Inhaltsverzeichnis Cover Inhalt 1 Ceci n'est pas un métro 2 Der Postreiter von Neasden 3 Der Geist des französischen Leutnants 4 Das Schulmädchen von Harrow 5 Der kleine Wassermann 6 Der Geisterfänger 7 Der polnische Barista 8 Der Palast des Meisters 9 Die Tochter des Flüchtlings 1 Ceci n’est pas un métro Jaget erzählte, er hätte eine Fernsehdoku darüber gesehen, wie Menschen das Fährtenlesen lernen. »Also, nicht Weiße, ja?«, sagte er. »Die Leute, die im Busch aufwachsen.« Ganz konkret das südafrikanische Volk der !Xun, allerdings konnte Jaget den Klicklaut nicht aussprechen, bis ich es ihm beibrachte. Ich kann’s auch nur, weil ich einst den romantischen Traum hegte, nach Südafrika auszuwandern, und es mir von jemandem beibringen ließ. Seither hatte ich es zehn Jahre nicht mehr geübt, was bedeutete, dass wir es wahrscheinlich beide völlig falsch machten. Die anderen Passagiere schauten uns jedenfalls ziemlich komisch an, vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass wir beide in Uniform waren. Also, Sergeant Jaget Kumar stolziert ja die ganze Zeit in Uniform herum, um Terroristen, Taschendiebe und Leute, die zu laut Musik hören, besser in Schach halten zu können. Ich hingegen kann normalerweise ganz gut ohne meine stichsichere Metvest leben. Vor allem in der U-Bahn zur morgendlichen Rushhour Ende Juli, wenn in den Läden Mineralwasser zum Megaseller wird. Die S8-Züge sind zwar angeblich klimatisiert, aber bemerken tut man davon wenig bis gar nichts. Wobei es erstaunlich ist, wie einem so eine Polizeiuniform selbst in der vollsten U-Bahn gute zehn Zentimeter persönlichen Freiraum verschafft. Die anderen Fahrgäste kriechen sich buchstäblich gegenseitig in die Achselhöhlen, um dich nur ja nicht zu berühren. Vielleicht glauben sie, das bringt Unglück oder so was. »Also«, sagte Jaget. »Die Buschleute lernen das Fährtenlesen von klein auf, ja? Sobald sie laufen können, nehmen die Väter sie mit raus und zeigen es ihnen, und wenn sie erwachsen sind, sind sie Topspezialisten. Da war so ein Junge, der musste einen Wildwechsel nur anschauen und konnte dir sämtliche Viecher aufzählen, die in den letzten Tagen da langgekommen waren.« »Woher wussten die, dass er sie nicht anschwindelt?« »Was?« »Na, das Filmteam«, sagte ich. »Woher wussten sie, dass es stimmt, was er sagte? Vielleicht hatte er das alles komplett erfunden.« »Warum sollte er?« »Weil da ’ne Horde Typen mit Kohle und Kameras um ihn herumstand und er sich dachte, das wollen sie bestimmt hören?« »Also, ich fand’s glaubhaft.« Ich sagte, ich hätte ein paar Nächte lang eine Wildkamera aufgestellt, dann hätte man die Aussage des Jungen mit den Aufnahmen abgleichen können. Jaget meinte, darum gehe es doch gar nicht. »Worum dann?« »Dass Abigail vielleicht deshalb besser im Geisteraufspüren ist als du, weil du sie die letzten Jahre nur das hast machen lassen. So etwa zehntausend Stunden lang.« »Sie hat auch noch andere Sachen gemacht.« »Was denn?« »Weiß ich nicht«, sagte ich. »Und das macht mir irgendwie Sorgen.« In diesem Moment entstand weiter hinten im Zug Unruhe. Ein schöner lauter Schrei wäre uns noch lieber gewesen, aber nach zwei Stunden in der U-Bahn zur Stoßzeit war uns alles recht. »Na endlich«, sagte Jaget. Selbst in Uniform brauchten wir gute fünf Minuten, um uns ans Wagenende durchzudrängen. Als wir im fraglichen Bereich ankamen, taten dort alle hingebungsvoll so, als wäre nichts geschehen. Ich merkte mir die Gesichter der Umstehenden, falls sie später noch wichtig wurden, und nahm dann die junge weiße Frau im blauen Kostüm aufs Korn, die neben der Tür am Ende des Zuges saß. Sie fiel mir deshalb auf, weil erstens ihr Gesicht etwas gerötet war und sie uns zweitens ständig verstohlene Blicke zuwarf, um sich gleich darauf wieder wahnsinnig für ihren Kindle zu interessieren. Jaget und ich gingen daran, einschüchternde Präsenz zu zeigen, bis um uns herum genug Platz war, dass ich in die Hocke gehen und sie in meinem besten nicht-bedrohlichen Ton fragen konnte, ob alles in Ordnung sei. Falls es Sie interessiert, dieser freundliche, leutselige Singsang mit beruhigender lokaler Note (in meinem Fall Cockney) ist wohlbedacht. Wir üben das vor dem Spiegel. Es dient dazu, Ihnen zu suggerieren, dass wir total nette, kundenorientierte moderne Polizisten sind, deren absolute Priorität es ist, Ihr persönliches Wohl zu sichern … die aber trotzdem nicht verschwinden werden, bevor Sie nicht den Mund aufgemacht haben. Sorry, so ticken wir nun mal. Ich überließ dann aber Jaget das Feld, weil es sich technisch gesehen um sein Terrain handelte, vor allem, falls es sich als ganz ordinäre sexuelle Belästigung herausstellen sollte. Er entlockte ihr erst einmal ihren Namen: Jessica Talacre, vierundzwanzig, PR-Frau bei einem kleinen technischen Verlag in der Charterhouse Street. »Waren Sie das, die gerade geschrien hat?«, fragte er. »Ich bin nur erschrocken.« Sie verschränkte die Arme. »Jemand hat mich angerempelt.« Jaget ließ den Blick über die Umstehenden und -sitzenden wandern. »Jemand von diesen Leuten?« »Ist schon gut«, sagte sie. »War sicher keine Absicht.« »Aber es war niemand von den Leuten hier, oder?«, fragte ich. Jessica Talacre sah mich scharf an. »Wieso denken Sie das?« »War etwas an der Person merkwürdig?«, fragte ich zurück. »Außer dass es ein Geist war?« Sie blickte trotzig und dann ein bisschen besorgt, ob wir vielleicht Zwangsjacken dabeihatten. »Was bringt Sie zu der Annahme, dass der Betreffende ein Geist war?«, fragte ich. »Na, dass er sich vor meinen Augen in nichts aufgelöst hat.« Ich zog mein Notizbuch heraus und fragte, ob sie ihn beschreiben könne. »Moment mal«, sagte sie. »Sie glauben mir?« Seit einiger Zeit waren gehäuft Hinweise eingegangen, dass auf der Metropolitan Line Geister unterwegs waren. Was Jaget pflichtschuldig an mich weitergab, weil für störende Gruselfaktoren die Einheit Spezielle Analysen zuständig ist, auch bekannt als Folly oder »die verdammten Spinner«. Da die ESA eine eher kleine operative Kommandoeinheit ist, bestehend aus Detective Chief Inspector Nightingale und mir, und da sich kein Inspector frühmorgens aus dem Bett bequemt, wenn es nicht mindestens um eine Leiche in der Bibliothek geht, dürfen Sie nur zweimal raten, wer für das Aufnehmen der meisten Fälle zuständig ist. Als ich Jaget zum ersten Mal begegnete, arbeitete er bei der Abteilung London Underground der British Transport Police. Vor kurzem hatte diese sich neu organisiert und ihn in die protzige Zentrale in Camden versetzt, mit höchsteigenem Büro. Er war nun direkt dem Chief Constable unterstellt und auf dem Papier eine Art mobiler Troubleshooter, in Wirklichkeit aber dafür zuständig, sich um Fälle von abstrusem Scheiß (sprich: Magie) in der U-Bahn zu kümmern. Schuld daran war seiner Meinung nach natürlich ich. »Wieso denn ich? Du bist doch so wild aufs Erforschen unterirdischer Gänge. Du bist aus völlig freien Stücken da reinmarschiert.« Immerhin gab er zu, dass seine Arbeit seit der Versetzung recht abwechslungsreich geworden war. Er zeigte mir auch sein brandneues Büro, von dem aus man einen hübschen Blick auf den Parkplatz und den Kanal gehabt hätte, wenn nicht die Jalousien ständig hätten geschlossen sein müssen, damit keiner reinschauen konnte. »Die breite Öffentlichkeit muss ja nicht mitkriegen, was wir den ganzen Tag so anstellen«, sagte er und überreichte mir einen gelben Ordner voller Papiere. Heutzutage schickt man sich auch bei der Polizei Dokumente normalerweise als Mailanhang, aber im Folly wird bevorzugt auf die gute alte Art gearbeitet. Nur für den Fall, dass unsere Mails geleakt werden, außerdem ist erst die eine Hälfte unserer Belegschaft schon im 21. Jahrhundert angekommen. »Das hier hab ich von Project Guardian bekommen«, erklärte Jaget. »Mit der Bitte um meinen Rat.« Project Guardian war eine gemeinsame Initiative von BTP, Transport For London, der Met und der City Police gegen sexuelle Belästigung und aggressives Verhalten im öffentlichen Nahverkehr. Eines ihrer Ziele war, eine höhere Meldungsrate für solche Delikte zu erreichen, was bedeutete, dass man den Opfern das Gefühl vermitteln musste, sie ernst zu nehmen. Wenn also gleich mehrere Anzeigen wegen Belästigung durch »einen Typen, der gar nicht da war« hereinkommen, wirft man die gefälligst nicht in die Tonne. Sondern gibt sie bitteschön an diejenigen weiter, die für genau solche Abstrusitäten zuständig sind, Jaget und mich. »Ein Typ, der gar nicht da war?«, fragte ich. Es waren zwei Meldungen von Männern und fünf von Frauen, die entweder den Notruf oder die Hotline von Project Guardian angerufen hatten. Sie gaben an, betatscht, beschimpft und in einem Fall rassistisch beleidigt worden zu sein. »Alle auf der Metropolitan Line«, bemerkte Jaget. So richtig abstrus wurde es bei der Nachverfolgung der Angelegenheit. Als Project Guardian sich bei ihnen meldete, bestritten alle sieben Opfer, dass der Vorfall je stattgefunden hatte, und zeigten sich überrascht bis genervt, dass die Polizei etwas von ihnen wollte. Nun kommt es zwar ständig vor, dass Zeugen und Opfer ihre Meinung ändern, vor allem bei Gewalt- und Hasskriminalität. Aber hier lag definitiv ein Muster vor. Ich fragte mich, ob sie eingeschüchtert worden waren. »Gab es noch weitere Folgemaßnahmen?«, wollte ich wissen. »Project Guardian war besonders bei Amirah Khalil besorgt, wegen des rassistischen Aspekts.« Jaget zeigte mir das Protokoll ihres Notrufs. Die relevanten Stellen waren markiert. ANRUFER: Er hat mich dreckiges Sarazenenweib genannt und sich total irre benommen. Ich hab Angst, dass er [unverständlich] zurückkommt. Er hat mich bedroht, da war … [VERBINDUNG AUF ANRUFERSEITE ABGERISSEN] »Wir glauben, dass ihre U-Bahn in diesem Augenblick in den Tunnel nördlich von Baker Street einfuhr«, erklärte Jaget. »Sie hat sich nicht wieder gemeldet.« Aber weil die Frau vom Handy aus angerufen hatte, fand Project Guardian problemlos ihren Namen heraus und fast ebenso schnell ihre Wohnadresse in Watford. Dort bestritt sie wenig später, dass ein solcher Vorfall je stattgefunden oder dass sie die Polizei angerufen hatte. »Ich hab mit den Jungs geredet, die sie befragt haben. Denen kam es wirklich so vor, als hätte sie keine Erinnerung an den Anruf.« Ich betrachtete das Foto von Amirah Khalil. Rundes Gesicht, dunkle Augen. Ihre Familie stammte aus Ägypten, aber sie war hellhäutig genug, um als Italienerin oder Spanierin durchzugehen. Sarazenenweib, komische Beleidigung. »Hatte sie in der U-Bahn einen Hijab oder ein Kopftuch an?« »Wegen der Sarazenin, meinst du? Bei der Befragung trug sie einen Hijab. Daher auch die besondere Sorge.« Auch einen zweiten Anzeigenerstatter hatte Project Guardian persönlich aufgesucht, einen Jonathan Pickering, Grove Avenue, Pinner. Mr. Pickering war äußerst zeitnah befragt worden, zwei Beamte der BTP hatten sich auf seine eigene Bitte hin nur zehn Minuten nach seinem Anruf an der Station Finchley Road mit ihm getroffen. Nach der Schilderung der Beamten hatte Mr. Pickering recht vage und unsicher auf die Frage geantwortet, warum er an der Finchley Road ausgestiegen war, und als sie seine Aussage aufnehmen wollten, stritt er ab, dass überhaupt etwas vorgefallen war. Daraufhin zeigten sie ihm seinen gespeicherten Anruf. Mr. Pickering behauptete, sich nicht an diesen erinnern zu können, und reagierte überrascht und ungläubig, als er in seiner eigenen Anrufliste die Notrufnummer fand. Ich las das Protokoll seines Notrufs durch. Mr. Pickering gab klar und deutlich an, er sei von einem »komischen Kerl« belästigt worden, der ihn einen »Zigeuner« nannte und verlangte, er solle »sich gefälligst gerade hinstellen«. Im Protokoll war eine zwei Sekunden lange Pause verzeichnet, dann war zu hören, wie Mr. Pickering andere Passagiere fragte: »Sie haben das doch auch gesehen? Haben Sie das mitbekommen? … Verdammt, es kann doch nicht sein, dass Sie das nicht gesehen haben!« Mr. Pickering war Programmierer bei einer Softwarefirma in der Nähe des Kreisverkehrs an der Old Street; anders als Ms. Khalil hätte er in King’s Cross umsteigen müssen. Die genaue Fahrtroute war also wohl nicht entscheidend. »Und, was meinst du?«, fragte Jaget. Ich sagte ihm, mit dem »Sarazenenweib« hätte er mich definitiv gekriegt. Ich würde die Akte mitnehmen, eine vorläufige Falcon-Einschätzung vornehmen und am nächsten Tag wieder vorbeikommen. »Vorläufige Falcon-Einschätzung?«, fragte er. »Ja, auch wir im Folly schöpfen die Potenzialität moderner Polizeiarbeit voll aus.« Auch wenn unser Ablagesystem zur Gänze von der (vorletzten) Jahrhundertwende stammte. Die Schriften über Geister verteilten sich über zwei separate Bibliotheken, diverse ohne erkennbares System abgeheftete Berichte von Zauberern und Bezirkspraktizierenden ab dem 18. Jahrhundert und eine Karteikartensammlung, die mir verdächtig unvollständig vorkam, als hätte derjenige, der sie angelegt hatte, mittendrin entnervt aufgegeben. Zum Glück stand mir jedoch eine dieser nützlichen, vielseitig einsetzbaren Bürokomponenten unserer Tage zur Verfügung: die unbezahlte Schulpraktikantin in Gestalt meiner minderjährigen Cousine Abigail Kamara. Die, da jetzt Sommerferien waren, davon abgehalten werden musste, Blödsinn anzustellen. »Was für ein Gespenst ist es denn?«, fragte sie. »Wir wissen noch nicht, ob es überhaupt eins ist«, sagte ich. »Keine vorschnellen Annahmen, bitte.« Sie verdrehte die Augen, um anzudeuten, dass hier nur einer vorschnelle Annahmen machte, und zwar nicht sie. Ihr schmales Gesicht konnte einen Ausdruck derart streitlustiger Skepsis annehmen, dass ihre Lehrer schworen, dies selbst dann noch zu spüren, wenn sie sich im Lehrerzimmer versteckt hatten. Diesem Gesichtsausdruck plus ihrer Sturheit und dem alltäglichen unterschwelligen Rassismus hatte sie es zu verdanken, dass sie in ständiger Gefahr schwebte, von der Schule zu fliegen. »Sie ist so aufsässig«, sagte mir eine ihrer Lehrerinnen, konnte auf meine Nachfrage hin aber nicht präzisieren, worin genau diese Aufsässigkeit bestand. »Ich weiß es nicht«, jammerte sie. »Sie sitzt da und starrt einen an, und die ganze Stundenvorbereitung löst sich in Luft auf.« Mein Boss Nightingale, der ihr Lateinunterricht gab, hatte keine solchen Probleme. »Wenn nur all meine Schüler so fleißig wären«, pflegte er zu bemerken, was ich ein bisschen unfair fand angesichts der Tatsache, dass ich sein einziger weiterer Schüler war. Abigail musste schließlich nicht nebenher in Vollzeit bei der Polizei arbeiten oder zaubern lernen. Wobei ich befürchtete, dass es mit dem Zaubern nicht mehr lange dauern würde. »Es muss Ihnen doch damals klar gewesen sein, dass sie unweigerlich in die Lehren und Künste eingewiesen werden muss«, sagte Nightingale. »Ich hatte gehofft, das könnte warten, bis sie wenigstens achtzehn ist«, sagte ich. Insgeheim hatte ich eher gehofft, sie würde bis dahin das Interesse verlieren … aber versprochen ist versprochen, oder, wie Nightingale so schön sagt: »Entweder Sie stehen zu Ihrem Wort, oder es ist wertlos.« Die Zauberei ist mühsam zu erlernen, kompliziert und birgt ernste Risiken. Aber sie sich in Eigenregie beizubringen endet fast unweigerlich tödlich. Und so wie ich Abigail kannte, würde sie im Zweifelsfall genau das versuchen. Also würden wir uns irgendwann mit ihren Eltern hinsetzen und ihnen erklären müssen, dass wir ihrer Tochter das Zaubern beibringen wollten. »Ist das gefährlich?«, würden sie fragen. »Oh, lebensgefährlich bis tödlich, aber wenn sie’s nicht von uns lernt, wird sie sich ziemlich sicher beim Herumprobieren umbringen, noch bevor sie sechzehn ist.« Das war so ein Gespräch, auf das ich mich schon richtig freute. Eine schöne gründliche und vermutlich sinnlose Suche in den Archiven war genau das Richtige, um diesen Tag des Schreckens noch etwas hinauszuzögern. Während Abigail sich die Karteikarten vornahm, pinnte ich eine Karte von Nordwestlondon an die Wand des Lesezimmers im ersten Stock und markierte die Metropolitan Line sowie die Orte, die in den Meldungen erwähnt wurden. Die Metropolitan Line startet bei Aldgate im Herzen Londons, strebt von dort aus nach Nordwesten bis weit über die M25 hinaus und verliert sich erst kurz vor den Chiltern Hills. Ursprünglich war sie als Bahnlinie von den Midlands nach Paris geplant, mit kleinem Zwischenstopp in London zum Shoppen. Dass an ihr entlang stattdessen ein substanzieller Teil des modernen London entstehen würde, war eine zufällige Nebenwirkung, aber die Geschichte meiner Stadt besteht seit Anbeginn aus einer Abfolge zufälliger Nebenwirkungen, fragen Sie nur mal Boudicca. Ans Tageslicht kommt die Linie bei Baker Street, dann macht sie einen Satz über die Jubilee Line, erreicht in nur zwei Stationen Wembley Park, kreuzt die North Circular und eilt so schnell wie möglich auf den Grüngürtel zu, wobei sie bloß eine flüchtige Pause einlegt, um sich zu teilen und ein paar Schlafstädte aus dem Boden schießen zu lassen, damit die Londoner Mittelschichts-Nullbockgeneration was hat, wogegen sie sich auflehnen kann. Dann kommt Rickmansworth und damit das Grauen, die letzten Ausläufer der Stadt bleiben zurück, und die U-Bahn-Linie verschwindet in den grünlich schimmernden Nebeln Buckinghamshires. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag ländliche Gebiete. Tatsächlich sind einige meiner besten Freunde landschaftliche Gegebenheiten. Nur ist die Polizeiarbeit dort draußen wirklich scheußlich vertrackt. Zum Glück für mich hatten sich alle sieben Vorfälle aus Jagets Akte zwischen Baker Street und Wembley Park abgespielt. Und ja, übernatürlich waren sie definitiv, dieses Gedächtnisschwund-Phänomen kannte ich bereits. Dr. Walid hat die These aufgestellt, dass Menschen unter bestimmten magischen Einflüssen möglicherweise eine andere Art von Neurotransmittern als normalerweise produzieren, ähnlich denjenigen, von denen man annimmt, dass wir sie im Schlaf generieren. In beiden Fällen gehen Kurzzeiterinnerungen nicht ins Langzeitgedächtnis über, deshalb vergessen wir auch nach dem Aufwachen unsere Träume. Ich rief ihn an. Alles, was er beitragen konnte, war der Vorschlag, den nächsten Zeugen möglichst schnell zu erwischen, solange dieser vielleicht noch genauere Erinnerungen hatte. »Wenn es ähnlich funktioniert wie das Erinnern an Träume«, sagte er, »könnte das Erzählen davon helfen, es im Langzeitgedächtnis zu verankern.« Sein Herzenswunsch wären wie üblich Blutproben gewesen, aber wir müssen immer wieder feststellen, dass es der Bevölkerung erstaunlich widerstrebt, der Polizei ihre Körpersäfte zur wissenschaftlichen Untersuchung zu überlassen. Noch einmal ging ich die Meldungen durch in der vergeblichen Hoffnung, dass mir etwas Neues auffallen würde. Dann begab ich mich zum Tee ins Atrium hinunter. Molly hatte etwas gebacken, was einem Bananenkuchen ähnelte, nur waren Rosinen darin. Sie experimentierte wieder, wir vermuteten, unter dem Einfluss der Fernsehsendung The Great British Bake Off. Beim Tee holte Abigail ihr Notizbuch heraus und begann darin zu blättern. Ihr erstes Notizbuch hatte ich ihr vor vielleicht einem Jahr geschenkt; dieses hier war bestimmt schon Nummer zehn. Genau konnte ich es nicht sagen, weil sie niemandem erlaubte hineinzuschauen, und ihrem Dad zufolge bewahrte sie sie in ihrem Zimmer in einem verschließbaren Kasten auf, den er für sie gemacht hatte. Ihr Dad ist Gleisbauer, das heißt, wenn er was baut, dann ist das zu solide, als dass ich mal kurz reinlinsen könnte. Nightingale bekäme das Ding wahrscheinlich mit einem Fingerschnippen auf, aber den brauchte ich erst gar nicht zu fragen, er würde das als eines Gentleman nicht würdig erachten. Und es war sinnlos, ihn darauf hinzuweisen, dass wir nicht nur Gentlemen, sondern auch Polizisten waren, denn Nightingale hat eine sehr klare Vorstellung davon, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Ich hoffe, eines Tages erklärt er mir mal, wo genau diese Linie verläuft. Sobald wir mal nicht hinschauen, zieht Abigail los und bringt sich in Schwierigkeiten, das weiß ich genau. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie vergangenen Sommer in eine Geschichte mit ein paar vermissten Jugendlichen verwickelt war. Und ganz offensichtlich hält irgendein hohes Tier im Home Office eine schützende Hand über sie, auch wenn Lady Ty Stein und Bein schwört, dass sie nichts damit zu tun hat. »Auf dem Gebiet der Metropolitan Line«, erklärte Abigail in ihrem gestelztesten Tonfall, »gibt es eine Reihe von Spukerscheinungen an öffentlichen Orten sowie mehrere bestätigte Geister, von denen drei als ausgetrieben gelten.« Was das Austreiben von Geistern angeht, war das Folly viel weniger aktiv als man meinen sollte. Im achtzehnten Jahrhundert war man dort eher darauf aus, sie zu studieren, und die Viktorianer wiederum hatten Sorge, es könnte sich um irrende menschliche Seelen handeln, und überließen derartige Angelegenheiten lieber der Kirche. Abigail war der Ansicht, falls ein stinknormaler Pfarrer es je geschafft hatte, einen Geist auszutreiben, dann mit mehr Glück als Verstand. Aber es hatte ein paar Pfarrer gegeben, die auch Praktizierende waren. Das Dasein als Landpfarrer war bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts anscheinend recht bequem und angenehm und hatte erstaunlich wenig mit Religion zu tun. »Es gab da zum Beispiel den Geist von Anne Naylor in Farringdon«, referierte Abigail. »Ermordet 1758 mit dreizehn Jahren, bekannt als Kreischender Geist.« Eine kurze Pause, dem Vielleicht-Bananenkuchen gewidmet. »Dann die berühmten Phantomfußabdrücke zwischen Baker Street und St John’s Wood und Boudiccas Grabstätte in King’s Cross, du weißt noch?« Wir beide hatten mal eine Exkursion dorthin gemacht, auf Bahnsteig 10 des Bahnhofs King’s Cross, wo sich angeblich die letzte Ruhestätte der bemalten Kriegerin befindet. Gefunden hatten wir nichts, aber es hatte sich eine lebhafte Diskussion darüber entsponnen, wie praktisch oder unpraktisch es ist, die Räder von Streitwagen mit Klingen zu bestücken. Wir waren so darin vertieft, dass eine elegante weiße Frau mittleren Alters, die offenbar auf einen Zug wartete, mir dazu gratulierte, was für ein hervorragender Vater ich sei, dass ich in meiner Tochter Interesse für die britische Geschichte weckte. »Prima machen Sie das«, sagte sie. Und an der Finchley Road gab es ein paar beglaubigte Gespenster vom Typ »wiederkehrende Ganzkörpermanifestation«, die aber nur erschienen, wenn man sie mit Magie fütterte. Was wir eines verregneten Sonntags gemacht hatten, als Abigail besonders zappelig und ich zu faul war, um mir etwas Besseres auszudenken. »Ich finde, wir sollten uns die Sache mal anschauen«, schloss sie. Also rief ich Jaget an und bat ihn, den betreffenden Kontrollraum zu informieren, dass wir diesen Abend unterwegs sein würden. Dann besorgten wir uns bei Molly ein Vesperpaket, schlenderten nach King’s Cross und nahmen die Metropolitan Line. Wir hatten gewartet, bis der schlimmste Teil der Stoßzeit vorbei war, trotzdem war es proppenvoll bis Wembley, wo wir ausstiegen, um in die Gegenrichtung zurückzufahren. Wir warteten ganz am Anfang des Bahnsteigs, damit Abigail genug Zeit hatte, die Zugnummer des einfahrenden Zuges zu notieren. Die Züge vom Typ S8 Bombardier sind komplett durchgängig ohne lästige Türen zwischen den Waggons. Dadurch erhöht sich nicht nur die Anzahl der möglichen Passagiere, auch Polizisten, Schwarzfahrer und Taschendiebe profitieren signifikant von der ungehemmten Sicht und Bewegungsfreiheit über die gesamte Zuglänge. Während der langen Etappe zwischen Wembley Park und Finchley Road spazierten wir einmal bis nach ganz hinten durch, suchten nach Vestigia und bemühten uns, dabei nicht allzu gestört zu wirken. An der Finchley Road stiegen wir aus, warteten auf den nächsten Zug und wiederholten die Prozedur auf der Fahrt bis Baker Street, wo wir die Fahrtrichtung wechselten und auf dem Rückweg nach Wembley das Ganze noch mal machten. Nach ein paar Hin- und Herfahrten gönnten wir uns in Finchley eine Vesperpause. Unser Vesper entpuppte sich als noch warme Steak-and-Kidney-Pastetchen, dazu ein recyceltes Marmeladenglas voller eingelegter Perlzwiebeln, die uns anzustarren schienen wie Augäpfel. Die Pasteten verdrückten wir, waren uns aber einig, dass es vermutlich ein öffentliches Ärgernis entsprechend der Polizeiverordnung von 2014 darstellen würde, die Zwiebeln in der Öffentlichkeit zu essen. In den Zügen waren uns tonnenweise Vestigia begegnet, leider lediglich von dem Typ Hintergrundrauschen, den wir »Betriebskulisse« nannten, gelegentliche Eindrücke von aufeinanderprallenden Metallteilen, barbusigen Pin-up-Girls, dem Drehen einer Kippe, Gerüchen nach Schmieröl, Schweiß, Dampf und Kartoffelchips mit Essig. Nichts, was sich nach ruhelosem Geist anfühlte. Wir überlegten gerade, ob es sich lohnen würde, noch ein paar Touren zu machen, da rief jemand meinen Namen. Über den Bahnsteig kam ein kleiner dunkelhäutiger Mann im blauen Hemd der U-Bahn-Angestellten auf uns zu. Er war der Typ Kraftpaket mit breiten Schultern und kurzen, muskulösen Beinen, und hatte eine mir so vertraute großspurige Gangart, dass ich sie noch vor seinem Gesicht wiedererkannte, das inzwischen von einer Malcolm-X-Brille und einem konservativen Fade Cut geziert wurde, der nicht dazu beitrug, seine Geheimratsecken zu verbergen. Sein Name war Dwain Fletcher, und auch wenn er älter aussah als ich, waren wir in der Schule im selben Jahrgang gewesen. Keine engen Freunde, aber wir kamen gut klar. Als ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte, verschwand er gerade vor dem Camden Palace unter einem Haufen Polizisten. Da waren wir fünfzehn gewesen. Später hörte ich, es habe ihn in den Jugendknast oder nach Kanada verschlagen oder etwas ähnlich Tragisches. Ich stand auf, und er umarmte mich kurz. »Kennst du mich noch, Bro?« Ich sagte ja, aber dass ich gehört hätte, er sei »weggegangen«, worunter man ja alles Mögliche verstehen konnte. »Nö, Alter. Bin seriös geworden.« Tatsächlich war er Stationsleiter bei der London Underground und vertrat momentan eine Kollegin in Elternzeit hier an der Finchley Road. Als er gehört hatte, dass ich in seinem Bereich unterwegs sein würde, hatte er per Überwachungskamera nach mir Ausschau gehalten. Ich fragte ihn, was er so getrieben hatte, weil ich keine Lust hatte, ihn polizeilich zu überprüfen. Er war damals anscheinend gerade so an der Jugendstrafe vorbeigeschrammt, aber seine Mum hatte ihn nach Jamaika zurückgeschickt in der erstaunlichen Hoffnung, dort werde er zur Vernunft kommen. So war es auch, wenn auch nicht aus den Gründen, die seine Mum sich vorgestellt hatte. »Die haben alle einen Knall dort«, erzählte er. »Also bin ich wieder hergekommen und aufs College gegangen.« Und heute hatte er den Job bei der Underground, eine Frau, zwei Kinder und eine Doppelhaushälfte in Redbridge. Er zeigte mir Fotos auf seinem Handy. Seine Frau war gemischter Herkunft und hatte ein ernstes Gesicht. Seine Kinder waren sechs und vier und wirkten schlitzohrig, aber auf nette Weise. Ich sagte ihm, es seien tolle Kinder, was Abigail veranlasste, hinter mir nicht sehr dezente Würgegeräusche von sich zu geben. Er fragte, ob wir wirklich auf Geisterjagd seien. Ich sagte ja. »Also, wie jetzt, offiziell?« »Offiziell geheim«, sagte ich, denn Diskretion wird bei uns großgeschrieben, zumindest im Kleingedruckten. »Ihr solltet lieber ein Stück weiter stadtauswärts suchen, in Pinner. Da geht der ganze Spukkram ab.« »Wer sagt das?« »Ach, alle. Streckengänger, Ingenieure, abergläubisches Volk.« Ich äußerte höfliche Skepsis, aber Dwain beteuerte, das sei Fakt. Ich sagte, wir würden es uns anschauen, und wir tauschten Telefonnummern aus und versprachen einander, mal zum Abendessen vorbeizukommen und den jeweiligen Anhang kennenzulernen. Dann stiegen Abigail und ich in den nächsten Zug zurück nach King’s Cross. Auf der Fahrt las Abigail sich ihre Notizen durch. »Es muss noch ’ne einfachere Methode geben, die Züge zu überprüfen«, überlegte sie. »Ja, wenn wir sie alle auf einem Haufen hätten«, sagte ich. »Wenn sie im Depot parken oder so.« 2 Der Postreiter von Neasden Auf der Metropolitan Line verkehren in den Stoßzeiten bis zu zweiundzwanzig Züge pro Stunde. Irgendwo müssen diese Einheiten (so der technische Begriff) für die Nacht abgestellt werden. Es sind achtundfünfzig Züge für die ganze Strecke, jeder ungefähr hundertzwanzig Meter lang, das heißt, das Depot muss eine gewisse Größe haben. Auf dem Weg nach Wembley Park kann man im Vorbeifahren einen Blick auf diese Enormität erhaschen, aber einen richtigen Eindruck von der schieren Größe des Areals bekommt man erst, wenn man mittendrin steht, Aug in Auge mit Tausenden Tonnen fahrbaren Materials, das dort ordentlich aufgereiht nebeneinandersteht. »Ganz schön viele Züge«, sagte ich. Die Depotleitung war nicht erfreut über unseren Besuch und ließ uns nur rein, weil wir Jaget mitgenommen und uns bereiterklärt hatten, Helme und Reflexwesten zu tragen und nicht auf eigene Faust auf Entdeckungstour zu gehen. Nightingale hatte einige Überredungskunst aufbringen müssen, bis sie halbwegs einsahen, dass wir etwas Privatsphäre brauchten, um ordentlich arbeiten zu können. Es endete in einem ziemlich unbehaglichen Kompromiss, der auch nicht unbedingt dadurch entschärft wurde, dass Jaget überhaupt keine Lust gehabt hatte mitzukommen. »Wir haben heute Fish-and-Chips-Abend«, brummte er finster. Fish-and-Chips-Abend war eine Kumar’sche Tradition, die auf die Anfänge von Jagets Beziehung zu seiner Frau zurückging. Sie hatten sich damals immer im letzten Fish-and-Chips-Imbiss in Wembley getroffen, der noch in englischer Hand war, weil dort garantiert kein Verwandter der einen oder anderen Seite reinschneien würde. »Und es war ein echt guter Laden«, erzählte Jaget, wobei sie natürlich einige einschlägige Zutaten hatten einschmuggeln müssen, damit es nicht ganz so fade schmeckte. »Der hat aber schon vor ein paar Jahren dichtgemacht. Heute ist so eine Sandwichbude drin, glaube ich.« Ich fragte, was ihre Verwandten gegen ihre Beziehung hätten einwenden können. Jaget erklärte, darum sei es nicht gegangen. »Unsere Familien waren sowieso schon weitläufig miteinander verwandt und verschwägert, und als sie es rausfanden, überschlugen sie sich praktisch vor Freude. Wir beide wollten einfach in Ruhe ein bisschen Zeit miteinander haben, bevor sie uns packen und mit großem Trara in den Tempel schleifen konnten.« Und deshalb wurden bis heute einmal im Monat die Kinder zu den vermutlich noch immer freudestrahlenden Familien verfrachtet, und es fand ein gemütlicher Abend bei selbstgemachten Fish and Chips zu Hause statt. Bei Mrs Kumar würden wir in der nächsten Zeit nicht gut angeschrieben sein. »Jetzt hab ich auch Hunger gekriegt«, seufzte Abigail, deren Eltern ihre spätabendlichen Gespensterjagden inzwischen bemerkenswert entspannt hinnahmen. »Wir holen uns auf dem Weg was vom Äthiopier«, schlug ich vor. Es wurde dann aber doch ein gewöhnliches Kebab, das wir uns zu Gemüte führten, während wir darauf warteten, dass die Züge anrollten. Da die Londoner U-Bahn den ganzen Tag und bis spät in den Abend hinein fährt, müssen die tapferen Männer und Frauen in Reflexwesten, die sie in Schuss halten, die Nacht zum Tage machen. Überall im Depot wird nachts fieberhaft gehämmert, geschweißt und geschliffen, wenn man nicht so genau hinschaut, könnte man es für die Vorbereitungen für einen letzten verzweifelten Angriff auf den Todesstern halten. Zum Glück verfügten wir dank Abigail über eine Liste der Züge, die im fraglichen Bereich verkehrten, sowie über einen düster dreinblickenden Ingenieur namens Hiran, der wusste, wo selbige standen. Wir teilten uns auf wie das Scooby-Doo-Team: Jaget und ich nahmen uns die eine Seite des Depots vor, Nightingale und Abigail die andere. Nicht ohne vorher die Sicherheitslektion wegen der Stromschiene verpasst zu bekommen, obwohl die Stromzufuhr für die Gleise, auf denen wir uns bewegen würden, abgeschaltet war. »Besser, man geht immer davon aus, dass die Schiene unter Strom steht«, erklärte Jaget. »Sonst findet man’s vielleicht doch mal auf die harte Tour raus.« Da der Strom ausgeschaltet war, mussten wir durch die Nottür für den Fahrer ganz vorn im Zug hineinklettern. Hiran ermahnte uns noch einmal, uns ordentlich zu benehmen, dann verschwand er in der klugen Absicht, ein kritisches Auge auf Abigail zu haben. In dem Zug, in den nur von einer Seite die gelbe Industriebeleuchtung des Depots fiel, war es erstaunlich dunkel und still. U-Bahnen sind wie Nachtclubs, einfach nur gruselig ohne Menschen, Lichter und das Summen der Klimaanlagen. »Wonach suchen wir überhaupt?«, wollte Jaget wissen. »Achte einfach darauf, ob du was Komisches spürst«, sagte ich. »Was zum Beispiel?« »Irgendwas, was nicht hierhergehört, was du dir aber nicht bloß einbildest.« »Und wie merkt man, dass man sich’s nicht bloß einbildet?« »Das ist Übungssache.« Nicht, dass dieser Zug viel Gelegenheit zum Üben bot. Wir kehrten mit leeren Händen nach vorn zurück, wo wir wie befohlen auf Hiran warteten, der uns zum nächsten Zug eskortieren musste. Welcher noch dunkler, stiller und leerer war. So ging es bis zum fünften Zug. In dessen drittem Waggon deutete Jaget plötzlich auf einen der Sitze quer zur Fahrtrichtung und sagte: »Da.« »Was?«, fragte ich. »Weiß nicht. Irgendwas.« Und da war etwas. Das spürte ich, sobald ich einen halben Meter davor stand. Pferdeschweiß und Gebrüll in der Ferne. Ich sagte Jaget, dass er richtiglag. Er nickte wissend. »Langsam kriege ich den Dreh raus, was?« Ich bestätigte das, bat ihn aber, niemals zu versuchen, etwas Magisches anzustellen, ohne mir Bescheid zu sagen. Dann rief ich Nightingale an und sagte ihm Bescheid, dass ich gleich etwas Magisches anstellen würde, ob er prüfen könne, ob dadurch etwas im weiteren Umkreis ausgelöst würde? Dann schalteten wir unsere Handys und Airwaves aus, und ich beschwor ein Werlicht. Jaget hatte mir versichert, dass alle elektrischen Systeme in den Zügen abgeschaltet waren und ich daher nicht Gefahr lief, substanziellen Elementen des Londoner öffentlichen Nahverkehrs im Wert von fünf Millionen Pfund den Garaus zu machen. Ich öffnete die Hand und ließ das Licht darüber schweben. Wenn man einen Geist mit Magie füttert, erscheint er normalerweise als naturgetreu proportionierte Gestalt, die immer fester und greifbarer zu werden scheint, während sie die verfügbare Magie aufsaugt. Dieser hier aber war wie ein Glitch in einem Computerspiel, mit in der Taille rechtwinklig abgeknicktem Torso, krampfhaft zuckenden Beinen, überstreckten Armen und nach oben zeigendem Gesicht über einem viel zu langen Hals. Trotz der Verzerrung sah man, dass es sich um einen jungen Mann in einem roten Rock des achtzehnten Jahrhunderts und Kniehosen handelte. Seine Lippen bewegten sich und formten Worte, aber es war kaum etwas zu verstehen, als versuchte jemand, sich über laute Musik in einem Club hinweg verständlich zu machen. »Wo ist der Postmeister?«, fragte er. Ich warf einen Blick auf mein Werlicht. Es brannte gelb, was seltsam war, wenn ein Geist Kraft daraus saugte, wurde es gewöhnlich rot. »Ich habe einen Brief«, sagte er in stark schwankender Lautstärke. »Einen eiligen Brief.« Sein Kopf ruckte auf dem Hals herum, sein Gesicht wandte sich uns zu. Sowohl Jaget als auch ich legten unbewusst den Kopf schief, damit wir sein Gesicht richtig herum sahen. »Aber ich kann den Postmeister nicht finden«, sagte der Mann. »Ich habe doch einen Brief.« »Von wem ist der Brief?«, fragte ich. »Aus dem Palast. Wo ist der Postmeister? Ich habe einen Brief für den Amtmann.« »Gebt den Brief mir«, sagte ich. »Ich kann ihn dem Amtmann überbringen.« Der Geist runzelte die Stirn, und jetzt richtete sein Blick sich erst wirklich auf uns. »Seid Ihr seine Diener?« »Ja, ja«, sagte ich. »Ihr könnt uns vertrauen.« Der rechte Arm des Mannes zuckte in unsere Richtung, als wollte er uns etwas geben, aber er hatte nicht genug Kontrolle über seine Glieder. Resigniert schloss er die Augen. »Weh mir«, sagte er. »Nun fahr’ ich wohl dahin.« Und damit fiel ihm der Kopf ab, fiel ihm einfach von den Schultern und durch den Boden des Waggons. Noch ehe wir darauf reagieren konnten, trennten sich seine Arme und Beine vom Körper und verschwanden. Einen Moment lang hing der Torso wie von selbst in der Luft, und ich sah, wie die Brust sich hob und senkte, als atmete er noch. Dann fiel auch er in Richtung Boden und löste sich auf. »Okay«, sagte Jaget nach einer langen Pause. »Das war das Zweitverrückteste, was du mir je gezeigt hast.« Ich ließ das Werlicht erlöschen. »Das war wirklich merkwürdig«, sagte ich. »Ja, selbst nach euren Maßstäben von merkwürdig war das merkwürdig«, sagte Jaget. »Und jetzt?« Ich öffnete mein Notizbuch. »Jetzt nehmen wir den Vorfall auf. Und dann machen wir weiter.« Denn das ist eine der goldenen Regeln der Polizeiarbeit: Nur weil du eine Leiche gefunden hast, heißt das nicht, dass ein paar Meter weiter nicht noch eine liegt. Führe deine Suche gründlich zu Ende, sonst musst du womöglich später wiederkommen und noch mal von vorn anfangen. Ich schaltete mein Handy ein und gab dem Ingenieur Bescheid, dass wir bereit für den nächsten Zug waren. Dieser stellte sich als Niete heraus, genau wie die beiden folgenden. Im vierten spürte ich nicht nur einen, sondern gleich zwei Hotspots, einen vorn, einen hinten im Zug. Ich ließ beiden die Werlicht-Behandlung angedeihen, aber an keinem passierte etwas. Pflichtschuldig notierten wir uns die Wagennummern und gingen weiter. In allen restlichen Zügen fand ich nur noch ein weiteres Gespenst, das einer rundlichen Frau in einem tief ausgeschnittenen Jane-Austen-Kleid. Auch als ich das Werlicht aufdrehte, blieb sie so durchsichtig, dass ich nicht hätte sagen können, welche Farbe das Kleid hatte. Sie schien uns zu bemerken und bewegte die Lippen, aber kein Ton war zu hören. Nach nur dreißig Sekunden zersprang sie mit gerunzelter Stirn und vor Frust geballten Fäusten in tausend Stücke, als bestünde sie aus Porzellan. Nachdem wir sie notiert und die letzten Züge abgeklappert hatten, schaltete ich mein Handy ein und rief Nightingale an. Da sofort die Mailbox dranging, kletterten wir aus dem Zug, und Hiran brachte uns quer übers Gelände dorthin, wo Nightingale und Abigail zugange sein mussten. Nightingale fanden wir unter einem Flutlichtscheinwerfer neben der Werkstatthalle, die so groß war wie ein Flugzeughangar. Er schrieb etwas in sein Notizbuch. »Wo ist Abigail?«, fragte ich. Er deutete am Gebäude entlang. »Sie ist dort hinten hingegangen.« »Was hat sie da vor?«, fragte ich. Nightingale war oft erschüttert (sein eigenes Wort) darüber, was für enge Grenzen man jungen Menschen heute setzte, und fand die modernen Erwachsenen viel zu überbehütend. Aber selbst wenn man diese Einstellung in Betracht zog, hatte er weit mehr Vertrauen in Abigails gesunden Menschenverstand, als mir angebracht schien. »Heimlichkeiten, denke ich«, sagte er. Ich ließ Jaget bei Nightingale und setzte mich ab, um zu sehen, was Abigail jetzt wieder im Schilde führte. Rund um die Werkhalle verlief eine erhöhte Plattform. Hiran hatte gesagt, auf dieser könnten wir uns frei bewegen. Ich hoffte, Abigail war nicht auf Abwege geraten. Als ich fast am Ende der Plattform angekommen war, hörte ich ihre Stimme. »Ich kann jetzt nicht reden«, sagte sie, sie schien außerhalb meines Blickfelds vor dem nächsten Zug zu stehen. Eine andere Stimme antwortete, sie war hoch, heiser und zu leise, als dass ich etwas verstanden hätte. Da Neugier bei der Polizei praktisch Einstellungsvoraussetzung ist, hatte ich keine Bedenken, mich vorsichtig näher heranzupirschen und zu lauschen. »Weil Peter da ist«, sagte Abigail, gefolgt von einer Pause. »Ihr seid diejenigen, die nicht wollen, dass er’s weiß.« Ihr Gesprächspartner lachte entweder oder hatte einen Hustenanfall. »Ich sollte euch aufnehmen und das an ’ne Tiersendung verkaufen.« »Da ist ein Haus«, sagte eine weitere Stimme, ebenso heiser, aber klarer, nicht so genuschelt. »Oben auf einem Hügel am Ende der Linie. Früher stand es da ganz allein, aber jetzt ist alles drumherum zugebaut. Es gibt Geschichten darüber. Und Geister.« »Geschichten?« Ich hörte der Stimme das Schulterzucken an. »Geschichten.« Die erste Stimme zischte etwas. »Geschichten, in denen Macht steckt«, kam von der verständlicheren Stimme. Ein tiefes Knurren von der ersten Stimme. »Er ist da«, sagte die zweite. »Bis dann.« Ich zählte bis zehn und marschierte um die Nase des Zuges herum. Da stand Abigail und blickte über das Gewirr aus Schienen und Verteilerkästen hinweg, die sich bis an den Rand des Depots erstreckten. In ihren Ohren steckten Kopfhörer, und sie nickte leicht im Takt, als hörte sie Musik. Netter Trick, dachte ich. »Mit wem hast du gerade geredet?«, wollte ich wissen. Übertrieben tat sie so, als bemerkte sie mich erst in diesem Moment, zog sich einen Stöpsel aus dem Ohr und fragte: »Was?« »Mit wem hast du gerade geredet?« »Mit niemandem. Sind wir fertig?« »Ja«, sagte ich. »Aber für dich fängt die Arbeit jetzt erst richtig an.« Na gut, zunächst brachten wir sie zum Schlafen nach Hause. Aber schön früh am nächsten Morgen holte ich sie ab und machte sie mit dem Stationskontrollraum in Finchley Road bekannt, wo sie mit Dwains Hilfe die Wagennummern, die wir zusammengetragen hatten, mit den Überwachungsaufnahmen vergleichen sollte. Angefangen mit dem Waggon, in dem Jaget das Phänomen entdeckt hatte, das ich unter Vorbehalt als Postreiter aus dem achtzehnten Jahrhundert identifiziert hatte. Die Postreiter transportierten einst Briefe und Sendungen über die gefährlichen Landstraßen Großbritanniens von einer großen Stadt zur nächsten, wobei sie nur anhielten, um das Pferd zu wechseln und in ihren Posttaschen zu wühlen. Das System ähnelte dem amerikanischen Pony-Express, nur mit weniger Glamour, mehr Regen und einem Haufen Wegelagerer. Dies erklärte, warum unser Gespenst einen wichtigen Brief bei sich hatte und auf der Suche nach dem »Postmeister« war. Aber die Frage war, ob es sich in der Terminologie, die Abigail und ich inzwischen eingeführt hatten, um eine Wesenheit, ein Simulacrum oder eine Endlosschleifenmanifestation handelte. Es gab eine Reihe alter Begriffe für die verschiedenen Arten von Geistern, manche davon in Latein, aber da unter ihnen keinerlei einheitliche Systematik herrschte, hatten wir beschlossen, uns eine eigene Fachsprache aufzubauen. Sparte eine Menge Zeit. Der erste relevante Faktor war die Intensität auf einer Skala von einem bis zehn Annie, wobei ein Annie das unheimliche Gefühl ist, dass jemand hinter dir steht und dir über die Schulter schaut, während zehn Annie (kommt sehr selten vor) für Gespenster stehen, die man erst als solche erkennt, wenn sie durch eine Wand gehen. Durch Magiezufuhr kann man die Intensität eines Gespenstes verstärken, und wir sind uns ziemlich sicher, dass die meisten ihre Kraft aus den gesammelten Vestigia ihrer Umgebung ziehen. Da von allen natürlichen Materialien Stein die besten Speichereigenschaften für Magie besitzt, spukt es in nahezu allen alten Häusern. Der zweite Faktor ist die Willenskraft. Hier unterscheiden wir drei Kategorien. Die häufigste Geistererscheinung ist die Endlosschleifenmanifestation. Hier hat man so etwas wie eine sich dauernd wiederholende Filmszene, in der das Gespenst immer wieder die gleiche Handlung vollführt, Graffiti an die Wand eines Eisenbahntunnels sprühen, nach seinem toten Baby schreien, in eine nicht existierende Straßenbahn in Aldwych steigen. Die längste Endlosschleife, die wir in den Aufzeichnungen des Folly gefunden hatten, dauerte siebenundsechzig Stunden, die kürzeste sieben Sekunden. Am anderen Ende dieses Spektrums stehen die Wesenheiten. Das sind Gespenster, die handeln und sprechen, als seien sie lebendig. Man kann sich ganz normal mit ihnen unterhalten, sie scheinen über Verstand und sogar Einfühlungsvermögen zu verfügen. Abigail und ich streiten uns immer mal wieder darüber, ob man sie deshalb als Lebewesen ansehen kann, ich habe jedenfalls noch keines getroffen, das den Turing-Test bestehen würde. Die Literatur ist sich nicht einig, ob es sich bei ihnen um menschliche Seelen handelt, die auf der materiellen Ebene gefangen sind, oder um Überbleibsel der Persönlichkeit eines Toten. Simulacra liegen zwischen Endlosschleifen und Wesenheiten. Hier sind Abigail und ich uns mal einig: Sie kommen uns vor wie Figuren in einem Computerspiel, mögen sie noch so geschickt programmiert sein, nach kurzer Zeit der Interaktion fangen sie an, sich zu wiederholen und stereotyp zu verhalten. Intensität und Willensausprägung scheinen voneinander unabhängig zu sein: Manche Gespenster, die sogar bei Tageslicht sichtbar sind, wiederholen immer nur ein und dieselbe Handlung, während man über manche von den kommunikativen nur durch Zufall stolpert, so schwach ist ihre Präsenz. Als ich mal in den Tunneln unter den Kew Gardens ein Werlicht erschuf, erschreckte mich eine längst abberufene Oxford-Professorin fast zu Tode, indem sie sich extrem plötzlich vor mir materialisierte. Irgendwann, wenn mein Hausverbot dort endlich aufgehoben wird, will ich sehen, ob ich sie wiederfinde. Natürlich handelt es sich hier um ein Spektrum, die Grenzen zwischen den Begriffen sind fließend. Wir ordneten den Postreiter vorläufig als Simulacrum mit etwa fünf Annie ein. Wobei ich sagen muss, ich hatte noch nie erlebt, dass ein Geist sich so in seine Einzelteile zerlegte. »Er ist vor unseren Augen zerfallen«, beschrieb ich es Nightingale beim Frühstück. »Als hätte er plötzlich buchstäblich den Zusammenhang verloren.« »Sind Sie sicher, dass es wirklich ein Gespenst war?«, fragte Nightingale. Darüber musste ich einen Augenblick nachdenken. Es gibt noch andere körperlose Phänomene als Gespenster, selten, aber sehr real. Manche von ihnen fressen Gespenster, andere nisten sich in deinem Kopf ein, und bald erkennst du deine Existenz nicht wieder. »Es hat sich wie eines angefühlt«, sagte ich. »Es hatte diese typische Traurigkeit um sich herum.« Nightingale lächelte mich über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg an. »Eine Aura der Melancholie stellt kaum einen empirischen Beweis dar, was würden wohl die Doctores Walid und Vaughan dazu sagen?« Die zusammenhanglosen Geister mussten ohnehin warten, weil ich, während Abigail sich durch die Überwachungsvideos kämpfte, für das Staatsexamen im Ermittlungsdienst büffeln musste. Genauer gesagt lernte ich gerade die zahlreichen Sicherheitsvorschriften für Tatorte auswendig. Also, Sicherheitsvorschriften bezogen auf Polizisten und andere Einsatzkräfte. Von der Leiche oder dem Täter kamen nur selten noch Klagen über Sicherheitsmängel. Zum Glück hat man es nach einer Kindheit in einer so engen Wohnung wie der meiner Eltern ohne Weiteres drauf, in Cafés und Bibliotheken zu lernen. Ich kämpfte gerade mit der Frage, welche gesetzlichen Befugnisse die Polizei nun genau bei der Sicherung eines Tatorts hatte, und der mindestens ebenso gewichtigen, ob ich mir noch einen Toast bestellen sollte, da kam eine Nachricht von Abigail, sie habe etwas für mich. Abigail hatte nicht nur die relevanten Kameraaufnahmen aus dem Zug des Postreiters gefunden, sie hatte auch die langweiligen Teile rausgeschnitten, alles mit hübschen Übergängen und Ella Hendersons Ghost als Soundtrack versehen und das Ganze auf ihren Laptop geladen, damit wir es uns anschauen konnten, ohne den reibungslosen Ablauf von Dwains Kontrollraum zu gefährden. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Aufnahmen Eigentum von London Transport waren, also hielt ich Rücksprache mit Dwain, der sagte, er habe vorher nicht mal gewusst, dass man sie runterkopieren konnte. »Du zeigst uns ja hoffentlich nicht an, oder?«, fragte ich. »Kaum. Ich hab das Mädel gerade gebucht, damit sie mir meine Anlage zu Hause optimiert.« Ich fragte Abigail, wie viel sie dafür verlangen wollte. »Das ist vertraulich«, sagte sie. »Aber wenn du deinen Kram in der Remise mal auf Vordermann gebracht haben willst, kann ich dir ein Spezialangebot machen.« Wir setzten uns in eine ziemlich dubiose Internetcafé-Pommesbude um die Ecke, in der man keine ungute Aufmerksamkeit auf sich zog, wenn man sich technologisch zwielichtig benahm. Abigail überreichte mir einen USB-Stick, und ich zog mir die Datei auf den Laptop, wo sie fast meinen Videoplayer sprengte. »Den musst du dringend upgraden«, sagte Abigail. Das Video begann mit einem kurzen Vorspann, dann folgte das eigentliche Material, das den Innenraum eines S8-Waggons aus der Weitwinkel-Vogelperspektive einer Überwachungskamera an der Decke zeigte. »Das ist das Fahrzeug, in dem ihr den Postreiter gefunden habt«, erklärte sie. Der Titel, DER POSTREITER, erschien dramatisch mit Einsetzen des ersten Akkords, grellweiß auf schwarzem Grund, darunter zwei Zeilen mit der Seriennummer des Zugs und einer Zeitangabe. Dann wurde zu den eigentlichen Kameraaufzeichnungen übergeblendet. Der Wagen war auf vertraute Weise gerammelt voll mit Pendlern und, der Beleuchtung nach zu schließen, bei Tag oberirdisch unterwegs. »Oben links«, sagte Abigail. Da sah ich es auch schon, eine gehuschte Bewegung. »Kannst du …«, setzte ich an, aber sie bedeutete mir zu warten. Die Sequenz wurde wiederholt, diesmal in körniger Nahaufnahme. »Sorry wegen der Qualität«, sagte sie, »ich hatte leider kein Bearbeitungsprogramm.« Das war auch gar nicht nötig, denn selbst unscharf und körnig war gut zu erkennen, wie die Passagiere nacheinander leicht zurückschreckten, obwohl sich vor ihnen nichts Sichtbares befand. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich dort die Gestalt des Postreiters zu denken, der sich durch den Waggon bewegte. »Warum sehen wir ihn nicht?« »Das fragst du mich?«, sagte Abigail. »Im Folly gibt’s Fotos, auf denen Geister zu sehen sind.« Abigail meinte, sie sei nicht ganz überzeugt von der Echtheit der verblichenen Sepia-Aufnahmen, die wir in der Allgemeinen Bibliothek entdeckt hatten. Sie hatte selbst gewisse Experimente unternommen, sowohl mit ihrem Handy als auch mit einer antiken Leica, die sie in einem der Schränke im Vorlesungssaal gefunden hatte. »Was hast du denn da zu suchen gehabt?«, wollte ich wissen. »Hab mich ein bisschen umgeschaut.« »Wie hast du die Bilder entwickelt bekommen?« »Im metallurgischen Labor gibt’s eine Dunkelkammer.« Und wie man Fotos entwickelt, hatte sie sich mit Hilfe des Internets beigebracht, klar. Nach ihrer Theorie war der sichtbare Aspekt eines Gespensts, also das, was Licht reflektierte und von unserer Netzhaut und den Überwachungskameras registriert werden konnte, äußerst labil. Wenn es sich bei vollem Tageslicht manifestierte, ging es in der Helligkeit unter. Aber einige Leute hatten die U-Bahn-Geister gesehen, auch wenn sie sich nur kurze Zeit daran erinnerten. »Vielleicht sind menschliche Augen immer noch besser als Kameras?« Ich ließ die Sequenz noch ein paarmal vorwärts und rückwärts ablaufen und schaute mir genau an, wie die Fahrgäste auf die unsichtbare Präsenz reagierten. »Vestigia«, sagte ich schließlich. »Unsere Gehirne bekommen noch zusätzliche Informationen von nicht sichtbaren Aspekten des Geistes und füllen damit unbewusst die Lücken in der visuellen Präsenz.« Schließlich basiert die visuelle Wahrnehmung des Menschen oft mehr auf begründeten Vermutungen als auf kameraartigen Bildern. »Nicht schlecht«, sagte Abigail. »Klingt plausibel.« »Ja, aber deshalb muss es noch lange nicht stimmen.« »Ist es überprüfbar?« »Du hast schon wieder Bücher gelesen, was?« Abigail ließ die Aufnahme im Sekundentakt vor- und rückwärts springen. »Ist es nun überprüfbar oder nicht?« »Keine Ahnung. Sag du’s mir.« Und ehe sie den Mund öffnen konnte: »Aber nicht jetzt. Was hast du noch gefunden?« Abigail spulte ihren kleinen Fanfilm weiter. Es folgten mehrere weitere Vorfälle, darunter die denkwürdigen Erlebnisse von Amirah Khalil und Jonathan Pickering. »An jedem Werktag in den vergangenen anderthalb Wochen gab es einen Vorfall, immer morgens zur Stoßzeit in Richtung London, und zwar meistens zwischen Harrow-on-the-Hill und Wembley Park oder maximal Finchley Road.« »Geisterpendler«, sagte ich. »Na, wenigstens können wir die Suche jetzt eingrenzen.« 3 Der Geist des französischen Leutnants Eine Befragung in der U-Bahn zur Rushhour durchzuführen ist nicht ideal. Normalerweise hätten wir die Zeugin gebeten, an einen ruhigen Ort mit fließendem heißem und kaltem Kaffee mitzukommen, aber wir wussten ja nicht, wie lange ihre Erinnerungen bestehen bleiben würden. Ich wagte nicht einmal zu warten, bis wir beim nächsten Halt auf den Bahnsteig flüchten konnten. Also nutzte Jaget seine uniformierte Präsenz, um eine Art Sperrzone um uns zu schaffen, und ich verscheuchte einen jungen Mann mit Schaufelbart vom Nebensitz und nahm neben ihr Platz. Normalerweise macht man sich zu Anfang auch ein paar Notizen, um den Zeugen zu beruhigen und den Eindruck zu verstärken, dass es sich bei dir um eine Respektsperson handelt. Aber diesmal beließ ich es bei ihrem Namen, nach dem Jaget sie als Erstes gefragt hatte: Jessica Talacre. »Zuerst dachte ich, er wäre Franzose«, sagte Jessica. »Er klang so, zumindest glaube ich, es klang französisch. Er schrie mich an; irgendwie war er wütend.« Ich fragte, ob sie sich erinnerte, wie der Mann ausgesehen hatte, schwarz oder weiß oder …? »Gemischt, würde ich sagen. Aber heller als Sie. Lockige Haare, so ganz klein.« Sie machte ein paar kleine Kreise mit dem Zeigefinger neben ihrem Kopf. »Kringellocken?«, fragte ich. »Ja. Und schlechte Zähne.« Außerdem trug er einen langen altmodischen »Mr. Darcy«-Mantel aus schwerem Stoff, aber leider nicht in Rot. Also nicht unser Geist aus dem Depot in Neasden. Jessica wirkte etwas verdutzt, als ich fragte, ob sie seine Hose beschreiben könne, bekam aber noch zusammen, dass er Kniehosen und weiße Strümpfe getragen hatte. Seine Schuhe hatte sie nicht gesehen. Als ich sie fragte, ob sie näher beschreiben könnte, wie der Franzose geklungen hätte, schaute sie mich seltsam an. »Was für ein Franzose?« Ich versuchte es weiter, aber es war zu spät. Binnen knapp fünf Minuten hatte Jessica Talacre jede Erinnerung an den Vorfall verloren. Ich gab ihr meine Karte und bat sie, mich anzurufen, falls ihr noch etwas einfiel. Aber es war offensichtlich, dass sie mich für gaga hielt. »Sollen wir weitermachen?«, fragte Jaget, während wir unsere Notizen vervollständigten. »Wenn Abigail recht hat, wird das für heute Morgen die einzige Sichtung bleiben.« »Und wenn nicht?«, fragte Jaget, denn so machen das nun mal Polizisten und Wissenschaftler: immer alles in Frage stellen. »Dann fällt es hoffentlich ihr auf«, sagte ich. Abigail spielte Big Brother im Kontrollraum von Finchley Road, was nur bewies, dass mein alter Freund Dwain, was die Vorschriften der London Underground betraf, doch nicht soo seriös geworden war. Aber apropos Abigail … »Lass uns nach Amersham fahren«, sagte ich. »Ich will da was nachschauen.« Amersham liegt weit außerhalb meines Terrains in der Grafschaft Buckinghamshire, wo die Thames Valley Police schaltet und waltet (welche niemand bei der Met jemals als Prollsumpfpolizei bezeichnen würde, ganz sicher nicht). Während der Fahrt rief ich also schon mal dort an und warnte sie vor, dass wir beide in vollem Ornat auf ihrem Hoheitsgebiet herumschnüffeln wollten. Es schien sie nicht zu stören, sie wollten nur die explizite Zusage, dass wir ihnen Bescheid sagen würden, bevor wir drastische Dinge anstellten. »Was zum Beispiel?«, fragte ich nach. Zum Beispiel irgendwelche Sehenswürdigkeiten oder signifikanten Gebäude demolieren, meinten sie. »Der war gut«, sagte ich. Sie behaupteten, es sei kein Witz gewesen, aber ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass es einer war. Und so statteten wir dem nicht übermäßig sehenswerten Amersham einen Besuch ab. Na schön, es gibt einen historischen Ortskern, der bis ins zehnte Jahrhundert zurückreicht, aber der Bahnhof steht im modernen Teil der Stadt auf einem Plateau zwischen zwei Flüssen, dem Misbourne und dem Chess. Eine kurze Nachfrage bei Nightingale bestätigte, dass für keinen der beiden ein genius loci bekannt war. »Wobei Sie aber nicht vergessen dürfen, dass nicht jede einer landschaftlichen Gegebenheit zugeordnete Entität so extrovertiert ist wie Mutter Themses Töchter«, warnte er mich. »Meine eigene Mutter erzählte mir einmal, auch der Bach, der durch unseren Garten floss, habe eine Wächterfee, aber obwohl ich so weit ging, mir dort einen Beobachtungsstand zu bauen, habe ich nie auch nur einen Blick auf sie erhascht.« Ich fragte mich, ob es diese Bachfee wirklich gegeben oder ob die Mutter sie erfunden hatte, damit ihr jüngstes von sechs Kindern gut verwahrt und beschäftigt war. »Im Übrigen, was in aller Welt wollen Sie in Amersham?«, fragte Nightingale dann. »Da ist so ein Haus. Früher stand es ganz allein auf einem Hügel …« Im Jahre 1929 starteten zwei unternehmungslustige Burschen den ersten von vielen Versuchen, die Engländer aus ihren gemütlichen Hobbithöhlen aus roten Ziegeln in eine strahlende Zukunft voll weiß verputzter Betonwürfel zu locken. So entstand auf einem Hügel über der rapide wachsenden Gemeinde Amersham das High and Over House. Die Amershamer hassten es, aber ich muss sagen, wenn man schon eine modernistische Monstrosität mit Flachdach baut, dann darf sie auch anständige Proportionen haben. Vom Bahnhof aus spazierten Jaget und ich an spätviktorianischen und edwardianischen Laden- und Häuserzeilen vorbei und gingen dann links den Hügel mit den pseudo-edwardianischen Doppelhäusern hinauf, bis wir mehr oder weniger über die Einfahrt des High and Over stolperten, denn inzwischen wurde die modernistische Pracht des Hauses weitgehend von einer enormen Hecke und alten Baumbeständen verdeckt. Die Frau, die uns öffnete, zuckte auf diese unmissverständliche Art leicht zusammen, als sie uns sah, zögerte kurz und sagte: »Ah. Ja.« Diese Reaktion kennen wir gut: Sie ist das Schuldbekenntnis des Mittelschicht-Hausbesitzers. Das uns zwangsläufig in einen Zwiespalt stürzt, weil die Palette der Vergehen, mit denen wir es womöglich zu tun haben, sich vom Beregnen des Gartens bei sommerlicher Wasserknappheit bis zum kürzlichen Einbetonieren des gewalttätigen Ehemannes im Terrassenboden erstreckt. Um herauszufinden, ob man so schnell wie möglich stürmen oder sich lieber dezent zurückziehen sollte, hilft es meistens, einschüchternd in der Tür herumzulungern, nicht viel zu sagen und ein freundliches, ganz leicht drohendes Lächeln aufzusetzen. Mehrdeutige, aber zielführende Fragen zu stellen ist immer eine gute Ergänzung. »Guten Tag«, sagte Jaget. »Ist das Ihr Haus?« Die Frau war weiß, Ende vierzig, mit braunem Pagenschnitt, blauen Augen, gerader Nase, spitzem Kinn, schmalem Mund und keinen Grübchen. Sich an solche Details zu erinnern zahlt sich aus, wenn man später ein digitales Fahndungsbild erstellen muss. Sie trug vorgebleichte Designerjeans und eine weiße Bluse mit Rüschen an Hals und Ärmeln. Keine offensichtlichen Schmutzflecken an den Knien oder Blutspuren an der Bluse, falls es sich also um einen toten Ehemann handelte, war das Einbetonieren lange genug her, dass sie sich inzwischen hatte umziehen können. »Dieses Haus hier?«, fragte sie nach. »Ja, Ma’am«, sagte ich. »Dieses Haus hier.« Sie blickte über die Schulter, als sähe sie das Hausinnere zum ersten Mal. »Ja, schon«, sagte sie. »Und meinem Mann natürlich. Es gehört uns, ja.« Ich weiß, es klingt zynisch, aber nichts erfreut das Polizistenherz mehr als der Anblick eines potenziellen Kunden, der so von der Rolle ist, dass man ihn nur ein bisschen anstupsen muss, um ihn zu Fall zu bringen. Jagets Timing war perfekt. Er ließ die Pause genau so lange dauern, dass die Frau sich fast wieder entspannte, dann fragte er: »Ist etwas nicht in Ordnung?« »Ich hab sie nur gefunden, okay?«, platzte sie sofort heraus. »Ich hab sie begraben, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit ihnen machen soll. Aber ich hab sie nicht vergiftet.« »Vergiftet? Wen?«, fragte Jaget. Sie sagte es uns, und da wurde mir klar, dass man mich nach allen Regeln der Kunst auf den Leim geführt hatte. »Zeigen Sie es uns bitte, Ma’am«, sagte ich. Das Massengrab lag hinter dem Haus. Man ging eine schneeweiße Gartentreppe hinunter auf eine leicht abfallende Rasenfläche und dann am Swimmingpool vorbei dorthin, wo der Garten in den Wald überging. Es war gut zu erkennen, wo die Rasenstücke abgetragen und wieder eingefügt worden waren. Die Hausbesitzerin gab uns eine Schaufel, und ich hob vorsichtig die Grassoden und die ersten zehn Zentimeter Erde ab. »Verdammt«, sagte Jaget. »Ein Fuchsmassaker.« Schon ganz oben zählte ich sechs Tiere, ich kenne mich nicht besonders gut mit Füchsen aus, aber mindestens zwei waren so klein, dass sie vielleicht Jungtiere waren. Keiner wirkte beeindruckend genug, um eines von Abigails sprechenden Exemplaren zu sein, aber wie gesagt, ich kenne mich da nicht so aus. Das erste Opfer hatte die Frau vor vierzehn Tagen in ihrem Swimmingpool gefunden. Sie hatte angenommen, dass es hineingefallen und ertrunken war. »Ich hab ihn in eine Tüte gepackt«, erzählte sie. »So eine große von Waitrose mit Henkeln, die man kaufen und mehrmals verwenden soll, wegen der Umwelt.« Zuerst hatte sie ihn im Restmüll entsorgen wollen, aber dann meinte sie sich zu erinnern, einmal gelesen zu haben, dass das die Müllverbrennungsanlage beschädigen konnte. Also hatte sie beschlossen, ihn an einem netten Plätzchen im Wald zu begraben. »Den hat übrigens der erste Eigentümer angelegt«, sagte sie. »Bernard Ashmole, er war Kurator des British Museum.« »Und die Füchse?«, sagte Jaget. »Die nächsten zwei fand ich, als ich den ersten zu Grabe trug. Ironischerweise.« Und dann drei weitere, etwa auf einer Linie vom tiefsten Punkt des Gartens bis zum Pool. »Als hätten sie versucht, zum Wasser zu kommen«, sagte sie. »Vielleicht hat das, was sie umgebracht hat, sie durstig gemacht, oder, ich weiß nicht, vielleicht hatten sie Fieber?« Ich fragte sie, ob sie eine Idee habe, wer dafür verantwortlich sein könne. »Oh, sicher jemand von denen.« Sie schwenkte die Hand vage in Richtung der Reihen trister Doppelhäuser aus den sechziger Jahren, die sich den Hügel hinab in Richtung Ortskern zogen. »Aus London weggehen, um auf dem Land zu wohnen, aber dann alles am liebsten so steril und geordnet haben wollen wie in der Stadt.« Jaget hustete und klopfte sich theatralisch auf die Brust. »Verzeihung«, sagte er. »Das kommt von der vielen frischen Luft hier.« Ich fragte die Frau, ob sie eine Plastikplane oder so was hätte. Während sie sie holte, rief ich die Kollegen der Thames Valley Police an. Sie freuten sich zu hören, dass das High and Over House, immerhin ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung, noch stand und unser Problem als an die örtliche Kripo übertragbar eingestuft wurde. Während wir darauf warteten, dass die hiesigen Ausgaben von Inspector Morse anrollten, servierte die Hausbesitzerin uns einen sehr anständigen Tee auf dem Rasen. »Ich kriege doch keinen Ärger, oder?«, vergewisserte sie sich. »Nein«, sagte ich. »Aber wer diese Füchse vergiftet hat, sollte sich ernsthaft Gedanken machen, ob er sich nicht besser ins Ausland absetzt.« Es gelang uns, noch vor der abendlichen Rushhour zurück in London zu sein, und ich verbrachte den Rest des Nachmittags damit, mir Notizen für eine der Beispielermittlungen zu machen, die ich meinem Prüfer beim Examen würde präsentieren müssen. Derweil hatte Abigail Latein bei Nightingale. Ich möchte nicht behaupten, dass es ihr einen Riesenspaß machte, aber ich denke, sie kann toten Sprachen deutlich mehr abgewinnen als ich. Nachdem wir fertig waren und uns noch einen späten Tee gegönnt hatten, nahm ich sie wegen der Füchse ins Gebet. »Geschieht dir recht, Lauscher an der Wand«, sagte sie. Zum Abend hin war es schwül und stickig geworden, und Bedford Way war voller Autos und Abgase. Ich fuhr Abigail nach Hause, erstens, weil das so abgemacht war, und zweitens, weil ich meiner Mum versprochen hatte, noch vorbeizukommen. Meine Eltern wohnen im selben Block wie die von Abigail, deshalb verbinde ich die beiden Pflichten oft. »Ich hab nicht gelauscht«, sagte ich. »Ich habe Informationen gesammelt. Und du bist eigentlich verpflichtet, mir Bescheid zu geben, wenn du mit abstrusen Elementen redest.« »Die sind kein bisschen abstrus. Es sind Füchse, Füchse sind in London ja wohl das Normalste von der Welt.« »Sprechende Füchse?« »Bei denen haben sich halt der Kehlkopf und die Zunge weiterentwickelt, na und?« »Und sie haben größere Gehirne.« »Das ist reine Vermutung. Es könnte auch an was anderem liegen.« »Und wie kommt’s, dass sie nur mit dir reden?« »Wenn du mal aufhören würdest, ständig durch die Gegend zu springen, und fünf Minuten lang einfach still wärst, würdest du vielleicht auch mehr von dem bemerken, was um dich herum vorgeht.« »Und?«, fragte ich, weil es bei Abigail immer ein »und« gibt. »Ich hab ihnen hin und wieder ein Kebab gekauft«, sagte sie. »Kebab?« »Na, Stockfisch konnte ich schlecht nehmen. Viel zu stark gewürzt.« »Klar.« »Es sind ja englische Füchse.« »Hähnchen von Nando’s würde also auch gehen?« »Frag nicht so blöd, Nando’s kann ich mir nicht leisten.« Ich wollte sie schon fragen, wie die Füchse ihr Kebab denn am liebsten mochten, in der Pappschachtel geliefert oder à la Mülltonne serviert? Aber dann musste ich an Nightingales Bachfeenbeobachtungsposten denken und entschied, dass Abigail vielleicht recht hatte. Womöglich war es an der Zeit, mal langsam zu machen und zu schauen, ob ich meine Geisterbahn-Gespenster nicht auch anlocken konnte. Nur brauchte ich dazu vermutlich etwas Mystischeres als Kebab. Nach dem Besuch bei meinen Eltern machte ich mich also auf die Suche nach Nightingale. Er putzte in der Küche seine Schuhe. Molly hatte den großen Eichentisch mit Zeitungspapier ausgelegt, und darauf standen nach meiner Schätzung etwa ein Viertel von Nightingales guten Schuhen aufgereiht wie in einer Ausstellung im Victoria and Albert Museum: Geschichte der männlichen Fußbekleidung, ein historischer Überblick. Nightingale saß in einem weißen Hemd mit schwarz-silbernen Ärmelhaltern und einer edwardianischen Butlerschürze am Tischende und nahm gerade ein cooles Paar Barker Alderneys in Angriff, das das frühe einundzwanzigste Jahrhundert repräsentierte. Molly saß in ihrem Dienstmädchenkostüm neben ihm und polierte einen parallel ausgelegten Schwung Silberbesteck. Die beiden sahen aus wie einem japanischen Manga entsprungen, ihre Waffen hatten sie vermutlich unter dem Tisch verborgen. »Ich traf einmal in Indien einen Burschen«, sagte Nightingale, während er die Schuhspitzen wienerte, »der mir sagte, dass ein weiser Mann sich Zeit nehme, um auch den Utensilien des täglichen Lebens Beachtung zu schenken. Er glaubte, selbst unbelebte Objekte hätten Seelen, die auf Zuwendung reagierten.« »War er Praktizierender?«, fragte ich. »Guter Gott, nein. Er war Straßenschreiber in Kalkutta. Verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er für Menschen, die keine Schreibmaschine besaßen, offizielle Dokumente und Briefe abtippte. Auch das eine oder andere Liebesgedicht, glaube ich.« Er verstummte und begutachtete das polierte Leder. Als er sicher war, dass er die Schuhe jederzeit als Notfallrasierspiegel einsetzen konnte, stellte er das Paar zurück auf den Tisch und nahm sich das nächste vor. »Jedes Jahr wurde dort ein Fest gefeiert, bei dem man seine Arbeitsgeräte ehrte«, erzählte er. Sein Freund, dessen Namen er nie erfuhr, reinigte dann sorgfältig seine Empire-Schreibmaschine Modell 12, rieb sie mit Kurkumapaste ein, schmückte sie mit Blumen und verneigte sich am Tag des Fests vor ihr wie vor einem Hausgott. »Und die Moral von der Geschichte?« »Ich glaube nicht, dass es eine gibt. Außer dass man sich immer gut um seine Ausrüstung kümmern sollte.« »Gibt es eine Möglichkeit, Geister anzulocken?«, fragte ich. »In welchem Sinne?«, wollte er wissen. Ich berichtete von unseren Anhaltspunkten dafür, dass täglich mindestens ein Geist auf der Metropolitan Line unterwegs war und dann auf unschöne Art und Weise zerfiel. »Merkwürdig, in der Tat«, sagte er. »Glauben Sie, der rasche Verfall ist eine Funktion der Zeit oder der Entfernung?« »Unmöglich zu sagen.« Insgeheim gab ich ihm volle Punktzahl für die Verwendung des Begriffs »Funktion«. »Könnte beides sein. Wir haben ja leider keine Vergleichsgruppe.« »Jedenfalls sollten wir sie so früh wie möglich abfangen.« Nightingale legte die Bürste hin und rieb mit einem weißen Leinentuch überschüssige Schuhcreme vom Rand der Sohle. »Harrow-on-the-Hill ist der letzte Halt, bevor sich die Strecke teilt. Da wir nicht wissen, von welcher Zweigstrecke sie kommen, würde ich sagen, wir legen uns dort auf die Lauer.« »Also können Sie Gespenster anlocken«, sagte ich. »Oh, Sie haben es auch schon getan. Wissen Sie noch, das Ritual, das Sie verwendeten, um Wallpenny in Covent Garden heraufzubeschwören?« »Ich weiß noch, dass ich fast in einen Abgrund gesaugt worden wäre.« Und dann in einen Baum geschleudert. »Die Situation war außergewöhnlich kompliziert, und die Schuld liegt bei mir. Ich hatte die Natur der Bedrohung falsch eingeschätzt. Was wir morgen tun werden, ist dagegen buchstäblich ein Kinderspiel.« »Haben Sie es denn schon mal getan?« »An meiner alten Schule, ja. Im Sommerhalbjahr, wenn es abends lange hell war.« Dann schlichen sich die jüngeren Schüler in den angrenzenden Wald, machten da ein Lagerfeuer und schauten mal, was sie an Übernatürlichem zu sich locken konnten. »Und tauschten natürlich Comics und Süßigkeiten«, sagte er. »Wir taten es alle, und die Lehrer müssen es gewusst haben, in manchen Nächten brannten dort draußen bis zu fünf Lagerfeuer.« Eines für jeden Jahrgang. Mit dem Älterwerden verlagerten sich allerdings die Interessen, bei den höheren Semestern wurde eher geraucht und getrunken, und manchmal spielten sie den Jüngeren Streiche. »Und, hat’s geklappt?«, wollte ich wissen. »Oh, ganz ausgezeichnet. Ballantine junior und ich brachten einmal die gesamte 3B dazu, sich einzunässen, indem wir uns als Werwölfe ausgaben. Die Hausmutter war recht verärgert, und ich bezog Prügel vom Direx persönlich.« Was offenbar eine große Ehre darstellte, da der Direx für seine fortschrittlichen Ansichten bekannt war und die Prügelstrafe prinzipiell ablehnte. In der Praxis allerdings nicht hundertprozentig, wie es schien. »Ich meinte eigentlich das Anlocken.« Nightingale wiegte den Kopf. »Ich fürchte, die Ergebnisse waren durchwachsen. Spotty hoffte lange auf eine Waldnymphe. Und es gab hartnäckige Gerüchte über Riesenspinnen und Zentauren. Ich hätte gern einmal einen Zentauren getroffen, aber …« Er bemerkte meinen Gesichtsausdruck und fügte hastig hinzu: »Aber Gespenster, keine Frage. Unzählige. Es müssen die bestgenährten Gespenster Englands gewesen sein.« »Diese Tradition haben aber nicht Sie begründet, oder?« »Himmel, nein. Die Schüler schlichen sich schon in den Wald, seit die Schule bestand, und noch 1939 hatte sich daran nichts geändert.« Wenn ich mal einen freien Augenblick hatte, musste ich unbedingt mit Toby und meinen Messgeräten einen Ausflug dorthin machen, wahrscheinlich war diese Schule der magiegesättigtste Ort in ganz England. »Also, dann morgen in aller Frühe«, sagte Nightingale. »Möglicherweise wäre es eine gute Idee, eine Thermoskanne mitzunehmen. Glauben Sie, Sergeant Kumar kann uns noch vor Beginn des Zugbetriebs in die Station bringen?« Ich sagte, das sollte kein Problem sein. Nightingale warf einen Blick über die Schulter auf Toby den Wunderhund, der in seinem Körbchen zusammengerollt tief und fest schlief. »Wann haben Sie zum letzten Mal Magiesuchexperimente vorgenommen?« »Vor etwa vier Wochen.« Es gestaltete sich immer schwieriger, Toby dazu zu bringen, sich an Magieschnüffeleien zu beteiligen. Daher versuchte ich momentan, mich in die Funktionsweise des Spektrographen einzuarbeiten, den ich beim Aufräumen des Labors gefunden hatte. Nightingale grinste. »In diesem Fall ist es vielleicht wieder an der Zeit, die Bluthunde loszulassen.« 4 Das Schulmädchen von Harrow Genauer gesagt: den Bluthund (Singular), oder noch präziser: den nervigen kleinen Kläffer. Der ähnlich froh darüber war, um vier Uhr morgens aus dem wohlverdienten Schlummer gerissen zu werden, wie ich. Nightingale und ich hatten beschlossen, Abigail ihren Schönheitsschlaf zu gönnen. Jaget holten wir auf dem Weg in Wembley ab. Harrow on the Hill war 1880 an die Bahnlinie angeschlossen worden, und seither war es damit stetig bergab gegangen. Der vorläufige Tiefpunkt ist ein ungeschlachtes Einkaufszentrum aus rotem Backstein schräg gegenüber vom Bahnhof, das sehr geschickt einen kompletten Mangel an Ästhetik mit völliger Nichtbeachtung seines praktischen Daseinszwecks verbindet. Was dazu führt, dass der durchschnittliche Shopper schon nach zehn Minuten Aufenthalt darin von tiefer Verzweiflung übermannt wird. Primark hatte den richtigen Riecher und platzierte sich direkt am Eingang, so dass die fliehenden Kunden sich dort noch rasch irgendwas schnappen können, was entfernt dem ähnelt, was sie eigentlich haben wollten, ehe sie schreiend in der Nacht verschwinden. Soweit ich gehört habe, ist der Rest von Harrow, abgesehen von dem kleinen Nobel-Sektor oben auf dem Hügel, eine der typischen austauschbaren begrünten Londoner Vorstädte, na ja, wem’s gefällt. Jaget behauptet, es gebe dort ein paar anständige tamilische Restaurants, aber dazu kann ich nichts sagen, wir kamen an jenem Tag nicht weiter als bis zu WH Smith’s Schreibwaren. Der Bahnhof war in den zwanziger Jahren neu gestaltet worden, mit Art-déco-Wartesälen, die abgerundete Schmalseiten hatten wie die Gondeln eines Zeppelins. Wir bezogen am Südende des Bahnsteigs Aufstellung, was nicht ganz ideal war, weil ein von Norden kommender Geisterpassagier uns dort vielleicht erst bemerkte, wenn der Zug schon wieder angefahren war. Aber wir hatten keine Wahl, weil sich am Nordende nicht nur die Brücke über die Gleise und die Ausgänge befanden, sondern auch der Stationskontrollraum und somit massenhaft Elektronik. Nach Jahren des Experimentierens traute ich mir zwar recht gut zu, einzuschätzen, in welchem Umkreis sich ein magisches Ereignis abspielen würde, aber bei essenziellen Infrastrukturbestandteilen sollte man besser kein Risiko eingehen. Vor allem, wenn die Betreiber dir immer noch nicht ganz verziehen haben, was damals in Oxford Circus passiert ist, wobei das echt nicht … ach, egal. Noch vor Morgengrauen und lange vor dem ersten Zug waren wir im Bahnhof. Gerade kam ein Trupp Schienenarbeiter von den Gleisen, ein Pulk Reflexwesten und müde Gesichter im Zwielicht. »Mr. Nightingale, Sir«, rief eine Stimme, es war Abigails Vater. »Guten Morgen, Mr. Kamara«, sagte Nightingale, und sie schüttelten sich die Hände. »Ich wusste gar nicht, dass Sie diese Strecke betreuen.« Mr. Kamara war ein kleiner, drahtiger Mann und, wenn man meiner Mum glaubte, einst in Sierra Leone ein berüchtigter Mittelfeldspieler vom Maradona-Typ gewesen. Er war der Sohn einer der anderen Frauen meines Großvaters und arm und ohne Bildung aufgewachsen. Wahrscheinlich hätte er sein Leben als Subsistenzbauer in seinem Heimatdorf zugebracht, wäre dieses nicht eines Tages von der Revolutionären Vereinigten Front überrannt und der größte Teil seiner unmittelbaren Familie getötet oder verstümmelt worden. Der Familienlegende zufolge brachte er sich als Flüchtling in Freetown anhand von weggeworfenen Zeitungen selbst das Lesen bei, ehe mitleidige Verwandte ihn nach London holten. Hier angekommen, holte er rasch die sechs fehlenden Schuljahre nach und machte eine Lehre zum Gleisbauer. Das erklärte vermutlich, warum er so begeistert davon war, dass Abigail im Folly Zusatzunterricht nahm, vor allem, nachdem er gehört hatte, dass sie vorhatte, zwei zusätzliche außerschulische Prüfungen abzulegen, auch wenn es sich um Latein und Griechisch handelte. »Und außerdem hocke ich ihnen dann nicht ständig auf der Pelle«, hatte Abigail gesagt. Als ich sie fragte, ob ihr Vater sich keine Sorgen machte, dass sie womöglich Altphilologie studieren wollte statt einen der Aspekte der afrikanischen Heiligen Dreifaltigkeit, Medizin, Jura oder Ingenieurwissenschaften,, hatte sie gesagt: »Dad weiß doch gar nicht, dass es so was wie Altphilologie gibt, er hat noch genug Probleme mit langen englischen Wörtern. Bei Formularen helfe ich ihm immer.« Er musste sich sowieso keine Sorgen machen, Abigail war auch in Mathe, Physik und Chemie auf Bestnotenkurs. Mein alter Chemielehrer, der immer noch an der Schule war, musste hocherfreut sein. »Oh, wir gehen, wohin man uns schickt«, sagte Mr. Kamara zu Nightingale. »Genau wie die Polizei.« Er wandte sich an mich und fragte, was wir denn hier vorhätten. Na ja, aus irgendeinem Grund sagte ich ihm nicht, dass wir hofften, ein U-Bahn-Gespenst zum Aussteigen zu bewegen. Ich formulierte es so, dass wir »verdächtige Aktivitäten« überprüfen wollten. »Dämonen?«, fragte er. Dämonen ist der sierraleonische Oberbegriff für alles Übernatürliche und moralisch Fragwürdige. »Nicht Dämonen«, sagte ich. »Geister.« Er bedachte mich mit einem etwas grimmigen Lächeln. »Ihr wollt mit Geistern reden?« »Nun, reden ist vielleicht übertrieben«, sagte Nightingale. »Wir würden ihnen nur gern ein paar Fragen stellen.« »Was können die Toten schon sagen?«, fragte Mr. Kamara. »Außer dass sie lieber nicht tot wären.« Nightingale deutete an, dass wir genau das herausfinden wollten. Ehe Abigails Vater sich auf den Heimweg machte, fragte ich ihn, ob ich mir seine orange Reflexweste ausleihen dürfe. »Ich bring sie dir dann später wieder vorbei.« Tobys Leine machte ich an einem günstig gelegenen Laternenpfahl direkt neben unserer geplanten Operationsbasis fest. Er gähnte, schaute sich in der grauen Morgendämmerung um, seufzte resigniert, rollte sich zusammen und schlief ein. Nightingale sah Mr. Kamara nach, der die Bahnsteigtreppe hinaufstieg. »Sie wissen, dass bald die Zeit kommt, wenn wir seine Tochter in die Lehren und Künste einweihen müssen.« Ich sah ihm ebenfalls nach, im Herzen Trübsinn und unheilvolle Ahnungen. Was ich wusste, war, dass Abigail sich hinter unserem Rücken mit nicht näher identifizierten Fuchsgestalten unterhielt und im letzten Sommer definitiv auf eigene Faust auf Abenteuer ausgezogen war. Wenn man weiß, dass etwas grundsätzlich möglich ist, ist es gleich viel leichter, sich zu überlegen, wie es funktionieren könnte. Nightingale sah mich an. Ich seufzte. »Es dauert doch nur noch ein paar Jahre, bis sie wählen darf.« »Das Genie hat seinen eigenen Zeitplan«, sagte er. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was das nun schon wieder implizierte. »Ich nehme an, Sie hatten einen Hintergedanken dabei, sich diese Weste auszuleihen«, sagte Nightingale dann. »Wenn wir hier eine Polizeiabsperrung machen, werden ständig Leute kommen und schauen, ob irgendwo eine Leiche herumliegt. Wenn wir stattdessen gelb-schwarzes Baustellen-Absperrband nehmen, wird sich keiner für uns interessieren, sondern nur ein bisschen meckern.« Ich hielt die grellorange Weste hoch. »So wird das Ganze noch glaubwürdiger und ich außerdem unsichtbar.« »Guleed hat Ihnen wieder die ein oder andere Lektion erteilt, hm?« »Vestis virum reddit«, sagte ich, Kleider machen Leute. Auf Nightingales Blick ergänzte ich: »Quintilian.« »Natürlich. Was mich daran erinnert, dass wir uns endlich um Ihr Griechisch kümmern müssen.« Mein Gesicht musste meinen Enthusiasmus verraten haben, denn er fügte schnell hinzu: »Ich bin sicher, Marc Aurel werden Sie recht nützlich finden.« »Warum?« Er zögerte. »Hauptsächlich wegen der Zitate«, sagte er dann. »Mit deren Hilfe der Eindruck der Gelehrsamkeit und folglich Autorität erweckt werden kann.« »Meinen Sie wirklich, das sollte eine dienstliche Priorität sein, so wie wir uns an allen Ecken und Enden schon den Arsch aufreißen?« »Unbedingt. Wie sollen wir uns sonst Abigails Respekt erhalten?« Es war ein so guter Plan, okay, nicht hundertprozentig narrensicher, aber solide, anständig und ohne viel Firlefanz. Wäre schön gewesen, wenn er nicht schon nach zwanzig Minuten den Bach runtergegangen wäre. Der erste Zug des Tages fuhr in Richtung London und kam um etwa halb sechs an. Zu dieser Zeit war unsere Baustellentarnung fertig und der Stein aufgestellt, den Nightingale und ich noch am Vorabend mit Magie aufgeladen hatten. Wir hatten versucht, die resultierenden Vestigia so neutral wie möglich zu halten, aber aus irgendeinem Grund strahlte er eine Aura von Kaffee, abgestandenem Bier und staubigen Vorhängen aus. Wir nannten ihn den Hangover-Stein. Nightingale meinte, so frische Vestigia sollten eigentlich ausreichen, um jeden beliebigen Geist anzulocken, aber zur Sicherheit hatten wir vor, jedes Mal, wenn ein Zug nach London einfuhr, noch ein kleines Werlicht draufzusetzen. Auf Jagets Vorschlag hatten wir ein paar Meter weiter ein zweites Baustellenband gespannt, damit uns die Leute nicht über die Schulter schauen konnten. Vor dieser Absperrung nahm Jaget selbst in seiner Reflexweste Marke BTP Aufstellung, damit Nightingale und ich uns auf unsere Arbeit konzentrieren konnten. Er bekam die antiquierte Leica in die Hand gedrückt und wurde zum Fotografen ernannt, für den Fall, dass uns tatsächlich ein Gespenst ins Netz ging. Die Kamera war so alt, dass der Film noch manuell weitergespult werden musste, aber Jaget versicherte mir, das bekäme er hin. »Du solltest mal sehen, was für Mechanik teilweise in der U-Bahn noch im Einsatz ist. Da ist das hier praktisch Hightech.« Als die Einfahrt des ersten Zuges nahte, füllte sich der Bahnsteig zu etwa einem Drittel mit Menschen, die Kaffee aus Pappbechern tranken und den intensiven Wunsch ausstrahlten, sich irgendwo anders zu befinden. Ein oder zwei in unserer Nähe warfen einen verschlafenen Blick auf uns, aber für richtige Neugier war es viel zu früh. Jaget machte ein paar Fotos von dem schlummernden Toby, um die Kamera auszuprobieren. Nightingale sah auf die Abfahrtstafel. »Zwei Minuten«, sagte er. Ich blies auf meine Finger, um sie zu wärmen, und beugte und streckte sie. Dann beschwor ich ein so langwelliges Werlicht, dass es praktisch unsichtbar und vor allem örtlich sehr begrenzt war. Als ich damit den Hangover-Stein berührte, bei dem es sich genau genommen um einen halben Backstein aus einem vergessenen kleinen Stapel im Keller des Folly handelte, begann er kirschrot zu glühen. Ich winkte Jaget herbei, damit der ein paar Fotos machte. »Ich will wissen, ob das Glühen echt ist oder nicht«, sagte ich. Da ich, als ich den Stein vorsichtig mit dem Finger antippte, keine Hitze spürte, war es wohl nicht echt. »Nicht herumspielen, Peter«, sagte Nightingale. »Der Zug kommt.« Ich trat zu ihm zwischen den Stein und die wartenden Fahrgäste. Als der Zug an uns vorbeirollte, hatte er nur noch Schritttempo, was dem Fahrer viel Zeit gab, uns neugierig anzustarren, bevor ihm einfiel, dass er das Fahrzeug jetzt möglichst sanft zum Halten bringen sollte. Die Türen öffneten sich, und die Schar frühmorgendlicher Zombies schlurfte hinein. Ich sah Toby an. Der gähnte erst und schaute dann hoffnungsvoll zurück. Die Türen schlossen sich. Der Zug machte sich quietschend in Richtung der Tretmühlen des täglichen Grauens auf. Toby, der erriet, dass in absehbarer Zeit nichts in Sachen Wurst laufen würde, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief weiter. »Das war aber ein bisschen enttäuschend«, sagte ich. »Ich würde mir keine Sorgen machen«, sagte eine Stimme hinter mir. »Von dort werden noch so einige Züge kommen.« Ich sah mich um im Glauben, es mit einem naseweisen Mitbürger zu tun zu haben. Stattdessen trat vor uns ein Geist in die materielle Welt, genau wie wenn jemand ins Licht eines Lagerfeuers tritt. Es war ein hochgewachsener dünner weißer Mann in marineblauem Nadelstreifenanzug und Bowlerhut. In der Hand hatte er einen zusammengerollten Regenschirm und unter dem Arm eine Zeitung. Er wirkte blass und lichtdurchlässig, war das nun eine optische Täuschung? Eine Interpretation meines Gehirns aufgrund meiner Erwartungen? Oder war da wirklich etwas, woran die Lichtwellen abprallten, wie ungreifbar auch immer? Aus Jagets Richtung klickte und schnarrte es. Er schoss Beweisfotos mit der Leica. Der Film war hochempfindlich, vielleicht würden wir die Frage also bald beantworten können. Wobei sich meine diesbezügliche Hoffnung angesichts unserer bisherigen Erfolgsquote in Grenzen hielt. Der Geist deutete mit seinem Regenschirm auf Nightingale. »Sie da, Sir, sind Sie für diese herzerwärmende Szene verantwortlich?« »Kann ich Ihnen helfen?«, gab Nightingale zurück. »Sie täten mir einen großen Gefallen, wenn Sie genauso weitermachten wie bisher.« Er streckte die Hände aus, wie um sie über einem Feuer zu wärmen. Es war gut zu beobachten, wie Finger und Handflächen immer deutlicher wurden, je näher sie dem Hangover-Stein kamen. Ich nahm mir vor, auf den Fotos nachzuprüfen, ob es sich hierbei um ein reales physikalisches Phänomen handelte oder nicht. »Es gibt dieser Tage so wenig Solides.« »Stets zu Diensten«, sagte Nightingale und stellte uns alle drei formell vor. »Ponderstep mein Name«, sagte der Geist. Als Polizisten konnten wir es natürlich nicht beim Namen belassen (der noch dazu den Vornamen vermissen ließ), wir brauchen auch Adresse, berufliche Tätigkeit, Versicherungsnummer, etwaige Vorstrafen, innere Beinlänge, Lieblings-Pokémon et cetera. Mr. Ponderstep hatte nichts dagegen, meinte er, solange wir die Magie am Laufen hielten. Er lebte in West Drayton, oder besser: hatte dort gelebt, damals, als Harrow noch kaum als Teil von London betrachtet wurde. Täglich um 7.15 Uhr hatte er den Zug in die Stadt genommen, wo er bei einer Handelsbank arbeitete. Als ich viel später über ihn recherchierte, fand ich heraus, dass er als Infanterieleutnant an der Somme gekämpft hatte und ihm wegen außergewöhnlicher Tapferkeit vor dem Feind das Military Cross verliehen worden war. In unserem Gespräch erwähnte er das mit keiner Silbe, aber Nightingale sagte, ich solle dies nicht voreilig als gespensterspezifische Lückenhaftigkeit abtun. »Die Leute redeten damals nicht über den Weltkrieg.« Nicht einmal wenn sie tot waren. Hingegen redete Mr. Ponderstep durchaus über seine Frau, seine Tochter und Splinter, seinen Golden Retriever. Tatsächlich wurde es ziemlich schwer, ihn wieder zum Schweigen zu bringen, sogar als der nächste Zug Richtung London einfuhr, in dem ebenfalls ein bemerkenswerter Mangel an Geistes-Aktivität zu herrschen schien. Der Hangover-Stein indessen hatte seine Ernte verdoppelt: Als wir uns ihm nach Abfahrt des Zuges wieder zuwandten, hatte sich zu Mr. Ponderstep eine durchsichtige Gestalt in Reitstiefeln, Umhang und Dreispitz gesellt. »Und wer sind Sie?«, fragte ich. »Oh, nur ein bescheidener Mann der Straße«, sagte das Gespenst. »Von unchristlichen und neidischen Menschen vorzeitig aus dem Leben gerissen.« Er klatschte sich theatralisch auf die Brust. »Mitten ins Herz, kaum eine halbe Meile von hier.« »Haben Sie einen Namen?« »Man nennt mich den Schwarzen Tom«, sagte er, und ich notierte mir das. Auch der Schwarze Tom streckte die Hände dem Hangover-Stein entgegen. »Vortrefflich«, sagte er. »Die Nächte sind manchmal so kalt. Ich staune, hier unter all diesen Narren so erfreuliche Gesellschaft zu finden. Doch nun ja, die Stadt macht einen immer mehr staunen.« »Wie das?«, fragte Nightingale. »Nun, die Kutschen fahren auf eisernen Straßen, und so geschwind, dass es einem schier unmöglich wäre, sie anzuhalten.« Ich sah Nightingale an. Er hob die Schultern. »Ich räume ein«, sagte er, »dieses Problem hätten wir wirklich voraussehen sollen.« Als sich noch ein drittes Gespenst hinzugesellte, ein düsterer, glücklicherweise schweigsamer junger Mann in Gehrock und Zylinder, wurde uns klar, dass vermutlich in absehbarer Zeit die gesamte Spukszene von Harrow vor unserer übersinnlichen Armenspeisung Schlange stehen würde. »Übersinnliche Armenspeisung«, sagte Jaget, der weiterhin munter draufhielt. »Haha.« »Halt dich ein bisschen zurück mit der Kamera«, sagte ich. »Der Film war nicht leicht zu kriegen.« Nightingale beschloss, ein Stück vom Bahnhof entfernt ein hübsches verlassenes Plätzchen zu suchen und dort ein All-you-can-eat-Büfett für die ortsansässigen Geister zu eröffnen. Während unsere drei ihm hoffnungsvoll folgten, lösten sie sich allmählich im Morgensonnenlicht auf. Aber ich schwöre, von der Treppe zur Bahnhofshalle tönte noch lange Mr. Pondersteps Stimme, der vom Sonntagsbraten seiner Frau schwärmte. Toby sah nicht einmal auf, als sie gingen. Auch die Ankunft und Abfahrt der nächsten beiden Züge verschlief er. Beim dritten aber sprang er auf und starrte ihn aufmerksam an, während er in den Bahnhof einrollte. »Na endlich«, sagte ich. Toby winselte. Ich war mir nicht sicher, ob mir der ängstliche Ton gefiel, aber wenn das unser Zug war, konnten wir danach wenigstens frühstücken gehen. Die Rushhour war jetzt in vollem Gange, der Bahnsteig gerammelt voll. Die Reisenden drängten sich bis an unser Absperrband und warfen Jaget finstere Blicke zu, weil er ihre gewohnte Einstiegstür blockierte. Wir hatten aber darauf geachtet, dass die Aussteigenden, auch lebendige, an dem Band vorbei hinauskonnten. Zuerst sah ich das Mädchen gar nicht, ich hörte nur eine junge Stimme rufen: »Hundi!« Tobys Kopf ruckte herum, und er starrte auf die nächstgelegene Zugtür. Als ich seinem Blick folgte, sah ich sie. Sie war noch ziemlich klein, weiß und spätviktorianisch gekleidet, dunkles Kleid mit weißer Schürze und Strohhut. Die Farben konnte ich schlecht erkennen, weil sie so durchsichtig war, aber ich hielt ihre Augen für blau und ihre Haare für blond. Sie sprang aus dem Zug, duckte sich unter unserem Absperrband hindurch und rannte lachend auf Toby zu. Dieser befreite seinen Kopf verdächtig gekonnt aus seinem Halsband und flitzte über den Bahnsteig davon. Das Geistermädchen ignorierte unsere sorgsam ausgetüftelte magische Falle vollkommen und lief ihm nach. Abgang Hund und Geisterkind. Mitten in der Stoßzeit nehmen in Harrow die Menschenmassen nach der Abfahrt eines Zuges nicht wahrnehmbar ab, daher verschwanden Toby und das Gespenst, während ich mich an ihre Fersen heftete, in einem Dickicht trübseliger Pendler. Zum Glück wussten diese trotz ihrer jammervollen Mienen durchaus, auf welcher Seite des Bahnsteigs der nächste Zug einrollen würde, daher drängte ich mich auf die relativ wenig belebte andere Seite durch und rannte dort weiter. Die Station Harrow-on-the-Hill hat eine quer über die Gleise gebaute Bahnhofshalle, durch die Pendlermassen trotteten wie Statisten aus Metropolis. Während ich die Treppe hinaufhastete, schwenkte ich meinen Dienstausweis und schrie: »Polizei! Polizei!« Die Menge teilte sich in verwirrtem Widerwillen. Ich schätzte, ein Drittel fragte sich, hinter wem ich wohl her war, das zweite Drittel, warum die Polizei hinter mir her war, und das dritte Drittel dachte sich: Genau das hat mir heute Morgen noch gefehlt. Oben sah ich Toby gerade noch unter der Ticketschranke hindurchschlüpfen und erahnte einen Fetzen Bewegung, der andeutete, dass das Mädchen ihm folgte. Weil ich nicht die Zeit für eine Unterredung mit dem Ticketpersonal hatte, sprang ich mit einem Satz über die Barriere hinweg und hoffte, dass sie mir glauben würden, als ich wieder »Polizei!« schrie. Hinter mir rief jemand »He!«, aber ich war auf Toby fixiert, der zwischen den Beinen der Reisenden hindurch die Treppe hinunter in Richtung Ausgang rannte. Hier wich die zurückhaltende Art-déco-Atmosphäre dem unsäglichen Geschmack der achtziger Jahre, in denen öffentliche Gebäude stets nach der Vorgabe entworfen wurden, dass sie einem Pissoir so ähnlich wie möglich sehen sollten. Da ich längere Beine habe als Toby, schaffte ich die Treppe schneller als er; noch immer erahnte ich schemenhaft Bewegung hinter ihm, von der ich annahm, dass sie von dem Geistermädchen stammte. Durch eine kurze, verwaiste Ladenzeile ging es auf die Hauptstraße hinaus, die Toby in Höchstgeschwindigkeit überquerte. Der Geist machte sich vermutlich keine Gedanken um den Verkehr, ich schon. Ich musste anhalten und frustriert zusehen, wie Toby in den unförmigen Backsteinhaufen stürmte, der als Einkaufszentrum St. Anne’s firmierte. Aber auf der Treppe ins zentrale Atrium holte ich auf und war dicht hinter ihnen, als Toby den Fehler beging, sein Heil im WH Smith’s zu suchen und sich in der Abteilung »Zum Schulbeginn« in die Enge treiben zu lassen. Vor einer Wand aus grellbunten Schulordnern und reduzierten Hefte-Sets, jetzt mit verletzungssicher abgerundeten Kanten!, stellte er sich zum letzten Gefecht. Toby knurrte das Gespenst an, das im Neonlicht des Ladens viel besser zu sehen war und sich ihm mit ausgestreckter Hand vorsichtig näherte. »Gutes Hundi«, sagte es. »Musst doch keine Angst haben.« Ich drückte mich an dem Mädchen vorbei und stellte mich direkt vor sie. Sie bemerkte mich gar nicht, sie achtete nur auf Toby. »Braves Hundchen«, sagte sie. Ihr Gesicht leuchtete vor Aufregung. Toby grollte und schnappte nach ihrer Hand. Mit bestürzter Miene zog das Geistermädchen die Hand zurück, als hätte es wirklich Angst, gebissen zu werden. Toby sah mich an und machte einen beeindruckenden Sprung direkt in meine Arme. Dort angekommen und in Sicherheit, drehte er sich zappelnd, bis er das Mädchen anschauen konnte, und fletschte die Zähne. Sie wirkte den Tränen nahe. Ich forderte Toby auf, sich zu benehmen, und lächelte den Geist so gewinnend wie möglich an. »Hallo, ich bin Peter. Und du?« Sie sah Toby noch einen Moment lang sehnsüchtig an und dann mich. »Sie sind aber furchtbar braun«, sagte sie. »Kommen Sie aus den Kolonien?« »Ich erzähl’s dir, wenn du mir deinen Namen sagst«, sagte ich. »Das gehört sich schließlich so.« Das Mädchen machte einen zierlichen kleinen Knicks. »Alice Bowman.« »Sehr erfreut«, sagte ich und erzählte ihr, dass meine Mum aus Sierra Leone kam. Alice wusste tatsächlich, dass es in Westafrika lag, womit sie dem Großteil der modernen Menschheit etwas voraushatte. »Sind Sie wirklich Polizist?«, fragte sie dann. »Der Meister sagte, ich solle einen Polizisten oder Amtmann suchen, aber keinen Priester. Auf keinen Fall einen Priester.« »Aber ja, ich bin Polizist.« Ich zeigte ihr meinen Dienstausweis. »Wer ist denn dein Meister?« »Nicht mein Meister, Sie Dummerchen«, sagte sie. »Der Meister, der Palastmeister.« »Und der wollte, dass du einen Polizisten suchst?« Mir fiel der Postreiter ein, der unbedingt seinen Brief loswerden wollte. »Hat er dir eine Botschaft aufgetragen?« »Er will, dass ich Ihnen eine Geschichte erzähle. Ach, ich hätte so gern einen Hund.« »Wenn du mir die Geschichte erzählst, darfst du ihn mal streicheln.« Wie ich Toby das schmackhaft machen sollte, konnte ich mir später überlegen, wenn sie mir die verdammte Geschichte erzählt hatte. »Versprochen?« Ich öffnete den Mund, um zu sagen: ja, klar, Hand aufs Herz, kein Problem, aber entgegen meiner üblichen Einstellung brachte ich es nicht über mich zu lügen. In der Demi-monde haben Worte Macht, und es heißt, ein Versprechen zu brechen habe Konsequenzen. Nicht dass ich dafür schon je eindeutige Beweise gefunden hätte, aber ich ging doch lieber auf Nummer sicher. »Wenn er dich ein bisschen kennenlernen kann«, sagte ich, »lässt er sich bestimmt von dir streicheln.« Dies schien Alice zu genügen. Sie nickte. »Also, was ist das für eine Geschichte?«, fragte ich. »Von einer Prinzessin natürlich. Das sind die besten Geschichten.« Ich sagte, ich würde sie gern hören. Sie ließ sich zu Boden sinken, setzte sich im Schneidersitz hin und ließ klar erkennen, dass sie nicht anfangen würde, ehe ich nicht ihrem Beispiel folgte. Also tat ich das und musste feststellen, dass es höchst unbequem war. Toby machte es sich auf meinem Schoß gemütlich, gähnte und tat so, als döste er eine Runde. »Die Prinzessin«, sagte ich. »Hat die einen Namen?« Alice schüttelte den Kopf. »Weißt du, wo sie wohnt?« »In einem Schloss.« »Weißt du, wie das heißt?« »Wollen Sie nun die Geschichte hören oder nicht?«, fragte Alice. »Verzeih. Erzähl weiter«, sagte ich. Meine Beine begannen sich zu beklagen, ich glaube, seit meiner Grundschulzeit hatte ich nicht mehr so lange im Schneidersitz gesessen. »Es war einmal …«, begann Alice. … eine Prinzessin, die in einem leider nicht näher bezeichneten Königreich lebte und wunderschön und, na ja, im Grunde halt wunderschön war. Und da war dieser böse Mann, der sie nicht mochte. Warum er die Prinzessin nicht mochte, wusste Alice nicht, und auch nicht, warum er böse war, aber er war es ganz ohne Zweifel. Nun besuchte die Prinzessin gern die Menschen in ihrem Königreich, vor allem die Kranken und Unglücklichen. Sie ging frühmorgens los und kehrte spätabends ganz müde von all der Hilfe, die sie geleistet hatte, ins Schloss zurück. Sie wusste nicht, dass der Böse Mann, ebenfalls keine nützlichen Identifizierungsmerkmale, sie beobachtete. »Er beobachtete, wie sie jeden Morgen fortging und jeden Abend zurückkehrte. Und jedes Mal, wenn er sie sah, hasste er sie mehr.« Sein Hass wurde so stark, dass er es nicht mehr ertragen konnte, sie frei herumlaufen zu sehen, deshalb schmiedete er einen finsteren Plan. Eines Morgens schüttete er ihr einen Zaubertrank in den Tee, und sie schlief ein. Während sie schlief, verwandelte er sich in einen Hund, trug sie in sein Versteck und warf sie dort in das tiefste Verlies. Aber der Böse Mann wusste nicht, dass genau neben seinem Kerker der Meister mit all seinen Freunden in einem herrlichen Feenpalast lebte, der ganz aus Glas gebaut war. Der Meister zeigte der Prinzessin, wie sie die geheime Pforte in den Palast öffnen konnte, und als der Böse Mann mal nicht hinschaute, schlüpfte sie hindurch. »Hat der Meister einen Namen?«, wollte ich wissen. Alice schüttelte nachdrücklich den Kopf, und dabei sah ich, wie in ihrem Hals ein Riss entstand, der sich bis unter ihren Kragen zog. Es war ein sehr feiner Riss, und Alice schien ihn nicht zu bemerken, aber ich dachte an den Postreiter und ahnte, dass mir nicht viel Zeit blieb. Ich fragte, ob die Prinzessin jetzt in dem Feenpalast gefangen sei, und Alice sagte, gefangen nicht gerade, aber der einzige Weg nach draußen führe durch den Kerker, und der sei von außen verschlossen. »Der Meister sagte, jemand müsse unverzüglich in die Stadt ausgesandt werden, um die Prinzessin zu retten. Sir William sagte, er hätte keine Angst zu gehen, aber es kam keine Hilfe. Also sagten Tommy und Elizabeth, sie würden es wagen, und dann Clifford und Frenchie, und jetzt war ich dran.« In ihren Mund- und Augenwinkeln bildete sich ein Fächer kleiner Risse. »So, das war meine Geschichte, und jetzt möchte ich meine Belohnung.« Sie lächelte mich hoffnungsvoll an. Während ich noch fieberhaft überlegte, wie ich Toby dazu bringen konnte, ein Geisterstreicheln über sich ergehen zu lassen, huschte ein bestürzter Ausdruck über ihr Gesicht. »Oh.« Sie stand auf. »Ich glaube, meine Zeit ist um.« »Nein«, rief ich, stand ebenfalls auf und streckte ihr den heftig zappelnden Toby hin. »Geh nicht!« »Nanny hat gesagt, ich soll brav und tapfer sein, und Mummy und Daddy warten im Himmel auf mich«, sagte sie und beugte sich vor, wie um mir ein Geheimnis anzuvertrauen. »Aber wissen Sie was? Ich glaube, Nanny redet dummes Zeug. Ich glaube, niemand weiß, was geschieht, wenn man stirbt. Ha, jetzt hab ich’s gesagt. Sterben, sterben, sterben, Tod, Tod, Tod!« Sie kicherte so, dass sie einen Schluckauf bekam, und wurde wieder ernst. »Vielleicht kommt man ja nur in eine andere Welt, also, ganz ähnlich wie diese hier, nur besser. Was meinen Sie?« Ich weiß, was meine Mum glaubt, und ich weiß, was ich glaube, aber in einer Situation wie dieser geht es nicht um persönliche Überzeugungen. Sondern darum, was die Person braucht, die da am äußersten Rand steht. »Mein Vater glaubt, alles ist Musik«, sagte ich. »Und wenn man stirbt, wird man Teil des Stücks.« Eine kleine Improvisation unter den Millionen und Abermillionen von Melodien, aus denen die Symphonie des Daseins besteht. Im Prinzip glaubt mein Dad, dass das Leben deine einzige Chance darstellt, mal ein Solo zu spielen, also solltest du’s besser nicht vermasseln. Wobei man sagen muss, dass er auch glaubt, Miles Davis sei der wiedergekehrte Heiland gewesen, und die meisten Übel der Welt rührten daher, dass die Menschheit ihn nicht als solchen erkannt habe. »Ich kann nur ein Lied auswendig«, sagte Alice. »Möchten Sie es gern hören?« Über ihr Gesicht und das gestärkte Weiß ihrer Schürze breiteten sich feine Spalten aus Finsternis aus, wie Risse in ausgedörrtem Boden. Ich erwog, ein Werlicht zu beschwören, bezweifelte aber, dass es etwas nützen würde. »Ja, bitte«, sagte ich. Alice fing an zu singen. Meist einen Viertelton daneben, aber es war trotzdem wunderschön. Zuerst erkannte ich das Lied nicht. Melodie und Strophenstruktur kamen mir bekannt vor, aber erst bei der vierten Strophe wurde es mir klar. »Oranges and lemons Say the bells of St. Clement’s …« Später fand ich durch Googeln heraus, dass es sich um eine ältere Version des Kinderreims handelte. Und während sie mir ihr fröhliches kleines Lied über Schulden und Zahlungsunfähigkeit vorsang, zerfiel sie vor meinen Augen zu Staub und wurde von einer nicht existierenden Brise über die Reihen der Topsy-und-Tim-Bücher und nach Farben geordneten Buntstifte davongeweht. Ich persönlich hätte gern geglaubt, dass irgendwo da draußen ein freundliches Skelett auf einem weißen Pferd darauf wartete, sie mitzunehmen. Vorzugsweise irgendwohin, wo ihr ein guter Gesangslehrer beibringen würde, die richtigen Töne zu treffen. Aber in einem war ich immer derselben Meinung wie mein Dad: dass dein Leben dein Solo ist, und egal welches Lied du zu singen beschließt, du wirst es nur einmal tun. Wobei, wenn man Glück hat, kann man ein paar Variationen einbauen. Vor dem Laden wartete Nightingale auf mich. Als er mich sah, runzelte er die Stirn. »Ist etwas nicht in Ordnung, Peter?« »Ich glaube, jemand ist entführt worden«, sagte ich. 5 Der kleine Wassermann In Zweifelsfällen verfährt man am besten nach der Polizeimethode. Von den Fakten ausgehend, die man hat, ermittelt man systematisch in alle denkbaren Richtungen weiter. Selbst wenn manche der Fakten aus unkonventionellen Quellen stammen und sich dein Notizbuch liest wie ein Auszug aus einem Bram-Stoker-Roman. Es war einmal eine Prinzessin, die war in einem Verlies gefangen. »Und Sie glauben, damit ist eine Entführung gemeint?«, fragte Nightingale. Trotz allem hatten wir den Hangover-Stein noch bis Ende der Stoßzeit laufen lassen, weil es nicht der polizeilichen Methodik entspricht, einfach davon auszugehen, dass jeden Morgen nur ein Geist angefahren kommt. »Das ist mal ein Satz, den man nicht jeden Tag hört«, hatte Jaget hierzu gesagt. »Du vielleicht nicht«, sagte ich. Danach packten wir zusammen und zogen uns in einen nahen Pub zurück, um endlich etwas zu essen und uns zu besprechen. »Sicher können wir uns nicht sein«, gab ich zu. »Aber falls es eine Entführung ist, dürfen wir keine Zeit damit verlieren, zu warten, bis wir’s genau wissen.« Nightingale und Jaget nickten über ihre Pints hinweg. Bei Entführungsfällen war Schnelligkeit entscheidend. Also, angenommen, es war eine … Dann mussten wir herausbekommen, wer das Opfer war und wo man es gefangen hielt. »Alice Bowman sagte, der Meister habe sie und ihre Freunde in die Stadt ausgesandt. Das heißt, das Verlies oder der ›Kerker‹ befindet sich vermutlich in der Nähe eines der weiter stadtauswärts liegenden Bahnhöfe.« Jaget meinte, Amersham könnten wir ausschließen, denn Alice’ Zug sei aus Chesham gekommen. »Können wir anhand von Abigails Notizen überprüfen, ob alle Sichtungen in Zügen aus Chesham stattgefunden haben?« »Sobald wir zurück im Folly sind«, sagte ich. »Und wir sollten die Vermisstendatenbank der Nationalen Kriminalbehörde durchgehen«, sagte er. »Am besten zunächst nach vermissten Frauen aus dem Umkreis der nördlich gelegenen Stationen.« »Was könnte mit dem ›Kerker‹ gemeint sein?«, fragte ich. »Vielleicht ein Keller?«, überlegte Jaget. »Und die Beschreibung der Prinzessin klingt nach jemandem, der zur Arbeit pendelt.« »Das könnte erklären, warum die Geister so beharrlich den Morgenzug nehmen«, sagte Nightingale. »Möglicherweise folgen sie einem Weg, den das Opfer vorgebahnt hat.« »Machen Geister das?«, fragte Jaget. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich werde es recherchieren müssen. Außerdem interessiert mich das Feenschloss, von dem Alice sprach. Sieht aus, als müsste ich ein wenig in der Magischen Bibliothek stöbern.« Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass bei unserer Rückkehr Abigail auf uns warten würde, vermutlich war sie schon dabei, Molly Flausen in den Kopf zu setzen. »Abigail kann sich meiner Recherche anschließen«, sagte Nightingale. »Abigail?« »Gewiss doch. Das wird nicht nur eine gute Lateinübung für sie sein, es kann auch nicht schaden, wenn sie einen Einblick bekommt, was alles für die Ausübung unserer Kunst nötig ist.« Mich hatte Nightingale immer von der Bibliothek ferngehalten. Ich muss die Stirn gerunzelt haben oder so, denn er setzte hinzu: »Meine Sorge bei Ihnen, Peter, bestand nie darin, was Sie dort herausfinden könnten, sondern dass Sie, einmal in der Bibliothek, womöglich nie wieder daraus auftauchen würden. Abigail kann man zumindest mit der Aussicht auf Jagets Fotos ködern.« »Alice hat es als Feenpalast beschrieben«, sagte ich. »Wir sollten vielleicht nach Orten suchen, wo es schon Zwischenfälle mit dem Feenvolk gab.« Was in der alten Literatur die Bezeichnung für den Typ Fae war, dessen Hauptmerkmale darin bestanden, total cool zu sein, auf Einhörnern zu reiten und, wie ich zufällig mit Sicherheit wusste, Kinder zu klauen. Diese Basisinformationen gab ich an Jaget weiter. Er sah mich mit diesem »Wenn-du-das-sagst«-Blick an, der mir sehr vertraut geworden war, seit ich im Folly arbeitete. »Ich kann die Aufzeichnungen der BPs für unseren geografischen Bereich überprüfen«, sagte ich. »Vielleicht sticht da ja was ins Auge.« »Womit für mich wohl nur die Vermisstenanzeigen bleiben«, murmelte Jaget. »Würdest du? Das wäre klasse.« Nachdem somit die Aufgaben angemessen verteilt waren, tranken wir aus und machten uns an das, was bei der Einheit für Spezielle Analysen als die eigentliche Ermittlungsarbeit gilt. Jaget setzten wir an der BTP-Zentrale ab, damit er seinen eigenen geschützten Computer verwenden und, auch nicht unwichtig, bei seinen Vorgesetzten einen fleißigen, arbeitsamen Eindruck machen konnte. Als wir ins Folly zurückkehrten, war Abigail in der Küche und brachte Molly bei, appetitliche Fotos von den Ergebnissen ihrer Kochkunst zu machen, mit einem Uralt-Samsung-Handy, das sie vermutlich aus meinem Vorrat an technologischem Verschleißmaterial entwendet hatte. Ich hatte den starken Verdacht, Molly wollte die Fotos ihren Twitter- und Facebook-Freunden schicken, von denen ich offiziell überhaupt gar nichts wusste. Sie direkt darauf anzusprechen traute ich mich nicht, weil wir eine unausgesprochene Abmachung haben: Ich frage nicht, was sie an meinem Computer macht, wenn ich nicht da bin, und im Gegenzug reißt sie mir nicht im Schlaf die Kehle raus. In längst vergangenen Zeiten, bevor das Folly faktisch zur Zweigstelle der Metropolitan Police wurde (ein Ereignis, über das der Rest der Met äußerst ungern spricht), war es eine viel eindrucksvollere Organisation. Eine Kombination aus Herrenclub und wissenschaftlicher Gesellschaft und der inoffizielle magische Arm des britischen Establishment. Damals gab es in jeder Grafschaft einen Bezirkspraktizierenden, der dazu da war, sich mit Störungen der Sicherheit und Ordnung zu befassen, die außerhalb der Zuständigkeit der örtlichen Gesetzeshüter lagen. Die Bezirkspraktizierenden, kurz BPs genannt, waren allseits respektiert und so sehr in die bessere Gesellschaft der Provinz integriert, dass ich mich wundere, dass bei Miss Marple nie einer auftaucht. Vielleicht waren gewisse Personenkreise selbst Agatha zu abgefahren. Die BPs führten Logbücher nicht unähnlich meinem Notizbuch, in denen sie übernatürliche Vorfälle festhielten. Zu Ende jedes Kalenderjahrs wurden die Bücher ans Folly geschickt, wo sie, soweit ich das beurteilen konnte, ganz hinten in der Allgemeinen Bibliothek in ein Regal gestellt und nie wieder herausgenommen wurden. Irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg beschloss ein heller Kopf, dass man ihren Inhalt doch sauber mit mehreren Durchschlägen abtippen, nach Kategorien ordnen und in eine Reihe grüner Aktenschränke aus Metall in einer Abstellkammer einsortieren könnte, wo sie ebenfalls nie wieder jemand hervorholte. Nightingale hatte erzählt, das Folly habe einst auch über ein eigenes Schreibbüro verfügt, das wie die Köche, Dienstmädchen und Molly im Keller angesiedelt war. Die abgetippten Logbücher sind die einzigen, die sowohl chronologisch als auch thematisch geordnet sind, deshalb fange ich immer mit ihnen an. Erfreulicherweise lässt sich die Auswahl auch geographisch einschränken; der Bereich, der mich interessierte, hatte damals zu Middlesex gehört. Die Durchschläge steckten in mit Bändern verschlossenen Aktendeckeln und fühlten sich trocken und brüchig an. Der Bezirkspraktizierende von Middlesex ab 1921 war ein gewisser Wallace Blair, Esq., aus ausgerechnet Arbroath gewesen, der, gemessen an den Standards des Folly, einen angenehm knappen Stil hatte. In der Akte »F« für Feenvolk fand ich sechs vielversprechende Berichte, von denen mir insbesondere einer vom Mai 1924 interessant erschien. Wurde heute nach Waterside gerufen, einem Dorf in der Gemeinde Chesham. Der dortige Pfarrer, den ich als vernünftigen Menschen kenne, sagte, es gebe Gerüchte von tanzenden Gestalten im Moor. Sprach mit Zeugen, die von etwa einem halben Dutzend Mädchen erzählten, welche in »Nachtgewändern und Unterkleidern« dort getanzt hätten. Schon lange gilt diese Örtlichkeit als Wohnort von »Feen«. Habe die Aufzeichnungen meiner Vorgänger geprüft und viele dahingehende Hinweise gefunden, so eine verifizierte Entführung im Jahre 1852, vereitelt von Walter Buckland, der im alten Pfarrhaus seinen Ruhestand verlebte. Leider hinterließ er keine Aufzeichnungen am Russell Square. Und leider hatte Blair nicht vermerkt, die Aufzeichnungen welcher seiner Vorgänger er konsultiert hatte. Wenn ich mich also nicht durch den gesammelten Papierkram von zwei Jahrhunderten kämpfen wollte, war hier Ende Gelände. Direkte Anzeichen für Feenaktivität fand Blair nicht, berichtete aber von starken Vestigia der ländlichen Variante, womit möglicherweise Feen gemeint sein konnten. Er fand auch Abdrücke nackter Füße sowie einige leere Ginflaschen, dem Geruch nach frisch geleert, und schloss daraus, dass die Tänzerinnen Arbeiterinnen aus der örtlichen Fabrik gewesen sein könnten, die sich betrunken amüsiert hatten. Es folgten ziemlich viele Absätze, in denen er den moralischen Niedergang des weiblichen Geschlechts beklagte, den er darauf zurückführte, dass man diesem während des Krieges erlaubt hatte, Fabrikarbeit zu leisten. Das war bei den Fräuleins im Schreibbüro bestimmt richtig gut angekommen. Viel war das ja nicht, aber in Herefordshire hatte ich auch keine anderen Anhaltspunkte als unsichtbare Freunde und UFO-Sichtungen gehabt. Ich googelte rasch: Auch um Waterside herum hatte es Phänomene gegeben, Lichter am Himmel im Jahr 2009 und ein paar Jahre später ein angebliches Video von einem Raumschiff auf YouTube. Vor allem aber lag Waterside in bequemer Fahrrad- und erst recht Autoreichweite von gleich zwei Stationen der Metropolitan Line: Chesham sowie Chalfont and Latimer. Also sprang ich in den blauen Asbo und machte mich auf, tapfer der Wildnis von Buckinghamshire zu trotzen. Spätestens wenn man die M25 hinter sich gelassen hat und die Latimer Road entlangfährt, kommt man nicht mehr darum herum, sich einzugestehen, dass man sich in einem aus offener Landschaft bestehenden Flusstal befindet und Jagets legendäre tamilische Restaurants weit, weit hinter sich gelassen hat. Es half auch nicht sonderlich, dass mich beim Anblick der Wälder und Feldhecken Flashbacks von Herefordshire überkamen. Wenigstens war es nicht ganz so heiß, und psychopathische Einhörner gab es hier hoffentlich auch nicht. Nach einer langen Strecke durch Wälder und Nutzland wird das Tal enger, man passiert eine Kläranlage, ein paar kleine Gewerbe- und große Agrarbetriebe, und dann ist man in Waterside. Hinter dem Fitnesscenter und dem Schwimmbad lag das Moor, also, DAS MOOR. In Sachen wildromantischer Ort war es übrigens ein wenig enttäuschend. Es war gar kein echtes Moor, sondern eine künstliche Insel, die im zehnten Jahrhundert von einer gewissen Lady Elgiva angelegt worden war. Wer das auch gewesen sein mochte, sie schien eine Vorliebe für Sumpfinseln gehabt zu haben, wo man beispielsweise sehr schön Wasservögel jagen und Angehörige des Bauernstands ertränken konnte. Inzwischen war die Insel zum Erholungs- und Sportgelände ausgebaut worden und besaß praktischerweise einen Parkplatz. Ich parkte also und begann mich auf dem Gelände umzuschauen, das annähernd dreieckig war, auf einer Seite begrenzt vom River Chess und auf der anderen von der Metropolitan Line. Die Hohen Fae alias Feenvolk alias Elfen oder wie man sie sonst nennen will, leben nicht wie die übrigen Fae einfach so unter den Menschen, sondern scheinen parallel zu unserer Welt zu existieren. Ich würde es ja andere Dimension nennen, aber noch schreckt mein Gehirn davor zurück, was das implizieren würde, danke vielmals. Die Vestigia, die sie hinterlassen, wenn sie in unsere Wirklichkeit eindringen, sind subtil, aber mit viel Macht gesättigt. Wenn sie hier in der Gegend eine Prinzessin entführt hatten, war ich mir ziemlich sicher, dass ich das bemerken würde. Ich sah mich um, ob mich auch niemand beobachtete, legte mich ins hohe Gras und drückte das Ohr auf den Boden. Lange Zeit war da nur der süßliche Grasduft, das Rauschen vorbeifahrender Autos und die vage Sorge, dass ich womöglich vergessen hatte, eine Sicherheitskopie von meinen jüngsten Ermittlungsnotizen zu erstellen. Aber ich habe gelernt, derartige Dinge loszulassen und völlig im Moment aufzugehen, was ganz genau so einfach ist, wie es sich anhört. Sehr schwach und von weiter Ferne drangen das rhythmische Stampfen alter Maschinen, das Knistern von Papier und ein stechender, ätzender Geruch zu mir. Einst hatte es an diesem Abschnitt des Flusses einige Papiermühlen und Fabriken gegeben, deren Arbeiterinnen in den schäbigen Reihenhäuschen am anderen Flussufer gewohnt hatten und von dem prüden, korrekten Wallace Blair verdächtigt worden waren, nachts betrunkene Tanzorgien zu feiern. Aber keine Spur des tiefen, vibrierenden Hauchs von Veränderung, der beim Eindringen von Feen entsteht. Wahrscheinlich waren es damals im Jahr 1924 doch nur gintrinkende Arbeiterinnen gewesen, und auch davor und danach war nichts Magisches passiert. Ich hob den Kopf und sah zum Fluss hinüber. Zumindest nichts, was mit Feen zu tun hatte. Am Ufer entlang führte ein gut gepflegter, von Bäumen beschatteter Pfad. Ich ließ meinen erfahrenen Blick über die verdächtig frisch aussehenden Schilfpflanzungen und Erosionsschutzmaßnahmen wandern. Man nennt so was »Renaturierung«. Ich kann nicht unwiderlegbar beweisen, dass der plötzliche Drang, sich um den örtlichen Fluss zu kümmern, damit zusammenhängt, dass sich dort ein junger, tatkräftiger Genius loci eingefunden hat. Aber, na ja, als Mama Themse sich von der London Bridge in den Fluss stürzte, war dieser eine so giftige Brühe, dass man sich ums Ertrinken noch die kleinsten Sorgen machen musste. Und heute? Der sauberste industriell genutzte Fluss Europas. Ich meine ja nur. Wie aufs Stichwort tauchte flussaufwärts ein stämmiger kleiner weißer Junge auf, der armschwenkend und kreischend auf mich zuwetzte. Ich schätzte ihn auf höchstens vier oder fünf, er hatte helles Haar, blaue Augen und erstaunlich rote Wangen. Seine Kleidung bestand aus roten Shorts, einem blau-grün gestreiften T-Shirt und blauen Turnschuhen. Sofort begann ich unwillkürlich die Umgebung nach Gefahren abzusuchen, die ihm womöglich drohten, fahrende Autos, potenzielle Kindesentführer und/oder Erziehungsberechtigte. Nicht lange, und ich entdeckte etwa zwanzig Meter hinter ihm ein älteres weißes Paar, Mann und Frau, das sich verzweifelt bemühte, ihn einzuholen. Der Mann, grauhaarig, mit Tweedjacke und Spazierstock ausgerüstet, machte einen gefährlich kurzatmigen Eindruck. Ich beschloss, den Kleinen sanft einzufangen, um ihn wieder bei seinen, nun, Großeltern, nahm ich an, abzugeben. Ich bückte mich und blockierte mit Hilfe meiner ausgebreiteten Arme den Pfad. Der Junge betrachtete das als Einladung, mich anzuspringen und zu umarmen. Es fühlte sich an, als steckte ich den Kopf in einen eisigen Gebirgsbach, ein Schock, dem heftiges Herzklopfen folgte, begleitet vom Knirschen metallener Zahnräder und dem Rascheln von Papier. Ich richtete mich auf und setzte ihn mir auf die Hüfte. »Wie heißt du?«, krähte er. »Peter. Und du?« »Chess«, sagte er. »Das ist kurz für Chester.« Der Großvater musste eine kleine Pause einlegen, um zu Atem zu kommen, aber die Oma war aus härterem Holz geschnitzt. »Chester«, sagte sie, als sie nahe genug war. »Lass den armen Mann in Ruhe.« Und zu mir: »Tut mir leid. Er ist uns ausgebüxt.« Sie warf einen Blick auf den älteren Herrn, der kurz im Husten innehielt, um ihr beruhigend zuzuwinken. Ich versicherte ihr, das sei schon in Ordnung, ich hätte dank diverser Nichten, Neffen und sonstigen Verwandtschaftsnachwuchses Erfahrung im Kindereinfangen. »Du riechst komisch«, sagte Chester. Die Frau blickte hochgradig entsetzt. »Chester!«, sagte sie und sah mich flehend an. »Es tut mir sehr, sehr leid.« Ich sagte ihr, sie brauche sich wirklich keine Sorgen zu machen, worauf Chester mich fragte, ob ich komische Sachen essen würde. »Lassen Sie mich ihn nehmen«, bat mich die Frau, wankte aber unter seinem Gewicht, als ich ihn ihr zurückgab, er war ein sehr strammer Bursche. Sofort rutschte er an ihr hinab, bis er neben ihr stand und nur noch ihre Hand hielt. »Es tut mir so leid«, versicherte die Frau nochmals. Inzwischen kam der alte Mann heran und bekam den letzten Zipfel unserer Unterhaltung mit. Kämpferisch funkelte er mich an. »Er ist doch nur ein kleiner Junge.« »Und was für ein hübscher«, fügte ich hinzu, kein Eltern- oder Großelternteil ist immun gegen Komplimente, was ihren Nachwuchs betrifft. Ich fragte, wie alt der Kleine sei. Die beiden wechselten einen seltsam nervösen Blick, ehe sie mir antworteten, er sei vier. Ich sagte, für vier sei er schon ganz schön groß, aber auch das rief eine widersinnige Reaktion hervor. Normalerweise nimmt man das als Kompliment, aber die beiden gingen sofort auf eine Art in die Defensive, die jedem, der auch nur fünf Minuten lang im Polizeidienst war, total vertraut ist. Angesichts dessen, für wen, oder besser: für was ich das Kind hielt, konnte ich mich jetzt auf keinen Fall einfach verabschieden. Also sagte ich in meinem positivsten, kundenorientiertesten Ton: »Also, ich bin bei der Metropolitan Police, und ich frage mich …« Ich hatte keine Chance, den Satz zu beenden, denn die Frau schlug die Hände vors Gesicht, und der Mann blaffte: »O nein. Sie kriegen ihn nicht!« »Warum sollte ich ihn wollen?«, fragte ich. Der Mann und die Frau sahen sich an, und die schreckliche Erkenntnis war ihnen deutlich anzusehen: Sollte ich bisher noch nicht misstrauisch genug gewesen sein, um nachzuhaken, dann war jetzt der Punkt gekommen, wo das definitiv der Fall war. Der alte Mann packte den Kleinen an der Hand und wollte ihn mit sich ziehen. »Komm, Chester. Zeit, dass wir nach Hause gehen.« »Aber ich will bei dem Polizeimann bleiben«, sagte Chester sehr altersentsprechend. »Nein, nein, nein. Gleich gibt’s Tee.« Der Junge stemmte sich gegen ihn. Nicht, indem er versuchte, sich loszureißen, oder sich zurücklehnte, aber irgendwie stemmte er sich gegen ihn. »Allen«, rief die Frau. »Allen, lass es sein. Es ist zu spät.« Sie wandte sich mir zu, und ich sah, dass sie weinte. Diese altmodischen, gefassten, stillen Tränen einer Dame. »Natürlich wussten wir, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe nur gehofft, wir hätten mehr Zeit.« Konfrontiert mit komplexen und unerklärlichen Situationen, hat der moderne Polizeibeamte prinzipiell die Wahl zwischen zwei Vorgehensweisen. Option eins: Verstärkung rufen, alle im näheren Umkreis verhaften und die Sache auf dem Revier klären. Oder Option zwei: den nächsten Ort suchen, wo es Tee gibt, sich mit sämtlichen Verdächtigen dorthin begeben und hoffen, dass niemand eine Waffe im Hosenbund trägt. Ich wählte Option zwei, behielt aber den Spazierstock des alten Mannes auf dem ganzen Weg zu ihrem Haus gut im Auge, rein prophylaktisch. Sie hießen Allen und Lillian Heywood und wohnten in einem edwardianischen Drei-Zimmer-Reihenhäuschen gegenüber von Schwimmbad und Fitnesscenter. Das Haus war ordentlich und gepflegt, doch einiges wies darauf hin, dass hier ein aussichtsloser Kampf gegen den vierjährigen Agenten des Chaos tobte, der unter ihnen weilte. In den Ecken und Ritzen des Eingangsflurs sammelte sich der Schmutz, und die Wände waren voller klebriger Spuren in Hüfthöhe. Die Heywoods waren sich dessen sichtlich bewusst, denn sie führten mich eilig durch die Küche, die abgenutzt, aber sauber wirkte, nach hinten in den kleinen Garten. Auch er war gut in Schuss, aber mit herumliegenden Actionfiguren, platten Gummibällen und anderen Spielsachen gesprenkelt, ich hatte nichts anderes erwartet. Begrenzt wurde der Garten durch einen niedrigen Zaun, und dahinter lag, wie ebenfalls erwartet, nach anderthalb Metern grasbewachsener Uferböschung der Chess. Chess bestand darauf, meine Hand zu nehmen und mich dorthinzuzerren, um seinen Fluss zu bewundern. Früher war dieser wohl kanalisiert gewesen, doch jetzt wucherten auch hier kultivierte Schilfbänke. In denen zweifellos all die Mikroorganismen und Mini-Wassertiere, die Bev zufolge so unerlässlich sind, um ein Gewässer gesund zu erhalten, nach Herzenslust Nährstoffe aus dem Wasser nuckelten, um wiederum selbst zum Snack für die nächstgrößeren Organismen heranzureifen, jeder eine Stufe in der Nahrungskette. Bev meint übrigens, es sei eher ein Netz, durch das verschiedene Formen von Energie über das Ökosystem verteilt werden. Komplexe Selbstorganisation, die der Entropie die Stirn bietet. Ich versicherte Chess, der Fluss sei ganz toll, ja tatsächlich der tollste Fluss, den ich je gesehen hätte. Zufrieden führte er mich zurück an den weißen Plastik-Gartentisch, wo der Tee und die Erklärungen warteten. »Wir haben ihn vor zwei Jahren gefunden«, sagte Mrs. Heywood. »Damals gab es nachts ein schreckliches Gewitter, und Allen hatte Angst, dass der Fluss über die Ufer treten könnte. Also ging er zur Kontrolle immer mal wieder mit der Taschenlampe raus. Und kurz nach Mitternacht kommt er plötzlich mit dem armen kleinen Kerlchen zurück.« »Er stand ganz hinten im Garten«, ergänzte Mr. Heywood. »Splitterfasernackt.« Weshalb man ihn schnellstens ins Haus brachte, in eine Decke wickelte und ihm heiße Schokolade verabreichte, natürlich aus Vollmilch. »Natürlich«, sagte ich. Danach hatten sie die Polizei anrufen wollen, wirklich, glauben Sie uns, aber das Wetter war so schrecklich, und bei der Überflutung und all dem Chaos dachten sie sich, die Polizei wäre sicher beschäftigt. »Da wollten wir bis zum Morgen warten, wenn mehr Ruhe wäre«, sagte Allen. Aber morgens hatten sie Frühstück machen und das überflutete Stück Garten vom Schlamm säubern müssen, wobei Chess fleißig geholfen hatte, und plötzlich war es Abend, und das arme kleine Kerlchen hatte sich auf dem Sofa zusammengerollt und war eingeschlafen. »Wann haben Sie beschlossen, ihn zu behalten?«, fragte ich. Lillian, die mir gerade die Rosinenbrötchen reichen wollte, hielt in der Bewegung inne. »Das haben wir eigentlich nie«, sagte sie. »Nicht direkt.« »Es war eher so, dass wir nicht versuchten, ihn loszuwerden«, sagte Allen. Ich nahm mir ein Rosinenbrötchen. Chess ebenso, der sodann versuchte, sich so viel davon wie möglich auf einmal in den Mund zu stopfen. Nach außen hin hatte es sich als erstaunlich einfach erwiesen, ihn zu behalten: Sie erzählten einfach allen, Chess sei ein Großneffe, um den sie sich kümmern müssten. Die Nachbarn ließen sie in dem Glauben, dass mit den Eltern etwas vage Daily-Mail-Würdiges passiert war, Drogensucht, Nervenzusammenbruch, irgendwas in der Art,, und widmeten sich fortan der praktischen Seite der Frage, wie man einen lebhaften kleinen Jungen aufzog. »Früher wären wir damit nicht so einfach durchgekommen«, sagte Lillian. »Oder, Allen?« »Nein«, bestätigte Allen. Denn damals kannte in einem Dorf wie Chesham jeder jeden, und jeder wusste, was jeder gerade trieb. Da hätte garantiert jemand Fragen gestellt, und früher oder später wäre der Pfarrer zu einem »kleinen Gespräch« vorbeigekommen. »Zum Beispiel der junge Mann damals«, sagte Allen, »der später Bischof wurde.« Er sprach von den fünfziger Jahren, als Chesham noch mit drei Kirchengemeinden gesegnet war, Waterside, wo die beiden wohnten, Latimer und Ashley Green. »Das Seltsame ist«, sagte Allen, »je mehr Leute hier wohnen, desto weniger Religion scheint es zu geben.« Eine gewisse mir bekannte Flussgöttin meint, die spätviktorianische Kirche habe gar nichts davon gehalten, sich ihr Revier mit »heidnischen« übernatürlichen Wesen zu teilen, insbesondere in städtischen Gebieten. Ich sah Chess an, der das zum Anlass nahm, mir zu zeigen, wie weit er den Mund aufreißen konnte, der voll mit zerkautem Rosinenbrötchen war. Irgendwie konnte ich den kirchlichen Standpunkt verstehen. Lillian und Allen waren alteingesessene Watersider; ihre Familien hatten schon hier gelebt, ehe die Fabriken gebaut wurden. Ich fragte mich, ob das signifikant war, und dann, wie alt Chess wohl werden musste, bevor er mir diese Frage beantworten konnte. »Es begann sich eine Routine einzupendeln«, erzählte Lillian weiter. Sie hatten sich lediglich gefragt, wie sie es anstellen würden, Chess in der Schule anzumelden, wenn es so weit wäre. Wegen des deutlichen Defizits an Geburtsurkunden und ähnlichen Dokumenten. »Wir hätten uns gewünscht, jemand könnte uns da einen Rat geben«, sagte Lillian. »Aber wir wussten nicht, wohin wir uns wenden könnten.« »Für alles andere scheint es eine Beratungshotline zu geben«, sagte Allen. »Oder irgendwas im Internet.« Sie verstummten und sahen mich an. Um ihrem Blick auszuweichen, schaute ich in den Garten hinaus, der vor üppigem Leben strotzte. Um die Küchentür rankte sich etwas, was vermutlich Rosen waren. Eine dicke Hummel erkundete das Fahrerhaus eines rot-gelben Spielzeuglasters und flog dann in trägem Zickzack zwischen wippenden roten, gelben und blauen Blumen davon. Über dem Garten lag verträumte Stille. Ich hörte keine Autos vor dem Haus vorbeifahren, auch kein nachbarliches Radio. Wir hätten auch mitten in einem uralten Wald aus Eichen, Eschen und Weiden sitzen können. Ich warf Chess einen scharfen Blick zu. Er lächelte mich breit an, nur in den Mundwinkeln lag ein durchtriebener Zug. Im Stillen sang ich das Klagelied des Bobbys in Gewissensnöten. Warum nur kommen diese Plagen über mich, bin ich denn ein Sozialarbeiter? »Lass das«, sagte ich zu Chess. Er kicherte. Das hier würde geklärt werden müssen, aber nicht heute Nachmittag. »Ich verspreche nichts«, sagte ich. »Aber ich schaue mal, ob ich Unterstützung für Sie organisiert kann.« Beide sahen bestürzt drein. Nicht das Sozialamt, baten sie. Das hatte ich in der Tat erwogen, aber ich konnte doch dem Sozialamt Buckingham, das mir absolut nichts getan hatte, nicht diesen frechen kleinen Gott aufhalsen. Ich sagte Lillian und Allen, ich würde mich im Lauf der nächsten Woche melden, und sie sollten sich keine Sorgen machen. Das Mindeste, was ich tun konnte, war, ihnen eine kompetente Reinigungskraft vorbeizuschicken, die ihnen die Ecken ordentlich schrubbte. Ehe ich ging, fragte ich Chess, ob er in der letzten Zeit vielleicht etwas Seltsames bemerkt hätte. Angesichts seines Alters versprach ich mir davon nicht viel. Er sah mit seinem runden rotwangigen Gesicht zu mir hoch und zeigte flussaufwärts. »Da«, sagte er. »Da ist was Gruseliges.« »Tatsächlich«, sagte ich. »Inwiefern gruselig?« Er krauste nachdenklich die Nase. »Weiß nicht. Es ist laut. Da schreit jemand.« »Kannst du verstehen, was geschrien wird?« Er schüttelte den Kopf. »Wie lange geht das mit dem Schreien schon?« »Ganz lang«, sagte er und widmete sich wieder seinem Spielzeuglaster. Mit vier kann »ganz lang« heißen: seit gestern. Aber neben meinen anderen ermittlerischen Kompetenzen habe ich eine fast schon an Inselbegabung grenzende Fähigkeit entwickelt, keinen Strohhalm auszulassen, nach dem ich greifen kann. Also schaute ich mir auf dem Handy Google Maps an und fand heraus, dass flussaufwärts Chesham lag, Endstation dieses Zweigs der Metropolitan Line und am weitesten von London entfernter Halt der U-Bahn. Auf dem Weg zum Auto bekam ich einen Anruf von Jaget. Er sagte, er habe ein paar vielversprechende vermisste Personen zu bieten. »Kommt eine davon aus Chesham?«, fragte ich. »Zufällig ja. Eine Brené McClaren. Wohnt in Chesham, pendelt nach London. Ist Sozialarbeiterin in Islington.« Nun besuchte die Prinzessin gern die Menschen in ihrem Königreich, dachte ich, vor allem die Kranken und Unglücklichen. »Ich glaube, wir haben unseren primären Ermittlungsfokus.« 6 Der Geisterfänger Aber nicht unseren einzigen, denn die erste Regel für gute Polizeiarbeit lautet: nicht Hals über Kopf dem erstbesten Hinweis hinterherjagen, egal wie verheißungsvoll er ist, solange man nicht zumindest einen Versuch gemacht hat, die Alternativen zu eliminieren. Da die beiden Alternativen, eine aus Amersham und eine aus Rickmansworth, genau wie unsere Ms. McClaren in die Zuständigkeit der Thames Valley Police fielen, würden wir dies erreichen, indem wir die zweite Regel für gute Polizeiarbeit anwandten, welche da lautet: Such dir einen Dummen, der die lästigen Aufgaben erledigt. Der Dumme war in diesem Fall besagte Thames Valley Police, deren Verhältnis zur Met vergleichbar ist mit dem des Everton FC zu Liverpool. Heutzutage versuchen beide Seiten immerhin professionell zu bleiben, wenn ein gemeinsamer Fall bearbeitet wird. Jaget verabredete ein Treffen mit dem örtlichen Verantwortlichen und sprang in die nächste Bahn nach Chesham, wo ich ihn am Bahnhof abholen würde. In Chesham nimmt die Metropolitan Line ein ruhmloses Ende, und man merkt deutlich, dass der Ort sich nicht ganz entscheiden kann, ob er nur Schlafstadt für Londoner Pendler oder ländliches Marktstädtchen mit Nullachtfünfzehn-Fußgängerzone im Ortskern sein will. So eine Bilderbuchidylle mit guter Verkehrsanbindung, wie sie bei Medientypen beliebt sind, die irgendwann das Gefühl haben, sich genug ins großstädtische Multikulti reingehängt zu haben, und jetzt ein Fleckchen suchen, wo die Welt noch in Ordnung ist, um dort ihre Kinder großzuziehen. Um den Ort herum verengt sich das Tal des Chess, und der Bahnhof liegt an einem Hang, von wo aus ein paar steile Straßen ins Zentrum hinunterführen. Wie es sich für einen guten Pendlerbahnhof gehört, verfügt er über einen großen Parkplatz und überquellende Fahrradständer, aber, das muss man leider sagen, kein Café, was ein wahres Zeichen von Zivilisation gewesen wäre. Es gab nicht mal so ein Kioskdingens, von denen ich aus bitterer Erfahrung weiß, wie ätzend es ist, darin zu arbeiten. Als ich mich erkundigte, wurde mir gesagt, die Cafés lägen alle an der Hauptstraße unterhalb des steilen Hangs. Also rief ich stattdessen Bev an und quatschte ein bisschen mit ihr, um mir die Zeit zu vertreiben. »Vier, fünf Jahre alt, ja?«, fragte sie. »Der Kinderarzt, bei dem sie waren, kurz nachdem sie ihn gefunden hatten, schätzte ihn auf etwa zwei.« Beverley staunte, dass der Arzt sie nicht gemeldet hatte. »Sie gingen in eine Privatpraxis. Deuteten an, dass der Kleine aus Rumänien oder so war.« »Schlau«, sagte Bev. »Die zwei sind mir jetzt schon sympathisch.« »Ja. Aber die Sache wächst ihnen über den Kopf, und ich bin mir nicht sicher, ob unser kleiner Wassermaxe sie nicht magisch beeinflusst. Man könnte es durchaus als ethisches Dilemma betrachten.« »Hat fast was Mythisches«, sagte sie. »Kinderloses Paar, das ein Baby findet.« Im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimme eine Frage stellen. Bev gab weiter: »Chelsea will wissen, ob er schon mal eine Schlange erwürgt hat?« Ich sagte, ich würde mich bei der nächsten Befragung erkundigen. »Der Chess gehört nicht zu meinem Wassereinzugsgebiet, nicht mal zu dem meiner Mum«, sagte Bev. »Nicht mal zu dem des Alten Mannes. Wenn ich mich einmische, ist das vermutlich nicht die beste Idee.« Ich wandte ein, in Herefordshire hätte sie sich aber ziemlich enthusiastisch eingemischt. Sie behauptete, das sei was anderes gewesen. »Das war ein Gefallen. Ich hatte die Genehmigung. Gegenseitige Subsidiarität und so.« »Ich weiß nicht, ob das Wort das bezeichnet, was du damit meinst«, sagte ich. »Es bezeichnet das Prinzip, dass die zentrale Autorität nur handelt, wenn das Problem nicht auf lokaler Ebene gelöst werden kann«, gab sie zurück, worauf ich lieber den Mund hielt, obwohl ich immer noch nicht glaubte, dass es hier das richtige Wort war. Zum Glück sah ich in diesem Moment Jaget aus dem Bahnhof kommen und hatte eine gute Ausrede, das Gespräch zu beenden. Unser Ansprechpartner bei der TVP war ein gewisser Detective Sergeant Malcolm Transcombe vom Revier Amersham, ein kleiner, stämmiger Mann Ende vierzig mit schütter werdendem rotem Haar, der uns mit der frohen Miene eines Mannes empfing, dessen Arbeitspensum gerade dank zweier Hallodris aus der Großstadt sprunghaft angestiegen war. Er traf uns auf dem Parkplatz, um zu verdeutlichen, wie wenig Zeit er hatte und dass wir das bitte schnell hinter uns bringen sollten. Sein fahrbarer Untersatz war ein zehn Jahre alter Rover 75, gut in Schuss, aber die lila Sonderlackierung tat in den Augen weh. DS Transcombe lehnte sich gegen die Motorhaube und betrachtete Jaget und mich mit scheelem Blick und verschränkten Armen. »Woher, sagten Sie, haben Sie die Informationen?« »Aus mehreren Quellen«, erwiderte ich. »Wir hätten Sie beim derzeitigen Stand der Ermittlungen noch gar nicht belästigt, aber es könnte sich möglicherweise um eine Entführung handeln.« »Mehrere Quellen?«, sagte DS Transcombe, ohne Zweifel in Gedanken bei der Frage, wie viele unbezahlte Überstunden ihm das wohl einbringen würde. »Vertrauliche Quellen.« Seine Augen verengten sich. Das Problem mit Detectives ist nun mal, dass sie Detectives sind, und somit buchstäblich darauf trainiert, nichts zu glauben, was sie nicht selbst überprüft haben. Außerdem hatte er sich garantiert zwei Sekunden, nachdem Jaget ihn angerufen hatte, mit einem alten Kumpel bei der Met in Verbindung gesetzt. Jeder Polizeibeamte, der auch nur fünf Minuten in seinem Job überleben will, braucht ein Netzwerk alter Kumpels. Jaget ist meiner bei der BTP. Transcombe hatte also den seinen angerufen, nennen wir ihn mal Bill, und ihn gefragt, was es mit dieser Einheit Spezielle Analysen auf sich hatte und was er mit ihr anfangen sollte? Wenn Bill sich auch nur halbwegs auskannte, hatte er Transcombe wahrscheinlich berichtet, dass ESA der neueste Deckname des Folly war, du weißt schon, das sind die Typen, die diese speziellen Fälle bearbeiten. Du meinst …? Ja, genau die. Und was soll ich jetzt mit denen machen? Dich in Gottes Namen um die Sache kümmern, dabei Abstand halten, so gut es geht, und deiner Fallaufklärungsrate adieu sagen. Ah, danke, Bill, das war sehr hilfreich. Keine Ursache, jederzeit, Kumpel. »Ahaa«, sagte DS Transcombe gedehnt. »Vertrauliche Quellen.« Also, einen Ruf zu haben kann, wie man sieht, ziemlich nützlich sein, egal wie schlecht er ist. Transcombe fragte, was wir nun vorhätten. Ich fragte zurück, was im Fall Brené McClaren bisher unternommen worden sei. Praktisch gar nichts, meinte er. Er hatte eine Befragung der Arbeitskollegin angeordnet, die sie als vermisst gemeldet hatte, und zufällig genau heute vorgehabt, sich mal das Haus der Vermissten anzuschauen. »Sehr gut«, sagte ich. »Ich dachte mir auch schon, das wäre ein guter Anfang.« Und man will ja nicht irgendwelche Türen eintreten ohne Zustimmung der örtlichen Obrigkeit. »Wo ist das denn?« DS Transcombe deutete in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war. »Gleich da hinten. In Waterside.« Wir stiegen also in unsere jeweiligen Autos und fuhren zu einem Paradebeispiel für uninspirierten sozialen Wohnungsbau des späten zwanzigsten Jahrhunderts, hochgezogen auf einstigem Brachland hinter einer viktorianischen Häuserzeile. Zumindest konnte man bequem parken, den ganzen Block entlang zogen sich Stellplätze, zwischen denen Treppen auf das Zwitterding zwischen Außenflur und Balkon hinaufführten, verniedlichend »Laubengang« genannt, das einer der garstigen Grundzüge moderner städtischer Architektur ist. Brenés Haus war das erste in der Reihe. Wir spähten zunächst durch die Fenster, aber die Netzgardinen waren vorgezogen, und drinnen war es zu dunkel, als dass man etwas erkennen konnte. Wie es sich gehörte, klingelten wir, klopften und hämmerten dann an die Tür, riefen »Polizei« und ließen uns ganz zuletzt, als es nicht mehr zu vermeiden war, dazu herab, durch den Briefschlitz zu brüllen. DS Transcombe seufzte und sah mich säuerlich an. »Mist.« Sich irgendwo gewaltsam Zutritt zu verschaffen ist immer lästig, weil abgesehen von allem anderen moderne Türen verdammt schwer einzutreten sind und meist keine praktischen kleinen Glasfenster haben, die man einschlagen kann, um hineinzugreifen und den Riegel zurückzuschieben. Die Hintertür ist noch schlimmer, weil die heutigen Terrassentüren üblicherweise aus einer großen Glasfläche bestehen, die ein ziemliches Verletzungsrisiko darstellt, wenn man sie einschlägt. Nun hat Nightingale mir zwar seinen nützlichen kleinen Schlösseröffnungszauber beigebracht, aber ich bin noch nicht besonders gut darin, und falls wir es mit einer magischen Entführung zu tun hatten, wollte ich den Tatort auch nicht mit neuen Vestigia kontaminieren. Außerdem hatte ich noch nicht das Gefühl, mit DS Transcombe auf ausreichend vertrautem Fuß zu stehen, um ihn bedenkenlos schockieren zu können. Schlussendlich ging Jaget bei den Nachbarn hausieren, bis er jemanden fand, der einen Ersatzschlüssel für Brené aufbewahrte. DS Transcombe notierte sich Name und Kontaktdaten und warnte die Nachbarin, dass wir vielleicht noch zu einer Befragung vorbeikommen würden. Dann ließen wir uns rein. In dem Haus war schon seit einiger Zeit niemand mehr gewesen. Das war in dem Augenblick klar, als wir über den Haufen Werbepost im Hausflur steigen mussten. Das verschimmelte Frühstücksgeschirr in der Spüle, die abgelaufene Milch im Kühlschrank und das ungemachte Bett mit der dünnen Staubschicht bestätigten es nur. Bei einer Ermittlung mit Zeitdruck besteht immer eine gewisse Spannung zwischen der Verpflichtung, den gegenwärtigen Zustand für die Spurensicherung zu erhalten, und der dringenden Notwendigkeit, einen Schritt weiterzukommen. Es führte kein Weg daran vorbei, eine erste Durchsuchung durchzuführen, aber wir zogen uns Handschuhe über und berührten nur, was unbedingt nötig war. Wir fanden heraus, dass Brené McClaren ihren Reisepass in einer Schuhschachtel im obersten Fach ihres Kleiderschranks aufbewahrte, dass es keine Hinweise auf einen Kampf gab und dass ihr Musikgeschmack schauderhaft war. »Wieso, was ist denn so schlimm an Arcade Fire?«, wollte Jaget wissen. Ich würdigte das keiner Antwort. Dann schwärmten wir getrennt in die Nachbarschaft aus. Es war schon so spät, dass alle von der Arbeit zurück waren, aber niemand, den wir fragten, hatte sie in der letzten Zeit gesehen. DS Transcombe machte sich eine Notiz, da würde jemand oder eher mehrere Jemande eine ordentliche Haus-zu-Haus-Befragung durchführen müssen, sobald das mit den Überstunden geklärt war. »Sie glauben, sie wurde auf dem Weg zur Arbeit entführt?«, fragte er dann. Ich wies auf das Frühstücksgeschirr, das ungemachte Bett und die Tatsache hin, dass sie von einer Arbeitskollegin als vermisst gemeldet worden war. Es war nicht viel, aber es war ein Ausgangspunkt, wir konnten nicht ewig warten, bis wir mehr Daten hatten. Die Verkehrsdatenbank führte Brené als Inhaberin eines Führerscheins, es war aber kein Auto auf sie angemeldet. Mit dieser Information im Kopf gingen wir zu Fuß zurück Richtung Bahnhof, um zu sehen, welches der kürzeste Weg war. Es war Jaget mit seinem umfangreichen Wissen über Problemzonen der U-Bahn, der den Fußweg an den Gleisen entlang kannte. »Da gibt’s ein paar gute Stellen, wo immer wieder Leute versuchen, über die Gleise zu gehen.« Ich fragte nicht, was diese Leute dazu bewog, sich dem Risiko eines Veitstanzes auf der Stromschiene auszusetzen, als Polizisten wussten wir alle drei, dass nichts auf dieser Welt so idiotisch war, dass es nicht früher oder später jemand ausprobierte. Heutzutage war es wenigstens wahrscheinlich, dass es ein YouTube-Video davon geben würde, das erleichterte dann die Identifizierung der Leiche. Auf dem Weg notierte sich DS Transcombe, wo es Überwachungskameras gab und welche Häuser und Geschäfte auf jeden Fall bei der ersten Welle der Haus-zu-Haus-Befragung dabei sein sollten. Der Fußweg war schnurgerade und wurde auf einer Seite von Häuserrückseiten und auf der anderen von Bäumen begrenzt. Inzwischen stand die Sonne so tief, dass er bis auf gelegentliche sonnenbeschienene Stellen dunkel war. »Guter Ort für einen Hinterhalt«, bemerkte ich. Jaget widersprach: »Frühmorgens wimmelt’s hier garantiert nur so von Leuten.« »Das muss nicht heißen, dass man sie nicht hier entführt hat«, meinte DS Transcombe. »Es wurden immer wieder Leute aus Menschenmengen heraus gekidnappt.« Mir fiel ein, dass Alice erzählt hatte, der Tee der Prinzessin sei vergiftet worden. »Vielleicht hat der Entführer sie schon in ihrem Haus erwischt, bevor sie überhaupt losging.« »Eine Theorie nach der anderen«, sagte Transcombe. Aber wir fanden weder ein günstig gelegenes Loch in dem Maschendrahtzaun zwischen Weg und Gleisen noch eine herumliegende Tasche oder Anzeichen für einen Kampf. Nicht einmal eine verlorene Mantelspange oder ein Päckchen Lembas. Am Bahnhof angelangt, gingen wir eine andere Strecke zurück, nur zur Sicherheit. DS Transcombe hatte, sobald wir im Haus fertig waren, seinen Inspector angerufen, und dieser rief zurück, als wir gerade wieder unsere Autos erreichten. »Mein Chef sagt, wir ziehen die Sache jetzt groß auf«, informierte Transcombe uns danach. »Wir versuchen es noch in den Spätnachrichten unterzubringen, und über die sozialen Medien werden wir es auch posten.« Und sie würden frühmorgens systematisch die Nachbarn abklappern und die Pendler auf dem Weg zum Bahnhof und im Bahnhof selbst befragen. Dann die Arbeitskollegen. Und alle eventuellen Exfreunde, männlichen Verwandten und sonstigen üblichen Verdächtigen, auf die sich das Augenmerk der Polizei richtet, wenn eine Frau verschwindet. Für die Medienstrategie war es günstig, dass Brené eine recht hübsche Frau Ende zwanzig war, das Interesse würde groß sein und es würden sicherlich so einige Meldungen hereinkommen. Ich war nur froh, dass nicht ich die alle bearbeiten musste. Ich versicherte DS Transcombe, wir würden ihn in Kenntnis setzen, wenn es auf unserer Seite etwas Neues gab. Er grinste. »Nicht so schnell. Zuerst muss mein Chef die Zusammenarbeit absegnen.« Ich erwachte vom Duft nach Kaffee und davon, dass Abigail am Fußende des Bettes saß und praktisch vor Ungeduld auf- und abhüpfte. »Rat mal, was wir gefunden haben«, sprudelte sie heraus. Ich blinzelte sie an und fragte mich, woher der Kaffeeduft kam, bis ich Molly entdeckte, die mit einem Frühstückstablett dicht neben dem Bett stand. Nur Molly schafft es, ein Frühstück im Bett zu einer unheimlichen Erfahrung zu machen, aber über die Jahre habe ich gelernt, den Instinkt zu unterdrücken, kreischend aus dem Bett zu springen. Es fällt mir aber immer noch schwer. Wenigstens gab es heute keine Bücklinge, sondern Rührei auf Toast. Ich setzte mich auf, nahm ihr das Tablett ab und sah ihr nach, wie sie durch die Tür hinausglitt. Abigail war klug genug, zu warten, bis ich einen Schluck Kaffee getrunken hatte, allerdings stibitzte sie mir derweil etwas Toast. »He«, sagte ich. »Willst du’s jetzt wissen?« »Wie viel Uhr ist es?«, fragte ich. »Acht … ungefähr.« Das hieß, die Ermittlung der TVP war bereits in vollem Gange. Momentan wurden die Pendler befragt, sowohl in Chesham als auch in Chalfont and Latimer, und zur Sicherheit auch in Amersham. Dann würden die Hausbefragungen losgehen, und Suchhunde würden überall dort herumschnüffeln, wo vielleicht jemand versucht haben könnte, eine Leiche zu verstecken. Und jedweder Beitrag aus dem Bereich meiner Kernkompetenzen, das hatte die TVP klargemacht, sei ihr höchst willkommen. Also hoffte ich, Abigail hatte wirklich etwas Nützliches gefunden. »Einen Geisterfänger«, sagte sie. »Und rate mal, wo?« »Chesham«, sagte ich. »Strike«, sagte sie. Was heißen sollte: »Ja«, und auch, dass sie vorhatte, das hier genüsslich in die Länge zu ziehen. »Aktuell oder historisch?«, fragte ich. »Oh, definitiv historisch. George Buckland, geboren 1742, gestorben 1815.« »Lass mich raten. In der Schlacht von Waterloo.« »Nö, im Bett.« »Und was hat er mit dem Fall zu tun?« »Zunächst«, sagte Abigail, »sollte ich dir was zum Kontext erzählen.« Denn die Kirchengemeinde Chesham war insofern ungewöhnlich, als sie zu Zeiten von König Harold drei Pfarrer hatte, genauer gesagt: er hatte das Patronat der Gemeinde zu gleichen Teilen zwischen den drei angrenzenden Herrensitzen aufgeteilt. Patronat bedeutet das Recht, das Priesteramt für die Gemeinde zu besetzen, drei Patronate zogen also drei amtierende Priester nach sich. »Was damals völlig okay war«, sagte Abigail. »Weil sie sowieso nur auf die Pfründe aus waren.« Die drei alten Kumpel von Harold vererbten dieses Recht an ihre Nachkommen weiter, welche es alle irgendwann im Bemühen, der ewigen Verdammnis zu entkommen, einem örtlichen Kloster vermachten, von welchem es wiederum an Günstlinge, politische Verbündete und/oder missgebildete Söhne des Abts vergeben wurde. Denn während die Klöster zwar oft in Sachen Befugnisse des Königs mit dem Staat über Kreuz lagen, waren sie enthusiastische Befürworter des Feudalismus, wenn sie daraus Vorteile schlagen konnten. Tja, dreihundert Jahre später wurde ihnen dann von der Renaissance, dem kalten theologischen Wind aus Deutschland und König Heinrichs VIII. Bedürfnis, sich frauentechnisch ab und zu neu zu orientieren, das Fürchten beigebracht. »Wird das irgendwann relevant?«, wollte ich wissen. »Na ja, die Patronate wurden zwischen verschiedenen Adelssippen hin und her jongliert, bis mal eins bei einem Typen namens George Buckland landete. Und rate mal, was er von Beruf war?« »Pfarrer?« »Falsch!«, rief Abigail und erklärte herablassend, dass mich das nicht allzu sehr verwundern sollte, weil ein Landpfarrer nicht viel mit Theologie am Hut haben musste. »Er war Praktizierender!« George Buckland, Esquire, war nicht direkt einer der Gründer des modernen Folly, lebte aber immerhin zu der Zeit, als es gerade in den ansehnlichen georgianischen Kasten umzog, in dem ich gegenwärtig mein Rührei aß. Er hatte sogar noch jener früheren wilden, wirren Ära angehört, als die Praktizierenden Londons sich in einem anrüchigen schwimmenden Kaffeehaus auf der Themse trafen. Damals hatten diese häufig Umgang mit Schwindlern, Scharlatanen und, shocking!, Frauen. Und den Gerüchten nach war es eine Frau gewesen, die George beigebracht hatte, Gespenster zu fangen. »Gespenster?«, fragte ich. »Wie das?« »Vieles von dem, was ich jetzt sage, sind Gerüchte, ja?«, warnte mich Abigail. »Also, es hieß, er hätte eine Kreolin aus New Orleans geheiratet, und die konnte etwas herstellen, was man Rosenglas nannte. In dem man angeblich einen Geist fangen konnte. Aber wenn man ihn erst mal hatte, durfte man ihn nicht mehr rauslassen, weil er sonst auseinanderfallen würde. Also, der Geist. Kommt dir das bekannt vor?« Oh ja. Und es erklärte womöglich unsere zerbröselnden Geister. »Willst du damit sagen, dass Brené McClaren Praktizierende sein könnte?« »Nein.« Abigail beäugte mein letztes Stück Toast. »Ich bin noch nicht fertig.« Denn George Bucklands Zugehörigkeit zu der neuerdings offiziell anerkannten, respektablen »Gesellschaft der Weisen«, wie sich das Folly zu jener Zeit nannte, war nicht frei von Makeln. »Er wurde als allererste Person bekannt, gegen die im Folly ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.« »Weswegen?« Sie grinste. »Das weiß kein Mensch. Die Akte wurde versiegelt, und Mr. Nightingale sagt, er kann sie nicht finden.« »Sehr hilfreich.« »Aber im Moment nicht wichtig«, erwiderte Abigail. »Wichtig ist, dass die Pfarrei in der Familie blieb, bis sein Urenkel 1914 kinderlos starb.« Ich ahnte, in welche Richtung das ging. Aber ich machte ein ahnungsloses Gesicht, um Abigails Triumph nicht zu mindern. Sage ich jetzt mal. Und wer will mir das Gegenteil beweisen? »Die Rosengläser wurden nie gefunden«, sagte sie. Und es gab Hinweise, dass Walter Buckland, der letzte zum Folly gehörige Spross der Familie, sie noch 1860 in einem Gespräch erwähnt hatte. Ah, dachte ich, der berühmte Walter Buckland, der Feen am Kinderentführen hinderte. »Vielleicht sind sie ja immer noch im Pfarrhaus?«, fragte Abigail. »Im Keller?« Ich trank meinen Kaffee aus. »Fahren wir hin und schauen nach.« »Au ja!«, sagte Abigail. 7 Der polnische Barista Zuerst schauten wir aber noch nach, ob wir die Bezirkspraktizierenden-Akte Walter Buckland auftreiben konnten. Vielmehr, ich ließ Abigail nachschauen, mit der tiefen Befriedigung des Handlangers, der endlich einen Unterhandlanger hat, den er seinerseits ausbeuten kann. Währenddessen rief ich DS Transcombe an und teilte ihm mit, was ich vorhatte. Irgendwie vergaß ich dabei zu erwähnen, dass ich meine neugierige Cousine-alias-unsere-Schülerpraktikantin mitbringen würde. Er erklärte, er werde meinen Ausflug als Maßnahme in seine Liste aufnehmen, und ich vermerkte das Telefonat in meinem Notizbuch, nur für den Fall, dass etwas katastrophal schiefging. Nachdem solchermaßen alle sich kreuz und quer rückversichert hatten, sammelte ich Abigail in der Bibliothek ein. Ihre Suche war noch nicht von Erfolg gekrönt worden. Wir schwangen uns in den orangen Asbo, der besser motorisiert ist, und stoben mit einem Lied im Herzen und einem Streit über die Musikwahl auf den Lippen davon. Schließlich einigten wir uns auf Janelle Monáe und sangen laut Many Moons mit, während wir das heimelige Gebiet diesseits der M25 hinter uns ließen. Dasjenige der drei Pfarrhäuser, das George Buckland und seinen Nachkommen als Heim gedient hatte, stand etwas unterhalb der Kirche St. Mary’s auf der falschen Seite der stark befahrenen A416. Was aber zum Einkaufen strategisch günstiger war, stellte ich fest. »Was ist denn das für ein Gebilde«, sagte ich, als ich es erblickte. »Ich dachte, du magst alte Häuser«, sagte Abigail. »Alt heißt nicht automatisch gut. Wie man an diesem Beispiel deutlich sehen kann.« Ich bin kein Experte, aber ich schätze, das ursprüngliche Haus datierte aus dem sechzehnten Jahrhundert, jener großen Umbruchphase, als der Adel seine Diener aus dem Rittersaal warf und die Bauern das Viehzeug aus ihrem Wohnzimmer. Ordentlich gebaut war es, das musste man ihm lassen, ein Großteil der Originalwände aus schmalen roten Ziegeln sowie ein sehr hübscher Tudor-Schornstein waren noch erhalten. Aber das Haus war so gestaucht und klumpig wie Le Corbusiers Gehirnwindungen. Außerdem hatte jemand einen neoklassizistischen Flügel mit zusätzlichen Kaminen hinzugefügt, und das i-Tüpfelchen war die unschöne Regency-Rustizierung des Erdgeschosses. Immerhin waren die alten Schiebefenster nicht durch solche mit PVC-Rahmen ersetzt worden, was allerdings aus Sicht der Bewohner wohl nur bedeutete, dass sie in einem sowohl hässlichen als auch zugigen Haus wohnten. An der Wand neben der Eingangstür befand sich eine graue Haussprechanlage mit drei Klingeln, in deren Namensschildern noch die mitgelieferten Blankoetiketten steckten. Wir hatten zwar keinen umfassenden polizeilichen Datencheck, aber eine Liste der Bewohner aus dem Wählerverzeichnis. Ich klingelte zuerst oben und arbeitete mich nach unten durch. Nur Geoffrey Toobin aus dem Erdgeschoss war zu Hause. Er war ein weißer Typ mit freundlichem breitem Gesicht, einer braunen Haarmähne und einer etwas unglücklichen Vorliebe für Karohemden und Skinny-Jeans. Nachdem er einen Blick auf meinen Dienstausweis geworfen hatte, sah er Abigail erstaunt an. »Bist du nicht noch ein bisschen jung für eine Polizistin?« »Ja«, sagte sie. »Ja, bin ich.« Ich erklärte, sie sei eine Freiwillige, die bei den Zeugenbefragungen in Sachen Brené McClaren helfe. Was ein gutes Stichwort war, um mein Tablet zu zücken und ihm ein Foto von dieser zu zeigen. »Sie wird vermisst?« Ich erklärte, sie werde in der Tat vermisst, und fragte ihn, ob er sie kenne, vielleicht vom morgendlichen Pendeln in die Stadt. Er sagte, er würde ja gern helfen, aber er sei einer der wenigen Einwohner von Chesham, die nicht jeden Tag nach London fuhren. Tatsächlich war er Rechtsanwalt und hatte seine Kanzlei hier im Städtchen. Ich fragte, ob er seine Nachbarn aus den beiden anderen Wohnungen kenne. Er sagte, nur vom Sehen, und bestätigte immerhin ihre Namen oder zumindest die Vornamen. All das diente nur als Vorspiel für die Frage, ob ich mich mal in seiner Wohnung umschauen dürfte. Da er Anwalt war, überraschte es mich nicht, dass er erst eine Weile überlegte, ehe er einwilligte. »Nur, damit wir Sie von der Liste streichen können«, sagte ich. »Von was für einer Liste?« »Nun, mehr oder weniger aller Leute, die hier in der Gegend wohnen«, sagte ich. »Das sind aber ’ne Menge Leute«, sagte er, und in diesem Moment wusste ich, dass er unser Mann war. Eigentlich gebe ich nicht viel auf Ahnungen und Bauchgefühle (nicht einmal auf meine eigenen), aber wäre das hier ein Film gewesen, dann hätte jetzt im Hintergrund ein ganzer Haufen unheilvoller Streicher eingesetzt. Geoffrey Toobins Wohnung hatte leider überhaupt nichts Unheilvolles an sich, außer vielleicht dem Couchtisch aus gehämmertem Aluminium, der an sich schon eine Straftat darstellte. Ansonsten war seine Einrichtung die eines typischen männlichen Single Ende zwanzig, Selbstmontage-Möbel mittlerer Preisklasse, billige Überbleibsel aus der Studentenbude und die eine oder andere Antiquität, die vermutlich ein Familienerbstück war. Die Wohnung nahm fast das ganze Erdgeschoss ein, bis auf den nachträglich eingefügten, unpraktisch geschnittenen und schlecht beleuchteten gemeinsamen Eingangsflur. Auch als Nicht-Fahndungsspezialist war ich mir relativ sicher, dass es hier keine Hohlräume oder Geheimzimmer gab. Geoffrey Toobin folgte uns mit sorgsam aufrechterhaltener verwunderter Miene von Zimmer zu Zimmer. Ich achtete darauf, mich stets zwischen Abigail und ihm zu halten, genau das ist der Grund, weshalb man minderjährige Verwandte eigentlich nicht zu polizeilichen Hausbefragungen mitnimmt. Schließlich traten wir wieder in den Eingangsflur hinaus, wo ich Abigail zuflüsterte, dass sie sich bitte schleunigst ins Auto setzen und auf mich warten sollte. Sie trottete so gehorsam davon, dass kein Erwachsener, der ihr je begegnet war, seinen Augen getraut hätte. Ich stellte Geoffrey Toobin einige Routinefragen über seine Nachbarn, und als ich der Meinung war, dass er sich wieder etwas entspannt hatte, fragte ich nach dem Keller. »Der Keller?«, gab er zurück. »Ja, Sir. Ein Haus wie das hier hat doch bestimmt einen Keller. Wissen Sie, wo die Treppe ist?« Er zögerte. Die ahnungslose Miene trug er nach wie vor zur Schau, aber wenn ich noch eine Bestätigung gebraucht hätte, dann hatte ich sie jetzt. Doch meine persönliche Überzeugung war noch lange kein Beweis, und heutzutage muss man schon was Substanzielles zu Tage fördern, damit man jemanden beschuldigen kann. Politisch korrekt durch und durch, so sind wir heute bei der Polizei. »Da unten ist nichts«, sagte er. »Aber wenn Sie wollen, können Sie sich gern umschauen.« »Danke.« Dann unterbrach ich mich, als wäre mir plötzlich etwas eingefallen. »Verzeihung, muss rasch einen Anruf machen.« Ich rief Nightingale an und sagte ihm, wo ich war. »Ich will nur noch einen Blick in den Keller werfen. Dann bin ich so weit.« Nightingale, der genau wusste, was mich in dieses Pfarrhaus geführt hatte, fragte, ob es ein Problem gebe. »Nein, nein«, sagte ich. »Ich ruf in fünf Minuten noch mal an, wenn ich hier fertig bin.« »Verstanden«, sagte er. »Ich sage Jaget Bescheid. Soll ich auch die Thames Valley Police benachrichtigen?« Ich sagte, das sei vielleicht keine schlechte Idee. Beruhigt, dass nicht nur Verstärkung unterwegs war, sondern Geoffrey Toobin das auch wusste, folgte ich ihm zu einer in einem kurzen Seitenflur versteckten weiß gestrichenen Holztür, hinter der die Kellertreppe lag. Vorausgehen ließ ich ihn auf der Treppe trotzdem. Die Treppe war ungewöhnlich. Statt wie üblich aus knarzendem altem Holz bestand sie aus Stein, war auf einer Seite an die Wand gemauert und auf der anderen Seite ohne Geländer. Auch fehlte dem Keller die typische trübe 40-Watt-Birne; es gab eine moderne LED-Röhre und strahlend weiß verputzte Wände. Und sonst nichts. Kein Gerümpel, keine alten Fahrräder oder halb zerlegten Motorräder, keine Handschellen, Zellen aus Plexiglas oder clevere Seilvorrichtungen, um Daniel Craig zu erwürgen. »Bisschen kahl«, sagte ich. Geoffrey Toobin zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Das war schon so, als ich die Wohnung gekauft habe.« »Wann war das?« »Vor zwei Jahren. Ich wollte den Keller nicht vollstellen, weil man vielleicht was Besseres damit anfangen kann. Aber es ist natürlich nicht unbedingt ein Raum, in dem man sich gern aufhält.« »Sie haben keine Hobbys?« Ich roch einen Hauch Chlorbleiche. Mit diesem Geruch habe ich einige Erfahrung, da meine Mum der Meinung ist, bevor nicht die ganze Flasche Domestos oder Ähnliches aufgebraucht ist, hat man nicht ordentlich geputzt. Jemand hatte diesen Keller ganz im Sinne meiner Mum bearbeitet, aber es war schon ein bisschen her. Vielleicht eine Woche, vielleicht länger, schwer zu sagen an einem Ort mit so wenig Luftaustausch. »Tennis«, sagte Geoffrey Toobin. »Das macht man nicht gerade im Keller.« Dann war da rastloses Geklingel wie von einem gläsernen Windspiel und ein Hauch von salzigem Meer und Rum und Melasse, das waren Vestigia. »Sind Sie fertig? Ich muss heute noch ein bisschen was arbeiten.« »Sie arbeiten heute zu Hause?« »Ich …« Er zögerte. »Ich arbeite oft zu Hause. Wie Sie wahrscheinlich wissen, besteht meine Arbeit größtenteils aus Papierkram.« Wegen des dicken weißen Anstrichs war es schwer zu sehen, aber der Ziegelverbund der hinteren Wand unterschied sich von dem der übrigen Wände. Die Ziegel hatten sämtlich nicht die heutige Standardgröße, sie waren flacher und kleiner, vielleicht aus dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert,, aber sie waren definitiv neu gelegt worden, und das frühestens Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. »Der Keller scheint mir ein bisschen klein für das Haus«, sagte ich. »Gibt es noch einen anderen Kellerbereich? Vielleicht von außen oder durch eine Falltür zugänglich?« »Weiß ich nicht«, sagte er. »Tut mir leid.« Er zeigte wirklich bemerkenswert wenig Reaktion, entweder war er ein unnatürlich ruhiger Typ, oder mein Bauchgefühl war falsch. Oder, was ungewöhnlicher und schrecklicher wäre, irgendeine andere Wesenheit hatte ihn sequestriert und steuerte ihn entweder in diesem Moment oder hatte jegliche Erinnerung daran ausgelöscht, was er angestellt hatte. Oder mein Bauchgefühl war falsch. Voreingenommenheit und übereilte Schlüsse haben schon mehr unschuldige Leute ins Gefängnis gebracht als Böswilligkeit. »Na gut, dann vielen Dank für Ihre Zeit«, sagte ich und achtete darauf, vor ihm die Treppe hinaufzugehen. Unpraktischerweise war die A416 vor dem Haus vierspurig ausgebaut ohne Parkmöglichkeiten, daher hatte ich den Asbo vor dem Chesham Cottage abgestellt, einem chinesischen Restaurant gegenüber, dem einzigen Parkplatz, von dem aus man die Haustür im Auge behalten konnte. Wenn sich etwas ereignete, würde ich mich durch vier Spuren dichten Verkehrs schlängeln und angemessen dynamisch über die Leitplanke in der Mitte springen müssen. Der einzige Vorteil war, dass schnell was zu futtern zur Hand war, falls die Observierung sich hinzog. »Er ist es, oder?«, fragte Abigail, als ich einstieg. »Ich weiß es nicht. Vielleicht.« Ich gab ihr einen Zwanziger und bat sie, sich entweder in ein Café an der High Street zu setzen oder den Zug zurück zum Folly zu nehmen. Sie betrachtete den Schein. »Du glaubst, er ist der Böse Mann.« »Für den Fall, dass er es ist, möchte ich dich außer Reichweite wissen.« Zumindest solange nicht ein Sprinter voller Verstärkung und/oder Nightingale hier eintrafen. »Oben an der Bahnhofstraße ist ein Gregg’s«, sagte sie. »Da warte ich.« »Bist du sicher? Es kann länger dauern.« Sie hielt ein abgegriffenes gebundenes Exemplar von Tacitus: Historiae I&II hoch. Das Cover zeigte ein Foto des Kolosseums von irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg, das Buch stammte nicht aus der Bibliothek des Folly. Das einzige Exemplar des Folly stand außerdem im Regal in meinem Zimmer. »Woher hast du das?« »Secondhand.« »Das hast du dir selbst gekauft?« »Könnte sein.« Und als ich nicht weiterfragte: »Miss Margot hat es mir geschenkt.« »Was, die maue Margot?«, fragte ich. Miss Margot war schon zu meiner Zeit Religionslehrerin an unserer Schule gewesen. Ich hatte sie nicht als besonders engagiert oder inspirierend in Erinnerung. »Sie organisiert meine Zusatzprüfungen.« »Das hast du mir nie erzählt.« »Du hast ja nie gefragt.« »Wie lange gibt sie dir schon Lateinunterricht?« »Weißt du noch, was du gesagt hast, als ich fragte, ob du mir Magie beibringst?«, sagte sie. »Dass ich erst das Latinum machen soll?« »Seit damals?«, fragte ich. »Jetzt glaub’s schon.« Ach du Scheiße. Aber das erklärte zumindest, warum sie es so schnell lernte. »Also, hältst du dein Versprechen?«, wollte sie wissen. »Lass uns danach darüber reden.« »Wonach?« »Nachdem wir hier fertig sind.« Abigail nickte. »Okay, bis dann also.« Und die Moral von der Geschicht: Rede vorschnell Blödsinn nicht. Nun konnte ich mich voll und ganz Geoffrey Toobin widmen, der, würde ich ihn nicht ohne stichhaltigen Anhaltspunkt verdächtigen, Brené McClaren gefangen zu halten oder schon ermordet zu haben, jetzt das geringste meiner Probleme gewesen wäre. Die Haustür hatte ich gut im Blick, aber das Erdgeschoss hatte Fenster nach hinten raus, so dass unser Freund sich jederzeit fröhlich auf Französisch empfehlen konnte und das vielleicht schon getan hatte, während ich noch Abigail verabschiedete. Zum Glück tauchte keine fünf Minuten später Jaget auf. »Thames Valley hat einen Verdächtigen aufgetrieben«, sagte er, während er einstieg. Und zwar offensichtlich nicht Toobin, also fragte ich, wen. »Einen polnischen Barista. Janusz Zdunowski.« Ich fragte, was ihnen denn an ihm so besonders gefiel. Jaget sagte, die Hausbefragung habe auch ins Costa Coffee in der High Street geführt, und dort holte sich Brené McClaren anscheinend jeden Tag auf dem Weg zum Bahnhof etwas zu trinken. »Warte mal«, sagte ich. »Das liegt aber nicht auf ihrer Strecke.« »Nein.« Jaget erklärte, Brené sei dort erst seit ungefähr drei Monaten regelmäßig aufgetaucht, das erste Mal etwa eine Woche, nachdem Janusz dort angefangen hatte zu arbeiten. Seine Kollegen meinten, das sei kein Zufall gewesen, und hatten schon Wetten abgeschlossen, wann sie sich trauen würde, ihm ein Date vorzuschlagen. »Und die Thames-Valley-Kollegen glauben, er könnte sie entführt haben?« »Sie haben Überwachungsaufnahmen, auf denen er an dem Morgen, als Brené verschwand, auf dem Parkplatz mit ihr redet.« Der Parkplatz erstreckte sich von der A416, an deren anderer Seite ich momentan parkte, bis zur Fußgängerzone der High Street, wo sich das Costa befand. Ich fragte, wie viel Kameramaterial es gab und was genau es zeigte, aber mehr hatte Jaget von Transcombe nicht erfahren. Ich sagte, egal, wir müssten trotzdem Toobins Hintertür im Auge behalten. Die Frage, wer von uns das behagliche Auto verlassen und verdächtig draußen im Freien herumlungern musste, klärten wir durch Schere-Stein-Papier, drei Runden. Jaget nimmt meistens Papier, hat aber noch nicht gemerkt, dass ich das gemerkt habe. Während Jaget sich draußen in Stellung brachte, rief ich Nightingale an und setzte ihn über alles in Kenntnis. Wir beschlossen, dass er aufs Revier Aylesbury fahren sollte, wo die Kriminalabteilung der TVP zu Hause ist, um ihnen seinen Dienstrang um die Ohren zu hauen und sie davon zu überzeugen, uns endlich ernst zu nehmen. Während er über die Chilterns kurvte, holte ich mein Tablet heraus und googelte nach Geoffrey Toobin, bis ich die Adresse seiner Kanzlei und ein verifizierbares Foto von ihm hatte. Dann ließ ich sicherheitshalber noch seinen Namen und die Adresse polizeilich überprüfen, auch in einer Kleinstadt wie hier war die Chance gegeben, dass er nicht der einzige Geoffrey Toobin war. Vorstrafen hatte er keine, wohl aber den Führerschein und ein auf ihn zugelassenes Auto, einen roten VW Golf, den ich in einer Seitenstraße stehen sah. Dann rief ich Abigail an und bat sie, die direkte Route zwischen Geoffrey Toobins Kanzlei und seinem Haus beziehungsweise Janusz Zdunowskis Costa zu suchen. »Aber ohne dass du dich am Haus blicken lässt«, warnte ich sie. »Und komm auch nicht den Kollegen von der TVP unter die Augen, falls welche hier in der Gegend herumhängen.« Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das Foto von Geoffrey Toobin schickte ich an Nightingales Handy mit der Bitte, die TVP zu überreden, ihn als Person von polizeilichem Interesse in die Ermittlung aufzunehmen. Dann rief ich Jaget an und brachte ihn auf den neuesten Stand. Er hielt mich mit Jammern und Klagen geschlagene fünf Minuten lang bei Laune, aber leider musste auch das einmal ein Ende haben. Ich lehnte mich bequem in meinem Sitz zurück und harrte der weiteren Entwicklungen. Abigail informierte mich, dass der schnellste Weg von Geoffrey Toobins Haus zu seiner Kanzlei über den Parkplatz und am Costa Coffee vorbeiführte. Ich vermerkte es akribisch in meinem Notizbuch. Als ich es Nightingale weitergeben wollte, ging bei ihm die Mailbox dran. Da das bei Nightingale alles von kein Netz bis hin zu einem magischen Armageddon bedeuten konnte, fand ich es nicht direkt beruhigend. Abigail rief an, um mir zu sagen, dass sie nach London zurückfuhr, aber ich solle ihr sofort Bescheid sagen, wenn was Spannendes passierte. Aus dem Chinesen kam eine Frau und fragte, ob ich mich nicht woanders hinstellen könne. Als ich ihr erklärte, warum ich hier stand, ging sie wieder rein und brachte mir kurz darauf eine komplette Mahlzeit zum Auto, Garnelen mit Ingwer und Frühlingszwiebeln samt Beilagen. Es ist eben immer eine gute Idee, sich vor chinesische Restaurants zu stellen. Ich knusperte Krabbenchips, betrachtete das Haus gegenüber und fragte mich, was es mit dem Keller auf sich hatte. Er war definitiv nicht groß genug, aber ich hatte weder eine zweite Treppe noch eine Falltür bemerkt, obwohl ich sehr genau hingeschaut hatte. Der Ziegelverbund der hinteren Wand legte nahe, dass im neunzehnten Jahrhundert ein Teil des Raums abgetrennt worden war, doch trotz des weißen Verputzes hätte ich schwören können, dass sich in ihr keine praktische Geheimtür befand. Ich fragte mich, ob es einen Zauber gab, mit dem man lebende Wesen aus der Entfernung entdecken konnte. Wenn man sich überlegte, wie nützlich das für Rettungskräfte wäre, endlich kein Gefummel mehr mit Infrarotkameras und Geräuschverstärkern … Ob ein Genius loci es konnte? Bev zum Beispiel? Ich würde sie fragen müssen. Aber selbst wenn, wäre es ihr vielleicht nicht unbedingt bewusst. Bev sagt oft, manches könne sie als Fluss und manches als die junge Londonerin Beverley Brook, und bei manchem könne sie unmöglich sagen, wohin es gehörte. »Wenn du mich küsst zum Beispiel«, sagte sie. »Ist das aus physischen Gründen schön oder weil man glaubt, es müsse schön sein?« Eine gute Frage, der wir umgehend experimentell nachgingen, wonach wir leider zu müde waren, um unsere Ergebnisse ordentlich aufzuschreiben, und folglich keine gültigen Schlüsse ziehen konnten. Aber wir halten unsere Methodik für absolut valide und führen die Experimente daher regelmäßig fort. Und da sagen manche Leute, Forschung sei langweilig. Ich fuhr zusammen, weil jemand an mein Fenster klopfte. Es war DS Transcombe, der mich durchs Glas etwas spöttisch angrinste. »Mahlzeit«, sagte er und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. »Hat sich mal was gerührt?« Ich sagte nein, und dass auch bei Jaget auf der Rückseite alles ruhig schien. »In ein paar Minuten kommt Ihr seltsamer Chef her, gemeinsam mit meinem völlig normalen, in keiner Weise sonderbaren Chef«, sagte er. »Und einem Zugriffsteam und einem Fahndungsspezialisten.« Ich fragte ihn, was aus dem polnischen Barista geworden war. »Ihr Bursche gefällt uns besser«, sagte DS Transcombe. »Vor allem, seit wir Aufnahmen gefunden haben, auf denen er Brené McClaren vor dem Costa belästigt.« »An dem Tag, an dem sie verschwand?« »Mindestens dreimal in den vierzehn Tagen davor. Wir glauben, nach dem letzten Vorfall versuchte er ihr dann nach Hause zu folgen.« Shit, dachte ich, klassische Stalker-Eskalation. »Da kommen sie«, sagte Transcombe, als ein extrem verdächtig aussehender weißer Hyundai neben dem Pfarrhaus parkte, eskortiert von zwei zivilen Astras. Aus dem Fond des Hyundai stiegen Nightingale und ein zweiter Mann, weiß, untersetzt, mit braunem Bürstenschnitt und weit geschnittenem schwarzem Anzug. Transcombe sagte, das sei Chefermittler Vincent Colombo. »Er findet es übrigens toll, wenn die Leute Scherze über seinen Namen machen. Also, tun Sie sich keinen Zwang an.« Nightingale und Colombo traten beiseite, weil die Einsatzleute sich nun zum Zugriff bereitmachten, abgesehen von einigen, die nach hinten zu Jaget schlenderten. Ich wollte aussteigen, aber Transcombe sagte, ich solle bleiben, wo ich sei. »Sie sind anscheinend die Falcon-Reserve.« Zuerst wurde geklingelt, dann in Polizeimanier an die Tür gehämmert, begleitet von dem Ruf »Aufmachen, Polizei!«, was zuletzt sogar durch den Briefschlitz gebrüllt wurde. Dann fragte Colombo Nightingale etwas. Nach seiner Antwort drehten sich beide nach mir um. Colombo kontaktierte uns via Transcombes Airwave. »Sind Sie sicher, dass er noch drin ist?« Ich sagte, so sicher, wie es ginge. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde ein wenig diskutiert, dann legte einer der Uniformierten Helm und Handschuhe an und holte aus dem Kofferraum eines der Astras den großen, dicken Universalschlüssel. Nach etwas Hin und Her stellten sich die anderen hinter ihm auf, und er ließ den Rammbock mit der Spitze voran in die Tür krachen, diese öffnete sich so reibungslos, wie man es sich nur wünschen konnte. Alle verschwanden im Haus. »Haben Sie noch was zum Knabbern?«, fragte DS Transcombe. Ich wollte ihm gerade die Notfall-Observierungstasche reichen und ihn sein Glück versuchen lassen, da krächzte es im Airwave, es war sein Chef, der einen Rettungswagen anforderte. »Wir haben hier einen Mann mit lebensgefährlichen Verletzungen an den Handgelenken, bewusstlos, atmet aber noch.« Also Suizidversuch. »Polizei ist vor Ort, ein Constable erwartet den SCAS vor der Tür.« »SCAS?«, fragte ich. »South Central Ambulance Service«, erklärte Transcombe. Im Airwave krächzte es wieder. »Grant«, sagte der Chefermittler. »Inspector Nightingale will, dass Sie jetzt reinkommen.« 8 Der Palast des Meisters Geoffrey Toobin starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Obduktion ergab, dass er sich voll bekleidet in die mit warmem Wasser gefüllte Badewanne gelegt und sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Auf die Minute genau kann man es nie sagen, aber schätzungsweise hatte er das Bad eingelassen, gleich nachdem ich gegangen war. »Er wusste, dass ich Bescheid wusste«, sagte ich. »Ja, aber was wussten Sie?«, fragte DI Colombo. »Auf jeden Fall irgendwas«, sagte ich. »Wenn ich nur wüsste, was.« Die einfachste Tattheorie war, dass Toobin Brené McClaren unter Drogen gesetzt, in seinen Keller geschleppt, vermutlich auch dort ermordet und dann an einer der vielen praktischen Stellen entsorgt hatte, die den Bewohnern der äußeren Vorstädte zum Verschwindenlassen von Leichen zur Verfügung stehen. Dann hatte er den Keller ausgeräumt und porentief rein geschrubbt, um jeder Spurensicherung entgegenzuwirken. »Dann stehen plötzlich Sie vor der Tür«, sagte Colombo, »und da verliert er den Kopf und macht ein Ende.« Seine Leute führten inzwischen Hausbefragungen sowohl in Toobins Nachbarschaft als auch in der seiner Kanzlei durch, um möglichst genau herausbekommen, was er seit dem Tag, als er Brené McClaren das erste Mal belästigte, so getrieben hatte. Auch wenn es keine offensichtlichen Anzeichen für weitere Kellerräume gab, es war nun mal sehr wahrscheinlich, dass der Keller des Pfarrhauses der Größe des Erdgeschosses entsprach. Meine künstlerische Begabung hält sich in Grenzen, aber selbst ich kann ein Rechteck zeichnen und die Seitenlängen messen. Und ich schätzte, dass der uns bekannte Keller nur ein Drittel der potenziellen Fläche einnahm. Als Tatbestand war das etwas dürftig, aber unterstützt von Nightingale reichte es aus, um DI Colombo und DS Transcombe mit in den Keller zu bekommen. »Und Sie glauben, hinter der Mauer ist noch ein Raum?«, wollte Colombo wissen. »Und dass sich Brené McClaren dort befindet?« »Vom architektonischen Standpunkt her ist es plausibel«, sagte ich. »Aber es gibt keine Tür«, bemerkte Colombo. »Oder Anzeichen für Bauarbeiten in letzter Zeit.« »Von denen wir wüssten«, sagte Nightingale. »Sie wollen wirklich diese Wand einreißen?« »Wenn sie tot ist, können wir uns Zeit lassen«, sagte ich. »Aber wenn sie noch lebt …« »Gibt es denn irgendeinen Grund, das zu glauben?«, fragte Colombo. Ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, dass die ihrerseits bereits mehrfach verstorbene Zeugin Alice Bowman angedeutet hatte, die »Prinzessin« könne noch gerettet werden. Na ja. Manchmal klingen Sätze im Kopf besser, als wenn man sie ausspricht, der hier klang nicht mal in meinem Kopf gut. »Geschützte Informationen, Vincent«, sagte Nightingale, der es sich erlauben konnte, fremde DIs beim Vornamen zu nennen. »Dieselben Informationen, denen wir überhaupt verdanken, dass der Fall ans Licht kam.« Colombo nickte langsam. »Na gut. Dann brauchen wir ein paar Maurer.« Nightingale schob seine Manschetten zurecht. »Das wird nicht notwendig sein. Wenn Sie etwas zurücktreten würden?« »Und Ihre Handys ausschalten«, fügte ich hinzu. Als ich ihn diesen Zauber das letzte Mal wirken sah, war ich ein bisschen abgelenkt wegen der Schusswaffen und der akuten Lebensgefahr und so weiter. Später sagte er mir, der Trick sei, die Formae inflectentes präzise anzuwenden, jene Unterformeln, die Einfluss darauf haben, wie die Hauptformel auf die materielle Welt einwirkt. Damals hatte er es zudem sehr schnell gemacht, diesmal hatte ich ausreichend Zeit, um es genau zu beobachten. Nightingale machte eine rasche Handbewegung, ein bisschen wie ein Handkantenschlag. Es knackte laut, und Staub rieselte aus einem Riss mitten durch die Wand von der Decke bis zum Boden. Die Hand wurde zur Faust, und die Ziegel entlang dem Riss drehten sich zu uns hin, begleitet von einer Fontäne grauen Staubs, als sie sich knirschend vom Mörtel zu lösen versuchten. Colombo und Transcombe traten unwillkürlich noch einen Schritt zurück. »Oh Scheiße«, sagte Colombo. Als alle Ziegel rechts und links des Risses sich um neunzig Grad gedreht hatten, machte Nightingale eine Pause, damit sich der Staub legen konnte. Dann bat er mich, nachzusehen, ob schon etwas zu erkennen war. Vorsichtig trat ich vor die entstandene Lücke, die aussah wie ein riesiger, halb aufgezogener Reißverschluss. Ich berührte einen der Ziegel. Er war warm. Aufgrund der Reibung, überlegte ich, oder kam es von der Energie, die auf ihn eingewirkt hatte? »Peter«, sagte Nightingale. »Würden Sie bitte …?« Ich versuchte es aus verschiedenen Blickwinkeln. In dem Licht, das von unserer Seite aus durch den Spalt fiel, konnte ich nicht mehr als einige eckige Umrisse ausmachen. Aber da war ein Geruch von ungelüftetem Schlafzimmer im Winter, wie nach abgestandenem Schweiß, Atem und den Rückständen alter Fürze. Ich trat zurück und sagte, sehen könne ich nichts. »Aber da drin ist definitiv jemand.« »Lebendig?«, fragte Colombo. »Lassen Sie es uns herausfinden«, sagte Nightingale. Er drehte die Faust, und ich spürte die Macht aufbranden, mit dem Duft nach Silberweide und gemähtem Gras, dem Gefühl von rauer Wolle auf der Haut und einer jungen Stimme, die eine Art Choral sang, hoch und süß. Und dahinter der flüchtige Eindruck, dass ich mitten zwischen den Zahnrädern eines gigantischen Uhrwerks stand, das stetig und sanft den Kosmos nach den Wünschen seines Schöpfers ordnete. Wenn er sich nur an die richtige Stelle stellt, dachte ich, könnte er, glaube ich, die Erdkugel bewegen. Mit der Mauer jedenfalls machte er kurzen Prozess. Ich beobachtete, wie die Ziegel auseinanderstrebten wie eine Herde Schafe, nach rechts und links in die Ecken sprangen und sich dort zu sauberen Stapeln aufschichteten. Staub wogte über uns hinweg, ich musste mir die Hand vor Mund und Nase halten. Im Folly bewahre ich für genau solche Fälle eine Schutzbrille und eine Atemmaske auf. Fast beiläufig winkte Nightingale mit der Hand, und die Staubwolke teilte sich wie ein Vorhang. Ein paar letzte Ziegel fielen klappernd auf ihre Stapel. »Licht, Peter, seien Sie so gut«, sagte Nightingale. Ich beschwor ein hübsches gelbes Niedrigenergie-Werlicht, in dem nun der Bereich hinter der nicht mehr vorhandenen Mauer sichtbar wurde. Einen Moment lang dachte ich, wir hätten lediglich einen vergessenen Weinkeller entdeckt, aber die Regale, mit denen er vollgestellt war, hatten nicht das richtige Format dafür, und die Behälter darin sahen eher aus wie kleine Glasballons. Zwischen den Regalen gab es drei Gänge. Im linken lag auf dem Boden eine Frau. Sie lag auf der Seite, den Kopf auf dem ausgestreckten Arm. Nightingale war im Handumdrehen bei ihr, kniete sich hin und kontrollierte Puls und Atmung. »Sie lebt«, sagte er. Colombo schnippte mit den Fingern, und DS Transcombe eilte die Treppe hinauf. Oben hatten die Sanitäter bereits gewartet, und während sie in den Keller gepoltert kamen, zog ich mich in den Mittelgang zurück, damit mein Werlicht nicht ihre Ausrüstung beschädigte, und nutzte die Gelegenheit, um mir die Gefäße in den Regalen näher anzuschauen. Die meisten waren randvoll mit einer trüben Flüssigkeit, aber manche hatten sichtbare Sprünge und waren nur noch teilweise gefüllt oder ganz leer. Ich tippte ein paar mit dem Fingernagel an, vorsichtig, nur für den Fall, dass da drin zum Beispiel ein Facehugger lauerte. Ich hörte, wie die Sanis im Nebengang Brené McClaren auf eine Trage hoben. Sie klangen gelassen, ohne die Dringlichkeit, die an einer Unfallstelle Schlimmes ahnen lässt. Da bemerkte ich hinten in meinem Gang etwas wie ein Lichtflackern. Ich ging darauf zu. Zuerst glaubte ich, es sei mein Werlicht, das von etwas reflektiert wurde, aber als ich näher kam, erkannte ich, dass das Gefäß ganz in der Mitte von innen heraus leuchtete. Ich streckte die Hand aus und legte die Fingerspitzen auf das kühle grünliche Glas. Und einen Moment lang stand ich in einem gläsernen Palast. Mitten auf einem Zierrasenstück, das auf allen Seiten von sich ständig gegeneinander verschiebenden Kristallflächen eingefasst wurde. Vor mir stand ein mit einem samtenen Gehrock bekleideter Mann, den ich später anhand eines Porträts im Billardzimmer des Folly als George Buckland identifizierte. »Ihr habt Euch wahrlich Zeit gelassen«, sagte er. »Ihre Boten sind leider ziemlich herumgeirrt«, sagte ich. »Sind Sie jetzt als Einziger noch hier?« »So ist es, und bald wird auch für mich dieses erbärmliche Dasein enden«, sagte er. »Und ich werde ihnen in die unerforschten Gefilde folgen, wo sie sich nun aufhalten.« Ich hätte ihn gern gefragt, wie die Geisterfanggläser funktionierten und ob das Bewusstsein nach dem Tod weiter bestand, und ob die Geister in den Gläsern nun richtige Seelen gewesen waren oder nicht. Aber es war zu spät. Das Licht verblasste und mit ihm der Palast, und ich stand wieder im Keller eines Hauses in Chesham. Und doch, während George Buckland, der Meister des Glaspalastes, immer durchsichtiger wurde, war ich mir sehr sicher, dass er mir unverwandt in die Augen sah. »Vita non est vivere sed valere vita est«, sagte er. Leben ist mehr als nur am Leben zu sein. Dann war er weg. 9 Die Tochter des Flüchtlings Und das war’s. Die Thames Valley Police war froh und glücklich, Entführer entlarvt, Opfer gerettet, Ermittlung in weniger als sechsunddreißig Stunden abgeschlossen. Ein paar herzerwärmende Medienbeiträge, und die Aufklärungsrate war auch gestiegen. Bier und Lob flossen in Strömen, und danke für die Hilfe, Jungs, passt auf, dass euch beim Rausgehen nicht die Tür gegen den Rücken knallt. Wir hatten keine Ahnung, was Geoffrey Toobin dazu getrieben hatte, Brené McClaren zu entführen. Er hatte keinen Brief, Tagebuch oder auch nur ein gruseliges Videoblog hinterlassen. Vielleicht war auf seinem Laptop etwas, aber den hatten die Spurensicherer der TVP unter Verschluss, und ihn zu knacken hatte nicht gerade oberste Priorität. Aus polizeilicher Sicht ist das Warum deutlich weniger wichtig als das Wie und Womit. Wer weiß schon, warum jemand irgendwas anstellt, stimmt’s? Aber ich konnte nicht anders als mich zu fragen, welche Auswirkungen es auf Toobin gehabt haben mochte, Nacht für Nacht über diesem Keller voll konzentrierter Geister zu schlafen. Abigail hat in den Archiven gewühlt, George Buckland und sein Enkel Walter waren nicht gerade als stabile Persönlichkeiten bekannt, selbst bevor sie sich in ihrem Keller eingemauert hatten. Tatsächlich fand die TVP ihre jeweiligen sterblichen Überreste in zwei Nischen hinter den Regalen, und einen kurzen Moment lang herrschte Panik, dass Toobin ein Serienkiller gewesen sein könnte, bis das Alter der Leichen feststand und man sie den Archäologen übergab. Abigail glaubt, dass sie ihr Leben verlängern wollten, indem sie selbst auch zu in Gläsern konservierten Geistern wurden. Nach dem lateinischen Zitat zu schließen, mit dem George sich von mir verabschiedet hatte, schien das kein durchschlagender Erfolg gewesen zu sein. Sobald Brené McClaren wieder vernehmungsfähig war, bestätigte sie, dass sie an jenem Tag bei Janusz Zdunowski ihren Tee geholt hatte, sich dann aber komisch fühlte und sich von irgendjemandem (das war Janusz, wie wir von dem Überwachungsvideo wussten) nach draußen auf den Parkplatz führen ließ. Die Überwachungskameras zeigten, dass Geoffrey Toobin an jenem Morgen auch in dem Costa war, nahe genug bei Brené, um ihr etwas in den Tee zu schütten. Beweisen konnten wir das nicht, aber wir nahmen an, dass es so war. Was auf dem Parkplatz geschah, nachdem Janusz wieder hineingegangen war, daran hatte Brené keine Erinnerung mehr. Sie kam erst in einem seltsamen, hell erleuchteten Keller wieder zu sich. Dort gab es, daran erinnerte sie sich genau, ein Feldbett mit Laken und Decken, eine Flasche Mineralwasser und eine Tupperware-Sandwichdose mit Sandwich darin. Brené war klar, was mit ihr geschehen war, daher baute sie das Feldbett auseinander und nahm eine der Stangen als Keule, mit der sie ihrem Kidnapper eins überbraten wollte, sobald er einen Fuß in den Keller setzte. Nur tat er das nie. Brenés letzte klare Erinnerung war, wie sie an die Rückwand des Kellers gelehnt dasaß und sich alle Mühe gab, nicht einzuschlafen. Als die TVP uns endlich erlaubte, eine Falcon-Folgebefragung durchzuführen, war die Erinnerung daran, was danach passiert war, offensichtlich schon dabei zu verblassen. »Ich glaube, ich träumte von Alice im Wunderland«, sagte sie. »Es gab Tee auf dem Rasen, und da war ein Mädchen in viktorianischen Kleidern. Alle waren in historische Kostüme gekleidet. Tut mir leid, es ist total undeutlich. Aber Angst hatte ich nicht. Ich weiß nur noch, dass ich mich über ein komisches Geräusch wunderte.« Als wir sie näher nach diesem befragten, beschrieb sie es als dem Klang ähnlich, der entsteht, wenn man mit dem Finger über den Rand eines Weinglases reibt. Sie nahm an, dass sie an die Rückwand des Kellers gelehnt eingeschlafen war. Diese Rückwand ist auch so was, was mir keine Ruhe lässt. Ich weiß genau, wie frisches Mauerwerk aussieht und riecht, und ich hätte geschworen, dass diese Wand schon mindestens hundert Jahre lang unverändert dagestanden hatte. Wie konnte Brené McClaren also in den Glaspalast entkommen sein? Falls es doch eine Geheimtür gegeben hatte, die ich übersehen hatte, war sie vermutlich spätestens dann vernichtet worden, als Nightingale sich an der Wand ausgetobt hatte. Und falls Brené teleportiert worden oder durch eine andere Dimension gereist war oder so was, will ich gar nicht darüber nachdenken, was das für unser Verständnis der Realität bedeutet. Und selbst wenn ich es wollte, für meine Detective-Prüfung würde es mir definitiv nichts bringen. Die Rosengläser stehen jetzt in Kisten in einem unbenutzten Dienstbotenzimmer neben der Waffenkammer in unserem Keller. Nightingale und ich mussten sie eigenhändig transportieren, weil wir ja nicht wollten, dass irgendwelche angeheuerten Umzugskräfte mitbekamen, wie es unten im Folly aussieht. Molly sorgte für Tee und moralische Unterstützung, Frank Caffrey montierte den Rauchmelder, half beim Teetrinken und gab spöttische Kommentare über die horizontale und vertikale Ausrichtung unserer Regale ab. Harold Postmartin, unser Archivar, versprach, in den semi-geheimen Beständen der Bodleian Library nachzuschauen, ob es dort noch weitere Dokumente gab, in denen die Rosengläser oder das Fangen von Geistern im Allgemeinen erwähnt wurden. Abigail schrieb einen Bericht über George Buckland, seine Nachkommen und den Geisterpalast, den ich nicht lesen konnte, weil er auf Latein war. Harold las ihn und lobte es als sprachlich exzellent. Wenn die derzeitigen Studenten in Oxford doch nur halb so gut konjugieren könnten. »Cicero wäre entzückt gewesen.« Abigail verschränkte die Arme und sah mich durchdringend an. Mein dämliches Versprechen, sie zaubern zu lehren, wenn sie ihr Latinum bestand, verfolgte mich. Laut Harold war das hier mindestens Abiturniveau, mit Aussicht auf Bestnote. Wie Nightingale sagt: Manchmal ist es nicht klug, die Kunst zu leicht zu nehmen. Wir sprachen das Thema bei unserem nächsten Magie-Boxtraining an, das ist die traditionelle, mannhafte Art, wie Zauberer lernen sollen, mit Formae um sich zu schmeißen und zugleich zu vermeiden, sich einen Kopftreffer einzufangen. »Es ist an der Zeit«, sagte Nightingale, »eine Entscheidung bezüglich Abigails zu fällen.« Wir hatten dieses Gespräch schon mindestens drei Monate lang hinausgezögert, hauptsächlich deshalb, weil uns überhaupt nicht gefiel, was daraus folgen musste. »Ist das wirklich nötig?« »Sie hat sich bereits weit mit dem Übersinnlichen und Unbegreiflichen eingelassen. Sie sollte zumindest in der Lage sein, sich entsprechend zu schützen.« Um dem Argument den gehörigen Nachdruck zu verleihen, versuchte er mich quer durch den Raum zu impellieren. Ich reagierte mit dem patentierten Peter-Grant-Schwenkschildzauber, bei dem man einen Schild erschafft und so dreht, dass der Impello dadurch abgelenkt wird. Ich kombiniere es gern mit einem Schritt zur Seite und einer rechten Geraden. Kein Treffer, eine linke wäre besser gewesen. »Die Entscheidung liegt nicht bei uns«, sagte ich. »Wenn nicht bei uns, bei wem dann?«, fragte Nightingale. »Wir sind in diesem Fall die Verantwortlichen, wir können uns nicht davor drücken.« »Nein, Boss«, sagte ich. »Klar, aus der Sicht des Folly muss sie ausgebildet werden … aber juristisch und moralisch sind ihre Eltern für ihr Wohlergehen zuständig. Darüber können wir uns nicht hinwegsetzen. Und wir können nicht so tun, als wäre das einfach noch so ein Hobby, dem sie bei uns nachgeht. Das ist Magie, Zauberei, das sind die Lehren und Künste, das ist bitterernst.« »Sie haben recht«, sagte Nightingale. »Wir werden die Karten auf den Tisch legen und die Eltern über die Risiken aufklären müssen.« Ich fragte, wie das zu seiner Zeit gemacht worden sei. Es überraschte mich nicht, dass man annahm, Eltern, die ihr Kind auf die Zaubererschule schickten, wüssten bereits, was auf dieses zukam. Und er gab zu, dass die seltenen Fälle, die einzeln bei einem Zauberer in die Lehre gingen, dies ebenfalls mit Einwilligung der Eltern taten, oder zumindest des Vaters, was damals als solche zählte. »Wollen Sie, dass ich es mache?«, fragte ich. »Guter Gott, nein. Sosehr ich das Angebot zu schätzen weiß.« Solchermaßen von der einen ethisch komplexen Aufgabe entbunden, gestand ich mir ein, dass es an der Zeit war, mich sozusagen mit dem anderen Kind im Brunnen zu beschäftigen. Ich war mit der gebotenen Gründlichkeit vorgegangen, in ganz Großbritannien gab es kein vermisstes Kind passenden Alters und Beschreibung, das jenes hätte sein können, das damals in der Sturmnacht in Lillian und Allen Heywoods Garten stand. Nicht einmal, wenn man davon ausging, dass es schon als Baby gekidnappt und bis zu diesem Zeitpunkt irgendwo versteckt gehalten worden war. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, dass Chess aus Osteuropa eingeschmuggelt worden sein könnte. Aber wenn, wie sollte ich es beweisen? Wie auch immer, ich musste einen Weg finden, ihn bürokratisch bei seinen Pflegeeltern zu legalisieren, was nicht leicht werden würde. Schon Abigails Ein-Mädchen-Jugendclub ins Leben zu rufen hatte fast eine Woche und einige ethisch fragwürdige magische Interventionen gekostet. Aber es hatte bewiesen, dass etwas Derartiges möglich war, sofern man sich nur genügend reinhängte. Blieb die Tatsache, dass Allen und Lillian dabei waren, einen kleinen Flussgott aufzuziehen ohne die leiseste Ahnung, was sie da taten. Sie brauchten sowohl materielle wie spirituelle Unterstützung. Zum Glück hatte ich eine einigermaßen genaue Ahnung, wo sie die bekommen würden. Also packte ich die Flussgöttin meines Vertrauens ins Auto und fuhr mit ihr zu Chess, der zu meiner Befriedigung in Ehrfurcht erstarrte, als er ihrer ansichtig wurde. Etwa zwei Sekunden lang. Dann packte er sie an der Hand und zog sie durch Haus und Garten zum Fluss hinunter. Beverley ließ sich ziehen, abgesehen von einer kurzen Pause, um sich ihrer Kleidung bis auf den Cressi-Termico-Badeanzug zu entledigen, den sie darunter trug. Gute Vorbereitung zahlt sich oft aus. Allen und Lillian folgten uns in ängstlicher Verwirrung in den Garten und starrten mich dann perplex und erklärungheischend an. »Keine Sorge«, sagte ich. »Das ist völlig normal.« »Ist sie Sozialarbeiterin?«, fragte Lillian. Hinter uns ertönte ein zweifaches Platschen, als Bev und Chess in den Fluss sprangen. »Vielleicht könnte man sagen, sie gehört zu einer Selbsthilfegruppe«, sagte ich. Allen begann besorgt zu blicken. »Kann sie denn schwimmen? Sie sind noch nicht wieder aufgetaucht.« »Und wie. Sie ist Weltklasse.« »Wie lange bleiben die denn noch da unten?«, fragte Lillian mit steigender Panik. »Bis es ihnen langweilig wird.« Es folgte eine lange Stille. »Wie wär’s, wollen wir einen Tee trinken?«, fragte ich. »Und haben Sie zufällig welche von diesen leckeren Rosinenbrötchen da?«