläufer besessen oder nicht?« »Kann schon sein. Aber das heißt noch nicht, dass das, was sich in ihm eingenistet hatte, ihn dazu gebracht hat, diese Leute zu töten. Vielleicht wollte es auch etwas anderes, und der Typ hat es missverstanden. Oder die Persönlichkeit des Mannes hat das Etwas beeinflusst. Und selbst wenn es ihn wirklich eindeutig gezwungen hat, seine Frau zu erschießen, heißt das nicht, dass so etwas auf andere Amokläufer auch zutrifft.« »Das ist nicht gerade hilfreich.« »Nicht besonders, nein. Ich kann gern mal ein paar von den grundlegenden Lehrwerken im Folly durchschauen, aber die sind in der Regel auch keine große Hilfe. Finde ich zumindest.« Sie nickte und starrte in ihre leere Kaffeetasse. »Weißt du was, der Kaffee hier ist scheußlich.« Also gingen wir ein Stück die Uxbridge Road hinauf, bis wir ein Lokal mit anständigem Kaffee fanden, und Kimberley erzählte mir endlich, was sie hier in England machte. »Da ich ja inzwischen das Mädchen für Übernatürliches sowie Übersee beim FBI bin, wurde ich damit beauftragt, die Überstellung einiger meiner Mitbürger, die euch in die Fänge geraten sind, in die Heimat zu erleichtern.« Sie sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an. »Also, derer, die noch am Leben sind.« »Überlass sie doch uns«, sagte ich. »Die haben sich ein paar ernste Sachen zuschulden kommen lassen. Freiheitsberaubung, illegaler Waffenbesitz, Vorsätzlichkeit.« »Was für Vorsätzlichkeit?« »Momentan ganz allgemeine Vorsätzlichkeit.« Sie meinte, sie persönlich hätte kein Problem damit, die Herren bis auf Weiteres der Gastfreundschaft Ihrer Majestät zu überlassen. Aber leider sei da der lästige semi-offizielle Status der Kerle und die Tatsache, dass die amerikanische Regierung nur ungern ihre schmutzige Wäsche von der britischen Justiz waschen ließe. Um leichter zu einer gütlichen Einigung zu kommen, hatte man ihr einen verlockenden Grabbelsack voll drittrangiger Staatsgeheimnisse und Zugeständnisse für die britischen Sicherheitsvertreter mitgegeben. »Außerdem würdet ihr euren Steuerzahlern eine Menge Geld ersparen.« »Hattest du schon Erfolg?« »Ja und nein. Im Prinzip sind alle Parteien einverstanden.« »Aber?« »Dein Boss muss sein Okay geben.« »Mein Boss?« »Ja.« »Nightingale?« »Hast du noch einen anderen Boss?« Nein, dachte ich, aber ich wusste nicht, dass er so viel Einfluss hat. »Wurde gesagt, warum?« »Es hieß, es gebe da eine Abmachung.« Oh ja. »Ich soll also Nightingale überzeugen?« »Würdest du das tun?«, fragte sie. »Das wäre einfach super.« »Okay, was kannst du uns anbieten?« Sie grinste. »Ich dachte schon, du würdest nie fragen.« Sie zog einen USB-Stick aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch zwischen uns. »Da sind ihre Namen drauf, die organisatorische Struktur und Geschichte der Virginia Gentleman’s Company und nicht zuletzt in allen Einzelheiten die Gründe, warum die Typen überhaupt hierhergekommen sind.« »Und die wären?« Kimberley sagte, sie sei noch nie in Fort Meade, Maryland, gewesen, um sich die Ansammlung riesiger modernistischer Büroblöcke anzuschauen, aus denen das Hauptquartier der NSA bestand. Aber sie stellte es sich immer als Bienenstock voller einförmiger kleiner Arbeitszellen vor, die auf den ersten Blick alle gleich aussahen. Nur das geübte Auge erkannte die subtilen Unterschiede in Status und Aufgabe des Zelleninhabers. An den Arbeitsplätzen, von denen aus die internationalen Kommunikationsflüsse nichtsahnender Terrorverdächtiger überprüft wurden, gab es größere, flachere Monitore, hübschere Tischkalender, vielleicht mit täglich einem lustigen Spruch, und die Runde des Sandwichwagens fing immer bei ihnen an. »Du hast wohl in der letzten Zeit nicht viel Schlaf bekommen?«, erkundigte ich mich. »Nur Geduld«, sagte sie und beschrieb die Zellen, die am weitesten von der Kantine entfernt waren, diejenigen, in denen es dezent nach Abflussrohr duftete und deren Inhaber es abends bei Dienstschluss am weitesten zum Auto hatten. Hier wurden Informationen aus Facebook, Twitter, eBay, Tumblr und ähnlichen offenen Internetquellen ausgewertet. Die Erstauswahl wurde natürlich maschinell getroffen, aber irgendein armer Trottel musste die Treffer dann durchgehen und entscheiden, welches staatliche Organ vielleicht darüber informiert sein wollte, wenn jemand für verdächtig viel Geld einen gebrauchten rosa Bademantel verkaufte (Geldwäsche?) oder eine seltene Schneekugel im Angebot hatte (Einfuhr umweltschädlicher Stoffe?). Kimberley stellte sich vor, dass eine Liste der zuständigen Organe existierte, und irgendwo in einer halb vergessenen Rubrik dieser Liste, die seit George Bush nicht mehr richtig aktualisiert worden war, war das bei der Regierung unter Vertrag stehende Sicherheitsunternehmen Alderman Technical Solutions alias Virginia Gentleman’s Company aufgeführt. Als daher die Maschine dem armen Trottel einen entsprechenden Link schickte, alarmierte der pflichtschuldig besagte Organisation, die eigentlich schon längst nicht mehr auf der Liste hätte stehen dürfen, seit sie wegen eines nicht näher spezifizierten Desasters in Falludscha von einer anderen Liste gestrichen worden war – der der Vertragspartner der Regierung. Ich fragte nach, was in Falludscha passiert war, aber Kimberley schüttelte den Kopf. »Der Text war derart geschwärzt, dass ich überhaupt nur weiß, dass es in Falludscha passiert ist, weil in der Genehmigung zur Schwärzung Bezug darauf genommen worden war und jemand das übersehen hatte.« Sie hatte nicht einmal herausgefunden, was die Company eigentlich im Irak gemacht hatte, wobei an manchen Stellen von etwas namens »territoriale Eingrenzung von Schemen« und »TechSub« die Rede war. Was auch immer ihr Auftrag war, Kimberley glaubte nicht, dass sie sehr erfolgreich gewesen waren, denn 2009 wurde ihnen ihr Vertrag mit zweijähriger Frist aufgekündigt. Angesichts der wirklich niedrigen Erfolgsstandards privater Militärunternehmer im Irak musste der Scheiß, den sie gebaut hatten, wahrlich spektakulär gewesen sein. Nicht dass Kimberley das Wort Scheiß verwendete. Aber sie war nicht überrascht, dass die Gentlemen noch im labyrinthischen Gewirr der amerikanischen Geheimdienstszene herumspukten. »Irgendwer kennt ja immer jemanden, der jemanden kennt. Wie du sicher weißt.« Ich fragte, welcher Fund den Trottel in der Arbeitsbienenzelle dazu bewogen hatte, Alderman Technical Solutions zu kontaktieren – also der Grund war, warum sie hierhergekommen waren. »Deine verstorbene Freundin Christina Chorley hat versucht, über eBay etwas namens Wild-Rechnungsbuch mit zwanzigtausend Pfund Mindestgebot zu verkaufen.« »Dass sie hinter dem her waren, wussten wir.« Ich fragte mich, warum Stoppelschnitt es nicht einfach gekauft hatte – wäre vermutlich billiger gewesen, als seine Jungs hier einzufliegen und Waffen hereinzuschmuggeln, ganz zu schweigen von den gemieteten SUVs mit den angemessen dunkel getönten Scheiben. »Ja, aber wusstet ihr auch von etwas namens Mary-Maschine? Das wollte sie auch über eBay verkaufen.« Sie zeigte mir auf ihrem Tablet ein Foto aus der eBay-Anzeige: ein kompakter Würfel aus Stahl- und Messingzahnrädern. »Eine Differenzmaschine?« »Der Vorteil, wenn sich die NSA so was anschaut«, sagte sie, »ist, dass die den Unterschied zwischen Differenz- und Analytischer Maschine kennen. Anscheinend ist das hier weder das eine noch das andere.« Ich fragte, was es dann war. »Auf den Fotos konnten sie nicht genug sehen, um die Funktionsweise genau zu bestimmen, aber sie halten es für original viktorianisch. Schätzungsweise Mitte der 1840er Jahre. Also, wenn du das Ding finden solltest und bei der NSA einen Stein im Brett haben willst, könntest du es ihnen schicken, mit freundlichen Grüßen.« »Du meinst, ich brauche bei der NSA einen Stein im Brett?« »Peter«, sagte Kimberley, »bei deiner Lebensweise wirst du wahrscheinlich so viele Steine in so vielen Brettern brauchen wie überhaupt möglich.« Es gab noch andere Objekte, die die Aufmerksamkeit der NSA erregt hatten. Ein Sammelband von Victor Bartholomews Schriften über Geister von 1920, die ich noch von einer besonders öden Lateinlektion her kannte. Und ein Echter Magierstab, der laut Kimberley eine Seriennummer der britischen Armee trug. Der angehängte Bericht der NSA deutete an, dass die Sammlung keinen gemeinsamen Nenner hatte und eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, dass es sich weniger um eine Sammlung als um ein Sammelsurium handelte. Gegenstände, die von einem Individuum erworben worden waren, das leicht an so etwas herankam, aber wenig davon verstand. »Was meinen sie mit so etwas?«, fragte ich. »Wussten sie nicht.« Und woher all diese Objekte kamen, war ein Rätsel, dachte ich. Wie der Wechsel der Jahreszeiten oder die Gezeiten. Aber während es für Kimberley und die militärische Staatssicherheit der USA ein Rätsel blieb, kannte ich da einen Fuchs, der vielleicht mehr wissen könnte. Allerdings glaubte ich nicht, dass ich Reynard den Möchtegern-Schlaufuchs noch an diesem Abend befragen musste. Also schaute ich nur kurz in Belgravia vorbei, um Nightingale zu informieren und mehrere Sicherheitskopien des USB-Sticks zu machen. Und wo ich schon dabei war, überflog ich auch gleich die Dateien darauf. Das meiste leitete ich ans stationäre Ermittlungsteam weiter, damit die es in HOLMES eingaben, einschließlich der echten Namen unserer amerikanischen Freunde. Stoppelschnitt hieß eigentlich Dean Miller, war ehemaliger Reserve-Captain der 29. Infanteriedivision gewesen und hatte im Kosovo und im Irak gedient. Die 29. war eine Einheit der Nationalgarde, aber was sein ziviler Broterwerb gewesen war, wurde nicht klar. Nachdem er die Nationalgarde verlassen hatte, wurde er als »Berater« bei Alderman Technical Solutions geführt. Eine genervte kleine Notiz eines anonymen Geheimdienst-Apparatschiks beschwerte sich, dass bei ATS so gut wie jeder als »Berater« geführt war. Stoppelschnitts Einsatzbericht aus dem Irak war stark zensiert, und was nicht herausgestrichen war, war in einem völlig unverständlichen Mix aus Jargon und Akronymen geschrieben – also, ich war ja von der Met einiges gewöhnt, aber im Vergleich zum US-Militär waren wir hier Waisenknaben. Das zu übersetzen würde mich einige Google-Stunden kosten. Captain Dean Millers Mitstreiter hatten einen ähnlichen militärischen oder polizeilichen Hintergrund und stammten auffälligerweise alle aus dem Süden und Südwesten der Staaten. Ich fragte mich, ob das signifikant war, aber dazu war die Stichprobe zu klein. Ich fügte dem Wust von Dingen, die ich in mein wachsendes Word-Dokument eintragen musste, »zivilen Datenanalytiker einstellen« hinzu. Außerdem dachte ich, es könnte nicht schaden, meinen E-Mail-Rückstand etwas aufzuholen. Was nur gut war, denn eine ärgerlicherweise ohne Betreff geschickte Mail des Grenzschutzes informierte mich, dass Jeremy Beaumont-Jones schon zwei Tage früher, als seine Tochter geglaubt hatte, von den Bahamas zurückgekehrt war. Was bedeutete, dass er kein Alibi für unseren vermuteten Gesichtslosen-Vorfall inklusive Einsturz seines eigenen Hauses hatte. Was wiederum bedeutete, dass wir ihn wieder als Verdächtigen behandeln mussten. Und da dies unter Tigerjagd fiel, waren Nightingale und ich gefragt. Ich setzte seine Überprüfung auf unsere lange Liste dringender Maßnahmen, bevor ich ins Folly zurückkehrte, und stand am nächsten Morgen in aller Frühe wieder auf der Matte, um Reynards Vernehmung vorzubereiten. Alle bisherigen Vernehmungen von Reynard waren nach dem üblichen Muster abgelaufen: Wir sagten, er hätte es getan, er sagte, er hätte es nicht getan – in den verschiedensten Varianten. Dieser Vernehmungsverlauf ist ziemlich häufig, deshalb hat die Polizei über die Jahre diverse Methoden entwickelt, aus dieser Sackgasse herauszukommen. Manche davon sind immer noch legal. Eine davon ist die grausige Überraschung. Ich druckte also ein paar Tatortfotos aus und nahm sie mit in den Vernehmungsraum. Da es nicht erlaubt ist, Gefangene in Dreck und Moder schmoren zu lassen, war Reynard frisch geduscht und trug saubere Kleidung. Er zeigte die typischen Abnutzungserscheinungen, die viele Leute nach ein paar Nächten in der Zelle haben. Auch wenn ihm das Wort »Ganove« praktisch auf der Stirn eintätowiert stand, er hatte nicht jahrelang an vorderster Front zwischen Gesetz und Verbrechen gearbeitet wie ich, hatte nicht diese zähe Geduld entwickelt, die Polizist und Berufsverbrecher vom Durchschnittsbürger unterscheidet. Das merkte man schon daran, dass er nicht um einen gesetzlichen Verteidiger gebeten hatte. »Wann waren Sie zum letzten Mal in Bromley?«, fragte ich, sobald wir das zeremonielle Anschalten der Tonbänder und das Belehrungsritual hinter uns gebracht hatten. »Bromley?«, wiederholte er. »Wieso denn Bromley?« »Wann waren Sie zum letzten Mal dort?« Er grinste und zeigte dabei seine weißen Zähne. »Muss sagen, Bromley ist nicht gerade eine Ecke, die mich unwiderstehlich anzieht. Ich bin da vielleicht zwei-, dreimal durchgefahren – auf dem Weg anderswohin.« »Also schauen Sie nie bei Ihrem guten Freund Aiden Burghley vorbei?« »Wem?« »Weiß, Mittelschicht, Drogendealer. Ein Typ wie Sie.« »Wie ich?« »Sie wissen schon. Möchtegernverbrecher, liebt kriminelle Aktionen, hasst es, wenn er die Konsequenzen tragen muss.« »Ich glaube, da beschreiben Sie mehr oder weniger die menschliche Natur«, kam es selbstgefällig zurück. Ein besseres Stichwort würde ich nicht kriegen. Ich legte ihm ein paar ausgewählte Fotos vom Tatort Aiden Burghley hin – die kunstvoll gerahmte Nahaufnahme von dessen abgezogenem Gesicht hob ich mir für zuletzt auf. »Nett«, sagte er, aber hinter dem lässigen Ton spürte ich einen Hauch echter Angst, als er fragte, wer das sei. »Erkennen Sie ihn nicht?«, fragte ich. Er verneinte und schüttelte den Kopf, sein Blick glitt von dem Foto weg. »Das ist Aiden Burghley.« Überrascht bemerkte ich, dass Reynards Schultern sich leicht entspannten. Entweder, weil er Aiden wirklich nicht kannte, oder weil es ihm um ihn nicht schade war. »Und das hier?« Ich legte ein Bild der Mary-Maschine daneben. Reynard warf einen Blick darauf und zuckte mit den Schultern. »Was soll das sein?« »Erkennen Sie es nicht?« »Ein Geschicklichkeitsspiel?« »Das ist eines der Objekte, die Christina Chorley auf eBay verkaufen wollte. Zusammen mit dem Objekt, das Sie versucht haben, uns zu verkaufen.« »Auf eBay?«, rief Reynard – so wütend, dass er vergaß, den Mund zu halten. »Die kleine Schlampe.« »Wollen Sie behaupten, dass Sie davon nichts wussten?«, fragte ich, um ihn weiter zu reizen. »So was stellt man nicht in eBay«, sagte Reynard. »Das weiß doch jeder.« »Anscheinend jeder außer Christina«, sagte ich. »Warum denn nicht? Auf eBay wird doch alles Mögliche verkauft.« »Weil man manche Dinge einfach nicht tut.« »Selbst Leute wie Sie?« »Vor allem Leute wie ich«, sagte Reynard. »Man pisst doch nicht in seinen eigenen Teich.« »Christina aber schon, was? Sie war wohl nicht ganz das fügsame Häschen, das Sie sich gewünscht hatten.« »Ach wissen Sie, Constable, wenn sie nicht ein bisschen zappeln, macht es doch keinen Spaß.« Sein Lächeln war füchsisch und kalt, aber jetzt geriet er in sein Lieblingsfahrwasser, und sobald das bei einem Verhör passiert, muss man sich nur mit ins Boot setzen und es in die richtige Richtung steuern. »Der Reiz der Jagd, hm?«, fragte ich. »Kennen Sie doch auch, oder?« Ich zuckte halb mit den Achseln, um anzudeuten, dass ich ihm liebend gern zustimmen würde, mich aber die eiserne Hand der politischen Korrektheit daran hinderte. Mehr war nicht nötig, damit Reynard selbst das Ruder übernahm und uns mitten in die Strömung steuerte. Er beugte sich vor und sah mir in die Augen. »Das lieben doch fast alle Männer. Aber von klein auf wird ihnen anerzogen, das nicht zuzugeben – nicht mal sich selbst gegenüber.« »Wo gehen Sie denn am liebsten jagen?«, fragte ich. »Muss ich gar nicht, Peter. Die kommen von ganz allein.« Vermutlich mit Fackeln und Heugabeln, dachte ich. »All die kleinen Häschen lieben es«, sagte er. »Selbst die, die sich für Germaine Greer persönlich halten. Laufen vor deiner Nase hin und her, und alles an ihnen hüpft, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft.« »Ja, diese weißen Puschelschwänzchen«, sagte ich, bevor ich mich zurückhalten konnte, aber Reynard war glücklicherweise schon so tief in seiner Lieblingsmaterie, dass er es gar nicht mitbekam. »Als die kleine Christina vorbeigehoppelt kam«, sagte ich, »wo waren Sie da?« »Im Chestnut Tree.« Das war ein bekannter Pub in Marble Arch, wo sich abends die Demi-monde einfand, wenn sie ihr wie auch immer geartetes Tagwerk beendet hatte. Zach der Goblin beispielsweise war da öfter anzutreffen, wenn er gerade mal nicht Hausverbot hatte. Ich war auch ein paarmal dort gewesen, um mich zu zeigen und die Community wissen zu lassen, dass ich ein Auge auf sie hatte – die diebische Bande. Es war so eine Kaschemme, wo einen niemand nach dem Ausweis fragte, sobald man alt genug aussah, um Zeitungen auszutragen. Aber keine, in die man durch Zufall geriet. Ich erwähnte das gegenüber Reynard. »Sie war in Begleitung.« »Was für Begleitung?« »Göttliche. Oder zumindest göttlicher Abstammung.« »Davon gibt’s eine Menge. Wer war’s?« Er zögerte – ich nahm an, er überlegte kurz, ob er einen Handel versuchen sollte. Aber dann siegte die Vernunft, und er sagte es mir. »Die Kleine von Lady Ty. Olivia.« Und wieder geht’s im Kreis, dachte ich; wo’s endet – ja, wer weiß? 11 Unter Kastanienzweigen Während ich mit Reynard dem Unverlässlichen redete, war Nightingale mit Guleed zu Familie Beaumont-Jones gefahren, um Vater und Tochter einzuladen, der Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen. So konnten wir sein Alibi überprüfen, ohne Angst zu haben, dass er wieder ein Gebäude über uns einstürzen lassen würde. Und sollte dies oder etwas ähnlich Unangenehmes anderswo passieren, während er sich bei uns befand, konnten wir ihn guten Gewissens als Verdächtigen ausschließen. Danach trafen wir uns wie abgemacht zu Kaffee und Besprechung des weiteren Vorgehens. Ich fragte Guleed, was für einen Eindruck sie von Phoebes Vater hatte. »Ehrlich gesagt kommt er nicht sehr helle rüber«, sagte sie. »Ein durchaus angenehmer Bursche«, fügte Nightingale hinzu, »aber nicht das, was man einen begnadeten Denker nennt.« Was mal wieder zeigt, dass ein Oxford-Abschluss eigentlich bloß besagt, dass du in Oxford und dort bei den Vorlesungen anwesend warst. »Der seine war auch nur eine recht magere Zwei«, bemerkte Nightingale. Anscheinend war unser Mr. Beaumont-James mehr an der Oxford Revue interessiert gewesen als an seinem Studium der Philosophie, Politik und Wirtschaft; aber zu einer Karriere als brillanter Satiriker hatte es dann doch nicht gereicht. Am späten Vormittag bekamen wir zwar die Bestätigung, dass er für die Zeit, als der Gesichtslose mir und den Amerikanern eine unfreiwillige Schwimmlektion erteilte, ein Zimmer in einem exklusiven Hotel im West End gebucht hatte, konnten aber nicht mit Sicherheit sagen, ob er sich auch dort aufgehalten hatte. Nicht nur, dass das fragliche Hotel das Kommen und Gehen seiner Gäste aus Diskretionsgründen nicht visuell überwachte, es war uns auch nicht gelungen, Anna, die »aufgeschlossene Blondine«, aufzuspüren, mit der Jeremy Beaumont-James für einen Riesen eine Nacht der zumindest exzellent vorgetäuschten Leidenschaft verbracht haben wollte. Da war es nicht hilfreich, dass er sich nicht erinnern konnte, zu welchem Begleitservice sie gehört hatte, und bezahlt hatte er sie in bar, also gab es keine Datenspur. Auch hatte er die Buchung der käuflichen Leidenschaft nicht über sein Handy getätigt, und vom Zimmertelefon aus war nicht nach außen telefoniert worden. Es war klar, dass jemand vom Hotel die Agentur der jungen Damen kennen würde, die dort ein und aus gingen. David Carey wurde dazu ausersehen, das Personal zu befragen, bis einer den Namen ausspuckte. Sobald das geschah, würde er, dazu hatte er sich freiwillig bereiterklärt, alle nötige Zeit dem Besuch der Agenturen und der Befragung der »Mädels« widmen. »Ich engagiere mich eben in meinem Job«, sagte er. Jeremy Beaumont-Jones’ Alibi für Aiden Burghleys Zerlegung am Montagnachmittag war ähnlich löchrig. Aber dass jemand kein sicheres Alibi hat, ist noch kein hinreichender Grund, ihn anzuklagen. Zumindest nicht, wenn er einen anständigen Anwalt hat. Ich berichtete, dass Reynard behauptet hatte, Olivia hätte Christina Chorley in den Chestnut Tree und somit in die Wunderwelt der Demi-monde eingeführt. »Also hat Olivia McAllister-Thames uns angelogen«, sagte Seawoll. »Mal wieder.« »Einer lügt jedenfalls«, sagte ich, was mir einen nachsichtig amüsierten Blick von Stephanopoulos und ein Schnauben von Seawoll einbrachte. Natürlich log jemand. Wir waren die Polizei, uns log immer jemand an. »Wir haben doch Olivias Freundin«, sagte Stephanopoulos. »Wir können sie jederzeit fragen.« »Nein«, beschied Seawoll. »Ich hab’s satt, wie diese eingebildeten kleinen Kröten uns vergackeiern.« Er sah mich und Nightingale an. »Kennen Sie den Laden?« Er meinte den Chestnut Tree. Nightingale sagte ja. Seawoll fragte, ob wir etwas dagegen hätten, dort mal reinzuschauen und zu sehen, ob wir nicht ein paar Zeugen auftreiben könnten, die uns genau sagen konnten, wer wen wohin mitgenommen hatte und was sie gemacht hatten, während sie dort waren. Bewaffnet mit diesen Informationen konnten wir dann weitere Verhöre ansetzen und den eingebildeten kleinen Kröten die Hände auf den Tisch nageln. Metaphorisch gesprochen. Hoffte ich jedenfalls. Nightingale kann man nicht in den Chestnut Tree mitnehmen – sobald er einen Schritt in den Laden tat, wären die meisten Gäste schon zur Hintertür raus. Die hatte ich übrigens mal einen Vormittag lang zu finden versucht, falls es sich zufällig irgendwann als nützlich erweisen könnte, aber ohne Erfolg. Gerüchteweise führte sie auf einen geheimen unterirdischen Gang, der in der Tiefgarage Hyde Park endete. Ich nahm Guleed mit, weil Seawoll ihrem Bericht vermutlich eher glauben würde als meinem und ich nie ohne Rückendeckung in den Chestnut Tree gehen würde. Der Pub liegt in einer zugigen Gasse in Marble Arch, kurz vor – aber nicht zu verwechseln mit – dem berühmten City of Quebec. Draußen hängt kein Schild, aber angeblich ist der Türrahmen aus dem Holz der Original-Kastanie gezimmert, die da einst stand. Drinnen betritt man erst einmal einen kurzen Gang, der in diesem merkwürdigen Grün gestrichen ist, von dem irgendwer irgendwo vor langer Zeit den Brauereien weisgemacht haben muss, es sehe ansprechend und appetitlich aus und lade dazu ein, sich zu besaufen. Am Ende des Gangs geht es ein paar Stufen hinunter in den Gastraum. Dort wächst aus der Wand hinter dem Tresen der Kastanienbaum, der dem Pub seinen Namen verlieh. Also, genau genommen wächst er nicht, weil er seit über hundert Jahren tot ist, aber seine kahlen Äste spannen sich quer durch den Raum bis in die schummrigen hölzernen Sitzecken an der gegenüberliegenden Wand. In den Zweigen hängen staubige Laternen, deren Gas- und Petroleumbehälter hoffentlich nur noch dekorativen Zwecken dienen – ich hoffe es wirklich, sonst hätten wir hier schon mal einen Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften. Beim Eintreten wehte mich ein Hauch von altem Schweiß und heißer Pastete an, der entweder aus der Lüftungsanlage kam oder ein Echo all der Gaffer war, die einst an dieses Ende der Tyburn Road geströmt waren, um die Übeltäter baumeln zu sehen. Hier wurde mehr als augenfällig, dass in »baumeln« das Wort Baum steckt – ja, auch über solche Dinge macht sich ein Gesetzeshüter manchmal Gedanken. Die Frau hinter dem Tresen war beruhigend rumänischer Herkunft und zuckte nicht mit der Wimper, als ich ihr meine Dienstmarke zeigte und den Chef sprechen wollte. Sie erklärte mir, die Chefin habe gerade Mittagspause, müsse aber jeden Augenblick zurück sein. Ob wir in der Zwischenzeit etwas trinken wollten? Da der Pub keiner Brauereikette angeschlossen war, bot er eine Reihe mehr oder weniger unbekannter Biere von unabhängigen Brauereien an. Ich nahm ein kleines Sambrook’s Junction Ale, nur um die Atmosphäre entspannt und freundlich zu halten, und Guleed einen O-Saft und ein Wasser. Es war nicht leicht, aber wir fanden einen Tisch, von dem aus wir fast die ganze Gaststube im Blick hatten. Die hölzerne Tischplatte war vom Alter narbig und verzogen, wahrscheinlich schon lange bevor jemand ihr einen Lacküberzug von einem halben Zentimeter Dicke verpasst hatte. Trotz der vielen alten Ringe von übergelaufenem Bier gab es einen Ständer mit einem Hinweisschild, man solle doch bitte die natürliche Schönheit der echt antiken Einrichtung respektieren und bewahren, vielen Dank. Davor war ein Stapel zusammengewürfelter Bierdeckel. Eine rasche Durchsicht ergab, dass alle von verschiedenen Brauereien und viele aus anderen Pubs stammten. Später hörte ich, dass es hier als nette Geste galt, in anderen Pubs Bierdeckel zu klauen und dem Chestnut Tree zu spenden. Die originellsten und rarsten, wie beispielsweise aus Lhasa oder Abeokuta, landeten an einer Pinnwand hinter der Bühne im angrenzenden Barraum. »Hier gibt’s Livemusik«, sagte Guleed, die in dem Ständer einen Flyer entdeckt hatte. »Heute Abend spielt die ›Shanren Mountain Men Band‹ – schon mal was von denen gehört?« Ich sagte, nein, ebenso wenig wie von Lol Robinson oder Laura Marling, die für das kommende Wochenende angekündigt waren. Guleed nutzte ihr scheinbares Interesse an den bevorstehenden Gigs, um sich die Räumlichkeiten genauer anzuschauen. In Pubs wie dem Chestnut Tree ist mittags nicht viel los – kaum jemand aus der Demi-monde ist normaler Arbeitnehmer mit Mittagspause, ergo muss sich auch keiner mittags eilig einen hinter die Binde gießen, bevor er oder sie noch ein paar Stunden am Bürobildschirm herumdaddelt. Wobei – in einer Nische nicht weit von uns saßen drei junge Männer in weißen Hemden, die blauen Nadelstreifenjacketts über die Stuhllehnen gehängt. Zwei waren nordeuropäischer, einer vielleicht türkischer oder ähnlich mediterraner Herkunft. Sie sahen ziemlich büromäßig aus, und ich fragte mich, ob ihnen klar war, wo sie hier waren, oder ob es sie tatsächlich durch Zufall hierher verschlagen hatte. In einer anderen Nische steckten zwei Frauen mittleren Alters die Köpfe so eng zusammen, dass sie sich beinahe berührten. Eine hatte so helle Haut, dass sie weißer als weiß wirkte, und platinblondes Haar, das sie hinter die zum Glück nicht spitzen Ohren zurückgesteckt hatte. Ihre Freundin hatte eine rosigere Gesichtsfarbe und war dunkelhaarig, aber ihre Augen waren mandelförmig auf eine Art, die ich aus Edward Linley Sambournes Illustrationen zu Charles Kingsleys Taxonomie der Fae erkannte. Sie mussten bemerkt haben, wie ich sie musterte, denn sie wandten sich beide mit einem Stirnrunzeln nach uns um. Beider Augen waren von einem beunruhigenden Haselbraun. Das letzte Mal waren mir solche Augen auf der falschen Seite der Wirklichkeit begegnet – im Land der Feen, wo ich wohl geblieben wäre, wäre nicht Bev mit einer Dampflok gekommen und hätte mich ins Diesseits zurückbefördert. Guleed und ich taten, als interessierten wir uns für unsere Getränke – es ist ja unhöflich, andere Leute anzustarren. Wir gaben der Chefin zehn Minuten, in denen ich mein Bier austrank, ehe ich am Tresen noch einmal nach ihr fragte. Währenddessen bezog Guleed Position im Durchgang zum Barraum – wir hatten entschieden, dass sie so am besten positioniert war, um sowohl die Tür zur Küche als auch den Ausgang im Blick zu haben. So konnte sie eingreifen, sollte die Chefin oder sonst jemand einen hastigen Abgang auf einem dieser Wege versuchen. Die rumänische Kellnerin hielt ihr Handy hoch. »Sie hat mir eine SMS geschickt, dass sie gleich kommt.« Ich warf einen Blick über die Schulter. Guleed unterhielt sich mit einem jungen Chinesen in einem lila Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen, vorgebleichten Jeans und Lederturnschuhen. Er war klein, aber breitschultrig und hatte eine Ponyfrisur. In der linken Hand hielt er ein schlankes Behältnis aus Bambus und Leder, das nur deshalb nicht sofort als Schwertscheide zu erkennen war, weil über den Griff eine blaue Stoffhülle gebunden war. Er beugte sich vor wie ein Vogel, der nach einem Fisch taucht, und sagte etwas, was Guleed zum Lachen brachte. Ihr Blick zuckte in meine Richtung – der seine auch. Er wandte sich mir zu, grinste mit einem höflichen Nicken und einem ironischen Salut, bevor er sich umdrehte und davonschlenderte. »Das war interessant«, sagte Guleed, als sie sich wieder zu mir gesellte. Sie zeigte mir seine Karte. Diese war von eleganter Schlichtheit – teures Material und gestochen scharfes Druckbild. In Schwarz stand da MICHAEL CHEUNG und darunter, etwas kleiner: LEGENDÄRER SCHWERTKÄMPFER. Es folgten zwei kurze Spalten chinesischer Schriftzeichen. Da Guleed die Karte ungern weggeben wollte, fotografierte ich sie, um sie Postmartin übersetzen und analysieren zu lassen. »Er sagte, er wäre der Neue in Chinatown«, erklärte sie. »Und wenn ihr mal Zeit hättet, würde er sich freuen, wenn ihr am üblichen Ort mit ihm zu Abend essen würdet. Er sagte, Nightingale kennt den üblichen Ort.« »Um das zu sagen, hat er zehn Minuten gebraucht?« »Er hat mir auch seine Telefonnummer gegeben.« »Wirst du ihn anrufen?« »Wahrscheinlich.« »Und wenn er sein Schwert zieht, nimmst du ihn dann fest?« »Kommt drauf an«, sagte Guleed, »was er damit macht.« Was bei Guleed bedeutete: Kümmere dich um deinen eigenen Kram. Eingedenk der unter Kollegen gebotenen Sorgfalt hätte ich das Thema vielleicht trotzdem noch ein klitzekleines bisschen weiterverfolgt, wäre nicht in diesem Moment die Chefin des Chestnut Tree aus der Mittagspause zurückgekommen. Sie war weiß, Ende dreißig und hatte ein ovales Gesicht auf einem eher langen Hals, den sie mit Hilfe ihres hellbraunen Haars etwas zu kaschieren versuchte. Ihre Kleidung bestand aus einer nüchternen, leicht waschbaren hellrosa Bluse, schwarzen Jeans und bequemen flachen Schuhen. Ihre Augen waren hellbraun – noch ehe ich nahe genug gekommen war, um die goldbraunen Flecken auf der Iris zu erkennen, hatte ich sie eindeutig dem großen, uneindeutigen Reich der Fae zugeordnet. Sie hieß Wanda Pourier und hatte den südostenglischen Akzent, den man bekommt, wenn man die Chance verpasst hat, in London aufzuwachsen, weil die Eltern es irgendwie fertiggebracht haben, ihr Leben knapp daneben zu verbringen. »Reden wir besser in meinem Büro«, sagte sie. »Sie müssen ja die Gäste nicht noch mehr verschrecken.« Der Personalbereich war vernachlässigt und leicht deprimierend, wie das vielerorts der Fall ist. Für die Gäste gibt es Glanz und Gloria und für das Personal abblätternde Wände und Schließfächer, die aussehen, als hätte man sie aus einem gesunkenen U-Boot geborgen. Das Büro der Chefin war ein lieblos durch Gipskartonplatten abgetrenntes Kämmerchen mit einem langen Bord an einer Seite, das als Schreibtisch und Ablagefläche diente. So weit von der Tür entfernt wie möglich stand ein massiver Tresor, und die freie Wand nahm der obligatorische Jahresplaner ein. Wanda ließ sich auf einem abgewetzten Drehstuhl nieder und bedeutete uns, auf den beiden grauen stapelbaren Plastikstühlen Platz zu nehmen, die den Rest des Mobiliars darstellten. Was fehlte, war ein Computer – es gab nicht mal einen Taschenrechner. Stattdessen stand neben einem Stapel billiger Aktenordner eine altmodische waffenstahlblaue mechanische Addiermaschine – so eine, in die man mehrere Blätter mit Durchschlagpapier dazwischen einlegt. Mir kam plötzlich der Gedanke, dass wir gar nicht wussten, wem der Chestnut Tree, dieses Stückchen erstklassige superteure Londoner Immobilie, wirklich gehörte. Das herauszufinden setzte ich mal wieder auf die unendlich lange To-do-Liste in meinem Kopf – im letzten Drittel, ungefähr zwischen »Rostschutz für den Jaguar« und »Toby die Krallen schneiden lassen«. Zum Glück musste ich Wanda ihren Hintergrund nicht mühsam aus der Nase ziehen. Sie rückte sofort damit heraus. »Meine Mutter war eine Falloy«, sagte sie. »Wissen Sie, was ein Falloy ist?« »Irischer Nachname«, meinte Guleed. »Das auch.« Ein Falloy war nach Joseph Malzeards Von der natürlichen Ordnung des Unnatürlichen ein Wesen, das halb menschlicher Herkunft war, zu einem Achtel dunkle Fae und zu drei Achteln helle Fae. Malzeard beschrieb sie als »freundliche Gesellen, wenngleich unstet und stets zu kleinen Streichen aufgelegt«. Das erwähnte ich aber nicht, weil man als guter Polizist nie erkennen lässt, wie viel man von einem Zeugen weiß, und auch, weil ich das schon beim ersten Lesen als rassistischen Quatsch erkannt hatte. »Und was ist ein Falloy noch?«, fragte Guleed. »Ein bisschen dies, ein bisschen das. Meine Eltern waren ursprünglich aus der Bretagne.« Daher der Nachname. Ich sagte, wir wollten gern wissen, ob im vergangenen halben Jahr gewisse Leute den Pub frequentiert hatten. »Nur aus Ausschlussgründen«, fügte Guleed hinzu. Ich zog mein offizielles Polizei-Tablet heraus und zeigte ihr ein paar Fotos. »Der hier kommt mir bekannt vor«, sagte sie beim Bild von Jeremy Beaumont-James. »War er als Gast hier?«, fragte Guleed. Wanda schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Lassen Sie mich nachdenken – den habe ich schon getroffen, aber da war er viel jünger. Hat er in Oxford studiert?« Ich sagte ja, aber mehr nicht, denn wenn man Zeugen zum Reden ermuntert, erzählen sie einem gern das, was man hören will. Und sie sind deprimierend leicht in die Irre zu führen – fragen Sie die Insassen jedes Untersuchungsgefängnisses. »Ich habe Anfang der Neunziger als Bedienung bei einem Catering-Service in Oxford gearbeitet – ich brauchte die Kohle. Wir hatten viel an den Colleges zu tun, da wurde ständig irgendwo gefeiert.« Ich nickte – das war genau die Zeit, zu der Jeremy Beaumont-James dort gewesen war. »An ihn erinnere ich mich, weil wir ein paarmal für diesen Dining Club gearbeitet haben. Der war ein bisschen seltsam, wissen Sie.« »Seltsam eher in Richtung Scientology oder in Richtung My Little Pony?«, fragte Guleed. »In Richtung unsereins.« Wandas vage Geste umfasste uns alle drei. Guleed runzelte die Stirn und warf mir einen anklagenden Blick zu. »Magisch, ja?«, fragte ich. Wanda lächelte leicht und legte den Kopf schief. »Oder meinen Sie Fae?«, präzisierte ich. Aber ich wusste schon genau, was sie meinte. »Zauberkram«, sagte sie. »Zaubersprüche, Zahnräder, Zirkel.« Ich suchte auf dem Tablet, bis ich ein Foto aus Jeremys Studienzeit fand, das von seiner Facebookseite stammte. Wanda nickte. »Ja, das ist er.« Ich hatte auch Jugendfotos von Martin Chorley und ein paar anderen möglichen Kleinen Krokodilen, aber von denen erkannte sie keinen. Hingegen erkannte sie ein Foto von Geoffrey Wheatcroft – Dr. phil., Ex-Zauberer, Theologiedozent und der Mann, der so blöd (oder skrupellos) gewesen war, außerhalb der formalen Strukturen des Folly Magie zu lehren. »Das war einer der Punkte, in denen sie ungewöhnlich waren«, sagte Wanda. »Bei den meisten Festivitäten war er mit dabei.« Sie sagte, man dürfe die Dining Clubs nicht zu sehr mystifizieren. »Da läuft’s auch nicht anders ab als an einem durchschnittlichen Samstagabend im Gemeindesaal von Reading, nur mit einem Haufen Kohle dahinter. Also, bei den meisten jedenfalls. Der hier allerdings … ah!« Sie schlug auf den Tisch. »Little Crocodiles. So hießen sie.« Dass Geoffrey Wheatcroft bei den meisten Veranstaltungen dabei war, hatte zumindest die studentischen Kotzorgien auf ein Minimum beschränkt. Die Grabscherei war allerdings so lästig gewesen wie überall sonst auch. »Woher wussten Sie, dass diese Leute Zauberer waren?«, wollte Guleed wissen. Weil den ganzen Abend ständig gezaubert wurde – vor allem Lux, was, wie jeder Ihnen sagen kann, der erste Zauber ist, den man lernt. Es gab sogar ein Trinkspiel, bei dem jeder Teilnehmer ein Werlicht heraufbeschwor, und dann wurde gezählt, wie viele Schnäpse lang man es aufrechterhalten konnte. Dass sie Martin Chorley oder Richard Lewis nicht wiedererkannte, musste nicht heißen, dass die nicht dort gewesen waren, gab sie zu. Bedienen ist Schwerstarbeit, und wie die meisten jungen Frauen, die in den Dining Clubs unterwegs waren, konzentrierte sie sich darauf, den Abend mit so viel Trinkgeld und so wenig Betatschtwerden wie möglich hinter sich zu bringen. »Aber seit Oxford haben Sie diesen Mann nicht mehr gesehen?«, erkundigte sich Guleed, um wieder auf Jeremy Beaumont-Jones und unseren Fall überzuleiten. »Nein, tut mir leid.« Doch als wir ihr Bilder von Phoebe, Olivia und Christina zeigten, seufzte sie und sagte, die beiden letzten seien auf jeden Fall hier gewesen. Wer Christina war, wusste sie nicht, aber an Olivias Namen erinnerte sie sich, weil sie einmal deren Mutter hatte anrufen müssen, damit die sie abholte. »Warum?«, fragte Guleed. »Wissen Sie, wo wir hier sind?«, fragte Wanda. »Wissen Sie, was hier stand, bevor man anfing, die Leute hinter verschlossenen Türen zu hängen? Kennen Sie den wahren Namen dieses Ortes?« »Tyburn«, sagte Guleed – offenbar hatte sie mir besser zugehört, als ich dachte. Denn damals, in den alten Zeiten, als die Oxford Street noch Tyburn Road hieß und die Stadt gerade erst angefangen hatte, in einem wilden Rausch den ganzen Westen mit begehrenswerten Stadthäusern aus Backstein und Stuck zu überziehen, war das hier die Hauptroute aus London hinaus in das kleine Dorf Tyburn gewesen, das gleich hinter der Brücke über das gleichnamige Flüsschen lag. Zum Tode verurteilte Gefangene wurden im Gefängnis Newgate auf Karren geladen und holperten quer durch Londons Straßen, vorbei am Elendsviertel von St. Giles und schließlich über genau diese lange gerade Straße an Äckern und Wiesen vorbei zum Galgen von Tyburn. Und der war hochfrequentiert. Dank der Laissez-faire-Mentalität des Staates wurde »My home is my castle« zum Wahlspruch der meisten Engländer, und Recht und Ordnung waren Begriffe, die weitgehend privatisiert waren. Der Adel lebte in ständiger Angst vor dem Londoner Mob und erklärte, um diesen nur ja im Zaum zu halten, das Stehlen von Brot oder Tischtüchern zu Kapitalverbrechen. Also wurden sie in Scharen angekarrt, die bedauernswerten Burschen und Mädchen, die Einheimischen und die Zugewanderten aus Yorkshire, Cornwall und Berkshire, aus Strathclyde und County Clare. Manche weinten, manche blickten trotzig, und die meisten waren sturzbesoffen, weil die trübselige Prozession in regelmäßigen Abständen Halt machte, um sich zu stärken. »Das hier war die letzte Station«, sagte Wanda. Ein letztes Bier unter den Zweigen des Kastanienbaums, vielleicht die Chance, ein letztes Geständnis loszuwerden oder etwas Materielles, was man nicht mit ins Jenseits nehmen konnte. Und so wurde der Chestnut Tree zum Depot letzter Vermächtnisse. Oder letzter Opfer – eine Tradition aus jenen Zeiten, als der Fluss noch ungehindert strömte und sein Gott unter den Menschen wandelte. Jonathan Wild hatte den Weg zum Galgen im Frühjahr 1725 angetreten. Ich fragte mich, ob er hier sein letztes Rechnungsbuch losgeworden war. War es Zufall, dass sich Christina Chorley und Reynard Fossman gerade hier getroffen hatten? Zufall, dachte ich. Haha. Also fragte ich nach Reynard. »Ach, Reynard«, sagte Wanda. »Wir wissen alles über die Reynards.« »Wir?«, fragte ich. »Meine Familie. Wir wissen alles über ihn.« »Sie sagten gerade Reynards«, bemerkte Guleeed. »Im Plural.« »Ja, er und seine Familie. Sie kommen aus Frankreich. Ein altes Geschlecht absoluter Reynards.« Da es sich in meinem Geschäft auszahlt, auf Nummer sicher zu gehen, fragte ich: »Nur um das klarzustellen, meinen Sie mit altem Geschlecht verschiedene Mitglieder einer Familie oder immer denselben Typen, der alle paar Jahrzehnte die Identität wechselt?« »Oh, er ist zwar ein mieser kleiner Sack, aber so mies nun auch wieder nicht. Ich meine verschiedene Typen mit verschiedenen Namen. Reynard ist eher ein Titel, eine Sammelbezeichnung, ein nom de bastard total.« »Ist er Stammgast hier?« »Na ja, wir können ja niemanden abweisen, nur weil er ein widerlicher Mistkerl ist. Dann könnten wir den Laden zumachen.« Ich fragte sie, wer genau den Laden zumachen müsste. Wanda gab mir eine Karte des Gebietsleiters und den Namen des Unternehmens, dem der Pub gehörte: CHIPMUNK CATERING. »Von denen sehen wir aber nicht viel.« Ich reichte die Karte weiter an Guleed, und während ich mich nach Reynards Kommen und Gehen erkundigte, schickte sie dem stationären Ermittlungsteam die Daten zur Überprüfung. Ich würde gern behaupten, dass ich schon so ein Bauchgefühl gehabt hätte, aber in Wahrheit war es reine Routine. Bei der Polizei gibt einem das Bauchgefühl vielleicht mal einen Wink in die richtige Richtung – aber die Verbrecher fängt man mit den Schuhsohlen. Ich zeigte Wanda ein anderes Foto von Christina Chorley und fragte, ob sie sie jemals mit Reynard gesehen habe. Ich achtete darauf, die Frage so zu formulieren, dass nicht klar wurde, dass es sich um eine der Personen von vorhin handelte. In anderem Zusammenhang erinnern sich Leute oft an neue Dinge. Diesmal meinte Wanda, ja, es sei möglich, dass sie die beiden zusammen gesehen hätte. Aber wann und wie, konnte sie nicht genau sagen. In so ziemlich jedem anderen Pub in London hätte ich jetzt darum gebeten, die Überwachungskameras auswerten zu dürfen, aber Guleed und ich hatten schon auf dem Weg hinein bemerkt, dass es keine gab. Ich wollte das Gespräch wieder auf Olivia lenken, da zeigte Guleed mir ihr Telefon mit der Antwort aus Belgravia. Chipmunk Catering hat direkte Verbindung zu County Gard. Und County Gard gehörte dem Gesichtslosen. Scheiße. »Wie oft sehen Sie den Gebietsleiter?«, wollte ich wissen. Wanda sagte, sie glaubte nicht, dass sie ihn in den drei Jahren, in denen sie den Chestnut Tree führte, überhaupt je getroffen hatte – was sie sehr positiv fand. »Gebietsleiter haben meistens nicht viel Sinnvolles dazu zu sagen, wie man einen Pub führt. Vor allem einen wie diesen hier.« Ein Vorstellungsgespräch hatte sie natürlich gehabt, in ebendem Kämmerchen, in dem wir gerade saßen, und konnte uns Namen und Beschreibung ihres damaligen Gesprächspartners geben, wunderte sich aber, warum. Ich war in Versuchung, ihr zu sagen, dass es sich um reine Routine handelte, aber das glaubt einem so gut wie niemand – selbst dann, wenn es stimmt. »Das hat mit einer Ermittlung wegen Immobilienbetrugs zu tun«, sagte ich – was in gewissem Rahmen ja durchaus richtig war. »Gibt es hier Lagerräume?«, wollte Guleed wissen. Wanda sagte, natürlich hätten sie einen Vorratskeller für Lebensmittel und einen für Getränke, ein Lager für Tischdecken und Dekoration, einen Weinkeller und einen Kühlraum für Bierfässer. »Und gibt es vielleicht Lagerräume, in denen Sie noch nie waren?« »Was Lagerräume als solche angeht, weiß ich es nicht. Aber es gibt hier Räume, die wir nicht benutzen.« »Könnten Sie uns die mal zeigen?« Sie führte uns einen Korridor entlang, dessen eine Wand aus Dreißiger-Jahre-Backstein und die andere aus Siebziger-Jahre-Porenbetonsteinen bestand. In der neueren Wand befanden sich zwei billige rote Türen aus mitteldicker Holzfaserplatte mit Edelstahlklinken und -schlössern, wie man sie von John o’Groats bis Land’s End in fast allen Schulen und öffentlichen Gebäuden findet. Wanda öffnete beide mit dem Schlüsselbund aus ihrer Hosentasche. Der erste Raum enthielt massenweise aufeinandergestapelte Plastikstühle, im zweiten standen an allen Wänden Modulregale aus Edelstahl, deren Staubschicht bezeugte, dass hier seit Jahren nichts gelagert worden war. Wanda schloss wieder ab. »Sehen Sie. Überhaupt nichts Besonderes.« »Und hier?« Es gab nämlich eine dritte Tür, und zwar in der älteren Wand. Sie sah aus wie aus Brettern zusammengezimmert – genauer: als hätte man einen der kunstvoll antiken Tische aus der Gaststube genommen, aufgestellt und in den Türrahmen geklemmt. Wanda sah zu der Tür hinüber. »Ach ja. Die da.« Sie biss sich auf die Lippe und sah wieder uns an. »Haben Sie einen Schlüssel?«, fragte Guleed. »Ja, ich glaube schon.« Sie bewegte sich ein bisschen rückwärts, von der Tür weg. »Aber die würde ich Sie ungern öffnen lassen.« Ich wechselte einen Blick mit Guleed. Wir spürten beide, dass Wanda das Wort »Durchsuchungsbeschluss« auf der Zunge lag, und hatten schon genug abstrusen Scheiß erlebt, um uns zu fragen, warum. Ich schlug vor, erst mal wieder zurück an den Anfang des Korridors zu gehen. Dabei wurde Wanda merklich ruhiger. Sie fragte, ob wir nun alles gesehen hätten, was uns interessierte. Ich deutete an, dass ich mir gern kurz ihren Schlüsselbund ausgeborgt hätte, nur zur Kontrolle, aus Sicherheitsgründen, verstehen Sie, vielleicht kann ich Ihnen ja einen Rat geben – gehört alles zum Service! Guleed verdrehte die Augen, aber ich bekam den Schlüsselbund, und Wanda blieb mit Guleed am Anfang des Korridors stehen. Ich ging zurück zu der Tür – vorsichtig, nachdem ich all meine elektronischen Geräte ausgeschaltet und die Rückenlehne in aufrechte Position gebracht hatte. Nach einer solchen Vorbereitung wirkte die alte Holztür zwangsläufig ein bisschen finster. Aber selbst aus nächster Nähe spürte ich nichts Ungewöhnliches. Es gibt eine Vorrichtung, die Nightingale Dämonenfalle nennt, eine Art magische Landmine mit eingebauter Tierquälerei. Der Gesichtslose hatte in der Vergangenheit schon davon Gebrauch gemacht, oft mit tödlicher Wirkung – eines der vielen Dinge, derentwegen mein Boss gern mal ein Wörtchen mit ihm reden würde. Eine Dämonenfalle kann variable Effekte haben, von tot bis sich echt wünschen, man wäre tot, inklusive längerer Verbringung in einer geschlossenen Anstalt deiner Wahl. Nightingale hatte mir die schlichteste Methode beigebracht, solche Fallen zu erkennen – das magische Äquivalent dessen, vorsichtig mit der Messerklinge durch die Erde zu fahren und aufzupassen, ob es irgendwann »Pling« macht. Mit bloßem Auge war nichts zu sehen, keine ins Holz eingeritzten Kreise oder Symbole, keine unter der Holzoberfläche verborgenen Metallplatten. Auch an dem Schloss, das aus schwerem Eisen bestand, konnte ich nichts Eingeritztes oder Erhabenes ertasten, als ich mit den Fingerspitzen darüberstrich. Aber da … da war es, eine kaum wahrnehmbare Empfindung, ein Hauch Waffenstahl und das Geräusch einer Rasierklinge, die über glattes Leder gezogen wird. Ein Signare, das ich inzwischen als das des Gesichtslosen kannte. Es fühlte sich staubig und stickig an, wie ein alter Gartenschuppen. Aber ich spürte nichts, was Wandas deutliches Widerstreben erklärt hätte, die Tür zu öffnen. Vielleicht war es etwas, was nur auf Fae wirkte … vielleicht hatte man Wanda überhaupt deshalb eingestellt? Das kleine unverbesserliche Arschloch in meinem Gehirn fragte sich, ob wir vielleicht ein paar Fae anheuern und alle Orte kartieren sollten, wo sie nicht hinwollten. Im Interesse der Wissenschaft und der öffentlichen Sicherheit. Da es das Schloss war, wo am ehesten eine Verteidigungsmaßnahme zu vermuten war, ermahnte ich Guleed, zu bleiben, wo sie war, durchtrennte die Türangeln, huschte ebenfalls ein Stück weit weg und versetzte mittels Impello der Tür einen Stoß. Wenn ich eine Tür so öffne, dreht sie sich normalerweise ums Schloss. Diese hingegen fiel einfach krachend in einer Staubwolke nach innen. Als ich mich vorsichtig näherte, um nachzuschauen, warum, sah ich, dass der Riegel des Schlosses sauber am Abschluss des Türblattes durchgesägt worden war – das Ende steckte noch in der Vertiefung im Türrahmen. Hier war schon mal jemand mit Gewalt eingedrungen. »Kann ich jetzt kommen?«, rief Guleed. Ich sagte, sie solle noch einen Moment warten, während ich mich schnell umschaute. Wobei ich mir allerdings weniger Sorgen um Guleeds Sicherheit machte, als dass Wanda die Wirtin sich verdünnisieren könnte. Ich zog meine Tatorthandschuhe an und betrat vorsichtig den Raum. Von Frank Caffrey, Ex-Fallschirmjäger, Feuerwehrmann und Kontaktmann des Folly, wusste ich: Das Erste, was man nicht tun soll, wenn man einen Raum betritt, in dem man unangenehme Überraschungen wie zum Beispiel eine Sprengladung befürchtet, ist, automatisch den Lichtschalter zu betätigen. Ihm zufolge war das einer der günstigsten und verlässlichsten Bombenauslöser. »Hat ja sogar einen eigenen Stromanschluss.« Und wie Frank sagte, der Gesichtslose liebte zwar magische Mordwerkzeuge, war aber bestimmt nicht so blöd, sich nur auf sie zu verlassen. Während meiner Ausbildung war immer meine größte Angst gewesen, dass man mich als verdeckten Ermittler in die Abteilung Bandenkriminalität stecken würde. Hätte ich bloß geahnt, wie gut ich es da gehabt hätte. Ich befand mich in einem weiteren Lagerraum mit verstellbaren Metallregalen. Etwa auf der Hälfte der Borde stand etwas – hauptsächlich auf den bequem erreichbaren in Taillenhöhe. Alle Regale samt Inhalt und der Boden waren von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Mit Staub ist es immer so eine Sache, aber ich hatte meine Mum oft genug auf die Arbeit begleitet, um ihn auf zwei Monate zu schätzen. Auf dem Regal gleich neben der Tür stand eine Reihe großer Plastik-Aufbewahrungsboxen mit roten Clipdeckeln. Durch die semi-transparenten Wände war undeutlich der Inhalt zu erkennen, eine Ansammlung rechteckiger Schatten. Um die Boxen herum war die Staubschicht auf dem Regalbord verwischt, die Deckel wiesen deutliche Handabdrücke auf. Ich blieb auf der umgefallenen Tür stehen, um den Boden möglichst nicht mit Spuren zu kontaminieren, zog behutsam den Deckel von der nächststehenden Plastikschachtel und spähte hinein. Der Inhalt sah verdächtig nach alten, in Leinen gebundenen Büchern aus. Der Einband des obersten Buchs bestand aus einem rauen grünen Stoff, wie ich ihn von der Russell House Press kannte – einer der Folly-eigenen Privatdruckereien. Ich nahm es heraus und schlug die Titelseite auf. Es war ein 1912 erschienener Nachdruck von Meric Casaubons Wahre und Getreuliche Schilderung dessen, was Doctor John Dee über viele Jahre mit den Geistern erlebte. Und ja, unten auf der Seite stand Russell House Press. Zweite Auflage – offenbar war Casaubon bei den britischen Zauberern beliebt gewesen. Ich hätte so einiges gewettet, dass in einer dieser Schachteln einst Jonathan Wilds letztes Rechnungsbuch geschlummert hatte. Und auch die Mary-Maschine, ganz zu schweigen von dem echten Magierstab und dem todlangweiligen Victor Bartholomew. Was die Frage aufwarf, warum der Bartholomew es auf eBay geschafft hatte, der Casaubon hingegen nicht. Aus magischer Perspektive waren beide gleichermaßen nutzlos, wobei der Bartholomew einen leichten Vorteil als potenzielles Schlafmittel hatte. Weil der Casaubon eine Zweitauflage war? Vorsichtig prüfte ich die übrigen Bücher in der Schachtel. Alle waren entweder Neuauflagen aus den zwanziger und dreißiger Jahren oder wiesen Beschädigungen auf. Es freute mich zu sehen, dass selbst in der Glanzzeit des Folly schon die Zauberer ihre Teetassen auf ihren Lehrbüchern abgestellt hatten. Ganz unten lag die Hälfte einer Landkarte, die am mittleren Falz entlang gerissen war – sie zeigte im Maßstab 1:40000 einen Ort namens Ootacamund, was sich bei späterer Recherche als britische Hill Station in Tamil Nadu entpuppte. Eine Hill Station war ein Ort, an dem Kolonialverwaltungsbeamte und ähnliche Leute Zuflucht vor der drückenden Sommerhitze Indiens suchen konnten, da die vernünftigste Lösung, also den Kolonialismus einfach aufzugeben und nach Surrey zurückzukehren, ihnen irgendwie nie in den Sinn gekommen war. Ich überlegte, ob ich noch eine weitere Box untersuchen sollte, aber durch meine mystische Fähigkeit der Vorahnung überkam mich an dieser Stelle eine Vision – von einer kompletten Spurensicherung mit Plastikoveralls, Fingerabdruckpulver und Leuten, die dramatisch ihre Sonnenbrillen hochschoben. Nur das Schloss schaute ich mir auf dem Weg nach draußen noch einmal näher an. Wieder spürte ich das messerwetzende Signare des Gesichtslosen – definitiv auf den Punkt zentriert, wo der Riegel durchgeschnitten worden war. In meinem Geist formte sich eine Hypothese. Wenn County Gard dem Gesichtslosen gehörte, dann auch der Chestnut Tree. Vielleicht hatte er diesen sogar von seinem Vorgänger geerbt. Was bedeuten würde, dass das hier sein Lagerraum war und die Sachen darin sein Besitz. Und Reynard Fossman und Christina Chorley hatten ihn geplündert. Wussten sie, wen sie da bestahlen? Er könnte ein klein wenig sauer sein. Ich hatte ihn nur zweimal getroffen, aber er kam mir nicht vor wie jemand, der so was mit einem Kopfschütteln und einem nachsichtigen Lächeln abtat. So erklärte sich womöglich, warum Aiden Burghleys Gesicht an einen Baum laminiert worden war und auch, was der Dreckskerl in Phoebes Keller gesucht hatte … Wollte er eine mögliche Komplizenschaft prüfen? Vorausgesetzt, er war nicht ihr Dad. Christina und Reynard hatten sich die wirklich wertvoll wirkenden Sachen herausgepickt, vermutlich über Wochen hinweg. Dann, eines Tages, war der Gesichtslose mal wieder vorbeigekommen, um nach seinem Piratenschatz zu schauen – oder vielleicht hatte ihn das brennende Verlangen gepackt, sein Grundwissen in Thaumatologie aufzufrischen –, und hatte die Tür verschlossen vorgefunden. Angenommen, sein Schlüssel hatte aus irgendeinem Grund nicht gepasst. Da hatte er das Schloss aufgebrannt, war eingetreten und hatte gesehen, dass die Hälfte seines Krams fehlte. Maßnahme Nummer eins also: Lagerraum und Korridor nach Fingerabdrücken untersuchen, denn niemand trägt immer Handschuhe. Als Nächstes hatte der Gesichtslose sicher Wanda die Wirtin gefragt, wen sie bitteschön in die Lagerräume gelassen hatte, vielleicht mit Hilfe von Seducere, um ihr das Gedächtnis zu vernebeln, oder sie war eine bessere Lügnerin, als wir dachten. Also Maßnahme Nummer zwei: Wanda noch einmal vernehmen, diesmal mit Belehrung plus, was zu Maßnahme Nummer drei führte: das gesamte restliche Personal des Chestnut Tree aufstöbern und gleichfalls vernehmen. Die Faustregel für den einfachen Constable besagt: Sammeln sich mindestens drei Maßnahmen an, ist es an der Zeit, die Sache auf der nächsthöheren Etage abzuladen. 12 Lässiger Spaziergang über 100 Meter »Und Sie haben nicht daran gedacht, erst mal zu versuchen, die Tür einfach aufzudrücken?«, fragte Professor Postmartin. Ich sagte nichts, hauptsächlich deshalb, weil er nach Guleed, Nightingale und Stephanopoulos der Vierte war, der mich das fragte. Postmartin sah erstaunlich adrett aus, wie er da in seinem Plastikoverall wohlwollend überwachte, wie die Spurensicherer in Gesichtsmasken und Kapuzen sorgfältig die Beweisstücke katalogisierten. Wohlgemerkt, der Professor war vermutlich der Meinung, alle über fünf Jahre alten Bücher sollten grundsätzlich in diesem Aufzug gehandhabt werden – vor allem von Studenten. Ich war im Korridor geblieben und versuchte zu vermeiden, dass mir Fingerabdruckpulver an die Jackenärmel geriet. »Haben Sie noch was Interessantes gefunden?«, erkundigte ich mich. »Interessant schon«, sagte Postmartin. »Ob signifikant oder nicht, muss sich erst zeigen. Ihre Hypothese, dass dieser Ort ein Depot für die letzten Besitztümer der Gehängten war, ist charmant, aber bisher können die Fundstücke sie nicht untermauern.« »Gibt es Ausgaben der Principia?«, fragte ich. »In der Tat habe ich zwei gefunden. Eine von ihnen ist recht rar.« »Aber beschädigt?« »Ich habe schon welche in besserem Zustand gesehen. Doch die Randnotizen sind faszinierend.« »Christina Chorley und Reynard Fossman konnten kein Latein«, sagte ich. Die zweite Principia, die Philosophiae Naturalis Principia Artes Magicis, war nie auf Englisch erschienen – eine bewusste Maßnahme, damit möglichst nur die richtigen Leute sie lesen konnten. »Wahrscheinlich war ihnen nicht klar, worum es sich handelt, und sie hielten es einfach für ein zerfleddertes altes Buch.« »Aber die Bedeutung des Rechnungsbuchs haben sie erkannt«, erwiderte Postmartin. »Ja, nicht wahr?«, stimmte ich zu. »Was darauf hindeutet, dass sie diese Information von jemand anderem hatten, oder?« »Ich fürchte, ja«, sagte Postmartin und machte sich wieder ans Katalogisieren. Nightingale fand ich im Büro der Chefin. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und sah einem DC von der Informationsabteilung zu, der die Papiere auf dem Schreibtisch nach Wichtigkeit sortierte und in Beweisboxen verstaute, die den Aufbewahrungsboxen des Gesichtslosen bemerkenswert ähnlich sahen. Ich hoffte mal, sie würden da nichts durcheinanderbringen. Ich fragte, wo Guleed abgeblieben war. »Sie ist noch dabei, die Wirtin zu vernehmen. Sie schien zu glauben, sie werde mehr aus der Dame herausbekommen, wenn ich nicht im Türrahmen stehe.« »Sie wissen, dass Ms. Pourier eine Demi-Fae ist«, sagte ich. »Darüber hat mich Sahra bereits unterrichtet.« »Sie wirken nicht sehr überrascht.« Nightingale zuckte mit den Schultern. »Falls Abdul jemals sein Ziel erreicht und einen verlässlichen …« Er runzelte die Stirn. »Wie nennt er es – genetischen Marker?« Herauszufinden, ob es tatsächlich so etwas wie genetische Fae-Merkmale gab, war eines der Hauptziele von Dr. Walids Forschungen. Ich war mir sicher, dass er insbesondere deshalb so wild darauf gewesen war, Dr. Vaughan einzustellen, weil er mehr Zeit dafür haben wollte. Ich bestätigte, dass es genetischer Marker hieß. Wobei es mit der Genetik eigentlich viel komplizierter war. Das ist es ja immer. »Sollte er seinen Marker je finden«, fuhr Nightingale fort, »und seine Studie durchführen können, dann wird er vermutlich feststellen, dass Faeblut viel weiter verbreitet ist, als man bisher annahm.« Und dass die meisten dieser Teil-Fae nicht auffälliger sind als Wanda die Wirtin, dachte ich. »Keines der Objekte auf eBay wurde bisher verkauft«, sagte ich. »Die müssen also noch irgendwo lagern.« »Zweifellos«, sagte Nightingale. »Es ist anzunehmen, dass unser schlauer Fuchs irgendwo einen geheimen Bau hat, von dem er uns nichts erzählt hat.« Alle bekannten Orte, an denen Reynard Fossman bisher gewohnt hatte, waren am Wochenende durchsucht worden, ebenso wie ein paar vielversprechende Lagerräume, deren Verbindung zu unserem Verdächtigen jedoch bestenfalls unsicher war, wie Nightingale zugeben musste. Im Übrigen war auch der uralte Renault 4 GTL, der laut Zulassungsbehörde auf Fossman registriert war, bisher unauffindbar. »Es wäre toll, wenn wir die Mary-Maschine finden könnten«, sagte ich. »Womöglich ist sie die einzige noch existierende originale Differenzmaschine. Wir könnten sie dem Science Museum spenden.« »Da hätte Harold vielleicht Einwände«, erwiderte Nightingale – Postmartin nahm sein Amt als Archivar sehr ernst. »Es ist ja kein Buch«, sagte ich. »Also hat er kein Vorkaufsrecht. Haben Sie eine Ahnung, ob es noch mehr gab – besaß jemand im Folly eine?« »Es gab immer Gerüchte, dass Babbage an einer mechanischen Vorrichtung für das Folly gearbeitet hatte«, sagte Nightingale. »Die möglicherweise auch Anwendung beim Praktizieren unserer Kunst hätte finden können. Aber das waren nur Gerüchte.« »Betrafen die auch Ada Lovelace?«, wollte ich wissen. Nightingale sah mich verwundert an. »Byrons Tochter? Ich wüsste nicht, in welchem Zusammenhang sie damit stehen sollte.« »Sie hat gemeinsam mit Babbage die Differenzmaschine entwickelt.« »Ach ja?« »Sie war eine herausragende Mathematikerin.« Die ich in erster Linie aus Steampunk-Romanen kannte, aber ich hatte nicht vor, das zu erwähnen. »Man geht davon aus, dass sie das erste echte Computerprogramm geschrieben hat.« »Ah«, sagte Nightingale. »Jetzt wissen wir also, wer schuld ist.« »Reynard wird uns sein Versteck nie verraten«, sagte ich. »Und ich fürchte, er ist nicht so dumm, uns unabsichtlich hinzuführen. Ihm ist sicher klar, dass wir ihn beschatten werden, wenn wir ihn freilassen. Ich nehme an, was wir gegen ihn in der Hand haben, würde aber erst mal für eine Anklageerhebung ausreichen. Oder zumindest für eine Verlängerung der U-Haft.« »Nein«, sagte Nightingale. »Ich denke, wir lassen den Fuchs laufen. Vorher sollten wir ihn informieren, dass der Gesichtslose ihn im Visier haben könnte.« »Dann verliert er vielleicht die Nerven und bittet um Schutzgewahrsam.« Nightingale lächelte. »Umso besser. In diesem Fall können wir einen Preis für seinen Schutz aushandeln. Und wenn nicht, treibt ihn die Furcht vielleicht schnurstracks in seinen Bau. Meinen Sie nicht?« »Aber wenn ihn dann der Gesichtslose umlegt?«, wandte ich ein. Nightingale legte mir die Hand auf die Schulter und beugte sich vor. »Ich denke, ehe das passiert, könnte ich eingreifen«, sagte er leise. Dann richtete er sich wieder auf. »Außerdem wird es Reynard guttun, zur Abwechslung einmal den Jagdhund zu spielen.« Ich fand, dass sich das wie ein verdammt verzweifelter Plan anhörte, aber Nightingale war derjenige, der lebend vom Ettersberg zurückgekehrt war und dessen Name von klassisch ausgebildeten Zauberern von Herefordshire bis Wladiwostok mit Ehrfurcht genannt wurde. »Meinen Sie, Sie werden mit dem Gesichtslosen fertig?«, fragte ich. »Er fängt an, Fehler zu machen. Etwas hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Und wenn er wankt, sollten wir ihn mit einem gezielten Stoß zu Fall bringen können.« Ja, er macht Fehler, dachte ich. Aber warum? Sicher, Reynard und Christina hatten ihm seine Schätze unter der Nase weggeklaut. Doch zu Aiden Burghley sah ich da keine Verbindung. Vor allem keine, die dieses plakative Gliederausreißen rechtfertigte. Und was sollte das Gespräch mit Phoebe am Swimmingpool? Außer, der Gesichtslose war Phoebes Vater und glaubte, Aiden Burghley sei ein weiteres Mitglied der Verschwörung, zu der Christina Chorley und der verdächtige Reynard gehörten … in welchem Falle auch Olivia McAllister-Thames in Gefahr war. »Wir müssen uns um die anderen losen Enden kümmern«, sagte ich. »Ja. Lassen Sie uns sehen, wie weit Sahra ist.« Also verteilten wir die Aufgaben, Seawolls Okay vorausgesetzt. Guleed würde eine umfassende Überprüfung des »Gebietsleiters« anordnen, der Wanda als Pubpächterin eingestellt hatte. »Ich denke, bis dahin ist Carey mit seinen Escort-Damen fertig«, sagte sie. Dann würden sie und ich in die mystischen Lande jenseits von High Wycombe aufbrechen, um zu sehen, ob Christina ihr Diebesgut in ihrem Elternhaus versteckt hatte. »Steht Martin Chorley nicht auf der Tigerliste?«, fragte Guleed. »Der Tiger ist extrem auf Anonymität bedacht«, gab ich zurück. »Angenommen, er ist Christinas Dad – unwahrscheinlich, aber möglich –, dann wird er sich nicht zu erkennen geben, nur weil wir einen Blick in Christinas Zimmer werfen wollen. Insbesondere nicht, wenn wir ihm vorher Bescheid sagen, dass wir kommen.« Guleed verzog das Gesicht – man warnte die Leute normalerweise nicht vor, wenn man vorhatte, ihr Haus umzukrempeln. Aber falls Martin Chorley der Gesichtslose war, konnte man davon ausgehen, dass das Zimmer sowieso längst von allen Spuren gereinigt war. Außerdem, bei unberechenbaren Leuten mit gefährlichen Waffen schneite unsereins nicht einfach so rein. Besser, man übernahm langsam und bedächtig die Kontrolle über die Lage. So weit die Theorie. »Er wird seine Tarnung nicht auffliegen lassen, wenn er glaubt, er könnte uns blenden. Und wenn er nicht unser Mann ist, wird er nicht wissen, wonach wir suchen, und daher keinen Grund haben, es zu verstecken.« Nightingale bot an, Guleed zum Mitführen eines Tasers zu autorisieren, aber sie lehnte ab, da sie den Kurs nie gemacht hatte. »Dann nehmen Sie einen Screamer. Und Sie auch«, sagte Nightingale zu mir. »Was ist ein Screamer?«, fragte sie. Ich sagte, ich würde es ihr zeigen, wenn wir zurück im Folly waren. Postmartin hatte uns gebeten, einige Kisten dorthin zu bringen und in unserem sicheren Beweisraum zu verwahren. In Wirklichkeit meinte er die Bibliothek – nie im Leben würde er wollen, dass wir »seine« Bücher in die Waffenkammer im Keller verfrachteten. Als wir zum hinteren Tor hineinrollten, kam Molly aus der Tür. Sie sah mich finster an und deutete mit dem Kinn auf das Obergeschoss der Remise, wo ich meinen Breitbildfernseher, meinen PC und andere technische Kinkerlitzchen aufbewahre, die aus dem einen oder anderen Grund im Folly nicht gut aufgehoben sind. Wir ließen die Kisten im Auto und stiegen die Wendeltreppe hinauf. Oben saß Caroline vor meiner PlayStation 4 und spielte Die Schatten von Mordor. Zu ihren Füßen hatte sich Toby zusammengerollt, womit er einmal mehr seinen unschätzbaren Wert als Wachhund unter Beweis stellte. »Na endlich«, sagte sie und legte die Konsole hin. »Ich langweile mich schon halb zu Tode.« Ich inspizierte rasch meine Sachen, aber nichts schien weggekommen. Ich bin noch nicht so paranoid, dass ich ein Haar über den Türrahmen lege, aber da Nightingale hier immer mal heimlich Rugby schaut, wenn ich bei Bev bin, und Molly sich auch ständig hereinschleicht, sobald sie glaubt, ich merke es nicht, um auf Twitter Rezepte auszutauschen, habe ich mir angewöhnt, alles Wichtige in verschließbaren Aktenschränken zu verwahren. Ich fragte, wie lange sie hier schon allein herumhing. »Wir sollten ja herkommen, um mit euren Experten zu reden«, sagte sie und machte deutlich, dass sie ungefähr so widerstrebend hergezerrt werden musste wie eine Fünfjährige in eine Kunstgalerie. Trotz Tee und Kuchen hatte die Langeweile schon unerträgliche Ausmaße angenommen, als Professor Postmartin weggerufen wurde. »Interessiert dich die dritte Principia nicht?«, fragte ich. »Da wird nichts über Aerodynamik drinstehen, oder?« »Aerodynamik?«, fragte Guleed. »Caroline will fliegen.« »Weiß sie von deinem Hechtsprung vom Dach des Skygarden Tower?«, fragte Guleed. Jetzt schon, dachte ich. »Das Hochhaus, das gesprengt wurde?«, fragte Caroline. »Ja. Der Sprung war, während es gesprengt wurde«, sagte Guleed, die sich gerade keine Freunde machte. Ich wühlte im Ausrüstungsregal nach Screamern, während Caroline versuchte, mehr aus mir herauszubekommen. War ich richtig geflogen, oder geglitten, oder hatte ich meinen Fall irgendwie magisch verlangsamt – und wenn ja, wie? »Der Fall wurde verlangsamt, ja«, sagte ich, während ich mich vergewisserte, dass die Screamer funktionierten. »Nur war es der Gesichtslose, der das tat. Nicht ich.« Ich reichte Guleed den Screamer und zeigte ihr, wie man ihn bediente. Caroline wollte wissen, ob ich gesehen hatte, wie der Gesichtslose seinen Fall kontrollierte. Ich sah wieder vor mir, wie alles in sich zusammenstürzte. Die Schreie. Der Betonstaub und die Welt, die mir entgegenraste. »Ich war ein bisschen abgelenkt«, sagte ich. »Aber er musste sich konzentrieren, um es aufrechtzuerhalten.« »Was machen übrigens Dr. Walid und Lady Helena?«, fragte Guleed dazwischen, die es ganz gern hatte, wenn es vorwärtsging. »Nachdem der Professor verschwunden war, haben eure durchgeknallten Pathologen meine Mum gefragt, ob sie sich gern ihre einzigartige Kollektion scheußlicher Dinge anschauen würde.« Caroline erklärte, sie habe nicht viel Lust darauf gehabt. Sie wollte sich ein bisschen im Folly umsehen, aber Molly war ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, und so war sie im Hof und schließlich in der Tech-Gruft gelandet. »War hier nicht abgeschlossen?«, fragte ich. »Nein.« Caroline lächelte unschuldig. »Sollte es das sein?« »Normalerweise schließe ich immer ab.« Ich scheuchte sie hinaus, und sie half Guleed und mir, die Kisten in die Bibliothek zu schleppen. »Ist was davon für Mum?« »Das muss sie mit Professor Postmartin ausmachen«, sagte ich. Aber das war der Moment, in dem ich beschloss, Caroline mitzunehmen, wenn wir zu Martin Chorley fuhren. Es lief alles reibungslos, bis mir Martin Chorleys Uhr auffiel. Von da an ging es, wie Nightingale sagen würde, recht steil bergab. Das Haus der Chorleys lag gleich hinter Lane End, das ein Dorf gleich hinter High Wycombe war, einer Kleinstadt gleich hinter London. Da es uns gelungen war, auf der M40 eine relativ staufreie Zeit zu erwischen, brauchten wir weniger als eine Stunde – nicht eingerechnet den Halt bei Marks & Spencer, um uns mit Proviant einzudecken. Wir hatten uns das Haus auf Google Earth genau angeschaut. Wenn es nicht in den letzten Jahren drastische Umbaumaßnahmen gegeben hatte, war es L-förmig und lag ziemlich weit oben auf einem bewaldeten Hügel, der das Tal und die mitten hindurch verlaufende Autobahn überblickte. Die Zufahrt zweigte von der Hauptstraße ab und schlängelte sich durch den Wald hinauf – Martin Chorley war sichtlich ein Freund von Privatsphäre. An der Einmündung der Zufahrt hielt ich noch einmal an, um eine letzte Einsatzbesprechung abzuhalten, begleitet von den letzten Gummischweinchen. Ich wollte nicht, dass Caroline mit zum Haus kam. »In dem unwahrscheinlichen Fall, dass er der Gesichtslose ist«, sagte ich, »könnte er von dir und deiner Mutter wissen. Besser, er weiß nicht, dass wir zusammenarbeiten.« »Soll ich etwa im Auto warten?« »Nein. Weil wir das Auto dort oben vor dem Haus parken werden. Ich dachte, du könntest in dem Pub warten, an dem wir gerade vorbeigekommen sind.« »Gerade?«, fragte sie. »Vor etwa fünfhundert Metern. Sah aus, als gäb’s da auch was zu essen.« »Hättest du dann nicht gleich dort anhalten können?« »Ist mir erst jetzt eingefallen. Pass auf, wir fahren dich schnell hin und kommen dann hierher zurück.« Ich rechnete mit einer längeren Diskussion, aber Caroline schenkte mir nur einen finsteren Blick, hob abwehrend die Hände und sagte, sie könne laufen. »Kannst du uns schon mal einen Tisch beschlagnahmen?«, bat ich, während sie die Straße entlangzustaksen begann. Sie würdigte mich keiner Antwort. »Und was sollte das jetzt?«, fragte Guleed. »Ich traue ihnen nicht«, sagte ich. »Weder ihr noch ihrer Mutter. Ich konnte sie nicht allein im Folly lassen, aber ich will auch nicht, dass sie sich etwas unter den Nagel reißt, was Christina vielleicht hier draußen gelagert hat. Vor allem, falls ein Exemplar der dritten Principia dabei ist.« »Du denkst, Caroline würde versuchen, es zu stehlen?« »Glaub mir.« »Und was denkt Nightingale?« »Vielleicht freut er sich einfach, endlich jemanden zu haben, mit dem er über sein Metier plaudern kann, aber mir kommt er etwas zu vertrauensselig vor.« »Vielleicht hat er ja ein paar schlechte Angewohnheiten übernommen«, meinte Guleed. »Ach ja? Von wem denn?« Guleed blickte die Straße entlang, wo in der Kurve gerade noch Caroline zu sehen war, die auf das Dorf zutrottete. »Gibt es einen Grund, warum wir hier noch herumstehen?« »Ich will sichergehen, dass sie nicht zurückschleicht. Oder -fliegt.« Um besser sehen zu können, stieg ich aus. »Ich bin dann im Auto, wenn du fertig bist«, sagte Guleed. Zu meiner gelinden Enttäuschung erhob sich Caroline nicht in die Lüfte. Also setzte ich mich wieder ins Auto, und wir fuhren die gewundene Zufahrt hinauf nach Chorley-Mitte. Das Haus war wunderschön, wenn man hübsche freistehende Villen aus der Zeit von William und Mary mitten im Nirgendwo mag. Es wirkte noch nah am Originalzustand, und ich wunderte mich, dass es nicht wenigstens als nationales Kulturdenkmal der Stufe II galt, aber bei unserer Überprüfung der Chorleys war nichts Derartiges zutage getreten. Es hatte eine vernünftig asphaltierte Einfahrt mit unauffälligen Gullys am Rand – nicht dass so hoch oben Überschwemmungen wahrscheinlich waren, aber es hätte sicher Bevs Billigung gefunden. Auf der Südseite des Dachs bemerkte ich Solarpaneele, und ich hätte gewettet, dass die Gullys das Regenwasser in unterirdische Zisternen leiteten, falls es in einem trockenen Sommer mal zu einem Rasensprengverbot kam. Ich parkte neben dem 5er-BMW vor der Garage, die im Erdgeschoss der ehemaligen Scheune untergebracht war. Der Ferrari 288 GTO, der ebenfalls auf Martin Chorley zugelassen war, stand vermutlich drinnen. Der Scheunenbereich neben der Garage sah nach Büro aus – ich nahm mir vor, ihn in die Durchsuchung einzubeziehen, und sei es nur, um einen Blick auf den Ferrari zu werfen. »Was meinst du?«, fragte Guleed mich auf dem Weg zur Tür. »Überrascht, aber kooperativ?« »Resigniert, aber auf passiv-aggressive Art unkooperativ.« »Das ist aber sehr präzise.« »Ich hab schon öfter mit trauernden Angehörigen zu tun gehabt als du.« Sie drückte auf die Klingel. Wie sich herausstellte, lagen wir beide falsch. Da Martin Chorley gewusst hatte, dass wir kamen, hatte er genug Zeit gehabt, die Küche zu putzen, das Wohnzimmer aufzuräumen und seine Pornosammlung zu verstecken. Okay, das mit dem Putzen ist ein Witz – nach fünf Sekunden im Haus war mir klar, dass hier mindestens dreimal die Woche eine professionelle Reinigungskraft durchging. Er sah nicht mehr ganz so hager aus, die dunklen Schatten unter seinen Augen waren zurückgegangen und die schmerzvollen Falten um den Mund traten nicht mehr so hervor. Es sah aus, als fände er sich allmählich mit seiner Trauer ab, aber seine Augen hatten einen fiebrigen Glanz, der mir nicht gefiel. Er trug Khakihosen und ein schwarz-weiß kariertes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Auf der linken Schulter war ein schwarzer Fleck, vielleicht Öl oder Tinte. »Bitte kommen Sie herein«, sagte er. »Fühlen Sie sich wie zu Hause.« Guleed musterte ihn scharf. »Darf ich Sie fragen, wie es Ihnen geht, Sir?« Mr. Chorley sah sie verwundert an, dann zuckte er mit den Schultern. »Beschissen. Aber danke der Nachfrage.« Der Eingangsbereich hatte eine niedrige Decke, die von den originalen Deckenbalken gestützt wurde, was sie noch niedriger wirken ließ. Eine Treppe mit dunkelbraunen polierten Stufen führte ins Obergeschoss und ein rechteckiger Durchgang in das Kaminzimmer, wo es einen echten Kamin, eine alte Ledergarnitur und einen abgewetzten Läufer gab, auf dem nur noch der schlafende irische Wolfshund fehlte. Ich schielte zur Treppe. Guleed kapierte den Wink und fragte, ob wir uns zuerst Christinas Zimmer ansehen dürften. Mr. Chorley dürfe uns gern dabei zuschauen, sagte sie, wobei wir insgeheim beide hofften, dass er die Einladung nicht annehmen würde. Er führte uns ins Obergeschoss, dessen Flur mit einem dicken cremefarbenen Teppich belegt war, den sauberzuhalten verdammt ätzend sein musste. »Sie hatte diese Etage so ziemlich für sich allein«, erklärte er. Offiziell hatte ihr allerdings nur das große Schlafzimmer gehört; die restlichen Räume waren Gästezimmer. Dann verließ er uns Gott sei Dank und sagte, wenn wir fertig seien, dürften wir gern auf einen Tee in die Küche kommen. Das Zimmer und das angrenzende Badezimmer wirkten viel zu ordentlich. Das pseudo-antike Messingbett war tipptopp gemacht, alle Schubladen und Türen der grauenhaft pinken Kommode und des dazugehörigen Schranks geschlossen, und als wir sie öffneten, stellten wir fest, dass die Kleider darin penibel gefaltet waren – sogar die Unterwäsche. Guleed schnalzte missbilligend mit der Zunge. Dieses Zimmer war porentief rein geschrubbt worden, wahrscheinlich gleich nach Christinas Tod. Das war merkwürdig. Oft schieben trauernde Eltern es möglichst lange hinaus, etwas an den Sachen ihres verlorenen Kindes zu verändern. Aber jeder trauert anders, daher maß ich der Sache nicht allzu viel Bedeutung bei. Schulsachen gab es keine – die hatte sie wohl alle in ihrem Internatszimmer in St. Paul’s aufbewahrt. Aber die Bücher waren interessant. Viel realistische Jugend-Problemliteratur der amerikanischen Schule, dazu verschiedene Malorie Blackmans, Shirley Jacksons Wir haben schon immer im Schloss gelebt und Das Land des Lachens von Jonathan Carroll. »Ein bisschen düsterer, als ich erwartet hätte«, bemerkte Guleed. Ich musste daran denken, dass wir Reynard in diesem Gothic-Paradies in Archway hopsgenommen hatten. Vielleicht war es das, was die beiden verbunden hatte. Nichts lag unter dem Bett, war in die Matratze eingenäht oder in einem Umschlag unter die Wäscheschublade geklebt. Das einsame Stofftier auf dem Kissen hatte keine verdächtigen Knubbel, Reißverschlüsse oder losen Nähte, und auch unter den Bodendielen versteckten sich definitiv keine wertvollen magischen Artefakte aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also weiteten wir leise und vorsichtig unsere Suche auf die Gästezimmer und deren Badezimmer aus. Nicht dass wir heimlich herumschlichen, aber wir waren der Meinung, was Mr. Chorley nicht hörte, würde ihn nicht beunruhigen – wir von der Polizei sind da sehr rücksichtsvoll. Wir sind auch ziemlich schamlos, daher teilten wir uns auf, nachdem wir auf der ganzen Etage nichts Bemerkenswertes gefunden hatten: Guleed ging die Treppe ins Dachgeschoss hinauf, und ich nach unten, wo Mr. Chorley seine Räumlichkeiten hatte, um ihn im Blick zu behalten und mit etwas Glück auch einen auf seinen Ferrari zu werfen. Er war in der Küche und bot mir gleich Tee an, aber ich fragte, ob ich die Garage sehen könne. Er wollte wissen, ob ich mich für Autos interessiere. Als ich ja sagte, schenkte er mir ein schwaches, aber echtes Lächeln. »Dann wird Ihnen das gefallen.« Die Garage war sauber, ordentlich und nach der optimal ausbalancierten Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu schließen mit einer Klimaanlage ausgestattet, wie Postmartin sie für seine empfindlichsten historischen Dokumente braucht. Die Backsteinwände waren glänzend weiß gestrichen, nur der Pirelli-Kalender und ein tadellos aufgeräumtes Werkzeugregal lockerten die sterile Atmosphäre etwas auf. Umso besser konnte ich das Auto bewundern. Der Ferrari war aberwitzig schön – feuerrot und in diesem schnittigen Siebziger-Jahre-Sci-Fi-Design, das aussah, als würden jeden Moment die Räder eingeklappt werden, die Rückstoßtriebwerke anspringen und der Wagen zurück in eine Zukunft abheben, die es nie gegeben hatte. Und er hatte einen utopischen 2,8-Liter-V8-Motor, der schneller von null auf hundert beschleunigte, als man »2,8-Liter-V8-Motor« sagen konnte. Interessant aus magiepolizeilicher Sicht war, dass er natürlich kein elektronisches Zündschloss besaß – was bedeutete, bei einer heißen Verfolgungsjagd konnte der Fahrer nicht versehentlich den eigenen Wagen ruinieren. Ich sage ja nicht, dass Nightingale den Jaguar hätte verkaufen sollen, aber hätte es ihn umgebracht, sich ein paar Italiener aus dem goldenen Zeitalter der Supersportwagen anzuschaffen – und sei es nur als Investition? Ich fragte Mr. Chorley, ob er ihn jemals ausfuhr. »Natürlich. Wozu hat man denn so ein Auto, wenn man nie damit fährt?« Ich überlegte gerade, ob ich ihn irgendwie zu einer Probefahrt überreden könnte – oder zumindest zu einem Probesitzen auf dem Fahrersitz mit laufendem Motor –, da blickte Martin Chorley auf die Uhr. Es war eine schlanke stählerne Montblanc Timewalker, Kostenpunkt zwei Komma x Riesen bei seriösen Händlern und genau die Art aufziehbarer Zeitmesser, wie ihn sich jeder Praktizierende nur wünschen konnte. Ich machte mir buchstäblich beinahe in die Hose. Plötzlich war ich felsenfest überzeugt, dass ich gerade dabei war, über einem historischen Sportwagen eine Männerfreundschaft mit dem Gesichtslosen zu schließen. Der natürlich haargenau wusste, wer ich war. Was bedeutete, entweder spielte er mit mir oder er hoffte, seine Fassade weiterhin aufrechterhalten zu können. Ich überlegte, ob ich ihn hier und jetzt angreifen sollte – aber er war schnell und skrupellos, und wenn ich ihn nicht mit dem ersten Schlag ausschaltete, würde ich wahrscheinlich keine zweite Chance kriegen. Leider drehte er sich auch nicht netterweise um oder öffnete die Motorhaube und beugte sich darüber, damit ich ihm eins überbraten konnte. Also blieb ich tatenlos – was erstaunlicherweise den gängigen Polizeivorschriften entspricht. Evakuieren, Meldung machen, Situation stabil halten, so würde ich es in meinem stetig wachsenden Falcon-Leitfaden empfehlen. Vorausgesetzt, ich lebte lange genug, um ihn fertigzustellen. Ich seufzte, wobei ich mich bemühte, es nicht zu theatralisch klingen zu lassen, und sagte, ich bliebe ja liebend gern noch ein bisschen, um über Autos zu plaudern, aber wir müssten zurück nach London. Er fragte, ob wir etwas Nützliches gefunden hätten. Ich verneinte, aber man müsse nun mal ordentlich und konsequent arbeiten. »Ich bin einfach nur furchtbar dankbar, dass Sie den Fall noch nicht zu den Akten legen«, sagte er. Ich versicherte ihm, dass die Metropolitan Police mit ihrer ganzen Macht und Majestät das Ziel verfolgte, den Tod seiner Tochter aufzuklären. Und wenn er gern einen Angehörigenbetreuer hätte, würde ich ihm jederzeit einen besorgen. Insgeheim dachte ich, dass ich jetzt wusste, warum Aiden Burghley so grausam zerlegt worden war. Nicht weil er aus dem Weg geräumt werden musste oder als Warnung an andere. Sondern weil Martin Chorley ihm die Schuld an der Überdosis seiner Tochter gab. Himmel, Phoebe musste haarscharf am Tod vorbeigeschrammt sein – die Amerikaner hatten ihr doch tatsächlich das Leben gerettet. Er drückte mir die Hand. Seine war warm und trocken, sein Griff fest, aber nicht machomäßig. Der Handschlag eines Verkäufers, eines Gauners, eines Psychopathen. Dann ließ er mir mit einer Geste den Vortritt durch die Garagentür. Schweiß rann mir über den Rücken, als ich mich von ihm abwandte und nach draußen trat. »Ich rufe nur eben meine Kollegin an, dass wir gehen müssen«, sagte ich und dachte: Scheiße, Scheiße, Scheiße, nicht in Panik geraten, du Idiot. Ich zog das Handy heraus und rief Guleed an. »Also, die brauchen uns wieder in Belgravia«, sagte ich. Die Garage stand etwas zurückgesetzt; zwischen mir und dem Asbo lagen gute sechs Meter. Als es hinter mir plötzlich knirschte, zuckte ich zusammen, aber es war nur das automatisch schließende Garagentor. Ich kaschierte das Zusammenzucken, indem ich mich umdrehte und Mr. Chorley zuwinkte, der vor der Garage stehengeblieben war und mich beobachtete. Vor mir kam Guleed aus dem Haus, spazierte zum Asbo und lehnte sich an die Motorhaube. Sie hob lässig die Hand, den Blick hinter mich gerichtet, woraus ich schloss, dass Mr. Chorley mich immer noch beobachtete. Ich zog den Autoschlüssel aus der Tasche und drückte unauffällig den Türöffner, ohne ihn auf das Auto zu richten. Nichts geschah. Ich drückte noch einmal. Immer noch kein Aufblinken, Piepsen und Aufschnappen. Entweder hatte die Fernbedienung sich genau diesen Moment ausgesucht, um den Geist aufzugeben, oder die Elektronik in meinem Auto war sabotiert worden. Nein, es gibt keine Punkte für die richtige Antwort. Der Mistkerl musste sie lahmgelegt haben, während Guleed und ich oben waren. Ich vermutete, er rechnete damit, dass ich es ein paarmal mit der Fernbedienung probieren und dann vergeblich an den Türgriffen ziehen würde. Wie er kichern würde, während meine Verwirrung sich in entsetzte Erkenntnis verwandeln würde. Ich würde mich zu ihm umdrehen, unsere Blicke würden sich begegnen. Dann würde er zuschlagen. Zunächst nichts Tödliches, vielleicht ein Impello, um mich von den Beinen zu reißen, oder irgendwas Ausgeklügeltes fünfter Ordnung, von dem ich bisher noch nicht einmal gehört hatte. Der Asbo stand so, dass zwischen Fahrertür und Hausecke etwa zwei Meter Abstand waren. Zwei Meter, die wir überwinden mussten, um außerhalb seines Sichtbereichs zu kommen. Wenn wir es dorthin geschafft hatten, würde ich mir den nächsten Schritt überlegen. Ich ging schneller, damit unser Freund nicht ungeduldig wurde und zu früh zuschlug. Guleed rief ich irgendwas zu – ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was. Es bewog sie jedenfalls, sich von der Motorhaube zu lösen und mir entgegenzukommen. Ich trat zu ihr, wie um uns noch kurz zu besprechen, ehe wir losfuhren. »Er ist es«, sagte ich. Guleeds Augen weiteten sich, und ihr Kopf zuckte leicht nach hinten, wie um der Nachricht zu entkommen, aber ansonsten hielt sie ihre Körpersprache neutral und tarnte ihre Reaktion durch ein einigermaßen überzeugendes Lachen. »Scheiße. Nightingale ist anderthalb Stunden weit weg. Weiß Chorley, dass wir es wissen?« »Ich glaube.« »Plan?« »Ich gehe zum Auto. Du läufst um die Ecke, und wenn du außer Sicht bist, aktivierst du den Screamer und nimmst die Beine in die Hand.« »Und du?« »Ich mache genau das Gleiche, nur renne ich in eine andere Richtung. Ich beschäftige ihn. Du schaust, dass du das Gebiet gesichert bekommst.« Falls sie vorhatte, etwas zu sagen wie »Oh nein, ich kann doch nicht zulassen, dass du dich für mich opferst«, war es leider zu spät dafür, denn wir hatten das Auto erreicht, und ihr war sowieso klar, dass es nicht anders ging. Ich sah ihr mit Bedacht nicht nach, lauschte aber auf ihre Schritte. Kaum außer Mr. Chorleys Blickfeld, sprintete sie in ihren vernünftigen Schuhen los in Richtung Waldrand. Ich hob meinen Schlüssel und zeigte damit auf das Auto. Nichts passierte. Betont versuchte ich es noch ein paarmal, zog an der Türklinke, und dann drehte ich mich mit einem Stoßgebet an Sir Samuel, den Patron der Polizisten, zu Mr. Chorley um. Er stand vor der Garage, die Hände lässig in den Taschen, und nickte mir freundlich zu. Ich sah, wie sein Blick flüchtig nach rechts ging – er fragte sich, wo Guleed abgeblieben war. Und in diesem Moment pfefferte ich ihm alles entgegen, was ich hatte. Gut, ich bin nicht Nightingale, hundert Millimeter dicker Panzerstahl ging noch über meine Kräfte, aber einige Fortschritte hatte ich seit jenem ersten Mal schon gemacht, als wir uns auf einem Dach in Soho begegnet waren und der gesichtslose Scheißkerl sich meinen Feuerball einfach aus der Luft geschnappt hatte, der verdammte Angeber. Was er diesmal kriegte, war ein signalraketenheller Feuerball, gefolgt von einem Impello palma. Der Sinn dabei ist, dass die Zielperson sich voll auf das grelle Licht konzentriert, das auf ihren Kopf zurast, und die unmittelbar dahinter kommende gewaltige Kraft auf Hüfthöhe gar nicht bemerkt. Vielleicht klappte es sogar, aber ich blieb nicht stehen und schaute zu. Sobald ich die beiden Zauber ausgelöst hatte, drehte ich mich um und gab Fersengeld. Vor jemandem mit Schusswaffen rennt man nicht in gerader Linie weg, außer man ist erpicht darauf, in den Rücken geschossen zu werden. Man sollte ständig in unberechenbarer Weise die Richtung wechseln, um kein klares Ziel zu bieten. Eines der Dinge, die ich theoretisch seit eh und je weiß, aber verdammt, ist das in der Praxis schwer umzusetzen! Ich hastete nach links, als wollte ich hinter dem Haus verschwinden, und warf mich dann nach rechts, wobei ich eine zufällige Zahl von Schritten herunterzählte: elf – zehn – neun – da kam mir mit Schrecken, dass elf vielleicht zu viel war, also schlug ich den nächsten Haken schon nach sechs. Und war einen Schritt weit gekommen, da schoss etwas Riesiges, Oranges an meinem Kopf vorbei, so dicht, dass der Luftzug mich taumeln ließ. Ich versuchte das Gleichgewicht zu halten und sah flüchtig auf – weiter vorn wurde der Asbo zwischen splitternden Zweigen frontal in den Waldrand geschleudert, rasierte den Stamm einer dicken Eiche ab und überschlug sich schließlich. Ich dachte, ich hätte meine Höchstgeschwindigkeit schon längst erreicht, aber jetzt legte ich noch ein paar km/h zu und toppte vermutlich den Weltrekord. Ich täuschte nach rechts an, schwenkte nach links, und plötzlich war ich zwischen Bäumen und Unterholz und rannte bergab – auf die Hauptstraße zu. Im letzten Sommer hatte ich mich in fast derselben Lage befunden, als ich von einem unsichtbaren Einhorn gejagt wurde, also war ich im Training. Im Rennen zerrte ich den Screamer aus der Jackentasche, drückte den Daumen mit aller Kraft gegen den Auslöser und schleuderte den Screamer so weit wie möglich nach links. Die zähen Männer der Bow Street Runners waren es gewöhnt, allein zu arbeiten, und verließen sich daher im Notfall auf ihre laute Stimme, um Zeter und Mordio zu schreien, die Bevölkerung zu alarmieren oder gelegentlich auch vor Schmerz zu brüllen, wenn sie von einer Gang zusammengeschlagen wurden. Sir Robert Peels innovative neue Bürgerpolizei hingegen wurde mit dem buchstäblich letzten Schrei in Sachen Kommunikationsgerät ausgerüstet: der Klapper. So konnten die Peeler während einer Verfolgungsjagd ihre Klapper schwingen und hoffen, dass irgendwer seinen Lachanfall schnell genug überwinden würde, um zu helfen. Bald wurde die Klapper von der Trillerpfeife verdrängt, die diverse Vorteile hatte: Nicht nur konnte man mehrere Signale für verschiedene Situationen festlegen, man wirkte auch nicht mehr wie ein unzurechnungsfähiger Clown, wenn man sie benutzte. Als das Telefon erfunden wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei die neue Technik zu schätzen lernte und zuerst in Glasgow, dann auch in London die Polizeirufzellen entstanden. Sie boten einem Beamten in Not eine direkte Verbindung zu Scotland Yard und einen trockenen Ort, um »Papierkram« zu erledigen – und in seltenen Fällen sogar ein Leben voller Abenteuer quer durch Zeit und Raum. Schließlich wurden Funkgeräte so klein, dass ein Constable auf Streife eines bei sich tragen konnte, um Verbrechen zu melden, Verstärkung anzufordern und die Länge seiner Teepause zu vertuschen. Und heute haben wir Airwaves, die mit sämtlichen Notrufsystemen im ganzen Land vernetzt sind – so kann ein bedrängter Polizist überall Hilfe von überallher erhalten. Es gibt sogar einen Panikknopf. Wenn man ihn drückt, wird das Mikrofon aktiviert und alle Geräusche in der Umgebung über den Notrufkanal übertragen. So was kann einem Polizisten das Leben und vor allem die Weichteile retten. Sobald Magie ins Spiel kommt, ist man allerdings schnell wieder bei den Klappern und Pfeifen. Aber nicht mit meiner Wenigkeit – dazu schätze ich meine Weichteile zu sehr. Also entwickelte ich den Screamer (das Patent steht noch aus). Die Innereien sind die eines Wegwerfhandys, und mit seiner ausbalancierten, mit Filz gepolsterten Hülle ist er im wahrsten Sinne des Wortes zum Wegwerfen gedacht. Der Einschaltknopf ist ein einfacher Schieber mit Einrastfunktion. Betätigt man ihn, so beginnt eine Zeitschaltuhr zu ticken. Dann wirft man das Ding so weit weg wie möglich, hofft, dass es außerhalb des Radius eventueller magischer Ereignisse herunterkommt, und zwei Minuten später wählt es die Notrufzentrale der Met an und kreischt etwas wie: Hilfe, Hilfe, hier magische Alarmstufe Rot, bitte Verstärkung schicken, vorzugsweise Nightingale. Ich lasse die Dinger von einem Typen in Leominster bauen, der immer noch glaubt, sie wären dazu da, Ufos aufzuspüren. Während der Screamer ins Unterholz flog, änderte ich wieder die Richtung. Mein Fuß verfing sich in irgendwas, und ich segelte mit rudernden Armen ins Gebüsch. Gegen alle Instinkte blieb ich liegen, das Gesicht im vermodernden Laub vergraben, von dem Bev mir versichert hat, dass es von entscheidender Bedeutung für das Ökosystem des Waldes ist, und zwang mich, tief und gleichmäßig zu atmen, auch als mich irgendwelche Sporen in der Nase kitzelten. In den Baumkronen rauschte der Wind, und keine zwanzig Meter unter mir fuhr ein Auto vorbei – die Hauptstraße. Die Bäume um mich herum hatten gerade, hohe Stämme und Laubkronen von unterschiedlicher Farbe und Dichte, was mir darauf hinzudeuten schien, dass es sich um mindestens zwei oder drei verschiedene Arten handelte. Die untersten Äste waren leider zu hoch oben, um hinaufzuklettern, und außer dem Busch, hinter dem ich lag, war der Boden ziemlich frei von Unterholz. Ich überlegte, ob ich auf die Straße fliehen sollte, aber was dann? Martin Chorley war kein Einhorn. Er würde sich nicht von landschaftlichen Gegebenheiten aufhalten lassen, es sei denn vielleicht von einer drei Meter hohen Betonmauer, und selbst die würde ihn um höchstens zwei, drei Sekunden verlangsamen. Besser, ich versuchte es mit Verstohlenheit, beschloss ich – wenigstens bis ich genauer wusste, wo er war. »Peter«, sagte da eine viel zu nahe Stimme. »Das ist doch vergebliche Liebesmüh.« Die Stimme klang wie Martin Chorleys, nur voller, und hatte diesen selbstsicheren Ton, den Snobs an den Tag legen, wenn sie sich selbst davon überzeugen wollen, dass sie wissen, wovon sie reden. Geld lag darin, gute Erziehung, und dahinter der Morgenstern, die Peitsche, der Bowlerhut. Außerdem kam sie mir nicht ganz natürlich vor. »Ich habe eine Übereinkunft mit Lesley«, sagte die Stimme. »Ich habe ihr zugesagt, dass Sie keine bleibenden Schäden davontragen werden.« Jetzt klang sie ganz nah – höchstens ein paar Meter. Ihm musste klar sein, dass ich eine Nachricht abgesetzt hatte und es nur eine Frage der Zeit war, bis Nightingale in seiner ganzen Herrlichkeit auf ihn herabgefahren kam. Außerdem musste er begriffen haben, dass es nun hieß: Adieu, unbekannter Gesichtsloser, hallo, Martin, alter Knabe, gratuliere zur Ernennung zum Hauptverdächtigen. »Hören Sie, Peter«, sagte die Stimme. »Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, also bringen wir’s doch einfach hinter uns, ja?« Wie man nicht gesehen wird, Lektion eins: Nicht aufstehen. Es fing an zu regnen, ein feines, beharrliches Nieseln, das sich sofort durch die Baumkronen arbeitete und die Rückseite meiner Jacke und Hose durchtränkte. Die dichten Wolken sorgten dafür, dass es schon dunkel zu werden begann. Ich fragte mich, für wen das ein Vorteil war – für mich oder ihn. »Wir wissen doch beide: der einzige Grund, warum Sie noch am Leben sind«, sagte Martin Chorley ein paar Zentimeter von meinem Hinterkopf entfernt, »ist, dass ich eine Schwäche für Lesley May habe.« Himmel, war es schwer, sich nicht zu bewegen. Aber ich wusste, dass zum Beispiel Nightingale Geräusche durch die Gegend schicken konnte. Wenn Chorley wirklich hinter mir gestanden hätte, hätte er vermutlich nicht so viel geredet. »Was ich nicht verstehe, Peter«, sagte er – jetzt schien seine Stimme etwa drei, vier Meter rechts von mir zu sein –, »ist Ihre Loyalität gegenüber diesen Institutionen. Die Polizei, das Folly – Sie haben sogar einen Eid auf die Krone geschworen! Alles Institutionen, die, was den Umgang mit Leuten wie Ihnen betrifft, keine ruhmreiche Bilanz aufzuweisen haben.« Weil die Alternative du wärst, hätte ich gern gebrüllt. Aber Lektion zwei in Sachen Nichtgesehenwerden ist: Nicht antworten. Er weiß, dass er nicht mehr viel Zeit hat, also versucht er mich zu provozieren, dachte ich. Als Nächstes kommt dann, dass er jemand anderen bedroht. »Ich habe Ihre muslimische Partnerin«, sagte er. Und diesmal hörte ich genau, wie die Stimme zwischen den Bäumen hin und her hallte. Ich glaubte sogar, ein ganz klein wenig zu spüren, welche Formae er dafür verwendete. »Sie stehen ja im Ruf, ein Gentleman zu sein – sind Sie dazu auch jetzt bereit?« Na gut, vielleicht hatte er Guleed, wobei ich das stark bezweifelte. Aber selbst wenn, würde er sie nie und nimmer einfach laufen lassen, wenn ich mich stellte. Er wollte mich nur zu einer Reaktion verleiten, um mich zu finden. Andererseits, wenn er sie nun doch hatte? Ich hielt es für besser, Klarheit zu schaffen, bevor ich anfing, mich mit dem Gedanken zu quälen. Ich beschloss, eine Reaktion zu zeigen. Lux ist die wandelbarste Forma überhaupt, und es haben buchstäblich Tausende von Magiern damit experimentiert, seit das Folly noch aus einem Haufen gleichgesinnter Spinner und Scharlatane bestanden hatte, die sich in einem Londoner Kaffeehaus trafen. Demzufolge kann ein entdeckungsfreudiger junger Mensch an den Seitenrändern von Magielehrbüchern die erstaunlichsten Anmerkungen dazu finden. Nun bin ich meinen Altersgenossen aus dem neunzehnten Jahrhundert gegenüber insofern im Vorteil, als ich weiß, was Infrarotlicht ist und wie es einer kleinen Gaswolke genug Wärmeenergie zuführen kann, dass diese sich mit einem lustigen Furzgeräusch ausdehnt – oh, wie sie gelacht hätten. Hierdurch kann ich recht laute und kräftige obszöne Töne erklingen lassen – kräftig genug, um die Zweige eines kleinen Buschs ins Schwanken zu bringen. Ipsa scientia potestas est. Ich nenne den Zauber Flatulenzium, weil mir noch kein anderer lateinischer Name eingefallen ist. Ich beschwor einen so weit rechts von mir wie möglich. Er machte ein Geräusch wie ein Blasebalg, aus dem die Luft entweicht, und ließ etwas Unterholz vibrieren. Na, was sagst du jetzt, dachte ich. Fünf Meter rechts von mir explodierte ein Baum. Zufällig hatte ich genau den Blick darauf gerichtet, als der Stamm in Kopfhöhe in tausend Splitter zersprang, die in einer hellbraunen Wolke aus Sägemehl nach allen Seiten spritzten. Ich warf die Arme schützend über den Kopf und drückte mich so tief wie möglich in meine Laubmulde, während rund um mich Holztrümmer niedergingen. Der Boden erstickte meinen Schrei, als mir ein schweres Stück Holz auf den Rücken knallte. Da explodierte schon der nächste Baum, noch näher. Dass es ein Baum war, weiß ich, weil ich hörte, wie die Krone mit gewaltigem Krachen durch die Äste der Nebenbäume brach und dann mit solcher Wucht auf dem Hang aufkam, dass es in meiner Brust vibrierte. Dem Aufprall folgte so schnell eine dritte Explosion, dass alles zu einem einzigen langen Ohrenschmerz verschmolz. Und dann eine vierte und eine fünfte – aber jetzt weiter rechts, jenseits der Schmerzschwelle. Ich wagte es, den Kopf ein paar Millimeter zu heben. Die Luft war voll von ockerfarbenem Staub und dem muffigen Geruch nach gesplittertem Holz. Im Nebel leckten Flammen aus einem zerborstenen Baumstumpf. Weniger als zehn Zentimeter vor meinem Gesicht stak ein Holzstück im Boden, etwa so groß und spitz wie ein Zaunpfahl. Ich konnte hier nicht bleiben. Auch wenn Martin Chorley meine exakte Position nicht kannte – noch ein, zwei Baumexplosionen in meiner Nähe, und ich würde mich unfreiwillig in einen Igel verwandeln. Ich zog die Beine an und machte mich bereit, auf die Straße zuzurennen. Weitere Explosionen – viel weiter rechts. Manchmal ist es einfach, mutig zu sein, und manchmal muss man seinen Körper regelrecht anschreien, verdammt noch mal im eigenen Interesse zu handeln. Manchmal verweigert er sich dem Ruf trotzdem. Das Dumme ist, dass man nie weiß, was davon gerade zutrifft, bis man es ausprobiert. Diesmal war mein Körper vollkommen mit dem Fluchtmodus einverstanden, und ab ging’s. Wir kamen vielleicht fünf Meter weit, da landete etwas Schweres auf meinem Rücken, etwas legte sich mir um die Brust und ich wurde in die Luft gezogen. Ich hätte gekreischt wie ein kleines Mädchen, hätte das Etwas mir nicht die Hand auf den Mund gedrückt. Es roch nach Safran, da war heller Sonnenschein über einem windumtosten Hügel und der Blick auf ferne Horizonte. Du verlogenes kleines Ding, dachte ich, du kannst fliegen. Der Effekt des Durch-die-Luft-Sausens wurde etwas beeinträchtigt durch die Zweige, die mir um Kopf und Schultern peitschten. Dann kamen wir mitten im Grün zum Halten, und ich wurde auf einem Ast dicht neben dem Baumstamm abgesetzt, der in dieser Höhe schon alarmierend dünn war. Ich umschlang ihn dankbar. Caroline presste mir noch einmal nachdrücklich die Hand auf den Mund und ließ dann los. Nach einer Weile sah ich mich um. Caroline saß lässig mit baumelnden Beinen auf einem Ast auf der anderen Seite des Stamms, Guleed hockte auf einem weiteren einen Meter tiefer. Wir saßen hoch oben in der Krone, und die Äste unter uns waren irgendwie nach innen und oben verbogen, so dass eine Art natürlicher Sichtschutz entstanden war. Seltsamerweise war keiner gebrochen, und ich konnte keine Schnüre oder Drähte sehen, mit denen sie befestigt gewesen wären. Ich sah Caroline an. Sie erwiderte ausdruckslos meinen Blick. Dann zuckte ich zusammen, weil in der Nähe wieder etwas explodierte. Dann noch einmal und noch einmal, und noch zwei weitere Male, jeweils etwas weiter entfernt. Wir blieben noch eine halbe Stunde in angstvollem Schweigen sitzen, aber es passierte nichts mehr. Es war anzunehmen, dass Martin Chorley keine Lust mehr hatte und abgehauen war, aber keiner von uns wollte sein Leben darauf verwetten. Außerdem hatte er vielleicht Fallen und/oder Dinge zurückgelassen, für die ich keinen Namen hatte außer »menschenähnlich«. Also warteten wir ganz still im dunkelnden Wald, dass jemand vorbeikam und uns rettete. 13 Angry Birds Das Einzige, was unsere schweigsame Wartezeit auflockerte, waren stumme, aber heftige Auseinandersetzungen, wer als Nächster dran war, auf Carolines Handy Angry Birds zu spielen. Sie endeten erst, als besagtes Handy summte und wir folgende SMS bekamen: Sie können jetzt herauskommen, wann immer Ihnen danach ist. »Er hat sich Zeit gelassen«, sagte ich. »Passiert das oft?«, erkundigte sich Caroline. »Nö. Manchmal rettet mich auch Beverley, manchmal Lady Ty, gelegentlich Molly – die haben wohl einen Dienstplan.« »Was?«, sagte Caroline. »Ohne Witz?« »Quatsch. Natürlich ist es ein Witz. So gut organisiert sind wir nicht.« Guleed schnaubte. Caroline flog sie als Erste nach unten – einfach indem sie ihr den Arm um die Brust schlang und einen Schritt in die Luft machte. Im Dunkeln konnte ich es nicht genau sehen, aber es wirkte, als schwebten sie sanft und stetig abwärts. Währenddessen entflochten sich die zusammengebogenen Zweige und kehrten in ihre ursprüngliche Lage zurück. Als ich das später Bev erzählte, fand sie es beeindruckender als das Fliegen. »Weil Holz sich nicht gern verbiegen lässt.« Als ich an der Reihe war, schloss ich die Augen und versuchte etwas von den Formae zu erspüren, die Caroline anwendete. Wenn man eine neue Forma lernen will, sind manchmal Dutzende, ja Hunderte Demonstrationen nötig, bevor man überhaupt anfangen kann, sie im Geist nachzuahmen. Aber wenn man gut aufpasst, kann man selbst aus einer kurzen Begegnung mit einem Zauber etwas lernen. Allerdings ist das nicht ganz so leicht, wenn man gerade zwanzig Meter tief runterfällt, gehalten von nichts außer Carolines Verachtung der Schwerkraft. Ja, ich spürte es, irgendwo in dem Nicht-Raum, wo unsere Abstraktionen sich ins Gefüge des Universums einklinken – und es war anders. Also, richtig anders. Ich wusste, dass es verschiedene magische Traditionen gab, aber ich hatte immer angenommen, dass sie auf ähnlichen Grundlagen beruhten. Weit gefehlt. Die Formae, die Caroline anwandte, um der Schwerkraft zu trotzen – das war, als hörte man Yusef Lateef zu, wie er auf der Flöte in die Pentatonik abdriftet. Immer noch Musik, immer noch wunderschön, aber eine völlig unbekannte Klanglandschaft. »Kannst du wirklich richtig fliegen?«, fragte ich. Wir kamen am Boden an. Sobald wir festen Stand hatten, flüsterte sie mir ins Ohr: »Noch nicht. Aber bald. Und dann bin ich weg und frei.« Weg von wo, fragte ich mich, und frei wovon? Nightingale erwartete uns am Fuß des Baums. Er trug seinen perlgrauen Burberry-Mantel – zu größeren Zugeständnissen in Sachen Reflexionskleidung war er nicht bereit. »Wie haben Sie uns gefunden?«, fragte ich. »Zunächst haben die Screamer genau so funktioniert wie vorgesehen. Dann waren da Ihre Handynachrichten. Wir mussten also nur noch der Schneise der Zerstörung folgen.« Hügelaufwärts blinkte Blaulicht durch die Bäume. Guleed schob Caroline zum Rettungswagen. Die protestierte zwar, ihr fehle nichts, aber darum ging es nicht. Da sie als Zivilistin in einen Polizeieinsatz verwickelt worden war, mussten wir beweisen können, dass sie unverletzt war, damit sie uns nicht später verklagte. »Sie wissen, was es bedeutet, dass Martin Chorley der Gesichtslose ist?«, fragte Nightingale. Ich fröstelte. »Welche der Bedeutungen?« »Der Rache-Aspekt. Da besteht durchaus Grund zur Sorge.« »Oh ja.« Ich hob die rechte Hand und betrachtete sie. Sie zitterte leicht. »Haben Sie schon alle gewarnt?« »Phoebe und Olivia sind bei Tyburn zu Hause, aber Reynard habe ich verloren, als mich der Screamer hierherrief. Er ist zweifellos abgetaucht.« Ich blieb stehen und sah mich um. Wir hatten die Lichter noch nicht ganz erreicht, aber das, was vom orangen Asbo übrig war, lag auf dem Rücken inmitten von Baumtrümmern. Nightingale hielt ebenfalls an, um auf mich zu warten. »Schaut gerade jemand zu uns rüber?«, fragte ich. Nightingale sagte, er sehe niemanden. Da drehte ich mich weg, fand einen günstigen Baumstumpf, beugte mich vornüber und erbrach mich. Sobald ich einmal damit angefangen hatte, konnte ich irgendwie gar nicht mehr aufhören, bis, so kam es mir jedenfalls vor, sämtliche Mahlzeiten des letzten Monats ans Tageslicht gekommen waren. Danach fühlte ich mich leicht schwindelig und hohl. Nightingale reichte mir eines seiner cremefarbenen Stofftaschentücher mit Monogramm, von Molly so steif gestärkt, dass man es auch als Wurfstern hätte verwenden können. Sorgfältig faltete ich es auf und wischte mir damit den Mund ab. Er wollte es nicht zurückhaben. Vor dem Haus stand ein Riesenaufgebot der Polizei des Thames Valley, einschließlich eines bewaffneten Spezialtrupps, der an den Seiten eines Volvo V70 lehnte und uns aus Prinzip finster anstarrte. Dann kam Stephanopoulos und starrte den Trupp finster an, bis er einpackte und sich verzog. Was mir eine kurze Atempause verschaffte, bevor sie zu mir kam und mich finster anstarrte. Dann warteten wir die üblichen drei Stunden, bis die Spurensicherer und ein forensisches Spezialteam fertig waren, und hatten die übliche Diskussion, wer losfahren und in High Wycombe nach einem Schnellimbiss suchen sollte, der jetzt noch geöffnet hatte. Carolines Mum kam in ihrem MG die Auffahrt entlanggebraust. Caroline und ich sahen aus der sicheren Deckung der Küche heraus zu, wie sie parkte und sogleich Nightingale dafür in den Senkel stellte, dass er ihr kleines Mädchen in Gefahr gebracht hatte. Währenddessen nahm Caroline mich beiseite und bat mich, ihrer Mum nichts von dem Beinahe-Fliegen zu erzählen. »Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht.« »Sorgen worum?«, fragte ich. Sie gab keine Antwort. Als sie mit ihrer Mum davonfuhr, winkte sie mir zu. Martin Chorleys utilitaristisches Büro stellte sich als weit weniger interessant heraus als sein Lesezimmer. Er besaß jede offizielle Ordnance-Survey-Landkarte der Britischen Inseln, die je gedruckt worden war, bis weit ins neunzehnte Jahrhundert zurück, sowie einige Spezial-Landkarten und -Zeitschriften; manche davon erkannte ich von meinen Recherchen wegen der Sache in Herefordshire wieder. Ein paar edwardianische archäologische Studien, die Ley-Linien-Bibel Old Straight Track von Alfred Watkins sowie ein Werk namens Das wahre Mittelerde: Magie und Mysterien des Dunklen Zeitalters, was bestätigte, dass Martin Chorley ein unverbesserlicher Tolkien-Nerd war. Als wären die fünf oder sechs verschiedenen Ausgaben des Herrn der Ringe und die signierte Erstausgabe des Kleinen Hobbit nicht schon Beweis genug. Die anderen Phantasten hatten ebenfalls ihren festen Platz bei ihm – ein Regalbrett war C.S. Lewis gewidmet. Auch gegen Jugendbücher hatte er nichts, wovon der Wintersonnenwende-Zyklus von Susan Cooper zeugte. Wiederum Erstausgaben, aber zu zerlesen, um viel wert zu sein, daneben ähnlich zerlesene Exemplare des Eulenservice und der übrigen Werke von Alan Garner. All das schrie nicht unbedingt laut »machtgeiler Psychopath« – wobei er vielleicht so modern war, seine wahren Laster auf einem USB-Stick gespeichert zu haben. Über dem alten Kamin mit der originalen Steinfassung hing ein Gemälde der Sorte »Königin beweint sterbenden König«, das laut einem der Spurensicherer ein echtes präraffaelitisches Meisterwerk war, gemalt von einem gewissen James Archer Ende des neunzehnten Jahrhunderts. »Ein Romantiker«, sagte Nightingale viel, viel später. »Die gefährlichsten Menschen, die es gibt.« Schließlich nahm jemand Guleed und mich mit zurück nach London, während Nightingale im Haus blieb, falls der Hausherr zufällig noch mal zurückkam, weil er was vergessen hatte. Ich hätte die Nacht gern bei Beverley verbracht, aber ich musste abrufbereit bleiben, falls Martin Chorley mitten in der Nacht etwas Psychopathisches anstellte. Tatsächlich konnte ich ungestört durchschlafen, bis um halb zehn Uhr morgens das Telefon klingelte und Stephanopoulos mich informierte, dass gerade ein Mordversuch auf Olivia McAllister-Thames verübt worden war. Das Haus, das dem von Tyburn gegenüberlag, war unverkennbar nach dem Krieg gebaut worden, wahrscheinlich um eine Bombenlücke zu füllen. Zum Glück war es ein eher spätes Exemplar und nicht so ein charakterloser Kasten, wie die amerikanischen Modernisten sie so liebten. Der Architekt war tatsächlich darum bemüht gewesen, dass es sich ins Straßenbild einfügte. Trotzdem verströmte das Erdgeschoss noch immer einen Hauch Geschützstellung, und das Foyer brachte es fertig, prätentiös und finster zugleich zu wirken. Nachdem ich sicher in einem Plastikanzug steckte, nahm Stephanopoulos mich mit hinauf in die Wohnung im zweiten Stock, wo der Heckenschütze sich versteckt gehabt hatte. Die Leiche hatte ich verpasst, was ich nicht bedauerte, aber Stephanopoulos’ Tablet war voller Tatortfotos. »Wer er ist, wissen wir noch nicht«, sagte sie. »Weiß, Mitte dreißig, fit, hat ein Fremdenlegion-Tattoo, was aber nichts heißen muss.« Die Polizei hat es ständig mit eintätowierten Abzeichen von Spezialeinheiten zu tun, die eher Wunschdenken als eine wirkliche Laufbahn abbilden. »Ich hoffe, die Zähne sind aussagekräftig.« Wobei die inzwischen auch kein sicheres Indiz für die Nationalität mehr waren. Immerhin, ich hatte gehört, dass amerikanische Zahnbehandlungen nach wie vor sehr überspannt waren – was auch immer das in Bezug auf Zähne bedeuten mochte. »Hoffentlich war er kein Ami«, sagte ich. In der Richtung hatten wir schon genug Komplikationen. Die Wohnung war unmöbliert, aber hochwertig ausgestattet, mit Marmorböden in den Badezimmern, italienischen Fliesen in der Küche und teurem Rosenholzparkett in den übrigen Räumen. Der Schütze hatte sich im Wohnzimmer eingerichtet, das ein Makler vermutlich als Lounge bezeichnen würde. Das Gewehrstativ befand sich gute drei Meter vor dem Erker. Das mittlere der drei Erkerfenster war geöffnet und die Vorhänge halb zugezogen, so dass der Schütze von der Straße aus praktisch nicht zu sehen gewesen war. Aus Mangel an Möbeln hatte er ein eigenes Stativ mitgebracht, ein richtig schweres, wie passionierte Angler es verwenden, die auf große Fische hoffen. Außerdem einen Campingstuhl, ein paar Flaschen Wasser und eine Packung Sandwiches von Pret A Manger. Ich sah genau vor mir, wie in ebendiesem Moment ein paar DCs sich das Material der Überwachungskameras aus jedem Pret A Manger in einem Kilometer Umkreis durchsahen. Oh Mann, das waren sicher nicht wenige. Ich ließ den Blick durch den leeren Raum wandern. »Er wusste, dass die Wohnung leer steht.« »Noch besser – er hatte legale Schlüssel«, sagte Stephanopoulos. »Und die Wohnung hat seit fünf Jahren denselben Besitzer.« »Lassen Sie mich raten. Unsere gute alte Freundin Ms. Tarngesellschaft.« »Oh ja. Die eng mit einem in Guernsey registrierten Investmenthaus verwandt ist, das die Wohnung für einen gewissen James Hodgkins alias Martin Chorley gekauft hat.« Ich sah über die Straße zu dem Fenster hinüber, das, wie mir gesagt worden war, zu Tyburns Schlafzimmer gehörte und wegen der zerschossenen Fensterscheibe mit blauer forensischer Abdeckfolie überklebt war. Keine dreißig Meter, dachte ich – da brauchte ein guter Scharfschütze nicht mal ein Teleskop. Die Waffe war noch vor der Leiche abtransportiert worden. Es war eine L96 A1, Nato-Kaliber 7.62mm. Die Standardwaffe britischer Scharfschützen sowohl beim Militär als auch der SCO19 der Met. Wahrscheinlich, sagte Stephanopoulos, eine der Waffen, die hin und wieder spurlos aus offiziellen Beständen verschwinden. Ein bisschen zu speziell für die durchschnittliche Londoner Unterwelt, in der man preiswertere und persönlichere Mordmethoden bevorzugte – wobei, wenn ich vorhätte, Lady Ty umzulegen, dann am ehesten mit einer Drohne, gesteuert von einer angenehm klimatisierten Basis der Air Force in Arizona aus. Und selbst dann nur unter falschem Namen. Er hatte nur den einen Schuss abgegeben, ehe er gestorben war. Es handelte sich zwar um eine Repetierwaffe, trotzdem wunderte ich mich, dass er keine Zeit gehabt hatte, wenigstens einen zweiten zur Sicherheit loszuwerden. Selbst jetzt, drei Stunden später, hatte man die Kugel noch nicht gefunden. »Woran ist er gestorben?«, fragte ich. »Stichwunde in der Brust, zugefügt mit einer schweren zweischneidigen Klinge«, sagte sie. »Ins Herz und auf der anderen Seite wieder heraus.« »Was – durch die Rippen?« »Ging geradewegs durch zwei auf der Vorderseite und eine auf der Rückseite hindurch. Sauberer Schnitt.« »Ein Schwert«, sagte ich. »Das wird vermutet, aber die Obduktion läuft noch.« Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte auf klassisches Breitschwert aus dem vierzehnten Jahrhundert getippt – wie das, das ich in einer Halluzination einmal bei einem jungen Mann gesehen hatte, während ich dabei war, unter einem Bahnsteig der Central Line zu ersticken. Der junge Mann nannte sich Sir William Tyburn und war der Gott des gleichnamigen Flusses gewesen, als dieser noch frei und wild Vater Themse entgegenströmte. Aus offensichtlichen Gründen behielt ich diese faszinierenden Überlegungen für mich. »Die Wohnung gehört Chorley seit fünf Jahren«, sagte Stephanopoulos, »und war in dieser Zeit nie vermietet.« »Er wusste von den Flüssen«, sagte ich. »Wahrscheinlich fand er es praktisch, immer die Möglichkeit zu haben, sie zu überwachen.« Oder vielleicht hatte er schon damit gerechnet, dass er früher oder später Hand an Lady Ty würde legen müssen. »Es war sicher in jedem Fall eine ganz gute Investition«, sagte Stephanopoulos. »Aber warum ein Heckenschütze? Nicht gerade seine übliche Methode.« »Ihm war klar, dass er Olivia nur kriegen würde, wenn er vorher ihre Mutter ausschaltete. Und dass er bei Tyburn nur dann eine Chance hatte, wenn er sie blitzartig überfiel. Sonst – unmöglich. Nicht so nah an ihrem Fluss, so nah an der Themse.« Ich sah wieder zu dem abgeklebten Fenster hinüber. »Auf die Entfernung kann er sein Ziel doch nicht verfehlt haben.« »Aber er ist derjenige, der tot ist. Könnte sie über diese Entfernung ein Schwert geworfen haben?« Ich stellte mir vor, wie Lady Ty Schwung holte und mit einer eleganten Drehung auf ihren High Heels ein Breitschwert über die Straße schleuderte wie einen schlechten Spezialeffekt. Wie der Heckenschütze zurücktaumelte und verdattert das Stück Klinge und den Griff anstarrte, die lustig zitternd in seiner Brust steckten. Nein. Nicht stilvoll genug für Tyburn. Und überhaupt war das Schwert nicht gefunden worden. »Wenn sie es geworfen hätte«, fragte ich, »wer hat es dann rausgezogen?« Stephanopoulos gab den traditionellen kurzen Seufzer des leitenden Beamten von sich, der etwas erklären muss, was vollkommen offensichtlich ist, was aber der begriffsstutzige Untergebene aus irgendeinem Grund nicht kapiert. »Nichts für ungut, Peter. Aber wir hofften, diese Information von Ihnen zu bekommen. Wir sind ja nur arme normale Durchschnittspolizisten, die keine Ahnung von magischen Künsten und keine Affären mit übernatürlichen Wesen haben.« »Soweit Sie wissen«, sagte ich und dachte an Wanda die Wirtin, die kein Mensch als etwas Ungewöhnliches eingeschätzt hätte, der nicht wusste, worauf es ankam. Aber Stephanopoulos hatte recht – die Frage fiel unter die Zuständigkeit des Folly, und es war blamabel, dass mir keine ordentliche Antwort einfiel. Mal angenommen, am Tod des Schützen war irgendwie der lachende Sir Tyburn beteiligt, den sein Vater und seine Brüder seit hundertfünfzig Jahren für tot hielten … Nun, wir wussten, dass von normalen Menschen manchmal bemerkbare Spuren zurückblieben, die unter besonderen Umständen mit der physischen Welt interagieren konnten. Ob auch Götter zu Geistern werden konnten? Wenn ja, müssten die nicht viel mächtiger sein als die Geister gewöhnlicher Leute? Oder war das eine typische Anfängerüberlegung? Wahrscheinlich. Dachte man diese These weiter, dann müsste die Welt von den mächtigen Geistern ehemaliger Götter nur so wimmeln. In der Literatur war mir aber noch nie etwas Derartiges untergekommen, und auch wenn meine Vorgänger oft trübere Tassen waren als der Kaffee von gestern, hätten selbst sie so was bemerkt, glaubte ich. Vielleicht, dachte ich, wird der tote Gott ja von dem neuen absorbiert, etwa so, wie eine inaktive genetische Variante in der DNA eines Individuums schlummern kann, und hängt da rum wie die Zweitbesetzung eines Schauspielers, bis die richtigen Bedingungen auftreten und er sich manifestiert – und schwupps, plötzlich ist das Bakterium hitzeresistent, die kleine Chloe hat ihren Durchbruch am Broadway und ein Heckenschütze kriegt unverhofft einen halben Meter kalten Stahl in die Brust. Vielleicht war das die Erklärung dafür, warum die Flüsse von London so schnell neue Göttinnen bekommen hatten, nachdem Mama Themse ihren Thron bestiegen hatte. Vielleicht war da tatsächlich mehr als nur historische Kontinuität zwischen Vater Themses toten Söhnen und den Töchtern, die ihre Stelle eingenommen hatten. Und ich musste an jenes kleine Flüsschen an der walisischen Grenze denken, dem Bev und ich als Katalysatoren bei der Entstehung eines neuen Geistes, eines Genius loci, eines Gottes assistiert hatten. Ach du Scheiße, dachte ich, ich habe gerade den Epideismus erfunden. »Peter«, sagte Stephanopoulos, »sind Sie noch da?« »Oh Gott«, sagte ich. »Ich glaube, ich wäre lieber ein Frosch geblieben.« Bevor sie mich am Ohr ziehen und verlangen konnte, dass ich mich deutlicher ausdrückte, erklärte ich, ich müsse erst mal einige Recherchen anstellen. »Trotzdem wäre es hilfreich, zu wissen, ob im Wundkanal Metallfragmente gefunden werden.« Ich musste Dr. Vaughan bitten, ihren empfindlichsten Test anzuwenden, denn wenn der nichts zutage förderte, war der Schütze womöglich mit einem immateriellen Schwert erstochen worden. Definitiv nicht immateriell war das Wasser gewesen, das plötzlich aus der Straße vor Lady Tys Haus hervorgeschossen kam. Ein Rohrbruch in der Hauptwasserleitung, erfuhren wir von Thames Water, den Stadtwerken, die auf unsere Frage, warum das wohl genau in dem Moment passiert war, als Mister Fremdenlegion ein unsichtbares Schwert in die Brust bekommen hatte, später zurückkommen wollten. Die Straße, in der Tyburn wohnte, war von Nord nach Süd merklich abschüssig. Man sah noch genau, dass der Wasserschaden seinen Ursprung vor ihrer Haustür hatte. Von dort aus waren die Wassermassen bergab quer über die Curzon Street in die Passage unter Curzonfield House geflossen und hatten sich dann in den Shepherd Market ergossen. Sehr zum Erstaunen der Verkäufer, die um diese Zeit dort auf den Bänken gesessen und in Ruhe noch eine Zigarette geraucht hatten. »Es war über kniehoch«, sagte Stephanopoulos. Was von Augenzeugen bestätigt wurde, vor allem denen vom trockenen Ende der Straße. Die Aussagen vom nassen Ende waren, wie Seawoll es ausdrückte, »’nen Scheiß wert«. Eine Frau, die bis vor die Royal Bank of Scotland an der Curzon Street geschwemmt worden war, sagte aus, das Wasser sei viel sauberer gewesen, als sie erwartet hätte, und sie hätte irgendwie den Geruch von Wiesen-Rispengras in der Nase gehabt. »Wiesen-Rispengras?« »Wiesen-Rispengras, ja. So hat sie’s zu Protokoll gegeben. Und das war noch nicht die seltsamste Aussage.« Amina Asad, eine der rauchenden Verkäuferinnen, hatte behauptet, sie habe »eine komische Vision gehabt, so was wie ein total lebhafter Tagtraum«, dass sie in einem Fluss stand und von Hand Wäsche wusch. »Von Hand«, hatte sie wiederholt und gelacht. »Meine Güte, was für ein Quatsch.« Manche sagten aus, sie hätten im Wasser Fische gesehen, andere einen durchtrainierten jungen Burschen in einem Lendentuch. »Er lachte«, sagte David Hantsworth, Charnwood Drive, Walthamstow, und fragte, ob er die Nummer des Typen haben könnte, na, Sie wissen schon, wenn Sie ihn je kriegen. »Eine Aussprache hatte der – total cool«, sagte Mr. Hantsworth, der überzeugt war, dass er in eine besonders abgefahrene Art Straßentheater hineingeraten war. »Wie aus der Shakespeare-Zeit oder so.« »Hat er erwähnt, ob der Typ ein Schwert trug?«, fragte ich Stephanopoulos. »Wissen Sie was«, sagte sie, »die Frage ist uns überhaupt nicht gekommen.« Ich setzte diese Frage und überhaupt eine zweite Befragung der seltsam klingenden Augenzeugen auf meine persönliche Maßnahmenliste. Martin Chorley musste sich bereitgehalten haben, vielleicht unten im Foyer des Hauses. Den Schützen hatte er angewiesen, zu schießen, sobald er freie Sicht auf Lady Ty hatte. Der Schuss war dann wohl das Startsignal für Chorley gewesen, der auf die Straße trat, um seinerseits anzugreifen – und stattdessen wahrscheinlich von der Flut weggespült wurde. Die Medien ignorierten die Überschwemmung zum Glück weitgehend, vor allem wegen der heftigen Explosion, die das Erdgeschoss und den ersten Stock von Tyburns Haus völlig verwüstet hatte. British Gas, wo man in dieser Hinsicht ein bisschen empfindlich war, versuchte mit allen Mitteln zu beweisen, dass es keine Gasexplosion gewesen war, aber für die einzige Alternative, die laut Feuerwehr in Frage kam, wären Plastiksprengstoff und eine absurde Menge Kunstdünger nötig gewesen. Für mein geübtes Auge sah es aus, als hätte jemand versucht, die Fassade horizontal aufzureißen und nach rechts und links wegzuschleudern. Man war immer noch dabei, Backstein- und Stuckfragmente aus den Untergeschossen der Gebäude in fünfzig Meter Umkreis zu räumen. Ich vermutete, dass ich einen sehr ähnlichen Vorgang einmal in einer alten Scheune in Essex von innen gesehen hatte. Es war damals Rettung aus höchster Not gewesen und ein schrecklicher und beeindruckender Anblick. Nach der Besichtigungstour mit Stephanopoulos trat ich zu Nightingale, der den Schaden kühl begutachtete. Er schüttelte missbilligend den Kopf und zeigte auf ein Stück Fensterrahmen, das im ersten Stock von einer Vorhangstange hing. »Sehen Sie das? Schlampige Arbeit. Ich würde sagen, unser Mann war bei diesem Öffnungszauber nicht in Bestform.« Seine Form hatte aber ausgereicht, um den Fuß der Originaltreppe herauszureißen, deren polierte Pfosten nun vom Geländer hingen wie kaputte Zähne. Die Rückwand des Wohnzimmers war ins Zimmer dahinter gedrückt worden, wobei der Wandfernseher sauber in zwei Hälften gerissen war. Die eine steckte in der Decke, die andere auf Kopfhöhe in einem Küchenschrank. Zur Zeit des Angriffs hatten Olivia und Phoebe sich auf genau diesem Fernseher Brooklyn 99 angesehen und waren nur deshalb nicht schwerer verletzt worden, weil sie beide lang ausgestreckt auf dem Sofa gelegen hatten. »Durch Knutschen gerettet«, lautete Seawolls Urteil. »Lassen Sie sich das eine Lehre sein.« Nightingales Lehrmeinung fiel etwas anders aus. »Er hat einfach zugeschlagen, ohne sich darum zu scheren, wo seine Opfer gerade waren. Und wenn Sie sich die Kraftentfaltung hier ansehen …« Er deutete auf einen breiten Riss durch den zarten Regency-Stuck in der Zimmerecke, »… können Sie erkennen, dass es ihm an Präzision gemangelt hat. Ein eindeutiges Zeichen für … na, wofür, Mr. Grant?« »Dass eine der Formae in dem Zauber noch nicht voll entwickelt war.« Nightingales Lippen zuckten. »Und können Sie auch sagen, welche?« Ich musterte den Riss. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Zauber das gewesen sein mochte, aber wahrscheinlich war er vierter oder fünfter Ordnung, da er eine Menge Dinge gleichzeitig angestellt hatte. Dass er Mauern einriss, sprach dafür, dass er auf Impello basierte, aber Impello vermasselte nicht einmal mehr ich. Also war es wohl einer der Modifikatoren gewesen. »Temperare«, sagte ich auf gut Glück. »Ja«, sagte Nightingale. »Ich glaube, Sie haben recht.« Wieder betrachtete er kopfschüttelnd Martin Chorleys Werk. »Eindeutig nicht sein übliches Niveau.« Das Schadensniveau, das er in den fünf Sekunden erzielt hatte, bevor ihm eine Wasserfontäne das Hosenbein hochschoss, war allerdings beachtlich. Ich hätte zu gern eine Aufnahme davon gesehen, aber natürlich hatte jede Überwachungskamera in hundert Metern Umkreis pfft gemacht, als er den Zauber gesprochen hatte. »Absolut kalkuliert«, war Nightingales professionelle Meinung. »Aber komischerweise keine Vestigia«, sagte ich. Jedenfalls spürte ich nichts. Auf einer Straße aus der Regency-Zeit mitten in London hätte wenigstens der alltägliche magische Nachhall vorhanden sein müssen. Doch als wir da vor dem zerstörten Haus standen, spürte ich rein gar nichts. Weniger als nichts, eine gewaltige, ohrenbetäubende Stille. Ein magisches Schwarzes Loch. So etwas hatte ich schon einmal gespürt. Im Haus der Coopertowns, bevor Mr. Punch sich einen Familienvater geschnappt und eine komplette Familie ausgelöscht hatte. Wenn nun Mr. Punch genau so was war – das Gespenst eines Gottes? Im wahrsten Sinne des Wortes der Geist von Aufruhr und Rebellion? Von einer mysteriösen Stichwunde zu diesem Gedanken war es ein ziemlicher Sprung. Aber der Fall war ein guter Grund, genauere Nachforschungen anzustellen. Ich fragte, wo Olivia und Phoebe jetzt waren. »Bei Mama Themse in Wapping.« »Und Tyburn?« »Die wird noch vermisst.« Aber tot war sie nicht – behauptete jedenfalls Beverley, als ich sie anrief. »Das wüssten wir. Mum wüsste es auf jeden Fall.« Nur, was war mit ihr, wenn sie nicht tot war? »Sie ist auf der Jagd«, vermutete Bev. »Auf ihre Art.« Ich meinerseits ging ebenfalls auf die Jagd: indem ich mich nach Art des faulen Polizisten mit einem Latte XXL und einer Jumbopackung Krabbencocktail-Chips hinter den Rechner klemmte. Ich musste mich ein bisschen klein machen, weil neben mir Guleed an ihrem eigenen Computer dabei war, einen klassisch beschönigten Falcon-Fallbericht zu verfassen. »Okay«, sagte sie. »Wir sagen, er war bewaffnet – aber mit was für einer Waffe?« »Schreib doch ›mit großer Wahrscheinlichkeit bewaffnet‹, damit ist eine Menge abgedeckt.« »Aber womit bewaffnet?« »Waffen mit Falcon-Merkmalen.« »Ich sag dir, eines Tages kommt das alles raus.« »Keine Sorge. Bis dahin bist du Superintendent.« »Nicht, wenn ich weiter solche Berichte schreibe.« »Ich hab ihn«, sagte ich. »Wen?« Zachary Palmer ist ein dünner weißer Bursche, der vermutlich halb Irgendwasanderes ist, weshalb er einen sehr nützlichen Kontakt darstellt, wenn man wissen will, was in der Demi-monde so los ist – sprich, wo sich beispielsweise ein gewisser rothaariger Fuchs verstecken könnte. In letzter Zeit war Zach etwas weniger nützlich gewesen, da er sich absichtlich rargemacht hatte, nachdem er einige Zeit lang mit Lesley May zusammen gewesen war. Wir alle hatten den Verdacht, dass er das immer noch war, oder vielmehr, dass sie ab und zu bei ihm auftauchte und ihn kräftig durchvögelte – sie wäre nicht so dumm, etwas Regelmäßiges oder Dauerhaftes mit ihm anzufangen, was dazu führen könnte, dass wir ihr auf die Spur kamen. Früher wäre es mir zu aufwendig gewesen, zu versuchen, ihn zu finden, aber seit der Geschichte mit den unterirdischen Schweinen (fragen Sie nicht) war er semi-seriös geworden und agierte ganz offiziell als Kontaktperson des Stillen Volkes zur Leitung des Crossrail-Projekts. Das bedeutete ein regelmäßiges Gehalt, was heutzutage ein Bankkonto nach sich zieht, das wir wegen der kleinen Verbindung zum Fall Lesley May passiv überwachten. Ich hatte schon befürchtet, dass er Lunte gerochen hätte, weil er immer nur in großen Abständen hohe Summen Bargeld abhob und davon dann ein paar Wochen lebte. Aber es dauerte nicht lange, bis er der Verlockung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs erlag, und inzwischen warf er mit seiner PIN um sich wie jeder andere auch. Ich ging seine Transaktionen durch und fand eine Serie höchst regelmäßiger Zahlungen in einer Greggs-Bäckerei an der Kilburn High Road – beinahe jeden Nachmittag um etwa dieselbe Zeit. Also musste ich mir nur noch ein Auto aus unserem Bestand leihen und Kaffeetrinken fahren. Das einzig verfügbare Auto war ein blöder silberner Astra, der so offensichtlich »Zivilstreife« schrie, dass er genauso gut auch einen Aufkleber Bobby an Bord am Heck hätte haben können. Also parkte ich lieber um die Ecke. Und bezog, nachdem ich mir einen Kaffee und eine Rindfleischpastete besorgt hatte, Posten an der Bushaltestelle gegenüber. Bushaltestellen sind wunderbare kurzfristige Observierungsstellungen, da man an ihnen einen ganz legitimen Grund hat, herumzustehen und gelangweilt dreinzuschauen. Außerdem schützen sie einen vor dem Regen. Trotz des Wetters war die High Road gerammelt voll von Schulkindern, Müttern mit Buggys und Einkaufsbummlern, und da ich mein Anzugjackett gegen mein regendichtes Beschattungs-Hoodie ausgetauscht hatte, war ich praktisch unsichtbar. Angesichts der Tatsache, dass Pünktlichkeit für Zach stets so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln gewesen war, war es erstaunlich, wie gleichförmig der Zeitrahmen für seine täglichen Besuche bei Greggs war – es musste sich um die Kaffeepause bei einem regulären Job handeln. Noch erstaunlicher war, dass er diesen offenbar seit drei Wochen durchhielt. Zuvor hatte seine längste Spanne an einem Arbeitsplatz fünf Tage gedauert – darüber besaßen wir Unterlagen. Genau zur erwarteten Zeit erblickte ich ihn, wie er aus der Richtung der U-Bahn-Station die Straße entlangkam. Er war noch immer derselbe dürre Kerl, hatte die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Jeans vergraben und wie ich sein Hoodie gegen den Regen und die umliegenden Überwachungskameras in die Stirn gezogen. Seines war ein graues Adidas. Ich dachte schon, er würde direkt an mir vorbeikommen, aber vor der Bushaltestelle wandte er sich scharf nach rechts und flitzte über die Straße zum Greggs. Ich stopfte mir meinen letzten Bissen Pastete in den Mund und wartete, dass Zach wieder herauskam. Eigentlich hatte ich ihn an der Theke abfangen wollen, aber jetzt war meine Neugier geweckt, was er wohl vorhatte. Was auch immer es war, anscheinend waren drei große Tragetüten voller Backwaren daran beteiligt. Nicht mal Zach, dachte ich, kann so viel essen, zumindest nicht auf einmal. Ich folgte ihm um die nächste Ecke in die Belsize Road, die eine Bahntrasse entlang verläuft und anschaulich Zeugnis davon ablegt, wie das industrielle Erbe Londons in atemberaubendem Tempo zu schicken Büros umgentrifiziert wird. Dieser Prozess war allerdings noch nicht bis zu der Ansammlung von klapprigen Garagen vorgedrungen, die sich neben den Eisenbahnschienen befanden. Vor einer Seitentür hielt Zach an, drehte sich um und wartete, dass ich zu ihm aufschloss. »Kannst mit reinkommen«, sagte er. »Aber sei leise.« Drinnen wurde klar, dass dieser Raum trotz des Garagentors ursprünglich eine Werkstatt gewesen war – das Giebeldach bestand aus Glasziegeln in schmiedeeisernen Fassungen, um möglichst viel des sparsamen spätviktorianischen Sonnenlichts hereinzulassen und so den Gaslichtbedarf zu reduzieren. Durch Alter und Vernachlässigung war das Glas trübe, fast undurchsichtig geworden, außer am hinteren Ende des Raums, wo es offenbar vor Kurzem gereinigt worden war. Die kahlen Backsteinwände waren verputzt und dann in Pastellfarben getüncht worden – rosa, grün, gelb. In einer Ecke stand ein Bücherregal, gegenüber gab es ein paar Waschbecken und Fliesen drum herum. Der Fußboden bestand aus strapazierfähigem Linoleum und leicht zu reinigendem Teppichboden in Grün und Braun. Überall standen kleine Sitzgruppen herum – also, wirklich kleine. Mein Blick blieb an einem Wandgemälde hängen: ein Orang-Utan vor einem Lesepult im Stil von Paul Kidby. Die zehn bis zwölf Kinder im Raum waren also keine Überraschung, und auch nicht, dass sie, als Zach mit seinem Armvoll Backwerk hereinkam, auf ihn zustürmten wie eine unterzuckerte Flutwelle. Ungewöhnlich hingegen war ihr fast völliges Schweigen dabei. Es waren Kinder des Stillen Volkes, der Siedler unter Ladbroke Grove, bleich mit riesigen Augen und kaum je überirdisch unterwegs. Viele der Kinder hatten hellblondes Haar, das noch nicht ins übliche Hellbraun nachgedunkelt war. Während ich zusah, wie sie auf ihre Plätze gescheucht wurden und gebannt verfolgten, wie Zach seine Tüten auspackte, nahm ein großes Brett vor meinem Kopf Gestalt an. Die junge Frau, die die Kinder beaufsichtigte, war ebenso schlank und blass und trug das kastanienfarbene Haar in einem akkuraten französischen Zopf auf dem Rücken. Offenbar gefiel ihr die Skinny-Jeans-Mode der Oberwelt, aber darüber trug sie eine blassgelbe Bluse mit hohem Kragen und eine Weste. Selbst hier drin hatte sie eine Sonnenbrille auf – ihre Schützlinge hingegen nicht. Zach arrangierte die Rhabarber-und-Creme-Doughnuts, die belgischen Rosinenschnecken und Zuckerbrötchen ordentlich auf Tontellern, die in ihrer Schlichtheit wunderschön waren. Ein tiefes Rumpeln und Gurgeln war zu hören – sehr laut in der merkwürdigen Stille des Kindergartens. Zachs Magen. Unter den Kindern entstand ein Beben, ein Hauch von Gelächter, das von einem zum anderen übersprang. Die Kindergärtnerin sah Zach mit nachsichtigem Lächeln an, und er winkte ihr zu. Da erkannte ich sie endlich – Elizabeth Ten-Tons, Tochter des Königs des Stillen Volkes, oder Häuptling oder Chefingenieur oder irgendwas in der Art. Sie war streng, sie ließ die Kinder warten, bis alles bereit war, und dann mussten sie sich ordentlich hintereinander aufreihen, und eines nach dem anderen durfte sich ein Teilchen nehmen und bekam von Zach ein Glas Milch dazu eingeschenkt, der während der ganzen Prozedur grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Der Sinn ist«, flüsterte er mir zu, »sie ans Tageslicht zu gewöhnen.« Als die Kinder aufgegessen hatten, verputzten Zach und ich die Reste, während Elizabeth den Kleinen am anderen Ende des Raums eine Geschichte vorlas. »Wollen sie etwa an die Oberfläche ziehen?«, fragte ich leise. »Quatsch«, sagte Zach. »Aber sie sind dabei, sich eine Immobilie zu suchen, die sie als offizielle Adresse nutzen können.« Und die sie zweifellos umgehend an ihr ausgedehntes Tunnelsystem unter Notting Hill anschließen würden. Eine kluge Idee – so konnte das Stille Volk sich bürokratisch in die Gesellschaft integrieren, ohne die viktorianischen Sicherheitsstandards ihrer unterirdischen Produktionsstätten aufgeben zu müssen. »Wer hatte die Idee?« »Deine Freundin Lady Ty.« Zach erklärte, sie habe das Ganze mit dem Jugendamt und der Stadtverwaltung von Camden geregelt. Ich hatte schon ähnliche Sachen mit Camden regeln müssen und wusste, dass das nicht einfach gewesen sein konnte. Ich warf einen Blick auf die Kinder. Es war eine vernünftige, pragmatische Integrationsmethode. Und wenn diese Kinder irgendwann beschlossen, dass sie lieber überirdisch leben wollten, wenn sie an so exotischen Orten wie Reading oder Cambridge studieren und außerhalb des Stammes heiraten wollten? Nun, dann würde das Problem eines Tages von selbst verschwinden, gemeinsam mit den Erinnerungen der Alten und den mündlichen Überlieferungen. Und Schweigen würde herrschen in den Hallen ihrer Ahnen. Nicht dass es dort heutzutage besonders laut zuging. »Ich verrate dir bestimmt nicht, wo sie ist«, sagte Zach plötzlich. Das verwirrte mich ein wenig, bis mir klar wurde, dass er von Lesley redete. »Geht’s ihr gut?«, fragte ich. »Was?« »Geht es ihr gut? Ist sie okay?« »Ja. Schon«, sagte er. »So weit. Alles in allem.« Zach glaubte also, er hätte etwas zu verbergen, was bedeutete, dass er wirklich in regelmäßigem Kontakt zu Lesley stand. Gut, dachte ich. Denn bald würde es Zeit sein, mal an diesem Faden zu zupfen und zu schauen, wohin er führte. Aber nicht heute. Heute war Fuchsjagd. »Ich komme wegen Reynard.« Zach zögerte. Ich konnte praktisch hören, wie er erwog, ob er besser jede Bekanntschaft mit Reynard abstreiten sollte. Dann entschied er sich anders. »Was ist denn mit ihm?« »Ich muss wissen, wo er ist.« »Wieso?« »Weil der Gesichtslose ihn tot sehen will.« »Dann ist er sicher schon tot.« »Nicht, wenn ich’s verhindern kann.« Zach leckte sich die Lippen und schielte zu Elizabeth Ten-Tons hinüber. Dann senkte er die Stimme so, dass ich mich vorbeugen musste, um ihn zu hören. »Stimmt es, dass ihr jetzt wisst, wer er ist?« Ich sagte nichts – wenn ich es Zach erzählte, konnte ich es auch gleich auf Facebook posten. »Habt ihr Reynards Bude gecheckt?« Ich sagte, wir hätten nicht nur seine Bude gecheckt, sondern sämtliche Lager und Schlupfwinkel von unten nach oben gekehrt. Und dass wir seine üblichen Aufenthaltsorte so intensiv überwachten, dass die Straßenkriminalität über Nacht um zwanzig Prozent gesunken war. »Ich will wissen, wo seine allerletzte Zuflucht ist.« Da sagte er es mir. »Das ist doch ein Witz.« »Nein, ich schwöre.« »Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.« »So ticken Tiere halt«, sagte Zach. »Wir sind, was wir sind.« 14 Spaziergang im Park »Der Fox Club?«, sagte Nightingale, als ich ihn anrief. »In Mayfair«, fügte ich hinzu. »Nun, er ist konsequent, das muss man ihm lassen.« »Wenn wir ihn nicht zuerst finden, ist er Toast.« »Dann lassen Sie uns versuchen, dieses Ergebnis abzuwenden.« Gelegentlich, wenn wir Lust dazu haben, können wir von der Polizei sehr schnell auf unvorhergesehene Umstände reagieren. Daher hatten wir den Club bereits eine halbe Stunde später unter lückenloser Überwachung, und zwei Beamte in Zivil waren drinnen. Einer von ihnen war Omer Kubat von der berittenen Polizei, der so legendär gut aussah, dass kein Mensch ihm je abnahm, dass er ein Bulle war. »Stimmt es, dass er mal fast in Uniform verhaftet worden wäre?«, fragte Guleed. Da Reynard sie, Nightingale und mich kannte, mussten wir ein Stück vom Club entfernt warten. Was nur gut war, weil wir in dem silbernen Astra mit dem Aufkleber Ich bin ein verkleideter Streifenwagen saßen. »Hab ich jedenfalls gehört«, sagte ich. Gerüchten nach war Kubat samt Pferd während der Olympischen Spiele zur Überwachung der Zuschauer eingeteilt gewesen, und ein örtlicher Inspector kam auf die fixe Idee, er sei Schauspieler und drehe dort illegal einen Film. »Hat ihm nicht geglaubt. Nicht mal, als Kubat ihm seine Dienstmarke gab.« Aufgrund seiner äußeren Qualitäten wurde Kubat ständig für Nebenjobs wie den momentanen rekrutiert, wobei sein direkter Vorgesetzter sehr deutlich gemacht hatte, dass jeder, egal welchen Ranges, der versuchte, Kubat von den Berittenen wegzuversetzen, eines schönen Morgens sein Bett voller Pferdeäpfel vorfinden würde. Trotz aller Bemühungen und der Lage in Mayfair war der Fox Club weniger ein exklusiver Club für die Oberschicht als eine teure Bar mit ein paar schicken Hotelzimmern. Kubat sah für die übliche Klientel vermutlich fast schon zu gut aus, aber falls man ihn für irgendwas anderes hielt, dann zumindest nicht für einen verdeckten Ermittler. Der Club befand sich in einem Regency-Reihenhaus gleich hinter Piccadilly, keine zweihundert Meter von Lady Tys Haus entfernt und fast direkt über dem unterirdischen Lauf des Tyburn. Die Curzon Street nördlich davon war noch teilweise gesperrt, weil die Feuerwehr und Thames Water sich immer noch mit den Überschwemmungsschäden herumschlugen. Ich fand, das traf sich verdächtig gut. Dass auch Lady Ty Reynard als Köder benutzen könnte, war eine Möglichkeit, die in unseren Einsatzplan und unsere Risikoeinschätzung eingeflossen war – soweit man von einer solchen reden konnte. Guleed, Nightingale und ich hatten den Decknamen Alpha bekommen. David Carey und zwei Kollegen von der Mordkommission Belgravia saßen in Charlie, der in der Half Moon Street hinter dem Club stand. Ein paar PCs in Zivil, deren Überstunden inzwischen schwindelerregende Höhen erreicht haben mussten, warteten in dem Wagen, der überall sonst Bravo geheißen hätte; in Belgravia hieß er unerklärlicherweise Banane. Ich hatte mal gefragt, warum, aber niemand wusste mehr, woher das kam. Stephanopoulos und Seawoll versuchten uns einen bewaffneten Einsatztrupp zu organisieren, aber anscheinend gab es in Ostlondon gerade einen Antiterror-Einsatz, was bedeutete, wir mussten uns hinten anstellen. Aus dem Club gab Kubat Bescheid, dass er Reynard gesichtet hatte. »An einem Tisch im Restaurant. Er hält die anderen Stühle frei – anscheinend wartet er auf jemanden.« Nightingale bat ihn, auf Posten zu bleiben, und wir hörten noch, wie er ein Pint Lager bestellte. Ein Pint ist das ideale Getränk für Polizisten in Zivil, weil Bier im Verhältnis wenig Alkohol hat, man es langsam trinken kann und, sofern man es immer mal in die Hand nimmt und wieder abstellt, niemandem auffällt, wie viel man davon trinkt. Ich schlug vor, uns Reynard sofort zu schnappen. Aber Nightingale wollte abwarten. »Dann gehen uns vielleicht noch ein paar Fische ins Netz.« Armer Reynard, dachte ich, vom Fuchs zum Fisch degradiert – er muss sich in einem früheren Leben echt was geleistet haben. Wobei es eigentlich kaum schlimmer gewesen sein kann als sein gegenwärtiges Leben. Was man bei Observationen nicht für Blödsinn denkt. Nightingale behielt recht. Irgendwann gab Banane Bescheid, dass eine ältere weiße und eine jüngere schwarze Frau in den Club gingen. Ich fragte, ob die jüngere Frau größer als eins achtzig sei. »Positiv«, sagte Banane. »Das dachte ich mir«, sagte Nightingale. »Lady Helena will sich immer noch die dritte Principia sichern.« »Sollen wir sie stoppen?« Nightingale tippte nachdenklich mit dem Finger aufs Lenkrad. »Nein«, sagte er schließlich. »Wenn ich recht habe, wird Mr. Fossman sie ihnen entweder gleich aushändigen oder mit ihnen an den Ort gehen, wo er sie verwahrt.« »Und wenn Martin Chorley den Handel platzen lässt?« »Lady Helena ist mehr als fähig, sich und ihre Tochter zu verteidigen. Oder ihn wenigstens so lange in Schach zu halten, bis wir als rettende Kavallerie anrücken.« Und Tipis verbrennen und Frauen und Kinder erschießen, dachte ich. Auf diese schöne Vorstellung hin brauchte ich dringend etwas aus Mollys Provianttasche. Eines der eingewickelten Sandwiches war mit einem großen H verziert – das gab ich Guleed, da die anderen keine Aufschrift hatten. Dann spielte ich Lotto und nahm mir irgendeines. Es war verdächtig normal, einfach nur Schinkensalat. Nightingale wollte noch nichts. Aus dem Club meldete Kubat, Lady Helena mit Tochter sei inzwischen eingetroffen. »Sie haben sich zu ihm gesetzt. Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.« Nightingale fragte, ob sie sich etwas zu trinken bestellt hätten. »Noch nicht.« »Egal was passiert, mischen Sie sich nicht ein. Wenn es zu einem Falcon-Zwischenfall kommt, könnte es sein, dass Ihre Verbindung zu uns abbricht. Geraten Sie nicht in Panik, versuchen Sie nicht, die Zielpersonen in eine Auseinandersetzung zu verwickeln. Konzentrieren Sie sich darauf, Unbeteiligte in Sicherheit zu bringen.« Kubat bestätigte. Nightingale funkte Seawoll an, der die Operation leitete. »Alexander, können Sie ein paar Leute nach Lady Helenas Auto suchen lassen?« Aus dem Gedächtnis ratterte er das Kennzeichen herunter. »Wenn sie es haben, sollen sie es unbenutzbar machen.« Seawoll meinte, er würde es am besten gleich abschleppen lassen. »Das dürfte ihre Handlungsmöglichkeiten begrenzen«, sagte Nightingale. Kubat teilte mit, die ältere Frau und Reynard schienen zu streiten, wenn auch sehr leise. Die jüngere Frau wirke gelangweilt und gleichgültig. »Nun, wenn das so weitergeht«, sagte Nightingale, »können wir sie einfach alle einsammeln, wenn sie ihr Auto suchen.« Drei Minuten später erhielt ich einen Anruf von einer anonymen Nummer. Es war Special Agent Kimberley Reynolds. »Erst die gute oder erst die schlechte Nachricht?«, fragte sie. »Die schlechte«, sagte ich und stellte sie laut. »Einer unserer Virgins hat sich verplappert, als ich ihn befragt habe. Wir glauben, dass sich noch ein zweites Team in London befindet, das möglicherweise den Auftrag hat, sich Reynard Fossman zu schnappen.« Ich hätte laut geflucht, aber Kimberley war ein bisschen empfindlich gegen Blasphemie, und ich bin gern höflich. »Du fluchst innerlich, ja?«, sagte sie nach einem Augenblick. »Hör auf damit, dazu haben wir keine Zeit. Wir glauben, dass sie genau jetzt etwas in Mayfair unternehmen.« »Verdammt«, sagte Nightingale, »das ist ungünstig.« Ich hätte gern gewusst, wer »wir« waren. Ich nahm an, dass Kimberley sowohl mit dem FBI als auch der NSA zusammenarbeitete, aber zum Fragen war keine Zeit, und sie hätte es mir sowieso nicht gesagt. »Und die gute Nachricht?«, fragte ich. »Wir glauben, dass das Team nicht groß ist. Maximal vier Leute.« »Agent Reynolds?«, fragte Nightingale. »Sir?« Sein Ton wurde sehr knapp und präzise. »Setzen Sie sich mit DCI Seawoll in Verbindung, der diesen Einsatz hier leitet. Ich nehme an, das CTC haben Sie schon informiert?« »Kittredge war bei der Befragung dabei.« »Gut«, sagte Nightingale. »Das sollte die Sache beschleunigen. Können Sie und Ihre Leute sonst noch etwas beitragen?« »Ich fürchte, nein, Sir. Möglicherweise können wir Ihnen später weitere Informationen liefern.« »Gut. Machen Sie weiter, Agent Reynolds, und halten Sie uns auf dem Laufenden.« Damit legte er auf. Ich fragte, ob wir nicht Schadensbegrenzung betreiben und Reynard, Lady Helena und Caroline einsacken sollten, bevor alles womöglich sehr kompliziert wurde. Die Regel ist: je komplexer die Lage, desto leichter wird sie zum Desaster. Deshalb ist es bei großen Menschenmengen Standardvorgehen der Polizei, alle an Ort und Stelle festzusetzen, bis sie so dringend aufs Klo müssen, dass sie keinen Ärger mehr machen können. »Nein«, sagte Nightingale. »Wir werden flexibel bleiben. Falls wir die Amerikaner entdecken, schauen wir, ob das CTC sie nicht festnehmen kann, ohne dass unsere Hauptzielpersonen Verdacht schöpfen. Falls Reynard uns zu seinem Versteck führt und dort Martin Chorley auftaucht, kümmern wir uns um diese Bagage, während das CTC uns die Amerikaner vom Leib hält.« »Flexibel«, sagte ich. »Also wie’s gerade kommt.« »Exakt«, bestätigte Nightingale. Im Airwave klickte es. Es war Kubat. »Sie gehen zur Tür.« »Banane, übernehmen Sie«, sagte Nightingale. »Banane, bleiben Sie in Position und sagen Sie uns, wohin sie gehen.« Sie gingen nach Süden, Richtung Piccadilly und Green Park. Auf einmal fuhr Nightingale aus der Parklücke und beschleunigte so rasant, dass es uns in die Sitze zurückdrückte. Er bog links in die Half Moon Street ein, während er Banane befahl, sich zum Bomber Command Memorial zu begeben und dort auf weitere Anweisungen zu warten, und Charlie sollte zwei Beamten an der Knightsbridge-Seite von Hyde Park Corner absetzen. »Und fahren Sie unauffällig«, sagte er. »Ziehen Sie keine Aufmerksamkeit auf sich.« Ich klammerte mich am Türgriff fest, als er kurz vor der Einmündung in die Piccadilly scharf bremste, und wünschte mir, er würde seinen eigenen Rat beherzigen. Wir stießen in eine verrückterweise freie Parklücke zurück. Nightingale sah nach vorn und wies mich an, über die Piccadilly in den Park zu gehen. »Folgen Sie den Zielpersonen in zwanzig Yard Abstand. Guleed und ich folgen Ihnen in weiteren zehn.« »Die Ziele kennen ihn doch alle«, sagte Guleed. »Die Ziele kennen ihn als feschen jungen Constable. In diesem Sportpullover werden sie ihn für einen durchschnittlichen jugendlichen Straftäter halten.« Er zeigte in Richtung Park. »Jetzt los. Wir kommen nach.« Über London hing eine niedrige Wolkendecke, und die Dämmerung hatte früh eingesetzt. Kurz zuvor hatte es geregnet, in die Autoabgase mischte sich der Geruch nach nassem Laub. Der Verkehr auf der Piccadilly schlich dahin, es war nicht schwer, hinüberzuflitzen, über die Leitplanke zu springen und durchs Tor in den Park zu schlüpfen. Der Green Park war von Charles II angelegt worden, der das Land einem ansässigen Bauern wegnahm und darauf Wege und ein Eishaus anlegte, damit er nach einem anstrengenden Tag des Amateurtheaterspiels immer etwas Kaltes zu trinken hatte. Dank der Stadtrandlage war der Park damals sehr beliebt bei nächtlichen Liebespaaren und gelegentlichen Straßenräubern. Heutzutage kann er mit Stolz von sich sagen, der langweiligste Park Londons zu sein, und verfügt über einen akuten Mangel an Büschen, Sträuchern, Kiosks, Statuen oder irgendetwas anderem, hinter dem sich ein fescher junger Constable verstecken könnte. Ich hätte mich über den dichten Nebel freuen sollen, der sich zwischen den kahlen Baumstämmen breitzumachen begann, das Licht der Straßenlaternen dämpfte und meine Schultern und den Rand meiner Kapuze mit kleinen Tröpfchen verzierte. Aber das tat ich nicht. Denn ich kannte diesen Nebel. Ich hatte ihn schon die Themse aufwärts wallen sehen, als Vater und Mama Themse am Südufer ihre Frühlingscour gehalten hatten. Und der Tyburn verlief auf seinem Weg zum Buckingham Palace durch Green Park. Ich sagte in mein Airwave: »Tyburn ist hier.« Sogar meine Stimme wurde durch die Luftfeuchtigkeit gedämpft. »Ich sehe es«, gab Nightingale zurück. »Unser Fuchs wird seinem Ruf doch gerecht. Ich bezweifle, dass es Martin Chorley riskieren wird, den Park zu betreten, während sie auf dem Kriegspfad ist. Solange Reynard hier ist, ist er sicher.« »Ich sehe die drei nicht«, sagte ich. »Südöstlich Ihrer Position. Dreißig Yards. Sie gehen nach Süden.« Ich steckte die Hände in die Taschen, schlenderte breitbeinig in diese Richtung und versuchte durchschnittliche jugendliche Straftätergedanken zu denken. Dann entdeckte ich die drei, wie sie schnellen Schrittes quer über den Rasen auf die Mitte des Parks zustrebten. Ich beschleunigte, wobei ich die Knie hob, als machte ich Lauftraining. Wenn ich auf dem Pfad blieb, dachte ich, dürfte ich ziemlich unverdächtig wirken. Unsere Wege näherten sich einander tangential an. Als der kleinste Abstand zwischen uns erreicht war, musste ich mich zwingen, den Blick weiter nach vorn zu richten. Mit ein bisschen Glück würde mein Gesicht, selbst wenn sie herschauten, im Schatten der Kapuze verborgen bleiben. Wohin wollten sie bloß? Im Süden lag die Constitution Hill Road, die sich vor allem dadurch auszeichnete, dass von einem Constitution Hill nicht viel zu bemerken war. Dahinter begann der ummauerte Garten des Buckingham Palace. Sie konnten sich also nur entweder nach Osten zum Victoria Memorial wenden oder nach Westen zum Hyde Park Corner. In meinem Ohrclip hörte ich, wie Nightingale gelassen verschiedenen Einheiten detaillierte Anweisungen gab, wo sie sich um den Park herum in Position bringen sollten. Er tat es ohne Stadtplan, einfach während er mit Guleed hinter mir herschlenderte. Der Nebel wurde noch dichter, die Bäume rechts und links vom Weg wurden zweidimensional und verblassten. Nach zehn Metern wagte ich wieder einen Blick auf die drei. Sie hatten die Richtung geändert. Jetzt gingen sie leicht bergab – nach Westen. Ich verließ den Pfad, schlug aber eine Richtung schräg zu ihrer ein, damit ich nicht zu offensichtlich wie ein Verfolger wirkte. Aber ich musste näher an sie rankommen, bevor sie von Nebel und Dunkelheit verschluckt wurden. Ich meldete die Richtungsänderung. »Sie werden das Risiko eingehen müssen, den Abstand zu verkleinern«, sagte Nightingale. Da ertönte links von mir ein Knurren. Wie ein Hund klang es nicht. Als ich hinsah, erhaschte ich im Nebel Bewegung. Es hatte menschliche Gestalt, aber seine Sprünge ähnelten denen einer großen Katze. Es wurde immer schneller und setzte meinen Zielpersonen nach. Gerade als ich das melden wollte, zischte etwas Langes, Dünnes über meine Schulter hinweg und bohrte sich in das rennende Wesen. Es jaulte auf, kam ins Taumeln und überschlug sich. An mir vorbei rannte ein nackter Mann, wirbelte in einer Art Pirouette zu mir herum und sah mich an. Er war lang und sehnig, über und über mit blauer Farbe bemalt und hielt zwei weitere Speere in der linken Hand. Sein schwarzes Haar stand in spitzen Strähnen ab, und an Hals und Handgelenken glänzte Gold. »Hast du das gesehen?«, rief er. »Sag mir, dass du es auch gesehen hast – das verlangt nach einem Lied!« Er drehte sich wieder um und rannte weiter. »Oder wenigstens nach einer Erinnerung.« Es klang beinahe wehmütig. Nach drei Schritten verschwand er im Nebel. Ich sah zu Reynard und Co. hinüber. Sie spazierten seelenruhig auf Hyde Park Corner zu. Entweder waren sie Meister der gezielten Fokussierung oder der Zwischenfall war viel leiser gewesen, als ich gedacht hatte. »Boss«, sagte ich ins Airwave. »Hier wird’s gerade unnötig metaphysisch.« »Ignorieren Sie es«, riet er mir ungerührt. »Momentan werden hier mehrere Konflikte ausgetragen, aber für Sie ist nur einer davon interessant.« Obwohl innerhalb von hundert Metern zwei der meistbefahrenen Straßen Londons verliefen, fiel mir auf, dass von der Rushhour nichts mehr zu hören war. Hinter mir ertönte ein Stampfen und Grunzen, dazu gesellte sich ein Geräusch, als würden Töpfe und Pfannen rhythmisch aneinandergeschlagen. Ein Knurren, ein Ruf, ein Schrei. Nicht ablenken lassen, dachte ich. »Sie wollen definitiv zum Hyde Park Corner«, sagte ich. Nightingale sagte, er und Guleed würden sich jetzt vor sie setzen. Ich sei daher auf mich gestellt, aber eigentlich könne mir nichts passieren. »Solange Sie sich auf Ihre Aufgabe konzentrieren.« Was leichter gesagt als getan war, denn in diesem Moment kehrte der frühe Tyburn zurück. Ich roch ihn, ehe ich ihn sah: der kupferne Geruch nach frischem Blut und altem Schweiß, Holzrauch und nassem Hund. »Hör auf deinen Meister«, sagte eine Stimme mir ins Ohr. »Er ist schlau. Übrigens, hast du den Wurf gesehen? Glatt durch den Hals. Keine Chance. Ein Lied wert, vielleicht ’ne kleine Beatbox-Improvisation.« »Was soll die blaue Bemalung?«, fragte ich. »Letztes Mal waren Sie Mittelalter pur.« Im Nebel hatten sich die Bäume vervielfacht. Zu den schnurgerade aufragenden Londoner Platanen und Linden gesellten sich die schemenhaften Geister von Eichen, Buchen und Pappeln. »Bin nur meinen Wurzeln treu, Kumpel«, sagte die frühere Inkarnation des Flusses Tyburn oder vielleicht auch eine Halluzination, die daher kam, dass schon zu viele übernatürliche Wichser mit meinem Hirn herumgepfuscht hatten. Oder vielleicht auch beides. Ich richtete den Blick starr geradeaus auf meine Zielpersonen, und meine Kapuze hatte perfekte Scheuklappenwirkung, daher hätte ich fast laut aufgeschrien, als er mir plötzlich den Arm um die Schultern legte. Die Wurfspeere in seiner Hand schlugen mir gegen die Seite, die Spitzen schwankten am Rand meines Sichtfelds. Mein Magen und meine Hoden zogen sich zusammen, ein Vorgefühl puren Nervenkitzels, wie wenn du im Forst des Königs ein Reh jagst oder mitten in Primrose Hill ein Auto knackst. Dieser Trotz gegen die Mächtigen, der das Fleisch so viel schmackhafter und das Losfahren so viel süßer macht. »Ich hab deinen Vater kennengelernt«, sagte ich. »Er wirkte ziemlich römisch und zufrieden.« »War er auch«, sagte die Stimme. »Aber wir Söhne sind nicht immer so, wie unsere Väter uns gern hätten – das weißt du doch.« Ja, das wusste ich. All das, was Söhne tun, um ihre Väter stolz zu machen, bis sie erkennen, welches Leben sie selbst führen wollen. Eigenes Geld haben, ein eigenes Auto, einen eigenen Job, eine eigene Wohnung, dein eigenes Ding machen, und scheiß auf alle anderen! Was haben die denn je für dich getan? Aber diesen Zauber hatte ich auch schon früher gespürt. Oder einen sehr ähnlichen. In der U-Bahn zwischen Camden und Kentish Town, als der gute alte Mr. Punch mich für die Protestfraktion rekrutieren wollte – und wie das letztendlich ausgegangen war, wusste ich ja. »Lady Ty muss eine echte Enttäuschung sein«, sagte ich. Der Arm drückte meine Schultern und ließ mich dann los. »Frag sie doch mal nach dem Marquee Club im Jahr ’76, dem Müllsackkleid und der Sicherheitsnadel.« Und ehe ich noch etwas sagen konnte, war er verschwunden. Mit ihm hob sich der Nebel, und plötzlich stand ich am Boris-Bike-Leihfahrradständer am Ende des Parks und hörte, wie sich der Verkehr wütend um Hyde Park Corner herumkämpfte. Hyde Park Corner ist das, was passiert, wenn eine Bande Stadtplaner einen Blick auf den dröhnenden, sich ewig stauenden Ring von erstickendem Verkehr rund um den Arc de Triomphe in Paris wirft und sich denkt: Genau so was wollen wir für unsere Stadt auch! Inspiriert zweifellos durch die Existenz des Wellington Arch, Georges IV. Billigkopie des napoleonischen Selbstdarstellungsprojekts in Paris, umgaben sie selbigen mit sieben Spuren Straße, führten darunter noch zwei Tunnelröhren hindurch und schufen so praktisch über Nacht, wozu Baron Haussmann und die Franzosen über hundert Jahre gebraucht hatten. Ich ließ den Blick von rechts nach links wandern und entdeckte Reynard, Lady Helena und Caroline an der Fußgängerampel, wo sie auf Grün warteten. Es standen so viele andere Leute da, dass ich es wagte, am Ende derselben Ampelphase hinüberzugehen. Nur zum Schluss musste ich einen kleinen Wettlauf gegen das rote Männchen einlegen. Vor uns lag nun der Wellington Arch mit Europas größter Bronzestatue – Siegesgöttin Nike im Streitwagen des Krieges, chauffiert von einem jungen Verkehrsrowdy –, wohlbedacht ganz oben darauf platziert, damit die Leute möglichst wenig davon sahen. Im Arch selbst hatte es einst eine Mini-Polizeistation gegeben, die momentan verdammt nützlich gewesen wäre, aber man hatte sie in den Neunzigern dichtgemacht. Es war inzwischen ganz dunkel. Der Portland-Stein des angestrahlten Triumphbogens leuchtete schneeweiß, das Bronze-Ensemble auf der Spitze bläulich. Ich ließ Reynard und seinen Damen etwas Vorsprung, als sie rechts daran vorbeigingen. Im Ohrclip hörte ich Nightingale weiter den Beobachtern Anweisungen geben. »Sie gehen in den Hyde Park«, informierte ich ihn – und da fiel mir Reynards R4 mit Linkslenkung ein, den wir noch immer nicht gefunden hatten. Vielleicht stand er irgendwo in einer Tiefgarage. Vielleicht in der am Hyde Park. Von der es angeblich einen Verbindungsgang zum Chestnut Tree gab. Ich übermittelte diesen Gedanken Nightingale und hörte im Hintergrund Guleed aufstöhnen. Nightingale überließ es Seawoll, ein paar Leute in die Tiefgarage zu schicken, um mal nachzuschauen. Wenn der Wagen dort die ganze Zeit gestanden hatte, würden wir bei einer Fallrevision ziemlich blöd dastehen, aber wenigstens hatten wir noch die Chance, ihn vor Reynard zu erreichen. Falls sie in die Tiefgarage wollten, würden sie die Park Lane nach Norden einschlagen. Ich schwenkte nach links, weil ich vorhatte, unter dem Arch durchzurennen und wieder ein paar Meter zu ihnen aufzuschließen, da fiel mein Blick auf eine junge Frau. Sie war schlank, aber fit; ihre athletische Figur steckte in malvenfarbenen Designerjeans und einer dazu passenden Wildlederjacke. Ihr Gesicht war rund und glatt mit Stupsnase und Rosenknospenmund. Ihr dunkelbraunes Haar war zu einem Pixie-Bob frisiert, ihre Augen hinter einer dunkel getönten runden Angeber-Brille verborgen. Als sie meinen Blick sah, legte sie amüsiert den Kopf schief, dann wandte sie sich ab und ging in überraschend nüchternen flachen Schuhen davon. Ich kannte diese rasche, geschäftsmäßige Gangart. Dieses Tempo, in dem man schnell vorankam, ohne gehetzt oder besorgt zu wirken. Ich schaltete mein Mikro ein. »Ich habe beim Arch gerade Lesley gesehen.« »Ganz sicher?«, fragte Nightingale. »Das Gesicht ist anders, aber es ist definitiv Lesley.« »Ist es eine Maske?« »Nein«, sagte ich. »Keine Maske.« »Hat sie Sie auch gesehen?« »Ja.« »Nehmen Sie sie fest«, sagte Nightingale. »Jetzt sofort.« Ich trug Turnschuhe. Darin kann man bei Bedarf ziemlich leise rennen. Man muss nur auf die richtige Art die Füße abrollen. Ich sprintete los, so schnell ich konnte, genau auf ihren Rücken zu. Ich wusste, dass sie sich früher oder später umschauen würde, aber ich baute darauf, dass sie mit ihrem lesleyesken Sinn fürs Dramatische diesen Moment etwas zu lange hinauszögern würde. Ich war noch drei Meter entfernt, als ein Typ in schwarzem Metallica-T-Shirt und marineblauem Jackett mir aus dem Weg sprang und ihr zurief: »Passen Sie auf!« Die Frau, die ging wie Lesley, drehte sich um, und ich sah ihren überraschten Gesichtsausdruck. Dann kam ich aus dem Tritt, weil die Haut ihres blassen Gesichts Wellen schlug und ihre Züge sich veränderten. An der Nasenwurzel fing es an – die Haut wölbte sich auf scheußliche Art und fiel dann schlaff nach unten, wie die Flossen eines Rochens oder der Mantel eines Kalmars. Gleich darauf war es wieder Lesleys Gesicht – beziehungsweise die glatte, rosige Version davon, die ich aus dem Harrods-Café kannte. Ich war so durcheinander, dass ich kaum ihre erhobene Hand und den gefährlichen Schimmer in der Luft bemerkte. Ich zwang mich, mich im Stolpern nach vorn fallen zu lassen. Während ich mich ungeschickt abrollte, sauste mit einem Geräusch, wie wenn meine Mum einen Teppich ausklopft, etwas knapp über mich hinweg. Hinter mir kreischte jemand auf. Ich kam wieder auf die Füße und sprang aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nach rechts. Mein Airwave war ausgeschaltet, und ich wagte nicht, es wieder einzuschalten, um Nightingale zu warnen, dass es womöglich Kollateralschäden gegeben hatte. Ich musste auf seine professionellen Instinkte vertrauen und hoffen, dass Lesley mit nichts allzu Tödlichem um sich warf. Sie war ja wohl nicht so blöd, mitten in London Amok zu laufen – das endete, wie sie wusste, auf sehr kurzem Weg in einer recht persönlichen Beziehung zum Special Air Service. Ich rannte unter dem Wellington Arch hindurch und sprang so unerwartet wie möglich dahinter hervor. Lesley hatte sich in Richtung Wellington Memorial gewandt. Sie rannte nicht, sondern ging nur etwas schneller – wohl in der Hoffnung, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich schleuderte ein Impello auf sie und verspürte einen Moment lang eine wilde Befriedigung, als es sie von den Füßen riss. Während ich hinlief, zog ich meinen ausziehbaren Schlagstock aus der Tasche meines Hoodie und ließ ihn auf volle Länge aufschnappen. Aber sie rollte sich ab und war schon auf den Beinen, bevor ich die halbe Strecke hinter mich gebracht hatte. Sie hob die Hand. Ich sah einen Blitz und fuhr noch rechtzeitig meinen Schild hoch, um den Zauber in der Luft abzufangen. Für die Anwendung in der Öffentlichkeit habe ich mir beigebracht, den Schild schräg nach oben gerichtet zu bilden. Man will ja nicht, dass irgendwas Magisches oder auch nur ganz normal Spitzes auf unbeteiligte Zuschauer zurückgeworfen wird. Lesley orientierte sich um und lief rechts an dem Sockel mit vierzig Tonnen berittener Kriegslegende drauf vorbei. Also hielt ich mich links, nur für den Fall, dass sie mich in einen Hinterhalt locken wollte. Was dazu führte, dass wir frontal zusammenprallten. Da ich größer und schwerer bin, taumelte sie zurück. Aber erst, nachdem ihre Stirn mich so hart am Mund getroffen hatte, dass meine einzige Zahnfüllung sich lockerte und ich Blut schmeckte. Ich schwang meinen Schlagstock, verfehlte sie aber, und sie trat mich gegen den Oberschenkel – da hatte ich wahrscheinlich Glück gehabt. Dann folgte etwas Impello-artiges, das mich nach hinten schubste, aber Nightingale hat mir beigebracht, solchen Stößen einfach nachzugeben und mich abzurollen, damit ich so schnell wie möglich wieder auf den Füßen bin. Bislang hielt sich alles in erstaunlich nichttödlichem Rahmen. Also, nicht missverstehen, ich will mich nicht beklagen. Aber es ging heftig genug her, dass die umliegende Straßen- und Denkmalbeleuchtung sich nach und nach abmeldete. Ich schleuderte eine Wasserbombe in Lesleys ungefähre Richtung, doch sie hatte sich hinter den Sockel geduckt, und ich wagte nicht, ihr nachzurennen, falls sie dort mit etwas Unerfreulichem auf mich wartete. Ich näherte mich in einem größeren Bogen und sah, wie sie über die hüfthohe Brüstung hinter dem Denkmal auf eine nach unten führende Fußgängerrampe sprang. Ich lehnte mich über die Brüstung. Sie rannte in die Unterführung. Ich wollte ihr schon folgen, drehte mich aber dann um und nahm die andere Treppe nach unten – nur falls sie vorhatte, die gleich wieder nach oben zu laufen. Die Fußgängerunterführung unter Hyde Park Corner zählt zu den saubersten der Welt. Dort, wo ich sie betrat, prangte an der Wand ein buntes Mosaik mit Motiven zur Schlacht von Waterloo, falls noch irgendwelche französischen Besucher Zweifel hatten, wessen Hauptstadt sie da gerade besichtigten. Jetzt setzte ich auf Tempo und kam bis auf zwei Meter an sie heran. Aber sie packte einen entgeisterten Touristen, wirbelte ihn herum wie beim Tanzen und warf ihn mir vor die Füße. Ich musste meinen Sprint unterbrechen, um über ihn drüberzuspringen, und das gab Lesley die Zeit, in den nächsten Seitentunnel einzubiegen. Als ich ihn erreichte, sah ich gerade noch, wie sie nach links zum Fahrkartenschalter schlitterte. Ich folgte langsamer und spähte erst einmal vorsichtig um die Ecke, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. In der U-Bahn-Station Hyde Park Corner gibt es nur einen winzigen Fahrkartenbereich. Lesley war schon durch die Sicherheitsbarriere hindurch. Sie drehte sich um, um zu sehen, ob ich ihr folgte – und in diesem Moment wurde mir klar, dass sie mich genau da hatte, wo sie wollte. Trotzdem stürmte ich auf die Absperrung zu, um sie die Rolltreppe hinunterzutreiben. Aber ich folgte ihr nicht. Stattdessen schlug ich, meine Dienstmarke schwenkend, um die Fahrkartenverkäufer zu beruhigen, einen Haken und hastete zurück in die Fußgängerpassage. Am Fuß der Treppe in den Hyde Park schaltete ich mein Airwave ein. Oben angekommen blickte ich mich nach allen Seiten um, während das Airwave hochfuhr. Früher musste man warten, bis die Elektronik aufgewärmt war, heute wartet man, bis die Software greift. Von meinen Zielpersonen war nichts zu sehen. Endlich bekam ich eine Verbindung zu Nightingale. »Das war eine Finte«, sagte ich. »Lesley wollte mich weglocken – das heißt, wohin auch immer sie wollen, es ist hier in der Nähe.« Und dann ging mein Blick Knightsbridge entlang, wo in warmem Orange das Oriental Hotel erstrahlte. »Hyde Park Nummer Eins«, sagte ich. »Bitte sagen Sie mir, dass Sie da schon Leute platziert haben.« »Aber natürlich«, erwiderte Nightingale. »Und ich denke, Sie haben recht.« »Warum?« »Weil Reynard und unsere Freundinnen gerade hineingegangen sind.« Wir lauschten auf Schreie, aber nichts kam. Das war fast noch schlimmer. Alle Fenster der Wohnungen waren dunkel. Seawoll war sich zu neunzig Prozent sicher, dass die meisten superreichen Bewohner des Hauses entweder verreist waren oder noch im Ausland wohnten und darauf warteten, dass die Quadratmeterpreise den absoluten Spitzenwert erreichten. Stephanopoulos und einige Uniformierte in Krawallmontur hatten den Tunnel vom Oriental Hotel her abgeriegelt, aber David Carey, der die Angestellten befragte, vermutete, dass es zumindest eine Partei vorher noch hindurchgeschafft hatte. »Vier Männer in Anzügen.« »Das wären dann wohl die Amerikaner«, sagte Nightingale. Von Sloane Street und Serpentine kamen Meldungen über geplatzte Wasserleitungen und Überflutungen. Ich sah in meinem Notizbuch nach – da verlief der Westbourne, dessen Genius loci auch als Chelsea Thames bekannt war. Ich rief Beverley an und fragte, ob sie wisse, was ihre jüngere Schwester gerade trieb. »Die ist hier bei Mum«, war die Antwort. »Hat sich in Leas Zimmer verkrochen.« »Tyburn ist nicht zufällig mal vorbeigekommen?« Beverley verneinte und sagte, egal was ich jetzt vorhätte, ich solle sehr vorsichtig sein. »Immer doch«, sagte ich. »Ich mein’s ernst.« Ich legte auf und sagte ins Airwave: »Tyburn ist vermutlich auch drin.« »Full house«, sagte Guleed. Wir hatten inzwischen noch weiter aufgerüstet und uns eine mobile Zentrale besorgt – Codename Broadway. Sie parkte am South Carriage Drive, von wo aus man einen guten Blick auf die Rückseite von Hyde Park Nummer Eins hatte. Der Hauptvorteil der mobilen Zentrale war, dass Seawoll sich bequem mit einer Tasse Tee im Sessel zurücklehnen konnte, während er uns herunterputzte. Dank der postmodernen Obsession, Wände möglichst transparent zu gestalten, konnte in Hyde Park Nummer Eins niemand die Treppen oder Aufzüge benutzen, ohne dass die Beobachterteams in den umliegenden Gebäuden ihn bemerkt hätten. Den South Carriage Drive hatten wir abgeriegelt und an der Vorderseite des Hauses eine zwanzig Meter breite Sicherheitszone bis zur Fahrbahn von Knightsbridge eingerichtet, aber Seawoll zögerte, diese Straße komplett zu sperren, weil die Rushhour sich noch nicht ganz gelegt hatte. Wir hatten circa zwanzig bis dreißig Minuten, bis die Medien Wind davon bekommen würden, dass in der teuersten Immobilie Londons ein Polizeieinsatz stattfand. Guleed schlug vor, einfach abzuwarten und dann die Überlebenden zu verhaften, was ihr ein erfreutes Lächeln von Seawoll einbrachte. Aber dann schüttelte er den Kopf. »Jemand«, sagte er und fasste Nightingale ins Auge, »muss da rein und ein bisschen aufräumen.« »Gewiss«, sagte Nightingale und sah mich an. »Peter?« »Laut oder leise?«, fragte ich. »Oh, leise.« Und so wurde es entschieden. Aber zuerst stiegen Guleed und ich in unsere Großeinsatzoveralls und legten nach einigem Hin und Her auch Schienbein- und Ellbogenschützer an. Das mit den Helmen ließen wir bleiben, aber Guleed tauschte ihren Hijab gegen eine feuerresistente Kapuze, mit der sie aussah, als wollte sie gleich in eine Sojus-Rakete steigen. »Praktisch und wohlanständig zugleich«, sagte ich, und sie grinste. Es verstand sich von selbst, dass wir beide kugelsichere Westen anlegten und uns bis an die Ohren mit Pfefferspray und Schnellschlusshandschellen bewaffneten. Ich erwog sogar, einen Taser mitzunehmen, schließlich hatte ich die Lizenz dafür – aber die verkomplizieren meistens nur alles. Zum Schluss reichte mir Nightingale einen Stab aus gewachstem Holz, etwa so lang und dick wie ein Spitzhackenstiel, das eine Ende mit Segeltuchstreifen umwickelt und das andere mit Eisen beschlagen. In den Schaft war eine sechsstellige Nummer eingebrannt und daneben das Hammer-und-Amboss-Siegel der legendären Söhne Wielands. Als ich die Hand darum schloss, spürte ich das Summen des Bienenstocks und Sonnenlicht auf Hügeln und Feldhecken. Noch einmal ins Gefecht, dachte ich. Wir trotteten ums Heck der mobilen Zentrale herum. Seawoll verdrehte bei unserem Anblick die Augen, sagte aber nichts. Nightingale hatte einen ledernen Pioniermantel angelegt, Gott sei Dank aber auf die dazugehörigen Beinlinge verzichtet. Allerdings trug er ein Paar massive Armeestiefel, die wahrscheinlich nur deshalb noch nicht dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen waren, weil verflixt noch mal nichts, was Nightingale gehört, verderben wird, solange es Molly gibt. Er sah Guleed an. »Sahra, da drin wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit recht übernatürlich werden. Ich kann nicht guten Gewissens von Ihnen verlangen, mit uns zu kommen.« »Wenn es Ihnen recht ist, Sir, ich denke, jetzt sollte ich das hier auch bis zum Ende durchziehen. Inschallah.« »Wackere Worte«, sagte Nightingale. So, dachte ich. Jetzt sterben wir alle. 15 Status sechs Die Risikoabwägung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Polizeiarbeit. Bevor sich der Polizist von heute in welche kritische Situation auch immer stürzt, sollte er sich fragen: Wird mein Eingreifen angesichts der gegebenen Parameter die Lage voraussichtlich positiv beeinflussen? Wie groß ist die Chance, dass die Sache so richtig katastrophal endet? Und wenn das passiert, wie wahrscheinlich ist es, dass man mir die Schuld dafür gibt? Manche Leute sind der Meinung, das mache uns risikoscheu. Dazu kann ich nur sagen, dass eine Risikoabwägung genau das ist, was blonde Teenagerinnen in Slasherfilmen eben nicht tun, bevor sie in den Keller gehen. Ich behaupte nicht, dass ich nicht auch runtergehen würde, um nach dem Rechten zu sehen … aber vorher würde ich mir eine Stichschutzweste anziehen und Verstärkung anfordern. Die vorzugsweise vor mir die Treppe runtersteigt. Ich hielt Seawolls und Nightingales Risikoabwägung aus mehreren Gründen für angemessen. So verlockend es war, wir konnten nicht einfach tatenlos zusehen, wie sich da drin alle gegenseitig abschlachteten. Denn wir wussten nicht, wie viele Unbeteiligte sich im Gebäude befanden. Die Wohnungseigentümer mochten nicht da sein, aber möglicherweise Angestellte – und auch die zählten als Menschen. Und einfach einen Trupp Krawallbereitschaft oder ein bewaffnetes Sonderkommando reinzuschicken hatte keinen Sinn, weil Martin Chorley aus denen in Sekundenschnelle Kleinholz machen würde. Nein, es war ein Falcon-Job. Und da Nightingale der fähigste Falcon-Beamte der Met war, ich der zweitfähigste und, Gott helfe ihr, Guleed die drittfähigste, waren wir die logischen Einsatzkräfte. Und so gingen wir rein – von hinten durch den Garten, an den beiden Flachköpfen vorbei, und betraten das Haus nicht ganz im Sinne des Erfinders durch einen Notausgang in einem der Treppentürme. Ich persönlich wäre ja lieber in einem Panzerwagen durch den Haupteingang gefahren. Aber wir sind nun mal die Met und nicht zum Beispiel eine beliebige Kleinstadtpolizei in Missouri. Deshalb haben wir so was nicht. Bevor ich mein Airwave abschaltete, gab ich noch einen Funkspruch durch. »Hier Falcon Zwei. Ab jetzt Status sechs.« Was bedeutete: Einsatzkräfte vor Ort. Wie schon beschrieben besteht Hyde Park Nummer Eins aus vier Blocks, dazwischen fünf Treppen- und Lifttürme. Zwei waren für die Bewohner reserviert und drei fürs Personal bestimmt – denn die Zeiten mögen sich ändern, aber die Hautevolee hat es immer noch ganz gern, wenn ihre Bediensteten unsichtbar bleiben. Die Glaswände waren überraschend schalldicht. Es war nichts vom Verkehr draußen zu hören, als wir auf den breiten Flur traten, der mit einigen Biegungen das Erdgeschoss der Länge nach durchzog. Die Lampen brannten noch – ein gutes Zeichen –, daher sah man bis ins dritte Untergeschoss hinunter und hinauf bis zur obersten Etage des ersten und zweiten Pavillons. Guleed und ich blieben, wo wir waren, und Nightingale schlich den Flur entlang, um das östliche Ende des Hauses abzusichern. Hier im Erdgeschoss gab es auch ein paar Ladengeschäfte für Leute, die nicht wussten, wohin mit ihrem Geld. Nightingale prüfte jede Ladentür, um sicherzugehen, dass nichts Übernatürliches daran haftete, bevor er sich weiterbewegte. Wegen der Biegung verloren wir ihn aus den Augen, kurz bevor er das Ende des Flurs erreichte. Guleed und ich zogen uns in die karge Deckung hinter ein paar gemietete Kulturobjekte zurück und warteten. Es roch stark nach Zitrus-Putzmittel. Guleed lauschte mit abwesendem Gesichtsausdruck auf das Geschnatter in ihrem Airwave. Da es bei ihr am unwahrscheinlichsten war, dass sie ihre eigene Ausrüstung toastete, war sie zum Kommunikationsoffizier ernannt worden – oder »Funker«, wie Nightingale es ausdrückte. »Stephanopoulos ist drin«, sagte sie. Stephanopoulos’ Aufgabe war es, die Wartungszentrale am östlichen Gebäudeende zu sichern, um dort eine Evakuierungsroute zu haben. Sobald Nightingale die Geschäfte als Falcon-frei erklärte, würde sie diese systematisch evakuieren. Der größte Diskussionspunkt während der Planung war gewesen, ob wir danach gleich nach oben in Martin Chorleys Wohnung gehen, lieber erst den Keller und die Tiefgaragen überprüfen oder uns nach Westen wenden sollten, um das Eingangsfoyer zu sichern. Ich deutete fragend nach oben, aber Guleed schüttelte den Kopf – dort wurde keine Bewegung gemeldet. Als Nightingale von seiner Spähmission zurückkehrte, stellte er dieselbe Frage. Auf dieselbe Antwort hin führte er uns ins Foyer. Hier fanden wir das erste Opfer. Der Mann lag lang ausgestreckt halb auf dem glänzenden grauen Marmorboden, halb auf dem feinen grauen Seidenwebteppich vor dem Empfangstresen aus Granit. Nightingale fing meinen Blick auf, zeigte auf den Mann und legte zwei Finger an den Hals. Während er die Galerie im Auge behielt, huschte ich hinüber und untersuchte den Mann oberflächlich. Es war der dunkelhäutige Typ im Anzug, den ich schon bei meinem ersten Besuch hier gesehen und für einen Sicherheitsmann gehalten hatte. Tatsächlich hielt er ein kompaktes digitales Walkie-Talkie in der Hand, wie es weltweit von Polizei, Filmteams und paramilitärischen Todesschwadronen benutzt wird. Ich nahm meinen Stab in die linke Hand und tastete an seinem Hals nach einem Puls. Er lebte. Offensichtliche Verletzungen hatte er nicht, also rollte ich ihn vorsichtig in die stabile Seitenlage. Dann nahm ich sein Walkie-Talkie und schüttelte es. Es klang wie ein Regenmacher – voller loser Teile und Sand. Nightingale gab Guleed ein Zeichen. Sie sagte leise etwas in ihr Airwave und nickte mir dann zu. Ich schlich zur Eingangstür und vergewisserte mich, dass sie offen war. Dann zog ich mich zu Nightingale zurück und hielt mit ihm Wache, während ein Trio Einsatzkräfte in Krawallmontur mit zwei Sanitätern im Schlepptau hereinpolterte. Auch die Sanitäter waren auf Krawalle spezialisiert und trugen dementsprechende Ausrüstung, nur dass ihre Helme grün waren – vielleicht, um Randalierer so lange zu verwirren, dass sie ihre Arbeit machen konnten. Während die beiden sich auf den Verwundeten stürzten, bedeutete Nightingale zweien der Einsatzleute, hinter dem Empfangstresen Position zu beziehen; der dritte sollte bei den Sanitätern bleiben. Die Krawallbereitschaft hatte strikte Anweisung, sich mit Kampfhandlungen zurückzuhalten und lediglich Kollateralschäden zu verhindern und Meldung zu machen. Als das Foyer zufriedenstellend gesichert war, führte Nightingale uns eine graue Marmortreppe hinauf in den ersten Stock. Sie mündete auf einen durchgehenden Flur wie den im Erdgeschoss. Die Apartments hier hatten zwei, höchstens drei Zimmer und gehörten hauptsächlich Strohfirmen und Investmentgesellschaften. Seawoll nannte sie »Schattenwirtschaftspuff« – kein Kommentar. Trotzdem, genau wie die Geschäfte mussten auch sie ordnungsgemäß evakuiert werden. Wieder sicherten Guleed und ich die Treppe, während Nightingale sich als Magieschnüffler betätigte und dann Stephanopoulos Bescheid gab, dass sie mit ihren Leuten hausieren gehen konnte. Also, ich hatte ja zuerst in die Tiefgarage gehen wollen, nicht nur weil Reynard möglicherweise sein Auto dort deponiert hatte, sondern weil zu jeder Wohnung außer einem Parkplatz auch ein Kellerraum von der Größe eines Standard-Frachtcontainers gehörte. Aber Seawoll hatte darauf hingewiesen, dass wir nun mal dem Schutz der Menschen im Gebäude verpflichtet waren und dies daher Priorität hatte. »Und Peter, sosehr es Sie vielleicht überrascht, wir haben den verdammten Keller schon für Operation Ringelblume durchsucht.« Womit er den Keller meinte, der zu Martin Chorleys Wohnung gehörte. Aber nicht die Tiefgarage, denn zu dem Zeitpunkt wussten wir ja noch nichts von Reynards R4. Wir waren jetzt schon zwanzig Minuten drin. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, spätestens nach zehn die ersten Schreie zu hören. Die Eskalation ließ verdächtig lange auf sich warten. Wir hatten inzwischen zwei Jahre Erfahrung mit Martin Chorleys Psychoterror – von damals, als er mir eine Bleiche Lady geschickt hatte, um mich von dem Mord im West End abzulenken, bis hin zu Lesleys Lockvogeltaktik vorhin an Hyde Park Corner. Ich vermutete, dass das Nächste, was passierte, auch eine Finte sein würde. Nightingale auch. Denn als Seawoll uns durchgab, dass die Beobachter in Chorleys Apartment im vierten Stock Licht meldeten, ging nur er rauf, um das zu überprüfen. Guleed und mich schickte er in die Tiefgarage. Wären wir ohne Verzögerung dorthin gelangt, wäre vielleicht alles ganz anders gelaufen. Aber im ersten Untergeschoss rannten wir geradewegs in die Amerikaner hinein. Hier unten verwandelte sich die Treppe in gewöhnlichen Beton – schließlich war es eine Dienstbotentreppe – und endete an einer stabilen Brandschutztür, wie es sie in jedem modernen Gebäude gab. Wir schlichen ganz harmlos darauf zu, da öffnete sie sich. Im Türrahmen erspähte ich jemanden in einem dunkelblauen Anzug. Guleed schrie »Schusswaffe!« – und ich hob den Stab und impellierte dem Typen die Tür vor der Nase zu. Es knackte, weil sein Arm zwischen Tür und Türrahmen geraten war, und dann knallte und polterte es, weil die Waffe losging und einen Moment später auf den Betonboden fiel. Ich hörte Guleeds Schrei nicht, weil der Mann auch schrie – die Tür hatte ihm den Unterarm gebrochen. Ich gab sie so lange frei, dass er sich gänzlich dahinter zurückziehen konnte, und knallte sie dann wieder zu. »Peter«, sagte Guleed in sehr seltsamem Ton, »ich glaube, ich bin getroffen.« Ich schaffte es gerade noch, mein Impello auf die Tür aufrechtzuerhalten, während ich mich zu ihr umdrehte. Sie nestelte am Saum ihrer Metvest herum. »Wo?« »Da.« Sie deutete auf eine Stelle gleich über der Hüfte. »Könntest du mal nachschauen?« Das ist etwas, was sowohl Frank Caffrey als auch Nightingale mir mit Nachdruck eingeschärft haben. Leute, die sofort hinfallen, wenn sie angeschossen werden, tun das meist nur, weil es ihnen in den Medien so vorgemacht wird und sie glauben, das müsste so sein. Vor allem bei kleinkalibrigen Waffen wie Pistolen. Eigentlich aber ist es so, dass man außer beim sofortigen Tod oder schweren mechanischen Schäden noch ziemlich normal funktionieren kann, bis Blutverlust oder Schock das unmöglich machen. Bei der Polizei heißt das »Walk-talk-and-die-Syndrom«, meist begegnet es uns bei verunfallten Motorradfahrern. Deshalb muss man Verletzte immer gründlich untersuchen, auch wenn sie scheinbar ganz fit mit überraschtem Gesichtsausdruck herumstehen. Im schweren Stoff von Guleeds Krawallchic war ein unübersehbares Loch, das sich erweiterte, als ich den Finger hineinsteckte. Und im weißen T-Shirt darunter war auch eines. »Au«, sagte Guleed. »Vorsichtig.« Ich hatte es zu eilig, um erst mein Taschenmesser herauszukramen, also zerriss ich den Außenstoff mit einem Zauber, den Nightingale mir beigebracht hatte und den ich anhand von Briefen und Amazon-Paketen eingehend geübt hatte. Dann zog ich das T-Shirt etwas hoch. Darunter war ein langer Kratzer den Hüftknochen entlang zu sehen. Ich drückte leicht darauf, und sie zuckte zusammen – aber die Haut wirkte unverletzt. »Ein Streifschuss«, sagte ich. »Das gibt ’nen hübschen blauen Fleck.« Etwas rumste gegen die Brandschutztür, gefolgt von Schüssen. Ich sah Guleed an, und sie sah mich an. Unschlüssig standen wir da und dachten, dass es nett gewesen wäre, wenn uns jetzt irgendjemand Vorgesetztes gesagt hätte, was wir machen sollten. Da stapfte, gefolgt von einem halben Mannschaftswagen Krawallbereitschaft, DI Stephanopoulos die Treppe herunter, und im Hintergrund schmetterte Bill Contis Fanfare for Rocky. »Nur ein Streifschuss, Boss«, sagte Guleed, noch bevor Stephanopoulos etwas sagen konnte. Die blickte zur Tür. »Die Amis?« Ich beschrieb die Lage. »Aber wir wollen gar nicht auf diese Etage. Wir sollen die Tiefgarage überprüfen.« »Dann los. Wir sichern die Treppe«, sagte sie. »Wenn die Amerikaner durchbrechen, sacken wir sie ein – sonst warten wir auf weitere Verstärkung.« Sie stieß einen Finger in Guleeds Richtung. »Sie passen ab sofort gefälligst besser auf. Und Sie«, sie funkelte mich an, »versuchen bei diesem Einsatz mal ein bisschen weniger Peter Grant zu sein.« Mir lag eine total schlagfertige Antwort auf der Zunge – aber in diesem Moment bebte das ganze Treppenhaus. Überall regnete es feinen grauen Staub, weil die Träger der Treppe in den Halterungen knirschten. In Stephanopoulos’ Airwave krächzte es. Seawoll meldete, in Martin Chorleys Wohnung habe es gerade geblitzt und Funken gesprüht wie bei einem Feuerwerk. Hinter dem fernen Poltern und Kreischen, das von oben zu hören war, konnte ich es spüren – Forma und Gegen-Forma, ein ausgewachsenes magisches Duell. Nightingale gegen einen Gegner, der es in sich hatte. Chorley, endlich? Ich öffnete den Mund, aber Stephanopoulos hob die Hand. »Warten Sie.« »Aber –« Hinter der Tür ertönten drei Schüsse – ein Stück entfernt. Dann noch zwei, noch weiter entfernt. Dann das Getrappel rennender Füße, fünf oder sechs Schüsse, laut, schnell nacheinander, verzweifelt. Ich machte eine Bewegung, aber Stephanopoulos stoppte mich mit einem weiteren finsteren Blick. »Warten Sie.« Noch zwei Schüsse … und plötzlich war es, als würde ich von einem altmodischen Gentleman’s Club überfallen – eine Woge von Brandy, Zigarrenrauch und zu lange abgehangenem Fasan. Dann Muskat und der Glanz von Silber und darin eine aufgeheizte, johlende Menschenmenge, das Knarren von Holz unter großer Spannung, der Geruch nach altem Strick, Todesverachtung und Angst. Und darüber erhob sich, wie eine klare, hohe Note in einem Trompetensolo, der Geruch nach Holzfeuer und darauf brutzelndem frisch gefangenem Fisch. Dann Stille. »Was war das?«, fragte Stephanopoulos. »Okay«, sagte ich. »Wir müssen jetzt da rein.« »Und die Amis?« »Ja, genau die müssen wir retten. Vor einem Schicksal, das schlimmer ist als gewaltsame Flurbereinigung. Also, vor Tyburn«, fügte ich eilig hinzu. Alle starrten mich an. Komischerweise fand keiner die Aussicht verlockend. Das sah man deutlich. »Ich gehe zuerst rein, schaue nach, ob sie noch atmen, und dann können Sie diese Etage sichern und wir können endlich in die Tiefgarage.« Stephanopoulos nickte. Guleed kam mit mir, weil es immer gut ist, einen Zeugen dabeizuhaben, wenn die Dinge kompliziert werden – vor allem einen, der das Vertrauen der Führungsebene genießt. Oben dauerte das magische Duell noch an, das spürte ich, aber das Krachen und Poltern hatte sich gelegt. Wahrscheinlich war jetzt das subtilere Stadium dran. Ein weiterer guter Grund, mich an den Plan zu halten. Guleed und ich schlüpften durch die Tür in den langen Gang, der auch auf dieser Etage den ganzen Komplex durchzog. Er besaß einen weichen grauen Teppichboden, cremefarbene Wände und die klaustrophobisch-gedämpfte Atmosphäre vieler moderner Hotels. Es war ein bisschen neblig, und ich meinte Pulverdampf zu riechen. Von links ertönte blecherne Musik. Also wandten wir uns dorthin, vorbei an zwei Lifts und einer weiteren Treppe und durch eine Brandschutztür hindurch, die mit Hilfe eines Feuerlöschers offen gehalten wurde. Dahinter lag ein weiterer Gang. Auf halbem Wege stand eine Doppeltür offen. Während wir uns an der Wand entlang näher schlichen, stieg uns Chlorgeruch in die Nase. Das Musikstück endete, und ein neues begann – es hörte sich nach einer Siebziger-Jahre-Band an, die zwei Gitarren und ein Saxophon malträtierte. Neben der Tür hatte jemand freundlicherweise eine Waitrose-Tüte voller Glock-17-Pistolen deponiert. Ich hielt Wache, während Guleed sie sich genauer ansah. »Drei«, sagte sie. Mit derjenigen, die im Treppenhaus gelandet war, also hoffentlich alle. Außer, die Amerikaner hatten noch Reservewaffen an die Fußknöchel geschnallt. Wir stahlen uns ganz leise rein und landeten in einem Vorraum, der vermutlich zu dem berühmten Swimmingpool führte. Die Musik kam von geradeaus, außerdem hörten wir das Klatschen von Wasser, Rufe und das unverkennbare Abprallen eines Balls. Guleed sah mich fragend an, aber woher bitte sollte ich wissen, was das zu bedeuten hatte? Der Pool war lang und schmal. Der Innendesigner hatte sich für die Farbskala »Antike Grabkammer« in gehobener Qualität entschieden: graue Granitwände mit Zierleisten aus Elfenbein, die Böden aus schwarzem Marmor. Im Pool schlugen sich drei nackte weiße Männer einen Wasserball zu. Sie waren auf diese wohlgenährte Weise muskulös, wie Amerikaner das werden, wenn sie ernsthaft trainieren. Ein vierter weißer nackter Mann saß auf einer der ziemlich sinnlosen lila Sonnenliegen und feuerte seine Freunde an. Sein rechter Unterarm war mit einem weißen Handtuch umwickelt und mit einem Paar Flip-Flops geschient. Schmerzen schien er keine zu haben. Als die Amerikaner Guleed und mich sahen, unterbrachen sie ihr Spiel – dann drehten sie sich wie auf Kommando zu der Frau um, die auf einer zweiten Sonnenliege lag. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte – blaue Bemalung und Speere oder sogar ein Müllsackkleid –, es war jedoch einfach nur Lady Ty in ihren Designerjeans und einem cremefarbenen Arran-Pullover, der am linken Arm leicht von Grasflecken verunziert wurde. Sie starrte uns über eine völlig überflüssige Sonnenbrille hinweg an. Aus ihrem Handy plärrte die Musik, die ich jetzt erkannte: The Day The World Turned Day-Glo von den X-Ray Specs. Sie winkte den Jungs im Pool flüchtig zu, und die nahmen ihr Spiel wieder auf. »Was ist hier los?«, fragte ich. Lady Ty stützte sich auf den Ellbogen, um uns besser von oben herab mustern zu können. »Ich wollte gerade diesen Bastard Chorley umbringen, da wurde ich unterbrochen.« »Sie hatten die Absicht, Martin Chorley zu töten?«, fragte Guleed nach. »Habe ich das gesagt? Ich meinte natürlich, ich hatte vor, vernünftig und sachlich seine jüngsten Unternehmungen mit ihm zu besprechen. Ich kam gerade die Treppe herunter, als sich diese Gorillas auf mich stürzten.« Sie zeigte auf den Mann mit dem gebrochenen Arm. »Das da war nicht ich.« Das wussten wir schon, aber die Polizei hütet sich, einen psychologischen Vorteil aufzugeben, wenn sie mal zufällig einen hat. »Ich hoffe, sonst ist nichts passiert«, sagte ich. »Denen geht’s gut. Wahrscheinlich können sie sich jetzt gerade zum ersten Mal, seit sie im Lande sind, ein bisschen entspannen.« So weit unter der Erde war von dem Kampf oben nichts zu bemerken, aber mir war klar, dass die Zeit drängte. Ich sagte ihr, wir müssten diese Etage evakuieren. Das brachte sie nur zum Lachen. »Sie kennen die Regeln. Erst muss die Wirkung vergehen. Dann können Sie mit ihnen machen, was Sie wollen.« So lautete das ungeschriebene Gesetz der Bezauberung durch Glamour: Wer jemandem den freien Willen nahm, war für ihn verantwortlich, bis der Wille wiederkehrte. Wie in loco parentis, hatte mir Beverley erklärt. Vorausgesetzt natürlich, der freie Wille kehrte überhaupt zurück, und der Betreffende baute sich nicht ein Leben um das neue Objekt seiner Verehrung auf. Manche Leute waren offenbar anfälliger dafür als andere. Irgendwann würden wir vielleicht mal eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen müssen. In meiner Miene musste sich etwas von diesem Gedankengang gespiegelt haben, denn Lady Ty riet mir, Ruhe zu bewahren. »Ich bin nicht meine Schwester. Ich verfüge über eine gewisse Selbstkontrolle. In ein paar Stunden werden diese verspielten Kerlchen ganz die Alten sein.« Als wäre die Geschichte mit dem Brunnen und den Blumen nie passiert. Guleed lief zurück, um Stephanopoulos zu holen, und ich schlich mich die Treppe hinunter zur Garage. Während eines Einsatzes sollte man sich wirklich auf keinen Fall trennen, aber manchmal hat man keine Wahl. Genau das dachten sich die blonden Teenagerinnen in den Slasher-Filmen wahrscheinlich auch. Ob eilig hingeklatschter brutalistischer Pfusch oder hochwertig, durchgestylt und klimatisiert – Tiefgaragen riechen immer gleich. Feuchter Beton, Farbe und flüchtige Kohlenwasserstoffe. Der einzige Unterschied ist, ob sie auch nach Pisse riechen. Nicht überraschend, dass es unter Hyde Park Nummer Eins keine Urinflecken in dunklen Ecken gab – oder überhaupt dunkle Ecken, die für solche Verrichtungen nach einer durchfeierten Nacht geeignet waren. Die Garage hatte zwei Ebenen. Ich stieg sofort auf die untere hinunter, weil sich dort die Parkplätze (ja, Plural – je größer die Wohnung, desto mehr Stellplätze bekam man) von Martin Chorley befanden, genau wie sein Kellerraum. Denn auch wenn die Fahnder bei der anfänglichen Ermittlung schon mal hineingeschaut hatten, hatten sie ja nicht gewusst, wonach sie hätten suchen sollen. Die Treppe, die ich nahm, war für die zarten Füße der Bewohner gedacht und hatte daher schwarze Marmorstufen, die Wände wurden in Abständen von sinnfreier Mietkunst geziert. Die Brandschutztür ganz unten war durch eine schwarzglänzende Pianolackierung getarnt. In einer anständigen verratzten Tiefgarage wäre ein schmieriges senkrechtes Fenster daneben gewesen, durch das man hätte durchsehen können. Hier nicht. Ich fragte mich, was auf der anderen Seite lauerte. Ich hielt an und versuchte den Kopf frei zu bekommen. Das Unheimliche verursacht Störungen im Gefüge der Welt. Jeder kann sie spüren – der Trick ist nur, sie von all den Umgebungsgeräuschen, Gedanken, Erinnerungen und fehlfeuernden Synapsen zu unterscheiden, mit denen unser Kopf ständig beschäftigt ist. Es ist wie mit allem anderen auch: je öfter man es macht, desto besser wird man. Früher hatte ich gedacht, dass Nightingale durch sein ausgedehntes Netz von Informanten auf Falcon-Fälle aufmerksam wurde. Inzwischen fragte ich mich, ob er nicht einfach nur auf die Stadt lauschte. Na, vielleicht auch nicht. Das wäre schon echt seltsam. Oben wurde nicht mehr gekämpft, oder zumindest nicht mehr magisch. Aber hinter der Brandschutztür war ein kleines Krabbeln zu spüren, wie Mäusegetrippel in der Wandverkleidung der realen Welt. Martin Chorley war es nicht. Dessen Rasiermesser-Signare kannte ich inzwischen. Das hier war vertrauter – als lauschte ich auf ein Echo meiner eigenen Stimme. Lesley. Die Frage war: Erwartete sie, dass ich durch diese Tür kam? Wenn ich jetzt hineinstürmte, konnte ich sie vielleicht überrumpeln, während sie mit dem beschäftigt war, was auch immer sie da tat. Vielleicht wirkte sie diese schwache Magie aber auch nur, um mich anzulocken. Oder vielleicht, dachte ich, mache ich mir mal wieder zu viele komplizierte Gedanken. Ich öffnete die Brandschutztür und betrat die Garage. Mir gegenüber befand sich die Lifttür, rechts ging es zum Parkdeck. Es roch nach altem Benzin und frischem Kohlenmonoxid. Von den makellosen Betonwänden hallte in Abständen ein metallisches Knirschen wider: Lesley riss mit Impello Autotüren auf. Ich duckte mich hinter eine Trennwand und versuchte auszumachen, woher der Lärm kam. Sobald ich ihn links von mir verortet hatte, warf ich einen raschen Blick dorthin. Auf der gegenüberliegenden Seite des Parkdecks stand sauber nebeneinander aufgereiht tonnenweise Luxusblech. Hauptsächlich benzinschluckende Großeinkaufspanzer, dazwischen ein paar Midlifecrisis-Flitzer – einschließlich eines Aston Martin Vanquish Volante, gegen den ich persönlich auch nichts einzuwenden gehabt hätte. Und im letzten Drittel der Reihe, fast nicht zu sehen hinter einem waschechten weißen Humvee, stand Reynard Fossmans hässlicher roter R4. Aus den drei Wagen mit offenen Türen zu schließen – aus einem stieg noch Rauch auf – arbeitete Lesley sich systematisch vom Ende der Reihe her vor. Momentan wandte sie mir den Rücken zu und demolierte die hintere Tür eines Jaguar F-Pace. Ich dachte mir, wenn sie so unbesorgt um ihre Sicherheit war, war sie sicher nicht allein. Ich ging auf Risiko, streckte meinen Kopf noch etwas vor und spähte nach rechts und links. Niemand war zu sehen. Trotzdem zog ich mich vorsichtig wieder in Richtung Brandschutztür und Treppe zurück. Da das hier ein Keller war und wir alle Ausgänge gesichert hatten, war es vielleicht keine schlechte Idee, abzuwarten und auf Verstärkung zu hoffen. Wenn nur Nightingale mit dem fertigwurde, was auch immer da oben passierte. Da erhaschte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel, sprang aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nach links und lag im nächsten Moment auf dem Rücken. In meinen Ohren klingelte es, und die runde weiße Leuchte über mir war abwechselnd scharf und alarmierend unscharf. Bei der Polizei ist es nicht erwünscht, dass man sich während der Arbeitszeit hinlegt, also versuchte ich mich herumzurollen, aber kaum rührte ich mich minimal, da boxte mich etwas in die Brust, und ich änderte meine Meinung und blieb liegen. »Nicht bewegen«, sagte Lesley außerhalb meines Sichtbereichs. »Sonst bricht Martin dir ein paar Rippen.« »Sie stilisiert mich immer gern zum Gangster«, sagte Martin Chorley. Seine Stimme kam vom anderen Ende des Parkdecks. Er musste die östliche Personaltreppe heruntergekommen sein. Ich hörte, wie er an mir vorbei zu Lesley ging. Er war viel zu vernünftig, um aus der Nähe auf mich runterzuschauen und sich womöglich selbst zum Ziel zu machen – wobei er es liebend gern getan hätte, das spürte ich genau. »Wir sollten uns beeilen«, sagte er zu Lesley. »Ich habe ein paar böse Überraschungen zurückgelassen, aber er wird nicht lange vorsichtig bleiben.« Etwas, vermutlich Impello, zerrte mich über den Beton. Mein Stab klapperte an der Armschlaufe neben mir her. Wir endeten beide mitten auf der Fahrspur. Unter meinen Fingern schien mir der Boden seltsam warm. Ich tastete nach dem Griff des Stabs, aber schon wurde er mir entrissen; die Schlaufe schnitt schmerzhaft in mein Handgelenk und zerriss dann mit einem kleinen Knall. Das musste auch ein Zauber gewesen sein; normalerweise hätte sie mir eher das Handgelenk durchtrennt als kaputtzugehen. »Was ist das?«, fragte Chorley. »Ah. Ein echter Kriegsstab der britischen Armee. Die sieht man heute kaum noch. Ich frage mich, ob Sie ihn auch regelmäßig aufgeladen haben.« »Ich würde ihn nicht anfassen«, sagte Lesley. »Wahrscheinlich ist er mit einem Sprengsatz gesichert.« Gute Idee, dachte ich, muss ich auf meine Liste setzen. Noch ein Klappern, als der Stab weggekickt oder -gezaubert wurde und, nach dem Geräusch zu urteilen, unter einem Auto in der Nähe landete. Na toll, dachte ich, der hatte mir ja echt viel gebracht. »Reynard gefunden?«, fragte Lesley. »Nein«, antwortete Chorley. »Der kleine Scheißer ist nicht zu greifen. Ich hoffe, er stößt mit Nightingale oder der Staatsgewalt zusammen und bekommt eine Ladung Schrot auf den Pelz.« Ich riskierte es, ganz langsam den Kopf zu drehen in der Hoffnung, ihn oder Lesley genau zu lokalisieren. Er stand drei, vier Meter von mir entfernt auf der Fahrbahn, die Beine schulterbreit auseinander, die Arme locker an den Seiten herabhängend – jederzeit handlungsbereit. Erfreut bemerkte ich, dass die maßgeschneiderte Perfektion seines modischen anthrazitfarbenen Nadelstreifenanzugs deutlich dadurch gemindert wurde, dass sich diagonal über das Jackett eine Schmauchspur zog und die Hose von den Oberschenkeln abwärts klitschnass war. Nightingale gab sichtlich handfeste Lektionen in angemessener Berufsbekleidung. Lesleys Autodurchsuchung fand rechts von ihm statt. Von hier aus konnte ich den Renault nicht sehen, denn der weiße Humvee daneben ragte einen halben Meter über die Parkplatzmarkierung hinaus. Lesley war gründlich – sie ging einmal um jedes Auto herum, ließ den Kofferraum mit einer kleinen Explosion aufspringen und sah ihn kurz durch. Auch den vorderen und hinteren Fußraum im Innenbereich überprüfte sie. Einschließlich Gehzeit brauchte sie je Auto etwa dreißig Sekunden. »Sag mal«, sagte ich, »abgesehen von der Sache mit dem Gesicht, warum arbeitest du mit dem Kerl zusammen?« Lesley ignorierte mich, aber Martin Chorley schien die Frage zu ärgern. »Weil sie von anständiger englischer Herkunft ist.« »Und ich nicht?« »Nein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache Ihnen das nicht zum Vorwurf. Ihre Mutter wurde sicherlich durch das Versprechen einer Stelle in der Krankenpflege oder als Busfahrerin oder etwas anderem angelockt, wozu die britische Arbeiterschaft nicht taugt.« Oder weil sie jazzverrückt war und kein Flugticket nach New York gekriegt hatte, dachte ich. Er musste doch ein bisschen was über meine Familie wissen – ich wusste, dass er über mich recherchiert hatte, und bestimmt hatte er auch Lesley ausgefragt. Meine Mum hatte einen soliden Job an der Amerikanischen Bibliothek in Freetown gehabt, aber dann hatte sie sich unglücklicherweise im Radio mit Jazz angesteckt und war dessen Sirenengesang gefolgt – bis nach London und zu meinem Vater. Vielleicht glaubte Chorley ja, dass nur aus weißen Frauen verrückte Jazzgroupies wurden. Oder, noch wahrscheinlicher, es war ihm nicht der Mühe wert, seine Informationen in einen vernünftigen Zusammenhang zu bringen. Gott sei Dank – denn sonst hätte er wohl von dem R4 sechs Autos vor Lesley gewusst, die gerade behutsam die Tür eines recht attraktiven silbernen Porsche wegsprengte. »Aber Lesley ist Britin durch und durch«, sagte Martin Chorley. Mir schwante, dass er wahrscheinlich seit Jahren auf ein Publikum für diese Rede gewartet hatte. »Diese wunderbare Mischung aus römisch-keltisch und angelsächsisch mit einem Hauch Dänen- und einer Prise Normannenblut. Jene glückliche Nation, die die Welt eroberte und das auch wieder könnte, wär’ jedes ihrer Kinder gut und echt.« »Ich weiß. Heinrich V.«, sagte ich. »Wo Derek Jacobi das mit den Verrätern erzählt.« »Es gab eine Zeit, da bedeutete die Monarchie mehr als nur Teepartys und Sexskandale. Vor den Sachsen-Coburgs und Tudors und all den anderen, über die es amerikanische Miniserien gibt.« »Alfred der Große?«, fragte ich. »Wieder einmal bestätigt sich, dass Sie für ein Ghettokid verdächtig gebildet sind.« »Was soll ich sagen – ich hab früher ständig Time Team geschaut.« »Diese Sendung hat überhaupt nichts mit richtiger Archäologie zu tun«, sagte Martin Chorley. »Jeder professionelle Archäologe wird Ihnen sagen, dass Time Team ein Witz war.« »Kennen Sie denn viele Archäologen?« »Ich habe einiges gelesen«, sagte er – plötzlich zurückhaltend. Was mich sofort neugierig machte. »Was ist denn Ihre Lieblingsepoche?« »Was ist Ihre?«, gab er statt einer Antwort zurück. »Ich mag die Römer.« »Sie sind Polizist. Natürlich mögen Sie ordentlich durchorganisierte und systematisierte Brutalität.« Eigentlich eher die Fußbodenheizungen und die Badekultur, dachte ich. »Ich schätze das Dunkle Mittelalter«, sagte er und ließ sich das Wort genießerisch auf der Zunge zergehen. »Als ein Mann noch zum Mythos werden konnte.« Ich hätte mich den ganzen Tag über Archäologie und viktorianisch-romantische Vorstellungen unterhalten können, aber leider musste ich arbeiten. Daher ließ ich Martin Chorley schwadronieren und überlegte mir derweil eine Vorgehensweise. Jeder kann spüren, wie jemand anders Magie wirkt, wenn er nahe genug dran ist und weiß, worauf er achten muss. Tatsächlich kann man das Zaubern nur lernen, indem man den Formae nachspürt, die jemand anders einem demonstriert. Von Anfang an hatte ich mich gefragt, ob einige Formeln »lauter« waren als andere. Es war nicht schwer, daraus ein Experiment zu machen, und ausnahmsweise hatte Nightingale keine Einwände gehabt, teils deshalb, weil es in einem magischen Duell essenziell ist, Formae schnell erkennen zu können. Aber vor allem, dachte ich, weil ich dafür üben musste, meine Zauber in sehr konsistenter Form zu wirken – davon ist er ein großer Fan. Wir stellten fest, dass man knallig-rabiate Zauber wie Impello oder einen Feuerball in bis zu zehn Metern Entfernung spürt. Bei einem durchschnittlichen Werlicht oder einem magischen Schild sind es zwei bis drei und bei manchen Varianten von Lux weniger als ein Meter – vor allem bei denen, die in den Infrarotbereich gehen. Während Martin Chorley also dem absonderlichen Drang nachgab, sich mir anzuvertrauen, erschuf ich langsam und vorsichtig eine unsichtbare kleine Hitzekugel, für die ich bei Gelegenheit wirklich mal einen Namen finden muss, und schickte sie in Richtung des nächsten Sprinklerkopfs. Die Löschanlage war absolute Spitzenqualität. Sie sprang binnen Millisekunden an. Ein gutes Sprinklersystem funktioniert mit Hilfe der Schwerkraft. Das Wasser kommt aus einem großen Tank, der so hoch oben wie möglich sitzt, und wenn die Ventile am Sprinklerkopf sich öffnen, heißt es unwiderruflich Wasser marsch. So ein System hat möglichst wenig bewegliche Teile und keine Pumpen, die im falschen Moment streiken können. Das Wasser fließt, bis der Tank leer ist. Aus Martin Chorleys säuerlicher Miene zu schließen, war ihm das bewusst. Ich würde gern sagen, ich hätte mir vorher einen nächsten Schritt überlegt, aber das wäre gelogen. Ich nutzte die Ablenkung, um mich in eine etwas bessere Position zu bringen, die Handflächen auf dem Boden, um mich schnell hochstemmen zu können, aber so abgelenkt war Chorley leider nicht. »Oh nein. Sie bleiben liegen. Gesicht nach unten, Hände über den Kopf.« Wenn jemand einen bedroht, neigt man dazu, ihm zu gehorchen. Ich verschränkte die Finger im feuchten Haar auf meinem Hinterkopf. Und sah daher in die richtige Richtung, als der Tesla S am anderen Ende des Parkdecks um die Ecke gebogen kam und auf uns zuhielt. Zuerst sah es aus, als würde unter dem Kunstregen irgendetwas Silbernes lautlos größer und größer, und ich dachte, es sei ein Zauber, den jemand anders wirkte. Aber dann erkannte ich den unverwechselbaren Fieses-Emoticon-Kühlergrill und begriff, was da auf uns zuraste. Es ist erstaunlich, wie schnell man auf die Füße kommen kann, wenn es sein muss, und ich machte mir gar nicht die Mühe, mich ganz aufzurichten – ich hoppelte auf Händen und Füßen zur Seite wie ein Schimpanse. Falls mir ein paar frühmenschliche Vorfahren aus der unendlichen Savanne am Himmel zusahen, nickten sie sicher anerkennend ob meiner flinken Gesamtperformance, auch wenn es mir etwas an Lässigkeit fehlte. »Nicht so schnell«, sagte Martin Chorley – und bemerkte dann, dass hinter ihm etwas war. Er wirbelte herum. Fast wäre es das Letzte gewesen, was er je tat. Ich glaube, er schaffte es noch, eine Art Barriere hochzufahren, bevor der Tesla ihn traf. Und ich bin sicher, dass der Fahrer den Kurs noch korrigiert hatte, um ihn auch ja voll zu erwischen. Auf dem Fahrersitz – der links war, also ein Import – erhaschte ich ein Aufblitzen von rotem Haar und ahnte, dass Reynard Fossman klugerweise beschlossen hatte, seine Rache nach vorn zu verlegen und als Erster zuzuschlagen. Ich verstand seine Logik vollkommen. Wenn man auf den Gesichtslosen losgeht, will man sicher sein, dass ihn gleich der erste Schlag erledigt. Nicht dass uns das davon abhalten würde, Reynard des versuchten Mordes anzuklagen, wenn wir es ihm nachweisen konnten. Lesley kam zwischen den Autos hervor – sie war nur noch eines von dem weißen Humvee entfernt – und blickte die Gasse entlang, wodurch sie gerade noch sah, wie der Tesla frontal gegen die Wand raste. Im herunterplätschernden Wasser klang der Aufprall seltsam gedämpft. Mit finsterem Gesicht drehte sie sich zu mir um. »Was hast du denn jetzt wieder gemacht?« Ich sparte mir meinen Atem und hechtete seitwärts in die Lücke zwischen einem roten Mercedes und einem jagdgrünen Range Rover, hinter dessen Hinterrad das Ende meines Stabs hervorlugte. Ich spürte, wie Lesley einen Zauber aufbaute. Ehe sie ihn auslösen konnte, kam Reynard aus dem Regen auf sie zugerannt und sprang ihr auf den Rücken; ich versuchte hastig die Richtung zu ändern, verlor auf dem rutschigen Boden den Halt und knallte gegen den Range Rover. Es gelang mir, seitlich an ihm herunterzurutschen, als hätte ich das von Anfang an so geplant, und dann schnappte ich mir endlich meinen Stab. Reynard war im wahrsten Sinne des Wortes fuchsteufelswild. Sein weinrotes Hemd hing in Fetzen herab, darunter sah man das dichte rote Haar auf seinen Schultern und dem Rücken. Er schlang Lesley die Beine um die Taille, den linken Arm um den Hals, und mit der anderen Hand hämmerte er auf ihren Kopf ein. Dabei knurrte er mit so weit zurückgezogenen Lippen, dass ich einen Moment lang dachte, jetzt würde ihm eine Schnauze wachsen und ich zum ersten Mal mit eigenen Augen einen Gestaltwandler in Aktion sehen. Doch die Wissenschaft musste warten. Ich nahm den Stab in beide Hände und streckte ihn aus. Das Holz summte unter meinen Handflächen, als ich die beiden zu Boden gehen ließ. Lesley drehte sich dabei so geschickt, dass sie Reynard abwarf. Keiner der beiden würde lange unten bleiben, daher hatte ich schon den Folgezauber parat. Aber bevor ich ihn auslösen konnte, kam Reynard mit einer Rolle rückwärts wieder auf die Füße. Lesley war langsamer, und da sie immer noch mein Primärziel war, impellierte ich sie wieder zu Boden. Sie fluchte, rollte sich ab, und ich rannte auf sie zu, wobei ich Reynard aus den Augen verlor. Da hörte ich Nightingale rufen: »Runter!« und warf mich flach auf den Boden. Nur dank des Regens aus der Sprinkleranlage sah ich es kommen. Es sah aus wie eine Linse, eine optische Verzerrung in der Luft – es war eine Kreissäge mit drei Meter Durchmesser, von deren Sägezähnen Tropfen sprühten. Noch während ich mich hinwarf, schnitt sie waagerecht die Kühlerhaube des Humvee auf. Und sie war schnell. Ich konnte gerade noch das Gesicht auf den Beton pressen, da sauste sie auch schon mit einem Geräusch wie von zerreißendem Stoff über mich hinweg. Ich hob den Kopf und sah, dass Lesley sich ebenfalls hatte fallen lassen. »Unten bleiben!«, brüllte Nightingale, und von hinten flitzte im Zickzack etwas über mich hinweg, das klang wie ein Kolibri – oder besser gesagt: ein Zwanzig-Kilo-Kolibri, der sich von Ratten ernährte. Links und rechts dröhnten ein zweiter und dritter Kolibrikoloss über mich hinweg. Ich erspähte einen davon – er sah aus wie ein Bohrkopf aus silbernen Schneeflocken. Was auch immer er tun mochte, wenn er auf ein Ziel traf, es war sicher kein Vergnügen. Ich gehorchte Nightingale, blieb unten und begann auf Lesley zuzurobben, die soeben resolut in den Windschatten des Humvee glitt. »Raus aus der Schusslinie«, schrie Nightingale. Lesley kam gleichzeitig mit mir auf die Füße, um den Standort zu wechseln. Nur Guleed ließ der Befehl kalt – sie stürmte mit einem Mal aus dem Regen hervor und brachte Lesley in der Lücke zwischen den Autos wieder zu Fall. Ich meinerseits verlagerte mich zwischen einen 5er BMW und einen Jaguar XJ, dessen Wiederverkaufswert dank Lesleys Erschließungsmaßnahmen gerade um einige Zehntausend gesunken war – eine Sekunde, bevor ein Stück Decke genau auf die Stelle fiel, wo ich eben noch gelegen hatte. Durch die Fenster des BMW sah ich, wie auf dessen anderer Seite Guleed mit Lesley rang. Da ich mich nicht dem Kreuzfeuer auf der Fahrspur aussetzen wollte, kletterte ich über das Heck und gesellte mich zu den beiden, als Guleed gerade einen herrlichen Kopfstoß auf Lesleys Nase landete, wie man ihn außerhalb des National Club in Kilburn sicher noch nicht gesehen hatte. Lesley taumelte rückwärts, die Hand auf die Nase gedrückt. Ehe sie sich erholen konnte, schleuderte Guleed sie am Arm herum und ließ einen Armhebel folgen. Ich hielt mich an die gute alte Tradition der Metropolitan Police und kam von hinten. Ich bin sicher, hätte Lesley die Zeit gehabt, darüber nachzudenken, sie hätte es zu schätzen gewusst. Ich fegte ihr die Füße unter dem Leib weg, sie schlug längelang zu Boden, und ich fummelte die Handschellen aus dem Gürtel. Das war nicht so einfach, weil ich gleichzeitig den Stab festhalten musste, und ich hatte erst eines ihrer Handgelenke gefesselt, da tat der Humvee plötzlich einen Sprung und quetschte uns gegen den BMW. »Mein Gott, Peter«, sagte Lesley. »Kriegst du das mit den Handschellen immer noch nicht auf die Reihe?« Und sie rammte mir den Ellbogen zwischen die Beine. Es tat weh, aber es hätte noch viel mehr wehgetan, hätte ich nicht den Schutz getragen, der zur Krawallmontur gehört. Ich bin schon mal in die empfindlichen Teile getreten worden, und ich versuche aus meinen Fehlern zu lernen. Der Humvee machte noch einen Satz auf uns zu, und wir wären wohl zerdrückt worden, hätte er nicht eine so große Bodenfreiheit gehabt. Es gelang uns allen dreien, unter ihn zu gleiten. »Scheiße«, sagte Lesley, »er haut ab!« Ich folgte ihrem Blick und sah ein Paar Beine in Reynards R4 steigen. Es war Reynard selbst, das erkannte ich an seinen Hipsterjeans. Der Motor wurde gestartet – in der Karre gab es keinen Mikrochip, der den Geist hätte aufgeben können – und er rollte aus der Parklücke. »Wohin will der bloß?«, fragte Guleed. Das war eine gute Frage, denn es gab keine Ausfahrtrampe. Nur zwei Fahrzeuglifts, und die funktionierten garantiert nicht mehr. Lesley begann sich zu winden. Ich versuchte ihr anderes Handgelenk zu fassen zu bekommen, aber da wurde sie unter dem Humvee hervor auf die Fahrbahn gezogen. Guleed und ich gleich mit, da wir sie nicht losließen. Die Sprinkleranlage hatte sich erschöpft. Der Boden war schmierig-nass und kalt, es roch nach abgestandenem Wasser. In einigen der Parkplätze und um die Fahrzeuglifts herum standen tiefe Pfützen. Irgendwo hatte man also doch gespart – nämlich beim Ablaufsystem. Wir hatten einen guten Blick auf den Renault, der an uns vorbei beschleunigte. Auch auf seine Motorhaube, als die mit einem Mal in einer grellen Explosion in Flammen aufging, genau wie es Autos im Film immer machen und in Wirklichkeit nie. Der Wagen schlitterte noch ein paar Meter weiter und kam schließlich mit einem schleifenden Geräusch zum Stehen. Aus der verrußten Motorhaube stieg öliger Rauch auf. Wäre noch Wasser im Tank der Sprinkleranlage gewesen, wäre jetzt ein guter Moment für sie gewesen, aktiv zu werden. Lesley wand sich und trat um sich, aber ich glaube, Guleed und ich hatten beide beschlossen, dass jetzt unsere Hauptaufgabe war, sie festzunehmen. Anders als alles, was sonst so um uns herum passierte, schien das im Rahmen unserer Möglichkeiten zu liegen. Der Kofferraum des Renault klappte von allein auf, und zwei Aufbewahrungsboxen vom Typ derjenigen im Chestnut Tree hüpften heraus. Lesley warf sich ruckartig nach vorn und fuhr zurück, als Guleed ihr eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht sprühte. Sie hustete und spuckte. »Sahra!« In der unbewegten Luft hier unten dauerte es nicht lange, bis der Rauch vom Renault sich bis zu uns ausdehnte. Frank Caffrey zufolge gehen etwa ein Drittel der Todesfälle bei Bränden auf das Konto von Rauchvergiftungen – ihm als Profi kann man da wohl glauben. Ich wollte aus diesem Keller raus. Guleed zum Glück auch. »Zur Treppe«, rief sie. Eine Hand jeweils an Lesley, krabbelten wir auf den Vorraum mit den Aufzügen und der Treppe zu. Ich dachte an die schöne dicke Brandschutztür und die große Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo dahinter Stephanopoulos bereitstand, um uns Trost zu spenden und eine Tasse Tee zu kredenzen. Leider hatte Lesley darauf keine Lust. Irgendwie schaffte sie es, sich zur Seite zu rollen, einfach über meinen Rücken hinweg, mir die Handschellen aus der linken Hand zu reißen und den Ellbogen gegen die Schläfe zu rammen, so dass ich mit dem Schädel auf den Boden prallte. Eine gefühlte halbe Stunde wusste ich nicht, wo oben oder unten war – in Wirklichkeit waren es wohl eher zehn Sekunden. Als ich zu mir kam, war Lesley weg, der Rauch füllte die Garage bis in Bodenhöhe und Guleed mühte sich ab, mich dorthin zu schleifen, wo hoffentlich die Treppe war. Ich konnte keinen halben Meter weit sehen, und jeder Atemzug brannte mir in der Kehle. Ich begann mir allmählich ernsthaft Sorgen zu machen, da roch ich Staub und Sandelholz und vielleicht heißen Wüstenwind, aber das konnte auch das wenige Meter entfernte brennende Auto sein. Der Rauch teilte sich wie das Rote Meer, und Lady Helena schritt gelassen an uns vorbei, einen immer länger werdenden Korridor sauberer Luft entlang, genau auf den R4 zu. Sie hob die rechte Hand, schloss sie zur Faust, und die Flammen, die aus dem Motor leckten, erloschen. Also, den Zauber wollte ich definitiv lernen. Guleed und ich nutzten die frische Luft, um auf die Füße zu kommen und anzufangen zu husten. Ich war so damit beschäftigt, meine Lungen herauszuwürgen, dass ich Lady Helena nicht zum Heck des R4 folgen konnte. Eine der Aufbewahrungsboxen war auf die Seite gefallen und aufgegangen. Sie kniete sich davor und begann die herumliegenden Manuskripte und Plastikordner zu durchwühlen. Nach einiger Zeit bekam ich wieder genug Luft, um sie zu fragen, ob sie Nightingale gesehen hatte. Sie sah nicht auf, zuckte aber mit den Schultern. »Ich glaube, irgendwann habe ich mal kurz gegen ihn gekämpft. Es ging alles etwas durcheinander. Ah!« Sie stand auf und schwenkte ein Päckchen von der Größe einer Familienpackung Cornflakes. »Doch keine totale Zeitverschwendung.« Während sie an mir vorbei auf die Treppe zuschlenderte, sagte sie: »Wenn Sie unseren Freund Chorley aufhalten möchten, ich könnte mir vorstellen, er wird versuchen, über den Fahrzeuglift rauszukommen.« Ich überlegte kurz, ob ich versuchen sollte, sie zu verhaften. Guleed fing meinen Blick auf und schien bereit, mitzumachen, aber ich schüttelte den Kopf. Der Rauch wurde nun, da das Feuer gelöscht war, zwar nicht mehr dichter, aber was hier bereits herumwaberte, war und blieb giftig, und wir konnten nicht darauf bauen, dass Lady Helenas Frischtluftzauber ewig anhalten würde. Also sammelten wir lediglich die verstreute Beute ein, legten sie zurück in die Box und trugen diese sowie die andere, deren Deckel noch festsaß, zur Treppe. Dort fanden wir Stephanopoulos mit einem Haufen empörter Feuerwehrleute. Sie wollte wissen, ob die Garage endlich Falcon-frei war, damit sie die rote Armee reinlassen konnte. Leider konnte ich ihr das nicht zusichern. Erst eine halbe Stunde später fanden wir Nightingale, der Martin Chorley durch ein brandneues Loch in einem Fahrzeuglift bis nach draußen verfolgt hatte, die Verfolgung aber am Ende der abgeriegelten Zone hatte aufgeben müssen. »Das Risiko, dass Unbeteiligte zu Schaden gekommen wären, wäre zu hoch gewesen«, erklärte er. Stephanopoulos war nicht froh. »Wir haben uns nicht gerade mit Ruhm bekleckert.« »Andererseits«, sagte Guleed, »immerhin leben wir alle noch.« Stephanopoulos schnaubte. »Warten Sie mal, bis der Commissioner die Rechnung sieht.« 16 Vielen Dank für das Gespräch Und so endete es wie die meisten Polizeieinsätze – nicht mit einem großen Knall, sondern damit, dass wir uns seufzend an den Papierkram machten. Also, bis auf Guleed und mich. Wir wurden erst mal ins UCH abtransportiert, wo wir reinen Sauerstoff einatmen mussten und uns bemühten, wegzuhören, als Dr. Walid uns viel genauer, als wir es wissen wollten, erzählte, wie das mit der Sauerstoffunterversorgung von Gewebe war. Zum Glück sprachen wir gut auf die Behandlung an und mussten nicht über Nacht bleiben. Beverley kam, um mir Gesellschaft zu leisten, was natürlich so ablief, dass sie die meiste Zeit in Guleeds Behandlungskabine verbrachte und mit ihr schwatzte – und nicht mal über mich. Auch meine Mum tauchte auf, mit einem Care-Paket, das ich einhändig aß, während ich mit der anderen Hand Bev, Guleed und Nightingale auf Abstand hielt. Sobald wir entlassen waren, fuhr Bev mich in ihrem jämmerlichen kleinen Kia zu sich nach Hause, und wir zogen uns ins Bad und dann ins Bett zurück. Am nächsten Morgen holte Nightingale mich im Jaguar ab, damit er mich auf dem Weg nach Belgravia über den Stand der Dinge in Kenntnis setzen konnte. Ich sollte ihn als Falcon-Zuständigen bei der Jagd nach Martin Chorley und Lesley May ablösen, während er ins Folly fuhr, um ein bisschen Schlaf nachzuholen. »Er hätte mich fast erwischt, wissen Sie«, sagte er. »In der Wohnung hatte er einige Fallen präpariert und versuchte mich in die tödliche Zone zu locken.« Zum Glück hatte Nightingale seine Lektion bei den Deutschen gut gelernt. »Sie waren Spezialisten darin, konventionelle und magische Waffen zu kombinieren. Man wusste nie, ob man sich gleich einem Feuerball oder einer Panzerfaust gegenübersehen würde.« So schlau und skrupellos Martin Chorley war, seine mangelnde Kampferfahrung war ein Schwachpunkt. »Er hat seine erste Falle einen Augenblick zu früh ausgelöst. Sobald ich gewarnt war, musste ich nur noch aufpassen, wohin ich trat.« Was erklärte, warum es so lange gedauert hatte, bis er den Keller erreichte. Sonst hätten Martin Chorley und Lesley sich jetzt der schlichten Eleganz unserer magieresistenten Zellen erfreuen können. Dass sie es beide geschafft hatten zu entkommen, war das größte Debakel bei dem Einsatz. Der Sachschaden in Hyde Park Nummer Eins war das zweitgrößte. Wenigstens konnten wir beweisen, dass an so einigem davon einer der Wohnungseigentümer, Martin Chorley, schuld war; das würde uns bei dem drohenden Rechtsstreit sehr helfen. Wobei es uns da auch sehr geholfen hätte, wenn wir Chorley oder auch Lesley in U-Haft gehabt hätten. Immerhin hatten wir Reynard Fossman, den das CTC im Rahmen der Antiterrorgesetze in Paddington festgesetzt hatte, wo er nun in einer Zelle gleich gegenüber von Lady Tys Amerikanern hockte. Seawoll hätte gern auch Lady Helena und Caroline verhaftet, einfach aus Prinzip, aber Nightingale sprach sich dagegen aus, selbst noch nachdem wir entdeckten, dass sie mit dem Manuskript des Magni Operis Principia Chemica – »Chymische Prinzipien des Großen Werks« – abgehauen waren. Er nahm Lady Helenas Coup erstaunlich gelassen hin angesichts der Mühen, die wir aufgewandt hatten, um an das Ding ranzukommen. Postmartin hätte sie mit Vergnügen wegen Verbrechens gegen die Gelehrsamkeit zu lebenslangem Steineklopfen verurteilt, aber Nightingale lächelte nur und sagte, die beiden seien vielleicht besser geeignet als wir, das Werk zu erschließen. »Ich hatte nie große akademische Neigungen. Und selbst wenn Sie die Zeit hätten, Peter, ist Ihr Latein der Sache schlicht nicht gewachsen.« »Danke«, sagte ich. »Als jemand, der einst gezwungen wurde, lange Passagen der Zweiten Principia auswendig zu lernen, kann ich mit einiger Überzeugung sagen, dass das kein Verlust für Sie ist. Und noch etwas: Sicher wird Lady Helena sich die Geheimnisse des Werks vorbildlich aneignen, aber ich persönlich glaube, dass es ein Fehler wäre, sich sozusagen nur auf die Weisheit unserer Ahnen zu verlassen.« Das sagte er mit einem schiefen Grinsen, das ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Er sah damit aus wie höchstens vierzehn. Plötzlich sah ich ihn vor mir, wie er mit den Händen in den Taschen auf dem Rugbyfeld von Casterbrook stand, die Schülermütze keck in die Stirn gezogen, und herausfordernd einer glänzenden Zukunft entgegenblickte … noch ungetrübt durch zwei Weltkriege, Atombomben und den Verlust von allem, was ihm lieb und teuer war. »Ich denke, dass Lady Helena in die Vergangenheit blickt, während ich es vorziehe, nach vorn zu schauen«, sagte er. »Ich bin mir sicher, sollte sie etwas finden, was allgemein nützlich ist, wird sie es gern mit uns teilen.« Ich äußerte gewisse Zweifel, aber Nightingale wies darauf hin, dass Lady Helena in ihr Haus in Montgomeryshire zurückgekehrt war und wir jederzeit hinfahren und sie bitten konnten, uns das verflixte Buch auszuleihen. »Und herausfinden, ob ihre Tochter schon das Fliegen gelernt hat.« Ich fragte nach Martin Chorleys Ferrari GTO. Nightingale erklärte, der sei vorläufig beschlagnahmt worden. »Warum fragen Sie?« »Ich dachte, vielleicht wird er versteigert.« »Und Sie wollten mitbieten?« »War nur so ein Gedanke.« »Nun«, sagte Nightingale. »Dieses Auto wird niemals zum Verkauf stehen.« »Oh.« »Nein. Ich habe es zum ›magischen Gegenstand‹ gemäß den in der Abmachung niedergelegten Kriterien erklärt. Zumindest so lange, bis wir zweifelsfrei sagen können, dass es für gewöhnliche Menschen keine Gefahr darstellt.« Er hatte es in der Remise untergebracht, wo bisher der orange Asbo gestanden hatte. »Wie lange wird das wohl dauern?«, fragte ich. »Eine solche Untersuchung kann beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen«, sagte Nightingale. »Insbesondere bei unserer derzeitigen Arbeitsüberlastung.« »Und wir können ja nicht nur oberflächlich drüberschauen«, sagte ich. »Das wäre unverantwortlich.« »Respekt«, sagte ich und hob die Faust. Nightingale starrte sie einen Moment lang an, dann hob er die seine und stieß sie dagegen. Im Verlauf der nächsten Tage wurde klar, dass Martin Chorley und Lesley untergetaucht waren. Wir hatten schon immer vermutet, dass er außer County Gard und den damit verbandelten Tarnfirmen noch weitere Ressourcen hatte. Seawoll tippte auf das organisierte Verbrechen, Menschenschmuggler und so. Ich nahm an, dass er auch mit den finsteren Teilen der Demi-monde in Verbindung stand. Nightingale behauptete ja immer, der Gesichtslose sei letztlich nur ein ganz normaler Krimineller, aber ich hatte das Gefühl, da war noch mehr. Er hatte etwas Fanatisches. Ich war mir sicher, dass er einen Plan hatte … Ich wünschte, ich wüsste, was für einen. Reynard holten wir beim CTC ab und stellten ihn wegen diverser Dinge unter Anklage, vom Verkauf gestohlener Güter bis zum Widerstand bei der Festnahme. Aber wir machten der Staatsanwaltschaft keinen besonderen Druck. Wir wollten unseren Fuchs nicht in diesem Bau haben. Wir wollten ihn als lebenden Blitzableiter draußen auf der Straße. Wie ich Bev versprochen hatte, half ich Maksim, an einigen Stellen in ihrem Fluss fischgrätförmige Wellenbrecher anzubringen. Der Zweck, erklärte mir Beverley, sei es, die Strömung zu brechen, um den Ufern durch die Erosion langfristig wieder eine natürlichere Gestalt zu geben. »Ich dachte, du magst eine starke Strömung?«, fragte ich sie später am Abend. »Es geht nicht um die Fließgeschwindigkeit«, sagte sie keuchend. »Sondern um den Gesamt-Flow.« Phoebe und Olivia hatten uns mit Beverley zusammen am Ufer bei der Arbeit zugesehen, und danach hielten wir unter einer Trauerweide ein etwas feuchtes Picknick ab. Olivia sagte, sie glaube, ihre Mum habe mir schon ein bisschen verziehen, zumindest schaute sie nicht mehr finster, sobald mein Name fiel. Als sie Hand in Hand mit Phoebe davonschlenderte, sah ich ihnen nach und fragte mich, wie es wohl wäre, Kinder zu haben. Also, sobald man über die Phase der Windeln und Stützräder hinaus ist. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Beverley mich musterte. »Was ist?«, fragte ich. »Nichts«, sagte sie, und wir gingen zu ihr nach Hause. Habe ich schon den Papierkram erwähnt? Wir brauchten Tage, um allein das Material zusammenzutragen, wobei es nicht sehr hilfreich war, dass DAC Folsom mitsamt dem restlichen Tigerjagdkomitee zwecks Fallrevision über uns herfiel. So war es keine große Überraschung, als kurz darauf Lady Ty anfragte, ob ich mich mit ihr treffen könnte. »Wann immer es Ihnen passt innerhalb der nächsten Stunde.« Wir trafen uns im Chestnut Tree, den Lady Ty, wie sie erwähnte, erwerben wollte, um ihn dem Immobilienportfolio ihrer Mutter einzuverleiben. So eilfertig wie die Wirtin selbst uns bediente und am Tisch wartete, bis man sie entließ, schien es ein in jeder Hinsicht gelungener Kauf. Lady Ty hatte eine Flasche Rotwein und zwei Gläser bestellt, aber ich schüttelte den Kopf, als sie meines füllen wollte. »Ist es wahr«, fragte sie, nachdem sie einen Schluck genommen hatte, »dass Sie dabei sind, ein Dossier über eine geplante Erweiterung des Folly zu erstellen?« »Modernisierung«, berichtigte ich. »Um es für seine neuen Aufgaben fit zu machen.« »Gibt es die Möglichkeit, sich das mal im Vorfeld anzuschauen?« »Sie sind schon längst auf der Liste der relevanten Interessengruppen«, sagte ich. »Und werden selbstverständlich der anstehenden ersten Konsultationsrunde angehören.« »Lassen Sie das, Peter«, sagte sie. »Was?« »Das wissen Sie genau.« Ich zuckte die Schultern und wartete ab, was das hier wirklich sollte. »Peter«, sagte sie, »wir müssen über Sie und Beverley reden.« »Sind Sie als große Schwester hier?« »Ich fürchte, ja.« »Hatten Sie dieses Gespräch auch schon mit Beverley?« »Öfter. Aber ich verspreche Ihnen, mit Ihnen rede ich nur dieses einzige Mal.« »Sie haben was gegen unsere Beziehung.« »Nein. Nicht gegen die Beziehung oder den Sex oder selbst die Tatsache, dass sie Sie in Geheimnisse einweiht, von denen Sie eigentlich nichts wissen sollten.« »Wirklich? Was zum Beispiel?« Lady Ty verzog den Mund. »Netter Versuch. Sie sind beide jung und dumm, und nichts, was ich sage, wird Sie davon abbringen, weiterzumachen. Aber hören Sie mir gut zu. Was auch immer Sie glauben, was Sie da haben, es ist befristet. Daraus darf nichts Ernstes werden. Und falls Sie ans Heiraten denken sollten, das ist absolut ausgeschlossen.« »Äh, was?« »Ich meine es ernst.« Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. »Ich bin Ihnen nicht gut genug, ja?« Seufzend hob Lady Ty die Hand. »Sie scheinen den Eindruck zu haben, dass ich Sie nicht mag. Also, als Person – nicht als verdammter Stolperstein bei allem, was ich seit zwanzig Jahren versucht habe aufzubauen.« Sie zögerte und seufzte dann wieder. »Wo war ich?« »Verdammter Stolperstein.« »Hören Sie, das wird so nichts, wenn Sie nicht auch etwas trinken«, sagte sie, schob mir das Weinglas zu und griff nach der Flasche. »Ich kann das nicht, während Sie mich anstarren wie ein Methodistenprediger.« »Tyburn«, sagte ich. Sie warf mir einen müden Blick zu und deklamierte dann, sie, Lady Ty, verpflichte mich zu nichts, und ich könne unbesorgt um meine Handlungsfreiheit ihr Gast sein. »Zufrieden?« Ich nickte. Sie schenkte mir ein. »Erinnern Sie sich an das Weihnachten, als ich Sie unter Oxford Circus ausgegraben habe?« »Wie könnte ich das je vergessen?« »Das habe ich mich auch die ganze letzte Woche über gefragt«, sagte sie. Ich nippte an dem Wein. Er schmeckte, na ja, wie Rotwein. Trotz aller Mühe, die Nightingale und Molly sich mit mir gaben, war das immer noch so ziemlich alles, was mein Gaumen mir verriet. »Nach jenem Weihnachten fuhren George und ich in Urlaub«, sagte sie. »Stephen war schon wieder an der Uni, und Olivia schickten wir zum Skifahren in die französischen Alpen. Zufällig mit Phoebes Familie.« Sie schüttelte den Kopf. »Was für unsinnige Sorgen ich mir wegen irgendwelcher Skilehrer-Romeos gemacht habe – wie blind war ich eigentlich. Egal. Wir waren, seit die Kinder da waren, nicht mehr zu zweit im Urlaub gewesen, und es war herrlich.« Ich fragte, wohin sie gefahren seien. »Barbados. Ich kenne ihn recht gut, er machte damals ein Sabbatical in Oxford, als ich auch dort war.« Ich nahm noch einen Schluck Wein und ließ das auf mich wirken. Ich hätte sie gern gefragt, wie die Insel als Person denn so war. Zu gern. Aber manchmal schaffe sogar ich es, beim Wesentlichen zu bleiben. Außerdem muss man bei jemandem, der Machiavelli im italienischen Original gelesen hat, immer damit rechnen, dass er versucht, einen abzulenken – und sei es nur aus Gewohnheit. »Also hatten Sie eine schöne Zeit?« »Als ich zurückkam, fühlte ich mich wieder wie zwanzig.« Plötzlich ahnte ich mit Grauen, was jetzt kommen würde. »Sie sind jung, einigermaßen fit und sehen ganz gut aus. Daher ist Ihnen die Unausweichlichkeit des Älterwerdens noch nicht so recht bewusst geworden. Wenn man älter wird, fordern das Leben und die Schwerkraft ihren Tribut, vor allem bei Frauen, vor allem, wenn sie zwei Kinder geboren und gestillt haben.« Ich musste kaum merklich geschaudert haben, denn sie lachte auf. »Ich sage nicht, dass sie mir bis zur Taille hängen. Ich sage nur, dass ich nicht vorhatte, oben ohne am Strand herumzulaufen. Das ist Ihnen jetzt wirklich peinlich, hm?« Sie dehnte das »hm« fast ordinär lang aus – sie amüsierte sich offenbar köstlich. »Ich jage Ihnen mit meinen Altweibertitten ja richtig Angst ein.« »Ganz ehrlich«, sagte ich, weil die Leute sich manchmal ein bisschen Aufrichtigkeit wünschen, »ein wenig, ja.« »Gut«, sagte Lady Ty. »Und dann sind da die Schwangerschaftsstreifen und Altersflecken und Falten – nicht zu vergessen die Zellulite. Dagegen ist man schlicht und einfach machtlos. Wenn man klug ist, lernt man sich trotzdem in seiner Haut wohl zu fühlen.« »Und tun Sie das?« »Bis dahin dachte ich, ja. Bis wir uns für unseren letzten Abend auf der Insel fertig machten und ich beschloss, mich in mein kleines Schwarzes zu zwängen, und als ich dabei war, alles ordentlich zu verstauen, schaut George mich an und sagt: Hey, das sollten wir jedes Jahr machen. Scheint dir echt gut zu bekommen. Tatsächlich fühlte ich mich verdammt attraktiv, wenn ich das selbst so sagen darf, also ging ich zum Spiegel. Und mir sah mein fünfundzwanzigjähriges Ich entgegen.« »Sie hatten sich physisch verändert?« »Ich machte die Badezimmertür zu und untersuchte mich gründlich. Alles war echt – keine Einbildung.« »Ihnen war doch sicher klar, dass das passieren könnte«, sagte ich. »Schauen Sie sich Oxley und Isis an.« »Peter. Hören Sie mit der Klugscheißerei auf und denken Sie mal scharf nach. Natürlich wusste ich es in der Theorie – Mum sieht, seit ich mich erinnern kann, praktisch immer gleich aus, und da ist Vater Themse, der keinen Tag älter als tausend wirkt. Aber wenn man sich mit einem Mal selbst damit konfrontiert sieht, ist es noch mal was ganz anderes.« Sie schüttelte den Kopf. Ich versuchte, möglichst verständig zu nicken, aber sie schien nicht überzeugt. »Als wir nach London zurückkamen, ließ ich mich sozusagen wieder ins mittlere Alter zurückgleiten.« »Einfach so?« »Nun, ich hielt mich von Spiegeln fern und schaute mir viele Kultursendungen an. Das half.« »Wie schnell ging es?« »Ein paar Monate. Die Krähenfüße, die Orangenhaut an den Oberschenkeln.« Keine sonderlich auffälligen Krähenfüße, dachte ich. »Und es kam einfach alles zurück?« Lady Ty hob die Schultern. »Kann sein, dass ich die Schwangerschaftsstreifen vernachlässigt habe.« »Hat er es gemerkt?« »Ich weiß es nicht. Wenn man verheiratet ist, gewöhnt man sich so aneinander, dass man immer nur sieht, was man zu sehen erwartet.« »Kann Beverley sich älter aussehen lassen?«, fragte ich und dachte an ihre Schwester Nicky, die angeblich neun Jahre alt war und vielleicht einen Menschen auf trockenem Land ertränkt hatte. »Und Nicky?« »Dafür gibt es keine Anleitung, Peter. Keine Selbsthilfegruppe mit einer Tumblr-Seite und leicht zugänglichem FAQ-Forum. Ich bin die Älteste, das heißt, bei mir passiert alles zuerst – natürlich. Und ich bin es, die alle Fehler machen muss. Mein erster war, zu glauben, dass ich menschlich wäre und ein menschliches Leben führen könnte.« Etwas Kaltes schien sich um meine Brust zu schließen. Es musste mir anzusehen sein. »Ich werde meine Kinder überleben, Peter«, sagte sie. »Und die Kinder meiner Kinder. Sollte nicht etwas radikal Unvorhergesehenes passieren, dann werde ich alle überleben, die ich liebe, außer meinen Schwestern und meiner Mutter.« Sie machte eine seltsame Kopfbewegung. »Ich bin hier, weil ich meiner Schwester diesen Schmerz ersparen will. Machen Sie daraus, was Sie wollen.« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also sagte ich nichts. »Werden Sie wenigstens darüber nachdenken, was ich Ihnen jetzt erzählt habe?« »Wer hat den Heckenschützen erstochen?«, fragte ich. »Wissen Sie’s?« Sie erstarrte kurz und nahm dann noch einen Schluck Wein. »Haben Sie eine Theorie?«, fragte sie zurück. »Ich würde sagen, es war der selige Sir William Tyburn. Sie wissen, von wem ich rede?« »Der Sohn des alten Vater Themse.« Sie sagte es so förmlich, als wollte sie einen Geist beschwören oder einen Richter vorstellen. Ich wartete, aber sie nippte weiter an ihrem Wein und sah mich nur über den Glasrand hinweg an. »War er es?« Lady Ty zuckte die Schultern. »Ist er irgendwie mit Ihnen verbunden? Auf spiritueller Ebene?« Sie schnaubte in ihren Wein, setzte das Glas ab und hielt sich die Hand vor Mund und Nase. »Spirituell, Peter? Es fällt Ihnen wohl schwer, das mit Ihren rationalen Schemata zu vereinbaren, was?« »Nur weil mir nie jemand eine klare Antwort gibt.« »Das liegt daran, dass niemand es genau weiß. Es ist wie mit den Wirtschaftswissenschaften. Jeder hat eine Theorie, und manche Leute machen die zu ihrer Religion.« »Ist er ein Teil von Ihnen oder nicht?«, fragte ich lauter als beabsichtigt. »Ich muss es wissen.« Lady Ty schnaubte wieder. Also hob ich trotzig mein Weinglas und leerte es auf einen Zug. Dann nahm ich die Flasche und schenkte mir den Rest ein. »Hier. Jetzt sind wir quitt.« »Sie und Bev passen so gut zusammen. Wie schade, dass Sie sich so schnell abnutzen werden.« Sie seufzte. »Na gut. Er ist da – Seine Hochwohlgeboren William Tyburn. Wie eine Erinnerung, oder eine Geschichte, die ich mir als Kind ausgedacht und so oft erzählt habe, dass sie in gewisser Weise wahr wurde. So real wie das Foto eines Großvaters, der starb, bevor ich geboren wurde.« »Hat er den Heckenschützen getötet?« »Also, ich war’s nicht, das stelle ich hiermit ein für alle Mal klar. Wussten Sie, dass ich mit der Public Policy Foundation schon zu tun hatte? Sie hat eine Studie über den zunehmenden Personenschiffsverkehr auf der Themse durchgeführt. Ich war bestimmt bei einem halben Dutzend Meetings und Vorträgen, aber Martin Chorley habe ich da kein einziges Mal getroffen.« »Er ist Ihnen aus dem Weg gegangen. Er wollte nicht, dass Sie ihn erschnüffeln.« Sie lächelte böse. »Ich hätte ihn fast gehabt, wissen Sie? Ich hätte den kleinen Scheißer ertränkt, wenn die verdammten Amerikaner nicht dazwischengekommen wären.« Sie runzelte die Stirn. »Was haben Sie eigentlich mit denen gemacht?« »Warum interessiert Sie das?« »Mein überentwickeltes Verantwortungsbewusstsein.« »Morgen lassen wir sie zurückfliegen.« Man hatte irgendeinen Deal mit ihnen gemacht, aber uns hatte man natürlich keine Details verraten. »Ein paar Scheine für den schönen Schein«, hatte Seawoll gesagt, als ich ihn gefragt hatte. Ich fragte auch Agent Kimberley Reynolds, als ich mich am Militärflughafen Brize Norton von ihr und ihren Schützlingen verabschiedete, aber sie sagte, das könne sie mir leider nicht sagen. Sie wiederum fragte, ob wir alle Sachen von der eBay-Liste der NSA gefunden hätten. Ich erzählte ihr nicht, dass Lady Helena mit der dritten Principia davonspaziert war, erwähnte aber, dass die Mary-Maschine leider noch vermisst wurde. »Wir wissen nicht mal, ob sie mit in dem Auto war. Du hast sie nicht zufällig?« »Wiegt die nicht mindestens hundert Kilo?« Und sie bot mir an, ich könne gern ihr Gepäck tragen. Wir beschlossen, weiter in Kontakt zu bleiben, und ich versprach, ihr ein paar Bücher zu schicken. Ich fragte, wie wir unsere Gespräche privat halten könnten. Sie lachte nur. »Was schlägst du vor – einen magischen Dekodier-Ring? Sag einfach nichts, wovon du nicht willst, dass die NSA es erfährt.« Ich fügte der langen Liste kurzweiliger Dinge, die das Folly mal in Angriff nehmen sollte, hinzu: Beziehungen zu Magiepolizeieinheiten anderer Länder aufbauen. Und dann war da noch dieser hakennasige Mistkerl, der einfach nicht den Mund halten wollte. Früh am nächsten Morgen fuhr ich zur London Bridge und stellte mich ungefähr in der Mitte ans Geländer, den Rücken zum Fluss. Schon jetzt um sechs Uhr eilte in der Dunkelheit die arbeitende Bevölkerung an mir vorbei, die Köpfe zwischen die Schultern gezogen, die Hände in den Taschen vergraben oder um den Griff eines Regenschirms geklammert, um den kalten Nieselregen abzuhalten. »Du nervst mich jetzt schon seit Jahren«, sagte ich. »Du willst reden? Okay, lass uns reden.« Ein paar Leute schauten mich komisch an. Die Mehrheit glaubte vermutlich, dass ich per Headset telefonierte. Manche machten natürlich einen großen Bogen um mich, aber das hätten sie wohl auch getan, wenn ich geschwiegen hätte. »Weißt du, die Sache ist die, ich lebe noch«, sagte ich. »Martin Chorley hätte mich bei dem Kampf in der Garage mehrere Male umbringen können. Ach was, schon bei Phoebe hätte er mich umbringen können. Er behauptet, er hätte eine Vereinbarung mit Lesley, die er nicht brechen will. Aber weißt du was? Ich glaube, da ist mehr dran. Weil es mindestens ein halbes Dutzend Möglichkeiten für ihn gegeben hätte, mich um die Ecke zu bringen und dann zu sagen: Oh, sorry, dumm gelaufen, kann nichts dafür. Aber er hat es nie gemacht. Was bedeutet, dass er sich nicht traut, Lesley zu verärgern, und das heißt, sie ist ihm nicht nur wichtig. Sie ist für seine Pläne unentbehrlich.« Und da war es – ganz schwach, wie ein Furz in einem Nobelrestaurant. Das misstönende Bimmeln der Glöckchen, das Rascheln des Flickenanzugs und das Fragment eines vertrauten Reims: Er lebt, solang’s geht, unbekümmert; und wenn er stirbt – na, dann gibt’s ihn halt nimmer. »Zugang zur Schwarzen Bibliothek kann es nicht sein«, sagte ich. »Schließlich hat sie selbst keine Möglichkeit mehr, ins Folly zu kommen. Sie wird magisch immer besser, aber wahrscheinlich fände er problemlos einen Ersatz, wenn er einen bräuchte. Zur Not könnte er selbst einen von Grund auf ausbilden. Und einen psychologischen Vorteil kann er sich von ihr auch nicht versprechen. Weil, na ja, ich würde vielleicht zögern, wenn es hieße: Lesley oder ich. Aber glaub mir: Nightingale nicht.« Der Strom der Fußgänger über die Brücke wurde dichter, bis um mich ein steter, eiliger Fluss von Menschen wogte. »Also hab ich mich gefragt: Was ist an Lesley so besonders? Außer all dem, was ich an ihr für besonders halte? Und weißt du was? Jetzt musst du bestimmt lachen … Die Antwort ist: Du. Oder? Irgendein besonderes Wissen, das sie besitzt, seit du in ihrem Kopf warst. Oder vielleicht eine Verbindung zu dir. Ist es das? Eine Verbindung?« Da – eine Stimme, wie ein Säuseln in meinen Ohren. Hätt’ ich all die Frauen vom alten König Sol, ich würd’ sie alle töten für meine hübsche Poll. »Pass bloß auf, Alter«, sagte ich. »Wir sind noch nicht fertig miteinander, wir zwei.« Von der Stadt her glaubte ich Gelächter zu hören. Aber das war vielleicht nur der Verkehrslärm. Danksagungen Ruth Goldsmith und Harry Shapiro von DrugScope, Nial Boyce von Lancet Psychiatry, Bob Hunter, ehemals bei der Metropolitan Police, heute scharfsichtiger Detektiv und höllisch guter Dudelsackspieler. Andrew Cartmel, der mich unermüdlich davon abhält, mich zum Narren zu machen, und James Swallow, der mir unermüdlich zuhört, wenn ich mal wieder von völlig imaginären Leuten erzähle. Simon und Gillian, einfach weil sie mich weitermachen lassen. John dafür, dass er nicht geschrien hat, selbst als er einen Grund dazu hatte. Und Anne Hall für ihre Ruhe. Nightingales kleiner Beweis französischer Bildung stammt aus Le Lys Rouge (Die rote Lilie) des Nobelpreisträgers Anatole France und bedeutet übersetzt in etwa: »Die majestätische Gleichheit des Gesetzes verbietet es Reichen und Armen gleichermaßen, unter Brücken zu schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.« Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ›Doctor Who‹ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. www.ben-aaronovitch.de In seinem sechsten Fall muss der Londoner Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant … … ein verschollenes Buch finden, … einen verdächtigen Todesfall auf einer Party der Reichen und Schönen Londons aufklären, … versuchen, es sich dabei nicht völlig mit Lady Tyburn zu verscherzen, … vermeiden, vom gesichtslosen Magier ins Jenseits befördert zu werden, … sich mit einem Haufen rauflustiger Amerikaner herumschlagen, die zu viel ›24‹ gesehen haben. Außerdem warten die Lateinvokabeln. Und – Lesley ist zurück. Kurz: Peter bietet sich die einzigartige Gelegenheit, es sich mit alten Freunden zu verderben und sich dabei jede Menge neuer Feinde zu machen. Immer vorausgesetzt, er überlebt die kommende Woche. Deutsche Erstausgabe 2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München © 2016 Ben Aaronovitch Titel der englischen Originalausgabe: ›The Hanging Tree‹ (Gollancz, London) © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München Umschlaggestaltung: Lisa Höfner/dtv unter Verwendung eines Bildes von akg-images Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. eBook-Herstellung im Verlag (01) eBook ISBN 978-3-423-42984-9 (epub) ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21668-5 Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/ebooks