INHALT Cover Über dieses Buch Über die Autorin Titel Impressum Brief an Kostchei, leitender Bibliothekar Erstes Kapitel Zweites Kapitel Drittes Kapitel Viertes Kapitel Fünftes Kapitel Sechstes Kapitel Siebtes Kapitel Achtes Kapitel Neuntes Kapitel Zehntes Kapitel Elftes Kapitel Zwölftes Kapitel Dreizehntes Kapitel Vierzehntes Kapitel Fünfzehntes Kapitel Sechzehntes Kapitel Siebzehntes Kapitel Achtzehntes Kapitel Neunzehntes Kapitel Zwanzigstes Kapitel Einundzwanzigstes Kapitel Zweiundzwanzigstes Kapitel Dreiundzwanzigstes Kapitel Vieundzwanzigstes Kapitel Fünfundzwanzigstes Kapitel Sechsundzwanzigstes Kapitel Siebenundzwanzigstes Kapitel Achtundzwanzigstes Kapitel Neunundzwanzigstes Kapitel Dreißigstes Kapitel Einunddreißigstes Kapitel ÜBER DIESES BUCH Irene Winters hat die unsichtbare Bibliothek gerettet. Dummerweise hat sie dabei auch eine Reihe unersetzlicher Bücher verbrannt, weswegen ihre Bibliothekarskollegen und ihre Vorgesetzten sie nun mit Misstrauen beäugen. Daher zögert Irene nicht lange, als sie von einem Drachen gebeten wird, ein äußerst seltenes Buch zu suchen. Mit einem solchen Fund könnte sie ihren Ruf wiederherstellen. Nur leider nützt ihr das nichts, wenn sie tot ist. Und das verborgene Buch birgt ein tödliches Geheimnis … Für Büchernarren, Bücherwürmer, Büchermenschen – Der vierte Band der SPIEGEL-Bestseller-Serie ÜBER DIE AUTORIN Genevieve Cogman hat sich schon in früher Jugend für Tolkien und Sherlock Holmes begeistert. Sie absolvierte ihren Master of Science (Statistik) und arbeitete bereits in diversen Berufen, die primär mit Datenverarbeitung zu tun hatten. Mit ihrem Debüt Die unsichtbare Bibliothek sorgte sie in der englischen Buchbranche für großes Aufsehen. Genevieve lebt im Norden Englands. GENEVIEVE COGMAN Aus dem Englischen von André Taggeselle BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Deutsche Erstausgabe Für die Originalausgabe: Copyright © 2017 by Genevieve Cogman Titel der englischen Originalausgabe: »The Lost Plot« Originalverlag: Tor, an imprint of Pan Macmillan, London Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln Textreadaktion: Frank Weinreich, Bochum Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung von Illustrationen von © Library of Congress: Mary Evans; © Thinkstock: Extezy | KU-CO Datenkonvertierung E-Book: hanseatenSatz-bremen, Bremen ISBN 978-3-7325-5020-3 www.bastei-entertainment.de www.lesejury.de An: Kostchei, leitender Bibliothekar Von: Catherine, leitende Bibliothekarin Cc: Gervase, Coppelia, Melusine, Ntikuma Kostchei, Wir haben ein Problem. Ich weiß, wir haben ständig Probleme. Aber das hier könnte die Friedensverhandlungen zum Stillstand bringen, ehe beide Seiten einem Treffen überhaupt zugestimmt haben. Ich wurde soeben darüber informiert (eine ›freundliche Mitteilung‹, bei der man zwischen den Zeilen lesen konnte), dass Minister Zhao tot ist. Der Minister war einer der Kandidaten, den die Drachen zum anstehenden Gipfel nach Paris entsenden wollten. Es fällt mir schwer zu glauben, dass dies rein zufällig gerade jetzt passiert ist. Und nein, mir wurde nicht mitgeteilt, was genau geschah. Nur das Übliche. ›Ein tragischer Verlust für uns alle‹ und so weiter. In Wahrheit stehen die Drachen jetzt vor einer ernsthaften Krise. Die Königin der Südlichen Ebenen muss einen anderen Drachen zu den Verhandlungen schicken. Ganz zu schweigen davon, dass es schwer genug für sie sein wird, Minister Zhao an ihrem eigenen Hof zu ersetzen. Er war mehr als erfahren. Bevor nicht ein paar Wochen um sind, werden die sich nicht auf einen endgültigen Kandidaten geeinigt haben. Aber seien wir ehrlich – für die herrschenden Drachen wäre selbst das überhastet und insgesamt eher unwahrscheinlich. Die Elfen halten sich bislang noch heraus. Wenn sie erst Blut wittern, werden sie sich auf die Situation stürzen wie ein Rudel Haie auf frische Beute. Noch die kleinste Schwäche der Drachen bietet ihnen eine günstige Gelegenheit. Die Strategie der Bibliothek sollte sein, sich aus der Sache herauszuhalten. Wir müssen uns darauf konzentrieren, unseren Teil der Abmachung zu erfüllen, und die Wahrung der Neutralität sollte unser oberstes Gebot bleiben. Besteht auch nur der geringste Verdacht der Voreingenommenheit gegen uns oder die Vermutung, dass wir die beiden Parteien gegeneinander ausspielen wollen, geht der ganze Plan den Bach runter. Ich muss Ihnen nicht extra sagen, was das für die Bibliothekare bedeutet, die vor Ort eingesetzt sind. Außerdem sind wir unterbesetzt. Wir brauchen dringend ein Nachwuchsprogramm (und das sage ich nicht zum ersten Mal). Aber sofort. Alberichs Vorgehen in der aktuellen Krise hat die Dinge lediglich schlimmer gemacht; das Problem an sich gab es vorher schon. Man kann nur hoffen, dass niemand von unseren Leuten in Mitleidenschaft gezogen wird. Die politische Situation ist ab sofort als potenziell gefährlich einzustufen. Unsere Pflicht ist es, die Elfen wie die Drachen daran zu hindern, eine Meinungsverschiedenheit in einen Krieg münden zu lassen, der ganze Welten zerstören kann. Alles wie gehabt also. Wir müssen das Gleichgewicht bewahren, wo immer es geht. Catherine, leitende Bibliothekarin PS: Kann mir bitte jemand sagen, wie ich die automatische Signatur dieses E-Mail-Programms abschalte? Es wissen alle, wer ich bin. PPS: Kostchei, das Buch Merlin von T. H. White ist immer noch auf Ihren Namen entliehen. Wären Sie so freundlich, es bald zurückzugeben? Ein paar von uns würden gerne mal einen Blick hineinwerfen. ERSTES KAPITEL »Aber mein liebes Mädchen«, ereiferte sich die Frau neben Irene, «wenn Sie Ihre Adern noch nie selbst geöffnet haben, lassen Sie es Mr Harper tun. Er ist sehr erfahren im Umgang mit solch zappeligen jungen Dingern, wie Sie es sind.« Irene blickte auf das Skalpell, das auf dem Untersetzer neben ihrer Teetasse lag. Sie versuchte, sich darüber klar zu werden, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommen könnte – und zwar, ohne Hals über Kopf aus dem Anwesen zu flüchten und die Tür hinter sich zuzuschlagen. Sie hatte schon oft alternative Welten aufgesucht, um Bücher zu ergattern, und war geübt im Umgang mit den verschiedensten Bräuchen, kannte alle möglichen Gepflogenheiten und Höflichkeitsformen. Aber sich selbst als Tagesgericht zu servieren, verstieß eindeutig gegen ihr Selbstbild. »Um ehrlich zu sein, mir hat niemand etwas davon gesagt, dass Vampire anwesend sein werden«, erklärte sie. »Es kommt ein bisschen unerwartet.« »Bah!«, schnaubte eine der anderen Frauen. Irene war die jüngste Person in dem überfüllten Raum und in einem Wirrwarr aus Stühlen und kleinen Tischchen gefangen; Möbel, die mit Ornamenten geradezu überkrustet waren. Dicke, sorgfältig geschlossene Vorhänge sperrten die Nacht aus. Der Tee war kalt, der Kuchen matschig und die Luft schal und abgestanden. Ohne den Geruch des Kaminfeuers hätte es sicherlich regelrecht gestunken, vermutete Irene. »Ich möchte nicht zu streng erscheinen«, fuhr die erste Frau fort, »aber zu meiner Zeit kannte eine junge Dame ihre Pflichten! Wenn diese Miss … Miss …« Sie brach zögernd den Versuch ab, sich an Irenes Namen zu erinnern. »Miss Winters«, sprang Mr Harper ein, dessen ergrautes Haar sich eindeutig auf dem Rückzug befand. Die kohlschwarzen Augen lagen hinter halb geschlossenen Lidern versunken. Er beugte sich in seinem Stuhl nach vorn wie ein Aasgeier, der auf Beute lauert. Jedes Wort wurde von einem Zähneblecken begleitet. Der bislang einzige Lichtblick des Abends bestand darin, dass er nicht direkt neben Irene saß. Offenbar nahm er in seinem Geschlecht eine eher untergeordnete Rolle ein. Die mächtigeren Verwandten hatten sich noch nicht aus ihren Särgen erhoben. Immerhin ein Vorteil, wenn auch nur ein geringer. »Wie erfreulich, etwas junges Blut bei unserer kleinen Soiree begrüßen zu dürfen.« Hätte Irene vorher gewusst, dass es sich um eine Soiree handelte, noch dazu um eine, bei der Vampire anwesend waren, hätte sie sich längst rar gemacht. Weshalb man es ihr wohl auch verschwiegen hatte. Die Verhandlungen waren reibungslos verlaufen. Sie hatte sich darauf gefreut, der Bibliothek ein neues Buch hinzuzufügen – zur Abwechslung einmal ohne das übliche vorhergehende Geschrei, die Verfolgungsjagden und das Adrenalin. Anscheinend hatte sie sich zu früh gefreut … »Als ich anrief, hatte ich ja keine Ahnung, dass ich mich unter solch illustren Gäste wiederfinden würde.« Sie begleitete ihre Worte mit einer Unschuldsmiene. »Es ging mir lediglich um den vereinbarten Büchertausch.« »Ach ja, die Bücher. Unsere Abmachung.« Es war das erste Mal, dass sich die Frau auf der anderen Seite des Raums zu Wort meldete. Beim Klang ihrer Stimme verstummte das Gemurmel im Hintergrund. Sie berührte ein in rotes Leder gebundenes Buch auf ihrem Schoß; im Feuerschein des Kamins sahen ihre Finger dünn und runzlig aus. »Ich denke, diese Angelegenheit sollte unter vier Augen besprochen werden. Wenn Sie uns alle für einen Moment entschuldigen würden.« Sie wartete keinen Widerspruch ab. »Miss Winters, lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang unternehmen.« Irene stellte ihr Teegeschirr ab und blickte ein letztes Mal auf das Skalpell auf der Untertasse. Dann nahm sie eilig ihre Dokumententasche an sich und stand mit knisternden Röcken auf. Sie war der Einladung in angemessener Kleidung gefolgt: taubengraues Jackett, dazu ein Rock mit dunkelgrünem Saum. Ebenso adäquat wie vernünftig. Unter den gegebenen Umständen wäre sie jetzt allerdings froh gewesen, noch ein paar Accessoires mitzuführen – Knoblauch, Silber, ein paar gute Laufschuhe vielleicht. »Mit dem größten Vergnügen«, murmelte sie und folgte der Frau hinaus. Flur und Treppenaufgang wurden von altmodischen Gaslaternen erhellt. Moderne Ätherlampen suchte man hier vergebens. Aus goldenen Zierrahmen blickten düstere Gemälde auf sie herunter. Es waren Porträts, auf denen die familientypische Nase und die charakteristischen Augenbrauen deutlich zu erkennen waren. Irene meinte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Frau herauszulesen, die vor ihr einherschritt. Sie wünschte, nie hergekommen zu sein. Sie wollte nur zu gern endlich mal ein Buch lediglich tauschen, anstatt es zu stehlen. Diese tugendhafte Einstellung wurde einfach nicht belohnt. Im Gegenteil. Mrs Walker – von den übrigen Familienmitgliedern als Lady Walker bezeichnet, auch wenn Irene bei ihren Nachforschungen über dieses Geschlecht nirgendwo einen Hinweis auf einen rechtmäßig verliehenen Adelstitel hatte entdecken können – blieb vor einem besonders dramatisch wirkenden Gemälde stehen. Sie wandte sich um und blickte Irene an. Das rechte Auge lag unter einer Augenklappe verborgen, aber ihr linkes musterte Irene forschend und wach. Da sie lieber unterschätzt oder ganz ignoriert wurde, hielt sie das für kein gutes Signal. »Sie sind also die berüchtigte Miss Winters«, sagte Mrs Walker. »Wie angenehm, dass Sie zu mir kamen. Das erspart mir, Sie aufsuchen zu müssen.« »Ah ja?« Irene beschloss, sich das Theater zu schenken. Offenbar eilte ihr ein gewisser Ruf voraus, da konnte sie die Heuchelei auch gleich zum Fenster hinauswerfen – durch das sie selbst gerade gern flüchten würde. »Darf ich fragen, wie Sie von mir erfahren haben?« »Familienbande.« Mrs Walker zuckte die Achseln. Die Ornamente aus Gagat, die ihr Kleid verzierten, schimmerten im Licht der Gaslaternen. »Nur weil ich meine Zeit hier oben verbringe, statt sie in liederlichen Londoner Amüsierlokalen zu vergeuden, heißt das noch lange nicht, dass ich ahnungslos bin. Aber ich schweife ab. Ich versichere Ihnen, Miss Winters, dass ich mehr über Sie weiß, als Sie vermuten.« »Tatsächlich?« Sie hatte schon so oft Gelegenheit gehabt, den von ihr jetzt angeschlagenen versöhnlichen Ton zu üben, dass er ihr leicht über die Lippen ging. Erzählen Sie mehr, schien sie damit zu sagen. Oh bitte, wie raffiniert Sie doch sind. »Ach, wie fein«, schützte Mrs Walker Liebenswürdigkeit vor. »Genau die Art von Reaktion, die ich an Ihrer Stelle gewählt hätte.« Verdammt. »Vielleicht sollten wir uns dieses ganze Vorgeplänkel schenken und zur Sache kommen«, sagte Irene. Mrs Walker nickte. »Sehr gern. Ich weiß, dass eine der anderen Familien Sie als ein Instrument in diesem Machtkampf einsetzt. Und ich will wissen, was dahintersteckt, will wissen, wem Sie dienen. Und wenn Sie dieses Haus lebend verlassen wollen, sollten Sie meine Fragen lieber beantworten.« Irene blinzelte. Sie hatte sich auf verschiedene Szenarien gefasst gemacht: Ich weiß, dass Sie für eine im geheimen agierende Bibliothek zwischen den Dimensionen unterwegs sind. Oder: Ich habe Beweise für die Straftaten, die Sie begangen haben, und werde Sie erpressen. Aber das kam nun unerwartet. »Sie sind sehr direkt«, entfuhr es ihr. »Die Geschichte, die Sie sich da ausgedacht haben, ist sehr eindrucksvoll«, räumte Mrs Walker ein. »Übersetzerin und Büchersammlerin, die einen simplen Tausch vorschlägt. Marlowes verlorenes Massaker zu Paris gegen John Websters verlorene Tragödie Guise. Wir beide hätten von dem Tausch profitiert. Die Idee hört sich so glaubwürdig an, dass man sie glatt für echt halten könnte. Und doch ist das Angebot zu verführerisch. Am Ende ist es ein Märchen, nicht wahr, Miss Winters? Und wir alle wissen, dass Märchen niemals wahr werden.« »Sie werden öfter wahr, als man denkt«, entgegnete Irene. Alternative Welten wie diese, die weit auf der chaotischen Seite des Gleichgewichts angesiedelt waren, hatten geradezu die Angewohnheit, Erzählmuster aus Legenden und Geschichten wahr werden zu lassen – und zwar auf recht unangenehme Weise. Leider ging das Muster Heldin-in-einem-Herrenhaus-voller-Vampire selten gut aus. Jedenfalls nicht für die Heldin … »Ich habe keine Ahnung, wie Sie darauf kommen, dass ich eine … Wofür halten Sie mich noch gleich?« »Eine Spionin«, sagte Mrs Walker. »Eine Spionin«, wiederholte Irene mit einem Anflug von Grauen in der Stimme. Was wusste Mrs Walker? Irene war eine Agentin der Bibliothek. Ihre Aufgabe bestand darin, Bücher in den Parallelwelten ausfindig zu machen und von dort in den interdimensionalen Bereich der Bibliothek zu schaffen. Die Bibliothek schuf auf diese Weise mit jedem Buch eine Verbindung zu der entsprechenden Welt und half dadurch, das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos aufrechtzuerhalten. Und dieses Gleichgewicht betraf alle Welten. Es war eine ehrenvolle Aufgabe, die ein lebenslanges Engagement erforderte. Irene durfte dafür die besondere Sprache der Bibliothek anwenden, mit welcher man die Realität direkt beeinflussen konnte, verstrickte sich aber auch laufend in komplizierte Operationen und halsbrecherische Fluchten. Theoretisch war ›Spionin‹ also gar nicht so verkehrt. Glücklicherweise schien das wahre Geheimnis ihrer Identität aber noch intakt zu sein. Mrs Walker wusste nichts. Die Chance, Websters Guise in die Finger zu bekommen, schwand dafür von Sekunde zu Sekunde. »Sie müssen eine Spionin im Auftrag einer der anderen Familien sein«, fuhr Mrs Walker fort. Das Flackern der Gaslaternen verstärkte noch den Eindruck, dass es sich bei ihr um einen schlecht erhaltenen Leichnam handelte. Sie war so dürr unter ihrem schweren schwarzen Kleid, dass sie einer Marionette aus dem Puppentheater ähnlich sah. »Haben Sie nicht zugehört? Ich persönlich glaube ja, dass Sie für die Familie Vale in Leeds arbeiten. Man hat Sie gesehen, wie Sie mit Peregrine Vale in London unterwegs waren. Angeblich ist er mit seiner Verwandtschaft zerstritten, aber das kann genauso gut eine weitere Lügengeschichte sein. Oder sollte ich eher auf die Reads in Rotherham achtgeben? Sie beschäftigen mich schon eine ganze Weile. Wahrscheinlich wären die froh, einen Spitzel in meinen vier Wänden zu wissen.« Theoretisch wusste Irene, dass im Norden Englands viele Vampire lebten. Dieses Großbritannien stellte den Vampirismus offiziell nicht unter Strafe, auch wenn es natürlich als Mord galt, jemanden zu töten, um sein Blut zu trinken. Ihr war auch bewusst gewesen, dass sie auf diesem Landsitz hausten. Aber eine solche Ansammlung von Intrigen, ein Netzwerk von Familien, die sich gegenseitig bekämpften, das hatte sie nicht erwartet. »Mrs Walker«, hob sie an, »Sie irren sich. Ich bin weder eine Spionin noch ein Handlanger Ihrer Feinde. Ich bin auch nicht in irgendwelche interfamiliären Angelegenheiten verwickelt. Es geht mir einzig und allein um den Büchertausch.« Sie hob ihre Dokumententasche. »Und ich habe meinen Anteil des verabredeten Geschäfts bei mir.« »Sie verschwenden Ihre Zeit«, versetzte Mrs Walker. »So oder so, der Webster ist nicht hier.« »In dem Fall werde ich dieses Haus nun verlassen«, beschied Irene. Insgeheim nahm sie sich vor herauszufinden, wo sie den Webster stattdessen versteckt hatten – um ihn zu stehlen. Sie ließ sich nicht gern an der Nase herumführen; auch dann nicht, wenn das, was man ihr vor die Nase hielt, ein Buch war. Mrs Walker ging nicht auf die Ankündigung ein. Sie taxierte Irene von oben bis unten. »Es gibt Möglichkeiten, Sie in die Familie einzugliedern, sollten Sie mehr wissen, als gut für Sie ist. Vielleicht wäre es das Beste.« Irene gab auf. Wenn man es mit Verschwörungstheoretikern zu tun hatte, war es manchmal einfacher, ihr Spiel mitzuspielen, statt zu versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. »Angenommen, ich schlage diese Ehre aus?« »Sie sind kilometerweit von der nächsten Stadt entfernt, dies ist ein Haus voller Vampire, ringsum gibt es nichts als Wildnis, und wir haben bald Mitternacht.« Mrs Walker verzog ihren Mund zu einem feinen Lächeln. »Der Regen nimmt zu. Es wird nicht einmal Spuren geben. Bis jemand Ihr Verschwinden bemerkt, werden Tage vergehen.« »Tja, man wird wohl annehmen, ich hätte mir ein gutes Buch geschnappt und eine kleine Auszeit genommen«, erwiderte Irene. »Darf ich mich erkundigen, wieso ausgerechnet ich als Mitglied Ihrer Familie in Frage kommen sollte? Ich kann mir das nur schwer vorstellen.« Es wäre aufrichtiger gewesen zu sagen: Nicht in einer Million Jahren! Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss nur fix die Tür eintreten, um mich aus dem Staub zu machen. Aber neugierig war sie schon. »Sie verfügen über einen scharfen Verstand«, gab Mrs Walker zu. »Das haben Sie deutlich unter Beweis gestellt. Darüber hinaus könnten wir Sie ohnehin nicht mehr gehen lassen. Doch machen Sie sich keine Sorgen über Ihre berufliche Laufbahn.« »Was meinen Sie damit?«, fragte Irene. »Sobald Sie meiner Familie Ihre uneingeschränkte Loyalität geschworen haben, haben Sie nicht länger das nötige Ansehen für Ihre jetzige Stellung. Sie können die Geschäfte ruhigen Gewissens Ihrem Mitstreiter in London überlassen. Wo wir gerade von ihm sprechen, ist er zufällig in der Stadt?« »Zufällig nicht«, sagte Irene. Es stimmte auf eine Weise, die sich Mrs Walker wohl kaum vorstellen konnte. Kai war auf eine Familienfeier eingeladen. Da er ein Drache war, fand diese Feier in einer anderen Parallelwelt statt. Seinen Dienst als Irenes Assistent leistete er jedoch in menschlicher Gestalt. Es war erleichternd, ihn in Sicherheit zu wissen. Mrs Walker hätte sicher gern eine Geisel als Druckmittel gegen Irene in der Hand gehabt. »Was für eine Ehre, in den Kreis der Familie eingeladen zu werden«, heuchelte Irene. »Aber leider warten andere Aufgaben auf mich. Ich muss mich dringend mit meinem Kollegen …« »Selbstverständlich«, fiel ihr Mrs Walker ins Wort. »Wenn Sie mir nur rasch in unsere Kellerkapelle folgen würden, um den Eid auf die Familie abzulegen. Und den üblichen kleinen Blutschwur natürlich auch. Wir wollen doch nicht, dass Sie es sich auf dem Weg nach London wieder anders überlegen, nicht wahr?« Nicht gut. Gar nicht gut. Irene war selbst eine geschickte Lügnerin, und der ›übliche kleine Blutschwur‹ klang für sie alles andere als vertrauenerweckend. Sie war auch nicht scharf darauf zu erfahren, wie eine Kapelle aussehen mochte, die von einer Familie von Vampiren unterhalten wurde. »Lassen Sie mich einen Moment nachdenken«, sagte sie. »Immerhin ist das eine ziemlich wichtige Entscheidung für eine junge Frau wie mich.« Mrs Walker nickte wenig überzeugt. »Wie Sie wollen, Mrs Winters. Ich gebe Ihnen nur den Rat, das Haus nicht auf eigene Faust zu durchstreifen. Die Bewohner erhalten von der Blutbank des örtlichen Krankenhauses ihr täglich Brot, aber wir wollen sie ja nicht unnötig provozieren, richtig? Ihre Handgelenke …« Sie blickte auf die spitzenverzierten Ärmel von Irenes Bluse. »Sie sind, wenn ich das so sagen darf, auf geradezu unschickliche Weise entblößt.« Irene beschloss, es ein letztes Mal mit Vernunft zu versuchen. »Ich muss Sie bitten, die Angelegenheit noch einmal zu überdenken. Sie könnten uns beide in eine … unangenehme Lage bringen.« »Es wird Ihnen nichts nutzen zu betteln«, sagte Mrs Walker in schneidendem Ton. »Ich erwarte Sie in wenigen Minuten unten. Falls Sie nicht auftauchen, werden wir kommen und Sie holen.« Mrs Walker glitt zum Treppenabsatz. Der Saum ihres Moiré-Seidenkleides strich über den altehrwürdigen Teppich. An der Treppe drehte sie sich noch einmal um. Sie musterte Irene, und ihr Blick schien noch das kleinste Quäntchen Blut in ihren Adern abzuwiegen. »Mit ›wir‹ meine ich auch meinen Herrn Gemahl.« Irene sah ihr nach, wie sie die Stufen hinunterschwebte. Sie versuchte sich klar zu werden, was von ihren verschwindend geringen Chancen noch übrig war. Der Webster war der aktuelle Auftrag, den sie für die Bibliothek übernommen hatte. Der Walker-Tausch hatte sich als die einfachste Möglichkeit dargestellt, ihn zu bekommen. Zerschlug er sich, war das bedauerlich, aber keine Tragödie. Ihr Hauptziel war soeben geworden, mit dem Leben davonzukommen. Sie stellte die Dokumententasche ab. Der Marlowe darin würde sie bei ihrer Flucht nur behindern. Irene hatte ihn aus einer Parallelwelt mitgebracht, in der dieses Buch an jeder Ecke zu finden war. Kein allzu großer Verlust. Das Porträt über ihr spähte drohend auf sie herunter, als sie vorüberging. Der vermeintlich lebendige Blick ließ sie frösteln. Sie wandte sich dem Gemälde zu und starrte zurück. Im schummrigen Licht ließ sich nur schwer bestimmen, aus was für einer Epoche das Kunstwerk stammte, welche Kleidung die Gestalt trug oder wie ihre genauen Gesichtszüge beschaffen waren. Irene erahnte nur eine herabgezogene Augenbraue und eine Adlernase, dazu eine dunkle Kutte und furchteinflößende Augen. Wie alles andere in dem großen Herrenhaus wirkte das Bild uralt. Sie ging zum Fenster und zog die dicken Brokatvorhänge zur Seite. Die Fenster waren mit Eisenstangen vergittert. Zum ersten Mal lächelte Irene. Kaltes Eisen war ein Hindernis für Menschen. Für Elfen war es sogar ein gewaltiges Problem. Aber für eine Angestellte der Bibliothek? Ein Kinderspiel … Regen trommelte gegen die Scheiben. Draußen herrschte Nacht, es stürmte, und sie war wirklich mehrere Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Sie musste sich höchstwahrscheinlich darauf gefasst machen, von Vampiren durch die Wildnis gejagt zu werden. Außerdem führte der Fluss, die Ouse, wieder Hochwasser. In dieser Gegend schien das ständig zu passieren. Unter diesen Umständen war auf den Landstraßen mit Sicherheit kein Mensch unterwegs. In Zukunft war es vielleicht besser, Bücher nur noch zu klauen, anstatt es auf riskante Tauschgeschäfte ankommen zu lassen. Das ging nicht nur schneller, es war auch unauffälliger. Und man bekam weniger Ärger mit Vampiren. Sie beugte sich zu den Eisenstangen und sagte gedämpft in der Sprache: »Eisenstäbe, krümmt euch geräuschlos so weit auseinander, dass ich hindurchpasse.« Die Eisenstäbe zitterten, dann bogen sie sich wie Wachs. Die Farbschicht blätterte ab. Das Fenster war abgeschlossen, aber das stellte ebenfalls kein Problem für die Sprache dar. »Fenster, entriegele dich und öffne dich – so leise wie möglich«, flüsterte Irene. Das Schloss sprang knirschend auf, die Hebel zum Öffnen des Fensters kippten knarrend nach oben. Dann schwang der Fensterladen auf. Regenrinne und Fallrohr suchte Irene vergebens, aber dichter Efeu wuchs die Hauswand entlang. Das würde reichen müssen. Irene raffte ihre Röcke, fasste den Stoff an der Hüfte zusammen und kletterte – mehr als unschicklich für die Gewohnheiten dieser Zeit – aus dem Fenster im ersten Stock. Der Efeu war nass und rutschig. Als sie an der Außenwand des Hauses hing, stoppte sie. »Eisenstäbe, nehmt eure ursprüngliche Form wieder an. Fenster, schließe und verriegele dich.« Sie kletterte hinab. Je mehr Vorsprung sie herausholen konnte, bevor ihre Flucht bemerkt wurde, desto besser. Nachdem sie eine halbe Minute geklettert war, rutschte sie auf etwas Schleimigem aus, verlor den Halt und stürzte den Rest des Weges nach unten. Im Schlamm blieb sie liegen. Der Regen prasselte heftig auf sie herab, und es war stockdunkel. Während sie sich durch wuchernde Lavendelsträucher schlug – so viel verriet ihr ihre Nase –, begriff sie, worin das eigentliche Problem bestand. Sie hatte sich zu sehr daran gewöhnt, Hilfe zu bekommen. Für eine Bibliothekarin war das riskant – wenn es in dieser Situation nur nicht so verdammt praktisch gewesen wäre … Ein Blitz zuckte über den Himmel, zwei Sekunden später folgte der Donner. Irene lauschte. Das Unwetter würde ihre Spuren hoffentlich verwischen. Da ertönte aus der Dunkelheit hinter ihr ein Schrei. Er klang atemlos, gierig und irgendwie … durstig. Aus der Ferne antwortete ein zweiter Schrei. Die Jagd begann, und sie war die Beute. Der Regen hatte Irenes hochgesteckte Frisur mittlerweile völlig durchnässt. Das Wasser rann über ihr Gesicht ins Jackett und das Kleid darunter. Es wollte auch noch in ihre Stiefel vordringen. Wohin sollte sie fliehen? Nach Norden, auf die Straße zu, die wahrscheinlich verlassen war? Oder nach Süden zur über die Ufer getretenen Ouse, die kilometerweit von Feldern umgeben war? Der Fluss, beschloss sie, war das schnellste Transportmittel. Bei ihren Recherchen zu dieser Reise hatte sie etwas von einem Bootshaus gelesen … Ein weiterer Blitz erhellte die Nacht. Er offenbarte die Umrisse eines Gebäudes am diesseitigen Flussufer, das wie ein Schuppen aussah. Es lag bereits einen halben Meter unter Wasser. Dann sah Irene die geduckte Gestalt, die zwischen ihr und dem Bootshaus lauerte. »Sie laufen nirgendwohin«, stieß Mr Harper hervor. Er richtete sich zu voller Größe auf. »Gehen Sie mir aus dem Weg«, forderte Irene. Sie war so wütend, dass ihre Stimme das Tosen des Windes übertönte. »Ich lehne Mrs Walkers Angebot ab.« »Das glaube ich kaum«, sagte der Vampir. Von knochendürren, mit klauenartigen Nägeln bewehrten Fingern tropfte das Wasser. Er starrte Irene mit schwelendem Blick an. »Erde, öffne dich«, sagte Irene. »Umschließe seine Füße und die Knöchel und halte ihn fest. Bootshaustür, entriegele und öffne dich!« Unter Mr Harpers Füßen tat sich der schlammige Grund auf, als öffnete sich ein fletschendes Maul in der Erde. Irene spürte, wie die Sprache ihr die Kraft aus dem Körper sog, während die Welt ihren Worten gehorchte. Mr Harper sank bis zu den Kniekehlen in den Boden. Irene rannte an ihm vorbei, knapp außerhalb seiner Reichweite und der wütenden Versuche, sie zu packen. Das Bootshaus lag offen zum Fluss, das Licht im Innern reichte gerade aus, um zu erkennen, was sich darin befand. Ruderboote, die einst hoch über dem Wasserspiegel in ihren Aufhängungen gehangen hatten, schaukelten nun wenige Zentimeter über der kraftvollen Flut. Irene watete zu dem Boot, das ihr am nächsten lag. Von draußen schrie Mr Harper: »Hier! Sie ist hier!« Mit einem kräftigen Stoß beförderte Irene das Boot ins Wasser. Sie griff sich eines der Ruder und kletterte hinein. In diesem Moment schwankte auch schon Mr Harper durch die Tür. Er kam auf sie zu, die Hände ausgestreckt. Irene holte mit dem Ruder aus. Sie schlug ihn gegen die Brust und sandte ihn taumelnd nach hinten. Vom Schwung des eigenen Schlages mitgerissen, fiel Irene beinahe selbst über Bord. Dann glitt das Boot auf den rettenden Fluss hinaus, wo die Strömung es erfasste und mit sich davonführte. Irene hörte Schreie vom Ufer herüberdringen. Mrs Walker stand dort, nur undeutlich wahrnehmbar im Regen und der Finsternis. Schatten reihten sich hinter ihr auf, und Blitze tauchten die Gestalten abwechselnd in gleißendes Licht und wieder in Dunkelheit. »Sie werden das noch bereuen!«, schrie Mrs Walker in die Nacht hinaus. Irene atmete auf. »Viel Spaß mit Ihrer Lektüre!«, rief sie zurück, als der Fluss ihr Boot auch schon forttrug in Richtung York. ZWEITES KAPITEL Es war fast Mitternacht, als Irene das Hotel betrat. Ihre Röcke und Stiefel troffen und hinterließen eine nasse Spur. Sie würde dem Mitarbeiter am Empfang wahrscheinlich ein saftiges Trinkgeld geben müssen. Doch der zuckte nur die Achseln und fragte: »Hat das Hochwasser Sie in Mitleidenschaft gezogen, Madam? Touristen werden nicht selten davon überrascht.« »Sehr ärgerlich«, bestätigte Irene und war froh über die passende Ausrede. Der Fluss hatte sie mit ihrem Boot einmal quer durch die Stadt geschwemmt. Danach hatte sie sich die Standpauke eines Polizisten anhören müssen, weil sie ganz offensichtlich bei Hochwasser eine Vergnügungsfahrt unternahm, noch dazu mitten in der Nacht. Statt des aussichtslosen Versuchs, ihm ihre Situation zu erklären, hatte sie eine begriffsstutzige Miene aufgesetzt und sich entschuldigt. Anschließend hatte sie sich von ihm den Weg zurück zum Hotel beschreiben lassen. »Nächstes Mal werde ich vorsichtiger sein«, versicherte sie dem Mann am Empfang und ging auf die Fahrstühle zu. »Verzeihen Sie, sind Sie Miss Winters?« Sie war durchnässt und müde. Das war die einzige Erklärung dafür, dass sie sich umdrehte, ohne im Spiegel der Lobby nachzuprüfen, wer sie ansprach. Doch die Stimme gehörte keinem steinalten Vampir, sondern einer jungen Frau. Trotzdem – für eine Agentin mit Irenes Erfahrung stellte so ein Verhalten eine grobe Fahrlässigkeit dar. Die Frau erhob sich aus einem der Sessel in der Lobby. Unter den Ätherlampen schien sie beinahe aufzuglühen. Ihr Haar schimmerte in leuchtendem Gold – und zwar nicht in dem blondierten Gelbton, der in dieser Alternativwelt momentan Mode war, und auch nicht auf die Art, die erst im Mondlicht golden wurde, sondern in dem warmen, strahlenden Glanz von Butterblumen. Ihr dunkler Mantel war etwas aus der Zeit gefallen: kostbar, von erlesener Qualität, aber mit zu hoch geschnittenem Kragen und zu tiefer Taille. Anstelle der üblichen Woll- oder Samthandschuhe trug sie Seide an den Händen, und der Schleier, der vom Hutrand über ihr Gesicht fiel, war nachträglich befestigt worden und gehörte nicht zu dem ursprünglichen Kostüm. Am deutlichsten aber erkannte man ihr wahres Wesen am Gesicht: Es war gleichgültig schön. Sie scherte sich nicht darum, was die Leute von ihr dachten, da sie ohnehin über allen stand. Es war eine Drachenfrau in Menschengestalt. Sie schritt lässig durch die Lobby auf Irene zu, als würden sie sich längst kennen. Der Umstand, dass beide Vertreterinnen von Interessengruppen waren, die genug Macht besaßen, um das gesamte Multiversum zu beeinflussen, trat dabei fast in den Hintergrund. Die Macht des Drachens lief ihrem Gegenüber als unsichtbare Welle voraus, und die Luft knisterte, dass Irene es auf der Haut spüren konnte. Diese Frau war nicht so gefährlich wie einige andere Drachen, die Irene bereits getroffen hatte, aber sie war auch keineswegs harmlos. »Wir hatten noch nicht das Vergnügen«, sagte die Frau. »Auch wenn ich schon einiges von Ihnen gehört habe.« »Ich fürchte, da haben Sie mir etwas voraus«, erwiderte Irene höflich. »Zumindest weiß ich, womit Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen.« Sie streckte Irene die Hand hin und lächelte. Es sah eher gütig als freundlich aus. Irene lächelte zurück, missachtete jedoch die ausgestreckte Hand. Sie konnte die im Zaum gehaltene Energie spüren, die die Frau unter ihrer menschlichen Erscheinung verbarg, und das machte sie misstrauisch. »Tut mir wirklich leid«, sagte Irene. »Aber ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie von mir möchten. Und unter diesen Umständen …« Die Frau zog die Hand zurück, wobei für eine Sekunde ihr Lächeln verrutschte. Schnell brachte sie ihre Lippen wieder in Form. »Sehr achtsam von Ihnen. Vielleicht sollten wir uns erst einmal unterhalten. Ich komme mit einer wichtigen Bitte zu Ihnen. Die Bar dieses Etablissements ist noch geöffnet, nehme ich an?« In ihrem Ton schwang mit: Falls nicht, wird sie es bald sein. Ich kann dafür sorgen. Irene ermahnte sich, dass sie nicht noch mehr Feinde brauchte. »Einem Gespräch unter vier Augen steht sicher nichts im Weg. Aber vielleicht eignet sich die Teestube um die Ecke etwas besser, die ist gemütlicher. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mich außerdem vorher gern umziehen …« Sie wies auf ihr tropfendes, patschnasses Kostüm. »Und ich wüsste gerne noch Ihren Namen.« »Aber natürlich«, erwiderte die Frau. Ihr Lächeln wurde breiter. »Man nennt mich Jin Zhi.« Kai hatte nie eine Jin Zhi erwähnt. Die anderen Drachen, die Irene kannte, hatten ebenfalls nie von ihr gesprochen. Genauer gesagt, waren es auch nur zwei: Kais Onkel Ao Shun und dessen persönlicher Assistent Li Ming. Auf die Datenbank der Bibliothek konnte Irene von hier aus nicht zugreifen, was bedeutete, dass sie diese Jin Zhi (falls das ihr richtiger Name war) nicht überprüfen konnte, um herauszufinden, ob sie gefährlich war. Zwischen der Bibliothek und den Drachen bestand keine direkte Feindschaft. Im Großen und Ganzen ließen sich die Beziehungen sogar als freundschaftlich, wenn auch distanziert bezeichnen. Wenn Konflikte auftraten, ging es für gewöhnlich um Bücher und darum, wem sie gehörten. Die Drachen vertraten darüber hinaus jedoch die Seite des Multiversums, die der Ordnung und Realität verpflichtet war. Und dadurch lagen sie im tiefen Clinch mit den Elfen, die das Chaos und die Fantasie repräsentierten. Ihr Konflikt war anhaltend und blutig. Irene, mit dem Drachen Kai als persönlichem Assistenten und Lehrling an ihrer Seite, hatte sich in der Vergangenheit bereits zwischen den Fronten dieses Konflikts wiedergefunden. Sie wollte dringend verhindern, dass es noch einmal dazu kam. Die Bibliothek stand in der Mitte des Mächte-Gleichgewichts. Bibliothekare mussten unparteiisch bleiben. Sie konnten sich ein Bündnis weder mit den Drachen noch mit den Elfen leisten, da sie sonst die Feindschaft der jeweils anderen Seite auf sich zogen. Der Fortbestand der Bibliothek war an ihre Neutralität gebunden. Jede andere Position hätte ihre Existenz gefährdet. Die Frage war also: Was wollte Jin Zhi von ihr? Und woher wusste sie, wer Irene war? Irene schlüpfte in trockene Sachen, rubbelte sich die Haare und ging dabei ihre Möglichkeiten durch. Sie hatte kein Problem damit, neue Freunde kennenzulernen – oder Verbündete, wie auch immer. Es gab aus ihrer Sicht auch nichts gegen eine Verabredung zum Tee mit einem Drachen einzuwenden. Aber falls die Drachenfrau den Gedanken hegte, dass Irene Anordnungen entgegennehmen oder ihre Loyalität verkaufen würde, musste sie sich auf ein unangenehmes Gespräch gefasst machen. Was meinte sie mit eine wichtige Bitte? Die beiden Worte waren ihr im Gedächtnis geblieben. Sie wirkten wie eine Warnung. Irene seufzte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als mit der Drachenfrau zu gehen und sich anzuhören, was sie wollte. Aus dem geplanten ruhigen Abend mit einem guten Buch würde leider nichts werden. Jin Zhi saß an einem Tisch im Teesalon und wartete bereits. Vor ihr stand ein kleiner aufgeklappter Laptop, auf dem sie etwas tippte. Als sie Irene sah, klappte sie ihn zu und ließ ihn in ihrer Handtasche verschwinden. Der Salon war hell beleuchtet, Ätherlampen erzeugten einen glänzenden Widerschein auf dem nassen, dunklen Straßenpflaster vor dem Fenster. Die übrigen Wände waren mit Spiegeln versehen, was einen Eindruck von aufgeräumter Schlichtheit erweckte, der im Kontrast zu den altmodischen schwarzen Bodendielen stand. Kellner und Kellnerinnen huschten geräuschlos in schwarz-weißen Anzügen umher, die Gesichter so ausdruckslos wie Puppen. Vale hatte Irene diese Adresse als einen Ort vorgestellt, an dem hiesige Agenten sich trafen, um Geheimnisse auszutauschen. Er hatte diese Art von Information immer parat – was sicher viel damit zu tun hatte, dass er der größte Detektiv Londons war. Wenn er etwas nicht wusste, dann nur, weil es ihn nicht interessierte. Aber die Dinge, die er wusste, waren in der Regel faszinierend. Irene wartete, bis der Kellner ihren Stuhl herangerückt hatte, und setzte sich Jin Zhi gegenüber. Die beiden Frauen beäugten einander über ihre Speisekarten hinweg. Wieder spürte Irene die im Verborgenen liegende Macht ihrer Gesprächspartnerin. Sie versuchte, sich darüber klar zu werden, ob diese Wahrnehmung wohl gewollt ausgestrahlt wurde, oder ob Jin Zhi schlicht die Übung fehlte, ihre Kraft zu kontrollieren. »Mit mir Tee zu trinken bedeutet keinerlei Verpflichtung für Sie«, begann Jin Zhi. »Ich greife nicht zu schmutzigen kleinen Elfen-Tricks. Und die Rechnung zahlen wir getrennt.« »Klingt fair«, gab Irene zu. »Was nehmen Sie?« »Die abendliche Teezeremonie zu zweit hört sich vernünftig an. Tee, Sandwiches, Makronen …« »Es ist nach Mitternacht.« »Na und? Es steht doch auf der Karte.« Irene nickte und überließ es Jin Zhi, die Bestellung aufzugeben. Sie schaute sich um, betrachtete die Spiegelbilder der restlichen Gäste an den Wänden. Fast niemand saß allein: Die meisten Leute scharten sich zu zweit oder dritt um ihre Tische und waren in leise Unterhaltungen vertieft. Das Piano spielte leise und unaufdringlich – nicht zu laut, aber doch laut genug, um Geflüster zu übertönen. »Ich will noch einmal anfangen«, sagte Jin Zhi, als der Tee kam. »Bitte entschuldigen Sie den etwas holprigen Start. Ich heiße Jin Zhi. Ich stehe im Dienst der Königin der Südlichen Ebenen. Meine Stellung ist nicht die höchste, ich herrsche nur über ein paar Dutzend Welten. Umso mehr bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie diesem Treffen zugestimmt haben.« »Ganz meinerseits«, erwiderte Irene. »Und ich bin Irene. Ich stehe im Dienst der Bibliothek – ebenfalls in untergeordneter Position –, und ich bin die ortsansässige Vertreterin in dieser Welt. Mir ist nicht ganz klar, was mir die Ehre Ihrer Anwesenheit verschafft, aber es ist mir ein Vergnügen, Sie zu empfangen.« Nebenbei wäre es ihr auch ein Vergnügen gewesen zu erfahren, wie Jin Zhi sie aufgespürt hatte. Aber diese Frage musste warten. »Wie möchten Sie Ihren Tee?« »Etwas Milch, kein Zucker.« Jin Zhi überließ es Irene einzuschenken. Ihre Andeutung von Gleichstellung kannte anscheinend genaue Grenzen: Den Tee zu kredenzen war nun einmal Aufgabe der untergeordneten Person. »Finden Sie, dem Austausch berufsmäßiger Höflichkeiten ist damit Genüge getan?«, fragte die Drachenfrau. »Vermutlich.« Irene gab einen Schuss Milch in ihren Tee. »›Ein paar Dutzend Welten‹ klingt allerdings schon so, als hielte ich Sie von wichtigen Verpflichtungen ab.« »Es sind überwiegend Verwaltungsaufgaben«, sagte Jin Zhi mit wegwerfender Handbewegung. »Mit richtigen Regierungsfragen bin ich kaum betraut, und wenn, dann nur hintergründig. Die chaotischen Kräfte sind in meinen Territorien kaum präsent. Aber um auf mein eigentliches Anliegen zurückzukommen …« Sie warf Irene ein sichtlich eingeübtes Lächeln zu, mit dem sie anscheinend eine Art schwesterlich-herzliche Verbundenheit ausdrücken wollte. In Irene fingen sämtliche Alarmglocken an zu schrillen. »Es geht um ein Buch.« Irene wölbte die Hände um ihre Teetasse. »Ich werde es wohl kaum persönlich besitzen, aber ich kenne mich mit den großen Bibliotheken hier mittlerweile gut aus. Und ich weiß, wo die besten Buchhandlungen sind«, sagte sie. »Verraten Sie mir Autor und Titel?« Jin Zhi schnaubte ungläubig. »Wenn ich auf der Suche nach einem gewöhnlichen Buch wäre, würde ich einen meiner Bediensteten mit der Sache beauftragen. Ich müsste nicht extra mit einer Bibliothekarin sprechen.« »Um was für ein Buch geht es also? Und wo soll es Ihrer Meinung nach sein?« »Ich bin an einer Ausgabe der Reise nach Westen interessiert.« Jin Zhi nahm einen Schluck Tee. »Sie kennen es sicher. Es stammt aus einer bestimmten Welt – nicht dieser. Die Einzelheiten teile ich Ihnen gerne mit. Ihre Bibliothek verfügt wahrscheinlich über viele verschiedene Ausgaben des Werkes …« »Und ich fürchte, wir verleihen keines davon«, sagte Irene. Die Reise nach Westen war ihr natürlich ein Begriff. Es handelte sich um einen der vier großen Romane der klassischen chinesischen Literatur in mehreren Welten – vielen, um genau zu sein. Es stammte aus dem 16. Jahrhundert und bot eine Mischung aus Geschichte, Mythologie und Philosophie. Darin macht sich ein Mönch, begleitet von übernatürlichen Gefährten, auf, um Buddhas heilige Schriften aus Indien zu holen. Unterwegs erlebt er haarsträubende Abenteuer – Verwandlungen, Kämpfe mit grässlichen Monstern, Flüge über den Wolken. Der Beitrag des Mönchs beschränkt sich meist darauf, nutzlos im Weg herumzustehen oder auf der Speisekarte des jeweiligen Monsters zu landen. Die eigentliche Arbeit erledigen seine Reisegefährten, die Affen und Schweine, denen die besten Szenen gewidmet waren. Die meisten Bibliothekare kannten zumindest den Titel des Buches, auch wenn sie es nicht gelesen hatten. Es gab Wünsche, die man ablehnen musste, egal, wie gefährlich die Person war, die sie äußerte. »Das steht leider außer Frage«, sagte Irene. »Aber … es gibt doch mehrere Ausgaben davon.« In Jin Zhis Augen funkelte es zornig. Es sah aus wie Sonnenlicht, das auf einer Schwertklinge glänzt. »Es ist eine strenge Regel ohne Ausnahme.« Irene wahrte ihren ruhigen Gesichtsausdruck. Wenn sie Angst zeigte, bestätigte sie dadurch nur, dass sie die Unterlegene war. »Allerdings beschränkt sich das Verbot auf die Exemplare, die der Bibliothek gehören. Wenn Sie eine Abschrift des Textes suchen, kann ich jemanden bitten, eine Kopie anzufertigen …« Jin Zhi schüttelte herablassend den Kopf. »Nein. Es müsste sich um eines der Originale handeln. Vorzugsweise Ming-Dynastie, notfalls eine spätere Epoche.« Ungeachtet Irenes Weigerung sah Jin Zhi alles andere als entmutigt aus. »Vielleicht erkläre ich Ihnen erst einmal, worum es geht?« Irene fiel auf, wie vorsichtig die Drachenfrau die Angelegenheit behandelte. Weder hatte sie direkt um die Aushändigung eines Exemplars ersucht, noch den Wunsch geäußert, es für sich selbst haben zu wollen. Alles drehte sich um die bloße Andeutung von Interessen und Notwendigkeiten. Das Ganze kam Irene recht verdächtig vor. »Suchen Sie eine Gute-Nacht-Lektüre?«, fragte sie. Jin Zhi lachte. Vor Überraschung blitzte einen Augenblick echte Belustigung in ihren Augen auf. Schnell nahm sie sich etwas zu essen von den gestuften Tabletts, die in diesem Moment an ihren Tisch gebracht wurden. Darauf lagen Sandwiches, Scones, Makronen und Törtchen. Jin Zhi forderte Irene mit einer Geste auf, sich ebenfalls zu bedienen. »So einfach ist es leider nicht«, fuhr sie fort. »Wissen Sie …« Die Drachenfrau hielt inne. Sie schien unschlüssig, wo sie anfangen sollte. Doch das wirkte ein wenig aufgesetzt, als versuchte sie sich an einer Demonstration menschlicher Fehlbarkeit. So ganz unter uns, von Frau zu Frau: Sie können mir vertrauen. »Die Königin der Südlichen Ebenen ist eine der vier großen Herrscherinnen der inneren Königreiche der Drachen. Sollte ich Königinnenreiche sagen?« »Ich weiß, dass es vier äußere Königreiche gibt, die von vier Königen beherrscht werden«, erwiderte Irene, »und vier innere Königreiche, die von vier Königinnen regiert werden«, sagte Irene. So viel hatte sie aus Kai herausbekommen. »Die äußeren Reiche liegen näher an den Welten des chaotischen Spektrums, während die inneren der Ordnungsseite näherstehen, habe ich recht?« Jin Zhi nickte. »Minister Zhao hat vor Kurzem angekündigt, dass er … zurücktreten wird. Daraufhin hat Ihre Majestät entschieden, zwei Untergebenen die Chance auf die Nachfolge zu gewähren. Sie hat mich und ihn in direkte Konkurrenz zueinander gesetzt.« Irene runzelte die Stirn. »Sie verlangt von Ihnen, dass Sie ihr dieses Buch bringen.« Vielleicht hatte die Königin den beiden Kandidaten noch weitere Prüfungen auferlegt; Herrschaftspraktiken, Verwaltungsaufgaben und so weiter. Irene konnte die Frau jedenfalls nur bewundern. Beschafft mir dieses Buch. Diese Herrscherin setzte zweifellos die richtigen Prioritäten. Jin Zhi zerlegte ein Gurkensandwich in seine Einzelteile. »Sie verlangt, dass wir dieses ganz besondere Buch finden«, sagte sie. »So sollen wir unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen. Wer ihr das Buch bringt, wird erwählt. Der andere … wird den Preis zahlen. Das Streben nach den höchsten Ämtern setzt nun einmal voraus, dass man das Risiko eingeht zu verlieren.« Irene strich nachdenklich etwas Butter auf einen Scone. »Ich kann nachvollziehen, dass Sie sich in Ihrer Situation an eine Bibliothekarin wenden«, räumte sie ein. »Leider kann ich Ihnen kein Exemplar der Bibliothek geben. Darüber hinaus existieren so viele verschiedene Versionen dieses Textes, dass ich nicht wüsste, wo ich anfangen sollte. Sie sagten, Sie wüssten, aus welcher Welt es stammt, aber ich bezweifele, dass Drachen und Bibliothekare die alternativen Welten auf dieselbe Art benennen. Selbst wenn wir so einen Auftrag annähmen – was wir nicht tun –, würde ich Ihnen nichts nützen. Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?« Dieser letzte Punkt machte Irene zunehmend nervös, und nun hatte sie ihn ausgesprochen. »Der Freund eines Freundes von mir«, sagte Jin Zhi. »Er kennt Kai, den Sohn des Königs des Nördlichen Ozeans …« Sie hielt inne. »Verzeihen Sie die Förmlichkeiten, aber es fällt mir schwer, diese Gewohnheiten abzulegen. Ich hörte, dass Kai sich in dieser Welt aufhält und dass ihm eine Bibliothekarin unterstellt ist, die ihm dient. Ich hatte ein paar dringende Fragen an jemanden, der sich mit Büchern auskennt, also … Sie verstehen mein Vorgehen doch sicher.« »Zweifellos«, sagte Irene. Ihr innerer Alarm war soeben auf Warnstufe Gelb gestiegen, doch sie ließ sich nichts anmerken. Jin Zhi wusste zu viel – über Kai, über Irene und über die Bibliothek. Damit stand nicht nur ihre Sicherheit auf dem Spiel, sondern auch Kais. Warum kommst du eigentlich ausgerechnet dann zu mir, wenn Kai nicht da ist?, fragte die zynische Seite ihres Verstandes. Warum bist du nicht zuerst zu ihm gegangen? Wie man es auch dreht und wendet, deine Geschichte ergibt keinen Sinn. Irene achtete darauf, sich weiterhin einen neutralen Anschein zu geben. Sie konnte dieser Drachenfrau schlecht ins Gesicht sagen, dass sie eine Lügnerin war. Drachen machten sich in der Regel keine Gedanken über Kollateralschäden, wenn sie öffentlich beleidigt wurden. »Ich muss eine Sache richtigstellen: Ich arbeite nicht für Kai. Und ich bin erstaunt, dass Sie mich hier in York gefunden haben.« »Ich habe meine Bediensteten betraut, Sie zu suchen«, sagte Jin Zhi. »Ich bin niemand, der alles selbst erledigen muss. Ich ziehe es vor, Experten zu engagieren.« »Wie zum Beispiel eine Bibliothekarin«, versetzte Irene. Jin Zhi beugte sich vor. »Ich habe nicht vor, eine Art Abkommen mit Ihnen zu treffen. Das wäre unangebracht, ich weiß. Und ich bin froh, dass Sie Ihre Unabhängigkeit so deutlich zum Ausdruck bringen.« Irenes Alarmsignale schossen über sämtliche Skalen hinaus. War das eine Art Test seitens der Bibliothek, um ihre Loyalität auf die Probe zu stellen? Das grenzte an Paranoia. Aber wieso zierte sich Jin Zhi so, Irene um Hilfe zu bitten? Wollte sie sicherstellen, dass ihr im Nachhinein niemand einen Strick daraus drehen konnte? Falls das der Grund war, blieb immer noch die Frage, was sie wirklich von Irene wollte. Jin Zhi hatte zugegeben, dass es sich hierbei um einen Dreh- und Angelpunkt innerer Machtangelegenheiten der Drachen handelte – aber sie hatte jeden Hinweis dahingehend vermieden, wie brenzlig die Situation war. Und das sprach dafür, dass sie sehr brenzlig war. In dem Fall war Irene – genau wie alle anderen Bibliothekare – ohnehin dazu verpflichtet, sich herauszuhalten. »Freut mich zu hören«, sagte Irene. »Ich bin in der Tat vollkommen neutral. Die Bibliothek ist unabhängig, und wir mischen uns in keiner Weise in die Angelegenheiten der Drachen ein – besonders nicht in Dinge der höfischen Macht. Ich weiß den Tee und die Sandwiches zu schätzen, aber das ist das Äußerste. Mehr kommt nicht in Frage.« Jin Zhis Augen wurden schmal, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte. Der Anschein von Höflichkeit war völlig aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie nahm ein Gebäckstück und zerbrach es zwischen den Fingern. Ihre Fingernägel waren auf einmal länger, geradezu klauenartig. »Wie interessant.« Sie spie das Wort aus. »Und ich hatte geglaubt, ich könnte für Gleichstand sorgen.« »Das müssen Sie mir erklären.« Die Tür flog auf, und eine Gruppe von Leuten taumelte herein, die Hüte und Regenschirme triefend vor Nässe. Selbst jetzt, weit nach Mitternacht, und trotz des anhaltenden Wolkenbruchs samt Hochwasser, vibrierte York vor nächtlicher Aktivität. »Wie ich erfahren habe, hat mein Widersacher sich bereits der Hilfe eines Bibliothekars versichert. Anscheinend folgen nicht alle Ihre Kollegen den gleichen Prinzipien wie Sie, Irene.« Die zuckte die Achseln, während ihr in Wahrheit ein Schauer über den Rücken lief. »Darüber weiß ich nichts«, sagte sie nur. In der Regel kümmerte sie sich selten um das, was andere Bibliothekare taten – abgesehen davon, welche Bücher sie jeweils auftrieben. Aber keiner ihrer Kolleginnen und Kollegen würde sich zu so etwas hinreißen lassen. Oder doch? Es würde bedeuten, dass derjenige die Bibliothek in die Machtfragen der Drachenreiche verwickelte. Und das machte die ortsansässigen Bibliothekare, die davon in irgendeiner Weise betroffen waren, zu leichten Zielen. Hinzu kam die Reaktion der Elfen, sobald sie herausfanden, dass die Bibliothek mit den Drachen gemeinsame Sache machte. Und da reichte allein der Verdacht. Kai als Lehrling der Bibliothek war vermutlich der einzige Fall, in dem ein Arbeitsverhältnis zwischen Drachen und Bibliothekaren geduldet wurde. Irene hatte trotzdem äußerste Vorsicht walten lassen müssen, um Kai und sich nicht in die Angelegenheiten der Drachen hineinziehen zu lassen. Etwas anderes würde auch niemals toleriert werden. »Ach nein?« Jin Zhis Stimme klang scharf wie geschliffenes Metall. »Reden Sie etwa nicht mit Ihren Kollegen?« »Wir sind nicht so streng organisiert wie die Drachen«, rechtfertigte sich Irene. Sie brauchte mehr Informationen. »Es überrascht mich hingegen, dass Sie über die Vorgehensweise Ihres Konkurrenten so gut informiert sind.« »Sollte ich das Buch nicht bekommen, weil mich eine Angestellte der Bibliothek dabei behindert hat, werde ich das nicht vergessen. Ich würde es sogar publik machen.« Irene setzte ihre Tasse ab und beugte sich vor. »Ist das eine Drohung?«, fragte sie. »Nein«, entgegnete Jin Zhi ein bisschen voreilig. »Natürlich nicht. Ich würde nicht im Traum daran denken, Sie durch Erpressung dazu zu zwingen, etwas Unmoralisches zu tun. Es geht mir nicht darum, Sie zu meinen Gunsten in diese Sache zu verwickeln. Alles, was ich vorschlage, ist, dass Sie für gleiche Verhältnisse auf beiden Seiten sorgen. Ich möchte, dass mein Konkurrent« – ihre Stimme schäumte vor Wut – »ebenfalls keine Hilfe erhält. Das ist nur fair, meinen Sie nicht?« Sie sah Irene unter gesenkten Lidern hindurch an. Das Piano erfüllte den Salon mit leisen Melodien, und darunter lag das Rauschen des Regens, der gegen die Scheiben strömte. »Dazu bräuchte ich einen Beweis, dass Sie die Wahrheit sagen«, erklärte Irene. Bislang hatte sie es nur mit einer Behauptung zu tun, die auf Jin Zhis Geschichte basierte. Aber wenn es stimmt … Dann hatte ein Bibliothekar einen gewaltigen Fehler gemacht, der die ganze Bibliothek in Gefahr brachte. Die vielgerühmte Neutralität, die sich die Bibliothek über Jahrhunderte erkämpft hatte, stand auf dem Spiel. Eine Elfe mit gemäßigten Ansichten hatte vielleicht nichts Prinzipielles dagegen, wenn Irene mit einem Drachen zum Tee verabredet war, genauso wenig wie ein Drache umgekehrt etwas dagegen haben mochte, wenn sie mit einer Elfe sprach. Im schlimmsten Fall würden beide ihr mit missbilligenden Blicken begegnen. Aber ein Versuch, die Politik am Hof der Drachen zu beeinflussen? Sich in einen Streit um das höchste Amt einzumischen, bei dem es um Leben und Tod ging? Möglicherweise gar mitzuentscheiden, wer als Sieger hervorging? Bei einer Parteinahme dieses Kalibers würden die Elfen ganz sicher jeden Bibliothekar als Feind betrachten. Und das barg genügend Potenzial, um die Bibliothek letztendlich ins Verderben zu stürzen. »Ich kann Ihnen keinen Beweis liefern, dass ein Bibliothekar beteiligt ist.« Jin Zhi öffnete ihre Handtasche und nahm ein mehrseitiges Dokument heraus. »Aber ich habe die genauen Angaben über das Buch, das wir finden sollen, sowie die Welt, aus der es stammt, schriftlich zusammengefasst. Was Sie mit diesen Informationen anstellen, bleibt Ihnen überlassen. Mir liegt nichts ferner, als mir im Nachhinein Anschuldigungen anhören zu müssen, dass ich Druck auf Sie ausgeübt habe. Allerdings sollten Sie im Hinterkopf behalten, dass ich Sie jederzeit zu finden vermag, jetzt, wo wir uns einmal getroffen haben.« Ihre Lippen formten sich zu einem Lächeln. »Auch wenn Sie wahrscheinlich viel zu professionell sind, um Ihre Entscheidung davon beeinflussen zu lassen.« »Ich bin allerdings professionell«, bekräftigte Irene. »Deshalb vergeude ich meine Zeit auch nicht mit leeren Drohungen.« Aber sie nahm die Papiere entgegen, die Jin Zhi ihr hinhielt. DRITTES KAPITEL London blieb ebenso wenig vom Regen verschont wie York. An der Ziegelsteinmauer des Hauses, das Kai und Irene bewohnten, lief das Wasser in Sturzbächen herab. Das Straßenpflaster hatte sich in eine glitschige Rutschbahn verwandelt. Schwere Wolken und wehender Regen überzogen London mit einem dichten Schleier, und es war dunkel. In den Fenstern der Häuser am Straßenrand brannte bereits Licht. Irene fand keinerlei Einbruchspuren an ihrer Haustür. Sie drehte den Schlüssel im Schloss mit, wie sie fand, ausreichender Vorsicht. Dann ging sie hinein und zog den Reisekoffer über die Schwelle. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, schüttelte sie sich das Wasser aus der Oberbekleidung. Kai war bestimmt noch nicht zurück, also musste sie als Erstes die Bibliothek kontaktieren. Schritte. Irene erstarrte. Sie kamen aus dem Stock über ihr. Als Kai in den Lampenschein auf dem oberen Treppenabsatz trat, atmete sie erleichtert auf. Er war vornehm gekleidet – zu vornehm für diese Welt und Epoche. Sein Mantel wies keine einzige Falte auf. Die Schuhe glänzten so frisch poliert, dass sie das Licht der Lampe reflektierten. »Irene …« Er zögerte, ehe sein Ton fester wurde. »Ich glaube, wir müssen uns unterhalten.« »Und ob«, gab Irene zurück. »Ich habe eine Menge zu erzählen, es sei denn, du weißt schon mehr als ich. Und wie steht es mit heißen Getränken?« »Wenn du weiter darauf bestehst, dass … Äh, ich habe Tee gemacht.« Er zog die Stirn kraus und betrachtete sie von oben. »Versuchst du abzulenken?« »Kai.« Sie nahm Hut und Schleier ab und legte beides auf den Hutständer in der Ecke. »Falls du es nicht gemerkt hast, draußen gießt es in Strömen, und die Schlange der Kutschen vor dem Zeppelin-Port war ewig lang. Ich bin durchgeweicht wie ein Biskuit. Besorg mir bitte etwas heißen Tee, bevor ich mir eine Erkältung hole, danach können wir reden. Was machst du überhaupt hier? Ich habe frühestens in drei Tagen mit dir gerechnet.« »Ich bin früher abgereist«, sagte Kai. »Das da draußen ist ja wohl das beste Wetter seit Wochen.« Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, und Irene folgte ihm, den Kopf voller Flüche über Drachen und ihre Vorliebe für Regenwetter. Ein paar Minuten darauf saß sie in einem Sessel in ihrem mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer und hielt eine Tasse Tee in Händen, die ihre Finger wohlig wärmte. Kai blieb stehen. Nervös startete er immer neue Vorstöße, ziellos die Winkel des Zimmers zu erkunden. Seine Körperhaltung vermittelte den Eindruck von jemandem, der jedes Wort abwog, um nur keinen handfesten Streit heraufzubeschwören. Er war so zeitlos attraktiv, wie Jin Zhi schön war – es handelte sich um das unbestreitbare Merkmal so gut wie aller Drachen. Der dunkelblaue Hauch, der in seinen schwarzen Haaren schimmerte, kam im grellen Licht der Ätherlampen noch deutlicher zum Vorschein. Es verlieh seiner Frisur den Glanz von Rabenfedern und ließ seine Gesichtszüge wie eine Tuschezeichnung hervortreten. Seine Wangen waren makellos, die Haut vornehm blass. Seine blauen Augen waren fast zu dunkel, um sie noch blau zu nennen, und seine Bewegungen führte er mit der mühelosen Eleganz eines Mannes aus, der schon mit einer besonderen Kraft geboren worden war, ehe Jahrzehnte des Trainings ihn weiter gestählt hatten. Neben ihm fühlte sich Irene immer ein wenig, als müsste sie im Hintergrund bleiben, wenn auch nur, um seine stilvolle Eleganz nicht zu trüben. Glücklicherweise mochte sie es, im Hintergrund zu bleiben – es war einfach vorteilhaft für ihre Arbeit, auch wenn es manchmal recht entmutigend sein mochte. Ziemlich oft entmutigend sogar. Aber sie versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken. Kai unterbrach sein nervöses Hin und Her und funkelte sie an. »Wir haben uns doch geeinigt, dass du keine Alleingänge mehr unternimmst.« »Es war nicht so geplant«, verteidigte sich Irene. »Es sollte ein einfacher Tausch werden. Und wie kommst du überhaupt darauf, dass ich für einen Auftrag unterwegs war und Schwierigkeiten hatte?« »Ich weiß nicht. Reine Vermutung. Vor allem, weil du so früh zurückgekommen bist. In einem Zeppelin und nicht in einem Zug. Du streitest es ja auch nicht einmal ab …« »Ich hatte dir eine Nachricht hinterlassen«, sagte Irene. »Du warst tagelang nicht da. Ich kann nicht alles stehen und liegen lassen, sobald du fort bist, Kai. Ich bin die ausgebildete Bibliothekarin, du bist der Lehrling.« Als solche musste sie Jin Zhis Behauptung sofort überprüfen, fiel ihr ein. Dass es Kai ablenken würde, konnte ebenfalls nicht schaden. »Jetzt hör auf, mich so finster anzuschauen, sondern setz dich hin. Wir haben ein Problem, und ich brauche deinen Rat.« Seine Neugier war geweckt. Er warf sich in den Sessel ihr gegenüber. »Du weißt, ich stehe dir zu Diensten. Also frag.« »Was weißt du über die Verhältnisse am Hof der Königin der Südlichen Ebenen?« »Na ja …« Er hielt inne. »Irene, worum geht es?« »Sag mir, was du weißt, dann kläre ich dich auf. Ich möchte dein Urteil nicht vorab beeinflussen.« »Du kommst mit so einer Einleitung und erwartest von mir, dass ich dich mit Informationen füttere?«, beschwerte er sich. »Kannst du mir nicht wenigstens erklären, warum?« »Kai.« Sie nippte an ihrem Tee. »Rede endlich.« Er seufzte. »Der bürgerliche Name Ihrer Majestät lautet Ya Yu, aber weder du noch ich werden je die Gelegenheit bekommen, sie so zu nennen. Die Königin der Südlichen Ebenen genießt den außerordentlichen Ruf, ihre Untertanen gerecht und wohlwollend zu behandeln. Was im Klartext ungefähr heißt, dass sie sie an der langen Leine hält, wenn etwas schiefgeht, und im Zweifelsfall erwartet, dass sie sich selbst aufknüpfen. Bisher musste sie zweimal handfeste Maßnahmen gegen die Elfen ergreifen. Beide Male ging sie sehr entschlossen vor.« »Was heißt das? Dass von den Elfen in beiden Fällen nichts übrig geblieben ist?« Irene hoffte entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass diese Drachenkönigin nicht so skrupellos war wie die meisten anderen geschuppten Herrscher. Kai wich ihrem Blick aus. »Das heißt, dass in beiden Fällen kaum etwas von den betreffenden Welten übrig geblieben ist. Für Frieden und Ordnung war es sehr förderlich.« Und wo sie eine Wüste schaffen, nennen sie es Frieden. Irene nickte. Sie wollte jetzt keine Diskussion darüber anzetteln, inwieweit der Zweck die Mittel heiligt und man Eier zerschlagen muss, um ein Omelett zu machen. »Sprich weiter.« »Die Haltung ihrer Minister deckt sich größtenteils mit ihrer eigenen«, fuhr Kai fort. »Die älteren Hofbeamten drücken gern mal ein Auge zu, wenn die Jüngeren in ihren Reihen über die Stränge schlagen. Hauptsache, die Arbeit wird erledigt, und zwar gründlich. Sie toleriert beide Lager, sowohl die Friedens- als auch die Kriegsfraktion, auch wenn sie meinem Eindruck nach der Friedensfraktion nähersteht. Sie versteht sich bestens mit dem König des Nördlichen Ozeans, bei dem es sich zufällig um meinen Onkel Ao Shun handelt, und mit meinem Vater. In der Vergangenheit verkehrte sie mit beiden, um Nachkommen zu zeugen.« Er lauschte seinen eigenen Worten nach. »Zu verschiedenen Zeiten natürlich«, fügte er hinzu. »Gibt es überhaupt jemanden, mit dem sie nicht zurechtkommt?«, fragte Irene. »Nicht wirklich«, sagte Kai. Er dachte nach. »Mit meinem Onkel Ao Ji versteht sie sich nicht ganz so gut wie mit den meisten anderen. Du hast ihn nie getroffen. Er ist der König des Westlichen Ozeans, aber seine Überzeugungen sind felsenfest.« Irene konnte gut damit leben, keine weiteren Drachenkönige mehr kennenzulernen. Der eine reichte ihr. »Was ist an ihrem Hof, gibt es da irgendwelche Probleme?« Kai setzte zu einer Antwort an, brach aber wieder ab und schwieg dann eine ganze Weile. »Irene«, begann er schließlich von Neuem, »wir waren immer gut darin, die Gesprächsthemen zu meiden, die den Interessen meiner Familie schaden könnten. Das hieße von meiner Seite, dass ich diese Art Informationen jetzt für mich behalten muss. Es ist besser so, wenn man bedenkt …« Er machte eine flüchtige Geste. »Wenn man bedenkt, dass ich eine Bibliothekarin bin und du ein Drache bist. Weil wir letztendlich beide nichts tun möchten, was unserer Familie oder unserem Arbeitgeber schaden könnte. Möchtest du das damit sagen?« Kai nickte. »Ich möchte vor allem diese Linie nicht überschreiten.« Der Tonfall, in dem er das herausbrachte, deutete an, dass er händeringend nach einer Ausrede suchte, um seinen Gedanken trotzdem Luft machen zu können. Irene runzelte die Stirn. Sie ließ die Ereignisse des Abends noch einmal Revue passieren. »Es geht etwas vor sich, das die Bibliothek in ernste Schwierigkeiten stürzen könnte«, sagte sie. »Es sind auch ein oder zwei Drachen direkt betroffen.« »Wenn es wirklich dem Interesse dieser Drachen dient, könnte ich dir zumindest in groben Zügen erklären, was los ist«, entschied Kai. Er atmete auf. »Also, es gibt da etwas. Einer der dienstältesten Minister ihrer Majestät wurde vor einem Monat ermordet. Ya Yus Hof ist seitdem in Aufruhr.« »Ermordet?«, wiederholte Irene. »Nicht zurückgetreten?« »Nein, definitiv das Erste«, sagte Kai. »Es ist ein offener Skandal, eine Staatstragödie. Ich weiß nicht, wer genau für die Tat verantwortlich ist, aber es handelt sich natürlich um Elfen. Ihnen ist so etwas jederzeit zuzutrauen.« »Und wie sehen die Konsequenzen eines solchen Attentats aus? Einmal abgesehen davon, dass der Minister nicht mehr lebt.« »In Bezug auf die Spitzenpolitik?« Kai zögerte wieder. »Du verstehst sicher, dass ich nicht unbedingt derjenige bin, dem über so etwas Bericht erstattet wird. Ich bin zwar mit dem König verwandt, aber ich bin auch nur sein jüngster Sohn. Meine Mutter hat nie ein hochrangiges Amt bekleidet, und auch ich verfüge über keine vergleichbare Position. Selbst wenn ich etwas wüsste …« »Würde man von dir erwarten, dass du den Mund hältst?«, riet Irene. Kai nickte. »Ich bin dankbar für dein Verständnis. Aber ich glaube, es wäre ganz vernünftig, dir mitzuteilen, dass Ihre Majestät kurz davor steht, den freien Ministerposten … wie soll ich sagen? Sie hat es sehr eilig, ihn neu zu besetzen. Normal dauert so etwas Jahre, besonders bei einer Schlüsselposition wie dieser. Diesmal dagegen soll die Entscheidung bereits in fünf Tagen verkündet werden. Von heute an.« »Wer wird den Platz des Ministers einnehmen?« »Es gibt zwei Kandidaten. Sie werden vor eine Reihe schwerer Prüfungen gestellt. Gerüchten zufolge gibt es insgeheim eine weitere, entscheidende Aufgabe, mit der die Königin ihre Kandidaten testen wird.« »Was passiert mit dem Verlierer?«, fragte Irene. Sie bezweifelte, dass bei diesem Wettstreit jemand an einen Trostpreis gedacht hatte. Kai richtete seinen Blick an ihrer Schulter vorbei, wie er es immer tat, wenn er etwas zu sagen hatte, das er selbst normal fand, mit dem Irene wahrscheinlich aber Probleme haben würde. »Nun, ihre Familie wird entehrt sein. Der oder die Unterlegene wird Wiedergutmachung leisten müssen. Die angemessene Reaktion wäre es, einer solchen Bitte um Entschuldigung Ausdruck zu verleihen, indem man sich umbringt. Natürlich wäre auch die Flucht ins Exil möglich, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesen Weg gehen würde.« Sein Ton machte deutlich, dass er Suizid für eine weitaus geringere Schande hielt als die Verbannung eines Drachen vom Hof, von seiner Familie und seinen Artgenossen. »Auf jeden Fall wird es Konsequenzen geben.« »Verflucht.« Irene hob die Tasse und forderte Kai stumm auf, ihr Tee nachzuschenken. »Und ich hatte gehofft, ich wäre paranoid.« Sie hielt inne. »Wir müssen sofort von hier verschwinden.« Kai hätte genug Anlass gehabt, um zu zögern, um sie zu fragen, wie sie darauf kam. Doch er stellte einfach seine Tasse hin und stand auf. »Gibt es etwas, das wir unbedingt mitnehmen müssen?« »Unsere Mäntel und Geld«, sagte Irene, »mehr nicht. Und wir sollten das Haus durch die Hintertür verlassen. Für den Fall, dass wir von der Straße aus beobachtet werden. Nur ein paar Minuten, dann erkläre ich dir alles, aber erst mal müssen wir hier weg. Das Risiko ist zu groß.« Keine fünf Minuten darauf saßen sie in einem kleinen Café nicht weit die Straße hinunter. Sie hatten freien Blick auf die Vorderseite ihres Hauses. Irene widerstand dem Impuls, sich zu entspannen. Wenn ihr Instinkt getrogen hatte, war nicht mehr als ein wenig Zeit und Mühe vergeudet worden. Aber wenn sie recht hatte … »Du wolltest es mir erklären«, erinnerte Kai sie. Sie erläuterte ihm, was von dem Moment an geschehen war, als Jin Zhi sich ihr zu erkennen gegeben hatte. Seine Augen wurden schmal, als er zuhörte. »Deine Beschreibung passt zu dem, was ich über Jin Zhi weiß«, sagte er. »Sie ist tatsächlich eine der beiden Kandidaten für den Posten von Minister Zhao. Ich bin ihr noch nie begegnet. Ich ärgere mich fast, dass ich nicht dabei war.« »Das Ganze war bis ins kleinste Detail so geplant, dass du nicht dabei sein konntest«, gab ihm Irene zu verstehen. »Nur so konnte sie sichergehen, dass ich nicht die Gelegenheit haben würde, mit dir zu sprechen und herauszukriegen, wie brenzlig die Angelegenheit für die Drachen ist. Falls Jin Zhis Leute dich überwacht haben, musste sie davon ausgehen – genau wie ich –, dass du noch ein paar Tage weg sein würdest. Aber jetzt verrate mir mal, was wohl passieren wird, wenn sie herausfindet, dass du vorzeitig abgereist bist – und dass wir diese aufschlussreiche kleine Unterhaltung hier führen.« Kais Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Sie kann es sich kaum leisten, ein noch größeres Risiko einzugehen, als sie es ohnehin schon tat. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Du weißt mehr, als du solltest, daher könntest du eine Gefahr bedeuten. Was wiederum darauf hindeutet, dass mehr hinter all dem steckt, als sie zugeben will.« Irene nickte. »Gut möglich, dass ich übertreibe, aber sie kennt vermutlich unsere Adresse, und ich möchte kein Risiko eingehen.« Sie gähnte. Kai betrachtete sie mit einem warmen Ausdruck in den Augen. »Wie lange hast du letzte Nacht geschlafen?« »Nicht lange genug.« Nach dem Treffen mit Jin Zhi hatte sie das Hotel in York durch den Hinterausgang verlassen und anderswo eine Bleibe für die Nacht gefunden. Um einen Zeppelin nach London zu bekommen, musste man sehr früh aufstehen; aber diese Art zu reisen war schneller als eine Fahrt mit der Bahn, und sie hatte so wenig Zeit wie möglich vergeuden wollen. Sie konnte sich außerdem an Albträume erinnern, in denen brennende Bücher vorkamen, Bibliotheken, die in Schutt und Asche lagen. Verständlich, wenn man sich vor Augen führte, was sie in jüngerer Zeit alles erlebt hatte. Doch darüber, beschloss sie, würde sie jetzt auf keinen Fall sprechen. »Sie hätte dich nicht wie eine Bedienstete behandeln dürfen«, brummte Kai in einem Ton, der ankündigte, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. »Zerbrechen wir uns darüber nicht den Kopf«, entgegnete Irene schläfrig. »Ich werde meine kostbare Zeit nicht damit verschwenden, beleidigt zu sein. Davon abgesehen – meinst du nicht, dass wir im Moment größere Probleme haben? Viel größere Probleme?« »Du bist die ortsansässige Bibliothekarin in dieser Welt«, hielt Kai dagegen. »Und eine Bibliothekarin überall sonst. Das verschafft dir einen diplomatischen Rang, den jeder ordentliche Königshof zu würdigen wissen sollte. Sie hat sich verhalten, als stünde deine Ehre zum Verkauf. Diese Haltung ist äußerst unklug für eine Politikerin. Es gefällt mir nicht, was das über sie aussagt.« »Konzentrieren wir uns auf das, was sie gesagt hat«, empfahl Irene. »Vorausgesetzt, es war wirklich Jin Zhi und nicht irgendein anderer goldener Drache, der sich für sie ausgab, um Verwirrung zu stiften. Wenn es stimmt, was sie sagt, und ihr Rivale einen Bibliothekar für sich gewonnen hat … Wer ist ihr Rivale übrigens? Wo wir gerade dabei sind.« »Qing Song«, sagte Kai. »Ich weiß über beide nur das Grundlegendste. Und für sie wie ihn gilt, dass mit ihren Namen keine öffentlichen Skandale verbunden sind. Ich könnte mehr herausfinden … Falls du keine Bedenken hast, dass sich herumspricht, wie neugierig ich bin.« »Wenn du ›grundlegend‹ sagst, wie weit reicht das?«, fragte Irene. »Die Schlüsselbezeichnung, die ich im Zusammenhang mit Jin Zhi immer wieder hörte, ist gnädig«, hob Kai vorsichtig an. »Stets zuvorkommend, immer vernünftig. So wie die Person, mit der du beim Tee gesessen hast, solange sie freundlich zu dir war. Großzügig gegenüber ihren Bediensteten, entgegenkommend gegenüber ihren Verbündeten, höflich sogar zu ihren Gegnern. Verliert nur sehr selten einmal die Beherrschung. Spielt hervorragend Klavier«, setzte er nachträglich hinzu. »Im Grunde genommen … makellos. Eine gefällige Kandidatin, die keine wirklichen Feinde hat.« »Klingt zu schön, um wahr zu sein.« Kai zuckte die Achseln. »Auch das gibt es.« »Vielleicht ist sie auch einfach gut darin, ihre Spuren zu verwischen«, schlug Irene vor. Kai legte die Stirn in Falten. »Guter Einwand. Li Mings Cousin hat einmal gesagt, dass sie im Vergleich zu den meisten anderen Leuten ihres Ranges öffentlich sehr viel zurückhaltender ist, was ihr Vorgehen und ihre Verbindungen angeht. Schon möglich, dass es etwas gibt, das sie unter Verschluss halten möchte.« »Etwas neben der Tatsache, dass sie auf eigene Faust Bibliothekare für sich engagieren will, meinst du?« »Richtig, mit so etwas würde man eigentlich einen Bediensteten beauftragen«, stimmte Kai zu. »Das ändert aber nichts daran, dass sie kompetent ist. Alle anderen Prüfungen, die die Königin ihr auferlegt hat, hat sie bestanden. Falls sie etwas hinter vorgehaltener Hand tut, sagt das nichts über ihre Befähigung aus.« Irene nickte. »Und was ist mit Qing Song?« Sie war nur mit halber Aufmerksamkeit bei der Sache, die zweite Hälfte behielt das Haus draußen auf der anderen Straßenseite im Auge. Bisher hatte niemand versucht, sich Zutritt zu verschaffen oder etwas zu tun, das ihr verdächtig erschien. Aber ihr Instinkt, geschult durch jahrelange Erfahrung, blieb in Alarmbereitschaft. Kai und sie mussten sich im Verborgenen halten. »Die nötige Erfahrung hat er«, sagte Kai. »Er und seine Leute haben die Elfen schon dreimal daran gehindert, in Welten einzudringen, die in seinem Hoheitsgebiet liegen. Eine dieser Welten steht genau genommen unter der Herrschaft seines Cousins. Das brachte ihm Kritik ein. Der hätte sich der Gefahr selbst stellen müssen, hieß es. Zumindest aber hätte er um Hilfe bitten müssen, bevor Qing Song einschritt.« Er dachte nach. »Eine ausnehmend starke Persönlichkeit, das sagt Li Ming über ihn. Er führt mit harter Hand, sowohl was das Regieren als auch was Bestrafungen angeht, ist aber nicht ungerecht. Er ist jemand, der viel von der Welt und den Menschen um sich herum erwartet, weshalb man sich vor ihm hüten muss, sobald diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Als Herrscher verlangt er von den anderen Drachen, dass sie sein Territorium und seinen Grundbesitz achten.« Irene machte ein finsteres Gesicht. »Wollte Li Ming dich mit dieser Beschreibung warnen? Es klingt fast so.« Wenn König Ao Shun es für nötig hielt, seinen Neffen unauffällig zur Vorsicht anzuhalten, dann war Li Ming das logische Mittel, diese Botschaft zu überbringen. »In dem Moment habe ich das sicher nicht so gesehen.« Kai schwieg. Er dachte nach. »Aber warum sollte er das wollen? Wie käme er überhaupt auf die Idee, dass ich mich auch nur in die Nähe von Qing Song wagen sollte? Er weiß, dass ich dir unterstellt bin.« »Und er weiß, dass ich Bibliothekarin bin«, rief Irene ihm ins Gedächtnis. »Ich frage mich, wie viele Leute mitbekommen haben, dass Qing Song angeblich jemanden aus der Bibliothek engagiert hat.« Ihr Magen verkrampfte sich bei der düsteren Vorahnung. Wenn ein Gerücht wie dieses erst einmal in der Welt war, gewann die Situation möglicherweise eine Dynamik, die es unmöglich machte, das Ganze zu widerlegen. Die Leute schenkten Klatsch und Tratsch nur allzu bereitwillig Glauben. Es wurde höchste Zeit, aktiv zu werden. Irene musste herausfinden, ob die Sache der Wahrheit entsprach. Wenn ja, war sie gezwungen einzuschreiten, oder die Bibliothek geriet in große Gefahr. »Also schön. Fassen wir mal zusammen«, sagte sie. »Ich wurde von jemandem aufgesucht, definitiv eine Drachenfrau, daran besteht kein Zweifel. Sie behauptet, Jin Zhi zu sein. Sie behauptet außerdem, dass ihr Rivale – Qing Song, wie du sagst – die Hilfe eines Bibliothekars in Anspruch genommen hat, um ein Buch zu finden. Das Treffen wurde so eingefädelt, dass du nicht dabei sein konntest.« Kai nickte. »Das Timing ist etwas zu gut, um als bloßer Zufall durchzugehen.« Irene ließ sich die möglichen politischen Konsequenzen durch den Kopf gehen. »Das Ganze ist vielleicht lediglich ein Versuch, Qing Song zu verleumden. Genauso gut könnte es sich aber auch um eine Intrige handeln, die Jin Zhi in Verruf bringen soll, indem man jemanden schickt, der sich für sie ausgibt. Oder es gibt jemanden, der die Bibliothek in die Sache hineinziehen will. Oder es ist tatsächlich der Fall, dass ein Bibliothekar sich heimlich mit einem Drachen verbündet hat. Was zur Folge hätte, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bevor sich herumspricht, dass Bibliothekare Aufträge von jedem dahergelaufenen Drachen übernehmen und ihnen dabei helfen, die Machtpolitik in den allerhöchsten Kreisen zu beeinflussen. Was wiederum hieße, dass nicht nur andere Drachen uns nachjagen würden, sondern auch die Elfen – sei es, um uns für ihre Interessen einzusetzen oder um uns zur Strecke zu bringen. Das ist der Zustand, den ich unter gar keinen Umständen erreichen möchte.« Es auszusprechen machte die ganze Sache erst auf erschreckende Weise plausibel. Sie blickte Kai an. »Du kennst dich besser mit der Herrschaftspolitik der Drachen aus als ich. Würdest du sagen, dass eine der aufgezählten Möglichkeiten besonders wahrscheinlich ist? Oder besonders unwahrscheinlich?« »Um das zu entscheiden, weiß ich zu wenig.« Kai beugte sich vor und führte eine Geste aus, die Irene von Vale kannte; er musste sie sich bei ihm abgeschaut haben: Er legte die Fingerspitzen aneinander und formte auf diese Weise einen kleinen Kirchturm. »Grundsätzlich sind sie alle denkbar.« »Setze ich dich einem Risiko aus, indem ich dieses Gespräch mit dir führe?« Das war ein Punkt, den Irene eindeutig klargestellt haben wollte. Wenn sie Kai in die Sache hineinzog, konnte dies die Situation noch sehr viel schlimmer machen. »Nein, für den Moment ist es in Ordnung, denke ich«, sagte er. »Ich habe keine direkten Verbindungen zu diesem Hof. Ich verrate dir nichts, was ein vernünftiger Geist nicht sowieso schon als Allgemeinwissen verbuchen würde. Und mein Vater hat auch nicht auf ein Pferd gesetzt, das an der Sache beteiligt wäre.« Irene nickte. »Damit wären wir also wieder bei der Frage, ob diese Kollaboration wirklich stattgefunden hat und ob Qing Song tatsächlich Unterstützung von jemandem aus der Bibliothek erhält.« »Was, wenn es eine Freundschaft ist?«, sagte Kai. »Wie zwischen uns.« »Falls dem so wäre, hätte der betreffende Bibliothekar es nie so weit kommen lassen dürfen«, bestimmte Irene. »Er hätte sich außerdem nie erwischen lassen dürfen. Du und ich, Kai, wir haben es nur deshalb geschafft, weil im Grunde du es bist, der mir hilft. Und weil ich mich aus Drachenpolitik heraushalte. Falls Qing Song mit diesem Bibliothekar – nennen wir ihn X – unter einer Decke steckt und das herauskommt … Ich kann nur sagen, dann wird es schwierig werden. Und falls X dieses Buch an Qing Song weitergibt, damit der Minister Zhaos Nachfolger werden kann, dann beginnt eine Zeit, in der Bibliothekare als Erfüllungsgehilfen gelten werden. Als Schergen. Und vor allem werden sie als Verbündete der Drachen gelten und damit automatisch als Feinde der Elfen. Ganz zu schweigen davon, dass wir auch unter den Drachen selbst Groll heraufbeschwören würden, indem wir dieser oder jener Familie unsere Hilfe anbieten. Die Bibliothek kann nur in der Mitte existieren. Wir stehen auf niemandes Seite. Falls es X gibt und er getan hat, was Jin Zhi von ihm behauptet, dann hat er die ortsansässigen Bibliothekare sämtlicher Welten gerade in große Gefahr gestürzt.« Und wenn ich nicht aufpasse, könnte mir passieren, dass ich dasselbe anrichte. Wie lange würden Kai und sie noch so weitermachen können, bevor irgendwer ihnen – fälschlicherweise – dasselbe anlastete? Kai fasste über den Tisch und nahm ihre Hand. »Du machst dir zu viele Sorgen darüber, was passieren könnte.« Sie hob den Blick und fand Verständnis in seinen Augen. Allmählich durchschaute er sie etwas zu leicht. »Mir Sorgen zu machen gehört zu meinem Job«, entgegnete sie und versuchte, es wie einen geistreichen Witz klingen zu lassen. Sie wollte ihn ebenso beruhigen wie sich selbst. »Schließlich soll ich eigentlich dein Mentor sein. Keine Führungsposition ohne ihre Schattenseiten. Aber das hier ist ernst. Wenn es stimmt, dann bedeutet es viel mehr als nur den kleinen Gefallen eines Bibliothekars für einen Drachen.« Er drückte sanft ihre Hand. »Reden wir keinen Kummer herbei, solange er noch nicht eingetreten ist. Was sollten wir deiner Meinung nach als Nächstes tun?« Irene sammelte sich. In ihrem Schoß lag, metaphorisch gesprochen, eine Handgranate, die jederzeit hochgehen konnte, und sie musste sich klar darüber werden, was sie am besten mit ihr tun sollte. »Gibt es ein Zeitlimit?«, fragte sie. »Du hast gesagt, dass der Nachfolger für den Ministerposten in fünf Tagen verkündet wird. Bedeutet das, ihnen bleiben fünf Tage, das Buch zu finden? Oder weniger als das?« Kai schürzte nachdenklich die Lippen. »Du kannst eher mit drei Tagen rechnen. Höchstens vier.« »Und was ist, wenn keiner der beiden Kandidaten das Buch beschaffen kann?« Kai zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Die Königin wird jedenfalls nicht gerade erfreut sein, auch wenn sie das Amt am Ende an jemanden übergibt, der oder die in ihren Augen weniger inkompetent ist. Beide Kandidaten werden in dem Ruf stehen, ihre Familien entehrt zu haben. Es kann Jahrzehnte dauern, bis so ein Amt wieder vakant wird. Die Kandidaten haben nicht nur ihren eigenen Ruf aufs Spiel gesetzt, um für diese Position anzutreten, sondern auch den ihrer Familien. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass sie alles tun werden, um am Ende nicht als Verlierer dazustehen.« Sein Blick verfinsterte sich bei dem Gedanken daran, was dieses Alles beinhalten mochte. Irene wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als eine der Kutschen, die draußen an dem Lokal vorbeiratterten, direkt vor ihrem Wohnhaus zum Halten kam. »Verflucht«, hauchte sie. »Ich hatte gehofft, dass ich mich irre.« Kai folgte ihrem Blick. »Es könnte sonst jemand sein.« »Könnte«, sagte Irene. Sie sahen zu, wie der Kutscher vom Kutschbock stieg und die Wagentür aufhielt, damit die Insassen aussteigen konnten. Jin Zhi war mühelos wiederzuerkennen, selbst durch das Fenster des Cafés von der anderen Straßenseite. Aber die beiden Männer, die sie begleiteten – groß und kräftig –, hatte Irene bislang noch nicht gesehen. »Ist es aber nicht.« »Wir könnten sie zur Rede stellen«, schlug Kai vor. »Vermutlich würden sie uns das übel nehmen. Außerdem sind wir von so viel zerbrechlichen Dingen umgeben.« Zum Beispiel ganz London, fürs Erste. Irene hatte noch nie einen Kampf zwischen Drachen gesehen, und sie war auch jetzt nicht darauf aus. »Ich brauche erst einmal mehr Informationen. Wir müssen in die Bibliothek.« »Wollen wir durch die Hintertür verschwinden, solange sie uns noch nicht entdeckt hat?« Irene nickte. »Ich habe ein Faible für Hintertüren«, sagte sie. VIERTES KAPITEL Irene gab den Weg zu einer kleinen, ortsansässigen Bibliothek vor, und Kai folgte ihr gedankenversunken. »Vielleicht sollte ich lieber ein paar Bekannte abklappern, solange du in der Bibliothek nach dem Rechten siehst«, rückte er schließlich mit der Sprache heraus. »Wir könnten Zeit sparen und uns danach wieder treffen, um unsere Erkenntnisse auszutauschen.« »Vielleicht dauert es aber auch zu lange, bis wir wieder Kontakt aufnehmen können«, sagte Irene. »Ich habe darüber nachgedacht. Was ist, wenn du beispielsweise mehrere Tage aufgehalten wirst und ich keine Möglichkeit habe, dich zu erreichen? Oder wenn ich in der Bibliothek bleiben muss? Du kommst ohne mich gar nicht hinein.« »Wahrscheinlich hast du recht«, gab Kai zu. »Wenn ich nur wüsste, woran es liegt.« »Was liegt?« Sie zeigte dem Mann am Empfangstresen ihren Bibliotheksausweis, und er winkte sie durch. Der Lesesaal war vergleichsweise winzig und verfügte über eine kleine Auswahl an Büchern nebst Durchgängen in benachbarte Büros und Abstellräume. Er war erst kürzlich gebaut worden, man sah es an den rollbaren Metallregalen und den billigen, schmiedeeisernen Stahlträgern. Die älteren Bibliotheken Londons sahen im Vergleich ganz anders aus; sie waren aus Holz und Stein erbaut. »Woran es liegt, dass ich alternative Welten betreten kann, die nicht allzu weit im chaotischen Spektrum liegen, aber nicht in die Bibliothek hineinkomme.« Kai blickte sich in dem kleinen Saal um. »Okay, wir sind allein«, fügte er in demselben gedämpften Ton hinzu. Irene führte sich unweigerlich vor Augen, dass es sehr viel schwieriger wäre, die Unabhängigkeit der Bibliothek zu wahren, wenn einige der mächtigeren und unfreundlicheren Drachen die Bibliothek einfach betreten könnten. »Was ich mich frage«, sagte sie, »ist, ob Jin Zhi mich in Zukunft wirklich finden kann, egal, in welcher Welt ich mich aufhalte. Sie hat so etwas angedeutet, aber vielleicht hat sie nur geblufft.« »Das ist eher unwahrscheinlich«, sagte Kai. »Dazu sind wir nach einem einzigen Treffen normalerweise noch nicht in der Lage. Als du auf der anderen Straßenseite gesessen und mit mir Kaffee getrunken hast, konnte sie dich auch nicht wahrnehmen.« Irene nickte. »Sie wird also nicht plötzlich auftauchen, wenn ich gerade das Buch gefunden habe, und es mir wegnehmen?« »Wenn sie es täte, würde sie es ziemlich schnell bereuen«, sagte Kai. »Einmischungen in Angelegenheiten eines anderen Drachen können schwerwiegende Folgen haben, wenn es um …« Er stockte und warf Irene einen schiefen Blick zu. Seine Miene ließ erkennen, dass er Worte wie Besitzansprüche, Eigentumsangelegenheiten und Untergebene abwog und wieder verwarf. »Wenn es um persönliche Interessen geht. So etwas kann die Herausforderung zu einem Duell rechtfertigen.« Vor einer Seitentür in den Keller blieb Irene stehen. Auf die Anwendung der Sprache konzentriert, fasste sie nach dem Türgriff: »Öffne dich zur Bibliothek.« Auf der anderen Seite befand sich gleich darauf ein weitläufiger, hell erleuchteter Raum. Der Boden und die Wände waren aus Stahl, die Regale barsten schier vor Büchern in allen möglichen Größen und Formen. Sie winkte Kai hindurch und schloss die Tür hinter ihnen, wobei sie deutlich fühlte, dass das Portal ebenfalls zuging. Wer auch immer versuchen würde, ihnen zu folgen, würde hinter der Tür lediglich die Treppe finden, die in den Keller des Neubaus führte. Die Bibliothek ließ sich auf diese Weise nur von Bibliothekaren betreten – eine sehr nützliche Vorsichtsmaßnahme. »Irische Sagen«, las Kai auf einem kleinen Schild, das an einem der Regale befestigt war. »Weltsignatur A-529, Transkript, ursprünglich Ogham-Schrift.« Er betrachtete die handgebundenen Bände in dem Regal. Dann blickte er auf die Stapel ausgedruckten Papiers und handgeschriebener Pergamentrollen auf dem Boden hinab. »Der, der das abgeschrieben hat, muss aber ziemlich viel Geduld gehabt haben.« Irene zuckte die Achseln. »Immer noch leichter, als haufenweise gekerbte Felsblöcke und Zweige in die Bibliothek zu tragen. Für einen Auftrag benötigt man immer nur die Abschrift des gesuchten Textes, nicht das Original. Dafür bin ich jedes Mal echt dankbar. Jetzt also der nächste Schritt. Wir müssen einen Computer finden. Am besten zwei, damit wir parallel recherchieren können.« Sie ging in den angrenzenden Flur. Die an der Decke hängenden Glühbirnen waren von Lampenschirmen aus Papier umhüllt. Sie erzeugten ein warmes, weiches Licht, das die Kristalle der mit Granit getäfelten Wände und Decken zum Funkeln brachte. Fenster gab es keine, nur eine lange Reihe von Türen, die in regelmäßigen Abständen zu beiden Seiten abgingen. In den Winkeln lag Staub, die Luft schien still und unbewegt. Sie verbrachten eine ganze Weile damit, in diverse Räume hineinzuschauen, in denen aber nirgends ein Computer zu finden war. Hinter jeder Tür lagerten Stapel der faszinierendsten Bücher. Irene musste sich zusammennehmen, um nicht in einen hineinzuschlüpfen und sich festzulesen. Es waren diese Momente, in denen sie sich wünschte, mehr Freizeit in der Bibliothek verbringen zu können – oder überhaupt ein paar freie Stunden zur Verfügung zu haben. Seit ihrem Antritt als ortsansässige Bibliothekarin in Vales Welt war sie ununterbrochen auf Trab gewesen. Neben der Suche nach verschiedenen Büchern dort waren zusätzliche Aufgaben hinzugekommen: Sie hatte Tarnidentitäten aufgebaut, Bibliothekare aus anderen Welten gesucht, Geheimbünde analysiert und die Anforderungen an Verhalten und Umgangsformen überprüft. In keinem dieser Fälle hatte sie Vale um Hilfe gebeten. Sie wollte ihn nicht hineinziehen, auch wenn die Kontakte, die ein Meisterdetektiv zur Unterwelt pflegte, sicher von unschätzbarem Wert gewesen wären. Sie hätte ihm allerdings nur schwer erklären können, dass sie und ihre Kollegen in diese Welt entsandt worden waren, um auf dubiosen Wegen Bücher zu ›beschaffen‹. Er war und blieb ein Verfechter von Recht und Gesetz. Sie konnte nur hoffen, dass diese beiden Seiten ihres Lebens in naher Zukunft nicht in Konflikt gerieten. »Ich hab einen gefunden«, rief Kai. »Nein, sogar mehrere!« »Ich komme«, sagte Irene und ging hinüber. Der betreffende Raum hielt einen ganzen Ring von Computern bereit, die kreisförmig um einen Tisch angeordnet waren: der Recherche-Knoten in diesem Bereich der Bibliothek. Auf dem Tisch in der Mitte setzte ein Stapel Aufzeichnungen Staub an. Irene besorgte ein paar blanke Seiten Papier und einen Stift und reichte beides an Kai weiter. »Wir werden folgendermaßen vorgehen. Jin Zhi hat mir gegenüber die Welt, in der sich das Buch befindet, nicht in der für Bibliothekare geläufigen Art und Weise benennen können, und ich hätte bestimmt nicht zugelassen, dass sie mich einfach mit sich nimmt. Also hat sie mir so viele Informationen wie nötig über die Welt und insbesondere über das Exemplar der Reise nach Westen gegeben. Ich schicke Coppelia zuerst eine kurze E-Mail, um sie zu warnen und von der Sache in Kenntnis zu setzen. Du bist dafür zuständig, mehr über das Buch herauszufinden, während ich mich auf die Recherchen über die Welt konzentriere. Am Ende tragen wir unsere Ergebnisse zusammen. Die Welt, nach der wir suchen, muss zu Jin Zhis Beschreibung passen, und außerdem muss dort die gesuchte Ausgabe des Buches zu finden sein. Richtig?« »Richtig.« Kai ließ sich in einen der Stühle fallen. »Also dann, Die Reise nach Westen. Laut Jin Zhi enthält die Ausgabe, die wir suchen, ein höheres Maß an politischer Satire, als in anderen Ausgaben üblicherweise zu finden ist. Außerdem wurde die Handlung um den Drachen herum ausgebaut. Fast alle Exemplare wurden seinerzeit wegen der Satire-Elemente von der chinesischen Regierung beschlagnahmt. Sonst noch etwas?« »Ich wünschte, es gäbe weitere Einzelheiten«, seufzte Irene. Sie rutschte in eine bequemere Sitzposition. »Dann mal los. Viel Glück!« Coppelia antwortete umgehend auf die E-Mail, die Irene ihr geschickt hatte. Das allein war bereits ein besorgniserregendes Zeichen. Du kannst dich einfach nicht aus Ärger heraushalten, oder, Irene? Was für eine haltlose Behauptung!, dachte Irene Ich stecke selbst mitten in einer ernsten Angelegenheit. Ein Projekt, das meine ganze Aufmerksamkeit erfordert, fürchte ich. Du bist nicht der einzige Fisch im Meer. Allerdings hast du recht – dieser Fall könnte wirklich böse ausgehen. Ich möchte, dass du ihn direkt an den Sicherheitsdienst der Bibliothek weiterleitest – ich würde auch nichts anderes tun. Ich richte eine Verbindungsstelle ein, die von deiner jetzigen Position zum Hauptlift führt. Sei in einer Stunde dort. Zugangswort lautet ›unzuverlässig‹. Nimm den Lift nach unten. Du wirst mit Melusine reden müssen. Ich informiere sie, dass du unterwegs bist. »Hey, ich war noch nie unten bei der Bibliothekssicherheit«, rief Kai. Er klang ein wenig zu begeistert für Irenes Geschmack. »Ich auch nicht«, gab sie zu. »Warum nicht?« »Weil ich noch nie etwas getan habe, das einen solchen Besuch rechtfertigen würde, deshalb. Wenn man vernünftig ist, hält man sich sowieso lieber vom Sicherheitsdienst fern, Kai.« Hoffentlich ist es nur falscher Alarm, aber wenn nicht, sei vorsichtig. Coppelia. Irene seufzte. »Gut. Wir haben eine Stunde Zeit. An die Arbeit.« Kai und sie stürzten sich in ihre Recherchen. Die Dateien der Bibliothek über die verschiedenen Welten waren mehr oder weniger ausführlich. Sie enthielten aber alle zumindest einen grundlegenden Abriss über die Geschichte und die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Damit ließ sich die Hälfte der Welten von vornherein ausschließen. Jin Zhi hatte eindeutig angegeben, dass die Welt, in der das Buch existierte, keine Magie kannte – jedenfalls keine, die funktionierte. (Leute, die behaupteten, zaubern zu können, würde es immer geben, ganz unabhängig davon, ob das ging oder nicht.) Jin Zhis Notizen besagten, dass die Vereinigten Staaten in der Zielwelt zur dominanten Weltmacht aufgestiegen waren, was vor allem an einem breiten Zuspruch zum amerikanischen Exzeptionalismus und der Doktrin des Manifest Destiny im frühen 19. Jahrhundert gelegen hatte. Die USA hatten sich von Großbritannien losgesagt, allerdings ohne dass es zu Bürgerkriegen gekommen war. China war von verschiedenen Mächten überrannt worden und hatte sich zu einem Flickenteppich konkurrierender Staaten gewandelt, die miteinander Krieg führten. Europa erschien ebenfalls recht heterogen, war jedoch irgendwann zu einem unruhigen Gebilde verschmolzen, das weitgehend unter der Kontrolle einer Republik mit Sitz in Frankreich stand. (Wobei Frankreich bislang gute Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhalten hatte, die in letzter Zeit aber mehr und mehr in Richtung Mal-sehen-wer-zuerst-einmarschiert abdrifteten.) Afrika und Australien kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten und fuhren offenbar sehr gut mit dieser Strategie, während die Antarktis höchstwahrscheinlich nur von Pinguinen bevölkert wurde. Es gab Massenmedien, die sich allerdings auf Telefon und Radio beschränkten. Die Verbrechensraten in Amerika, Europa und Großbritannien waren anscheinend hoch genug, dass Jin Zhi sie in ihrem Bericht als Hintergrundmerkmal erwähnt hatte. Elektrizität gab es, Atomenergie nicht. Empfängnisverhütung ja. Waffen auch. Jede Menge Waffen. Irene rieb sich die Stirn, während sie mögliche Alternativwelten notierte, die zu der Beschreibung passten. Sie hasste Waffen. Waffen waren unzuverlässig. Ein verirrte Kugel, ein Querschläger, und schon konnte es praktisch jeden treffen. Nach sorgfältiger Durchsicht aller Informationen blieben ihnen fünfzehn Minuten übrig. Die Datenbank der Bibliothek hatte vier in Frage kommende Alternativwelten für die Endauswahl ermittelt. Irene hob den Blick von ihrem Computerbildschirm und sah zu Kai. »Wie sieht’s aus?« »Bin noch dabei«, murmelte er. Kai wandte sich wieder seinem Teil der Recherche zu, und Irene rief das Enzyklopädie-Programm auf ihrem eigenen Rechner auf. Diese Funktion der Bibliotheksdatenbank bezog sich nicht auf unterschiedliche Welten oder unterschiedliche Bücher, sondern rein auf Elfen und Drachen. Es handelte sich um eine Art Leitfaden, der sich aus den Aufzeichnungen der jeweils vor Ort ansässigen Bibliothekare im Außendienst zusammensetzte. Gespickt mit subjektiver Voreingenommenheit und persönlichen Meinungen, waren diese Informationsbrocken höchstwahrscheinlich kaum zuverlässig. Auf der anderen Seite war das immer noch besser als nichts. Sie wollte irgendetwas tun. Ihre Zeit war begrenzt, das Risiko hoch, und es ließ sich nicht im Mindesten absehen, was Jin Zhi unternehmen würde, wenn sie herausfand, dass Irene sich aus dem Staub gemacht hatte. Sie versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, wie nachtragend Jin Zhi womöglich war – und was sie mit Leuten tat, denen sie etwas nachtrug. Gut möglich, dass Irene ihre Identität als Irene Winters, freiberufliche Übersetzerin, Freundin von Vale dauerhaft in Rente schicken musste. Ein Jammer. Sie mochte Irene Winters. Allmählich schob sich das bevorstehende Meeting mit dem Sicherheitsdienst in ihr Bewusstsein und blendete alles andere aus. Die Security der Bibliothek stand in dem Ruf, verbrannte Erde zu hinterlassen. Sie wurde hinzugezogen, wenn ein Bibliothekar oder eine Bibliothekarin etwas getan hatten, dass schlimm genug war, um schwere Konsequenzen zu rechtfertigen. Auch wenn Irene im Augenblick ein recht sauberes Gewissen hatte, missfiel ihr der Gedanke, bereitwillig in Melusines Fänge zu laufen. Fünf Minuten später klackerte sie mit ihrem Stift auf dem Papier und murmelte vor sich hin. In der Datenbank gab es nicht das Geringste über Jin Zhi oder Qing Song – zumindest nicht unter diesen beiden Namen. Es gab ein kurzes Persönlichkeitsprofil der Königin der Südlichen Ebenen sowie eine zwanzig Jahre alte Auflistung ihres Kabinetts und der verschiedenen Welten, die unter ihrem Einfluss standen. Irene schickte die Datei an den Drucker und brütete mit gerunzelter Stirn. Kai hatte vorhin etwas gesagt, das ihr nicht aus dem Kopf ging … Sie werden von ihren Familien unterstützt. Ja genau, das war es. »Kai, kannst du mir etwas über die Familien unserer Kandidaten berichten?« »Jin Zhi entstammt der Familie des Schwarzen Gebirges. Qing Song ist ein Sohn des Winterlichen Waldes …«, sagte Kai. Irene hob den Finger, um ihn zu unterbrechen. »Ich wollte dich vorhin schon danach fragen. Diese ganzen Anspielungen auf Ozeane, Ebenen, Gebirge, Wälder – was soll das? Ist das ein Übersetzungsproblem? Bedeutet es für Drachen etwas anderes?« »Jaaa …«, sagte Kai und zog das Wort in die Länge. »Aber als Übersetzungsproblem würde ich es nicht unbedingt bezeichnen. Ich habe dich bereits von einer Welt in eine andere getragen, also weißt du, dass Drachen die Art, wie die Welten zueinander platziert sind, nicht auf die gleiche Weise wahrnehmen wie Menschen.« Irene nickte. Sie erinnerte sich an das blaue All, durchzogen von zahllosen Strömen in einem dunkleren, intensiveren Farbton: wie ein Meer, das zum Himmel gedreht worden war, oder ein Himmel, der so tief war wie ein Meer. »Ja, das stimmt. Ich habe Farben und Leere gesehen, sonst nichts. Aber du hast etwas anderes gesehen … wahrgenommen?« »Richtig. Es gibt einfach keine menschlichen Begriffe, um das angemessen zu beschreiben.« Kai breitete hilflos die Hände aus. »Es ist etwas, das wir allein durch Erfahrung lernen. Und manche Gebiete zwischen und in den Welten bezeichnen wir als Ozeane, Ebenen, Gebirge oder Wälder, weil dies die Begriffe sind, die wir mit unserer Wahrnehmung der Gegenden verbinden. Deshalb tragen manche Familien und manche Königreiche eben diese Namen, die auf eine bestimmte Weltgegend oder eine bestimmte Gruppe von Welten hindeuten. Bezeichnungen, die sich auf die Erde beziehen, weisen im Allgemeinen eher Orte mit hoher Ordnung aus, während Wasserassoziationen mit Gegenden in Verbindung stehen, die weniger streng geordnet sind. Darüber hinaus kann ich dir kaum eine bessere Übersetzung anbieten.« »Na toll«, sagte Irene. »So viel zu meiner Hoffnung, eine neue Fremdsprache zu erlernen und gleichzeitig meine Wahrnehmung zu erweitern.« Das entlockte Kai ein sanftes Lächeln. »Ich bedaure, dass ich derjenige bin, der es dir mitteilen muss, aber nicht einmal Sprachen reichen aus, um das Unmögliche zu schaffen.« »Psst«, machte Irene und legte sich den gestreckten Zeigefinger an die Lippen. »So etwas zu sagen gilt innerhalb dieser Wände als Häresie. Wie dem auch sei, Schwarzes Gebirge, Winterlicher Wald, richtig?« »Genau. Und nein, die beiden Familien kommen überhaupt nicht gut miteinander aus. Man kann sie zwar nicht als Feinde bezeichnen, aber wann immer eine politische Angelegenheit entschieden werden muss, stehen sie auf entgegengesetzten Seiten. Irene unternahm ein paar weitere Suchanläufe, bei denen sie die Informationen, die sie gerade erfahren hatte, berücksichtigte. Manchmal fragte sie sich, ob sie Kai nicht irgendwann einmal zur Seite nehmen und alle Informationen, die er über Drachen besaß, aus ihm herausquetschen sollte, um sie in die Datenbank einzuspeisen. Nur würde Kai das in eine unmögliche Zwickmühle bringen. »Ich habe etwas über die Familie des Winterlichen Waldes«, rief sie, als der Eintrag auf dem Bildschirm erschien. Kai sprang auf und lief zu ihr, noch ehe sie weiter nachdenken konnte, was das Protokoll der Bibliothek möglicherweise darüber zu sagen hatte, dass er die Anmerkungen eines Bibliothekars über andere Drachen las. »Was steht drin?«, fragte er. »Wie du siehst«, sagte sie trocken, »ist der Autor voll des Lobes.« Ehrenhaft, verlässlich, beständig, lautete der Eintrag. Verhandlungen zugänglich. Hat als Gegenleistung für Informationen über die Elfen stets ein offenes Ohr, was den Besitz bestimmter Bücher angeht. »Qing Song ist normalerweise nicht gerade dafür bekannt, dass er gut mit sich handeln ließe«, gab Kai zu bedenken. »Vielleicht bestand der Kontakt zu einem anderen Mitglied der Familie«, sagte Irene. Sie prüfte den Namen des Autors. »Der Eintrag wurde von jemandem namens Julian verfasst. »Niemand, den ich bislang getroffen habe …« Sie folgte dem Link zu seinem Namen. »Unglücklicherweise wird ihn auch kein Mensch mehr fragen können. Er ist vor ein paar Wochen an einem Herzinfarkt gestorben.« »Interessantes Timing«, sagte Kai. »Das war doch etwa die Zeit, als die Suche nach dem Buch begann.« Er sprach es betont neutral aus, als wollte nicht er derjenige sein, der mögliche paranoide Schlussfolgerungen als Erster zog. »Ich nehme das als Hintergrundinfo mit auf«, entschied Irene und machte eine Notiz. Sollte der Sicherheitsdienst sich die paranoiden Gedanken machen. Schließlich war das sein Job. »Wie laufen die Nachforschungen zu dem Buch?« »Ich habe drei mögliche Welten gefunden, die dafür in Frage kommen«, verkündete Kai. »A-15, A-395, A-658.« »Und ich habe vier Kandidaten für passende Welten.« Irene sah auf ihre Liste. »Bingo, eine von meinen ist ebenfalls A-658. Wir haben einen Treffer!« Einen Moment ließ sie die blanke Freude über den Erfolg ihrer Recherchen vergessen, weshalb sie recherchiert hatten. Dann holte sie die Bedeutung dessen, was sie herausgefunden hatten, wieder ein. »Jin Zhis Behauptung könnte durchaus stimmen.« Sie sah auf die Uhr. »Und es wird höchste Zeit für unseren Transfer. Komm.« Irene und Kai befreiten sich aus dem Transferschrank und traten hinaus in den Bereich, der ungefähr das Zentrum der Bibliothek darstellte. Ein Netzwerk aus Räumen erstreckte sich über mehrere Kilometer, das den Ruf hatte, sich zu bestimmten Zeiten auszudehnen – vorausgesetzt, es schaute gerade niemand hin. Hier befanden sich wichtige Abteilungen: Klassenzimmer, in denen die Lehrlinge unterrichtet wurden, Büros für die älteren Bibliothekare, die nicht mehr in der Lage waren, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen, sowie die zentrale Sortierstelle für eingehende Neuerwerbungen aus den jeweiligen Herkunftswelten. Es herrschte vergleichsweise viel Betrieb. Irene und Kai nickten wiederholt anderen Bibliothekarsangestellten und Lehrlingen zu, an denen sie vorbeiliefen. »Da drüben«, sagte Irene und deutete mit einem Nicken auf die diversen Türen des Hauptlifts. Deren Größe reichte von riesigen stählernen Frachtfahrstühlen, in die ein Lastwagen voller Bücher hineingepasst hätte, bis zu schmalen Ein-Mann-Kabinen mit Faltgittertüren aus Messing. »Nimm irgendeinen. Egal. Soviel ich weiß, bringen sie einen alle nach unten zur Security, wenn es nötig ist.« »Woher weißt du das, wenn du noch nie dort warst?«, fragte Kai. Er betrat einen Fahrstuhl von mittlerer Größe, der ausreichend Platz für ein halbes Dutzend weiterer Personen bot. »Es wurde mir so gesagt«, erklärte Irene. Sie sah auf die Tafel mit Tasten, die in der Kabine angebracht war. Darauf war eine unüberschaubare Vielfalt an Beschriftungen angebracht: alles Stockwerksbezeichnungen und Ziffern – aber auf keiner stand Security oder Sicherheitsdienst. Ratlos drückte sie die unterste Taste, die mit Keller beschriftet war. Die Tür glitt zu und schloss sie in der Kabine ein. Die Lichtleiste an der Decke begann zu flackern. Aus dem Augenwinkel erkannte Irene, wie Kais Körperhaltung sich versteifte und er von einem Fuß auf den anderen trat. Mit einem schmerzhaften Stich traf sie der Gedanke, dass es noch gar nicht lange her war, dass er in einer Gefängniszelle gesessen und darauf gewartet hatte, an den höchstbietenden Käufer versteigert zu werden. »Ich hoffe, unser Ziel liegt nicht allzu weit unten …«, meinte sie. »Standort Kellergeschoss«, intonierte die automatische Stimme aus den Deckenlautsprechern. Sie sprach mit der ganzen Wärme und Liebenswürdigkeit einer Bahnhofsansage. Irene unterdrückte ihre körperliche Anspannung. »Äh … Security?«, versuchte sie es. Zuerst erlosch das Licht. Dann fiel der Fahrstuhl in die Tiefe. FÜNFTES KAPITEL Irenes Magen hob sich im selben Moment, als die Fahrstuhlkabine ihren Absturz in die vollkommene Finsternis begann. Die Dunkelheit wurde nicht einmal von dem Schimmer einer Metallverkleidung oder der Lichtleiste über ihnen durchbrochen. Ein Knacken in Irenes Ohr kündigte den Druckausgleich an. In ihrem Schreck fasste sie nach irgendetwas und ergriff intuitiv Kai. Er zog sie an sich, sein Körper war das Einzige, das sie in der pechschwarzen Finsternis fühlte. Auch er zitterte, nein, er schauderte bis in die Knochen! Es war Panik, die sich jeden Moment in ihm Bahn brechen konnte. Was ist passiert?, schrillte es in ihrem Kopf. Habe ich das Falsche gesagt? Ist es eine Art Sicherheitsvorkehrung? Was passiert beim Aufprall? Von einem Moment auf den anderen war es vorüber. Der Fahrstuhl kam so sanft zum Stehen, als hätte er sich in der ganzen Zeit nur Zentimeter nach unten bewegt. Das Licht ging wieder an. Irenes Urteilsvermögen kehrte scheibchenweise zurück. Zaghaft löste sie ihre Finger von Kais Schulter. Schwieriger war es, ihm nicht in die Augen zu sehen. Sie begriff, dass sie rot geworden war. All die langgehegten Vorsätze, als eine Art Elternersatz für ihn aufzutreten, waren offenbar leichter zu erschüttern, als ihr lieb war. Es brauchte nur eine gewisse Dosis Panik, und schon hing sie an ihm wie die übelste Nachahmung einer rettungsbedürftigen Prinzessin aus einem romantischen Märchen. Sie wünschte sich wirklich, mehr tun zu können, als sich nur am nächstbesten männlichen Helden festzuklammern. Er hat sich auch an dir festgehalten, erinnerte sie der Teil ihres Verstandes, der gerade nicht damit beschäftigt war, sie zu schelten. Du warst nicht die Einzige, die in Panik geraten ist. Kai schien leicht zu schmunzeln, als er sie anblickte. »Erst machen sie uns zu einem Team«, sagte er, »und dann stecken sie uns in einen stockdunklen Kasten und verriegeln die Tür …« Und schon fand Irene es überhaupt nicht mehr schwer, ihre Gefühle beiseite zu wischen – sie kochte schlagartig vor Verlegenheit. Am liebsten hätte sie Kai in den nächstbesten Abgrund hineingestoßen. Aber vermutlich hätte er sich sowieso in einen Drachen verwandelt und wäre weggeflogen. »Tut mir leid« murmelte sie. »Das hätte nicht passieren dürfen.« Kai ließ sie los, und sie trat einen Schritt zurück. »Irene.« Er wählte seine Worte mit Bedacht. »Nur weil du meine Vorgesetzte in der Bibliothek bist, heißt das nicht, dass du perfekt sein musst. Du hast mich in meinen schwächsten Momenten erlebt. Ich werde jetzt kein weiteres Wort sagen, aber …« Aber du sagst es trotzdem, genau in dieser Sekunde. Sie ahnte bereits, wohin das alles führte. In seinen Andeutungen darüber, dass sie die Beziehung jenseits des Geschäftlichen auch auf das Schlafzimmer ausdehnen könnten, blieb er stets der perfekte Gentleman, aber Andeutungen waren es, nichtsdestotrotz. »Nun ja, ich bin ein erwachsener Mann und kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Und wenn du etwas anderes glaubtest, könntest du wohl kaum zulassen, dass ich während unserer Dienstzeit mein Leben riskiere, nicht? Alles, um was ich bitte, ist, dass du das im Hinterkopf behältst, wenn ich das nächste Mal vorschlage, wir könnten das Bett miteinander teilen.« Irene stieg erneut die Wärme in die Wangen. »Hinweis vermerkt«, sagte sie so rundheraus wie möglich. Glaubte Kai etwa, dass es leicht für sie war, dauernd Nein zu sagen? Sie waren Freunde. Da gab es tausend Gelegenheiten, mehr zuzulassen und Ja zu sagen. Verstand er nicht, dass sie ihn deshalb abwies, weil es für ihn das Beste war? Sie trug die Verantwortung für ihn. Er hatte immer nur wenig über die Kultur der Drachen durchsickern lassen, aber es reichte, um zu verstehen, dass eine Lehnsfrau oder ein Lehnsherr unbegrenzte Rechte über ihre oder seine Untergebenen genoss. Irene würde ihn niemals auf diese Weise ausnutzen. Sie drehte sich weg und drückte den Knopf zum Öffnen so fest, dass ihr der Finger wehtat. Sie schlüpfte hinaus. Der Fahrstuhl entließ sie in ein geräumiges Foyer, das vom Boden bis zur Decke mit makellosen weißen Kacheln gefliest war. Am Ende wartete eine schwere, stählerne Tür. Im Wartebereich vor den Fahrstuhltüren standen zwei gelb gepolsterte Sessel. Hinweise darauf, wie tief unter der Erde dies alles lag, gab es nicht. Irene sah sich um, bis ein surrendes Geräusch sie veranlasste hochzublicken. Eine Kamera. Sie richtete ihr Objektiv auf Kai und sie. »Hallo«, sagte Irene und hob die Hand. »Ich bin Irene und das ist Kai, mein Lehrling. Ich möchte mit dem Sicherheitsdienst der Bibliothek sprechen.« Eine Kachel auf Hüfthöhe neben der Stahltür glitt zur Seite und offenbarte eine quadratische Metallfläche. »Legen Sie Ihre rechte Hand auf den Scanner«, forderte eine anonyme Stimme aus Richtung der Kamera. Widerwillig durchquerte Irene den Flur und legte ihre Hand auf das Metallfeld. Sie hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht, wenn es darum ging, Dinge anzufassen. Sie hatte es mehr als einmal bereuen müssen, und die resultierenden Narben würden sie ein Leben lang daran erinnern. Andererseits war sie in der Bibliothek. Eigentlich sollte sie hier doch sicher sein … Eine sengend heiße Welle wischte über das Feld und stach in ihre Handfläche wie eine Nessel. Irene schnappte nach Luft und zog die Hand zurück. Kai blickte auf seine Hände und seufzte. »Jetzt ich?« »Identität bestätigt«, intonierte die Stimme aber nur, und die Stahltür öffnete sich. Dahinter lag ein kleiner Raum, der nur etwa so groß war wie eine Luftschleuse. An seinem Ende befand sich eine weitere Stahltür. »Bibliothekarin, treten Sie in den Wartebereich. Ihr Lehrling wartet draußen.« »Aber, ich …« Kai verstummte. »Security«, sagte er dann, »verstehe.« Mit einem frustrierten Blick in die Kamera unter der Decke akzeptierte er die Entscheidung. »Tut mir leid.« Irene sah ihn schuldbewusst an. »Hätte ich das geahnt, hätte ich dich nicht mit hier runter genommen.« Gleich darauf ging ihr die zweite Bedeutung auf, die in ihrer Aussage mitschwang. Sie spürte, dass auch Kai zwischen den Zeilen lesen konnte. Dankbarerweise ersparte er ihr den üblichen Kommentar darüber, wie ungern er ihre innige Fahrt mit dem Fahrstuhl verpasst hätte. Er nickte einfach nur und ließ sich in einen der Sessel fallen. »Kannst du dich bitte beeilen?«, sagte er leidgeprüft. »Ich werd’s versuchen«, versprach sie. Sie trat in die Schleuse. Dabei schüttelte sie ihre Hand aus, mit der sie den Scanner berührt hatte. Sie prickelte immer noch schmerzhaft. Die Tür schloss sich, und sie sah sich in dem winzigen Raum nach Kameras um, ohne welche zu finden. Außer dem ebenmäßigen Metall der Wandverkleidung war überhaupt nichts zu sehen. Sie konnte sich nicht einmal den fahlen Lichtschein erklären, der von irgendwo kam. Es musste doch Lüftungskanäle geben, das setzte schon der gesunde Menschenverstand voraus. Anderenfalls erstickte man, wenn man hier drin länger eingeschlossen blieb. »Weisen Sie sich durch Ihr Bibliothekssiegel aus«, sagte die körperlose Stimme. Sie klang etwas menschlicher. Irene glaubte herauszuhören, dass es sich um eine Frauenstimme handelte. »Das dauert einen Moment.« Sie begann, ihren Mantel auszuziehen. Es wäre ihr lieber gewesen, nicht den nackten Rücken präsentieren zu müssen, um zu beweisen, wer sie war. »Ich kann warten«, sagte die Stimme. »Lassen Sie sich Zeit.« Irene atmete tief durch. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass der Sicherheitsdienst der Bibliothek vermutlich nicht aus Lust und Laune misstrauisch war. Sie knöpfte das Kleid im Nacken auf und streifte es weit genug nach unten, dass das Bibliothekssiegel zwischen ihren Schulterblättern sichtbar wurde. »Soll ich mich irgendwo hindrehen, damit Sie es sehen können?«, fragte sie. »So ist es völlig ausreichend.« Ein kurzer Lichtblitz, Irene erschrak. Für einen Moment fühlte es sich so an, als vibriere das Bibliothekssiegel. Ihre Knochen reagierten mit einem dumpfen Schmerz. Die Prozedur glich dem Dröhnen von Eisenbahnschienen, auf denen aus großer Entfernung ein Zug heranrast. »Danke, Sie können sich wieder anziehen. Nennen Sie in der Sprache Namen und Dienstrang.« Irene zog das Kleid wieder über die Schultern und schloss der Reihe nach die Knöpfe. »Ich bin Irene, ortsansässige Bibliothekarin und Dienerin der Bibliothek«, sagte sie. »Im Übrigen hatte ich mich bereits vorgestellt.« Die Tür vor Irenes Nase glitt zur Seite. Sie nahm ihren Mantel und schlüpfte eilig nach draußen. Der vor ihr liegende Raum ließ sie sofort wieder innehalten. Höhle schien der passendste Ausdruck. Er war weitläufig und sehr niedrig. Bücherregale verliefen als geschlossene Wand einmal ringsherum. Sie waren nur knapp einen Meter hoch und bargen ausnahmslos dicke, in Leder eingeschlagene Bände, sodass man von den eigentlichen Wänden der unterirdischen Kammer nichts sah. Aus der Entfernung ließen sich weder Titel noch Autoren erkennen. Auf dem Tisch in der Mitte standen Computer, die durch ein Netz aus Kabelbündeln mit ihren Bildschirmen und untereinander verbunden waren. Ein Meer aus handgeschriebenen Notizzetteln und leuchtend markierten Computerausdrucken erstreckte sich dazwischen. Am Ende des Büros ließen mehrere Türen darauf schließen, dass die Abteilung noch weitere Räume barg. Die großflächigen weißen Lampen an der Decke erinnerten mit ihrem fluoreszierenden Glanz an Insektenaugen. An den Computern saß eine Frau in einem Rollstuhl. Sie hob den Kopf und nahm Irene in Augenschein. Ihr Blick wirkte abschätzend und durchdringend. »Daten zur Personenidentifizierung nehme ich für gewöhnlich sehr ernst.« Sie machte eine Geste mit der Hand. »Willkommen an meinem Rückzugsort.« Ihr Haar war fahlblond, ihre Kleidung allem Anschein nach unter Gesichtspunkten der Bequemlichkeit ausgesucht: Sie trug ein schlichtes kariertes Hemd und Jeans. Ihr Rollstuhl machte den Eindruck eines hochkomplizierten Hightech-Geräts, aber die Decke mit Schottenmuster auf ihrem Schoß war abgetragen und aufgeribbelt an den Enden. »Melusine«, begrüßte Irene die Frau, die sie von ihrer letzten Begegnung wiedererkannte. Melusine und die anderen leitenden Bibliothekare hatten gemeinsam die Einsatzbesprechung geleitet, als Alberich seinen Angriff auf die Bibliothek unternommen hatte. »Sehen Sie mir meine Vorsichtsmaßnahmen bitte nach«, sagte Melusine. Es klang mehr nach einer Aufforderung als nach einer Bitte. »Falls jemand die Bibliothek verraten will, werden wir hier unten das Hauptziel sein.« »Klingt einleuchtend«, sagte Irene. Paranoid, aber einleuchtend. »Ich nehme an, Coppelia hat meine E-Mail an Sie weitergeleitet? Vielleicht stecken wir in ernsthaften Schwierigkeiten.« »In der Tat – vorausgesetzt, die Faktenlage lässt sich bestätigen.« Melusine gab etwas auf der Tastatur ein und schaute einen Bildschirm an. Irene konnte von ihrer Position aus nicht sehen, was der Computer zeigte. Sie vermutete, dass Melusine entweder die Nachricht von Coppelia vor sich hatte oder Informationen über Irene abrief. Nach einem kurzen Schweigen sagte Melusine: »Sie haben eine wirklich interessante Personalakte.« Freut mich, dass Sie das auch so sehen, hätte Irene gerne geantwortet. Es wäre zwar befreiend gewesen, aber leider auch unhöflich. Also zuckte sie nur die Achseln und erwiderte: »Ich weiß nicht, ob ich mir so ein Verdienst anrechnen lassen darf. Die meiste Zeit reagiere ich auf das, was gerade passiert.« »Ihre Eltern sind ebenfalls Bibliothekare«, sagte Melusine mit Blick auf den Bildschirm. »Raziel und Liu Xiang«, las sie und hielt inne, gerade so lange, um Irene ansatzweise zur Ruhe kommen zu lassen, bevor sie hinzufügte: »Adoptiert.« Irenes Mund wurde schlagartig trocken. »S-sind Sie … da sicher?« »Warum?« »Meine Eltern haben es mir einfach nie erzählt.« Vor ein paar Monaten erst hatte Irene erfahren, dass es Bibliothekaren verboten war, miteinander Familien zu gründen. Damit stand sozusagen ihre gesamte Herkunft in Frage. Allerdings gab es da noch den klitzekleinen Umstand, dass es Alberich gewesen war, der ihr das anvertraut hatte: Alberich, der erbittertste Feind der Bibliothek. Im Nachhinein betrachtet war es ihr leichtgefallen, die Behauptung als Lüge abzutun. Alberich hatte sie sicher nur ablenken wollen. Aber bis jetzt hatte Irene es vermieden, sich tiefergehende Gedanken darüber zu machen, und nicht einmal ihre Eltern gefragt. Hatte sie im tiefsten Innern Angst davor, dass es stimmen könnte? Melusine zuckte die Achseln. »Was Ihre Eltern Ihnen erzählt oder nicht erzählt haben, ist nicht meine Sache. Meine Sache ist es, die Sicherheit der Bibliothek zu gewährleisten. Deshalb frage ich Sie jetzt: Wollen Sie diese Angaben abstreiten?« Irene wollte. Sie wollte aus diesem Verlies stürmen und die gottverdammte Schleusentür hinter sich zuknallen. Aber am dringendsten wollte sie ihre Eltern finden und sie anschreien: Warum habt ihr es mir nie gesagt? Sie wollte weinen. Ihre Augen begannen zu brennen. »Lesen Sie weiter«, bat sie mit angestrengter Stimme. Melusine fuhr in beiläufigem Ton fort und ratterte die Inhalte monoton und teilnahmslos herunter: »Im Internat aufgewachsen, da die Eltern mit den zunehmenden Problemen, vor die Sie sie stellten, nicht länger zurechtkamen.« »Das stimmt nicht!«, rief Irene. Melusine warf ihr einen leeren Blick zu. Ihre Augen sahen kalt und stumpf aus wie ein Morgengrauen im Winter. »Wer von uns beiden hat den Personalbericht vor sich, Sie oder ich?« »Sie. Aber …« »Reichen Sie Ihre Beschwerden schriftlich ein.« Melusine wandte sich wieder dem Bildschirm zu. »Der übliche Bildungsweg. Gewisse Zeit von Bradamant betreut, dann wurde das Mentor-Schüler-Verhältnis vorzeitig aufgelöst – auf Ihren Wunsch hin. Sie sind zugegebenermaßen nicht die erste Anwärterin, die so gehandelt hat.« »Ja, das denke ich mir«, sagte Irene so höflich wie möglich. Zumindest zuckte sie nicht mehr jedes Mal zusammen, wenn Bradamants Name genannt wurde. Ihre ehemalige Mentorin war ohne Zweifel eine fähige Bibliothekarin. Aber daneben war sie eben auch manipulativ, zerfressen von Ehrgeiz und jederzeit geneigt, ihren Lehrlingen die Schuld an allem zu geben, was sie selbst vergeigt hatte. Die Bibliothekssicherheit schien das mittlerweile zur Kenntnis genommen zu haben. Melusine nickte. »Dank guter Leistungen vorzeitig zur ortsansässigen Bibliothekarin ernannt. Wieder auf Bewährung gesetzt, weil Sie sich unerlaubt von Ihrem Posten entfernt haben, um Ihren Lehrling Kai in Sicherheit zu bringen. Nur keine Sorge, ich weiß, wer und auch was er ist.« Sie blickte vom Bildschirm auf. »Mir ist außerdem klar, dass die Aussetzung zur Bewährung politisch gemeint war. Wir konnten es uns nicht leisten, gar keine Schritte zu unternehmen, auch wenn die Rettungsaktion am Ende erfolgreich war.« »Diesen Beruf habe ich nicht ergriffen, um politisch klug zu agieren.« Irene bemühte sich, nicht allzu abfällig zu klingen. »Gibt es einen Grund dafür, dass Sie meine Laufbahn überprüfen?« »Ich möchte sie besser verstehen und einschätzen können.« Melusine verzog keine Miene. Sie sah Irene an, als läse sie einen mittelmäßigen Essay. »Sie haben in der Vergangenheit mit Elfen und Drachen zusammengearbeitet. Und haben gleich zwei Begegnungen mit Alberich überlebt.« Hier wechselte Melusines Tonfall, und sie sprach den Namen so scharf aus, dass Irene unmerklich zusammenzuckte. »Das ist nicht gerade die berufliche Standardlaufbahn. Die meisten Bibliothekare beenden ihre Karrieren, ohne halb so viel Dramatisches erlebt zu haben, wie Sie es jetzt schon getan haben. Deshalb war ich etwas … neugierig.« »Wenn die Bibliothek nicht will, dass ich mit Drachen zusammenarbeite, hätte sie mich nicht zu Kais Mentorin machen sollen«, schnappte Irene. »Was die Elfen betrifft, die haben sich unterwegs an meine Fersen geheftet und festgebissen. Wie Zecken, verstehen Sie? Ist Ihre Neugier damit befriedigt?« »Haben Sie es eilig?« »Ehrlich gesagt, ja.« Irene dachte daran, wie Kai allein vor dieser Tür saß, gefangen in einem unterirdischen Korridor. »Wir stehen möglicherweise vor einer ernsten Krise, und mein Assistent wartet draußen wie bestellt und nicht abgeholt. Aber das wissen Sie ja.« »Einzig vereidigte Bibliothekare haben Zutritt zum Security-Bereich«, sagte Melusine. »Kai wurde vor weniger als einem Jahr von Elfen entführt und eingekerkert. Er hasst enge Räume ohne Licht, und mir fällt kein Grund ein, weshalb ich ihn länger als nötig warten lassen sollte.« »Ich kann ihn gern wieder mit dem Fahrstuhl hinaufschicken«, sagte Melusine. »Ich bezweifele, dass er ohne mich in den Fahrstuhl steigen würde«, sagte Irene. »Er hat ein ziemlich starkes Beschützer-Syndrom.« »In diesem Fall sollten wir annehmen dürfen, dass er es im Wartebereich noch einige Zeit länger aushalten wird.« Scherzte Melusine, oder meinte sie es ernst? Irene konnte es nicht bestimmen. »Erzählen Sie mir alles«, fuhr die leitende Bibliothekarin fort. »Und zwar so, als hätte ich Ihre E-Mail nie bekommen. Ich möchte Einzelheiten hören.« Irene hätte sich gern hingesetzt, während sie den Ablauf der Ereignisse noch einmal schilderte, aber es war kein zweiter Stuhl in Sichtweite. Sie begann bei der Unterredung mit Jin Zhi und fuhr fort, bis sie bei ihren und Kais Nachforschungen in der Bibliothek angelangt war. Seine hilfreichen Kommentare streute sie hier und da ein. Melusine unterbrach sie manchmal, um Fragen zu stellen, ließ sich aber nicht anmerken, was sie wirklich über Irenes Darstellung dachte. Sie legte die Hände im Schoß zusammen und hörte zu. Dabei sah sie weder auf die Computerbildschirme, noch ließ sie sich anderweitig ablenken. Sie drehte nicht einmal Däumchen. Irene hätte es ermutigend gefunden, irgendeine Reaktion zu erhalten, und wenn es nur ein Nicken gewesen wäre. Die Reglosigkeit der Frau brachte sie irgendwie aus der Ruhe. Schließlich endete ihre Erzählung. »Ich will keine Panik verbreiten«, schloss sie, »aber ich glaube, dass es ernst ist. Die ortsansässigen Bibliothekare sind von der Neutralität der Bibliothek hundertprozentig abhängig. Sie müssen sich darauf berufen können, wann immer ihnen in ihrer Welt ein Drache oder ein Elf über den Weg läuft. Wenn das nicht länger gegeben ist … Nun, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Bibliothek selbst zur Zielscheibe wird.« Irene klappte den Mund zu und wartete auf Fragen. Ihre Füße taten weh. »Ja«, sagte Melusine und nickte endlich. »Ich denke, dieses Problem besteht.« »Sie glauben mir also?« »Das habe ich von Anfang an. Es hätte allerdings auch sein können, dass Sie getäuscht wurden. Ihr Bericht klingt aber schlüssig – leider, wie ich anmerken muss. Dieses Buch, um das es geht, Sie sagen, es befindet sich in A-658?« Sie gab die Anfrage in ihren Computer ein und betrachtete das Ergebnis. »Kein ortsansässiger Bibliothekar, keine angeforderten oder genehmigten Transfers in den letzten fünfzehn Jahren. Der letzte Bibliothekar, der A-658 besucht hat, hat immerhin ein kleines Depot für Notfälle hinterlassen. Aktuelle Entwicklungen … Lassen Sie mich nachsehen.« Sie wendete den Rollstuhl und glitt zu einem der niedrigen Bücherregale. Irene sah jetzt, warum in diesem Raum alles in maximal einem Meter Höhe platziert war: Melusine konnte von ihrem Rollstuhl aus mühelos an jedes Buch kommen. »Vielleicht haben Sie auch weitere Erkenntnisse zu den beiden Kandidaten Qing Song und Jin Zhi?«, fragte Irene. »Etwas, das nicht in der offiziellen Datenbank verzeichnet ist vielleicht.« »Ich habe hier nur die Namen, die Familienzugehörigkeit und die Verbindungen zum Königshof«, sagte Melusine. »Nicht mehr, als Ihr Lehrling bereits so fleißig recherchierte. Wenn Sie also auf der Suche nach … wie sagt man noch gleich? … dem ›heißesten Scheiß‹ sind, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich werde dem nachgehen, aber sorgfältige Recherche braucht ihre Zeit.« Sie tippte seitlich an eines der Regale. »A-658, bitte.« Die Bücher in dieser Höhe begannen, sich wie auf einem Förderband in Melusines Richtung zu bewegen. Die Bände fuhren am Ende des Regals aus einer Art doppelter Wand heraus. Auf der anderen Seite glitten sie auf dieselbe Weise in den schmalen Zwischenraum hinein. Nach zwanzig Sekunden endete das Bücher-Karussell. Melusine zog den Band heraus, der genau vor ihrer Hand stehengeblieben war. Die Signatur A-658 stand auf dem in rotes Leder gebundenen Rücken. Irene trat an Melusine heran und sah ihr über die Schulter. »Hier sind alle Transfers in und aus der besagten Welt verzeichnet«, sagte Melusine. Irene war erleichtert, als die ältere Frau keine Anstalten machte, die Angaben vor ihr zu verbergen. »Wann immer eine Bibliothekarin oder ein Bibliothekar dort war – hier können wir es nachlesen.« Melusine blätterte durch die dünnen Seiten. Die Einträge sahen aus wie Stempel in einem Reisepass. Es standen immer jeweils der Name des Bibliothekars und das Datum da, an dem der Übergang benutzt worden war. Das Datum richtete sich nach der Zeitrechnung der Bibliothek. Es war faszinierend, etwas über die Geschichte der Bibliothek aus erster Hand zu erfahren. Irene kannte sich mit der Geschichte mancher Parallelwelten sehr gut aus – okay, einigermaßen gut –, aber über die Bibliothek selbst wusste sie verhältnismäßig wenig. Außer, dass sie schon immer dagewesen war. Wahrscheinlich würde sie bis in alle Zeit weiterexistieren. Niemand konnte sich auf etwas anderes als Spekulationen stützen, was ihren Bau betraf. Neue Bibliothekare wurden aber auch nicht gerade ermutigt, Fragen zu stellen. Alberich hätte mehr gewusst, da war Irene sicher. Aber Alberich war tot. Ziemlich sicher. Nun ja, hoffentlich. »Hier.« Melusine ließ den Finger über die Namensliste wandern. »Evariste. Das nenne ich mal interessant.« Ihr Tonfall klang, als habe sie soeben Schimmelbefall in ihrem Lieblingsbuch entdeckt. Irene warf einen Blick über Melusines Schulter. »Transfer in die Welt vor einem Monat«, sagte sie. Dann fiel ihr der Eintrag davor auf, und sie zog die Stirn kraus. »Aber …« »Eben«, sagte Melusine. »Transfer aus der Bibliothek in die Welt A-658 vor einem Monat. Aber Evaristes Transfer aus dieser Welt zu uns fand zwei Tage früher statt als sein Weg dorthin. In den Aufzeichnungen fehlt jeglicher Hinweis, wie er ursprünglich in A-658 hineingelangte.« Irene überlegte. »Er wurde also entweder von den Elfen oder von den Drachen dorthin gebracht«, sagte sie. »Jin Zhi scheint die Wahrheit gesagt zu haben. Qing Song hat Evariste gekauft. Er hat ihn in die entsprechende Welt getragen, in der er das Buch vermutet. Dann ist Evariste aus dieser Welt zu uns in die Bibliothek übergewechselt. Denn nur so konnte er herausfinden, welche Signatur die Welt bei uns trägt. Er hat das Buch recherchiert, ist zurückgegangen und …« »Exakt«, stimmte Melusine zu. Sie reichte Irene das Buch. »Stellen Sie es bitte wieder zurück. Ich werde mir Evaristes Personalakte vornehmen. Und diesmal dürfen Sie mir leider nicht über die Schulter sehen. Datenschutz.« Irene stellte das Buch ins Regal zurück. Ein Schauder der Erregung durchflutete sie. Warum freute es sie so, dass sie mehr und mehr Beweise fanden? Das Gegenteil hätte Freude auslösen sollen. Erleichterung. Aber sie spürte eine unmissverständliche Genugtuung darüber, dass ihre Bemühungen nicht umsonst gewesen waren. Melusine murrte leise vor sich hin. »Ach, hat er das wirklich …« Schließlich blickte sie auf. »Hören Sie, Irene, hier ist noch mehr. Evariste ist wegen eines Trauerfalls auf bezahltem Sonderurlaub. Sein Mentor, der ihn ursprünglich für die Bibliothek anwarb, ist vor einem Monat an einem Herzinfarkt gestorben. Evariste bekam eine Auszeit, damit er den Nachlass regeln konnte, und so weiter. Keine Angaben, wo er diesen Urlaub verbracht hat. Aber wir können davon ausgehen, dass es die Welt ist, für die sein Mentor zuständig war: G-14. Es steckt vermutlich nichts Auffälliges dahinter.« Die zeitliche Abfolge rief Zweifel in Irene hervor, sie konnte aber noch nicht den Finger darauf legen. »Dieser Mentor, wer war er?« »Sein Name war Julian, der vor Ort ansässige Bibliothekar von G-14.« Irenes Zweifel schlugen in ein schrilles Alarmsignal um. »Nicht zufällig der Julian?« Sie zog ihre Notizen aus der Tasche. »Der Julian, der in der Enzyklopädie der Bibliothek den Eintrag über die Familie des Winterlichen Waldes geschrieben hat, Qing Songs Familie? Und der davon spricht, dass sie verlässlich, beständig und Verhandlungen zugänglich sind?« Melusine tippte etwas und hielt dann inne. »Es ist ein und derselbe«, sagte sie. »Und Minister Zhao ist kürzlich einem Attentat zum Opfer gefallen. Die Königin der Südlichen Ebenen sucht händeringend einen Nachfolger, und die Elfen testen ihre Grenzen aus.« Ihre Stimme war nur mehr ein Flüstern. »Die Bibliothek steht möglicherweise kurz davor, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Und dieser Bursche, Julians Schützling, hat sich aus dem Staub gemacht und spielt anscheinend riskante Spiele mit einem der streitsüchtigsten Abkömmlinge der Familie des Winterlichen Waldes.« »Eben sagten Sie, es gäbe keine weiteren Erkenntnisse über Qing Song«, sagte Irene. »Im Großen und Ganzen stimmt das auch«, erklärte Melusine. »Aber Ihr Assistent hat Ihnen ja schon gesagt, dass er gefährlich ist. Ich kann nur hinzufügen, dass sowohl Qing Song als auch Jin Zhi so ihre Tücken haben. Kein Drache ist wirklich friedlich. Und Evariste hat keine Erfahrung im Umgang mit ihnen. Jedenfalls keine, die mit den Ihren vergleichbar wären. Er ist ein hervorragender Rechercheur, aber er hat nicht ansatzweise so viele Außeneinsätze auf dem Buckel wie Sie.« Sie drehte den Computerbildschirm so, dass Irene hineinschauen konnte. Er zeigte das Foto eines jungen, dunkelhäutigen Mannes. Es war wahrscheinlich auf einer Abschlussfeier der Schule aufgenommen worden. Über einem schicken Anzug mit Krawatte trug er einen Talar und einen Doktorhut. Er lächelte mit einer Mischung aus ungläubigem Staunen und Siegesgewissheit in die Kamera. »Er hätte schon längst einigen älteren Bibliothekaren zugeteilt werden müssen, um in den nächsten Jahren etwas Erfahrung zu sammeln. Aus seinen jetzigen Aufgaben ist er gewiss längst herausgewachsen.« Die metaphorische Mücke, die sich Irene zuerst vorgestellt hatte, war zu einem Elefanten geworden. Einem richtigen Kriegselefanten. »Was tun wir jetzt?« »Sie sind damit zu mir gekommen, also sind Sie auch zuerst an der Reihe, die ganze Sache zu klären.« Melusine schwang mit ihrem Rollstuhl herum und gab Irene einmal mehr das Gefühl, inspiziert und bewertet zu werden. »Sie sind bestens qualifiziert für diese Aufgabe. Sie sind damit vertraut, ohne Verstärkung oder Rückhalt zu agieren, und Sie stehen in dem Ruf, eine schwierige Agentin zu sein. Wenn der Einsatz schiefläuft, müssen wir abwiegeln und behaupten, Sie hätten eigenmächtig gehandelt. In dem Fall wären wir gezwungen, sie fallen zu lassen.« »Entschuldigung, dass ich bei diesen Aussichten nicht vor Begeisterung in die Luft springe«, sagte Irene mit wachsender Bestürzung. »Sie fallen zu lassen – solche Sätze klingen immer so endgültig. Ich hätte gern Verstärkung. Oder wenigstens Rückhalt. Geben Sie mir zumindest die Richtung vor.« »Das ist ja das Problem«, sagte Melusine. »Wir wissen nicht, wie wir die Situation einschätzen sollen. Wie Sie bereits angemerkt haben, könnte es ebenso gut eine besonders geschickt inszenierte Falle sein, um uns dazu zu bringen, etwas zu tun, das man später gegen uns verwenden kann. Ich sage Ihnen jetzt etwas, und das soll kein Versuch sein, Ihnen zu schmeicheln: Sie sind gut darin, eine Situation richtig einzuschätzen und das bestmögliche Vorgehen zu wählen. Es ist möglich, wenn auch höchst unwahrscheinlich, dass es eine einfache Erklärung für das alles gibt. Wir werden es nicht herausfinden, bevor wir nicht mit Evariste gesprochen haben. Aber wir brauchen eine Agentin vor Ort, die in der Lage ist, zuverlässig zu beurteilen, ob wir in Schwierigkeiten stecken, und die die passenden Maßnahmen ergreift, wenn es so ist. Und weil es ein Gesetz zu sein scheint, dass die Dinge immer so schlimm werden, wie es nur geht, brauchen wir außerdem jemanden, der im Ruf steht, auf eigene Faust zu handeln – damit wir uns im Zweifel glaubhaft distanzieren und ihn fallen lassen können. Also Sie. Falls nötig.« Irene schluckte. »Nicht gerade ermutigend.« »Die Tür ist da hinten, Sie können gern gehen«, sagte Melusine achselzuckend. »Wenn Sie nicht bereit für dieses Risiko und diese Mission sind, kann ich Sie schlecht zwingen. Ich werde den Auftrag an jemand anderen vergeben. Dieser Jemand wird höchstwahrscheinlich nicht so qualifiziert sein wie Sie. Ihm wird das nötige Hintergrundwissen fehlen. Und er wird mehrere Stunden verspätet in Aktion treten, weil ich ihn erst finden und einweisen muss. Es liegt ganz bei Ihnen.« Irene starrte die Frau teils empört, teils bewundernd an. »Habe ich Ihnen schon gesagt, dass ich es hasse, mit solch psychologischem Druck erpresst zu werden?« »Ich werde es zu den Akten nehmen.« Zähneknirschend wandte sich Irene wieder dem eigentlichen Thema zu. »Können Sie Evariste nicht auf dem üblichen Weg kontaktieren?«, fragte sie. Die Bibliothek konnte Botschaften an jeden Bibliothekar zu schicken, ganz egal, wo er sich befand. Bei dieser Methode wurden alle beschreibbaren Materialien und Medien in der entsprechenden Welt kurzzeitig mit der gewünschten Nachricht überschrieben. Der Energieverbrauch war horrend, aber in einem Fall wie diesem schien er gerechtfertigt. »Nach allem, was wir wissen, ist er wahrscheinlich entführt worden und hat die Lage nicht länger unter Kontrolle.« »Das können wir, und das werde ich. Aber das heißt nicht, dass er auch antworten wird. Das führt uns zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung: dem Problem, wie Sie ihn finden.« »Ich hoffe, es gibt eine spezielle Methode, die mir als Normalsterblicher bis jetzt vorenthalten geblieben ist«, sagte Irene. »Ansonsten wird es ziemlich lange dauern, eine einzelne Person in einer mir unbekannten Welt ausfindig zu machen. Ich könnte mich auf die nächstbeste Turbulenz stürzen, die auf Drachen-Aktivität schließen lässt, und nachsehen, ob er damit in Verbindung steht. Aber das wäre ein Schuss ins Blaue.« »Erfreulicherweise ist Ihre Hoffnung nicht vergeblich.« Melusine nahm ein leeres Blatt vom Tisch und lenkte ihren Rollstuhl zu einem Regal an der gegenüberliegenden Wand, in dem sich cremefarbene Bücher reihten. Sie tippte dagegen, und die Bücher setzten sich erneut in Bewegung. »E bitte«, sagte sie. Die Bücher zirkulierten wie die Folianten im Weltenregal, aber diesmal musste Melusine mehrere von ihnen herausnehmen und prüfen, ehe sie das richtige Buch gefunden hatte. Sie entschied sich für den Band EU-EW XIV, schlug ihn an einer bestimmten Stelle auf und legte ihn auf ihren Schoß. »Treten Sie zurück.« Irene ging auf Distanz, den Blick auf die Prozedur gerichtet. Melusine legte das leere Blatt auf das offene Buch und sagte in der Sprache: »Kopiere den Namen Evariste.« Das leere Blatt zischte. Es wurde auf die Buchseite gepresst, als hielte jemand ein heißes Bügeleisen dagegen. Auf Irenes Rücken machte sich das Siegel bemerkbar; es schien sekundenlang in Übereinstimmung mit dem Blatt Papier zu knistern. Offenbar fühlte Melusine etwas Ähnliches, denn sie zog in ihrem Rollstuhl die Schultern zusammen. »Hier.« Melusine hob das Blatt ab, schlug das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. Sie streckte die Hand aus und hielt Irene den Bogen Papier hin. Darauf befand sich ein vollständiges Bibliothekssiegel. Evaristes Name war in der Sprache in der Mitte verzeichnet, umrahmt von der Kartusche der Bibliothek. Irene nahm das Papier und schaute darauf. Es gab Gerüchte, dass der Rahmen, wenn man genau hinsah oder ihn durch ein Mikroskop betrachtete, aus winzig fein geschriebenen Worten der Sprache zusammengesetzt war. Es zählte zu den glaubwürdigeren der vielen Gerüchte, die über die Bibliothek in Umlauf waren. »Damit kann ich ihn also finden?«, fragte Irene. »Es gehorcht dem Prinzip der Übereinstimmung«, sagte Melusine. »Setzen Sie es mithilfe der Sprache ein, um ihn zu lokalisieren. Es funktioniert auf die übliche Weise: eine Karte plus Pendel oder sonst ein Richtungsanzeiger. Wir haben knapp einen Monat lang nichts von Evariste gehört. Er kann praktisch überall in A-658 sein.« Irene nickte. »Wo ich schon mal hier bin, hätte ich noch eine andere Frage. Falls es Ihnen nichts ausmacht.« »Bitte«, sagte Melusine. »Sie müssen nicht so höflich tun. Ich bin vor allem daran interessiert, dass dieser Auftrag erledigt wird.« Irene hätte wetten können, dass der Verzicht auf Höflichkeiten Melusine genauso ärgern würde. Es gehörte einfach zu den Plagen einer Führungsposition: Man konnte seinen Mitarbeitern damit in den Ohren liegen, auf Floskeln und artige Zurückhaltung zu verzichten, aber wenn sie einen anschließend zu direkt behandelten, war man trotzdem gekränkt. Eine klassische No-win-Situation für Vorgesetzte. »Na schön«, sagte Irene. »Soweit ich verstanden habe, sind Drachen in der Lage, Personen überall aufzuspüren. Sobald sie jemandem in die betreffende Welt gefolgt sind, können sie genau dort auftauchen, wo die gesuchte Person sich aufhält. Kann ich einen Drachen irgendwie daran hindern, mich auf die Weise zu finden? Jin Zhi könnte versuchen, mir zu folgen, und ich würde lieber einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten.« »Bibliothekszirkel«, sagte Melusine. Als Irene nur ratlos dreinsah, fuhr sie fort: »Die gewohnten Bibliothekszirkel, die Sie beispielsweise einsetzen, wenn sie den Elfen entgehen wollen – man sucht sich eine ausreichend große Büchersammlung und beruft sich auf die Verbindung zur Bibliothek. Wenn Sie das tun, haben auch Drachen keine Möglichkeit, Sie aufzustöbern. Vorausgesetzt, Sie bleiben innerhalb des Zirkels. Wo wir gerade dabei sind: Sie sollten unter allen Umständen vermeiden, von den Drachen entdeckt zu werden. Ideal wäre es, Sie schleichen sich rein und wieder raus, bevor die überhaupt bemerken, dass Sie da sind. Und halten Sie bitte Kai von den Drachen fern. Wenn Sie ihn in diese politische Sache verwickeln und wir seiner Familie erklären müssen, wie er dort hineingeraten ist …« »Ich weiß«, sagte Irene schnell. »In dem Fall muss ich die Verantwortung übernehmen.« Melusine nickte, nicht ohne einen gewissen Widerwillen. »Ich fürchte ja. Falls Sie es schaffen zurückzukehren, können wir Ihnen Zuflucht und Schutz bieten. Allerdings wären Sie gezwungen, die folgenden Jahrzehnte in der Bibliothek zu bleiben – so lange eben, bis die Drachen nicht mehr nach Ihnen suchen.« Das war es also. Nicht nur Irenes Karriere stand auf dem Spiel, auch ihr Privatleben war gefährdet – und ihre Freunde. Vale, Kai, die Welt, in der sie mittlerweile den Großteil ihrer Zeit verbrachte. »Nun, dann ist es ja gut, dass ich nicht vorhabe, mich erwischen zu lassen.« Sie legte entschiedenen Optimismus in ihre Stimme. »Und dass ich mir eine Tarnidentität überlegt habe. Sie sagten, der letzte Bibliothekar hätte in A-658 ein Depot für Notfälle hinterlassen?« »Ja, darauf wäre ich durchaus noch zu sprechen gekommen.« Melusine schrieb eine Adresse und eine Nummer von ihrem Computerbildschirm ab und gab Irene den Zettel. »Gehen Sie nach unserem Gespräch bitte noch in die Abteilung Kostüm und Requisite und lassen sich passend einkleiden. Jazz-Ära in Amerika – Anzug, kurzer Rock, Schusswaffen. Alles, was dazugehört eben. Die Verbindungsstelle für das Portal in diese Welt ist die Boston Public Library. Dort werden Sie ankommen. Das letzte Mal hat sich der Zugang im Jahr 1875 geändert. Davor gelangte man in die Bibliothek von El Escorial in Spanien. Ein Bibliothekar namens Gassire hat einen Vorrat an Geld in einheimischer Währung sowie Ausweispapiere hinterlassen. Das Fach befindet sich in der Northern Bank von Boston. Adresse und Nummer des Schließfachs stehen auf dem Zettel. Ich bin sicher, dass Sie damit keine Probleme haben werden. Es sei denn, Evariste hat das Versteck bereits leer geräumt. In diesem Fall wären Sie auf sich gestellt und müssten seine Spur von Boston aus zurückverfolgen. Die Reise nach Westen ist ein chinesisches Werk, wir können also davon ausgehen, dass er sich in China aufhält. Keine Sorge, es gibt Flugzeuge in dieser Welt, glücklicherweise. Denn uns würde wohl kaum genug Zeit bleiben, Sie in aller Ruhe mit dem Schiff irgendwohin zu schippern. Noch Fragen? Ihr Lehrling wartet sicher schon ungeduldig.« »Ja, eine Frage noch.« Irene hätte sie lieber nicht gestellt, doch die Angelegenheit ließ sich leider nicht weiter hinauszögern. »Was tue ich, wenn Evariste wirklich mit den Drachen kooperiert?« Aus Melusines Gesicht verschwand jeglicher Ausdruck von Kameradschaft. »Null Toleranz. Falls dem tatsächlich so ist, haben Sie die Pflicht, ihn zurückzubringen, damit wir ihn einem Verhör unterziehen können. Dazu werden Sie alles tun, was nötig ist. Und wenn er keine hieb- und stichfeste Erklärung vorweisen kann, wird er sich auf Schlimmeres gefasst machen müssen als auf die Bewährung oder eine Suspendierung.« Melusine wartete, bis Irene genickt hatte. »Wir können es uns nicht leisten den Anschein zu erwecken, als sei die Bibliothek ein politischer Akteur. Es darf nicht einmal das entfernteste Gerücht darüber in Umlauf kommen. Denn Sie haben ganz recht: Für die Bibliothekare im Außendienst kann das verheerende Folgen haben, ganz zu schweigen von der Bibliothek selbst. Schließen wir nicht aus, dass Evariste in dieser Sache der Betrogene sein könnte – er ist vielleicht durch Täuschung oder Erpressung in die Sache hineingeraten. Aber letzten Endes spielt das keine Rolle. Sie müssen ihn da rausholen, Irene, und die Situation ein für allemal beilegen. Koste es, was es wolle.« Irene nickte noch einmal. »Verstanden.« Sie war sich im Klaren, dass sie damit möglicherweise seinem Todesurteil zustimmte. SECHSTES KAPITEL Es war nie einfach zu entscheiden, wo man wichtige Papiere während des Einsatzes verstauen wollte. In der Außentasche verlor man sie leicht, und dort waren sie selbst bei einer flüchtigen Durchsuchung zu leicht zu finden. Die Innentasche war da schon besser, aber auch keine sichere Alternative bei einer Leibesvisitation. Im Zweifelsfall verstärkte sich noch der Eindruck, dass die hier versteckten Unterlagen wichtig waren. Sie in den Ausschnitt zu schieben oder am Strumpfsaum festzustecken war jedoch unbequemer, als der herkömmliche Liebesroman vermuten ließ. Irene entschied sich letztlich doch für die Innentasche. Sie hoffte, dass sich ohnehin niemand für den Zettel mit Evaristes Namen interessieren würde. »Melusine hat uns einen Transfer zu Kostüm & Requisite bereitgestellt und danach gleich einen zu dem Portal, das nach A-658 führt«, sagte Irene. »Das war wirklich hilfsbereit von ihr.« Dadurch hatten sie sich einen halbtägigen Fußmarsch durch die Bibliothek gespart – und sie trugen jetzt einigermaßen passende Kleidung für das Amerika der 20er-Jahre. Kai hatte sich begeistert auf den Anzug gestürzt, der für ihn vorgesehen war: wattierte Schultern, eine eng zulaufende Hose und dazu der obligatorische Hut. Irene war lediglich dankbar, dass sie einen knielangen Rock für sich gefunden hatte, in dem sie zur Not auch rennen konnte. »Ich würde es eher praktisch gedacht nennen.« Kai hätte seine Kränkung niemals eingestanden, auch wenn er seit seiner Warterei in Melusines Vorzimmer eindeutig schlechter gelaunt war. So hatte er Irene seitdem noch kein einziges Mal beigepflichtet. »In wichtigen Dingen muss man nun mal schnell reagieren. Noch praktischer wäre es natürlich gewesen, wenn sie mehr Bibliothekare entsandt hätte als Verstärkung.« »Du meinst außer uns?« »Außer dir. Dass sie mich nicht als Bibliothekar ansieht, hat sie ja mehr als deutlich gemacht.« »Sie ist nun einmal krankhaft misstrauisch«, sagte Irene. »Ich musste mich halb ausziehen und mein Bibliothekssiegel zeigen, bevor sie mich reinließ. Wahrscheinlich hatte sie unter dieser Wolldecke auf ihrem Schoß eine Pistole. Sie wusste auch, dass du ein Drache bist. Ehrlich gesagt, überrascht es mich, dass sie dich überhaupt nach unten gelassen hat. Wenn man bedenkt, um was für eine Situation es sich handelt … Und bitte vergiss nicht, dass ich auf deiner Seite bin, Kai, nicht auf ihrer.« »Ich hatte noch nicht einmal etwas zu lesen«, sagte Kai. Irene rollte die Augen. »Wenn es nicht schlimmer wird, als dass du eine halbe Stunde lang ohne Zeitschrift in einem geschlossenen Raum warten musst, bezeichne ich uns als Glückspilze.« Sie sah sich abschließend in dem Zimmer um, in dem sie standen. Er war vollgestopft mit Western aus der Welt A-658. Reißerische Cover zeigten fast ausnahmslos Cowboys mit kantigem Kinn, die auf sich aufbäumenden Pferden saßen und Frauen im Arm hielten, deren Oberweite drohte, aus dem Mieder zu platzen. Irene hoffte, dass ihr Ziel nicht wirklich diesen Motiven entsprach, aber freiwillig würde sie kaum einen Fuß in diese Welt setzen. Sie hatte für Pferde nun mal nichts übrig. »Wie auch immer, gehen wir. Bei unserer Ankunft wird es später Nachmittag oder früher Abend sein. Hoffentlich haben wir Glück und die Bank ist dann noch auf.« Sie ging zur Tür, griff nach der Klinke und drückte sie auf. Die Tür ließ sich nicht bewegen. Irene runzelte die Stirn. »Was ist?«, fragte Kai und vergaß seine schlechte Laune schlagartig. »Ich krieg sie nicht auf. Vielleicht lehnt auf der anderen Seite etwas dagegen.« Sie drückte mit ganzer Kraft, und diesmal gab die Tür nach. Irene taumelte über die Schwelle in den dahinterliegenden Raum. Als sie sich gefangen hatte, wich sie zurück. Sie standen in einer Ruine. Die von draußen hereindringenden Geräusche der Stadt wirkten fehl am Platz. Das Rauschen des Verkehrs, vorbeilaufende Passanten, die in Gespräche vertieft waren – das alles bildete einen lebhaften Kontrast zu dem Bild der Zerstörung, das sich unmittelbar vor ihnen bot. Herabgestürzte Balken lagen im Licht der frühen Abendsonne. Über eingerissenem Mauerwerk hing Staub. Der Raum gehörte offensichtlich zu einem typischen Verwaltungsgebäude aus dem 19. Jahrhundert, doch die eine Wand war fast vollständig eingestürzt. Die Überreste waren rußig schwarz verfärbt. Ein heruntergekrachter Balken hatte die Tür blockiert, durch die Kai und Irene soeben getaumelt waren. Doch Irene hatte das Hindernis mit aller Kraft zur Seite schieben können, und jetzt standen sie zwischen zerrissenen und schmutzigen Büchern. Auf den offenen Seiten waren Brandflecke zu sehen, die an die Faltbilder eines Rorschach-Tests erinnerten. Staub hing in der Luft – zweifellos von einer kürzlich erfolgten Explosion und dem damit einhergehenden Brand. Er schnürte Irene den Hals zu. Sie presste die Hände vors Gesicht und rang nach Atem. Sie musste sich beruhigen. Vor allen Dingen durfte sie jetzt nicht an Feuer denken. Nicht an brennendes Papier, an Rauch und Zerstörung … An Alberichs über das grässliche Inferno hallende Stimme. »Der Brand, die Detonation, was immer es war …« Sie sah sich um. »Es muss vor Kurzem passiert sein. Der Raum hat nicht mal mehr eine Decke.« Sie hoben die Köpfe und blickten in den Abendhimmel. Das klare Violett der hereinbrechenden Nacht senkte sich über die Stadt. Irenes Stimme klang komisch in ihren Ohren. Sie ermahnte sich noch einmal zur Vernunft. Sie konnte es sich nicht leisten, alte Gefühle wiederaufleben zu lassen. Die Situation, in der sie steckten, war viel zu riskant. Trotzdem wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie die Fingernägel in ihre Handflächen grub. Konzentration, sagte sie sich. Aber es änderte nichts an ihrem Zustand. Tief in ihrem Innern, wo es darauf ankam, war sie der Panik nahe. Vor ihrem geistigen Auge spielte sich das Chaos ab, sah sie lodernde Flammen, die Bücher verschlangen. »Die Bücher sind nicht nass geworden«, sagte sie. »Das heißt, es hat seitdem noch nicht geregnet. Wir müssen rausfinden, was passiert ist. Wann. Und wie.« Mit vorsichtigen Schritten bahnte sie sich ihren Weg durch die Mauersteine und den Putz am Boden, als Kai nach ihrem Handgelenk griff. Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Was ist?« »Was ist mit dir? Geht es dir gut?« »Ja. A-aber sicher.« Der Anflug von Schwäche ließ bereits nach, ihre Erinnerungen verblassten. Sie hatte die Kontrolle soeben noch einmal wiedergewonnen. Und es blieb ihr auch gar keine andere Wahl, sagte sie sich. »Ich bin nur wütend. Wie kann jemand so etwas tun? Einen solchen Ort zerstören. Auch wenn es rein gar nichts mit unserem Auftrag zu tun haben sollte – ich will, dass derjenige, der dafür verantwortlich ist, zur Rechenschaft gezogen wird.« Verbittert schüttelte sie Kais Hand ab und durchquerte den Raum, um die Tür zu öffnen. Der Flur zu ihrer Rechten wurde von eingestürztem Mauerwerk und einem Meer aus Glassplittern blockiert. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich nach links zu wenden und mehr schlecht als recht den Weg über die Treppe ins Erdgeschoss zu nehmen. Mit jeder Bewegung wirbelten sie den Steinstaub auf, der sich erst kürzlich gelegt hatte. Darunter kamen jedes Mal herrenlose Buchseiten zum Vorschein, die aufflatterten und vor ihnen herwehten, als wollten sie schriftliche Hilferufe übermitteln. »Wie lange wird die Verbindung zur Bibliothek noch bestehen?«, fragte Kai hinter ihr. »Ich kann es nicht sagen«, gab Irene zu. »Ich bin froh, dass wir überhaupt hindurchgelangt sind. Wer weiß, wie lange dieses Portal noch aufrechterhalten bleibt. Bislang gab es von der Bibliothek aus nicht viele Versuche, Durchgangsbibliotheken zu zerstören, um zu sehen, was mit den zugehörigen Portalen passiert …« Kai verfiel in Schweigen. Draußen, jenseits der eingestürzten Mauern, hupten Autos. Die klingelnden Signale von Oberleitungsbussen übertönten hin und wieder die Rufe der Passanten. Auf dieser Seite der Wand hingegen gab es nichts als Verwüstung, die sie zu umarmen schien. Hier gab es nur versengte Bücher, deren Verlust niemanden auf dieser Welt interessierte. Für Irene glich es einem Gang durch ihr persönliches kleines Fegefeuer, während der Rest der Welt durch eine hauchdünne Barriere aus Glas und losem Mauerwerk von ihr getrennt lag. Hätte ich früher kommen sollen? Hätte ich diesen Ort retten können? Wenn ich sofort aufgebrochen wäre, wenn ich Melusine oder Coppelia gedrängt hätte, schneller zu machen. Wenn ich … Kai griff nach ihrer Hand, und sie merkte, dass sie auf eine der äußeren Wände des Gebäudes zuging. »Irene, gibt es einen Plan?« Sie zwang sich zu absoluter Konzentration. Normalerweise hätte sie jetzt durchgeatmet, aber in der Luft schwebte immer noch zu viel Staub. Ihre Augen brannten. »Es macht keinen Unterschied. Wir gehen zuallererst zur Bank. Wir brauchen Geld, Ausweispapiere und eine Unterkunft zum Schlafen.« »Geld?«, fragte eine fremde Stimme. »Wer sagt’s denn, schon haben Sie meine Aufmerksamkeit.« Sie drehten sich um. Der Mann, der gesprochen hatte, stand in einer Lücke zwischen zwei umgestürzten Wänden. Von dort hatte er einen freien Blick auf die Ruine im Erdgeschoss. Sein feiner Anzug war mit Nadelstreifen versehen, der Hut saß in exakt berechnetem Winkel nach vorn gekippt, sodass man seine Augen nicht sah. Staub hatte sich auf seine Schultern und die Ärmel gelegt. Er wartete offenbar schon länger. Was Irenes Aufmerksamkeit am meisten in ihren Bann zog, war jedoch die Maschinenpistole, die er auf sie gerichtet hielt. Die Waffe war knapp einen Meter lang, und er musste sie mit beiden Händen halten, um sie zu stützen, während ein Finger den Abzug berührte. Irene wusste nicht viel über Feuerwaffen, aber die hier sah groß und einschüchternd genug aus, dass sie ihr bekannt vorkam. »Ist das eine Thompson-Maschinenpistole, die Sie da haben?« »Sie haben wohl Bildung genossen, Lady. Bei uns heißt das Ding Tommy-Gun. Geben Sie mir keinen Grund abzudrücken, dann kommen wir gut miteinander aus.« Er schürzte die Lippen und pfiff. Als Antwort kam ein weiterer Pfiff. Von rechts näherten sich Schritte. »Wieso zielen Sie mit Ihrer Tommy-Gun auf uns?« Irene hoffte, dass die Frage eher naiv als dumm klang. Andererseits hörte man sich nun einmal mehr oder weniger dumm an, wenn man unverhofft in den Lauf einer Maschinenpistole blickte. Irene hatte die Situation schon von beiden Seiten aus erlebt, sowohl als die, die bedroht wurde, als auch als die, die den Finger am Abzug hatte. Sie musste es wissen. »So läuft das hier eben«, blaffte der Mann. »Rob, was meinste? Wird er mit ihnen quatschen wollen?« Der Angesprochene trat ins Licht. Ein zweiter Mann, der auch eine Tommy-Gun hielt und damit ebenfalls auf sie zielte. Die Situation spitzte sich auf problematische Weise zu. Irene kannte verschiedene Wege, um eine Waffe mit der Sprache unschädlich zu machen, doch die Worte auszusprechen brauchte Zeit. Beiden Männern reichte wohl ein Fingerzucken, um Kai und sie ins Jenseits zu befördern. »Er hat gesagt, er will jeden befragen, der hier drin rumläuft«, erwiderte der Mann. Es handelte sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Rob. »Also heißt das wohl: Ja, will er.« »Na gut. Aber keine Dummheiten, kapiert?«, fauchte der andere in ihre Richtung. »Oder ihr zwei werdet es bitter bereuen.« Der erste Mann schwenkte seine Waffe nach rechts. Er zeigte einen zerstörten Säulengang hinunter. »Dort entlang, bewegt euch. Aber immer schön langsam. Und wenn wir es sagen, bleibt ihr stehen. ’s gibt da jemanden, der mit euch plaudern will. Keine Sorge, ist ’n Gentleman.« Irene konnte sich einen Blick über die Schulter zu Kai sparen. Sie wusste auch so, dass er jeden Muskel seines Körpers angespannt hatte. Sie streckte lediglich den Arm aus und berührte ihn am Ärmel. »Besser, wir tun, worum dieser Gentleman uns bittet, nicht?« Sie sagte es mit einem gespielten Schaudern in der Stimme. Die Umstände ließen es angeraten erscheinen, erst zu rennen und dann Fragen zu stellen. Schließlich hatten sie einen Auftrag zu erledigen. Auf Irenes vermeintliche Kapitulation hin entspannten sich die Männer sichtlich. Irene bildete in Gedanken die Worte, ehe sie sie laut herausrief: »Staub, wirbele auf.« Sie warf sich zu Boden und rollte zur Seite. Dabei zog sie Kai mit sich. Überall wallte der Staub in die Höhe. Er kam aus jeder Ritze, blies aus jedem Winkel in die Luft und verdichtete sich zu einer Wolke, die das Atmen unmöglich machte und in den Augen brannte. Einer der Männer feuerte eine kurze Salve ab. Die Kugeln zerschnitten die Luft über Kais und Irenes Köpfen. »Bleibt, wo ihr seid!«, schrie einer der Gangster. »Oder wir schießen!« Kai und Irene verstanden sich wortlos. Sie rappelten sich auf und traten ihre Flucht zur Seite an. Dabei packte Irene Kai am Ärmel. Sie durften auf keinen Fall getrennt werden. In ein paar Sekunden standen sie hoffentlich nicht mehr in der Schusslinie dieser Gangster. Es war eine Flucht wie aus dem Lehrbuch. In einer idealen Welt wäre sie nicht dadurch vereitelt worden, dass Irene auf einen losen Mauerstein trat, sich den Knöchel verdrehte und mit einem hörbaren Schlag hinfiel, während Kais Ärmel durch ihre Finger schlüpfte. Sie wollte sich hochrappeln, als der Mann namens Rob bereits über ihr war. Er richtete die Maschinenpistole auf sie. In seinen geröteten und verquollenen Augen zeigte sich keine Spur von Nachsicht. Irene begriff, dass er wirklich bereit war zu schießen, sobald sie auch nur den geringsten Versuch unternahm, abermals zu flüchten. Sie hob die Hände. »Ich ergebe mich. Aber mein Begleiter ist leider über alle Berge.« Kai würde sich, ohne zu zögern, in Sicherheit bringen, so lautete der Befehl in diesen Fällen, egal, wie sehr er es in diesem Moment bereuen mochte, sie zurückzulassen. Sie war selbst nicht glücklich darüber, musste sie zugeben. Aber wenigstens war einer von ihnen noch auf freiem Fuß. Robs Gestalt, von Staub eingenebelt, ragte über ihr auf. »Auf die Füße«, befahl er. Irene zog sich unter Schmerzen in aufrechte Position. »Ich habe mir den Knöchel verstaucht.« »Dann hüpfen Sie eben«, sagte Rob. »Wir machen schön langsam.« Irene humpelte los. Sie übertrieb ihre Schmerzen ein wenig. Die beiden Männer hielten sich nur wenige Schritte hinter ihr, so nah, dass Irene nicht zur Seite springen und fortlaufen konnte, aber weit genug entfernt, um außerhalb ihrer Reichweite zu bleiben. Sie konnte also auch nicht herumwirbeln und sie packen. Sie musste zugeben, dass sie es mit Profis zu tun hatte. Der Gedanke brachte sie dazu, sich zu beruhigen. Denn das verringerte immerhin die Wahrscheinlichkeit, dass man sie aus Versehen erschoss. Die Männer führten sie zu einer Tür. Sie ging seitlich von dem Säulengang ab, war allerdings mit Brettern verrammelt. Davor stand ein dritter Ganove und schob Wache, Maschinenpistole Nummer drei im Arm. Bei Irenes Anblick machte er große Augen. Er nickte seinen beiden Kumpanen schweigend zu. »Sag dem Boss Bescheid, Pete«, befahl Rob. »Wir haben jemanden, mit dem er sprechen will.« »Was, wenn er nicht da ist?«, fragte Pete. »Er war ein paar Tage nicht in der Stadt. Wisst ihr doch.« »Die Lady sollte schwer drauf hoffen, dass er da ist, sonst muss sie’s noch ’ne Weile länger auf ihrem angeknacksten Knöchel aushalten. Geh schon, Pete. Guck, ob er da ist. Und beeil dich. Die Cops fangen noch an, hier rumzuschnüffeln.« Murrend stellte Pete die Maschinenpistole ab – in gebührendem Abstand zu Irene – und verschwand durch die Tür. Die Bretter schienen nicht angenagelt, sondern mit Panzertape befestigt zu sein. Sie ließen sich jedenfalls mühelos zur Seite schieben. Die Wirkung war wohl eher zur Abschreckung gedacht, nicht als richtige Barrikade. Irene fragte sich, ob sie Kai ein Zeichen geben oder zuerst versuchen sollte, Informationen aus diesem Boss herauszubekommen. Ihr Bedürfnis nach Antworten siegte. »Darf ich mich wenigstens hinsetzen?«, fragte sie. »Klar, aber lassen Sie die Hände da, wo ich sie sehen kann«, sagte Rob. »Zigarette?« »Danke, nein.« Irene setzte sich mit einem erleichterten Seufzer auf den Boden und rieb sich ihren Knöchel. Je eher sie diese Typen davon überzeugen konnte, dass sie hilflos war, desto besser. »Wie Sie wollen.« Trotz mehrerer Versuche ließ sich Rob in kein Gespräch verwickeln, und irgendwann gab Irene auf. Sie hoffte, dass wenigstens Kai jetzt nicht so untätig herumsaß wie sie. Diesmal, dachte sie bitter, haben wir beide nichts zum Lesen. Nach einer Viertelstunde ging die verbarrikadierte Tür auf, und Pete sah nach draußen. »Er ist da«, sagte er, »derselbe Wagen wie immer.« Rob setzte die Tommy-Gun ab und zog aus einem Schulterholster unter seinem Mantel einen Revolver hervor. Er hielt Irene in Schach, während sein Kumpan dasselbe tat. »Wir geh’n jetzt raus«, erklärte er ihr. »Über den Bürgersteig zu dem Wagen da draußen. Sie benehmen sich weiterhin artig, Miss, verstanden?« »Ich wünschte, Sie würden mir endlich erklären, was los ist«, sagte Irene. »Sorry.« Rob schnaubte. »Der Teil steht nicht in meiner Jobbeschreibung.« Er hakte Irene unter und drückte ihr den Lauf des Revolvers in die Seite, und zwar so, dass man die Waffe von außen nicht sehen konnte. Dann traten sie auf die Straße und gingen auf eine Limousine zu, die am Bürgersteig hielt und wartete. Der zweite Ganove folgte in kurzem Abstand hinterdrein. Auf der Straße herrschte dichter Verkehr. Taxen rauschten vorbei, Fußgänger kreuzten oder kamen ihnen entgegen. Es war ungewohnt, so viele Leute ohne die Halstücher oder Hutschleier zu sehen, an die Irene sich in Vales Welt so sehr gewöhnt hatte. Ohne Zweifel waren sie ein Zugeständnis an die Mode einerseits und an die Luftverschmutzung andererseits. Aber hier gab man sich lässig, was besonders an den sorgfältig zurechtgeschobenen Kopfbedeckungen zu sehen war. Die Männer trugen Fedoras, die Frauen Glockenhüte. Alle waren in kräftige Farben gekleidet, denen man die Fortschritte in Sachen günstiger industrieller Färbung ansah. Die öffentliche Betriebsamkeit unterschied sich von dem leisen Dahingleiten in Vales Welt. Leute riefen einander im Vorbeigehen zu oder unterhielten sich laut; in Vales London huschte jeder nur durch den dichten Nebel und murmelte allenfalls eine Begrüßung, wie aus Angst, jemanden zu belästigen, wenn man ihn lauter ansprach. Irene fiel jedoch auf, dass von den vielen Menschen kaum einer auf sie und ihre beiden Begleiter achtete. Wer sie einmal entdeckt hatte, sah kein zweites Mal hin. Die Leute schienen sich plötzlich sogar richtig Mühe zu geben, nicht herzuschauen und sich ganz in die schüchternen Einwohner Londons zu verwandeln. Es verriet Irene einiges darüber, wie unbehindert das organisierte Verbrechen in diesem Boston florierte. Die Limousine am Straßenrand hatte abgedunkelte Scheiben. Irene konnte nicht hineinschauen. Ihre letzte Gelegenheit zu fliehen war jetzt. Sie bemerkte, dass der Wagen nicht im Leerlauf wartete, sondern mit ausgeschaltetem Motor dastand. Nach dem Einsteigen würden ihr zumindest ein paar Sekunden bleiben, um auf sich aufmerksam zu machen oder eine Warnung abzusetzen, ehe die Ganoven den Wagen starten und mit ihr davonfahren würden. Sie würde Zeit genug haben, irgendetwas zu tun. Deshalb beschloss sie kurzerhand, das Spiel mitzuspielen. »Rein«, befahl Rob. Der andere Mann hielt die Hintertür des Wagens offen und unterhielt sich leise mit demjenigen, der darin saß. Irene verstand kein Wort. Sie achtete darauf, ihr Humpeln auch weiterhin zu übertreiben, setzte den Fuß auf das Trittbrett und rutschte mit eingezogenem Kopf auf die dunkle Rückbank. Dort saß ein Mann. Irene konnte ihn erst sehen, als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Aber sie erkannte sofort, dass es sich um einen Drachen handelte. Er trug einen Dreiteiler in demselben Stil, den auch die Ganoven anhatten, doch sein Anzug hob sich gefühlt hundertfach von den anderen ab. Er war von erlesener Qualität und offensichtlich sehr teuer. Für Irene, die einiges über Drachen wusste, stellte das keine Überraschung dar. Ihr war bis jetzt noch kein Drache begegnet, der kein Faible für gute Kleidung besessen hätte. Zugegeben – sie hatte erst fünf Drachen getroffen, von denen sie gewusst hatte, dass es Drachen waren. Die Haut des Mannes war so blass, dass sie im Fond des Wagens zu leuchten schien. Er war attraktiv, sein Profil schien wie gemacht dafür, in Marmor gemeißelt zu werden. Allerdings verfügte er auch nicht über jenes Maß an gefährlicher Perfektion, die einen hinreißen konnte, wie etwa Kai oder Li Ming. Hatte sie es etwa geschafft, innerhalb ihrer ersten Stunde in dieser Welt Qing Song über den Weg zu laufen? Das wäre mehr als unvorteilhaft. »Wären Sie so freundlich, mir mitzuteilen, wer Sie sind?«, fragte er. »Es muss ein Schock für Sie sein, die Bibliothek in Trümmern vorzufinden.« Vielleicht glaubte er, dass er es nur mit einer Anwärterin zu tun hatte oder mit einer Bibliothekarin, die noch nie einem Drachen begegnet war. Dann war es also nicht Qing Song. Ein Drache von Jin Zhis Rang hätte Irenes Wahrnehmung mit seiner Macht stärker bedrängt. Und er wäre einer Fremden gegenüber nicht so höflich gewesen. Um wen handelte es sich dann? Irene blieb keine andere Wahl, als sich auf ihr Gefühl zu verlassen und möglichst harmlos zu tun. Ganz offensichtlich hatte er damit gerechnet, dass Bibliothekare bei der zerstörten Bibliothek eintrafen. Wenn das nichts mit Evariste zu tun hatte, musste Irene sich schon sehr irren. »Gott sei Dank«, platzte sie heraus. »Ich hatte schon gefürchtet, von Elfen entführt zu werden. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin.« Er ließ eine Augenbraue nach oben wandern. »Erleichtert?« Irene meinte zu spüren, wie die Anspannung von ihrem Gegenüber abfiel. Er ging davon aus, es mit einer beschränkten und berechenbaren Person zu tun zu haben, und sie hatte ihm genau das gesagt, was er hören wollte. »Na ja, darüber, einen Drachen zu sehen. Nicht dass ich schon vielen Drachen begegnet wäre …« Sie legte die Finger an die Lippen wie ein ehrfürchtiger Teenager, der seinem Pop-Idol gegenübersaß. »Oh, ich bitte um Entschuldigung, ich plappere immer so viel, wenn ich aufgeregt bin. Ich heiße Marguerite. Und wer sind Sie?« »Hu«, sagte er. Ihre Augen hatten sich mittlerweile an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Der Mann hatte helles, kupferfarbenes Haar. Sein Anzug war rötlichbraun, die Krawatte und die Manschettenknöpfe waren dunkelgrün. »Sie sind eine Bibliothekarin, nehme ich an?« Eines der wenigen Dinge, die sie von Kai über Drachen erfahren hatte, betraf die Wahl ihrer Farben. Soweit die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vor Ort es zuließen, zogen die meisten es vor, Kleidung zu tragen, die ihrer natürlichen Färbung entsprach. Oft kombinierten sie diese Farben mehr oder weniger dezent mit den Farben ihres jeweiligen Herrscherhauses. Der Drache, dem Hu unterstellt war, musste in seiner wahren Gestalt also dunkelgrün sein. Sie behielt dieses Detail im Hinterkopf für den Fall, dass es später noch einmal wichtig sein würde. Zunächst musste sie den Anschein erwecken, dass sie naiv und unschuldig war. Um nicht zu sagen: vollkommen begriffsstutzig. »Ich hätte gleich sagen sollen, dass ich Bibliothekarin bin.« Sie nickte eifrig. »Aber das haben Sie ja längst gewusst. Haben Ihre Männer Ihnen berichtet, dass ich mich seltsam aufgeführt habe?« »In der Tat, sie haben eine Rauchbombe erwähnt. Ganz zu schweigen von zwei auffällig gekleideten Fremden, die die Bibliothek verlassen wollten, ohne sie jemals betreten zu haben …« Er breitete die Hände aus. »Es war eine naheliegende Vermutung, dass die Bibliothek dahintersteckt.« Irene nickte. »Aber ja, das ist einleuchtend. Es hätte wohl auch niemand sonst auf den ersten Blick bemerkt, dass Sie ein Drache sind, nicht wahr? Ich hoffe, es war jetzt nicht unhöflich, das zu sagen.« Übertrieb sie es mit ihrer niedlichen Naivität nicht ein bisschen? Sie beugte sich vor. »Verraten Sie mir: Warum haben Sie Ihren Leuten denn befohlen, mich mit einer Maschinenpistole hierherzubringen? Die Bibliothek und die Drachen haben Frieden.« »Das stimmt, aber diese Welt befindet sich in umkämpftem Gebiet.« Hu lehnte sich zurück. »Wir müssen permanent auf der Hut vor Elfen sein. Sie versuchen, hier einzufallen, wann immer sie können.« Gute Erklärung, dachte Irene. Die aber leider nicht im Geringsten rechtfertigt, wieso du bewaffnete Männer postierst, damit sie eine zerstörte Bibliothek bewachen. Das hat doch mit Elfen nichts zu tun – sondern mit deiner Angst vor Bibliothekaren. Irene nickte. Sie schaute so aufrichtig drein, wie sie nur konnte, und zeigte auf die zerstörte Bibliothek. »Dann glauben Sie, das da waren Elfen?« »In der Tat. Wir hatten gehofft, eine Spur zu finden, die uns zu ihnen führt. Ich werde meinem Herrn gleich Bericht erstatten. Es tut mir leid, dass Sie zwischen die Fronten meiner Ermittlungen geraten sind, aber unter diesen Umständen …« Er ließ sich zu einem eleganten Achselzucken hinreißen. »Aber ich bitte Sie, keine Entschuldigungen! Unsere Begegnung hat mich so Vieles gelehrt«, sagte Irene. Wenigstens eine Sache, die stimmte. Wenn auch auf andere Weise, als er glauben mochte. Irene wusste zwar noch nicht, was Hu im Schilde führte, aber sie war fest davon überzeugt, dass sie ihn im Auge behalten musste. »Wenn die Elfen das angerichtet haben, dann können Sie mir vielleicht sagen, von wo aus sie zuschlagen? Und unter wessen Befehl?« »Meine Männer sind mit den Untersuchungen beschäftigt«, sagte Hu. Er deutete auf die Überreste der Bibliothek. »Das da ist erst vor wenigen Tagen passiert. Ich bin noch dabei, Einzelheiten zu klären. Die Polizei hat eine Patrouille eingerichtet, die vor der Ruine Streife fährt. Wir halten uns also besser nicht zu lange hier auf. Übrigens, was hat es mit der zweiten Person auf sich, von der meine Männer berichtet haben? Ich kann mich in aller Regel auf sie verlassen. War das noch ein Bibliothekar?« Irene tat schon fast der Nacken weh vom vielen Nicken. »Mein Mentor. Wir haben natürlich sofort versucht zu entkommen, als Ihre Männer uns gestellt haben. Ihm ist es gelungen, mir nicht. Aber er und ich treffen uns später wieder, so ist es abgemacht, wenn …« »Und wie lautet Ihr Auftrag?«, fragte Hu ganz nebenbei. In diesem Moment hätte wohl sogar eine unsichere und überforderte Bibliotheksanwärterin gefürchtet, zu viel zu verraten – und sie beschloss, ihre Rolle auf den Gipfel zu treiben. »I-ich … Es … Also, wir …« Sie stammelte. »D-das Ganze hat nicht das Geringste mit Drachen zu tun, wirklich nicht! Im Gegenteil geradezu. Und jetzt, wo Sie mir bestätigt haben, dass die Elfen die Bibliothek zerstört haben, wissen wir endlich, wonach wir Ausschau halten müssen. Ich verspreche Ihnen hoch und heilig, dass wir Ihren Ermittlungen nicht wieder in die Quere kommen.« Hu schwieg. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er wieder sprach. Ob er die Lüge schluckte? Irene spürte ihr Herz in ihrer Brust pochen. Dann lächelte er. »Wir werden selbstverständlich alles in unserer Macht Stehende tun, um Ihnen zu helfen.« Er streckte die Hand aus und tätschelte beruhigend ihr Handgelenk. »Wir haben immer gut mit der Bibliothek zusammengearbeitet. Ach, vielleicht kennen Sie einige der Agenten, die schon hier waren? Petronia, Julian, Evariste …?« Irene hätte schwören können, dass sie ihren Gesichtsausdruck im Griff hatte. Aber ihren Pulsschlag konnte sie nicht ganz so sicher kontrollieren. Wenn du eine Reaktion nicht verbergen kannst, sagte sie sich in Gedanken, dann überspiel sie schnell mit einer anderen. Sie senkte den Blick und schaute auf seine Hand, die sanft ihren Arm berührte. Der Moment mit Kai im Fahrstuhl … Sie rief sich ins Gedächtnis, wie sie sich an ihm festgehalten hatte. Endlich spürte sie, dass sie rot wurde. »Äh, also, nein. I-ich glaube nicht.« Sie hauchte die Worte. Er zog die Hand eilig zurück. Die Bewegung sagte weniger etwas wie: Verführen werde ich dich später, im Moment bin ich zu beschäftigt, wie der Elf Lord Silver, der berüchtigtste Charmeur und Frauenheld in Vales London, es vermittelt hätte. So las es sich eher wie: Ihr armen, bemitleidenswerten Menschen, ihr könnt einfach nicht anders. Das war exakt die Haltung, auf die Irene gehofft hatte. Sie behielt ihr schüchternes und ehrfürchtiges Gebaren bei. Dabei fragte sie sich, ob er überhaupt bemerkt hatte, dass er sich soeben verraten hatte: Er hatte die Namen der Bibliothekare genannt. »Ich sollte jetzt wirklich gehen, mein Mentor … Er macht sich sonst Sorgen.« Sie spielte mit dem Gedanken, über ihr Handgelenk zu streicheln, wie um seiner Berührung nachzuspüren. Aber wahrscheinlich wäre das zu viel des Guten gewesen. »Besteht denn die Möglichkeit, dass wir vielleicht in Kontakt bleiben?«, fragte sie. »Nur theoretisch, meine ich.« Er griff in seine Taschen und holte ein Etui mit Visitenkarten hervor. Er gab ihr eine. Es stand eine Telefonnummer darauf, sonst nichts. »Rufen Sie dort an und hinterlassen Sie eine Nachricht, dann werde ich mich gerne wieder bei Ihnen melden – und Ihrem Mentor. Mit etwas Glück werden wir die Elfen, die das getan haben, schon bald zur Rechenschaft ziehen. Ach, wo darf ich Sie absetzen?« »Nein, ich bitte Sie, machen Sie sich nur keine Umstände. Ich werde zu Fuß gehen.« Sie schob die Karte in eine ihrer Taschen. »Ich bin Ihnen so dankbar, Herr Hu. Danke vielmals.« Sie hätte ihn eigentlich lieber mit Fragen gelöchert, wie zum Beispiel der, wer denn dieser Gebieter war, dem er Bericht zu erstatten hatte. Leider musste sie einsehen, dass es wahrscheinlich besser war, erst einmal dafür zu sorgen, dass sie lebendig aus dieser Limousine herauskam. Sie wusste mehr als vorher, und das war immerhin etwas. »Gern geschehen«, sagte Hu, »es war das Mindeste, was ich tun konnte.« Wenn du auch nur irgendetwas mit der Zerstörung dieser Bibliothek zu tun hast, Bürschchen, dann wird es definitiv das Letzte gewesen sein, was du tun konntest, dachte Irene. Sie erging sich in Dankesbekundungen, bis Hu sie entnervt entließ. Rob, der die ganze Zeit lässig an der geschlossenen Wagentür gelehnt hatte, nickte ihr zu, ehe sie sich umwandte und ging. Kai war nirgends zu sehen, aber Irene wusste, dass er in günstiger Position auf der Lauer gelegen und den Wagen beobachtet hatte. Wahrscheinlich behielt er sie auch jetzt im Blick. Beiläufig hob sie die Hand und spreizte die Finger, um ihm ein Zeichen zu geben, von dem sie wusste, dass sie es beide kannten. Fünf Minuten. Sie lief über den Gehsteig die Straße hinunter. Widerwillig spürte sie den rauschhaften Erregungszustand in sich aufsteigen, den jeder Bibliothekar kannte, der soeben in eine für ihn neue Alternativwelt gelangt war. Trotz des dringenden Auftrages, der sie hierhergeführt hatte, war auch Irene empfänglich für den Reiz des Unbekannten – die fremdartige Umgebung, diese ungewohnte Art, sich zu kleiden … Im Grunde war alles ungewohnt. Die Straßen schienen offener und weitläufiger zu sein als die meisten Londoner Alleen. Die Straßenlaternen badeten sie in hellem Schein, die Verlockungen der Schaufenster verliehen ihnen Glanz. Die schlichte schwarze, marineblaue oder graue Kleidung der Londoner suchte man hier vergeblich. In dem frühabendlichen Gewühl, in dem Irene vorwärtsdrängte, schimmerten weiße Pelzkrägen, glänzten Jacketts aus Seide und Viskose, steckten Männer in breitschultrigen Anzügen, die sie gleich viel kräftiger aussehen ließen. Die Köpfe der Frauen schmiegten sich unter schmal geschnittene Glockenhüte. Die Hüte selbst waren mit Bändern in verschiedensten Farben und Aufmachungen verziert, als wollten die Trägerinnen mittels Codierung ihre Absichten vermitteln. Die Filzhüte der Männer saßen in solch abenteuerlichen Winkeln auf ihren gepflegten Frisuren, dass Irene darüber staunte, dass sie nicht herunterfielen. Selbst die Parfüms, die die Leute hier aufgelegt hatten, waren neu, anders, ungewohnt. Synthetisch hergestellte Veilchen- und Rosendüfte vermischten sich mit dem Zigarettenrauch, der einen auf Schritt und Tritt verfolgte, denn Männer wie Frauen rauchten gleichermaßen. An einer Straßenkreuzung klappte von einer Ampel ein altmodisches Hinweissignal herunter, und langgestreckte Limousinen setzten sich mit grollenden Motoren in Bewegung, glitten die Straßen entlang wie Wölfe auf der Pirsch im Großstadtdschungel. Und alles lag im Schatten hoher, unglaublich hoher Gebäude. Sie reckten sich Dutzende Stockwerke in den Himmel über Irenes Kopf. Ihre Gedanken wanderten allmählich wieder zu der bevorstehenden Mission. Es gab so viel zu tun: Sie mussten zur Bank, um das Geld und die Ausweispapiere zu sichern. Sie brauchten neue Kleidung, wenn sie sich wirklich unauffällig bewegen wollten. Vor allem aber galt es, Evariste zu finden. Aber sie mussten mit all dem warten, bis sie ihre Verfolger abgeschüttelt hatten. Selbst wenn sie Hu davon überzeugt hatte, dass sie nichts als ein ahnungsloser Grünschnabel war, so würde er sie doch ganz sicher beschatten lassen. Und im Augenblick war Hu der Letzte, von dem Irene wollte, dass er ihren Aufenthaltsort erfuhr. Dazu gab es zu vieles, was sie vorher über ihn herausfinden musste. SIEBTES KAPITEL Es war nach Mitternacht, als Kai und Irene zum ersten Mal stehenblieben. Sie hatten sich vor der Northern Bank wiedergetroffen, kurz bevor sie schloss. Irene hatte die Männer längst bemerkt, die ihr die ganze Zeit über gefolgt waren. Wenn sie stehengeblieben war, hatten sie sich plötzlich interessiert einem Schaufenster oder einer Zeitungsauslage zugewandt. Dabei rückten ihre Verfolger stets etwas näher als das Mal zuvor, wenn sie nach dem Weg gefragt oder sich umgeblickt hatten. Hu ließ sie nicht einfach so gehen, das stand fest. Er hielt sie an der langen Leine, wahrscheinlich in der Hoffnung, auch den zweiten Bibliothekar zu Gesicht zu bekommen, ihren vermeintlichen Mentor. Irene und Kai ließen es so aussehen, als beträten sie die Northern Bank rein zufällig zur selben Zeit; zwei einfache Kunden, die nichts miteinander zu tun hatten. Ob sie ihre Verfolger damit wirklich hereinlegen konnten, würde sich zeigen. Nachdem Irene um ein privates Gespräch mit einem Bankangestellten gebeten hatte, wurden sie und Kai in ein Nebenzimmer geführt, in dem sie ungestört waren – zumindest ein kleiner Vorteil. Sie überzeugte den Angestellten mit der Sprache davon, dass sie sich nicht auszuweisen brauchte, um an den Inhalt des Schließfachs zu kommen. Dankbarerweise lag in dem Fach eine beträchtliche Menge Geld. Die Ausweise, die der vorige Bibliothekar zusammen mit der einheimischen Währung hier hinterlegt hatte, nahmen sie ebenfalls mit. Leider waren sie nicht mehr gültig. Mit der Ausrede, lästigen Zeitungsreportern aus dem Weg gehen zu wollen, fragten sie sich zum Hinterausgang durch. Danach hatten sie kein einziges Mal zurückgeblickt; aufgehalten hatte sie niemand. Zugegebenermaßen hatten Irenes Verfolger nicht mit Maschinenpistolen herumgefuchtelt oder ihnen hinterhergeschrien, dass sie stehen bleiben sollten, wenn sie sich keine Bleivergiftung einfangen wollten. Es war aber derselbe Typus, Ganoven wie Rob und seine Mitstreiter, die sie beim ersten Mal gestellt hatten – gleichmütig, professionell und unter ihren Mänteln eindeutig mit Schusswaffen ausgerüstet. Die Passanten wechselten jedes Mal die Straßenseite, wenn sie sie sahen. Wenn dazu keine Zeit mehr blieb, antworteten sie mit ängstlichem Respekt auf die Fragen, die ihnen die Männer stellten, etwa: »Haben Sie gesehen, in welche Richtung der Mann und die Frau gelaufen sind?« Irene hätte ihr neues Geld darauf gewettet, dass die Leute später behaupteten, die Männer noch nie gesehen zu haben, falls die Polizei sich nach ihnen erkundigte. Ein gutes Gedächtnis war schlecht für die Gesundheit in dieser Stadt, das sah man sofort. Nachdem Kai und Irene eine Reihe von Banken, kleineren Läden und Bars abgeklappert hatten, um ihre Verfolger loszuwerden, legten sie eine Pause ein. Sie hatten sich ein Kaufhaus ausgeguckt, das über Nacht geschlossen war. Der Wachmann am Eingang schien sich mehr für eine ruhige Schicht zu interessieren als dafür, Einbrechern das Handwerk zu legen. Er trampelte wie ein Elefant um das Gebäude, wenn er seine Runde machte, und leuchtete sorglos mit der Taschenlampe voraus, sodass man schon von der anderen Seite des Gebäudes sehen konnte, wann er kam. Einmal drinnen, konnten Kai und Irene sich in aller Ruhe hinsetzen und die nächsten Schritte besprechen. Sie wählten nicht zufällig die Ecke für Bücher und Bürobedarf. »Gib mir den dicksten Atlas, den du finden kannst«, bat Irene. Auf ihrem Weg durch das Erdgeschoss war Irene in der Schmuckabteilung stehengeblieben und hatte eine Halskette mit einem großen, aufklappbaren Anhänger entwendet. Das Medaillon war mit Kristallsteinen besetzt und glitzerte, wie um den schlechten Geschmack zu beweisen, der dahintersteckte. Nachher würden sie sich noch nach neuen Klamotten umsehen müssen. Irenes Hang zu schlichter und unauffälliger Kleidung hatte sie in dieser Welt völlig in die Irre geführt. Mit der Länge ihres Rocks bis knapp übers Knie hatte sie richtig gelegen. Davon abgesehen fielen ihre Sachen jedoch viel zu eintönig aus. Auf Schmuck hatte sie völlig verzichtet, und die Farben, die sie ausgesucht hatte, waren dunkel und trostlos. Andernorts wäre sie mit etwas Farbenfrohem und Hellem aufgefallen – hier war es genau andersrum. Außerdem hatte ihr der Glockenhut aus der Abteilung Kostüm und Requisite überhaupt nicht gestanden. Kein Wunder, dass Hus Männer ihr so leicht hatten folgen können. »Mal sehen«, murmelte Kai und schritt die Regale mit Büchern entlang. Um die Titel im düsteren Zwielicht des Kaufhauses sehen zu können, musste er ganz nah herangehen. Sie konnten kein Licht einschalten, denn das wäre zu riskant gewesen. Der durch die Fenster scheinende Mond musste genügen. Hier und dort gab es auch eine Straßenlaterne, die ihr Licht hereinsandte. »Möchtest du einen Straßenplan oder eine Landkarte?« »Eine Weltkarte«, entgegnete Irene. Sie holte das Blatt mit Evaristes Namen aus ihrer Innentasche und faltete es so klein, wie es nur ging. »Unser nächstes Ziel ist womöglich China, die Heimat des Buches, das wir suchen. Aber wir müssen herausfinden, wo genau es sich befindet, ehe wir uns ins Getümmel auf dem Flughafen stürzen.« »Klingt vernünftig«, sagte Kai. »Wie wäre es jetzt noch mit einer Erklärung dafür, warum wir in einem geschlossenen Kaufhaus übernachten und nicht in einem Hotel oder einer Pension, wo wir tatsächlich etwas Schlaf bekommen könnten?« Er zog ein Buch heraus – das dickste, das es in dem Regal gab – und brachte es Irene, die sich auf den Boden gesetzt hatte. »Und sag mir bitte noch, was ich hiermit anstellen soll.« Irene deutete mit einem Nicken auf den freien Platz vor sich. Sie legte das zu einem winzigen Viereck gefaltete Papier in den Anhänger und verschloss ihn wieder fest. »Tut mir leid, Kai. Ich war so mit Wegrennen beschäftigt, dass ich keinen Moment Zeit hatte, das weitere Vorgehen mit dir zu besprechen. Folgendes. Zuerst werde ich Evariste auf der Weltkarte suchen. Dann gehen wir shoppen.« »Ich dachte immer, du könntest keine Magie anwenden.« Kai legte den Atlas zwischen ihnen auf den Boden. Er schob ihn so hin, dass ein Strahl Mondlicht darauffiel. »So, jetzt sollten wir genügend Licht haben, um etwas zu erkennen. Und was das Shoppen betrifft – dieses Kaufhaus hat eindeutig kein Niveau.« Irene ließ den Anhänger locker an der Kette herunterbaumeln und hielt ihn vor sich. »Erstens ist das keine Magie, sondern die Sprache. Ich verfüge dank des Namens auf dem Zettel über eine direkte Verbindung zu Evariste. Ich benutze das Wort Hoffnung nicht von ungefähr, wenn ich sage: Ich hoffe, dass wir ihn damit finden werden. Dann bleibt nur noch, zu ihm zu gehen und die Angelegenheit zu bereinigen. Oder wenigstens dafür zu sorgen, dass die Bibliothek aus der Sache herausgehalten wird.« Den Rest ignorierte sie – die Klage über gewöhnliche Kleidung von der Stange hatte sie von Kai schon so oft gehört, dass sie gar nicht weiter darauf einging. Kai schwieg. Irene schlug den Atlas auf und hielt den Anhänger darüber. »Meinst du nicht, dass wir die Zerstörung der Bibliothek hier in Boston untersuchen sollten?«, begann Kai. »Falls die Elfen wirklich einen Schlag gegen die Bibliothek ausführen wollten, dann …« Irene sah ihn an und hob die Augenbraue, sagte aber nichts. »Was? Nur weil Hu dich über bestimmte Dinge belogen hat, heißt das nicht, dass alles gelogen war.« »Es geht in erster Linie nicht darum, dass jemand – ein Elf oder wer auch immer – das Portal zu unserer Bibliothek zerstört hat«, sagte Irene, während erneut Wut über die sinnlose Verwüstung in ihr aufstieg. »Es geht darum, dass eine Bibliothek vernichtet wurde, eine Bibliothek, Kai. Damit haben die Täter nicht nur mich persönlich beleidigt. Sie haben jeden einzelnen Bürger dieser Stadt angegriffen, der die Bibliothek benutzt hat, der einen winzigen Teil zu ihr beigetragen hat, der sie vielleicht auch nur in Zukunft besuchen wollte.« Der Anhänger in ihrer Hand begann am Ende seiner Kette zu zittern, und Irene musste tief Luft holen, um sich wieder in den Griff zu bekommen. »Ich werde den oder die Täter finden. Aber das hat leider keine Priorität, und zwar solange nicht, bis wir Evariste gefunden haben und wissen, was hier los ist. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Verantwortlichen früher oder später zur nächsten Polizeiwache geschleift und von einem wütenden Mob in Stücke gerissen werden.« »Irene …« Das meinst du doch nicht wirklich, schien Kai sagen zu wollen. Er hielt nach wie vor an dem Irrglauben fest, dass sie eine nette, wohlmeinende Person war. Wenn sie an die letzten Jahre zurückdachte, konnte sie wirklich nicht sagen, woran das lag. »Na schön, vergiss das mit den Stücken.« Sie wandte ihren Blick ab. »Aber erwarte nicht, dass ich Nachsicht mit jemandem habe, der Bücher vernichtet, Kai. Egal, wer es ist.« Mich selbst eingeschlossen, schoss es ihr durch den Kopf, während sie den Anhänger über der aufgeschlagenen Karte pendeln ließ. »Atlas, der vor mir liegt, blättere zu der Seite, auf der der Aufenthaltsort des Bibliothekars zu finden ist, dessen Name auf dem Zettel in dem Anhänger steht. Anhänger, zeige den genauen Ort.« Die Seiten begannen zu flattern wie von einem Windstoß berührt, dann bogen und regten sie sich immer heftiger, bis sie eine nach der anderen umgeschlagen wurden, von einem Land zum nächsten. Der Anhänger in Irenes Hand fing an zu pendeln. Sie atmete tief und gleichmäßig, wappnete sich gegen das feine, kontinuierliche Schwinden der Energie, die von der Sprache aufgezehrt wurde. Es war keine besonders große Anstrengung, nicht so belastend, wie ein halbes Dutzend Schaulustige zu täuschen oder einen Fluss gefrieren zu lassen. Aber Irene hatte einen langen Tag hinter sich und war erschöpft. »Wenn du Hu nicht kennst«, sagte sie zu Kai, den Blick weiter auf den Anhänger gerichtet, »stellt sich die Frage, wer er ist. Qing Song und Jin Zhi waren dir den Namen nach sofort bekannt, auch wenn du keinen von beiden persönlich kanntest.« »Deiner Schilderung der Art seines Auftretens nach könnte er zumindest von niederem Adel sein«, sagte Kai. »Ich kenne aber niemanden von königlicher Abstammung, der so heißt. Vielleicht dient er jemand Bedeutenderem?« »Falls ja, dann wäre dieser Jemand einer unserer beiden Kandidaten, die dem Buch hinterherjagen, oder?«, sagte Irene. »Oder er gehört einer dritten Partei an, die Einfluss auf die Situation zu nehmen versucht«, erwiderte Kai. »Schade, dass ich nicht näher an Hu herangekommen bin. Aber er darf mich auf keinen Fall sehen, soviel steht fest.« Irene nickte. Kai wollte, so gut das eben ging, vermeiden, in die Angelegenheiten anderer Drachen hineingezogen zu werden. Oder wenigstens auf keinen Fall dabei erwischt werden. Und Irene wollte das ebenso wenig. Aber auch von einem egoistischeren Standpunkt aus war es gut, seine Gegenwart in dieser Welt solange wie möglich zu verheimlichen: So konnte er besser dabei helfen, Evariste zu finden. Und ein weiterer Faktor spielte mit hinein. Es gab unter den Drachen möglicherweise bereits Gerede über Kai und sie. Wenn man ihn erkannte, konnte man mühelos darauf schließen, wer die Frau an seiner Seite war. Waren der Drache und seine menschliche Mentorin im Auftrag der Bibliothek unterwegs? Betraf dieser Auftrag die jüngsten Turbulenzen in der Drachenpolitik? Auf lange Sicht stellte sich die Frage, wie lange Irene und Kai überhaupt noch zusammenarbeiten konnten. Was, wenn sie unbeabsichtigt das Problem heraufbeschwor, das sie gerade aus der Welt schaffen wollte? Der Anschein allein, dass durch sie beide ein Bündnis zwischen Drachen und Bibliothekaren geschlossen wurde, reichte schon. Bislang hatte Irene es geschafft, sich aus Machtfragen der Drachen herauszuhalten. Im Grunde waren sie und Kai deshalb über jeden Zweifel erhaben. Sie würden allerdings die Ersten sein, auf die der Verdacht fiel, falls tatsächlich eine Verschwörung zwischen Drachen und Bibliothekaren im Gange war, egal, wo und durch wen. Die Seiten des Atlasses blieben aufgeschlagen liegen. Der Anhänger begann zu rucken. Er zog an Irenes Hand. Sie sah auf die Karte, die das Pendel gewählt hatte, und riss erstaunt die Augen auf. »Moment mal. Das ist Nordamerika, das ist hier!« »Bist du sicher, dass es funktioniert?«, fragte Kai. Irene rieb sich die Stirn. Sie hätte sich am liebsten sofort hingelegt und geschlafen. »Wenn nicht, sind wir, metaphorisch gesprochen, soeben an einem Tiefpunkt unserer Karrieren angelangt und werden im Verlauf dieser Mission womöglich sogar noch tiefer sinken. Bei dem Vergleich fällt mir ein: Gibt es nicht Drachen, die gern in Tiefseegräben leben?« »Also für meinen Geschmack wird es da unten schnell etwas eintönig«, sagte Kai. Er verzog keine Miene. War das ein Witz? Wahrscheinlich schon. Oder nicht? »Nordamerika.« Er runzelte die Stirn. »Das ergibt keinen Sinn. Wir suchen doch nach einem chinesischen Buch.« Irene nickte. Sie ließ sich alle möglichen Erklärungen durch den Kopf gehen. »Nehmen wir an, der Anhänger hat recht. Dann hat Evariste wohl einen handfesten Grund, sich hier aufzuhalten.« Sie beugte sich vor und betrachtete die Stelle auf der Landkarte Nordamerikas, auf die der Anhänger zeigte. Die Schrift war zu fein und der Maßstab der Karte zu klein, um bei diesem Licht etwas lesen oder Städte auseinanderhalten zu können. »Könntest du mir bitte einen Atlas nur von Nordamerika holen? Nord und Süd ginge auch. Und ein paar Reiseführer für Städte, falls dir welche begegnen.« Kai erschien eine Minute später wieder. Er hatte einen neuen Atlas dabei und eine Entschuldigung parat, was die Reiseführer anging. Irene wiederholte das Verfahren mit der Sprache und sah zu, wie die Seiten durchgeblättert wurden und der Anhänger hin und her pendelte. Diesmal war das Ergebnis eindeutig. »New York.« Sie deutete auf die Karte. »Es zeigt auf New York.« Kai zuckte die Achseln. »Ist zumindest näher als China.« Er schien ebenso ratlos zu sein wie sie. Irene betrachtete die vor ihr ausgebreitete Karte. »Es sind alles in allem gute dreihundert Kilometer.« »Geht am schnellsten mit dem Flugzeug«, sagte Kai. »Ich bin allerdings nicht sicher, wie häufig die Flüge gehen, ganz zu schweigen von den Sicherheitskontrollen.« Er überlegte. »Es muss doch auch eine Eisenbahnverbindung zwischen Boston und New York geben, oder? Falls wir mit dem Auto am Ende nicht sogar noch schneller wären.« »Ein Auto zu mieten heißt, Spuren zu hinterlassen«, sagte Irene. »Anmeldung, persönliche Unterlagen et cetera.« Kai setzte sich und verschränkte die Beine unter sich. »Vergiss nicht, dass Hu bestimmt alle Wege aus Boston bewachen lässt, wenn er damit rechnet, dass wir die Stadt verlassen wollen. Unterwegs könnte er uns hervorragend abfangen, was auch immer er sich davon verspricht. Aber allein heute Abend sind wir seinen Männern so oft entwischt, dass wir sicher sein können: Er will uns unbedingt in die Finger bekommen.« Irene kaute auf ihrer Unterlippe. »Mag sein. Allerdings müsste Hu seine Leute schon ziemlich weit verteilen, wenn er alle Wege im Auge behalten will – Luft, Land und Wasser. Die Chance für uns, ihm durch die Lappen zu gehen, sind nicht schlecht. Besonders, wo wir doch unser Aussehen so fachmännisch verändern werden.« »Das meintest du also mit shoppen gehen«, sagte Kai. Er schaute sich zweifelnd in dem düsteren Kaufhaus um und betrachtete die Auslagen und Kleiderständer. »Könnten wir nicht mal irgendwo einsteigen, wo die Waren etwas gediegener sind?« »Wir wollen unauffällig sein«, erinnerte Irene ihn. »Eine Sache noch«, sagte er, bevor sie Kommentare über seine Eitelkeit folgen lassen konnte. »Deine Frisur.« »Was ist damit?« Sie tastete instinktiv nach ihrem Haarknoten, um zu fühlen, ob er sich gelockert hatte. »Dein Haar ist zu lang. Hast du nicht bemerkt, dass die Frauen in deinem Alter in dieser Welt Kurzhaarfrisuren tragen, mit diesen Hüten?« »Ich habe Jahre gebraucht, es so lang wachsen zu lassen …« Irene hielt einen Moment inne und schnappte nach Luft. Sie ahnte schon, dass sie sich dessen ungeachtet damit würde abfinden müssen. Kai hatte ja recht: Alle Frauen zwischen zwanzig und vierzig, die ihnen in dieser Welt begegnet waren, hatten ihre Haare modisch kurz getragen. »Es wäre allerdings etwas einfacher, wenn du nicht so grinsen würdest. Lass mich raten: Junge Drachen werden am Königshof neben allem anderen auch in der Kunst des Haarstylings unterwiesen.« »Nein, aber ich bin immer bereit, Neues zu lernen.« Sie fanden sich bei den Kurzwaren im vierten Stock wieder, nachdem sie dem Wachmann auf seiner Patrouille einmal mehr ein Schnippchen geschlagen hatten. Irene setzte sich an einen Platz, auf den von draußen das Licht einer Straßenlaterne fiel, und Kai suchte eine geeignete Schere. Irene löste die Stecker und Haarklammern aus ihrer Frisur und seufzte. Man konnte einen richtigen kleinen Haufen aufschichten, so viele waren es. Sie beschloss, sich abzulenken. »Sag mal, dieses monarchische Drachensystem, der Hochadel, der niedere Adel, die Bediensteten, all das … Mit wie vielen Personen müssen wir eigentlich rechnen, falls Hu im Dienst eines unserer beiden Kandidaten steht? Und wie groß ist die Zahl derer, die sich möglicherweise im Hintergrund aufhalten und unerkannt mitmischen?« »Drachen agieren selten im Verborgenen«, sagte Kai. Irene hob die Brauen. »Und was ist mit denen, die sich für die schiefe Bahn entscheiden? Die ein Leben außerhalb des Gesetzes führen wollen?« »Das wirst du mich wohl nie vergessen lassen, was?« Er trat hinter sie und bündelte ihre losen Haarsträhnen zu einem Zopf. »Ich schwöre dir, eines Tages werde ich etwas aus deiner Vergangenheit in Erfahrung bringen, das dir ebenso peinlich ist. Und dann werde ich es dir ein paar Jahrzehnte lang bei jeder Gelegenheit unter die Nase reiben.« Irene versuchte, sich nicht zu sehr von den warmen Gefühlen einnehmen zu lassen, die in ihr aufstiegen, als sie die nächsten paar Jahrzehnte hörte. Wer so weit in die Zukunft plante, forderte nur unnötig das Schicksal heraus. Enttäuschungen waren vorprogrammiert. Sie war stets besser gefahren, wenn sie sich auf das konzentriert hatte, was unmittelbar bevorstand: das nächste Buch, die nächste Lektion, den nächsten Auftrag. Es war Kai, der die Vorstellung einer jahrzehntelangen Freundschaft so greifbar und selbstverständlich klingen ließ. Dann fing er ohne große Vorwarnung an zu säbeln. Irene verkniff sich mit Mühe einen Aufschrei, als sie das Ziehen spürte. »Au!«, sagte sie sanft, aber leidenschaftlich. »Bei den Leuten im Friseursalon sieht das immer so leicht aus«, meinte er verblüfft. »Könntest du bitte stillhalten?« Irene hatte noch nie daran gedacht, den Verlust ihrer beiden Ohren durch versehentliches Abtrennen auf die Gefahrenliste eines ihrer Aufträge zu setzen. Sie musste zugeben, dass das Leben im Dienst der Bibliothek immer wieder für Überraschungen gut war. »Angenommen, sowohl Jin Zhi als auch Qing Song haben Handlanger im Spiel, die das Buch für sie finden sollen. Wie viele Beteiligte wären realistisch?« Die Worte schlüpften zwischen ihren zusammengepressten Zähnen hindurch. »Du erinnerst dich sicher daran, dass ich dir einmal erzählte, dass ein junger Drache wie ich – mit königlicher Abstammung und so weiter – in der Lage ist, ein oder zwei Personen zu transportieren?« »Ja.« »Normalerweise ziemt es sich für einen Adligen nicht, etwas auf dem Rücken zu tragen, sagen wir mal so. Dabei ist es egal, ob es sich um Personen oder Gegenstände handelt. Genau aus diesem Grund haben wir Bedienstete, die das für uns tun; sie reisen als unser Gefolge. Bei lieb gewonnenen Freunden und engen Vertrauten können wir natürlich mal eine Ausnahme machen.« Er strich ihr sanft über den Nacken – eine Berührung, die eher liebevoll als verführerisch gemeint schien und trotzdem beides sehr überzeugend vermittelte. »Na schön.« Irene gab sich Mühe, die von seinen Fingern ausgehende Zärtlichkeit so gut es ging zu ignorieren. »Korrigier mich bitte, wenn ich falschliege, aber Jin Zhi und Qing Song sind keine direkten Verwandten von Königsfamilien, gehören aber dennoch zum Hochadel, richtig? Sie sind mächtig genug, um auf eigene Faust zwischen den Welten zu wechseln. Aber sind sie auch so stark, dass sie mehrere Bedienstete von einer Welt zur nächsten tragen könnten?« »Vermutlich schon«, sagte Kai. Das Ziehen an ihrer Kopfhaut ließ nach, und kühle Luft strich um ihren Nacken. »Ein halbes Dutzend würden sie im Extremfall schon schaffen. Aber wahrscheinlich sind es eher zwei oder drei. Wer aus einer hohen adligen Familie stammt, kommt in der Regel ohne Bedienstete nicht aus.« »Klar«, sagte Irene. »Wer sollte sonst die edlen Hotelzimmer buchen, die Ganoven schmieren und die ganzen anstrengenden Recherchen durchführen?« Sie hätte sich zu ihm herumgedreht und einen frechen Blick aufgesetzt, doch er war mit der Schere zu Gange, und sie wollte es ihm nicht schwerer machen, als es war. »Dich hat es, soweit ich mich erinnere, nie nach Dienstpersonal verlangt.« »Dafür bin ich zu jung«, sagte Kai. Das kalte Schneideblatt der Schere streifte kurz ihre Haut. »Wenn ich älter wäre, würde man es von mir erwarten. Weil ich dann mit wichtigen Angelegenheiten betraut werde. Ich werde mindestens einen Assistenten und einen Bodyguard haben, wie mein Onkel Li Ming.« »An ihn hat Hu mich erinnert«, sagte Irene. Sie dachte an die vielsagenden Momente auf der Rückbank der Limousine. »An Li Ming?«, fragte Kai. »Ja, es war die Art, wie er mich behandelt hat.« Irene gestikulierte, ohne ihren Kopf zu sehr zu bewegen. »Diese Haltung und Form von Autorität, die er ausgestrahlt hat. Außerdem hat er etwas von einem Herrn gesagt, dem er Bericht erstatten will. Ich sage dir, er ist nicht einfach ein Dienstbote. Er ist jemandes persönlicher Assistent, ein enger Vertrauter.« »Das verrät mir leider immer noch nicht, wer er ist. Den Kopf etwas nach links, bitte. Danke.« Das Blatt der Schere strich erneut zart über Irenes Haut. »Du kennst auch nicht sämtliche Kolleginnen und Kollegen in der Bibliothek«, rechtfertigte er sich. »Und es gibt viel mehr Drachen als Bibliothekare.« Irene musste es spätestens jetzt zugeben: Der Umstand, dass Kai nicht jeden Drachen kannte, irritierte sie bisweilen und kam ihr immer wie unerfreuliches Pech vor. Sie setzte schnell eine Unschuldsmiene auf. »Kann ein Drache eigentlich seine gesellschaftliche Stellung verbessern und in einen höheren Rang erhoben werden? Zum Beispiel als Auszeichnung für besondere Leistungen?« Schweigen. Kai sagte nichts. Nur die Schere klickte leise. Irene glaubte zu spüren, wie er mehrere mögliche Antworten formulierte und wieder verwarf. Waren die Feinheiten der Rangfolge unter Drachen vielleicht nicht für die Ohren einer Bibliothekarin bestimmt? »Also«, rückte er endlich mit der Sprache heraus, »es gibt zumindest gewisse Vorgaben. Die Verwandtschaftsverhältnisse sind eine sehr wichtige Komponente. Die Blutlinien. Du kannst es nicht damit vergleichen, wie es bei Bibliothekaren ist. Manche Drachen gelten von Geburt an mehr als andere. Vergiss nicht, dass auch die meisten menschlichen Kulturen dieses Konzept kennen. Die Persönlichkeit des Einzelnen sowie seine Fähigkeiten spielen natürlich in die Standesfrage mit hinein. Loyalität und besondere Leistungen werden aber zweifellos honoriert. In der Bibliothek ist das allerdings doch etwas ganz anderes …« Kais rechtfertigender Ton rührte ohne Frage daher, dass er genau wusste, wie ablehnend Irene dem Konzept der Überlegenheit durch Geburt gegenüberstand. Was ihn betraf, war er da anderer Meinung, zeigte sich aber stets rücksichtsvoll gegenüber dem, was er als menschliche Empfindsamkeiten bezeichnete. Die Nachsicht von Drachen gegenüber niederen Geschöpfen war bekanntlich unerschöpflich. Wer bin ich, das zu beurteilen?, fragte sich Irene in Gedanken. Eine grenzenlose Erschöpfung überfiel sie im selben Moment. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt, indem sie Bücher stahl. Im Prinzip ging es dabei vielleicht darum, das Gleichgewicht des Universums zu bewahren, aber am Ende blieb es Diebstahl. Wie konnte sie sich anmaßen, über höhere moralische Einsichten zu verfügen? »So, na bitte.« Kai strich ihre Haare zurück, und es fühlte sich für einen Moment an, als streichle er ihr zärtlich über den Kopf, ehe er einen Schritt zurücktrat. »Was sagst du?« Irene stand auf und stellte sich vor den nächsten Spiegel. Sie war überrascht: Ihre neue Frisur wirkte durchaus elegant. »Gar nicht schlecht«, meinte sie. Kai zuckte die Achseln. Kinderspiel. Aber hinter seiner Fassade sah er erleichtert aus. »Und jetzt? Was kommt als Nächstes?« »Wir verbrennen meine abgeschnittenen Haare, damit niemand sie als Drachengegenstand benutzen und uns folgen kann. Dann suchen wir uns etwas zum Anziehen, packen alles in einen Koffer …« Sie bemerkte seinen widerspenstigen Gesichtsausdruck und brach ab. »Ja, einverstanden, wir werden einen entsprechenden Betrag in eine der Kassen legen. Und dann auf zum Bahnhof und in den nächsten Zug nach New York. Oh!« Sie hob die Hand. »Diesmal sollten wir uns etwas zum Lesen mitnehmen. Sonst sitzen wir am Ende wieder da und langweilen uns. Vor allem auf einer langen Zugfahrt.« ACHTES KAPITEL Der Zug näherte sich mit Quietschen und Rattern dem New Yorker Bahnhof, während sich am Horizont die Morgendämmerung ausbreitete. Sie gab der soeben erwachenden Welt mit ihrem Licht die Farbe wieder, wie Irene sah, als sie einen Blick aus dem Fenster warf. Sie war noch benommen vom Schlaf und musste sich überwinden, richtig wach zu werden. Die ländlichen Gebiete, die unentwegt an ihrem Fenster vorbeigezogen waren, lagen hinter ihnen. Die Villen und Anwesen in den Vororten mit ihren weiten Grünflächen und ihren Natursteinmauern, hinter denen die Reichen und Mächtigen lebten, blieben zurück. Der Zug glitt auf einem Wirrwarr über Kreuz liegender Gleise an Lagerhäusern und Fabrikgebäuden vorbei. Rote Ziegelsteinmauern wechselten sich schon bald mit grauen Ziegelsteinmauern ab, dazwischen war Beton, während weiter vorn die Stadt in Sicht kam. Die Morgendämmerung, längst kein schmaler Streifen mehr, glänzte auf den Dächern mehrstöckiger Gebäude und spiegelte sich in den Fassaden der Wolkenkratzer. Die Metropole schien in diesem Augenblick in Silber und Elfenbein gefasst, ihre Fenster erwiderten düster Irenes Blicke unter einem klaren Himmel. Im Vergleich zum nebelverhangenen London in Vales Welt erschien ihr dieser Himmel geradezu unnatürlich sauber, und darunter öffnete sich die Stadt wie eine Schatzkiste, die voller Möglichkeiten steckte. Kai schlief. Der Hut lag halb auf seinem Gesicht, sein Atem ging gleichmäßig. Die übrigen Fahrgäste im Abteil wurden allmählich wach, rieben sich die Augen oder streckten sich. Die Frauen holten Puderdosen hervor und prüften ihr Make-up, zogen ihren Lippenstift nach und puderten sich die Wangen. Zwei ältere Männer, die fast die ganze Nacht Dame gespielt hatten, räumten ihre Figuren und das Spielbrett ab. Sie unterhielten sich leise miteinander, ein slawischer Dialekt, den Irene kaum verstand, ihre Münder verborgen von grauweißen Bärten. Im Abteil wurde es laut, als eine Gruppe Reisender zu plaudern begann. Drei junge Männer zündeten sich fast gleichzeitig Zigaretten an. Ihre Jacketts waren billig und einfach geschnitten, doch sie betrachteten die Welt um sich herum mit spöttischen Blicken. Währenddessen rumpelte der Zug weiter durch die Stadt. Neubauten und Wohnhäuser glitten vorbei, und Irene konnte durch die Fenster spähen und heimliche Blicke in fremde Leben werfen, die an ihr vorüberzogen. Eine Mutter, die ihre Kinder um den Frühstückstisch versammelte. Ein Junge, der sich mit einem großen Fotoapparat aus einem Fenster lehnte. Sie waren ohne Zwischenfälle zum Bahnhof North Union Station in Boston gelangt und losgefahren, von ihren Verfolgern keine Spur. Mitten in der Nacht waren leider nur wenige Reisegäste unterwegs gewesen, sodass sie nicht in einer Menge auf dem Bahnsteig hatten untertauchen können. Das Gute daran war, dass Kai und sie jeden potenziellen Ganoven, der ihnen folgte, rasch bemerkt hätten. Wahrscheinlich war es nur Glück, aber Hu schien ihre Spur fürs Erste verloren zu haben. Was immer er sich davon versprach, sie in die Finger zu bekommen, er würde sich noch etwas gedulden müssen. Die paar Stunden Schlaf im Waggon hatte Irenes Laune merklich gehoben, aber sie war immer noch nicht ganz wach. Zuerst brauchte sie einen Kaffee, ein ordentliches Frühstück und ein Badezimmer. Mit ihren Überlegungen, was eigentlich vor sich ging, war sie auch kein Stück weitergekommen. Sie konnte nur vermuten, dass nichts Gutes dahintersteckte. Den Schlaf jedenfalls hatte sie dringend nötig gehabt … Gähnende Tunnelöffnungen verschlangen ihren Zug, und in Dunkelheit ging es weiter Richtung Stadt. Die Waggons ratterten, die Räder des Zuges stimmten ein hohes Kreischen an. Das einzige Licht kam von kleinen elektrischen Lampen unter dem Waggonhimmel. Die Kulisse lud zu paranoiden Wahnvorstellungen ein, und tatsächlich gab es in diesem Moment keine Möglichkeiten zu entkommen. Irene spürte, wie sich ihre Wahrnehmung von der Stadt veränderte. Eben noch eine Schatzkiste voller Möglichkeiten, stellte sie sich nun als Falle dar, aus der es kein Entrinnen gab, und der Zug raste unaufhaltsam hinein. Sie atmete durch. Es würde nichts an der Situation ändern, wenn sie gedanklich auf ihren Nägeln kaute und sich Sorgen machte. Sie griff hinüber und stupste Kai wach. »Aufwachen. Grand Central Station, gleich sind wir da.« Kai schob mit einer Hand seinen Hut zurück, um die Welt einer ersten, zaghaften Prüfung zu unterziehen. »Ein paar Minuten haben wir bestimmt noch, möchte ich wetten.« »Nicht wirklich.« Irene holte ihre eigene Puderdose hervor und besah sich im Spiegel. Ihre Erscheinung war einigermaßen annehmbar. Zumindest sah sie unauffällig genug aus, um keine Blicke auf sich zu ziehen. So sollte es sein. »Ich hoffe nur, dass wir diese Sache so schnell wie möglich aus dem Weg schaffen können, und dann ab nach Hause.« Endlich rumpelte der Zug auf das Haltegleis des New Yorker Bahnhofs. Aus der Finsternis des Tunnels kamen sie direkt auf einem weiß gekachelten Bahnsteig zum Stehen, in den mit Mosaiksteinen der Name GRAND CENTRAL eingefügt war. Kai rappelte sich auf und holte ihren Reisekoffer aus der Gepäckablage. Dann bot er Irene die Hand, damit sie aufstehen konnte. »Irgendwelche Wünsche?« »Kaffee und Frühstück.« Kai nickte. Sie ließen ein paar der anderen Reisegäste vor ihnen aussteigen, um nicht als Erste auf einen leeren Bahnsteig zu treten. Gleich nachdem sie den Zug verlassen hatten, wandten sie sich zur Treppe. Ein Schreck fuhr Irene in die Knochen, als sie sah, dass die Polizei anscheinend bereits auf sie wartete. Ein Dutzend blau uniformierte Beamte ließen die Fahrgäste fein säuberlich in einer Reihe an sich vorbeigehen, um sie zu kontrollieren. Dahinter stand eine Gruppe Journalisten und schwenkte Kameras und Notizblöcke. Irene verließ der Mut. »Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.« »Es könnte doch auch ein Zufall sein«, sagte Kai, als versuchte er, sich selbst zu überzeugen. Normalerweise hätte Irene sich Sorgen gemacht, dass ihr im Flüsterton geführter Wortwechsel verdächtig wirkte. Aber eine Reihe Reisender vor ihnen gingen ebenfalls langsamer und fingen beim Anblick der Polizisten zu tuscheln an. Es war eine Horatius-gegen-die-Etrusker-Situation, bei der die hinteren Leute weiter vordrängelten, während die meisten der vorn Stehenden versuchten, den Rückzug anzutreten. Irenes Stimmung fiel wie das Barometer vor einem herannahenden Unwetter. Es gab keine Möglichkeit zur Flucht, außer sie stiegen wieder in den Zug. Wenn sie versuchten, rückwärts über den Bahnsteig zu verschwinden, würden sie irgendwann an seinem Ende ankommen – kein Bahnsteig war unendlich – und feststellen müssen, dass dieser hier vor einer Wand endete. »Vielleicht sollten wir näher herangehen, um zu lauschen, was die hier wollen …« »Da!«, rief einer der Polizisten plötzlich und streckte den Arm aus. »Das ist sie!« Er zeigte auf Irene. Ihr erster Impuls war, in das Gedränge zu schlüpfen und sich hinter jemandem zu verstecken. Bedauerlicherweise wich die Menge jetzt vor ihr zurück. Nur Kai blieb, wo er war, und hinter seinem Rücken zu verschwinden war keine langfristige Lösung. Also versuchte sie, so unschuldig wie möglich auszusehen. Die Polizisten bahnten sich in Keilformation einen Weg auf Kai und sie zu. Hinter ihnen folgte das Meer sich bewegender Filzhüte der Zeitungsreporter. Einige von ihnen machten Fotos. Die Blitzlichtbirnen auf ihren Kameras erzeugten ein grelles Magnesiumleuchten. Irene schirmte ihre Augen ab und verfluchte die Tatsache, dass sie die Sprache nicht einsetzen konnte, um die Fotoapparate zu zerstören. Doch das hätte mehr Aufsehen als Vorteile eingebracht. Der Polizist an der Spitze der Beamten hatte eine Brille mit besonders dicken Gläsern auf der Nase und eine mit extra breiten Litzen verzierte Uniform und Dienstmütze. Er blieb knapp vor ihnen stehen und hob die Hand. Mit typischem New Yorker Akzent fragte er: »Entschuldigen Sie, Ma’am, ich bin Captain Venner vom NYPD. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Miss Jeanette Smith aus England sind?« Irene durchlief ein Schauer, der sich von ihrem Nacken bis in den Magen hinein fortsetzte. Wahrscheinlich war dieser Captain Venner nicht darauf aus, sie als millionste Besucherin der Stadt zu begrüßen und mit tausend Dollar zu beschenken. Kai und sie steckten in ernsten Schwierigkeiten, so viel stand fest. »Ich komme aus England, ja.« Ihr amerikanischer Akzent war ohnehin nicht überzeugend. »Aber mein Name ist Rosalie Jones.« Sie hatte den Namen auf dem Ausweis aus dem Bostoner Schließfach gelesen; eine Tarnidentität der Bibliothek. Captain Venner wandte sich an einen Kollegen. »Notieren Sie: Die Beschuldigte streitet ab, dass es sich bei ihr um Miss Jeanette Smith handelt.« Die Reporter schrieben auf ihren Blöcken eifrig mit. Noch mehr Blitzlichter flammten auf. »Wer ist diese Jeanette Smith überhaupt?«, fragte Irene. »Einen Augenblick, Ma’am«, sagte der Polizist. »Ganz langsam. Hätten Sie etwas dagegen, mir Ihren Ausweis zu zeigen? Den Ihres Begleiters muss ich natürlich auch überprüfen.« Irene fluchte stumm. Jetzt war auch die Chance dahin, dass Kai sich heimlich davonstahl. Sie hatten ihn ebenso auf dem Kieker wie sie. Irene wühlte in ihrer Handtasche. Sie stockte, als sie die Ausweise hervorziehen wollte und die Polizisten sich abrupt anspannten und einen Schritt zurücktraten. Wie in Zeitlupe überreichte sie dem Captain die Ausweise. Irene hoffte, dass sie einer Prüfung standhalten würden, sie hatten sie nach ihrem Besuch bei der Bank extra auf den neuesten Stand gebracht. Captain Venner warf fachmännisch einen Blick hinein. »Laut dem, was hier steht, Ma’am, sind Sie achtunddreißig Jahre alt.« Irene lächelte charmant. »Ist das ein Verbrechen?« Die umstehenden Zuschauer und Journalisten lachten, aber die Polizeibeamten verzogen keine Miene. Captain Venner klappte die Ausweise zu und schob sie in seine Brusttasche. Er sah nicht so aus, als wollte er sie ihnen bald wiedergeben. »Sie behaupten also, nicht Jeanette Smith zu sein?« »Ich habe noch nie von ihr gehört.« Der Captain drehte sich ein wenig und präsentierte den Fotoreportern so seine Schokoladenseite. »Wenn sie unbedingt die Unwissende spielen müssen, Ma’am, werde ich es Ihnen erklären. Jeanette Smith ist eine der berüchtigtsten Verbrecherinnen Englands. Wir stellen uns natürlich alle möglichen Fragen darüber, was Sie hier zu uns nach New York geführt hat.« Irene sah ihn verdutzt an. »Ich bin keine Verbrecherin.« »Die Schutzgeldkönigin des englischen Königreichs!«, rief einer der Reporter. »Die Frau, die Brandy in Massen vom Festland herüberschmuggelt!«, ergänzte ein anderer. »Die Frau mit der Knarre im Strumpfband«, sagte ein Dritter. Die silberweißen Blitzlichter flammten noch zahlreicher auf. Irene taumelte gegen Kai, im Ansturm des Magnesiumgewitters konnte sie kaum noch etwas sehen. »Das hätte wirklich besser laufen können«, meinte Kai, über die Rufe der Menge kaum zu verstehen. Er nahm seinen Hut ab und hielt ihn sich vor das Gesicht. »Denk dir irgendwas aus«, sagte Irene. Man hatte ihr schon eine Menge vorgeworfen, aber eine Königin des englischen Verbrechens? Das stellte einen neuen Tiefpunkt in ihrem Lebenslauf dar. Im Dienst für die Bibliothek hatte sie das Gesetz mehr als einmal gebrochen, aber es war ihr doch immer gelungen, einer Festnahme zu entgehen. Und sie hatte noch nicht mal ihren Kaffee gehabt. Sie zischte Kai zu: »Du bist doch der von uns mit der zwielichtigen Vergangenheit. Was macht man in so einer Situation?« »Abstreiten, den Mund halten und einen Anwalt verlangen.« Kai sprach mit einer raschen Entschiedenheit, die von Erfahrung zeugte. Ihre Unterhaltung war im Getöse der Menge untergegangen, aber den Polizisten war nicht entgangen, dass sie ein paar Worte gewechselt hatten. »Haben Sie etwas zu sagen, Ma’am?« »Ich weiß von nichts«, beschied Irene. »Wirklich, ich bin gerade erst angekommen. Wenn Sie mich eines Verbrechens beschuldigen, verlange ich einen Anwalt.« »Lässt sich einrichten.« Der Captain befehligte seine Männer mit einem Wink, und Kai und Irene wurden umringt. »Sie und Ihr Freund hier begleiten uns jetzt schön aufs Revier.« Irene hätte so gut wie allem zugestimmt, solange sie nur der Reportermeute entkam. »Ich hoffe, Sie werden diesen Irrtum aufklären können, wenn wir dort ankommen. Es liegt nämlich eindeutig ein Missverständnis vor, und wir möchten nur unseren Urlaub fortsetzen.« »So ist es«, fügte Kai hinzu. »Mir ist schleierhaft, mit welchen Gepflogenheiten die amerikanische Polizei ihre Arbeit erledigt, aber in England wäre das nicht passiert, so viel steht fest.« Er spielt die Rolle des Entrüsteten ganz hervorragend, fand Irene. Captain Venner schnaubte. »Aber natürlich nicht. Woher denn auch? Wollen Sie vielleicht noch ein paar Interviews geben oder können wir gehen?« Die Polizisten schoben die beiden durch die Menge. Irene bedauerte es ein wenig, dass sie keine Gelegenheit hatte, wenigstens einen kurzen Blick auf den Bahnhof Grand Central Station werfen zu können. Einer der Polizisten nahm ihren Koffer in Gewahrsam. Er würde mit Sicherheit durchsucht werden – nach was auch immer die Schutzgeld-Königin von Großbritannien bei sich haben mochte. Waffen, Brandy, Schmiergeld in atemberaubenden Mengen. Es versprach spannend zu werden, den Polizisten zu erklären, wieso sie mit einer dicken Rolle Bargeld in ihrer Handtasche herumlief, die ausschließlich aus großen Scheinen bestand. Im letzten Moment hielt sie sich davon ab, instinktiv nach dem Anhänger zu greifen, der an ihrer Halskette hing. Das kleingefaltete Papier mit Evaristes Namen war das Einzige, was sie unter keinen Umständen verlieren durfte. »Ich hab gehört, bei euch drüben heißen diese Gefangenentransporter Schwarze Minnas«, sagte einer der Polizisten, als er Irene über die Laderampe in das Polizeifahrzeug bugsierte. Das Gefangenenabteil war durch eine dicke metallene Wand von der Fahrerkabine getrennt, die Außenwände mit Stahlplatten verstärkt. Der Polizeibeamte kletterte mit nach hinten, ein zweiter Polizist schob Kai in den Laderaum und bewachte ihn. »Ja, so heißen sie bei uns«, sagte Irene. »Aber ich habe noch nie in einem gesessen.« Eingeschüchtert ließ sie den Blick schweifen, ehe sie auf der harten Metallbank näher an Kai heranrückte. Wie auf ein Stichwort legte er ihr den Arm um die Schulter. Sein finsterer und herrischer Blick war auf die Polizisten gerichtet. »Ich werde nicht erlauben, dass die Dame auf irgendeine Weise schikaniert wird«, sagte er. »Für mich sah das gerade so aus, als könnte die Dame ganz gut für sich selbst einstehen«, murrte der eine Polizist. »Machen Sie nur keinen Ärger, dann wird das die reinste Spazierfahrt.« Das Gefangenenfahrzeug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Der Laderaum hatte zwar keine Fenster, aber das wiederholte Anfahren, Beschleunigen und plötzliche Bremsen verriet Irene relativ viel über ihre Fahrt durch die Stadt. Die hupenden Autos taten ihr Übriges. Am klassischen Gefangenentransport würde sich nie viel ändern, egal, in welcher Kultur und Zeit man sich befand. Irene tätschelte Kais Hand. »Ich bin sicher, dieser grässliche Irrtum wird sich aufklären, wenn wir erst in der Polizeiwache sind, Darling.« »Es heißt Polizeirevier, Ma’am«, sagte der erste Polizist. »Jedenfalls wir nennen es so. Keine Sorge, das werden Sie bestimmt im Handumdrehen lernen.« »Oh, danke schön«, stellte Irene sich dumm. »Wird es auf dem Revier die Möglichkeit geben, einen Anwalt zu sprechen?« »Den müssen Sie schon anrufen«, erklärte der zweite Polizist. »Aber eine Lady wie Sie hat doch bestimmt die Nummer von einem halben Dutzend Kanzleien der Gegend im Gedächtnis, was?« Irene musste wohl oder übel zugeben, dass Hu seinen Hinterhalt hervorragend ausgeklügelt hatte. Die beiden Beamten erwogen nicht einmal die Möglichkeit, dass es sich bei ihr um eine Unschuldige handeln könnte, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. »Ich bin auf einer Urlaubsreise«, sagte sie. »Zusammen mit meinem Mann. Sonst nichts. Ich arbeite als Sekretärin, wissen Sie?« »Aber klar, Ma’am«, sagte der erste Polizist. »Sie können das gleich in aller Ruhe unserem Captain erzählen.« Irene und Kai tauschten stumm einen Blick. Ungeduld und Frustration standen ihm ins Gesicht geschrieben. Eine Verzögerung, egal welcher Art, konnten sie sich bei diesem Auftrag nicht leisten. In wenigen Tagen würde der Wettbewerb um die Nachfolge Minister Zhaos entschieden sein, und falls Evariste einen Plan verfolgte, mussten sie ihn aufhalten, bevor es soweit war. Allerdings würde ein Fluchtversuch die Vermutungen der Polizei nur bestätigen. Und selbst, wenn er erfolgreich wäre: Mit der Polizei auf den Fersen würde es ihnen nur noch schwerer fallen, Evariste ausfindig zu machen. Nicht lange, und der Gefangenentransporter kam mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Die Polizisten ließen Kai und Irene aussteigen und brachten sie in ein imposantes Gebäude, das trotz eines pompösen architektonischen Ansatzes eindeutig Sicherheitserwägungen folgend konzipiert worden war: Es sah letztlich eher eintönig und abweisend aus. Die Sandsteinfassade, auf die Irene einen raschen Blick werfen konnte, war zur Straße hin mit Einschusslöchern übersät. Die Schäden sahen relativ jung aus. »Wurde etwa auf das Gebäude geschossen?«, fragte sie ihren uniformierten Begleiter. Der Polizist folgte ihrem Blick. »Ja, das stammt von letztem Jahr. Aber machen Sie sich mal keine Sorgen, Ma’am. Die Gangs haben in letzter Zeit stillgehalten. Alle hoffen, dass es erstmal so bleibt.« Im Flur des Eingangsbereichs holte Captain Venner sie ein. Die Reporter, die ihnen von der Central Station gefolgt waren, umringten sie mit gezückten Notizblöcken. Auf dem Polizeirevier begann soeben ein neuer Arbeitstag. Polizisten eilten hin und her, das Echo ihrer Stimmen hallte in dem hohen Saal wider. Männer und Frauen mit harten, von der Arbeit gezeichneten Gesichtern nahmen die Daten von Beschuldigten auf oder hörten sich an, was die vor ihnen sitzenden Rechtsanwälte, Reporter oder Angehörigen zu sagen hatten. Ihren Mienen nach zu urteilen, hatten sie das, was ihnen da erzählt wurde, schon tausend Mal gehört. Eine Putzfrau folgte der Spur ihres Wischmopps mit gelangweilten Schritten. In der Luft hingen Gerüche von Schweiß, Schmutz und Kaffee. »Ich werde das Gespräch mit Miss Smith in meinem Büro führen«, sagte der Captain. »Barnes, Sie verhören ihren Begleiter, wie war noch gleich der Name?« »Robert Pearce«, sagte Kai. »Sollten Sie uns nicht zuerst einmal unsere Rechte vorlesen?« »Sie sind wohl ein ganz Gewitzter, was? Zu Ihrer Information, Mr Pearce: So etwas tun wir nur, wenn wir Sie festnehmen, und das haben wir noch nicht getan.« Irene und Kai tauschten vielsagende Blicke. Es fühlte sich zumindest an wie eine Festnahme. Aber den Captain mit einer bissigen Bemerkung vor seinen Leuten bloßzustellen, hätte die Vorzeichen für das kommende Verhör bestimmt nicht verbessert. Trotzdem mussten sie etwas sagen, jeder Unschuldige hätte das in diesem Moment getan. »Dein Onkel wird außer sich sein, wenn er das erfährt«, sagte Irene zu Kai. Sie ließ ihre Stimme sich überschlagen. »Er wird doch nicht wieder sagen, dass es einer dieser wahren Momente im Leben ist, richtig? Wir werden für ein berüchtigtes Gangsterpärchen gehalten und von der Polizei verschleppt, dabei sind wir nur Touristen …« Kai griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft, aber entschieden. »Ich hoffe, dass mein Onkel gar nicht erst davon erfährt. Kopf hoch, Rosalie, und nicht den Mut verlieren. Wir sind im Nu wieder hier raus, das verspreche ich.« »Je eher wir miteinander reden«, sagte Captain Venner, »desto schneller kann es so weit sein.« Er führte sie mit großen Schritten um eine Ecke des Flurs. Sein sich unter dem Uniformhemd abzeichnender Bauch wippte im Takt seiner Schritte. Irene warf Kai bewusst einen letzten langen Blick zu, als sie in entgegengesetzte Richtungen abgeführt wurden. Das passte nur zu gut zu der Rolle, die sie hier spielte. Das Büro des Captains war vom anheimelnden Duft einer Tabakspfeife erfüllt, der den üblichen Zigarettengeruch überlagerte. Mit einem erleichterten Seufzer ließ Venner sich in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen und rückte die Brille zurecht. Irene wartete vergeblich darauf, einen Stuhl angeboten zu bekommen. So sah sie sich in dem Raum um. Das Fenster bot einen guten Blick auf den morgendlichen Verkehr, der bereits dichter zu werden begann. Nur die Gitterstäbe vor dem Fenster passten nicht ganz zu dem Ausblick. Handelte es sich um eine Maßnahme gegen Einbrecher? Oder ging es um schwerere Angriffe? Irene musste an die Einschusslöcher in der Fassade denken. Die stählernen Aktenschränke an der Wand sahen jedenfalls so aus, als könnten sie einer Ladung Dynamit widerstehen. Venners Schreibtisch war aus massivem, altem Holz. Die blanke Oberfläche schimmerte, was darauf schließen ließ, dass sie häufig poliert wurde. An den Wänden des Büros hingen Bilder von Captain Venner beim Händeschütteln mit allen möglichen gut gekleideten Leuten. Er selbst lächelte jedes Mal in die Kamera. Verbindungen zur Politik, teures Mobiliar, ein Verhör unter vier Augen, dachte Irene. Er verspricht sich etwas hiervon. Vielleicht kann ich mich freikaufen. Der Captain und sie waren allein. Vor der Tür stand ein Beamter und hielt Wache. Irene hätte wetten können, dass der Bursche auf der Schwelle erst recht ein biegsames Gedächtnis hatte, besonders, was ihre Unterredung mit Captain Venner betraf. Alles sah danach aus, als hätten sich Irenes Chancen soeben erheblich verbessert. Captain Venner heftete seinen Blick auf sie. »Für eine Frau, die angeblich unschuldig ist, nehmen sie das alles hier ziemlich gefasst hin, Miss Smith.« »Ich bringe dem Polizeiapparat grundsätzlich Vertrauen entgegen«, sagte Irene. »Wir sind höflich mitgekommen, weil Scharen von Reportern da draußen lauern. Und nun sind wir hier, allein. Wenn Sie die Einzelheiten prüfen, werden Sie feststellen, dass es sich um einen Irrtum handelt. Ich bin nicht Mrs Smith.« Der Captain lehnte sich zur Seite und zog eine Aktenmappe aus einer Schublade. Er knallte sie auf den Schreibtisch. »Einen Irrtum, sagen Sie.« Irene spreizte die Finger. »Seien wir doch ehrlich, Officer. Sehe ich aus wie eine Frau, die in Schutzgelderpressungen verwickelt ist?« »Woher glauben Sie zu wissen, wie so jemand aussieht?«, fragte der Captain. »Fürs Erste würde ich sagen, dass eine solche Frau besser gekleidet wäre als ich«, gab Irene zurück. »Außerdem verlange ich, dass Sie stichfeste Beweise gegen mich vorlegen, wenn Sie mich schon auf diese Art beschuldigen.« Captain Venner tippte mit einem Finger auf die Aktenmappe. »Heute früh bekam das New Yorker Police Department eine wichtige Nachricht aus Boston übermittelt. Die Kollegen dort drüben hatten offensichtlich Beweise, dass Miss Jeanette Smith aus England zu uns unterwegs ist. Vorher war eben diese Dame in Boston gesehen worden – bei einem gemütlichen Plausch mit einem der dortigen Gangsterbosse. Dann wurde sie zum Bahnhof verfolgt, wo sie offenbar ein Zugticket nach New York löste. Ich denke, Sie verstehen so langsam, worauf ich hinauswill.« Irene verschränkte die Arme vor der Brust. »Alles gut und schön, aber das heißt noch lange nicht, dass ich diese Jeanette Smith bin. Falls diese Verbrecherin tatsächlich mit meinem Zug angekommen ist, dann ist sie bestimmt längst über alle Berge. Und Sie haben Ihre Zeit damit verbracht, mich festzunehmen.« Der Captain schlug die Mappe auf. »Wissen Sie, es ist schon seltsam, Ma’am. Aus meiner Sicht …« Er nahm ein einzelnes Blatt aus der Mappe und drehte es so, dass Irene es sehen konnte, »… drängt sich eine gewisse Ähnlichkeit auf.« Es war eine Tuschezeichnung von ihr, ein exaktes Porträt von den Schultern aufwärts. Ihre Haare waren auf der Abbildung noch lang, aber es bestand kein Zweifel an ihrer Identität. Irene spielte im Kopf durch, wie sie reagieren sollte. Sie entschied sich für entsetzte Fassungslosigkeit – das lag ihrem tatsächlichen Empfinden am nächsten. »A-aber wie … das bin ja ich! Wo haben Sie das her?« »Ein Eilkurier hat es heute Morgen aus Boston gebracht.« Venner lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Also, Miss Smith, vielleicht möchten Sie mir jetzt ein paar Dinge erklären. Oder haben Sie vor, erst in einer Gefängniszelle darüber nachzudenken, was Sie preisgeben wollen? Ich sage ihnen ganz ehrlich, mir wäre es lieber, ein paar der schweren Jungs aus unserer Stadt einzubuchten, statt mir auch noch Ganoven aus dem Ausland aufzuhalsen. Wenn Sie bereit sind zu reden, bin ich bereit zuzuhören.« Es hatte keinen Zweck. Sie konnte es nicht länger abstreiten. Aber sie durfte auch nicht alles einfach so zugeben, das wäre ja noch schlimmer gewesen. Es half nichts, wenn sie im Gefängnis landete. Außerdem war es gut möglich, dass Hu seinen Hinterhalt, wenn es erst so weit kam, ausweiten würde, auf das Gefängnis … Um sie dort zu beseitigen. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich kurz an meine Handtasche gehe?«, fragte sie. »Das heißt, falls der Gentleman an der Tür hinter uns Ihr Vertrauen genießt.« Captain Venner entspannte sich. »Ich habe überhaupt nichts dagegen, Ma’am«, sagte er. »Ich vertraue ihm. Und ich finde es schön, dass Sie und ich uns endlich verstehen.« Irene durchsuchte den Inhalt ihrer Handtasche. Sie nahm die Werbebroschüre der Eisenbahngesellschaft, die sie im Bostoner Bahnhof bekommen hatte, und trat einen entschlossenen Schritt vor. Captain Venner blickte misstrauisch auf das Faltblatt, das sie ihm hinhielt. In der Sprache sagte Irene: »Sie betrachten das hier als eine Genehmigung des FBIs, mich als Agentin von Scotland Yard durch die amerikanischen Sicherheitsbehörden unterstützen zu lassen.« Mit einem vielsagenden Lächeln sprach sie weiter: »Herzlichen Glückwunsch, Captain, Sie haben mich ertappt. Ich fürchte nur, Sie sind mitten in eine verdeckte Ermittlung gestolpert.« NEUNTES KAPITEL »Geben Sie her, das will ich sehen«, Captain Venner klang zunehmend unsicher. Er nahm Irene den gefalteten Prospekt aus den Händen und hielt ihn vor sich. »Könnte gefälscht sein.« »Könnte«, sagte Irene. »Aber Sie wissen, dass es echt ist.« Sie löste die verschränkten Arme und machte noch einen Schritt auf ihn zu. Mit aufgestützten Armen beugte sie sich zu ihm hinunter. »Hab ich recht?« Die Sprache hatte ihm seine Sprache verschlagen und gleichzeitig seine Wahrnehmung beeinflusst. Er hätte eine Handvoll Laub anschauen können und es für einen eindeutigen Beleg gehalten, dass Irene von Scotland Yard war. Leider hielt so eine Wirkung nie lange an. Und sobald der Captain dahinterkam, dass er getäuscht wurde … Irene schnippte mit den Fingern – »Erlauben Sie?« – und nahm ihm die Broschüre wieder weg. »Was geht hier vor sich?«, fragte er. »Warum wurde ich nicht eingeweiht?« »Ganz einfach: Weil es undichte Stellen in Ihrer Einheit gibt, traurig aber wahr. Hätte Scotland Yard das NYPD im Vorfeld informiert, hätte die Hälfte aller New Yorker Gangs Bescheid gewusst. Wir waren auf schärfste Geheimhaltung angewiesen.« »Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Captain?« Das war der Polizist, der vor der Tür stand und Wache hielt. In seiner Frage schwang die unausgesprochene Bitte mit, ihn diese gemeingefährliche Frau abführen zu lassen. Irene entging nicht, dass ihr Nacken unter dem Blick des Polizisten in ihrem Rücken prickelte. Aber sie wandte sich nicht um. Eine Agentin des Scotland Yard, undercover auf geheimer Mission unterwegs, dreht sich nicht zu einem Streifenpolizisten um. »Eine Ermittlung der Bundesbehörden! Man stelle sich das mal vor«, sagte Captain Venner. Von Bundesbehörden schien er im Großen und Ganzen nicht viel zu halten. »Und Scotland Yard ist, so scheint’s, ganz vorne mit dabei.« »Es ist kompliziert«, sagte Irene. Sie ließ die Broschüre wieder in ihrer Handtasche verschwinden. »Und es funktioniert nur, weil auf dieser Seite des Atlantiks niemand weiß, wie Jeanette Smith aussieht. Ihre Kollegen vom FBI hatten die Idee, jemanden von Scotland Yard zu holen, der sich als Smith ausgibt. Ich nehme Kontakt zu den Gangs auf, und sie können mit meiner Hilfe die Schmuggelrouten für Alkohol von Übersee bis in die Staaten zurückverfolgen.« Irene rief sich alle möglichen Anhaltspunkte aus der Zeitung in Erinnerung, die sie gestern gelesen hatte. »Wir müssen wissen, wer den Fusel übernimmt, wenn er England verlassen hat. Wie gelangt das Zeug hierher? Wenn wir das raushaben, kann Ihr FBI – Verzeihung, können Ihre Bundesbeamten – den Schmugglerring ausheben. Die Bostoner Polizei mit reinzuziehen war nicht notwendig. Sie werden vom FBI keine Bestätigung bekommen, damit Ihnen das gleich klar ist. Jemand muss mich in Boston gesehen und für die richtige Jeanette Smith gehalten haben. Ich bin froh, dass meine Tarnung offiziell noch intakt ist.« »Wenn sie es nicht wäre, stünden Sie nicht mehr vor mir«, entgegnete Captain Venner. »Und die Zeugen, die gesehen hätten, wie Sie niedergeschossen wurden, würden an unserer guten alten New Yorker Amnesie leiden. Sie könnten sich kein bisschen erinnern, Sie gesehen zu haben, geschweige denn den Täter. Eines muss ich Ihnen lassen, Lady. Sie haben ganz schön Mumm.« Irene zuckte die Achseln. »Ich mache meinen Job.« »Aber wieso wurde ausgerechnet diese Frau ausgewählt?« »Wir mussten jemanden nehmen, der als Drahtzieher berüchtigt ist und vor den Gangs in New York nicht kuschen muss«, sagte Irene »Gleichzeitig durfte die Person nicht zu bekannt sein. Großbritanniens männliche Gangsterbosse haben es hierzulande leider zu allzu großer Berühmtheit gebracht.« Sie hoffte, dass der Captain sie jetzt nicht nach Namen fragte … Venner nickte zögerlich. »Und der Kerl, der Sie begleitet, ist der auch mit von der Partie?« »Er ist einer von Scotland Yards Besten«, sagte Irene. »Würden Sie ihn bitte herbringen lassen? Ich muss ihn in Kenntnis setzen, ohne dass Ihre Leute mithören können.« Und ich muss das Risiko minimieren, dass er meine Geschichte mit einer unbedachten Bemerkung auffliegen lässt, fügte Irene in Gedanken hinzu. Der Captain brummte. Er gab dem Polizisten an der Tür einen Wink. »Dorrins, holen Sie Miss Smiths Begleiter hierher. Und damit das klar ist: Keiner erfährt etwas. Sagen Sie Barnes, dass ich eine Behauptung der Lady hier prüfen will.« Er zögerte. »Sagen Sie ihm, dass ich die Kleine ordentlich unter Dampf gesetzt habe und sie jeden Moment so weit ist auszupacken.« »Es dauert normalerweise länger als zehn Minuten, um mich zu einem Geständnis zu bewegen«, warf Irene ein. »Ich habe schon ganz andere kleingekriegt, und das in der Hälfte der Zeit.« Er deutete mit einem seiner plumpen Finger in Richtung Tür. »Nun gehen Sie schon, Dorrins. Und sorgen Sie dafür, dass es ernst aussieht.« Dorrins zog die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich zu. Captain Venner wandte sich wieder an Irene. »Also schön. Wie ist Ihr Plan, Lady?« Irene hielt es für ein gutes Zeichen, dass er von der höflichen und vorsichtigen Anrede Ma’am zum beiläufigen Lady übergewechselt war. »Werten wir es mal positiv, dass die Bostoner Polizei Sie gewarnt hat. Die polizeiliche Kommunikation scheint hier ganz gut zu funktionieren. Für mich ist das natürlich etwas lästig. Es wird schwierig werden, unter der Tarnidentität Jeanette Smith zu agieren, wenn jeder in der Stadt weiß, wer ich bin und dass ich unter permanenter Polizeiüberwachung stehe. Unter solchen Umständen wird kein Gangmitglied der New Yorker Unterwelt mit mir reden.« Captain Venner ließ die Hand auf den Schreibtisch sinken. »Sie haben eine Sache übersehen, Lady. Sie befinden sich bereits in größerer Gefahr, als Ihnen bewusst ist.« »Wieso das?« »Weil Sie ab sofort ein Risiko darstellen. Jeder Boss, der beschlossen hat, keine Geschäfte mit Ihnen zu machen, wird alles daransetzen, Sie aus dem Weg zu schaffen, damit die Konkurrenz nicht von Ihnen profitieren kann. Ein paar der ganz schweren Jungs spielen wahrscheinlich schon mit dem Gedanken, Sie so früh wie möglich abzuservieren, und zwar lieber jetzt als gleich. So kommt es gar nicht erst zu Unruhen. Wenn Sie also durch diese Tür da gehen, Lady, werden Sie ein paar von denen an Ihren Hacken haben.« »Verflucht.« So weit hatte Irene nicht gedacht. Der zweite Teil von Hus Hinterhalt schien sich zu entfalten: Er wollte sie aufhalten, indem er sie als Jeanette Smith brandmarkte, damit jede Gang in New York einen Grund hatte, sie umzulegen. Vom theoretischen Standpunkt aus musste sie dieses Vorgehen ehrlich bewundern. Wirklich klug ausgetüftelt. »Tja.« Captain Venner seufzte. »Ich schlage Ihnen Folgendes vor. Ich trommle ein paar Jungs zusammen, die Sie auf dem schnellsten Weg runter zum Bahnhof bringen. Und dann setzen Sie und Ihr Kollege sich in den nächsten Zug und verschwinden aus New York. Dann haben Sie zwar keine Gespräche mit Ihren Zielpersonen geführt, sind aber wenigstens beide noch am Leben.« »Das wäre eine Möglichkeit«, gab Irene zu. Für Captain Venner, begriff sie, war es die perfekte Lösung. Auf diese Weise konnte er sie loswerden und entging zugleich der Blamage, verantwortlich zu sein, dass die Presse sich auf ›Jeanette Smith‹ gestürzt und den ganzen geheimen Plan letztlich publik gemacht hatte. Er konnte nur gewinnen. Für Irene hingegen war es ein nutzloser Plan. »Meine Vorgesetzten werden darauf bestehen, dass ich meinen Auftrag ausführe.« »Und was halten Sie davon, wenn Sie erschossen werden?«, fragte Captain Venner. »Das wird eher früher als später passieren, nachdem Sie diesen Raum verlassen haben.« Irene zuckte die Achseln. »Ich glaube, Sie und ich, Captain, wir haben eine wichtige Sache gemeinsam. Unsere Vorgesetzten tendieren dazu, die Realitäten nicht zu erkennen, wenn es um unsere Spielräume geht.« »Das kann man wohl sagen.« Er nahm seine Brille ab und begann, sie mit nachdenklicher Miene zu putzen. »Ich bleibe dabei. Wenn Sie einen guten Ratschlag wollen, dann kann ich Ihnen nur sagen: Finden Sie eine glaubwürdige Ausrede, und dann nichts wie weg. Das hier ist nicht Atlantic City, und die Schonzeit ist auch noch nicht angebrochen.« Er bemerkte, wie sie fragend dreinblickte. »So nennen wir die Atempause, wenn die großen Bosse sich zusammensetzen und ihre Absprachen treffen. Im Moment vertragen sich die Jungs nicht gut miteinander, und Sie, meine Liebe, werden zwischen deren Fronten geraten.« »Mir gefällt das ebenso wenig wie Ihnen, Captain«, sagte Irene. »Glauben Sie mir, so war das alles nicht geplant.« Es klopfte, und Venner bat herein. Dorrins öffnete die Tür. Er winkte Kai zu ihnen ins Zimmer, bevor er die Tür sorgsam wieder schloss. »Captain, unten wartet ein Arschvoll Reporter und fängt an, Fragen zu stellen. Sie wollen Interviews.« »Mit mir?«, fragte Irene. Dorrins hob die Schultern. »Mit jedem, der dazu bereit ist, Ma’am. Das macht es natürlich schwerer, Sie hier rauszubekommen.« Irene nickte. Sie wandte sich an Kai. »Keine Sorge, Robert. Ich habe die Anwesenden eingeweiht. Darf ich vorstellen? Das ist Detective Inspector Murchison von Scotland Yard.« Captain Venner beugte sich über seinen Schreibtisch, um Kai die Hand zu schütteln. »Freut mich, Inspector. Ihre Kollegin hat mich über die wahren Verhältnisse aufgeklärt. Ich hoffe, meine Jungs haben Ihnen das Leben nicht allzu schwer gemacht.« In den letzten ein oder zwei Jahren war Kai ein Meister darin geworden, keine Miene zu verziehen, auch wenn die Decknamen, unter denen Irene ihn vorstellte, noch so abwegig waren. Er blinzelte nicht einmal, sondern erwiderte nur gelassen den Händedruck. »Kein Problem, Captain. Sie haben bloß ihren Job getan.« »Captain Venner muss uns helfen, unentdeckt das Polizeirevier zu verlassen und unterwegs mögliche Verfolger abzuschütteln«, sagte Irene. Ihr war bewusst, dass ihnen die Zeit davonlief. Mit jeder Minute stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirkung der Sprache auf Captain Venner nachlassen und er begreifen würde, dass sie ihm eine Werbebroschüre unter die Nase gehalten hatte. »Fällt ihnen etwas dazu ein, Murchison?«, fragte der Captain an Kai gewandt. »Nur das, was sie bereits vorgeschlagen hat.« Kai deutete auf Irene. »Wir müssen von hier verschwinden, und zwar schnell und unauffällig.« »Der einfachste Weg, Verfolger loszuwerden, wäre eine U-Bahnstation«, sagte der Captain. »Also gut. Wir machen es folgendermaßen. Dorrins, Sie lassen ein paar von den Jungs, die gut die Klappe halten können, in einem Einsatzwagen am Hinterausgang warten. Sie sollen einen mit abgedunkelten Scheiben nehmen. Anschließend führen Sie unsere Gäste über die Hintertreppe nach unten. Die beiden springen ins Auto und sind weg, bevor die Reporter überhaupt wissen, was los ist. Danach fahren unsere Männer die Herrschaften von Scotland Yard zur U-Bahn – sagen wir East Penn Station. Sie nehmen einen Zug, wechseln ein paar Mal die Linie, und schon sollte ihnen niemand mehr groß auf den Fersen sein. Sind Sie einverstanden? Murchison? Lady?« »Ein ausgezeichneter Plan«, sagte Irene. »Ich danke Ihnen, Captain. Mir ist klar, dass wir Sie in eine schwierige Lage gebracht haben. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.« Das prompte Einverständnis von Irene und Kai, der nickend daneben stand, schien Captain Venner zu besänftigen. »Machen Sie es so, Dorrins. Sonst noch irgendwelche Fragen?« Irene blickte Kai an. Er blickte zurück. Sie war kurz davor, den Kopf zu schütteln, als ihr ein Gedanke kam. Drachen hatten viele Talente. Aufmerksamkeit zu vermeiden gehörte in aller Regel nicht dazu. »Ach, wenn Sie mir eines sagen könnten: Wurden im Laufe des Monats irgendwelche auffälligen Personen in der Stadt gemeldet?« Der Captain schnaubte. »Das hier ist New York. Jeder kommt hierher. Selbst Agenten von Scotland Yard, wie es aussieht.« »Ich meinte eher jemanden, der sich wahrscheinlich als ausländischer Adel oder als Mitglied der Königsfamilie ausgegeben hat«, sagte Irene. »Jemanden, der mit Geld um sich wirft.« Venner runzelte die Stirn. »Jetzt, wo Sie es sagen …« Er zählte an den Fingern ab. »Im Plaza Hotel ist dieser Bursche abgestiegen. Behauptet, Prinz Ludwig von Bayern zu sein, was aber nicht stimmt. Der Typ hat vor, Betrügereien im ganz großen Stil durchzuziehen. Sagt, er brauche Geld, um verlorene Kunstschätze der Familie zurückzubekommen. Nächste Woche schnappen wir ihn uns, vielleicht auch schon früher. Und dann ist da der Kerl im St. Regis Hotel, Fünfundfünfzigste Straße. Der ist jetzt ein paar Wochen in New York. Ist zwar nicht so, dass er von sich behauptet, ein Prinz zu sein, aber er hält sich Wölfe als Haustiere. Er meint, er müsse mit ihnen jeden Tag über den Broadway spazieren und sie quer durch die Stadt Gassi führen. Das verstößt zwar nicht direkt gegen unser Gesetz, aber mittlerweile haben sich doch ein paar besorgte Bürger gemeldet und Bedenken geäußert.« Irene bemerkte, wie Kais Augen schmaler wurden. »Und musste er die Wölfe danach im Hotelzimmer lassen?« Captain Venner schob die Hand vor und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander – die universelle Gebärde für Bargeld. »Er hat Geld sprechen lassen, und eine Menge Leute haben daraufhin entschieden, dass sie mit Wölfen auf dem Broadway doch ganz gut leben können. Es sind immerhin Tiere, die einigermaßen gut erzogen sind. Aber wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es Ihnen beiden um die oberen Zehntausend, die mehr Geld als Verstand besitzen. Und da kommen mir erstmal diese beiden in den Sinn.« Irene nickte. »Danke für die Auskunft. Ich mache mir vor allem Sorgen um gewisse Personen, die die wahre Jeanette Smith von der falschen unterscheiden könnten.« »Ich bin immer noch der Meinung, dass Sie außerhalb der Stadt sicherer sind. Aber es ist Ihre Entscheidung. Wenn wir Sie erst in die U-Bahn verfrachtet haben, sind Sie zumindest …« »Nicht mehr Ihr Problem?«, ergänzte Irene, »sondern das von jemand anderem?« »Ich habe in der Tat genug Probleme, als dass ich mir noch welche von außerhalb beschaffen müsste, Lady.« Er kramte in einer Schublade seines Schreibtischs. »Nehmen Sie die hier. Das sind Münzen für den Zugang zur U-Bahn. Halten Sie am besten immer ein paar davon bereit. Damit gelangen Sie durch die Drehkreuze direkt auf den Bahnsteig.« Während sie darauf warteten, dass Dorrins zurückkam, versuchte der Captain, ein halbherziges Gespräch mit Kai anzukurbeln. Ganz offensichtlich wollte er Einzelheiten über Scotland Yard erfahren, und ein männlicher Kollege schien ihm dahingehend lieber zu sein als ein weibliches Pendant. Kai tat sein Bestes, um die Erkundigungen zu beantworten, während Irene sich dankbar aus dem Gespräch zurückzog und im Hintergrund blieb. Sie blätterte eine aktuelle Ausgabe der Tageszeitung durch, um sich einen Überblick über die Geschehnisse in der Stadt zu verschaffen. Der Ton, in dem die Artikel verfasst waren, war durchweg grell gefärbt, auch wenn das Erscheinungsbild der Zeitung dem üblichen Schwarz-Weiß entsprach. Skandale, organisiertes Verbrechen, Filmsensationen, Märsche der Abstinenzbewegung zugunsten der Prohibition und andere Streiflichter des Tagesgeschehens der gewaltigen Stadt. Mitten in einer Anekdote hob der Captain plötzlich die Hand und schnippte mit den Fingern. »Zur Hölle, das habe ich ganz vergessen. Ihr Reisekoffer wird im Erdgeschoss gerade durchsucht. Wenn ich meine Leute jetzt anweise, ihn hier hochzuschaffen, wird das halbe Revier hellhörig. Haben Sie irgendwas in Ihrem Gepäck, das Sie unbedingt brauchen?« Irene schüttelte den Kopf. »Nichts Wichtiges, nein.« Die einzigen Dinge, die sie benötigten, waren das Bargeld in ihrer Handtasche, Kais Geldbörse und das Papier mit Evaristes Namen, das in Irenes Anhänger steckte. »Nicht mal eine winzige Sache?« Der Captain schien sich daran zu erinnern, dass er es mit Engländern zu tun hatte. »Sie wissen schon, eine Waffe vielleicht? Sie reisen doch sicher nicht ohne spezielle Ausrüstung. Und was ist mit Ihrer Kleidung?« In seine Stimme stahl sich ein Hauch Unsicherheit, als nage im hintersten Winkel seines Verstands etwas, das ihm keine Ruhe ließ und nur noch nicht richtig in sein Bewusstsein gedrungen war. Irene schluckte und spürte, wie trocken ihr Hals plötzlich war. Die Wirkung der Sprache schwand. »Wir haben es von vorneherein darauf angelegt, unbemerkt zu bleiben«, sagte sie um Ruhe bemüht. »Feuergefechte waren nicht Teil des Plans, auch nicht für den Fall, dass die Polizei auf uns aufmerksam wird. Du nimmst dies als einleuchtende und vernünftige Erklärung hin, die alle Ungereimtheiten beseitigt.« Der Captain schwankte kurz in seinem Stuhl. »Richtig«, sagte er. »Natürlich. Das ergibt Sinn.« Durch einen Nebel plötzlich einsetzender Kopfschmerzen nahm Irene einen Anflug von Schuldgefühl wahr. Sie hatte die Sprache bis jetzt noch nie mehrmals hintereinander auf ein und dieselbe Person angewendet. Hoffentlich blieb der Verstand des Captains von dauerhaften Nachwirkungen der Prozedur verschont. Schließlich machte er nur seinen Job. In diesem Moment klopfte dankenswerterweise Dorrins an die Tür. »Der Wagen steht bereit, Captain«, sagte er. »Vielen Dank für alles, was Sie für uns getan haben.« Kai verabschiedete sich mit einem raschen Händedruck von Venner. »Wir bleiben in Verbindung.« »Halten Sie sich aus Schwierigkeiten heraus.« Captain Venner straffte sich und sammelte seine Gedanken. Irene war sicher, dass er fast hinzugefügt hätte: Von meiner Stadt am besten auch. Doch er winkte sie nur schweigend zur Tür hinaus. In flinkem Trab stiegen sie hinter Dorrins her die Hintertreppe hinunter. »Wenn wir unten sind«, sagte er, »werden wir uns nicht lange aufhalten. Raus durch die Hintertür und in den Wagen, der dort wartet.« »Absolut«, erwiderte Irene. Je früher sie die Polizeistation verließen und wieder untertauchen konnten, desto besser. Wenige Minuten später saßen sie wieder in einem Polizeifahrzeug, diesmal als Fahrgäste und nicht als Gefangene. Vor den abgedunkelten Scheiben glitt das geschäftige Treiben der Großstadt vorbei. Auch wenn zwischen dieser Stadt und dem London in Vales Welt nur etwa eine Zeitspanne von dreißig Jahren Entwicklung lag, zeigten sich tiefe und grundlegende Unterschiede – in der Kleidung, der Lebenseinstellung, der bunten Mischung der Leute. Selbst in der Art, wie sie sich bewegten. Das Leben in New York folgte seinem eigenen Rhythmus. Die Passanten schritten energisch zwischen wild hupendem Verkehr und schimpfenden Autofahrern hindurch. Die Luft schien von einer pulsierenden Atmosphäre durchdrungen. Reifen quietschten auf Asphalt, Sirenen heulten, und die Leute warfen sich Schimpfwörter an den Kopf. Theoretisch war der Polizeiwagen auf dem schnellsten Weg zur U-Bahnstation unterwegs, aber davon merkte man in dem dichten Gedränge nicht viel. Die Straßen schienen pausenlos verstopft zu sein. Für Irene und Kai bedeutete das, dass sie zum ersten Mal seit einer ganzen Weile wieder in Ruhe miteinander reden konnten. Die Beamten in der Fahrerkabine waren offensichtlich angehalten worden, keine aufdringlichen Fragen zu stellen; Kai und Irene auf der Rückbank blieben ungestört. Um auszuschließen, dass sie dennoch belauscht wurden, unterhielten sie sich auf Chinesisch. Die Polizisten würden ihrem Captain dieses auffällige Verhalten zweifellos berichten. Aber zu dem Zeitpunkt wären Kai und Irene hoffentlich längst über alle Berge. »Was hat diese Sache mit den Wölfen zu bedeuten?«, fragte Irene. »Daran hatte ich vorher nicht gedacht«, sagte Kai. »Aber ich weiß, dass Qing Song bekannt dafür ist, Wölfe zu halten.« Irene seufzte. »Ich nehme an, seine Haustiere fallen in die Kategorie geifernde Untiere und sind keine Schoßhündchen, die Männchen machen.« »Ein Drachenlord, der sich für Wölfe entscheidet, hat für Schoßhündchen bestimmt wenig übrig«, bekannte Kai. »Etwas anderes wäre es natürlich, wenn er Chihuahuas hielte.« Irene gab sich vorübergehend ihren Tagträumen darüber hin, wie das Worst-Case-Szenario bei einem Kleinhund aussehen würde, der zart an ihrem Knöchel nibbelte. Sie schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Realität. Ihre Beziehung zu mindestens einem der beiden Kandidaten des Wettstreits schien am Gefrierpunkt angelangt. Das ließ vermuten, dass Kai und sie der Wahrheit immer näher kamen und eine der Parteien dadurch nervös machten. Fantastisch, wenn man bedachte, dass ihnen die Zeit zwischen den Fingern zerrann. Allerdings bedeutete es auch, dass sie sich auf größer werdende Gefahren einstellen mussten. »Wenn es wirklich Qing Song ist, wieso spaziert er dann mit seinen Wölfen durch New York?« »Meinst du nicht, dass das etwas zu dramatisch ausgedrückt ist?«, fragte Kai. »Es klingt schon fast, als würdest du über Elfen reden.« »Ein Wolfsrudel!« Irene hielt einen Finger in die Luft. »Öffentliche Straßen in einer Großstadt.« Sie nahm einen zweiten hinzu. »Diese beiden Dinge vertragen sich nicht besonders gut miteinander. Falls er bloß Gassi geht, um seine Haustiere zu erfreuen, ist das schön und gut. Aber das scheint mir doch eher unwahrscheinlich, oder? Und selbst, wenn es so wäre: Was will er in New York? Ausgerechnet zur gleichen Zeit, da Evariste in der Stadt ist? Das ergibt insgesamt doch ein beunruhigendes Bild.« »Schon klar«, räumte Kai ein. »Es könnte aber auch bloß heißen …« »Ja, bitte?« »Dass sie befreundet sind. Wie du und ich.« Er legte seine Hand auf ihre. »Ich weiß, die Bibliothek kann es sich nicht leisten, den Anschein eines Bündnisses zu erwecken. Aber was Freunde untereinander tun, das ist doch wohl ihre Sache. Fall es sich um so eine Situation handelt, könnten wir beide das doch sehr gut nachvollziehen, meinst du nicht?« Irene hätte ihm gern zugestimmt. Aber sie konnte nicht. »Falls es um Freundschaft geht«, sagte sie, »und beachte bitte, dass ich falls sage, dann hat Evariste völlig über die Stränge geschlagen. Ja, ich könnte es nachvollziehen. Ich könnte sogar Verständnis aufbringen, aber das ändert nichts an dem, was ich tun muss. Wir haben bereits darüber gesprochen. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn er um einer Freundschaft willen einen Fehler begangen hat, hätte er sich das im Vorhinein besser überlegen müssen.« Sie wusste selbst, dass sie kaltherzig klang, und erkannte den Ärger in Kais Augen. Aber sie sah keine Notwendigkeit, ihre Worte zurückzunehmen. »Kai. Evariste und ich, wir sind Bibliothekare. Die Privilegien, die wir dadurch bekommen, wurden teuer erkauft. Durch Verantwortung. Er sollte das wissen.« »Und wenn er anderer Meinung ist?« »Dann höre ich mir an, was er zu sagen hat, und treffe auf dieser Grundlage meine Entscheidung.« Sie spreizte die Finger. »Aber das alles ist reine Spekulation. Das Einzige, was wir sicher sagen können, ist, dass er nicht im Auftrag der Bibliothek handelt. Im Gegenteil! Es geht um Machtfragen der Drachen auf höchster Ebene. Wenn sich herausstellt, dass Evariste die Bibliothek dort hineingezogen hat, wird er sich verantworten müssen.« Und wenn ich unseren Auftrag in den Sand setze, drang es eiskalt durch ihren Verstand, muss ich genauso dafür geradestehen. Ich werde so viel Schuld auf mich nehmen wie nötig, um die Sicherheit der Bibliothek wiederherzustellen. Evariste ist nicht der Einzige hier, der alles aufs Spiel setzt. »Warte bitte einen Moment, ja?« Kai wandte den Blick aus dem Fenster. Dann sprach er den Polizisten an, der vorne am Lenkrad saß. Er wechselte zu Englisch. »Officer! Kann es sein, dass dieser Wagen uns folgt? Der grüne links hinter uns.« Irene drehte sich auf ihrem Platz und folgte Kais Blick. Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, welches Auto er meinte. Bis jetzt war es ihr nicht aufgefallen, aber für einen einzelnen Wagen war es wohl auch nicht schwer, in der Menge der Fahrzeuge unterzugehen. Die schiere Anzahl der langgestreckten Karossen und Großraumtaxis, die überall unterwegs waren – flankiert von Doppeldeckerbussen, die mit Menschen vollbepackt vorüberdröhnten – machte es leicht, übersehen zu werden. Irene hatte den Rhythmus dieser Stadt immer noch nicht intus. Es fiel ihr ungewohnt schwer zu beurteilen, was auffällig war und was nicht. Der Polizist hinter dem Lenkrad fluchte und trat aufs Gas. »Diese verdammten Reporter, sie müssen uns irgendwie bemerkt haben. Ich bitte um Entschuldigung, Ma’am, Sir, aber Sie werden rennen müssen, wenn wir an der U-Bahnstation ankommen.« »Wie weit noch?« »Es ist gleich um die Ecke, Ma’am. Sind Sie bereit?« »Bereit zum Angriff.« Sie holte ein paar Zehn-Dollar-Scheine aus ihrer Handtasche und gab sie nach vorn in die ausgestreckte Hand. »Danke für Ihre Unterstützung.« Das Polizeifahrzeug raste um die Ecke und bremste dicht am Bordstein. Kai war fast schon draußen, bevor der Wagen überhaupt stand. Er hielt Irene die Tür auf. Sie sprang raus und sah die grüne Limousine. Sie schlängelte sich die letzten Meter durch den Verkehr und preschte hinter ihnen auf den Bordstein. Ihre Fenster waren heruntergekurbelt. Metall glänzte in der Sonne. Kai holte Irene mit einer kräftigen Armbewegung von den Füßen. Er umschlang ihren Oberkörper und warf sich schützend über sie auf den Gehsteig. Gleich darauf fielen die ersten Schüsse. ZEHNTES KAPITEL Irene krallte die Finger in den Asphalt. Sie drückte den Kopf auf das harte Pflaster und hörte die Gewehrkugeln über sich hinwegfauchen. Die Geschosse schlugen in den Wagen, in dem sie und Kai gerade noch gesessen hatten. Vor der U-Bahnstation warfen sich die Menschen auf den Boden. Schreie mischten sich unter das schrille Quietschen von Autoreifen. Jeder, der einen fahrbaren Untersatz hatte, versuchte so schnell wie möglich wegzukommen. Der Polizeiwagen, der sie gebracht hatte, bildete keine Ausnahme. Dabei war dessen Karosse das Einzige, was sich noch zwischen ihnen und ihren Verfolgern befand. Und das Trommelfeuer der Tommy-Guns ließ nicht nach. »Räder des Autos, blockiert!«, rief Irene. Alle Fahrzeuge, die sich in Reichweite ihrer Stimme befanden, standen auf einmal still. Der Geruch von heißem Gummi und Motorenabgasen erfüllte die Luft. Die beiden Polizisten, ihre Chauffeure, sprangen aus dem Polizeifahrzeug, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber der Kugelhagel hörte nicht auf. »Kannst du ihre Gewehre lahmlegen?«, rief Kai über den Lärm hinweg. Er robbte zur Seite, wobei er sie mitzog. »Das wollte ich gerade.« Eigentlich hätte ich das sofort tun sollen, dachte sie. Stattdessen hatte sie sämtliche Fluchtwege mit liegengebliebenen Autos versperrt. Kopflose Entscheidungen waren selten gut. »Und wenn ich es geschafft habe, rennen wir los.« »Wir müssen diese Killer stoppen!« »Wenn sie keine Waffen mehr haben, können sie auch niemanden mehr töten. Und da sie es auf uns abgesehen haben, müssen wir so schnell wie möglich verschwinden. Sonst gefährden wir alle anderen.« Sie wollte sich bewegen, als sie eine Gewehrkugel dicht an ihrem Kopf vorbeisausen spürte. »Mach dich bereit – Gewehre, habt eine Ladehemmung!« Kai zog sie hoch, und sie rannten los, noch ehe die Umstehenden begriffen, dass das Gewehrfeuer geendet hatte. Die Menschen am U-Bahn-Eingang waren hoffentlich in Deckung gegangen … Irene hatte unterschätzt, was zwei Bewaffnete anrichten können, die mit Tommy-Guns wahllos in eine Straße zielen und abdrücken. Sie sah die Leichen und zwang sich weiterzugehen. Mit dem kupfernen Blutgeruch in der Nase war es schwer, nicht stehenzubleiben. Aber wenn sie lebend hier rauskommen wollten, mussten sie weiter. Der Bereich vor den stählernen Drehkreuzen des U-Bahnhofs war leer. Bis auf den Wachmann, der sich in seinem Häuschen verkrochen hatte, waren alle Menschen Hals über Kopf geflüchtet. Verständlich, aber es zeichnete ein düsteres Bild der Vereinigten Staaten dieser Welt – zumindest von New York. Gewalt und Schusswaffen schienen hier an der Tagesordnung zu sein. Captain Venners Ratschlag, die Stadt zu verlassen, war richtig gewesen. Der Mann wusste offensichtlich, wovon er sprach. Über die Treppen auf der anderen Seite der Drehkreuze strömten Menschen. Sie flohen die Gänge entlang, die zu den Bahnsteigen führten, und drängten in die Züge, die gerade abfahren wollten. Männer wie Frauen, zusammengepfercht, von Höflichkeit oder Rücksichtnahme keine Spur; jeder wollte so schnell wie möglich vom Schauplatz der Schießerei fortkommen. Frauen in engen knielangen Röcken und dünnen Mänteln wurden in Gruppen von Anzugträgern hineingedrückt und bekamen kaum einen Fuß auf den Boden. Die Eingangshalle war erfüllt von Schreien. Die Echos gepresster Flüche, durchsetzt mit Aufforderungen, sofort durchgelassen zu werden, hoben sich von der allgemeinen Kakofonie ab. Eine Gruppe Matrosen, deren blau-weiße Uniformen aus der Menge herausstachen, kämpfte sich in Keilformation durch das Gedränge. Kai wich zur Seite. Er nahm etwas von einem Zeitschriftenständer, und Irene schaffte es gerade so, ihn im Andrang nicht zu verlieren. »Welchen Zug nehmen wir?« Er ergriff ihr Handgelenk und zog sie zu sich. »Egal«, sagte sie über den Lärm hinweg. »Hauptsache ganz hinten einsteigen.« Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, Irene im Schlepptau, ohne nach dem Grund zu fragen. Die New Yorker U-Bahn war schon unter normalen Umständen nichts für Zartbesaitete, aber die Schießerei hatte die Lage um ein Vielfaches verschlimmert. Wo die Londoner wenigstens halbwegs höflich waren, schrien sich die Menschen hier an, benutzten ihre Ellbogen und traten einander in die Hacken. Immerhin ist es unter diesen Umständen schwer, uns zu verfolgen, dachte Irene. Sie ließen sich an Bord des nächsten einfahrenden Zugs drängeln und arbeiteten sich durch den überfüllten Waggon. Als sie ganz hinten angekommen waren, stiegen sie durch die Tür auf der Rückseite aufs Gleis. Sie hüteten sich davor, direkt auf die Schienen zu treten. Irene wusste nicht genau, welche unter Strom standen und welche nicht. Eine Viertelstunde später hatten sie sich in einen unterirdischen Wartungsraum verkrochen. Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne und warf trübes Licht auf Farbdosen, Besen, Eimer und Putzutensilien, die in das kleine Gelass gestopft worden waren. Kai und Irene konnten sich kaum rühren, so eng war es, aber zum ersten Mal seit Stunden konnten sie zumindest sicher sein, dass niemand sie beobachtete. Irene hoffte, dass die U-Bahnschächte in New York nicht von Werwölfen bevölkert waren. »So hatte ich das nicht geplant.« Sie hob die Hand, um sich Staub und Ruß aus dem Gesicht zu wischen, und merkte erst jetzt, dass ihre Finger blutverschmiert waren. Wahrscheinlich stammte es von der Schießerei vor dem U-Bahnhof, als sie auf allen vieren gekrochen und die Kugeln über sie hinweggesaust waren. Irene kannte sich mit Gewalt aus, und dass auf sie geschossen wurde, hatte sie schon vorher erlebt. Doch die Art und Weise, wie das diesmal abgelaufen war, verstörte sie; diese vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben unbeteiligter Dritter. »Von Seiten der Drachen war Ärger natürlich zu erwarten, aber dass wir von organisierten Verbrecherbanden beschossen und von der Polizei gejagt werden könnten, hatte ich nicht vorausgesehen.« Es ist beunruhigend, wie scharf wir von Anfang an überwacht wurden«, stimmte Kai zu. »Und es scheint schlimmer zu werden. Ich glaube nicht, dass wir es uns leisten können, längere Zeit an einem Ort zu bleiben.« »Wir sollten diesen Auftrag so schnell wie möglich hinter uns bringen«, sagte Irene, »bevor noch mehr Unschuldige erschossen werden. Ich bin es leid, nur zu reagieren. Es ist höchste Zeit, aktiv zu werden. Wir brauchen eine Karte.« »Haben wir.« Kai zog einen Faltplan aus der Jacketttasche, und Irene blinzelte. »Wie bist du denn an den gekommen?« »Auf dem Weg zum U-Bahnhof gab es diesen Verkaufsstand. Er sah etwas betrübt drein. »Leider konnte ich unter den Umständen kein Geld dalassen.« »Nun, wir waren ja auch in Eile.« Irene nahm die Karte entgegen. Im Nu hatte sie ein paar Eimer so umgedreht und zusammengestellt, dass sie einen kleinen Tisch bildeten. »Gut mitgedacht, Kai. Du hast dir glatt ein Fleißbienchen verdient.« »Im Moment wäre mir eher nach Cocktails und Tanzen zumute«, gab er zurück. »Wahrscheinlich würde man mich sofort als Jeanette Smith erkennen, sobald ich einen Club betrete.« Irene löste die Kette, an der der Anhänger mit Evaristes Namen hing, von ihrem Hals und hielt ihn über die Karte. »Und dich auch – als hochrangigen Gangsterboss aus London. Schließlich standest du direkt hinter mir, als die Reporter ihre Fotos schossen.« »Ich hab es etwas besser hinbekommen, mein Gesicht zu verdecken. Zum Glück, denn falls Qing Song hier ist und er oder Hu mich auf einem Bild erkennen …« »Das wäre ungünstig«, gab Irene zu. Sie konzentrierte sich und ließ den Anhänger über dem Stadtplan hin und her pendeln. »Anhänger, zeige den Ort auf der Karte, an dem sich der Bibliothekar aufhält, dessen Namen du in dir trägst.« Wenige Stunden darauf half Kai ihr aus der Straßenbahn, die in Brooklyn hielt. Drei- bis vierstöckige Sandsteinhäuser säumten die Straße und verwandelten sie in eine Art Canyon, in den kaum Sonnenlicht drang. Die Eingänge zu den Gebäuden lagen erhöht am Ende kurzer Steintreppen. Fensterreihen sahen auf die Passanten herunter, leere Blicke von im Schatten liegenden Scheiben, die den vorbeieilenden New Yorkern dabei zusahen, wie sie ihren Tagesbeschäftigungen nachgingen. Kai und Irene waren bisher anscheinend nicht erkannt worden. Zumindest war noch niemand stehengeblieben, hatte mit dem Finger auf sie gezeigt und gerufen: »Hey, sind Sie nicht diese britische Gangsterbraut Jeanette Smith?« Irene probierte ansatzweise, sich zu entspannen – aber sie blieb wachsam. Das Haus an der Straßenecke, das ihnen der Anhänger auf der Karte angezeigt hatte, sah aus wie alle übrigen Standsteinhäuser der Gegend und war einmal ein Einfamilienhaus gewesen, bevor man es in Apartments unterteilt hatte. Irene konnte eine Reihe Klingelschilder von der Straße aus sehen. Praktischerweise lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein kleines Geschäft, sodass Kai und Irene vor dem Schaufenster stehenbleiben und ihre nächsten Schritte besprechen konnten, ohne Aufsehen zu erregen. »Es wäre viel zu leichtsinnig, durch die Vordertür zu gehen«, sagte Kai leise. »Falls das Haus beobachtet wird, sieht man uns sofort.« Irene nickte. »Allerdings wirken wir auf der Rückseite auch sehr viel verdächtiger.« Sie waren auf dem Hinweg einmal um den Häuserblock gegangen, um die Gegend auszukundschaften. Auf der Rückseite des Hauses gab es eine Feuerleiter. So etwas barg Risiken. »Deshalb bin ich dafür, so zu tun, als wären wir gewöhnliche Anwohner, die gerade nach Hause kommen.« »Solange du das Reden mir überlässt«, versetzte Kai. »Dein amerikanischer Akzent ist …« Er schien nach einem taktvollen Ausdruck zu suchen. »Nun ja, nicht unbedingt überzeugend.« Irene starrte sein Spiegelbild im Schaufenster des Ladens an und zupfte an ihrer Strumpfhose. »Na gut, wenn es sein muss.« Kai schob seinen Hut zurecht, prüfte im Schaufenster dessen Sitz und schob ihn noch einmal in eine andere Position. Dann ging er los. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Haustür auf der anderen Straßenseite. Kai tat so, als holte er aus der Tasche einen Schlüsselbund, um die Tür damit aufzuschließen. Irene stand hinter ihm und sagte gerade laut genug: Türschloss, entriegele dich.« Kai öffnete die Tür und hielt sie für Irene auf. Als sie beide drinnen waren, schloss er sie. Der Flur war spärlich eingerichtet. Lediglich eine Reihe nummerierter Briefkastenfächer lockerte den tristen Eingangsbereich auf. Der Linoleumboden war stark abgenutzt, die in die Jahre gekommene Holzvertäfelung zerkratzt und ramponiert vom jahrelangen Vorbeischrammen der Bewohner. Links gab es zwei Türen, am Flurende führte eine Treppe in den ersten Stock. Irene kontrollierte die Briefkästen, aber es waren keine Namen angegeben, nur die jeweiligen Nummern des zugehörigen Apartments. Das erschwerte die Angelegenheit. Die zweite Tür links schwang auf, und eine Frau steckte ihren Kopf nach draußen. Sie war Mitte fünfzig, ihr Haar wies die Farbe von altem Messing auf, und ihr Kleid mit Schalkragen war einst, vor langer Zeit, wahrscheinlich einmal violett gewesen. »Hast du jetzt endlich …« Sie brach ab. »Oh, Entschuldigung.« Sie musterte Kai und Irene. »Ich hab gedacht, Sie wären jemand anders.« »Sorry«, sagte Kai mit überzeugendem New Yorker Akzent. »Ich hoffe, wir haben Sie nicht erschreckt.« »Ach, woher denn. Ich warte, dass mein Tom aus dem Supermarkt zurückkommt. Sind Sie neu eingezogen?« Ihre Augen schimmerten wissbegierig. »Wir besuchen nur einen Freund«, sagte Kai. »Ich glaube, er wohnt oben. Er hat uns seinen Schlüssel gegeben, aber leider nicht die Apartmentnummer.« »Wie ist denn sein Name?«, fragte die Frau. »Evariste«, sagte Kai. Sie konnten nicht sicher sein, dass er sich unter seinem richtigen Namen hier einquartiert hatte. Aber irgendetwas mussten sie sagen. »Er wohnt noch nicht lange hier. Einen Monat, höchstens.« »Oh, Sie meinen den.« Die Frau verzog missbilligend den Mund. »Seinen Namen kenne ich nicht, aber es muss dieser Neue sein, der erst vor ein paar Wochen hergezogen ist. Wissen Sie, wir anderen wohnen schon seit Jahren hier. Dritter Stock, linke Seite. Ich muss sagen, ich habe zwar nichts gegen so welche, aber dieser Junge … Er wäre doch besser nach Harlem gezogen, wenn Sie wissen, was ich meine. Jeder da, wo er hinpasst, nicht wahr?« Irene wurde mit einem Schlag daran erinnert, dass sie sich im Amerika der 20er-Jahre befanden. Gewisse Vorurteile waren hier weit verbreitet. Um an die gewünschten Informationen zu kommen, würden Kai und sie mitspielen müssen. »Das haben wir ihm auch gesagt, ist es nicht so?« Sie bemühte sich, seinen Akzent nachzuahmen. »Zieh in eine Gegend in Harlem, haben wir gesagt.« Kai nickte kaum merklich. Das Funkeln in seinen Augen ließ erkennen, dass er Irenes Taktik verstanden hatte. »Ich hoffe, er hat Ihnen keine Umstände gemacht«, sagte er zu der Frau. »Bis jetzt nicht«, gab sie zu. Ihr Ton verriet, dass sie sich vermutlich einen Beschwerdegrund gewünscht hätte. »Geht auch kaum vor die Tür, der Junge. Ich bin ja nicht neugierig, aber ich kriege schon mit, wie er den ganzen Tag da oben in seinem Zimmer sitzt. Weiß Gott, was er da anstellt. Nur ab und zu kommt er raus und kauft sich im Laden um die Ecke etwas zu essen. Und Alkohol natürlich. Was arbeitet er denn, wenn ich fragen darf? Sieht nämlich nicht astrein aus, wenn Sie mich fragen. Von solchen Sachen hab ich im Radio gehört.« Die Angaben waren interessant. Es klang, als versteckte sich Evariste. Eine aktive Zusammenarbeit mit Drachen sah jedenfalls anders aus. Irene nahm sich vor, es im Hinterkopf zu behalten. Sie nickte. »Entschuldigen Sie noch einmal die Störung, Miss«, sagte sie. »Kein Problem«, erwiderte die Frau. Es war offensichtlich, dass sie sich etwas mehr erhofft hatte – weitere Erkenntnisse über einen verdächtigen Mieter, über den es sich so hervorragend tratschen ließ. »Schönen Tag noch.« Die Tür schloss sich vor ihrer Nase. Kai und Irene gingen weiter und stiegen die Treppe hinauf. Im zweiten Stock blieben sie stehen. Irene löste wieder die Kette von ihrem Hals und hängte sie sich locker über das Handgelenk. »Deute auf den Bibliothekar, dessen Namen du in dir trägst«, forderte sie leise. Der Anhänger ruckte und zog an ihrer Hand wie ein junger Hund an der Leine. Die Spitze wies nach oben und zur linken Flurseite. Kai und Irene stiegen leise weiter die Treppe hinauf. Im dritten Stock angelangt, zeigte der Anhänger geradeaus. Er neigte sich der Apartmenttür auf der linken Seite zu und zog. Hier oben gab es nichts Auffälliges. Keine Fliegenschwärme, keinen Verwesungsgestank, keine ungewöhnlichen Geräusche. Irene zwang sich, die bekannten Klischees aus schlechten Krimis aus ihrem Kopf zu verbannen, und schaute Kai an. Vielleicht hatte er ja eine Idee, was als Nächstes zu tun war. Er hob die Hand und deutete ein Türklopfen an. Dabei zog er fragend die Augenbrauen hoch. Falls Evariste sich einer Straftat bewusst und deshalb untergetaucht war, konnte selbst ein sanftes Türklopfen ihn in Panik versetzen, sodass er Hals über Kopf floh. Vielleicht wäre es schlauer gewesen, schalt sich Irene, wenn sich Kai unten an der Feuerleiter postiert hätte. Aber hinterher war man eben immer schlauer. Mach dich bereit, formte sie mit den Lippen die Worte, während sie Kai ansah. Ein Nicken von ihm. »Türschloss, entriegele dich«, sagte sie leise. Das Schloss klickte. Kai trat zu. Die Tür flog auf und prallte gegen die Zimmerwand. Er und sie schauten in das offene Apartment. Das Zimmer war voller Bücher. Sie stapelten sich an den Wänden, ihre Rücken eine Fläche aus nicht zueinanderpassenden Farben. In Tragetaschen und Kisten lagen noch mehr von ihnen; die schiere Menge verwandelte das Zimmer in einen Hindernisparkour. Es gab keine Bilder an den Wänden und keine Möbel außer einem Tisch und ein paar Stühlen. Keine Teppiche, keine Deko – nichts. Nur Bücher. Irene fühlte sich an ihr eigenes Zimmer erinnert, daheim in der Bibliothek. Der Mann am Esstisch hatte den Kopf hochgerissen und starrte sie entgeistert an. Er war salopp gekleidet, die Krawatte hing ungebunden von seiner Brust herab. Ein Dreitagebart verdunkelte seine ohnehin dunkle Haut. Er sah Irene, und der Blick ging über sie hinweg. Anscheinend stufte er sie als weniger wichtig ein, denn er richtete seine Aufmerksamkeit sofort auf Kai. »Bücher, schleudert euch auf den Drachen!«, rief er. Damit sprang er auf, warf den Stuhl um und stieß sich vom Tisch ab. Kai stolperte von der Schwelle aus nach hinten. Er fluchte, während überall im Zimmer die Bücher von ihren Stapeln flogen und auf ihn lossausten. »Bücher, fallt herunter«, befahl Irene. Für ein leises, unbemerktes Vorgehen war es jetzt sowieso zu spät. Ohne durch das Wirrwarr fliegender und flatternder Bücher sehen zu können, setzte sie hinzu: »Hosen, behindert Evariste!« Der Aufprall zahlloser Bücher – von denen einige Kai erwischten – hallte durch das Haus. Ein dumpfer Knall weiter hinten im Apartment deutete an, dass Evaristes Beinbekleidung den Mann zu Fall gebracht hatte. »Hose, lockere dich«, rief er. »Tür, schließe dich.« Irene vollführte einen Hechtsprung ins Zimmer und rollte sich ab, als die Tür hinter ihr zuknallte. Duelle in der Sprache stellten einen vor ein Problem. Je länger man sie führte, desto mehr Gelegenheit bekam der Gegner, den entscheidenden Befehl zu geben. Doch durch die Befreiung aus seiner Hose hatte Evariste wertvolle Zeit verloren. »Krawatte, schnüre Evaristes Kehle zu«, befahl Irene hastig – grausam, ja, aber der effektivste Weg, der ihr einfiel, ihn zum Schweigen zu bringen. »Tisch, presse Evariste an die Wand und halte ihn dort.« Der Tisch glitt über den Boden auf Evariste zu und klemmte ihn zwischen Kante und Wand ein. Die Krawatte hatte sich mehrmals um seinen Hals geschlungen und drückte ihm die Luftröhre zu. Evariste ächzte. Er zerrte am Seidenstoff und versuchte, die Finger darunter zu schieben. Für jedes weitere Wort in der Sprache fehlte ihm die Luft. Irene stand auf und ging zu ihm. »Sobald Sie aufhören, mich anzugreifen, können wir miteinander reden«, sagte sie. »Nicken Sie, wenn Sie einverstanden sind. Evariste brachte ein schwaches Nicken zustande. Irene spürte, dass er noch nicht aufgegeben hatte und sich nur vorübergehend in sein Schicksal fügte. »Krawatte, lockere dich«, befahl Irene. Sie spürte einen raschen Anflug von Schuld, als sie die roten Striemen sah, die der Schlips am Hals des Mannes zurückgelassen hatte. »Tut mir leid, aber es ging nicht anders. Wir müssen reden. Ich bin Bibliothekarin.« »Das habe ich inzwischen mitbekommen«, blaffte Evariste. »Und wie ich sehe, haben Sie sich ebenfalls kaufen lassen.« »Wie bitte?« Evariste deutete auf Kai, der soeben zur Tür hereinkam. Auf dem Weg trat er die Bücher beiseite, die in heillosem Chaos herumlagen. An Kais Schläfe lief Blut herab. Eines der gebundenen Geschosse hatte offensichtlich sein Ziel gefunden. »So viel zur hochgelobten Neutralität der Bibliothek.« »Er ist nicht mein Verbündeter, sondern mein Lehrling«, sagte Irene. Sie war sich bewusst, dass es sich wie Haarspalterei anhörte. »Ich dagegen bin voll ausgebildete Bibliothekarin, und ich wurde geschickt, um herauszufinden, in was Sie hier verwickelt sind. Es wird uns beiden das Leben einfacher machen, wenn Sie es mir gleich hier und jetzt sagen. Ich glaube, wir sind uns beide bewusst darüber, wie gefährlich die Situation momentan ist.« Evariste zuckte zusammen. In seinem Gesicht waren das schlechte Gewissen und die Verzweiflung zu lesen. Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. »Also gut. Lassen Sie mich los, dann können wir reden.« Er war vielleicht ein guter Rechercheur, entschied Irene, aber ein miserabler Lügner. Oder er war einfach nur erschöpft. Er sah aus wie jemand, der seit Tagen nicht richtig geschlafen hatte. Aber so wie sein Blick durch den Raum huschte und sich nach Fluchtmöglichkeiten umsah, ahnte sie, dass er etwas versuchen würde, sobald sie ihn auch nur eine Sekunde hinter dem Tisch hervorkommen ließ. Sie hoffte insgeheim, dass sie selbst besser log als dieser Mann. Sie hätte es geradezu peinlich gefunden, so leicht durchschaubar zu sein wie er. »Einverstanden.« Sie seufzte innerlich. Es war vermutlich am besten, ihm diese eine Chance zu lassen, sich zu benehmen. Auch wenn sie davon ausging, dass er sie nicht nutzen würde. Das hier versprach alles andere als schön zu werden. »Tisch …« Die Laute, die von draußen hereindrangen, ließen sie mitten im Satz abbrechen. Einhellig wandten die drei sich zum Fenster um. Es war das Geheul von Wölfen. ELFTES KAPITEL In Evaristes Gesicht zeichnete sich die blanke Panik ab. »Boden …«, begann er in der Sprache. Kais Faust traf ihn am Kiefer und ließ seinen Kopf einmal kräftig gegen die Wand hinter ihm prallen. Dann sackte er über dem Tisch zusammen. »Das war etwas voreilig, meinst du nicht?«, fragte Irene. Sie bahnte sich ihren Weg über den von Büchern übersäten Boden zum Fenster. Sie war selbst unschlüssig. Unter normalen Umständen hätte sie es verurteilt, dass Kai munter einen Bibliothekar k.o. schlug. Evariste jedoch hatte zweifellos so etwas sagen wollen wie Boden, stürze ein, um seine Flucht doch noch zu bewerkstelligen. Kai zuckte die Achseln. »Du sagst immer, dass ein Bibliothekar im Einsatz nicht zögern sollte, wenn es Zeit ist, den entscheidenden Schlag auszuführen.« »Mein Leben wäre bedeutend einfacher, wenn du nicht so ein gutes Gedächtnis hättest«, murmelte Irene. »Zumindest würdest du dann das Wort Heuchelei nicht so oft bemühen. Oder mich mit diesem Blick ansehen.« Sie spähte, dicht an die Wand gedrängt, aus dem Fenster, um von draußen nicht gesehen zu werden. Die Wölfe bogen in diesem Moment einen Straßenblock entfernt um die Ecke. Es waren ein halbes Dutzend große, kräftig aussehende Tiere, deren struppiges dunkles Fell sich fast mit den Schatten der Häuser verband. Sie kamen rasch den Gehsteig entlang. Dabei rannten sie nicht einmal, sondern näherten sich mit eher langsamen Schritten, ebenso bedrohlich wie unaufhaltsam. Kalte, urtümliche Angst stieg in Irene auf. Sie begriff, dass die Tiere in knapp einer Minute das Haus erreichen würden. Hinterdrein folgte eine Gruppe Männer. Ihr gemessener Gang verriet, dass sie den Wölfen folgten und sie nicht führten. Aus der Ferne waren sie nur schwer zu erkennen, aber die Person ganz vorn machte den Eindruck, als sei sie der Anführer. »Ist das Qing Song?«, fragte Irene. »Leider weiß ich nicht, wie er aussieht«, gab Kai zu. »Aber falls er es ist …« Sie drehten sich um und sahen Evariste an. »Eben«, sagte Irene. Sie durften keine Zeit verlieren. »Schaff ihn über die Feuerleiter nach unten – nein, warte! Noch besser: Trag ihn über die Leiter rauf aufs Dach. Versuch irgendwie, deine Spuren zu verwischen. Danach nimmst du dir ein Taxi. Sag dem Fahrer, dass es sich um einen Kranken handelt, und such dir ein Hotel. Die Karte nehme ich.« Sie streckte die Hand aus. »Ich lese Evariste später einfach aus der Karte heraus. So kann ich euch beide jederzeit finden und komme nach. Du musst nur absolut sichergehen, dass er nicht abhaut.« Kai legte wie auf Kommando den Stadtplan in ihre Hand. Plötzlich hielt er inne und blickte sie eindringlich an. »Moment mal, was wirst du in der ganzen Zeit unternehmen?« »Ich halte unsere Verfolger auf.« Sie klemmte sich die Karte unter den Arm, löste die Kette mit dem Anhänger von ihrem Handgelenk und hängte sie sich wieder um den Hals. Den Anhänger selbst schob sie sorgsam unter ihre Bluse. »Ich lenke sie ab, während du Evariste in Sicherheit bringst. Wir brauchen Antworten von ihm. Dringend.« »Was, wenn er aufwacht?« »Dann wirst du ihn knebeln und fesseln müssen. Was auch immer. Sag ihm, dass es meine Idee war, wenn du willst. Sei bloß vorsichtig. Du weißt, wozu ich in der Lage bin. Geh davon aus, dass er das alles auch kann. Und sag mir nicht, du hättest noch nie darüber nachgedacht, mich zu knebeln und zu fesseln, um mich an irgendetwas Unvorsichtigem zu hindern.« Er vermied es, sie anzusehen. Also habe ich recht, überlegte sie. »Komm schon, Kai. Sag was. Uns rennt die Zeit davon.« »Was ist, wenn Qing Song dir etwas übelnimmt, was du zu ihm sagst? Er hält sich Wölfe.« Doch während Kai sprach, rückte er bereits den Tisch von der Wand ab und schwang sich den bewusstlosen Evariste über die Schulter. »Ich werde der Bibliothek meinen genauen Aufenthaltsort mitteilen. Du bist jetzt mein Ass im Ärmel, Kai.« Irene öffnete die zweite Tür, die aus dem Zimmer in einen schmalen Flur führte. Das dortige Fenster ging zur Rückseite hinaus. »Schnell. Solange sie noch nicht wissen, dass du hier bist und wer du bist, müssen wir dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Los geht’s!« Es überraschte sie nicht, das Fenster zur Feuerleiter gut geölt vorzufinden. Auch die Möbel standen so, dass man hervorragend auf ihnen nach draußen klettern konnte. Irene hielt das Fenster auf, während Kai den bewusstlosen Bibliothekar auf die Feuerleiter hievte. »Sei vorsichtig«, sagte Irene. »Kein Problem«, gab er trocken zu verstehen. »Ich werde genauso vorsichtig sein, wie du es bestimmt bist.« Er klappte das Fenster mit einem dumpfen Schlag zu. Irene machte sich daran, Evaristes Schlafplatz zu durchstöbern, einen kleinen, mit Büchern vollgestopften Winkel. Sie sah unter die Matratze, durchsuchte die Schubladen des Nachtschranks, öffnete den Waschschrank, kurz: Sie prüfte jede erdenkliche Nische. Aber sie fand weder geheime Dokumente und Aufzeichnungen noch Vorräte an Edelsteinen oder sonst etwas Wertvolles, das Evaristes Verhalten hätte erklären können. Beim Rausgehen ließ sie alles, wie es war. Das zerwühlte Bett und die offenen, ausgeschütteten Schubladen würden die Geschichte, die sie sich bereitgelegt hatte, untermauern helfen. Sie warf einen Blick aus dem Fenster auf der Vorderseite. Die Wölfe hatten sich am Hauseingang versammelt. Auf der Straße war kein Mensch mehr zu sehen. In Irenes Verstand begannen die Dinge Gestalt anzunehmen. Die Bücher, die sich in dem bescheidenen Apartment türmten, passten nicht im Mindesten zusammen. Eine wilde Mischung an Unterhaltungsliteratur, Heftromanen und schweren, gebundenen Wälzern, die zigmal gelesen worden waren. Dass ein Bibliothekar so viele gebrauchte Bücher erwarb und sie dann nicht einmal ansatzweise in eine gewisse Ordnung brachte, konnte nur eines bedeuten, und diese Erklärung hatte sicher kaum damit zu tun, dass Evariste ein solch begieriger Leser war. Er hatte die Bücher gekauft, um einen Schutzzirkel zu erschaffen, der den Bereich der Bibliothek vorübergehend auf diese Kammer hier ausweitete. Durch diese metaphysische Verbindung mit der Bibliothek hatte er versucht, sich vor etwas oder jemandem zu verstecken. Und seiner Reaktion auf Kai und die Wölfe nach zu urteilen, lag es nahe, dass er sich hier vor Drachen im Allgemeinen und Qing Song im Besonderen verkrochen hatte. Irene wusste nur noch nicht, wie die Drachen Hu und Jin Zhi in diese ganze Geschichte hineinpassten. Kai war ihr Ass im Ärmel, das hatte sie selbst zu ihm gesagt – sie wollte, dass er unerkannt blieb. Dabei spielte aber noch eine weitere Überlegung eine Rolle. In dem Moment, da Kai mit anderen Drachen in Konflikt geriet, würde er sich entscheiden müssen, auf welcher Seite er stand. Wollte er der Bibliothek verpflichtet handeln, oder empfand er das als Verrat an seiner Familie, seiner Art? Es diente sowohl Kais als auch Irenes Interesse, diesen Moment so lange wie möglich hinauszuzögern. Die Wölfe brachen vor dem Haus in lautes Geheul aus. Irene holte tief Luft. Sie kreuzte in Gedanken die Finger für Kai und Evariste. Dann machte sie sich auf den Weg die Treppe hinunter. Ein Schlag – wahrscheinlich von jemandem, der die Haustür eintrat. Das Grollen der Raubtiere hallte durch das Treppenhaus. Irene setzte ihre ganze Willenskraft ein, um sich nicht davon einschüchtern zu lassen. Falls diese Wölfe dazu neigten, ohne zu zögern über Menschen herzufallen, hätte Captain Venner ihr das erzählt. Sicherlich. Sie ging weiter. Es sei denn, sie fressen ihre Opfer gleich mit Haut und Haaren auf und lassen nicht einmal die Knochen übrig, ermahnte ihre Vorstellungskraft sie. Wenig hilfreich. Sei nicht albern. Wie sollten Wölfe denn ein ganzes Skelett zum Verschwinden bringen können?, sagte sie sich mit der Stimme der Vernunft. Selbst außergewöhnlich intelligente Wölfe, die von Drachen als Haustiere gehalten werden, sind dazu wohl kaum in der Lage. Wenn, dann wäre das eher die typische Aufgabe, die ein Drachenlord seinen menschlichen Untertanen überlassen würde. Sie bog um den letzten Treppenabsatz und blickte ins Erdgeschoss. Auch wenn es nur ein halbes Dutzend zähnefletschender Wölfe war, boten diese einen grässlichen Anblick. Sie füllten den gesamten Korridor aus, ihr Fell ein Meer aus schwarzem, struppigem Pelz, die Augen leuchtend gelb. Sie schweiften vor und zurück, umkreisten einander bedrohlich. Ihr Hecheln hallte im Flur wider und schien die Luft aufzuwärmen mit dem Geruch von Fleisch. Es zerrte an Irenes Nerven. Aber trotz der Wölfe waren es vor allem die beiden Männer im Hintergrund, die ihre Aufmerksamkeit fesselten. Auf der Treppe blieb sie stehen. Sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Wenn es ihr nicht augenblicklich gelang, ihr Gegenüber in die Defensive zu drängen, war es aus mit ihr. »Wie bitte?«, fuhr sie die zwei Männer an. Dabei zog sie verächtlich die Augenbraue hoch. »Was machen Sie denn hier?« Das verblüffte Schweigen, das darauf folgte, gab Irene Gelegenheit, sich die beiden Männer genauer anzusehen. Der eine war ein Drache, der andere nicht. Und der Drache hatte eindeutig das Sagen. Man sah es an seiner Ausstrahlung, der ganzen Art, wie er in seinem eleganten Anzug dastand, der doppelt so teuer aussah wie der seines Begleiters. Er war dunkelhäutig mit schwarzem Haar, wobei die Haarfarbe einen grünlichen Schimmer aufwies wie das Gefieder einer Krähe. Seine Schultern waren noch kräftiger und breiter als die von Kai. Er sah zu Irene herauf, und ihr Gespür für diesen Mann verriet ihr, dass er lieber derjenige gewesen wäre, der von erhöhter Position auf sie herabschaute, nicht andersherum. Seine machtvolle Aura entsprach der von Jin Zhi. Er thronte dort wie eine Herrscherstatue, wie aus der rohen Erde selbst geformt. Ein Geschöpf, das einen Menschen an Stolz und Stärke übertraf und nur vorübergehend diese zweibeinige Form angenommen hatte. Den zweiten Mann erkannte Irene sofort als Handlanger. Ein Profi, aber ein Söldner nichtsdestotrotz. Die Art Mann, die geschickt wurde, wenn es Probleme gab, die einer endgültigen Lösung bedurften. Er war von gepflegter Erscheinung und sah nicht unattraktiv aus, seine Augen jedoch blickten schmal und forschend drein. Er hörte nie auf, seine Umgebung mit ihnen abzusuchen. Trotzdem hielt er sich zurück und wartete darauf, dass der andere – sein Arbeitgeber – das Wort ergriff. Ein Bodyguard, entschied Irene. Einer, der die wahre Natur seines Bosses möglicherweise nicht kannte. Endlich sprach der Drache. Seine Stimme klang tief und durchdringend, sein Akzent wies ihn definitiv nicht als New Yorker aus. »Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt.« Irene erstickte das innere Aufflammen der Erleichterung darüber, dass sie immer noch nicht gefressen worden war. »Ich bin Marguerite«, sagte sie galant. »Ich arbeite im Dienst der Bibliothek. Ich nehme an, Sie haben von uns gehört?« Huschte da ein Anflug von schlechtem Gewissen über sein markantes Gesicht? Sehr interessant. »Selbstverständlich«, sagte er. »Und ich nehme an, dass Sie wissen, wer und was ich bin?« Sie musste ihr Glück wohl oder übel herausfordern und alles auf eine Karte setzen. »Das versteht sich von selbst. Lord Qing Song, wenn ich mich nicht irre.« Er zeigte keine äußerliche Reaktion. Aber die Wölfe machten wie aufs Stichwort kehrt und umschwärmten ihn, streiften um seine Beine und schmiegten die Köpfe an seine Hände. Mein lieber Qing Song, dachte Irene. Wenn du unerkannt bleiben willst, solltest du dich nicht mit Haustieren umgeben, die jede deiner innersten Regungen spüren können. Als er antwortete, meinte sie, eine gewisse Vorsicht aus seinem Tonfall herauszuhören. »Bin ich etwa so bekannt in der Bibliothek, dass man mich schon auf den ersten Blick erkennt? Das wusste ich gar nicht.« Irene zuckte die Achseln. Sie setzte sich wieder in Bewegung und ging auf ihn zu. Dass sie sich dabei wohl oder übel auch den Wölfen näherte, ließ sich leider nicht vermeiden. Die Dinge liefen nie hundertprozentig perfekt ab. »Zumindest versuchen wir, über die prominenten Vertreter der Königshäuser der Drachen regelmäßig Berichte anzufertigen. Mir ist nur nicht klar, was Sie hier tun.« Gut, ihn sich nicht so rasch von seiner Überrumpelung erholen zu lassen. Oberflächlich betrachtet war sie natürlich höflich. Aber der Ton, in dem sie sprach, klang so beiläufig, dass es – nach Drachengepflogenheiten – an Beleidigung grenzte. Und je länger sie sich außerdem gegenseitig zu ködern versuchten, desto höher waren Kais Chancen, unentdeckt zu entwischen. Einer der Wölfe trabte zu ihr, als sie die unterste Treppenstufe erreicht hatte. Er schnüffelte an ihrer Hand, und Irene versuchte, sich zu erinnern, ob sie Evariste berührt hatte und nun seinen Geruch an sich trug. Vermutlich nicht, sie hatte ja lediglich seine Sachen durchwühlt. Also streckte sie langsam die Hand aus, damit der Wolf sie beschnüffeln konnte. Sie hoffte sehr, dass beim Zurückziehen nicht nur ein blutiger Stumpf zurückbleiben würde. »Wirklich außerordentlich charmant«, sagte sie. Sie lauschte dem tiefen Grollen aus der Kehle des Raubtiers. »Ich habe sie selbst gezüchtet«, sagte Qing Song. »Schattenwölfe, wie man unschwer erkennen kann.« »Wirklich nicht zu übersehen«, befand Irene trocken. »Eine sehr alte Spezies«, erklärte Qing Song. Er kraulte dem größten der sechs liebevoll das Ohr. »Ich schätze, jeder Mann braucht ein Hobby.« »Ich verbringe leider zu viel Zeit damit, abhandengekommenen Büchern nachzujagen.« »Jagen Sie in diesem Moment auch?« Qing Song stellte die Frage, wie man jemandem ein Messer in die Rippen stößt: schnell und unbarmherzig. Glücklicherweise hatte sich Irene die Antwort auf die zu erwartende Frage vorher zurechtgelegt. Sie musste es nur so aussehen lassen, als handelte sie spontan. »Nein, und ich will ehrlich zu Ihnen sein – soll ich Sie Prinz nennen, oder ist Ihnen Lord lieber?« »Lord dürfte ausreichend sein«, sagte Qing Song. »Vorerst.« Jetzt, als er und Irene sich auf Augenhöhe gegenüberstanden und sie nicht mehr von oben auf ihn herabsah, schien er sich wohler zu fühlen. Mit einem Nicken sagte sie: »Ich bin hier, um eines unserer eigenen Exemplare ausfindig zu machen, das jemand unglücklicherweise falsch platziert hat.« Qing Song zog die Stirn in Falten. »Es ist also noch ein weiterer Bibliothekar beteiligt? Geht es ihm gut?« Es war gut möglich, dass Qing Song es gewohnt war, stets in der männlichen Form zu sprechen – jeder Mann braucht ein Hobby. Doch genauso gut konnte es sein, dass er das Geschlecht des betreffenden Bibliothekars ganz genau kannte. Vale hätte in diesem Moment von einer unzureichenden Datenlage gesprochen. Und er hätte recht gehabt. »Das wissen wir nicht«, sagte sie mit leichtem Achselzucken »Und leider ist das Teil des Problems. Wir haben den Nachweis, dass er diese Welt betreten hat, aber danach ist der Kontakt abgebrochen. Sie können sich vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich eben Sie hier angetroffen habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wahrscheinlich es ist, dass wir uns in so einer großen Stadt über den Weg laufen.« Qing Song hielt sekundenlang inne. »Lassen Sie mich erklären. Unter normalen Umständen würde ich diese Angelegenheit nicht mit Außenstehenden besprechen. Aber es wäre möglich, dass Sie in dieser Sache helfen könnten.« Er machte eine Pause, wie um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Dankbarkeit dafür auszudrücken, dass sie ihm zu Diensten sein durfte. Als sie keinerlei Reaktion zeigte, fuhr er fort: »Ich bin hinter einem Dieb her. Und ich habe ihn bis hierhin verfolgt.« Irene trat einen energischen Schritt vor, auch wenn all ihre Instinkte in diesem Moment darum flehten, das Gegenteil zu tun. »Wollen Sie damit andeuten, dass ein Bibliothekar Sie bestohlen hat?« Aber nein, ganz und gar nicht«, beeilte Qing Song sich zu versichern. »Mir ist vielmehr der Gedanke gekommen, dass Ihr werter Kollege ebenfalls Opfer dieses Diebes geworden sein könnte. Das würde erklären, weshalb die Spur des Übeltäters mich hergeführt hat.« Zugegeben, dachte Irene, es wäre einfacher für Qing Song gewesen, den angeblichen Diebstahl dem fremden Bibliothekar anzulasten. Vielleicht entsprach das sogar der Wahrheit. Wieso machte sich der Drache also die Mühe, es so vehement zu bestreiten? Die einzige Erklärung war, dass er Irene aus irgendeinem Grund als Verbündete haben wollte. Irene nickte besonnen. »Ich muss zugeben: Dem Zustand des Apartments da oben nach zu urteilen, sieht es so aus, als wäre mein Kollege entführt worden.« Qing Song wandte sich an seinen Bodyguard. »Lucci, von solchen Dingen verstehen Sie doch etwas.« »Würde mich erst mal umschauen müssen, Boss«, erwiderte der Mann und griff sich an den Hut. »Es ist im dritten Stock«, informierte ihn Irene. »Die Tür steht offen. Ich bin zwar keine Expertin, aber es scheint einen Kampf gegeben zu haben.« Lucci bat Qing Song mit einem Seitenblick um Erlaubnis. Als der Drachenlord nickte, ging er an Irene vorbei die Treppe hinauf. Er bewegte sich so leise wie die Wölfe auf ihren Pfoten. Sie fragte sich, wie lange sie Qing Song hier noch festhalten konnte. Kai beeilte sich wahrscheinlich, so gut es ging, aber einen bewusstlosen Körper die Feuerleiter hinaufzuschleppen war Schwerstarbeit. Wenn es ihr nur gelang, Qing Song noch ein wenig länger zu beschäftigen … Mit einem Seufzen sagte sie: »Das ist alles so verwirrend. Ich stecke gerade mitten in einer interessanten Recherche. Die Darstellung der Gnostiker in der Literatur des postrevolutionären Frankreichs. Und auf einmal werde ich weggerufen, um diesen noch recht jungen – um nicht zu sagen grünschnabeligen – Bibliotheksanwärter zu finden, der sich nicht pünktlich aus dem Urlaub zurückgemeldet hat. Zu allem Überfluss finde ich jetzt auch noch heraus, dass er offenbar in ernste Schwierigkeiten geraten ist. Warum sollte jemand gekidnappt werden in dieser Welt?« »Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass es sich auch um eine Einmischung der Elfen handeln könnte?«, versetzte Qing Song. »Die auch noch? Hier? Wir müssen dringend unsere Aufzeichnungen über diese Welt aktualisieren. Mir wurde erzählt, dass sie relativ unbeeinflusst ist.« »Und hat Ihnen diese Einschätzung ein Drache gegeben?«, fragte Qing Song. »Vielleicht haben wir ja Verbindungen, die sich überschneiden.« Irenes Ungerührtheit schmolz wie Schnee in einem Teekessel. Sie durfte Kai auf keinen Fall verraten. Sie wollte noch nicht einmal seinen Onkel Ao Shun oder Li Ming nennen. Aber wenn sie behauptete, noch nie einem Drachen begegnet zu sein, würde das ihr Ansehen und ihre Bedeutung in Qing Songs Augen arg herabsetzen. »Keine, über die ich offen reden könnte«, behalf sie sich in einem Ton, der zu verstehen gab, dass dies allzu nachvollziehbar war. Sein langsames Nicken ließ darauf schließen, dass er es tatsächlich verstand. »Ich werde in Kürze am Hof unserer Königin der Südlichen Ebenen ein bedeutendes Amt antreten. Vielleicht ergibt sich in der Zukunft die ein oder andere Gelegenheit zur gegenseitigen Unterstützung …« »Meinen Glückwunsch«, sagte sie bewusst neutral. »Ich bin überzeugt, dass Sie Ihre Position hervorragend ausfüllen werden.« Wenn er sich seiner Ernennung bereits so sicher ist, überlegte Irene, bedeutet das, dass er das Buch längst hat? Und falls ja, was macht er dann noch hier auf Evaristes Fersen? Die Erkenntnis, wie wenig sie tatsächlich wusste, versetzte ihr einen Schreck. Was mochte mittlerweile alles schiefgegangen sein, von dem sie nicht mal etwas ahnte? Einer der Wölfe begann zu heulen. Ein Schauer der Angst lief Irene über den Rücken, als sie sich vorstellte, dass er die Wahrheit hinter ihrer Lüge gewittert haben könnte. Dann kam Lucci die Treppe herunter. »Sprich«, befahl Qing Song. »Und keine Scheu vor der Dame. Sie darf ruhig alles hören.« »Weg«, sagte Lucci, dem die Wölfe den Weg freimachten. »Die Miss hat recht – einen Kampf gab es tatsächlich. Überall Bücher. Jemand ist hinten raus durchs Fenster geklettert. Es war nicht verriegelt. Hab auch Schleifspuren gefunden. Schätze, dass es ein oder zwei Leute gewesen sind. Und sie haben jemanden rausgetragen. Eh sie weg sind, haben sie alles durchstöbert. Schubladen rausgezogen, Matratze umgedreht. Das Übliche. Tut mir leid, Boss, aber hier sind wir zu spät gekommen.« »Wie lange, seit sie weg sind?«, fragte Irene, bevor Qing Song Luft holen konnte. »Und gab es Anzeichen darauf, wer diese Leute waren?« »Kaum ’ne Stunde, würd ich sagen.« Vor dem Sprechen hatte er sich mit einem Blick artig bei Qing Song versichert, dass er antworten durfte. »Und leider haben sie keinen Abschiedsbrief hinterlassen, als sie gegangen sind, Lady. Aber ich kann Ihnen versichern: Wer immer da oben wohnte, muss die Täter freiwillig reingelassen haben.« Irene runzelte die Stirn. »Wie können Sie da sicher sein?« »Weil es keine Einbruchspuren gibt. Das Schloss ist nicht geknackt worden, und die Tür hat auch niemand eingetreten.« Luccis Blick huschte zur Haustür, die offen stand, seit er und sein Boss hindurchgekommen waren. »Äh, Boss, wir sollten drüber nachdenken zu verschwinden, eh die Polizei da ist. Vielleicht gibt’s neugierige Nachbarn, die die Cops gerufen haben.« »Vorher werde ich das Apartment durchsuchen«, sagte Qing Song. »Nach Hinweisen auf mein Eigentum, versteht sich.« Er fügte die Erklärung etwas hastig hinzu. Fast hatte es den Anschein, als wollte er sich rechtfertigen. »Wenn wir etwas Neues über Ihren Kollegen erfahren, werden wir Ihnen selbstverständlich Bescheid geben. Wie war noch gleich sein Name? Und wenn Sie erlauben – wo kommen sie für die Nacht unter?« Irene rief sich die Namen der Hotels in Erinnerung, die Captain Venner ihnen genannt hatte. Sie wählte kurzerhand dasjenige aus, bei dem von einem Gast mit Wolfsrudel nicht die Rede gewesen war. »Ich werde im Plaza Hotel nächtigen, bis die Angelegenheit erledigt ist«, sagte sie. »Und der Name des Kollegen lautet Evariste. Ich kann Ihnen umgekehrt Bescheid geben, falls ich bei meiner Suche auf Ihr vermisstes Eigentum stoße – worum handelt es sich denn, wenn ich fragen darf?« »Um die Jadeskulptur eines Wolfs«, sagte Qing Song. »Unverwechselbar, selbst für einen Laien.« »Ich verstehe.« Irene hätte sich beinahe gewünscht, eine Brille zu tragen, um ihr abschätziges Naserümpfen noch effektvoller aussehen zu lassen. Ihrer Meinung nach brauchte es einen zusätzlichen letzten Schliff, um ihm zu versichern, dass er es bei ihrer Person mit einer einflussreichen, arroganten, aber glücklicherweise vollkommen ahnungslosen Bibliothekarin zu tun hatte. »Ich kann nur hoffen, dass Ihre Nachforschungen den meinigen nicht ins Gehege kommen. Welche fortzusetzen ich nun die Pflicht habe. Einen guten Tag.« Eine einflussreiche, arrogante und ahnungslose Bibliothekarin, die eine hoffnungslos altmodische und verdrehte Grammatik pflegt, fügte sie in Gedanken hinzu. Qing Song zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Offensichtlich verärgert darüber, so mir nichts dir nichts stehengelassen zu werden, sagte er trotzdem keinen Ton. Seine Wölfe aber stimmten ein steigendes Wutgeheul an, als sie von der Haustür zurückwichen und Irene Platz machten. Ja, sie hatte eindeutig sein Temperament herausgefordert. Die Luft im Hausflur war plötzlich zum Schneiden dick, aufgeladen mit gebändigter Macht. Selbst Lucci nahm seinen Hut ab und wischte sich mit einem Stofftaschentuch über die Stirn – in deutlichem Abstand zu seinem Boss. Irene stolzierte zur Tür. Sie achtete darauf, das Gebäude nicht allzu hastig zu verlassen. Zumindest einen Teil der Strecke würde sie mit der U-Bahn zurücklegen müssen. Nur so war sie sicher, dass die Wölfe ihren Geruch nicht verfolgen konnten. Zudem gab es da noch ein paar dringende Fragen, die sie Evariste stellen musste. Je früher, desto besser. ZWÖLFTES KAPITEL »Wirklich, herzlichen Glückwunsch«, sagte Irene, als Kai ihr die Tür öffnete. »Du hast das zwielichtigste Hotel in ganz New York gefunden.« Kai winkte sie herein und schloss eilig die Tür hinter sich. Er ließ sich in einen zerschlissenen Sessel fallen, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die Hände. »Das war wirklich, wirklich stressig«, murmelte er durch die Finger. Sie sah von ihm zu Evariste. Der Bibliothekar lag in dem einzigen Bett des Zimmers, sorgsam mit dem Fetzen eines zerrissenen Kissenbezugs geknebelt. Seine Arme waren zu beiden Ecken des Bettes hin ausgestreckt, die Handgelenke an die Pfosten gefesselt. Wütend starrte Evariste sie an. »Für uns alle, kann ich mir vorstellen«, sagte Irene. »Ich musste davon ausgehen, dass er genauso mächtig ist wie du.« Kai stockte. »Und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Letztlich gab es allerdings nichts weiter zu tun, als die ganze Zeit herumzusitzen und zu warten.« Irene versetzte sich in Kais Lage in der letzten halben bis Dreiviertelstunde – er im fensterlosen Zimmer dieser Absteige. Keine Möglichkeit, etwas anderes zu tun als gegen die Wand zu starren und sich Evaristes Schnaufen anzuhören. Ohne eine Ahnung, wie es ihr, Irene, währenddessen ging. Ob sie in Gefahr schwebte. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich weiß«, sagte sie. »Und ich hätte mir wirklich gewünscht, dass es anders gelaufen wäre.« »Bist du mit Qing Song zurechtgekommen?«, fragte er. Es klang noch ein wenig jämmerlich. »Falls nicht, würde ich jetzt kaum hier sein und mit dir reden.« Kai schnaubte. »Richtig.« Wie Irene bemerkt hatte, war Evariste sofort erstarrt, als er Qing Songs Namen gehört hatte. Angespannt blickte er sie an. »Im Ernst«, wandte sich Irene an beide. »Ich hab es geschafft, ihm vorzuhalten, dass er meine Ermittlungen behindert, bevor er mir mit demselben Vorwurf zuvorkam. Und dann hab ich mich arrogant und stur und blöd gestellt, bis er es vermutlich nicht mehr abwarten konnte, dass ich verschwinde. Auf dem Weg hierher habe ich ein paar Haken geschlagen, um die Wölfe von meiner Fährte abzubringen – falls sie mir folgen wollten. So, und es haben sich ein paar sehr interessante Fragen aufgetan.« Sie trat zu Evariste ans Bett. Es war so alt und abgenutzt wie alles andere in diesem Loch, vom Lampenschirm auf dem Nachtschrank über den abgeschabten Teppich bis hin zum Waschbecken in der Ecke. Aber wenigstens sah dieses Bett stabil aus, ebenso wie die Fesseln um Evaristes Handgelenke. Er blickte zu ihr hoch und rang darum freizukommen. Beim Schlucken hüpfte sein Adamsapfel. Sein Teint sah auf dem schmutzigweißen Kissenbezug ausgezehrt und farblos aus. Er wirkte, als wäre er wochenlang nicht draußen gewesen, hätte keinen Strahl Sonne abgekriegt und darüber hinaus in ständiger Angst gelebt. Irene unterdrückte einen erneuten Anflug von Schuld. Evariste war kein unschuldiges Opfer. Er hatte den Eid auf die Bibliothek geschworen, genau wie sie. Er trug große Verantwortung. Das Beste, was sie jetzt tun konnte – sowohl in seinem als auch in ihrem Interesse –, war, die Wahrheit ans Licht zu befördern. »Evariste, wir müssen Klarheit haben, unbedingt. Wenn ich Sie von dem Knebel in Ihrem Mund befreie, werden Sie uns dann Antworten liefern?« Er nickte ruckartig. »Na also. Stillhalten.« Irene machte sich an den Knoten. »Holst du bitte ein Glas Wasser, Kai? Sein Hals wird ziemlich ausgedörrt sein, wo er so lange geknebelt war.« »Klingt, als sprichst du aus Erfahrung«, sagte Kai. Er setzte sich in Bewegung. »Meine brillanten Fluchtstrategien sind eben nicht jedes Mal von Erfolg gekrönt.« Es gelang ihr, den Knoten zu lösen. Sie warf den Stofffetzen auf das Kissen und half Evariste, die restlichen Stoffstücke aus seinem Mund zu klauben. Insgeheim wünschte sie, dass sie mehr praktische Erfahrung in Verhörmethoden gehabt hätte, statt immer nur auf der anderen Seite zu sitzen, der der Befragten. »Gut. Evariste, mir ist klar, dass wir uns nicht gerade unter den besten Bedingungen kennengelernt haben. Wenn ich vorwegschicke, dass es mir leidtut – würde Ihnen das helfen?« »Nein«, krächzte Evariste. Wahrscheinlich war das auch etwas viel erwartet. Sie nahm das Glas Wasser, das Kai ihr hinhielt, und setzte sich aufs Bett. Sie half Evariste beim Trinken, in dem sie es an seine Lippen führte. »Erst mal zu mir. Mein Name ist Irene. Ich bin im Auftrag der Bibliothek hier.« Evariste verschluckte sich und hustete, sie zog das Glas weg. »Ist alles in Ordnung?« Er sah sie an. »Sie sind das? Die Irene, die Alberich bezwungen hat?« »Die meisten leitenden Bibliothekare würden wahrscheinlich ziemliche Kopfschmerzen bekommen, wenn sie eine so ungenaue Beschreibung der Dinge hören, die dabei passiert sind«, sagte sie, verblüfft angesichts des Rufs, der ihr offenbar vorauseilte. »Mein Name ist Irene, und ja, ich habe Alberich vor Kurzem in einer brennenden Bibliothek zurückgelassen – was hoffentlich dazu geführt hat, ihn dauerhaft außer Gefecht zu setzen.« Was sie ungesagt ließ, war, dass sie diejenige gewesen war, die das Feuer verursacht hatte. Aber immerhin wollte sie hier versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Evariste dachte nach. »Beweisen Sie es. Zeigen Sie mir Ihr Bibliothekssiegel.« Irene stieß einen Seufzer aus. Es wäre schon ab und an nett gewesen, überlegte sie, jemandem zu begegnen, der ihr zur Abwechslung einmal glaubte, was sie sagte. »Also schön, einen Moment.« Nachdem sie sich ein wenig gewunden hatte, lag genug von ihrem Rücken frei, damit Evariste das Siegel sehen konnte. Auch Kais Blick strich darüber hinweg. Sie konnte regelrecht fühlen, wie er es anstarrte. Wenn sie in diesem Moment allein gewesen wären, was wäre dann vielleicht …? Zurück zum Thema, schalt sie sich. »Glauben Sie mir jetzt?« »Ich glaube Ihnen, dass Sie eine Bibliothekarin sind, die Irene heißt«, sagte Evariste mit einer Stimme, die vor Misstrauen und Starrsinn ganz abgehackt klang. Als rammte er bei jeder Silbe Pfähle in den Boden; Barrikaden gegen die Welt da draußen, die pausenlos versuchte, ihn zu betrügen. »Aber warum Sie mit einem Drachen verbündet sind oder mich entführt haben, das wird dadurch nicht erklärt.« »Genau meine Taktik von vorhin«, sagte Irene anerkennend. »Den Gesprächspartner herausfordern, seinen Standpunkt zu erläutern, um die eigene Position nicht preisgeben zu müssen.« Sie zog sich das Oberteil wieder über die Schultern. »Wenn wir wieder in der Bibliothek sind, kriegen Sie dafür eine Eins mit Sternchen von mir. Aber zuerst wüsste ich gern, was hier vor sich geht.« Evariste blickte ungehalten hinüber zu Kai. »Und ich wüsste zuerst ganz gern, was es mit ihm auf sich hat. Sonst sage ich Ihnen gar nichts.« »Im Augenblick lerne ich«, versetzte Kai kühl. »Ich bin Irenes Lehrling. Mein Vater und mein Onkel wissen davon. Es könnte zwar sein, dass ich den Eid auf die Bibliothek leisten werde, aber nur weil ich hier bin, heißt das noch lange nicht, dass ein Bündnis zwischen der Bibliothek und den Drachen besteht. Auch wenn das vielleicht das Beste wäre.« »Kai«, murmelte Irene, »das Letzte war jetzt nicht gerade hilfreich.« »Ich bin auch dafür, dass sich die Bibliothek aus Fällen wie diesem hier raushält«, sagte Kai. »Aber du und ich haben hundert Mal mehr gemeinsam als die Bibliothek mit irgendeinem Elfen.« Irene gab ihm das leere Glas zurück. »Mehr, danke.« Sie wandte sich an Evariste. »Um auf meine Fragen zurückzukommen …« »Ist das jetzt der Moment, an dem die Drohungen anfangen?«, unterbrach Evariste sie. »Sie gehen raus, und er macht mich dann hier drin fertig und so was?« Irene atmete durch. »Wir spielen jetzt nicht guter Bulle, böser Bulle. Und auch nicht böser Bulle und noch böserer Bulle. Evariste – wir stehen auf Ihrer Seite.« Evariste sah stumm zu Kai. »Ich stehe auf Irenes Seite«, sagte Kai. Er allein verstand es, einen neutralen Ton anzuschlagen, der gleichzeitig einen rasiermesserscharfen Unterton barg. »Geben Sie mir nur keinen Vorwand, das auf die Probe zu stellen.« Irene hätte sich vor Stress und Anspannung gern durch die Haare gestrichen, ließ aber davon ab. »Evariste …« Vielleicht würde er sich als entgegenkommender erweisen, wenn er keine Zweifel mehr an ihrer Aufrichtigkeit hegte. Sie wechselte in die Sprache: »Die Bibliothek hat mich entsandt, um Sie zu finden und um herauszubekommen, was vor sich geht. Wenn sich Gerüchte verbreiten, dass sich einer von uns in die hohe Politik der Drachen einmischt, dann ist das sehr gefährlich für die Bibliothek und alle ihre Mitarbeiter. Die Bibliothek hat kein Bündnis mit Drachen geschlossen, und ich arbeite auch nicht für Qing Song oder Jin Zhi – genauso wenig wie Kai. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass die Bibliothek Sie für ihre Taten nicht in irgendeiner Weise zur Rechenschaft ziehen wird …« Sie konnte, nebenbei gesagt, auch nicht versprechen, dass sie ihn um jeden Preis schützen würde. Nicht, falls er die Bibliothek hintergangen hatte. Deshalb wählte sie ihre Worte vorsichtig. »Aber ich werde mein Bestes tun, Ihnen zu helfen, vor Qing Song zu flüchten, wenn Sie mir die momentane Lage erklären.« Ihre Stimme schien nachzuklingen, als sie geendet hatte, wie Orgeltöne in einem großen Saal. Sie hatte ihm eine Versicherung gegeben, dass sie die Wahrheit sagte – und ein Versprechen, an das sie sich würde halten müssen. Evariste zögerte immer noch. »Sie schwören, dass Sie mir helfen werden?« »Nicht, was mögliche Maßnahmen der Bibliothek angeht«, schränkte Irene ein, »aber was die Flucht vor Qing Song betrifft, ja. Sie müssen endlich begreifen, Evariste, wie dramatisch die Situation ist. Zwei mächtige Drachenparteien kämpfen um die Vorherrschaft. Eine davon behauptet, dass die Bibliothek der Gegenseite hilft. Ist Ihnen klar, in was für eine Gefahr wir Bibliothekare geraten, wenn die Elfen davon Wind bekommen? Oder wenn noch andere Parteien der Drachenseite sich einmischen, um gegen uns Stellung zu beziehen?« Sie sah, wie Evaristes Mundwinkel zuckten, und mit einem unguten Gefühl erkannte sie die Schuld in seinen Augen. Er hat einen Fehler gemacht, und das weiß er … Sie legte so viel Aufrichtigkeit wie möglich in ihre Stimme. »Ich bin vom Sicherheitsdienst der Bibliothek geschickt worden, um dafür zu sorgen, dass die Bibliothek nicht noch tiefer in das alles hineingezogen wird. Und ich will ehrlich sein: Ich bin auch deshalb hier, um mögliche Beweise zu vernichten, falls es schon so weit gekommen ist. Wir stehen auf einem neutralen Standpunkt, etwas anderes können wir uns nicht leisten. Es geht hier längst nicht mehr um den ein oder anderen Regelverstoß, den man unternimmt, solange niemand hinsieht. Ich muss wissen, was Sie getan haben und was hier los ist. Es ist nicht meine Aufgabe, Sie zu verurteilen oder Ihnen ein schlechtes Gewissen zu bereiten, aber ich muss es wissen.« Evariste schloss einen Moment die Augen. »Also gut«, sagte er endlich. Er schluckte. »Ich bin nicht dumm. Ich kann nachvollziehen, was Sie da sagen. Ich weiß, es sieht alles ziemlich übel aus – besser gesagt, es ist alles ziemlich übel. Aber ich hatte meine Gründe, okay? Und mir wurde erst klar, in was für eine ernste Lage ich geraten war, als ich schon viel zu tief drinsteckte. Ich werde Ihnen alles sagen. Aber vorher müssen Sie mich losbinden. Bitte.« Irene begann den Knoten des in Streifen gerissenen Bettzeugs zu lösen, das seine Handgelenke an den Bettpfosten gefesselt hielt. »Wo immer Sie anfangen wollen«, sagte sie. »Alles begann mit Julian.« Evariste blickte an die Decke, während Irene ihn losmachte. »Er war mein Mentor. Durch ihn kam ich in den Bibliotheksdienst.« »War er auch Ihr Ausbilder?« Irene hatte sein rechtes Handgelenk befreit und ging um das Bett herum, um auch das linke loszubinden. »Nein, das war Neith.« Evariste bewegte die Finger, lockerte sie. Es schien, dass es wehtat. »Julian war der ortsansässige Bibliothekar auf der Welt, aus der ich komme. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit. Er hat mir geholfen, ein Stipendium an der Universität in meinem Heimatort zu bekommen. Er unterrichtete mich. Damals wusste ich noch nichts über die Bibliothek, ich wunderte mich nur manchmal über ein paar Dinge. Ich fand, Julian hatte etwas Seltsames an sich – er und die Leute, die ihn besuchten. Allerdings war mir das nie wirklich wichtig. Ich mochte ihn einfach.« »Welche Welt war das?« »G-14. Chicago. Da die Welt hochmagisch ist, gibt es eine Menge Zauberer. So konnte er sich mühelos versteckt halten. Die Leute nahmen früher oder später einfach an, dass er zu ihnen gehörte.« Die Worte begannen aus Evariste hervorzusprudeln, als hätte er insgeheim nur darauf gewartet, endlich alles jemandem anzuvertrauen. »Damals lief es nicht besonders gut für mich. Ich bekam nirgends eine Anstellung. Zum richtigen Wissenschaftler fehlte mir anscheinend das Zeug. Und dann hatte sich auch noch meine Freundin von mir getrennt. Da kam Julian und bot mir den Dienst als Bibliothekar an. Es war meine Chance. Die Möglichkeit, endlich was zu erreichen. Also ging ich mit ihm.« Irene nickte. Sie versuchte zu schätzen, wie alt er war. Auf jeden Fall war er jünger als sie, aber es ließ sich schwer festmachen, wie viel jünger. Seinem Aussehen nach vielleicht Mitte zwanzig? Aber man durfte nicht vergessen, dass jemand nicht alterte, solange er sich zur Lehre in der Bibliothek aufhielt. »Sie haben die übliche Bibliotheksausbildung durchlaufen?« »Ja. Von Zeit zu Zeit schrieb Julian mir. Erst war ich Lehrling, dann Anwärter. Schließlich versah man mich mit dem Siegel. Eines Tages wollte ich ihn endlich besuchen. Ich hatte es mir schon so lange vorgenommen.« Er sprach jetzt langsamer. »Wahrscheinlich wollte ich ihm alles auf einmal zeigen – wie weit ich gekommen war, was aus mir geworden war. Und wie dankbar ich ihm war für all das.« »Sie wollten als gemachter Mann zu ihm zurückkehren«, vermutete Irene laut. »Als sein Kollege, und nicht mehr nur als Lehrling.« »Ja, das war es. Ich hatte ihm geschrieben, also wusste er, dass ich komme …« Evariste atmete tief durch. »Könnte ich noch etwas Wasser bekommen, bitte?« Irene reichte ihm das Glas und wartete, während er trank. »Danke.« Er stellte das Wasser auf den Nachttisch. »Dieser widerliche Knebel. Er hat mir die Kehle ausgetrocknet.« Wütend sah Evariste Kai an. Der zuckte nur die Achseln. »Wenn Sie unbedingt wollen, dass wir einen anderen Weg finden, einen Bibliothekar zum Schweigen zu bringen, lasse ich mich gern zu ein paar Experimenten hinreißen.« Evariste zeigte keine erkennbare Regung, aber man konnte spüren, wie er sich wieder hinter seine persönliche Schutzmauer zurückzog. »Ja, diese Wege gibt es, und Ihre Art weiß garantiert alles darüber.« Irene hob die Hand, um Kai an einer Erwiderung zu hindern, bevor die Situation noch eskalierte. »Was war, als Sie zu Julian zurückkehrten, um ihn zu besuchen?«, fragte sie, bemüht, so ermutigend wie möglich zu klingen, auch wenn sich ihr Magen vor Unruhe zusammenkrampfte. Die Vorstellung, welche Maßnahmen Drachen anwenden mochten, um – wenn man es nett ausdrücken wollte – Bibliothekaren Unannehmlichkeiten zu bereiten, war mehr als einschüchternd. Aber zunächst war es wichtiger, Evariste bei der Stange zu halten, damit er seine Geschichte zu Ende erzählte. Die ihr zur Verfügung stehende Zeit war begrenzt. Früher oder später würde jemand sie finden, ob nun Drachen, Polizisten oder einschlägige Gangsterbanden. Vielleicht sogar alle auf einmal. Evariste blickte auf seine Hände. »Er war tot«, hauchte er. »Er war nur Tage zuvor gestorben. Herzinfarkt. Die zuständige Polizei hatte eine Obduktion durchgeführt. Nichts Verdächtiges, hieß es. In seinem Testament vermachte er mir seinen gesamten Besitz. Für alles andere war es zu spät. Ich war zu spät.« »Es tut mir sehr leid«, sagte Irene. »Ich konnte das doch nicht wissen.« Er sah zu ihr auf, und sie warf gleich alle Gedanken über Bord, dass er sein Gesicht bis jetzt womöglich verborgen hatte, um überzeugender lügen zu können. So war es nicht. Die Trauer, die aus seinem Gesicht sprach, sah zu echt aus, als dass sich eine Lüge dahinter verbergen konnte. »Ich meine, sicher, mir war klar, dass er ein schwaches Herz hatte. Er nahm oft Tabletten. Auch wenn ich dabei war. Aber ich hätte niemals … Ich wäre doch nie und nimmer auf die Idee gekommen, dass er … sterben könnte.« Verzweifelte Schluchzer mischten sich unter seine Atemzüge. »Ich hab es einfach nicht gewusst. Deshalb kam ich zu spät.« Irene rückte näher zu ihm und legte ihm den Arm um die Schulter. »Sie hätten es unmöglich vorhersehen können. Keine Chance. Tief unten hörte sie einen mitleidlosen Teil von sich, der sagte: Gut so, gewinn sein Vertrauen. Dann wird er dir alles sagen, was er weiß. Es gab durchaus Züge, die Irene an sich selbst nicht leiden konnte. Nach einem Augenblick schluckte Evariste und streckte den Rücken. »Ist schon okay.« Er machte sich von ihr los. »Es geht wieder.« Irene nickte. »Was ist dann passiert?« »Es war noch in derselben Nacht. Ich war zu ihm nach Hause gegangen und hatte angefangen, seine Bücher zu katalogisieren. Jemand musste sicherstellen, dass nichts zurückblieb, was Rückschlüsse auf die Bibliothek zuließ; Tagebucheinträge oder so etwas. Ich dachte zwar nicht, dass er eins führte, aber …« »Aber Sie mussten sichergehen«, pflichtete Irene ihm bei. »Und dann kamen sie.« Evariste wandte den Blick einmal mehr zu Kai, dabei verkrampfte sich seine Körperhaltung. »Zwei Drachen, Qing Song und sein Diener.« »Hu?«, vergewisserte sich Irene. »Ja, so heißt er. Der Wolf und sein Fuchs. Ich blieb höflich, jedenfalls am Anfang. Ich bat sie herein, entschied, dass es besser war, niemandem auf den Schlips zu treten. Sie erzählten mir, dass sie Freunde von Julian seien … Ich wusste ja, dass er ein paar Drachen gekannt hatte, was sollte es also? Aber dann fing er an, Forderungen zu stellen.« »›Er‹ heißt in diesem Fall Qing Song?« Evariste nickte rasch. »Er sprach davon, dass Julian und er eine Abmachung getroffen hätten, und nun sei ihm Julian noch etwas schuldig. Da ich Julians Schützling sei, müsste ich diese Schulden eben begleichen. Die Art, wie er es sagte, wissen Sie. Es hörte sich so an, als müsste ich auch noch dankbar dafür sein, dass er mir diese wundervolle Möglichkeit bot.« Irene sah, wie Kai sich mit Mühe einen Kommentar verkniff, um Evariste nicht zu unterbrechen. Sie schätzte, dass er Qing Song am liebsten lautstark recht gegeben hätte. »Und wie haben die Drachen reagiert, als sie merkten, dass Sie nicht so dankbar waren wie angenommen?« »So kann man das wohl sagen.« Evariste lachte. Es klang verbittert, fast höhnisch. »Qing Song starrte mich mit diesem Blick an. Und dann kam Hu und schmierte mir Honig um den Bart. Beide meinten, es gehe um ein Buch. Irgendwann gab Qing Song zu, dass es etwas mit Drachenpolitik zu tun hatte. Ich wusste ja, dass wir uns aus solchen Sachen völlig heraushalten. Also sagte ich nicht einfach nur Nein, sondern so etwas wie: Zur Hölle mit euch – aber eben so höflich wie möglich. Da holte Hu den Umschlag heraus. Es war ein Briefumschlag. Er schob ihn mir hin. Ich solle den Brief besser jetzt gleich lesen.« Evariste schloss die Augen. Er schien am Ende seiner Kräfte zu sein. »Der Brief war von Julian. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen von meiner Freundin erzählt habe? Dass sie mit mir Schluss gemacht hatte, kurz bevor ich in den Bibliotheksdienst eintrat? So schön der Reihe nach, wie ich gedacht hatte, ist es aber gar nicht gewesen. Sie war nämlich schwanger zu der Zeit. Mit unserer Tochter. Ein kleines Mädchen, und Julian hatte das vor mir geheim gehalten.« Irene suchte nach etwas, das sie sagen konnte. Etwas, das die Distanz zwischen ihnen weiter verringerte und ihm klarmachen konnte, dass sie in der Lage war, seinen Schmerz nachzuvollziehen. Aber sie fand keine Worte. Nichts. »Anita war ein paar Jahre nach Beginn meiner Lehre ums Leben gekommen.« Evaristes Stimme klang tonlos, dumpf, so als läse er die Rolle eines Theaterstücks, bei dem er nicht wusste, welche Gefühle dazu passend waren. »Ein Autounfall. Ihre Familie hat das kleine Mädchen aufgenommen. Miranda Sofia heißt sie. Meine Tochter. Julian hat alles aufgeschrieben. In seinem Brief sprach er davon, dass er nicht wollte, dass ich abgelenkt würde. Abgelenkt, so hat er es genannt. Ich sollte in Ruhe Erfahrung als Bibliothekar sammeln können, ohne mich um ein Kind kümmern zu müssen. Er hat für Miranda gesorgt. Die ganze Zeit war er wohl so etwas wie ein Onkel für sie. Und er schrieb, dass er sich auf den Tag freute, an dem er uns endlich zusammenbringen könne …« Evariste ballte die Hände im Schoß zu Fäusten. »Er hatte nicht das Recht, mir das anzutun, verdammt noch mal. Mir nicht einmal von ihr zu erzählen. All die Jahre!« Ein Teil von Irene fühlte den Kummer und das Leid dieses jungen Mannes nach. Doch während sie nickte und ihm beipflichtete, war sich jener andere, mitleidlose Teil ihrer selbst bewusst, dass das nicht alles sein konnte. Und sie ahnte, was als Nächstes kommen würde. Deshalb dürfen Bibliothekare keine Kinder bekommen. Es ist zu gefährlich. Es macht uns angreifbar. Erpressbar. »Das ist es, was Qing Song gegen Sie in der Hand hält, richtig?«, sagte sie. »Er hat Ihre Tochter entführt.« DREIZEHNTES KAPITEL »Ja«. Evariste, die Schultern gesenkt, starrte Irene wütend an. »Das ist es. Darauf läuft alles hinaus. Er hat meine Tochter. Er und seine Männer hatten Julian aufsuchen wollen – wie ich sagte, hatten sie ab und zu Geschäfte miteinander gemacht. Qing Song rechnete damit, dass Julian ihm ein weiteres Mal helfen würde. Doch als sie zu ihm kamen, war er bereits tot.« »Ich muss sagen, das ist ein etwas ungewöhnlicher Zufall«, warf Irene ein. Hatte Julian versucht, Qing Songs Bitte auszuschlagen? Ein alter Bibliothekar, unter Druck gesetzt und allein, der zu allem Überfluss an einer Herzschwäche litt … War es denkbar, dass Qing Songs Drohungen diesen letzten, tödlichen Herzinfarkt ausgelöst hatten? Evariste jedenfalls zuckte nur die Achseln. Er schien nicht im Mindesten so misstrauisch zu sein wie Irene. »Na ja, Qing Song kam das nicht sehr gelegen«, sagte er. »Er hat sein Pech wahrscheinlich Dutzende Male verflucht. Sie durchsuchten Julians Aufzeichnungen, fanden meine Briefe und erfuhren so, dass ich bereits auf dem Weg zu ihm war. Und sie haben auch den anderen Brief entdeckt – die Wahrheit über meine Tochter. Qing Song gab mir gegenüber zu, dass er ihn gelesen hat. Er schickte einen seiner Männer zu Anitas Familie, ließ ihn so tun, als wäre er Mirandas Vater, und holte sie sich. Ich weiß nicht genau, wie er es gemacht hat, aber er muss sie überzeugt haben. Miranda befindet sich in ihrer Gewalt, und ich habe keine Ahnung, wo sie gefangen gehalten wird. Ich habe mit ihrer Familie gesprochen, sie haben mir ein Foto gezeigt. Miranda existiert. Das alles ist kein Schwindel oder so etwas. Er hat meine Tochter – hat sie entführt. Und wenn ich dieses Buch nicht für ihn auftreibe, wird er sie umbringen lassen. Deshalb musste ich mitspielen und alles tun, um herauszufinden, wo dieses Buch zu finden ist. Damit ich etwas in der Hand habe, um Miranda zu retten. Was hatte ich denn für eine Wahl?« »Er würde ihr niemals etwas antun«, versetzte Kai. »Nicht einem unschuldigen Kind.« Aber sein Gesichtsausdruck sah besorgt aus. »Seine gesamte Zukunft steht auf dem Spiel«, entgegnete Evariste. Seine Stimme klang schneidend kalt vor Verbitterung. »Kann sein, dass er es hinterher bereut, aber das wird ihn nicht daran hindern, es zu tun. Aus seiner Sicht geht es um ein höheres Wohl: sein eigenes, das seiner Familie, das seines Königshofes. Was zählt dagegen das Leben eines einzigen Menschen?« Irene nickte. Plötzlich war ihr sehr kalt. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, wie jemand genau dieses Druckmittel einsetzte, um an ihre eigenen Eltern heranzukommen. Auch wenn sie ein Adoptivkind war und man ihr das ein Leben lang verheimlicht hatte … Ohne Zweifel würden ihr Vater und ihre Mutter alles daransetzen, sie zurückzuholen. Als Kai protestieren wollte, hob Irene die Hand. »Auch Qing Songs Leben steht auf dem Spiel«, erklärte sie. »Er wird es Ihnen vermutlich nicht gesagt haben, aber er befindet sich mitten in einem Wettstreit um ein hochrangiges Amt, und seine Widersacherin ist eine Drachenfrau. Entweder sie oder er wird im Falle einer Niederlage mit dem Leben bezahlen. Und noch etwas. Selbst wenn Sie auf die Erpressung eingehen und ihm geben, wonach er verlangt, und am Ende Ihre Tochter zurückbekommen, wird Sie das Ganze wahrscheinlich weiter verfolgen. Er wird immer im Hinterkopf behalten, wie er an Sie herankommen könnte.« »Das habe ich mir auch schon überlegt.« Evariste starrte die Wand an, als könnte er dort mögliche Verläufe seines zukünftigen Lebens sehen, von denen jeder einzelne in eine Katastrophe mündete. »Es wäre nur der erste ›Gefallen‹ von vielen auf einer sehr langen Liste, hab ich recht? Miranda könnte niemals irgendwo wirklich sicher sein, außer in der Bibliothek. Denn jeder, der mich zu irgendetwas bringen will, muss einfach nur …« Er drehte sich wieder zu Kai und Irene, die Hände halb ausgestreckt, aber leer. »Ganz egal. Ich habe mich darauf eingelassen. Ich dachte mir, dass ich hinterher schon einen Weg finden würde, alles in Ordnung zu bringen. Mit dem Buch in der Hand könnte ich derjenige sein, der die Bedingungen stellt. Und um ehrlich zu sein, hatte ich auch einfach Panik. Ich befürchtete, die Bibliothek würde mich unter Arrest stellen, wenn sie etwas von der Sache erführe. Und zwar ohne Rücksicht darauf, was dann mit Miranda …« Er brach ab. Als er wieder zu sprechen begann, ließ er den Kopf hängen, als hätte er längst aufgegeben. »Wie auch immer, ich meldete mich zurück. Ich erstattete Bericht über Julians Tod und bat um Sonderurlaub, um seinen Nachlass zu ordnen und mich um alles zu kümmern. Qing Song hatte mir gesagt, alles würde innerhalb weniger Wochen vorbei sein. Das war lange genug, sagte ich mir. Ich kehrte in Julians Welt zurück, G-14, und Qing Song und Hu trugen mich zwischen den Welten hindurch hierher – was, nebenbei bemerkt, unglaublich war.« »Und dann hat er Sie hier abgesetzt, damit Sie in Ruhe nach dem Buch recherchieren sollten?«, fragte Kai. »So in etwa.« Evariste zuckte die Achseln. »Ich stand fast die ganze Zeit unter Beobachtung. Qing Song, Hu – und wenn nicht sie, dann einer ihrer menschlichen Lakaien. Das einzige Mal, dass ich mich von hier entfernt habe, war, als ich in die Bibliothek musste, um Nachforschungen anzustellen. Der Übergang in diese Welt hier liegt in Boston … Aber das wissen Sie wahrscheinlich mittlerweile, denn schließlich sind Sie hier.« »Die Bibliothek in Boston wurde zerstört.« Als sie es aussprach, hörte Irene die eigene Tonlosigkeit in ihrer Stimme. Sie rang um Fassung. Es war immer noch belastend, an die furchtbare Ruine zu denken. »Ich bin mir recht sicher, dass Hu dahintersteckt, auch wenn ich nicht weiß, warum er es getan hat.« Evariste ließ den Kopf in die Hände sinken. »Nicht auch das noch«, sagte er. Die Worte kamen gedämpft. »Es ist meine Schuld.« »Was soll das heißen?« »Ich hatte denen gesagt, dass der Zugang zur Bibliothek in Boston ist. Ich wollte sie ablenken, indem ich ihre Aufmerksamkeit dorthin lenkte. Damit ich entwischen konnte. Nach meiner Flucht hielten sie die Zerstörung der Bostoner Bibliothek wahrscheinlich für die sicherste Maßnahme, um mich hier festzusetzen.« »Eines möchte ich gern wissen«, meldete sich Kai zu Wort. »Wieso Amerika? Ich dachte, das Buch ist in China.« »Ich habe gelogen«, bekannte Evariste. Er hielt den Blick zu Boden gerichtet. »Ich bin hier, weil ich mich in Amerika auskenne. Von China habe ich nicht die geringste Ahnung. Immerhin hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt. Ich musste bloß sichergehen, dass mir genug Zeit für die Flucht blieb, sobald der passende Moment kam. Ich machte also eine Kopie des Buches hier ausfindig und setzte die Drachen darauf an. In China waren sie bei ihrer Suche bereits auf Schwierigkeiten gestoßen. Und Qing Song hatte erwähnt, dass es noch jemanden gibt, der danach sucht. Damit muss er diese Drachenfrau gemeint haben. Seine Rivalin. Wenn ich könnte, würde ich ihr Blumen und eine Karte schicken, das können Sie mir glauben. Jedenfalls war es ein willkommener Umstand, dass Qing Song an anderer Stelle nach dem Buch suchen konnte. Ich hielt ihn hin. Nur noch ein bisschen, sagte ich ihm, bald habe ich es gefunden. Er müsste nur noch etwas Geduld haben. Dann, vor ein paar Tagen, nutzte ich eine Chance zu entkommen. Ich bin einem seiner Leibwächter in der vollen Überzeugung entwischt: Wenn ich erst das Buch in Händen halte, werde ich in einer guten Verhandlungsposition sein. Ich würde Miranda freikriegen – und die Drachen sogar dazu bringen, mir versprechen zu müssen, dass sie mich nie wieder behelligen. Aber sie haben mich eingeholt, ehe ich das Buch fand. Sie haben die gesamte Stadt nach mir durchforstet. Ich konnte das Apartment nicht mal eine Sekunde lang verlassen. Und die ganze Zeit musste ich an Miranda denken. Ich denke ständig darüber nach: Wäre es nicht besser gewesen, mich einfach zu stellen? Zu versuchen, in die Bibliothek zu gelangen und dort um Hilfe zu bitten? Was auch immer. Als Nächstes tauchten Sie beide auf.« Es klang ein bisschen so, als hielte er Kai und sie nicht wirklich für eine bessere Alternative als Qing Song. »Wir sind ungefähr zehn Minuten vor Qing Song bei Ihnen eingetroffen«, sagte Irene. »Selbst wenn Sie beim ersten Wolfsheulen zum hinteren Fenster rausgeklettert wären, wäre die Sache für Sie vermutlich nicht gerade gut ausgegangen.« Evaristes Schultern sackten nach unten. »Und was geschieht jetzt?«, fragte er mit schmerzlicher Aufrichtigkeit in der Stimme. Das war die Millionenfrage. »Erst mal müssen wir nachdenken«, erklärte Irene. »Viel Zeit bleibt uns dafür nicht. Man ist uns auf den Fersen. Kai, würde es dir etwas ausmachen, runterzugehen und zu schauen, ob wir bereits beobachtet werden? Jeanette Smith müsste den Journalisten immer noch gutes Futter bieten, also bring bitte auch eine Zeitung mit.« Kai zog die Stirn kraus, nickte aber und rappelte sich langsam hoch. »Rühr dich nicht vom Fleck.« Er schloss die Tür beim Rausgehen leise hinter sich. »Haben Sie ihn wirklich nur rausgeschickt, weil Sie eine Zeitung haben wollen?«, fragte Evariste. »Es ist nun einmal so, dass Kai kein vereidigter Bibliothekar ist«, sagte Irene. »Jedenfalls noch nicht. Aber Sie und ich schon. Außerdem bin ich niemandem sonst verpflichtet, anders als er. Wenn Sie also etwas sagen möchten, das Kai Ihrer Meinung nach lieber nicht hören soll, dann ist jetzt der richtige Augenblick dazu.« »Um ehrlich zu sein, ja«, begann Evariste zögerlich. »Da gibt es eine Sache.« Irene nickte. »Ich höre.« Er schlug ohne Vorwarnung zu. Seine Faust traf Irene genau in die Magengrube. Zusammengekrümmt rang sie nach Atem, während er zur Tür hastete. Seine Schnelligkeit hatte Irene überrascht, auch wenn sie früher oder später mit einem Fluchtversuch gerechnet hatte. Man musste keine FBI-Agentin sein, um aus ihrem bisherigen Gespräch zu schließen, dass Evariste die Dinge lieber selbst in die Hand nehmen wollte. Taumelnd kam Irene auf die Beine und stürzte in Richtung Tür. Dabei trat sie Evariste, noch halb in Hockstellung, gegen beide Knöchel und riss ihn so von den Füßen. Er landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden, das Gesicht nach unten. Keine Sekunde darauf stürzte sich Irene auf ihn. Sie schlang ihm von hinten einen Arm und den Hals und riss seinen Kopf zurück. Dabei stieß sie ihm ein Knie in sein Kreuz und würgte ihn. »Klopfen Sie auf den Boden, wenn Sie aufgeben wollen«, brachte sie hervor. Sie hatte selbst noch etwas Probleme, richtig Luft zu kriegen. Evariste mühte sich ab freizukommen. Er versuchte, an ihrem angewinkelten Arm zu reißen, der seine Kehle fest umschlossen hielt. Dabei konnte er nur noch unter schwerem Röcheln atmen, unfähig zu reden, geschweige denn, in der konzentrierten, exakt artikulierten Art der Sprache zu sprechen. Irene biss die Zähne zusammen. Sie hielt ihn weiter fest. »Klopfen Sie schon. Geben Sie auf. Sonst halte ich Sie so lange fest, bis Sie ohnmächtig werden, das schwöre ich Ihnen. Und dann lasse ich Sie von Kai zurück in die Bibliothek bringen, und zwar auf dem kürzesten Weg. Wenn Sie sich dagegen kooperativ zeigen, werde ich wirklich versuchen, Ihnen zu helfen.« Vom gesunden Menschenverstand her besehen wäre es am besten gewesen, ihm das Bewusstsein zu rauben. Evariste war nicht länger vertrauenswürdig. Seine Entscheidungen hatten die Bibliothek in große Gefahr gebracht. Das Beste wäre es gewesen, ihn einfach in die Bibliothek zu schaffen, solange er besinnungslos war; vorzugsweise mithilfe der nächstgrößeren Büchersammlung, die sie finden konnte. Das Beste, ja. Aber nicht das Richtige. Evaristes Tochter schwebte in ernsthafter Gefahr. Irene konnte sich tatsächlich vorstellen, dass die Bibliothek ihn festsetzen würde – zu seinem eigenen Schutz – und dass sie das Kind dann notgedrungen sich selbst überließ. Was war das Leben eines einzelnen Mädchens wert im Hinblick auf das Überleben der gesamten Bibliothek? Die leitenden Bibliothekare würden ihre Entscheidung treffen. Ein bedauernswertes Opfer, aber leider nun mal notwendig. Darüber hinaus war Evariste betrogen, benutzt und zu einem Opfer gemacht worden. Er war ein Bibliothekar wie sie, das hieß, er kam einem Bruder gleich, auf mehr als eine Art und Weise. Er hatte sich einst dafür entschieden und war nun durch Eid mit ihr verbunden. Jenen Eid, den auch sie geleistet hatte. Sie konnte sich für das Sicherste entscheiden oder ein Risiko eingehen. Ihr Auftrag lautete, Evariste zurückzuholen. Wenn sie dem zuwiderhandelte, setzte sie damit ihren Platz in der Bibliothek aufs Spiel. Melusine hatte sie ausdrücklich gewarnt. Sie, Irene, würde als Schuldige dastehen, wenn die Bibliothek einen Sündenbock brauchte. Letztendlich bedeutete das, die Bibliothek um das Leben eines kleinen Mädchens willen zu gefährden – das möglicherweise bereits tot war. Sicher nicht die Handlungsweise einer verantwortungsbewussten, loyalen Agentin. Und ganz sicher war es nicht das, was sie tun wollte. Die Bibliothek einem Risiko aussetzen, das konnte und durfte sie nicht. Aber sie zweifelte ernsthaft, dass sie mit der Entscheidung würde leben können, Miranda ihrem Schicksal zu überlassen. Und außerdem … Vielleicht waren familiäre Bindungen gerade die Lösung des ganzen Dilemmas. Auch Qing Song hatte eine Familie. Womöglich war das der Hebel, den sie ansetzen konnte. Die Situation ließ sich dadurch vielleicht um hundertachtzig Grad drehen. Irene musste sich entscheiden. Und zwar sofort, in diesem Moment. Kurz glaubte sie, Evariste würde sich so lange weiter wehren, bis er am Ende war. Doch dann verließ ihn seine Kraft. Die Finger, die an ihrem Arm krallten, wurden schlaff, seine rechte Hand sank nach unten und patschte auf den billigen Teppichboden. Irene löste ihren Griff so weit, dass er atmen konnte. »Schwören Sie mir in der Sprache, dass ich Ihnen von jetzt an vertrauen kann«, verlangte sie. »Noch so eine Chance kriegen Sie nicht.« Evariste sog mit heftigen und röchelnden Zügen Luft in seine Lungen. Er blieb stumm. Irene hätte gern gewusst, ob er erwog aufzugeben, oder ob er stattdessen darüber nachdachte, wie er ihr abermals entwischen konnte. Sie blieb angespannt. Dann begann er zu sprechen: »Wenn Sie mir schwören, mich nicht an die Drachen auszuliefern, sondern mir dabei helfen, meine Tochter wohlbehalten wiederzubekommen, werde ich freiwillig und uneingeschränkt mit Ihnen zusammenarbeiten, so gut ich kann.« Irene wog jedes einzelne seiner Worte ab. Wahrscheinlich war freiwillig und uneingeschränkt, so gut ich kann das Beste, was sie sich erhoffen konnte. Nun würde sie ihrerseits einen Schwur leisten müssen – und aufpassen, dass sie sich dabei nicht zu weit vorwagte. »Ich schwöre, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um Sie vor den Drachen zu beschützen und das Leben Ihrer Tochter zu retten, allerdings mit der Einschränkung, dass meine Treue gegenüber der Bibliothek über allen anderen Verpflichtungen stehen wird. Reicht das?« »Ich nehme den Schwur an«, sagte Evariste leise und mit einem Seufzen. »Nun könnten Sie mich netterweise aufstehen lassen.« »Wir beseitigen besser die Unordnung, bevor Kai wiederkommt«, sagte Irene. Sie ließ ihn los und stand auf. »Sobald er wieder da ist, müssen wir nämlich sofort aufbrechen.« »Was läuft da zwischen Ihnen beiden?«, wollte Evariste wissen. »Ihnen ist schon klar, dass sie ihm nicht trauen können, oder?« »Interessant, dass Sie das sagen, während er nicht da ist.« »Ich bin eben nicht lebensmüde.« »Gut zu wissen.« Irene strich ihre Kleidung glatt. »Hin und wieder wird ein junger Drache als Lehrling in den Bibliotheksdienst gestellt. Den entscheidenden Eid legt er in der Regel nicht ab.« Unvermittelt zog sich ihre Kehle zusammen, und sie musste sich zwingen weiterzusprechen. »Kai wird das wahrscheinlich auch nicht tun.« Die Vermutung schlummerte schon eine Weile in ihr, begriff sie. Und es war schwierig, sie laut auszusprechen. »Das hieße schließlich, dass er seine Familie zurücklassen müsste, und das wird er nicht tun.« Es ist nur eine Frage der Zeit, wann du ihn verlierst, sagte sie in Gedanken zu sich. Und du bist selbst genauso in Gefahr wie Evariste. Denn Kai bedeutet dir etwas. Aber es war nun einmal so, dass bei den Drachen die Blutsverwandtschaft alles bestimmte – und genau das könnte sich als der Schlüssel erweisen, wie das Problem zu lösen ist. »Warum gibt die Bibliothek dazu ihren Segen?«, fragte Evariste. Irene musste zugeben, dass sie es selbst nicht wusste. »Ich kann höchstens spekulieren. Wir sind offiziell nicht mit den Drachen verbündet, aber trotzdem sind unsere Beziehungen zu ihnen besser als die zu den Elfen. Man könnte es auch zynischer ausdrücken: Vielleicht will die Bibliothek die Drachen im Glauben lassen, sie wüssten, was in der Bibliothek vorgeht. Und dazu lassen sie eben dann und wann einen von ihnen reinschnuppern, allerdings eher oberflächlich.« Sie drehte sich zu Evariste um. »Falls Sie einen Beweis für Kais Loyalität wollen, kann ich Ihnen versichern, dass er mir geholfen hat, Alberich zu stoppen, und zwar unter äußerster Gefahr für sein eigenes Leben.« »Mir ist schon aufgefallen, dass er eher der Macher-Typ zu sein scheint«, seufzte Evariste und ließ sich auf den Bettrand fallen. »Schön, ich gebe ihm also einen Vertrauensvorschuss. Aber kommen Sie bloß nicht auf den Gedanken, dass die alle so sind wie er. Qing Song ist ein Mistkerl. Und auch wenn Hu freundlicher wirkt, ist auch er ziemlich gefährlich.« »Glaube ich glatt«, bekannte Irene. »Um zum Wesentlichen zurückzukommen: Gab es nun etwas, das Sie mir noch mitteilen wollten, ehe er wiederkommt? Von Bibliothekar zu Bibliothekarin sozusagen?« Evariste schüttelte den Kopf. »Es war zwar nicht leicht, aber ich habe Ihnen alles gesagt.« Beide sprangen vor Schreck auf, als die Türklinke sich bewegte. Kai machte die Tür auf und kam herein, eine gefaltete Zeitung unter dem Arm. »Noch gibt es keine unmittelbare Bedrohung, aber wir sollten trotzdem aufbrechen. Und zwar deshalb.« Er faltete die Zeitung auseinander und gab sie Irene. Der Artikel, den er meinte, lag aufgeschlagen ganz oben. Als sie ihn las, blieb ihr Mund offen stehen. »Was ist?«, fragte Evariste. »Es geht um unsere Ankunft hier in New York.« Kai legte eine gewisse diebische Freude an den Tag. »Irene hat den Polizeichef mithilfe der Sprache überzeugt, uns gehen zu lassen. Sie machte ihm weis, dass wir FBI-Agenten sind. Dann ließ die Wirkung nach. Anscheinend musste der gute Captain Venner hinterher ziemlich schwitzen, um den Reportern zu erklären, wieso er uns einfach entwischen ließ.« »Ab sofort kann ich mich neben den vielen Bezeichnungen, die man mir sowieso schon gegeben hat, auch noch ›Hypnose-Meisterin‹ nennen«, murmelte Irene. »Ist das jetzt besser oder schlechter als ›Gangsterbraut‹? Ich hätte nicht gedacht, dass Captain Venner so ein begnadeter Geschichtenerzähler ist.« »Ich mag besonders den Teil, wo du ihn angeblich mit deinem funkelnden Bannblick ansiehst und er sich anschließend in seinem Stuhl nicht mehr rühren kann.« »Kennst du den Text etwa schon auswendig?«, fragte Irene. »Nur die guten Stellen«, gab Kai zurück und lehnte sich an den Türrahmen. »Irgendwie musste er sich einen Reim darauf machen, Irene. Versuch den armen Kerl zu verstehen. Wie soll er sich sonst erklären, was passiert ist?« »Du hast gut reden. Du bist nicht diejenige, über die geschrieben wird, sie hätte eine Stirn wie Shakespeare und einen kalten Schlangenblick, der dem von Satan persönlich gleicht …« Irene musste sich wirklich zusammenreißen. Sie durften sich jetzt nicht noch weiter von dem eigentlichen Punkt ablenken lassen. »Letztlich ist das hier ein Problem mehr, vor dem wir stehen, wenn die Polizei mich erwischt.« »Kommen wir also zum zweiten Argument, weshalb wir schleunigst von hier verschwinden sollten. Ich glaube, dieses Hotel wird beobachtet. Draußen stehen Männer in etwas zu unauffälligen Anzügen. Wir sollten abhauen, bevor ihre Verstärkung eintrifft.« »Gut.« Irene nickte. »Verlagern wir das hier also an einen anderen Ort. Evariste, Sie sind bereits länger in der Stadt. Wo gibt es Ihrer Meinung nach einen Ort, der sicher ist?« Der nächstgelegene Ort, der den Anforderungen entsprach, war ein gedrängtes New Yorker Deli, ein Imbiss- und Feinkostladen. Es saßen größtenteils Studenten, ärmere Leute und solche herum, die lieber Kaffee statt Bier oder Wein tranken. Inmitten der bunt gemischten jungen Leute fielen Kai, Irene und der dunkelhäutige Evariste nicht weiter auf. Der Mangel an alkoholischen Getränken sprach außerdem dafür, dass die heimischen Ganoven sich eher selten hier blicken ließen. Die drei suchten sich einen Tisch in einer Ecke, von wo aus sie einen guten Blick auf die Eingangstür hatten. Auf dem Hinweg hatte Irene Zeit gehabt, etwas nachzudenken. »Folgendes«, verkündete sie jetzt. »Und ich spinne jetzt einfach mal frei drauflos, ohne bestimmte Systematik. Evariste, Qing Song befindet sich in ebenso großen Schwierigkeiten wie Sie, vielleicht sogar in noch größeren.« Sie wandte sich an Kai. »Kai, nehmen wir einmal an, jemand am Hof deines Vaters würde erwischt werden, wie er Bibliothekare zu erpressen versucht, indem er ihnen nahestehende Personen entführt. Was würde mit demjenigen passieren?« »Er würde öffentlich entehrt werden. Und er müsste sich auf den Verlust all seiner Ämter gefasst machen.« Kai antwortete, ohne zu zögern. »Womöglich sogar auf Hinrichtung oder Verbannung. Das richtet sich nach dem Rang des Betreffenden. Es gilt als nicht hinnehmbares Verhalten, auch wenn zwischen beiden Seiten kein offizielles Bündnis besteht. Mein Vater und seine Minister hätten so etwas niemals im Sinn. Es würde an sich schon als Kriegserklärung verstanden werden.« »Okay, aber Qing Song sagte mir …«, fing Evariste an, brach aber gleich darauf ab. Er schien sich darüber bewusst zu werden, wie weit die Täuschung bereits reichte, der er durch Einschüchterung unterlegen war. »Sie meinen, er hat genau so ein Verbrechen begangen wie ich?«, fragte er. »So ist es«, sagte Irene. »Was auch immer Julian für eine Beziehung zu ihm oder seiner Familie hatte, Qing Song hat eine Grenze überschritten, als er Ihre Tochter entführte. Und jetzt, wo Sie ihm entwischt sind und er keine Ahnung hat, wo Sie stecken, ist nicht nur seine Chance dahin, das Buch zu kriegen, sondern es läuft auch jemand frei herum, der ihm politisch auf das Schlimmste schaden, ihn vielleicht sogar vernichten könnte. Die Königin der Südlichen Ebenen wird mit Sicherheit niemanden auf den freigewordenen Ministerposten setzen, der so einen Schlamassel anrichtet. Vor allem anderen aber hat Qing Song durch dieses Vorgehen seine eigene Familie gefährdet.« »Meinen Sie also, es würde die anderen Drachen wirklich interessieren, was er getan hat?«, wollte Evariste wissen. Währenddessen war Kai in seinen Stuhl zurückgesunken, als hätte Irene ihm mit ihren Erläuterungen einen Tritt in den Magen versetzt. »Ja, das würde es«, stimmte er leise zu. »Würde es sogar sehr. Es geht ja nicht um unbedeutende Streitereien von einzelnen Leuten. Es geht um einen Wettstreit, in dem beide Kandidaten in bedeutendem Maße von ihren Clan-Familien unterstützt wurden. Falls Qing Song wirklich getan hat, was er allem Anschein nach getan hat – unprovoziert gegen den Abgesandten einer neutralen Instanz vorzugehen –, und sein Clan dessen bezichtigt wird, dann erwartet sie alle öffentliche Schande. Und die Königin wird eine entsprechende Entehrung unterstützen. Er war ein Idiot, das auch nur zu versuchen.« Irene nickte. »Qing Song hat bei diesem Spiel zu hoch gereizt. Seinen eigenen Tod in Kauf zu nehmen, könnte er vielleicht noch vertreten, aber die Hinrichtung seiner Familie wird er nie und nimmer riskieren wollen. Und das ist das Schlupfloch, das wir nutzen können, um Ihre Tochter zurückzuholen.« Evariste nickte zögerlich. Er wollte ihr glauben, das sah sie. Doch er schien noch nicht vollends überzeugt. »Früher oder später werden sie uns finden«, versicherte er. »Und Qing Song wird uns kriegen. Ich weiß nicht, ob er mich direkt ausfindig machen kann. Für diesen Fall hatte ich ja den Schutzzirkel eingerichtet. Aber selbst, wenn er es nicht kann, pflegen er und Hu genügend Kontakte zur Unterwelt, um andere Mittel einzusetzen. Sie kennen Lucky George, den Oberboss dieser Gegend, vielleicht nicht persönlich, aber sie haben bestimmt einen Draht zu seinen Gewährsleuten.« »›Lucky George‹?«, fragte Kai. »Gebürtig Giorgio Rossi«, erklärte Evariste. »Aber heutzutage nennt man ihn besser George Ross, wenn einem das eigene Leben lieb ist. Er hat als kleiner Mafioso angefangen und sich dann Schritt für Schritt selbstständig gemacht. Dabei hat er viele seiner alten Waffenbrüder mitgenommen; sie arbeiten jetzt für ihn. Er selbst gibt sich als der amerikanische Typ. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Heimat der Freien und der Tapferen. Und illegalerweise der weltgrößte Importeur von Alkoholika. Wie dem auch sei, die Gangster aus diesen Kreisen, die Hu angeheuert hat, werden uns auf jeden Fall im Nacken sitzen. Selbst wenn wir es schaffen, Qing Song meine Miranda abzupressen, kann er uns nicht einfach so abziehen lassen. Wir wissen zu viel. Besonders, was die Bedrohung seiner Familie angeht, von der Sie gesprochen haben. Was können wir also schon tun, realistisch betrachtet?« Irene warf einen unauffälligen Blick in Kais Richtung. Ihre Zuversicht und ihr Mut lösten sich in nichts auf, als sie sah, wie er sie anblickte. Seine Miene ließ darauf schließen, dass er sie für diejenige hielt, die ganz sicher eine Lösung für alle Probleme parat haben würde. Kai unternahm nicht einmal den Versuch, selbst etwas vorzuschlagen. Das war nicht richtig. So sollte es einfach nicht sein – dass sie die Antworten gab und er bloß die Ausführung übernahm. Als Kais Lehrmeisterin hatte sie versagt, das musste sie sich eingestehen. Und genau dieser Punkt war es, an dem sich etwas ändern musste. Als sie das durchdacht hatte, begann sich in ihrem Hinterkopf eine Idee abzuzeichnen. Ein Plan, der möglicherweise mehrere Probleme auf einmal zu lösen vermochte. »Wo befindet sich das Buch?«, fragte sie. »Ich nehme jawohl an, dass Sie es letztlich gefunden haben.« »Es wird im Archiv des Metropolitan Museum of Modern Art aufbewahrt«, sagte Evariste prompt. Sein Ton klang plötzlich hochoffiziell, als erstatte er einer Vorgesetzten Bericht. »Die Sammlung, zu der es gehört, wurde 1899 von einem Richter namens Richard Pemberton gespendet. Der wiederum bekam das Buch von seinem Vater, Colonel Matthew Pemberton, der es von der Invasion Chinas nach Hause mitgebracht hatte. Der jetzige Kurator des Bestands ist Professor Jamison vom Museum.« »Gute Arbeit«, lobte Irene. »Nächste Frage. Haben Sie wirklich ganz sicher herausgefunden, dass es sich dort befindet? Oder ist das eher eine Annahme auf Basis Ihrer Recherchen?« »Ich habe mich nicht getraut, es nachzuprüfen«, gab Evariste zu. »All meine Forschungsergebnisse dazu habe ich in den Unterlagen versteckt, die ich sowieso gesammelt hatte. Und als ich weglief, habe ich sie mitgenommen.« Ein erschreckender Gedanke durchfuhr Irene. »Sie haben Sie doch nicht in Ihrem Apartment gelassen, oder? Wenn Qing Song mittlerweile dort war und …« »Ja, das wäre ziemlich ungünstig«, pflichtete Evariste bei. »Vor allem wenn man bedenkt, dass Sie mich dort auch noch k. o. geschlagen und verschleppt haben.« Manches schien der junge Bibliothekar noch nicht vergeben und vergessen zu haben. »Aber keine Sorge. Ich habe die entscheidenden Dokumente verbrannt, sobald ich allein war. Ich kann mir die Details, auf die es ankommt, auch so merken.« Irene entspannte sich. »Das nenne ich eine Erleichterung.« »Gab es denn noch etwas anderes Wichtiges in dem Apartment, das wir hätten mitnehmen sollen?«, meldete sich Kai zu Wort. »Ich schätze, ich müsste mich entschuldigen, falls wir Sie rausgeschleppt und zufällig Ihre Lieblingsbücher dort gelassen haben sollten.« Evariste sah einen Moment lang drein, als hätte er am liebsten eine ganze Liste von Dingen aufgezählt. Dann aber schüttelte er den Kopf. »Einige der Bücher hätte ich vielleicht ganz gerne behalten. Aber die meisten waren wirklich nur für den Bibliothekszirkel gedacht. Ich hatte gehofft, dass es Qing Song dadurch zumindest etwas schwerer fallen würde …« Er wedelte mit den Händen. »Nun ja, irgendeine Drachentechnik anzuwenden, um mich aufzuspüren. Aber ich schätze, ich werde auch ohne die paar Bücher leben können, die davon wirklich gut waren. Außerdem hatte ich sowieso kein Geld mehr.« »Wahrscheinlich kann er Sie nicht direkt aufspüren, das nicht«, beschwichtigte ihn Kai. »Da er Ihnen in diese Welt gefolgt ist, müssen wir davon ausgehen, dass er immerhin Ihren ungefähren Aufenthaltsort bestimmen kann. Doch es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er zum Beispiel auf dem Dach des Hauses landen könnte, in dem Sie sich gerade verstecken. Hat er denn vielleicht etwas von Ihnen an sich genommen und zu einem Drachengegenstand gemacht? Blut, Atemluft oder Ähnliches?« »Himmel, nein«, sagte Evariste. »Er hatte schon genug Schwierigkeiten, mich zur Zusammenarbeit zu bewegen, auch ohne den ganzen Drachen-Hokuspokus. Nichts für ungut.« Ehe Kai noch etwas erwidern konnte, warf Irene schnell ein: »Ich nehme an, dass Qing Song Ihre Recherchen finanziert hat?« »Ja. Aber nachdem ich ausgerissen war, wollte ich es nicht mehr riskieren, Geld von dem Konto abzuheben, das er mir eingerichtet hatte. Die Bank hätte ihm leicht mitteilen können, wo und wann ich es getan habe.« »Sehr gut. Die Hauptsache ist jetzt erst einmal Miranda. Hält Qing Song sie in dieser Welt fest oder irgendwo anders? Wissen Sie das?« Evariste legte die Stirn in Falten. »Ich weiß es nicht. Ich denke, dass er sie am ehesten bei sich zu Hause einsperren würde, wo auch immer das ist. Er hat mir kein einziges Mal erlaubt, sie zu sehen.« Er ließ die Schultern sinken. »Ich verstehe.« Irene bemühte sich, kämpferisch zu klingen. »Als Erstes werden wir uns also dieses Buch holen. Damit bringen wir Qing Song ganz sicher dazu, uns seine Aufmerksamkeit zu schenken. Wir brauchen schließlich etwas, womit wir ihn bestechen können, egal, ob wir es ihm später wirklich aushändigen oder nicht. Falls er das Buch übrigens auf eigene Faust finden sollte, wird er schnell über alle Berge sein. Und die Bibliothek wird für alle Zeit in Verruf geraten. Wir müssen also diejenigen sein, die es in die Finger bekommen, was immer auch passiert. Und danach werden wir ein für alle Mal sicherstellen, dass er Ihnen Ihre Tochter wiedergibt und Sie in Ruhe lässt, endgültig. Falls er das nicht tut, wird seine Familie in Schande untergehen. Jeder wird erfahren, was er getan hat. Das Buch wird er von mir garantiert nicht bekommen. Und auch sonst niemand. Wir holen uns Ihre Tochter, Evariste, und danach kehren Sie und Miranda in die Bibliothek zurück.« Die Wut schärfte ihre Gedanken. Letztlich fühlte es sich richtig an. Dabei machte sie sich nichts vor: Auch wenn ihr Plan gelang, musste sie mit Schlimmerem rechnen als nur damit, ihre Stelle als ortsansässige Bibliothekarin zu verlieren. Doch wann immer sie diese persönlichen Konsequenzen gegen das Leben von Evaristes Tochter abwog, kam sie unzweifelhaft zu dem Schluss, dass es keine andere Entscheidung geben konnte. »Seid ihr beide damit einverstanden? Falls ja, habe ich bereits einen Plan.« Evariste ballte die Hände zu Fäusten. »Wird es denn klappen?«, fragte er. Und damit wandte er sich an Kai. »Sie sind der Drache. Sie können nachvollziehen, wie Qing Song denkt. Wird der Plan funktionieren?« Kais Augen loderten in diesem Moment tiefrot auf. »Ja«, bestätigte er, und seine Stimme klang sanft. »Qing Song wird keine Wahl bleiben. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich wirklich kein Mitleid für ihn empfinde.« VIERZEHNTES KAPITEL Das Plaza Hotel war ein riesiges, rechteckiges Gebäude, pastellfarben und so reich verziert wie eine Geburtstagstorte. In seiner schieren Größe ähnelte die noble Herberge einem Schloss. Obwohl es mitten in der Stadt lag, befanden sich ringsum gepflegte Rasenflächen und Kieswege, als hielte das urbane Leben respektvoll Abstand. Vor dem Säuleneingang wartete eine ganze Reihe von Taxen, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite bildeten Pferdekutschen eine Art altertümliches Spiegelbild dazu. Irene trat, ohne zu zögern, durch den Haupteingang nach drinnen. Sie durchquerte die Lobby auf dem Weg zum Empfangsschalter. Ihre hohen Absätze erzeugten auf dem gefliesten Marmorboden ein entschlossenes Klackern. Die Empfangsdame war eine makellos aussehende junge Frau, deren glatte blonde Haare im Licht des Kronleuchters golden schimmerten. Sie saß hinter einem Tresen, der aus einem einzigen Marmorblock bestand, und die Wand in ihrem Rücken wurde von einer fast zwei Meter hohen Tafel mit Knöpfen und Sprechröhren gebildet. Links und rechts von der Frau saß jeweils ein Bediensteter und hielt sich die Sprechmuschel eines Telefonapparates vor den Mund. Beide kritzelten eifrig Notizen, während sie lauschten, was am anderen Ende gesprochen wurde. »Ich möchte eine Suite mieten«, verlangte Irene mit überdeutlich britischem Akzent. Es kam jetzt darauf an, sich so auffällig wie möglich zu gebärden. »Wie lange ich in New York bleiben werde, kann ich noch nicht genau sagen.« »Natürlich, Madam«, erwiderte die Empfangsdame ergeben. »Darf es etwas Bestimmtes sein?« Irene machte eine beiläufige Handbewegung. »Hauptsache etwas, das einigermaßen bewohnbar ist. Mir wurde gesagt, das hier wäre das Spitzenhotel in New York. Ich gehe davon aus, dass Sie mich nicht enttäuschen wollen.« »Madam«, begann die Frau, »unsere Preise sind …« Irene blickte mit hochgezogener Braue auf sie hinunter. »Nicht von Interesse für mich«, unterbrach sie. »Sie können sicher sein, dass Geld keine Rolle spielt. Nur mein Komfort.« »Wenn ich Ihren Namen erfahren dürfte, Madam«, fragte die Empfangsdame. »Jeanette Smith«, sagte Irene. Dabei lächelte sie. Die Frau riss die Augen auf und schluckte. »Aber natürlich, Madam. Wir können Ihnen unverzüglich eine Suite zur Verfügung stellen, das ist gar kein Problem. Sind noch weitere Gäste in Ihrer Begleitung?« »Es kommen später noch ein paar Freunde dazu«, sagte Irene leichthin. »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mich gerne sofort zurückziehen, um mich etwas frisch zu machen. Bitte, die Suite. Und sorgen Sie dafür, dass mir anschließend ein Taxi gerufen wird. Ich muss unbedingt noch shoppen gehen.« Damit drehte sie sich von ihr weg und sah sich, an den Empfangstresen gelehnt, in der Lobby um. Der helle Marmorboden und die cremefarbenen Wände ließen den Saal noch größer und weitläufiger erscheinen, als er war. Hotelangestellte liefen in prunkvollen Livreen hin und her, an denen die Messingknöpfe glänzten. Stumm folgten sie ihren Botengängen. Es war wie eine elektrische Strömung – oder nannte man es Spannung? –, die durch einen permanent aktivierten Stromkreislauf floss. Physik war, nebenbei gesagt, nie Irenes Stärke gewesen, genauso wenig wie die bildende Kunst, die Anatomie des Menschen oder auch das Vorspielen eines überzeugenden amerikanischen Akzents. Die Hotelgäste, die kamen und gingen, schenkten Irene nur wenig Beachtung. Noch nicht. Die Empfangsdame war jetzt damit beschäftigt, Anweisungen durch eine der Sprechröhren zu geben. Als sie fertig war, wandte sie sich wieder um. Ein Portier kam angetrabt, um Irenes Gepäck entgegenzunehmen. »Wir haben eine exzellente Suite im elften Stock frei, Ma’am. Wir hoffen, dass Sie Ihren Wünschen entspricht. Was die Zahlung angeht, nun …« Irene griff in die Handtasche, holte eine Rolle Geldscheine hervor und legte sie auf den Tresen. »Bitte denken Sie an die nötige Diskretion. Noch etwas. Es kann sein, dass später ein paar Freunde versuchen werden, mich hier zu erreichen. Sie werden nach Marguerite fragen, und Sie stellen sie zu mir durch. Ich denke doch, das sollte möglich sein.« »Mit dem größten Vergnügen, Madam«, versicherte die Empfangsdame. Ihre Hand schoss so flink vor wie die Schere eines hungrigen Krebses. Sie nahm das Geld und ließ es unter dem Tresen verschwinden. Irene lächelte wieder. Sie sorgte dafür, dass ihre Augen kalt und unnachgiebig blieben. Irene setzte sich auf das überaus elegante Bett, gleich nachdem der Portier die ebenso elegante Suite verlassen hatte. Für eine Minute saß sie einfach da und atmete durch, um sich zu entspannen. Die permanente Anspannung hatte ihren Rücken und ihre Schultern fest im Griff, sogar ihre Kehle schnürte sich bei dem Gedanken an den vor ihnen liegenden Plan zu. Alles musste absolut reibungslos ablaufen. Sie gemahnte sich an die eigene Professionalität und öffnete ihren Koffer. Obenauf lag die längst zerfranste Straßenkarte von New York. Sie breitete sie auf der gesteppten Tagesdecke aus und wiederholte die Prozedur, die sie mittlerweile wie im Schlaf beherrschte: die Beschwörung des Anhängers mit dem Namen darin mithilfe der Sprache. Jetzt zeigte das Schmuckstück auf eine Gegend in der Bronx. Gut. Genau dort, wo Kai und Evariste auf ihre Vereinbarung hin die nächsten paar Stunden bleiben und sich verstecken sollten. Doch es fühlte sich nicht richtig an. Normalerweise war es Irene, die verdeckt operierte. Darin hatte sie es zur Meisterschaft gebracht. Diesmal musste sie raus in die Stadt und so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich ziehen, damit Kai und Evariste heimlich den eigentlichen Diebstahl des Buches ausführen konnten. Sie hatten die Risiken haargenau kalkuliert: Sie war gesehen und berühmt-berüchtigt geworden, während Kai in der Berichterstattung nur eine Nebenrolle gespielt hatte. Qing Song spekulierte darauf, durch sie zu Evariste geführt zu werden. Zumindest wollte er sie benutzen, um an das Buch heranzukommen. Wenn alles glattlief, würde er sich auf sie als das leichtere Ziel konzentrieren und den anderen beiden freien Lauf lassen. Aber es gab immer noch die Gangsterbanden und Venner – Irene würde es schaffen müssen, weder getötet noch inhaftiert zu werden. Mittlerweile war sie so etwas ja gewohnt. Zeit für den nächsten Schritt. Sie musste Aufmerksamkeit erregen und am Leben bleiben. Was lag da näher, als shoppen zu gehen? Als Irene am Hotel abfuhr, bemerkte sie bald das ihr folgende Taxi. Ausgezeichnet. Solange sie alle feindlichen Kräfte von Kai und Evariste ab- und auf sich zog, machte sie ihren Job gut. Sie hatte sich etwa eine halbe Stunde in der Suite aufgehalten – gerade so lange, wie die Angestellten des Hotels brauchten, um ein paar diskrete Telefonanrufe zu tätigen und Irenes Aufenthaltsort durchzugeben. Währenddessen hatte sie sich frischgemacht und eine Kleinigkeit gegessen. Es war schließlich bereits Nachmittag gewesen. Auf dem anschließenden Weg durch die Lobby zum Taxi waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Sie hatte jede Sekunde erwartet, das zweite Mal Opfer eines Attentats zu werden. Doch das war nicht passiert. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, sich unauffälliger zu kleiden, weniger augenfällig zu verhalten, unbemerkt durch den Personalausgang zu verschwinden. Die Gewohnheiten, die man sich ein Leben lang antrainiert hat, sind nun einmal hartnäckig. »Fahren Sie mich irgendwohin, wo man anständige Klamotten kaufen kann«, sagte sie zu dem Fahrer. »Mein Gepäck wurde aufgehalten. Danach muss ich unbedingt in eine gute Buchhandlung. Und dann in die New York Public Library.« Sie lehnte sich zurück. Das dürfte fürs Erste genug Wirbel erzeugen, überlegte sie. Qing Songs Männer, die sie beschatteten, würden sehen, dass sie etwas tat, ohne recht zu wissen, was es war. Vermutete Qing Song, dass sie drauf und dran war, Die Reise nach Westen zu ergattern? Oder stellte er sich vor, dass sie in die Bibliothek zurückkehrte, um Bericht zu erstatten? Doch was auch immer er denken mochte, Irene erreichte die Public Library nicht mehr – der Ärger fing schon vorher an. Sie hielten vor einem besonders edlen und teuren Bekleidungsgeschäft. Jeanette Smith trug nichts von der Stange. Jeanette Smith folgte der Tradition von Seidenkleid, Pelzmantel und, am wichtigsten: perfekt dazu passenden Schuhen. Sie würde ewig laufen können, ohne Blasen zu bekommen. In einem cremefarbenen Cocktailkleid trat sie wieder vor das Geschäft. Das Kleid war tief ausgeschnitten und ließ die Schulterblätter frei. Das Bibliothekssiegel auf ihrem Rücken wurde so gerade eben vom Stoff verdeckt. Das diagonale Streifenmuster aus ultramarinblauen Skarabäen passte hervorragend zu ihrer türkisen Halskette und den Armbändern. Über allem trug sie einen weitärmeligen Mantel aus schwarzer Seide. Kragen und Futter waren aus Chinchillapelz, der Hut, den Irene dazu trug, war nicht weniger aufsehenerregend. Sie gestand es sich nicht gerne ein, doch von den flinken Händen der Verkäuferin umsorgt und eingekleidet zu werden, hatte ihre Laune tatsächlich gehoben. Sie fühlte sich in dieser Version von New York plötzlich heimischer. Angepasster. Den zweiten Zwischenstopp legte sie in einer Gegend auf der Fourth Avenue ein, die als »Book Row« bekannt war. Vier Blocks mit mindestens vierzig Buchläden, vielleicht auch mehr. Sie hätte Tage hier verbringen können, ohne dass ihr langweilig würde. Doch ihr Plan erforderte es, in Bewegung zu bleiben, sich treiben zu lassen. Ihre Verfolger mussten schließlich beschäftigt werden. Als sie zurück zum Taxi ging, bemerkte sie, dass die sie verfolgenden Männer zu ihr aufschlossen. Es überraschte sie nicht, als sie in Sekundenschnelle umzingelt und von zwei der Handlanger auf die Rückbank gedrängt wurde. Die Gorillas setzten sich links und rechts neben sie, der dritte Mann stieg vorne ein und gab dem Fahrer Befehle. Die Holster mit den Pistolen der beiden Gangster drückten durch die Anzüge in ihre Seite. »Haben wir ein bestimmtes Ziel?«, fragte sie. »Das geht Sie nichts an, Lady«, blaffte der Linke. »Bleiben Sie einfach schön ruhig sitzen, dann haben wir’s bald hinter uns.« Auf der Stirn des Taxifahrers perlte der Schweiß. Er trat aufs Gas. Irene wurde in den Sitz gepresst. »Ich habe Geld«, sagte Irene. Sie war immer noch dabei herauszukriegen, für wen diese Leute arbeiteten. Handelte es sich um Qing Songs Lakaien? Um irgendwelche Gangster? Um ganz bestimmte Gangster? Oder um verdeckte Ermittler der New Yorker Polizei? Es gab mittlerweile so viele Feinde um sie herum und so wenig Zeit … »Kein Grund, sich Sorgen zu machen«, beschwichtigte sie der linke, als läse er von einem Drehbuch ab. »Wir bringen Sie nur zu ein paar Leuten, die mit Ihnen reden wollen.« »Ich habe ziemlich viel Geld«, sagte Irene. Sie spähte aus dem Fenster. Die Gebäude und Straßen, die draußen vorüberzogen, verrieten ihr nicht, wohin sie fuhren. Die begrünten Gehwege und die schönen Geschäfte und Feinkostläden blieben hinter ihnen zurück, und kalte graue Hochhäuser nahmen ihren Platz ein. Eine anonyme Gegend. Irene hatte Geduld. Sie konnte warten, bis sie von selbst sah, wohin sie gebracht wurde. Doch möglicherweise brachten die Männer sie auch soeben zu ihrer Exekution. Der Fahrer bremste scharf, und der Wagen preschte mit quietschenden Reifen in einer engen Kurve nach rechts. Auf der Rückbank wurden Irene und die beiden Insassen zur Seite geworfen. Der Mann rechts prallte gegen sie und murmelte grunzend eine Entschuldigung. Beide Entführer rochen nach Tabak und billigem Aftershave. Irene konnte die wütenden Rufe anderer Autofahrer, die aufgrund des Manövers ebenfalls bremsen mussten, bis ins Innere ihres Wagens hören. »Lady, das Geld, das Sie haben, reicht bestimmt nicht, um unseren Boss aufs Kreuz zu legen.« Der linke Entführer gab sich Mühe, überzeugt zu klingen. Er rappelte sich wieder in aufrechte Position und strich sein Jackett glatt. »Die wollen nur mit Ihnen reden. Keine Angst also, Sie kommen schon nicht in einem Sack nach Hause. Ist nur was Geschäftliches.« »Sehr beruhigend«, sagte Irene. Sie wandte sich an den Fahrer: »Wenn die mich erschießen, werden sie Sie auch loswerden wollen. Haben Sie daran schon mal gedacht? Beseitigung von Zeugen.« Der Taxifahrer hatte sich das offenbar durch den Kopf gehen lassen. Er kaute nervös auf ein paar Haaren seines Schnurrbarts. Aber er fuhr weder langsamer, noch hielt er an. »Lady, mir gefällt das nicht«, raunte er. »Mein Onkel Josef hat immer gesagt, wenn du Taxifahrer wirst, Junge, dann wirst du alle möglichen Leute herumkarren müssen, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit, jede Minute lang, die Gott dir schenkt, nur um deine Miete zu bezahlen …« »Klappe halten«, blaffte der Mann auf dem Beifahrersitz ihn an. »Du hast nichts gehört und nichts gesehen, verstanden? Setz uns einfach am Ziel ab und such dir ein paar neue Kunden. Und was Sie betrifft, Lady, Sie sollten eigentlich wissen, wie so was läuft. Kommen Sie ja nicht auf die Idee, unseren netten kleinen Chauffeur nervös zu machen. Solang er nicht singt, hat er nichts zu befürchten.« Der Wagen hielt abrupt und unvorhergesehen. Irene und ihre beiden Bewacher wären beinahe mit voller Wucht gegen die Trennwand im Fond geprallt. Irene hätte in dieser Sekunde nach einer der Waffen in den versteckten Holstern greifen und versuchen können, die Männer in Schach zu halten. Allein der Gedanke beruhigte sie. Das hier waren keine Profis, sondern gewöhnliche Ganoven. »Gut«, sprach der Gangster vorne weiter. »Sie gehen jetzt durch diese braune Tür da hinten, Lady. Die Treppen runter, und zwar schnell, bevor die Cops was merken. Unten wartet jemand, der Sie sprechen möchte. Los.« Irene stolperte in eine recht finstere Gasse. Die Gebäude waren zu beiden Seiten hoch genug, dass sie das einfallende Sonnenlicht abschirmten und den Nachmittag zum späten Abend machten. Der Mörtel zwischen den abgewetzten Backsteinen bröckelte und roch nach Moder. Mülltonnen säumten in chaotischem Durcheinander die Bordsteinkante. Die von ihnen ausgehenden Gerüche sorgten für ein noch schlimmeres Gemisch. Die zu beiden Seiten abgehenden Türen beschränkten sich auf Grau in Grau, aufgelockert durch den einen oder anderen Anteil Braun und Schwarz. Es sah aus, als wollten die meisten Zugänge sich so gut wie möglich verstecken. Wenn man New York als ein Musikstück betrachtete, dann war dies die unheilbringende Ruhe vor dem donnernden, gewaltigen Höhepunkt. Die braune Tür, auf die ihr Entführer gezeigt hatte, war anders. Vale hätte das vermutlich schon auf den ersten Blick erkannt. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, die Schwelle sauber zu halten, und es gab keine Mülltonnen in der Nähe. An der Bordsteinkante hinter Irene wartete noch immer das Taxi. Wahrscheinlich wollten die Männer sichergehen, dass sie wirklich hineinging und nicht einfach davonrannte. Natürlich konnte es auch ein Hinterhalt sein. Eine tödliche Falle sogar. Aber wenn die Entführer sie umbringen wollten, wäre sie dann nicht schon längst tot? Es gab eine ganze Palette von Gründen, weshalb sie besser nicht durch die braune Tür gegangen und die Treppe hinuntergestiegen wäre. Die Argumente reichten von Beibehaltung der Tarnidentität (Jeanette Smith, Gangsterkönigin und Frau mit der Knarre im Strumpfband) bis zu Fernhalten der Polizei. Sie musste außerdem immer noch dafür sorgen, dass Qing Song und seine Handlanger ihr auf den Fersen blieben. Aber schließlich war da noch die gute alte Neugier. Irene konnte nur hoffen, dass keiner ihrer Feinde je begriff, wie groß der Drang in ihr war, jederzeit alles über das Wie, Wo, Was, Wann sowie in diesem Fall das Wer der Dinge zu erfahren. Sie klopfte. Keine Reaktion. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. Sie öffnete die Tür und trat in den engen Gang dahinter, der nur von einer schwankenden Glühbirne beleuchtet wurde. Die geweißten Wände des Korridors waren schmutzig, aber die Kacheln am Boden sahen frisch geschrubbt aus. Auf ihnen glänzte noch die Scheuerseife. In einem Eimer mit braunem Wasser in der Ecke stand ein Mopp als schweigender Wächter des Treppenaufgangs. Links führte eine Stiege wie ein dunkler Rachen in die Tiefe. Irene begann, die dunkle Treppe hinunterzusteigen. Sie hielt sich mit einer Hand am verbogenen Geländer fest. Die hölzernen Stufen knarrten unter ihren neuen Schuhen, trotz aller Versuche, so leise wie möglich zu sein. Wer immer dort unten auf sie wartete, wusste bereits, dass sie kommen würde. Die Tür am unteren Treppenabsatz stand einen Spalt offen, das Licht auf der anderen Seite hob das Rechteck der Tür deutlich hervor. Irene zögerte. Sollte sie anklopfen? Sie entschied sich dagegen und ließ die Tür mit einem Stoß aufschwingen. Grelle Lichter strahlten sie an. Jemand ergriff ihr Handgelenk, zog sie in den Raum und bog ihr den Arm auf den Rücken. Kühl und bedrohlich schmiegte sich der kalte Lauf einer Waffe in ihr Genick. »Wie reizend von Ihnen, uns zu beehren«, sagte eine Stimme jenseits des Lichts. FÜNFZEHNTES KAPITEL »Ich musste erst noch shoppen gehen«, erwiderte Irene. Ihre Zunge bewegte sich wie von selbst. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte sie erste Einzelheiten. Der Raum war größer als gedacht, weiße Wände und eine ebensolche Decke verstärkten diesen Eindruck noch; doch eigentlich war es weniger ein Weiß als vielmehr eine sterile Farblosigkeit. An den Wänden kauerten dunkle, glänzende Objekte. Bei näherer Betrachtung stellten sie sich als Waffen heraus. Gewehre in allen Größen und Formen, mit denen Irene sich nicht auskannte. Sessel aus schwarzem Leder standen wahllos im Raum. Zwei davon waren belegt, Männer in teurer Kleidung saßen darin, Cocktailgläser in der Hand. An der Rückseite des Raums standen ein verwitterter Tisch und eine Reihe niedriger Schubladenschränke wie aus einer Werkstatt. Es roch nach Metall und Waffenöl. Nicht nur die Luft war erfüllt davon, sondern auch die Person, die Irenes Arm von hinten festhielt, dünstete diesen Geruch aus. Es war eine Frau. Mit dem kalten Lauf im Genick konnte Irene plötzlich wunderbar klar und zielstrebig denken. So eine Wirkung hatten normalerweise die Getränke, die man mit Koffein versetzt an überarbeitete Studenten und Lieferanten verkaufte. Neugier hat ihren Preis, rief sich Irene in Erinnerung. Einen recht hohen sogar. Der Mann, der gesprochen hatte, lachte. Er nippte an seinem Glas. Sein Südstaatenakzent war etwas übertrieben geraten. »Ich würde sagen, dass Frauen eine solche Ausrede nur allzu oft verwenden. Aber das wäre sehr unhöflich gegenüber meiner Lily. Lily ist übrigens die Dame, die gerade ihre Lieblingswaffe in ihr Genick drückt.« Eine Welle der Angst schwappte über Irene hinweg. Der Ansturm zermalmte ihre Kehle, presste ihre Brust zusammen und ließ eine Restkälte in ihren Adern zurück, die sich wie prickelndes Eis anfühlte. Der Geruch des kalten Stahls scheuerte ihre Nasenlöcher und ihre Kehle wund. Es war Angst, die sie verspürte. Die Angst vor dem Tod, befeuert von der Szenerie, in der Irene sich befand. Sie fürchtete sich sehr vor Feuerwaffen, vor Gewalt, davor, ganz beiläufig ermordet zu werden. Das Bibliothekssiegel auf ihrem Rücken schmerzte wie eine alte Brandwunde, die plötzlich wieder aufblüht. Die Frau hinter ihr schob sie seitwärts und drehte sie mit dem Gesicht zur Wand. Irene spürte, wie eine Hand an ihrem Körper hinabwanderte. Durch den Schleier der Todesangst hindurch begriff sie, dass die Frau sie auf professionelle Weise nach Waffen abtastete. Zum Schluss durchsuchte sie ihre Handtasche. Der Griff um Irenes Handgelenk löste sich; der tödliche Lauf blieb weiter in ihr Genick gepresst. Als sie sprach, klang es klar und monoton, unterlegt mit einem schwach herauszuhörenden New Yorker Akzent. »Sie hat nichts Gefährliches bei sich.« »Das ist eine Überraschung. Dreh Sie um, Lily. Lass uns Miss Jeanette mal ansehen. Sie ist schließlich den ganzen weiten Weg hierhergekommen, um uns einen Besuch abzustatten. Das ist wohl das Mindeste, was wir ihr schulden.« Die Frau drehte Irene wieder herum, diesmal mit dem Blick in Richtung der beiden Männer. Wieder toste die Flutwelle aus Angst auf Irene zu, zerstörerisch und Panik auslösend wie eine Pistole, die ihr direkt auf die Stirn gedrückt wurde. Diesmal aber schluckte sie die Empfindung hinunter. Es war nicht ihre Angst. Sie stammte nicht von ihr, sondern von jemandem in diesem Raum – es handelte sich um den Versuch eines Elfen, ihr diese Furcht mit aller Macht aufzuzwingen. Zu wissen, dass es eine fremde Kraft war, die von außen versuchte, an sie heranzukommen, half ihr und gab ihr die Kraft, das Gefühl halbwegs in den Griff zu bekommen. Sie strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Das Mindeste, was Sie mir schulden, ist ein Drink«, sagte sie in ruhigem Ton. »Es war ein ziemlicher Weg bis hierher.« Es gab eine kurze Pause, erfüllt von verblüfftem Schweigen. Dann brach der Mann in Gelächter aus. Es klang etwas gezwungen, so als nutzte er es, um sich Zeit zu verschaffen und seine Gedanken zu ordnen. »Sie haben einen reizenden kleinen Akzent, Miss Jeanette, wussten Sie das? Ich sollte sie dafür bezahlen, dass Sie mir den ganzen Tag lang das Telefonbuch vorlesen. Bitte, setzen Sie sich doch. Dave, bringen Sie der jungen Lady einen Drink. Was hätten Sie gern?« »Einen Black Russian«, sagte Irene und ging zu dem Sessel, der ihr angeboten wurde. Hinter sich konnte sie die Schritte von Lily hören, das Klackern von High Heels auf gekacheltem Boden, gnadenlos wie ein Countdown. Der zweite Mann war aufgestanden, hielt aber inne. »Äh, was ist das?« Na prima, dachte Irene. Wieder ein Bibliothekar, der sich die Schlappe eines interkulturellen Fauxpas erlaubt. Sie erinnerte sich nicht, wann der Black Russian erfunden worden war, aber wenigstens kannte sie das Rezept. »Fünf Teile Wodka und zwei Teile Kaffeelikör, falls Sie so etwas dahaben«, erklärte sie. »Sonst nehme ich einen Gin Sling – auf Ihre Art.« »England kann uns vielleicht mehr beibringen, als ich dachte«, sann der erste Mann. »Schauen Sie, ob Sie den Wunsch erfüllen können, Dave. Machen Sie es sich doch bequem, Miss Jeanette. Es gibt ein paar Dinge zu bereden. Ich nehme nicht an, dass Sie wissen, wer ich bin?« »Ich schätze, Sie sind der Gentleman Lucky George«, sagte Irene. Sie setzte sich in den Sessel und erlaubte sich, ihn offen zu taxieren. Er tat dasselbe bei ihr. Er war ein kleiner Mann, sein Anzug scharf geschnitten, die Haare dunkel und mit Gel zurückgelegt. Er hatte eine fleischige Nase, und jene Art von Unrasiertheit kennzeichnete seine Wangen, die man sorgfältig aufrechterhalten muss. Sein zweireihiger Anzug schien absichtlich so geschnitten, dass er die Hüften schmaler und die Schultern breiter wirken ließ. Das sich abzeichnende Waffenholster konnte das Jackett allerdings nicht verdecken. Die Krawatte war entweder der Geniestreich eines genialen und abstrakten Künstlers oder das Versehen von jemandem, der Farbkleckse auf Seide verteilt hatte. Die Schuhe sahen so gut poliert aus, dass die bloße Auseinandersetzung mit der von Waffenöl geschwängerten Luft ihren Schein zu trüben schien. Er schwenkte die Flüssigkeit in seinem Glas und lächelte Irene an, die Zähne, die er zeigte, waren nikotingelb. »Und wer hat Ihnen das verraten, Miss Jeanette? Jemand, den ich kenne?« Damit ich ihn gleich umbringen lassen kann, schien sein Unterton zu besagen. Irene zuckte die Achseln. »Ihr Name ist nicht gerade ein Geheimnis«, sagte sie. Heimlich betrachtete sie Lily, die Frau, die ihr die Waffe in den Nacken gepresst hatte. Sie hatte den Sessel von Lucky George umrundet und nahm auf seiner Armlehne Platz. Zu dieser Lily passte die Bezeichnung bildhübsch geradezu perfekt. Aber ihre Gesamterscheinung wirkte trotzdem etwas seltsam, ohne dass Irene wusste, woran es lag. Wie das Fundament eines Gebäudes in einer Geschichte von Lovecraft. Ihre blonden Haare trug sie so, dass eine Hälfte davon über ihr linkes Auge fiel. Das freie Auge hörte nicht auf, Irene zu mustern, als nähme die Frau Maß für den Sarg, den sie anfertigen lassen wollte. Ihre Haut wies die vornehme Blässe von jemandem auf, der selten ins Sonnenlicht ging, und das violette Seidenkleid saß so eng an ihrem Körper wie die Strümpfe an ihren Beinen. George bemerkte Irenes Blick und kicherte. »Wie ich sehe, bewundern Sie Lily. Ich bin ein moderner Mann und gehe mit der Zeit, Miss Jeanette. Es ist mir egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die den Job erledigt – solange der Job gut gemacht wird. Und meine kleine Lily …« Er tätschelte ihren Schenkel knapp oberhalb des Knies, als handele es sich um einen Gegenstand in seinem Besitz. »Niemand in ganz New York schießt besser.« »Wie nett, einem aufgeschlossenen Mann zu begegnen«, sagte Irene. Die Bibliothek als Institution war zwar geschlechtsneutral aufgestellt – Büchern war es in der Regel ziemlich gleichgültig, ob die Leute, die sie stahlen, Männer oder Frauen waren –, aber es gab Bibliothekare, für die es nicht ganz leicht war, die Prägungen ihrer Herkunftswelten abzuschütteln oder sich an Neues zu gewöhnen. Auch wenn Irene zwar die Möglichkeit hatte, die Vorurteile in den Gesellschaften, die sie bereiste, vereinzelt zu manipulieren, so hieß das noch lange nicht, dass sie es besonders genoss, ihnen auch nur eine Sekunde lang ausgesetzt zu sein. »Und ein guter Start in aussichtsreiche Geschäftsbeziehungen.« »Sie wollen gleich zur Sache kommen, wie ich sehe«, sagte George. »Es kommt nun einmal der Punkt, an dem es nur noch Zeitverschwendung ist zu lügen«, erwiderte Irene. »Ich glaube, beim Pokern nennt man es ›wissen, wann man aussteigen sollte‹.« Sie beugte sich in dem Sessel vor. »Sie haben meine Aufmerksamkeit. Was wollen Sie?« »Sogar noch direkter, als ich erwartet hatte, Miss Jeanette«, sagte George. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und nahm einen weiteren Schluck von seinem Cocktail. »Darf ich offen sprechen?«, fragte Irene. »Sicher, sicher.« Er formte mit Zeige- und Mittelfinger einen kleinen Pistolenlauf, den er auf sie richtete, und schoss. »Solange ich der Einzige bin, zu dem Sie offen sind, Süße. Wir mögen hier keine Singvögel.« »Für Singvögel haben wir auch in England nichts übrig«, versicherte Irene. Er hatte sie als rivalisierenden Gangsterboss akzeptiert – es wurde Zeit, diese Karte auszuspielen. »Das ist teilweise auch der Grund, weshalb ich verärgert bin.« »Verärgert?«, fragte George. Lily bewegte nicht einmal den Kopf, als sie den Blick auf Irene heftete, und ihr Gesicht blieb emotionslos und starr. »Wie ich sagte, ich werde offen sprechen. Mein Besuch hier war eigentlich nicht dafür vorgesehen, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Jemand hat geredet. Ich weiß noch nicht, ob die Information durch meine Organisation in Boston gesickert ist, aber jedenfalls wissen die Leute jetzt, dass ich hier bin, in New York. Das macht die Situation für mich untragbar.« »Untragbar, ich liebe Ihre Ausdrucksweise.« George leerte sein Glas auf einen Zug. »Und was wollen Sie dagegen unternehmen, Miss Jeanette?« »Ich muss früher wieder abreisen. Die Polizei muss möglicherweise geschmiert werden, mehrfach. Wenn man das zu offensichtlich tut, gehen die Preise durch die Decke, und die erkaufte Sicherheit ist keinen Cent mehr wert. Die Lage hier hat keine Aussicht auf Erfolg mehr, und es laufen mir zu viele Parteien herum, die hinter meinem Kopf her sind. Das Spiel ist den Einsatz nicht wert.« Irene zuckte abermals die Achseln. »Braucht Ihr Mann eigentlich den ganzen Tag, um mir diesen Drink zu machen?« »Lily, schau doch bitte nach, wo Dave so lange bleibt«, sagte George. Er nahm den Blick nicht von Irene, als er zu ihr sprach. Die Frau rutschte seitlich von ihrem Platz an seiner Armlehne herunter und trat durch die Tür auf der Rückseite des Raums, fließend und still wie eine Schlange. »Sie lassen also einfach alles fallen, was Sie hier in Amerika vorhaben, Miss Jeanette? Geben auf und trollen sich zurück nach England mit eingeklemmtem Schwanz?« »Oh, das habe ich nicht gesagt«, hielt Irene dagegen. »Einige Deals habe ich bereits abgeschlossen, und ich würde dem gern noch ein paar weitere hinzufügen. Ich hasse es, Zeit zu vergeuden. Deshalb bin ich dafür, die Floskeln zu überspringen und gleich zum Wesentlichen zu kommen.« Sie hoffte, dass George als Nächstes sein Angebot darlegte. Dann wäre alles, was sie noch tun müsste, mitzuspielen und ein wenig zu feilschen, um ihre Rolle als Ganovenchefin, die unter Gin zu Hochtouren auflief, zu zementieren. Es war viel weniger Arbeit, als sich selbst ein irres Geflecht aus Lügen auszudenken. Und es würde dafür sorgen, dass sie wieder aus diesem Keller herauskam. Dann konnte sie endlich damit fortfahren, falsche Fährten für Qing Song zu legen. Irene merkte, wie sie in ihrer Rolle aufging. Hier, im Zentrum des Königreichs eines der größten Gangsterbosse New Yorks, war sie zur Abwechslung einmal vollkommen sicher – jedenfalls vorerst – vor all den anderen Leuten, die ihr nach dem Leben trachteten. Sie hatte eine Rolle zu spielen, und die Lügen, die sie dabei erzählte, hielten genaueren Nachfragen stand. Besser ging es nicht. Und wenn sie ehrlich war, hatte sie auch eine ganze Menge Spaß dabei, Jeanette Smith zu sein, die Gangsterkönigin. Zumindest war es weniger nervenaufreibend, als Irene Winters zu sein, Bibliothekarin. Die Tür auf der Rückseite des Raums schwang auf, und Lily glitt mit feinem Hüftschwung hindurch. Ihre Absätze klackten auf den Bodenkacheln. Der Irenes Glas in der Hand haltende Dave folgte ihr. Lily kehrte auf ihren Platz auf Georges Armlehne zurück. Die Art, wie sie sich setzte, hätte beinahe katzenhaft ausgesehen, wenn diese Frau auch nur im Geringsten verletzlich gewirkt hätte. Die Todesangst ergriff erneut Besitz von Irene, rann ihr den Rücken runter und verlangte einen Panikausbruch und absoluten Gehorsam. Es war ein Gefühl, wie vor den Mündungen eines Dutzends Maschinenpistolen zu sitzen. Jetzt war Irene sicher. Ihre erste Schreckensempfindung war von jemandem ausgegangen, der sich mit ihr in diesem Raum befunden hatte. Aber das Gefühl war zusammen mit Lily verschwunden, und diese zweite Welle tauchte eindeutig gemeinsam mit ihr wieder auf. Was auch immer in Boston dafür gesorgt hatte, dass ihre Ankunft aufgeflogen war – es gab mindestens eine Elfe in den hiesigen Gangsterbanden, die die New Yorker Unterwelt unterwandert hatte. Und diese Elfe saß direkt vor ihr. Damit war die Situation schlagartig komplizierter geworden. Irene nippte genüsslich an ihrem Black Russian. Ihr war bewusst, dass er vergiftet sein konnte oder mit Medikamenten angereichert. Aber wie sie bereits entschieden hatte: Wenn man sie hätte töten wollen, wäre das längst geschehen – vorzugsweise in Form einer Kugel durch den Kopf. (Kai würde da natürlich anderer Meinung sein, wenn sie ihm hiervon erzählte. Vielleicht war es besser, die ganze Geschichte ein wenig zu frisieren.) »Gar nicht schlecht«, beschied sie und hob das Glas. »Danke.« George nahm einen tiefen Zug von seinem eigenen Getränk. »Also«, begann er. »Das Ganze sieht für mich folgendermaßen aus, Miss Jeanette. Sie sind hier, um Partner für ihre Handelsgeschäfte zu finden. Passenderweise möchte ich demnächst importieren und suche Anlaufstellen. Wenn wir uns darauf einigen können, ist der Rest nur noch Kinderkram, den unsere Buchhalter erledigen können.« Irene nickte. »Richtig. Wir müssen keine Konferenz einberufen, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber so oder so, die prozentuale Beteiligung sollte dennoch besprochen werden. Allerdings …« Sie zuckte die Achseln. »… ist das nicht so wichtig wie die grundlegende Einigung darauf, dass wir beide zusammenarbeiten. Außerdem kennen Sie meinen Aufenthaltsort. Ich werde nicht einmal versuchen, mich zu verstecken. Nicht vor Ihnen.« Er richtete langsam einen Finger auf sie, und in sein Gesicht stieg ein Ausdruck des Begreifens. »Deswegen sind sie kreuz und quer durch die Stadt unterwegs wie eine Touristin, die ihre Reisegruppe verloren hat. Sie haben nur darauf gewartet, dass jemand Sie kontaktiert.« »Schuldig im Sinne der Anklage«, bekannte Irene. Sie wartete auf sein leises Lachen, das gleich darauf kam. »Ich konnte mir ausrechnen, dass ein Profi wie Sie auf mich zukommen würde, bevor ich meine Heimreise antrete.« »Tja.« Er nickte. »Die Cops haben zwar noch nichts Konkretes gegen Sie in der Hand, aber je länger Sie sich hier rumtreiben, umso größer die Chance, dass die Blauen etwas ausbaldowern, nur um Sie dranzukriegen. Und wenn es der Sullivan Act ist.« Irene hob fragend die Augenbraue. »Illegaler Waffenbesitz, das heißt: kein Waffenschein«, stellte er klar. »Das ist etwas, mit dem die Hälfte der Jungs drüben in der Flüsterkneipe ein Problem hat, und wahrscheinlich auch ein Viertel der Ladys. Viele Leute in der Stadt haben Angst, sich eine Kugel einzufangen, wenn sie ohne Vorsichtsmaßnahmen auf die Straße gehen.« »Ich bin Engländerin«, sagte Irene. »Wir kennen andere Lösungen.« »Und wie gehen Sie damit um, wenn Sie herausfinden, dass jemand Bestimmtes geplaudert hat?« George stellte die Frage etwas zu beiläufig, fand Irene. »Auf die englische Art.« Sie hob ihr Glas und schwenkte die Flüssigkeit. Sie sah zu, wie sich das Licht darin fing. »Die Person verschwindet wie vom Erdboden verschluckt, und niemand wird je wieder etwas von ihr hören – nur, dass jeder eigentlich ganz genau weiß, was mit demjenigen passiert ist und warum.« Irene nahm einen weiteren Schluck Black Russian und genoss die Wirkung von Koffein und Wodka. Sie genoss auch den Ausdruck der Bestätigung in Georges Augen. Schlüpfte sie da gerade etwas zu reibungslos in ihre Rolle? Sie schob den Gedanken schnell beiseite. Es gab nicht oft Gelegenheit, eine echte Gangster-Queen zu spielen. »Wo wir uns so schön geeinigt haben, möchte ich Sie natürlich nicht weiter festhalten. Wie gesagt, mir liegt nichts daran, dass die Cops hier ankommen und herumschnüffeln.« George zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf die Tür hinter sich. »Dort hindurch geht es in die Privaträume unter dem Armstrong’s. Sie können auch gerne noch einen Drink nehmen, bevor Sie sich ein Taxi rufen. Ich werde am Abend mit Ihrem Hotel Kontakt aufnehmen, damit wir die Einzelheiten besprechen können. Und ich werde dafür sorgen, dass sich unser Einvernehmen ein wenig herumspricht. Niemand wird danach noch etwas gegen Sie unternehmen. Sind Sie damit einverstanden?« »Klingt hervorragend«, sagte Irene. Besonders der Teil, der mich vor weiteren wahllosen Anschlägen durch irgendwelche Gangster bewahrt. »Um eine Sache würde ich noch gern bitten, bevor ich gehe. Könnte ich vielleicht unter vier Augen mit Lily reden, von Frau zu Frau?« George hob den Blick und betrachtete Lily. Schließlich zuckte er die Achseln. »Wenn es weiter nichts ist. Darf ich erfahren, worum es geht?« »Ich will über die Vorsichtsmaßnahmen sprechen, die Sie angedeutet haben«, sagte Irene. George nickte zufrieden. »Gib unserem Gast etwas in der passenden Größe, damit sie sich verteidigen kann, Lily Darling, wärst du so nett? Dave, kommen Sie, ich brauche noch einen Drink.« Lily blieb auf der Armlehne des Sessels sitzen und rührte sich nicht, als die beiden Männer den Raum verließen. Sie saß da wie ein Rabe, der einen Leckerbissen betrachtet: eine Schnecke, ein besonders schmackhaftes Insekt. »Und?«, fragte sie, als die Tür ins Schloss fiel. »Werden wir abgehört?«, fragte Irene unverblümt. »Nein«, sagte Lily. »George ist sich meiner Loyalität absolut bewusst. Worüber wollen Sie sprechen? Und wer sind Sie wirklich?« »Erst einmal habe ich eine Frage.« Sie wollte Antworten, aber sie wollte dafür nicht erschossen werden. »Gut.« Lily zögerte nicht. Ich will, dass Sie mir Ihr Wort geben – auf Ihren Namen und Ihre Macht –, dass die Antwort, die Sie mir geben werden, der Wahrheit entspricht.« Lilys unbedecktes Auge wurde schmal. Wenn Sie ein Rabe gewesen wäre, hätte sie sich in diesem Moment nach einem netten scharfkantigen Stein umgesehen, mit dem sie das Haus der Schnecke zertrümmern konnte. »Dass Sie diese Bitte an mich richten, heißt, dass Sie bereits zu viel wissen.« »Oder aber nicht genug«, hielt Irene dagegen. »Wenn Sie allerdings meine Frage wahrheitsgemäß beantworten, kann auch ich ehrlich sein. Meiner Meinung nach haben wir nur dieses eine Mal Gelegenheit, uns nicht wie Feinde zu betrachten.« »Wer sind Sie?« Dann, vorsichtiger: »Und was sind Sie? Ein Drache jedenfalls nicht.« »Zuerst müssen Sie meine Frage beantworten«, sagte Irene. Sie lehnte sich in dem Sessel zurück, so beiläufig wie möglich, und nippte an ihrem Glas. Lily wog ab, dann seufzte sie ergeben. »Was für ein Theater. Also schön. Wir haben eine Abmachung. Ich gebe Ihnen mein Wort – bei meinem Namen und der mir zur Verfügung stehenden Macht –, dass ich Ihre Frage ehrlich beantworten werde.« »Ich nehme Ihr Versprechen an«, sagte Irene. Was Schwüre anging, waren Elfen pedantisch. Auch wenn sie sich die Eigenart herausnahmen, Versprechen manchmal etwas zu wörtlich auszulegen und den eigentlichen Sinn dahinter zu ignorieren, je nachdem, wie es ihnen nützte. »Nun sagen Sie mir: Waren Sie oder irgendeine andere Elfenperson an der Zerstörung der Boston Public Library beteiligt?« Lily starrte Irene ausdruckslos an. »Nein und wieder nein. Was hätte das für einen Sinn?« »Ich habe mich dasselbe gefragt«, gab Irene zu. »Und um Ihre Frage zu beantworten, ich bin eine Bibliothekarin.« »Oh, wie interessant.« Lily ließ das Wort ganz langsam auf ihrer Zunge ausrollen. Sie genoss es. »Von Ihrer Sorte habe ich schon gehört, aber noch nie persönlich jemanden getroffen. Sie sind doch Bücherdiebe, nicht? Die all die Bücher horten.« »Wir würden es wohl anders ausdrücken«, sagte Irene, »aber ja. So ist es, im Dienste des höheren Zwecks, versteht sich.« »Sagen Sie sich das nur immer«, gab Lily in teilnahmsvollem Ton zurück. »Wie heißen Sie?« »Ich habe viele Namen, aber nur eine Wesensart«, zitierte Irene. »Und falls mein richtiger Name an die falschen Ohren gerät, gerate ich in ziemliche Schwierigkeiten.« »Wie kommen Sie darauf, dass Sie das nicht schon längst sind?« »Wir sind doch vernünftige Leute, oder nicht?« »Vernunft ist ein grundloses Konzept«, stellte Lily fest. Ihrem Ton nach zu urteilen hätten sie auch über Getränke, Kniestrümpfe oder Kartenspiele reden können. »Manche würden sagen, dass ich schon von Natur aus nicht besonders vernünftig bin.« »Dann kennen diese Leute die wahre Natur der Elfen nicht«, sagte Irene, und sie sprach aus eigener Erfahrung. »Ihr sucht euch eine Geschichte aus und nach der gestaltet ihr euer Leben. Ihr seid, was ihr aus euch macht.« »Das klingt jetzt endlich einmal interessant.« Lily schwang sich von der Armlehne hoch und ging zu Irene. Irene konnte nicht umhin, sich zu fragen, wie viele Waffen die Frau im Verborgenen trug, und wie sie es schaffte, die alle unter ihrem hautengen Kleid zu verstecken. Doch eindeutiger Geruch von Waffenöl und Metall drang durch den süßlichblumigen Parfümduft hindurch, als Lily vor ihr stehenblieb. Elfen mochten eine handfeste Abneigung gegen kaltes Eisen besitzen, aber mit Stahl hatten sie offenbar keine Probleme. »Warum sagen Sie mir nicht, wer und was ich genau bin?« »Ich kenne Verführer, und ich kenne Freigeister«, erklärte Irene. Einer von ihnen, Lord Silver, sorgte in Vales Welt für anhaltende Irritationen. »Sie sind weder das eine noch das andere.« »Wahr«, murmelte Lily. »Raten Sie weiter.« »Ich habe geradezu machiavellistische Intriganten erlebt.« Einen hatte sie sogar getötet. Aber das gehörte in eine andere Welt und eine andere Geschichte, und Irene konnte nur hoffen, dass sie niemals die Konsequenzen dieser Tat am eigenen Leib würde erfahren müssen. »Mir sind Geschichtenerzähler und Schlangenbeschwörer über den Weg gelaufen, Lords und Ladys. Und echte Barden.« »Zu denen ich mich nicht zähle.« Lily hielt ihren Körper wie eine geladene, zum Feuern bereite Waffe. »Wenn das eine Fabel wäre, käme jetzt ihr letzter Rateversuch.« Irene holte tief Luft. Wenn sie das Falsche sagte, hatte sie womöglich eine entscheidende Linie zum letzten Mal überschritten. Wenn sich eine Elfe erst einmal für ein Erzählmuster entschieden hatte, ließ sie nie mehr davon ab. Und wer in einer Geschichte drei Mal falsch riet, endete für alle nachfolgenden in der Regel als Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Aber sie glaubte fest, dass sie Lilys Archetyp kannte. Es passte alles zu gut zusammen. »Sie sind der loyale Attentäter«, sagte sie. »Die kaltherzige Killerin, der es nur darum geht, die Befehle ihres Bosses auszuführen. Wenn er sagt, Sie sollen töten, dann tun Sie es auch. Wenn er sagt, lassen Sie die Person am Leben, dann lassen Sie sie am Leben. Ihnen persönlich ist es egal. Das Einzige, worum es Ihnen geht, ist, die Beste in Ihrem Job zu sein.« Irene zwang sich dazu, den Blick von der Frau zu nehmen und sich im Raum umzusehen. All die Waffen, die an den Wänden hingen. »Sie sind die Attentäterin. Sie sind Georges Henkerin.« Lily beugte sich vor und hob Irenes Hand von der Stelle auf der Lehne, an der sie gelegen hatte. Sie ließ ihre Lippen darübergleiten, wie um höfische Gepflogenheiten zu verspotten. »Sie haben eine echte Begabung, Worte zu benutzen, Bibliothekarin.« »Ich lese viel«, räumte Irene ein, »es ist ein Laster.« »Und Sie sind es gewohnt, mit Ihren Händen zu arbeiten.« Die Finger der anderen Frau strichen über die Narben auf Irenes Handrücken. »Vielleicht stimmt es, was Sie sagen, und wir müssen in diesem einen Moment keine Feinde sein. Ich hege stets Respekt für einen Profi, der sich nicht davor scheut, sich die Hände schmutzig zu machen.« »Vorausgesetzt, Ihr Boss ist derselben Meinung«, sagte Irene. »Aber natürlich.« Aus Lilys Mund klang es wie das Vernünftigste auf der Welt, und das war es auch. Für sie. »Eine Dienerin, wie ich eine bin, widersetzt sich nie einem Befehl.« »Weshalb haben Sie einen Menschen Ihrem Boss gewählt?«, fragte Irene. »Warum nicht einen Elfen?« Lily gab einen verächtlichen Laut von sich und ließ Irenes Hand los. »Haben Sie solche Leute mal getroffen, die sich um Posten wie so einen reißen? Die sind an ihrer eigenen Karriere mehr interessiert als an meiner. Also muss ich stärker werden, bevor ich jemandem werde dienen können, der wirklich bedeutend ist. Ein machtvoller Schutzherr braucht einen mächtigen Diener. Ein schwacher Herr verschleißt seine Untergebenen wie ein durchgelaufenes Paar Stiefel.« »Und ein menschlicher Boss nimmt außerdem den ein oder anderen Ratschlag an, welche Befehle er geben sollte, nicht wahr?«, riet Irene. »George ist ein guter Herr«, entgegnete Lily. Sie sprach übertrieben gutmütig, wie von einem abgerichteten Hund. In diesem Ton wurden normalerweise Sätze gesagt, wie Er ist vollkommen stubenrein. »Ich habe ihm ganz genau beigebracht, wie er mich einsetzen muss. Und er versteht einen Wink mit dem Zaunpfahl. Eine Weile hat es schon gebraucht, bis ich ihn so weit hatte, und das will ich auf keinen Fall zunichtemachen. Was suchen Sie also hier in meinem Revier?« Lily hatte die Frage wie beiläufig angeschlossen, aber es gab keinen Zweifel, dass sie darauf eine Antwort erwartete. Irene drehte das Glas in ihren Händen, während sie überlegte, was sie am besten sagen konnte. »Ich halte Ausschau nach einem gestohlenen Gegenstand«, sagte sie schließlich. »Einem Buch?«, fragte Lily. Irene musste sich zurücknehmen, um nicht herauszuplatzen mit Nein, einem Kind und Lily wegen Evaristes Tochter um Hilfe zu bitten. Aber es hätte nicht das Geringste geholfen. Im Gegenteil. Irene hätte fortan in Lilys Schuld gestanden, und die Bibliothek auf diese Weise zu verraten, wäre sogar noch schlimmer gewesen, als wenn sie hier und jetzt vor dieser Elfe die ganze Geschichte ausgeplappert hätte. Wenn die Elfen erfuhren, was für ein Wettstreit sich in den Drachenreichen abspielte, würde sich daraus eine endlose Reihe von Problemen entwickeln. Sobald Elfen eine Schwäche ihres Gegners witterten, zögerten sie nicht, sondern schlugen zu – genau, wie die Drachen es bei ihnen tun würden. Die gesamte Lage hätte sich in Sekundenschnelle angespannt. Danach müssten die Drachen nur noch herausbekommen, durch wen die Information an die Elfen gelangt war … Bis hierher hatte Irene geglaubt, dass es nicht schlimmer kommen konnte. Aber das war ein Trugschluss. Es konnte immer noch übler werden, als es gerade war. »Tut mir leid«, sagte sie. »Das kann ich Ihnen nicht verraten. Aber es hat nichts mit Ihnen oder Ihren Artgenossen zu tun.« »Das freut mich zu hören«, sagte Lily. »In letzter Zeit treiben sich in der Stadt wirklich zu viele Drachen herum. Ich mache mir Sorgen, dass sie schon bald in mein Territorium eindringen werden. Und es würde mir gar nicht gefallen, wenn ich herauskriegen müsste, dass Sie mit denen zusammenarbeiten.« Sie hob ihren Blick auf Irenes Augenhöhe, wie jemand den Lauf einer Pistole anhebt und zielt. Die angedeutete Drohung hallte in dem kleinen, abgeschlossenen Raum wider wie ein Dröhnen. »Ich spreche vielleicht ab und zu mit Drachen«, sagte Irene von einem Lächeln begleitet. Die Angst schlitterte genüsslich ihr Rückgrat hinab und nistete sich in ihrer Magengrube ein wie ein Block aus schwarzem Eis. Sie zwang sich weiterzusprechen. »Aber das ist doch kein Grund, mich gleich zu erschießen. Oder einen von ihnen.« »Sind Sie da sicher?« Ganz plötzlich hielt Lily die Waffe in der Hand – ein kleines, geschmeidiges und gut gepflegtes Stück Metall, das unter der Beleuchtung im Raum schimmerte wie ein silbernes Musikinstrument. Die Pistole schien einer eigenen Schwerkraft zu gehorchen, denn Irene musste in den Lauf hineinschauen wie in ein schwarzes Loch. Die Elfe hatte so schnell gezogen, dass Irene es mit bloßem Auge nicht gesehen hatte. »Ich gehe davon aus, dass Sie mich nicht ohne offiziellen Befehl Ihres Bosses über den Haufen schießen werden«, sagte Irene mit trockener Kehle. Lily brachte ein kaltes Lächeln zustande. »Seien Sie sicher, dass ich keine Sekunde zögern werde, Ihnen eine Kugel durchs Herz zu jagen. Vorausgesetzt, er gibt den entsprechenden Befehl.« Die Waffe verschwand wieder in ihrem unsichtbaren Holster. »Soll ich Sie noch passend ausrüsten, bevor wir gehen?« »Das wäre vielleicht nicht das Beste«, erwiderte Irene. »Ich würde es nur ungern riskieren, von der Polizei mit dem Sullivan Act belästigt zu werden.« »Kommen Sie jederzeit zu mir, falls Sie es sich anders überlegt haben«, sagte Lily. »Jetzt sollten wir aber wieder zurück zu den Jungs gehen. Sonst wundern die sich noch, wo wir so lange bleiben. Die Getränke gehen auf mich, ohne dass Ihnen eine Verpflichtung dadurch entsteht. Einverstanden?« »Abgemacht«, sagte Irene und folgte Lily zur Tür an der Rückseite des Raums. Die Tür war mit einer isolierenden Schicht aus Filz verkleidet und öffnete sich in einen kurzen, mit dicken Teppichen ausgelegten Flur. Danach kam noch eine gepolsterte Tür, hinter der Musik zu hören war. »Willkommen in der Unterwelt«, sagte Lily und ließ die Tür aufschwingen. Eine Welle von Lärm, Musik und Zigarrenrauch schwappte ihnen entgegen. »Kommen Sie, setzen Sie sich noch an Georges Tisch, damit er sich anständig verabschieden kann.« »Und damit ich mit ihm gesehen werde, natürlich«, ergänzte Irene. »So funktioniert das nun mal«, gab Lily zu. Sie schloss die Tür hinter ihnen mit einem Fuß und führte Irene in den großen Saal. Irene spürte die Blicke auf sich und Lily ruhen, als sie den Raum durchquerten. Manch einer starrte sie offen an, andere taten, als nähmen sie kaum etwas wahr, behielten sie aber doch aufmerksam im Auge. Das hier war eine Flüsterkneipe, in der Leute bedient wurden, die es sich etwas kosten lassen konnten, bedient zu werden. Die Gäste waren ausnahmslos gut gekleidet. Selbst die Kellner steckten in eleganten schwarz-weißen Anzügen. Die sirenenhaft umhertänzelnden Hostessen trugen teure, durchscheinende Konfektionsware mit spielerischen Fransen. Einige Pärchen bewegten sich über die Tanzfläche, doch die meisten Gäste saßen an eigenen Tischen und unterhielten sich. Zusammen mit dem Rauch lag eine fiebrige Anspannung in der Luft. Das Gelächter klang zu laut, zu selbstsicher. Frauen in Cocktailkleidern posierten mit nackten Schultern im schummrigen Licht, die Arme erhoben wie bei geführten Marionetten. Hier und dort blitzte ein Knie oder ein Bein auf, wenn sie ihre Gläser hoben oder mit ihren langen Zigarettenspitzen hantierten. Die Männer, in maßgeschneiderten Zweireihern samt Aufschlägen und Seidenkrawatten, posierten nicht minder. Jeder Einzelne von ihnen wusste, dass jeden Augenblick ein Trupp Polizisten zu einer Razzia hier einfallen konnte. Irene konnte die Nervosität so deutlich riechen wie die Ausdünstungen des Alkohols und der Zigarren. An der Decke waren Lichtleisten angebracht, doch sie schienen absichtlich gedimmt zu sein, denn sie verbreiteten ein allenfalls schummriges Licht. Halsketten, Manschettenknöpfe und Krawattennadeln fingen den Schein ein, dass es nur so blitzte und blinkte überall im Zwielicht um sie her. Halbvolle und halbleere Gläser wanderten von einem zum anderen. Der einzige Bereich, der sich wirklich ausgeleuchtet präsentierte, war die Bar: Die Flaschen an der Rückwand gleißten wie ein fernes Versprechen des Himmels, das bis in die Außenbezirke der Hölle hinabreichte. »Hier drüben.« Lily führte sie durch eine Ansammlung kreuz und quer stehender Tische. Irene entging nicht, dass viele der weiblichen Gäste zwar die tastenden und forschenden Hände ihrer männlichen Begleiter hinnahmen, aber niemand versuchte, Lily auch nur anzurühren. Sie konnte nicht sagen, dass die allgemeine Zurückhaltung sie überraschte. Lily blieb stehen. Der Tisch vor ihnen war gleich auf den ersten Blick als der Logenplatz zu erkennen, bot er doch einen Blick über die gesamte Bar und das Treiben ringsum. Wenn Irene sich nicht irrte, erkannte sie in der Verkleidung der Wand dahinter sogar die Umrisse einer verborgenen Tür. George und Dave saßen da und widmeten sich ihren Cocktails. Und bei ihnen saß Hu. SECHZEHNTES KAPITEL »Kommen Sie, Lily, setzen Sie sich«, sagte George und winkte sie heran. »Sie natürlich auch, Miss Jeanette. Dieser Gentleman ist ein Unternehmer von außerhalb wie Sie.« Dave schob für Lily und Irene einen Stuhl heran. Lily wählte den Platz gegenüber von ihrem Boss. Sie beobachtete Hu und Irene, als erwartete sie, dass der Drache und die Bibliothekarin jeden Moment geheime Botschaften und mehrdeutige Handschläge tauschen würden. Irene musste zwischen Lily auf der einen und Hu auf der anderen Seite Platz nehmen. »Der Gentleman hier ist Mr Hu«, stellte George vor. »Er ist aus Hongkong zu uns gekommen, um nach Geschäftsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Und die Lady ist Miss Jeanette Smith aus England, die aus denselben Gründen hier ist.« Er lächelte ihnen zu. »Falls Sie beide an einem exklusiven Geschäftsvertrag mit mir interessiert sind, scheuen Sie sich nicht. Business ist Business.« »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Miss Jeanette Smith«, begrüßte Hu sie. Er hielt ihr die Hand hin. Na, dann eben auf die Tour. Irene schüttelte höflich seine Hand. Sie war sich der Blicke, die ihr über den Tisch zugeworfen wurden, bewusst. Und auch jener der Leute, die sie von den anderen Tischen aus beobachteten. »Reizend«, sagte sie, »welch angenehme Überraschung.« »Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte Hu. In seinen Augen funkelte boshafte, unverhohlene Befriedigung. »Ich würde ja gerne etwas trinken«, wandte sich Irene an George. »Whiskey pur, bitte, wenn Sie so freundlich wären. Ich bin neugierig auf die Qualität hier in diesem Haus.« George schnippte mit den Fingern, und ein Kellner eilte an seine Seite. »Ein Whiskey für die Lady. Für meine Lily einen Gin. Gin Tonic für Mr Hu. Und wie sagten Sie vorhin noch gleich? Alles mit dem besten Eis des Hauses.« Hu zündete sich beiläufig eine Zigarette an. »Haben Sie vor, lange in New York zu bleiben, Miss Smith?«, fragte er. »Soll ich Sie vielleicht lieber mit Jeanette ansprechen? Oder mit einem anderen Namen?« Irene zuckte die Achseln. Auf der anderen Seite des Raums wechselte das Piano zu einem schnelleren Stück. »Wie ich George bereits sagte, möchte ich lediglich meine laufenden Geschäfte abschließen, dann reise ich weiter.« »Wie ich höre, wurden Sie vom Polizeichef befragt.« Hu deutete mit seiner Zigarette auf eine gefaltete Zeitung, die auf dem Tisch lag. »Äußerst dramatisch. Haben Sie den Mann wirklich hypnotisiert?« Irene konnte Lilys Anspannung auf der anderen Seite spüren, als spanne sich eine Eisenfeder neben ihr. Mit einem Drachen am Tisch zu sitzen, brachte sie sicherlich zur Weißglut. »Ich schätze, er musste den Reportern irgendeinen Grund nennen, weshalb er mich gehen ließ«, sagte sie. »Der Mann ist als Polizist ganz klar fehlbesetzt. Er sollte lieber Schundromane schreiben, in denen finstere Superschurken ihr Unwesen treiben.« George und Hu lachten, und einen Atemzug darauf fiel Dave ein, gefällig und unterwürfig. Lily lachte nicht. Sie sah von Hu zu Irene, als schwenkte sie den Lauf und spähte über Kimme und Korn. »Warum hat er Sie denn nun gehen lassen?«, fragte George. »Was glauben Sie?« Irene klopfte auf ihre Handtasche. »Das Konto eines Polizisten ist sehr begrenzt«, pflichtete ihr Hu bei. »Wie das der meisten Professionellen, um genau zu sein. Ärzte, Polizisten. Selbst Bibliothekare verdienen nicht allzu viel …« »Glücklicherweise habe ich solche Probleme nicht«, sagte Irene. »Kommen Sie schon, Miss Jeanette«, forderte George, als der Kellner ihre Drinks auf den Tisch stellte. »Geld ist jedermanns Problem. Ein aufmerksamer Geschäftsmann lässt sich keine gute Gelegenheit entgehen. Dasselbe gilt, nehme ich an, für aufmerksame Geschäftsfrauen.« Irene spürte, wie die Stimmung am Tisch umschlug. Sie hob ihr Glas und nahm einen Schluck, um sich Zeit für die passende Antwort zu verschaffen. Der Whiskey war annehmbar – zumindest schmeckte er nicht allzu offensichtlich nach schmieriger Hinterzimmerbrennerei. »Entgeht mir gerade etwas?«, fragte sie so leichthin wie möglich. »Ich möchte nur helfen«, sagte George. »Schließlich habe ich einen neuen Geschäftspartner an meinem Tisch sitzen.« Er schwenkte die Zigarre in Hus Richtung. »Und einen weiteren daneben.« Jetzt wandte sich die glühende Zigarrenspitze Irene zu. »Mr Hu berichtet mir, dass sein Boss gern Geschäfte mit England machen möchte. Mir schwant, es wäre eine gute Sache, Sie beide zusammenzubringen, um es mal so zu sagen.« Mr Hus Lächeln wirkte etwas bemüht. »Es stimmt, dass mein Vorgesetzter auf der Suche nach geeigneten Kontakten dort ist. Wir hatten bereits jemanden im Sinn, doch dieser Jemand hat sich unglücklicherweise in Luft aufgelöst …« Er schüttelte traurig den Kopf. »Mein Vorgesetzter war darüber sehr betrübt. Es wird Überzeugungskraft kosten, das wiedergutzumachen.« »Tja«, versetzte George. »Wenn man auf zweitrangige Businesspartner setzt, spart man am falschen Ende.« »Sie meinen den ›Jemand‹, den Mr Hu hier kontaktiert hat?«, riet Irene. »Nicht der ist die erste Wahl, den man als Ersten kauft, sondern der, der sich danach weiter kaufen lässt. Richtig?« »So ist es«, pflichtete Hu bei. »Und Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, ist aber im Einzelfall verzeihlich. Wenn man es allerdings mit dauerndem, bewusstem Ungehorsam zu tun hat, muss man die Peitsche knallen lassen.« Er schnippte hart gegen seine Zigarette. Der sich lösende Funke huschte in einem Bogen über den Tisch. Irene zuckte die Achseln. »Falls Ihr Boss – Entschuldigung, Ihr Vorgesetzter – seine eigenen Leute nicht unter Kontrolle hat, ist das sein Problem, nicht meins.« »Falls Sie allerdings mit meinem Boss Geschäfte zu machen beliebten, würde es auch zu Ihrem Problem werden … Wobei eine solche Abmachung natürlich durchaus zu Ihrem Vorteil wäre«, erklärte Hu kollegial. »Mir geht das zu schnell«, schnappte Irene. Sie trank einen weiteren Schluck von ihrem Whiskey. »Ich habe heute bereits einen Deal gemacht. Ich werde mich nicht Hals über Kopf in einen zweiten stürzen.« »Vielleicht könnten wir das bei einem kleinen Tänzchen besprechen?«, schlug Hu vor. Mit einem Kopfnicken bedachte er die überschaubare Tanzfläche. »Vielleicht aber auch nicht«, entgegnete Irene. »Was das angeht, habe ich zwei linke Füße. Glauben Sie mir, Sie möchten nicht, dass ich Ihre Füße mit meinen beiden malträtiere.« Es entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber etwas, das tief in ihrem Bewusstsein verankert saß – zwischen dem Winkel, der ihre Urängste verwaltete, und dem, der rationale Gefahreneinschätzungen vornahm –, regte sich etwas, das der Idee ganz und gar nichts abgewinnen konnte. »Oh, ich bin sicher, das würden wir hinbekommen«, sann Hu mit vom Lächeln samtener Stimme. »Besser nicht«, sagte Irene. In diesem Moment wünschte sie sich, dass es gesellschaftlich konform gewesen wäre, ihm ihr Glas Whiskey ins Gesicht zu kippen. Befriedigend wäre es allemal. »Sind Sie beide ganz sicher, dass Sie sich noch nirgends begegnet sind?«, fragte George. »Sie reden, als hätten sie schon früher miteinander zu tun gehabt.« »Die Organisationen, für die wir arbeiten, stehen in Kontakt«, erklärte Hu. »Es gibt, sagen wir mal, strittiges Territorium zwischen uns. Sie kennen das vielleicht.« »Und ob. Es wird Zeit, dass ich eine kleine Runde drehe. Ich lasse Sie beide also besser allein, damit Sie das ausdiskutieren können.« George bedachte sie beide mit einem breiten Grinsen. »Dave, Sie halten sich bitte an meiner Seite. Lily, Darling, bleib du nur hier. Du kannst sicherstellen, dass hier niemand jemandem an die Gurgel springt.« »Nicht, solange Sie es nicht befehlen, Boss«, gab Lily zurück. Ihr sichtbares Auge behielt Irene und Hu abfällig im Blick, während George aufstand und sich davonmachte, mit Dave als Schatten hinter sich. »Haben Sie vor, sich einzumischen?«, wollte Hu von Lily wissen, sobald George außer Hörweite war. »Nicht, solange ich nicht dazu aufgefordert werde.« Lily leckte einen Tropfen ihres Getränks vom Rand des Glases. »Mir persönlich ist es egal, was für ein Spiel Sie hier treiben, solange Sie mir nicht bei meinen Angelegenheiten in die Quere kommen. Ich weiß, was Sie sind, und würde es vorziehen, Ihnen sofort eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Aber bevor mir mein Boss nichts Derartiges befiehlt, muss ich mich, fürchte ich, zurückhalten. Um ehrlich zu sein, ist es auch viel zu unterhaltsam, Sie beide miteinander streiten zu sehen.« »Streiten müssen wir nicht«, sagte Irene ohne Umschweife. »Es lässt sich viel einfacher regeln. Ich werde keinen Deal mit Ihrem Vorgesetzten machen. Punkt.« »Dann machen Sie ihn eben mit mir«, schlug Hu vor. »Eine Einigung zwischen denen, die die eigentliche Arbeit erledigen.« »Wie meinen Sie das?«, fragte Irene. Hu lehnte sich über den Tisch zu ihr. Seine Körpersprache wirkte offen, fast verletzlich. Dies war weder Kais locker-lässige Arroganz noch sein gepanzerter Stolz. Hu appellierte an ihr Verständnis. Es erweckte den Anschein, als läge ihm persönlich etwas an der Sache. »Ich glaube daran, dass wir die Leute sind, die die Arbeit machen, während unsere Vorgesetzten die Lorbeeren ernten. Schön und gut. Ich bin kein Königssohn, und Sie sind nun mal keine … na ja, was auch immer Ihre Bibliothek als Äquivalent hat. Ich kann mir vorstellen, dass selbst die dritte Partei an diesem Tisch meine Sichtweise teilt.« Sein Blick in Lilys Richtung war nicht gerade zuvorkommend. Aber zumindest war er ansatzweise höflich. »Was von oben angeordnet wird, ist nicht notwendigerweise das, was an der Basis ausgeführt wird. Oft ist es zum Beispiel einfacher, einen Auftrag hinter sich zu bringen und erst danach Bericht zu erstatten, sobald alles unter Kontrolle ist.« Lily erwiderte nichts, legte ihren Kopf aber leicht schief. Irene dachte über das Angebot nach. Falls Hu Qing Song tatsächlich umgehen und Evaristes Tochter zurückholen konnte, sollte sie ihn vielleicht wenigstens anhören. »Ich gebe zu, für uns – ich nenne uns mal die Arbeiterschicht – ist das Leben schon etwas anderes als für die da oben«, gab sie zu. »Aber ich bin absolut neutral. Und Sie beide wissen das ganz genau. Ich habe mit Lily keinen Deal gemacht, und ich werde mit Ihnen auch keinen eingehen.« »Das sollten Sie aber«, sagte Hu, plötzlich mit verfinsterter Stimme. »Das sollten Sie wirklich. Es käme Ihnen zugute – und allen, denen Sie bei sich Unterschlupf gewähren.« Irene hob eine Augenbraue und nippte an ihrem Glas. »Sind wir mit Drohungen also immer noch nicht fertig? Und das so kurz nach der ersten.« Hu zog ausgiebig an seiner Zigarette. »Nein, nein. Ich äußere nur eine freundliche Warnung unter uns Leuten aus der – wie nannten Sie es? – Arbeiterschicht. Mein Herr mag es nicht besonders, wenn man ihn hintergeht, verspottet oder betrügt. Wenn er herausfinden sollte, dass Sie eins davon versucht haben, Jeanette oder Marguerite oder wie auch immer Sie heißen, dann werde ich Sie nicht schützen können.« »Ihr Herr scheint zu glauben, dass er schalten und walten kann, wie er will«, sagte Irene, und so langsam wurde sie wütend. »Seit wann erstrecken sich seine Rechte und Privilegien darauf, Bibliothekare herumkommandieren zu dürfen? Begreift er auch, wie gefährlich die Situation für ihn selbst ist?« »Geben Sie mir bitte nicht die Schuld dafür, wie die Dinge auf der Welt nun mal laufen«, verteidigte sich Hu. »Wenn Sie keine große Politik spielen wollen, dann eben nicht. Alles, woran mein Herr interessiert ist, ist das Buch.« »Welches Buch?«, fragte Lily dazwischen. Hu bedachte sie mit einem raschen Seitenblick. »Es ist schon schlimm genug, dass ich mit Ihnen an diesem Tisch sitzen muss, da werde ich Ihnen nicht auch noch Informationen liefern.« »Selbst dann nicht, wenn ich Ihnen helfen könnte, es zu finden?«, sagte Lily. »Gemessen an der Art und Weise, wie die Drachen mich behandeln – eine neutrale Akteurin –, was glauben Sie, wie gut diese Leute Sie behandeln werden?«, gab Irene zu bedenken. Es ging ihr vor allem darum, diesen Weg aus Frage-und-Antwort-Spiel keinen Zentimeter mehr weiterzugehen. Besonders, da davon auszugehen war, dass Hu jede davon durchsickernde Kleinigkeit ihr anlasten würde. »Nebenbei gesagt: Ich dachte, Ihr Job bestünde darin, Leute auszuschalten, und nicht, Bücher zu stehlen.« »Das kommt ganz darauf an, ob George mir befiehlt, es zu stehlen«, erwiderte Lily. »Denken Sie nur darüber nach, wie viel weniger Probleme ein Buch im Vergleich zu einem Menschen bereitet, wenn man es in einen Sack steckt.« Irene schob eine Reihe ziemlich beunruhigender Bilder beiseite, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. »Wie Sie wollen. Ich bin wirklich nicht diejenige, die sich zwischen Sie beide stellen will. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich nicht interessiert bin. In diesem Sinne also: Nein, danke.« Hu presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, seine Augen funkelten im trüben Licht wie Edelsteine. »Was sind Sie nur für eine unvernünftige Frau! Ich versuche, Ihnen das Leben zu retten. Wenn Sie wieder zurück in Ihrer Bibliothek sind, können Sie es nennen, wie Sie möchten. Mir geht es nicht darum zu gewinnen. Es geht mir darum, eine Lösung zu finden, bei der wir beide nicht als Verlierer dastehen.« Auch Irene mochte Kompromisse, die dazu führten, dass beide Seiten gewannen. Doch Hus Angebot würde bedeuten, dass sie eine private Verpflichtung einging, aus der heraus die Politik der Drachen beeinflusst wurde – mit allen Konsequenzen. Es war schlicht keine Lösung für irgendetwas: Stattdessen würde sich die Zahl der Bibliothekare, die ihre Grenzen überschritten, von eins auf zwei erhöhen. Und das hieße ein doppelt großes Risiko für die Bibliothek einzugehen, mit ihnen gemeinsam unterzugehen. Und selbst wenn es sich bei Qing Song um die sprichwörtliche harte Hand und bei Hu um den dazugehörigen Samthandschuh handelte – beide waren hinter ein und derselben Sache her. Und nur weil Hu sich dazu herabließ, Versprechungen zu machen, hieß das noch lange nicht, dass er die auch würde halten können. Letztlich war es Qing Song, der die Fäden zog. »Nein«, sagte sie. »Ich kann und werde Ihr Angebot nicht annehmen. Und nur fürs Protokoll, ja, die Bibliothek weiß, dass ich hier bin und warum ich hier bin. Mich einfach aus dem Verkehr zu ziehen und spurlos verschwinden zu lassen, ist also keine empfehlenswerte Option. Hu lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Daran habe ich nie gedacht«, sagte er. »Ich wünschte wirklich, Sie würden nicht vorschnell sämtliche Alternativen ausschließen.« »Jetzt versuchen Sie gar nicht erst, mir die Schuld an allem zu geben.« Irene sprach bewusst leiser. Dass sie vor Lily noch etwas verheimlichen konnten, war ausgeschlossen, aber zumindest wollte sie verhindern, dass die anderen Gäste an den Tischen ringsum etwas von ihrem Thema mitbekamen. Zorn und Frust allerdings sorgten für einen messerscharfen Unterton ihrer Worte, und Hu zog sich als Reaktion unmerklich zurück. »Wir sind in diese Sache hineingeraten, weil Ihre Machtspielchen dazu geführt haben. Ich schlage jegliches Angebot von Ihrer Seite aus. Und ich lasse mich bestimmt nicht für die Konsequenzen verantwortlich machen, die daraus entstehen.« »Manchmal muss man mit dem vorliebnehmen, was man hat«, sagte Hu. »Wenn Sie also getreulich Ihre Befehle befolgen, werde ich das ebenso tun.« Seine Augen huschten zur Tür und danach gleich auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Die Bewegung war unauffällig, aber nichtsdestotrotz versteifte sich Lilys Haltung sofort. »Was haben Sie vor?« Ihre Stimme klang jetzt tief und bedrohlich. Hu hob eine einzelne, dünne Augenbraue, sein kupferfarbenes Haar wirkte im trüben Lampenschein finster. Er führte eine Hand an die Innentasche seines Sakkos. »Wie kommen Sie darauf, dass ich etwas vorhabe?« »Ich bin nun mal nicht dumm.« Ihr Blick glitt durch den Raum, dorthin, wo George immer noch damit beschäftigt war, in übertrieben gönnerhafter Weise Hände zu schütteln und Schultern zu tätscheln. Die Leute an den Tischen brachten ihm sichtbar Respekt entgegen. »Jeanette, oder wie auch immer Sie heißen, Sie sind auf sich gestellt. Ich bin einzig und allein meinem Boss verpflichtet.« Sie war so elegant und lautlos aufgestanden wie ein geschmeidiges Reptil. Ihr blondes Haar fing den Lichtschein der Lampe auf, als sie zu George ging. Doch bevor Lily ihn überhaupt erreicht hatte, unterbrach plötzlich das laute Schrillen eines Alarms die gediegene Pianomusik und übertönte alles andere. Irene sah sich um, aber sie konnte nicht einmal sagen, wo das Kreischen herkam. Die Kellner reagierten auf einen Schlag synchron, indem sie jedes Fitzelchen Alkohol mitsamt aller Hinweise, dass je etwas ausgeschenkt worden war, beseitigten. Mit schnellen Bewegungen, hastig, aber koordiniert, geisterten sie durch den Raum, schnappten Gläser und Flaschen vom Tisch und zogen sich danach ebenso schnell hinter die Bar zurück. Einer der Kellner widmete sich dem Tisch, an dem Irene saß. Auch er agierte mit eingeübter Schnelligkeit. Die Bar bot dem Anschein nach viel mehr Bediensteten Platz, als es physisch möglich sein sollte. Irene entging das leise Trappeln von Schritten nicht, die verborgene, nach unten führende Treppenstufen hinabeilten, während über allem die Sirenen immer lauter wurden. Es musste einen Fluchtweg geben, eine Falltür, irgendwas. Die verbliebenen Barkeeper waren damit beschäftigt, blankpolierte Metallblenden vor die Flaschen hinter dem Thekenraum zu setzen. Andere beeilten sich, Wasser und Fruchtsäfte auszuteilen, zusammen mit bereitgestellten sauberen Gläsern, die für alle Tische reichten. Irene schob ihren Stuhl zurück. Sie wollte aufstehen. »Sie wussten, dass es eine Razzia geben würde …« »An Ihrer Stelle würde ich mich jetzt nicht bewegen«, sagte Hu. Er hielt eine Pistole in der Hand. Verborgen vor den übrigen Gästen hielt er die Waffe auf Irene gerichtet. »Und zwar keinen Zentimeter.« »Wenn Sie mich erschießen, bedeutet das große Schwierigkeiten für Sie.« Irene hätte mühelos die Sprache einsetzen können, um die Waffe zur Explosion zu bringen. Aber würde es ihr gelingen, bevor er den Abzug betätigte? »Außerdem kann es kaum in Ihrem Interesse sein, mich tot zu wissen.« »Nein, aber schwer verwundet wäre auch eine passende Alternative.« Hu neigte leicht den Kopf, als lauschte er. »Wir könnten eine benachbarte Zelle nehmen, wenn Sie das wünschen.« Er schindet Zeit, erkannte Irene blitzschnell. Er muss mich so lange zögern lassen, bis die Polizei da ist, um mich zu verhaften … Im nächsten Moment flog die Tür auf, und Cops kamen in großer Zahl auf die Tanzfläche gerannt. Sie stürzten fast übereinander in dem engen Raum. Das Piano hörte unvermittelt auf zu spielen, die Tanzenden standen starr, einige seufzten übertrieben. »Was geschieht hier?«, rief Lucky George durch den Raum. Er hielt noch immer seine Zigarre in der Hand. Mit Nonchalance zog er im richtigen Moment daran und stieß eine kleine Qualmwolke hervor. »Und wer ist für dieses empörende Eindringen in einen privaten Club zur Verantwortung zu ziehen?« Die geschlossene Reihe von Polizeibeamten teilte sich, und Captain Venner trat hindurch. »Wir haben den Hinweis bekommen, dass in diesem Haus Alkohol ausgeschenkt wird«, sagte er. »In Zuwiderhandlung gegen den Volstead Act, Mr Ross.« »Mein Name ist schon bekannt, danke sehr, er steht in der Eigentumsurkunde«, versetzte George. »Und was Ihre Anschuldigung angeht: Ich bin entsetzt. Die Damen und Herren hier sind gute, gesetzestreue Bürger. Ist es nicht so, Leute?« Inmitten der lärmenden Zustimmung, in der Wassergläser erhoben und gelacht wurde, suchte Irene die Notausgänge. Doch sie verwarf jeden einzelnen, den sie fand, genauso schnell wieder. Als alleinig realistische Fluchtmöglichkeit blieb die in die Wand eingelassene Tür bei diesem Tisch. Vielleicht handelte es sich um Lucky Georges privaten Zugang. Aber sie konnte sich irren. Selbst, wenn sie recht hatte – wie konnte sie die Tür öffnen und hindurchschlüpfen, ohne dass jemand es merkte? Derweil hatte Hu seine Pistole wieder weggesteckt und betrachtete Irene auf eine Weise, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. »Meine Männer werden jetzt im Einzelnen prüfen, wie gesetzestreu Sie wirklich sind«, verkündete Captain Venner. »Ausschwärmen, Jungs. Wir werden diesen Laden auseinandernehmen, bis wir sicher sind, dass es hier wirklich nichts Problematisches gibt.« »Damit gehen Sie ein ziemliches Risiko ein, Venner«, sagte George. »Ihre Bosse werden auf jeden Fall davon erfahren, dass Sie einen Fehler gemacht haben.« Venner richtete seinen dicken Finger auf ihn – unbewusst ahmte er die Geste nach, die George mit seiner Zigarre vollführte. »Ja. Die Bosse. Manche von uns sind nach wie vor der Meinung, dass der beste Weg, mit Bossen von Ihrer Sorte umzuspringen, der ist, sie hinter Gitter zu bringen und für immer wegzuschließen. Egal, ob es sich um Amerikaner oder Engländer handelt.« Sein Blick glitt über die Gäste und heftete sich auf Irene. Irene unterdrückte den starken Drang, sofort Reißaus zu nehmen, auch wenn ihr Instinkt sie anflehte, unter dem Tisch zu verschwinden. Dies war nicht die Art von Situation, bei der Kopflosigkeit Erfolg versprach. Wenn man ehrlich war, gab es kaum Situationen, in denen sie etwas nützte. Sie hob ihr Glas und prostete Captain Venner auf ironisch-vergnügliche Weise zu. Sie würde Lucky George als Verbündeten nur behalten können, wenn sie ihre Rolle jetzt überzeugend spielte. »Auf meiner Seite des Atlantiks nennt man so etwas üble Nachrede«, sagte sie. »Das ist ein ziemliches Stück, wenn man bedenkt, dass ich nicht mehr als eine unbescholtene Touristin bin, die in New York shoppen geht.« »Bücher shoppen etwa?«, murmelte Hu. Irene hätte beinahe laut gelacht. Captain Venner stampfte zu ihnen an den Tisch. »Sie! Jeanette Smith. Sie sind verhaftet, Lady. Und jetzt kommen Sie schön brav mit.« Irene stand auf. Diesmal versuchte Hu nicht, sie zurückzuhalten. Aber das musste er auch gar nicht. Es war genau das, was er gewollt hatte. Aus dem Inneren einer Gefängniszelle würde sie Evariste kaum helfen können. Mehrere der umstehenden Polizisten griffen zu ihren Waffenholstern, aber Irene hob beschwichtigend die Hände und zeigte ihnen leere Handflächen. »Das ist nicht nötig, Gentlemen. Wie lautet eigentlich die Anklage?« »Glauben Sie mir, Anklagesprüche werden wir einen ganzen Haufen haben, bevor wir mit Ihnen fertig sind.« Captain Venner blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen. Etwas leiser fügte er hinzu: »Und denken Sie nicht, dass Sie noch einmal diesen Hypnose-Trick auf mich anwenden können.« Seine Wangen gerieten in Bewegung vor unterdrücktem Ärger. Irene begriff mit einem Anflug schlechten Gewissens, dass seine Wut gar nicht daher rührte, dass sie ihn manipuliert hatte. Nein, sie hatte seine Berufsehre als Polizist und Captain zerstört. Aus seiner Sicht war sie eine Meisterdiebin, die sich als FBI-Agentin ausgegeben hatte. Sie hatte ihn in Hypnose versetzt, und jetzt saß sie hier in der Flüsterkneipe des größten Gangsterbosses von New York. Vielleicht war es, so betrachtet, etwas optimistisch, von Venner Nachsicht zu erwarten. »Also gut«, sagte sie. Ein Blick zu George. Ein Schritt zurück. Sie spielte jetzt ebenfalls auf Zeit. »Mr Ross, Sie müssen mich eine Weile entschuldigen. Vielleicht könnten Sie mir vorher noch schnell einen guten Anwalt empfehlen?« Captain Venner trat zu ihr. »Den können Sie von der Polizeistation aus anrufen«, sagte er. »Seien Sie doch nicht so«, rief George ihm beschwichtigend zu. »Lassen Sie uns eine arme hilflose Engländerin, die ganz allein in der Stadt ist, nicht so kühl behandeln. Und hat sie nicht einen ganz reizenden Akzent?« Er sprach an seine Gäste gewandt, die wie auf Kommando lachten. »Ich werde meine Gastfreundschaft unter Beweis stellen, indem ich ihr einen Anwalt schicke.« »Aber sicher werden Sie das«, sagte Venner im Ton äußerster Verbitterung. »Wir wissen alle, dass jedes Mietmaul in ganz New York auf Ihrer Gehaltsliste steht, Ross. Das müssen Sie nicht extra betonen.« Während er sich George zuwandte, machte Irene an seiner Seite abermals einen Schritt nach hinten, näher zur Wand. »Sie wissen eine ganze Menge über mich, Venner«, sagte George. »Und Sie wissen, dass wir uns gegenseitig helfen könnten … Ihr Leben könnte einfacher sein, wenn Sie es zuließen.« »Sparen Sie sich ihr Geld für die Polizisten, die Sie sowieso schon schmieren«, grollte Venner. »Ich bin hier derjenige, der das Sagen hat. Jungs! Dreht jeden Bierdeckel um. Waffen und Sprit, ihr wisst, worum es geht. Und Sie, Miss Smith …« Irene spürte die Wand in ihrem Rücken. »Ich werde ohne Gegenwehr mitkommen«, sagte sie. »Was erwarten Sie denn auch, was ich wohl tun könnte? Etwa mit den Fingern schnippen und sagen …« Sie redete nahtlos in der Sprache weiter: »Lichter erlöscht!« Im nächsten Moment herrschte absolute Finsternis. SIEBZEHNTES KAPITEL Als die Lichter ausgingen, warf sich Irene zu Boden und robbte los. Es war kein Moment, in dem alle brav auf ihren Stühlen blieben und darauf warteten, dass das Licht wieder brannte. Es brach Geschrei aus, und man bekam den Eindruck, als stünden wilde Tiere, die bis jetzt in Käfigen gefangen gesessen hatten, unmittelbar davor, sich gegenseitig an die Gurgeln zu gehen. Gläser zersprangen. Irene hörte über all den Trubel hinweg immer noch Captain Venners Stimme. Er brüllte nach seinen Männern, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Irene hoffte, dass er jemand anderen fand, den er ins Gefängnis stecken konnte, dann hatte er seine Zeit und seine Energie wenigstens nicht völlig vergeudet. Sie tastete mit den Fingerspitzen über die Wand, während sie weiterkroch. Ein Hauch kühler Luft strich durch einen Spalt in der Verkleidung. Mit einem erleichterten Seufzer strich sie an dem Spalt hinauf und erhob sich langsam auf die Füße. Sie versuchte einzuschätzen, wie groß die Tür war. Dann trat sie vorsichtig zur Seite. »Tür, öffne dich.« Die Tür schwang in den Raum herein, aber unglücklicherweise war der Korridor dahinter hell erleuchtet. Das Licht fiel in die dunkle Bar und auf die Menschen, die dort miteinander rangen. Irene sprang über die Schwelle und bückte sich, um kein Ziel abzugeben. Mit einem lauten Krachen schlug eine Kugel in die Wand neben ihr. Venner brüllte: »Ihr nach, los!« Panisch hastete sie den Korridor entlang, bog um eine Ecke und fand sich am Fuß einer nach oben führenden Treppe wieder. Glücklicherweise! Die Tür am oberen Ende war verriegelt, hielt jedoch der Sprache nicht stand. Ein weiterer Befehl sorgte dafür, dass sie sich hinter ihr wieder schloss. Irene fand sich in einer Garage wieder. Sie war groß und gut ausgeleuchtet. Mehrere teure Limousinen standen herum – und ein paar Mechaniker, die noch bulliger und gefährlicher aussahen als die Karossen. Überrascht starrten sie Irene an. Sie hob sofort die Hände, um ihnen zu signalisieren, dass sie keine Waffe darin hielt. »Wer sind Sie denn?«, wollte einer der Mechaniker wissen. Falls das hier Georges Notausgang war, waren dies seine Leute. »Ich bin mit George hier – wir haben ein Geschäft abgeschlossen, und plötzlich wird der ganze Club hochgenommen. Würden Sie mich gehen lassen, bevor die Cops hier durchkommen?« »Keine Sorge, tun die nicht«, versicherte ihr der Mann. »Jim, Luigi, ihr wisst, was los ist. Ich kann nur hoffen, Lady, dass Sie die Wahrheit sagen.« »George weiß, wo er mich findet. Wenn das kein guter Grund ist, die Wahrheit zu sagen.« Irene sah zu, wie die beiden angesprochenen Männer zwei enorme Kisten vor die Tür schoben. »Und ein Taxi wäre nicht verkehrt …«, fügte sie hinzu. »Hier entlang.« Der Mann deutete auf eine unauffällige zweite Tür. »Vielen Dank.« Irene griff in ihre Handtasche, holte ein paar Dollarnoten heraus und gab sie ihm. Er nahm sie mit einem Nicken entgegen, das andeutete, dass er diese Art von Bezahlung gewohnt war. Irene eilte durch die Tür und kam in einer Seitengasse heraus. Von dort lief sie auf die Hauptstraße zurück. Es war später Nachmittag geworden, und die Stadt läutete den Abend ein: Die Hochhäuser warfen lange Schatten auf die Straßen unter ihnen. Dichter Verkehr lief in beide Richtungen, PKWs und Omnibusse reihten sich aneinander. Menschen, die gerade Feierabend hatten und von ihrer Schicht nach Hause kamen, eilten an ihr vorüber, und der Gehsteig war ebenso überfüllt wie die Straße. Es waren Leute aus allen Alters- und sozialen Klassen. Akzente und Sprachen mischten sich wild durcheinander, Arme und Reiche schoben sich einhellig voran, begleitet von lautem und befreitem Gerede. Irene ließ sich dankbar mittreiben, bis sie ein paar Blocks hinter sich gebracht hatte. Dies war der perfekte Zeitpunkt, um ihre Verfolger ein für alle Mal loszuwerden, und zwar wirklich. Danach würde sie so schnell wie möglich Evariste und Kai aufsuchen. Wahrscheinlich war es auch der Moment, sich einzugestehen, dass sie ihre Komfortzone endgültig verlassen hatte und auf der Flucht war, ihren Verfolgern – Polizei, Gangstern und Drachen – kaum einen Schritt voraus. Nicht zu vergessen den Elfen. Mit einem Anflug von düsterem Humor fragte sie sich, ob sie sich, wo sie schon dabei war, gleich noch mehr Feinde machen sollte. Herumzustehen und sich dafür schuldig zu fühlen, dass sie so draufgängerisch gehandelt hatte, brachte nichts. Sie bahnte sich entschlossen einen Weg durch die Menge und stoppte ein Taxi. »Wohin soll’s gehen, Lady?«, fragte der Fahrer beim Einsteigen. »Die New York Public Library, bitte”, sagte sie wie aus der Pistole geschossen. Das Taxi fuhr vom Bordstein los und reihte sich in den Verkehr ein. Der Fahrer hupte, als könnte er sich durch die Kraft des Schalls den Weg freischießen. Irene umklammerte die Kanten des Autositzes und überlegte sich ihre nächsten Schritte. Sie musste damit rechnen, dass die Public Library bereits beobachtet wurde. Alles, was sie zu tun hatte, war, sich öffentlich zu zeigen, um ihr Ablenkungsmanöver von vorher fortzusetzen … »Warum fahren wir langsamer?«, fragte sie und unterbrach ihre Gedanken. »Polizeikontrolle«, sagte der Fahrer. Er zeigte durch die Windschutzscheibe auf eine Reihe dunkler Vans, die an der Kreuzung standen und ihre Fahrspur blockierten. Es waren Schwarze Minnas – dieselben Fahrzeuge wie das, in dem Kai und sie zur Polizeistation gebracht worden waren. Konnte es sein, dass das wirklich erst heute Morgen gewesen war? Es fühlte sich wie Tage an. »Sieht aus, als würden die jemanden suchen.« Irenes Magen zog sich zusammen. Die Polizei konnte natürlich nach allen möglichen Verdächtigen fahnden. Aber Irene hatte so ein Gefühl, dass ihr Name – genauer gesagt: der Name Jeanette Smith – ganz oben auf ihrer Fahndungsliste stand. Es gab natürlich eine Standardmethode, mit dieser Situation umzugehen. Damit würde sie es aber gleichzeitig ihren Beschattern ermöglichen, auf ihrer Fährte zu bleiben. Noch zwei Wagen vor ihnen. Einer. Dann waren sie an der Reihe. Der Polizist, der sich den Fahrer zur Kontrolle vornahm, sah Irene nicht sofort. Aber der andere, der ins Wageninnere spähte, fing an zu grinsen – ein Mann, der soeben erfuhr, dass er sechs Richtige im Lotto hatte. »Hey, sind Sie nicht …« »Polizeibeamte, ihr seht ein, dass ich nicht die bin, für die ihr mich haltet«, sagte Irene wie automatisch. Tatsächlich war es unter Bibliothekaren fast so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden, so oft wurde diese Formulierung benutzt, um im Außendienst jemanden zu täuschen. Irene entschied, den Einsatz noch zu erhöhen. »Stattdessen erkennt ihr, dass ich eine schwangere Frau bin, die gleich ihr Kind kriegt und sofort ins Krankenhaus muss.« Der Taxifahrer blickte mit gerunzelter Stirn durch den Innenspiegel auf sie. Doch die beiden Polizisten reagierten, wie es die Sprache verlangte. »Sie haben ja völlig recht, Lady.« Der beim Seitenfenster richtete sich auf und blies in seine Trillerpfeife. Mit Handzeichen forderte er die übrigen Fahrzeuge auf, Platz zu machen. Der andere Polizist winkte das Taxi vorwärts. Glücklicherweise zögerte der Fahrer keine Sekunde und trat aufs Gas. Der Wagen machte einen Satz nach vorn und löste ein Hupkonzert aus. Mit quietschenden Reifen ließen sie die Polizeikontrolle hinter sich. »Was zum Henker …« »Fahren Sie einfach weiter, dann verdoppele ich Ihren Preis«, sagte Irene. »Gut.« Eine Kurve später wandte er sich wieder an sie. »Sie sind es doch, richtig? Diese englische Ganovenkönigin?« »Wenn ich es wäre, meinen Sie, ich würde es Ihnen erzählen?« Irene horchte, ob irgendwo hinter ihnen Polizeisirenen ertönten. »Sicher würden Sie«, sagte der Fahrer vergnügt. »Ich meine, hey, wir sind in New York. Menschen wie Sie sind hier berühmt. Falls Sie es sind, kann ich dann ein Autogramm haben?« Er warf ihr einen Notizblock und einen Bleistiftstummel nach hinten. Mit der anderen Hand lenkte er das Taxi durch den mörderischen Verkehr. Irene biss die Zähne zusammen und schrieb Jeanette Smith auf das Stück Papier. »Ist es für jemand Bestimmten?«, fragte sie. »Für meine Tochter. Es ist nämlich so, ich sage ihr immer, dass Frauen es sehr wohl zu etwas in der Welt bringen können ….« »Einen Augenblick«, verlangte Irene. In der Ferne lärmten die Alarmsirenen der Polizei. Sie holte mehrere Geldscheine aus ihrer Handtasche, deren Inhalt nun ziemlich zusammengeschrumpft war. Zusammen mit dem Block und dem Autogramm reichte sie sie dem Fahrer nach vorne. »Wenn ich rausgesprungen bin, fahren Sie weiter, okay? Lassen Sie sich von der Polizei verfolgen, so lange es geht. Wenn sie gefasst werden, sagen Sie denen egal was, ganz wie Sie möchten. Einverstanden?« »Kein Problem. Ich lasse Sie an der nächsten Straßenecke raus. Die Public Library liegt von hier zwei Straßenblöcke entfernt in diese Richtung.« »Guter Mann.« Irene machte sich darauf gefasst, aus dem Wagen zu springen. Zehn Sekunden später stand sie auf dem Bürgersteig und mischte sich unter eine Gruppe Büroangestellter, die gerade vorbeikamen. Das Taxi gab Gas und schnellte davon. Kaum eine halbe Minute darauf sausten Polizeiwagen hinterdrein. Die heulende Kolonne schob den Verkehr zusammen, während sie sich vorwärtsdrängelte. Die Beamten forderten die übrigen Fahrer auf, links und rechts ranzufahren. Irene musste erst einmal wieder zu Atem kommen. Die Straßen waren hier nicht ganz so belebt wie die, in denen sie vorher gewesen war. Es bedeutete, dass ihr weniger Versteckmöglichkeiten und Schlupfwinkel blieben, um sich auf dem Weg zur New York Public Library zu verstecken. Außerdem waren die Straßen breiter. Auf beiden Seiten türmten sich Hochhausfassaden, Steilwände aus Beton, von Fenstern marmoriert, die wie eingearbeiteter Glimmer wirkten. In den Untergeschossen, auf Straßenebene, reihten sich Geschäftsschilder aneinander, die Schriftzüge von Hotels und Restaurants. Leute kamen und gingen, Lichter strahlten. Lärm. Und überall Bewegung. Doch von den Gebäuden hoch droben schien ganz New York auf sie herunterzusehen. Ihr würde leider keine Zeit bleiben, sich umzuziehen. Cops, Gangsterbosse und Hus Männer waren ihr auf den Fersen. Sie benötigte ein Versteck. Und sie brauchte göttliche Inspiration. Das Getöse einer Blechbläserkapelle drang über den Verkehrslärm herüber, begleitet von Füßen, die im Gleichschritt marschierten. Die Marschmusik kam von der anderen Straßenseite. Ein Demonstrationszug bewegte sich dort unter Bannern fort mit Aufschriften wie LEBT MAßVOLL, ALKOHOL IST GIFT, TRINKERMUND KÜSS ICH NICHT. Einen Augenblick lang fragte sich Irene, ob der Zufall nicht zu verrückt war. In einer Welt des chaotischen Spektrums mochten solche Glücksfälle vielleicht eintreten, aber überall sonst waren sie eher unwahrscheinlich. Allerdings konnte sie sich daran erinnern, dass in den Zeitungen, die sie gesehen hatte, vor den Märschen der Abstinenzbewegung gewarnt worden war. Das war die Gelegenheit. Sie überquerte die Straße und schloss sich den Demonstrantinnen an. Dabei neigte sie den Kopf und versuchte, eine hingebungsvolle Miene aufzusetzen. Überzeugung auszudrücken, vom Grunde ihres Herzens. Passanten, die nicht zu den Abstinenzlern gehörten, riefen abfällige Bemerkungen oder würdigten die überwiegend aus Frauen bestehende Gruppe keines Blickes. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt war das genau das, was Irene wollte. Sie bewegte die Lippen im Rhythmus des Liedes, das gesungen wurde, und summte leise den Chorus mit. Am Horizont ging die Sonne in orangefarbenem Feuer unter, als der Zug vor einem großen Gebäude zum Stehen kam. Jetzt war es nicht mehr weit zum Ziel. Ein paar der kräftigeren Frauen bauten mit schnellen Handgriffen ein Podium auf, das aus Paletten und Kisten bestand. Innerhalb der Gruppe schienen klare soziale Unterschiede zu herrschen. Die aus der Oberschicht sahen zu und gaben Anordnungen, während die Arbeiterinnen die eigentliche Arbeit verrichteten. Manche Dinge, überlegte Irene, ändern sich nie, egal, in welcher Parallelwelt man ist. Einige Polizeifahrzeuge rauschten vorbei. Zu Irenes großer Erleichterung blieb keines davon stehen. Als sie gerade ihren Weg zur Public Library fortsetzen wollte, tippte ihr jemand auf die Schulter. »Ich habe Sie noch nie bei uns gesehen«, erklärte die Frau neben ihr. »Ihr Gesicht kenne ich auch nicht«, gab Irene zurück und nahm die Frau mit einem freundlichen Lächeln in Augenschein. Ihre Kleidung war ordentlich und gewitzt, ohne kostspielig oder besonders fein zu wirken. Die High Heels mit den gebogenen Absätzen machten ziemlich was her. Jedenfalls sahen sie ganz und gar nicht so aus, als könne man in ihnen gut demonstrieren. »Arbeiten Sie in der Nähe?«, fragte Irene. »Ich bin Anwaltsgehilfin bei Sallust and Floddens«, erklärte die Frau und bot Irene die Hand an. »Lina Johnson. Freut mich. Ich mag Ihren Mantel. Sind Sie Engländerin?« »Ich kann es wohl nicht verbergen, was?« Im Kopf ging sie bereits ihre Liste möglicher Decknamen durch, die zu dieser Situation passen könnten. Falls ›Rosalie‹ mittlerweile in irgendeinem Zusammenhang in der Zeitung aufgetaucht war, war er nicht länger brauchbar. »Clarice Backson«, sagte Irene schließlich. Ein altes Pseudonym. Der ein oder andere Drache, der sich daran erinnern mochte, stellte im Moment keine Gefahr dar. »Ich bin in den Ferien hier, aus England, als ich diesen Umzug sah. Ich fühlte mich verpflichtet teilzunehmen. Ich hoffe, das stört Sie nicht.« »Stören?«, schaltete sich eine weitere Protestlerin ein. »Aber keineswegs. Es sollten viel mehr Frauen für ihre Überzeugungen auf die Straße gehen. Dann wäre das Amerika, in dem wir leben, ein besseres, glauben Sie mir. Wir brauchen gerade Bürgerinnen wie Sie.« Die umstehenden Frauen nickten. Irene wollte sich gerade im Geiste auf die Schulter klopfen dafür, wie gut sie die Abstinenzlerinnen getäuscht hatte, als sie einige von Lucky Georges Männern die Straße herunterkommen sah. Sie liefen in ihre Richtung, feindselige Blicke auf die Frauen gerichtet. »Vielleicht könnten Sie mir ein wenig darüber erzählen, wie Sie sich hierzulande organisieren«, schlug sie ihren Gesprächspartnerinnen vor. Sie drehte den Ganoven den Rücken zu. »Sie wissen schon, mir ein paar Tipps geben, die wir bei uns zu Hause umsetzen können.« Der Wasserfall an Kommentaren, Ratschlägen und begeisterten Einwürfen, der daraufhin lossprudelte, gab ihr die Möglichkeit, selbst still zu bleiben, ihren verräterischen Akzent zu verstecken, bis die Gangster vorbei waren. Ihre Kehle war sowieso zugeschnürt vor Aufregung. Sie befand sich so dicht an der New York Public Library. Ihr Ziel war so nah, doch sie konnte nicht hingelangen. Das machte es noch viel schwerer, einfach stehenzubleiben und sich zu verbergen. Sie hoffte, dass Kai und Evariste einen besseren Tag hatten. »Sie sollten für uns sprechen«, schlug Lina Johnson vor. »Erzählen Sie uns, wie unsere englischen Schwestern den guten Kampf führen!« »Aber nein«, sagte Irene schnell. »Ich bin ganz miserabel als Rednerin.« Die Idee traf auf überwältigende Zustimmung aus der Gruppe. »Reden Sie einfach aus dem Bauch heraus, aus Ihrem Herzen, Miss Backson«, empfahl eine der Frauen. »Machen Sie schon, gehen Sie vor, trauen Sie sich. Verkünden Sie Gottes Wahrheit!« »Nein, wirklich, das würde ich mir nie …« Aber sie musste einsehen, dass es nicht das Geringste brachte. Ihre Weigerung verfing nicht. Sie wurde von zahlreichen Händen nach vorn geschoben, auf das Podest zu. Frauen, die entschlossen waren und sich etwas in den Kopf gesetzt hatten, noch dazu für einen noblen Zweck, waren wahrscheinlich noch schwerer abzuschütteln als fiese Gangster aus der New Yorker Unterwelt. Wenn es darum ging, ihren Willen zu bekommen, waren sie mindestens so unerbittlich. Und jetzt wollten sie Irene reden hören. »Ich glaube nicht, dass ich …« Sie sah, wie zwei der Männer kehrtmachten und erneut auf die Gruppe der Abstinenzlerinnen zukamen. Einer von beiden war Hu. Irene ging ihre Möglichkeiten durch. Die Zeit war abgelaufen, ihr Glück verbraucht. Die erfolgversprechendste Taktik, die ihr noch blieb, war, die Sache so lange wie möglich hinauszuzögern. »Nun, wenn Sie alle darauf bestehen, muss ich es wohl versuchen.« Sie ließ sich bereitwillig vorwärtsschieben und holte Luft. Dann, als die vorherige Rednerin das Podest verließ, stieg sie hinauf. Es waren nur wenige Stufen, die sie in leicht erhöhte Position führten. Doch das Meer aus Gesichtern, die sich ihr in der Abendsonne zuwandten, machte sie schwindlig. Vielleicht war es auch bloß das Lampenfieber, das dazu führte, dass sich ihr Magen hob. Jetzt, wo sie einen besseren Überblick hatte, konnte sie die Gefolgsleute Georges sehen. Sie sahen alarmiert aus. Noch hatten sie Irene nicht bemerkt. Sie beschloss, ihren Auftritt so sehr in die Länge zu ziehen, wie es ging. Etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig. »Brüder und Schwestern«, begann sie, als Hu auch schon den Kopf in ihre Richtung drehte und völlig verblüfft dreinschaute. »Wir marschieren vereint im Kampf gegen einen Dämon, und dieser Dämon heißt Alkohol.« Ein weiterer tiefer Atemzug. Sie hob ihre Stimme. »Manche von Ihnen haben England vielleicht bisher nicht besucht. Einige sehen das Land vielleicht als eine ferne, verlorene Heimat an, die über alles Schlechte erhaben ist. Doch mein Land – das Land meiner Geburt – es ist vom Alkohol verseucht.« Sie wandte sich von einem Gesicht zum anderen, blickte ihnen nacheinander in die Augen. »Sie werden vielleicht lachen, dabei haben Sie keine Vorstellung davon, wie die Gin-Paläste meines Englands aussehen. Es sind vergoldete Bollwerke aus Glas und Eisen, in denen die Barkeeper unglaublich starken und puren Gin ausschenken, an jeden, der einen bestellt. Ich war dort. Ich habe es gesehen. Danach ging ich nach draußen und sah die Betrunkenen durch die Gosse taumeln. Wie sie flehten nach einem weiteren Schluck, nach dem nächsten klitzekleinen Tropfen dieses verderblichen Gebräus. Von ganz oben bis ganz unten, quer durch die Gesellschaft, von den Reichsten bis zu den Ärmsten der Armen, hat der Alkohol meinem England den Stempel aufgedrückt. Dieser Stempel ist das Geschwür des Todes, und die Abgeordneten unseres Parlaments lassen sich ihren edlen Wein schmecken, während sie ebendort über Tagespolitik debattieren.« Hier machte sie eine kleine Pause. Zu ihrer Überraschung erhob sich der ein oder andere zustimmende Ruf. »Und die arme Mutter«, fuhr Irene fort, »die in ihrer winzigen Mansarde haust, muss ihrem Ehemann dabei zusehen, wie er in der nächsten Kneipe verschwindet und das wenige Ersparte vertrinkt. Spät am Abend kommt er nach Hause, stolpernd, halb blind. Und was sagt er, wenn sie ihn auf Knien anbettelt, ihr etwas von dem bitter nötigen Haushaltsgeld zu geben? Er flucht und er beschimpft sie!« Die Ganoven von Lucky George schlossen einen groben Kreis um sie und die Menge. Sie konzentrierten sich auf das Podest in der Mitte, um Irene an jeglichem Fluchtversuch zu hindern. Hu nickte ihr freundlich zu. Er tippte auf seine Armbanduhr, als wollte er sagen Beeilen Sie sich ein bisschen, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit für diese Spielchen. Aber sich zu beeilen war das Letzte, was Irene vorschwebte. »Lassen Sie mich erzählen von der Sittenlosigkeit und dem Verfall, dem die Reichen und Mächtigen in England anheimgefallen sind«, sagte sie, und die Menge lauschte plötzlich angespannt. Sie waren alle still, selbst ein paar der Gangster hörten hin. »Ach, denke ich nur an das Jahr, das hinter uns liegt …« Eine halbe Stunde hielt sie durch, bis ihr die Worte ausgingen. Hu nahm sie händeschüttelnd in Empfang. »Sie haben doch nicht vor, eine Szene zu machen?«, fragte er. Irene stieß einen erschöpften Seufzer hervor. »Ich komme ja schon. Gibt es vielleicht die Aussicht auf einen kleinen Drink?« ACHTZEHNTES KAPITEL »Was wir brauchen, ist eine wirklich überzeugende Verkleidung, in die wir Sie stecken können«, stellte Kai fest. »Qing Songs Kundschafter werden überall sein.« Er ging um Evariste herum und inspizierte ihn. Der Bibliothekar war ein Mann von durchschnittlicher Größe und dunkler Haut. Sein Teint allerdings schien von leichenhafter Blässe entstellt. Ansonsten hatte er einen kräftig-männlichen Unterkiefer und ausgeprägte Augenbrauen. Die Kleidung, die er trug, sah einigermaßen gut aus und schien maßgeschneidert zu sein. Sie war nur viel zu oft getragen und viel zu selten gewaschen worden. Sie hielten sich zu zweit in einem Hotelzimmer von fragwürdiger Qualität und zweifelhafter Lage auf. Wieder einmal. Und sie hatten kaum noch Zeit. Kriminelle wie Polizisten dieser Stadt würden ihnen schon bald auf die Schliche kommen. »Sie reden, als hätte ich daran überhaupt nicht gedacht«, entgegnete Evariste. Er saß auf der Bettkante, das unrasierte Kinn in die Hände gestützt. »Aber ich sehe nun mal so aus, wie ich aussehe. Es gibt nicht endlos viele Wege, daran etwas zu ändern. Besonders wenn man bedenkt, dass einige dieser Leute mich bereits kennen.« »Vielleicht sollten wir über Wundverbände nachdenken. Sie könnten in die Rolle eines Kriegsveteranen schlüpfen …« »In dieser Welt gibt es momentan keine Kriege«, entgegnete Evariste. »Zumindest keine, in die Amerika verstrickt wäre.« »Ich versuche hier, konstruktive Vorschläge zu machen«, sagte Kai. Er schluckte seine Verärgerung hinunter. Evariste lebte seit Wochen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Kai würde sich ihm gegenüber toleranter zeigen müssen, anders ging es nicht. »Ihre Hautfarbe lässt sich schwer ändern, Ihre Frisur ist zu kurz, um etwas draus zu machen, und als Frau würden Sie nicht durchgehen …« »Moment mal.« Evariste starrte ihn an. »Haben Sie wirklich daran gedacht? Auch nur eine Sekunde lang? Ernsthaft?« »Ich spiele alle gängigen Optionen durch«, sagte Kai. »Irene hat sich auch ein- oder zweimal als Mann verkleidet. Auch wenn es nicht sehr überzeugend war.« »Hören Sie, ständig versuchen Sie, mein Vertrauen zu gewinnen«, sagte Evariste. »Es wird nicht funktionieren.« »Irene ist davon überzeugt, dass wir beide zusammenarbeiten können. Wollen Sie Ihr das Gegenteil beweisen?« »Sie ist überhaupt nicht hier, also kann ich ihr gar nichts beweisen.« Evariste prüfte die Uhr. »Sie hat es nämlich für besser gehalten, uns die Arbeit machen zu lassen, während sie shoppen geht.« Kai wollte zurückschießen und Evariste für seinen Mangel an Respekt gegenüber Irene zurechtweisen. Doch er spürte deutlich den Unterton von Angst in seiner Stimme und entschied sich für eine mildere Reaktion. »Wenn Sie das wirklich denken, täuschen Sie sich.« »Sie sind doch der perfekte Schutzschild für sie, nein? Bevor Qing Song uns zu nahe kommen kann, wird er freiwillig abdrehen, schließlich will er sich nicht in die Besitzangelegenheiten eines anderen Drachen einmischen.« Evariste dehnte das Wort bis zum Zerreißen. »Das ist so auf viele Arten verkehrt, dass ich Ihnen nicht mal in einem Satz sagen könnte, wie viele es sind«, sagte Kai. »Ach, wirklich? Hu hat erzählt, dass andere Drachen schon wüssten, unter wessen Autorität ich stehe – nämlich der von Qing Song …« »Und wie sollte man das rauskriegen? Doch nur, indem Sie es rumerzählen. Es ist nicht so, als könnte ich Qing Song riechen, wenn ich mich Ihnen nähere.« Evariste zuckte zurück. Er versuchte, die Regung mit einer beiläufigen Bewegung zu verstecken. »Versuchen Sie es gar nicht erst.« »Was sollte ich versuchen?« »An mir zu schnüffeln.« Kai verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf Evariste hinunter. Ihm drängten sich alte Schimpfwörter aus seiner Zeit als Mitglied einer Straßengang auf. »Legen Sie diese Haltung ab. Ich bitte Sie nicht darum, mich zu mögen. Ich fordere Sie auf, mit mir zusammenzuarbeiten. Sie sind doch Profi, oder nicht?« »Schon«, sagte Evariste. »Geben Sie mir Ihr Wort. Auf woran auch immer Drachen ihre Versprechen knüpfen. Ihr Wort darauf, dass kein Drache, den Sie kennen, jemals versuchen wird, irgendwen zu entführen und als Druckmittel einzusetzen, um zu bekommen, was er will. Oder was sie will. Ich möchte das gar nicht auf ein Geschlecht reduzieren. Lassen Sie uns annehmen, der- oder diejenige hätte sogar einen guten Grund dafür. Können Sie mir Ihr Wort geben, dass keiner der ach so netten Drachen je so etwas unternehmen wird?« Jede Sehne, alle Muskeln in Kais Körper schrien danach, den uneinsichtigen Menschen quer durch den Raum zu prügeln. Kai war es nicht gewöhnt, auf diese Weise kritisiert zu werden. Er riss sich zusammen. »Wollen Sie Ihre Tochter zurückbekommen, oder nicht?« Evariste sah ihn stumm an. Dann sackte er auf das Bett zurück. »Zum Teufel mit Ihnen und allem, was das Schicksal dazu bewogen hat, uns zusammenzuführen«, sagte er. »Sie wissen, wie sehr ich sie wiederhaben will.« »Dann nehmen Sie endlich den Stock aus Ihrem …« Ihm fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass er seiner königlichen Abstammung hier gerecht werden musste. »Reißen Sie sich einfach zusammen. Helfen Sie mir. Gut? Sie müssen einen Plan gehabt haben, wie Sie ins Metropolitan Museum gelangen wollten, um das Buch zu holen.« »Einen Plan hatte ich sehr wohl! Das war aber, bevor jemand auf die Idee kam, die gesamte Museumsmeile mit Gangstern und Kriminellen zu bevölkern, die genau wissen, wie ich aussehe. Qing Song hat vielleicht keine Ahnung, wo sich das Buch befindet, aber er hat die frühen Recherche-Ergebnisse gesehen. Er muss davon ausgehen, dass es in einem dieser Museen zu finden ist.« Kai ignorierte den Grundton der Verzweiflung. Er kam nicht dahinter, wieso Evariste ihm dermaßen feindlich gesinnt war. Mussten sie nicht versuchen, diese Operation zu planen? »Sie waren bestimmt schon an solchen Missionen beteiligt«, sagte er ermutigend. Eine Pause. Zerknirscht sagte Evariste: »Nicht viele. Jedenfalls nichts wie das hier. Wie Sie sich verhalten, habe ich den Eindruck, als hätten Sie das schon Dutzende Male gemacht.« »Aber Sie sind derjenige, der das Bibliothekssiegel trägt.« Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Kai sich mit eigenen Augen davon überzeugt, während Evariste bewusstlos gewesen war. »Sie sind ein voll ausgebildeter Bibliothekar wie Irene.« »Manche von uns sind nun mal besser in der Recherche und bei theoretischen Nachforschungen«, sagte Evariste durch zusammengebissene Zähne. »Mich zu verkleiden ist nicht so mein Ding. Ich bin nicht gut in so etwas.« Kai ließ sich in den Stuhl fallen. »Es wäre hilfreich gewesen, wenn Sie das vorher gesagt hätten«, gab er zu bedenken. »Zum Beispiel, als wir das hier planten.« »Definieren Sie ›wir‹. Irene hat geplant. Sie haben ihr zugestimmt. Und ich …« Evaristes offenkundige Empörung ließ nach, seine Stimme brach. »Ich hatte keine Ideen. Ich will einfach nur meine Tochter wiederhaben. Ich wusste nicht einmal, dass es sie gibt. Jahrelang habe ich in der Bibliothek gesessen und gearbeitet, ohne für sie da zu sein …« Im Versuch, seine Frustration in den Griff zu kriegen, atmete Kai bewusst gleichmäßig ein und aus. »Okay. Lassen Sie uns das Ganze wie eine militärische Operation angehen. Die feindlichen Kräfte sind bewaffnete Gangster, die für lokale Unterwelt-Bosse arbeiten. Und wahrscheinlich ist ihnen Ihr Aussehen bekannt.« Er spreizte einen Finger. »Die Polizei, soweit sie bestochen wurde, unterstützt sie dabei.« Er spreizte einen zweiten Finger. »Außerdem gibt es Qing Song und Hu – die auf alle Fälle mich als Drachen erkennen werden, sobald sie mich sehen.« Falls Sie daraufhin schlussfolgerten, dass er ebenfalls in den Besitz des Buches kommen und den Ämterwettstreit beeinflussen wollte, dann … Vielleicht ließ es sich so ausdrücken: Es passierten gewisse Unfälle auf der Welt. Sie waren zwar bedauerlich, aber nicht immer zu verhindern. Evariste nickte. Glücklicherweise bekam er nicht mit, was sich in Kais Gedanken abspielte. »Wir müssen davon ausgehen, dass sie vielleicht eine Handvoll bis ein Dutzend Männer auf der Museumsmeile postiert haben«, sagte er. »Eventuell auch mehr.« »Es gibt in dieser Welt nicht zufällig eine Geheimpolizei, als deren Agenten wir uns ausgeben könnten, oder?«, fragte Kai hoffnungsvoll. »Nein, nein«, entgegnete Evariste. »Da sind das FBI und die Ermittlungsgruppe Alkohol, und beides ist nicht dasselbe. Falls wir im Metropolitan Museum an die Tür klopften und behaupteten, im Keller gäbe es eine illegale Schnapsbrennerei, würden wir damit nicht nur die Aufmerksamkeit richtiger Ermittler auf uns ziehen, sondern uns auch komplett lächerlich machen.« »Das ist auch nicht, was mir vorschwebte«, sagte Kai so würdevoll und erhaben wie möglich. Er verwarf die Idee. »Wir müssen unbemerkt eindringen … Vielleicht wäre Schmiergeld eine Lösung. Wir bestechen den Trupp aus Putzleuten, der morgens kommt, und schaffen es auf diesem Weg rein. Aber leider haben wir keine Zeit für Nachforschungen.« Kai hielt inne. Er betrachtete Evariste mit zusammengekniffenen Augen, als wollte er seine Größe einschätzen. Eine Idee war ihm zugeflogen, komplett und von geradezu entwaffnender Plausibilität. »Ich bin nicht sicher, dass ich diesen Blick mag, mit dem Sie mich gerade ansehen«, sagte Evariste. »Da draußen halten Dutzende von Gangstern nach Ihnen Ausschau«, sagte Kai. »Aber keiner von denen dürfte die Fähigkeit haben, durch Holz gucken zu können. Ich schlage vor, wir verschicken uns selbst als Ausstellungsstück. In einer Kiste verpackt.« Evariste starrte ihn an. »Das wäre total lebensmüde.« Kai nickte. »Aber … könnte es klappen?« Es gab eine lange Pause. Dann sagte der Bibliothekar mit neuer Zuversicht: »Wissen Sie was? Das könnte es wirklich.« NEUNZEHNTES KAPITEL Die frühabendliche Geräuschkulisse auf der Fifth Avenue und der Fünfundfünfzigsten Straße drang durch die Balkonfenster, die den Raum der Länge nach säumten. Der Himmel hatte den perfekten, intensiv dunkelblauen Farbton unmittelbar vor Einbruch der Nacht. Die Dämmerung lag über New York wie ein Vorhang, und gleich würde der zurückgezogen werden für die Ablenkungen und Zerstreuungen des Abends. Von hier oben, über den Dächern New Yorks, bot sich ein Ausblick, den nicht einmal die höchsten Gebäude blockieren konnten. Qing Song saß in einem imposanten Sessel, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Zu beiden Seiten lag ein Wolf. Die Tiere hielten ihre Köpfe schief, als lauschten sie ihm beim Vorlesen. Die übrigen Wölfe ruhten kreuz und quer in dem großen Raum wie graue, dreidimensionale Teppiche. »Wie ich sehe, haben Sie sie gefunden«, sagte er an Hu gewandt. »Nicht ohne Schwierigkeiten, mein Herr«, sagte Hu. »Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, dass die Lady keine Sehenswürdigkeit dieser Stadt auslassen wollte.« Ein Hauch von Besorgnis lief über Irenes Rückgrat. Kais wegen durfte sie nicht den Verdacht erwecken, dass sie ihren Häschern bewusst eine falsche Fährte nach der anderen gelegt hatte. »Nun bin ich ja hier«, bekannte sie kühl. »Und ich würde es vorziehen« – sie deutete mit einem Kopfnicken auf den Ganoven hinter sich – »wenn dieser nette Gentleman seine Waffe woandershin richten würde.« Qing Song wedelte mit der Hand, und Irene fühlte, wie der Druck des Laufs zwischen ihren Rippen verschwand. »Aber selbstverständlich«, sagte er. »Ich freue mich, dass offenbar keine schwerwiegenderen Maßnahmen nötig waren. Menschen sind so zerbrechliche Wesen. Und das gilt auch für Bibliothekare.« Irene hätte wahrhaft taub sein müssen, um Qing Songs Wechsel von Höflichkeit zu kaum verhohlener Drohung zu überhören. Wahrscheinlich hatte er entschieden, seine wahren Intentionen nicht länger zu verstecken. »Wir schlagen uns so durch«, sagte sie. »Irgendwelche Neuigkeiten über den Verbleib Ihrer gestohlenen kostbaren Jadeskulptur?« Qing Song schlug das Buch auf seinem Schoß zu. »Es mag Sie überraschen zu erfahren, dass ich nicht ganz ehrlich zu Ihnen war, als wir uns das erste Mal austauschten.« Er betrachtete sie. Die Wölfe an seiner Seite hoben die Köpfe, um sie ebenfalls zu begutachten. Der Ausdruck in ihren gelben Augen wirkte unbeteiligt, als schätzten sie lediglich ab, wie viel Kilo Irene auf die Waage brachte, um ein ausreichend gutes Steak abzugeben. »Ich werde Ihnen jetzt ein Angebot machen. Es wird zu Ihrem Vorteil sein, dass Sie zuhören. Und noch vorteilhafter, wenn Sie es annehmen.« »Sie genießen meine vollste Aufmerksamkeit«, gab Irene zurück. Über seiner Schulter sah sie das Spiegelbild der Suite in der Fensterfront. Die beiden Handlanger, die auf der Fahrt hierher links und rechts von ihr gesessen und sie bewacht hatten, standen nur wenige Schritte hinter ihr und passten auf. Hu war zur Anrichte gegangen, um ein Glas mit Wasser zu füllen. Die Wölfe lagen überall. An Flucht war kaum zu denken. »Ich suche nach einem bestimmten Buch«, begann Qing Song. »Es ist äußerst dringend. Die Person, die ich ursprünglich anstellte, um es zu finden, wurde leider entführt. Aber ich habe noch immer vorliegen, was er bis dahin herausfand. Wenn Sie das Buch für mich innerhalb der nächsten paar Tage aufspüren, können Sie auf meine Dankbarkeit zählen. Ich und meine Familie würden Ihren Beitrag nie vergessen.« Irene musste zugeben, dass sie bewunderte, auf welche Weise er Evaristes Verschwinden deklarierte. »Entführt?«, fragte sie. »Ohne Zweifel eine Einmischung seitens der Elfen.« Qing Songs Gesichtsausdruck blieb starr wie in Stein gemeißelt. »Sie verderben alles, was sie berühren.« »Als wir uns heute früh begegnet sind …« »Ja, da verfolgte ich die Elfen schon«, gab er zu. »Ihre Spur führte mich bis vor die Tür Ihres Bibliothekarkollegen. Mag sein, dass er ein weiteres Opfer elfischer Intrigen wurde. Mein Hauptaugenmerk gilt dem Buch, das ausfindig gemacht werden muss. Ich vertraue darauf, dass ich auf Sie zählen kann.« »Es kann gut sein, dass ich es nicht schaffe, dieses Buch ›in den nächsten paar Tagen‹ zu finden«, spielte Irene auf Zeit. »Ich bin Bibliothekarin, keine Wunderheilerin.« »Ich gebe mich nur mit Ihrem vollsten Einsatz zufrieden«, sagte Qing Song. Seine Stimme klang unerbittlich. »Sie werden sich die ganze Zeit über hier aufhalten, und Hu wird für alles sorgen.« »Sie nehmen an, dass ich Ja sage?« Irene versuchte abzuschätzen, in welcher Stimmung er war. Diesmal ließ das Verhalten der Wölfe nicht darauf schließen. »Ich glaube einfach nicht, dass Sie es sich leisten können, Nein zu sagen. Wenn Ihnen an der Unversehrtheit und dem Wohlergehen Ihrer Kollegen in der Bibliothek etwas liegt, sollten Sie mir gehorchen.« »Sie fordern mich auf, gegen das Neutralitätsprinzip der Bibliothek zu verstoßen«, sagte Irene, und der Ärger ließ ihre Stimme fester werden. »Was kann an einem einzigen Buch so wichtig sein, dass Sie sich dafür die ganze Bibliothek zum Feind machen – vorausgesetzt, ich helfe Ihnen nicht. Sie wollen eine Abmachung brechen, die bereits länger existiert, als es Sie und mich gibt.« »Die Gründe dafür brauchen Sie nicht zu wissen«, entgegnete Qing Song. Er sprach wie zu einer Untergebenen, einer Bediensteten, die ihm untergeordnet war. Als hätte er sie bereits gekauft. »Und was Sie Ihrer Bibliothek berichten, nachdem Sie das Buch für mich gefunden haben, überlasse ich Ihnen.« Er sah sie an, wartete. Bevor Irene sich ausdenken konnte, auf welche Weise genau sie das Angebot am besten ausschlug, klopfte es an der Tür. Qing Song hob die Hand und warf Hu einen Blick zu. »Schauen Sie nach, wer es ist«, verlangte er. Hu glitt zur Tür. Er öffnete sie und wich einen Schritt zurück, erstaunt, als die Person ins Zimmer trat. Die beiden Wache stehenden Gangster griffen in ihre Jacketts. Als sie sahen, dass es sich um eine Frau handelte, ließen sie die Hände wieder sinken. Qing Song stand auf. Es war Jin Zhi. Sie versetzte der Tür einen Tritt, um sie zu schließen. Ihr goldblondes Haar trug sie auf lockere Art hochgebunden, der Abendmantel war langärmelig und bestand aus goldener Seide, die in der anmutigen Weise einer Königsrobe an ihrer Gestalt hinabfiel. Sie stolzierte ganz beiläufig herein, scheinbar überzeugt, dass die Welt ringsum beizeiten bereit sein würde, auf ihre Befehle zu hören. »Guten Abend, Qing Song«, sagte sie. »Ich denke, Sie haben nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen geselle.« Die reine Übung war es, die es Irene erlaubte, ihren leicht verwirrten Gesichtsausdruck zu wahren, während ihr Magen tiefer sackte als der Expresslift ins Security-Geschoss der Bibliothek. Sie und Jin Zhi waren sich bereits begegnet. Falls Sie das jetzt gegenüber Qing Song erwähnte und er daraus folgerte, dass sie ihn von Anfang an belogen hatte, dann … »Willkommen in meiner bescheidenen Unterkunft«, sagte Qing Song. Er sprach ohne hörbare Gefühlsregung, aber seine Wölfe waren wachgerüttelt und stierten Jin Zhi mit ihren Glutaugen an. »Ich war der Meinung, Sie halten sich in China auf. Darf ich fragen, was Sie nach New York führt, Verehrteste? Noch dazu allein, ohne Gefolge?« »Nicht alle Bediensteten sind verlässlich«, erklärte Jin Zhi. »Und China hält nicht bereit, was ich suche. Sie müssen das doch wissen, sonst wären Sie nicht hier.« Mit einem galanten Achselzucken streifte sie ihren Mantel ab und ließ zu, dass Hu ihn entgegennahm. Das wehende Kleid, das sie darunter trug, war von einem passenden Goldton und ließ die Schultern frei. Selbst ohne hohe Absätze war sie größer als Hu. Mit High Heels hätte sie ihn überragt und in der Suite wohl noch selbstbewusster und mächtiger gewirkt. Ihr Blick huschte von Qing Song zu Irene. Daraufhin zogen sich ihre Augen zusammen. »Interessante Gesprächspartner, mit denen Sie sich da umgeben.« »Nur ein Bewerbungsgespräch«, sagte Qing Song. »Nichts Wichtiges. Ihr Besuch ist zweifellos von größerer Bedeutung.« »Nicht Wichtiges?« Jin Zhi durchquerte den Raum und griff nach einem Stuhl. Qing Song setzte sich wieder in den Sessel. »Unter den gegebenen Umständen muss ich doch sagen, dass es ganz und gar nicht unbedeutend ist, wenn man eine Agentin der Bibliothek bei sich empfängt. Irre ich mich, oder ist es nicht strengstens verboten, die Bibliothek um Hilfe zu ersuchen?« Irene spürte, wie sich ihr Magen Knoten um Knoten fester verstrickte. Den Drachen war befohlen worden, sich von Vertretern der Bibliothek fernzuhalten? Dann hatte Qing Song nicht nur gegen die allgemeinen Regeln verstoßen, sondern auch die speziellen Bestimmungen des Wettkampfes gebrochen. In dem Fall konnte er nicht einmal ein Fitzelchen an Informationen hiervon durchsickern lassen. Evariste, begriff Irene, wäre nie und nimmer am Leben gelassen worden, wenn er das Buch erst übergeben hätte. Und was Irenes eigenes Überleben anging … Jin Zhi hatte sich außerdem verplappert und Irene als Bibliothekarin identifiziert. Aber vielleicht hatte Qing Song das gar nicht bemerkt? Er war offensichtlich mit so vielen anderen Gedanken beschäftigt, dass ihm das entgangen sein mochte. Falls er aber mitbekommen hatte, was Jin Zhi herausgerutscht war, musste er von einer Kollaboration zwischen den beiden ausgehen. Und dann war diese Situation wirklich nicht mehr zu retten. »Ich ersuche die Bibliothek nicht um Hilfe«, wies Qing Song sie zurecht. Er gab Hu einen Wink, und dieser machte sich stumm daran, ihm ein Glas Wasser einzuschenken. Für Jin Zhi bereitete er einen Drink zu. »Ich fordere die Hilfe ein. Das ist ein Unterschied.« Jin Zhi zeigte auf Irene, ohne sie weiter zu beachten. »Und, hat Sie der Forderung zugestimmt?« Qing Song presste die Lippen zusammen, bevor er sprach. »Bibliothekarin Marguerite wollte mir gerade in diesem Moment ihre Zusage geben.« Jin Zhis Mund formte sich zu einem Lächeln. Sie nahm den Drink aus Hus Hand entgegen und wandte sich an Irene. »Wie überaus interessant. Vielleicht sollte ich mir ihre Zusicherung ebenfalls einholen? Ich kann gute Bedingungen anbieten.« Also hat sie begriffen, dass Qing Song keinen Schimmer hat, wer ich bin. Irene spürte, wie sich ein sprichwörtlicher Abgrund vor ihr auftat. Und das wird sie gegen mich verwenden. »Es wäre auf eine ganz besondere Weise ungebührlich, mir meine Diener abspenstig zu machen«, versetzte Qing Song. Das war etwas, worüber er offenbar nicht nachgedacht hatte. Jin Zhi lachte. »Mein lieber Qing Song, wenn ich Sie nicht so gut kennen würde, hätte ich Mitleid mit Ihnen. Ich mache dieser Frau jedes Angebot, das ich für richtig halte. Oder wollen Sie mich hinauswerfen?« Qing Song umklammerte mit der freien Hand die Lehne seines Sessels. Offenbar standen die höfischen Gepflogenheiten zwischen Drachen so einem Vorgehen entgegen. Er warf einen raschen Blick in Hus Richtung, der als Erwiderung die Schultern zuckte. Ein stilles Frage-und-Antwort-Spiel, begriff Irene, bei dem die Frage Vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein? mit einem leidlichen Es gibt wohl keine andere Möglichkeit beantwortet wurde. Auch wenn Hu lediglich der Diener war – Qing Song schien große Stücke auf sein Urteil zu halten. Er vertraute Hu. »Also dann.« Jin Zhi blickte Irene an. »Marguerite.« Sie sprach den Namen aus, als handelte es sich um einen Klecks Honig auf ihrer Zunge; die Silben ins Endlose gedehnt. »Ich bin natürlich nicht sicher, was Qing Song Ihnen angeboten hat. Aber gehen wir mal davon aus, dass ich auf jeden Fall mehr biete. Zusätzlich zu meiner persönlichen Dankbarkeit und der Garantie Ihrer Sicherheit.« »Meiner Sicherheit?«, wiederholte Irene. »Schutz vor den übrigen Personen in diesem Raum, sagen wir es mal so.« Die Art, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln aufschwangen, sah höchst elegant aus, wie Kai bereits tags zuvor festgestellt hatte. »Sie sollten nicht vergessen, dass Sie sich hier in einer gefährlichen Lage befinden.« »Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich mir dessen durchaus bewusst bin«, versicherte Irene. »Warum zögern Sie also?« »Vielleicht«, warf Qing Song ein, »weil sie nicht die Art von Frau ist, die sich einschüchtern lässt.« »Ich bin nicht diejenige hier, die Drohungen ausspricht«, gab Jin Zhi zurück, und man hörte jetzt deutlich den Unterton von Gift, der dem süßen Honig beigemischt war. »Sie schwebt in Gefahr, aber ich bin es nicht, der sie in Gefahr gebracht hat.« »Ein vernünftiger Mann zügelt sein Temperament«, sagte Qing Song. »Selbst, wenn sie mich beleidigt, indem sie mein Angebot ausschlägt, werde ich mich nicht wie ein Kind benehmen.« Aus irgendeinem Grund führte diese Bemerkung dazu, dass sich Jin Zhis graziöse Haltung versteifte. Sie zuckte unmerklich zusammen, und das Glas in ihrer Hand zersprang in Stücke. Flüssigkeit rann ihr über die Finger, und ganz kurz war die Haut darunter konturiert … wie von Schuppen. »Sie haben wohl nichts anderes im Sinn, als an alte Unhöflichkeiten zu erinnern.« »Und Sie haben anscheinend nichts anderes im Sinn, als diese Unhöflichkeiten eins zu eins zu wiederholen.« Auch Qing Songs Ton war nun feindlich. Irene spähte in die Spiegelung des Raums in der Fensterfront. Die Männer hinter ihr befanden sich in unveränderter Position. Aber sie achteten jetzt zweifellos gänzlich auf Qing Song und Jin Zhi. Und die beiden Streithähne schenkten ihr nicht die geringste Beachtung. Leider war es nur eine Frage der Zeit, bis die Drachen sich ihr zuwenden und eine Entscheidung verlangen würden. Sie hätte Angst empfinden müssen, nein, Irene sollte verflucht noch mal außer sich sein vor Furcht. Doch bezeichnenderweise war es Zorn, der in ihr aufstieg. Wenn Jin Zhi dasselbe Spiel spielen wollte wie Qing Song – Benutz die Bibliothekarin, wie es dir gefällt! –, dann würde Irene es bei ihr genauso machen wie bei ihm. Schließlich waren es die beiden Drachen, die gegen die hochheiligen Prinzipien des Wettkampfs verstießen. Wenn sie sich dadurch erpressbar machten, war das ihre eigene Schuld. Außerdem wurde es höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Sie machte einen Schritt. Qing Song und Jin Zhi hefteten sofort ihre Blicke auf sie. »Madam. Sir. Bevor wir auf diese Art weitermachen, möchte ich ein für alle Mal klarstellen, dass die Bibliothek von meinem Aufenthalt und meinen Ermittlungen hier unterrichtet ist. Sie können mich nicht verschwinden lassen. Wie mächtig Ihre Stellung und wie hochrangig Ihre Familie auch sein mag.« »Wie oft muss ich es noch sagen?«, versetzte Qing Song. »Es geht mir nicht um diese Art der Drohung.« »Dann lassen Sie uns darauf einigen, dass jeder in diesem Raum mich auf die ein oder andere Weise bedroht«, sagte Irene. Der Moment war gekommen, dachte Sie. Der Moment, ihre Tarnung auffliegen zu lassen. »Und mein Name ist nicht Marguerite.« Jin Zhi presste sich überrascht zurück in die Polster. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Irene sich selbst verraten würde. Sekundenlang überlagerte Verwirrung die übliche, berechnende Miene. Qing Song hingegen beugte sich vor. Seine Finger gruben sich in die Sessellehne. In der gesamten Suite hoben die Wölfe ihre Köpfe und hefteten ihre gelben Augen auf Irene. »Sie haben mich belogen?«, fragte er. Der Unterton in seiner Stimme klang wie ein Sturm, der durch einen dichten Wald fegte. »Es wird Sie überraschen zu erfahren, dass ich nicht ganz ehrlich zu Ihnen war«, nutzte Irene Qing Songs Worte von zuvor. Sie sah zu, wie sein Mund sich verzog. »Und ebenso wenig mit Hu. Ich bin in diese Welt gekommen, um Nachforschungen über den Verbleib meines Kollegen von der Bibliothek anzustellen. Evariste. Ich nehme an, Sie kennen den Namen?« Qing Song schwieg. Irene nahm die neue Kälte wahr, die sich in ihre eigenen Worte schlich. »Wir wissen über Ihre Abmachung mit ihm Bescheid.« Eine Andeutung huschte über das Gesicht von Jin Zhi, eine Ahnung, die sich nun bestätigt hatte. Irene fragte sich, was diese Ahnung überhaupt ausgelöst hatte. Wie hatte sie davon erfahren? »Er wurde vorübergehend aus dem Verkehr gezogen.« »Aus dem Verkehr?« Qing Song zögerte. »In Gewahrsam genommen, sagen wir es so.« Irene schaute auf ihn hinunter. »Für eine Untersuchung, die sich unter Umständen lange hinziehen kann. Möglicherweise wird sie sich auch auf Mitglieder seiner engsten Familie erstrecken. Es wäre natürlich ungünstig, wenn sich die Nachforschungen der Bibliothek im selben Zug auch Ihren familiären Verbindungen zuwenden würden. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie eine ganze Reihe wichtiger Grundsätze missachtet und Regeln gebrochen haben.« Das traf Qing Song unerwartet. Die Sessellehne knarrte, als er die Hand noch tiefer hineingrub. Seine Fingernägel drangen ins Leder, und Irene konnte das schuppenartige Muster auf seiner noch menschlichen Haut ausmachen, wie es über seinen Handrücken und über sein Gesicht flackerte. Es war smaragdgrün, tief und kräftig wie die Blätter eines Stechpalmenzweigs. Zugleich war sein Zorn in der Luft spürbar. Eine schwüle Schwere wie vor einem Erdbeben. »Sie – wie können Sie es wagen, meine Familie zu bedrohen …« »Sie werden die Geisel freilassen, die Sie gekidnappt haben«, fiel Irene ihm ins Wort. »Und als Gegenleistung werde ich Ihre Taten vertraulich behandeln. Auch werden Sie jegliche Versuche, Rache an Evariste zu nehmen, fallen lassen.« Sie trat vor. Angesichts von Qing Songs machtvoller Aura fing ihr Bibliothekssiegel bis über ihre Schultern an zu glühen. Aber der Zorn, der in ihr selbst aufgestiegen war, brannte noch heller und heißer. »Das ist das einzige Angebot, das ich Ihnen machen werde. Und ich rate Ihnen, es anzunehmen.« »Sagen Sie mir Ihren Namen«, grollte Qing Song. In seinen Augen flackerte rotes Licht. »Ich werde ihn eine lange Zeit nicht vergessen.« »Irene«, offenbarte sie ihm. »Manche Leute nennen mich Irene Winters.« Hus Arm schlang sich von hinten um ihren Hals. Er drückte zu, sodass sie keine Luft mehr bekam. Mit der anderen Hand packte er ihr rechtes Handgelenk und bog ihr den Arm auf den Rücken, als sie gerade anfangen wollte, die Sprache zu benutzen. Sie schnappte nach Luft. Es misslang. »Herr«, sagte Hu, »sie lügt.« ZWANZIGSTES KAPITEL »Ganz vorsichtig«, sagte der Mann, der die Träger anleitete. Er klopfte gegen die Kiste, in der Evariste und Kai kauerten. »Das da drin ist von unschätzbarem Wert. Ihr Jahreseinkommen, meine Herren, ist nichts dagegen.« Kai hörte, wie die Träger ein zustimmendes Ächzen von sich gaben. Für einen Moment erwartete er, dass die holprige Tour in der Kiste sich beruhigen würde. Falsch gedacht. Die vergangenen Stunden hatten aus einer frustrierenden Abfolge von Schritten im Gänsemarsch bestanden. Und die ganze Zeit hatte ihnen ein unsichtbarer Countdown im Nacken gesessen wie eine brennende Lunte. Zunächst hatten sie eine Kneipe finden müssen, die verschwiegen genug war, dass man dort die passenden Männer fand. Danach mussten sie diese Männer überzeugen, dass Kai sich selbst und einen Freund wegen einer Art Wette ins Metropolitan Museum of Art verschicken wollte – als neues und kostbares Ausstellungsstück. Ein dicker Batzen Geld, der als Belohnung winkte, half bei dieser Überzeugungsarbeit enorm. Doch das Ganze hatte viel Zeit gekostet, und es war bereits vor Sonnenaufgang, als sie endlich in der Kiste saßen. »Was haben wir denn hier?«, wollte eine Stimme wissen. Wahrscheinlich ein Mann vom Sicherheitsdienst des Museums, wie Kai vermutete. Es entstand eine Pause. Der Anführer der Kistenträger kramte in seiner Tasche. »Ein Satz wertvoller Skulpturen aus der Ming-Dynastie«, las der Mann von dem Zettel ab, den Kai ihm geschrieben hatte. »Zustellort sind die Arbeitsräume von Professor Jamison. Dabei ist auch noch ein Brief für den Professor.« Wieder Stille. Kai unterdrückte den Drang aufzuspringen, den Deckel von der Kiste zu stoßen und die Umstehenden zu fragen, ob es noch den ganzen Tag dauern würde, sie beide nach drinnen zu schaffen. »Tja, wenn es so angeordnet ist«, meinte der Sicherheitsmann. Für Kais Geschmack hatte er viel zu lange geschwiegen. »Bringen Sie die Kiste rauf. Professor Jamison sitzt im dritten Stock. Einfach an der Asien-Ausstellung vorbei. Ich schicke Ihnen Peters mit, damit er ihnen alles zeigt. Der Professor ist nämlich gerade beim Mittagessen. Müsste allerdings bald zurück sein.« Fünf Minuten darauf stand die Kiste im Büro von Professor Jamison. Kai lauschte, wie die Tür von außen geschlossen wurde. Schritte entfernten sich den Gang hinunter. Er wartete weitere fünf Minuten, ehe er Evariste neben sich anstieß. Der Junge war so nervös, dass er ganz steif in der engen Kiste hockte. »Jetzt«, flüsterte Kai. »Oh, Gott sei Dank«, murmelte Evariste. »Kistenverschlüsse, löst euch. Kistendeckel, hebe dich zur Seite.« Kai streckte sich mit einem erleichterten Seufzer. Er fasste den Deckel am Rand und schob ihn gänzlich zur Seite. Dann sah er sich in dem Büroraum um. Es handelte sich um mehrere Zimmer – eines war das eigentliche Büro, die anderen waren früher wahrscheinlich einmal Vorzimmer gewesen und dienten jetzt als Lagerräume. In beiden stapelten sich Aufzeichnungen und Dokumente in großer Unordnung. Der schwache Geruch von gammligem Käse ließ darauf schließen, dass in dem Meer aus Papier bereits das ein oder andere Sandwich verlorengegangen und nie mehr aufgetaucht war. Evariste rieb sich das Kreuz. Er ließ den Blick schweifen. »Mist«, presste er gedämpft hervor. »Wir haben nie und nimmer genug Zeit, das alles zu durchsuchen. Das Buch könnte überall sein.« »Dann schlage ich vor, wir fangen so schnell wie möglich an«, sagte Kai. Er stellte sicher, dass die Tür abgeschlossen war. »Bevor Professor Jamison von seiner Mittagspause wiederkommt.« »Falls er überhaupt noch auftaucht.« Evariste sah auf die Uhr. »Es ist schon fast fünf.« »Je länger er weg ist, desto besser.« Sie pflügten durch das Chaos. Dabei improvisieren sie, so gut es ging, indem sie so schnell wie möglich alles prüften, was ihnen unter die Finger kam. Was nicht weiter interessant aussah, kam auf einen großen Haufen in der Mitte des Raums. Als sie nichts fanden, machten sie sich daran, die beiden kleineren Räume zu durchwühlen. Das war der Moment, da sie Schritte näher kommen hörten. Die Tür schwang auf. Ein älterer Mann betrat das Büro. Er hatte die Tür bereits geschlossen und den Hut abgenommen, ehe er merkte, in was für einem Zustand sein Zimmer war. »Was ist denn …«, begann er. Kai presste ihm die Hand vor den Mund, mit der anderen packte er sein Handgelenk. »Kein Wort«, warnte er. Der Mann machte keine Anstalten mehr zu sprechen. Kai und Evariste bugsierten ihn durch das Büro und setzten ihn in einen der Stühle. Sie fesselten ihn mit seiner eigenen Krawatte an die Lehne. Danach verriegelte Kai von innen die Tür. Er kam sich etwas niederträchtig vor. »Ich weiß, dass Sie jetzt wahrscheinlich in großer Sorge sind Professor – Sie sind doch Professor Jamison, nicht wahr?« »So ist es«, antwortete der Mann. Er blickte sie an, die pure Faszination im Blick. Seine grauen Haare wichen einer sich ausbreitenden Glatze, die Nase war rot und fleischig. Sie ließ vermuten, dass sein Mittagessen zumindest teilweise aus etwas Alkoholischem bestanden hatte. »Aber sagen Sie mir bitte – gehören Sie zu den Tongs?« »Nein«, antwortete Kai leicht irritiert. »Dann haben die Triaden Sie geschickt?« »Auch nein.« »Die Yakuza?« Der Professor blickte zu Evariste. »Der Geheimbund der Leopardenmenschen?« »Bestimmt nicht«, sagte Kai. »Erwarten Sie denn all diese netten Leute?« »Ich rechne schon eine Weile damit, dass jemand kommt«, erklärte der Professor düster. »Das ist nun mal die logische Konsequenz, wenn man autochthonen Völkern permanent seltene und wertvolle Artefakte wegnimmt. Unserer amerikanischen Gier zu frönen und dabei die Würde und die Selbstachtung der betreffenden Menschen zu untergraben, das kann mittel- bis langfristig nur Schwierigkeiten bringen …« »Wenn Sie das glauben«, warf Evariste ein, »wieso arbeiten Sie dann hier?« Professor Jamison schluckte. »Man muss nun mal seinen Lebensunterhalt verdienen, mein Junge. Und der Arbeitsmarkt ist ziemlich überschaubar, ausgenommen, Sie sind im Bereich Alkoholschmuggel tätig.« »Zurück zum Thema«, sagte Kai. »Wenn Sie sich ruhig verhalten, sind wir schnell wieder draußen und lassen Sie in Ruhe. Vorausgesetzt, wir finden, was wir suchen …« »Und was wäre das?«, wollte der Professor wissen. »Wenn Sie es mir sagen, kann ich Ihnen vielleicht helfen.« Es wirkte etwas zu einfach. Kai spähte zu Evariste hinüber und fing sein unmerkliches Kopfschütteln auf. Er traute dem Mann ebenfalls nicht. »Wir kommen schon zurecht«, gab er an Jamison gewandt zurück. »Na gut«, sagte dieser. »Ich schätze, ich kann Sie nicht davon begeistern, gleich Staub zu wischen, wenn Sie die ganzen Bücher herumräumen? Ist schon eine Weile her, dass die Putzkolonne hier durchgekommen ist.« »Nein«, stellte Kai klar. Staubwischen war etwas für Bedienstete und einfache Angestellte. Er winkte Evariste zum ersten der beiden Lagerräume. Kai selbst wollte den zweiten in Angriff nehmen. Doch etwas versetzte seine Sinne in Alarmbereitschaft. Der Professor hatte seinem Gefühl nach zu schnell eingelenkt. Gut möglich, dass er einfach feige war. Oder betrunken. Oder … Er erwartete, dass gleich jemand kam, der ihnen das Handwerk legen würde. »Tut mir wirklich leid«, sagte Kai. Er zog dem Professor das Taschentuch aus der Brusttasche seines Jacketts und stopfte es ihm in den Mund. »Ich werde mich später ausgiebiger entschuldigen, falls sich herausstellt, dass das hier unnötig war.« Schritte kamen von draußen. Es wurde am Türknauf gerüttelt. Gleich darauf rief eine weibliche Stimme: »Professor Jamison?« Evariste huschte zur Schwelle des Lagerraums und blickte Kai entsetzt an. Kai schloss auf und öffnete die Tür einen Spalt weit. Glücklicherweise schaffte er das auf eine Weise, so dass der gefesselte und geknebelte Professor von draußen nicht zu sehen war. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Kai. Die schmale junge Frau auf dem Flur trug einen baumwollenen Arbeitskittel über ihrem königsblauen Anzug. Sie hatte ein Paar weiße Baumwollhandschuhe in der Hand. »Ich komme für Professor Jamison«, sagte sie. »Wegen der Archivarbeit.« »Ich fürchte, der Professor ist momentan indisponiert.« »Indisponiert?«, fragte die Frau. »Ich wurde nicht darüber informiert, dass er krank ist.« »Er hat ein langes Mittagessen hinter sich. Ein sehr langes, um genau zu sein«, bekräftigte Kai. Er fragte sich in Gedanken, wie weit er gehen konnte, um einen Vollrausch anzudeuten, ohne ihn in genaue Worte zu fassen. »Er musste sich erst einmal hinlegen.« Aus dem Raum drang ein leises Röcheln. Wahrscheinlich versuchte der Professor, mit dem Knebel im Mund zu sprechen. Es konnte gut als Schnarchen durchgehen. »Hören Sie das?«, sagte Kai. »Und er hat sich bei dem Ganzen auch noch eine Magenverstimmung zugezogen.« Die Frau verdrehte die Augen. »Jetzt hören Sie mir mal zu«, begann sie. »Es ist mir völlig egal, ob der alte Säufer wach ist, ob er schläft oder vielleicht kaum auf den eigenen Beinen stehen kann. Ich brauche die Ausgabe von Melchetts Anmerkungen zur Geschichte der drei Reiche, die er hier liegen hat. Wenn Sie mich also freundlicherweise durchlassen würden …« Sie steckte den Kopf durch die Tür und blickte in den Raum. Ihre Augen weiteten sich. Still fluchend zog Kai sie an der Schulter ins Büro und fuhr herum. Mit dem Fuß kickte er die Tür zu. Eine freie Hand hatte er bereits fest auf ihren Mund gelegt. »Evariste«, sagte er. »Holen Sie noch einen Stuhl.« »Wir können nicht so weitermachen«, protestierte der Bibliothekar. »Bald sind keine Stühle mehr da.« »Hoffen wir einfach, dass es nicht noch weitere unangekündigte Besucher gibt.« Die Frau wehrte sich in Kais Armen. »Machen Sie keinen Lärm, dann knebeln wir Sie nicht. Wir suchen bloß ein Buch. Wir wollen niemandem etwas tun.« Die Frau entspannte sich ein bisschen. Als Evariste ihre Hände an den zweiten Stuhl fesselte – diesmal mit seiner eigenen Krawatte – fragte sie: »Hat Lucky George Sie geschickt?« »Mag sein«, sagte Kai. »Falls dem so wäre, könnten wir es schlecht verraten, richtig? Sie wissen, wie so etwas läuft.« »Stimmt.« Sie nickte dem Professor zu. Der kämpfte immer noch mit dem Knebel in seinem Mund. »Lassen Sie mich raten. Er war wieder auf der Pferderennbahn, und Sie sind hier, um seine Schulden einzustreichen.« »Wir sind bald wieder hier raus«, sagte Kai, um die wachsende eigene Nervosität zu überspielen. Wie viele Leute würden noch an diese Bürotür klopfen, während sie alles auf den Kopf stellten, um dieses Buch zu finden? Vielleicht kam auch jemand, um nachzusehen, wo die Frau blieb … »Einen Moment mal.« Er ging zu Professor Jamison und nahm ihm das zusammengeknüllte Taschentuch aus dem Mund. Auf einem Knie hockend, wandte er sich ihm zu. »Wir wollen das hier genauso schnell hinter uns bringen wie Sie. Deshalb wäre es doch besser, wenn Sie kooperieren, meinen Sie nicht? Wo ist die Pemberton-Sammlung?« »Die was?« Professor Jamisons Begriffsstutzigkeit klang nicht im Mindesten überzeugend. »Der Nachlass von Richter Pemberton aus dem Jahr 1899«, erklärte Kai, »für den Sie zuständig sind.« »Ach die Sammlung«, sagte der Professor. Er setzte eine verdatterte Miene auf. »Jetzt, wo Sie es sagen. Ich glaube, sie befindet sich im Kloster. Sie wissen schon. Draußen im Fort Tryon Park …« Es war ein mutiger Versuch, musste Kai zugeben. Ihm lag nichts daran, einem der Gefangenen ein Haar zu krümmen. Sie hatten es nicht verdient. Und in Kai wehrte sich jede Faser seines Körpers gegen den Einsatz von Gewalt, um ein unschuldiges Pärchen dazu zu bewegen, Informationen preiszugeben. Aber was konnte er dann tun? Plötzlich erinnerte er sich daran, was die Frau vorher gesagt hatte. Ihm kam eine Idee. Er trat an den Schreibtisch. Das Telefon war halb unter Schmierpapier und Dokumenten vergraben. »Wirklich bedauerlich, dass ich das jetzt tun muss«, ließ er Evariste wissen. »Tja, das ist es«, gab Evariste zurück, allerdings mit leichter Verunsicherung in der Stimme. »Wir müssen diesen Leuten doch bestimmt nicht wehtun«, schob er nach. »Oder?« Qing Song oder Hu hätten davor nicht zurückgeschreckt, überlegte Kai. Und nun schätzte Evariste ihn genauso ein wie diese beiden, nur weil er ein Drache war. Überraschenderweise fühlte er sich gekränkt. »Sie haben recht«, sagte er, »rufen wir den Boss an und fragen ihn, was er davon hält; wie er vorgehen würde. Denn anscheinend sind diese beiden Zeitgenossen hier nicht bereit, freiwillig etwas von sich zu geben.« »Das ist echt bedauerlich«, sagte Evariste mit wachsendem Nachdruck. »Du weißt ja, wie er ist, der Boss. Wenn er seinen Willen nicht kriegt … Junge, Junge. Aber immerhin sind’s nicht wir, dem er an den Kragen gehen wird.« Der Professor und die Frau waren bleich geworden. Sie fand als Erste ihre Stimme wieder. »Geht es Ihnen einfach nur um die Sammlung Pemberton?«, fragte sie. »Und mehr nicht?« »So ist es«, versicherte Kai. »Den Rest schaffen wir allein.« »Dann müssen Sie runter in den Keller«, teilte sie ihm mit. »An der Rezeption vorbei, dann die zweite rechts. Es ist ausgeschildert mit ›Asiatische Kunst‹. Sie müssen in den dritten Raum links. Rechts neben dem Eingang finden Sie das Verzeichnis, es hängt an einem Schrank.« »Maria!«, rief der Professor aus. Der schuldbewusste Unterton in seiner Stimme verriet, dass auch er kurz davor gestanden hatte, das Geheimnis zu verraten. »Na also, geht doch«, sagte Kai. »Bedauerlicherweise werden wir Sie hierlassen müssen. Der Sicherheitsdienst wird Sie wohl finden, wenn er seine letzte Runde dreht.« »Aber … das Museum schließt erst um neun Uhr abends!«, sagte die Frau. »Glauben Sie mir«, sagte Kai. Er trat hinter sie und stopfte auch ihr ein dickes Taschentuch in den Mund. »Es hätte schlimmer ausgehen können.« Es ging auf sechs Uhr zu, als sie die Treppe des Museums hinunter ins Kellergeschoss eilten, nachdem sie noch ein ›Bitte nicht stören‹-Schild an die Bürotür von Professor Jamison gehängt hatten. Die Besucherströme, die die Ausstellungsräume füllten, lichteten sich bereits, und durch die hohen Fenster drang das Abendrot. Die Wände der Räumlichkeiten waren wie überhaucht vom Licht des Sonnenuntergangs. »Ehrlich gesagt, es überrascht mich, dass sie Die Reise nach Westen nicht längst in einer Vitrine für die Besucher ausgestellt haben«, sagte Kai leise. »Wenn man sich die übrigen Klassiker ansieht, die hier gezeigt werden.« Er redete bewusst in beiläufigem Plauderton. »Der Beschreibung im Museumskatalog nach zu urteilen ist es zweifelhaft, ob die Ausgabe in ausreichend gutem Zustand ist, um ausgestellt zu werden«, erklärte Evariste. »Wenigstens müssen wir nicht verraten, wo wir sie herhaben.« Kai tippte an seinen Hut, als ihn eine junge Frau anlächelte. Evariste bedachte ihn mit einem Ausdruck milden Entsetzens. »Es gefällt Ihnen anscheinend, sich laufend neue Probleme einfallen zu lassen, wie das Ganze noch schlimmer werden könnte. Wie sollen wir Qing Song beweisen, dass es das richtige Buch ist, ohne ihm zu verraten, wo wir es herhaben?« »Irene wird sich schon etwas einfallen lassen«, beruhigte Kai ihn. »Sie kann überzeugend sein.« »Das glaube ich«, murmelte Evariste. »Sie hat uns schließlich auch dazu gekriegt, das hier zu tun.« Die Loyalität seiner Lehrmeisterin gegenüber verlangte eigentlich, Evaristes Bemerkung nicht unkommentiert zu lassen, aber Kai fiel leider nichts Passendes ein. Die in den Keller führenden Fahrstühle waren halb hinter enormen Stellwänden verborgen, die mittelalterliche byzantinische Gemälde zeigten. Diese Wände erstreckten sich gleich über mehrere Ausstellungsräume. Die Fahrstühle selbst sahen wie Kunstwerke aus. Ihre Fronten waren aus poliertem Messing gefertigt, die Türen aus dunklem Holz. Der Keller hingegen folgte allein funktionalen Gesichtspunkten, denn hier brauchte es hauptsächlich Lagerplatz. Auch die Wände waren schlicht weiß gekachelt. Im Moment saß ein einziger Empfangsgehilfe an der Keller-Rezeption des Archivs. Kai hielt sich einen Schritt hinter Evariste, um ihm den Vortritt zu lassen. »Guten Abend«, grüßte Evariste höflich. »Wir wurden von Professor Jamison geschickt. Wir sollen ein paar Texte aus der Ausstellung asiatischer Kunst holen.« Der Empfangsgehilfe schnaubte. Er war ein dünner Mann mit einem Kinn, das spitz wie ein Felsvorsprung herausstand. Seine Augen sahen wachsam und gerötet aus. In Reichweite seines Arms befand sich ein Alarmknopf. »Zugangserlaubnis gibt es nur am Pult im Erdgeschoss«, sagte er. »Es darf sowieso nur promoviertes Personal in diese Archive. Wenn Sie nur etwas nachschauen wollen, brauche ich Ihre vollen Daten zum Abgleich. Und ich muss mindestens zwei oder mehr Erlaubnisschreiben Ihres zuständigen Professors sehen. Das hier ist schließlich keine Bibliothek.« »Aber ich bin promoviert«, sagte Evariste. »Ich habe meinen Abschluss in …« »Harlem gemacht?«, versetzte der Empfangsgehilfe. »Sparen Sie sich das, Junge. Nicht bei mir. Ich kenne Leute wie Sie.« Evariste presste die Lippen zusammen. In seinen Augen erschien ein böswilliger Ausdruck. »Du nimmst wahr, dass ich dir meine vollständigen Ausweispapiere und sämtliche Dokumente vorgelegt habe, die du sehen musst, um mich ins Archiv zu lassen.« Der Empfangsgehilfe zog die Stirn kraus. »Sie können mir so viele Zettel zeigen, wie Sie wollen, Kleiner. Aber Sie werden nicht durch diese Tür da gehen, ehe ich nicht mit meinem Chef geredet habe. Der weiß, wie er mit Typen wie Ihnen umspringen muss.« Er griff nach dem Telefon. Anscheinend hatte die Sprache einen Einfluss auf seine Wahrnehmung, konnte aber nichts an den Vorurteilen ändern, die er sich über die Menschen machte. Evariste warf Kai einen Blick zu. Seine Miene forderte die Anwendung von Gewalt heraus. Kai trat einen Schritt vor, und seine Finger schlossen sich um das Handgelenk des Gehilfen. Der Mann schnappte nach Luft, als Kai auch schon seine freie Hand in seinen Nacken sausen ließ. Der Gehilfe erschlaffte und sackte stumm vornüber auf die Tischplatte. »Tut mir leid«, sagte Evariste achselzuckend. Die Entschuldigung klang nicht richtig ernst gemeint. »Ich denke, wir sollten ihn am besten direkt hier fesseln und irgendwo hinbringen, um ihn zu verstecken. Kai dachte nach. »Wenn wir das machen, dann löst die erste Person, die entdeckt, dass er nicht mehr an seinem Platz sitzt, den Alarm aus. Ich schätze, er wird etwa eine halbe Stunde bewusstlos sein …« Kai setzte den Oberkörper des Gehilfen aufrecht hin und drückte ihn sanft gegen die Lehne. Seine Hände faltete er über dem Bauch zusammen. Zum Schluss griff er unter das Pult und riss die Drähte heraus, die den Alarmknopf mit dem Stromkreislauf verbanden. »Das sollte uns etwas Zeit geben.« Schon beim ersten Schritt in das Archiv sahen sie, dass sie jede Sekunde, die sie zusätzlich bekamen, bitter benötigen würden. Kai war der Frau namens Maria dankbar, dass sie ihnen den Weg so ausführlich beschrieben hatte. Aber selbst jetzt, hier angekommen, standen sie vor einer Herkulesaufgabe. Das Archiv war riesig. Den Gedanken, dass die Sammlung eines Museums so umfangreich war, fand Kai zwar eigentlich erfreulich, doch als er jetzt davorstand, alles durchsuchen zu müssen, um ein einzelnes Buch zu finden, war er nicht mehr ganz so begeistert über die Bewahrung der Kultur. »Wäre mir lieber gewesen, wenn wir nachts gekommen wären«, sagte Evariste. Sie eilten durch die Korridore. »Wir könnten jederzeit jemandem über den Weg laufen.« Kai nickte. »Tja, die Möglichkeit zu warten gab es leider nicht.« Er malte sich die fiebrige Geschäftigkeit der Großstadt über ihnen aus, das beständige Treiben, das Kommen und Gehen an jeder Straßenecke. Und er dachte an Irene, die durch diese Metropole taumelte wie ein Schmetterling, der vor einem Rudel Wölfe flieht – nun, der Vergleich war vielleicht nicht ganz zutreffend. Kai runzelte die Stirn. »Wovor haben Schmetterlinge Angst?«, fragte er laut. Evariste spähte ihn von der Seite an. »Was zur Hölle soll denn das jetzt?« Kai erwiderte entnervt den Blick. »Ich suche nach einer passenden Metapher«, sagte er. Wenige Minuten darauf öffneten sie einen kleinen Schrank, der in der Ecke eines der Räume stand. Die Bücher darin waren sorgsam sortiert, wie bei einem Kinderspiel, bei dem unterschiedlich geformte Blöcke ineinander passen müssen. Die Person, die hierfür zuständig war, hatte viel Aufmerksamkeit darauf verwendet, keines der Bücher zu beschädigen oder anzustoßen. Zugleich war es nötig gewesen, jeden Millimeter Platz zu nutzen. »Und jetzt aufgepasst«, sagte Evariste, der wie aus dem Nichts die Führungsrolle übernahm. Er holte die Bücher vorsichtig heraus und legte eines nach dem anderen sachte auf einen Tisch. »Nein, das nicht, das hier auch nicht … Moment … da sind sie. Sechs Bände. Alle beisammen.« Die Bände, die er herauszog, waren in keiner guten Verfassung. Kai sah sofort den Grund, warum das Museum dafür plädiert hatte, seine Ausstellungsflächen für andere, kostbarer erscheinende Bücher zu nutzen. Als er jedoch eines der Bücher aufschlug und vorsichtig darin blätterte, entfloh ihm ein erleichterter Seufzer: Die Seiten waren einwandfrei. Sie saßen fest in der Bindung, das vergilbte Papier bröckelte nicht, und es gab auch keine Spuren der Beschädigung durch Schimmel oder Schädlinge. Sogar die Tinte war noch kräftig und gut lesbar. Kai holte tief Luft, um Evariste für seinen Fund zu beglückwünschen, als der elektrische Alarm losschrillte. Es war ein helles Kreischen, das in der Stille des Archivs ohrenbetäubend wie eine Kreissäge klang, die sich durch Hartholz frisst. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Hus Arm lag wie eine Schraubzwinge um Irenes Hals. Sie konnte weder atmen noch sprechen und musste an den unangenehmen Moment denken, als sie bei Evariste dasselbe getan hatte. Wenig hilfreiche Gedanken über poetische Gerechtigkeit wirbelten in ihrem Verstand umher. Sie versuchte, die Finger ihrer freien Hand unter Hus Arm zu schieben und ihn wegzuheben. Dann trat sie ihm auf die Füße, legte ihr ganzes Körpergewicht in jeden Tritt. Als das nichts brachte, trat sie nach hinten aus, genau auf der Höhe seiner Kniescheiben. Alles, was sie damit erreichte, war das zweifelhafte Vergnügen, ihn hinter sich grunzen zu hören. »Herr«, sagte er wie durch zusammengebissene Zähne. »Sie haben die übriggebliebene Dosis für den anderen Bibliothekar vorgesehen, aber unter den gegebenen Umständen …« »Sehr wahr«, befand Qing Song. Er stand auf und griff in eine Tasche seines Jacketts. Was immer er hervorholen wollte, konnte nichts Gutes bedeuten. Die Panik, die sie überfiel, gab ihr neue Kraft, wie Sauerstoff, der ein Feuer anfacht. Sie probierte, ihr Bein hinter das von Hu zu haken, doch der verlagerte sein Gewicht bloß. Und er musste einfach nur ihren Arm ein Stück nach oben biegen, und schon hatte er sie auf den Zehenspitzen, hilflos und von Schmerzen erfüllt. Irenes Sehfeld verringerte sich. Grelle Blitze zuckten vor ihren Augen. Qing Song stand plötzlich vor ihr und presste etwas Kaltes auf ihre Lippen. Als würde er einem seiner Wölfe ein Medikament verabreichen … Mit schwindendem Bewusstsein und letzter Kraft bemühte Irene sich darum, ihre Lippen fest aufeinanderzupressen. Doch Hu löste die Umklammerung ihres Halses, woraufhin sie instinktiv Atem holte. In heftigen Zügen sog sie die Luft ein. Dann spürte sie auch schon die kühle Flüssigkeit, die ihre Kehle hinabrann. Sie verschluckte sich, bei Bewusstsein gehalten durch panische Atemzüge. Als der Raum wieder deutlicher zu sehen war, begriff sie, dass Hu ihre Kehle losgelassen hatte. Er sprach mit einem der Gangster. Je mehr sie von dem mitbekam, was er sagte, desto beunruhigender klang es. »… Handschellen?« »Solche Mittel überlassen wir normalerweise der Polizei, Mr Hu«, entgegnete der Gangster. »Dann halten Sie sie einen Moment fest. Ich bezweifle, dass sie Ihnen noch Probleme bereiten wird.« Daraufhin wurde auch ihr freier Arm gepackt und auf ihren Rücken gedreht. Jetzt steckte sie endgültig in dem fixierenden Griff. Qing Song begutachtete sie, und Hu trat vor sie. »Sie werden keine Schwierigkeiten mehr machen, habe ich recht, Miss Winters?« Irene öffnete den Mund, um zu antworten. Es kam kein Ton heraus. Ihr Hals fühlte sich taub an. Sie probierte, Worte zu bilden, konnte aber keinen Laut von sich geben. Die Sprache, begriff sie, stand ihr nicht länger zur Verfügung. Aus schierer Panik heraus fing sie an, sich im Griff des Gangsters zu winden, bis der Verstand ihr sagte, dass es besser war aufzuhören. Die Angst aber blieb. Sie fühlte sich auf eine Weise hilflos, die sie nie zuvor erlebt hatte. »Wo haben Sie das her?«, fragte Jin Zhi und deutete auf das Fläschchen, das Qing Song wieder in die Tasche seines Jacketts gleiten ließ. »Ich dachte, es wäre allein … ganz besonderen Fällen vorbehalten.« Wie zum Beispiel einer ganz besonderen Bibliothekarin?, überlegte Irene. Vermutlich sollte es sie nicht weiter überraschen, dass die Drachen bei Hofe eine spezielle Substanz entwickelt hatten, um Bibliothekare aus dem Verkehr zu ziehen. Dennoch blieb eine beunruhigende Erkenntnis. Für den Moment war Irene jedoch mehr an der Frage interessiert, wie lange die Wirkung anhielt. Sie konnte theoretisch noch immer in der Sprache schreiben. Allerdings nicht, wenn sie ihre Hände nicht zu bewegen vermochte. Qing Song ignorierte Irene ebenso wie Jin Zhis Frage. »Die dringendste Frage ist, was als Nächstes getan werden muss. Hu, Sie meinten, die Frau hätte gelogen, als sie sagte, die Bibliothek wisse von ihrem Aufenthalt hier.« »Herr, sie stand den größten Teil des Tages unter strengster Bewachung.« Er strich sich unauffällig das Jackett glatt, das vom Kampf mit Irene in Mitleidenschaft gezogen worden war. »Wenn Sie bei ihrer Ankunft in Boston oder in New York über alles im Bilde gewesen wäre, hätte sie sich anders verhalten. Wenn sie lediglich vorgehabt hätte, Ihnen zu sagen, dass Sie die anderen beiden Bibliothekare in Ruhe lassen sollen, dann wäre sie doch direkt hierhergekommen. Wir hätten sie nicht mit all dem Aufwand erst herbringen müssen. Darüber hinaus ist eines bestätigt worden: Sie ist eine schamlose Lügnerin. Sie würde Ihnen alles erzählen, um freizukommen. Wir dürfen ihr kein Wort glauben.« Zeig mir auch nur eine einzige Person in diesem Raum, die hier heute die Wahrheit gesagt hat, dachte Irene verbissen. Abgesehen von den Wölfen. Und diesen Wache stehenden Schlägertypen. »Fürwahr«, sagte Jin Zhi. »Was aber ist mit Ao Guangs Sohn? Es ist bekannt, dass sie an seiner Seite Dienst tut. Vielleicht ist er ebenfalls in die Sache verwickelt. Und dann ist da noch der zweite Bibliothekar.« Qing Song trat an sie heran. »Sie scheinen eine Menge über meine Angelegenheiten zu wissen«, sagte er. »Machen Sie sich nicht lächerlich«, versetzte Jin Zhi etwas zu hastig. »Immerhin habe ich die letzten fünf Minuten hier gestanden und zugehört. Mir ist nicht entgangen, was sie gesagt hat. Sie hatten einen Bibliothekar unter Ihrer Kontrolle. Sie hat ihn Ihnen abgejagt. Und jetzt haben wir wieder eine von denen. Doch sie ist nicht im Mindesten bereit, mit uns zu kooperieren – noch nicht, jedenfalls. Es besteht sogar die sehr viel schlimmere Möglichkeit, dass sie bereits mit jemand anderem zusammenarbeitet.« Nur, dass das nicht ganz richtig ist, stimmt’s?, schoss es Irene durch den Kopf. Selbst wenn es Qing Song entgangen ist – sie kann all das unmöglich in den letzten Minuten herausgefunden, geschweige denn mitgehört haben. Und seltsamerweise wusste sie zwar von Qing Songs Handel mit dem ersten Bibliothekar, hat aber bis eben keinen Schimmer davon gehabt, dass Evariste geflohen ist. Qing Song zögerte, als er Jin Zhis Worte hörte. »Das meinen Sie doch nicht ernst?«, sagte er. Jin Zhi fuhr fort: »Was, wenn Ao Guang Einfluss darauf nehmen möchte, wer von uns beiden erwählt wird? Wenn er einem von uns das Buch anbieten will, im Tausch gegen unsere Loyalität oder sonst einen Dienst? Könnten wir es uns dann überhaupt leisten abzulehnen? Das wäre die Gelegenheit für den König des Östlichen Ozeans, am Hof der Königin der Südlichen Ebenen Fuß zu fassen. Sich Einfluss zu verschaffen. Und prompt kommt uns das Schoßhündchen seines Sohnes in die Quere, diese Bibliothekarin, die plötzlich selbst dem Buch hinterherjagt. Ist das nicht ein seltsamer Zufall?« Irene musste Jin Zhi schon bewundern dafür, wie geschickt sie die Tatsache verschleierte, dass sie Irene um Hilfe gebeten und so in die Angelegenheit überhaupt erst hineingezogen hatte, auch wenn es ihr nur darum gegangen war, Qing Song seinerseits der Unterstützung zu berauben, die er sich seitens der Bibliothek erpresst hatte. Worüber Irene aber allmählich in Panik geriet, das war die Art und Weise, wie sowohl sie als auch Kai in dieses Bild eingepasst wurden. Ganz zu schweigen von Kais Vater, Ao Guang, dem König des Östlichen Ozeans. Wenn er am Ende noch in all das verwickelt wurde – und daraufhin die Bibliothek verantwortlich machte –, dann war das der ungesündeste Verlauf, den die gesamte Unternehmung überhaupt nehmen konnte. Sie kämpfte erneut darum, ihre Stimme wiederzuerlangen. Es hatte keinen Zweck: Sie formte Worte zwar in der Sprache, konnte sie aber nicht aussprechen. Qing Song überlegte. »Sie könnten recht haben«, gab er zerknirscht zu. »Sollte sie bereits die ganze Zeit als seine Dienerin gehandelt haben, so erklärte das eine Menge. Hu, können Sie das bestätigen?« Hu schien nicht gern in den Vordergrund des Geschehens gerückt zu werden. »Die Bibliothekarin befand sich zuvor in Begleitung eines Mannes, mein Herr. Die Fotografen haben leider kein Bild von ihm machen können. Die genaueste Beschreibung lautete, dass er dunkle Haare hatte und attraktiv aussah. Sie hat behauptet, er wäre auch ein Bibliothekar …« »Es sollte mittlerweile klar sein, dass sie ziemlich viel lügt«, schnitt Jin Zhi ihm das Wort ab. »Ich habe keine Ahnung, wie die Bibliothekare es schaffen, ihre billigen kleinen Diebstähle durchzuführen. Ist es Ihnen eigentlich mal in den Sinn gekommen, dass, wenn sie hier bei uns ist und er nicht – er dann möglicherweise mit etwas anderem beschäftigt ist?« Irene spähte in die Fensterfront, wo sich das Spiegelbild der Gangster abzeichnete. Die beiden gaben sich größte Mühe, unbeteiligt auszusehen. Aber Irene hätte wetten können, dass sie aufmerksam dem zuhörten, was besprochen wurde. Irenes professionelles Selbstverständnis wusste, dass man solche Dinge nicht im Beisein angeheuerter Schläger diskutierte. Zumindest nicht im Beisein angeheuerter Schläger, die die nächsten paar Stunden überleben sollten. Qing Song warf Irene einen Seitenblick zu, als schätzte er den Preis eines antiken Möbelstücks. »Glauben Sie, dass Ao Guangs Sohn das Buch herausrücken würde im Austausch für ihr Leben?«, fragte er. Irene zwang sich, jede verräterische Emotion aus ihrem Gesicht zu verbannen. Ja, Kai würde sie retten, wenn er die Chance hatte, das Buch auszuhändigen, um sie freizubekommen. Das bedeutete dann aber auch, dass Evaristes Tochter weiter in Qing Songs Fängen bleiben, Kai und sie aus dem Verkehr gezogen und die gesamte Situation untragbar werden würde. Sie zuckte stumm die Achseln, als wollte sie sagen, dass Kai nicht mal eine kalte Scheibe Toastbrot hergäbe, um sie zu retten. »Es wäre hilfreich, wenn sie etwas sagen könnte«, beschied Jin Zhi ungeduldig. »Aber wahrscheinlich würde sie nur wieder lügen. Wie lange hält die Wirkung an?« »Mindestens die nächsten paar Stunden«, antwortete Qing Song. »Leider haben wir die Substanz an dieser Art Person noch nicht ausgiebig genug getestet. Nur an …« Er hielt inne. Seine Augen huschten zu den schweigenden Gangstern hinüber. Den Rest der Bemerkung ließ er rasch fallen. Jin Zhi ging zu ihm. »Qing Song, so sehr ich es auch bedaure: Ich schlage Ihnen ein Bündnis vor.« Der Angesprochene sah daraufhin so wenig begeistert drein, wie die Drachenfrau klang. »Ach, wirklich? Ein Bündnis. Mit Ihnen.« »Ich weiß, wie unkonventionell das ist«, beeilte sich Jin Zhi zu versichern. »Aber Ihre Majestät ist bekannt dafür, dass sie Resultate belohnt und nicht das blinde Befolgen von Traditionen. Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Meine Suche in China ist ergebnislos geblieben. Wir haben jetzt noch drei Tage – kaum genug, um auch nur eine Stunde zu vergeuden. Wenn wir Ihrer Majestät das gesuchte Buch gemeinsam überbringen, dann wird sie uns vielleicht mit einer anderen Aufgabe betrauen. Einer, die es uns ermöglicht, wirklich fair zu spielen.« Sie behielt Qing Song genau im Auge, nahm seine Reaktion in sich auf. »Verehrter Herr des Winterlichen Waldes, haben Sie eigentlich schon einmal in Erwägung gezogen, dass dieses Unterfangen unser beider Leben kosten könnte? Welchen Sinn und Zweck hätte das Vergießen adligen Blutes? Werden unsere Familien uns dankbar sein, wenn wir, einer wie der andere, scheitern und nichts als Schande hinterlassen? Ich sage, dass weit mehr erreicht werden kann, wenn man die Situation aus einem neuen Blickwinkel betrachtet.« Ihr Tonfall wurde bitter. »Wie zum Beispiel dem, der vorsieht, eine Bibliothekarin dem größtmöglichen Nutzen zuzuführen.« »Sie machen wie immer ein reizvolles Angebot«, räumte Qing Song ein. Er klang neutral, seine Wölfe allerdings sträubten ihr Nackenfell. Sie streckten ihre Tatzen und die langen, geschmeidigen Körper. Ihre Schnauzen öffneten sich gerade weit genug, um Reihen starker weißer Zähne zu offenbaren. Hu machte eine widerstrebende Geste, es schien sogar, als wollte er direkt widersprechen – aber Qing Song ignorierte ihn. »Wir halten die Bibliothekarin als Geisel. Wenn Ao Guangs Sohn Kontakt zu uns aufnimmt, zeigen wir uns umgehend bereit, sie freizulassen – im Tausch für das Buch. Falls meine Leute es vorher schaffen, den anderen Bibliothekar zu finden, dann haben wir das Buch vielleicht sowieso in unseren Händen. Aber wenn keine dieser Möglichkeiten zu unseren Gunsten verläuft, was dann? Was machen wir dann mit ihr? »Sie zu töten wäre Verschwendung«, fand Jin Zhi. Sie würdigte Irene keines Blickes, während sie sprach. »Sie hier zu lassen ist andererseits viel zu riskant. Schicken Sie sie in eines unserer Territorien. Selbst wenn Ao Guangs Sohn herausbekommt, wo sie steckt, könnte er das Gebiet nicht einfach so betreten, ohne die Grenzen zu missachten und eine politische Konfrontation herauszufordern. Halten Sie sie nur unbedingt von Büchern fern – unter Einsatz von Betäubungsmitteln und Fesseln, versteht sich. So sollten wir vor ihr sicher sein.« Hu fing Irenes Blick auf, und sie las etwas Mitfühlendes in seinem Gesicht. Bedauern. Ich habe Sie gewarnt, schien er zu sagen. Angst und Wut jagten in Irenes Verstand umher wie zwei tollwütige Katzen in einem Kampf auf Leben und Tod. Wenn es von nun an so weiterlief, wie ihre Widersacher planten, konnte die Bibliothek nur auf eine einzige Weise reagieren: Sie würde alle Verbindungen zu Irene abbrechen und verlauten lassen, dass Irene auf eigene Faust gehandelt habe. Melusine hatte ihr genau das in Aussicht gestellt. Wobei auch diese radikale Maßnahme möglicherweise nicht genug war, die Bibliothek gänzlich vor den politischen Konsequenzen zu schützen – von Irenes Schicksal ganz zu schweigen. Betäubungsmittel und Fesseln. Die Worte hallten in ihrem Hinterkopf mit der feinen Melodie einer Spieldose wider, die aus den Tiefen der Hölle zu ihr hochklimperte. Die Assoziationen wollten einfach nicht verschwinden. »Und wer soll sich ihrer annehmen?«, fragte Qing Song. »Ich«, sagte Jin Zhi. Sie machte eine Geste, um seinen Einwand im Keim zu ersticken. »Einer von uns beiden muss es tun. Wieso also nicht ich?« Qing Song ließ jede höfliche Zurückhaltung fahren: »Weil ich Ihnen nicht traue.« »Und ich soll Ihnen wohl trauen, für den Fall, dass Sie sie bei sich behalten?«, forderte Jin Zhi ihn heraus. »So, wie Sie sich in letzter Zeit aufgeführt haben?« »Sie haben die Angewohnheit, Gebrauch von Dingen zu machen, die andere sich erarbeitet haben. Wie hätten Sie mich auf anderem Weg finden können als dadurch, dass sie etwas von mir benutzten?« Ein Unterton von Bitterkeit schlängelte sich durch Qing Songs Stimme wie eine Erzader durch einen dunklen Stein. »Einst haben wir Amulette und Gelöbnisse ausgetauscht, und Sie waren später diejenige, die mir sagte, diese Zeit gehöre der Vergangenheit an. Jetzt suchen Sie mich auf und schlagen mir ein neues Bündnis vor. Wie soll ich Ihnen noch trauen?« Irene verlagerte ihr Körpergewicht und nutzte den Moment, um sich zu vergewissern, inwieweit ihr Wächter ihren Arm wirklich noch festhielt. Sein Griff war immer noch fest, aber im Vergleich zu vorher hatte er sich ein wenig gelockert. Wenn sie es schaffte, eine Ablenkung zu inszenieren … Qing Song und Jin Zhi waren vertieft in ihr Gespräch, das nach einer alten, zerbrochenen Liebesbeziehung klang. Irene konnte die Verzweiflung in beider Stimmen heraushören; an ihren Gefühlen gab es keinen Zweifel. Die beiden Drachen saßen so tief in der Klemme wie sie selbst. Es bot sich ihnen kein anderer Ausweg als der, das Buch in die Hände zu bekommen. In ihren Augen stellten Irene, Evariste, seine Tochter, diese ganze Parallelwelt – und sogar die Bibliothek – nur nebensächliche Verluste dar, die man in Kauf nehmen musste. Falls die blanke Wut sie in diesem Moment in die Lage versetzt hätte, die Sprache wieder anzuwenden, dann hätte Irene am liebsten die ganze Suite in Brand gesetzt. Mit allen, die sich darin befanden. Als Untergebener hielt sich Hu aus der Streiterei heraus. Der sauertöpfische Ausdruck auf seinem Gesicht ließ jedoch darauf schließen, dass er nicht guthieß, was er hörte. Seine Augen blickten gedankenverloren ins Leere, als versuchte er, eine effektive Alternative zu ersinnen. Durch die offenen Fenster drang ferne Musik. Das Stück begleitete Jin Zhis und Qing Songs feurig geführte Debatte darüber, wie sie den jeweils anderen am Verrat hindern konnten, wie sie die Bibliothekarin am besten einsetzen konnten, wen die Schuld an dem ganzen Schlamassel insgesamt traf, und nicht zuletzt, wer an gewissen Ereignissen vor fünfzehn Jahren schuld war. Das Telefon der Suite klingelte. Der schrille Ton durchschnitt den Faden ihres Streitgesprächs wie ein Messer und ließ die Drachen verstummen. Qing Song und Jin Zhi wandten sich dem Apparat auf dem Tisch zu, als hätten sie es mit einem Untergebenen zu tun, der aufgrund von ungebührlichem Verhalten exekutiert werden musste. Hu erbarmte sich und nahm ab. »Hallo?« Eine Pause. Er drehte sich zu Qing Song um. »Lucky George Ross bittet um eine Audienz, Herr.« »Gewährt«, sagte Qing Song ohne Zögern. »Er soll herkommen.« »Sind Sie sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Jin Zhi, während Hu murmelnd ins Telefon sprach. Sie deutete mit einem Kopfnicken auf Irene und die beiden Gangster. »Diese Männer unterstehen mir. Ich vertraue auf ihre Diskretion. Was George angeht – er kann uns von Nutzen sein.« Ohne dass Qing Song sich rührte, standen seine Wölfe fast einhellig auf und trotteten zu den beiden Wachen. »Meine Tiere haben den Geruch der Männer aufgenommen. Falls es nötig sein sollte, können und werden sie sie aufspüren.« Irene fiel auf, wie der Mann, der sie festhielt, nach Luft schnappte. Seine schweißnassen Finger umklammerten ihr Handgelenk. Sie hegte grundlegende Zweifel, dass die beiden Schläger ihrem Auftraggeber gegenüber loyal waren. Aber was die nächsten paar Minuten anging, würde sie davon ausgehen müssen, dass sie sich vor Loyalität beinahe zerrissen. Einer der Wölfe setzte sich vor Irene auf die Hinterläufe. Seine Augen waren bernsteingelb, eine Farbe, die so intensiv und kräftig wie die von Honig war. In der Panik, die durch Irenes Adern raste, wurde ihr klar, dass sie vor diesem einfachen Wolf mehr Angst hatte als vor allen Werwölfen, denen sie in der Vergangenheit in die Augen geblickt hatte. Irgendwie war das höchst seltsam. Vielleicht lag es daran, dass sie bei ihren Begegnungen mit Werwölfen stets die Sprache zur Verfügung gehabt hatte. Sie war nie so wehrlos wie jetzt gewesen. Oder es hatte damit zu tun, dass es sich bei Werwölfen letztlich um Wolfsmenschen handelte. Mit Menschen konnte Irene in aller Regel ganz gut umgehen. Ein wildes Tier jedoch ließ sich nicht täuschen. Was blieb, war entweder wegzurennen oder es zu töten. Und hier und jetzt konnte sie weder das eine noch das andere tun. »Was ist mit ihr?«, fragte Jin Zhi und deutete auf Irene. »Sie ist stumm. Außerdem habe ich sie lieber da, wo ich sie sehen kann, als in einem anderen Zimmer. Wachen hin oder her, diese Frau ist äußerst gerissen.« Irene beschloss, die Bezeichnung als Kompliment aufzufassen. Hu legte den Telefonhörer zurück auf die Gabel. »George Ross wird gleich hier sein, mein Herr. Er ist in Begleitung seiner Dienerschaft.« »Meinen Sie, er weiß etwas, das uns nutzen könnte?«, fragte Jin Zhi an Qing Song gewandt. Sie würdigte Hu die ganze Zeit schon kaum eines Blickes, als wäre er nicht da. »Wenn er etwas weiß, dann könnte das möglicherweise ein Bündnis zwischen uns überflüssig machen«, freute sich Qing Song und ließ sich behaglich in seinen Sessel sinken. »Vorausgesetzt, er schließt einen Deal mit Ihnen und nicht mit mir«, sagte Jin Zhi mit einem Lächeln. Qing Songs Miene versteinerte. An der Tür der Suite klopfte es. Hu nickte einem der Gangster zu, und er machte die Tür auf. Die Wölfe schwärmten zu seinen Füßen aus, verteilten sich links und rechts und ließen sich erneut nieder. Ihre Augen waren dünne gelbe Schlitze unter halb geschlossenen Lidern. Lucky George kam herein. Lily folgte nur einen Schritt hinter ihm. Sie trug eine Robe aus hellem Fell, die gut und gerne ein Dutzend Pistolen verbergen mochte. Das sichtbare Auge wurde schmal und blickte drohend. Hinter den beiden Neuankömmlingen traten, wie eine Art königliches Gefolge, zwei Gangster ins Zimmer. Sie waren bewaffnet. Langsam wurde es kuschelig im Raum, trotz der beeindruckenden Größe der Suite. Dies konnte die Ablenkung sein, auf die Irene spekuliert hatte. Wie ließ sie sich am besten nutzen? Die Atmosphäre von Gefahr verdichtete sich. Ein geeignetes Barometer hätte in den roten Bereich gewiesen. Falls jemand schoss, war in dem begrenzten Raum jeder ein potenzielles Opfer, inklusive ihr. Sie sah einen Nachruf vor sich, auf den sie verzichten konnte: In Ausübung ihres Dienstes von einem Querschläger verwundet und gestorben. »Wie zuvorkommend von Ihnen, mich zu empfangen«, eröffnete George das Treffen. Er setzte sich in einen Sessel und schlug die Beine übereinander. »Ich rechne es Ihnen hoch an, dass Sie mich gleich heraufkommen ließen.« Jin Zhi und Qing Song starrten beide Lily an, die Mienen ähnelten einander in ihrer Abneigung wie Masken. Es dauerte einen Moment, ehe Qing Song seine Aufmerksamkeit George zuwandte. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte er kühl. »Ich glaube, die Frage ist eher, wie ich Ihnen helfen kann«, sagte George. Er griff in die Innentasche seines Jacketts. »Etwas dagegen, wenn ich rauche?« Qing Song wedelte mit der Hand. »Nur zu.« George zog das Ritual exzessiv in die Länge. Er zündete seine Zigarre an wie jemand, der diese milde Unhöflichkeit einer Unterbrechung nutzt, um seinen Status klarzumachen. »Wie ich sehe, ist Miss Jeanette bei Ihnen. Wenn Sie sie freundlicherweise zunächst nach draußen bringen könnten …« »Ich garantiere Ihnen, dass sie unsere Unterredung mit keiner Silbe unterbrechen wird«, sagte Qing Song. Seine Mundwinkel zuckten in der Andeutung eines Lächelns, soweit er überhaupt zu so etwas fähig war. »Mich interessiert viel mehr, warum Sie hier sind.« »Nun …« George dehnte das Wort in die Länge. »Ich weiß, dass Sie im Verlauf der letzten Wochen nach etwas gesucht haben. Oder sollte ich besser sagen: nach jemandem?« »Beides möglich«, sagte Qing Song. Ein Nicken von George, der an seiner Zigarre zog und den Rauch wieder ausstieß. »Mr Qing – ich darf Sie doch so nennen, nicht wahr? Dass Sie bei Ihrer Rekrutierung von Helfern nicht auf meine Leute zurückgegriffen haben, heißt nicht, dass ich von ihrer netten kleinen Menschenjagd nichts weiß. Es gibt eine Menge Menschen da draußen, die wild darauf sind, mir einen Gefallen zu tun und sich so bei mir, sagen wir, einzuschmeicheln. Als Ihr Mann Hu heute Abend zu mir kam, hatte ich schon eine gewisse Ahnung davon, nach wem Sie suchen und wo man ihn finden kann.« »Was wollen Sie damit sagen?«, fragte Qing Song. Einer der Wölfe öffnete das Maul und leckte sich genüsslich die Zähne. »Vor nicht allzu langer Zeit erhielt einer meiner Männer einen Anruf«, erklärte George. »Leute von außerhalb vergessen ganz gern, wie die Gewerkschaft der Transportarbeiter, die es hier bei uns gibt, vorgeht. Sie denken, wenn man etwas in ein Museum liefern will, könnte das jeder einfach so mir nichts dir nichts tun. Anscheinend unterschätzen sie, dass es für solche Arten von Gütertransporten Fachleute braucht. Und Fachleute mögen es gar nicht, wenn Laien ihnen ins Handwerk pfuschen, wie Sie sicher wissen. Dieses Vorgehen der Laien führt oft zu bedauerlichen Unfällen.« Er schwenkte getragen seine Zigarre. »Und ich erfahre immer davon.« Irene zählte zwei und zwei zusammen. Sie kam auf ein grauenhaftes Ergebnis. Kai und Evariste – was hatten sie versucht? Befanden sie sich bereits in Gefangenschaft? Dabei hatte Irene sich bemüht, die beiden im Verborgenen zu halten … Hu trat einen Schritt vor und flüsterte etwas ins Ohr seines Herrn. Qing Song nickte. »Ihre Leute wissen also, wo sich der Mann befindet, nach dem ich suche. Wo?« »Er ist uns ins Netz gegangen. Nicht mehr lange, und wir werden ihn zur Abfahrt verschnürt haben, sagen wir es mal so. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Um über den Preis zu reden.« »Preis?« Qing Song sah ihn an. »Wir hatten bereits eine Abmachung, oder nicht?« »Abmachungen erübrigen sich in dem Moment, wenn eine der Parteien etwas hat, das alle anderen unbedingt wollen. In dem Fall muss neu verhandelt werden. Das ist das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage.« Er deutete auf Irene. »Miss Jeanette ist eine Frau, die weiß, wann man die eigene Hand überreizt hat und aus einem Spiel aussteigen sollte. Ich hoffe, Sie denken auf ähnlich kluge Art.« »Sind Sie auch für die Angebote anderer Parteien offen?«, meldete sich Jin Zhi zu Wort, ihre Stimme weich wie Samt. »Zumindest bin ich bereit, mir Ihr Angebot anzuhören – unter der Bedingungen, dass Sie mir das Geld zeigen können«, sagte George spendabel. »Mr Qing hier ist für seine Großzügigkeit bekannt, und ich muss sichergehen, dass meine Kunden ihre Rechnungen begleichen können. Oder würde Mr Qing etwa für Sie bürgen?« Jin Zhis Gesichtsausdruck erstarrte. Diese Forderung hatte sie nicht erwartet, begriff Irene. Sie war davon ausgegangen, dass ihr Wort genügte. Der Ausdruck blanker Schadenfreude, der sich auf Qing Songs Gesicht breitmachte, war fast unerträglich. »Ich für meinen Teil muss leider ablehnen«, sagte er. »Ich bin nicht sicher, ob und inwiefern die Dame ein Sicherheitsrisiko darstellt.« »Sehen Sie, da haben Sie es«, sagte George achselzuckend. Er fuhr an Qing Song gewandt fort: »Dann läuft das hier also allein zwischen Ihnen und mir.« Jin Zhis Augen funkelten wie Rubine. Über ihre Arme floss das Schuppenmuster, so rasch und flüchtig, dass man glauben konnte, es wäre eine Einbildung. »Ich bin es nicht gewohnt, auf diese Weise missachtet zu werden«, sagte sie mit einer Stimme, die wie das Zischen von Wasser auf glühendem Metall klang. »Und ich bin Geschäftsmann, Liebes. Für Leute, die nicht in der Lage sind, ihre Rechnungen zu bezahlen, habe ich keine Zeit.« Er wandte sich abermals an Qing Song. »Können wir jetzt über einen geeigneten Betrag reden?« Mit drei langen Schritten war Jin Zhi bei ihm. Ihre rechte Hand schloss sich um seinen Hals, und sie hob ihn aus dem Sessel. Ihre Armmuskeln wölbten sich, glatt wie polierter Stahl, als sie ihn von sich gestreckt in der Luft hielt. George hing da und strampelte. »Erst einmal werden Sie sich bei mir entschuldigen«, murmelte sie, »und danach …« »Sie lassen ihn sofort runter.« Lily trat vor, den Pelzmantel geöffnet, eine Pistole in jeder Hand. Die Waffe in ihrer Rechten zielte in den Raum, bereit auf alles und jeden zu schießen, der sich bewegte. Die Waffe in ihrer Linken stieß sie Jin Zhi in die Rippen. »Oder wir werden herausfinden, was für ein hübsches Loch das hier in Ihren Brustkorb macht.« Als Jin Zhi mit der freien Hand nach Lilys Handgelenk griff, um die Waffe beiseitezudrücken, brach Chaos aus und Schreie und das Knurren der Wölfe erfüllten die Suite. Irene trat mit dem Absatz so fest es ging zu. Sie traf den Fuß des Mannes, der sie hielt. Im selben Atemzug stieß sie den Kopf zurück, versetzte ihm mit dem Hinterkopf einen harten Schlag auf die Nase und zog ihren Arm aus seinem Griff. Er versuchte nachzufassen, doch sie war schneller und taumelte fort. Die Tür erreichen zu wollen war unrealistisch. Dafür blieb ihr zu wenig Zeit. Aber es gab noch einen Fluchtweg. Und mittlerweile war sie verzweifelt genug, den zu nehmen. Sie stieg durch eines der Fenster, rannte ein paar Schritte und schwang sich über die Brüstung des herrschaftlichen Balkons. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Evariste hätte um ein Haar das Buch fallen gelassen, das er in den Händen hatte. Kai fasste sich einen Moment eher. Wenn er ehrlich war, hatte er schon die ganze Zeit damit gerechnet, dass etwas schiefging. Jetzt, wo es so weit war, war es fast eine Erleichterung. Es hätte schlimmer kommen können, sagte er sich. Zumindest lagen sie nicht mit dem Gesicht nach unten im Kerker eines Elfen und wurden von einem Schlägertrupp grün und blau geprügelt. Noch war die Situation einigermaßen unter Kontrolle. »Im schlimmsten Fall wird das Museum geräumt und alle verfügbaren Sicherheitskräfte werden zu uns nach unten geschickt«, sagte er. »Ist es möglich, von hier einen Durchgang zur Bibliothek zu öffnen?« Evariste runzelte die Stirn. Er nahm ihre Umgebung in Augenschein. »Vielleicht. Genug Bücher gibt es jedenfalls. Finden Sie, wir sollten einfach so abhauen?« »Nein«, sagte Kai. »Wir – das heißt, Sie – öffnen ein Portal zur Bibliothek, schaffen die Bücher dorthin und kommen zurück. Dann schließen Sie den Durchgang wieder. Auf diese Weise sind die Bücher an einem sicheren Ort untergebracht. Sobald Zeit ist, können wir in die Bibliothek gehen und sie holen. Bis dahin kommt niemand sonst an sie heran.« Er hörte Schritte, zuschlagende Türen – die letzten Leute wurden aus dem Archiv evakuiert. »Alles, was wir dann tun müssen, ist, hier rauszukommen und Irene zu treffen.« Irene kann dann entscheiden, was wir als Nächstes tun, setzte er erleichtert in Gedanken hinzu. Evariste nickte. Er schichtete das halbe Dutzend alter Bücher in seine Arme, wankte unter dem Gewicht und trat die nächstbeste Tür mit dem Fuß zu. Auf seiner Stirn erschienen tiefe Falten, als er begann, sich zu konzentrieren. »Öffne dich zur Bibliothek«, sagte er. Seine Stimme hatte einen scharfen, autoritären Unterton angenommen. Die schweren Harmonien der Sprache hallten darin wider. Mit Mühe hielt er sich und die Bücher in seinen Armen aufrecht und packte den Türgriff. Als die Tür aufschwang, lag etwas anderes dahinter als vorher. Der Raum war hoch und bogenförmig gewölbt. Bücherregale aus hellem Holz erstreckten sich die Wände hinauf. Elektrische Kronleuchter warfen Licht in die Kammer, und der Geruch alter Bücher vermischte sich mit dem des Museumsarchivs nach Staub und chemischen Konservierungsmitteln. »Halten Sie diese Tür offen«, befahl Evariste. Mit den Büchern vor sich taumelte er in die Bibliothek. Er steuerte den nächsten Tisch an und legte sie mit einem Stoßseufzer ab. Schnell griff er sich Zettel und Stift und schrieb eine Notiz. Kai hielt den Türgriff fest. Für alle Fälle hatte er den Fuß auf die Schwelle gesetzt. Er spürte, wie das Holz unter seinen Fingern zitterte. Die Kraft, die den Durchgang zwischen den Welten offenhielt, schien es zerreißen zu wollen. Irene hatte eine solche Verbindung nie länger als ein paar Minuten offengehalten, und Kai war nicht sicher, ob Evariste dieselbe Kraft hatte wie sie, und etwas Vergleichbares bewerkstelligen konnte. Vielleich war es sogar besser, wenn er in der Bibliothek blieb … Evariste stellte im Grunde genommen einen Unsicherheitsfaktor dar. Man konnte sich nicht auf ihn verlassen. Wenn Kai nun einfach die Tür zufallen ließ und den Durchgang zwischen dieser Welt und der Bibliothek schloss, würde es Stunden dauern, bis Evariste wieder einen Weg zurückfand. Möglicherweise war es einfacher, die ganze Angelegenheit ohne ihn zu bewältigen. Würdest du auch wollen, dass er daran gehindert wird, seine Tochter zu retten?, fragte eine Stimme in seinem Hinterkopf, die so kalt und streng klang wie die seines Vaters. Würdest du ihn daran hindern wollen, Wiedergutmachung für seine Fehler zu leisten? Evariste hastete auf ihn zu. Er sprang über die Schwelle, schob Kai beiseite und knallte die Tür zu. »Bibliothekssignatur B-349, Abteilung Science-Fiction-Literatur des 19. Jahrhunderts aus Frankreich«, erklärte er. »Falls Irene Bescheid wissen muss. Können wir jetzt endlich von hier verschwinden?« Der Feueralarm gellte weiter durch das Gebäude. Kai nahm sich eine Sekunde, um die anderen Bücher durchzusehen, die im Nachlass von Richter Pemberton lagen. »Hier«, sagte er und griff ein paar davon heraus. »Nehmen Sie die. Ich muss die Hände frei haben.« »Was zur Hölle wollen wir mit dem Traum der roten Kammer?«, fragte Evariste entgeistert. »Möchten Sie sich was zu lesen für die U-Bahn mitnehmen?« »Nein, aber wenn wir von einem von Qing Songs Leuten gestellt werden, der kein Chinesisch kann, ist das ein guter Ersatz«, verkündete Kai. »Oh, gar keine schlechte Idee.« Evariste hielt kurz inne. »Hey, aber wenn wir sie sowieso wieder aus der Hand geben müssen, warum nehmen wir dann nicht das Fengshen Yanyi, Die Einsetzung der Götter oder …?« »Weil ich das Fengshen Yanyi mag«, beschied Kai. »Und den Traum der roten Kammer mag ich nicht.« »Typisch Drachen«, murmelte Evariste. »Helden und Gottheiten idealisieren, um das Recht Gottes auf Erden zu rechtfertigen. Wie auch immer. Lassen Sie uns auf dem Rückweg eine Tasche oder so was besorgen, ja? Mir wäre es lieber, wenn ich die Exemplare nicht den Rest des Tages auf dem Arm tragen müsste wie ein Kleinkind.« »Richtig«, pflichtete Kai bei. Als sie wieder hinauf in die labyrinthartigen weißen Flure traten, war alles wie ausgestorben. Sie gingen an Schränken und Vitrinen vorbei, die unter der Last ihrer Ausstellungsstücke ächzten. Überall standen Kisten, die sortiert und geöffnet werden mussten. Kai neigte den Kopf von einer Seite zur anderen und lauschte. Das konstante Schrillen der Alarmglocken übertönte jedes sonstige Geräusch. Aus der Ferne, mit einem Sinn, der nichts mit seinem Gehör zu tun hatte, nahm er die Strömungen der Flüsse wahr, die durch New York flossen. Doch das Wasser war so weit weg, dass es ihnen im gegenwärtigen Moment nicht zu helfen vermochte. Sie kamen an dem Tresen vorbei, wo der Empfangsgehilfe gesessen hatte. Er musste es gewesen sein, der den Alarm ausgelöst hatte. Sie standen gerade wieder vor dem Fahrstuhl, als die Sirene verstummte. Der Fahrstuhl reagierte nicht. Kai betrachtete die Treppe, die daneben hinaufführte. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Hinterhalt zu geraten, war im Treppenhaus natürlich größer. »Diese blöden Sicherheitsprotokolle«, fluchte Evariste. »Bei Feueralarm oder Ähnlichem werden die Fahrstühle automatisch außer Betrieb gesetzt. Am Treppenausgang warten vielleicht schon allerhand Leute auf uns. Was machen wir jetzt?« Kai dachte nach. »Vom Keller führen mehrere Treppenaufgänge hinauf ins Erdgeschoss, richtig?« Auf Evaristes Nicken hin fuhr er fort: »Also können unmöglich an jedem einzelnen Treppenausgang Leute postiert worden sein; dafür sind es zu viele.« »Wollen Sie sich darauf verlassen?«, fragte Evariste zweifelnd. »Sie müssen sich zusammenreißen!«, versuchte Kai, den Mann zu ermutigen. »Wir sind erfolgreich hier reingekommen, haben das gesuchte Buch gefunden und in Sicherheit gebracht – wir schaffen das. Wir müssen lediglich ins Erdgeschoss gelangen. Was den Haupteingang angeht, sollten wir uns keinen Illusionen hingeben. Aber es gibt da oben mehr als genug Fenster.« »Ich dachte, Sie hätten eine militärische Ausbildung hinter sich?«, schnappte Evariste. »Wir können uns jawohl schlecht durch bewaffnete Sicherheitsleute durchkämpfen, wenn wir nicht mal Waffen haben. Das ist doch Wahnsinn. Die erschießen uns! Die Sprache hält keine Kugeln auf!« »Wer hat Ihnen erzählt, ich hätte eine militärische Ausbildung?«, blaffte Kai. »Kriegen so etwas nicht alle Drachen? Qing Song hat ständig von irgendwelchen Schlachten gefaselt.« »He, ihr da unten«, rief in dem Moment eine Stimme durch den Treppenaufgang. Kai drehte sich um. Er stellte sich zwischen Evariste und das Treppenhaus. Auf dem nächsthöheren Absatz, der hinter einer Biegung ins Erdgeschoss hinaufführte, tauchten zwei Männer auf. Sie waren im Begriff, sich nach unten vorzutasten, Tommy-Guns im Anschlag. Noch hielten sie ihre automatischen Maschinengewehre nicht auf Kai und Evariste gerichtet. Immerhin etwas. »Legt die Hände auf die Köpfe, Jungs«, verlangte der Mann, der ihnen zugerufen hatte, »und dann kommt langsam die Stufen rauf. Macht uns keinen Ärger, und wir machen euch keinen, habt ihr verstanden?« »Aber … die Bücher«, rief Evariste. Er senkte das Kinn auf die schweren Bände, die er vor sich trug. Der Mann, der gesprochen hatte, schaute finster zu ihnen herüber. Anscheinend versuchte er, sich einen Reim auf diese Reaktion zu machen, die er ansonsten offenbar selten von Leuten hörte, denen er seine kleine Standardrede hielt. Sein Gefährte neben ihm seufzte. »Okay, du da. Du legst deine Hände nicht auf den Kopf. Du behältst deine Bücher. Aber dein Kumpel da nimmt die Hände auf den Kopf. Können wir jetzt endlich weitermachen, bevor der Boss völlig die Geduld verliert?« Kai hob langsam die Hände, er wandte sich zu Evariste um. »Sind Sie sicher, dass wir die sind, nach denen diese Leute suchen?«, fragte er gespielt begriffsstutzig. »Das wollte ich auch gerade fragen«, gab Evariste zurück. Und dann, lauter, sagte er in der Sprache: »Ihr bewaffneten Männer auf der Treppe nehmt wahr, dass wir nicht diejenigen sind, die ihr sucht. Ihr erkennt, dass wir nur unbeteiligte Dritte sind, die Angst haben und von hier weg möchten.« Beide Gangster zogen seltsame Grimassen, bevor der, der als Zweiter gesprochen hatte, sie mit seiner Waffe die Treppe heraufwinkte. »Gehen Sie schon, aber halten Sie sich nicht in der Nähe auf«, wies er sie freundlich, aber bestimmt an. »Das hier geht Sie nichts an, merken Sie sich das.« »Natürlich«, sagte Kai. Er nahm Evariste am Ellbogen, stützte ihn unmerklich und zischte: »Können Sie nicht schneller machen?« »Wenn ich nicht zufällig diesen Stapel schwerer Bücher tragen müsste, schon«, erwiderte Evariste. Sie gingen an den Gangstern auf dem Treppenabsatz vorbei und eilten ins Erdgeschoss. »Kein gutes Zeichen. Ich habe keine Ahnung, wie die uns hierher folgen konnten.« Evariste sah sich um, er suchte nach einem Orientierungspunkt. Dann nickte er nach links. »Da lang, in die Museumshalle, und von dort raus. Versuchen Sie, sich neutral zu verhalten …« »Halt!« Eine Stimme hinter ihnen. Aus Richtung der großen Museumshalle polterten Schritte laut über den Marmorboden. Kai und Evariste schlugen einen Haken nach rechts. Sie rannten an ägyptischen Sarkophagen und Lehmmodellen vorbei, die die Eingänge von Grabkammern nachbildeten. Das Echo der Rufe ihrer Verfolger trieb sie voran. »Wie viele … Leute … hat der denn … auf mich angesetzt?«, keuchte Evariste. »Jedenfalls zu viele«, gab Kai zurück. Sie stolperten in einen großen Saal, dessen östliche Wand mit abfallenden Fenstern ausgestattet war. In der Mitte ragte etwas auf, das nach einem typisch ägyptischen Tempeleingang aus Sandstein aussah. Leider gehörten die bewaffneten Ganoven, die vor der Schrägwand aus Fensterglas postiert standen, ganz und gar nicht ins alte Ägypten, sondern ins Hier und Jetzt. Ihre Tommy-Guns glänzten im Licht der Museumsscheinwerfer. »Besser, ihr seid jetzt nicht zu voreilig«, sagte einer der Ganoven. Er hob seine Waffe so, dass der Lauf auf den Boden vor Kais und Evaristes Füßen zeigte. »Ihr hattet einen guten Lauf. Respekt. Ich brauche nur einen von euch lebendig. Wie wäre es also, wenn wir uns einigen könnten, dass keiner mehr irgendwelche Dummheiten macht. In eurem eigenen Interesse. Ihr wollt doch am Leben bleiben, oder?« »Wenn Sie sagen, Sie bräuchten nur einen von uns«, sagte Kai in gelehrigem Ton, »meinen Sie damit, dass einer genügt, egal welcher, oder dass Sie es auf einen Bestimmten von uns abgesehen haben, während der andere wohl oder übel entbehrlich ist?« »Sie haben ins Schwarze getroffen«, sagte der Gangster. »Ich will nur Mr Evariste Jones. Wenn Jones will, dass Sie diesen Tag lebendig überstehen, dann …« Er sah Kai mit einem bedeutungsschwangeren Schulterzucken an. »Hütet euch davor, was Jones sagt«, rief jemand hinter ihnen. Es war einer der Männer, die sie auf dem Treppenabsatz stehengelassen hatten. »Er hat irgend so’n Voodoo-Scheiß mit seiner Stimme drauf.« In der Gruppe der Bewaffneten entstand daraufhin Unruhe. Sie tauschten murmelnde Flüche und Gesprächsfetzen aus. Unglücklicherweise ließ sich keiner dazu hinreißen, die Waffe runterzunehmen oder auf etwas anderes zu zielen als auf die beiden Gefangenen. Kai sah sich in dem weitläufigen Saal um. Sie standen in unvorteilhafter Position – zu weit weg von dem Portal aus Sandstein, um dahinter in Deckung zu gehen. Die Fenster an der westlichen Wand sahen auf den ersten Blick vielversprechend aus. Doch das Glas schien bei näherer Betrachtung gepanzert zu sein. Zumindest wirkte es zu dick, als dass man es mühelos hätte zerschlagen können. Und Evariste wäre sicher nicht in der Lage, die Sprache schneller anzuwenden, als einer der Gangster den Abzug betätigen konnte. Aber glücklicherweise hatte Kai einen Plan. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mir eine anstecke?«, fragte er. »Solang sie die Hände da behalten, wo ich sie sehen kann«, sagte der Anführer der Ganoven. »Schön langsam bewegen, Jungchen.« Kai ignorierte Evaristes fragende Miene. Im Blick des jungen Bibliothekars lag eine Mischung aus wilder Hoffnung darauf, dass Kai durch einen aberwitzigen Einfall ihre Lage drehen würde, und blankem Erstaunen, dass sein Gefährte plötzlich eine rauchen wollte. Vorsichtig griff Kai in die Innentasche seines Jacketts. Er rauchte nie, doch er hatte das Zigarettenetui und das Feuerzeug dabei, die Irene und er am Abend zuvor aus dem Kaufhaus hatten mitgehen lassen. Man konnte nie wissen, wann man so etwas brauchte. »Danke«, sagte er. »Ich bin mit den Nerven ein bisschen am Ende. Und hätten Sie was dagegen, wenn mein Freund hier diesen ganzen Haufen Bücher ablegt, bevor wir mit Ihnen gehen? Der nimmt im Wagen doch nur unnötigen Platz weg.« Der Anführer der Ganoven legte den Kopf schief. »So läuft das nicht, Freundchen. Mir wurde gesagt, wir sollen Jones mit den Büchern, die er bei sich hat, zurückbringen. Die halbe Stadt sucht nach den Schinken. Schön blöd, wenn wir ihm die jetzt durchgehen ließen.« Es klang so, als hätten die Bücher bei der Besprechung ihres Einsatzes eine größere Rolle gespielt als Kai. »Die Stadt ist anscheinend voll von Büchernarren«, sagte Kai zu Evariste. Er schnippte das Feuerzeug auf und hielt die Flamme an die Zigarettenspitze. »Wer hätte gedacht, dass so viele Leute gern eine Ausgabe von …« – hier wechselte er ins Chinesische – »›machen Sie sich bereit, auf mein Zeichen die Fenster zu zertrümmern‹ lesen wollen.« Evariste verzog keine Miene, aber in seinen Augen blitzte Einsicht auf. »Das muss am New Yorker Schulsystem liegen«, erwiderte er. »Ich habe gehört, es zählt zu den besten der Welt.« Kai nickte. Und ließ die Zigarette fallen. Er packte Evariste an der Schulter und zerrte den Bücherstapel zu sich heran. Er hielt die Flamme des Feuerzeugs ganz dicht davor – nur ein paar Zentimeter näher, und die Bücher würden Feuer fangen. »Waffen runter«, sagte er ruhig. »Alle. Oder ich verbrenne die Bücher zu Asche. Mal sehen, wie Sie das Ihrem Boss erklären.« Ein Dutzend Gewehrläufe richtete sich auf ihn. »Versuch das, und du bist tot, Bürschchen«, blaffte der Anführer. »Was zum Teufel haben Sie vor?« Es war Evariste. Er sah ihn an. Wütend versuchte er, sich aus seinem Griff zu befreien. Und vor allem von der Flamme wegzukommen, die an dem Feuerzeug züngelte. »Das können Sie nicht tun!« »Kann ich und werde ich.« Kai versuchte, die gesamte Befehlskraft in seine Stimme zu legen, die er sich über die Jahre am Königshof seines Vaters angeeignet hatte. All die Strenge und Entschlossenheit, die von königlicher Abstammung zeugten. »Zurück. Jeder Einzelne von ihnen. Oder Sie haben nichts in der Hand außer dem Mann – ohne ein einziges Buch. Qing Song wird Köpfe rollen lassen.« »Für ihn arbeiten wir gar nicht«, schnaubte der Anführer. »Sie sollten vielleicht erstmal die Fakten klären, bevor sie so einen riskanten Zug machen.« Kai blinzelte. »Also, dann eben Jin Zhi.« Er versuchte, das Feuerzeug ruhig zu halten. Der Anführer zuckte die Achseln. »Nie von dem gehört. Wir arbeiten für Lucky George.« Kai verwendete eine Sekunde darauf, sich zu fragen, weshalb sich der hiesige Gangsterboss in die Jagd nach dem Buch eingeschaltet hatte. »Wie auch immer«, sagte er. »Wenn Sie nicht wollen, dass die Bücher in Rauch aufgehen, dann bleiben Sie lieber zurück.« Er trat seinerseits einen unmerklichen Schritt zur Seite. Evariste zog er mit sich. Sie bewegten sich gemeinsam auf den rettenden Schutz der Torbögen aus Sandstein zu. »Sie kommen hier nie und nimmer raus.« Der Anführer machte eine knappe Geste, und die Männer hinter Kai und Evariste schlossen langsam zu ihnen auf. »Das hier wird den Boss ärgern. Und wenn George sich ärgert, ärgert er alle anderen.« »Dann haben also wir alle ein Problem«, sagte Kai. »Denn wenn wir nicht davonkommen, wird das meinen Boss ärgern.« Er machte einen weiteren Schritt zur Seite. Sie befanden sich nun fast unter dem Bogen aus Sandstein. »Tja, Bosse – so sind sie nun mal.« Ein letzter Schritt. »Sie haben auf jeden Fall nicht ganz unrecht.« »Dann hören Sie endlich auf, den Klugscheißer zu spielen«, verlangte der Anführer der Ganoven. »Jetzt.« Kai sagte es leise, aus dem Mundwinkel heraus. Evariste hatte nur darauf gewartet. »Fensterglas, zerbrich!« Kai ließ das Feuerzeug fallen und riss Evariste zu Boden, um sich schützend auf ihn zu werfen. Drachen waren nicht ganz so verletzlich wie Menschen, doch er konnte nur hoffen, dass das ausreichte. Einen Sekundenbruchteil herrschte Stille, und er spannte seinen Körper in der Erwartung heranrasender Gewehrkugeln an. Dann barst die Wand aus raumhohen Fenstern. Das Krachen und Splittern war so ohrenbetäubend, dass es jeglichen klaren Gedanken aus Kais Verstand jagte. Er riss die Arme hoch, um sich die Ohren zuzuhalten. Splitter fielen um ihn her zu Boden, zerstoben und flogen in winzigen Stücken umher. Es war ein Prasseln wie von einem scharfkantigen, tödlichen Glasregen. Einige Scherben zerschlitzten seine Kleidung, drangen ihm in die Haut. Warmes Blut lief über seine Hände, auch der Nacken fühlte sich feucht an. Evariste kauerte zitternd unter ihm, gefangen und hilflos. Jetzt ertönten die Schreie der Gangster, die den Einsturz der Fensterfront überlebt hatten. Als Kai aufsah, begriff er sofort, dass nicht alle so viel Glück gehabt hatten. Wenn menschliche Verbrecher nun mal so dumm sind, mein Leben zu bedrohen, dachte er, dann ist ein sauberer, schneller Tod das Beste, was ich ihnen geben kann. Jeder Drache, den er kannte, hätte in diesem Moment zugestimmt. Selbst Irene hätte das Ganze von der praktischen Seite gesehen. Höchstwahrscheinlich. Aber er musste sich eingestehen, dass die Größenordnung des Ganzen … nun ja, etwas exzessiv wirkte. »Los, hoch«, sagte er. Er zerrte Evariste auf die Füße und klaubte eines der Bücher auf, das ihm heruntergefallen war. »Kommen Sie schon!« Evariste presste die Knöchel seiner geballten Hände in den Mund, als er sah, was um ihn herum passiert war. Das zersplitterte Glas, die reglosen Körper, das Blut. Männer, die versuchten, aufzustehen und wieder hinfielen. Aus seinem Gesicht wich die Farbe. »Ich wollte nicht …«, begann er, hielt aber plötzlich inne, unschlüssig darüber, was überhaupt er nicht gewollt hatte. Dafür hatten sie keine Zeit. Aber Kai konnte sich dem offenkundigen Schmerz im Gesicht des jungen Mannes nicht entziehen. »Es war nicht Ihre Schuld«, meinte er. »Sie haben die ganze Situation nicht zur Eskalation gebracht. Es ist unsere Aufgabe, diese Sache zu stoppen und Ihre Tochter zu retten. Wollen Sie, dass ich den anderen Drachen die Schuld für alles gebe? Na gut. Qing Song hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die er längst nicht mehr kontrolliert. Aber Sie müssen mir helfen zu verhindern, dass all dies noch schlimmer wird. Helfen Sie mir, die Bibliothek zu retten.« Endlich fing er Evaristes Blick auf. »Bitte.« Evariste sog tief die Luft ein. Er nickte. Zu zweit kletterten sie durch die Überbleibsel der Fensterrahmen und stolperten nach draußen, in die Schatten des abendlichen Central Parks. »Wir brauchen sofort ein Taxi«, sagte Kai. »Und dann müssen wir Verbindung zu Irene aufnehmen.« »Wenn wir das noch können.« Evariste schien seine Sinne halbwegs wiedererlangt zu haben. »Was, wenn George seine Leute auch auf sie gehetzt hat?« Kai bleckte die Zähne. »Dann wird das dem lieben George schon bald sehr leidtun.« DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Der Balkon bestand aus massivem Stein und war mit Marmor ausstaffiert wie die restliche Hotelfassade. Eine schwere, schmiedeeiserne Brüstung sollte offenbar potentielle Selbstmörder daran hindern, sich von hier oben in die Tiefe zu stürzen. Irene fand es in schwindelerregender Höhe außen an dem Hotel immer noch erträglicher als in der Suite, auch wenn sie der waghalsigen Kletterpartie nur knapp den Vorzug gab. Als sie über die Brüstung spähte, sah sie einen weiteren Balkon direkt unter diesem. Sie musste es lediglich von hier oben nach dort schaffen. Theoretisch betrachtet war das nicht schlimmer, als eine komplizierte Aufgabe im Schulunterricht zu lösen, bei der es um Vektoren, Winkel und millimetergenaue Abstände ging. Praktisch gesehen gab es allerdings das Problem, dass sie abrutschen und in den Tod stürzen konnte. Ihr ausgeprägter Hang zur Selbsttäuschung, um unliebsame Realitäten beiseitezuschieben, musste ja irgendwann einmal nützlich sein. Sie streifte ihre Schuhe ab, beugte sich weit über das Geländer und warf sie ein Stockwerk tiefer auf den Balkon. Dann kletterte sie über die eiserne Brüstung. Die Geräusche der Fifth Avenue drangen von tief unten zu ihr herauf, als legten sie es darauf an, ihre Konzentration zu stören. Das Hupen von Autos, quietschende Reifen, ein konstantes Murmeln von Stimmen, dazu leise Klänge von Musik, die aus unterirdischen Clubs oder Autoradios drang, fern wie Vogelgezwitscher. In der Suite unterbrachen zwei Schüsse das Heulen eines Wolfs. Irene schluckte, ihre Kehle war wie ausgedörrt. Erster Stock – stell dir einfach vor, es wäre der erste Stock. Sie ließ sich auf der anderen Seite des Geländers in Kauerstellung nieder und krallte sich mit beiden Händen an der Kante des Balkons fest. Dann holte sie tief Luft und schob die Füße über die Kante. Sie hing im Freien, allein von der Kraft ihrer Finger gehalten, hoch über der Fifth Avenue. Das Stockwerk unter ihr lag grob geschätzt drei Meter tiefer. Außen an der Brüstung befand sie sich nicht direkt darüber, sondern hing außerhalb, jenseits der rettenden Fläche. Es war exakt die Art von Situation, in der Kai besser zu gebrauchen war als sie. Vom Balkon, den sie gerade verlassen hatte, kam ein Ruf: »Sie ist nicht hier! Sie muss gesprungen sein!« »Einen Moment«, entgegnete eine andere Stimme. »Ich kann ihre Hände sehen, sie hängt da unten.« Es war höchste Zeit. Irene schwang sich nach vorn. Angst breitete sich in ihrem Bauch aus. Ihr Körper schwang zurück, wie an einem Turngerät. Sie hatte sich diese ganzen Dinge nie merken können – Ringe, Stricke, Barren. Dann wieder nach vorn. Und bevor jemand von oben sie packen konnte, ließ sie los und fiel. Der Sturz ins Leere dauerte lange genug, dass Irene sich vor Augen führen konnte, was alles falsch gelaufen war, und endete doch wenigstens so schnell, dass sie keinen dieser Gedanken zweimal fassen konnte. Sie landete hart auf dem Boden des Balkons und rollte sich nach vorne ab. Sie nahm die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen, gerade noch rechtzeitig, bevor sie durch die bodentiefe Fensterscheibe des Hotelzimmers krachte. Das Splittern war von oben mit Sicherheit zu hören. In dem Zimmer, in das sie gestürzt war, brannte Licht, doch es war niemand zu sehen. Durch die angelehnte Badezimmertür drangen jedoch Rufe: »Hilfe, Einbrecher. Helft mir!« Irene hätte gern etwas erwidert, um die Bedenken des Gastes zu zerstreuen, doch sie konnte nicht sprechen. Außerdem wäre ihr sowieso nichts Passendes eingefallen, um in dieser Situation irgendjemandes Nerven zu beruhigen. Sie rappelte sich auf, strich sich die Scherben von Rock und Mantel und holte ihre Schuhe von draußen herein – sehr wichtig, denn jetzt war es Zeit, die Beine in die Hand zu nehmen. Im Hotelflur des Stockwerks war niemand zu sehen, und für eine Sekunde glaubte Irene, dass sie erfolgreich entkommen war. Dann drang das Wolfsgeheul an ihre Ohren. Fahrstuhl oder Treppe? Ein Glücksspiel. Die Fahrstuhltür am Ende des Flurs öffnete sich, und Irene wusste, was zu tun war. Sie rannte los, drängte sich an den Hotelgästen vorbei, die aus der Kabine traten, und hastete hinein. Ein dünner Hotelpage sah sie an. Er war fast noch ein Teenager, dessen Persönlichkeit hinter dem Anblick von Mütze, Messingknöpfen und Adamsapfel verschwand. Er lächelte. »Kann ich Ihnen helfen, Ma’am?« Nach unten, gestikulierte Irene. Für den Fall, dass er nicht richtig verstanden hatte, deutete sie auf einen großen Hebel, der neben dem Pagen aus der Kabinenwand ragte. »Kein Grund zur Sorge, Ma’am«, versicherte ihr der Junge und griff nach einem der beiden Hebel. Irene versuchte, sich an alles zu erinnern, was sie über alte Fahrstuhltechnologien wusste. Ein Hebel für die Türen, der andere für die Fahrt nach oben oder unten. »Wir haben hier die besten Fahrstühle von ganz New York …« Der Page brach ab, als er das Hecheln hörte. »Heilige Maria Muttergottes, die Wölfe sind los!« Vier der Schattenwölfe rannten auf den Fahrstuhl zu. Gäste des Hotels flohen auseinander, hämmerten an Türen. Der Page stand einfach mit offenem Mund da. Schockzustand. Irene fluchte innerlich. Sie sprang vor und griff nach dem Hebel, den der Page eben betätigen wollte. Sie riss mit aller Kraft daran, und die Türflügel glitten zu, kurz bevor die geifernden Wölfe sie erreichten. Ihr wütendes Heulen drang durch die Lifttür. Der Page neben Irene war kreidebleich geworden. »Wir sollten d-die … Polizei verständigen.« Irene dachte eher daran, sich erst einmal in Sicherheit zu bringen. Sie musste davon ausgehen, dass Qing Song alles erfuhr, was die Wölfe sahen. Das hieß, er war sich bewusst, dass Irene den Fahrstuhl benutzte. Er würde seine Wölfe nicht auf unbeteiligte Dritte hetzen. Auch wenn sie sich auf diese Einschätzung nicht völlig verlassen wollte. Und sie hatte auch nicht vor, am eigenen Leib zu erfahren, mit welchen Mitteln das Rudel Schattenwölfe sie an der Flucht hindern würde. Führte man sich Qing Songs jüngste Laune vor Augen, war das Durchbeißen ihrer Achillessehnen wohl noch das Harmloseste, was sie zu erwarten hätte. »Machen Sie sich keine Sorgen, Ma’am«, sagte der Hotelpage. Er schien sich zwanghaft zusammenzureißen. Als er den anderen Hebel ergriff und umlegte, begann der Fahrstuhl seine langsame Fahrt abwärts. Über der Tür wies eine bogenförmige Skala mit einem durchstochenen Zeiger in der Mitte das Stockwerk aus, in dem sie sich gerade befanden. »Können Sie nicht sprechen? Sind Sie zu erschrocken? Wir haben nur eine Möglichkeit. Sobald ich Sie nach unten in die Lobby gebracht habe, werde ich sofort die Polizei alarmieren. Meine Oma, die weiß noch, wie es früher war, zur Zeit unserer Vorväter. Sie sagt, wenn die Wölfe erst einmal Blut gerochen haben, gibt es nur noch eine Möglichkeit: Gewehre.« Irene nickte stumm. Sie verfolgte, wie die Anzeige über der Tür langsam die Stockwerke nach unten abzählte. Zehn. Neun. Acht. Sieben. Ruckartig blieb der Fahrstuhl stehen. Die Lichter erloschen. In der plötzlichen Stille stieg Panik in Irene auf. Die Finsternis schien sich um sie herum zu verdichten. Sie suchte mit tastenden Händen nach den Wänden und stellte erleichtert fest, dass sie noch immer da waren. Sie musste sich zwingen, ihre Angst zu bewältigen und wieder klare Gedanken zu fassen. Dieser Fahrstuhl würde nicht einfach abstürzen. Wirklich nicht. Nun, jedenfalls stand das zu vermuten. Sie griff in ihre Manteltasche. Eine Sache hatte sie vor der Durchsuchung der Gangster verbergen können: ihren Augenbrauenstift. Das Hilfsmittel einer Frau, um Make-up aufzutragen, erschien Männern immer allzu harmlos. Jetzt hatte sie etwas zum Schreiben. Nun brauchte sie nur noch Licht. Sie hörte den Pagen irgendwo herumkramen. Ein leises Klicken ertönte, und eine Taschenlampe ging an. Der Lichtschein schälte die Stockwerk-Skala aus der Dunkelheit, und Irene konnte sehen, dass der Fahrstuhl zwischen dem sechsten und siebten Geschoss stand. Was ist passiert?, schrieb sie an die Fahrstuhlwand. Sie packte den Pagen an den Schultern und drehte ihn so, dass er die Worte sah. »Es, ähm … muss etwas mit der Mechanik sein, Ma’am«, sagte er. »Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin sicher, das Management wird in Windeseile jemanden schicken, der sich darum kümmert. Dann werden wir ins nächste Stockwerk heruntergelassen und sind schon bald wieder draußen.« Die vehemente Behauptung des Pagen, sie müsse sich keine Sorgen machen, ärgerte Irene fast so sehr wie die eigentliche Situation. Sie zwang sich zur Konzentration. Wenn sie vom Schlimmsten ausging – was sie tat – dann bedeutete es wohl, dass einer ihrer Verfolger von einem höheren Stockwerk aus den Fahrstuhl gestoppt hatte. Alles, was ihre Widersacher noch zu tun brauchten, war, abzuwarten, bis die Türen geöffnet wurden, um sie herauszuholen. Deshalb musste sie den Fahrstuhl vorher verlassen. Sie schrieb mit dem Make-up-Stift an die Wand: Wo ist der Notausstieg? Die Augen des Pagen huschten verräterisch zur Decke. »Das ist wirklich nicht nötig, Ma’am. Es ist viel sicherer, wenn wir hierbleiben. Glauben Sie mir. Sie müssen sich keine Sorgen machen, der Fahrstuhl stürzt nicht ab.« Das war nun wirklich das Letzte, worüber sie sich Sorgen machte. Auch wenn es für gewisse Leute das einfachste Mittel gewesen wäre, sie loszuwerden. Tote Bibliothekarinnen reden nicht. Ein tragischer Unfall in einem Hotellift. Bedauerlich, aber so etwas passierte nun mal ab und zu … Diese Gangster sind hinter mir her, schrieb sie an die Wand. Wenn sie mich kriegen, werden sie mich umbringen. Sie versuchte, die Willensstärke des Pagen einzuschätzen und fügte das berühmt-berüchtigte Zauberwort hinzu. Bitte. Der Widerwille des jungen Mannes zeigte sich deutlich auf seinem Gesicht. Doch er nickte zögernd. »Oben in der Decke ist eine Falltür. Theoretisch sollten wir in der Lage sein, hindurchzuklettern. Aber ich habe keine Ahnung, wie wir rankommen sollen.« Irene hielt sich nicht groß damit auf, um Erlaubnis zu bitten. Sie trat vor, packte den Pagen in Hüfthöhe – der daraufhin anfing zu protestieren und sich losmachen wollte – und hob ihn mit aller Kraft hoch. Der Junge besann sich und klammerte sich schnell an der Decke fest. Sie hörte, wie er mehrere Riegel umlegte und die Luke öffnete. »Das geht ziemlich schwer …«, ächzte er. Irene hörte ihn schnaufen. Sie spähte nach oben und sah, dass er einen Teil der Deckenverkleidung gelöst hatte und nach oben drückte. Im Deckenbereich des Fahrstuhls klaffte nun ein Loch, umspielt vom Schein der Taschenlampe. Staub rieselte herab, Ölgeruch drang in die Kabine. Der Page zog sich hoch, während sie ihn so gut es ging von unten stützte. Seine Schuhe trafen Irenes Schultern und hinterließen schwarze Abdrücke auf ihrem Mantel. Die Taschenlampe hatte er. »Ich bin nicht sicher, ob ich Sie raufziehen kann, Ma’am.« Sie sprang hoch und ergriff den Rand der Öffnung, wo sie sich festhielt. Mit viel Mühe und unter Ächzen gelang es ihr, sich ganz hochzuziehen und auf das Dach des Fahrstuhls zu klettern. Der Sportlehrer ihrer Kindheit hätte ihr wahrscheinlich ein paar Punkte für guten Willen gegeben – und allerhand Abzüge in der Haltungsnote. Immerhin war sie oben. Der Fahrstuhlschacht war dunkel und durchzogen von öligen Stahlseilen. Auf jeder Fläche lag dicker schwarzer Staub. Knapp zwei Meter über ihnen erhellte die Taschenlampe die blanke Fahrstuhltür. Das musste der siebte Stock sein, an dem der Lift zuletzt vorbeigefahren war. Irene deutete hinauf. »Es ist nicht erlaubt, die Türen vom Schacht aus zu öffnen, Ma’am«, sagte der Page. Er sah recht verzweifelt aus. Irene klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. Dann begann sie zu klettern. In den verdrehten Seilen fand sie ausreichenden Halt und hangelte sich mühsam hinauf, bis sie auf Augenhöhe mit der Fahrstuhltür im siebten Stock war. Sie sandte ein rasches Stoßgebet zu irgendeiner Gottheit – je nachdem, wer ihr zuhörte und auch nur im Mindesten interessiert an ihren Problemen sein mochte. Dann streckte sie einen Arm nach der Tür aus. In der einen Hand hielt sie immer noch den Augenbrauenstift. Mit der anderen Hand klammerte sie sich am Stahlseil fest. Bitte, lass meine Verfolger nicht hinter dieser Tür warten. Lass sie einfach einen Stock tiefer sein … Tür, öffne dich, schrieb sie im Halbdunkel auf die blanke Innenseite. Mit einem ächzenden Knirschen gehorchte sie. Auf der anderen Seite der Schwelle war niemand. »Heilige Maria Muttergottes«, murmelte der Page. Er beschwerte sich nicht weiter, während er sich die Stahlseile hinaufhangelte. Hinter Irene kletterte er durch die offene Tür. »Ma’am, ich möchte ja nicht undankbar erscheinen, aber …« Irene nickte. Sie zeigte ihm den erhobenen Daumen und rannte zur Treppe. Das Erdgeschoss wurde von einem chaotischen Menschenauflauf beherrscht. Gäste rannten in alle Richtungen und verlangten auf halb sorgenvolle, halb ärgerliche Art Auskünfte über das Geschehen. Irene kämpfte sich mit ausgestreckten Ellbogen vorwärts. Sie konnte die Wölfe bereits im ersten Stockwerk hören. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Geruch wittern und die Fährte aufnehmen würden. Wenn sie es schaffte, sofort ein Taxi zu kriegen oder ein Auto zu stehlen, konnte sie ihre Spuren verwischen und davonkommen. Aber was war mit Kai und Evariste? Waren sie Gefangene von Qing Song und Konsorten? Wie viel von New York würde Irene auseinandernehmen müssen, um sie wiederzufinden? Die Wölfe waren bereits näher gekommen. Irene stürzte auf den Gehweg und sah sich nach einem Taxi um. Es war keins zu sehen. Dafür standen überall Polizeifahrzeuge. Eine kleine Gruppe uniformierter Beamter stellte sich in Keilformation auf, an ihrer Spitze Captain Venner. Ein unglücklicher Zufall wollte es, dass er in eben der Sekunde aufblickte, als Irene in sein Sichtfeld trat. Sofort zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf sie. Sie konnte hören, wie er schrie: »Haltet die Frau auf!« Sie wog ab, ob sie zurück ins Hotel flüchten sollte, oder ob es besser für sie war, mit Gewalt aufs Polizeirevier zurückgezerrt zu werden. Letztere Möglichkeit schien ihr mit großem Abstand die bessere zu sein. Sie hob die Hände. »Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?«, fragte Captain Venner. Irene zuckte die Achseln. »Wir bringen Sie in einem unserer Sonderfahrzeuge unter, bis wir dieses Wolfsproblem erledigt haben, Lady. Danach geht es ab zur Station mit Ihnen. Und diesmal werden Sie meine Fragen restlos beantworten.« Irene wich zurück. Sie war nicht gerade glücklich mit dem Gedanken, in einem Polizeiwagen eingesperrt zu sein, wenn die Wölfe und ihr Herrchen frei in der Nähe herumliefen. »Hat es Ihnen die Sprache verschlagen«, wollte Captain Venner wissen. »Sie waren doch bis jetzt nie auf den Mund gefallen.« Irene berührte ihren Hals und versuchte mit Gesten anzudeuten, dass sie an vorübergehenden, aber schwerwiegenden Kehlkopfproblemen litt. Dazu schaute sie so elendig drein, wie sie konnte. Unglücklicherweise schien das keine Wirkung auf Captain Venner zu haben. Er war an diesem Tag vermutlich oft genug an der Nase herumgeführt worden. »Bitters, Johns, legt ihr Handschellen an und dann bleibt bei ihr im Wagen …«, begann er. Da kamen die Wölfe aus dem Hotel gerast. Menschen rannten schreiend in alle Richtungen davon. Es waren zwar nur vier Tiere, aber deren Schnauzen und Fell waren blutverschmiert. Captain Venner war vernünftig genug, um zu erkennen, dass angreifende Wölfe im Moment das größere Problem darstellten. »Erschießt die Viecher!«, brüllte er. Irene nutzte die Ablenkung und rannte los über die Fifth Avenue. Die Gruppe Wölfe teilte sich beim Herannahen und umging die Polizisten. Sie hatten es immer noch auf Irene abgesehen. Der Verkehr wälzte sich in einem Strom aus Metall, Gummi und Abgasen die Straße hinunter. Passanten rannten vor ihr her, um den wild gewordenen Wölfen zu entkommen. Viele Menschen drängten sich in die nächstbesten Hauseingänge. Die New Yorker Hochhäuser dieser Parallelwelt erhoben sich ringsum wie ferne Gebirge und warfen ihre Schatten auf sie. Irene blickte sich panisch nach einem Fluchtweg um. Die Straße war so voller Verkehr, dass sie unmöglich hinüberlaufen konnte. Türen und Eingänge, an denen sie vorüberkam, waren verschlossen. Sie rannte in Richtung der Museumsmeile, das Metropolitan Museum of Art lag geradewegs vor ihr. Ihr war bewusst, dass sie die Wölfe damit direkt zu Kai und Evariste führte. Sie brauchte ein Versteck. Doch wohin auch immer sie kam, wurden Geschäftseingänge und Ladentüren zugeknallt. Die Wölfe heulten hinter ihr. Kein Taxi reagierte auf ihr Winken. Noch einmal erhoben die Tiere ihr fürchterliches Geheul. Sie musste mit Gewalt den Zwang unterdrücken, sich umzudrehen und zu schauen, wie nah sie schon waren. Beim nächsten Atemzug stieß von hinten etwas in sie hinein. Sie stürzte, und nur dank ihrer instinktiven Erinnerung an jahrelanges Training schaffte sie es, sich sofort abzurollen und den Ellbogen nach hinten zu stoßen. Etwas prallte krachend gegen sie – höchstwahrscheinlich ein Wolf. Dann schlossen sich kräftige nasse Kiefer um ihren Unterarm. Nicht so fest, dass die Zähne ihre Haut durchdrangen, aber immerhin mit ausreichend Kraft, um diese Möglichkeit eindringlich zu verdeutlichen. Es war einer der Wölfe, und er lag jetzt halb auf ihr. Seine Augen blickten sie mit übermenschlicher Schläue an, während die Kiefer Druck auf ihren Unterarm ausübten. Um sie herum verteilten sich die übrigen drei Tiere und warteten. Irene rang um ihre Stimme. Sie wäre für jeden Ton in normaler Sprache froh gewesen, könnte sie dann doch wenigstens probieren zu schreien, zu lügen, ein Versprechen zu geben oder zu schmeicheln. Selbst um ihr Leben zu flehen, wäre ihr wie eine aussichtsreiche Option erschienen. Ganz zu schweigen von dem Wörtchen bitte. Doch es kam kein Laut aus ihrer Kehle. Der Verkehr strömte vorbei. Kein einziges Auto hielt. Irene blickte in den Nachthimmel hinauf. Sie entspannte ihre Muskeln. Ein Anflug von morbider Neugier ließ die Frage aufkommen, ob die Wölfe sie wohl ins St. Regis Hotel zurückschleifen würden, und wenn ja, ob sie sie an den Händen oder den Füßen nahmen – oder vielleicht am Genick? Es mochte auch sein, dass sie wollten, dass sie aus eigener Kraft lief. In dem Fall würden die Tiere viel Geduld aufbringen müssen. »Da sind sie!«, rief jemand aus Richtung des St. Regis Hotels. Irenes Frage war damit beantwortet. Wenn die Wölfe nicht imstande waren, sie zu tragen, würde das eben ein menschlicher Bediensteter Qing Songs übernehmen. Und niemand würde wagen, den von Wölfen umzingelten Mann dabei zu stören. Da hielt ein Wagen mit quietschenden Bremsen auf ihrer Höhe. Die übrigen Autos bedachten das plötzliche Manöver mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert. Evaristes Stimme erhob sich über den Lärm: »Wölfe, lasst sie los!« Der Wolf, der ihren Arm in seinem Maul hatte, gab Irene plötzlich frei. Knurrend wich er vor ihr zurück, schüttelte dabei aber widerwillig den Kopf. Die anderen Wölfe taten es ihm gleich und wichen ebenfalls ein paar Schritte von Irene zurück. Sie bewegten sich so langsam, als kämpften sie gegen einen fremdartigen Drang, der ihnen gebot, ihre eigentlichen Befehle zu missachten. Irene rappelte sich auf. Ergriffen von neuer, wilder Hoffnung sah sie sich um. Evariste und Kai stürzten aus einem Taxi am Straßenrand, Evariste nur dürftig bekleidet. In den Armen trug er mehrere rechteckige Gegenstände, die er mit seinem Mantel umwickelt hatte. Daneben schritt Kai auf sie zu. Jede Faser seines Körpers bebte vor Zorn. Als sie ihn sahen, legten die Wölfe die Ohren an und knurrten aggressiv. »Runter«, befahl Kai. Er schnippte mit den Fingern und zeigte zu Boden. Die Wölfe ignorierten es und umkreisten Irene langsam. Dabei grollten sie aus tiefster Kehle. »Bedroht ihr mein rechtmäßiges Eigentum?« Kais Augen funkelten im Licht der Straßenlaterne wie Rubine. Schuppenmuster glitten wie Eisblumen über die blau gefärbte Haut seines Gesichts und seiner Hände. Die Nägel fingen das Licht ein und glänzten wie Edelsteine. »Fordert ihr mich und meine Besitzansprüche heraus?« Damit war nun alles aus. Kai hatte sich öffentlich mit der Sache in Verbindung gebracht. Irene war dankbar für die Rettung – im Moment fehlten ihr die Worte, um deutlich zu machen, wie dankbar –, aber das hier war genau das, was sie die ganze Zeit unbedingt hatte verhindern wollen. »Eure Hoheit!« Irene drehte sich um. Hu kam zusammen mit zwei menschlichen Handlangern auf sie zu. Die Gangster hatten die Waffen gezogen. »Lassen wir es nicht zu offenen Feindseligkeiten kommen. Ihr habt euch in die persönlichen Angelegenheiten meiner Lordschaft, des Herrn Qing Song, eingemischt. Er ist gewillt, dies zu verzeihen und Ihnen das, was rechtmäßig Ihres ist, wiederzugeben – sofern Sie sich selbst und den Mann in Ihrer Begleitung ausliefern.« »Dieser Mann steht unter meinem Schutz«, entgegnete Kai ohne einen Moment des Zögerns. »Dein Herr wird sofort seine Wölfe zurückrufen und meine Kollegin freilassen, oder ich fordere seinen Kopf.« »Das wird Ihnen wenig nützen, wenn sie dann schon tot ist«, sagte Hu. »Und ob Ihr ihm in einem Kampf überlegen wäret, bleibt dahingestellt. Ich schlage vor zu verhandeln, Eure Hoheit. Anderenfalls verlieren beide Seiten etwas, das ihnen kostbar ist.« Kai warf Irene einen schnellen Blick zu. »Nun?«, fragte Hu. Mittlerweile hatte Irene Hus Durchtriebenheit ganz gut einzuschätzen gelernt. Er war nicht der Typ, der vorschlug, sich in Ruhe hinzusetzen und miteinander zu reden, solange es nicht bedeutete, dass er dadurch einen Vorteil gewann. Wahrscheinlich wollte er Zeit schinden bis zur Ankunft von Qing Song und Jin Zhi. Und sie, Irene, konnte Kai nicht einmal warnen, stumm wie sie war. Aber sie war nicht völlig hilflos. Und außerdem war es von Vorteil, dass die beiden Drachen einzig und allein aufeinander achteten. Sie starrten sich an wie siamesische Kampffische. Offenbar hielten sie den Rest ihrer Umgebung für unwichtig. Selbst Qing Songs Wölfe hatten sich Kai zugewandt und achteten nicht mehr auf Irene. Irene griff sich an die Kehle. Sie tat ihr Bestes, ihm zu verstehen zu geben, dass sie nicht sprechen konnte. »Was habt ihr mit ihr gemacht?«, forderte Kai eine Antwort von Hu. »Was glaubt Ihr?«, sagte Hu. »Wie Ihr sehen könnt, ist sie am Leben. Doch wenn Ihr sie in dem Zustand wiederhaben wollt, in dem Ihr sie kanntet, dann sollten wir über einen Austausch verhandeln.« Irene fing Evaristes Blick auf. Er stand ein paar Schritte hinter Kai, immer noch den seltsamen Stapel im Arm. Er erwiderte ihren Blick und hob eine Braue. Sein Gesicht fragte klar und deutlich: Was machen wir jetzt? Ohne die Wölfe würde Hu sie nicht kontrollieren können – und Kai nicht länger ungestört manipulieren. Sie mussten die Wölfe loswerden. Während der Wortwechsel zwischen Kai und Hu weiterging, deutete Irene auf den Bordstein und die Wölfe rings um sich. Dann wandte sie beide Handflächen nach oben und schlug sie leise zusammen. Evariste nickte unmerklich. Als Kai gerade den Mund öffnete, um etwas zu Hu zu sagen, rief Evariste dazwischen: »Bordstein, halte die Wölfe fest.« Der Beton hob sich, er begann zu fließen wie Öl und legte sich in einer Höhe von einigen Zentimetern um die Tatzen der Wölfe, die sich auf einmal nicht mehr rühren konnten. Irene hatte sich da bereits in Bewegung gesetzt. Mit verzweifelter Hast warf sie sich zwischen die Tiere, die erschrocken und wütend aufheulten. Ihre Kiefer verfehlten sie nur um Haaresbreite. Irene stolperte vorwärts. Kai trat zu ihr, um sie aufzufangen, und die Wölfe heulten. Er schwang sie hinter sich und fuhr wieder zu Hu herum, triumphierend. »Bedingungen, dass ich nicht lache«, sagte er. »So, dann können Sie also Pistolenkugeln stoppen, Eure Hoheit?«, wollte Hu eiskalt wissen. »Denn ich gehe davon aus, dass Ihre Bibliothekarsfreunde noch immer in der Schusslinie stehen.« »Und ich gehe davon aus, dass das heute nicht Ihr Tag ist.« Evariste umklammerte den Stoß Bücher so fest, dass die Knöchel seiner Hand weiß waren. Er machte einen Schritt nach vorn und stellte sich neben Kai. »Wollen Sie wissen, was ich mit diesen Waffen machen kann? Oder mit Ihnen?« In diesem Moment erstrahlte die Nacht in einem gewaltigen Lichtblitz, der den gesamten Himmel zu zerfetzen schien. Straßenlaternen gingen flackernd aus. Die Spitze des St. Regis Hotels explodierte, Mauerwerk und Balkone zerbrachen wie Eierschalen, als zwei Drachen sich, ineinander verschlungen, in die Nacht emporhoben, in den dunklen Himmel über der Stadt. Der eine schien aus flüssigem Gold zu bestehen, der andere war von dunklem Smaragdgrün. Sie waren in einen wilden Kampf verstrickt. Beider Drachen Gebrüll donnerte durch die Stadt, brachte halb New York zum Erbeben in seiner Wut, und die Realität wurde von einem heftigen, unwirklichen Ruck geschüttelt. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL Irene hatte immer geglaubt, das nächtliche New York sei ohrenbetäubend. Das jetzige Geschehen lieferte ihr ganz neue Vergleichsmöglichkeiten. Die Menschen rannten schreiend davon, als die Drachen über ihnen in der Dunkelheit ihren Kampf austrugen. Doch niemand schien zu wissen, was er tun oder wohin er rennen sollte. Jeder wollte einfach nur weg. Der Ameisenbau New York war in heillose Panik verfallen. Der Verkehr, der sich die Fifth Avenue hinuntergeschlängelt hatte, war in mehr als ein Dutzend Verästelungen zu beiden Richtungen zerflossen: Fahrer, die sich aus den Seitenfenstern lehnten und Blicke gen Himmel richteten, kreischende Bremsen, dröhnendes Metall und splitterndes Glas. In gewisser Weise war es einfach zu laut, um richtig wahrgenommen zu werden. Die Gruppe von Personen, zu der Irene gehörte, schien sich im Auge des Sturms zu befinden. Die Stille drohte jeden Moment von schierer Gewalt zum Bersten gebracht zu werden. Hu brauchte einen Atemzug, um sich zu fangen. Er machte einen Schritt. »Eure Hoheit. Ihr müsst sie stoppen.« Kai sah ihn mit blankem Unglauben an. Einen Arm hatte er um Irenes Hüfte geschlungen. Es fühlte sich besitzergreifend an, nicht schützend. »Was geht es mich an, wenn die sich gegenseitig an die Kehle wollen? Ich würde sagen, die beiden beweisen damit sogar ein ganz ausgezeichnetes Urteilsvermögen.« »Hört sich vernünftig für mich an«, stimmte Evariste schonungslos zu. »Nicht meine Affen, nicht mein Zirkus. Wenn sie sich gegenseitig zerfetzen wollen, nur zu. Viel Erfolg dabei.« Hu ignorierte Evariste. Sein Gesicht war im Licht der Straßenlaternen ganz und gar weiß. »Es ist sehr gut möglich, dass das die Aufmerksamkeit der Königin auf sich ziehen wird. Vielleicht beeinflusst es sogar das Gleichgewicht dieser Welt. Eure Hoheit möchten doch sicher am Ende nicht als Anstifter dieses ganzen … Zirkus gelten?« Irene war klar, dass Hus einzige Sorge der Kampf zwischen den Drachen und sein möglicher Ausgang war. Alles ringsum – die Gangster, die Schießereien, die wachsende Panik und die Brutalität, mit der diese Stadt sich selbst zerstörte – das alles war für ihn lediglich eine Gegebenheit. Unbedeutend, gemessen an dem privaten Geplänkel und den Machtfragen der Königshäuser der Drachen. Der Gedanke fing Feuer in ihr. Er brannte regelrecht unter frisch angefachtem Zorn mit Furcht als Brandbeschleuniger. Denn Hus Bedenken waren völlig berechtigt. Kai sah sich um. Während er die Raserei und die Explosionen am Nachthimmel betrachtete, war sein Gesichtsausdruck so unbeteiligt, als läse er all das in einem Zeitungsartikel. »Ich mische mich nicht in den Zuständigkeitsbereich Ihres Herrn«, sagte er. »Was sollte ich Ihrer Meinung nach auch tun? Mich dazwischenwerfen und darauf hoffen, dass sie rechtzeitig voneinander ablassen? Selbst, wenn ich ihnen das Wasser des gesamten Flusses entgegenschickte, würde es vielleicht nicht reichen.« Irene brauchte ihre Stimme zurück, und zwar sofort. Sie hatte in dieser Diskussion etwas zu sagen. Sie machte sich mit lautem Husten bemerkbar. Kai fing ihren Blick auf. Seine Miene erhellte sich, als er begriff, dass sie etwas sagen wollte. »Wenn Sie vielleicht das Gegengift hätten«, sagte er an Hu gewandt, »oder was auch immer nötig ist, um Irene wieder zum Sprechen zu bringen. Dann würde ich meinen Entschluss noch einmal überdenken.« Hu zuckte die Achseln. »Tut mir leid. Das Mittel ist im Besitz meines Herrn.« Er spähte zu den zerstörten oberen Stockwerken St. Regis Hotels hinauf. »Jedenfalls war es das. Könnte ein wenig dauern, es wiederzubeschaffen. Falls Sie zwischen meinem Herrn und der Lady Jin Zhi vermitteln, könnte ich solange auf Miss Winters aufpassen …« Ein herablassendes Schnauben Irenes verdeutlichte, was sie davon hielt. Sie löste Kais Arm von ihrer Hüfte und zeigte mit dem Finger auf ihren Hals. Dann tat sie, als würde sie etwas trinken. Dabei schaute sie Kai und Evariste hoffnungsvoll an. Falls Kai wusste, um was für eine Substanz es sich handelte, konnte er ihr vielleicht anderweitig helfen. Doch Kai schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Irene. Ich habe keine Ahnung, was der Kerl dir verabreicht hat.« Evariste schaltete sich ein. »Ich kann nur etwas tun, wenn ich den Namen kenne, die korrekte Bezeichnung …« Er wurde leiser, und seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. Die Macht eines Bibliothekars war beträchtlich. Doch sobald ihm die nötigen Worte fehlten, war die Sprache nutzlos. In ihrer Panik und Wut fragte sich Irene, was der Drache ihr für ein Mittel eingeflößt hatte. Gewöhnliche Magie, falls man das so nennen konnte, wäre bei einer Bibliothekarin wirkungslos gewesen. Ein Betäubungs- oder Lähmungsmittel hätte zweifellos ihren Mundraum und ihren Hals in Mitleidenschaft gezogen, nicht allein ihre Stimmbänder. Also musste es sich um irgendeine Form von spezieller Drachenmagie handeln. Irene hatte Elfenzauber gesehen, die so stark waren, dass sie einen Drachen im Zaum gehalten hatten. Kai war darunter nicht mehr in der Lage gewesen, seine Fähigkeiten anzuwenden. Wieso also sollten Drachen nicht etwas entwickeln können, das einer Bibliothekarin ihre Magie raubte? Sie hob Kai die geöffnete Handfläche entgegen – warte – und trat zu Evariste. Sie zog ihren Augenbrauenstift hervor und suchte etwas, worauf sich schreiben ließ. Vermutlich konnte Evariste besser als jeder andere hier nachvollziehen, wie fuchsteufelswild es einen machte, stumm und hilflos zu sein. Mit einer raschen Bewegung schlug er den Mantel von dem Stapel Bücher zurück, die er dort hineingewickelt hatte, und bot ihr das oberste Cover an, damit sie darauf schreiben konnte. Irene betrachtete das Buch. Ihre Augen weiteten sich, ehe sie sich zusammenriss. Es war gar nicht Die Reise nach Westen, sondern der Traum der roten Kammer. Evariste erkannte ihre Reaktion mit einem unmerklichen Nicken. »Es ist in Sicherheit«, flüsterte er. »Viel sicherer als wir im Moment.« Irene nahm sich zusammen. Symbolische Reinigung, schrieb sie auf den Bucheinband. Holen Sie so reines Wasser wie möglich. Dann die Sprache. Sagen Sie: ›Es soll diesen Hals reinwaschen von dem Drachenmittel, wenn es getrunken wird.‹ Hu sah, was sie tat, und sein entsetztes Luftholen war beinahe hörbar, trotz des Lärms um sie herum. »Nein, nicht auf die Bücher schreiben!« Es hätte einem Bibliothekar fast alle Ehre gemacht, so hysterisch klang er. Kai trat zwischen Irene, Evariste und Hu, bevor dieser versuchen konnte, sich mittels seiner Fähigkeiten das Buch zu holen. »Sind Sie sicher, dass Sie das Gegengift nicht auftreiben können?«, sagte Kai. »Müssen wir denn wirklich die persönliche Lektüre der Königin verunstalten?« Hus Gesicht verzog sich vor Abscheu und Missmut. »Mein Herr hatte es bei sich. Ich habe es nicht. Eure Hoheit, uns bleibt keine Zeit mehr …« Am Nachthimmel über ihnen prallten die Drachen erneut aufeinander. Sie umschlangen einander und verbissen sich in ihr Gegenüber, bevor sie sich mit Gewalt wieder voneinander befreiten. Ihr Gebrüll dröhnte durch die Stadt. Die Straßenlaternen flackerten und warfen vibrierend wildes Stroboskoplicht umher. Leute stürzten aus ihren Autos und flohen zu Fuß. Irene wusste ungefähr, wie groß Kai in seiner Drachengestalt war. Es bestand kein Zweifel, dass er irgendwann einmal – in ferner Zukunft – die beiden Kontrahenten dank seiner königlichen Abstammung übertreffen würde. Aber noch war er jung. Körperlich wäre er im offenen Kampf gegen einen der beiden Drachen unterlegen gewesen. Und wenn sie sich gegen ihn verbündeten, konnte es sein, dass er ernsthafte Verletzungen davontrug, die nie wieder heilten. Irene konnte ihn nicht einfach dorthinaufschicken. Andererseits durfte sie auch nicht zulassen, dass der schreckliche Kampf andauerte. Es ging ihr nicht um die Drachen, es ging um die Stadt – New York. Um den Rest dieser Welt. Wenn zwei Drachen sich im offenen Kampf befanden, bestanden die Konsequenzen nicht einfach nur aus Verwüstung und Chaos. Es lag im Bereich des Möglichen, dass die Welt selbst aus dem Gleichgewicht geriet. Evariste entzifferte Irenes Worte. Zuerst runzelte er die Stirn, dann nickte er. »Wir brauchen Wasser«, rief er Kai zu. Die Männer, die Hus Verstärkung bildeten, sahen etwas überfordert aus angesichts der Ereignisse. Dennoch hatten sie gehört, was gesprochen wurde. Bevor Hu ihn zum Schweigen bringen konnte, hatte einer von ihnen bereits auf ein Gebäude gezeigt: »Da drin ist eine Kneipe. Die braune Tür, dritte rechts. Klopfen Sie dreimal und fragen Sie nach Louie …« »Danke.« Kai lief los. Irene und Evariste eilten ihm nach. Hu folgte protestierend. Die Gangster trotteten hinter ihrem Boss her. Sie sahen jetzt noch verwirrter aus als vorher. Die Flüsterkneipe war wirklich dort, wo der Mann gesagt hatte, und anscheinend blühte das Geschäft. Die laufende Katastrophe hatte viele dazu gebracht, ihre Panik im Alkohol zu ertränken, und Irene konnte es ihnen nicht einmal vorwerfen. Angesichts der Situation, die sich draußen abspielte, war das eine vollkommen vernünftige Reaktion. Und es kurbelte die lokale Wirtschaft an. Eine klare Win-win-Situation. »Wasser«, verlangte Kai und drängelte sich zur Bar vor. »Ein großes Glas von dem saubersten Wasser, das Sie haben.« Der Mann hinter der Theke starrte ungläubig. Er zuckte die Achseln und machte sich ans Werk. »Eis dazu?« »Hören Sie, es ist eine schlechte Idee, Zeit zu schinden«, erklärte Hu. Sie hatten die Wölfe eingegraben im Beton des Gehsteigs zurückgelassen, und Evariste hatte sich taub gestellt, was Hus Bitten anging, sie zu befreien. Es schien ihm auch egal zu sein, dass Hu immer wieder erklärte, wie dankbar sich Qing Song ihm gegenüber zeigen würde. Irene hoffte schon ein bisschen, dass niemand die wehrlosen Tiere tötete. Aber sie musste zugeben, dass dieser Gedanke auf ihrer Prioritätenliste nicht sehr weit oben stand. »Im Gegenteil, ich finde es eine ganz hervorragende Idee«, sagte Kai. »Irene zu befreien, halte ich für vernünftiger, als dass ich mich ins Getümmel stürze und die Lage noch schlimmer mache, als sie schon ist.« »Wenn Miss Winters etwas zur Diskussion beitragen möchte, kann sie ihr Anliegen doch sicher aufschreiben«, schlug Hu vor. »Außerdem wird ihre Stimme doch kaum wiederkommen, indem sie mit Wasser gurgelt.« Der Barkeeper ließ das Wasserglas über den Tresen zu ihnen gleiten. Die Eiswürfel klingelten. Kai fing es auf und schob es weiter zu Irene. »Wird das gehen?«, fragte er. »Eine Sekunde.« Evariste legte seinen Stapel Bücher auf den Boden, nicht ohne einen Seitenblick zu Hu – und setzte einen Fuß darauf. Hu zuckte zusammen. »Sie werden Ihre Verhandlungsposition nicht verbessern, indem Sie die Bücher vor meinen Augen ruinieren«, sagte er. »Ich werde sie mir bestimmt nicht wegnehmen lassen, nach allem, was ich durchgemacht habe.« Evariste wandte sich dem Wasserglas zu. Er formulierte sorgsam die Worte in der Sprache: »Wasser in dem Glas vor mir, gib all deine Verunreinigungen an die Eiswürfel ab, bis du hundertprozentig rein bist.« Auch wenn die meisten Gäste in der Kneipe damit beschäftigt waren, sich zu betrinken, hieß das nicht, dass sie kostenlose Unterhaltung nicht geschätzt hätten. Während die Eiswürfel allmählich stumpf und trübe wurden, erhob sich ringsum ungläubiges Gelächter. Der eine oder andere bissige Kommentar war auch dabei. »Hab schon immer gewusst, dass ich statt deinem Gin auch aus der Badewanne hätte saufen können«, meinte einer der Stammgäste zum Barkeeper. »Aber wie es ausschaut, ist es mit deinem Wasser noch viel schlimmer.« »Bereit?«, fragte Evariste an Irene gerichtet.« Er holte die verschmutzten Eiswürfel aus dem Glas und reichte es ihr. Irene nickte. Sie legte den Kopf in den Nacken und nahm erst einen großen Schluck, dann noch einen. Das Wasser war vollkommen geschmacksneutral und auf seltsame Weise schal. Sie wünschte sich, dass sie das symbolische Ritual der Reinigung mit Brandy hätten durchführen können. »Das Wasser, das Irene trinkt, beseitigt sämtliche Substanzen, die ihren Hals oder ihre Stimmbänder beeinflussen«, sprach Evariste. »Egal, ob es sich um ein Mittel von Drachen, Elfen oder sonst wem handelt: Sie kann wieder ungehindert sprechen.« Er runzelte die Stirn. Seine Miene war vor Konzentration angespannt, und er schwankte sichtlich, sodass er die Hand ausstrecken und sich am Tresen festhalten musste. Irene fiel auf die Knie. Das Glas rutschte ihr aus den Händen und landete auf dem Boden. Sie griff sich mit einer Hand an die Kehle, presste die andere auf ihren Bauch. Das Wasser scheuerte in ihrem Hals wie Glassplitter. Es war, als schrubbe ihr jemand den Hals von innen mit einem Topfreiniger. Ihre Atemzüge rasselten schmerzhaft. Sie hätte geschrien, doch sie vermochte keinen Laut hervorzubringen. In ihrem Magen gluckerte es hörbar, dazu rief ihr Verstand die absonderlichsten und abscheulichsten Bilder davon hervor, wie sich in ihrem Innern zersetzende Flüssigkeiten bekämpften. Verschwommen nahm sie wahr, wie sie sich auf dem Boden der Kneipe krümmte und von Kai gestützt wurde. Die Gäste des Lokals waren zurückgewichen, um ihr Platz zu machen. Manche waren aufmerksam genug, nach einem Arzt zu brüllen. Doch nichts war wirklich real, außer den scharfen Klauen, die ihr Innerstes von der Speiseröhre abwärts zerfetzten und immer tiefer drangen. Schließlich erschöpfte sich die Empfindung wie nachlassender Regen. Irene unternahm einen tiefen Atemzug, der dankbarerweise endlich frei von Schmerzen war. Dann noch einen, ehe sie anfing zu sprechen: »Ich glaube, ich brauche einen Brandy«, krächzte sie. In diesem Moment schritten Hu und seine Männer zur Tat. Einer der Gangster warf sich mit aller Kraft auf Evariste. Er versetzte ihm einen schweren Schlag in die Magengrube, packte ihn an der Krawatte und donnerte seinen Kopf gegen den Tresen. Der andere richtete seine Waffe auf Kai und Irene. Hu schritt vor und hob den Bücherstapel auf. »Ich denke, die sollte ich jetzt an mich nehmen, Eure Hoheit«, sagte er freudig. »Mein Herr wird sich wohl besser rechtfertigen können, wenn er diese Prunkstücke vorweisen kann.« Fast beiläufig schlug er Evaristes Mantelsaum zurück, um einen Blick auf die Bücher zu werfen. Hu erstarrte. Irene hatte die Wendung Er verwandelte sich zu Stein unzählige Male irgendwo gelesen, aber sie hatte noch nie mit eigenen Augen gesehen, wie es passierte. Das einzig Lebendige an Hu schienen seine Augen zu sein, erfüllt von Entsetzen, als er begriff, dass seine Position in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Er musste nicht nur feststellen, dass es nicht die Bücher waren, die er suchte, er hatte überdies auch die Chance verspielt, sie jemals zu bekommen. Bevor er einen Gedanken fassen konnte, reagierte Irene: »Jede Waffe in Reichweite meiner Stimme – öffne dich und wirf deine Patronen aus.« Die folgende Verwirrung gab Kai Gelegenheit, Hus Handlanger unschädlich zu machen. Irene kniete sich an die Seite des stöhnenden Evariste und half ihm auf. »Kann ich jetzt endlich einen Brandy bekommen?«, bat sie den Barkeeper. »Am besten gleich zwei.« Er starrte sie an wie ein seltenes Tier in einem Zoo. »Was zum Teufel haben Sie da gerade getan, Lady?« »Schaut Sie euch an«, rief einer der Männer in der Kneipe. »Sie ist es! Das ist Jeanette Smith!« »Na gut, alles klar. Ich geb’s zu.« Umgeben von plötzlicher Stille holte Irene Luft. »Ich bin eine professionelle Hypnotiseurin, die den Willen anderer Menschen beeinflussen kann. Und in dieser Sekunde« – sie sah dem Barkeeper fest in die Augen – »will ich wirklich zwei Brandys haben.« »Willst du hier in aller Ruhe einen Schnaps trinken?«, fragte Kai. »Wir müssen besprechen, wie wir weiter vorgehen, oder nicht?«, sagte sie. »Und dabei kann ich genauso gut ein Gläschen zu mir nehmen.« Es ging nicht nur um ein grundlegendes Prinzip der Bibliothek. Es ging um ein grundlegendes Prinzip der Menschlichkeit. Man begegnete ihm an allen Orten und in allen Kulturen. Es handelte sich weder um Altruismus noch um Ethik oder ein Mitgefühl für Menschen in Not. Es ging schlicht und einfach darum, dass man den Saustall aufräumen muss, den man hinterlassen hat. Die überfüllte Bar platzte aus allen Nähten, als mehrere Neuankömmlinge sich an die Theke drängten. Die Gäste sprangen zur Seite, um Platz zu machen. Irene erkannte ›Lucky‹ George sofort; er war in Begleitung einiger seiner Helfershelfer. Hinter ihm folgte Lily, einen Aktenkoffer in der Hand. Der Gesichtsausdruck, mit dem sie Kai anblickte, wirkte, als wollte sie mal wieder einen Mord begehen. »Sie.« Georges von einem Diamantring verzierter Finger deutete auf Irene. »Und Sie.« Er zeigte auf Hu. »Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich verstehe, was Sie alle in meiner Stadt wollen. Aber ich kann klipp und klar sagen, dass ich – wie nennt ihr Briten das noch? – nicht amüsiert bin. Ich bin ganz und gar nicht amüsiert. Und was Sie angeht.« Sein Finger wanderte zu Kai und Evariste. Im selben Zug wandelte sich sein Tonfall von wutentbrannt zu gemeingefährlich. »Sobald Sie diesen Laden hier verlassen, sollten Sie die Beine in die Hand nehmen und rennen. Denn das, was Sie meinen Männern angetan haben, wird Sie verfolgen. Und egal, wie schnell Sie rennen, Sie werden nie schnell genug sein, um …« »Aufhören.« Irene war selbst erstaunt, dass sie George unterbrochen hatte. Im Raum wurde es noch viel stiller. Eine gespannte Erwartung des Unvermeidlichen lag in der Luft. »Mr Ross. George. Wir wollen einfach aus dieser Stadt verschwinden. Wir wollen Sie nicht länger stören. Aber es gibt ein viel größeres Problem als uns, nämlich die Drachen.« Der Barkeeper hatte still seine Arbeit getan und ein Glas gefüllt, das er nun über den Tresen schob. George nahm es entgegen und trank. »Lady, wenn Sie glauben, ich hätte nicht bemerkt, dass da draußen zwei echte, lebensgroße Dinosaurier herumfliegen, dann haben Sie wirklich ein Glas zu viel gekippt. Wir können nicht darauf warten, dass die Armee ein paar Flugzeuge vorbeischickt, die diese Biester abschießen. Aber meine Lily hat glücklicherweise eine Lösung für dieses Problem.« Kai war zusammengezuckt, als er die Beschreibung echte, lebensgroße Dinosaurier gehört hatte. Doch als er Lilys Lächeln sah, erstarrte er endgültig. »Was wollen Sie damit sagen?«, fragte er. »Er will damit sagen, dass ich mit Gewehren so gut umgehen kann wie mit Revolvern«, sagte Lily. Ihr sichtbares Auge fixierte ihn wie eine Zielscheibe. »Mir ist noch kein bewegliches Ziel begegnet, das ich nicht getroffen hätte.« »Gewöhnliche Kugeln werden ihnen nichts anhaben«, erklärte Kai. »Wer spricht von gewöhnlichen Kugeln?« Lily sah zu Irene. »Wie ist es mit ihnen? Wollen Sie Ihren Namen in eine meiner Patronen eingraviert haben?« Irene stellte das Glas mit einem hörbaren Geräusch ab. »Nein«, bekannte sie. Es musste einen Weg geben, das zu verhindern, damit jeder lebendig aus dieser Sache herauskam. Sie konnte die Lösung fast mit Händen greifen. Sie brauchte bloß Zeit zum Nachdenken. »Ich nehme an, das macht es einfacher für mich«, sagte Lily achselzuckend. Ihr Ton klang trotzdem enttäuscht. Kai senkte die Stimme zu einem Flüstern: »Irene, falls sie die beiden irgendwie gefährden kann, dann dürfen wir sie nicht einfach zum Zug kommen lassen …« »Ich weiß«, sagte Irene. Sie mussten Lily aufhalten. Allerdings würde Lily berechtigterweise fragen, wie sie das schaffen wollten. Wenn sie imstande war, ihre Gewehrkugeln mit einem Elfenzauber zu versehen, konnte sie damit einem Drachen durchaus gefährlich werden, ihn vielleicht sogar töten. Wenn sie zwei Drachen von adliger Abstammung vom Himmel holte, würde diese Welt zu einem Schlachtfeld im Kampf der Drachen gegen die Elfen werden. Und das hieß, dass Irene es verhindern musste. Hier und jetzt. Kai konnte Wasser kontrollieren, er konnte den Fluss beherrschen, wenn er wollte. Hu – er arbeitete sich gerade langsam zur Tür vor – hatte vor, den Kampf zu stoppen, aber zu seinen Bedingungen. Sein Interesse schien ein rein praktisches zu sein: Sobald sie alle hier raus wären, würde er Qing Song zureden zu verhandeln. Evariste besaß die Fähigkeiten eines Bibliothekars. Und dann war da noch die elfische Attentäterin. Lily würde ihr vielleicht zuhören, wenn sie eine Alternative anbot. Und zu guter Letzt stand ihr der hiesige Gangsterboss von New York zur Verfügung – nicht zu vergessen: die Ressourcen der Kneipe, in der sie sich befanden. So sah es aus, ihr Kontingent. Die Schärfe des Brandys brannte in ihrem Hals. Als sie ihn hinunterschluckte, sah sie einen Plan vor sich, einen funktionierenden Plan. Allerdings würde die Hälfte der Leute in diesem Raum nicht ansatzweise erwägen mitzuspielen. Zusätzlich zu ihrem Plan brauchte sie noch eine überzeugende Lüge. »Mr Ross«, sagte sie. »George. Was wäre, wenn ich Ihnen eine bessere Lösung anbiete?« »Das kommt darauf an«, sagte George. »Erzählen Sie doch mal.« »Lily«, begann Irene und wandte sich an die Frau. »Gibt es etwas in Ihrem Arsenal, mit dem Sie Betäubungsmunition verschießen können?« Lily zuckte die Achseln. »Ich habe Gewehre, die alles Mögliche verschießen können. Aber wenn Sie glauben, ich würde die beiden bloß in Narkose versetzen, wenn ich ihnen genauso gut eine Kugel in den Kopf jagen kann, dann träumen Sie mal schön weiter.« Kai runzelte die Stirn. »Irene, es gibt kein Betäubungsmittel, das stark genug wäre, die beiden damit zu betäuben – jedenfalls nicht die Dosis, die in eine Gewehrkugel passen würde.« Irene zeigte ihm unmerklich fünf Finger, um zu sagen nur fünf Minuten, wie sie es schon in Boston getan hatte. »Warte.« Sie nahm Lily beiseite und senkte ihre Stimme, um ihr ins Ohr zu flüstern. »Ich habe einen Plan, wie wir diese Drachen aus der Stadt kriegen können, ohne halb New York in Schutt und Asche zu legen – oder zu riskieren, dass die Drachenfamilien danach Ihren Kopf verlangen. Dafür brauche ich allerdings Ihre Hilfe. Ihre und die von George.« »Lily?« George sah die Frau misstrauisch an. »Einen Moment, Boss«, erwiderte Lily. Ihr sichtbares Auge blickte so kalt, dass es wie frostüberzogener Stahl wirkte. »Und Sie geben mir Ihr Wort?«, flüsterte Lily. Irene musste schlucken. Ein Versprechen an eine Elfe war ein ernsthaftes Unterfangen. Dazu beruhte es auf einem Plan, den sie noch nicht einmal voll ausformuliert hatte. Wenn sie Lily allerdings überzeugen wollte, und George auch, dann musste sie es ihr versprechen, und zwar sofort. »Ich schwöre bei meinem Namen und meiner Macht, dass ich vorhabe, den Kampf zwischen den Drachen zu beenden und die beiden so schnell wie möglich aus dieser Welt zu schaffen«, sagte sie. »Sie müssen das Betäubungsgewehr für mich holen. Und George muss ein paar Lkw-Ladungen hochprozentigen Alkohols in Flussnähe bereitstellen. Den genauen Ort wird er noch erfahren. Die Lastwagen sollten möglichst unauffällig aussehen, damit niemand etwas merkt. Einverstanden?« Lily zögerte. Schließlich sagte sie, gerade laut genug, dass es zu hören war: »Einverstanden.« Die Tür flog ein weiteres Mal auf. Hu, der den rettenden Ausgang fast erreicht hatte, wurde zur Seite geschoben. Captain Venner stand auf der Schwelle. Hinter ihm reihten sich seine Polizisten auf. »Ich habe zwar keine Ahnung, was hier gespielt wird, aber meiner Meinung nach können nur Sie dahinterstecken«, sagte er mit Blick auf Irene. »Und damit sind sie alle …« »Perfekt«, fiel ihm Irene ins Wort. Sie trat auf ihn zu, während sich alle Augen im Raum auf sie richteten. »Sie könnten sich ebenfalls nützlich machen, Captain. Gentlemen, Lily – wir können diese Drachen aufhalten. Aber dafür brauche ich Hilfe. Von Ihnen allen.« Die Stille reichte gefühlsmäßig von Hoffnung, Vertrauen (Kai) zu ungläubigem Entsetzen (Evariste) und über vereintes, hochgradiges Misstrauen (Hu und Captain Venner) bis hin zu vorsichtigem Abwägen (George und Lily). Alle anderen in der Kneipe standen mit offenen Mündern da und begriffen nicht im Mindesten, was geschah. George brach die Stille schließlich: »Na, dann sagen Sie uns mal, was Ihnen vorschwebt, Miss Smith. Ich bin interessiert.« FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL »Kai.« Irene drehte sich zu ihm um. Sie versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen. Wenn nur eine Person im Raum anfing, an ihr zu zweifeln, verlor sie alle. »Glaubst du, die Drachen werden sich gegen dich verbünden, wenn du dazwischengehst?« Kai zuckte zusammen. Er nickte. »Ich habe nicht die Befugnis, ihnen Befehle zu geben. Theoretisch betrachtet habe ich den höheren Rang. Aber meine Macht ist zu gering, um es darauf ankommen zu lassen. In einem Kampf wäre ich den beiden körperlich unterlegen. Dazu kommt, dass es keine Zeugen gibt«, fügte er hinzu. »Zumindest niemanden, der nicht in ihrem Dienst steht. Das heißt, sie würden sich später nicht vor dem hohen Drachengericht verantworten müssen.« »Gut.« Irene richtete den Finger auf ihn. »Dann bist du unser Lockvogel.« »Wärst du so nett, mir ein paar Details zu verraten?«, fragte Kai. »Gleich … George.« Sie legte ihr überzeugendstes Lächeln auf und wandte sich an den Gangsterboss. »Sie haben selbst gesehen, dass ich zu ungewöhnlichen Dingen fähig bin.« »Sie können Lichter ausschalten, ohne den Finger zu rühren«, gab er zu. »Mir ist übrigens immer noch nicht klar, wie Sie das gemacht haben.« Captain Venner schnaubte. »Die Frau ist eine Hypnose-Meisterin. Wahrscheinlich hat Sie einem Ihrer Kellner einen posthypnotischen Befehl gegeben, damit er auf ein telepathisches Signal hin den Lichtschalter betätigt.« Das war eine wunderbare Erklärung. Irene beschloss, sie im Gedächtnis zu behalten, zur späteren Verwendung. Mochte ja irgendwann mal sehr nützlich sein. »Wir müssen uns beeilen. Ich könnte Ihnen ein paar Tricks vorführen, um Sie zu beeindrucken. Oder weiter meinen Plan erläutern.« George nickte und bedeutete ihr fortzufahren. »Kai wird die beiden Drachen auf eine vorher abgesprochene Position über dem Fluss locken. Lily wartet am Boden mit dem Betäubungsgewehr. Evariste und ich werden die Kugeln dazu bringen, dass sie die Drachen auf keinen Fall verfehlen. Qing Song und Jin Zhi werden betäubt und stürzen in den Fluss. Problem gelöst.« Aus Kais Miene sprach Unsicherheit. Sie konnte es aus den Augenwinkeln erkennen, nahm sich aber vor, erst einmal nicht weiter darauf einzugehen. Er wusste, wie unwahrscheinlich ihr Vorhaben in Wirklichkeit war. Aber er erhob keinen Einwand, ihr zuliebe nicht. Sobald sie außer Hus Hörweite waren, würde sie ihm – und Evariste – alles erklären. Was sie nämlich eigentlich plante, war weitaus zerstörerischer. »Ich finde weiterhin, dass wir sie erschießen sollten«, sagte Lily. Ihr sichtbares Auge zeigte den Hunger, der in ihr gierte. »Wieso sind Sie so interessiert daran, sie zu retten, Jeanette? Auf welcher Seite spielen Sie?« »Genau das ist der Grund dafür, weshalb ich Lily eingestellt habe«, sagte George an Captain Venner gewandt. »Sie stellt die richtigen Fragen.« »Ich bin auf der Seite, die diesen Kampf beenden möchte, bevor ganz New York zerstört wird«, gab Irene zurück. »Sie haben gesehen, dass ich Qing Songs Gefangene war, als wir uns alle zusammen in der Hotelsuite aufhielten – denken Sie wirklich, ich wäre auf seiner Seite, nachdem er diese Wölfe auf mich gehetzt hat? Ich glaube Ihnen übrigens, dass Sie einen Drachen zielgenau treffen können. Aber schaffen Sie das auch mit Drache Nummer zwei, bevor er Sie angreifen kann?« »Ich kann es versuchen«, sagte Lily eiskalt. In ihre Stimme schlich sich eine Spur Unsicherheit. Irene freute sich, als sie es wahrnahm. Lily war nicht hundertprozentig sicher, dass sie beide Drachen traf. Und Lily wollte nicht sterben bei dem Versuch. Also würde sie sich an die Absprachen halten. »Sie sind nicht Jeanette Smith«, warf Captain Venner in den Raum. »Eine FBI-Agentin sind Sie auch nicht. Wer sind sie dann? Und was zum Teufel geht hier überhaupt vor sich?« Ein Lächeln huschte über Lilys Gesicht. Sie drehte sich zu George um. »Wir haben keine Zeit dafür, Boss. Ich traue ihr zu, dass sie es schafft. Aber wir müssen es jetzt gleich angehen.« »Sieht so aus, als wäre dies einer der seltenen Momente, in denen Sie und ich mal einer Meinung sind«, sagte George zu Captain Venner. Er schob sein Glas von sich. »Es klingt außerdem so, als bräuchten wir etwas Platz. Ich möchte auf keinen Fall, dass einer meiner zahlenden Kunden in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn diese fliegenden Echsen abstürzen. Werden Sie und Ihre Männer mitspielen? Wir müssen irgendwie den Zielbereich freihalten.« Captain Venner biss sich auf die Zunge, um einen Fluch zurückzuhalten. »Na schön. Wenn das der einzige Weg ist, die Ungeheuer zu stoppen. Aber wo?« Irene entspannte sich kurzzeitig. Sie hatte alle Parteien überzeugt. Sie konnten es schaffen … In der Sekunde sah sie, wie Hu aus der Tür huschen wollte. Lily fing Irenes Blick auf. Ohne zu zögern, richtete sie den Lauf ihrer Pistole auf Hus Kopf. Ihre Finger krümmten sich um den Abzug, als Irene vorsprang, um ihr Handgelenk zu ergreifen. Die Kugel schlug in den Türrahmen direkt über Hus Kopf ein. Hu erstarrte. »Und niemand wird hier getötet«, sagte Irene zwischen zusammengepressten Zähnen. »Das ist meine Bedingung.« Der Lauf der Waffe war immer noch auf Hus Kopf gerichtet. »Sie machen sich einfach aus dem Staub?«, fragte Lily. »Nach allem, was passiert ist?« Irene blickte in Lilys sichtbares Auge. »Hu ist im Moment nicht die Gefahr.« »Wenn wir schon von Bedrohungen reden …«, warf Kai zornig ein. »Hu, treten Sie zurück über die Schwelle und schließen Sie die Tür.« Irene wartete, bis Hu ihrer Anweisung Folge geleistet hatte. Dann wandte sie sich an Kai. »Ich kann deine Gefühle nachvollziehen. Aber wir sind uns einig, welche Seite hier das größere Problem darstellt. Und Lily ist nicht diejenige, die diese Katastrophe losgetreten hat.« George machte einen Schritt. Er fasste Lily am Arm und brachte sie dazu, ihn zu senken und die Waffe zu Boden zu richten. »Miss Smith – in Ermangelung eines treffenderen Namens – Sie sagen, dass die Sache irgendwo entlang des Hudson Rivers geschehen soll?« »Ganz genau. Hier ist die Karte.« Sie breitete den Stadtplan auf dem Tresen aus, und George tippte darauf. Die übrigen Gäste wurden teils durch Georges Männer, teils von Venners Polizisten zurückgehalten. »Wo wollen Sie den Hinterhalt legen?« Irene winkte Kai zu sich. »Wo ist es am besten?«, fragte sie. »Wo kannst du sie hinlocken, damit sie denken, du würdest in Richtung des Flusses fliehen wollen?« Kai runzelte die Stirn. »Wie wäre es damit?« Er zeigte auf eine Stelle. »Ein knapper Kilometer oberhalb von diesen Piers? Dann kommt uns der Schiffsverkehr nicht in die Quere.« »Nicht schlecht«, meinte George. »Viele gute Stellen, von denen aus Lily anlegen kann. Lily, sag einem der Jungs Bescheid, welche Waffe du aus deinem Spezialitätenkabinett brauchst. Dann werden meine Leute sie direkt an Ort und Stelle bringen. Captain Venner, schaffen Sie es, die Gegend dort zu räumen?« Venner nickte. »Legen wir los. Wir treffen uns vor Ort.« Im Verlauf der Besprechung wurde Irene an den Rand gedrängt. Auch Kai, Evariste und Hu standen kurz herum und hielten sich abseits. Es war Irenes Gelegenheit. Sie flüsterte Kai ihren eigentlichen Plan ins Ohr. Während sie das tat, wurde sein Griff um ihre Hand immer fester. Schließlich nickte er. Kurz darauf wurden sie nach draußen zu einem Wagen geleitet. Einer von Georges Männern saß am Steuer, ein anderer als Wächter auf der Rückbank. Anscheinend legte George Wert darauf, dass sie sich nicht davonstahlen. Der Abend war so warm wie ein Augustnachmittag, heißer Wind fegte durch die Straßen und brachte Staub mit. Die Gehsteige waren überfüllt von panischen Menschen. Jeder versuchte, sich in verschiedenen Richtungen davonzumachen. Die Menge war um Haaresbreite von einer Massenpanik entfernt. Noch waren Irenes schlimmste Befürchtungen nicht wahr geworden – einstürzende Hochhäuser, Erdbeben, Donnergrollen und heillose Zerstörung, die sie sich in ihrer Phantasie ausmalte –, aber eine Ahnung all dessen hing in der Luft. Der Boden unter ihren Füßen schien in bedrohlichen Wellen von starken Erschütterungen erfasst zu werden. Jeder in der Stadt konnte die Drachen spüren, die in ihnen ruhende Macht. Es fühlte sich an, als wäre man ein Insekt, das unter einem Vergrößerungsglas liegt: Man wäre so lange sicher, wie sich das Brennglas nicht auf einen fokussiert. New York musste gar nicht weitflächig zerstört werden – es würde sich selbst zerreißen, wenn das so weiterging. Durch den Nachthimmel drang ein tosendes Brüllen. Es war lauter als das Krachen der Autounfälle und das Schreien der Menschen. Irene spürte, wie die Erde als Reaktion darauf erzitterte. »Warum tun die Drachen das?«, fragte Evariste. »Sie kämpfen doch nur gegeneinander, da müssen sie nicht auch noch diesen …« Er wedelte mit den Händen, wie um die Erschütterungen des Bodens zu illustrieren. »Diesen ganzen Wahnsinn veranstalten!« Der Wagen rutschte herum, als der Fahrer die nächste Kurve mit hoher Geschwindigkeit nahm. Im Innern mussten sich alle festhalten so gut es ging. Die Straßen waren immer noch dicht, doch im Unterschied zu vorher ließen die Fahrer nun offenbar jegliche Geschwindigkeitsbegrenzungen außer Acht. Zum Glück waren sie bisher nicht in einen Unfall verwickelt worden. »Keiner von beiden befindet sich jetzt noch in der Situation, einen Vorteil ignorieren zu können, der sich ihnen bietet.« Kai saß auf der Rückbank rechts von Irene, während Evariste sich auf der anderen Seite festklammerte. Hu fuhr vorne mit Georges Gangster mit. »Jin Zhi wird solange im Vorteil sein, wie sie es schafft, in der Luft zu bleiben. So kann Qing Song sie nicht dadurch erwischen, dass er die Erde als Waffe gegen sie einsetzt.« Irene zitterte trotz der steigenden Temperaturen. Sie musste nicht lange überlegen, um sich auszudenken, was Jin Zhis Element war, aus dem sie ihre Macht bezog: Hitze. Sämtliche Drachen, die sie bislang getroffen hatte, waren dem ein oder anderen natürlichen oder symbolhaften Element verpflichtet. Mit den klassischen westlichen oder auch östlich-chinesischen Traditionen hatte das im Einzelfall wenig zu tun. Kai war dem Wasser verbunden, sein Onkel Ao Shun konnte Regen und Unwetter herbeirufen. Li Ming hatte Macht über Kälte und Eis … Irene fragte sich in dem Zusammenhang, welches Element Hus sein mochte. Der blickte die ganze Zeit düster aus dem Fenster und schwieg. Seine Anspannung glich der von Kai, und Irene stellte sich vor, dass er wahrscheinlich besorgt um seinen Herrn war. »Werden Sie mit uns zusammenarbeiten?«, fragte sie ihn. »Sie lassen mir kaum eine Wahl«, sagte Hu kurz angebunden. »Ich hoffe für Sie, dass das hier klappt.« »Wo wir gerade davon sprechen«, sagte Irene und wechselte fast nahtlos ins Chinesische. Sie wandte sich an Kai. »Wir sollten uns die Konsequenzen des Ganzen klarmachen.« Sie wusste, dass Kai Chinesisch beherrschte. Da Evariste Die Reise in den Westen ausfindig gemacht hatte, verstand er es sicher auch. Nur bei den beiden Männern vorne im Wagen bezweifelte sie entsprechende Kenntnisse, und darum ging es. »Was meinst du?«, fragte Kai, ebenfalls auf Chinesisch. Er sprach in einem höflich-distanzierten Ton, wie ein Schüler zu seiner Lehrerin. Hu runzelte die Stirn, als er das hörte. »Ich meine, dass wir womöglich einen guten und schnellen Fluchtweg benötigen. Sei vorbereitet. Wenn ich dir ein Signal gebe, musst du den Fluss gegen Georges Männer lenken.« Der Gangster, der vorne saß, drehte sich eben um und starrte sie finster an. Im nächsten Moment wechselte Irene wieder zu Englisch. »Evariste, wir müssen uns noch über unsere Wortwahl einigen. Die Befehle in der Sprache müssen einstimmig gegeben werden. Das erhöht die Wirkkraft. Haben Sie so etwas schon einmal versucht?« »Nein.« Evariste sah sie von der Seite an. »Sie etwa?« »Nein.« Eine plötzliche Beschwingtheit durchfuhr sie – die allzu vertraute Empfindung, die man verspürt, wenn man bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt, und zwar so tief, dass es gar nicht schlimmer werden kann. Man kann nur noch hoffen, mit den Füßen den Grund zu erreichen, ehe das Wasser über einem zusammenschlägt. Die gute alte Macbeth-Passage kam ihr in den Sinn: Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen, und so weiter. Es konnte eben doch immer noch schlimmer werden. Positiv denken, gemahnte sie sich. Kai würde wissen, was er zu tun hatte. Im Dunkel der Nacht prallten währenddessen zwei schimmernde Leiber aufeinander. Das Krachen, mit dem sie kollidierten, ließ das Glas der Straßenlaternen zerspringen und schlug den Häusern an der Straßenseite die Fenster aus. Der Wagen schaukelte heftig, der Fahrer fluchte und steuerte ruckartig gegen. Als ein von seiner Spur abgekommenes Auto auf sie zuraste, riss er das Steuer herum. Im letzten Moment gelang es ihm auszuweichen. Irene klammerte sich fest und glitt zum Fenster auf ihrer Seite. Sie lehnte sich raus, um besser sehen zu können. Die beiden ineinander verschlungenen Drachen stürzten zusammen durch den Nachthimmel. Sie umschlangen einander mit gebogenen goldfarbenen und dunkelgrünen Körpern, die miteinander verwoben schienen wie aufwendige Stickereien. Im nächsten Moment lösten sie sich wieder voneinander. Sie sausten in weitem Bogen auseinander, nur um sich für einen erneuten Zusammenprall bereit zu machen. Irene zog den Kopf wieder ins Innere des Wagens zurück. »Wie weit noch?«, rief sie. »Zehn Minuten, Lady. Wenn wir Glück haben, fünf.« Irene atmete durch. Mehr zu ihrer Ablenkung als aus einem bestimmten Grund wandte sie sich an Hu: »Aus reiner Neugier, wie hat dieser Kampf angefangen?« »Sie haben bereits eine ganze Zeit aneinander vorbeigeredet«, erklärte Hu. »Dann sah mein Herr durch die Augen eines der Wölfe, dass der junge Königssohn angekommen war, um Sie unter seinen Schutz zu nehmen. Mein Herr fluchte unschön und beschuldigte prompt die Lady Jin Zhi, an der Einmischung des Prinzen schuld zu sein. Sie hat gekontert, indem sie ihm Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit vorwarf. Dann führte eins zum andern « Hu zuckte mit den Achseln. »Man fragt sich, ob Qing Song und Jin Zhi eine gemeinsame Geschichte verbindet, die weiter zurückreicht«, sann Kai. »Darüber kann ich nichts sagen«, machte Hu klar. Er sah aus, als hätte er lieber etwas Eindeutigeres gesagt, wenn er nur nicht seine Position zu berücksichtigen hätte. Irene fand eine vergangene Liebschaft zwischen den beiden nur zu offensichtlich. »Wir sind fast da«, rief der Fahrer über die Schulter. »Machen Sie sich bereit, schnell rauszuspringen.« Der Wagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, und alle vier stiegen aus, gefolgt von der Eskorte aus Ganoven. Kai sog die kühle Luft ein, die den Geruch des naheliegenden Flusses mit sich brachte. Er sah gleich glücklicher aus. Auf der einen Seite erhoben sich die Gebäudefronten von New York City. Auf der anderen Seite lag dunkel und flach der Hudson River. Bei seinem Anblick konnte Irene den Gedanken nicht beiseiteschieben, dass es in Ufernähe kaum etwas gab, wo man sich verstecken konnte. Weiter südlich schimmerten die letzten Lichter des Hafens. Die dunklen Umrisse von Frachtschiffen erhoben sich davor. Die in der Luft flimmernde Hitze trug den Gestank von Benzin heran, der auf jedem Millimeter Beton zu liegen schien. Er überdeckte noch den Geruch des Flusses und der Abwasserkanäle. In der Nähe hielt ein kleiner Konvoi von Lkws. Irene achtete darauf, nicht allzu offensichtlich in diese Richtung zu schauen. Wenn Lily George von ihrem Willen überzeugt hatte und George dem nachgekommen war, dann waren sie dem Erfolg einen Schritt näher. Evariste leckte an einer Fingerspitze und hielt sie in die Luft. »Wenn es noch heißer werden sollte, wird es einen Sturm geben«, sagte er. »Ein heftiges Gewitter.« »Mehr brauchen wir nicht«, ließ einer ihrer bewaffneten Aufpasser verlauten. Ein fernes Brüllen hallte über die Stadt und setzte sich bis zu ihnen fort. Die Ahnung eines Bebens ergriff den Boden unter ihren Füßen. Die Wasseroberfläche des Hudson warf Wellen, die im Licht der Straßenlaternen deutlich erkennbar waren. Weit entfernt heulten Alarmsirenen los. Sie übertönten den übrigen Lärm, die hupenden Autos und furchtsamen Schreie. Irene sah Hu und Kai an: In beiden Mienen spiegelte sich Sorge. Es war, als wüssten sie, dass eine unsichtbare Grenze überschritten worden war. Doch es war ausgerechnet Hu, der das Schweigen brach: »Das war mein Herr, Qing Song. Er hat damit begonnen, sein Element Erde für sich zu nutzen.« Sie wollte gar nicht erst darüber nachdenken, was mit New York passierte, wenn die Erdstöße schlimmer wurden. »Gibt es irgendetwas, was Sie tun können?«, fragte sie. »Ein Element, das Sie anrufen können, um dem Ganzen ein Ende zu setzen? Ich entschuldige mich, falls das eine unhöfliche Bitte sein sollte.« Hus Gesichtsausdruck stellte eine solch perfekte Maskerade zur Schau, dass Irene begriff, was für ein persönliches Thema sie da angesprochen hatte. »Leider verfügt jemand aus dem niederen Adel wie ich nicht über solch eine Macht.« Er sprach mit erzwungener Höflichkeit, die von tief sitzender Verbitterung kündete. »Ich könnte nicht einmal versuchen, einen Vertreter des höheren Adels auf diese Weise anzugreifen.« Irene fragte sich, wie tief das Fettnäpfchen war, in das sie gerade getreten war. Doch sie entschied, dass es die Sache nur schlimmer machte, wenn sie sich weiter entschuldigte. Stattdessen wandte sie sich an ihre Eskorte aus bewaffneten Gangstern. »Wo sind George und Lily?« »Sieht aus, als kommen sie gerade an«, sagte einer der Männer. Sie drehte sich um und sah eine ganze Kolonne heranfahrender Fahrzeuge. Es handelte sich um eine Limousine, begleitet von mehreren Polizeifahrzeugen. »Ah, richtig.« Sie bedeutete den anderen, ihr zu folgen. »Sobald Lily Stellung bezogen hat, kann es losgehen. Kai, bist du bereit?« »Ja«, erwiderte Kai. »Zumindest kann ich sie von dir ablenken. Sie werden nicht auf dich achten.« Er beäugte den Himmel. Man konnte nicht sicher sagen, dass er nervös war. Viel eher drückte sich die kontrollierte Anspannung eines Mannes aus, der sich auf einen schweren Kampf vorbereitet. Er kannte sein Terrain, und er kannte seine Gegner. Weiter konnte er nichts tun, auch – oder besonders –, weil die Chancen gegen ihn standen. Irene berührte ihn am Handgelenk. »Sei vorsichtig.« »Während ich mich in einen Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei machtvollen Artgenossen stürze?« Kai hätte beinahe gelacht. Plötzlich nahm er sie behutsam in den Arm. »Das gilt auch für dich«, murmelte er in ihr Haar. »Sei du auch vorsichtig. Wenn George erst auf die Idee kommt, dass er dich nicht länger braucht …« »Ich weiß«, gab sie murmelnd zurück. »Und du weißt, was du zu tun hast. Mach dich bereit.« Für einen Atemzug blieb sie bereitwillig in seiner Umarmung. Seine Gegenwart, die von ihm ausgehende Sicherheit beruhigten sie. Irene fiel es sehr viel einfacher, sich selbst in Gefahr zu bringen, als Kai einem Risiko auszusetzen. Ich bin bereits hoffnungslos kompromittiert, fuhr es ihr durch den Sinn. Da nehmen Evariste und ich uns nichts. Manchmal stellte sie sich tagtraumartig vor, eine Figur in einem kitschigen Drama zu sein, die passenderweise im richtigen Moment in Ohnmacht fiel. Sollten die anderen Beteiligten doch sehen, wie sie alles regelten. Aber das stand in Wirklichkeit leider nicht zur Debatte. »Sobald es an unsere Flucht geht, nimmst du Evariste und Qing Song – wenn er sich wieder in einen Menschen verwandelt hat.« Sie flüsterte. »Hu wird schlecht Rache üben können, solange sein Herr sich in unserer Obhut befindet.« Kai lehnte sich nah an ihr Ohr. »Ich würde lieber dich tragen.« »Wir müssen alle so gut es geht hier rausbringen. Und wir müssen dafür sorgen, dass Hu uns nicht übers Ohr haut. Vertrau mir.« Es war wie dieses Rätsel, bei dem man nur ein Boot hat und damit einen Fuchs, einen Hasen und einen Bund Möhren über den Fluss bringen muss – ohne, dass einer den anderen auffrisst. Wie sollten sie es schaffen, aus dieser Welt zu entfliehen und niemanden zurückzulassen? Und dabei auch noch sicherstellen, dass Hu nicht im Eifer des Gefechts Evariste als Geisel nahm? Kai konnte höchstens zwei Personen tragen, und die Lösung, die sie ihm zugeflüstert hatte, war die einzige, die ihr einfiel. Da mochte sie ruhig grübeln, so lange sie wollte. »Denk dir einen sicheren Ort für uns aus, wo wir die Verhandlungen zu Ende führen können. Du wirst derjenige sein, der bestimmt, wo es langgeht.« Sie drückte ihn ein letztes Mal. Dann löste sie sich von ihm. »Ich hoffe, ich störe keinen Moment trauter Zweisamkeit«, sagte George, als er mit Lily im Schlepptau zu ihnen kam. Die Elfe hatte sich ein sonderbar geformtes Gewehr mit einem langen Lauf umgehängt. »Wir waren gerade so weit«, sagte Irene. »Von wo wird Lily schießen?« »Die Lkws werden ausreichende Deckung bieten«, gab Lily zurück, ohne das geringste Gefühl zu verraten. »Sie und der andere Bibliothekar sollten jetzt mit mir kommen. Machen Sie sich bereit.« Sie gingen mit Lily. Nur ein paar Schritte hinter ihnen folgten Kai und Hu. Lily nahm das Gewehr von ihrem Rücken und ließ sie einen Blick in die geöffnete Patronenkammer werfen. »Wie konnten Sie so ein Teil auf die Schnelle auftreiben?«, wollte Evariste wissen. Er sah aus wie ein in grelles Scheinwerferlicht starrendes Reh. Lily zeigte ihm ein Lächeln, das einem Fuchs oder einem größeren Raubtier gut angestanden hätte. »Im Herzen bin ich Pfadfinderin, Mr Jones. Immer gut vorbereitet. Sie sollten meine Ordensammlung sehen.« Irene nutzte den Moment, um sich die Lkws anzuschauen. Sie waren voll beladen mit Kisten. Darin standen jeweils unzählige gläserne Flaschen ohne Etikett. »Was ist da drin?«, fragte Irene, als sie sah, dass alles an seinem Platz zu sein schien. Einer der Gangster zuckte die Achseln. »Gin. Direkt aus Holland.« Der Boden unter ihnen wurde von einem weiteren, heftigen Erdstoß erschüttert. »Sie meinen, direkt aus der dreckigen Badewanne, in der Ihr das Zeug gebrannt habt«, schnaubte Captain Venner. Seine uniformierten Männer verteilten sich, um die Gegend rings um die Lastwagen zu sichern. Venner selbst hatte die Befehlsgewalt über seinen Trupp übernommen. »Sie enttäuschen mich schwer, Captain«, klagte George. »Es handelt sich um einen hochwertigen Produktions- und Beschaffungsprozess erster Güte – auch wenn die Flaschen vielleicht nicht aus Holland kommen.« Irene holte Luft und nickte. »Gin. Alles klar. Nun denn, meine Herren. Wenn alle freundlicherweise zurücktreten würden? Zur Sicherheit, versteht sich. Machen Sie sich darauf gefasst, dass es gleich ziemlich ungemütlich wird.« Kai nickte Irene und Evariste zu. Dann trat er in den freien Bereich zwischen den Lkws. Die Luft um ihn herum begann zu glühen. Die versammelten Gangster und Polizisten rangen gleichermaßen nach Atem und wichen weiter zurück. Irene hörte, wie sie ihre Waffen durchluden. »Nicht schießen!«, rief sie. »Er ist auf unserer Seite.« Und dann, mit einem raschen Blitz, stand plötzlich kein Mensch mehr vor ihnen, sondern ein Drache. Er war knapp zehn Meter lang, gehörnt, mit einem Körper wie eine Schlange. Er glich einer Kreatur, wie sie auf zahllosen klassischen Gemälden dargestellt worden war. Und er nahm eine Haltung ein, die von angeborener Natürlichkeit und Stolz zeugte. Die Menschen, die ihn begafften, sahen im Vergleich zu ihm unfertig aus, mitleiderregend. Auf Kais dunkelblauem Schuppenkleid glänzte das Licht der Straßenlaternen. Es ließ jede einzelne Schuppe wie einen Saphir aufglühen, sobald er die Flügel bewegte. Der Fluss hinter ihm schien für einen Moment schneller zu fließen, als hätte er die Anwesenheit Kais bemerkt und die Strömung beschleunigt. Irene hob die Hand und vollführte eine zustimmende Geste. Mit einem einzigen, kräftigen Satz schwang Kai sich in die Luft. Anziehungskraft und Masse schienen ad absurdum geführt, als er wie eine strahlende Kalligraphie lossauste. Captain Venner starrte entsetzt auf die Stelle, an der Kai eben noch gestanden hatte. »Jetzt sagen Sie mir nicht, er ist auch einer von denen.« »Was haben Sie denn gedacht, als er erzählt hat, was er tun wird?«, fragte Irene. »Ich weiß nicht«, gab Venner zu. »Ich bin es nicht gewohnt, dass die Bewohner meiner Stadt das Licht mit ihrer Stimme ausschalten. Und ich bin es erst recht nicht gewohnt, wenn sie sich plötzlich in gewaltige fliegende Eidechsen verwandeln!« »Gibt es noch mehr von ihnen?«, fragte George. Sein Tonfall war beiläufig, aber Irene brauchte keine warnenden Hinweise, um sich vorzustellen, in welche Richtung die Dinge gingen, die er möglicherweise plante. »Vielleicht ist deren Art ja überall.« »Drachen sind real. Es gibt sie«, sagte Lily. Ihre Stimme unterbrach das ängstliche Gemurmel, das sich ringsum erhoben hatte. »Genau, wie es Drachentöter gibt. Das ist es, wozu Leute mich normalerweise anstellen. Nicht wahr, Jeanette?« Ihr Schmunzeln schien zu sagen: Na los, widersprechen Sie mir nur, dann werden Sie schon sehen. Sie ließ ihr Gewehr zuschnappen und bezog Stellung. Für einen festen Stand lehnte sie sich seitlich gegen einen der Lkws. »Unsere liebe Jeanette hier ist jedenfalls keine Drachenfrau. Und der, der gerade gestartet ist, um die anderen abzulenken, befindet sich ganz unter ihrer Fuchtel. Sie kontrolliert ihn. Solange er sich brav benimmt, besteht kein Grund zur Sorge.« Irene konnte förmlich spüren, wie unsicher der Boden wurde, auf dem sie sich mittlerweile bewegten. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie Hu sich von einem seiner Männer eine Zigarette anzünden ließ. Das, schätzte sie, war der Gipfel seiner Darbietung, um in der Menge gewöhnlicher Menschen aus dieser Welt aufzugehen. Über ihnen grollte der Donner. Irene und all jene, die jetzt noch bei ihr standen, blickten auf und sahen, dass die drei Drachen sich dem Erdboden näherten. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL Kai spielte seine ängstliche Flucht gut. Zumindest hoffte Irene, dass es nur gespielt war. Die anderen Drachen waren schätzungsweise jeweils doppelt, vielleicht sogar dreimal so groß. Die Art, wie sie ihn bedrängten, hatte ganz und gar nichts Spielerisches an sich. Irene war zwar keine Expertin für die Angriffstaktiken von Drachen, doch Jin Zhi und Qing Song hatten eindeutig die Oberhand. Sie gaben das Tempo der Konfrontation vor, während Kai sein Bestes tat, ihnen auszuweichen, indem er zwischen ihnen hindurchflitzte. Er wirkte wie ein Delfin, der, von Haien bedrängt, Haken schlägt. Die Drachen bewegten sich durch die Luft wie Leuchtspuren von Feuerwerkskörpern, und alle drei loderten in ihrer Macht. »Alle Mann in Deckung«, rief Irene, als sie näherkamen. »Evariste, bleiben Sie hier bei mir!« Sie war nicht die Einzige, die für einen Moment befangen nach oben gestarrt hatte. Ohne die Augen von den Drachen zu nehmen, konnte sie unzählige Füße rennen hören, als Leute in alle Richtungen flohen. Hinter ihr fragte Evariste: »Wie lautet die Formulierung?« Hu stand passenderweise weit genug weg. »Glasflaschen, zerbrecht«, erklärte Irene mit gedämpfter Stimme. »Und wie wäre es danach mit: ›Alkohol, schwebe hinauf, sammele dich über dem goldenen und dem grünen Drachen und fange Feuer?‹« »Etwas langatmig«, befand Evariste. Gleich darauf schien der Sinn der Worte, die er da eben gehört hatte, in seinem Verstand anzukommen. »Haben Sie wirklich gerade gesagt, was ich glaube, dass Sie gesagt haben?« »Ich benötige konstruktive Kritik, keine ästhetischen Belehrungen.« Irene sah, wie Kai nur haarscharf einem Hieb Qing Songs entging, den dieser mit aller Kraft seines gesamten, mächtigen Körpers austeilte. Während Kai noch mit Ausweichen beschäftigt war, stürzte Jin Zhi von erhöhter Position auf ihn herab. Irene ballte die Hände zu Fäusten. Sie spürte die alten Narben, die ihre Handflächen durchzogen – und zwang sich, ihre Wut in den Griff zu bekommen. »Also, haben Sie irgendwelche besseren Vorschläge?« »Nein, das wird reichen müssen. Es gefällt mir sogar. Es gefällt mir wirklich.« Die Nervosität in seiner Stimme wurde rasch von rachsüchtiger, boshafter Freude überlagert. »Auf Ihr Kommando.« »Nur einen Moment noch. Lily, sind Sie bereit?« »Sicherlich.« Lily spähte durch das Zielfernrohr. »Wenn ich das richtig verstanden habe, lassen Sie das Feuer auf sie los, während ich das Betäubungsmittel auf sie abfeuere. Und früher oder später wird Ihr Schoßhündchen da oben den Fluss über ihnen auskippen?« »Oder andersherum – sie in den Fluss kippen. Aber wie auch immer. Ich überlasse das Timing für den Fangschuss Ihnen. Sehen Sie nur zu, dass Sie auf keinen Fall Kai treffen.« Lily machte sich nicht die Mühe zu antworten. Ihr Finger streichelte den Abzug. Ein Klauenhieb Jin Zhis veranlasste Kai, schnell tiefer zu gehen. Er stürzte im Sinkflug auf den Fluss, ein wehendes blaues Band. Die anderen beiden Drachen folgten ihm mit ebenso hoher Geschwindigkeit. »Jetzt!« Irene wandte sich zu Evariste um und hob die Hand wie eine Dirigentin. Sie ließ den Arm niedersausen, und einstimmig riefen beide: »Glasflaschen, zerbrecht!« Aus den Lastwagen stürzte der Gin hervor, er schwappte aus den zerbrochenen Flaschen und plätscherte zwischen den Ritzen der Auflieger hindurch. Jeder noch so kleine Splitter war im Innern der Transporter zurückgeblieben. Aber der Geruch von so viel purem Alkohol war so stark, dass es einem den Atem raubte. Die Luft schien plötzlich angefüllt mit einer speziellen Bedeutung. Es hatte etwas mit der Sprache zu tun, die nun, von zwei Stimmen einhellig beschworen, viel mehr Kraft als sonst entwickelte. Irene und Evariste blickten sich einen Lidschlag lang baff an. Kai glitt knapp über die Oberfläche des Hudson. Der Fluss wallte auf und schien ihn zu begrüßen, als er durch das aufspritzende Wasser sauste. In Jin Zhis gleißendem Licht schimmerte die Flut wie flüssiges Metall. Sie griff nach ihr und Qing Song, als wäre sie lebendig. Die beiden größeren Drachen schlugen mit ihren Flügeln auf das Wasser, als es versuchte, sie zu packen. Bei der Berührung mit Jin Zhi zischten die Fluten und verdampften. Die Drachenfrau zog einen Schleier aus Wasserdampf wie eine Schleppe aus Nebel hinter sich her. Lilys Gewehr patschte einmal, dann ein zweites Mal. Irene gab Evariste erneut ein Signal, und sie hoben zusammen an: »Alkohol, schwebe hinauf, sammle dich über dem goldenen und dem grünen Drachen und fang Feuer!« Der vergossene Gin sprühte in Tausenden kleinen Tropfen gen Himmel. Er zog sich wie von unsichtbarer Hand geleitet an einer Stelle knapp oberhalb von Jin Zhi und Qing Song zusammen. Dem Schnaps fehlte die Eleganz, mit der Kais klares, blaues Element des Flusses seinen Dienst getan hatte. Aber der zielgerichtete Strom aus Alkohol schoss unaufhaltsam auf den Sammelpunkt zu. Er schnitt dabei durchs Wasser, ohne im Mindesten abgelenkt oder verdünnt zu werden. Auf Hus Gesicht zeichnete sich eine Maske des Entsetzens ab. Er drängte den Mann beiseite, mit dem er sich eben noch unterhalten hatte, und rammte sich den Weg zu Irene und Evariste mit der Schulter frei. »Nein, das können Sie nicht …« Das Tosen der Explosion verschluckte seine Stimme. Die Detonation schleuderte alles und jeden, der sich in Ufernähe befand, zu Boden. Sie war so gleißend hell, dass vor Irenes Augen noch Nachbilder zuckten, als der Feuerball schon wieder verloderte. Der übriggebliebene Gin regnete in Form glühender Tropfen herab. Es war auch eine Ablenkung für Qing Song und Jin Zhi, so viel ließ sich sagen. Beide rasten in steilem Winkel auf den Fluss zu. Sowohl der große Schock über das Aufflammen des Alkohols als auch die Druckwelle trieben die Drachen voran. Blaue Flammen züngelten und waberten an ihnen entlang, sodass man ihre Umrisse in der Nacht klar erkennen konnte. Dann bäumte der Fluss sich auf, um sie zu verschlucken. Irene rappelte sich auf, halb an den Lkw neben sich gelehnt. Sie rieb sich die Augen. Der Fluss wogte. Es schien, als wollte er über die Ufer treten. Voluminöse Trauben aus Luftblasen stiegen an seine Oberfläche. Der gesamte Hudson schwankte von einem Ufer zum anderen. Er hob die in der Ferne vor Anker liegenden Boote, und sie schlugen dröhnend gegen die Piers. Unter dem Wasserspiegel bewegten sich gewaltige Körper, die nur umrissartig zu erkennen waren. Der Gestank faulender Wasserpflanzen vermischte sich mit der intensiven Alkoholwolke. Der Kampf unter Wasser wühlte den Hudson bis in dunkelste Tiefen auf. Noch während sie zuschauten, ebbten die Wellen ab. Die Ganoven, gepackt von dem unwiderstehlichen menschlichen Drang, mehr zu sehen, traten näher ans Flussufer. Hu stand ganz vorn. Irene hielt sich bewusst zurück. Sie bedeutete auch Evariste, bei ihr zu bleiben. Kai erhob sich aus den Tiefen des Flusses. Mit ausgebreiteten Flügeln kreiste er über dem Wasser. Jin Zhi und Qing Song trieben an der Wasseroberfläche, ihre Körper noch immer in Drachengestalt, aber regungslos. Sie atmeten schwach. »Meine Güte«, sagte Evariste. »Es hat funktioniert.« »Natürlich hat es das«, versetzte Irene. Es wäre nicht von Vorteil gewesen, wenn sie die eigene Unsicherheit offen vor den anderen gezeigt hätte. Sie hoffte inständig, dass der Angriff keine zu schlimmen Konsequenzen nach sich zog. Falls Qing Song oder Jin Zhi lebensgefährlich verletzt worden waren oder sogar starben, hätten sie ein Katastrophenszenario durch ein weiteres, ebenso schlimmes ersetzt, weiter nichts. »Kommen wir jetzt zum schwierigen Teil.« Evariste schaute den Gangstern und Polizeibeamten zu, die sich versammelten. Sie waren bewaffnet, und die meisten hatten ihre Pistolen und Gewehre gezogen. »Ich glaube …«, fing er an. »Es funktioniert über die Sprache, richtig?«, fiel George ihm ins Wort, ehe er enden konnte. Neben ihm stand Lily, sie hatte das Gewehr fallengelassen und hielt eine Pistole in jeder Hand. Irene war sich im Klaren, dass es vergeblich wäre, ihre Übereinkunft mit den Elfen in die Waagschale zu werfen. Darin war mit keinem Wort erwähnt, was passieren sollte, nachdem sie die Drachen in Narkose versetzt hatten. »Wagen Sie es also nicht, den Mund aufzumachen, alle beide nicht. Oder mit Ihnen ist es ebenfalls zu Ende. Meine Männer und ich werden uns jetzt als Drachentöter betätigen. Oder möchten Sie ihnen etwa noch ihre Rechte vorlesen, Captain Venner?« »Unter den gegebenen Umständen verzichte ich mal darauf«, erwiderte Captain Venner. »Ich glaube nicht, dass sie nach einem Anwalt fragen werden.« Irene zuckte die Achseln. Sie blickte sich zu Kai um und nahm die rechte Hand hoch, Handfläche nach oben – als höbe sie etwas. George, Lily und die Ganoven waren Zeugen geworden, wie Kai den Fluss gelenkt hatte, um Jin Zhi und Qing Song zu bezwingen. Aber sie hatten noch keine Vorstellung davon, wozu er wirklich fähig war. Der Hudson River begann in heftigen Strudeln über die Ufer zu treten. Die heranbrandenden Wellen waren mehrere Meter hoch. Sie fluteten die Straße und rissen Ganoven und Polizisten ohne Unterschied von den Füßen. Zwischen Irene, Evariste und dem ursprünglichen Ufer blieb ein schmaler Bereich völlig trocken. Vom Ansturm des Wassers unberührt, rannte Irene den Pfad entlang zu einem Geländer knapp an der Wasserkante. In ihrer jetzigen Gestalt war es ziemlich unmöglich, Jin Zhi und Qing Song aus dieser Welt herauszuschaffen. »Jin Zhi, Qing Song«, intonierte Irene in der Sprache. »Nehmt menschliche Form an!« Sie hatte nicht erwartet, dass es einfach werden würde. Und das war es auch nicht. Sie konnte von Glück reden, dass das Geländer sie vor einem Sturz kopfüber in den Fluss bewahrte. In der Vergangenheit hatte sie es geschafft, Werwölfe wieder in ihre angestammte, menschliche Form zu verwandeln. Drachen dagegen waren Schwergewichte verglichen mit den im Prinzip menschengroßen Werwölfen. Irene schnappte nach Luft. Ihr Bibliothekssiegel schien sie nach unten zu zwingen, als wollte es sie auf dem harten Grund zerquetschen. Als sie den Kopf wieder hob, erkannte sie, dass es aber geklappt hatte. Qing Song und Jin Zhi trieben in ihrer menschlichen Gestalt auf dem Wasser. Die Strömung trug sie sanft zum Uferstreifen ins Flache. Dort blieben sie liegen wie übriggebliebenes, achtlos angeschwemmtes Strandgut, zusammengerollt und nass. Entlang des Ufers gab es einen plötzlichen, hellen Blitz. Sie wirbelte herum und stellte fest: Das war Hu. Er hatte sich in seine Drachengestalt verwandelt. Seine Schuppen schimmerten wie gehämmertes Kupfer, als er sich in die Luft schwang. Die Eile versorgte Irene mit Adrenalin und Energie. »Schnapp dir Qing Song«, rief sie Evariste zu. »Ihr beide fliegt mit Kai. Kai, gib mir Jin Zhi – Hu muss sie und mich tragen.« »Aber … Miranda!«, rief Evariste verzweifelt. »Was ist mit meiner Tochter?« »Wir werden Qing Song dazu bringen, Sie Ihnen zurückzugeben«, versicherte ihm Irene. »Aber zuerst müssen wir hier weg. Kommen Sie schon!« Sie packte ihn an der Schulter und schob ihn auf die Stelle zu, wo Qing Song im flachen Wasser lag. Die Fluten brandeten einmal mehr heran und überfluteten die Straße. Die Gangster, die wieder auf die Füße gekommen waren, wurden abermals umgeworfen. Hu wollte Qing Song hochheben, doch Kai sprang mit einem gewaltigen Satz dazwischen und zwang ihn zum Rückzug. Unterdessen hatte Lily den halb ertrunkenen George hinter einen der Lkws gezogen und ihn dort in Sicherheit gebracht. Sie stand über ihm, die Pistolen im Anschlag. Doch sie schoss nicht. Vielleicht wollte auch sie keinen unnötigen Krieg anzetteln. Oder ihr fehlte Georges ausdrücklicher Befehl, den Abzug zu betätigen. »Sie wollen weg von hier?« »Weit weg«, gab Irene zurück. »Und zwar so schnell es geht. Wir alle werden von hier verschwinden. Und wir werden nicht wiederkommen.« Kai näherte sich rückwärts dem Straßenrand und streckte seinen langen Rücken, um es Evariste zu ermöglichen, Qing Song hinaufzuschaffen, damit er ihn tragen konnte. Mit einem wütenden Zischen sah Hu zu, unternahm aber nichts. Wird Zeit, dass ich ebenfalls meinen Fluchtweg antrete. Irene stand im knietiefen Wasser über Jin Zhis reglosem Körper. Sie winkte Hu zu sich. »Über die Einzelheiten können wir uns später unterhalten«, sagte sie. »Aber zuerst lassen Sie uns abhauen.« Lily ließ beide Pistolen sinken. »Ich hoffe, Sie sind sich im Klaren darüber, dass ich hätte schießen können.« Ihre Stimme übertönte das Rauschen des Wassers. »Ich behalte es im Hinterkopf!« Irene schlang einen Arm um Jin Zhis Oberkörper und drehte sich mit ihr herum. Hu war direkt hinter ihr. Er streckte den Rücken und senkte sich, sodass sie mit der Frau in ihren Armen auf ihn klettern konnte. Sobald sie festen Sitz eingenommen hatte, hob sie die Hand. Sie winkte Lily zum Abschied zu. »Ich habe nur eine letzte Frage«, rief Lily. »Wie heißen Sie wirklich? Wer zum Teufel sind Sie?« Irene wog ab, was geschehen mochte, wenn sie der Frau ihren Namen verriet. Sie kam zu dem Schluss, dass Lily es mit etwas Recherche auch selbst herausfinden würde. Unwillkürlich zuckte sie die Achseln. »Irene Winters!«, rief sie. Und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, erhob sich Kai in den Himmel. Gefolgt von Hu stiegen sie immer höher, dem nächtlichen Horizont entgegen. Irene nahm den Kopf runter und klammerte sich fest. Mit einer Hand drückte sie Jin Zhis Gesicht in Hus Schuppenkleid. Hoffentlich würde die Drachenfrau noch etwas länger bewusstlos bleiben. Das machte es wesentlich einfacher, sie im Griff zu behalten. Unter ihnen breitete sich New York in seiner ganzen Pracht und Weite aus – ein Meer, abwechselnd aus Lichtern und Schwärze, aus dem die Hochhäuser mit ihren hellen Fenstern herausragten, unüberschaubar angeordnet und scheinbar wahllos hier und dort hingepflanzt. Ganz klein erkannte Irene die Lichtkegel von Fahrzeugen, die sich auf den Straßen entlangbewegten. Die unerträgliche Hitze, die während des Drachenkampfs geherrscht hatte, war abgeflaut, als Jin Zhi das Bewusstsein verlor. Irene atmete dankbar die kühle Luft ein. Der vor Hu fliegende Kai legte die Flügel an und brüllte. Irene hoffte, dass ihm ein Ziel eingefallen war, wo sie vorerst sicher wären. Im nächsten Moment breitete sich ein Spalt über den Nachthimmel aus. Er war von dem Licht erfüllt, das von der anderen Seite hindurchschien. Irene fand keine Worte, um diesen Farbton zu beschreiben. Sie kannte die Art, wie Drachen sich zwischen den Welten bewegten, und hatte das Licht bereits vorher gesehen. Drachen waren in der Lage, in einen Bereich außerhalb des Weltenflusses vorzustoßen, wo die Luft wie Wasser floss und allein Drachen sich bewegen konnten. Als Hus Passagierin fühlte Irene sich zusehends hilflos auf dem Rücken des riesigen Wesens. Doch solange Kai Qing Song sicher in seiner Obhut hatte, gab es für Hu keine direkte Möglichkeit, ihnen zu schaden. Kai brachte seine Flügel in den geeigneten Winkel und sauste durch den Spalt. Hu folgte ihm. Irene hatte das Zwielicht der Nacht erwartet, zusammen mit den endlosen Strömen aus Blau und Grün, die sie bei ihrem ersten Wechsel zwischen den Welten erblickt hatte. Aber sie hatte nicht erwartet, andere Drachen vorzufinden. Sie waren zu viert und schienen bereits auf sie gewartet zu haben. Alle waren größer als Kai und Hu. In einem Schimmer zahlreicher schlagender Flügel stürzten sie sich auf sie, ein Funkeln wie von Edelsteinen und Metall. Die Laute, die sie von sich gaben, klangen tiefer als Kais Schrei, mit dem er den Spalt geöffnet hatte. Es waren orgelartige Töne, die Irenes Knochen zum Vibrieren brachten und sofort eine schreckliche, tiefgründige Panik in ihr auslösten. Sie presste sich flach auf Hus Rücken. Kai zuckte mitten im Flug zusammen und flog eine Kehrtwende, um von der neuen Gefahr fortzukommen. Unter Irene wogte Hus massiger Leib, als wäre jeder seiner Muskeln auf Flucht eingestellt. Doch es gab kein Entkommen. Sie drifteten durch ein Meer aus endloser Leere, und die vier seltsamen Drachen hatten sie umzingelt. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL Die Wüste war kalt in der Nacht, und Irene war froh, dass sie ihren gefütterten Mantel hatte. Evariste, in seiner zerschlissenen Jacke, ließ die Schultern hängen. Er versteckte sich hinter Kai und Irene. Die Drachen schienen mit diesem Verhalten kein Problem zu haben. Offenbar waren sie an Kai mehr interessiert als an irgendeinem seiner Begleiter. Hu kniete an Qing Songs und Jin Zhis Seite, um ihr Wohlergehen zu überprüfen. Die fremden Drachen hatten sie gewaltsam in diese Welt geführt. Als Irene sich in der flachen Wüstenlandschaft umsah, deren Luft trocken und bitter auf der Zunge schmeckte, kam ihr der Gedanke, dass sie sich für diesen öden Landstrich entschieden haben mochten, damit Kai keinen Fluss oder sonst eine Wasserquelle zu Hilfe rufen konnte. Einer ihrer Bewacher hatte sich abgesetzt. Er war verschwunden, als sie diese Welt erreicht hatten. Irene hatte so eine Ahnung, dass er Vorgesetzten Bericht erstattete und sich nach Befehlen für das weitere Vorgehen erkundigte. Seine Mitstreiter hatten mittlerweile menschliche Form angenommen, genau wie Kai und Hu. Was die Fremden offenkundig wollten, war zunächst eines: Antworten. »Gebt Eure Identität preis«, forderte die Frau, die den Trupp anzuführen schien. Sie trug eine violette Robe mit hellgrünem Kragen und ebensolchen Ärmeln. Ihr dichtes schwarzes Haar war zu einer aufwändigen Frisur hochgebunden. »Und erklärt uns, warum Ihr zwei bewusstlose Sprösslinge adliger Abstammung bei Euch tragt, die vom Hof der Königin der Südlichen Ebenen stammen?« »Ich bin Kai, Sohn von Ao Guang, König des Östlichen Ozeans. Falls ich die Grenzen eines fremden Territoriums überschritten habe, entschuldige ich mich. Darf ich auch Euren Namen erfahren?« Irene tat gut daran, den Mund zu halten. Sie hielt an der unwahrscheinlichen Hoffnung fest, dass sie sich noch irgendwie aus dieser Sache herauswinden konnten. Und zwar ohne dass Evariste und sie als Bibliothekare entlarvt wurden. Die Anführerin konzentrierte sich eindeutig auf Kai. Möglich, dass sie einfach an eine Routinepatrouille geraten waren. Die Fremden gaben sich vielleicht damit zufrieden, eine annehmbare Erklärung für Qing Songs und Jin Zhis Zustand zu erhalten. »Ich bin Mei Feng vom Hof der Königin der Südlichen Ebenen«, antwortete die Frau in violetter Robe. Sie sprach jetzt erkennbar sanfter und höflicher. Dass ihr ein dicker Fisch wie Kai ins Netz ging, hatte sie wohl kaum erwartet. »Es ist eine gewaltsame Auseinandersetzung vermeldet worden, die sehr wahrscheinlich Einfluss auf die Realität der betreffenden Welt haben wird. Wart Ihr daran beteiligt?« »Ich habe diese beiden Drachen vorgefunden, wie sie miteinander kämpften«, sagte Kai. »Ich bin dazwischengegangen, um die Streitigkeiten zu beenden.« Sein unverkennbares Achselzucken zeugte von höflicher Gleichgültigkeit. »Wie Ihr schon gesagt habt – das Ganze kann nicht gerade gesund für die Stabilität und Ordnung der Welt gewesen sein.« »So.« Mei Feng trat vor und betrachtete die beiden bewusstlosen Körper. Die zwei anderen Drachen – sie trugen ebenfalls lange Roben, allerdings waren die weniger elegant als ihre – standen bereits gefährlich nahe. »Ich erkenne die beiden. Wo gedachtet Ihr, sie hinzutragen? Und wer sind diese Menschen?« Ihre Fragen klangen höflich, doch es gab keinen Zweifel, dass diese Höflichkeit rasch aufgebracht sein würde, wenn Kai nicht die gewünschten Antworten gab. »Eure Fragen berühren einen sehr persönlichen Bereich. Sie könnten als eine Einmischung in meine privaten Angelegenheiten aufgefasst werden«, widerstand Kai. Es war dennoch eine eher maue Erwiderung ohne jegliche Grundlage. Irene wusste das, und sie wusste, dass auch Kai es wusste. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass es auch Mei Feng klar war. Man hatte sie auf frischer Tat ertappt, als sie die Beweislast auf ihren Rücken spazieren trugen. Wie konnte man sich da noch herausreden? »Ich wünsche nicht, Eure Angelegenheiten zu behindern«, antwortete Mei Feng. »Aber es wäre schön, wenn Ihr mir etwas mehr Informationen geben könntet.« Ihr Blick fiel auf Hu. »Seid Ihr vielleicht eher bereit, mir zu sagen, was vor sich geht?« »Ich bin ein Diener meines Herrn Qing Song«, sagte Hu, »der leider nicht ohne dessen Erlaubnis über diese Dinge reden kann.« »Ich verstehe«, sagte Mei Feng. »Und diese Menschen …« »Stehen unter meinem Schutz«, kam Kai ihr zuvor. Und die einzigen anderen beiden Zeugen sind vorteilhafterweise bewusstlos – und werden es hoffentlich noch eine Weile bleiben. Mei Feng lief nachdenklich auf und ab. Ihre Miene strahlte Ruhe aus. Der Wind ringsum zog an. Irene fragte sich, ob das nicht unterschwellig die wahren Gefühle der Frau zum Ausdruck brachte. »Eure Hoheit, Ihr müsst verstehen, dass Eure Anwesenheit hier recht überraschend ist. Ihr taucht mit diesen beiden Hochgeborenen auf, die allem Anschein nach betäubt wurden – nachdem sie schwer verbrannt und beinahe ertränkt worden sind. Und nun verlangt Ihr, dass ich Euch glaube, wenn Ihr mir sagt, dass Ihr unschuldig seid.« Alles abstreiten, den Mund halten, so gut es geht, und sofort einen Anwalt verlangen, erinnerte sich Irene an Kais Rat. Hatten die Drachen überhaupt Rechtsanwälte für diese Art von Situation? Oder ging es bei ihnen doch weniger zivilisiert zu? »Ich kann dazu nichts sagen, selbst wenn ich es wollte«, beschied Kai. »Und ich muss Euch außerdem bitten, mir zu sagen, unter wessen Rechtsanspruch ich festgehalten werde. Ich unterstehe nicht dem Gesetz der Königin.« »Ihr haltet Euch in ihrem Hoheitsgebiet auf«, entgegnete Mei Feng. »Seid Ihr mit Eures Vaters Erlaubnis unterwegs?« Kai wählte seine nächsten Worte mit Bedacht: »Er ist nicht über meinen derzeitigen Aufenthaltsort unterrichtet. Ich hoffe auch sehr, dass er nicht in diese Angelegenheit hineingezogen wird.« Während die beiden in einen Blickwechsel versanken, der auch als Äquivalent der physikalischen Gesetzmäßigkeit zwischen der unwiderstehlichen Kraft und dem unbeweglichen Objekt durchgehen konnte, ertönte am Himmel ein tiefes, rasselndes Brüllen. Ein Spalt tat sich auf, und der vierte Drache kehrte zurück. Er fiel nach unten wie ein Stein und schaffte es gerade so, die Flügel auszubreiten, um die Wucht seines Sturzes rechtzeitig abzufangen. Begleitet von einem grellen Blitz, verwandelte sich der Drache in einen jungen Mann, der mit heiseren Zügen atmete. Seine Stirn war schweißüberströmt. »Herrin«, krächzte er. »Ihre Majestät verlangt, die Beteiligten sofort zu sehen, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen.« Er hatte Mühe, seine Stimme ruhig zu halten. »Und zwar so schnell wie möglich.« »Sehr gut«, sagte Mei Feng. Die Nachricht schien sie zu erleichtern. »Damit lade ich Euch an den Hof der Südlichen Ebenen ein, Eure Hoheit. Ihr werdet dort ihre Untertanen wieder in die Obhut der Königin bringen können. Wie Ihr gehört habt, ist sie außerdem sehr interessiert daran, die genauen Hintergründe darüber zu erfahren, was geschehen ist.« »Gewährt uns bitte einen Moment«, sagte Kai. Plötzlich sprach er noch ehrwürdiger und königlicher als zuvor. »Irene?« Irene nahm alle Untertöne zugleich auf, die in dieser kurzen, fragenden Aufforderung mitschwangen. Was soll ich jetzt tun? Was soll ich ihnen sagen. Wie können wir vor die Königin treten und auch nur ansatzweise erklären, was los ist? Irene verfluchte stumm ihr Schicksal. Doch dann antwortete sie, um den politisch neutralsten Ton bemüht, den sie fertigbrachte: »Natürlich fühlen wir uns geehrt und nehmen die Einladung sehr gerne an. Wir wollen der Königin unter gar keinen Umständen Schwierigkeiten bereiten.« Sie lächelte Kai zu, um ihn zu beruhigen. Doch ihr Magen war schwer wie Blei. Sie hatten versagt. Es gab keinen Weg mehr, die Ereignisse öffentlich zu rechtfertigen, ohne dass dabei auch die Beteiligung der Bibliothek bekannt wurde. Falls die Königin ihnen eine Privataudienz gewährte, konnte Irene vielleicht als letzten Ausweg um Gnade betteln. Sie könnte erklären, dass Qing Song gegen die Regeln verstoßen hatte … Aber würde das überhaupt noch etwas bringen? Wenn der Drache nun alles abstritt? Sie würde der Sache ins Auge sehen und alle Verantwortung übernehmen müssen, um Kai, Evariste und die Bibliothek zu retten. Doch höchstwahrscheinlich würde sie dadurch alles verlieren, was ihr je wichtig gewesen war. Es ließ sich unmöglich bestimmen, wie lange ihr Flug zum Hof der Königin der Südlichen Ebenen dauerte. Ihre ›Ehrengarde‹ hatte sich bereit erklärt, Jin Zhi und Qing Song zu übernehmen, und Irene und Evariste konnten gemeinsam auf Kais Rücken sitzen. Offenbar wollte Mei Feng verhindern, dass die beiden bewusstlosen Drachen sich nur eine Sekunde länger in Kais Obhut befanden als nötig. Wenigstens konnten sie dadurch gemeinsam reisen – Irene ganz vorn und hinter ihr Evariste. Mei Feng flog zusammen mit ihren Untergebenen und Hu in gebührendem Abstand, sodass Irene sich mit den anderen in Ruhe unterhalten konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sie belauscht wurden. »Das Wichtigste zuerst«, sagte Irene. »Kai, wie du Qing Song und Jin Zhi in den Fluss gelockt und anschließend fortgetragen hast, war einsame Spitze. Du bist doch nicht verwundet worden, oder doch?« »Nicht ernsthaft«, grollte Kai. »Wir sollten uns jedenfalls mehr Sorgen um die Zukunft machen.« »Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle, bevor wir bei Hofe eintreffen?«, fragte Evariste. Er musste nicht weiter ausführen, was er meinte. Sie alle machten sich Gedanken darüber, was sie in den Händen der Königin erwartete. »Selbst, wenn ich es schaffte, unsere Wächter abzulenken«, erklärte Kai, » so litte unser Ruf doch schweren Schaden. Und Qing Song und Jin Zhi bekämen dadurch die Möglichkeit, alle erdenklichen Geschichten zu verbreiten.« Das brachte Irene zum Nachdenken. »Glaubst du, man wird uns absichtlich ein Schlupfloch anbieten, einen Weg zu entkommen? So, wie sie uns auch gemeinsam reisen lassen? Um uns in Versuchung zu führen? Danach wäre es einfach, uns die Schuld in die Schuhe zu schieben.« »Glaub mir«, sagte Kai. »Es gibt keine sonderliche große Chance auf Flucht. Ich würde nicht darauf setzen.« »Sagt dir ihr Name etwas? Mei Feng.« Kai legte den Kopf schief – eine Geste, die ausdrückte, dass er nicht ganz sicher war. »Ich kann es nicht genau sagen, aber sie ist wahrscheinlich die linke Hand der Königin. Sie steht zu ihr in demselben Verhältnis wie Li Ming zu meinem Onkel.« »Das heißt im Klartext?«, fragte Evariste. »Dass wir es mit einer loyalen Untergebenen zu tun haben«, antwortete Irene, »die alles daransetzen wird, im Interesse ihrer Königin zu handeln – ob nun offiziell oder mit dubiosen Methoden, sollte sie die für nötig halten.« Sie dachte nach. »Also eher wie Hu im Verhältnis zu Qing Song. Dass Mei Feng hier ist, heißt wahrscheinlich, dass die Königin die Sache die ganze Zeit sehr genau verfolgt hat. Was glaubst du, Kai, wie schlimm die Realität von A-658 in Mitleidenschaft gezogen wurde?« Kai gab ein nachdenkliches Brummen von sich. Irene spürte die Vibrationen unter sich. »Sehr schlimm, vermutlich. Ich bin stets davor gewarnt worden, dass so ein Kampf eine Welt in ihren Grundfesten erschüttern und ihren Kurs erheblich beeinflussen kann. Aber bislang ist es mir erspart geblieben herauszufinden, ob es wirklich stimmt.« »Das ist ja schon mal positiv.« Hinter ihr sog Evariste scharf die Luft ein. »Wie kann irgendwas an unserer Lage positiv sein? Wir sind Gefangene ohne Möglichkeit, in die Bibliothek zu gelangen, und meine Tochter befindet sich noch immer in Gefangenschaft.« »Aber wir haben gut daran getan, den Kampf zu beenden«, sagte Irene. »Das ist positiv.« Sie achtete darauf, nicht zu hysterisch zu klingen. Evariste sollte nach Möglichkeit nicht merken, für wie gering sie ihre Chancen hielt. »Falls Erklärungen nötig werden, haben wir nichts anderes getan, als zu helfen. Und zwar mit hohem persönlichen Einsatz und unter großem Risiko. Dass es für Qing Song und Jin Zhi dabei etwas unangenehm wurde, ändert nichts daran.« »Etwas unangenehm … Sie haben einem Gangsterboss und seiner Killerin dabei geholfen, zwei Drachen vom Himmel zu schießen. Noch dazu mit geschmuggeltem Alkohol.« »Wir tun stets das, was die Bedingungen vor Ort erlauben«, sagte Irene. »Evariste, Sie müssen versuchen, ruhig zu bleiben. Ich bitte Sie schon gar nicht darum, optimistisch zu tun. Das wäre wohl auch naiv. Aber es gibt immer Möglichkeiten und Wege. Qing Song wird Ihrer Tochter außerdem nichts anhaben können, ehe die ganze Sache geregelt ist.« Sie deutete mit einem Nicken zu dem weiterhin bewusstlosen Qing Song hinüber, der über Mei Fengs Rücken hing. »Ich habe das nicht vergessen. Glauben Sie mir. Wir …« Ein beunruhigender Gedanke fuhr ihr plötzlich durch den Sinn. »Das Buch ist doch hoffentlich an einem sicheren Ort, oder?« Evariste unterdrückte ein Schnauben, das halb zornig, halb verbittert klang. »Ich bin gerade in großer Versuchung zu lügen, nur um Ihr Gesicht zu sehen.« »Vermutlich hätte ich das sogar verdient«, bekannte Irene. »Die Bände sind sicher und unerreichbar in der Bibliothek«, sagte Evariste. »Raum B-349. Aber macht das in diesem Moment einen Unterschied?« Irene zuckte die Achseln. »Möglich, dass wir diese Angabe als Beweis brauchen, wenn wir unsere Geschichte rechtfertigen müssen.« »Was für eine Art von Macht hat denn die Königin nun wirklich?«, fragte Evariste. »Über uns, meine ich. Und über Kai. Sie wird es wegen uns doch nicht auf einen Streit mit der Bibliothek ankommen lassen, oder?« »Sie hat genau die Macht, die sie für sich in Anspruch nehmen möchte«, sagte Kai. »Falls sie den Entschluss fasst, dass ich sie beleidigt habe, wird mein Vater … Nun, er wird das Urteil, das sie in dem Fall über mich verhängt, hinnehmen. Wir sind auf ihrem Territorium. Ihr Wille ist Gesetz. Und euch wird sie vermutlich in die Bibliothek zurückschicken. Falls sie es nicht bei einer Entschuldigung belässt dafür, dass sie euch hat hinrichten lassen. Das hängt ganz davon ab, wie sie am Ende entscheidet.« »Aber das würde doch einen Krieg auslösen, nicht?«, fragte Evariste. »Nicht wenn wir für schuldig befunden werden«, sagte Irene. »Was werden wir der Königin also nun sagen?«, schaltete Kai sich ein – diesmal mit der Krux ihres ganzen Dilemmas in seiner Stimme. Irene hätte gewünscht, eine gute Antwort darauf zu wissen. Sie hatte Evariste geschworen, dass er seine Tochter zurückbekommen würde. Aber sie hatte auch ihren Standpunkt erklärt, dass sie dabei zuallererst der Bibliothek und den damit zusammenhängenden Aufgaben verpflichtet blieb. Falls es ihr nicht gelang, Qing Songs Schuld zu beweisen – und Qing Song und Jin Zhi auch nicht anfingen, sich gegenseitig zu beschuldigen –, waren ihre Möglichkeiten begrenzt. In dem Fall würde sie sagen müssen, dass Evariste ein Agent auf Abwegen war, der auf eigene Faust gehandelt hatte. Genau wie sie – die dann wahrscheinlich alle Konsequenzen tragen müsste. »Wir werden mit der Wahrheit sparsam umgehen«, sagte sie endlich. »Wir – Kai und ich – wurden in die entsprechende Welt geschickt, um Sie zu finden, Evariste. Dort haben wir die Drachen bei ihrem Kampf gegeneinander entdeckt und sind dazwischengegangen, um sie zu stoppen – aus reiner Nächstenliebe, versteht sich. Und falls Qing Song und Jin Zhi noch einen Fünkchen Verstand besitzen, dann werden sie nicht versuchen, uns zu bedrängen. Denn sonst würden sie sich selbst beschuldigen. Danach …« Sie war selbst ganz überrascht, als sie den unterdrückten Zorn in ihrer Stimme hörte. »Werden wir Kontakt zu Qing Song aufnehmen und Ihre Tochter zurückfordern. Er soll sie sicher und unversehrt aushändigen. Anderenfalls wird die Bibliothek erfahren, was er, und im weiteren Sinne seine Familie, bereit war, einem Bibliothekar anzutun. Andere Drachen werden wissen, dass er gewillt ist, einen Krieg zu riskieren, um zu bekommen, was er will. Zu dem Zeitpunkt wird es schon gar nicht mehr um das Buch gehen. Deshalb muss er Ihre Tochter freilassen, wenn er seine Familie nicht großer Schande und Gefahr aussetzen möchte.« »Ob das funktioniert?«, sagte Evariste. Sein Tonfall schien zu verlangen, dass ihn jemand beschwichtigte, und zwar jetzt gleich. »Sie sagten, falls die beiden Drachen einen Fünkchen Verstand besitzen. Und falls nicht? Was, wenn sie auf die Idee kommen, dass ihr einziger Ausweg darin besteht, uns zu beschuldigen?« »Dann überlassen Sie es mir, mit den beiden zu reden. Soweit das möglich ist.« Irenes Magen hatte sich zu einem verschlungenen Knoten zusammengekrampft. Sie sah kaum noch eine Lösung für das Problem. Ohne Beweise, ohne Zeugen, war sie jetzt genauso dran wie vor wenigen Stunden, als sie keine Stimme und keine Macht mehr gehabt hatte. Doch sie musste es wenigstens versuchen. Voraus spreizte Mei Feng die Flügel und stieß einen Ruf aus – es klang wie der Stoß einer Trompete, die sich über ein Orchester von Streichern hinwegsetzt. In den wirbelnden Strömen des blauen Nichts tat sich ein Spalt auf, und sie rasten hindurch. Die eskortierenden Drachen rückten dichter zusammen und gaben ihnen so zu verstehen, wohin sie sich wenden sollten: Sie hatten Mei Feng zu folgen. »Meine Güte«, rief Evariste aus, als sie durch den Spalt blicken konnten. Kai flog in großer Höhe über das paradiesische, fast schon zu perfekt gepflegte Land. Sie hielten auf Berge zu, die sich immer höher auftürmten, als würden sie dort das Ende der Welt erreichen – ein Ende, das von Wolken umgeben und von Schneeflächen in blendendes Weiß gefasst war. Vor ihnen erhob sich eine Festung, deren ebenfalls weiße Mauern alle im selben Abstand zueinander standen, und von denen jede etwas höher als die vorige war. Goldene Banner wehten darüber im Wind. Am Fuß des Gebirges erstreckten sich grüne Felder in exakt zugeschnittenen Rechtecken, die smaragdgrüner Seide glichen. Straßen und Flüsse rahmten die Flächen mit sauberen Linien und klarem Glitzern ein. Sie befanden sich in einer hochgeordneten und regulierten Welt, angesichts deren Macht Menschen kaum mehr als vorbeiwirbelnde Staubpartikel waren. Mei Feng flog voran. Sie landete in einem der inneren Höfe der Festung. Ihrem Beispiel folgend, beendeten die anderen Drachen einer nach dem anderen ihren Flug und verwandelten sich in ihre menschliche Gestalt. Die Wachen auf den Wehrgängen tauschten Gesten aus. Die Königin würde zweifellos sofort von ihrer Ankunft unterrichtet werden. In der Zwischenzeit waren auch Jin Zhi und Qing Song wieder aus dem Tiefschlaf erwacht. Hu saß an der Seite seines Herrn und führte eine gedämpfte, hastige Unterhaltung mit ihm. Wann immer Qing Song sprach, nickte er beflissen. Von außen betrachtet schien Hu das Gespräch auf gewisse Weise sogar zu dominieren. Jin Zhi stand abseits. Sie ließ die Blicke zwischen den einzelnen Gruppen umherschweifen. Irene konnte nicht umhin, etwas Mitleid mit der Frau zu haben. Dann fragte sie sich, warum Jin Zhi nicht von ihrer eigenen Dienerschaft umsorgt wurde. Sie war also die ganze Zeit auf sich gestellt gewesen. Hieß das, dass sie etwas geplant hatte, von dem selbst ihre Untergebenen nichts wissen durften? »Ich hoffe, die Befragung wird nur im engsten persönlichen Kreis stattfinden«, murmelte Irene an Kai gewandt, der sein Jackett zurechtzupfte. »Die Königin wird doch kaum öffentliches Aufheben machen wollen, bevor sie nicht weiß, was genau geheimgehalten werden muss und was nicht.« Kai blickte sich mit gespielt höflichem Interesse um – ein hoher und ehrenvoller Gast, der einen prächtigen Ausblick genoss und die Wachen so gut wie gar nicht zur Kenntnis nahm. »Manches wird einfacher zu erklären sein als anderes«, sagte er leise. »In die zweite Kategorie falle dann wohl ich.« Es gab noch ein anderes Problem. Um genau zu sein, gab es so viele, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah. Öffentlich als Kais Begleitung aufzutreten – die Bibliothekarin an seiner Seite –, würde Irene nicht gerade dabei helfen, klarzustellen, dass die Bibliothek dem Credo der Neutralität verpflichtet war und es auch bleiben wollte. Wenn ihnen eine Privataudienz gewährt werden würde, gab es vielleicht eher die Möglichkeit, ihre Beziehung auf angemessene und differenzierte Art zu erklären. Hu löste sich mit einem Nicken von Qing Song und trat zu ihnen. »Eure Hoheit«, begrüßte er Kai, als er sie erreicht hatte. Dann wandte er sich an Irene. »Sie hatten Ihren Lauf. Aber jetzt ist Schluss damit.« »Das wage ich zu bezweifeln«, gab sie zurück. »Ich werde viel zu erzählen haben.« »Tun Sie das nur – wer, meinen Sie, wird Ihnen glauben?« Er drehte sich zu Evariste und holte ein kleines, schwarz-weißes Foto hervor. Das Mädchen, das darauf zu sehen war, sah Evariste ähnlich genug, dass klar war, um wen es sich handelte. Hu wartete auf eine Reaktion. Schließlich steckte er das Foto wieder ein. »Das Wort meines Herrn wiegt schwerer als das Ihre«, sagte Hu zu Irene. Überraschenderweise sprach er meines Herrn auf eine abfällige Weise aus, als handelte es sich um einen Hund, den er lange und sorgfältig abgerichtet hatte. Sein Sprachrohr für offizielle Angelegenheiten. Qing Song, so schien es fast, war von Hu angewiesen worden, was er zu tun und zu lassen hatte. »Sie haben gestohlen, Sie haben gelogen, und Sie haben nicht zuletzt zwei Untergebene der Königin angegriffen. Ein Unrecht dieser Größenordnung sollte auf die wahren Schuldigen beschränkt werden.« Sein Blick traf Evariste wie ein ausgestreckter Zeigefinger. »Vielleicht mittels eines passenden Geständnisses? Oder einfach nur, indem man nicht widerspricht … Beides wäre ausreichend. Verstehen Sie, was ich sagen will? Wenn Sie am Leben des Kindes interessiert sind, sollten Sie sich nicht querstellen.« Irene suchte nach den richtigen Worten, um Hu beizubringen, wie falsch er lag, als sie Evaristes Gesichtsausdruck bemerkte. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hatten darin die Oberhand gewonnen. Er musste sich nur selbst opfern, und alles würde gut werden. Und manchmal, das hatte Irene schon am eigenen Leib gespürt, konnte so ein Ausweg allzu leicht erscheinen. Mühelos wie nichts auf der Welt. »Gehen Sie aus dem Weg«, sagte sie zu Hu, und der Ton ihrer Stimme ließ Hu instinktiv zurückweichen. »Dieser Mann steht im Dienst der Bibliothek, und er ist nicht der Einzige hier.« »Falls Sie es darauf anlegen, mit ihm zusammen unterzugehen, bitte sehr«, versetzte Hu und gesellte sich wieder zu Qing Song. »Sie haben sich geirrt«, murmelte Evariste kaum hörbar mit verwaschener Stimme. »Das hier wird nicht funktionieren. Sie sagen einfach, es war meine Idee. Dann können Sie es alles auf mich schieben, richtig? Die Bibliothek wird nicht beschuldigt werden – sondern ganz allein ich. Sie müssen mir eines versprechen: Dass Sie mein Mädchen in Sicherheit bringen werden.« Irene packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu sich. »Jetzt halten Sie den Mund und hören mir zu. Ich bin die Verantwortliche hier, und ich sage Ihnen, dass wir nicht verloren haben. Geben Sie mir eine Chance. Ich bitte Sie – nein, ich befehle Ihnen, verdammt noch mal –, nicht aufzugeben. Vertrauen Sie mir, Evariste. Solange wir auch nur das kleinste Quäntchen Hoffnung haben, werde ich mich Hu gegenüber nicht geschlagen geben. Wenn wir ihn jetzt nach seinen Regeln gewinnen lassen, wird er die Bibliothek bis in alle Ewigkeit in der Hand haben. Früher oder später wird er dasselbe wieder versuchen. Und das werde ich nicht zulassen. Niemals. Ich brauche Ihr Vertrauen.« Ein dumpfer Schlag hallte durch den Innenhof. Alle Augen wandten sich dem Mann zu, der, in eine weite Robe gehüllt, unter dem Eingangsportal stand. Er hob seinen Stab, nachdem er ihn einmal fest auf den Boden gestoßen hatte. »Hört mich an und tretet näher«, rief er. »Die Königin der Südlichen Ebenen befiehlt Eure Anwesenheit. Auf dass alle, die Ihrer Majestät ihre Aufwartung machen, die Wahrheit sagen, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun.« ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL Irene und die anderen wurden durch die Flure des Palastes geführt. Der Teil von ihr, der sich nach Ablenkung sehnte, hätte sich am liebsten die Ausstattungsdetails, den Schnitt der Korridore, die Kunstwerke und die jeweiligen Ränge der vorbeikommenden Höflinge genauer angesehen. Wann würde sie sonst noch einmal die Gelegenheit bekommen, einen solchen Ort zu besuchen? Doch ihre Aufmerksamkeit hatte sich verlagert, hin zu etwas, das sie gerade erst begriffen hatte. Etwas, das die letzten Tage in ganz neuem Licht erscheinen ließ. Hu war nicht einfach nur Qing Songs Diener – der sprichwörtliche Samthandschuh, der seine harte Hand umhüllte. Hu war der Drahtzieher hinter Qing Song, der Ränkeschmied, der alles angestiftet hatte. Irene war sich sicher, dass Hu die Drohung gegenüber Evariste draußen im Hof in Eigenregie ausgesprochen hatte. Und als sie begann, die Ereignisse aus diesem veränderten Blickwinkel zu betrachten, ergab jede Kleinigkeit schlagartig Sinn. Hu hatte erst die Menschenjagd auf Evariste koordiniert, anschließend die auf Irene. Er hatte herausgefunden, dass Irene gelogen hatte, und sie daraufhin mit dieser Drachendroge aus dem Spiel genommen. Als Jin Zhi und Qing Song die Beherrschung verloren und sich im Kampf aufeinandergestürzt hatten, war er nicht mehr bei ihnen gewesen – und prompt waren die Dinge in der Hotelsuite schiefgelaufen. Die ganze Zeit hatte Hu die Fäden in der Hand gehalten und alles dirigiert. Er hatte die Beteiligten dazu gebracht, Qing Song die Schuld zu geben. Genau wie Irene, die durch halb New York gehetzt war, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hatte Hu dafür gesorgt, dass statt seiner selbst Qing Song im Rampenlicht blieb – und er selbst heimlich den Gang der Ereignisse bestimmen konnte. Wahrscheinlich bemerkte Qing Song Hus Manipulation nicht einmal. Hu besaß weder die Macht noch die nötige Abstammung, um selbst ein Amt zu bekleiden. Und diesen Nachteil hatte er umgangen, indem er sich eine passende Marionette herangezogen hatte, die ein offenes Ohr für seine Einflüsterungen besaß. Irene war betrogen worden – nein, sie hatte zugelassen, dass man sie betrog. Ihre Abneigung gegenüber Qing Song hatte es möglich gemacht, während sie zugleich in Hu so etwas wie ein Abbild ihrer Selbst erkannt hatte. Kompetente Profis, wir beide. Und auch, was Jin Zhi anbelangte, nagte plötzlich etwas an Irenes Gedanken. Sie schob diese Idee aber erst einmal beiseite. Von Hu ging momentan die größere Gefahr aus. Qing Song dagegen war ein armseliger Lügner, das wusste sie jetzt aus eigener Erfahrung. Er war zu hitzköpfig, um eine versöhnliche Miene zu wahren. Die Entscheidungen, die in den nächsten paar Minuten getroffen werden würden, hingen stark davon ab, ob Hu die Anschuldigungen gegen sie vorbrachte, oder ob er es Qing Song überließ. War es wirklich so, dass Qing Songs Wort automatisch höher gewertet würde als alles, was Irene vorbrachte? Falls dem so war, blieb Evariste und ihr wohl kaum eine Chance. Sie würden eingestehen müssen, auf eigene Faust gehandelt zu haben, um Schaden von der Bibliothek abzuwenden – und selbst das versprach keinen endgültigen Erfolg. Qing Song und Hu würden danach viel zu viel über die Bibliothek wissen. Ganz zu schweigen davon, dass sich Evaristes Tochter dann immer noch in ihren Fängen befände. Einer Wiederholung dieser niederträchtigen Taktik wäre in Zukunft Tür und Tor geöffnet … Ya Yu, die Königin der Südlichen Ebenen, thronte in würdigem Ornat in ihrem privaten Audienzsaal. Falls dies der Ort war, an dem man die weniger beeindruckenden Gäste empfing, hätte Irene gerne gewusst, wie der eigentliche Thronsaal aussah. Doch der gesunde Menschenverstand sagte ihr, dass sie dankbar sein musste, in ihrer Lage nicht allzu sehr in die Öffentlichkeit gezogen zu werden. Der Boden war mit schimmernden Mosaiksteinen ausgelegt, die das Licht in Farben von Tiefgrün bis Braun zurückwarfen. Die Wände schmückten Ornamente aus Bernstein. Mit ihnen im Saal befand sich etwa ein Dutzend weiterer Drachen. Ihrer erlesenen Kleidung und den edlen Seiden- und Brokatstoffen nach zu schließen, handelte es sich um Mitglieder des Hofstabs. Sie hielten eine halbmenschliche Gestalt aufrecht – Irene hatte diese Erscheinungsform bei Drachen erst ein oder zwei Mal gesehen. Ihre jeweilige Form und Größe glich der eines Menschen, aber ihre Haut wies Schuppen auf wie bei einer Schlange, die in der Art von Gemmen oder seltenem Edelmetall funkelten. Die langen, geschliffenen Nägel an ihren Fingern besaßen Ähnlichkeit mit Klauen. Alle Höflinge trugen langes Haar, das in einem einzelnen dicken Schopf zurückgebunden war. Sie standen mit einer Haltung da, die uneingeschränkte Würde und Macht ausdrückte, als entspräche ihre Erscheinungsform einer Gestalt, die jeder anderen vorzuziehen war. Im Vergleich dazu wirkten Menschen nackt und wie im Larvenstadium gefangen: schwach, mitleiderregend und unvollendet. Irene begriff, dass es ein Publikum geben würde, auch wenn es nur aus engsten Vertrauten der Königin bestand. Das erhöhte den Einsatz des Spiels um ein Vielfaches – und ihre Möglichkeiten schnurrten auf einen winzigen Radius zusammen. Eine private Beichte, nur für die Ohren der Königin bestimmt, war damit ausgeschlossen. Auf den ersten Blick konnte man beim Anblick des Saals an eine mittelalterliche Fantasie denken, die in die Realität umgesetzt worden war. In Wahrheit atmete die Darbietung Zeitlosigkeit. Die Saalwächter standen, mit Hellebarden bewaffnet, an den Türen. Zusätzlich trugen sie durchschlagskräftig aussehende Gewehre, mit denen sie bestimmt gut umzugehen wussten. Alles und jeder in diesem Raum gehörte der Königin. Ya Yus Macht umgab sie wie ein Energiefeld. Obwohl Sonnenlicht durch die hohen Fenster fiel, hatte Irene das unbestimmte Gefühl, unter Tage zu sein. Sie musste an finstere Minenschächte denken, die in ungeahnte Tiefen reichten. Das Gewicht und die Masse der Erde, die von oben auf sie drückten, waren beinahe unerträglich. Unter dieser Empfindung schrumpfte sie auf ein winziges, unbedeutendes Insekt zusammen. Jegliches Tageslicht schien so weit entfernt … Mit deutlicher Mühe hob Irene den Kopf. Sie konzentrierte sich auf die Königin. Ya Yu hatte eine Farbe wie Weidensprösslinge im Frühling. Ihre Gewänder schimmerten im hellen Grün der Blätter, umsäumt von Gold. Sie saß auf einem Thron – jedenfalls sah der spektakuläre Stuhl unter ihr ganz danach aus. Er schien aus einem einzigen, riesigen Block Onyx herausgehauen zu sein. Jede Art von Polsterung oder Bequemlichkeit fehlte. Irene entschied insgeheim, ein dickes Kissen zu verlangen, sollte man sie jemals zu einer Königin machen. Und natürlich ein königliches Bücherregal. Sie traten geschlossen vor den Thron, angeführt von Mei Feng. Dann verneigten sie sich: Qing Song, Jin Zhi und Hu bezeugten ihre Ehrerbietung, indem sie auf ein Knie hinuntergingen und die rechte Faust gegen die linke Schulter pressten. Kai vollführte eine respektvolle tiefe Verbeugung aus der Hüfte heraus, und Irene und Evariste taten es ihm gleich, so gut sie konnten. Ya Yu bedeutete ihnen aufzustehen. Sie wandte sich Qing Song und Jin Zhi zu. »Ich hatte nicht erwartet, euch vor mir zu sehen, ohne dass einer von euch das Buch in Händen hält. Es war mein Auftrag an euch, dies Buch zu beschaffen, um eure Tauglichkeit für ein Amt am Hof unter Beweis zu stellen.« Ihre tiefe Stimme klang lieblich und erfüllte dennoch auf kräftige Weise den Saal und drang bis in Irenes Knochen – wie bei Mei Fengs Intonation zuvor. »Ich verlange eine Erklärung.« Mei Feng löste sich aus der Gruppe und trat vor. »Eure Majestät, meine Diener und ich sind auf unserem Weg in die Zielwelt unterrichtet worden, dass zwei Drachen in offenem Kampf miteinander stehen. Daraufhin fingen wir diese Gruppe ab, die sich aus der besagten Welt entfernte. Sie sind uns bislang eine zufriedenstellende Antwort schuldig geblieben, was ihre Handlungen und Beweggründe sind.« Ya Yu nahm alle sechs in Augenschein. »Dann möchte vielleicht einer von euch das Wort an mich richten?«, fragte sie sanft. Unter dem Blick der Königin verengte sich Irenes Hals wie von großer Panik zugeschnürt. Sie musste blanke Willenskraft einsetzen, um nicht einfach alles auszuplaudern, was sie wusste. Letztlich schaffte sie es wegzusehen. Aus dem Augenwinkel spähte sie zu Hu. Sie erwartete, dass er seinen Fall vorbringen und gleich darauf Evariste die Möglichkeit geben würde, ihn zu untermauern. Doch Hu blieb stumm. Er stand in ehrerbietigem Schweigen hinter Qing Song. Irene begriff, dass Hu unmöglich das Wort an sich reißen konnte, solange Qing Song anwesend war. Es hätte allen Gepflogenheiten widersprochen. Die Königin hatte ihre Antworten von den beiden Adligen verlangt. Einem Bediensteten stand es nicht an, sich vorzudrängeln, um seine Sicht der Dinge darzulegen, egal, wie sie ausfiel. Als die Stille andauerte und immer noch keiner sprechen wollte, wuchs die Anspannung im Saal. Schweigen würde niemandem helfen. Falls die Königin beschloss, sie alle einen Kopf kürzer zu machen, weil sie ihren Anordnungen nicht Folge leisteten, verfügte sie dazu leider über die nötige Autorität. Wollte Irene irgendwie die Kontrolle über die Situation erlangen, musste sie es jetzt versuchen. »Eure Majestät«, sagte sie und machte einen Schritt nach vorn. »Ich ersuche um Eure Erlaubnis, sprechen zu dürfen.« Kai zuckte unmerklich zusammen. Er hob eine Hand, wie um sie im letzten Moment zurückzuhalten. Sie kannte ihn gut genug, um seinen Gesichtsausdruck zu entschlüsseln. Es sah aus, als bereite er sich auf eine Katastrophe vor. Doch alles, was sie dachte, war: Vertrau mir. »Fahrt fort«, verlangte Ya Yu. »Und sagt mir, wer Ihr seid.« »Ich heiße Irene, und ich bin eine Dienerin der Bibliothek«, sagte Irene. »Mit mir ist Evariste hier, der, so könnte man sagen, unter meiner Verantwortung steht« – wenn man mal beide Augen zudrückt, fügte sie in Gedanken hinzu. »Ursprünglich war es mein Auftrag, ihn zu suchen und etwas über das herauszufinden, was er vorhatte.« Ya Yu nickte. »Fahrt fort.« »Als ich in dem New York der genannten Parallelwelt ankam, fand ich ihn und hörte mir seine Geschichte an. Er sah sich starkem Druck ausgesetzt – der von Drachen ausgeübt wurde.« »Auf welche Weise?« Ya Yus Stimme tat ihre Abneigung unverhohlen kund. Nichts anderes drückten die Gesichter der Mitarbeiter ihres Hofstabes aus. Ob es sich allerdings um Abneigung gegen Irene oder gegen Evariste handelte, war nicht ersichtlich. Aus dem Augenwinkel fiel Irene Qing Song auf. Er stand ein paar Schritte rechts von ihr, die Miene wie in Stein gemeißelt, bereit, alles abzustreiten, was ihm vorgeworfen wurde. »Evariste war in seine Heimatwelt zurückgekehrt, um seinen alten Mentor zu besuchen«, fuhr Irene fort. »Doch er fand diesen Mann nur tot vor, verstorben, wie es hieß, an einem Herzinfarkt. Evaristes Tochter war entführt worden – von einem Mitglied Eures Königshofes.« Sie wandte den Kopf und sah Qing Song und Hu vorwurfsvoll an. Dabei erwiderte Evariste ihren Blick mit einer Miene, in der der Vorwurf des Verrats zu lesen war. Sie achtete nicht auf ihn, und als er vortreten wollte, hielt Kai ihn zurück. Irene redete weiter: »Er sollte dabei helfen, ein bestimmtes Buch zu finden. Man wollte sich seiner Kooperation versichern, indem man seine Tochter bedrohte. Er schaffte es, vor den Erpressern zu fliehen. Aber er hatte zu große Angst, um in die Bibliothek zurückzukehren. Während meiner Nachforschungen über diesen Vorfall wurde ich selbst Opfer eines Angriffs, und die hier anwesenden Adligen – Qing Song und Jin Zhi – lieferten sich schließlich einen offenen Kampf über der Stadt. Daraufhin haben wir sie betäubt und aus der Welt herausgebracht, um die Bevölkerung dort nicht zu gefährden.« Ya Yu neigte den Kopf wie ein Raubtier, das einen letzten, hungrigen Blick auf seine Beute wirft, ehe es zuschlägt. Die Anspannung im Saal verdichtete sich. »Ihr erhebt schwere Vorwürfe gegen einen meiner Untergebenen«, sagte sie. »Ich gehe davon aus, dass Ihr diese folgenschweren Behauptungen widerlegen könnt.« Ihr Blick blieb auf Qing Song liegen. »Das alles klingt wirklich abenteuerlich und poetisch«, beschied Qing Song knapp. »Eure Majestät, diese Frau hier hat ihr Handwerk gründlich gelernt, und zwar aus den Büchern, die sie stiehlt. Sie ist in der Lage, innerhalb von Sekunden eine neue Lüge zu erfinden. Ich verlange, dass sie ihre Behauptungen beweist.« »Habt Ihr oder habt Ihr nicht jenen Mann namens Evariste in Euren Dienst gestellt?«, fragte Ya Yu. Qing Song straffte die Schultern. »Er kam zu mir und bot mir seine Dienste an.« Unter den Höflingen entstand Gemurmel. An einem weniger streng geordneten Hof hätte es auf Qing Songs Erklärung hin vielleicht Aufruhr gegeben. Hier blieb es bei gedämpftem Murmeln und abgehackten Gesten. Irene konnte das Erstaunen und die Empörung dahinter spüren. Sie war hier im Herzen eines Reiches, das Ordnung und Gesetzmäßigkeit als obersten Prinzipien folgte, und Qing Song hatte soeben zugegeben, dass er die Regeln gebrochen hatte. Die Augen der Königin weiteten sich vor Zorn. Beim Klang ihrer Stimme herrschte schlagartig Stille im Saal. »Er hat was getan? Und Ihr habt dieses Angebot angenommen?« »Eure Majestät«, beeilte Qing Song sich zu sagen. »Ich weiß, dass die Spielregeln des Wettstreits, den Ihr ausgerufen habt, es uns ausdrücklich verboten, deren Hilfe zu suchen. Aber was kann denn dabei sein, ein Geschenk anzunehmen, wenn es einem dargeboten wird? Ist nicht der Kriegsherr ein Narr, der eine sich ihm darbietende Chance verstreichen lässt?« »Mmh.« Die Königin strich die Falten in ihrem Gewand glatt. Aus ihrem Gesichtsausdruck wurde Irene nicht so recht schlau. Billigte sie das Vorgehen als einfallsreich und angemessen? Oder wog sie lediglich ab, wie schlimm die Strafe ausfallen musste? »Und wie geht diese Geschichte nun weiter?« »Diese Frau da ist ganz falsch unterrichtet«, sagte Qing Song. Sein kaltes Lächeln traf Irene. »Evariste bat mich um eine Anstellung. Er wollte sein Kind versorgen. Anscheinend lässt die Bibliothek ihre Anvertrauten gern hungern. Dann, als er seine Aufgabe nicht einmal ansatzweise erfüllt hatte, verstieß er gegen unsere Abmachungen und verlangte mehr Geld von mir. Er erpresste mich und drohte damit, seine Mithilfe publik zu machen, um mich in diesem Wettstreit zu entehren. Ich hätte sein Angebot niemals annehmen dürfen, ja. Aber er war äußerst überzeugend.« Eine glatte Lüge. Eine Lüge ohne Fallstricke oder Löcher, abgesehen vom genauen Aufenthaltsort von Evaristes Tochter. Es sah so aus, als würde Irenes Wort gegen das von Qing Song stehen. Ya Yu wandte all ihre Aufmerksamkeit Evariste zu. »Wie es den Anschein hat, seid Ihr Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte«, sagte sie und verlangte barsch: »Sprecht!« Evariste stockte der Atem. Er wankte und schloss die Augen. Irene wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es war, dem prüfenden Blick eines Drachenkönigs oder einer Drachenkönigin standzuhalten. Sie hätte am liebsten die Hand ausgestreckt, um ihn zu stützen. Aber sie wagte es nicht. Vermutlich hätte es gegen das Protokoll verstoßen. Zum Teufel mit dem Protokoll, fuhr es ihr durch den Sinn. Unter der Last der Blicke der Königin schien es unfassbar schwer, auch nur den Arm zu heben. Es fühlte sich an, als müsste sie gegen eine ums Vielfache erhöhte Schwerkraft ankämpfen. Sie berührte Evariste an der Schulter und fühlte die Wärme, die von seinem Körper ausging, der in dem zerschlissenen Anzug steckte. Sie drückte ihn, um ihn zu bestärken. Hab Vertrauen, gib noch nicht auf. Evariste schluckte. Er schlug die Augen auf. In seinem Gesicht stand Verzweiflung. Es gelang ihm nicht, sich von Königin Ya Yu abzuwenden. »Eure Majestät.« Er sprach so leise, dass er schwer zu verstehen war. »Ich habe nichts zu sagen.« Diesmal war das Gemurmel der Zuhörer lauter. Irene schnappte Fetzen auf – sie hat ihn gefragt. Er muss antworten. Zuletzt musste die Königin die Hand heben, um den Anwesenden Stillschweigen zu gebieten. Der wachsende Zorn in ihrem Gesicht sprach Bände darüber, wie sehr die Unruhe an ihrem Hof – und diejenigen, die sie dorthin gebracht hatten – sie ärgerten. »Dann werden wir andere Zeugen bemühen müssen.« Sie wandte sich an Jin Zhi. »Was habt Ihr zu den Behauptungen vorzubringen?« »Ich weiß rein gar nichts von solchen Anschuldigungen«, beschwor Jin Zhi ruhig. Ein krampfartiger Impuls lief durch ihre Kehle. Wog sie allen Ernstes die Vorteile ab, die es ihr bringen mochte, wenn sie für Qing Song Partei ergriff? Immerhin würde man sie hinrichten, falls sie den Wettstreit verlor. »Ich war selbst nicht sehr erfolgreich bei meiner Jagd nach dem Buch, auch wenn ich gewiss nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe. Auf meiner Suche hatte ich mich auch an Qing Song gewandt. Ich gebe zu, dass wir während eines Streitgesprächs über die gegenwärtigen Ereignisse in Zorn gerieten. Ich bin zutiefst beschämt, dass erst ein Eingriff durch Dritte uns wieder zur Räson bringen konnte.« Damit sind wir soeben alle zu Lügnern geworden, erkannte Irene. Mehrfacher Hochverrat. Aber wenigstens würden Qing Song und Jin Zhi gemeinsam gehängt werden. Zumindest sah es nicht so aus, als wollte sie die Schlinge um seinen Hals zuziehen, indem sie ihn öffentlich beschuldigte, er habe einen Bibliothekar um Hilfe gebeten … Irenes Anflug von Unsicherheit über die Drachenfrau manifestierte sich endlich. Als sie sich in New York das erste Mal getroffen haben, wusste Jin Zhi bereits, dass Qing Song einen Bibliothekar angeheuert hat. Woher? Wer hat es ihr gesagt? Schließlich war das doch Qing Songs großer Vorteil ihr gegenüber. Sein Geheimnis, das, wenn jemand es herausbekam, ihn und seine Familie entehren würde. Konnte es sein, dass Jin Zhis Spione so tüchtig waren? Warum haben sie dann nichts über Evaristes Flucht in Erfahrung gebracht? Ganz abgesehen davon, dass Jin Zhi ihr Wissen sorgfältig unter Verschluss hielt, anstatt damit zu prahlen. »Und Ihr«, sagte Ya Yu, den Blick auf Kai gerichtet. »Jüngster Sohn des Königs des Östlichen Ozeans? Ich zähle darauf, dass Ihr Eurem Vater meine allerherzlichsten Grüße sendet, wenn Ihr ihn das nächste Mal seht.« Kai verbeugte sich. Ya Yus Ton verschärfte sich wieder. »Ich bin sehr unzufrieden, Euch in diese Dinge verstrickt zu finden. Das grenzt an Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Monarchen. Könntet Ihr Euch bitte erklären?« »Eure Majestät, ich habe in dieser Sache keinerlei Partei ergriffen«, protestierte Kai. »Deshalb sehe ich keinen Grund, warum ich mir etwas vorwerfen sollte.« »Lasst uns hoffen, dass dem tatsächlich so ist«, sagte die Königin. »Ihr seid mittlerweile alt genug, dass Euch das Strafmaß eines Erwachsenen ereilen kann. Und nun teilt mir mit, aus welchem Blickwinkel Ihr die Sache seht.« »Ich kann nur über das reden, was ich mit eigenen Augen gesehen habe«, begann Kai. »Bloße Vermutungen meinerseits möchte ich lieber nicht ausbreiten, geschweige denn als Wahrheit hinstellen.« »Von Ao Guangs Sohn würden wir auch nichts Geringeres erwarten«, pflichtete ihm Ya Yu bei. »Fahrt fort.« »Es ist wahr, dass die Bibliothekarin Irene jene Welt besuchte, weil sie sich Sorgen um einen Kollegen machte.« Kai ließ mit keiner Silbe erkennen, dass er nervös war. Er sprach ruhig und sanft wie jemand, der sich der Wahrheit seiner Worte vollständig sicher ist. »Als ihr Kollege uns von den Erpressungen gegen ihn berichtete, war ich anwesend. Man hat das Wohlergehen seines Kindes bedroht und das öffentliche Ansehen seines Mentors zerstört. Es ist ebenfalls wahr, dass Evariste Qing Song und seinen Diener Hu als Schuldige nannte. Während meines Aufenthaltes in jener Welt bin ich Qing Song nicht persönlich begegnet, sondern erst, als ich in den Kampf zwischen ihm und Jin Zhi eingriff.« »Dann habt Ihr die Lügen dieses Menschen also auch gehört«, sagte Qing Song. »Das macht sie noch lange nicht wahr.« Kai drehte sich zu ihm. »Es ist auch wahr, dass eine gewisse Person der Bibliothekarin Irene eine stimmlähmende Substanz verabreichte. Es würde mich brennend interessieren, was dahintersteckt.« Ya Yu tippte mit dem langen Nagel eines Fingers auf die Armlehne des Throns. »Es werden in dieser Anhörung weder Forderungen gestellt noch angenommen. Ich verlange nach Antworten, nicht nach Blut. Noch nicht …« Ihre Stimme dröhnte in der Luft und drang als Vibrieren in die steinernen Mauern und die Bernsteinornamente. Die Luft im Saal verdichtete sich wie unter dem Klang eines tiefen, bedrückenden Akkords. Niemand wagte, sich zu rühren. Qing Song zuckte die Achseln. In seinen Augen lag ein unangenehmer Ausdruck. »Ich gebe zu, dass ich der Frau das Mittel verabreicht habe. Aber erst nachdem ans Licht gekommen war, dass sie ihre wahre Identität vor mir geheim hielt und mich beleidigt hat.« »Es stimmt, meinen richtigen Namen habe ich bei unserer ersten Begegnung nicht genannt«, sagte Irene. »Euch beleidigt zu haben, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich habe nur Euer Angebot, mit Euch zusammenzuarbeiten, ausgeschlagen.« »Ein Missverständnis«, versetzte Qing Song eisern. »Entstanden zweifellos dadurch, dass Sie sich bereits hatten kaufen lassen.« Er wandte sich an Kai. »Sagt mir, wie viel Lohn zahlt Ihr Eurer Bibliothekarin? Es ist offensichtlich, dass es sich um eine Art Söldnerin handelt. Kein Wunder, dass Ihre Majestät wünschte, dass wir uns während des Wettstreits des Kontakts zu diesen niederen, käuflichen Kreaturen enthalten.« Irene verkniff sich eine wütende Bemerkung über die Arbeitsbeziehung zwischen Kai und ihr. Man würde ihr ohnehin nicht glauben. Sie konnte die auf Kai und ihr ruhenden Blicke der übrigen Drachen körperlich spüren. Es waren abschätzige Blicke. Das alles erinnerte Irene daran, dass sie sich im Hoheitsbereich Ya Yus befanden. Wenn sie wollte, konnte diese Königin im nächsten Moment entscheiden, sie alle zum Schweigen zu bringen und die Sache unter den Tisch zu kehren. Sie drei würden einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Auch Kai. Keiner von ihnen hatte die Macht oder den nötigen Einfluss, das zu verhindern. Kai ließ sich für seine Antwort Zeit, während der sich Irenes Magen in Eis verwandelte. »Es scheint da ein Missverständnis zu geben. Eure Majestät, bitte erlaubt mir, es zu erklären.« »Sprecht, und kommt schnell zur Sache«, forderte Ya Yu, »denn langsam werde ich ungeduldig.« Die Worte sandten einen Schauer über Irenes Rücken. Vor allem fürchtete sie sich aber vor dem, was Kai sagen würde. In seiner Stimme und Haltung lag etwas ungewöhnlich Förmliches, Steifes. Der Blick, den er Irene zuwarf, wirkte, als ginge er bereits auf Distanz zu ihr. Es tat sich ein Abgrund zwischen ihnen auf, der weiter und weiter wurde. Nein, dachte sie. Bitte nicht, erbring dieses Opfer nicht für mich … »Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von der Bibliothek hörte, war ich fasziniert«, begann Kai. »Ich wusste, dass die Bibliothek peinlich genau darauf bedacht ist, neutral zu handeln. Darum machte ich mir keine Hoffnungen auf eine Arbeitsbeziehung zwischen ihnen und mir. Ich nahm Kontakt zu Vertretern der Bibliothek auf und präsentierte mich ihnen – als Mensch. Ich handelte unredlich, das gebe ich zu. Und das Einzige, was ich als Erklärung dazu sagen kann, ist, dass ich jung und dumm war. Als ich der Bibliothekarin Irene als Lehrling zur Seite gestellt wurde, hatte sie nicht die geringste Ahnung davon, dass ich kein Mensch war, und ich tat nichts, um die Sache aufzuklären.« Irene merkte, wie in ihrer Kehle ein ganzes Bündel wütender Bemerkungen miteinander rang, die alle im Widerstreit zueinander standen. Die Ältesten der Bibliothek hatten Kai damals früh durchschaut und seine wahre Identität erkannt. Er hatte das seinerzeit nur nicht gewusst. Sie selbst hatte schon nach den ersten paar gemeinsamen Tagen mit ihm begriffen, dass er ein Drache war … »Als Irene meine wahre Natur erkannte, war sie selbstverständlich verstört«, fuhr Kai fort. Wir sagen einfach, dass es erst kürzlich so passiert wäre, vor wenigen Monaten, fuhr es Irene durch den Sinn. Clever. Doch sie konnte spüren, dass Kai noch nicht fertig war. Eine Kette unvermeidlicher Folgereaktionen schloss sich um sie, von der sie sich nicht würde befreien können. »Sie ist eine verlässliche und ehrenwerte Bibliothekarin, die immer ihr Bestes gegeben hat, um die Interessen der Bibliothek zu vertreten. Und nun, da es mir nicht länger möglich sein wird, meine wahre Identität zu verleugnen oder ihr gegenüber so zu tun, als wäre ich ein Mensch, begreife ich, dass sie mich nicht länger als ›Lehrling‹ wird bezeichnen können. Sie kennt ihre Pflichten gegenüber der Bibliothek, weiß um die Bedeutung der Neutralität.« Kai wandte sich an Irene. »Deshalb werde ich, um unser beider Freundschaft willen, und bevor du gezwungen sein wirst, mich von meinen Verpflichtungen zu entbinden, diese Aufgabe von dir nehmen. Ich bedauere es, dass ich nicht länger dein Bibliothekslehrling sein kann.« Sie hatte es kommen sehen. Sie musste bewundern, auf welche Weise er es getan hatte – würdevoll, klug, die Schuld auf sich nehmend – so sorgte er dafür, dass ihr Ruf erhalten blieb. Und trotzdem war alles, was sie denken konnte, als er geendet hatte: Nein. Bitte, tu das nicht. Es war zu spät. Das Einzige, was sie noch tun konnte – um ihrer beider willen – war, die Sache zu akzeptieren, so, wie er es getan hatte. Sie blickte ihm ins Gesicht. In seinen Augen schimmerte das Rot seines Drachenfeuers, auch wenn er weiter in menschlicher Gestalt vor ihr stand. »Ich erkenne deinen Rücktritt an«, sagte sie, »und ich werde meine Vorgesetzten über deine Identität unterrichten – und über die Gründe, aus denen du die Bibliothek verlassen hast.« Etwas musste es doch geben, was sie sagen könnte. Etwas, das die überaus vorsichtige und taktvolle Loslösung Kais aus seinem Bündnis mit der Bibliothek nicht schädigen würde. Etwas, womit sie ihm ihre Dankbarkeit zeigen konnte, ihr Vertrauen in ihn, das so groß war wie zu niemandem sonst, den sie je gekannt hatte. Das ihm zeigte, dass sie ihn einfach nicht verlieren wollte. Hier, am geordneten Ende der Schöpfungsskala gefangen, an einem Königshof der Drachen, war es ihr nicht möglich, noch irgendetwas zu sagen oder zu tun, um ihn an ihrer Seite zu halten. Ihre Kehle schmerzte von einem nicht eingelösten Weinkrampf. Es waren Verbitterung, Wut und Trauer über den Verlust. Ihre Finger fuhren über die Narben auf ihren Handflächen. »Ich danke Euch für Eure Aufrichtigkeit«, sagte sie zu Kai. Etwas, das er verstehen würde, während niemand sonst es verstand. Weil nur sie allein wusste, wie viel von der Wahrheit in seiner Stellungnahme ungesagt geblieben war. Sie hoffte, dass ihm all das klar war, alles, worüber sie nie mit ihm hatte sprechen können – dass er ihr viel bedeutete. Und dass sie ihn vermissen würde. Ya Yu klatschte in die Hände. »Also dann! Sohn von Ao Guang, ich möchte nur hoffen, dass Ihr Euch vor Eurem Vater entschuldigen werdet für Euren Mangel an Ehrlichkeit. Es ist, alles in allem, ein starkes Argument für die Bibliothek und ihre Maßstäbe. Ich glaube daran, dass sie als Institution auch weiterhin der Neutralität verpflichtet bleibt, wie sie es stets für sich in Anspruch genommen hat.« Im Klartext, übersetzte Irene verbittert, dass sie jetzt eine gute politische Rechtfertigung hat, gegen die niemand hier mehr Einspruch erheben kann. Wobei sie lediglich über die Bibliothek als Ganzes gesprochen hat, nicht mal über einzelne Vertreter wie Evariste und mich. Irene hatte geglaubt, sie wäre bis hierhin schon wütend. Doch nun war sie erst recht außer sich. Sie hatte jemanden verloren, der ihr sehr wichtig gewesen war. Sie hoffte, dass Qing Song, Jin Zhi und Hu bereit waren, den Preis zu zahlen. Die Quittung, die sie gleich bekommen würden, war hoch. Die Königin wandte sich an Irene. »Was Euch betrifft, Irene, Dienerin der Bibliothek. Unser junger Kai muss ein überzeugender Schauspieler sein, wenn er Euch so gründlich in die Irre geführt hat. Ist es nicht möglich, dass Ihr auch bei anderen Gegebenheiten einer Täuschung unterliegt?« Ihr Blick huschte zu Evariste. »Überlasst Euren Schützling unserer Autorität, und wir werden sicherstellen, dass er befragt und der Wahrheit überführt wird.« Wieder lief das unterschwellige Vibrieren durch den Saal. Aus dem Augenwinkel bemerkte Irene, wie die Wächter an den Eingangstüren Haltung annahmen, bereit zuzuschlagen. Auf Irenes Lippen lagen bereits Worte – jene Antwort, auf die die Königin wartete, während sie ihre überwältigende Aufmerksamkeit auf Irene gerichtet hielt. Es war eine Mischung aus Angst und Gehorsam, die sich in Irene breitmachte. Sie konnte von Glück reden, dass sie Evariste ausliefern konnte, und sollte froh darüber sein, mit heiler Haut davonzukommen und den Ruf der Bibliothek bewahrt zu haben. Ihr Auftrag war erfüllt. Nein, fuhr es ihr durch den Kopf. Ich werde bis an die Pforten der Hölle gehen und dafür kämpfen, ein Buch zu retten. Und auch jeden Bibliothekar. »Eure Majestät.« Ihr Mund wurde so trocken, dass sie Mühe hatte zu sprechen. »Es ist natürlich möglich, dass ich über Evaristes Taten und Beweggründe getäuscht wurde.« Sie erkannte, wie Hus Anspannung nachließ und er die Schultern herunternahm. Doch wenn er glaubte, dass sie Evariste alle Schuld anhängen würde, erwartete ihn eine Überraschung. Die Königin nickte. Sie wartete. Irene holte tief Luft. »Meine Vorgesetzten werden Antworten von mir fordern, wenn ich in die Bibliothek zurückkehre. Deshalb meine Bitte: Dürfte ich ein paar wenige Fragen an die übrigen Anwesenden im Saal richten? Natürlich nur, um den Gang der Ereignisse abschließend zu klären?« NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL Die Königin schien über Irenes Bitte nachzudenken. In der entstehenden Pause hätten sich tektonische Platten verschieben können, so lang und zerreißend fiel die Geduldsprobe aus. »Es scheint mir ein vernünftiges Anliegen zu sein«, sagte die Königin schließlich. »Ich vertraue darauf, dass Sie nicht allzu viel von Unserer Zeit in Anspruch nehmen.« Irene musste ein Schuldeingeständnis provozieren, und es musste schnell gehen. Die Wahrheit würde sie vielleicht nicht retten können, aber sie war das Einzige, was ihr noch blieb. Die Lügen waren ihr ausgegangen. Wer hatte Jin Zhi erzählt, dass Qing Song sich an einen Bibliothekar gewandt hatte – und warum? Diese Frage war der Hebel, den sie ansetzen musste. Irene wandte sich an Qing Song. »Wenn ich richtig verstanden habe, sagten Sie aus, dass Evariste zu Ihnen kam. Dass er Ihnen seine Dienste anbot.« »Das waren meine exakten Worte«, bekannte Qing Song. »Und er tat dies genau zu dem Zeitpunkt, als Sie die Dienste eines Bibliothekars gut gebrauchen konnten?« Irene ließ es bewusst so klingen, als wollte sie Evariste nur noch weiter belasten. Leider hatte Qing Song genug Weitsicht, um die Falle zu wittern, die hinter der Frage steckte. »Wie es aussah, hatte sich wohl herumgesprochen, dass ein Wettstreit stattfand. Evariste sprach mich über meinen Diener an. Hu, ich erteile Ihnen das Wort.« Er klang erleichtert. Geschickt, so ein heißes Eisen weiterzugeben, sagte sich Irene. Sie blickte zu Hu. »Wären Sie so freundlich, mir weitere Einzelheiten zu liefern? Wenn Evariste es sich zur Gewohnheit gemacht hat, seine Expertise an Dritte weiterzugeben, erhöht das seine Schuld nur.« Hus Finger zuckten, als sehnten sie sich nach einer Zigarette. »Um genau zu sein, Madam, war es ein älterer Bibliothekar, mit dem ich in der Vergangenheit Kontakt hatte. Mit dessen Tod geriet Evariste in den Besitz unserer Kontaktdaten. Unter Besinnung auf ein Sprichwort in dieser Welt würde man wohl sagen: Er wusste jetzt, welche Nummer er zu wählen hatte.« »Sie scheinen anzudeuten, dass die Bibliothek voller Leute ist, die bereit sind, ihre Informationen für einen gewissen Preis an Dritte weiterzugeben«, sagte Irene. Hu deutete ein Achselzucken an. »Gut möglich, dass die Leute, um die es hier geht, nicht stellvertretend für die Bibliothek als Ganzes gesehen werden können.« »Wann genau hat Evariste Sie denn kontaktiert?« »Kurz nachdem Ihre Majestät …«, er hielt inne, um sich Ya Yus Thron mit einer kurzen Verbeugung zuzuwenden, »… den Wettstreit um das betreffende Buch ausgerufen hatte.« Ya Yu neigte anerkennend den Kopf. »Damit scheint es klar zu sein«, sagte sie. »Weitere Fragen erübrigen sich wohl.« Irene spähte zu Evariste. Der presste den Mund so fest zusammen, dass er sich wahrscheinlich gerade die Lippen blutig biss. Sein Blick war auf den Boden gerichtet. Er wollte es um jeden Preis vermeiden, sie anzusehen. Was Kai betraf – Irene wagte nicht, zu ihm rüberzuschauen. Sie konnte es nicht. »Die Abfolge all dieser Ereignisse ist sehr oft durch unverhoffte und zufällige Begegnungen zustande gekommen«, sagte Irene rasch zu Qing Song. »Jin Zhis Auftauchen in Ihrer Hotelsuite zum Beispiel. Ich habe ja gehört, dass Drachen, die in andere Welten reisen, ungefähr dort am Himmel auftauchen können, wo sich derjenige, den sie besuchen wollen, aufhält. Mir war nicht klar, dass diese Zielgenauigkeit so weit geht, das genaue Hotelzimmer zu bestimmen, in dem sich der Gesuchte befindet.« Qing Songs Blick war so scharf, dass er damit jemandem hätte die Haut abziehen können. »Zu Zeitpunkt und Ort ihres Eintreffens müssen Sie Lady Jin Zhi schon selbst befragen.« »Und über die Umstände, die so etwas möglich machen? Sagen wir, die technischen Details?«, stellte Irene sich dumm. Das rote Glühen in Qing Songs Augen verstärkte sich. Er wandte sich an Ya Yu. »Muss ich am Hofe meiner Königin solche Fragen beantworten, Eure Majestät?« »Ja«, entschied Ya Yu. Ihre Miene wirkte wie aus Smaragd oder Beryll gemeißelt, vergleichbar mit dem Onyx ihres Throns. »Das müsst Ihr.« Ihr Gesicht gab nicht das Geringste preis. Doch Irene fühlte, dass die Richtung, in die ihre Fragen deuteten, die Königin zu interessieren begann. Sie hatte ein paar Minuten gewonnen, bis Ya Yus Geduld endgültig erschöpft war. Qing Song verzog den Mund. »Dann schlage ich vor, Sie fragen Jin Zhi«, sagte er zu Irene. »Schließlich hat sie mich aufgesucht, nicht andersherum.« »Wie Ihr wünscht.« Sie wandte sich an Jin Zhi. »Madam, würden Sie uns vielleicht erklären, wie Sie es schaffen konnten, direkt in Qing Songs Hotelsuite aufzutauchen?« Jin Zhi trug ihren kostbaren Mantel nicht mehr, aber ihr Kleid entsprach in Bezug auf Aufwand und Eleganz den Roben der Höflinge ringsum. Mit ihrer entspannten, ehrwürdigen Haltung wirkte sie fast, als gehörte sie zu ihnen, nicht in die Reihe der Zeugen und Beschuldigten. »Ich wollte lediglich meinen Mitstreiter besuchen. Eine höfliche Geste, nichts weiter. Das habe ich schon gesagt.« »Und darf ich fragen, wie Sie ihn ausfindig machen konnten?«, hakte Irene nach. Jin Zhi sah aus, als erwöge sie, die Antwort zu verweigern. Dann erhaschte sie Ya Yus strengen Blick und lenkte ein. »Ich habe ein Amulett Qing Songs benutzt«, sagte sie. Sie berührte die Kette um ihren Hals und ließ sie unter ihrem Mieder verschwinden. »Wir haben welche ausgetauscht, vor langer Zeit.« Die Reaktion hierauf war bemerkenswert. Gemurmel setzte sich durch den ganzen Saal hinweg fort. Sogar Mei Feng trat vor. Sie flüsterte der Königin etwas zu. Qing Song und Jin Zhi mieden jeden Blick. »Mir war nicht bekannt, dass Sie beide so eng verbunden sind«, sagte Ya Yu. »Nicht mehr, Eure Majestät«, beeilte sich Jin Zhi zu erklären. Dabei spähte sie endlich doch zu Qing Song hinüber. Ihr Blick war feindlich. Er starrte mit kalter, stiller Wut zurück. Gut. Ich bin da an etwas dran. Ich muss nur weitermachen. In sie dringen … »War es allgemein bekannt, dass Evariste sich von Dritten anheuern ließ?«, fragte sie Hu. Es sollte so beiläufig wie möglich klingen. »Oder beschränkte er sich mit seinen Angeboten einzig auf Sie und Ihren Herrn?« »Falls er mit anderen Drachen Kontakt aufgenommen hat, weiß ich davon nichts«, parierte Hu. »Jedenfalls hat er nichts davon erzählt, weder mir noch meinem Herrn.« Ihre nächste Frage stellte sie gezielt an Qing Song. »Als Evariste Sie erpresste, welche Drohungen sprach er da aus?« Qing Song zuckte die Achseln. »Er wollte öffentlich verkünden, dass ich ihn gezwungen hätte, nach dem Buch zu suchen. Er wusste, dass die Ehre meiner gesamten Familie auf dem Spiel stand.« Qing Song schien sich bewusst zu sein, dass er damit Irenes Drohungen gegen ihn eins zu eins wiederholte. Boshafte Freude schimmerte in seinen Augen, und sein Tonfall triefte vor Verschlagenheit. »Dann wusste also niemand sonst, dass Evariste in Ihren Diensten stand?« »Natürlich nicht«, blaffte Qing Song. »Nicht einmal meine menschlichen Bediensteten erfuhren davon. Nur Hu und ich wussten, wer er war.« Irene sah, wie Hus Augen hervortraten, als er das hörte. Jawohl, jetzt hat er einen Fehler gemacht. Aber dir ist nicht klar, wie groß dieser Fehler war. Sie nickte nur, scheinbar tief beeindruckt von Qing Songs Aussage. Als Nächstes sprach sie wieder Jin Zhi an. »Madam«, sagte sie. »Geben Sie zu, dass Sie zu einem früheren Zeitpunkt bereits mit mir gesprochen haben? Bevor wir uns im Beisein von Qing Song begegnet sind?« Hinter Jin Zhis Stirn arbeitete es, als die Drachenfrau ihre Möglichkeiten abwog. »Gesprochen, sicher. Aber nicht mehr als das. Oder wollen Sie etwas anderes behaupten?« »Ich stimme absolut zu. Sie haben nicht versucht, mich anzuheuern«, sagte Irene. Aber du hättest auch nichts dagegen gehabt, wenn ich von mir aus meine Hilfe angeboten hätte, nicht wahr? »Das ist jetzt also genau … Lassen Sie mich nachdenken. Zwei Nächte her. Stimmt das?« Es schien kaum möglich, dass in zwei Nächten so viel geschehen war. Aber die Frist, die die Königin gesetzt hatte, war immer weiter abgelaufen, und die Ereignisse hatten sich überschlagen. Jin Zhi beäugte Irene genauso vorsichtig wie Qing Song bei seinem Versuch, die Gefahr zu wittern, die hinter der Frage lag. »Ja«, gab sie zu. »Und wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie bei unserem Gespräch gesagt, sie wüssten, dass Ihr Rivale bereits Hilfe seitens eines gewissen Bibliothekars in Anspruch genommen hatte. Es ging Ihnen also lediglich darum, wieder Chancengleichheit herzustellen. Deshalb kamen Sie zu mir. Ist das richtig?« »Ich musste akzeptieren, dass er sich dazu herabgelassen hatte, die Regeln zu brechen, ja«, sagte Jin Zhi. Sie strafte Qing Song mit einem ebenso hochmütigen wie abfälligen Blick. Irene nickte. Sie war dem Haken an der ganzen Sache jetzt sehr nah. »Es muss für Sie einem Verrat gleichgekommen sein, erfahren zu müssen, dass Qing Song sich einen Bibliothekar zu Hilfe genommen hat«, sagte sie, um das Gespräch in Gang zu halten. »Kein Wunder, dass Sie böse waren.« »Ich habe mich hundertmal ehrenhafter verhalten als er!«, schnappte Jin Zhi. »Ich habe nicht versucht, jemanden anzuheuern. Ich wollte lediglich seinen unfairen Vorteil ausgleichen.« »Ich verstehe.« Irene bedachte sie abermals mit einem Nicken. »Danke. Das hat endlich etwas Licht in die ganze Sache gebracht. Ach, und dürfte ich Sie noch fragen, wie Sie davon erfahren haben, dass Qing Song einen Bibliothekar in Dienst gestellt hat?« Dies war die entscheidende Frage. Irene hatte sorgsam darauf hingearbeitet, indem sie Jin Zhi im natürlichen Fluss von Frage und Antwort gehalten hatte. Und es hätte fast funktioniert. Jin Zhi öffnete den Mund. Dann flammte Erkenntnis hinter ihren Augen auf, und sie schloss ihn sofort wieder. Nach einem unüberhörbaren Zögern antwortete sie: »Durch meine Spione.« Hus Miene war vollkommen nichtssagend geworden, bleich. Die Sommersprossen auf seinen Wangenknochen traten hervor wie Kleckse aus Kupfer. Wie schwer es doch sein muss, überlegte Irene, jetzt zu schweigen, wenn man so gerne sprechen möchte. »Dann habt Ihr mir also nachspioniert«, wetterte Qing Song los. »Ich hätte es mir denken müssen.« »Ehrenwerte Worte von einem Herrn, der seinen Eid in der Sekunde bricht, in dem er ihm lästig wird«, gab Jin Zhi zurück. »Ich bin sicher, dass Ihr jede meiner Bewegungen überwacht hättet, wenn sich Euch die Möglichkeit geboten hätte.« »Sie sind zu streng zu ihm, Madam«, warf Irene ein. Als beide Drachen sich umwandten, fuhr sie freimütig fort: »Natürlich würde keiner von Ihnen so etwas persönlich tun, nicht wahr? Solche Dinge überlassen Sie doch zweifellos einem Bediensteten.« Und da richtete sich die volle Aufmerksamkeit der Königin auf Irene. Es erschien ihr wie das Gewicht eines Gebirges, das sich auf sie wälzte. Qing Song und Jin Zhi waren zu sehr auf Irene fixiert – und aufeinander, natürlich –, um es bemerken, doch die Drachen, die mit ihnen im Saal waren, hatten Irenes Andeutung klar und deutlich verstanden. Keiner von ihnen wagte auch nur zu flüstern, als Ya Yus Schweigen den Raum durchdrang. Vielsagende Blicke wurden getauscht, scheinbar gleichgültig gegenüber dem emotionalen Schauspiel, das sich ihnen darbot. Qing Song rang sich zu einem Nicken durch. »Wenigstens einmal liegen Sie richtig.« »Leider, wie man sagen muss«, sagte Irene. »Es erklärt nämlich, wieso Lady Jin Zhi allein zu mir gekommen ist, ohne eine Eskorte oder Bedienstete. Auch bei Ihnen tauchte sie ja ohne Begleitung auf. Sie hatte das warnende Beispiel eines Untergebenen vor Augen, der seinem Herrn untreu geworden war.« »Was wollen Sie damit sagen?«, verlangte Qing Song. Irene drehte sich zu Jin Zhi um. »Es war Hu, der es Ihnen sagte, nicht wahr?« Stille breitete sich im Saal aus, eiskalt und schwer. Qing Song brach das Schweigen als Erster. »Sie beleidigen mich, indem Sie einen auf mich eingeschworenen Diener beschuldigen«, rief er. Jede Silbe wurde in drohendem Ton gesprochen. »Hier und jetzt werde ich davon absehen, Sie auch nur zu berühren. Aber es wird Konsequenzen haben, das schwöre ich Ihnen.« »Ihre Bereitschaft, Hu zu verteidigen, ist das Ehrenwerteste, was ich bislang von Ihnen gehört habe«, sagte Irene. »Davor habe ich durchaus Respekt. Doch leider schenken Sie Ihr Vertrauen der falschen Person. Jin Zhi hat mir immer noch nicht geantwortet.« »Ich habe nichts mehr zu sagen …«, entgegnete Jin Zhi. In diesem Moment hob Ya Yu die Hand. »Ihr werdet sprechen«, sagte sie, und diesmal war ihre Stimme ein Zittern, das ein gewaltiges Erdbeben ankündigte. »Und zwar wahrheitsgemäß.« Jin Zhi hob das Kinn wie eine Adlige, die zum Schafott geführt wurde. Panik stand in ihren Augen, und die Worte kamen gepresst hervor. »Ich habe es Ihnen erklärt. Meine Spione …« »So gut können Ihre Spione gar nicht sein«, fiel ihr Irene ins Wort. »Qing Song hat uns soeben erzählt, dass er alles dafür tat, dass nur Hu und er über Evariste Bescheid wussten.« »Wieso sollte er mich hintergehen?«, grollte Qing Song los. Doch seine Verteidigung schien eher auf Gefühlen als auf Tatsachen zu basieren. Irene erkannte auch, dass er allmählich begriff. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu. »Hu hat einen ernstzunehmenden Grund. Doch den sind Sie nicht imstande zu sehen. Es ist nicht die Art von Grund, die ein Adliger von hohem Rang überhaupt sehen könnte. Es ist der Beweggrund von jemandem, der alles, was er erreicht hat, nur dadurch erlangen konnte, dass er Ihr loyaler Diener war, Ihre rechte Hand. Der seinen Status restlos verliert, sollten Sie den Ihren verlieren. Jemand, der in der Welt der Drachen als schwach erachtet wird und der deshalb jede erdenkliche Möglichkeit nutzen muss, sich Macht und Rückhalt zu sichern. Die Mitglieder Ihrer Familie sind nicht die einzigen, die bangen müssen, wenn Sie diesen Wettstreit verlieren. Dasselbe Risiko tragen Ihre Bediensteten. Wenn Sie untergehen, Qing Song, dann geht Hu mit Ihnen unter. Hu war es, der Ihnen vorschlug, einen Bibliothekar in Ihren Dienst zu stellen, nicht wahr?« Sie nahm den Hauch eines Schuldgefühls wahr, der kurzzeitig über Qing Songs Miene huschte. »Ich weiß, dass Sie behaupten werden, es sei Ihre Idee gewesen. Es steht einem Mann von adliger Herkunft ja auch zu, sich die guten Ideen eines Untergebenen als sein eigenes Verdienst anzurechnen. Und als gute Idee muss es Ihnen tatsächlich vorgekommen sein, als Sie anfingen, immer verzweifelter nach dem Buch zu suchen. Ja, es bedeutete, dass Sie die Regeln brechen mussten. Hat er Sie überzeugt, dass es schon nicht so schlimm sein würde? Dass Sie einfach alles ihm überlassen sollten? Dass Sie schon nicht erwischt werden würden?« Irene wandte sich Jin Zhi zu. »Und Sie, Madam. Ich bin sicher, dass Hu eine ganze Reihe von Geheimnissen an Sie weitergab. Er konnte sagen, was immer er wollte, solange er sicherging, dass Qing Song und Sie nie persönlich darüber reden würden.« Einer von euch würde verbannt und hingerichtet werden. »Falls Sie das Buch dank seiner Information als Erste in die Hände bekämen, würden Sie nicht zögern, Hu in Ihren Dienst zu stellen, nicht wahr? Diesen loyalen Diener, der so dringend einen besseren Boss verdient hat.« »Sie denken, dass Sie jegliche Schuld von sich ablenken können, indem Sie sie mir in die Schuhe schieben?«, meldete Hu sich zu Wort. Er kam auf Irene zu. Sie verlagerte ihr Gewicht, um ihm die Stirn zu bieten. »Sie holen irgendwelche Fantasievorstellungen aus der Luft. Sie erfinden Geschichten genauso schnell, wie Sie sie stehlen.« »Als Evariste sich absetzte, begriffen Sie, dass Qing Song der Erfolg im Wettstreit durch die Finger zu gleiten begann«, sagte Irene. »Und das nach all Ihren Bemühungen, ihn dort zu platzieren. Evariste aber war erfolgreich gewesen. Er hatte bewiesen, dass ein Bibliothekar in der Lage ist, dieses Buch aufzuspüren. Dann schickte Qing Song Sie nach Boston, um die dortige Bibliothek in Schutt und Asche zu legen. Sie nutzten diese Gelegenheit, ein paar Tage außer Reichweite Ihres Herrn zu sein. Also gingen Sie zu Lady Jin Zhi und schlugen ihr vor, aktiv zu werden: Sie solle sich entweder ebenfalls einen Bibliotheksangestellten suchen, oder aber Verrat an Qing Song begehen und so den Wettstreit für sich entscheiden. Sie haben darauf vertraut, dass Jin Zhi Ihnen schon dankbar sein würde, wenn sie ihr hohes Amt gewinnen würde. Zu dem Zeitpunkt wäre Qing Song entweder bereits tot oder all seiner Macht beraubt gewesen. Sie hätten ihn ohne Probleme verlassen können, um fortan Jin Zhi zu dienen. Denn sie wäre Ihnen etwas schuldig. Man könnte es auch anders sagen: Egal, wie der Wettstreit ausgehen würde – Sie würden der Gewinner sein.« »Ich hielt mich in Boston auf«, sagte Hu. »Und ich kannte Lady Jin Zhi kaum …« »Sie kannten sie gut genug. Als die Lady in die Hotelsuite kam, bemerkte ich, wie Sie ihr einen Drink zubereiteten. Sie haben aber nicht gefragt, was sie gern trinkt oder wie sie ihr Getränk bevorzugt«, sagte Irene. »Und in Boston waren Sie zwar, aber nicht die ganze Zeit. Als ich ankam, erzählten mir ein Mann namens Rob und andere Gangster, die Sie vor Ort angeheuert hatten, dass Sie vorübergehend nicht in der Stadt wären. Sie waren gerade von Ihrem Besuch bei Jin Zhi zurückgekehrt.« Die Königin ballte eine Hand zur Faust. Der Saal war erfüllt von der Stille und Anspannung kurz vor einem Erdbeben. Dass Ya Yu zornig war, daran bestand kein Zweifel. Aber gegen wen würde sich ihr Zorn letztlich richten? Gegen Hu aufgrund seines Verrats? Gegen Jin Zhi oder Qing Song, weil sie sich hatten hintergehen lassen? Oder gegen Irene dafür, dass sie dies alles vor dem gesamten Hofstab ausgeplaudert hatte? Kais Miene barg die Hoffnung eines Mannes in sich, der in seinem Leben nie an etwas gezweifelt hatte. Evariste dagegen starrte Irene an, als wäre er gerade an den Rand eines Abgrunds gestoßen und dann in letzter Sekunde zurückgerissen worden. Ungläubige Hoffnung nannte man das wohl. »Das sind alles Lügen«, wiederholte Hu. Offenbar kam ihm jahrelange Übung zugute. Sein Gesichtsausdruck wirkte kontrolliert, und das Funkeln in seinen Augen stellte eine schmückende Patina dar. »Sie sind verzweifelt. Sie wollen sich und Ihre Freunde retten, dabei machen Sie sich nur lächerlich. Begreifen Sie das überhaupt nicht?« »Was ich begreife«, sagte Irene, »ist, dass es sicher sehr schwierig sein muss, ein Lügengebäude aufrechtzuerhalten, wenn man verschiedenen Leuten ganz unterschiedliche Geschichten auftischt. Und jetzt werden Sie vor all diesen Leuten gleichzeitig zur Rede gestellt, um sich zu erklären. Glauben Sie mir, ich kenne das. Mir ist das selbst schon passiert.« Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie an jene Augenblicke in Qing Songs Hotelsuite dachte. »Im Grunde möchte ich nur ausdrücken, dass ich neugierig wäre zu erfahren, was für eine Version der Geschichte ans Tageslicht kommt, wenn Lord Qing Song und Lady Jin Zhi meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Wenn sie also den Anordnungen der Königin Folge leisten.« Sie hielt einen Moment inne. »Übrigens gibt es zwei Zeugen, die sich dazu anhören ließen.« »Wen?«, fragte Ya Yu. Sie schien zum ersten Mal wirklich erstaunt. Irene wandte sich zum Thron um. »Eure Majestät, ich denke, es wird ziemlich unwahrscheinlich sein, dass Hu Lady Jin Zhi aufgesucht hat, ohne dass auch nur ein einziger ihrer Diener ihn gesehen hat. Sie hat Butler, sie hat Leibwächter – einer von ihnen wird sich an Hus Besuch erinnern. Ich kann nachvollziehen, wenn Jin Zhi niemanden verraten möchte, der in ihrem Interesse und nach ihren Anweisungen gehandelt hat. Aber ich glaube, dass im vorliegenden Fall beide die Opfer einer Intrige sind – sowohl Lady Jin Zhi als auch Lord Qing Song. Was die zweite Zeugin angeht, spreche ich von Evaristes Tochter, Miranda. Wenn Eure Majestät meiner Argumentation folgen möchte – ich würde darum bitten, das Mädchen finden und herbringen zu lassen. Sie ist alt genug, um selbst zu berichten, was passiert ist.« Und da sank Hus Haltung in sich zusammen. Einen Moment lang waren Zorn und Verzweiflung auf seinem Gesicht zu erkennen. Schnell brachte er beides unter Kontrolle, aber der Moment war unzweifelhaft da gewesen. Jeder wird das bezeugen können, überlegte Irene. Im Saal regten sich die Zuhörer, während eine große Last von Irenes Schultern fiel. An deren Stelle trat ein Ansturm von Hoffnung und Zuversicht darauf, dass sie hier doch noch herauskamen. Habe ich es getan? Ist es mir gelungen? Hat das gereicht? Ich glaube schon … »Halt.« Es war Qing Song, der sprach. »Eure Majestät. Ich bitte um Eure Erlaubnis, mich zu entschuldigen.« Die Stimmung im Raum schlug abrupt um, die Spannung löste sich. Es war, als wäre eine kalte Bö durch den Saal gefegt, hätte die stickige Ankündigung eines Bebens fortgeweht und einen Schatten von ihnen allen genommen. Die Höflinge hatten die Veränderung offenbar ebenfalls bemerkt. Blicke wurden getauscht. Einer nickte dem anderen zu. Was auch immer Qing Song mit ›sich entschuldigen‹ meinte, sie begriffen, dass die Dinge nun ihren gewöhnlichen Verlauf nahmen, der bei Hofe angebracht war. Und darüber waren sie sehr erleichtert. Ya Yu stieß einen Seufzer hervor. Sie löste die zur Faust geballten Finger und deutete auf Qing Song. »Ihr mögt sprechen. Ich erteile Euch, als Angehörigem der Familie des Winterlichen Waldes und als Mitglied meines Hofes, die Erlaubnis.« Qing Song neigte den Kopf in einer knappen Verbeugung. Dann wandte er sich an Jin Zhi. »Lasst mich zuerst zu Euch sprechen, Madam …« Er brach ab und murmelte, als gäbe es Dinge, die sein Wortschatz nie und nimmer zum Ausdruck bringen könne. Dann nahm er den Faden wieder auf: »Es ist wahr, ich habe mein Versprechen Euch gegenüber gebrochen. Und auf die Empfehlung meines Dieners hin übertrat ich die Regeln des Wettbewerbs und verpflichtete einen Bibliothekar. Genau wie für all die anderen Dinge, die zwischen Euch und mir ungeklärt sind, bitte ich auch dafür vielmals um Entschuldigung.« Jin Zhis Augen funkelten wie Diamanten. Schuppenmuster zeichneten sich auf ihren Armen und ihren Wangen ab. »Ich habe nichts zu bereuen«, sagte sie. »Dann werde ich dieses Wort von Euch im Herzen tragen.« Qing Song wandte sich an Evariste. »Ihre Tochter wird in meinem Haus in Zagreb festgehalten. Die Diener der Königin werden Sie dorthin begleiten. Meine eigenen Bediensteten werden das Mädchen auf eine offizielle Anordnung hin sofort freigeben. I-ich … weiß, dass meine Drohungen etwas …« Wieder suchte er nach Worten, »unhöflich waren.« »Ist das eine Entschuldigung?«, wollte Evariste wissen. Irene konnte die ungesagten Flüche erahnen, die in seiner Frage mitschwangen. Den Ärger, die Wut, die hinter seiner kaum noch kontrollierbaren Stimme lagen. Doch die Erleichterung, die Evariste zu packen schien, wischte all das fort. »Ja«, bekannte Qing Song zögerlich. Er schien selbst nicht recht begreifen zu können, dass er sich dazu herabließ, einem Bibliothekar gegenüber Demut zu zeigen, einem bloßen Menschen immerhin. »Ich denke, das ist es.« Er wandte sich an Hu. »Und du«, sagte er. »Du hast in meinem Dienst gestanden, unter meiner Verantwortung. Also muss und werde ich für alles geradestehen, was du getan hast. Auch für jeden einzelnen deiner Ratschläge, den ich in gutem Glauben angenommen habe. Ich entlasse dich hiermit aus meinem Dienst.« Die Verbitterung und der Hohn in seiner Stimme schienen ebenso gegen Hu wie gegen sich selbst gerichtet zu sein. Qing Song schien starr vor Wut zu sein und als ob er sich innerlich vor Selbstekel und Verzweiflung winden würde. Hu dagegen stand einfach da. Abseits. Allein. Weiß im Gesicht wie ein Stück Kreide. Niemand im Saal schien ihn anzublicken. Keiner bemerkte, dass er überhaupt noch da war. Für die Drachen, begriff Irene, war er in Ungnade gefallen und deshalb keiner Beachtung mehr wert. Er verlor seinen Rang und die kleine Machtposition, die er innegehabt hatte. Er war dabei ertappt worden, wie er etwas tat, das gegen die unabdingbare Loyalität verstieß, die sein Stand verlangte. Er war das größtmögliche Risiko eingegangen, hatte das Spiel gewagt – und verloren. Mit seinen Ambitionen hatte er fast einen Krieg heraufbeschworen. Einen Krieg, der die Bibliothek alles gekostet und die Realität ins Ungleichgewicht gebracht hätte. Sein Leben lag nun in den Händen der Königin. Von Ya Yus Gnade hing es ab, ob er weiterleben durfte. Die Königin schien allerdings nicht gerade gnädig gestimmt. Qing Song wandte sich von Hu ab und blickte Irene an. »Bei meinen Feinden entschuldige ich mich nicht«, sagte er. »Und Sie sind meine Feindin gewesen, Bibliothekarin. Dennoch entbiete ich Ihnen meinen Respekt.« Irene neigte den Kopf und verbeugte sich. Sie ahnte, was kommen würde, folgerichtig wie bei einer Tragödie, die sie auf einer Theaterbühne verfolgte. Doch es half nichts. Sie konnte nichts weiter tun. Die Ereignisse, die sie losgetreten hatte, waren nicht mehr aufzuhalten. Sie hatte das Beste für die Bibliothek getan. Für Evariste. Und für sich selbst. Aber sie bereute, was gleich passieren würde. Qing Song wandte sich an Königin Ya Yu. Er trat vor und ging auf ein Knie, so, wie er es vorhin getan hatte. »Eure Majestät«, sagte er. »Ich bitte im Namen meiner Familie um Entschuldigung für mein Versagen.« »Eurer Bitte wird entsprochen«, sagte Ya Yu. Sie gab einer der Wachen mit einer Geste zu verstehen, was sie wünschte, und der Mann ging zu Qing Song hinüber, zog eine Klinge aus einer Scheide und bot sie ihm mit geneigtem Kopf dar. Evaristes Luftholen unterbrach die Stille im Saal. Er hatte nicht im Mindesten vorausgesehen, wie weit Qing Songs ›Entschuldigung‹ gehen würde, begriff Irene. Sie berührte Evaristes Handgelenk und sah ihm in die Augen. Stumm versuchte sie ihm zu übermitteln: Wir können nichts mehr tun. Qing Song hat durch sein Schuldeingeständnis dein Leben gerettet. Er hat die Bibliothek gerettet. Es war nicht ihre Geschichte, die hier ihren Abschluss fand. Und die Bibliothek hätte nie darin verwickelt werden dürfen. Qing Song fasste die Klinge am Griff und nahm sie entgegen. Von unheilvollem Schweigen umgeben, setzte er die Spitze an seine Brust und rammte sie sich in den Körper. Mit einem dumpfen Schlag fiel er zu Boden. Es war der einzig hörbare Laut. Schließlich lag er da, wie ein Mensch, dachte Irene. Sie sah sich selbst in ihm. Evariste. Männer wie Lucky George oder Captain Venner. Einen Menschen unter so vielen, denen sie im Verlauf der vergangenen Tage begegnet war. Der Tod verweigerte ihm seinen letzten Respekt: Er ließ weder zu, dass er seine Beine ausstreckte, noch verwandelte er ihn in seine Drachengestalt. Er hielt auch nicht den Blutstrom zurück, der sich auf dem blanken Boden ausbreitete. Die versammelten Höflinge regten sich nicht. Es wirkte wie ein letzter Ehrenerweis. »Jin Zhi«, sagte die Königin. »Tretet vor mich.« Jin Zhi kniete neben Qing Songs Leichnam nieder. Der Saum ihres Gewands sog sich mit Blut voll. »Eure Majestät«, sagte sie. »Ihr werdet den Platz von Minister Zhao einnehmen.« Ya Yus Blick huschte über Qing Songs reglosen Körper. »Nachdem Euer Mitstreiter seine Niederlage eingestanden und Ihr Euch an die Regeln des Wettstreits gehalten habt, seid Ihr die Siegerin. Ich werde Euch am morgigen Tag Euren Eid vor dem versammelten Hof abnehmen.« Ihr Blick wurde hart. »Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, dass in dieser Angelegenheit keine weiteren Rachegelüste mehr verfolgt werden. Ihr werdet Eure Besucher hier am Hof willkommen heißen und sie als Bündnispartner wieder verabschieden. Habt Ihr mich verstanden?« Jin Zhi schluckte. Irene konnte sehen, wie sich ihr Hals verkrampfte. »Eure Majestät. Ich habe in Eurem Beisein gelogen. Sollte ich mich nicht ebenfalls entschuldigen?« Ya Yu seufzte wieder. »Ich habe heute bereits einen Untergebenen verloren, Kind. Eure Arbeit und Euer Leben für mich werden Entschuldigung genug sein müssen. Und nun erhebt Euch. Mei Feng, Ihr kommt bitte auch zu mir. Wir müssen uns über den neuen Ministerposten beraten. Sorgt dafür, dass Qing Songs Leichnam seiner Familie überstellt wird, damit sie ihn begraben können.« Mei Feng gesellte sich zu Jin Zhi vor den Thron. Die Höflinge begannen, sich in gedämpftem Ton zu unterhalten. Irene konnte von ihrer Position aus nicht verstehen, was gesagt wurde. Doch allem Anschein nach war die Anhörung vorüber. Irene fragte sich, was jetzt noch zu tun war. Wahrscheinlich war es am klügsten, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ein vertrautes Wort mit der Königin zu wechseln. Sie mussten noch dafür sorgen, dass Evaristes Tochter zurückgeholt wurde. Sie machte sich von ihrem Kollegen los. Und dann war da noch … Kai. Er hatte sich von ihr abgewandt und begann ein mehr höfliches als interessiertes Gespräch mit einem Adligen. Irene musste blinzeln, wie um sich zu überzeugen, dass sie nicht anfangen durfte zu weinen. Dann erst begriff sie, dass Hu direkt neben ihr stand. »Warum?«, zischte er. In seiner Stimme lag unendliche Entrücktheit, so als blicke er Irene vom Ende eines langen, dunklen Tunnels entgegen. Er betrachtete sie mit der Sachlichkeit von jemandem, der keine Wünsche und kein Bedauern mehr kennt. »Warum was?«, fragte Irene. Jeder im Saal schien sie beide geflissentlich zu ignorieren, wie es bei Hu vorher schon der Fall gewesen war. »Warum haben Sie sich überhaupt eingemischt?« »Sie haben die Bibliothek erst in all das hineingezogen«, konterte Irene. Ihre Wut, so merkte sie jetzt, war nicht verschwunden. Aber sie musste sich unbedingt im Zaum halten. Sie durfte die Kontrolle nicht verlieren, nicht hier, im Angesicht der Königin und ihres Stabs. Doch antworten musste sie. Sie wollte, dass Hu verstand. Dass jeder der Anwesenden es verstand, auch wenn alle so taten, als bekämen sie es nicht mit. Irene wusste, dass sie zuhörten. »Sie und Qing Song haben versucht, uns in persönliche Machtkämpfe zu verwickeln. Damit haben Sie die Neutralität bedroht, die sich die Bibliothek lange und hart erkämpft hat. Sie haben einen Unschuldigen erpresst und bestochen. Sie haben die Bostoner Bibliothek vernichtet, zusammen mit allen Büchern. Sie ließen zu, dass Ihr Herr und Lady Jin Zhi eine Stadt der Menschen an den Rand der Zerstörung führten. Und dann wollten Sie alles einem meiner Kollegen anhängen, damit ein Bibliothekar die ganze Sache ausbadet.« Sie hielt seinen Blick fest. »Wir sind nicht einfach bloß ›Bücherdiebe‹, wie Sie so gern sagen. Und wir sind auch nicht Ihre Diener und Marionetten.« Hu nickte. Er ließ eine Hand in sein Jackett gleiten. Es ging ganz schnell. Als er sie hervorzog, hielt er eine kleine Pistole. Ihr Metall sah geschwärzt aus, hässlich inmitten der ehrwürdigen Pracht des Thronsaals. Hu zielte auf sie. Irene begriff, was jener Ausdruck auf seinem Gesicht bedeutet hatte. In jenem Moment hatte er sich entschieden. Die Entscheidung eines Mannes, eines Drachen, der nichts zu verlieren hatte – und der als letzte Vergeltung seine Widersacherin mit in den Untergang reißen wollte. Ya Yu stieß einen kraftvollen Ruf aus. Die Macht der Königin durchdrang die Luft wie ein Erdrutsch, der alles unter sich zu begraben schien. Gespräche rissen ab, Muskeln erschlafften. Die Wucht traf Drachen und Menschen gleichermaßen, ja sogar die Erde selbst, auf der sie standen. Und doch war die Königin nicht schnell genug, um Hus Finger vom Anzug fernzuhalten. Irene spürte einen Schlag – er kam von hinten, genau in dem Moment, als eine Kugel vorn in ihren Körper einschlug. Sie schmeckte Blut. Dunkelheit legte sich über sie. DREISSIGSTES KAPITEL In Irenes Oberarm flammte ein einzelner, heißer Punkt auf. Der Schmerz riss sie ins Bewusstsein zurück. Sie war schon immer der Meinung gewesen, dass es bessere und schlechtere Arten gab aufzuwachen. Am frühen Vormittag in einem Bett die Augen aufzuschlagen, an einem Tag, an dem man nichts weiter tun musste, als den Stapel Bücher neben sich zu lesen, ein dampfender Kaffeebecher in Reichweite – das war zum Beispiel eine der guten Arten. In den menschenleeren Tunneln des Londoner U-Bahnsystems zu sich zu kommen, mit dem Heulen von Werwölfen im Ohr – das würde man eher zu der schlechten Art zählen. Noch schlechter war wohl nur, von der Decke eines Verhörraums zu hängen, die Arme in Ketten gelegt. Das tat zum Beispiel höllisch an den Schultern weh. Was sie diesmal erwartete, wusste sie nicht. Sie nahm den Geruch von Desinfektionsmitteln und Pflaumenblüten wahr. Dem Gefühl der Kleidung auf ihrer Haut nach steckte sie in einem schlichten Gewand. Ihre Brust schmerzte, als hätte sie einen harten Tritt abbekommen. Sie nahm ihren Mut zusammen und schlug die Augen auf. »Sie ist wach, Eure Majestät«, sagte der Mann, der sich über sie beugte. Er sah eher menschlich denn wie ein Drache aus, und seine Gewänder waren schlichter als die der Höflinge. Er zog die Nadel einer Injektionsspritze aus ihrem Arm. »Noch etwas, Eure Majestät?« »Nein.« Ya Yus Antwort kam von irgendwo jenseits ihres Sehfelds. »Sie können gehen.« Der Mann vollführte einen Kratzfuß und verschwand. Eine Tür schloss sich klickend hinter ihm. Irene setzte sich halb auf und sah sich um. Das Zimmer, in dem sie sich wiederfand, war erlesen eingerichtet und in Weiß und Grün gehalten. Außer dem Bett und einem Tisch störte kein größeres Möbelstück die schlichte Eleganz. Durch bodentiefe Fenster schien die Abendsonne herein. Ya Yu stand im Licht, den Blick durch das Fenster auf den Ausblick draußen gerichtet. »Ich würde Ihnen helfen, sich aufzurichten«, sagte die Königin, ohne sich umzudrehen. »Aber ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Können Sie ungehindert atmen?« Irene holte gierig Luft und atmete wieder aus. Sie griff sich an die Brust. Während Ya Yu noch von ihr abgewandt stand, zerrte sie rasch den Ausschnitt ihres Krankenhausgewands herunter, um einen Blick auf ihre Brust zu erhaschen. Etwa in der Mitte war eine kleine, noch frische rote Wunde zu sehen. Sie lag nur ein paar Zentimeter rechts neben ihrem Herzen. Mehr war nicht zu sehen. »Ja, Eure Majestät«, sagte sie. »Gut. Wir können von Glück reden, dass Hu Sie nicht lebensgefährlich verletzt hat. Wenn Ihr Kollege aus der Bibliothek Sie nicht aus der Schusslinie gestoßen hätte, hätte die Kugel wohl Ihr Herz getroffen, und selbst die fortschrittlichsten medizinischen Maßnahmen haben ihre Grenzen. Wie sich herausstellt, mussten Sie an der Lunge und den Rippen operiert werden.« Irene strich vorsichtig über ihre neue Narbe. Die Berührung verursachte keine Schmerzen. Um ein Haar verfehlt … »Ich teile die Einstellung von Ao Shun«, erklärte ihr Ya Yu. Sie wandte sich endlich zu ihr um. »Ich sehe keinen Grund, nicht von den Vorteilen der Wissenschaft Gebrauch zu machen. Insbesondere, wenn sie dazu dienen, einen diplomatischen Zwischenfall zu vermeiden, der weite Kreise gezogen hätte. Und das wäre ziemlich sicher passiert, wenn die Abgesandte einer neutralen Institution in meinem Thronsaal erschossen worden wäre.« »Ah.« Irene überlegte fieberhaft, welche ihrer Fragen sie zuerst stellen sollte. »Aber, mit Verlaub, Eure Majestät. Wo sind alle? Was ist passiert?« Ya Yu zählte an den Fingern ab. »Jin Zhi wurde zeremoniell in ihr Amt eingeschworen. Ihr Kollege Evariste hat seine Tochter wieder und ist mit ihr in die Bibliothek zurückgekehrt, um Ihren Vorgesetzten über die jüngsten Ereignisse Bericht zu erstatten.« Ya Yu betrachtete sie eindringlich. »Ao Guangs Sohn Kai hat sich in eigenen Angelegenheiten an den Hof seines Vaters zurückgezogen.« Irene versuchte zu nicken, um sich nicht den Anschein zu geben, dass das Gehörte sie mitnahm. Aber innerlich fühlte sie sich leer. Monatelang hatte sie sich an Kai gewöhnt. Sie hatte gelernt, sich auf ihn zu verlassen. Sich Sorgen um ihn zu machen, tagein, tagaus. Die Verantwortung für ihn zu haben. Vielleicht war es keine Liebe gewesen – es kam nun mal darauf an, wie man Liebe definierte –, aber sie hatte ihn nie verlieren wollen. Und jetzt war er fort. »Es freut mich zu sehen, dass Sie Ihren gesunden Menschenverstand offenbar behalten haben und noch immer zur Vernunft fähig sind.« Es war, als ließe Ya Yu eine Klinge über Irenes Haut dahingleiten: nicht fest genug, um sie zu verletzen, doch so fest, dass die Gefahr zu spüren war. »Lassen Sie uns beide annehmen, dass das, was Kai gesagt hat, der Wahrheit entspricht. Den Einfallsreichtum muss er von seiner Mutter geerbt haben. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich hege großen Respekt für Ao Guang, schließlich habe ich ihm schon Kinder geboren. Aber als Machthaber ist er eher der stete und verlässliche, nicht unbedingt der fantasievolle Typ.« Irene schluckte. Ihre Narbe fing genau jetzt an weh zu tun. »Die Bibliothek zieht Verlässlichkeit vor, Eure Majestät. Sie schafft ideale Bedingungen für Menschen, in denen sie sich wohlfühlen und wachsen können.« Ya Yu nickte. »Also schön. Gibt es noch etwas, das Sie mich fragen wollen?« Irene rutschte an die Bettkante und setzte sich auf. Sie fühlte sich jetzt zumindest weniger angreifbar. »Ja, Eure Majestät, das gibt es. Allerdings weiß ich nicht so recht, wie ich die Frage am diplomatischsten stelle – und bei welchen Dingen ich lieber tun sollte, als hätte ich sie nie erfahren.« Ya Yu hob eine Hand zum Mund. Der Saum ihres Gewandes verbarg ein Lächeln. Ihre Anwesenheit wirkte nun gedämpfter auf Irene, nicht mehr wie eine Last oder ein großes Gewicht. »Dies ist eine Privataudienz, Kind. Hier entscheiden wir ja gerade, was Sie besser vergessen und nicht wieder erwähnen sollten. Das ist leider nur möglich, wenn Sie jetzt darüber sprechen.« Irene versuchte sich innerlich davon zu überzeugen, dass diese Erklärung ein positives Ergebnis ihrer Unterredung mit der Königin andeutete. Das galt in allen Punkten, nur eben nicht für Kai. »Ist die Bibliothek von jeglichem Verdacht auf Verschwörung und Diebstahl freigesprochen?« »Diese Vorwürfe gab es nie wirklich«, sagte Ya Yu. »An meinem Hof fand eine private Anhörung statt. In diesem Zusammenhang wurden zwei Bibliotheksabgesandte um nähere Informationen gebeten. Dem Wunsch sind beide vollumfänglich und ohne Hintergedanken nachgekommen. Die Bibliothek als solche war nie wirklich betroffen. Habe ich nicht recht?« Irene fragte sich, was die Wendung ohne Hintergedanken genau ausdrückte – nicht von persönlichen Motiven geleitet, neutral, sich enthaltend? Damit, entschied sie, konnte sie gut leben. »Ich nehme an, dass meine Vorgesetzten Eure Ansicht teilen würden«, sagte sie vorsichtig. »Ich meine, falls es sich bei der ganzen Sache nicht um eine interne Angelegenheit Eures Königshofs handelte, die intern geregelt wird.« »Die Angelegenheit wird ganz bestimmt nicht öffentlich geregelt«, sagte Ya Yu. »Die Familien der beteiligten Personen müssen allerdings von den zugrundeliegenden Tatsachen unterrichtet werden.« Ihre nächste Frage hätte sie am liebsten nicht gestellt. Aber sie musste die Antwort wissen. »Wird die Familie des Winterlichen Waldes der Bibliothek etwas aus dieser Sache nachtragen und ihr gegenüber, nun ja, in Zukunft negativ eingestellt sein?« »Ich habe Anweisung gegeben, dass sie das nicht tun werden«, sagte Ya Yu. »Qing Song hat sich für sein Fehlverhalten entschuldigt. Ich gehe davon aus, dass seine Familie Bibliothekare in Zukunft eher meiden wird, statt Rache zu suchen.« »Ihr habt sie angewiesen? Damit habt Ihr der Bibliothek einen großen Dienst erwiesen.« »Ich bin älter als Jin Zhi oder Qing Song«, sagte Ya Yu. »Ich bin älter als Hu. Mir ist bewusst, was Ihre Institution tut, um die Stabilität unserer Reiche aufrechtzuerhalten, und warum sie es tut. Ich würde es ohne jegliches Zögern ausnutzen, wenn Sie in meiner Schuld stünden, Kind. Allerdings habe ich nicht vor, Sie mir zum Feind zu machen. Ebenso wenig wie die Bibliothek.« »Das beruht auf Gegenseitigkeit, Madam«, versicherte Irene. Sie versuchte so gut es ging außer Acht zu lassen, dass Ya Yu sie offenbar einer namentlichen Erwähnung für wert erachtete. »Was wird aus Hu – wenn ich fragen darf?« Ya Yus Gesichtszüge verhärteten sich. Ihre Augen glommen auf, als wollten sie einer tiefen inneren Kränkung Ausdruck verleihen. »Ich habe vorerst dafür gesorgt, dass er verschont bleibt – für den Fall, dass Sie seiner Hinrichtung beiwohnen möchten …« Irene gab sich Mühe, nicht kreidebleich zu werden. »Nein, Eure Majestät. Nein, wirklich nicht, danke.« »Also wird er zurück in die Hände der Familie des Winterlichen Waldes übergeben, um sich vor ihnen für seine Taten zu verantworten.« Das war höchstwahrscheinlich die schlimmste Strafe, die Irene ihm hätte wünschen können. »Ihr habt Gelegenheit für eine letzte Frage«, sagte Ya Yu und behielt sie aufmerksam im Auge. Irene wog ihre Aussichten ab und beschloss, das Risiko einzugehen. »Habt Ihr je erwartet, dass zwischen Jin Zhi und Qing Song … Nun ja, etwas passieren könnte, während sie nach diesem Buch für Euch suchten, Eure Majestät?« Ya Yu schwieg eine ganze Weile. Irene blieben quälende Sekunden sich auszumalen, inwiefern sie womöglich gerade das Falsche gesagt hatte – diese eine Sache, die man auf keinen Fall fragen durfte. Würde sie in dem Fall das Krankenbett noch lebendig verlassen? »Es hätte gewisse Unstimmigkeiten zwischen den Familien beseitigt, wenn beide, wie soll ich es ausdrücken …? Wenn beide eine originelle Art gefunden hätten, mit der Situation umzugehen«, sagte Ya Yu. »Ich belohne Lösungsansätze, die funktionieren, Irene Winters. Über die frühere Beziehung zwischen den beiden wusste ich Bescheid. Hätten Jin Zhi und Qing Song mir das Buch gemeinsam gebracht, hätte ich einen Weg gefunden, beide zu belohnen. Aber wie die Dinge nun einmal gelaufen sind, bleiben mir nur ein toter Untertan und eine um ihn trauernde Ministerin. Ich habe Ihnen dafür zu danken, dass das Ganze nicht noch schlimmer ausgegangen ist.« Daraufhin nahm Ya Yu wieder die Haltung einer Königin ein. Die vertrauliche Nähe, die für einen Moment im Raum gestanden hatte, war plötzlich fort. Irene stand auf. Sie verbeugte sich. »Ich danke Euch für Eure Zeit, Eure Majestät. Es tut gut zu wissen, dass die Angelegenheit auf eine Weise geregelt worden ist, die für beide Seiten annehmbar zu sein scheint.« Sie fragte sich insgeheim: Hätte die Königin Qing Song auch bestraft, wenn es ihm gelungen wäre, Evariste zu manipulieren und das Buch zu finden? Oder hätte sie sein Vorgehen als funktionierenden Lösungsansatz belohnt? Wie hätten die Folgen für die Bibliothek ausgesehen? Irene vergrub die Fragen tief in ihrem Innern. Sie wollte diese Welt wirklich lebend verlassen. Die nun einsetzende Erschöpfung war größer, als sie es je für möglich gehalten hätte. Nicht nur die Heilung einer beinahe tödlichen Schusswunde kostete unglaublich viel Kraft, sondern auch der Zustand ihrer Seele; sie war ermattet. Ermattet vom unaufhörlichen Taktieren, von den ganzen politischen Intrigen, davon, auf Messers Schneide zu wandeln, auf einem Pfad, der entweder ihr selbst oder der Bibliothek unwiderruflich schaden konnte. Sie wollte plötzlich nur noch zu ihren Büchern zurückkehren. Sie wollte Bibliothekarin sein. Kalt und bitter schmeckte die Wahrheit, dass sie Kai vielleicht geliebt hatte und dass sie ihn noch lange vermissen würde – jetzt, da sie ihn verloren hatte. Ya Yu nahm ihre Verbeugung wohlwollend zur Kenntnis. »Einer meiner Diener wird Sie in die Bibliothek in meinem Schloss geleiten. Sollte sich herausstellen, dass Sie Ihre eigene Bibliothek von hier aus nicht erreichen können, wird es kein Problem sein, Sie an einen Bücherort zu bringen, von dem das gelingt. Bitten Sie doch freundlicherweise Ihre Vorgesetzten in meinem Namen darum, mir jenes Exemplar der Reise nach Westen zugänglich zu machen.« Im Hinausgehen lächelte sie. »Immerhin haben sie jetzt zwei Exemplare, und ich sehne mich danach, es mal wieder zu lesen.« Der Dienstbote, der ein paar Minuten später erschien, führte Irene in eine Ansammlung verzweigter, miteinander verbundener Räume. Als sie sich umschaute, entschied sie, dass sie gern doch noch ein wenig geblieben wäre. Die Regale standen voller faszinierender Bücher, und wo es keine Bücher gab, stapelten sich Schriftrollen säuberlich übereinander. Doch sie nickte dem Diener am Ende nur dankbar zu und griff nach der nächstbesten Türlinke. »Öffne dich zur Bibliothek.« Die Welt, die sie verließ, war die mit der höchsten Ordnungsstufe, die sie je besucht hatte. Festgefahren in ihren Gewohnheiten und beständig wollte sie sich der Sprache nicht beugen. Doch Irene ließ nicht zu, dass sich die Welt der Drachen auflehnte. Sie zog die Augenbrauen zusammen und umfasste die Klinke. Jetzt richtete sie ihre gesamte Konzentration auf die Verbindung zur Bibliothek – auf die Gewissheit, dass die Bibliothek von allen anderen Bibliotheken aus erreichbar war, egal, auf welcher Ordnungsstufe. Diese hier machte keine Ausnahme. Die Tür begann zu zittern, dann ließ der unsichtbare Widerstand nach. Irene wusste, dass sich die Verbindung hergestellt hatte. Sie öffnete die Tür, ging hindurch und zog sie hinter sich wieder zu. EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL Sie erreichte Vales Welt innerhalb weniger Stunden. Die nötigen Berichte waren verfasst, und sie hatte sich etwas angezogen, das dem Anlass besser entsprach. Melusine und Coppelia waren anscheinend noch nicht dazu gekommen sie einzubestellen, damit sie sich persönlich erklärte, und auch keiner der anderen leitenden Bibliothekare. Und so hatte sie entschieden, in ihre Heimatwelt zurückzukehren, bevor es sich einer von ihnen anders überlegen konnte. Sie hatte einen knappen Dankesbrief von Evariste erhalten. Darin war es ihm tatsächlich gelungen, Dankbarkeit mit der Hoffnung zu vereinen, dass er ihre Hilfe nie wieder brauchen würde. Sie konnte und wollte es ihm nicht verübeln. Als sie ankam, stellte sie als Erstes fest, dass Kai seine Sachen bereits aus ihrer Wohnung abgeholt hatte. Die Möbel hatte er dagelassen. Sein Kleiderschrank war leer. Das Bett war abgezogen, die Decken waren ordentlich zusammengelegt und in einem Stapel am Fußende der Matratze drapiert worden. Der Anblick verbesserte Irenes Stimmung nicht gerade. Das Haus fühlte sich nicht einmal mehr an, als wohnte noch jemand darin, und ihre Bücher reichten nicht aus, um den Platz mit Leben zu füllen, geschweige denn, ihn wohnlich oder gar gemütlich zu machen. Es war dumm gewesen, zu glauben, dass … Was hatte sie eigentlich erwartet? Einen Brief? Eine letzte Gelegenheit, sich zu verabschieden? Kummer überfiel sie mit bleierner Schwere. Sie war es nicht gewohnt, jemanden auf diese Art zu vermissen. Sie erledigte die üblichen Handgriffe. Reine Routine. Am liebsten hätte sie sich hingesetzt und angefangen zu weinen. Schließlich biss sie sich auf die Lippen. Verhielt sie sich nicht gerade dumm? Sie waren doch erwachsene Leute, Kai und sie. Und sie hatten, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Richtige getan. Ihre Beziehung war von Anfang an nicht auf Ewigkeit ausgelegt gewesen. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie sich zusammennehmen musste. Sie hatte ein Leben zu führen. Leider war der gesunde Menschenverstand das Letzte, was sie momentan gebrauchen konnte. Sie schloss die Tür zu der annähernd leeren Wohnung und stieg in die nächste Droschke. Sie nannte dem Fahrer Vales Adresse. Teilweise hoffte sie, dass er nicht da sein würde. So hätte sie es noch ein wenig hinauszögern können, ihm von Kai zu erzählen. Vale und Kai waren schließlich ebenfalls befreundet. Eventuell gab Vale am Ende ihr die Schuld dafür, dass Kai hatte gehen müssen. Und vielleicht nicht einmal zu Unrecht. In den oberen Fenstern von Vales Zuhause brannte Licht. Irene bezahlte den Kutscher und ging ins Haus. Sie klopfte an Vales Tür und wartete. Als keine Antwort kam, drückte sie die Tür auf. Kai stand vor ihr. Es schien fast, als hätte sich nichts geändert. Er blickte sie an, las hinter seiner spiegelnden Brille ihren Gesichtsausdruck, während sie noch zu begreifen versuchte, wen sie da vor sich hatte. Es gibt natürlich keinen Grund, warum er nicht zu einem Besuch bei Vale vorbeischauen sollte, überlegte sie zaghaft. Nichts und niemand wird etwas daran ändern, dass die beiden Zeit miteinander verbringen … Doch das alles hatte keinerlei Bedeutung. Sie trat vor und zog Kai an sich. Sie spürte seinen Körper an ihrem, spürte, wie seine Arme sich um sie schlangen, und klammerte sich fest an ihn. Seine kraftvolle Beherrschung, seine warme Wange, die die ihre berührte … in Irenes Wahrnehmung verschmolz alles zu dem Drang, die Hand in seinen Nacken gleiten zu lassen. Sie zog ihn zu sich herunter und versenkte sich in einen Kuss. Er versuchte nicht, sie daran zu hindern. Ganz im Gegenteil. Nach einer Weile ließ sie sanft von ihm ab. Ihre Hände gehorchten kaum, und die Brust schmerzte, als wäre sie erneut angeschossen worden. Kai sog den Atem ein. »Also«, begann er. »Du hast einmal gesagt, dass ich mich wohl kaum beschweren könnte, wenn du mit mir ins Bett gehen würdest. Ich beschwere mich kein bisschen.« »Das ist aber kein guter Einfall«, sagte Irene. Sie brachte die Worte unter Schwierigkeiten hervor. Sie war immer noch damit beschäftigt, sich klarzumachen, wie ihr Verstand diese Wandlung von Das dürfen wir auf keinen Fall tun hin zu Wie können wir das tun, ohne erwischt zu werden? so schnell vollzogen hatte. »Das gilt für uns beide. Aber …« Als sie sprach, versickerten ihre Worte, ehe sie ein vernünftiges Argument dafür gefunden hatte, wie sie es schaffen sollten, einander nie wieder zu sehen. Kai zog die Augenbraue hoch. »Ich habe bloß meinen alten Freund besucht. Er war so nett, mich bei ihm wohnen zu lassen. Nicht wahr, Vale?« Jetzt erst sah Irene, dass der Detektiv am Tisch hinter ihnen saß. Er hatte ein Durcheinander aus Laborbehältern vor sich und schaute in ein Mikroskop. »Was auch immer«, murmelte er. »Zerren Sie mich nur in Ihren politischen Fauxpas, Strongrock. Ich habe ein Gästezimmer, das Sie liebend gern benutzen können.« »Na also«, sagte Kai. »Und weißt du was, Irene?« »Was?« Sie stand da und versuchte zu begreifen. »Ab sofort bin ich nicht länger dein Lehrling und Untergebener.« Er blickte sie an. Er lächelte. »Nur, damit es mal gesagt wurde, für zukünftige … Gelegenheiten.« »Ich behalte es im Hinterkopf«, sagte Irene. Auf ihren Lippen lag noch der warme Kuss. »Dann sollten wir aber auch hinzufügen, dass du genausowenig mein Vorgesetzter geworden bist.« Kai nickte bereits, als hätte er den Gedanken gleichzeitig gedacht. »Richtig«, stimmte er zu. »Aber wenn du mir eines beigebracht hast, dann, dass man niemals aufgeben sollte.« »Das meinte ich damit nicht unbedingt«, entgegnete Irene. »Jedenfalls stand es so nicht im Lehrauftrag. Aber für den Anfang muss es wohl reichen.« Sie gab den Versuch auf, mit irgendetwas ins Reine kommen zu wollen. Es musste warten, zumindest für die nächsten paar Stunden. In der Bibliothek lagen vielleicht schon ein Dutzend dringende Nachrichten für sie bereit. Aber potenzielle Weltuntergänge konnten eben auch ein oder zwei Tage warten. Oder drei. Für den Moment war das hier ihr Geheimnis. Und solange niemand kam, um Kai zurück an seinen Hof zu beordern, hatte er alles Recht der Welt, Vales Gastfreundschaft zu genießen. Vielleicht würde es später Gelegenheit geben, sich richtig zu verabschieden. Und wer weiß … vielleicht auch Gelegenheit für mehr als das. Hat es dir gefallen? Sag uns, was du denkst. Wir freuen uns über Bewertungen und Rezensionen im Store. Viel Spaß beim Lesen der nächsten Bastei-Entertainment-E-Books!