Sarah J. Maas Throne of Glass Die Sturmbezwingerin Roman Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Link Für Tamar, meinen Champion, meine Fee und Patin, meinen weißen Ritter. Danke, dass du von der ersten Seite an an diese Reihe geglaubt hast. PROLOG Abenddämmerung D ie Knochentrommeln dröhnten seit Sonnenuntergang über die zerklüfteten Hänge der Schwarzen Berge. Von dem steinigen Felsvorsprung aus, auf dem ihr Kriegszelt sich ächzend gegen den trockenen Wind stemmte, hatte Prinzessin Elena Galathynius den ganzen Nachmittag lang die Armee des Schreckensfürsten beobachtet, die diese Berge in ebenholzschwarzen Wellen überflutete. Und nun, da die Sonne längst verschwunden war, flackerten die feindlichen Lagerfeuer über den Bergen und unten im Tal wie eine Decke aus Sternen. So viele Feuer – so viele verglichen mit denen, die auf ihrer Seite des Tals brannten. Sie brauchte die Gabe ihrer Fae-Ohren nicht, um die Gebete ihrer menschlichen Armee zu hören, laut ausgesprochene wie stumme. Sie hatte in den vergangenen Stunden selbst einige gen Himmel gesandt, obwohl sie wusste, dass sie unerhört bleiben würden. Elena hatte nie darüber nachgedacht, wo sie eines Tages vielleicht sterben würde – hatte nie darüber nachgedacht, dass es so weit entfernt von dem felsigen Grün Terrasens geschehen könnte. Dass ihr Leichnam vielleicht nicht verbrannt, sondern von den Bestien des Schreckensfürsten verschlungen werden würde. Es würde keinen Grabstein geben, welcher der Welt verriet, wo eine Prinzessin Terrasens gefallen war. Es würde für keinen von ihnen einen Grabstein geben. »Du brauchst Ruhe«, erklang eine raue Männerstimme vom Eingang des Zeltes hinter ihr. Elena schaute über ihre Schulter und ihr offenes, silbernes Haar verfing sich in den kunstvollen Lederplatten ihrer Rüstung. Aber Gavins finsterer Blick ruhte bereits auf den beiden Armeen, die sich unter ihnen erstreckten. Auf diesem schmalen, schwarzen Grenzstreifen, der nur allzu bald durchbrochen werden würde. Trotz seines Geredes über Ruhe hatte auch Gavin seine Rüstung nicht abgelegt, als er vor Stunden ihr Zelt betreten hatte. Erst vor wenigen Minuten hatten sich seine Kriegsherren endlich aus dem Zelt geschoben, mit Karten in den Händen und keinem Fünkchen Hoffnung in den Herzen. Sie konnte sie an ihnen riechen – die Furcht. Die Verzweiflung. Gavins Schritte knirschten kaum auf der trockenen, steinigen Erde, als er sich ihr bei ihrer einsamen Wache näherte, fast lautlos dank der Jahre, in denen er die Wildnis des Südens durchstreift hatte. Elena wandte sich erneut den unzähligen feindlichen Feuern zu. Er sagte heiser: »Die Streitmächte deines Vaters könnten es immer noch schaffen.« Die Hoffnung eines Narren. Ihr war kein Wort der stundenlangen Debatte entgangen, die hinter ihr im Zelt getobt hatte. »Dieses Tal ist eine Todesfalle«, erwiderte Elena. Und sie hatte sie alle hierhergeführt. Gavin antwortete nicht. »Bei Tagesanbruch«, fuhr Elena fort, »wird es in Blut getränkt sein.« Der Kriegsherr an ihrer Seite blieb still. Es war selten bei Gavin, dieses Schweigen. Kein Aufblitzen seiner ungezähmten Wildheit lag in seinen Augen und sein braunes Haar hing ihm schlaff vom Kopf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann einer von ihnen das letzte Mal gebadet hatte. Gavin wandte sich ihr mit jenem unverhohlenen Blick zu, unter dem sie sich vom ersten Moment an, als sie ihm vor fast einem Jahr in der Großen Halle ihres Vaters begegnet war, vollkommen entblößt gefühlt hatte. Vor einem ganzen Leben. Eine solch andere Zeit, eine andere Welt – als das Land noch voller Gesang und Licht gewesen war, als die Magie noch nicht begonnen hatte, im erstarkenden Dunkel Erawans und seiner Dämonensoldaten schwächer zu werden. Wie lange würde Orynth noch standhalten, wenn das Gemetzel hier im Süden erst geendet hatte? Würde Erawan zuerst den glänzenden Palast ihres Vaters auf dem Berg zerstören oder die königliche Bibliothek niederbrennen – das Herz und das Wissen eines Zeitalters? Und dann sein Volk? »Bis zum Tagesanbruch sind es noch ein paar Stunden«, sagte Gavin, »Zeit genug für dich zu fliehen.« »Sie würden uns in Stücke reißen, bevor wir die Bergpässe hinter uns hätten …« »Nicht wir. Du.« Der Feuerschein verwandelte sein gebräuntes Gesicht in ein flackerndes Relief. »Du allein.« »Ich werde diese Menschen nicht im Stich lassen.« Sie strich mit ihren Fingern über seine. »Oder dich.« Kein Muskel regte sich in Gavins Gesicht. »Das Morgen lässt sich nicht aufhalten. Das Blutvergießen auch nicht. Du hast gehört, was der Bote gesagt hat – ich weiß, dass du es gehört hast. Anielle ist ein Schlachthaus. Unsere Verbündeten im Norden sind fort. Die Armee deines Vaters ist zu weit von uns entfernt. Wir werden alle sterben, noch ehe die Sonne ganz am Himmel steht.« »Wir werden ohnehin eines Tages alle sterben.« »Nein.« Gavin drückte ihr die Hand. »Ich werde sterben. Diese Menschen dort unten – sie werden sterben. Entweder durch das Schwert oder durch die Zeit. Aber du …« Sein Blick wanderte zu ihren zarten, spitz zulaufenden Ohren, dem Erbe ihres Vaters. »Du könntest Jahrhunderte leben. Jahrtausende. Wirf das nicht für eine bereits verlorene Schlacht fort.« Ich würde lieber morgen sterben als tausend Jahre mit der Schande eines Feiglings leben.« Aber Gavin starrte wieder über das Tal. Schaute auf seine Gefolgsleute, die letzte Verteidigungslinie gegen Erawans Horde. »Zieh dich hinter die Linien deines Vaters zurück«, sagte er mit rauer Stimme, »und setze den Kampf von dort aus fort.« Sie schluckte hörbar. »Es würde nichts nutzen.« Langsam sah Gavin sie an. Und nach all diesen Monaten, all dieser Zeit gestand sie: »Die Macht meines Vaters schwindet. Er ist kurz davor – nur noch Jahrzehnte davor – zu erlöschen. Mit jedem verstreichenden Tag erlischt Malas Licht in ihm weiter. Er kann Erawan nicht besiegen.« Die letzten Worte ihres Vaters, bevor sie vor Monaten zu dieser zum Scheitern verurteilten Mission aufgebrochen war, hatten gelautet: Meine Sonne sinkt, Elena. Du musst einen Weg finden, dafür zu sorgen, dass deine immer noch aufgeht. Alle Farbe wich aus Gavins Gesicht. »Du hast dich entschieden, mir das ausgerechnet jetzt zu sagen?« »Ich habe diesen Moment gewählt, Gavin, weil es auch für mich keine Hoffnung gibt – ganz gleich, ob ich heute Nacht fliehe oder morgen kämpfe. Der Kontinent wird fallen.« Gavin schaute zu dem Dutzend Zelte auf dem Felsvorsprung. Seinen Freunden. Ihren Freunden. »Keiner von uns wird dem hier morgen entkommen«, murmelte er. Und es war die Art, wie seine Worte abbrachen, wie seine Augen glänzten, die sie veranlasste, einmal mehr nach seiner Hand zu greifen. Niemals – nicht ein einziges Mal während all ihrer Abenteuer, all der Gräuel, die sie zusammen durchgestanden hatten – hatte sie ihn weinen sehen. »Erawan wird siegen und bis in alle Ewigkeit über dieses Land und alle anderen herrschen«, flüsterte Gavin. Im Lager entstand plötzlich Aufregung unter den Soldaten. Männer und Frauen, die murmelten, fluchten, weinten. Elena fand schnell die Quelle ihres Entsetzens – am anderen Ende des Tals. Eins nach dem anderen, als würde eine große Hand aus Dunkelheit sie fortwischen, erloschen die Feuer im Lager des Schreckensfürsten. Die Knochentrommeln schlugen lauter. Er war endlich eingetroffen. Erawan selbst war gekommen, um sich das letzte Aufbäumen von Gavins Armee anzusehen. »Sie werden nicht bis Tagesanbruch warten«, bemerkte Gavin, dessen Hand dorthin zuckte, wo Damaris an seiner Seite in der Scheide steckte. Aber Elena hielt seinen Arm fest und spürte die harten Muskeln wie Granit unter seiner ledernen Rüstung. Erawan war gekommen. Vielleicht erhörten die Götter sie doch. Vielleicht hatte die feurige Seele ihrer Mutter sie überredet. Sie betrachtete Gavins herbes, wildes Gesicht – das Gesicht, das ihr im Laufe der Zeit teurer geworden war als alle anderen. Und sie sagte: »Wir werden diese Schlacht nicht gewinnen. Und wir werden diesen Krieg nicht gewinnen.« Sein Körper bebte, so viel Anstrengung kostete es ihn, nicht umgehend seine Kriegsherren zu informieren, aber aus tiefem Respekt ihr gegenüber blieb er und hörte ihr zu. Einem Respekt, der auf Gegenseitigkeit beruhte. Mit ihrer freien Hand hob Elena ihre Finger in die Luft zwischen ihnen. Die rohe Magie in ihren Adern tanzte jetzt, von Flamme zu Wasser zu sich schlängelnder Ranke zu brechendem Eis. Kein endloser Abgrund wie der ihres Vaters, sondern eine vielfältige, flinke Gabe der Magie. Von ihrer Mutter verliehen. »Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen«, wiederholte Elena. Gavins Gesicht leuchtete im Licht ihrer rohen Macht. »Aber wir können ihn ein wenig hinauszögern. Ich kann dieses Tal in ein oder zwei Stunden durchqueren.« Sie krümmte die Finger zur Faust und erstickte ihre Magie. Gavin legte die Stirn in Falten. »Das ist Wahnsinn, Elena. Selbstmord. Seine Leutnants werden dich fangen, du wirst es nicht einmal durch die Verteidigungslinien schaffen.« »Genau. Sie werden mich direkt zu ihm bringen, jetzt, da er hier ist. Sie werden mich als seine wertvollste Gefangene betrachten – nicht als sein Todesurteil.« »Nein.« Ein Befehl und eine Bitte. »Töten wir Erawan, dann geraten seine Bestien in Panik. Lange genug, dass die Streitkräfte meines Vaters eintreffen können, um sich mit unseren zu vereinen, oder dem, was an Kämpfern dann noch übrig ist. Gemeinsam können sie die feindlichen Legionen vernichten.« »Du sagst ›töten wir Erawan‹, als wäre das eine einfache Aufgabe. Er ist ein Valg-König , Elena. Selbst wenn sie dich zu ihm bringen, wird er dich seinem Willen unterwerfen und du wirst keine Chance haben, auch nur den kleinen Finger gegen ihn zu erheben.« Ihr Herz krampfte sich zusammen, aber sie zwang sich, die Worte auszusprechen. »Das ist der Grund, weshalb …« Sie konnte ihre zitternden Lippen nicht stillhalten. »Das ist der Grund, weshalb du mich begleiten musst, statt mit deinen Männern zu kämpfen.« Gavin starrte sie nur an. »Denn ich brauche …« Tränen rollten ihr über die Wangen. »Ich brauche dich als Ablenkung. Du musst mir Zeit verschaffen, an seiner inneren Verteidigungslinie vorbeizukommen.« Genauso, wie die Schlacht morgen ihnen Zeit verschaffen würde. Denn Erawan würde sich zuerst Gavin vornehmen. Den menschlichen Krieger, der so lange eine Bastion gegen die Streitkräfte des Dunklen Herrschers gewesen war, der Krieger, der gegen ihn gekämpft hatte, als niemand sonst es hatte tun wollen … Erawans Hass auf den menschlichen Prinzen war nur vergleichbar mit seinem Hass auf ihren Vater. Gavin musterte sie lange Sekunden, dann hob er die Hand, um ihr die Tränen von den Wangen zu streichen. »Man kann ihn nicht töten, Elena. Du hast gehört, was das Orakel deines Vaters geflüstert hat.« Sie nickte. »Ich weiß.« »Und selbst wenn es uns gelingt, ihn gefangen zu nehmen, ihn irgendwie einzusperren und zu bannen …« Gavin dachte über ihre Worte nach. »Du weißt, dass wir den Krieg so nur jemand anderem aufbürden – wer auch immer eines Tages dieses Land regieren wird.« »Dieser Krieg«, antwortete sie leise, »ist nichts weiter als der zweite Zug in einem Spiel, das vor Äonen jenseits des Meeres begann.« »Wir zögern ihn bloß hinaus, damit jemand anderer ihn erbt, falls Erawan befreit wird. Und es wird diese Soldaten dort unten nicht vor dem Gemetzel morgen retten.« »Wenn wir nicht handeln, wird es niemanden geben, der diesen Krieg erben kann«, wandte Elena ein. Zweifel tanzten in Gavins Augen. »Schon jetzt«, drängte sie weiter, »versagt unsere Magie, lassen uns die Götter im Stich. Wenden sich von uns ab. Wir haben keine Fae-Verbündeten, abgesehen von denen in der Armee meines Vaters. Und ihre Macht schwindet, genau wie seine. Aber wenn dieser dritte Zug kommt … vielleicht werden die Spieler in unserem unbeendeten Spiel dann andere sein. Vielleicht wird es eine Zukunft sein, in der Fae und Menschen Seite an Seite kämpfen, erfüllt von Macht. Vielleicht werden sie einen Weg finden, dies zu beenden. Also werden wir diese Schlacht verlieren, Gavin«, fügte sie hinzu. »Unsere Freunde werden mit dem Morgengrauen auf diesem Schlachtfeld sterben und wir werden es als Ablenkung benutzen, um Erawan zu bannen, damit Erilea vielleicht eine Zukunft hat.« Seine Lippen wurden schmal und seine saphirfarbenen Augen weiteten sich. »Niemand darf davon erfahren.« Ihre Stimme brach. »Selbst wenn wir Erfolg haben, darf niemand wissen, was wir tun.« Der Zweifel grub tiefe Linien in sein Gesicht. Sie packte seine Hand fester. »Niemand, Gavin.« Ein gequälter Ausdruck huschte über seine Züge. Aber er nickte. Hand in Hand schauten sie in die Dunkelheit, die über den Bergen lag, während die Knochentrommeln des Schreckensfürsten wie Hämmer auf Eisen dröhnten. Allzu bald würden diese Trommeln von den Schreien sterbender Soldaten übertönt werden. Allzu bald würden Ströme von Blut die Felder des Tals durchziehen. Gavin sagte: »Wenn wir es tun, müssen wir jetzt aufbrechen.« Wieder blieb sein Blick auf den nahen Zelten hängen. Kein Lebewohl. Keine letzten Worte. »Ich werde Holdren den Befehl geben, morgen die Führung zu übernehmen. Er wird wissen, was er den anderen sagen soll.« Sie nickte, und das war Bestätigung genug. Gavin ließ ihre Hand los und schritt auf das Zelt zu, das ihrem eigenen am nächsten war, wo sein teuerster Freund und treuester Kriegsherr wahrscheinlich das Beste aus seinen letzten Stunden mit seiner frischgebackenen Ehefrau machte. Elena riss den Blick von Gavins breiten Schultern los, bevor er sich durch die schweren Zeltlaschen schob. Sie schaute über die Feuer, über das Tal, in die Dunkelheit, die auf der anderen Seite hauste. Sie hätte schwören können, dass die Dunkelheit zurückstarrte, hätte schwören können, dass sie die tausend Wetzsteine hörte, an denen die Bestien des Schreckensfürsten ihre giftbenetzten Krallen schärften. Sie hob den Blick zu dem rauchgeschwängerten Himmel, und als die Schwaden sich für einen Moment teilten, offenbarten sie einen mit Sternen gesprenkelten Nachthimmel. Der Herr des Nordens spähte flackernd auf sie herab. Vielleicht das letzte Geschenk Malas an dieses Land – zumindest in diesem Zeitalter. Vielleicht ein Dankeschön an Elena selbst und ein Lebewohl. Denn für Terrasen, für Erilea, würde Elena in die ewige Dunkelheit schreiten, die auf der anderen Seite des Tals lauerte, um ihnen allen eine Chance zu verschaffen. Elena sandte ein letztes Gebet auf einer Rauchsäule empor, die sich vom Talboden erhob. Mochten die ungeborenen, fernen Nachkommen dieser Nacht, Erben einer Bürde, die Erilea verdammen oder retten würde, ihr das verzeihen, was sie zu tun im Begriff stand. I Die Feuerbringerin 1 E lide Lochan brannten mit jedem keuchenden Atemzug die Lungen, während sie die steile, bewaldete Bergflanke hinaufhumpelte. Unter dem durchweichten Laub, das den Boden des Oakwald Forest bedeckte, machten lose, graue Steine den Hang trügerisch, und die turmhohen Eichen ragten zu hoch über ihr auf, als dass sie sich an ihren Ästen hätte festhalten können, falls sie stolperte. Elide erreichte schließlich den zerklüfteten Kamm und ihr Bein zitterte vor Schmerz, als sie auf die Knie sackte. Bewaldete Hügel erstreckten sich in alle Richtungen, die Bäume wie die Gitterstäbe eines nimmer endenden Käfigs. Wochen. Es waren Wochen vergangen, seit Manon Blackbeak und die Dreizehn sie in diesem Wald zurückgelassen hatten, Wochen, seit die Schwarmführerin ihr befohlen hatte, nach Norden zu gehen. Um ihre verlorene Königin zu finden, die jetzt erwachsen und mächtig war – und auch um Celaena Sardothien zu finden, wer immer sie war, damit Elide die Lebensschuld begleichen konnte, in der sie bei Kaltain Rompier stand. Noch Wochen später wurden ihre Träume von jenen letzten Augenblicken in Morath heimgesucht: den Wachen, die versucht hatten, sie fortzuschleppen, um ihr Valg-Nachkommen einzupflanzen, das Massaker, das die Schwarmführerin unter ihnen angerichtet hatte, und Kaltain Rompiers letzte Tat – den seltsamen, dunklen Stein, der ihr in den Arm genäht worden war, herauszuschneiden und Elide zu befehlen, ihn zu Celaena Sardothien zu bringen. Unmittelbar bevor Kaltain Morath in eine schwelende Ruine verwandelt hatte. Elide legte eine schmutzige, beinahe zitternde Hand auf den harten Klumpen in der Brusttasche der ledernen Flugkleidung, die sie noch immer trug. Sie hätte schwören können, dass ein schwaches Pochen auf ihrer Haut widerhallte, ein Gegenrhythmus zu ihrem eigenen rasenden Herzen. Elide schauderte unter dem milchigen Sonnenlicht, das durch das grüne Blätterdach drang. Der Sommer lastete schwer auf der Welt und die Hitze war jetzt so drückend, dass Wasser zu ihrem kostbarsten Gut geworden war. Das war es von Anfang an gewesen – aber jetzt drehte sich ihr ganzer Tag, ihr ganzes Leben darum. Zum Glück gab es nach der Schneeschmelze in den Bergen im Oakwald Forest genug Flüsse und Bäche. Elide hatte auf die harte Tour lernen müssen, welches Wasser sie trinken durfte und welches nicht. Drei Tage lang war sie dem Tod nah gewesen und hatte sich erbrochen und hohes Fieber gehabt, nachdem sie einmal von stehendem Teichwasser getrunken hatte. Drei Tage hatte sie so heftig gezittert, dass sie dachte, ihre Knochen würden bersten. Drei Tage hatte sie leise und in jämmerlicher Verzweiflung darüber geweint, dass sie hier sterben würde, allein in diesem endlosen Wald, und dass niemand es je erfahren würde. Und während alledem hatte dieser Stein in ihrer Brusttasche gesummt und gepocht. In ihren Fieberträumen hätte sie schwören können, dass er flüsternd zu ihr sprach und Schlaflieder in Sprachen sang, von denen sie nicht glaubte, dass menschliche Zungen sie hervorbringen konnten. Sie hatte es seither nicht mehr gehört, aber dennoch wunderte sie sich. Fragte sich, ob die meisten anderen Menschen gestorben wären. Fragte sich, ob sie einen Segen oder einen Fluch nach Norden trug. Und ob diese Celaena Sardothien wissen würde, was damit zu tun war. Sag ihr, dass man mit diesem Schlüssel jede Tür öffnen kann , hatte Kaltain gesagt. Wann immer Elide für eine dringend benötigte Pause innehielt, studierte sie den schimmernden, schwarzen Stein. Er sah jedenfalls nicht aus wie ein Schlüssel: grob gehauen, als wäre er aus einem größeren Steinbrocken geschlagen worden. Vielleicht waren Kaltains Worte ein Rätsel, das nur für seine Empfängerin bestimmt war. Elide nahm ihren allzu leichten Rucksack von den Schultern und riss die Leinwandlasche auf. Ihr war vor einer Woche das Essen ausgegangen und seither suchte sie nach Beeren. Sie waren ihr alle fremd, aber das Wispern einer Erinnerung an die Jahre mit ihrer Amme, Finnula, hatte sie gemahnt, die Beeren zuerst über ihr Handgelenk zu reiben – um festzustellen, ob sie irgendeine Reaktion hervorriefen. Viel zu oft taten sie es. Aber ab und an stolperte sie über einen Busch, der sich unter der Last der richtigen Beeren bog, und sie tat sich an ihnen gütlich, bevor sie ihren Rucksack damit füllte. Elide stöberte in der rosa und blau befleckten Tasche und holte die letzte Handvoll Beeren heraus, eingewickelt in ihr Ersatzhemd, dessen weißer Stoff jetzt rot und purpurn verfärbt war. Eine Handvoll Beeren, die reichen musste, bis sie ihre nächste Mahlzeit fand. Hunger nagte an ihr, aber Elide aß nur die Hälfte. Vielleicht würde sie weitere finden, bevor sie für die Nacht Rast machte. Sie wusste nicht, wie man jagte – und der Gedanke, ein anderes Lebewesen zu fangen, ihm das Genick zu brechen oder ihm mit einem Stein den Schädel einzuschlagen … so verzweifelt war sie noch nicht. Vielleicht bedeutete das, dass sie doch keine Blackbeak war, trotz der verborgenen Blutlinie ihrer Mutter. Elide leckte sich den Beerensaft von den Fingern, mit Dreck und allem, und stöhnte, als sie sich auf ihre steifen, schmerzenden Beine erhob. Sie würde ohne Nahrung nicht lange durchhalten, aber sie konnte es nicht riskieren, sich mit dem Geld, das Manon ihr gegeben hatte, in ein Dorf zu wagen oder sich einem der Feuer der Jäger zu nähern, die sie während der letzten Wochen entdeckt hatte. Nein – sie hatte genug von der Freundlichkeit und Gnade von Männern gesehen. Sie würde nie die lüsternen Blicke vergessen, mit denen diese Wachen ihren nackten Körper betrachtet hatten, würde nie vergessen, warum ihr Onkel sie an Herzog Perrington verkauft hatte. Unter Schmerzen warf sie sich ihren Rucksack über die Schultern und stieg vorsichtig den Hang jenseits des Hügels hinab, einen Weg zwischen den Felsen und Wurzeln suchend. Vielleicht war sie irgendwo falsch abgebogen. Woher sollte sie überhaupt wissen, wann sie die Grenze nach Terrasen überquerte? Und wie sollte sie jemals ihre Königin finden – ihren Hof? Elide schob die Gedanken von sich, hielt sich im Zwielicht des Waldes und mied die sonnenbeschienenen Lichtungen. Das würde sie nur noch durstiger machen. Sie musste dringend Wasser finden, bevor die Dunkelheit hereinbrach. Das war noch wichtiger, als etwas zu essen. Endlich erreichte sie den Fuß des Hügels. Vor ihr erstreckte sich ein ausgetrocknetes Flussbett, das sich durch das Tal schlängelte. Es machte eine scharfe Biegung – nach Norden. Sie seufzte erleichtert. Anneith sei gedankt. Zumindest hatte die Herrin der Weisheit sich noch nicht von ihr abgewandt. Sie würde dem Flussbett so lange wie möglich folgen, sich gen Norden halten und dann … Irgendetwas stimmte nicht. Elide wusste nicht genau, mit welchem ihrer Sinne sie darauf aufmerksam wurde. Nichts an der Fäulnis des Lehmbodens, am Sonnenlicht, an den Steinen und dem Wispern der Blätter weit über ihr war irgendwie ungewöhnlich. Dennoch. Als wäre ein Faden in einem großen Bildteppich gerissen, spannte sich ihr Körper an. Einen Moment später verstummten das Summen und Rascheln des Waldes. Elide suchte mit Blicken die Hügel ab, das Flussbett. Die Wurzeln einer nahe gelegenen Eiche ragten aus der grasbewachsenen Hügelflanke heraus und formten ein Dach aus Holz und Moos über dem toten Fluss. Perfekt. Sie humpelte darauf zu; ihr zerstörtes Bein schrie, Steine klapperten und rissen an ihren Knöcheln. Sie konnte schon fast die Spitzen der Wurzeln berühren, als das erste hohle Dröhnen widerhallte. Kein Donner. Nein, dieses spezielle Geräusch würde sie nie vergessen – denn es verfolgte sie ebenso in ihren Träumen, im Wachsein wie im Schlaf. Das Schlagen mächtiger, ledriger Flügel. Wyvern. Und womöglich noch tödlicher: die Ironteeth-Hexen, die sie ritten, mit Sinnen, so scharf und fein abgestimmt wie die ihrer Reittiere. Elide stürzte auf den Überhang dicker Wurzeln zu, als die Flügelschläge näher kamen, der Wald so still wie ein Friedhof. Steine und Stöcke zerkratzten ihre bloßen Hände und sie schlug sich die Knie auf dem steinigen Boden auf, als sie sich in den Hang drückte und durch das Gitterwerk der Wurzeln zum Blätterdach hochspähte. Ein Flügelschlag – dann ein weiterer, nicht einmal einen Herzschlag später. So synchron, dass jeder andere vielleicht dachte, es wäre nur ein Echo, aber Elide wusste Bescheid: zwei Hexen. Sie hatte in ihrer Zeit in Morath genug mitbekommen, um zu wissen, dass die Ironteeth Befehl hatten, ihre Zahlen geheim zu halten. Sie flogen in perfekt gespiegelter Formation, damit lauschende Ohren vielleicht nur einen Wyvern meldeten. Aber diese zwei waren nachlässig. Oder so nachlässig, wie eine der unsterblichen, todbringenden Hexen es sein konnte. Zirkelmitglieder aus den unteren Rängen vielleicht. Auf Kundschaftermission. Oder sie machen Jagd auf irgendjemanden , flüsterte eine kleine, verängstigte Stimme in ihrem Kopf. Elide drückte sich fester in die Erde und Wurzeln bohrten sich in ihren Rücken, während sie die Baumkronen nicht aus den Augen ließ. Da. Der Schatten einer sich schnell bewegenden, massigen Gestalt glitt direkt über den Baumwipfeln entlang und ließ die Blätter rascheln. Ein ledriger Flügel, der in eine gebogene, giftbenetzte Klaue mündete, blitzte im Sonnenlicht auf. Nur selten waren sie jemals bei Tageslicht unterwegs. Worauf auch immer sie Jagd machten – es musste wichtig sein. Elide wagte es nicht, zu laut zu atmen, bis diese Flügelschläge in nördlicher Richtung verklangen. Auf die Ferianschlucht zu – wo, wie Manon erwähnt hatte, die zweite Hälfte der Heerschar lagerte. Elide bewegte sich erst, als das Summen und Zwitschern des Waldes wieder einsetzte. Nachdem sie so lange stillgehalten hatte, waren ihre Muskeln verkrampft und sie stöhnte, als sie die Beine ausstreckte, dann die Arme und die Schultern kreisen ließ. Endlos – diese Reise war endlos. Sie hätte alles gegeben für ein sicheres Dach über dem Kopf. Und eine warme Mahlzeit. Vielleicht war es das Risiko wert, danach zu suchen, und sei es auch nur für eine einzige Nacht. Elide bahnte sich einen Weg durch das knochentrockene Flussbett und kam genau zwei Schritte weit, bevor dieser Sinn-der-kein-Sinn-war wieder anschlug, als hätte eine warme, weibliche Hand ihre Schulter ergriffen, damit sie stehen blieb. Das knorrige Holz summte von Leben. Aber sie konnte es spüren – konnte spüren, dass dort draußen etwas war. Keine Hexen oder Wyvern oder Bestien. Aber irgendjemand – irgendjemand beobachtete sie. Irgendjemand folgte ihr. Elide zog unauffällig einen der Dolche aus der Scheide, die Manon ihr gegeben hatte, als sie diesen erbärmlichen Wald verlassen hatte. Sie wünschte, die Hexe hätte ihr beigebracht, wie man tötete. *** Lorcan Salvaterre lief jetzt seit zwei Tagen vor diesen götterverdammten Biestern davon. Er machte ihnen keinen Vorwurf. Die Hexen waren sauer gewesen, als er sich in tiefster Nacht in ihr Waldlager geschlichen hatte. Er hatte drei ihrer Wächterinnen niedergemetzelt, ohne dass sie oder ihre Reittiere es bemerkt hatten, und er hatte eine vierte zwischen die Bäume geschleppt, um sie zu befragen. Zwei Stunden hatte er gebraucht, um die Yellowlegs-Hexe zu brechen, so tief in den Gängen einer Höhle versteckt, dass nicht einmal ihre Schreie zu hören gewesen waren. Zwei Stunden, und dann hatte sie für ihn gesungen. Zwillingsarmeen der Hexen standen jetzt bereit, um den Kontinent einzunehmen: eine in Morath, eine in der Ferianschlucht. Die Yellowlegs wusste nichts von der Macht, über die Herzog Perrington gebot – wusste nichts von dem, worauf Lorcan Jagd machte: die beiden anderen Wyrdschlüssel, die Geschwister desjenigen, den er an einer langen Kette um den Hals trug. Drei Steinsplitter, abgeschlagen von einem unheiligen Wyrdtor, jeder dieser Schlüssel befähigte zu gewaltiger und schrecklicher Macht. Und wenn alle drei Wyrdschlüssel vereint waren, konnten sie dieses Tor zwischen den Welten öffnen. Konnten sie diese Welten vernichten – oder ihre Armeen beschwören. Und viel, viel Schlimmeres. Lorcan hatte der Hexe die Gnade eines schnellen Todes gewährt. Seither dürsteten ihre Schwestern nach seinem Blut. Während er in einem Dickicht an der Seite eines steilen Abhangs hockte, beobachtete Lorcan, wie das Mädchen sich zwischen den Wurzeln herauswand. Er hatte sich als Erster hier versteckt und dem Lärm ihres unbeholfenen Herannahens gelauscht, und er hatte mitbekommen, wie sie stolperte und humpelte, als sie endlich gehört hatte, dass etwas auf sie zugerauscht kam. Sie war von zarter Statur, so klein, dass er vielleicht gedacht hätte, sie wäre noch ein Kind, wären da nicht die vollen Brüste unter ihrer eng anliegenden Ledermontur gewesen. Diese Kleider hatten sofort sein Interesse geweckt. Die Yellowlegs hatten ähnliche Gewänder getragen – genau wie alle anderen Hexen. Doch dieses Mädchen war menschlich. Und als sie sich in seine Richtung umwandte, suchten ihre dunklen Augen den Wald mit einem so prüfenden Ausdruck ab, der zu alt, zu geübt war, um einem Kind zu gehören. Mindestens achtzehn – vielleicht älter. Ihr bleiches Gesicht war schmutzig und ausgezehrt. Wahrscheinlich war sie schon seit einer ganzen Weile hier und hatte Mühe, Nahrung zu finden. Und das Messer in ihrer Hand zitterte so sehr, dass die Vermutung nahelag, dass sie keine Ahnung hatte, was sie damit anstellen sollte. Lorcan blieb in seinem Versteck und beobachtete, wie sie den Blick über die Hügel wandern ließ, den Fluss, die Baumkronen. Irgendwie wusste sie, dass er hier draußen war. Interessant. Wenn er versteckt bleiben wollte, konnten ihn normalerweise nur wenige finden. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt – aber sie hörte auf, die Schlucht abzusuchen, zwang einen leisen Atemzug durch ihre geschürzten Lippen und setzte ihren Weg fort. Entfernte sich von ihm. Jeder Schritt war ein Humpeln; sie hatte sich wahrscheinlich verletzt, als sie durch die Bäume gekracht war. Ihr Zopf hüpfte gegen ihren Rucksack, ihr seidiges Haar dunkel wie sein eigenes. Noch dunkler. Schwarz wie eine sternlose Nacht. Der Wind drehte und wehte ihren Duft zu ihm herüber und Lorcan atmete ihn ein, gestattete seinen Fae-Sinnen – den Sinnen, die er von seinem Mistkerl von Vater geerbt hatte –, abzuschätzen und zu analysieren, wie sie es seit über fünf Jahrhunderten taten. Menschlich. Definitiv menschlich, aber … Er kannte diesen Geruch. Während der vergangenen Monate hatte er viele, viele Kreaturen abgeschlachtet, die den gleichen Gestank verströmten. Nun, war das nicht günstig? Vielleicht ein Geschenk von den Göttern: jemand Nützliches, den er befragen konnte. Aber später – sobald er Gelegenheit gehabt hatte, sie zu studieren. Ihre Schwächen kennenzulernen. Lorcan löste sich aus dem Dickicht und nicht einmal ein Zweig raschelte bei seiner Bewegung. Das von Dämonen besessene Mädchen humpelte das Flussbett entlang, das nutzlose Messer immer noch in der Hand. Gut. Und so begann Lorcan seine Jagd. 2 D as Plätschern des Regens, der auf das Blätterdach des nebelverhangenen Oakwald Forest trommelte, übertönte beinahe das Gurgeln des angeschwollenen Flusses, der sich seinen Weg zwischen den Erhebungen und Kuhlen hindurchbahnte. Aelin Ashryver Galathynius, die neben dem Bach hockte, leere Wasserschläuche vergessen auf dem moosbewachsenen Ufer, streckte eine vernarbte Hand über das schnell fließende Wasser aus und ließ das Lied des frühmorgendlichen Sturms über sie hinwegfluten. Das Dröhnen der vom Donner zerrissenen Gewitterwolken und die sengenden Blitze hatten seit einer Stunde vor Morgengrauen einen rasenden Takt vorgegeben, der sich jetzt allmählich beruhigte, ebenso wie Aelins lodernder Kern an Magie. Sie atmete den kühlen Nebel und den Geruch des frischen Regens ein, sog sie tief in die Lungen. Ihre Magie reagierte mit einem Flackern, als gähnte sie ein Guten Morgen, und rollte sich dann auf die Seite, um weiterzuschlafen. In der Tat schliefen ihre Gefährten im Lager noch, vor dem Sturm geschützt durch einen unsichtbaren Schild, den Rowan beschworen hatte, und gegen die nördliche Kälte gewärmt, die selbst auf der Höhe des Sommers vorherrschte, von einer fröhlichen, rubinroten Flamme, die Aelin die ganze Nacht über hatte brennen lassen. Diese Flamme aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig die Gabe des Wassers beschwor, das Erbe ihrer Mutter, hatte sich als schwierig erwiesen. Aelin öffnete und schloss die Finger über dem Fluss. Am anderen Ufer, auf einem moosbewachsenen Felsbrocken, der sich an eine Eiche schmiegte, öffneten und schlossen sich zwei winzige, knochenweiße Finger, ein Spiegel ihrer eigenen Bewegungen. Aelin lächelte und sagte so leise, dass ihre Worte im Rauschen des Flusses und des Regens kaum hörbar waren: »Wenn du irgendwelche Tipps hast, Freund, würde ich sie liebend gern hören.« Die spindeldürren Finger huschten oben über den Felsen zurück – in den, wie in so viele Steine in diesen Wäldern, Symbole und Wirbel eingeritzt waren. Das Kleine Volk war ihnen gefolgt, seit sie die Grenze nach Terrasen überquert hatten. Unsere Eskorte , hatte Aedion behauptet, wann immer sie große, unergründliche Augen entdeckten, die aus einem Gewirr von Dornensträuchern blinzelten oder durch das dichte Blätterdach eines der mächtigen Bäume des Oakwalds spähten. Sie waren jedoch nie so nah herangekommen, dass Aelin sie auch nur ein einziges Mal hätte deutlich sehen können. Aber sie hatten kleine Geschenke gleich außerhalb der Grenzen von Rowans nächtlichen Schilden hinterlassen, ohne demjenigen von ihnen, der gerade Wache hielt, aufzufallen. Eines Morgens war es ein Kranz aus Waldveilchen gewesen. Aelin hatte ihn Evangeline gegeben, die den Kranz auf ihrem rotgoldenen Schopf getragen hatte, bis er auseinandergefallen war. Am nächsten Morgen warteten zwei Kränze: einer für Aelin und ein kleinerer für das vernarbte Mädchen. An einem anderen Tag hinterließ das Kleine Volk eine Nachbildung von Rowans Habichtgestalt, gefertigt aus gesammelten Spatzenfedern, Eicheln und den leeren Panzern von Käfern. Ihr Fae-Prinz hatte gelächelt, als er sie gefunden hatte – und trug sie seither in seiner Satteltasche mit sich. Die Erinnerung daran ließ auch Aelin lächeln. Obwohl die ständige Beobachtung durch das Kleine Volk gewisse Dinge schwieriger gemacht hatte … Es war jedenfalls weniger romantisch, sich mit Rowan zwischen die Bäume zu schleichen, wenn sie wussten, dass sie ein Publikum hatten. Oder wenn Aedion und Lysandra ihre stummen, glühenden Blicke so leid wurden, dass die beiden sich dürftige Vorwände ausdachten, um Aelin und Rowan für ein Weilchen außer Sicht- und Riechweite zu schaffen: Die Dame hatte ihr nicht existentes Taschentuch vor einer ganzen Weile auf dem nicht existenten Pfad fallen lassen; sie brauchten mehr Holzscheite für ein Feuer, das kein Holz benötigte, um zu brennen. Und was ihr gegenwärtiges Publikum betraf … Aelin spreizte die Finger über dem Fluss und ließ ihr Herz so still werden wie ein sonnengewärmter Waldteich, ließ ihren Geist seine normalen Fesseln sprengen. Ein Band aus Wasser flatterte aus dem Fluss nach oben, grau und klar, und Aelin wand es zwischen den gespreizten Fingern hindurch, als fädelte sie einen Webstuhl ein. Sie drehte das Handgelenk und bewunderte, wie sie ihre Haut durch das Wasser sehen konnte, ließ es an ihrer Hand hinunterfließen und sich um ihr Handgelenk winden. Sie sagte zu dem Feenwesen, das von jenseits des Felsens zuschaute: »Das gibt nicht viel her, um deinen Gefährten davon zu berichten, wie?« Hinter ihr waren plötzlich Schritte zu hören. Aelin wusste, dass Rowan das absichtlich tat; wenn er wollte, war er völlig lautlos. »Vorsicht, sonst legen sie dir beim nächsten Mal etwas Feuchtes und Kaltes in deinen Schlafsack.« Aelin zwang sich, das Wasser in den Strom zurückfließen zu lassen, bevor sie über eine Schulter schaute. »Glaubst du, man kann sich etwas von ihnen wünschen? Denn inzwischen würde ich mein Königreich für ein heißes Bad hergeben.« Rowans Blick funkelte, als sie sich anmutig erhob. Sie ließ den Schild sinken, den sie um sich herum errichtet hatte, um trocken zu bleiben, und der Dampf der unsichtbaren Flamme vermischte sich mit dem Nebel um sie herum. Der Fae-Prinz hob eine Augenbraue. »Sollte ich mir Sorgen machen, weil du so früh am Morgen schon so gesprächig bist?« Sie verdrehte die Augen und wandte sich dem Felsen zu, auf dem das Feenwesen Aelins lausige Versuche, Wasser zu meistern, beobachtet hatte. Aber nur regennasse Blätter und wabernder Nebel waren geblieben. Rowans starke Hände strichen über ihre Taille, zogen sie von hinten in seine Wärme hinein, und seine Lippen streiften ihren Hals, direkt unter ihrem Ohr. Aelin schmiegte sich mit dem Rücken an ihn, während sein Mund über ihre Kehle wanderte und ihre vom Nebel gekühlte Haut erwärmte. »Dir auch einen guten Morgen«, hauchte sie. Das Brummen, mit dem Rowan antwortete, ging ihr durch Mark und Bein. Sie hatten es nicht gewagt, in einem Rasthaus haltzumachen, selbst nachdem sie vor drei Tagen Terrasen erreicht hatten. Nicht solange noch immer so viele feindliche Augen auf die Straßen und Schankräume gerichtet waren. Nicht solange endlich Ströme von adarlanischen Soldaten aus Aelins von den Göttern verdammtem Reich hinausmarschierten – dank Dorians Erlassen. Vor allem da diese Soldaten genauso gut wieder hierher zurückmarschieren konnten, sollten sie sich dafür entscheiden, dem Ungeheuer in Morath zu folgen statt ihrem wahren König. »Wenn du so dringend ein Bad nehmen willst«, murmelte Rowan dicht an ihrem Hals, »ich habe ungefähr eine Viertelmeile hinter uns einen Teich entdeckt. Du könntest ihn erhitzen – für uns beide.« Sie strich mit den Fingernägeln über seine Handrücken, an seinen Unterarmen hinauf. »Ich würde alle Fische und Frösche darin kochen. Ich bezweifle, dass es dann sehr angenehm dort wäre.« »Zumindest hätten wir dann ein fertig zubereitetes Frühstück.« Sie lachte leise und Rowans Eckzähne kratzten über die empfindliche Stelle zwischen ihrem Hals und ihrer Schulter. Aelin grub die Finger in die kräftigen Muskeln seiner Unterarme und genoss die ihnen innewohnende Kraft. »Die Lords werden nicht vor Sonnenuntergang hier sein. Wir haben noch Zeit.« Ihre Worte waren atemlos, kaum mehr als ein Flüstern. Als sie die Grenze überquert hatten, hatte Aedion Boten zu den wenigen Lords geschickt, denen er vertraute, und das Treffen vorbereitet, das heute stattfinden sollte – auf dieser Lichtung, die Aedion all die langen Jahre über selbst für heimliche Rebellentreffen genutzt hatte. Sie waren frühzeitig eingetroffen, um das Gelände zu erkunden. Es gab keinerlei Spuren irgendwelcher Menschen: Aedion und die Bane hatten immer dafür gesorgt, dass alle Hinweise auf heimliche Treffen beseitigt wurden, bevor unfreundliche Blicke darauf fielen. Ihr Cousin und seine legendäre Legion hatten während des vergangenen Jahrzehnts so viel dazu beigetragen, die Sicherheit Terrasens zu gewährleisten. Und sie gingen noch immer keine Risiken ein, nicht einmal mit den Lords, die einst Gefolgsleute unter der Fahne ihres Onkels gewesen waren. »So verführerisch das auch sein mag«, sagte Rowan, der an ihrem Ohr knabberte und ihr das Denken damit schier unmöglich machte, »aber ich muss in einer Stunde aufbrechen.« Um den Weg vor ihnen auf mögliche Gefahren abzusuchen. Federzarte Küsse streiften ihr Kinn, ihre Wange. »Und was ich gesagt habe, gilt immer noch. Unser erstes Mal soll nicht an einen Baum gepresst stattfinden.« »Es wäre nicht an einem Baum – es wäre in einem Teich.« Ein dunkles Lachen auf ihrer nun brennenden Haut. Es kostete sie Anstren gung, nicht nach seinen Händen zu greifen und sie zu ihren Brüsten hochzuleiten, ihn anzubetteln, sie zu berühren, zu nehmen, zu kosten. »Weißt du, ich glaube langsam, dass du ein Sadist bist.« »Glaub mir, mir fällt es auch nicht leicht.« Er zog sie von hinten ein wenig fester an sich und ließ sie den Beweis für seine Worte eindrucksvoll auf ihrem Rücken spüren. Dann zog Rowan sich zurück und sie runzelte die Stirn bei dem Verlust seiner Wärme, dem Verlust seiner Hände, seines Körpers und seines Mundes. Als sie sich umdrehte, fand sie den Blick seiner kieferngrünen Augen auf sich gerichtet und die Erregung blitzte heller als jede Magie durch ihr Blut. Aber er sagte: »Warum bist du so früh bei so klarem Verstand?« Sie streckte ihm die Zunge heraus. »Ich habe die Wache für Aedion übernommen, da Lysandra und Fleetfoot laut genug geschnarcht haben, um Tote zu wecken.« Rowans Mundwinkel huschten nach oben, aber Aelin zuckte die Achseln. »Ich konnte ohnehin nicht schlafen.« Sein Kiefer verspannte sich, als er dorthin schaute, wo das Amulett unter ihrem Hemd und der dunklen Lederjacke verborgen war. »Stört dich der Wyrdschlüssel?« »Nein, das ist es nicht.« Sie hatte sich angewöhnt, das Amulett zu tragen, nachdem Evangeline einmal ihre Satteltaschen geplündert und die Halskette angelegt hatte. Sie hatten es nur entdeckt, weil das Kind, nachdem es sich gewaschen hatte, stolz mit dem Amulett von Orynth über seinen Reisekleidern zurückgekehrt war. Den Göttern sei Dank, dass sie damals tief im Oakwald gewesen waren, aber – Aelin ging keine weiteren Risiken ein. Vor allem da Lorcan immer noch glaubte, das echte Amulett in seinem Besitz zu haben. Sie hatten von dem unsterblichen Krieger nichts mehr gehört, seit er Rifthold verlassen hatte, und Aelin fragte sich oft, wie weit nach Süden er es geschafft hatte – ob er schon erkannt hatte, dass er einen falschen Wyrdschlüssel in dem gleichermaßen falschen Amulett von Orynth trug. Ob er entdeckt hatte, wo der König von Adarlan und Herzog Perrington die beiden anderen versteckt hatten. Nicht Perrington – Erawan. Ein Frösteln kroch ihr den Rücken hinunter, als hätte der Schatten Moraths hinter ihr Gestalt angenommen und ihr mit einem krallenbewehrten Finger über die Wirbelsäule gestrichen. »Es ist bloß … dieses Treffen.« Aelin wedelte mit der Hand. »Hätten wir es in Orynth abhalten sollen? Sich hier draußen im Wald zu treffen, kommt mir wie eine schäbige Nacht-und-Nebel-Aktion vor.« Rowans Blick wanderte abermals zum nördlichen Horizont. Es lag noch mindestens eine Woche zwischen ihnen und der Stadt – dem einst glorreichen Herzen ihres Königreichs. Dieses Kontinents. Und wenn sie dort ankamen, würde ein endloser Strom von Ratsversammlungen und Vorbereitungen und Entscheidungen warten, die nur Aelin fällen konnte. Dieses Treffen, das Aedion arrangiert hatte, würde nur der Anfang sein. Immerhin hatte er sie während der vergangenen Wochen bereits mit den Lords, die daran teilnehmen würden, vertraut gemacht. »Besser, mit klar benannten Verbündeten in die Stadt einzuziehen, als sie zu betreten, ohne zu wissen, was uns dort erwartet«, sagte Rowan schließlich. Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln und richtete einen vielsagenden Blick auf Goldryn, das quer über ihren Rücken geschnallt war, und auf die verschiedenen Messer, die sie gegürtet hatte. »Außerdem«, fügte er hinzu, »dachte ich immer, dass du Nacht-und-Nebel-Aktionen liebst.« Sie beantwortete diese Aussage mit einer unmissverständlichen Geste. Aedion war nicht nur vorsichtig bei der Wahl des Treffpunkts gewesen, sondern auch bei seinen Nachrichten an die Lords. Obwohl er ihnen vertraute, hatte er sie im Dunkeln darüber gelassen, wie viele in ihrer Gruppe reisten – und welche Talente sie hatten. Nur für alle Fälle. Auch wenn Aelin die Trägerin einer Waffe war, die dieses ganze Tal hätte auslöschen können, zusammen mit den grauen Staghorns, die darüber wachten. Und das war nur ihre Magie. Rowan spielte mit einer Strähne ihres Haares – das ihr wieder bis über die Schultern reichte. »Du machst dir Sorgen, weil Erawan sich noch nicht gerührt hat.« Sie sog scharf die Luft ein. »Worauf wartet er? Sind wir Narren, dass wir eine Einladung erwarten, gegen ihn loszuziehen? Oder erlaubt er es uns, unsere Kräfte zu bündeln, erlaubt er es mir , mit Aedion zurückzukehren, um die Bane zu holen und daneben noch eine größere Armee auszuheben, nur damit er sich an unserer maßlosen Verzweiflung weiden kann, wenn wir scheitern?« Rowans Finger in ihrem Haar erstarrten. »Du hast Aedions Boten gehört. Diese Explosion hat einen ordentlichen Teil von Morath vernichtet. Er baut es vielleicht selbst wieder auf.« »Niemand hat sich zu dieser Explosion bekannt. Ich traue der Sache nicht.« »Du traust nichts und niemandem.« Sie sah ihm in die Augen. »Ich traue dir.« Rowan strich ihr mit einem Finger über die Wange. Der Regen war wieder stärker geworden, sein leises Plätschern meilenweit das einzige Geräusch. Aelin stellte sich auf die Zehenspitzen. Sie spürte die ganze Zeit Rowans Blicke auf sich, spürte, wie sein Körper mit raubtierhafter Konzentration ganz reglos wurde, als sie seinen Mundwinkel küsste, die Wölbung seiner Lippen, den anderen Mundwinkel. Sanfte, quälende Küsse. Dazu gedacht herauszufinden, wer von ihnen beiden als Erster einknickte. Es war Rowan. Er schnappte scharf nach Luft, packte ihre Hüften und zog sie an sich, während er seinen Mund auf ihren drückte und den Kuss vertiefte, bis ihre Knie unter ihr nachzugeben drohten. Seine Zunge streifte ihre – sanfte, sichere Bewegungen, die ihr ganz genau verrieten, wie es sich mit ihm anfühlen würde. Ihr Blut fing Feuer und das Moos unter ihnen zischte, als der Regen sich in Dampf verwandelte. Aelin löste sich aus dem Kuss, schwer atmend und zufrieden, festzustellen, dass Rowans Brust sich in einem ungleichmäßigen Rhythmus hob und senkte. So neu – diese Sache zwischen ihnen war immer noch so neu, so roh. Es verzehrte sie vollkommen. Das Verlangen war nur der Anfang. Rowan ließ ihre Magie singen. Und vielleicht war es das Carranam- Band zwischen ihnen, aber ihre Magie wollte mit seiner tanzen. Und nach dem Frost zu urteilen, der in seinen Augen funkelte, wusste sie, dass die seine das Gleiche verlangte. Rowan beugte sich vor, bis seine Stirn ihre berührte. »Bald«, versprach er, seine Stimme rau und leise. »Lass uns irgendwohin gelangen, wo es sicher ist – an einen Ort, der sich verteidigen lässt.« Weil für ihn ihre Sicherheit immer an erster Stelle stehen würde. Für ihn würde es immer an erster Stelle stehen, sie zu beschützen, sie am Leben zu erhalten. Ihr Herz zog sich zusammen und sie wich zurück, um eine Hand an sein Gesicht zu legen. Rowan las die Sanftheit in ihren Augen, in ihrem Körper, und seine eigene angeborene Wildheit wich einer Sanftmut, die nur sehr wenige jemals sehen würden. Ihre Kehle schmerzte von der Anstrengung, die Worte zurückzuhalten. Sie war schon seit einer ganzen Weile in ihn verliebt. Länger, als sie sich eingestehen wollte. Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob er genauso emp fand. Diese Dinge – diese Wünsche – standen ganz unten auf einer sehr, sehr langen und blutigen Liste von Prioritäten. Also küsste Aelin Rowan sanft und seine Hände schlossen sich einmal mehr um ihre Hüften. »Feuerherz«, sagte er dicht an ihrem Mund. »Habicht«, murmelte sie an seinem. Rowan lachte und das Grollen hallte in ihrer Brust wider. Aus dem Lager zwitscherte Evangelines süße Stimme durch den Regen: »Ist es Zeit fürs Frühstück?« Aelin schnaubte. Und tatsächlich, Fleetfoot und Evangeline stupsten jetzt die arme Lysandra an, die sich neben dem unsterblichen Feuer als Geisterleopard ausgestreckt hatte. Aedion lag auf der anderen Seite des Feuers, so reglos wie ein Steinbrocken. Fleetfoot würde ihn wahrscheinlich als Nächstes anspringen. »Das kann kein gutes Ende nehmen«, murmelte Rowan. Evangeline heulte: »Eeeeeessen!« Das Jaulen, mit dem Fleetfoot antwortete, folgte einen Moment später. Dann bebte die Luft von Lysandras Knurren, das Mädchen und Hund zum Schweigen brachte. Rowan lachte wieder – und Aelin wusste, dass sie dieses Lachen niemals leid werden würde. Dieses Lächeln. »Wir sollten Frühstück machen«, sagte er und wandte sich dem Lager zu, »bevor Evangeline und Fleetfoot die ganze Lagerstätte plündern.« Aelin kicherte, schaute aber noch ein letztes Mal über ihre Schulter – zu dem Wald, der sich bis zu den Staghorns erstreckte – und zu den Lords, die hoffentlich bereits auf dem Weg nach Süden waren – um zu entscheiden, wie sie mit dem drohenden Krieg umgehen würden … und damit, ihre zerstörten Königreiche wieder aufzubauen. Als sie zurückschaute, hatte Rowan das Lager fast erreicht. Evange lines rotgoldenes Haar blitzte auf, als sie zwischen die tropfenden Bäume hüpfte und den Prinzen um Toast und Eier anbettelte. Ihre Familie – und ihr Königreich. Zwei Träume, die sie lange verloren geglaubt hatte, begriff sie, als der nördliche Wind ihr das Haar zerzauste. Zu deren Schutz sie alles tun würde – sich verkaufen, sich zugrunde richten. Aelin wollte gerade ins Lager aufbrechen, um Evangeline Rowans Kochkünste zu ersparen, als sie den Gegenstand auf dem Felsbrocken am anderen Ufer des Baches bemerkte. Mit einem Satz war sie auf der anderen Seite und besah sich sorgfältig, was die Fee zurückgelassen hatte. Geformt aus Zweigen, Spinnweben und Fischschuppen, war der winzige Wyvern genau getroffen, seine Flügel weit gespreizt und sein Maul mit den Dornenfangzähnen zum Brüllen geöffnet. Aelin ließ den Wyvern, wo er war, aber sie wandte ihren Blick nach Süden, auf die uralten Baumkronen des Oakwalds und auf Morath, das weit dahinter aufragte. Dort lauerte Erawan, der wiedergeborene König, der sie mit seiner Heerschar von Ironteeth-Hexen und Valg-Fußsoldaten erwartete. Und Aelin Galathynius, Königin von Terrasen, wusste, dass die Zeit bald kommen würde zu beweisen, wie sehr sie für Erilea zu bluten bereit war. *** Es war praktisch, dachte Aedion Ashryver, mit zwei begabten Magiern zu reisen. Vor allem bei so saumäßigem Wetter. Die Regenfälle hielten den ganzen Tag an, während sie sich auf das Treffen vorbereiteten. Rowan war schon zweimal nach Norden geflogen, um das Vorankommen der Lords zu überwachen, hatte sie aber weder gesehen noch gewittert. Niemand wagte sich bei diesem Wetter auf die berüchtigten schlammigen Straßen von Terrasen. Doch da Ren Allsbrook Teil der Reisegesellschaft war, hatte Aedion kaum Zweifel, dass sie sich ohnehin bis Sonnenuntergang im Verborgenen halten würden. Es sei denn, das Wetter hatte sie aufgehalten. Was durchaus sein konnte. Donner krachte, so nah, dass die Bäume bebten. Blitze zuckten mit wenigen Atempausen auf und zeichneten die durchweichten Blätter in Silber, beleuchteten die Welt so grell, dass seine Fae-Sinne geblendet wurden. Aber zumindest war er trocken. Und er hatte es warm. Sie hatten sich so gründlich abseits von Städten, Dörfern und geschäftigen Straßen gehalten, dass Aedion nicht einschätzen konnte, wie viele Magiekundige aus ihren Verstecken gekrochen waren – oder wer jetzt alles die Rückkehr seiner magischen Gaben genoss. Er hatte nur einmal ein kleines Mädchen gesehen, nicht älter als neun, das Wasserranken über dem einsamen Springbrunnen ihres Dorfes gewebt hatte, zur Unterhaltung und zum Entzücken einer Traube von Kindern. Erwachsene hatten mit unbewegten Mienen das Treiben aus den Schatten verfolgt, aber keiner hatte eingegriffen, weder im Guten noch im Bösen. Aedions Boten hatten bereits bestätigt, dass die meisten Menschen jetzt wussten, dass der König von Adarlan seine dunklen Kräfte benutzt hatte, um während der letzten zehn Jahre die Magie zu unterdrücken. Aber trotzdem bezweifelte er, dass jene, die erst unter ihrem Verlust und dann unter der Auslöschung ihrer Art gelitten hatten, ihre Kräfte in absehbarer Zeit unbefangen zeigen würden. Zumindest bis Leute wie seine Gefährten und dieses Mädchen auf dem Dorfplatz der Welt zeigten, dass es ungefährlich war, seine Magie anzuwenden. Dass ein Mädchen mit einer Gabe für Wasser ein Segen für ihr Dorf war und das umliegende Ackerland gedeihen lassen konnte. Aedion schaute stirnrunzelnd in den sich verdunkelnden Himmel und drehte müßig das Schwert von Orynth zwischen den Händen. Noch bevor die Magie verschwunden war, hatte man eine Art mehr gefürchtet als alle anderen. Die Träger dieser Gabe waren bestenfalls Ausgestoßene gewesen, schlimmstenfalls tot. An den Höfen aller Länder waren sie jahrhundertelang als Spione und Assassinen verfolgt worden. Aber an seinem Hof … Ein entzücktes kehliges Schnurren grollte durch ihr kleines Lager und Aedion richtete den Blick auf den Gegenstand seiner Überlegungen. Evangeline kniete auf ihrer Schlafmatte und summte vor sich hin, während sie sanft eine Pferdebürste durch Lysandras Fell zog. Er hatte Tage gebraucht, um sich an die Geisterleopardengestalt zu gewöhnen. Durch seine Jahre in den Staghorns war seine intuitive Reaktion auf ihren Anblick Todesangst. Aber da war Lysandra, die Krallen eingezogen, auf dem Bauch ausgestreckt, während ihr Mündel sie striegelte. Spionin und Assassine, wahrhaftig. Ein Lächeln umspielte seine Lippen beim Anblick der hellgrünen Augen, deren Lider vor Wonne halb geschlossen waren. Das würde ein prächtiger Anblick für die Lords sein, wenn sie ankamen. Die Gestaltwandlerin hatte diese Wochen der Reise genutzt, um neue Formen auszuprobieren: Vögel, Tiere, Insekten, die allesamt die Neigung besaßen, an seinem Ohr zu summen oder ihn zu beißen. Selten – so selten – hatte Lysandra die menschliche Gestalt angenommen, in der er sie kennengelernt hatte. Wenn man bedachte, was ihr in diesem menschlichen Körper alles angetan – wozu sie darin alles gezwungen worden war, machte Aedion ihr keinen Vorwurf. Obwohl sie eine menschliche Gestalt würde annehmen müssen, sobald sie an Aelins Hof als Hofdame vorgestellt wurde. Er fragte sich, ob sie ihr altes, wunderschönes Gesicht verwenden würde oder ob sie eine andere menschliche Gestalt finden würde, die ihr gefiel. Mehr als das fragte er sich oft, wie es sich wohl anfühlte, in der Lage zu sein, Knochen, Haut und Haare zu ändern – obwohl er sich nicht danach erkundigt hatte. Hauptsächlich weil Lysandra nie lange genug in Menschengestalt geblieben war, um das zu tun. Aedion blickte zu Aelin, die mit Fleetfoot auf dem Schoß auf der anderen Seite des Feuers saß und mit den langen Ohren des Hundes spielte – und wartete, wie sie alle es taten. Doch seine Cousine musterte die uralte Klinge – die Klinge ihres Vaters –, die Aedion so salopp herumwirbelte und von einer Hand in die andere warf, jeder Zoll des Metallgriffs und des angeschlagenen Knochenknaufs ihm so vertraut wie sein eigenes Gesicht. Ein Ausdruck von Kummer flackerte in ihren Augen auf, so schnell wie ein Blitz am Himmel, und verschwand dann wieder. Bei ihrem Aufbruch aus Rifthold hatte sie ihm das Schwert zurückgegeben und sich dafür entschieden, stattdessen Goldryn zu tragen. Er hatte versucht, sie zu überreden, Terrasens heilige Klinge zu behalten, aber sie hatte darauf beharrt, dass sie in seinen Händen besser aufgehoben sei, dass er diese Ehre mehr verdiene als jeder andere, sie selbst eingeschlossen. Sie war immer stiller geworden, je weiter sie nach Norden gekommen waren. Vielleicht hatten die Wochen auf der Straße sie zu viel Kraft gekostet. Nach der heutigen Nacht würde er, je nachdem, was die Lords berichteten, versuchen, ein stilles Plätzchen für sie zu finden, wo sie sich ein oder zwei Tage ausruhen konnte, bevor sie zur letzten Etappe des Marschs nach Orynth aufbrachen. Aedion stand auf, schob das Schwert in die Scheide neben dem Messer, das Rowan ihm geschenkt hatte, und schritt auf sie zu. Fleetfoot klopfte zur Begrüßung seinen fedrigen Schwanz auf den Boden, als er sich neben seine Königin setzte. »Du könntest einen Haarschnitt gebrauchen«, bemerkte sie. Tatsächlich war sein Haar länger als sonst. »Es ist fast genauso lang wie meins.« Sie runzelte die Stirn. »Damit sehen wir so aus, als hätten wir uns abgesprochen.« Aedion schnaubte und streichelte den Kopf des Hundes. »Was wäre schon dabei?« Aelin zuckte die Achseln. »Wenn du auch anfangen willst, unsere Kleidung aufeinander abzustimmen, bin ich dabei.« Er grinste. »Die Bane würden mich damit bis in alle Ewigkeit aufziehen.« Seine Legion lagerte jetzt direkt außerhalb von Orynth, wo er ihnen befohlen hatte, die Verteidigung der Stadt zu verstärken und zu warten. Darauf zu warten, für sie zu töten und zu sterben. Und mit dem Geld, das Aelin im Frühjahr mit List und mörderischer Tücke ihrem früheren Meister abgeluchst hatte, konnten sie sich eine Armee kaufen, die der Bane folgen würde. Vielleicht auch noch Söldner. Der Funke in Aelins Augen erstarb ein wenig, als dächte auch sie über all das nach, was das Gebieten über seine Legion beinhaltete. Die Risiken und Kosten – nicht in Gold, sondern in Leben. Aedion hätte schwören können, dass das Lagerfeuer ebenfalls schwächer flackerte. Sie hatte während der vergangenen Jahre getötet und gekämpft, ihr Leben riskiert und war oft nur knapp dem Tod entronnen. Doch er wusste, dass sie sich dagegen sträuben würde, das Leben anderer zu riskieren, Soldaten – ihn – in den Kampf zu schicken. Eine Armee zu befehligen – mit allem, was dazugehörte – war ihre erste Prüfung als Königin. Aber davor … dieses Treffen. »Du erinnerst dich an alles, was ich dir über sie erzählt habe?« Aelin warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. »Ja, ich erinnere mich an alles, Cousin.« Sie bohrte ihm einen Finger fest in die Rippen, genau an der Stelle, wo die noch immer verheilende Tätowierung lag, die Rowan ihm vor drei Tagen gestochen hatte. All die Namen der Menschen, auf die sie hier warteten, umschlungen von einem komplizierten Muster Terrasens, ganz in der Nähe seines Herzens. Aedion zuckte zusammen, als sie ihm in das wunde Fleisch stach, und schlug ihre Hand weg, während sie rezitierte: »Murtaugh war ein Bauernsohn, heiratete jedoch Rens Großmutter. Obwohl er nicht in die Allsbrooklinie hineingeboren wurde, ist er das Oberhaupt der Familie, trotz seines Beharrens darauf, dass Ren den Titel annehmen soll.« Sie schaute himmelwärts. »Darrow ist der wohlhabendste Landbesitzer nach deiner Wenigkeit, und darüber hinaus herrscht er über die wenigen überlebenden Lords, größtenteils aufgrund der Jahre, in denen er während der Besetzung geschickt mit Adarlan umgegangen ist.« Sie warf ihm einen Blick zu, der scharf genug war, um Haut aufzuschlitzen. Aedion hob abwehrend die Hände. »Ich will einfach sichergehen, dass alles glatt verläuft. Kannst du mir daraus einen Vorwurf machen?« Sie zuckte die Achseln, ließ aber von ihm ab. »Darrow war der Geliebte deines Onkels«, fügte er hinzu und streckte die Beine von sich. »Jahrzehntelang. Er hat mit mir kein einziges Mal über deinen Onkel gesprochen, aber … sie haben sich sehr nahgestanden, Aelin. Darrow hat zwar nicht öffentlich um Orlon getrauert, abgesehen von dem, was von ihm erwartet wurde nach dem Dahinscheiden eines Königs. Doch er war danach ein anderer Mensch. Jetzt ist er ein hartgesottener Bastard, wenn auch immer noch ein fairer. Ein Großteil von dem, was er getan hat, hat er aus unsterblicher Liebe zu Orlon getan – und für Terrasen. Allein sein geschicktes Handeln hat verhindert, dass wir vollkommen ausgehungert und mittellos wurden. Vergiss das nicht.« Tatsächlich hatte Darrow es verstanden, dem König von Adarlan zu dienen und gleichzeitig seine Macht zu untergraben. »Ich weiß«, brachte sie gepresst hervor. Er setzte sie zu sehr unter Druck – dieser Tonfall war wahrscheinlich ihre erste und letzte Warnung, dass er sie langsam auf die Palme brachte. Er hatte viele der Meilen, die sie während der letzten Tage zurückgelegt hatten, damit ver bracht, ihr von Ren zu erzählen und von Murtaugh und Darrow. Aedion war sich sicher, dass sie mittlerweile deren Ländereien aus dem Gedächtnis herunterbeten konnte, dass sie wusste, welche Getreide sie anbauten, welches Vieh sie großzogen und mit welchen Waren sie handelten; dass sie ihre Ahnen kannte sowie die Toten und die überlebenden Familienmitglieder aus dem letzten Jahrzehnt. Aber sie ein letztes Mal damit zu nerven, sicherzugehen, dass sie alles wusste … er konnte einfach nicht anders. Nicht wenn so viel auf dem Spiel stand. In seiner Habichtgestalt hielt Rowan auf einem hohen Ast Ausschau, klickte mit dem Schnabel und flatterte dann in den Regen. Aedion erhob sich, suchte den Wald mit Blicken ab, lauschte. Nur das Plätschern von Regen auf Blättern drang an seine Ohren. Lysandra streckte sich und bleckte dabei ihre langen Zähne. Sie fuhr ihre nadelspitzen Krallen aus, die im Feuerschein schimmerten. Bis Rowan das Entwarnungssignal gab – bis nur noch diese Lords da waren und niemand sonst –, galten weiterhin die Sicherheitsvorkehrungen, die sie abgesprochen hatten. Evangeline kroch, wie sie es ihr beigebracht hatten, zum Feuer. Die Flammen teilten sich vor ihr wie aufgezogene Vorhänge, um das Kind, dessen Furcht und Herandrängen sie spürten, und Fleetfoot in einen inneren Ring vorzulassen, der sie nicht verbrennen, sehr wohl jedoch die Knochen ihrer Feinde zu Asche zerfallen lassen würde. Aelin schaute Aedion nur in stummem Befehl an und er trat auf die westliche Seite des Feuers, während Lysandra einen Platz an der südlichen Seite einnahm. Aelin übernahm den Norden, schaute aber nach Westen – dorthin, wo Rowan flügelschlagend entschwunden war. Eine trockene, heiße Brise zog durch ihre kleine Schutzblase und Funken tanzten wie Glühwürmchen um Aelins Finger herum, während sie die Hand locker an der Seite herabhängen ließ. Mit der anderen Hand hielt sie Goldryn umfasst und der Rubin in seinem Griff leuchtete hell wie Glut. Blätter raschelten und Äste knackten und das Schwert von Orynth schimmerte golden und rot im Schein von Aelins Flammen, als Aedion es herauszog. Den uralten Dolch, den Rowan ihm geschenkt hatte, hielt er in der anderen Hand. Rowan hatte Aedion – und genau genommen ihnen allen – in diesen Wochen vieles über Traditionen beigebracht. Über die lang vergessenen Traditionen und Kodizes der Fae, selbst an Maeves Hof größtenteils vernachlässigt. Aber hier waren sie wiedergeboren worden und wurden nun umgesetzt, als sie alle in die Rollen schlüpften und die Pflichten übernahmen, die sie besprochen und sich ausgesucht hatten. Rowan tauchte in seiner Fae-Gestalt aus dem Regen auf, sein silbernes Haar klebte ihm am Kopf, seine Tätowierung stach auf seinem gebräunten Gesicht hervor. Keine Spur von den Lords. Aber Rowan hielt sein Jagdmesser an die nackte Kehle eines jungen Mannes mit schmaler Nase gepresst und eskortierte ihn zum Feuer – die von der Reise schmutzigen und durchnässten Kleider des Fremden zeigten Darrows Wappen, einen angreifenden Dachs. »Ein Bote«, knirschte Rowan. *** Aelin beschloss an Ort und Stelle, dass sie Überraschungen nicht besonders mochte. Die blauen Augen des Boten waren weit aufgerissen, aber sein vom Regen feuchtes, sommersprossiges Gesicht war ruhig. Gefasst. Selbst als er Lysandra betrachtete, deren Reißzähne im Lichte des Feuers golden schimmerten. Selbst als Rowan ihn vorwärtsstieß, das grausame Messer immer noch an seiner Kehle. Aedion deutete ruckartig mit dem Kinn auf Rowan. »Er kann die Botschaft nicht gut mit einer Klinge an seiner Luftröhre überbringen.« Rowan ließ die Waffe sinken, behielt das Messer aber weiter in der Hand und entfernte sich nicht mehr als einen Schritt von dem Mann. Aedion fragte: »Wo sind sie?« Der Mann verneigte sich schnell vor ihrem Cousin. »In einer Taverne, vier Meilen von hier entfernt, General …« Die Worte erstarben, als Aelin endlich um das Feuer herumkam. Sie ließ es weiterhin hoch brennen und verbarg Evangeline und Fleetfoot darin. Der Bote stieß einen leisen Laut aus. Er wusste es. Nach der Art zu urteilen, wie er zwischen ihr und Aedion hin und her schaute und die gleichen Augen sah, die gleiche Haarfarbe … er wusste Bescheid. Und als hätte ihn der Gedanke wie ein Schlag getroffen, verbeugte der Bote sich. Aelin beobachtete, wie der Mann den Blick senkte, beobachtete seinen entblößten Nacken, seine vom Regen glänzende Haut. Ihre Magie siedete in ihr als Reaktion darauf. Und dieses Ding – diese grauenvolle Macht, die um ihren Hals hing – schien angesichts all des Aufruhrs ein uraltes Auge zu öffnen. Der Bote versteifte sich und riss bei Lysandras lautlosem Nahen die Augen auf. Ihre Schnurrhaare zuckten, als sie seine nassen Kleider beschnupperte. Er war klug genug, still zu stehen. »Ist das Treffen abgesagt?«, fragte Aedion gepresst und suchte wieder den Wald ab. Der Mann zuckte zusammen. »Nein, General – aber sie wollen, dass Ihr in die Taverne kommt, in der sie abgestiegen sind. Wegen des Regens.« Aedion verdrehte die Augen. »Geh und sag Darrow, dass er seinen Kadaver hier herschwingen soll. Das bisschen Wasser wird ihn schon nicht umbringen.« »Es ist nicht Lord Darrow«, antwortete der Mann schnell. »Bei allem nötigen Respekt, Lord Murtaughs Kräfte haben in diesem Sommer nachgelassen. Lord Ren wollte nicht, dass er in die Dunkelheit und den Regen hinausgeht.« Der alte Mann war in diesem Frühjahr wie ein Dämon aus der Hölle durch die Königreiche geritten, erinnerte Aelin sich. Vielleicht hatte das seinen Tribut gefordert. Aedion seufzte. »Du weißt, dass wir die Taverne zuerst auskundschaften müssen. Das Treffen wird später stattfinden, als sie wollen.« »Natürlich, General. Damit rechnen sie.« Der Bote krümmte sich, als er schließlich Evangeline und Fleetfoot in dem sicheren Ring der Flammen erspähte. Und trotz des bewaffneten Fae-Prinzen neben ihm, trotz des Geisterleoparden mit ausgefahrenen Krallen, der ihn beschnupperte, wurde er beim Anblick von Aelins Feuer totenbleich. »Aber sie warten – und Lord Darrow ist ungeduldig. Es macht ihn unruhig, sich draußen vor Orynths Mauern aufzuhalten. Dieser Tage macht uns das alle nervös.« Aelin schnaubte leise. In der Tat. 3 M anon Blackbeak stand am Anfang der langen, dunklen Brücke nach Morath in Habachtstellung und beobachtete, wie der Zirkel ihrer Großmutter aus den grauen Wolken herabstieß. Selbst mit all den Säulen und Wolken aus Rauch von den unzähligen Schmieden waren die voluminösen obsidianschwarzen Gewänder der Oberhexe des Blackbeak-Klans unverkennbar. Niemand sonst kleidete sich so wie die Klanmutter. Ihr Zirkel kam aus der schweren Wolkendecke gerauscht und hielt respektvollen Abstand zu der Klanmutter und der zusätzlichen Reiterin, die ihren gewaltigen Bullen flankierte. Manon, ihre Dreizehn in Reih und Glied hinter sich, regte sich nicht, als die Wyvern und ihre Reiterinnen auf den dunklen Steinen des Innenhofs jenseits der Brücke landeten. Tief unter ihr wetteiferte das Brüllen eines dreckigen, toten Flusses mit dem Kratzen von Klauen auf Stein und dem Rascheln sich anlegender Flügel. Ihre Großmutter war nach Morath gekommen. Oder zu den zwei Dritteln davon, die nicht in Schutt und Asche gelegt worden waren. Asterin sog zischend den Atem ein, als Manons Großmutter mit einer flüssigen Bewegung absaß und stirnrunzelnd zu der schwarzen Festung schaute, die hinter Manon und ihrer Dreizehn aufragte. Her zog Perrington wartete bereits in seinem Ratssaal und Manon hatte keinerlei Zweifel, dass sein Schoßhündchen, Lord Vernon, sein Bestes tun würde, bei jeder Gelegenheit ihre Position zu untergraben und sie aus dem Konzept zu bringen. Falls Vernon etwas unternehmen sollte, um sich Manons zu entledigen, dann würde er es jetzt tun – wenn ihre Großmutter selbst sah, was Manon geleistet hatte. Und was ihr misslungen war. Manon hielt den Rücken gerade, als ihre Großmutter über die breite, steinerne Brücke stolzierte, ihre Schritte übertönt vom Rauschen des Flusses, dem Schlagen ferner Flügel und den Schmieden, die Tag und Nacht arbeiteten, um ihre Armee auszurüsten. Als sie das Weiße in den Augen ihrer Großmutter sehen konnte, verneigte Manon sich. Das Knarzen lederner Fliegermonturen verriet ihr, dass die Dreizehn ihrem Beispiel gefolgt war. Als Manon den Kopf hob, stand ihre Großmutter vor ihr. Der Tod, grausam und schlau, wartete in diesen goldgesprenkelten, onyxschwarzen Augen. »Bring mich zum Herzog«, sagte die Klanmutter anstelle einer Begrüßung. Manon spürte, wie ihre Dreizehn sich versteifte. Nicht wegen der Worte, sondern weil der Zirkel der Oberhexe ihr jetzt auf dem Fuß folgte. Selten – sehr selten geschah es, dass sie sie begleiteten, sie bewachten. Aber Morath war eine Festung von Männern – und Dämonen. Und dies würde ein längerer Aufenthalt werden, wenn nicht sogar ein dauerhafter, nach der Tatsache zu urteilen, dass ihre Großmutter die schöne, dunkelhaarige junge Hexe mitgebracht hatte, die ihr zurzeit das Bett wärmte. Die Klanmutter wäre eine Närrin gewesen, keinen zusätzlichen Schutz mitzubringen. Selbst wenn die Dreizehn genügt hätte. Hätte genügen sollen. Es kostete sie Kraft, angesichts der möglichen Bedrohung nicht die Eisennägel auszufahren. Manon verneigte sich abermals und trat durch die turmhohen, offenen Türen Moraths. Die Dreizehn teilte sich für Manon und die Klanmutter, als sie vorbeigingen, dann schloss sie ihre Reihen wieder wie ein tödlicher Schleier. Keine Risiken – nicht wenn es um die Erbin und die Klanmutter ging. Manons Schritte waren fast lautlos, als sie ihre Großmutter durch die dunklen Flure führte, die Dreizehn und den Zirkel der Klanmutter dicht hinter sich. Die Diener waren nirgends zu sehen, entweder weil sie spioniert hatten und wussten, was sie in den Fluren erwartete, oder weil irgendein menschlicher Instinkt sie fernhielt. Die Klanmutter richtete das Wort an Manon, als sie die erste von vielen Wendeltreppen hinaufgingen, die zu dem neuen Ratssaal des Herzogs führten. »Gibt es irgendetwas zu berichten?« »Nein, Großmutter.« Manon unterdrückte den Drang, einen Seitenblick auf die Hexe zu werfen – auf das silbern melierte, immer noch dunkle Haar, die bleichen Gesichtszüge, in die sich uralter Hass gegraben hatte, die verrosteten Zähne, die sie unentwegt zur Schau stellte. Das Antlitz der Oberhexe, die Manons Zweite gebrandmarkt hatte. Die Asterins tot geborenes Hexenkind ins Feuer geworfen und ihr das Recht verwehrt hatte, es auch nur ein einziges Mal zu halten. Die ihre Zweite sodann verprügelt und gebrochen und sie zum Sterben in den Schnee geworfen hatte, und die Manon fast ein Jahrhundert lang darüber belogen hatte. Manon fragte sich, welche Gedanken Asterin jetzt durch den Kopf gingen, während sie ihren Weg fortsetzten. Fragte sich, was Sorrel und Vesta durch den Kopf ging, die Asterin im Schnee gefunden hatten. Und sie dann geheilt hatten. Und die Manon ebenfalls nie davon erzählt hatten. Das Geschöpf ihrer Großmutter – das war Manon. Es war ihr nie hassenswert erschienen. »Hast du herausgefunden, wer die Explosion verursacht hat?« Die Gewänder der Klanmutter wirbelten hinter ihr her, als sie in den langen, schmalen Flur traten, der zum Ratssaal des Herzogs führte. »Nein, Großmutter.« Der Blick dieser goldgesprenkelten, schwarzen Augen schnellte zu ihr. »Wie praktisch, Schwarmführerin, dass du dich über die Zuchtexperimente des Herzogs beschwerst – und die Yellowlegs dann nur Tage später eingeäschert werden.« Und das ist auch besser so , hätte Manon beinahe gesagt. Trotz der Zirkel, die sie bei der Explosion verloren hatten, war es verflucht noch mal besser, dass die Zucht dieser Yellowlegs-Valg-Hexenbälger beendet war. Manon spürte, mehr als dass sie es sah oder hörte, dass ihre Dreizehn die Aufmerksamkeit immer mehr auf den Rücken ihrer Großmutter richtete. Und vielleicht durchfuhr Manon so etwas wie Furcht. Wegen der kaum verhohlenen Anklage der Klanmutter – und wegen der Veränderung in ihrer Dreizehn, die sich vollzog. Schon seit einiger Zeit vollzogen hatte. Auflehnung. Während dieser letzten Monate hatte sich die Dreizehn begonnen aufzulehnen. Wenn die Oberhexe davon erfuhr, würde sie Manon an einen Pfahl fesseln und ihr den Rücken peitschen, bis ihr die Haut in Fetzen herunterhing. Sie würde die Dreizehn zwingen zuzuschauen, um ihnen zu beweisen, dass es nicht in ihrer Macht stand, ihre Erbin zu verteidigen, und ihnen dann dieselbe Behandlung zuteilwerden lassen. Zum Abschluss würde sie die Wunden vielleicht noch mit Salzwasser übergießen. Um dann wieder von vorn anzufangen. Tag für Tag. Manon entgegnete kühl: »Ich habe ein Gerücht gehört, dass es das Haustierchen des Herzogs war – diese Menschenfrau. Aber da sie in dem Feuer eingeäschert wurde, kann es niemand bestätigen. Ich wollte deine Zeit nicht mit Tratsch und Theorien verschwenden.« »Sie war an ihn gebunden.« »Ihr Schattenfeuer war es anscheinend nicht.« Schattenfeuer – die gewaltige, alles Leben vernichtende Macht. Kombiniert mit den mit Spiegeln ausgekleideten Hexentürmen, die die drei Klanmütter in der Ferianschlucht erbaut hatten, wäre eine Waffe entstanden, die ihre Feinde binnen Sekunden verbrannt hätte. Aber Kaltain war fort und mit ihr auch die Drohung totaler Vernichtung. Auch wenn der Herzog jetzt, da der König tot war, keinen anderen Herrn duldete. Den Anspruch des Kronprinzen auf den Thron hatte er nicht anerkannt. Ihre Großmutter sagte nichts, als sie weitergingen. Es gab noch einen weiteren Spielstein auf dem Brett – der Prinz mit den saphirfarbenen Augen, der einst in den Fängen eines Valg-Fürsten gewesen war. Jetzt war er frei und verbündet mit dieser goldhaarigen jungen Königin. Sie erreichten den Ratssaal und Manon löschte alle Gedanken aus ihrem Kopf, als die Wachen mit leeren Gesichtern die schwarzen Steintüren für sie öffneten. Manons Sinne gelangten zu einer tödlichen Ruhe, sobald sie einen Blick auf den ebenholzschwarzen Glastisch und die Person dahinter erhaschte. Vernon: hochgewachsen, schlaksig, ewig grinsend, gekleidet in Terrasengrün. Und ein ihr unbekannter goldhaariger Mann, seine Haut bleich wie Elfenbein. Keine Spur vom Herzog. Der Fremde drehte sich zu ihnen um. Selbst ihre Großmutter stutzte. Nicht wegen der Schönheit des Mannes, nicht wegen der Kraft seines wohldefinierten Körpers oder der feinen, schwarzen Kleider, die er trug. Sondern wegen dieser goldenen Augen. Zwillinge von Manons Augen. Es waren die Augen der Valg-Könige. *** Manon machte eine Bestandsaufnahme der Ausgänge, der Fenster und der Waffen, die sie benutzen würde, sollten sie sich ihren Weg ins Freie erkämpfen müssen. Instinktiv trat sie vor ihre Großmutter; dank ihrer Ausbildung hatte sie zwei Messer in der Hand, bevor der goldäugige Mann überhaupt blinzeln konnte. Aber der Mann richtete bloß den Blick seiner Valg-Augen auf sie. Und lächelte. »Schwarmführerin.« Er wandte sich ihrer Großmutter zu und neigte den Kopf. »Klanmutter.« Die Stimme war sinnlich und wunderschön und grausam. Aber der Ton, die Forderung darin … Irgendetwas in Vernons Grinsen wirkte mit einem Mal angespannt, seine sonst gebräunte Haut bleich. »Wer seid Ihr?«, fragte Manon den Fremden, und es war eher ein Befehl als eine Frage. Der Mann deutete mit dem Kinn auf die freien Plätze am Tisch. »Ihr wisst ganz genau, wer ich bin, Manon Blackbeak.« Perrington. Irgendwie in einem anderen Körper. Denn … Denn dieses anderweltliche, abscheuliche Geschöpf, das sie manchmal erblickt hatte, als es sie aus Perringtons Augen angestarrt hatte … hier war es nun, zu Fleisch geworden. Das angespannte Gesicht der Klanmutter sagte Manon, dass sie es bereits erraten hatte. »Ich war es leid, dieses schlaffe Fleisch zu tragen«, erklärte er und ließ sich mit katzenhafter Anmut auf den Stuhl neben Vernon gleiten. Ein Winken langer, mächtiger Finger. »Meine Feinde wissen, wer ich bin. Meine Verbündeten sollten das vielleicht ebenfalls.« Vernon neigte den Kopf und murmelte: »Mylord Erawan, wenn Ihr so freundlich sein wollt, erlaubt mir, der Klanmutter eine Erfrischung zu bringen. Ihre Reise war lang.« Manon musterte den hochgewachsenen, dünnen Mann. Zwei Geschenke hatte er ihnen gerade gemacht: Respekt ihrer Großmutter gegenüber und das Wissen um den wahren Namen des Herzogs. Erawan. Sie fragte sich, was Ghislaine, die im Flur hinter ihnen Wache stand, über ihn wusste. Der Valg-König nickte zustimmend. Der Lord von Perranth eilte zu einem kleinen Büfetttisch an der Wand und griff nach einem Wasserkrug, während Manon und die Klanmutter dem Dämonenkönig gegenüber Platz nahmen. Respekt – etwas, das Vernon ihnen kein einziges Mal ohne ein spöttisches Grinsen erwiesen hatte. Aber jetzt … Vielleicht brauchte er jetzt, da der Lord von Perranth begriff, welche Art von Ungeheuer ihn an der Leine hielt, dringend Verbündete. Wusste vielleicht, dass Manon … dass Manon womöglich wirklich Anteil an dieser Explosion gehabt hatte. Manon nahm die geschnitzten Hornbecher mit Wasser entgegen, die Vernon vor sie hinstellte, trank aber nicht davon. Genauso wenig tat es ihre Großmutter. Erawan lächelte schwach. Er verströmte weder Dunkelheit noch Verderbnis – als wäre er mächtig genug, sie im Zaum zu halten, unbemerkt. Bis auf diese Augen. Ihre Augen. Hinter ihnen blieben der Rest der Dreizehn und der Zirkel ihrer Großmutter im Flur zurück und nur ihre Zweiten verweilten im Raum, als die Türen wieder geschlossen wurden. Und man sie mit dem Valg-König einsperrte. »Also«, begann Erawan und musterte sie so eindringlich, dass Manon die Lippen aufeinanderpressen musste, um nicht die Zähne zu blecken, »sind die Streitkräfte in der Ferianschlucht bereit?« Ihre Großmutter nickte knapp. »Sie marschieren bei Sonnenaufgang los. Zwei Tage danach werden sie in Rifthold sein.« Manon wagte es nicht, sich auf ihrem Stuhl zu bewegen. »Ihr schickt das Heer nach Rifthold?« Der Dämonenkönig sah sie mit schmalen Augen an. »Ich schicke Euch nach Rifthold, um meine Stadt zurückzuerobern. Wenn Ihr mit Eurer Aufgabe fertig seid, wird die Legion aus der Ferianschlucht dort unter dem Kommando von Iskra Yellowlegs stationiert bleiben.« Nach Rifthold. Um endlich, endlich zu kämpfen, um zu sehen, was ihre Wyvern in einer Schlacht ausrichten konnten … »Erwarten sie den Angriff?« Ein lebloses Lächeln. »Unsere Streitkräfte werden zu schnell vorrücken, als dass die Nachricht davon sie rechtzeitig erreichen könnte.« Zweifellos der Grund, warum diese Information bis jetzt zurückgehalten worden war. Manon klopfte ungeduldig mit einem Fuß auf den Schieferboden, begierig darauf loszuziehen, den anderen Befehle für die Vorbereitung zu erteilen. »Wie viele der Zirkel Moraths bringe ich nach Norden?« »Iskra fliegt mit der zweiten Hälfte unserer Fliegerlegion. Daher werden wohl nur wenige Zirkel aus Morath notwendig sein.« Eine Herausforderung – und eine Prüfung. Manon dachte nach. »Ich fliege mit meiner Dreizehn und zwei Begleitzirkeln.« Ihre Feinde mussten nicht unbedingt mitbekommen, wie viele Zirkel es in der Fliegerlegion gab. Und es war auch nicht nötig, alle einzusetzen, vor allem, da Manon gutes Geld darauf gewettet hätte, dass die Dreizehn allein genügen würde, um die Hauptstadt einzunehmen. Erawan neigte zustimmend den Kopf. Ihre Großmutter nickte kaum merklich – mehr Bestätigung war von ihr nicht zu erwarten. Aber Manon fragte: »Was ist mit dem Prinzen?« König. König Dorian. Ihre Großmutter fasste sie scharf ins Auge, aber der Dämon sagte: »Ich will, dass Ihr ihn persönlich zu mir bringt. Falls er den Angriff überlebt.« Ohne die feurige Königin waren Dorian Havilliard und seine Stadt wehrlos. Doch das kümmerte sie nur wenig. Es war Krieg. Sie würde in diesem Krieg kämpfen und am Ende in die Wastes heimkehren. Selbst wenn es sehr gut möglich war, dass dieser Mann, dieser Dämonenkönig, sein Wort brach. Aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Zuerst kam die Schlacht, deren wildes Lied bereits in ihrem Blut sang. Der Dämonenkönig und ihre Großmutter sprachen wieder und Manon schob die Melodie klirrender Schilde und Funken sprühender Schwerter beiseite, um ihren Worten zu folgen. »Sobald die Hauptstadt gesichert ist, will ich diese Boote auf dem Avery haben.« »Die Männer vom Silver Lake haben zugestimmt?« Ihre Großmutter studierte die Karte, die von glatten Steinen beschwert wurde. Manon folgte dem Blick der Klanmutter zum Silver Lake am anderen Ende des Avery und zu der Stadt am See, die sich in die Berge der White Fangs schmiegte: Anielle. Perrington – Erawan – zuckte seine breiten Schultern. »Lord Westfall hat weder mir noch dem Knabenkönig bis jetzt seine Gefolgschaft erklärt. Ich nehme jedoch an, wenn ihn die Nachricht vom Untergang Riftholds erreicht, werden wir seine Boten greinend auf unserer Türschwelle vorfinden.« Der Anflug eines Lächelns. »Ihre Festung an den Westlichen Fällen des Sees trägt noch immer die Narben vom letzten Mal, als meine Armeen marschiert sind. Ich habe in Anielle unzählige Denkmäler dieses Krieges gesehen – sein Lord wird wissen, wie leicht ich seine Stadt in ein Beinhaus verwandeln kann.« Manon betrachtete erneut die Karte und verdrängte alle Fragen. Alt. Der Valg-König war so alt, dass sie sich jung fühlte. Dass selbst ihre Großmutter dagegen wie ein Kind wirkte. Vielleicht war die Klanmutter eine Närrin gewesen, sich auf eine Allianz mit dieser Kreatur einzulassen. Sie zwang sich, Erawans Blick standzuhalten. »Mit militärischen Stützpunkten in Morath, Rifthold und Anielle deckt das nur die Hälfte von Adarlan ab. Was ist mit dem Gebiet nördlich der Ferianschlucht? Oder dem südlich von Adarlan?« »Bellhaven bleibt unter meiner Kontrolle – seine Lords und Händler lieben ihr Gold zu sehr. Melisande …« Der Blick der goldenen Augen des Dämonenkönigs blieb auf dem westlichen Land jenseits der Berge haften. »Eyllwe liegt zerschmettert im Süden, Fenharrow in Trümmern im Osten. Es ist nach wie vor in Melisandes Interesse, seine Streitmächte mit den meinen zu verbünden, vor allem da Terrasen keine Kupfermünze sein Eigen nennen kann.« Der König schaute weiter nach Norden. »Aelin Galathynius wird ihren Sitz inzwischen erreicht haben. Und wenn Rifthold erst einmal ausgelöscht ist, wird sie außerdem feststellen, wie ungeheuer allein sie im Norden ist. Brannons Erbin hat keine Verbündeten auf diesem Kontinent. Nicht mehr.« Aber Manon bemerkte, wie der Blick des Dämonenkönigs nach Eyllwe huschte – nur ein Flackern. Sie sah ihre Großmutter an; die schwieg, beobachtete Manon aber mit einem Gesichtsausdruck, der einen sofortigen Tod versprach, sollte Manon weiter unbequeme Fragen stellen. Doch Manon ließ sich nicht irritieren. »Eure Hauptstadt ist das Herz Eures Handels. Wenn ich meine Legion darauf loslasse, werdet Ihr kaum noch menschliche Verbündete haben …« »Vielleicht irre ich mich ja, Manon Blackbeak, aber ich bin davon ausgegangen, dass es meine Legion ist.« Manon hielt Erawans brennendem Blick stand, selbst als sie sich darunter völlig entblößt fühlte. »Verwandelt Rifthold in eine Ruine«, entgegnete sie ausdruckslos, »dann könnten Herrscher wie der Lord von Anielle und die Königin von Melisande oder die Lords von Fenharrow sehr gut auf die Idee kommen, dass es das Risiko lohnen würde, sich gegen Euch zu verbünden. Wenn Ihr Eure eigene Hauptstadt verwüstet, warum sollten sie dann Euren Beteuerungen glauben, dass Ihr eine Allianz mit ihnen wollt? Sendet einen Erlass voraus, dass der König und die Königin Feinde des Kontinents sind. Setzt uns als Befreier Riftholds ein, nicht als Eroberer, dann werden die anderen Herrscher es sich zweimal überlegen, bevor sie sich mit Terrasen verbünden. Ich werde die Stadt für Euch hinreichend schleifen, um unsere Macht zu demonstrieren – aber hindert die Ironteeth-Legion daran, sie in Schutt und Asche zu legen.« Die goldenen Augen wurden nachdenklich. Sie wusste, dass ihre Großmutter kurz davor war, Manon die Nägel in die Wange zu graben, aber sie hielt die Schultern gestrafft. Die Stadt bedeutete ihr nichts, ebenso wenig wie ihre Bewohner. Aber dieser Krieg konnte sich tatsächlich gegen sie wenden, wenn die Zerstörung Riftholds ihre versprengten Feinde einte. Und die Rückkehr der Blackbeaks in die Wastes noch weiter hinauszögern. Vernons Augen flackerten, als er ihren Blick suchte. Furcht – und Berechnung. Er murmelte Erawan zu: »Die Schwarmführerin hat nicht ganz unrecht, Mylord.« Was wusste Vernon, das sie nicht wusste? Aber Erawan legte den Kopf schief und sein goldenes Haar fiel ihm über die Stirn. »Das ist der Grund, warum Ihr meine Schwarmführerin seid, Manon Blackbeak, und warum Iskra Yellowlegs diese Position nicht gewonnen hat.« Abscheu und Stolz wetteiferten in ihr miteinander, aber sie nickte. »Noch etwas.« Sie blieb still sitzen und wartete ab. Der Dämonenkönig lümmelte sich auf seinem Stuhl. »In Rifthold gibt es eine gläserne Mauer. Unmöglich zu übersehen.« Sie kannte diese Mauer – hatte selbst auf ihr gestanden. »Richtet nicht mehr Schaden an, als nötig ist, um genug Furcht zu säen, um unsere Macht zu zeigen. Aber diese Mauer … reißt sie nieder.« Sie fragte nur: »Warum?« Die goldenen Augen siedeten wie glühende Kohlen. »Weil die Zerstörung eines Symbols den Mut der Menschen ebenso brechen kann wie Blutvergießen.« Die gläserne Mauer – ein Zeichen der Macht von Aelin Galathynius. Und von Barmherzigkeit. Manon hielt dem Blick lange genug stand, um zu nicken. Der König deutete mit dem Kinn ruckartig auf die geschlossenen Türen. Eine wortlose Entlassung. Manon hatte den Raum schon verlassen, bevor er sich Vernon wieder zugewandt hatte. Es kam ihr erst später in den Sinn, dass sie hätte dableiben müssen, um die Klanmutter zu beschützen. *** Die Dreizehn sprach nicht, bis sie ihren Stützpunkt im Tal erreicht hatten. Die beiden Begleitzirkel, die Manon ausgewählt hatte – beides Blackbeaks –, rauschten durch den Rauch und die Düsternis, die Morath stets umgaben, und hielten auf ihre eigenen Stützpunkte zu. Gut. Manon, die jetzt im Schlamm des Talbodens draußen vor dem zusammengewürfelten Labyrinth aus Schmieden und Zelten stand, wandte sich an ihre versammelte Dreizehn: »Wir fliegen in dreißig Minuten.« Hinter ihnen beeilten sich Schmiede und Knechte bereits, Rüstungen auf die angeketteten Wyvern zu hieven. Wenn sie klug und vor allem schnell waren, konnten sie den schar fen Zähnen entgehen. Schon jetzt beäugte allerdings Asterins himmelblaue Stute den Mann, der ihr am nächsten stand. Manon fühlte sich halb versucht abzuwarten, ob sie einen Brocken Fleisch aus ihm herausbeißen würde, aber sie erklärte ihrem Zirkel: »Wenn wir Glück haben, werden wir vor Iskra ankommen und den Ton vorgeben können, wie die Plünderung vonstattengehen soll. Wenn nicht, werden wir Iskra und ihren Zirkel sofort nach unserer Ankunft suchen und das Gemetzel eindämmen. Überlasst den Prinzen mir.« Sie wagte es nicht, Asterin anzuschauen, als sie das sagte. »Ich zweifle nicht daran, dass die Yellowlegs versuchen werden, Anspruch auf seinen Kopf zu erheben. Haltet jede von ihnen auf, die es wagt, ihn sich holen zu wollen.« Und macht vielleicht auch Iskra ein Ende. In einer Schlacht geschahen ständig Unfälle. Die Dreizehn nickte zustimmend. Manon machte eine ruckartige Kopfbewegung und schaute über ihre Schulter zu der Rüstkammer unter den schäbigen Leintuchzelten. »Volle Rüstung.« Sie bedachte sie mit einem schneidenden Grinsen. »Wir wollen doch bei unserem großen Auftritt so gut wie möglich aussehen.« Zwölf Frauen grinsten zurück und entfernten sich nacheinander zu den Tischen und Standpuppen, wo ihre Rüstungen in den vergangenen Monaten sorgfältig und akribisch gefertigt worden waren. Nur Asterin blieb an ihrer Seite und Manon fasste Ghislaine am Arm, als die lockenhaarige Späherin vorbeischritt. Über dem Lärm der Schmieden und dem Brüllen der Wyvern murmelte sie: »Erzähl, was du über Erawan weißt.« Ghislaine öffnete den Mund, ihre dunkle Haut blass, und Manon blaffte: »Kurz und bündig.« Ghislaine schluckte hörbar und nickte, als der Rest der Dreizehn sich hinter ihnen bereit machte. Die Kriegergelehrte flüsterte, sodass nur Manon und Asterin sie verstehen konnten. »Er war einer der drei Valg-Könige, die am Anbeginn der Zeit in diese Welt eingedrungen sind. Die beiden anderen wurden entweder getötet oder in ihre dunkle Welt zurückgeschickt. Aber er war hier gestrandet, zusammen mit einer kleinen Armee. Er ist auf diesen Kontinent geflohen, nachdem Maeve und Brannon seine Streitkräfte vernichtet hatten. Tausend Jahre hat er darauf verwandt, heimlich sein Heer wiederaufzubauen, tief im Innern der White Fangs. Als er bereit war, als er bemerkte, dass König Brannons Licht langsam am Verlöschen war, begann Erawan seinen Angriff, um diesen Kontinent zu erobern. Der Legende nach haben Brannons Tochter und ihr menschlicher Gefährte ihn besiegt.« Asterin schnaubte. »Mir scheint, dass diese Legende sich irrt.« Manon ließ Ghislaines Arm los. »Mach dich bereit. Erzähl das auch den anderen, wenn du kannst.« Ghislaine neigte den Kopf und schritt in die Rüstkammer. Manon ignorierte Asterins schmale Augen. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch. Sie fand den stummen Schmied an seinem gewohnten Amboss, Schweiß strömte ihm über die rußverschmierte Stirn. Aber seine Augen waren ruhig und sein Blick war fest, als er die Leinwandplane auf seiner Werkbank zurückschlug, um ihre Rüstung zu präsentieren. Poliert, bereit. Der Anzug aus dunklem Metall war wie aus kunstvollen Wyvernschuppen gestaltet. Manon strich mit dem Finger über die sich überlappenden Platten und hob einen Panzerhandschuh hoch, perfekt für ihre Hand geformt. »Die Rüstung ist wunderschön.« Schrecklich, aber wunderschön. Sie fragte sich, was er davon hielt, dass er diese Rüstung geschmiedet hatte, damit sie sie trug, während sie dem Leben seiner Landsleute ein Ende setzte. Sein rötliches Gesicht verriet nichts. Sie schlüpfte aus ihrem roten Umhang und machte sich daran, die Rüstung Stück für Stück anzulegen. Sie schmiegte sich an sie wie eine zweite Haut, biegsam und beweglich, wo sie es brauchte, unnachgiebig, wo ihr Leben davon abhing. Als sie fertig war, musterte der Schmied sie und nickte, dann griff er unter seinen Tisch und holte einen weiteren Gegenstand hervor. Einen Moment lang starrte Manon den gekrönten Helm nur an. Er war aus dem gleichen dunklen Metall geschmiedet, Nasen- und Brauenschutz so gefertigt, dass der größte Teil ihres Gesichtes im Schatten lag – bis auf ihren Mund. Und ihre eisernen Zähne. Die sechs Lanzen der Krone ragten wie kleine Schwerter empor. Der Helm eines Eroberers. Der Helm eines Dämons. Manon spürte die Blicke ihrer Dreizehn, jetzt ebenfalls gerüstet, während sie ihren Zopf in den Halsausschnitt ihrer Rüstung schob und sich den Helm auf den Kopf setzte. Er passte wunderbar, sein Inneres kühl auf ihrer heißen Haut. Selbst mit Helm konnte sie klar und deutlich sehen, wie der Schmied anerkennend den Kopf neigte. Sie hatte keine Ahnung, warum sie sich die Mühe machte, aber Manon ertappte sich dabei, dass sie »Danke« sagte. Ein weiteres knappes Nicken war seine einzige Reaktion, bevor sie von seinem Tisch wegrauschte. Soldaten duckten sich, als sie vorbeistürmte, der Dreizehn ein Zeichen gab und Abraxos bestieg, der in seiner neuen Rüstung glänzte. Sie schaute nicht nach Morath zurück, als sie sich in den grauen Himmel erhoben. 4 A edion und Rowan ließen Darrows Boten nicht vorausgehen, um die Lords vor ihrer Ankunft zu warnen. Wenn dies ein Schachzug war, um sie zu übervorteilen, trotz allem, was Murtaugh und Ren in diesem Frühjahr für sie getan hatten, dann würden sie auf jede erdenkliche Art die Oberhand zurückgewinnen. Aelin nahm an, dass sie das stürmische Wetter als Omen hätte betrachten sollen. Oder vielleicht lieferte Murtaughs Alter eine bequeme Ausrede für Darrow, sie auf die Probe zu stellen. Bei diesem Gedanken zügelte sie ihr Temperament. Die Taverne befand sich an einer Kreuzung noch innerhalb der Wildnis des Oakwalds. Wegen des Regens und der hereinbrechenden Nacht war sie gerammelt voll und sie mussten den doppelten Preis bezahlen, um ihre Pferde im Stall unterzubringen. Aelin war sich ziemlich sicher, dass ein einziges Wort von ihr, ein einziges Aufflackern dieses verräterischen Feuers nicht nur die Ställe, sondern auch die Taverne selbst im Nu geleert hätte. Lysandra war eine halbe Meile vorher davongetappt, und als sie ankamen, stahl sie sich gerade aus den Büschen und nickte Aelin mit ihrem struppigen, durchnässten Kopf zu. Die Luft war rein. In dem Gasthaus gab es keine Zimmer, die sie mieten konnten, und der Schankraum selbst quoll über von Reisenden, Jägern und allen, die vor dem Regenguss flohen. Manche saßen sogar auf dem Boden an die Wände gelehnt – und Aelin vermutete, dass sie und ihre Freunde den Abend ebenfalls dort verbringen würden, sobald dieses Treffen zu Ende war. Einige Köpfe drehten sich in ihre Richtung, als sie eintraten, aber tropfende Kapuzen und Umhänge verbargen ihre Gesichter und Waffen, und diese Köpfe wandten sich schnell wieder ihren Gläsern oder Karten oder trunkenen Liedern zu. Lysandra hatte ihre menschliche Gestalt angenommen – mit einer Veränderung: Getreu ihrem Eid von vor einigen Monaten waren ihre einst vollen Brüste jetzt kleiner. Trotz allem, was sie in dem Speiseraum im hinteren Teil des Gasthauses erwartete, suchte Aelin den Blick der Gestaltwandlerin und grinste. »Besser?«, murmelte sie über Evangelines Kopf hinweg, als Darrows Bote sich mit Aedion an seiner Seite durch die Menge schob. Lysandras Grinsen war halb raubtierhaft. »Oh, du hast ja keine Ahnung.« Aelin hätte schwören können, dass Rowan hinter ihnen kicherte. Der Bote und Aedion bogen in einen Flur ein und das schwache Kerzenlicht glitzerte in den Regentropfen, die immer noch an dem runden, verschrammten Schild hinabliefen, den ihr Cousin sich auf den Rücken geschnallt hatte. Der Wolf des Nordens, der, obwohl er mit seiner Fae-Schnelligkeit und Stärke Schlachten gewonnen hatte, sich den Respekt und die Loyalität seiner Legion als Mann – als Mensch – verdient hatte. Aelin, die noch immer ihre Fae-Gestalt trug, fragte sich, ob sie sich hätte verwandeln sollen. Ren Allsbrook wartete dort drin. Ren, ein weiterer Freund aus Kindertagen, den sie beinahe getötet hatte, den sie in diesem vergangenen Winter zu töten versucht hatte und der keine Ahnung hatte, wer sie wirklich war. Der in ihrer Wohnung geblieben war, ohne zu ahnen, dass sie seiner verschollenen Königin gehörte. Und Murtaugh … sie hatte undeutliche Erinnerungen an den Mann und die meisten davon zeigten ihn am Tisch ihres Onkels, wo er ihr zusätzliche Brombeertörtchen zusteckte. Alles Gute, das geblieben war, jedes bisschen Sicherheit, verdankten sie Aedion – und die Dellen und Kratzer, die seinen Schild verschandelten, bewiesen es – und den drei Männern, die hier auf sie warteten. Aelins Schultern sackten nach unten, aber Aedion und der Bote hielten vor einer Holztür inne und Letzterer klopfte einmal knapp an. Fleetfoot streifte schwanzwedelnd um ihre Waden und Aelin lächelte die Hündin an, die sich noch einmal schüttelte und Wassertröpfchen von sich schleuderte. Lysandra schnaubte. Einen nassen Hund zu einem geheimen Treffen mitzubringen – wirklich sehr königlich. Aber Aelin hatte sich schon vor Monaten selbst das Versprechen gegeben, dass sie sich nicht verstellen würde. Sie war, was sie war. Sie war durch Dunkelheit und Blut und Verzweiflung gekrochen – und hatte überlebt. Selbst wenn Lord Darrow Männer und finanzielle Mittel für einen Krieg bereitstellen konnte … das konnte sie ebenfalls. Noch mehr Männer, noch mehr Geld wäre zwar von Vorteil, aber sie stand nicht mit leeren Händen da. Das hatte sie für sich getan. Für sie alle. Aelin straffte die Schultern, als Aedion den Raum betrat und bereits das Wort ergriff: »Es sieht euch Bastarden ähnlich, uns durch den Regen trotten zu lassen, weil ihr nicht nass werden wollt. Ren wirkt wie gewöhnlich schlecht gelaunt. Murtaugh, immer ein Vergnügen. Darrow – dein Haar sieht genauso schlimm aus wie meins.« Jemand aus dem Zimmer bemerkte mit trockener, kalter Stimme: »Wenn man die Heimlichkeit bedenkt, mit der Ihr dieses Treffen arrangiert habt, könnte man meinen, Ihr würdet durch Euer eigenes Königreich schleichen, Aedion.« Aelin erreichte die leicht offen stehende Tür und rang mit sich, ob es die Sache wert war, das Gespräch damit zu eröffnen, den Narren dort drinnen zu sagen, dass sie leiser sprechen sollten, aber … Sie taten es bereits. Mit ihren Fae-Ohren fing sie mehr Geräusche auf als ein normaler Mensch. Sie ging vor Lysandra und Evangeline her, ließ sie hinter sich eintreten und blieb an der Tür stehen, um sich in dem Raum umzusehen. Ein Fenster, einen Spaltbreit geöffnet, um Luft in die drückende Hitze des Gasthauses einzulassen. Ein großer, rechteckiger Tisch vor einem knisternden Feuer im Kamin, übersät mit leeren Tellern, Krümeln und verbeulten Speiseplatten. Zwei alte Männer saßen am Tisch und dem einen flüsterte der Bote etwas ins Ohr, das selbst für ihr Fae-Gehör zu leise war, bevor er sich vor ihnen allen verneigte und den Raum verließ. Die beiden alten Männer richteten sich auf, als sie an Aedion, der vor dem Tisch stand, vorbeischauten – zu ihr. Aber Aelin konzentrierte sich auf den dunkelhaarigen jungen Mann am Kamin, der sich mit einem Arm am Sims abstützte, sein vernarbtes, sonnengebräuntes Gesicht entspannt. Sie erinnerte sich an die Zwillingsschwerter auf seinem Rücken. Diese dunklen, brennenden Augen. Ihr Mund war ein wenig trocken geworden, als sie ihre Kapuze zurückzog. Ren Allsbrook zuckte zusammen. Aber die alten Männer hatten sich erhoben. Einen von ihnen kannte sie. Aelin wusste nicht, wieso sie Murtaugh in jener Nacht nicht erkannt hatte, als sie in das Lagerhaus eingedrungen war und so viele von ihnen getötet hatte. Vor allem da er derjenige gewesen war, der ihrem Gemetzel Einhalt geboten hatte. Doch der andere alte Mann … sein Gesicht war zwar runzlig, aber der Ausdruck darin unnachgiebig, hart. Ohne Heiterkeit oder Freude oder Wärme. Ein Mann, der es gewohnt war, seinen Willen durchzusetzen, gewohnt, dass man ihm fraglos gehorchte. Er war dünn und drahtig, mit immer noch kerzengeradem Rückgrat. Kein Krieger des Schwertes, sondern des Geistes. Ihr Großonkel Orlon war beides gewesen. Und gütig – sie hatte nie ein strenges oder zorniges Wort von Orlon gehört. Doch dieser Mann … Aelin hielt Darrows Blick aus grauen Augen stand, ein Raubtier, das seinesgleichen erkannte. »Lord Darrow«, sagte sie und neigte den Kopf. Ein schiefes Grinsen konnte sie nicht unterdrücken. »Ihr wirkt so herzlich.« Darrows wenig hübsches Gesicht blieb unbewegt. Unbeeindruckt. Nun denn. Aelin beobachtete Darrow abwartend. Sie weigerte sich, den Blickkontakt abzubrechen, bis er sich verneigte. Ein kleines Nicken war alles, was er ihr anbot. »Ein wenig tiefer«, schnurrte sie. Aedion riss den Blick zu ihr herum, einen warnenden Ausdruck in den Augen. Darrow tat nichts dergleichen. Es war Murtaugh, der sich tief aus der Hüfte heraus verbeugte und sagte: »Majestät. Wir entschuldigen uns dafür, den Boten geschickt zu haben, um Euch zu holen – aber mein Enkelsohn sorgt sich um meine Gesundheit.« Ein Versuch zu lächeln. »Zu meinem Verdruss.« Ren ignorierte seinen Großvater und stieß sich vom Kaminsims ab. Das Tappen seiner Stiefel, als er den Tisch umrundete, war das einzige Geräusch im Raum. »Du hast es gewusst«, flüsterte er Aedion zu. Lysandra schloss klugerweise die Tür und bat Evangeline und Fleetfoot, sich ans Fenster zu stellen – um nach neugierigen Augen Ausschau zu halten. Aedion schenkte Ren ein kleines Lächeln. »Überraschung.« Bevor der junge Lord etwas erwidern konnte, trat Rowan neben Aelin und zog seine Kapuze zurück. Die Männer versteiften sich, als der Fae-Krieger in seiner ungetrüb ten Pracht sichtbar wurde – kaum verhohlene Angriffslust in den Augen und bereits auf Lord Darrow gerichtet. »Also, das ist ein Anblick, der sich mir seit einer Ewigkeit nicht mehr geboten hat«, murmelte Darrow. Murtaugh überwand sein Erschrecken – und vielleicht ein wenig Furcht – zumindest so weit, um eine Hand nach den leeren Stühlen ihnen gegenüber auszustrecken. »Bitte, nehmt Platz. Entschuldigt die Unordnung. Uns war nicht klar, dass der Bote Euch so schnell herbringen würde.« Aelin machte keine Anstalten, sich zu setzen. Ebenso wenig, wie ihre Gefährten es taten. Murtaugh fügte hinzu: »Wir können eine frische Mahlzeit bestellen, wenn Ihr wünscht. Ihr müsst furchtbar hungrig sein.« Ren warf seinem Großvater einen ungläubigen Blick zu, der ihr genau verriet, was der Rebell über sie dachte. Lord Darrow beobachtete sie weiterhin. Taxierte sie. Demut – Dankbarkeit. Sie sollte es versuchen; sie konnte es versuchen, verdammt. Darrow hatte Opfer für ihr Königreich gebracht; er hatte Männer und Geld für die bevorstehende Schlacht gegen Erawan zu bieten. Sie hatte dieses Treffen einberufen; sie hatte die Lords gebeten, sich mit ihnen zusammenzusetzen. Wen scherte es, wenn das Treffen an einem anderen Ort stattfand? Sie waren alle hier. Das war genug. Aelin zwang sich, zum Tisch zu gehen. Zwang sich, den Stuhl Darrow und Murtaugh gegenüber für sich zu beanspruchen. Ren blieb stehen und beobachtete sie mit einem dunklen Feuer in den Augen. Sie sagte leise zu Ren: »Danke – dafür, dass Ihr Captain Westfall im Frühling geholfen habt.« Ein Muskel zuckte in Rens Kinn, doch er erwiderte: »Wie geht es ihm? Aedion hat in seinem Brief eine Verletzung erwähnt.« »Nach meinen letzten Informationen war er auf dem Weg zu den Heilern in Antica. Zur Torre Cesme.« »Gut.« Lord Darrow sagte: »Wollt Ihr mich darüber aufklären, woher Ihr einander kennt, oder muss ich raten?« Sein Tonfall brachte Aelin dazu, langsam bis zehn zu zählen. Sie musste ruhig bleiben, sich nicht provozieren lassen. Aber es war Aedion, der sich einen Stuhl heranzog und ihn warnte. »Vorsicht, Darrow.« Darrow verschränkte seine knorrigen, aber gepflegten Finger und legte die Hände auf den Tisch. »Oder was? Werdet Ihr mich zu Asche verbrennen, Prinzessin? Meine Knochen schmelzen?« Lysandra ließ sich auf einen Stuhl neben Aedion gleiten und fragte mit der süßen, harmlosen Höflichkeit, die ihr anerzogen worden war: »Ist in diesem Krug noch etwas Wasser? Das Reisen durch den Sturm war ziemlich anstrengend.« Aelin hätte ihre Freundin küssen mögen für den Versuch, die rasiermesserscharfe Anspannung zu entschärfen. »Wer, bitte sehr, seid Ihr?« Darrow betrachtete stirnrunzelnd die exquisite Schönheit, die Augen, die trotz ihrer sanften Worte nicht vor seinen zurückschreckten. Richtig – er hatte nicht gewusst, wer mit ihr und Aedion gereist war. Oder über welche Gaben diese Leute verfügten. »Lysandra«, antwortete Aedion, schnallte seinen Schild ab und ließ ihn mit einem dumpfen Aufprall hinter sie auf den Boden fallen. »Lady von Caraverre.« »Es gibt kein Caraverre«, entgegnete Darrow. Aelin zuckte die Achseln. »Jetzt gibt es eins.« Lysandra hatte sich vor einer Woche für den Namen entschieden, was immer er bedeutete; mitten in der Nacht war sie aufgeschreckt und hatte Aelin den Namen praktisch entgegengeschrien, sobald sie sich hinreichend unter Kontrolle gehabt hatte, um wieder ihre menschliche Gestalt anzunehmen. Aelin bezweifelte, dass sie das Bild eines Geisterleoparden mit aufgerissenen Augen allzu bald vergessen würde, der zu sprechen versuchte. Sie lächelte Ren, der sie immer noch wie ein Habicht beobachtete, schwach an. »Ich habe mir die Freiheit genommen, das Land zu kaufen, das Eure Familie abgegeben hat. Sieht so aus, als würdet Ihr Nachbarn werden.« »Und aus welcher Blutlinie entspringt Lady Lysandra?«, fragte Darrow, der den Mund verzog angesichts des Brandmals über Lysandras Tattoo, das immer sichtbar war, egal, welche Gestalt sie annahm. »Wir haben dieses Treffen nicht arrangiert, um über Blutlinien und Erben zu sprechen«, konterte Aelin gelassen. Sie sah Rowan an, der mit einem Nicken bestätigte, dass die Bediensteten des Gasthauses weit entfernt waren und sich niemand in Hörweite befand. Ihr Fae-Prinz stolzierte zu dem Serviertisch an der Wand, um das Wasser zu holen, um das Lysandra gebeten hatte. Er schnupperte daran und sie wusste, dass seine Magie durch das Wasser hindurchglitt und es auf Gifte oder Drogen absuchte, während er auf einem Phantomwind vier Gläser zu ihnen hinüberschweben ließ. Die drei Lords verfolgten das Geschehen schweigend und mit großen Augen. Rowan setzte sich hin und schenkte lässig das Wasser ein, dann beschwor er einen fünften Becher, füllte auch diesen und ließ ihn zu Evangeline schweben. Das Mädchen strahlte angesichts der Magie und machte sich wieder daran, durch das regenbespritzte Fenster hinauszuschauen. Zu lauschen, während sie so tat, als wäre sie hübsch, harmlos und klein, wie Lysandra es ihr beigebracht hatte. Lord Darrow sagte: »Zumindest ist Euer Fae-Krieger zu irgendetwas anderem als brutaler Gewalt gut.« »Falls dieses Treffen durch unfreundliche Kräfte gestört wird«, entgegnete Aelin glattzüngig, »werdet Ihr dankbar für diese brutale Gewalt sein, Lord Darrow.« »Und was ist mit Euren speziellen Fähigkeiten? Sollte ich auch dafür dankbar sein?« Es kümmerte sie nicht, wie er davon erfahren hatte. Aelin legte den Kopf schief, wählte jedes Wort mit Bedacht und zwang sich, ausnahmsweise einmal gründlich nachzudenken, bevor sie sprach. »Wäre es Euch lieber, wenn ich andere Fähigkeiten besitzen würde?« Darrow lächelte. Das Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Ein wenig Beherrschung würde Eurer Hoheit guttun.« Links und rechts von ihr waren Rowan und Aedion gespannt wie Bogensehnen. Aber wenn sie ihr Temperament im Zaum halten konnte, dann konnten die beiden es ebenfalls … Eurer Hoheit. Nicht Majestät. »Ich werde das bedenken«, sagte sie mit einem eigenen kleinen Lächeln. »Was die Frage betrifft, warum mein Hof und ich uns heute mit Euch treffen wollten …« »Hof?« Lord Darrow zog seine silbernen Brauen hoch. Dann ließ er den Blick bewusst langsam über Lysandra, Aedion und schließlich Rowan wandern. Ren starrte sie alle an, so etwas wie Sehnsucht – und Betroffenheit – auf dem Gesicht. »Das hier haltet Ihr für einen Hof?« »Natürlich wird der Hof erweitert werden, sobald wir in Orynth sind …« »Ich sehe nicht, wie es überhaupt einen Hof geben kann, da Ihr noch keine Königin seid.« Sie hielt das Kinn hocherhoben. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt.« Darrow nippte an seinem Bierhumpen. Der Knall, mit dem er ihn auf den Tisch stellte, hallte durch den Raum. Murtaugh war neben ihm totenstill geworden. »Jeder Herrscher von Terrasen muss von den herrschenden Familien eines jeden Gebietes gebilligt werden.« Eis, kalt und uralt, knisterte durch ihre Adern. Aelin wünschte, sie könnte es dem Ding zuschreiben, das ihr um den Hals baumelte. »Wollt Ihr damit sagen«, erwiderte sie allzu leise, während Feuer in ihren Eingeweiden flackerte und auf ihrer Zunge tanzte, »dass mein Thron, obwohl ich die letzte lebende Galathynius bin, mir noch nicht gehört?« Sie spürte, wie Rowan seine Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht richtete, aber sie wandte den Blick nicht von Lord Darrow ab. »Ich sage Euch, Prinzessin, dass es, obzwar Ihr die letzte direkte lebende Nachfahrin Brannons seid, andere Möglichkeiten gibt, andere Richtungen, in die man gehen könnte, sollte man Euch für untauglich befinden.« »Weylan, bitte«, schaltete Murtaugh sich ein. »Wir haben das Angebot eines Treffens nicht dafür angenommen. Es sollte darum gehen, über einen Wiederaufbau zu reden, ihr zu helfen und mit ihr zusammenzuarbeiten.« Sie alle ignorierte ihn. »Andere Möglichkeiten – zum Beispiel Euch selbst?«, fragte Aelin Darrow. Rauch waberte in ihrem Mund. Sie schluckte ihn herunter und erstickte beinahe daran. Darrow zuckte mit keiner Wimper. »Ihr könnt kaum von uns erwarten, einer neunzehnjährigen Assassinin zu erlauben, in unser Königreich zu spazieren und einfach Befehle zu kläffen, ungeachtet ihrer Blutlinie.« Denk darüber nach, hol tief Luft. Männer, Geld, Unterstützung von deinem bereits gebrochenen Volk. Das ist es, was Darrow bietet, was du gewinnen kannst, wenn du nur dein verfluchtes Temperament beherrschst. Sie erstickte das Feuer in ihren Adern, bis nichts als murmelnde Glut übrig war. »Ich verstehe, dass man meine persönliche Geschichte für problematisch halten könnte …« »Ich finde alles an Euch, Prinzessin, problematisch. Das geringste dieser Dinge ist die Wahl Eurer Freunde und der Mitglieder Eures Hofes . Könnt Ihr mir erklären, warum sich eine gewöhnliche Hure in Eurer Gesellschaft befindet und als Dame ausgegeben wird? Oder warum einer von Maeves Lakaien jetzt an Eurer Seite sitzt?« Er sah höhnisch in Rowans Richtung. »Prinz Rowan, nicht wahr?« Er musste es sich aus dem zusammengereimt haben, was der Bote ihm bei seiner Ankunft ins Ohr geflüstert hatte. »Oh ja, wir haben von Euch gehört. Was für eine interessante Wendung der Ereignisse, dass einer von Maeves geschätztesten Kriegern es schafft, ausgerechnet jetzt Tritt zu fassen, da unser Königreich am schwächsten ist und seine Erbin so jung; nach so vielen Jahren, in denen sie unser Königreich mit solcher Sehnsucht beäugt haben. Oder ist vielleicht die bessere Frage die, warum zu Maeves Füßen dienen, wenn Ihr neben Prinzessin Aelin herrschen könntet?« Es kostete sie erhebliche Anstrengung, ihre Finger nicht zu Fäusten zu ballen. »Prinz Rowan ist mein Carranam. Er ist über jeden Zweifel erhaben.« »Carranam. Ein lang vergessener Ausdruck. Welche anderen Dinge hat Maeve Euch in diesem Frühjahr in Doranelle noch gelehrt?« Sie verkniff sich eine Antwort, als Rowans Hand ihre unter dem Tisch streifte – sein Gesicht gelangweilt, desinteressiert. Die Ruhe eines eigentlich wilden, nun erstarrten Sturms. Erlaubnis zu sprechen , Majestät? Sie hatte das Gefühl, dass Rowan es sehr genießen würde, Darrow in lauter kleine Stückchen zu reißen. Sie hatte außerdem das Gefühl, dass sie es sehr, sehr genießen würde, sich ihm anzuschließen. Aelin nickte schwach, selbst sprachlos, während sie sich mühte, ihre Flammen in Schach zu halten. Wirklich, ihr tat Darrow ein klein wenig leid, als der Fae-Prinz ihm einen Blick zuwarf, in dem dreihundert Jahre kalter Gewalt lagen. »Bezichtigt Ihr mich, den Bluteid meiner Königin gegenüber unehrenhaft geleistet zu haben?« Nichts Menschliches, nichts Barmherziges in diesen Worten. Man musste es Darrow lassen, dass er nicht einknickte. Stattdessen sah er Aedion mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann wandte er sich kopfschüttelnd an Aelin. »Ihr habt den heiligen Eid an dieses … Wesen verschenkt?« Ren riss ein wenig die Augen auf, als er Aedion betrachtete, seine Narbe ein scharfer Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Aelin war nicht da gewesen, um ihn vor dieser Narbe zu bewahren. Oder um Rens Schwestern zu beschützen, als ihre Magie-Akademie während Adarlans Invasion zu einem Schlachthaus geworden war. Aedion bemerkte Rens Überraschung und schüttelte kaum merklich den Kopf, als wollte er sagen: Ich werde es später erklären. Aber Rowan lehnte sich mit einem schwachen Lächeln auf seinem Stuhl zurück. »Ich habe viele Prinzessinnen kennengelernt, die Aussicht hatten, Königreiche zu erben, Lord Darrow, und ich kann Euch versichern, dass keine einzige von ihnen jemals so dumm war, einem Mann zu erlauben, sie auf diese Weise zu manipulieren, am wenigsten von allen meine Königin. Aber wenn ich mir mit Intrigen meinen Weg auf einen Thron erkämpfen wollte, würde ich mir ein viel friedlicheres und wohlhabenderes Königreich aussuchen.« Er zuckte die Achseln. »Doch ich denke nicht, dass mein Bruder und meine Schwester in diesem Raum es mir erlauben würden, sehr lange zu leben, wenn sie den Verdacht hegten, dass ich ihrer Königin Böses will – oder ihrem Königreich.« Aedion nickte grimmig, Lysandra, die neben ihm saß, richtete sich höher auf – nicht im Zorn oder vor Überraschung, sondern voller Stolz. Das zu sehen brach Aelin das Herz und machte es ihr doch zugleich leichter. Sie schenkte Darrow ein träges Lächeln, ihre Flammen eingedämmt. »Wie lange habt Ihr gebraucht für diese Liste mit allen möglichen Punkten, um mich bei diesem Treffen zu beleidigen und anzuklagen?« Darrow ignorierte sie und deutete ruckartig mit dem Kinn auf Aedion. »Ihr seid ziemlich still heute Abend.« »Ich glaube nicht, dass Ihr gerade jetzt besonders erpicht darauf seid zu hören, was ich denke, Darrow«, antwortete Aedion. »Euren Bluteid hat Euch ein fremdländischer Prinz gestohlen, Eure Königin ist eine Assassinin, die gemeine Huren in ihren Dienst beruft, und doch habt Ihr nichts zu sagen?« Aedions Stuhl ächzte und Aelin riskierte einen Blick – um festzustellen, dass er die Kanten seines Stuhls so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Lysandra wirkte versteinert, aber sie gönnte Darrow nicht das Vergnügen, vor Scham zu erröten. Es reichte Aelin. Funken tanzten unter dem Tisch um ihre Fingerspitzen herum. Aber Darrow sprach weiter, bevor Aelin das Wort ergreifen oder den Raum in Brand stecken konnte. »Wenn Ihr, Aedion, immer noch auf eine offizielle Position in Terrasen hofft, könntet Ihr vielleicht herausfinden, ob Eure Verwandtschaft in Wendlyn den Vorschlag zur Verlobung noch in Betracht zieht. Findet heraus, ob sie Euch als Teil der Familie anerkennen. Was für einen Unterschied es hätte machen können, wenn Ihr und unsere geliebte Prinzessin Aelin einander anverlobt worden wäret – wenn Wendlyn das Angebot einer förmlichen Vereinigung unserer Königreiche nicht zurückgewiesen hätte, höchstwahrscheinlich auf Maeves Wunsch hin.« Ein Lächeln in Rowans Richtung. Ihre Welt geriet ein wenig ins Wanken. Selbst Aedion war erbleicht. Niemand hatte je angedeutet, dass es einen offiziellen Versuch gegeben hatte, sie miteinander zu verloben. Oder dass die Ashryvers Terrasen wahrhaftig dem Krieg und Ruin überlassen hatten. »Was werden bloß die bewundernden Massen über ihre Retterin, die Prinzessin, sagen«, überlegte Darrow laut und legte die Hände flach auf den Tisch, »wenn sie hören, wie sie ihre Zeit verbracht hat, während sie gelitten haben?« Ein Schlag ins Gesicht, einer nach dem anderen. »Aber«, fügte Darrow hinzu, »Ihr wart schon immer sehr gut darin, Euch zu prostituieren, Aedion. Obwohl ich mich frage, ob Prinzessin Aelin weiß, was …« Aelin stieß zu. Nicht mit Flammen, sondern mit Stahl. Der Dolch, der zwischen Darrows Fingern bebte, leuchtete im Licht des knisternden Kaminfeuers auf. Sie knurrte dem alten Mann ins Gesicht, während Rowan und Aedion halb von ihren Stühlen aufgesprungen waren und Ren nach einer Waffe griff, aber plötzlich so aussah, als wäre ihm schlecht – schlecht beim Anblick des Geisterleoparden, der jetzt dort saß, wo noch eine Sekunde zuvor Lysandra gewesen war. Murtaugh starrte die Gestaltwandlerin an. Doch Darrow funkelte mit vor Zorn weißem Gesicht in Aelins Richtung. »Wenn Ihr mich mit Beleidigungen bombardieren wollt, Darrow, dann nur zu«, zischte Aelin und ihre Nase berührte beinahe die seine. »Aber wenn Ihr meine Freunde noch einmal beleidigt, werde ich beim nächsten Mal mein Ziel nicht verfehlen.« Sie schaute kurz zu dem Dolch zwischen den gespreizten Fingern des alten Mannes und die Waffe war nur um Haaresbreite von seiner fleckigen Haut entfernt. »Ich sehe, Ihr habt das Temperament Eures Vaters geerbt«, höhnte Darrow. »Habt Ihr vor, auf diese Art zu herrschen? Wenn Ihr jemanden nicht mögt, bedroht Ihr ihn?« Er zog die Hand von der Klinge weg und lehnte sich weit genug zurück, um die Arme vor der Brust zu verschränken. »Was würde Orlon von diesem Verhalten denken, von dieser Einschüchterung?« »Wählt Eure Worte weise, Darrow«, warnte Aedion den Mann. Darrow hob die Augenbrauen. »All die Arbeit, die ich geleistet habe, alles, was ich in diesen vergangen zehn Jahren geopfert habe, ist in Orlons Namen geschehen, um ihn zu ehren und sein Königreich zu retten – mein Königreich. Ich habe nicht die Absicht, einem verwöhnten, arroganten Kind zu gestatten, das mit seinen Wutanfällen zu zerstören. Habt Ihr die Reichtümer Riftholds in diesen Jahren genossen, Prinzessin? War es sehr einfach, uns im Norden zu vergessen, als Ihr Kleider gekauft und dem Ungeheuer gedient habt, das Eure Familie und Eure Freunde abgeschlachtet hat?« Männer und Geld, und ein geeintes Terrasen. »Selbst Euer Cousin hat uns im Norden trotz seiner Hurerei geholfen. Und Ren Allsbrook …« – Er wedelte mit der Hand in Rens Richtung. »Während Ihr im Luxus gelebt habt, habt Ihr da gewusst, dass Ren und sein Großvater jede Kupfermünze gespart haben, die sie entbehren konnten, und das alles, um einen Weg zu finden, die Rebellenbewegung am Leben zu erhalten? Dass sie in Baracken gehockt und unter Pferden geschlafen haben?« »Das reicht«, sagte Aedion. »Lass ihn weitersprechen«, bat Aelin, die sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. »Was gibt es da noch zu sagen, Prinzessin? Denkt Ihr, das Volk von Terrasen wird sich darüber freuen, eine Königin zu haben, die seinem Feind gedient hat? Die das Bett mit dem Sohn seines Feindes geteilt hat?« Lysandra knurrte leise und die Gläser klirrten. Darrow war ungerührt. »Und eine Königin, die jetzt zweifellos das Bett mit einem Fae-Prinzen teilt, der dem anderen Feind in unserem Rücken gedient hat – was, glaubt Ihr, wird Euer Volk davon halten?« Sie wollte gar nicht wissen, wie Darrow das erraten hatte, was er zwischen ihnen gesehen hatte. »Wer mein Bett teilt«, sagte sie, »das geht Euch nichts an.« »Und das ist genau der Grund, warum Ihr nicht zum Herrschen taugt. Wer das Bett einer Königin teilt, das geht jeden etwas an. Werdet Ihr unser Volk über Eure Vergangenheit belügen und leugnen, dass Ihr dem entthronten König gedient habt – und dass Ihr auch seinem Sohn gedient habt, auf eine andere Art und Weise?« Unterm Tisch schnellte Rowans Hand hervor, um nach ihrer zu greifen, seine Finger bedeckt mit Eis, was das Feuer besänftigte, das an ihren Nägeln zu flackern begann. Keine Warnung, kein Tadel – nur um ihr zu sagen, dass auch er seine Mühe hatte, Darrow nicht das Zinntablett ins Gesicht zu schmettern. Also hielt sie Darrows Blick stand, während sie ihre Finger mit Rowans verschränkte. »Ich werde meinem Volk«, erklärte Aelin leise, aber nachdrücklich, »die ganze Wahrheit sagen. Ich werde den Menschen die Narben auf meinem Rücken aus Endovier zeigen, die Narben an meinem Körper von meinen Jahren als Celaena Sardothien, und ich werde ihnen sagen, dass der neue König von Adarlan kein Ungeheuer ist. Ich werde ihnen sagen, dass wir nur einen Feind haben: den Dreckskerl unten in Morath. Und Dorian Havilliard ist die einzige Chance auf Überleben – und auf künftigen Frieden zwischen unseren beiden Königreichen.« »Und wenn er das nicht ist? Werdet Ihr seinen steinernen Palast zerschmettern, so wie Ihr den gläsernen zerschmettert habt?« Chaol hatte sie gewarnt – schon vor Monaten. Sie hätte gründlicher darüber nachdenken sollen, dass gewöhnliche Menschen vielleicht Einschränkungen ihrer Macht verlangen würden, der Macht des Hofes, der sich um sie herum scharte. Aber sollte Darrow doch glauben, dass sie den gläsernen Palast zerstört hatte; sollte er glauben, dass sie den König getötet hatte. Das war besser als die katastrophale Wahrheit. »Solltet Ihr immer noch wünschen, ein Teil von Terrasen zu sein«, fuhr Darrow fort, als keiner von ihnen antwortete, »bin ich mir sicher, dass Aedion in der Bane eine Verwendung für Euch finden kann. Aber in Orynth habe ich keine für Euch.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Habt Ihr mir sonst noch irgendetwas mitzuteilen?« Seine Augen wurden steinhart. »Ich erkenne Euer Recht zu herrschen nicht an; ich erkenne Euch nicht als die rechtmäßige Königin von Terrasen an. Ebenso wenig tun das die Lords Sloane, Ironwood und Gunnar, die verbliebene Mehrheit dessen, was einst der Hof Eures Onkels war. Selbst wenn die Familie Allsbrook sich auf Eure Seite stellt, ist das nur eine Stimme gegen vier. General Ashryver besitzt hier weder Ländereien noch Titel – und infolgedessen kein Mitspracherecht. Was Lady Lysandra betrifft, so ist Caraverre kein offizielles Gebiet noch erkennen wir ihre Abstammung an oder Euren Erwerb dieser Ländereien.« Förmliche Worte für eine förmliche Erklärung. »Solltet Ihr nach Orynth zurückkehren und ohne unsere Einladung Anspruch auf den Thron erheben, wird man das als kriegerischen Akt und als Hochverrat werten.« Darrow nahm einen Bogen Papier aus seiner Jacke – jede Menge schnörkeliger Schrift und vier Signaturen am unteren Rand. »Von diesem Augenblick an werdet Ihr, bis etwas anderes beschlossen wird, eine Prinzessin von Geblüt bleiben – aber keine Königin.« 5 A elin starrte immer weiter auf das Stück Papier, auf die Namen, die lange vor dem heutigen Abend daruntergesetzt worden waren, Namen der Männer, die sich gegen sie entschieden hatten, ohne ihr je begegnet zu sein, der Männer, die allein mit ihren Unterschriften ihre Zukunft und ihr Königreich verändert hatten. Vielleicht hätte sie mit diesem Treffen warten sollen, bis sie in Orynth gewesen wäre – bis ihr Volk sie hätte zurückkehren sehen. Dann wäre es schwerer gewesen, sie aus dem Palast zu werfen. Aelin hauchte: »Unser Verhängnis braut sich im Süden Adarlans zusammen – doch Ihr konzentriert Euch auf das hier?« Darrow lachte höhnisch. »Wenn wir Bedarf an Eurer … Palette an Fähigkeiten haben, werden wir Euch eine Nachricht schicken.« Kein Feuer brannte in ihr, nicht einmal Glut. Als hätte Darrow es mit der Faust erstickt. »Die Bane«, sagte Aedion mit einem Anflug seiner legendären Frechheit, »wird niemandem gehorchen außer Aelin Galathynius.« »Die Bane«, zischte Darrow, »untersteht jetzt unserem Befehl. Sitzt kein fähiger Herrscher auf dem Thron, gebieten die Lords über die Armeen Terrasens.« Wieder musterte er Aelin, als spürte er den vagen Plan, öffentlich in ihre Stadt zurückzukehren und es ihm schwerer zu machen, sie auszuschließen, einen Plan, der verführerisch schimmerte, während er sich noch formte. »Setzt einen Fuß in die Stadt Orynth, Mädchen, und Ihr werdet dafür bezahlen«, fügte er in unverhohlener Feindseligkeit hinzu. »Ist das eine Drohung?«, knurrte Aedion und seine Hand schnellte vor, um sich um den Griff des Schwertes von Orynth zu legen, das an seiner Seite in der Scheide steckte. »Es ist das Gesetz«, antwortete Darrow schlicht. »Ein Gesetz, das Generationen von Herrschern aus dem Hause Galathynius respektiert haben.« In ihrem Kopf tönte ein solches Brüllen und in der Welt dahinter eine solch stille Leere. »Die Valg marschieren gegen uns – ein Valg-König marschiert gegen uns«, drängte Aedion, ganz der General. »Und Eure Königin , Darrow, ist vielleicht die einzige Person, die in der Lage ist, sie in Schach zu halten.« »Im Krieg geht es um Zahlen, nicht um Magie. Ihr wisst das, Aedion. Ihr habt in Theralis gekämpft.« Die große Ebene vor Orynth, Schauplatz der letzten verlorenen Schlacht, in der die Macht des Imperiums über sie hinweggefegt war. Nur wenige der Streitkräfte und Kommandanten Terrasens hatten das Blutbad überlebt, ganze Flüsse waren noch Tage danach rot gefärbt gewesen. Wenn Aedion in dieser Schlacht gekämpft hatte … Götter, er musste kaum mehr als vierzehn Jahre alt gewesen sein. Ihr drehte sich der Magen um. Darrow setzte hinzu: »Magie hat uns schon einmal im Stich gelassen. Wir werden uns nicht mehr auf sie verlassen.« Aedion fuhr ihn an: »Wir werden Verbündete brauchen …« »Es gibt keine Verbündeten«, unterbrach Darrow ihn. »Wenn Ihre Hoheit sich nicht dazu durchringt, uns durch eine Eheschließung Männer und Waffen zu sichern« – ein scharfer Blick auf Rowan –, »dann sind wir allein.« Aelin rang mit der Frage, ob sie preisgeben sollte, was sie wusste, das Geld, für das zu erlangen sie Ränke geschmiedet und getötet hatte, aber … Etwas Kaltes und Öliges erhob sich misstönend in ihr. Eine Heirat mit einem fremdländischen König oder Prinzen oder Herrscher. Würde das der Preis sein? Nicht nur an Blutvergießen, sondern an geopferten Träumen? Ewig eine Prinzessin zu sein, aber niemals eine Königin? Nicht nur mit Magie zu kämpfen, sondern mit der anderen Macht, die ihr innewohnte: ihrem königlichen Geblüt. Sie konnte Rowan nicht ansehen, konnte nicht in diese kieferngrünen Augen schauen, ohne dass ihr übel wurde. Sie hatte Dorian einmal ausgelacht – ausgelacht und ihn dafür getadelt, dass er zugegeben hatte, der Gedanke an eine Heirat mit irgendeiner anderen Frau als seiner Seelengefährtin sei ihm verhasst. Sie hatte ihn dafür ausgeschimpft, dass er Liebe dem Frieden seines Königreichs vorzog. Vielleicht hassten die Götter sie ja doch. Vielleicht war dies ihre Prüfung. Einer Form der Versklavung zu entrinnen, nur um in eine andere hineinzutappen. Vielleicht war dies die Strafe für jene Jahre im Überfluss Riftholds. Darrow bedachte sie mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln. »Findet mir Verbündete, Aelin Galathynius, dann berücksichtigen wir Eure Rolle in Terrasens Zukunft vielleicht. Denkt darüber nach. Und danke, dass Ihr uns um dieses Treffen gebeten habt.« Stumm erhob Aelin sich. Die anderen taten es ihr gleich. Bis auf Darrow. Aelin griff nach dem Bogen Papier, den er unterzeichnet hatte, und untersuchte die verdammenden Worte, die hingekritzelten Unterschriften. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch. Aelin brachte es zum Schweigen. Und die Kerzen. Und den schmiedeeisernen Kronleuchter über dem Tisch. Dunkelheit senkte sich herab, nur durchschnitten von Murtaughs und Rens scharfem Einatmen. Das Plätschern des Regens erfüllte den schwarzen Raum. Aelin sprach in die Dunkelheit, richtete die Worte dorthin, wo Darrow saß. »Ich schlage vor, Lord Darrow, dass Ihr Euch hieran gewöhnt. Denn wenn wir diesen Krieg verlieren, wird auf ewig Dunkelheit herrschen.« Es folgte ein Kratzen und ein Zischen – dann knisterte ein Streichholz, als es die Kerze auf dem Tisch entzündete. Darrows runzliges, hasserfülltes Antlitz wurde flackernd sichtbar. »Männer können ihr eigenes Licht machen, Erbin von Brannon.« Aelin starrte auf die einzelne Flamme, die Darrow entfacht hatte. Das Papier in ihren Händen zerfiel zu Asche. Bevor sie etwas erwidern konnte, sagte Darrow: »Das ist unser Gesetz – unser Recht. Wenn Ihr diesen Erlass ignoriert, Prinzessin, missachtet Ihr alles, wofür Eure Familie gestanden hat und gestorben ist. Die Lords von Terrasen haben gesprochen.« Rowans Hand lag fest in ihrem Rücken. Aber Aelin blickte zu Ren, der angespannt wirkte. Und über das Tosen in ihrem Kopf hinweg sagte sie: »Ob Ihr zu meinen Gunsten stimmt oder nicht, es wird immer einen Platz für Euch an diesem Hof geben. Für das, was zu tun Ihr Aedion und dem Captain geholfen habt. Für Nehemia.« Nehemia, die mit Ren zusammengearbeitet, die mit ihm gekämpft hatte. So etwas wie Schmerz brandete in Rens Augen auf und er öffnete den Mund, um zu sprechen, aber Darrow kam ihm zuvor. »Was für eine Verschwendung von Leben«, zischte Darrow. »Das war eine Prinzessin, die ihrem Volk wirklich ergeben war, die bis zu ihrem letzten Atemzug gekämpft hat für …« »Noch ein einziges Wort«, unterbrach Rowan ihn leise, »und es ist mir gleich, wie viele Lords Euch unterstützen oder was Eure Gesetze verlangen. Noch ein einziges Wort und ich werde Euch ausweiden, bevor Ihr Euch von diesem Stuhl erheben könnt. Habt Ihr verstanden?« Zum ersten Mal sah Darrow Rowan in die Augen und erbleichte beim Anblick des Todes, den er dort warten sah. Aber die Worte der Lords hatten ihr Ziel getroffen und hinterließen eine bebende Taubheit. Aedion riss Aelins Dolch vom Tisch. »Wir werden Eure Vorschläge abwägen.« Er hob seinen Schild auf und legte Aelin eine Hand auf die Schulter, um sie aus dem Raum zu führen. Es war nur der Anblick dieses zerbeulten und verschrammten Schildes, des uralten Schwertes, das an Aedions Seite hing, der sie dazu befähigte, die Füße zu bewegen und sich durch diese dichte Schicht aus Taubheit zu schieben. Ren öffnete die Tür, trat in den Flur hinaus, um ihn zu inspizieren, und hielt möglichst viel Abstand zu Lysandra, als sie mit Evangeline und Fleetfoot an ihrem flauschigen Schwanz vorbeitappte, zum Teufel mit aller Geheimhaltung. Aelin sah dem jungen Lord in die Augen und holte Luft, um etwas zu sagen, als Lysandra in den Flur knurrte. Sofort hatte Aelin einen Dolch in der Hand, kampfbereit. Aber es war nur Darrows Bote, der auf sie zugerannt kam. »Rifthold«, keuchte er, als er schlitternd stehen blieb und sie mit Regen bespritzte. »Einer der Späher aus der Ferianschlucht ist gerade hier vorbeigekommen. Das Heer der Ironteeth fliegt nach Rifthold. Sie haben vor, die Stadt niederzubrennen.« *** Aelin stand auf einer Lichtung außerhalb des Lichtscheins der Taverne und der kalte Regen klebte ihr das Haar an den Kopf und bescherte ihr eine Gänsehaut. Er durchnässte sie alle, weil Rowan jetzt die zusätzlichen Klingen, die sie ihm reichte, umschnallte und jeden Tropfen seiner Magie für das aufsparte, was er gleich tun würde. Sie hatten den Boten alles hervorsprudeln lassen, was er wusste – und das war nicht besonders viel gewesen. Das Heer der Ironteeth, das in der Ferianschlucht gelagert hatte, flog jetzt nach Rifthold. Dorian Havilliard würde das Ziel ihrer Attacke sein. Tot oder lebendig. Sie würden die Stadt morgen bei Einbruch der Nacht erreichen, und sobald Rifthold erobert war … würde Erawans Netz über die Mitte des Kontinents hinweg vollendet sein. Keine Streitkräfte aus Melisande, Fenharrow oder Eyllwe konnten sie dann erreichen – und auch keine Streitkräfte aus Terrasen. Nicht ohne Monate zu verschwenden, indem sie um die Berge herummarschierten. »Wir können nichts für die Stadt tun«, sagte Aedion, dessen Stimme durch den Regen schnitt. Zu dritt standen sie im Schutz einer großen Eiche und sie hatten alle den Blick auf Ren und Murtaugh gerichtet, die mit Evangeline und Lysandra sprachen, Letztere jetzt wieder in ihrer menschlichen Gestalt. Aelins Cousin fuhr fort, während Regen gegen den Schild auf seinem Rücken trommelte: »Wenn die Hexen nach Rifthold fliegen, dann ist die Stadt bereits verloren.« Aelin fragte sich, ob Manon Blackbeak den Angriff führen würde – und ob das ein Segen wäre. Die Schwarmführerin hatte sie schon einmal gerettet, aber nur zur Begleichung einer Lebensschuld. Sie bezweifelte, dass die Hexe sich in absehbarer Zeit verpflichtet fühlen würde, ihnen noch einmal zu helfen. Aedion sah Rowan an. »Dorian muss um jeden Preis gerettet werden. Ich kenne Perringtons – Erawans – Stil. Glaub keinem ihrer Versprechen und lass nicht zu, dass Dorian erneut in ihre Gewalt gerät.« Aedion fuhr sich mit der Hand durch sein durchnässtes Haar und fügte hinzu: »Und du auch nicht, Rowan.« Es waren die schrecklichsten Worte, die sie je gehört hatte. Bei Rowans bestätigendem Nicken wurden ihre Knie weich. Sie versuchte, nicht an die beiden Glasphiolen zu denken, die Aedion dem Prinzen kurz zuvor gereicht hatte. Was sie enthielten. Sie wusste nicht einmal, wann oder wo er sie erworben hatte. Alles, nur das nicht. Alles, nur … Rowans Hand streifte ihre. »Ich werde ihn retten«, murmelte er. »Ich würde das nicht von dir verlangen, wenn es nicht … Dorian ist lebenswichtig. Wenn wir ihn verlieren, verlieren wir jede Unterstützung in Adarlan.« Und einen der wenigen Magiekundigen, die Morath trotzen konnten. Rowans Nicken war grimmig. »Ich diene dir, Aelin. Entschuldige dich nicht dafür, dass du mich einsetzt.« Denn nur Rowan, der mit seiner Magie die Winde ritt, konnte Rifthold noch rechtzeitig erreichen. Selbst jetzt würde er vielleicht schon zu spät kommen. Aelin schluckte hörbar und kämpfte gegen das Gefühl an, dass die Welt ihr unter den Füßen weggerissen wurde. Der Schimmer einer Bewegung am Waldrand fiel ihr ins Auge und unauffällig musterte Aelin, was kleine, spindeldürre Hände am Fuß einer knorrigen Eiche zurückgelassen hatten. Keiner der anderen blinzelte auch nur in diese Richtung. Rowan war mit dem Richten seiner Waffen fertig und schaute mit der Entschlossenheit eines Kriegers zwischen ihr und Aedion hin und her. »Wo treffe ich euch, wenn ich den Prinzen in Sicherheit gebracht habe?« Aedion antwortete: »Lauf nach Norden. Halte dich von der Ferianschlucht fern …« Darrow erschien auf der anderen Seite der Lichtung und befahl Murtaugh lautstark, zu ihm zu kommen. »Nein«, sagte Aelin. Beide Krieger drehten sich um. Sie schaute nach Norden, in den wogenden Regen und die Blitze. Sie würde keinen Fuß nach Orynth setzen; sie würde ihre Heimat nicht sehen. Findet mir Verbündete , hatte Darrow gehöhnt. Sie wagte es nicht, zu dem regenumpeitschten Baum zu schauen, zu dem, was das Kleine Volk dort zurückgelassen hatte. Stattdessen bemerkte sie zu Aedion: »Wenn man Ren vertrauen kann, dann schick ihn zur Bane und sag ihm, sie sollten sich marschbereit halten und von Norden vorpreschen. Wenn wir sie nicht führen dürfen, dann müssen sie, so gut es geht, um Darrows Befehle herumarbeiten.« Aedion zog die Augenbrauen hoch. »Woran denkst du?« Aelin ignorierte diese Frage und wandte sich an Rowan. »Besorg dir ein Boot und reise mit Dorian nach Süden. Über Land ist es zu riskant, aber auf dem Meer könnt ihr dank deiner Gabe in wenigen Tagen dort sein. In der Skull’s Bay.« Der Totenkopfbucht. »Scheiße«, hauchte Aedion. Aber Aelin deutete mit dem Daumen über die Schulter zu Ren und Murtaugh und sagte zu ihrem Cousin: »Du hast mir erzählt, dass sie in Verbindung mit Kapitän Rolfe gestanden haben. Bring einen von ihnen dazu, ein Empfehlungsschreiben für uns zu verfassen. Jetzt sofort.« »Ich dachte, du würdest Rolfe kennen«, entgegnete Aedion. Aelin schenkte ihm ein grimmiges Lächeln. »Er und ich sind nicht im Guten auseinandergegangen, gelinde gesagt. Aber wenn man Rolfe auf unsere Seite ziehen kann …« Aedion beendete ihren Satz für sie: »Dann hätten wir eine kleine Flotte, die den Norden und den Süden verbinden könnte – den Blockaden trotzen.« Und es war eine gute Sache, dass sie all das Gold von Arobynn genommen hatte, um es dafür einzusetzen. »Skull’s Bay ist vielleicht der einzig sichere Ort, um uns zu verstecken – um uns mit den anderen Königreichen in Verbindung zu setzen.« Sie wagte es nicht, ihnen zu erzählen, dass Rolfe ihnen vielleicht viel mehr als nur eine Flotte von Blockadebrechern bieten konnte, wenn sie ihre Karten richtig ausspielte. An Rowan gewandt, fügte sie hinzu: »Warte dort auf uns. Wir werden heute Nacht zur Küste aufbrechen und zu den Dead Islands segeln. Wir werden zwei Wochen hinter Euch sein.« Aedion drückte Rowan zum Abschied die Schulter und ging zu Ren und Murtaugh. Einen Moment später humpelte der alte Mann ins Gasthaus, dicht gefolgt von Darrow, der Antworten verlangte. Solange Murtaugh nur diesen Brief an Rolfe schrieb, war es ihr gleich. Allein mit Rowan, sagte Aelin: »Darrow erwartet von mir, dass ich seinen Befehl klaglos ausführe. Aber wenn wir wirklich im Süden ein Heer ausheben können, könnten wir Erawan direkt in die Klingen der Bane treiben.« »Das wird vielleicht Darrow und die anderen trotzdem nicht überzeugen …« »Darum werde ich mich später kümmern«, erwiderte sie und versprühte Wassertropfen, als sie den Kopf schüttelte. »Für den Moment habe ich nicht die Absicht, diesen Krieg zu verlieren, weil irgendein alter Sack herausgefunden hat, dass er gern König spielt.« Rowans Grinsen war düster, boshaft. Er beugte sich vor und streifte ihren Mund mit seinem. »Ich habe auch nicht die Absicht, ihn diesen Thron behalten zu lassen, Aelin.« Sie flüsterte nur: »Komm zu mir zurück.« Wieder traf sie der Gedanke, was ihn in Rifthold erwartete. Götter – oh, Götter. Wenn ihm etwas zustoßen sollte … Er strich ihr mit einem Finger über die nasse Wange und zeichnete mit dem Daumen die Umrisse ihres Mundes nach. Sie legte ihm eine Hand auf seine muskulöse Brust, genau an die Stelle, wo jetzt diese beiden Giftphiolen versteckt waren. Einen Moment lang überlegte sie, die tödliche Flüssigkeit darin in Dampf zu verwandeln. Aber wenn Rowan gefangen genommen wurde, wenn Dorian gefangen genommen wurde … »Ich kann nicht – ich kann dich nicht gehen lassen …« »Doch, du kannst«, sagte er und ließ wenig Raum für Widerspruch. Die Stimme ihres prinzlichen Kommandanten. »Und du wirst es tun.« Rowan zeichnete abermals die Konturen ihrer Lippen nach. »Wenn du mich wiederfindest, werden wir diese Nacht zusammen haben. Dann ist es mir egal, wo, oder wer in der Nähe ist.« Er drückte ihr einen Kuss auf den Hals und murmelte dicht an ihrer regennassen Haut: »Du bist mein Feuerherz.« Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und zog ihn zu sich herab, um ihn zu küssen. Rowan schlang die Arme um sie, presste sie an sich und ließ die Hände über ihren Körper wandern, als würde er sich in seine Handflächen einbrennen, wie sie sich anfühlte. Sein Kuss war wild – Eis und Feuer, die sich umschlangen. Selbst der Regen schien innezuhalten, bis sie sich endlich atemlos voneinander lösten. Und durch den Regen, das Feuer und das Eis, durch die Dunkelheit und durch Blitz und Donner flackerte ein Wort in ihrem Kopf auf, eine Antwort und eine Herausforderung und eine Wahrheit, die sie sofort leugnete, ignorierte. Nicht für sich selbst, sondern für ihn … für ihn … Rowan verwandelte sich in einem Licht, das heller war als ein Blitz. Als sie mit dem Blinzeln fertig war, flatterte ein großer Habicht durch die Bäume und hinaus in die regenumpeitschte Nacht. Rowan stieß ein Kreischen aus, als er nach rechts abschwenkte – in Richtung der Küste –, der Laut eines Abschieds und eines Versprechens und ein Schlachtruf. Aelin schluckte den Kloß in ihrer Kehle herunter, als Aedion näher trat und ihr eine Hand auf die Schulter legte. »Lysandra will, dass Murtaugh Evangeline mitnimmt. Zur ›Damenausbildung‹. Das Mädchen weigert sich, mit ihm zu gehen. Du musst vielleicht … helfen.« Das Mädchen klammerte sich tatsächlich an ihre Herrin und ihre Schultern zuckten, so heftig weinte sie. Murtaugh schaute hilflos zu, nachdem er aus der Taverne zurückgekehrt war. Aelin schritt durch den Schlamm, der unter ihren Füßen schmatzte. Wie weit ihr fröhlicher Morgen jetzt zurückzuliegen schien. Sie berührte Evangelines durchnässtes Haar und das Mädchen löste sich gerade lange genug, dass Aelin ihr sagen konnte: »Du bist ein Mitglied meines Hofes. Und als solches unterstehst du meinem Befehl. Du bist klug und mutig und eine große Freude – aber wir sind auf dem Weg zu dunklen, schrecklichen Orten, die zu betreten selbst ich fürchte.« Evangelines Lippen zitterten. Etwas in Aelins Brust zog sich zusammen, aber sie stieß einen leisen Pfiff aus und Fleetfoot, die sich auf der Suche nach einer Zuflucht vor dem Regen unter ihren Pferden versteckt hatte, kam herbeigeschlichen. »Du musst für mich auf Fleetfoot aufpassen«, bat Aelin und streichelte den feuchten Kopf und die langen Ohren der Hündin. »Denn an diesen dunklen, schrecklichen Orten wäre ein Hund in Gefahr. Du bist die Einzige, der ich sie anvertrauen würde. Kannst du für mich auf sie aufpassen?« Sie hätte sie mehr wertschätzen sollen – diese glücklichen, ruhigen, langweiligen Augenblicke auf der Reise. Hätte jede Sekunde genießen sollen, in der sie alle zusammen gewesen waren, alle in Sicherheit. Lysandras Gesicht war angespannt, als sie hinter dem Mädchen stand – ihre Augen glänzten von mehr als nur dem Regen. Aber die Hofdame nickte Aelin zu, selbst als sie Murtaugh abermals mit der Konzentration eines Raubtieres beobachtete. »Bleib bei Lord Murtaugh, lerne mehr über diesen Hof und seine Sitten und beschütze meine Freundin«, bat Aelin Evangeline und hockte sich hin, um einen Kuss auf Fleetfoots klatschnassen Kopf zu drücken. Einen. Einen zweiten. Die Hündin leckte ihr geistesabwesend den Regen vom Gesicht. »Kannst du das tun?«, wiederholte Aelin. Evangeline schaute den Hund an, dann seine Herrin. Und nickte. Aelin gab dem Mädchen einen Kuss auf die Wange und flüsterte ihr ins Ohr: »Setze deine Magie bei diesen griesgrämigen alten Männern ein, wenn du schon mal dabei bist.« Sie lehnte sich zurück und zwinkerte dem Mädchen zu. »Gewinne mir mein Königreich zurück, Evangeline.« Aber das Mädchen war jenseits von jedem Lächeln und nickte abermals. Aelin küsste Fleetfoot ein letztes Mal und wandte sich ihrem wartenden Cousin zu, während Lysandra sich vor dem Mädchen in den Schlamm kniete, ihr das nasse Haar aus dem Gesicht strich und zu leise sprach, als dass ihre Fae-Ohren es hätten vernehmen können. Aedions Mund war eine harte Linie, als er den Blick von Lysandra und Evangeline losriss und den Kopf in Rens und Murtaughs Richtung neigte. Aelin ging neben ihm her und hielt einige Schritte entfernt von den Allsbrook-Lords inne. »Euer Brief, Majestät«, sagte Murtaugh und hielt ihr ein mit Wachs versiegeltes Röhrchen hin. Aelin nahm es entgegen und neigte dankend den Kopf. Aedion bemerkte zu Ren: »Wenn du nicht einen Tyrannen gegen einen anderen tauschen willst, schlage ich vor, dass du die Bane bereit machst, damit sie von Norden her vorrücken können.« Murtaugh antwortete für seinen Enkelsohn: »Darrow meint es gut …« »Darrow«, fiel Aedion ihm ins Wort, »ist jetzt ein Mann, dessen Tage gezählt sind.« Alle blickten zu ihr. Aber Aelin beobachtete die Taverne, deren Lichter durch die Bäume flackerten, und den alten Mann, der einmal mehr auf sie zugestürmt kam, selbst eine Art Naturgewalt. Sie sagte: »Wir rühren Darrow nicht an.« »Was?«, blaffte Aedion. Aelin sagte: »Ich würde mein ganzes Geld darauf verwetten, dass er bereits Schritte unternommen hat, um sicherzustellen, dass wir niemals wieder einen Fuß nach Orynth setzen können, falls er einen vorzeitigen Tod erleiden sollte.« Murtaugh sah sie mit einem düsteren, bestätigenden Nicken an. Aelin zuckte die Achseln. »Also fassen wir ihn nicht an. Wir spielen sein Spiel – halten uns an Regeln und Gesetze und Gelübde.« Etliche Schritte entfernt unterhielten Lysandra und Evangeline sich immer noch mit leisen Stimmen und das Mädchen weinte jetzt in den Armen ihrer Herrin, während Fleetfoot besorgt mit der Schnauze an ihre Hüfte stupste. Aelin erwiderte Murtaughs Blick. »Ich kenne Euch nicht, Lord, aber Ihr wart meinem Onkel treu ergeben – meiner Familie, und das über all diese langen Jahre.« Sie zog einen Dolch aus einer verborgenen Scheide an ihrem Oberschenkel. Die anderen zuckten zusammen, als sie sich in die Handfläche schnitt. Selbst Aedion erschrak. Aelin ballte ihre blutige Hand zur Faust und hielt sie in die Luft. »Wegen dieser Treue werdet Ihr verstehen, was ein Blutschwur mir bedeutet, wenn ich sage, dass ich mich, falls diesem Mädchen irgendein Leid widerfährt, sei es ein körperliches oder ein anderes, nicht darum scheren werde, welche Gesetze gelten, welche Regeln ich brechen werde.« Lysandra hatte sich jetzt zu ihnen umgedreht, denn ihre Gestaltwandlersinne hatten Blut gewittert. »Wenn Evangeline zu Schaden kommt, werdet Ihr brennen. Ihr alle. « »Ihr droht Eurem loyalen Hof?«, höhnte eine kalte Stimme, und Darrow blieb einige Schritte entfernt stehen. Aelin ignorierte ihn. Murtaugh hatte die Augen aufgerissen – genau wie Ren. Ihr Blut versickerte in der heiligen Erde. »Lasst dies Eure Prüfung sein.« Aedion fluchte. Er verstand. Wenn die Lords von Terrasen in ihrem Königreich nicht einmal ein Kind beschützen konnten, wenn sie es nicht über sich brachten, Evangeline zu retten und sich um jemanden zu kümmern, der ihnen nicht von Nutzen war, der ihnen keinen Wohl stand oder Ansehen verschaffen konnte … dann verdienten sie es, ums Leben zu kommen. Murtaugh verneigte sich noch einmal. »Euer Wille ist mein Wille, Majestät.« Er fügte leise hinzu: »Ich habe meine Enkeltöchter verloren. Ich werde kein weiteres Mädchen verlieren.« Mit diesen Worten ging der alte Mann dorthin, wo Darrow wartete, und nahm den Lord beiseite. Aelins Herz schlug schneller, aber sie sagte zu Ren, dessen Narbe in den Schatten seiner regendurchnässten Kapuze verborgen blieb: »Ich wünschte, wir hätten Zeit, miteinander zu reden. Ich wünschte, ich hätte Zeit, alles zu erklären.« »Ihr seid gut darin, dieses Königreich im Stich zu lassen. Ich sehe nicht, warum es jetzt anders sein sollte.« Aedion stieß ein Knurren aus, aber Aelin schnitt ihm das Wort ab. »Ihr könnt mich verurteilen, wie es Euch gefällt, Ren Allsbrook. Aber versagt diesem Königreich gegenüber nicht.« Sie sah die unausgesprochene Erwiderung in Rens Augen aufblitzen. So wie Ihr es zehn Jahre lang getan habt. Der Schlag traf sie tief und leise, doch sie wandte sich ab. Dabei bemerkte sie, wie Rens Blick auf das kleine Mädchen fiel – auf die brutalen Narben, die sich über Evangelines Gesicht zogen. Ganz ähnliche Narben wie die auf seinem eigenen Gesicht. Etwas in seinen Augen wurde weicher, nur ein ganz klein wenig. Aber Darrow stürmte jetzt auf Aelin zu und drängte sich an Murtaugh vorbei, sein Gesicht war weiß vor Zorn. »Ihr …«, begann er. Aelin hob eine Hand und Flammen sprangen aus ihren Fingerspitzen, die den Regen in Dampf verwandelten. Über ihren Unterarm schlängelte sich aus dem tiefen Schnitt in ihrer Hand eine Blutspur, leuchtend rot wie Goldryns Rubin, der über ihre Schulter spähte. »Ich werde noch ein weiteres Versprechen abgeben«, erklärte sie und ballte ihre blutige Hand zur Faust, bevor sie sie vor ihnen senkte. Darrow spannte sichtlich die Muskeln an. Ihr Blut tropfte auf die heilige Erde Terrasens und ihr Lächeln wurde tödlich. Selbst Aedion hielt den Atem an. Aelin sagte: »Ich verspreche Euch, dass ich, ganz gleich, wie weit ich fortgehe, ganz gleich, was es kostet, kommen werde, wenn Ihr mich um Hilfe ruft. Ich verspreche Euch bei meinem Blut, beim Namen meiner Familie, dass ich Terrasen nicht im Stich lassen werde, so wie Ihr mich im Stich gelassen habt. Ich verspreche Euch, Darrow, dass ich, wenn der Tag kommt und Ihr um meine Hilfe winselt, mein Königreich über meinen Stolz setzen und Euch nicht für dies hier töten werde. Ich denke, die wahre Strafe für Euch wird darin bestehen, mich für den Rest Eures erbärmlichen Lebens auf dem Thron sitzen zu sehen.« Sein Gesicht, das zuvor weiß gewesen war, verfärbte sich purpurn. Sie wandte sich einfach ab. »Wo wollt Ihr jetzt hingehen?«, fragte Darrow scharf. Murtaugh hatte ihn also nicht über ihren Plan und die Dead Islands ins Bild gesetzt. Interessant. Sie schaute über ihre Schulter. »Ich gehe alte Schulden und Versprechen einfordern. Eine Armee von Assassinen, Dieben, Verbannten und Gemeinen aufstellen. Um zu Ende zu bringen, was vor langer, langer Zeit begonnen wurde.« Schweigen war seine Antwort. Also gingen Aelin und Aedion zu Lysandra, die sie mit ernstem Gesicht beobachtete, während Evangeline sich die Arme um den Leib schlang und Fleetfoot sich an das lautlos weinende Mädchen lehnte. Aelin wandte sich an die Gestaltwandlerin und den General, nachdem sie den Kummer aus ihrem Herzen verbannt und den Schmerz und die Sorge aus ihrem Geist ausgesperrt hatte: »Wir brechen jetzt auf.« Und als sie auseinandergingen, um die Pferde zu holen, hauchte Aedion einen Kuss auf Evangelines nassen Kopf, bevor Murtaugh und Ren sie behutsam in die Taverne zurückführten. Darrow schritt ohne ein einziges Abschiedswort voraus. Endlich allein, näherte sich Aelin schließlich jenem in Schatten getauchten, knorrigen Baum. Das Kleine Volk hatte heute Morgen bereits von dem Wyvernangriff gewusst. Dieses kleine Bildnis, das unter dem sturzflutartigen Regen schon fast zerfiel, war also eine weitere Botschaft. Eine, die nur für sie bestimmt war. Brannons Tempel an der Küste war sorgfältig nachgebildet worden – ein schlaues kleines Gebilde aus Zweigen und Steinen, die die Säulen und den Altar darstellten … und auf dem heiligen Stein in seiner Mitte hatten sie aus Schafwolle einen weißen Hirsch geschaffen, dessen mächtiges Geweih aus gebogenen Dornen bestand. Ein Befehl – wohin sie gehen sollte, was sie erreichen musste. Sie war bereit zuzuhören, mitzuspielen. Selbst wenn es bedeutet hatte, den anderen nur die halbe Wahrheit zu sagen. Aelin brach den nachgebauten Tempel auseinander, behielt aber den Hirsch in ihrer Handfläche, dessen Wolle sich im Regen zusammenzog. Die Pferde wieherten, als Aedion und Lysandra sie hinter sich herzogen. Aelin blickte noch ein letztes Mal in den Wald; sie spürte ihn einen Moment, bevor er zwischen den fernen, von der Nacht umschleierten Bäumen auftauchte. Zu tief im Wald, um irgendetwas anderes als ein Geist zu sein, dem Traum eines uralten Gottes entsprungen. Atemlos beobachtete sie ihn, solange sie es wagte, und als Aelin auf ihr Pferd stieg, fragte sie sich, ob ihre Gefährten erkennen konnten, dass es kein Regen war, der auf ihrem Gesicht glänzte, als sie ihre schwarze Kapuze hochzog. Fragte sich, ob auch sie den Herrn des Nordens tief im Wald hatten Wache stehen sehen, der unsterbliche Glanz des weißen Hirschs im Regen gedämpft. Er war gekommen, um Aelin Galathynius Lebewohl zu sagen. 6 D orian Havilliard, König von Adarlan, hasste die Stille. Sie war zu seinem Gefährten geworden, ging neben ihm her durch die fast leeren Gänge seines steinernen Palasts, hockte des Nachts in der Ecke seines vollgestopften Turmzimmers und saß ihm bei jeder Mahlzeit am Tisch gegenüber. Er hatte immer gewusst, dass er eines Tages König sein würde. Er hatte nicht erwartet, einen zersplitterten Thron und eine leer stehende Festung zu erben. Seine Mutter und sein jüngerer Bruder weilten noch immer in ihrer Bergresidenz in Ararat. Er hatte nicht nach ihnen geschickt. Tatsächlich hatte er ihnen den Befehl gegeben, dort zu bleiben. Und sei es auch nur, weil es sonst die Rückkehr des aufgeputzten Hofes seiner Mutter bedeutet hätte und er die Stille mit Freuden ihrem Gekicher vorzog. Und sei es auch nur, weil es bedeutet hätte, seiner Mutter ins Gesicht zu sehen, seinem Bruder ins Gesicht zu sehen und darüber zu lügen, wer den gläsernen Palast zerstört hatte, wer die meisten ihrer Höflinge niedergemetzelt hatte und wer das Leben seines Vaters beendet hatte. Zu lügen, was sein Vater gewesen war – über den Dämon, der in ihm gelebt hatte. Ein Dämon, der sich mit seiner Mutter gepaart hatte – nicht nur einmal, sondern zweimal. Als Dorian auf dem kleinen, steinernen Balkon seines privaten Turms stand, schaute er über die glitzernde Fläche Riftholds unter der sinkenden Sonne, auf das funkelnde Band des Avery, der dem Herzen des Kontinents entsprang, um die Stadt herumführte wie die Windungen einer Schlange und dann in weiteren Mäandern ins Meer floss. Er hob die Hände und verdeckte die Aussicht, seine Finger schwielig von den vielen Übungsstunden, den Schwertkämpfen, zu denen er sich wieder gezwungen hatte. Seine Lieblingswachen – Chaols Männer – waren alle tot. Gefoltert und getötet. Seine Erinnerungen an die Zeit unter dem Wyrdsteinhalsband waren düster und verschwommen. Aber in seinen Albträumen stand er manchmal in einem Kerker tief unter diesem Palast und Blut, das nicht sein eigenes war, bedeckte seine Hände, Schreie, die nicht seine eigenen waren, hallten in seinen Ohren wider und flehten ihn um Gnade an. Nicht ihn, sagte er sich. Der Valg-Fürst hatte es getan. Sein Vater hatte es getan. Es fiel ihm immer noch schwer, dem durchdringenden Blick des neuen Captains der Garde zu begegnen, einem Freund von Nesryn Faliq, den er gebeten hatte, ihm zu zeigen, wie man kämpfte, ihm zu helfen, stärker zu werden, schneller. Nie wieder. Nie wieder würde er schwach und nutzlos und verängstigt sein. Dorian richtete den Blick nach Süden, als könnte er bis ganz nach Antica schauen. Er fragte sich, ob Chaol und Nesryn dort angekommen waren – fragte sich, ob sein Freund bereits in der Torre Cesme eingetroffen war, seinen kaputten Körper von dessen begabten Meisterinnen heilen ließ. Der Dämon in seinem Vater hatte auch das getan – Chaol die Wirbelsäule gebrochen. Sein Vater hatte gegen den Dämon angekämpft, hatte verhindert, dass der Hieb tödlich war. Dorian hatte keine solche Kontrolle besessen, keine solche Macht, als er dabei zugeschaut hatte, wie der Dämon seinen eigenen Körper benutzte – als der Dämon gefoltert und getötet und sich genommen hatte, was er wollte. Vielleicht war sein Vater am Ende der stärkere Mann gewesen. Der bessere Mann. Nicht dass er jemals eine Chance gehabt hatte, ihn als Mann kennenzulernen. Als Menschen. Dorian öffnete und schloss die Finger und in seiner Handfläche funkelte Frost. Rohe Magie – er besaß rohe Magie, doch es war niemand hier, der ihn unterrichten konnte. Niemand, den er zu fragen wagte. Er lehnte sich an die steinerne Mauer neben der Balkontür und berührte den Ring bleicher Haut um seinen Hals. Selbst nach all den Stunden, die er draußen beim Training verbracht hatte, wollte die Haut dort, wo einst das Halsband gelegen hatte, keine goldene Bräune annehmen. Vielleicht würde sie immer so bleiben. Vielleicht würde die zischende Stimme dieses Dämonenprinzen ihn auf ewig in seinen Träumen verfolgen. Vielleicht würde er immer aufwachen und sein Schweiß würde sich anfühlen wie Sorschas Blut auf seinem Körper, wie Aelins Blut, als er ihr den Dolch ins Fleisch gerammt hatte. Aelin. Kein Wort von ihr – oder von sonst irgendjemandem. Er hatte keine Ahnung, ob sie schon in ihr Königreich zurückgekehrt war. Aber er versuchte, sich keine Sorgen zu machen, nicht darüber nachzugrübeln, warum solch ein Schweigen herrschte. Solch ein Schweigen, obwohl Nesryns und Chaols Späher ihm jetzt Nachrichten überbrachten, dass Morath sich regte. Ihre Feinde würden nicht lange stillhalten. Dorian schaute in sein Turmzimmer hinein, zu dem Stapel Papiere auf seinem vollgestopften Schreibtisch, und krümmte sich. Er musste noch eine abscheuliche Menge Papierkram erledigen, bevor er schlafen gehen konnte: Da waren Briefe zu unterzeichnen, Pläne zu lesen … Donner grummelte über der Stadt. Vielleicht ein Zeichen, dass er sich an die Arbeit machen sollte, wenn er nicht wieder bis in die frühen Morgenstunden auf sein wollte. Dorian ging hinein und wieder grollte Donner. Zu früh, und das Geräusch zu kurz. Dorian suchte den Horizont ab. Keine Wolken – nichts als rot-goldener Abendhimmel. Aber die Stadt, die am Fuße des Burghügels lag, schien innezuhalten. Selbst der dahinkriechende, schlammige Avery schien stillzustehen, als das Krachen wieder ertönte. Er hatte dieses Geräusch schon einmal gehört. Die Magie in seinen Adern brodelte und er fragte sich, was sie da draußen wahrnahm, während der Balkon gegen seinen Willen mit Eis überzogen wurde, so schnell und kalt, dass die Steine ächzten. Er versuchte, die Kälte zurückzuziehen – als wäre sie ein Garnknäuel, das ihm aus den Händen gefallen war –, aber sie ignorierte ihn und breitete sich immer dichter und schneller über die Steine aus. Entlang des Türbogens hinter ihm, an der gerundeten Fassade des Turms hinab … Im Westen erklang ein Horn. Ein hoher, blökender Ton. Abrupt abgeschnitten. Von seinem Balkon aus konnte er die Quelle nicht sehen. Er eilte in sein Zimmer, überließ seine Magie den Steinen und rannte zu dem offenen, westlichen Fenster. Er war auf halbem Weg zwischen den Türmen von Büchern und Papieren hindurch, als er den Horizont gewahrte. Und seine Stadt zu schreien begann. Eine Legion von Wyvern verdeckte in der Ferne den Sonnenuntergang wie ein Schwarm von Fledermäusen. Jeder Wyvern trug eine bewaffnete Hexe und sie brüllten ihre Schlachtrufe in den blutroten Himmel. *** Manon und ihre Dreizehn waren ohne Pause geflogen, ohne Schlaf. Sie hatten die beiden Begleitzirkel gestern zurückgelassen, weil deren Wyvern zu erschöpft gewesen waren. Dank all der Extrarunden und Patrouillen, die die Dreizehn monatelang geflogen waren, hatten sie still und gründlich ihre Ausdauer verbessert. Sie waren in großer Höhe geflogen, um verborgen zu bleiben, und durch die Lücken in den Wolken war der Kontinent in vielfältigen Schattierungen von Sommergrün, Buttergelb und funkelndem Saphir aufgeblitzt. Der heutige Tag war so klar gewesen, dass keine Wolken ihnen Deckung gegeben hatten, als sie nach Rifthold geeilt waren, und nun begann die Sonne in westlicher Richtung ihre letzte Etappe des Abstiegs. In Richtung ihres verlorenen Heimatlandes. Aus ihrer Flughöhe konnte Manon das ganze Gemetzel überblicken, als der Horizont endlich die Sicht auf die Hauptstadt freigab. Der Angriff hatte ohne sie begonnen. Iskras Legion fiel über die Stadt her, hielt auf den Palast zu und auf die gläserne Wand, die am Ostrand die Stadt überragte. Sie trieb Abraxos mit den Knien an, ein wortloses Kommando, schneller zu fliegen. Er tat es – aber nur ein wenig. Er war erschöpft. Sie alle waren erschöpft. Iskra wollte den Sieg für sich selbst. Manon hatte keinen Zweifel, dass die Yellowlegs-Erbin Befehl erhalten hatte, das Feld zu räumen … aber erst, wenn Manon eintraf. Miststück. Miststück , zuerst hier anzukommen, nicht zu warten … Immer näher und näher rauschten sie an die Stadt heran. Schon bald erreichten sie die Schreie. Ihr roter Umhang wurde zu einem Mühlstein. Manon lenkte Abraxos zum steinernen Palast auf dem Hügel, der nur knapp über die glänzende, gläserne Wand lugte – die Wand, die einzureißen sie Befehl hatte –, und sie hoffte, dass sie in einer Hinsicht nicht schon zu spät kam. Und dass sie wusste, was zum Teufel sie tat. 7 D orian hatte Alarm geschlagen, aber die Wachen wussten schon Bescheid. Und als er losgelaufen war, um die Treppe des Turms hinunterzueilen, versperrten sie ihm den Weg und sagten ihm, er solle in seinem Turm bleiben. Er versuchte noch einmal, hinzugehen, zu helfen, aber sie flehten ihn an zu bleiben. Flehten ihn an, damit sie ihn nicht verloren. Es war die Verzweiflung, wie jung ihre Stimmen waren, die ihn im Turm festhielt. Aber er konnte auch von hier aus nützlich sein. Dorian stand auf seinem Balkon, eine Hand erhoben. Aus der Entfernung konnte er nichts tun, während die Wyvern jenseits der Glasmauer die Hölle entfesselten. Sie tobten durch Gebäude, rissen mit den Klauen Dächer auseinander und schnappten sich Menschen von der Straße – sein Volk. Sie überzogen den Himmel mit einer Decke aus Reißzähnen und Krallen, und obwohl Pfeile der Stadtwachen ihre Ziele trafen, hielten die Wyvern nicht inne. Dorian sammelte seine Magie und befahl ihr zu gehorchen, beschwor Eis und Wind in der Handfläche und ließ sie sich aufbauen. Er hätte trainieren sollen, hätte Aelin bitten sollen, ihm irgendetwas beizubringen, als sie hier gewesen war. Die Wyvern segelten näher an den Palast und die gläserne Mauer heran, die ihn immer noch umgab, als wollten sie ihm zeigen, wie machtlos er war, bevor sie ihn holen kamen. Sollten sie doch kommen. Sollten sie ihm nah genug kommen, dass er seine Magie einsetzen konnte. Er mochte nicht Aelins große Reichweite haben, mochte nicht in der Lage sein, die Stadt mit seiner Macht zu umhüllen, aber wenn sie nah genug herankamen … Er würde nicht wieder schwach sein oder den Kopf einziehen. Der erste der Wyvern überflog die Glasmauer. Riesig – so viel größer als die weißhaarige Hexe mit ihrem vernarbten Reittier. Sechs von ihnen steuerten direkt auf seinen Turm. Auf den König dieses Turms. Er würde ihnen einen König geben. Er ließ sie näher kommen, ballte die Finger zur Faust und tauchte tief, tief, tief in seine Magie hinein. Viele Hexen verweilten bei der gläsernen Mauer, ließen ihre Wyvern mit dem Schwanz dagegenpeitschen, zerschmetterten das undurchsichtige Glas Stück für Stück. Als reichten die sechs, die auf den Palast zuflogen, vollkommen aus, um ihn einzunehmen. Er konnte jetzt ihre Gestalten erkennen – konnte ihr mit Eisennieten bedecktes Leder sehen und das Glitzern der untergehenden Sonne auf den gewaltigen Brustpanzern der Wyvern, als sie über das Palastgelände rasten, das sich immer noch von der letzten Schlacht erholte. Und als Dorian ihre Eisenzähne sehen konnte, als sie ihn angrinsten, als die Schreie der Wachen, die so tapfer von den Türmen und Fenstern des Palastes Pfeile abfeuerten, zu einem dumpfen Getöse in seinen Ohren wurden, streckte er eine Hand nach den Hexen aus. Eis und Wind schoss durch sie hindurch, riss durch Tier und Reiterin. Die Wachen schrien vor Schreck – dann verfielen sie in fassungsloses Schweigen. Dorian rang nach Luft und keuchte auf, um sich an seinen Namen zu erinnern und daran, was er war, als die Magie aus ihm abfloss. Er hatte getötet, während er versklavt gewesen war, aber noch nie aus freiem Willen. Und als das tote Fleisch herunterregnete und dumpf auf dem Palastgelände aufschlug, sodass feine Blutstropfen in die Luft stoben … stöhnte seine Magie nach mehr , wirbelte in ihm hinauf und hinunter und sog ihn wieder in ihre eisigen Strudel. Jenseits der Glasmauer blutete seine Stadt. Schrie vor Entsetzen. Vier weitere Wyvern überquerten die nun bröckelnde Glasmauer, als die Reiterinnen ihre zerfetzten Schwestern sahen. Aus ihren unsterblichen Kehlen drangen Schreie, während die Schnüre der gelben Stirnbänder im Wind flatterten. Sie rissen ihre Wyvern nach oben in den Himmel, stiegen immer weiter auf, um dann direkt auf ihn hinabzustoßen. Ein Lächeln tanzte auf Dorians Lippen, als er erneut seine Magie entfesselte, eine doppelschwänzige Peitsche, die nach den aufsteigenden Wyvern schlug. Noch mehr Blut und tote Körper regneten zu Boden, bedeckt mit einer so dicken Eisschicht, dass sie auf den Pflastersteinen des Innenhofes zerbarsten. Dorian grub tiefer in seine Magie. Wenn es ihm irgendwie gelang, in die Stadt zu kommen, könnte er ein breiteres Netz auswerfen … In dem Moment kam der zweite Angriff. Aus einer Richtung, die er nicht erwartet hatte. *** Sein Turm neigte sich zur Seite und Dorian wurde nach vorn geschleudert, krachte gegen die steinerne Balkonbrüstung und konnte es nur knapp verhindern, über den Rand zu stürzen. Fels krachte und Holz splitterte und nur die Magie, die er um sich selbst herumgeworfen hatte, als er seinen Kopf schützte, verhinderte, dass er von einem Steinbrocken zerquetscht wurde. Er wirbelte zu seinem Schlafzimmer herum. Ein riesiges, klaffendes Loch war in die Seite und ins Dach gerissen worden. Und auf dem kaputten Stein hockte, ein verblichenes Band aus gelbem Leder um die Stirn, eine kräftig gebaute Hexe, die ihn jetzt anlächelte. Er beschwor seine Magie, aber sie flimmerte nur kurz auf. Zu früh, zu schnell, begriff er. Zu unkontrolliert. Nicht genug Zeit, um aus den vollen Tiefen seiner Macht zu schöpfen. Der Kopf des Wyvern schlängelte sich in den Turm. Hinter Dorian überwanden sechs weitere Wyvern die Mauer und schwebten auf seinen ungedeckten Rücken zu. Und die Mauer selbst … Aelins Mauer … Unter diesen hektischen, zornigen Krallen und Schwänzen … stürzte sie vollends ein. Dorian beäugte die Tür zu der Turmtreppe, durch die seine Wachen bereits hätten stürmen sollen. Nur Schweigen wartete dort. So nah – aber um dorthin zu gelangen, würde er direkt an dem Maul des Wyvern vorbeigehen müssen. Und genau deshalb lächelte die Hexe. Eine einzige Chance, er würde nur eine einzige Chance haben. Dorian spannte die Finger an und ließ der Hexe keine Zeit, ihn weiter zu studieren. Er stieß eine Hand vor und Eis splitterte von seiner Handfläche und in die Augen des Wyvern. Das Tier brüllte, bäumte sich auf und er rannte los. Etwas Scharfes streifte sein Ohr und grub sich in die Wand vor ihm. Ein Dolch. Er rannte weiter in Richtung Tür … Der Schwanz peitschte durch sein Gesichtsfeld und traf ihn eine Sekunde später mit voller Wucht in die Seite. Seine Magie war eine Schicht um ihn herum und schützte seine Knochen und seinen Schädel, als er gegen die Steinmauer geschleudert wurde. So heftig, dass die Steine barsten. So heftig, dass die meisten Menschen tot gewesen wären. Sternchen tanzten vor seinen Augen. Die Tür war so nah. Dorian versuchte, sich zu erheben, aber seine Glieder wollten ihm nicht gehorchen. Betäubt; betäubt von … Etwas Feuchtes, Warmes sickerte über die Haut direkt unter seinen Rippen. Blut. Keine tiefe Schnittwunde, aber tief genug, um zu schmerzen, dank einer der Dornen am Schwanz des Wyvern. Dornen mit einem grünlich schimmernden Überzug. Gift. Irgendeine Art von Gift, die schwächte und lähmte, bevor sie tötete … Er würde sich nicht wieder fangen lassen, sich nicht nach Morath bringen lassen, nicht zu dem Herzog und zu seinen Halsbändern … Seine Magie peitschte gegen die Lähmung und den tödlichen Kuss des Giftes an. Heilende Magie. Aber langsam, geschwächt durch seine unvorsichtige Verausgabung kurz zuvor. Dorian versuchte, zur Tür zu kriechen, keuchte durch seine zusammengebissenen Zähne. Die Hexe bellte ihrem Wyvern einen Befehl zu und Dorian beschwor genügend Kraft, um den Kopf zu heben. Um zu sehen, wie sie ihre Schwerter zückte und Anstalten machte, abzusteigen. Nein, nein, nein … Die Hexe schaffte es nicht bis auf den Boden. In einem Moment hockte sie auf ihrem Sattel und schwang ein Bein darüber. Im nächsten Moment war ihr Kopf fort und ihr Blut spritzte auf ihren Wyvern, der brüllte und herumfuhr … Und von einem anderen, kleineren Wyvern vom Turm geworfen wurde. Vernarbt und wild, mit schimmernden Flügeln. Dorian wartete nicht ab, was weiter geschah, stellte sich keine Fragen. Er kroch zur Tür und seine Magie verschlang das Gift, das ihn hätte töten sollen, ein rasender Schwall aus Licht, der mit all seiner beträchtlichen Kraft gegen diese grünliche Dunkelheit ankämpfte. Gespaltene Haut, Muskeln und Knochen juckten, als sie langsam wieder zusammenwuchsen – und dieser Funke zuckte und flackerte durch seine Adern. Dorian streckte die Hand nach dem Türgriff aus, als der kleine Wyvern in den Ruinen seines Turmzimmers landete. Von den gewaltigen Reißzähnen der Kreatur tropfte Blut auf die zerstreuten Papiere, um die Dorian sich nur Minuten zuvor hatte kümmern wollen. Die gepanzerte, anmutige Reiterin des Wyvern sprang geschickt herunter und die Pfeile in dem Köcher auf ihrem Rücken klapperten gegen den Griff des mächtigen Schwerts, das jetzt daneben gegürtet war. Sie zog den Helm, von dem schmale, lanzenartige Klingen wie eine Krone abstanden, vom Kopf. Er erkannte ihr Gesicht, noch bevor er sich an ihren Namen erinnerte. Er erkannte das weiße Haar, wie Mondlicht auf Wasser, das sich über ihre dunkle, schuppenartige Rüstung ergoss; erkannte die Augen aus gebranntem Gold. Erkannte dieses unbegreiflich schöne Gesicht, das erfüllt war von kalter Blutgier und boshafter Schläue. »Steht auf«, knurrte Manon Blackbeak. *** Mist. Das Wort war ein steter Gesang in Manons Kopf, als sie durch die Ruinen des Königsturms schritt. Ihre Rüstung donnerte gegen die herabgefallenen Steine, flatternden Papiere und verstreuten Bücher. Mist, Mist, Mist. Iskra war nirgends zu finden – zumindest nicht in der Nähe des Palastes. Aber ihr Zirkel war dort. Und als Manon diese Yellowlegs-Späherin gesehen hatte, die im Turm hockte und sich anschickte, diese Jagdbeute für sich zu beanspruchen, waren ein Jahrhundert Training und Instinkte in Manon hochgekocht. Es hatte bloß einen Streichs mit Windspalter bedurft, als Abraxos vorbeiflog, und Iskras Späherin war tot gewesen. Mist, Mist, Mist. Dann hatte Abraxos das verbliebene Reittier attackiert, einen Bullen mit stumpfen Augen, der nicht einmal Zeit hatte zu brüllen, bevor Abraxos’ Zähne sich um seine breite Kehle schlossen und Blut umherspritzte, während sie durch die Luft purzelten. Sie hatte keine Sekunde Zeit übrig, um darüber zu staunen, dass Abraxos vor dem Kampf nicht zurückgeschreckt war, dass er nicht klein beigegeben hatte. Ihr Wyvern mit dem Kriegerherzen. Sie würde ihm eine zusätzliche Ration Fleisch geben. Die dunkle, blutverschmierte Jacke des jungen Königs war mit Staub und Schmutz bedeckt. Aber seine saphirfarbenen Augen waren klar, wenn nicht geweitet, als sie erneut über den Lärm der schreienden Stadt knurrte: »Steht auf.« Er streckte eine Hand nach dem eisernen Türgriff aus. Nicht um Hilfe herbeizurufen oder zu fliehen, begriff sie, keine dreißig Zentimeter von ihm entfernt, sondern um sich zu erheben. Manon musterte seine langen Beine, die muskulöser waren als beim letzten Mal, als sie ihn gesehen hatte. Dann bemerkte sie die Wunde unter seiner zerfetzten Jacke. Nicht tief und nicht heftig blutend, aber … Mist, Mist, Mist. Das Gift des Wyvernschwanzes war schlimmstenfalls tödlich, bestenfalls lähmend. Lähmend nach nur einem Kratzer. Er sollte tot sein. Oder im Sterben liegen. »Was wollt Ihr?«, schnarrte er und schaute zwischen ihr und Abraxos hin und her, der damit beschäftigt war, den Himmel nach weiteren Angreifern abzusuchen. Seine Flügel raschelten vor Ungeduld. Der König verschaffte sich Zeit, während seine Wunde heilte. Magie. Nur die stärkste Magie konnte ihn vor dem Tod bewahrt haben. Manon fuhr ihn an: »Still!«, und zerrte ihn auf die Füße. Er zuckte bei ihrer Berührung oder bei der der eisernen Nägel, die sich durch seine Jacke bohrten, nicht zusammen. Er war schwerer, als sie vermutet hatte – als hätte er weitere Muskeln unter diesen Kleidern versteckt. Aber dank ihrer unsterblichen Kraft kostete es sie kaum Anstrengung, ihn auf die Beine zu hieven. Sie hatte vergessen, wie viel größer er war als sie. Als er vor ihr stand, keuchte Dorian, schaute auf sie herab und hauchte: »Hallo, meine kleine Hexe.« Ein uralter, raubtierhafter Teil in ihr erwachte bei diesem schiefen Lächeln und richtete seine Aufmerksamkeit auf den König. Kein Hauch von Furcht. Interessant. Manon schnurrte zurück: »Hallo, mein kleiner Prinz.« Abraxos stieß ein warnendes Knurren aus und Manon riss den Kopf herum und entdeckte einen weiteren Wyvern, der unerbittlich und schnell in ihre Richtung segelte. »Geht« , sagte sie und ließ ihn sich selbst stützen, als sie die Turmtür aufriss. Die Schreie der Männer in den unteren Stockwerken schallten zu ihnen herauf. Dorian sackte gegen die Wand, als konzentrierte er seine gesamte Aufmerksamkeit darauf, aufrecht stehen zu bleiben. »Gibt es einen weiteren Ausgang? Einen anderen Weg hinaus?« Der König musterte sie so freimütig, dass es ihr ein Knurren entlockte. Dann, als hätte die Göttin selbst ihre Hand ausgestreckt, stieß hinter ihnen ein mächtiger Wind den nahenden Wyvern und seine Reiterin vom Turm, sodass sie kopfüber in die Stadt stürzten. Selbst Abraxos brüllte und klammerte sich so fest an die Steine des Turms, dass der Fels unter seinen Krallen zersprang. »Es gibt Gänge«, antwortete der König. »Aber Ihr …« »Dann findet sie. Verschwindet.« Er bewegte sich nicht von der Stelle. »Warum?« Der bleiche Hautstreifen schnitt noch immer über seine Kehle, in solch starkem Kontrast zur goldenen Bräune seiner restlichen Haut. Aber sie duldete es nicht, von Sterblichen infrage gestellt zu werden. Nicht einmal von Königen. Nicht mehr. Also ignorierte sie seine Frage und sagte: »Perrington ist nicht das, was er zu sein scheint. Er ist ein Dämon in einem sterblichen Körper. Seine frühere Haut hat er abgestreift und erscheint nun als goldhaariger Mann. Er züchtet etwas Böses in Morath, das er jetzt jeden Tag zu entfesseln plant. Dies ist nur ein Vorgeschmack.« Sie deutete mit einer eisenbewehrten Hand auf die Zerstörung um sie herum. »Eine Methode, Euren Mut zu brechen und die Gunst anderer Königreiche zu erringen, indem man Euch als den Feind darstellt. Ruft Eure Truppen zusammen, bevor er eine Chance bekommt, sein Heer zu solcher Größe anschwellen zu lassen, dass es nicht mehr zu besiegen ist. Er hat vor, nicht nur diesen Kontinent zu ergreifen, sondern ganz Erilea.« »Warum sollte seine gekrönte Reiterin mir das verraten?« »Meine Gründe gehen Euch nichts an. Flieht.« Wieder bestürmte dieser mächtige Wind den Palast, stieß die herannahenden Truppen zurück und brachte die Steine zum Ächzen. Ein Wind, der nach Kiefern und Schnee roch – ein vertrauter, seltsamer Duft. Uralt und schlau und grausam. »Ihr habt diese Hexe getötet.« In der Tat, das Blut der Späherin be fleckte die Steine. Es bedeckte Windspalter und ihren weggeworfenen Helm. Hexentöterin. Manon schob den Gedanken beiseite, zusammen mit seiner angedeuteten Frage. »Ihr verdankt mir Euer Leben, König von Adarlan. Bereitet Euch auf den Tag vor, an dem ich komme, um diese Schuld einzufordern.« Sein sinnlicher Mund verzog sich. »Kämpft mit uns. Jetzt – kämpft jetzt mit uns gegen ihn.« Durch die Tür zerrissen Schreie und Schlachtrufe die Luft. Hexen hatten es geschafft, den Palast zu infiltrieren. Es würde eine Frage von Augenblicken sein, bevor man sie fand. Und wenn der König dann nicht fort war … sie riss ihn von der Wand weg und stieß ihn ins Treppenhaus. Seine Beine gaben unter ihm nach und er stützte sich mit einer Hand an der uralten Steinmauer ab, bevor er sie wütend über die Schulter hinweg anfunkelte. »Erkennt Ihr den Tod nicht, wenn Ihr ihn seht?«, zischte sie leise. »Ich habe den Tod gesehen und Schlimmeres«, antwortete er, die saphirfarbenen Augen starr, während er sie vom Kopf bis zu ihrer gepanzerten Stiefelspitze musterte. »Der Tod, den Ihr anbietet, ist gütig im Vergleich dazu.« Das brachte eine Saite in ihr zum Klingen, aber der König humpelte bereits die Treppe hinunter, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Bewegte sich so verdammt langsam, während das Gift sich einen Weg aus seinem Körper bahnte, während seine Magie mit aller Macht darum kämpfte, ihn auf dieser Seite des Lebens festzuhalten. Die Tür am Fuß des Turms wurde zerschmettert. Dorian blieb stehen, als vier Yellowlegs-Späherinnen hereingestürzt kamen. Die Hexen hielten inne und blinzelten ihre Schwarmführerin an. Windspalter zuckte in ihrer Hand. Ihn töten – ihn jetzt töten, bevor sie die Nachricht verbreiten konnten, dass sie mit ihm gesehen worden war … Mist, Mist, Mist. Manon brauchte keine Entscheidung zu treffen. In einem Wirbelwind aus Stahl starben die Yellowlegs, bevor sie sich dem Krieger zuwenden konnten, der durch die Tür barst. Silbernes Haar, Hals und Gesicht tätowiert und leicht spitz zulaufende Ohren. Die Quelle dieses Windes. Dorian fluchte und taumelte eine Stufe weiter hinunter, aber die Augen des Fae-Kriegers waren auf sie gerichtet. Nur tödlicher Zorn flackerte dort. Alle Luft wich aus Manons Kehle. Sie stieß einen erstickten Laut aus und taumelte rückwärts, griff sich an den Hals, als könnte sie einen Luftweg herausmeißeln. Aber die Magie des Mannes hielt. Er würde sie für das töten, was sie seiner Königin anzutun versucht hatte. Für den Pfeil, den Asterin in der Absicht abgeschossen hatte, das Herz der Königin zu treffen. Es war ein Pfeil, vor den er sich selbst geworfen hatte. Manon krachte auf die Knie. Der König war sofort an ihrer Seite und musterte sie einen Moment lang, bevor er die Treppe hinunterbrüllte: »NEIN !« Mehr war nicht nötig. Luft flutete in ihren Mund und ihre Lungen und Manon keuchte, als sie endlich wieder einatmen konnte. Ihre Art besaß keine magischen Schilde gegen Angriffe wie diesen. Nur in äußerster Verzweiflung oder extremem Zorn konnte eine Hexe den Kern ihrer Magie in sich beschwören – mit verheerenden Konsequenzen. Selbst die blutrünstigsten und seelenlosesten unter ihnen flüsterten nur von diesem Akt: der Übergabe. Dorians Gesicht verschwamm vor ihren tränenden Augen. Manon rang immer noch nach frischer, lebensrettender Luft, als er sagte: »Findet mich, wenn Ihr Eure Meinung ändert, Blackbeak.« Dann war der König fort. 8 R owan Whitethorn war zwei Tage lang ohne Nahrung oder Wasser oder Ruhepause geflogen. Er war trotzdem zu spät in Rifthold angekommen. Die Hauptstadt war in den Krallen der Hexen und ihrer Wyvern und es herrschte Chaos. Er hatte im Laufe der Jahrhunderte genug Städte fallen sehen, um zu wissen, dass es um diese hier geschehen war. Selbst wenn die Bewohner sich zusammenschlossen, würden sie doch nur dem Tod in die Arme laufen. Die Hexen hatten Aelins gläserne Mauer bereits niedergerissen. Ein weiterer berechnender Schachzug Erawans. Es hatte ihn Mühe gekostet, die Unschuldigen allein ihrem Kampf zu überlassen, Anstrengung, unerbittlich und schnell zum steinernen Palast und zum Königsturm zu eilen. Einen einzigen Befehl hatte er von seiner Königin erhalten. Er war trotzdem zu spät gekommen. Doch es gab noch einen schwachen Hoffnungsschimmer. Dorian Havilliard stolperte, als sie durch den Gang des Palasts hasteten, und Rowans scharfe Ohren und nicht minder scharfer Geruchssinn hielten sie von den Bereichen fern, wo die Kämpfe tobten. Wenn die geheimen Tunnel beobachtet wurden, wenn sie die Kanali sation nicht erreichen konnten … Rowan berechnete Plan um Plan. Keiner nahm ein gutes Ende. »Hier entlang«, keuchte der König. Es war das Erste, was Dorian sagte, seit sie die Treppen hinuntereilten. Sie befanden sich in einem bewohnten Teil des Palastes, den Rowan bei seinen Spähflügen nur von außen gesehen hatte – in Habichtgestalt. Die Gemächer der Königin. »Im Schlafzimmer meiner Mutter gibt es einen geheimen Ausgang.« Die verblichenen, weißen Türen zu den Wohnräumen der Königin waren verschlossen. Rowan sprengte sie mühelos auf; Holz splitterte und bohrte sich in die kostbaren Möbel, die Kunstwerke an den Wänden. Glasfigürchen und andere wertvolle Dinge zersprangen. »Tut mir leid«, sagte Rowan zum König – und klang nicht wirklich so, als meinte er es. Seine Magie flackerte, ein fernes Flattern, das ihn wissen ließ, dass sie zur Neige ging. Zwei Tage den Wind reiten bei halsbrecherischer Geschwindigkeit, dann der Kampf mit diesen Wyvern hatten ihren Tribut gefordert. Dorian betrachtete den Schaden. »Irgendjemand hätte es ohnehin getan.« Kein Gefühl, kein Kummer hinter den Worten. Er eilte leicht humpelnd durch den Raum. Wenn der König einen winzigen Bruchteil weniger Magie besessen hätte, wäre er dem Gift des Wyverns vielleicht erlegen. Dorian erreichte das große, goldgerahmte Porträt einer schönen jungen Frau mit kastanienbraunem Haar, ein Baby mit saphirblauen Augen in den Armen. Der König betrachtete das Gemälde einen Moment länger als nötig, genug, um Rowan alles zu verraten. Aber Dorian riss an dem Gemälde. Als es sich von der Wand löste, gab es eine kleine Tür frei. Rowan sorgte dafür, dass der König voranging, eine Kerze in der Hand, bevor er seine Magie benutzte, um das Gemälde an seinen Platz zurückschweben zu lassen. Dann schloss er die Tür hinter ihnen. Der Flur war eng, die Steine staubig. Aber der Wind vor ihnen wisperte von offenen Räumen, von Feuchtigkeit und Moder. Rowan sandte einen Magiefaden aus, um die Treppe zu erkunden, die sie jetzt hinunterschritten, und die vielen Flure vor ihnen. Keine Einsturzgefahr, obwohl der Uhrturm zerstört war. Keine Spur von Feinden, die auf der Lauer lagen, oder von dem verdorbenen Gestank der Valg und ihrer Bestien. Eine kleine Gnade. Seine Fae-Ohren fingen die gedämpften Schreie und Rufe der Sterbenden über ihnen auf. »Ich sollte bleiben«, sagte Dorian leise. Auch er hörte sie. Eine Gabe der Magie des Königs – das verstärkte Gehör. Rohe Magie, die ihm alle möglichen Gaben schenken konnte: Eis, Flammen, Heilung, geschärfte Sinne und Kraft. Vielleicht Gestaltwandel, wenn er es versuchte. »Lebend seid Ihr Eurem Volk von größerem Nutzen«, bemerkte Rowan und seine Stimme hallte rau von den Steinen wider. Erschöpfung zehrte an ihm, aber er schob sie beiseite. Er konnte sich ausruhen, wenn sie in Sicherheit waren. Der König antwortete nicht. Rowan sagte: »Ich habe viele Städte fallen sehen. Ich habe ganze Königreiche fallen sehen. Und die Zerstörung, die ich auf meinem Weg hierher gesehen habe, war so allumfassend, dass Ihr es trotz Eurer beträchtlichen Gaben nicht hättet verhindern können.« Er war sich nicht ganz sicher, was sie machen würden, wenn diese Zerstörung bis vor Orynths Türschwelle getragen wurde. Oder warum Erawan damit wartete. Darüber würde er später nachdenken. »Ich sollte mit ihnen sterben«, lautete die Antwort des Königs. Sie kamen am Fuß der Treppe an und der Gang verbreiterte sich jetzt zu Gewölben, in denen man gut atmen konnte. Wieder schlän gelte Rowan seine Magie durch die vielen Tunnel und Treppenhäuser. Das zu seiner Rechten ließ den Schluss zu, dass an seinem Fuß ein Eingang zur Kanalisation lag. Gut. »Man hat mich hierhergeschickt, um Euch daran zu hindern, genau das zu tun«, erklärte Rowan schließlich. Der König sah ihn über seine Schulter an und zuckte ein wenig zusammen, weil die Bewegung die noch verheilende Haut dehnte. Wo Rowan vermutete, dass erst vor wenigen Minuten noch eine klaffende Wunde gewesen war, sah man jetzt nur noch eine zornige, rote Narbe durch seine zerrissene Jacke. Dorian sagte: »Ihr wolltet sie töten.« Er wusste, von wem der König sprach. »Warum habt Ihr mich daran gehindert?« Also erzählte ihm der König von der Begegnung mit der Hexe, als sie tiefer in die Eingeweide des Palasts hinabstiegen. »Ich würde ihr nicht trauen«, meinte Rowan, als Dorian zu Ende erzählt hatte, »aber vielleicht gewähren uns die Götter ein Almosen. Vielleicht wird die Blackbeak-Erbin sich unserer Sache anschließen.« Falls nicht vorher ihre Verbrechen entdeckt wurden. Aber selbst wenn sie nur dreizehn Hexen und ihre Wyvern auf ihrer Seite hätten, falls dieser Zirkel der geschickteste unter allen Ironteeth war, konnte das den Unterschied bedeuten zwischen Orynths Sturz oder seiner erfolgreichen Verteidigung. Sie erreichten die Kanalisation des Palastes. Selbst die Ratten flohen durch den kleinen Zufluss, als wäre das Brüllen der Wyvern ein Totengeläut. Sie passierten einen Bogengang, der durch eingestürzte Steine versperrt war – zweifellos von der höllischen Explosion im vergangenen Sommer. Aelins Gang, begriff Rowan mit einem Ziehen tief in der Brust. Und einige Schritte weiter befleckte eine alte Lache getrockneten Bluts die Steine am Rand des Wassers. Ein menschlicher Gestank lag darüber, verdorben und abscheulich. »Genau hier hat sie Archer Finn aufgeschlitzt«, berichtete Dorian, der seinem Blick gefolgt war. Rowan gestattete sich nicht, darüber nachzudenken oder darüber, dass diese Narren unwissentlich einer Assassinin ein Zimmer zugewiesen hatten, das mit den Gemächern ihrer Königin verbunden war. An einen steinernen Poller festgebunden, lag ein Boot im Wasser, sein Rumpf beinahe verrottet, aber es würde reichen. Und das Gitter zu dem kleinen Fluss, der sich am Palast vorbeischlängelte, war noch offen. Rowan sandte seine Magie einmal mehr in die Welt hinaus und kostete die Luft jenseits der Kanalisation. Keine Flügel spalteten sie, kein Blut war auf ihrem Pfad zu wittern. Ein stiller, östlicher Teil des Palasts. Wenn die Hexen klug gewesen wären, hätten sie Wachen eingesetzt, die jeden Zentimeter davon im Auge behielten. Aber nach dem Schreien und Flehen von oben zu urteilen, wusste Rowan, dass die Hexen sich zu sehr in ihrem Blutrausch verloren, um klar zu denken. Zumindest für einige Minuten. Rowan deutete mit dem Kinn auf das Boot. »Steigt ein.« Dorian runzelte angesichts des Moders und der Fäulnis die Stirn. »Wir werden uns glücklich schätzen können, wenn es nicht um uns herum auseinanderfällt.« »Um Euch herum«, korrigierte Rowan ihn. »Um Euch herum. Nicht um mich. Steigt ein.« Dorian hörte seinen Ton und stieg klugerweise ein. »Was wollt Ihr …« Rowan riss seinen Umhang herunter und warf ihn dem König zu. »Legt Euch hin und breitet den da über Euch aus.« Mit etwas bleichem Gesicht gehorchte Dorian. Rowan kappte die Seile mit einem Aufblitzen seiner Messer. Er verwandelte sich und seine Flügel schlugen so laut, dass Dorian verstand, was geschehen war, auch ohne es zu sehen. Rowans Magie stöhnte und ächzte unter der Anstrengung, ein scheinbar leeres, ziellos umherschlingerndes Boot aus der Kanalisation zu schieben, so als hätte jemand es versehentlich losgemacht. Er flog durch die Mündung der Kanalisation und beschirmte das Boot mit einer Wand aus harter Luft – ließ den Duft des Königs nicht nach außen dringen und hielt jeden verirrten Pfeil davon ab, ihn zu durchbohren. Rowan schaute nur ein einziges Mal zurück, als er den kleinen Fluss entlangflog, hoch über dem Boot. Nur ein einziges Mal schaute er sich nach der Stadt um, die seine Königin geformt, gebrochen und geschützt hatte. Von ihrer gläsernen Mauer waren nur noch Bruchstücke und Splitter übrig, die in den Straßen und im Gras glitzerten. Diese letzten Wochen der Reise waren Folter gewesen – der unbändige Drang, Aelin zu erobern, sie zu kosten, das alles trieb ihn in den Wahnsinn. Und wenn er bedachte, was Darrow gesagt hatte … es war vielleicht trotz seines Versprechens beim Abschied eine gute Sache gewesen, dass sie diesen letzten Schritt nicht getan hatten. Der Gedanke war schon lange vor Darrow und seinen Schwachsinnserlassen in seinem Hinterkopf gewesen: Er war ein Prinz, aber nur dem Namen nach. Er hatte keine Armee, kein Geld. Das beträchtliche Vermögen, das er besaß, war in Doranelle – und Maeve würde ihm niemals erlauben, Anspruch darauf zu erheben. Es war wahrscheinlich bereits unter seinen lästigen Cousins aufgeteilt worden, zusammen mit seinen Ländereien und Häusern. Dabei würde es keine Rolle spielen, wenn einige von ihnen – die Cousins, mit denen er aufgewachsen war – sich vielleicht weigerten, diese Güter zu akzeptieren, aus typischer Whitethorn-Loyalität und Sturheit. Alles, was Rowan seiner Königin jetzt noch zu bieten hatte, waren die Stärke seines Schwertes, die Tiefe seiner Magie und die Loyalität seines Herzens. Mit solchen Dingen gewann man keine Kriege. Er hatte die Verzweiflung an ihr gewittert, als Darrow gesprochen hatte, obwohl in ihrem Gesicht nichts davon zu lesen gewesen war. Und er kannte ihre feurige Seele: Sie würde es tun. Eine Ehe mit einem fremdländischen Prinzen oder Lord in Betracht ziehen. Selbst wenn diese Sache zwischen ihnen … selbst wenn er wusste, dass es nicht bloße Lust oder auch nur einfache Liebe war. Diese Sache zwischen ihnen, ihre Kraft, konnte die Welt verschlingen. Und wenn sie sich dafür entschieden, wenn sie sich für sich entschieden, konnte das sehr gut das Ende dieser Welt herbeiführen. Darum hatte er die Worte nicht ausgesprochen, die er ihr seit einiger Zeit hatte sagen wollen, obwohl alles in ihm instinktiv danach gebrüllt hatte, es bei ihrem Abschied zu tun. Und Aelin zu bekommen, nur um sie wieder zu verlieren, war vielleicht seine Strafe dafür, dass er einst seine Gefährtin hatte sterben lassen; seine Strafe dafür, dass er endlich diese Trauer und diesen Selbsthass losgelassen hatte. Das Plätschern der Wellen war kaum hörbar bei dem Brüllen der Wyvern und den Schreien der Unschuldigen nach Hilfe, die niemals kommen würde. Er blendete den Schmerz in seiner Brust aus, das Verlangen, umzudrehen. Dies war Krieg. Diese Länder würden in den kommenden Tagen und Monaten viel Schlimmeres erdulden müssen. Seine Königin, ganz gleich, wie sehr er versuchte, sie zu beschützen, würde weit Schlimmeres erdulden. Während das Boot über den kleinen Fluss trieb, der sich zum Avery-Delta schlängelte, und hoch oben über ihm ein Habicht mit weißen Schwanzfedern segelte, färbten sich die Mauern des steinernen Palastes blutrot. 9 E lide Lochan wusste, dass jemand sie jagte. Seit drei Tagen versuchte sie nun abzuschütteln, was immer sie durch den sich endlos hinziehenden Oakwald verfolgte. Und dabei hatte sie sich selbst verirrt. Drei Tage, in denen sie kaum geschlafen hatte, in denen sie kaum lange genug haltgemacht hatte, um Nahrung und Wasser zu ergattern. Sie hatte sich einmal nach Süden gewandt – um zurückzugehen und dadurch ihre Spur zu verwischen. Am Ende war sie einen ganzen Tag lang in diese Richtung gegangen. Dann nach Westen, in Richtung der Berge. Dann nach Süden, möglicherweise Osten; sie konnte es nicht erkennen. Irgendwann war sie gerannt, der Oakwald so dicht, dass sie den Lauf der Sonne kaum im Blick behalten konnte. Ohne eine klare Sicht auf die Sterne, und da sie es nicht wagte, haltzumachen und einen Baum zu finden, auf den sie leicht klettern konnte, fand sie den Herrn des Nordens nicht wieder – ihr Leuchtfeuer in Richtung Heimat. Gegen Mittag des dritten Tages war sie den Tränen nah. Tränen der Erschöpfung, des Zorns, der knochentiefen Furcht. Was immer sich Zeit ließ, sie zu jagen, würde sich gewiss auch Zeit lassen, sie zu töten. Ihr Messer zitterte in ihrer Hand, als sie auf einer Lichtung inne hielt, durch die ein schnelles Flüsschen plätscherte. Ihr Bein schmerzte – ihr zerstörtes, unbrauchbares Bein. Für ein paar Stunden Frieden und Sicherheit würde sie dem dunklen Gott ihre Seele opfern. Elide warf das Messer neben sich ins Gras, ließ sich vor dem Bach auf die Knie fallen und trank schnell und gierig. Wasser gluckerte in ihrem Bauch, wo schon länger keine Beeren und Wurzeln mehr waren. Sie füllte ihre Feldflasche wieder auf und ihre Hände zitterten dabei unkontrolliert. Zitterten so heftig, dass sie den Metallverschluss in den Fluss fallen ließ. Sie fluchte und stieß die Arme bis zu den Ellbogen ins kalte Wasser, tastete nach dem Verschluss, tastete die Steine und glitschigen Ranken des Flussgrases ab und flehte das Schicksal um eine einzige Chance an … Ihre Hand schloss sich um den Verschluss, als das erste Heulen durch den Wald tönte. Elide und der Wald erstarrten. Sie kannte das Gebell von Hunden, hatte dem schauerlichen Gesang der Wölfe gelauscht, als man sie von Perranth hinunter nach Morath befördert hatte. Dies war keins von beidem. Dies war … Es hatte Nächte in Morath gegeben, in denen ein solches Geheul sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Ein Geheul, von dem sie geglaubt hatte, dass sie es sich nur eingebildet hatte, als es nicht von Neuem erklang. Niemand hatte je darüber gesprochen. Aber da war nun das Geräusch. Dieses Geräusch. Wir werden Wunder erschaffen, vor denen die Welt erzittern wird. Oh, Götter. Elide drehte blind den Verschluss auf die Feldflasche. Was immer es sein mochte, es kam schnell näher. Ein Baum könnte sie retten – wenn sie hoch genug hinaufkletterte. Er würde sie verstecken. Vielleicht. Elide fuhr herum, um ihre Feldflasche in ihren Rucksack zu stopfen. Und erstarrte. Ein Krieger hockte auf der anderen Seite des Baches und balancierte ein langes Messer auf dem Knie. Seine schwarzen Augen verschlangen sie, sein Gesicht streng unter dunklem, schulterlangem Haar, als er mit einer Stimme wie Granit sagte: »Wenn du nicht zum Mittagessen gegessen werden willst, Mädchen, schlage ich vor, dass du mit mir kommst.« Eine leise, uralte Stimme flüsterte ihr ins Ohr, dass sie endlich ihren unbarmherzigen Jäger gefunden hatte. Und sie würden jetzt beide zur Beute eines anderen werden. *** Lorcan Salvaterre lauschte auf das lauter werdende Knurren in dem uralten Wald und wusste, dass sie wahrscheinlich gleich sterben würden. Nun, das Mädchen würde sterben. Entweder unter den Krallen der Kreatur, die sie verfolgte, oder durch die Spitze von Lorcans Klinge. Er hatte sich noch nicht entschieden. Menschlich – der Duft nach Zimt und Holunderbeeren, den sie verströmte, war durch und durch menschlich –, und doch war da dieser andere Geruch, dieser Hauch von Dunkelheit, der um sie herumflatterte wie die Flügel eines Kolibris. Er hätte vielleicht den Verdacht gehabt, dass sie die Bestien beschworen hatte, wäre da nicht der Geruch von Furcht in der Luft gewesen. Und die Tatsache, dass er sie jetzt seit drei Tagen verfolgte und ihr erlaubt hatte, sich in dem verworrenen Labyrinth des Oakwalds zu verirren, und keine Anhaltspunkte dafür gefunden hatte, dass sie unter dem Bann der Valg stand. Lorcan erhob sich, und ihre dunklen Augen weiteten sich, als sie seine gewaltige Größe bemerkte. Sie blieb auf den Knien am Flussufer hocken und streckte eine schmutzige Hand nach dem Dolch aus, den sie törichterweise ins Gras gelegt hatte. Sie war nicht so dumm oder verzweifelt, die Waffe gegen ihn zu erheben. »Wer seid Ihr?« Ihre heisere Stimme war tief – nicht die süße, hohe Stimme, die er von dieser zarten Frau mit den üppigen weiblichen Kurven erwartet hatte. Tief und kalt und fest. »Wenn du sterben willst«, sagte Lorcan, »dann nur zu: Stell weiter Fragen.« Er wandte sich ab – nach Norden. Und in dem Moment setzte ein zweites mehrstimmiges Knurren ein. Aus der anderen Richtung. Zwei Rudel, die näher kamen. Gras und Stoff raschelten, und als er hinschaute, hatte das Mädchen sich erhoben, den Dolch in der Hand, das Gesicht kränklich bleich, als sie begriff, was geschah: Sie wurden zusammengetrieben. »Osten oder Westen«, sagte Lorcan. In den fünf Jahrhunderten, in denen er sich kreuz und quer durch die Welt gemordet hatte, hatte er nie ein Knurren wie dieses von irgendeinem Tier gehört. Er löste mit dem Daumen sein Beil, das an seine Seite gegürtet war. »Nach Osten«, hauchte das Mädchen und ihr Blick huschte in beide Richtungen. »Mir – mir wurde gesagt, dass ich mich von den Bergen fernhalten solle. Wyvern – große, geflügelte Bestien – patrouillieren dort.« »Ich weiß, was Wyvern sind«, erwiderte er. Ein Anflug von Wut loderte bei seinem Tonfall in ihren dunklen Augen auf, aber die Furcht spülte sie weg. Sie bewegte sich rückwärts in die Richtung, die sie gewählt hatte. Eine der Kreaturen stieß einen heulenden Ruf aus. Kein hündischer Laut. Nein, dies war ein schrilles Kreischen – wie von einer Fledermaus. Nur tiefer. Hungriger. »Lauf«, sagte er. Sie gehorchte. Eins musste Lorcan dem Mädchen lassen: Trotz des noch immer verletzten Beins, trotz der Erschöpfung, die sie während der vergangenen Tage nachlässig gemacht hatte, rannte sie wie ein Reh zwischen den Bäumen hindurch, ihr Entsetzen verschlang wahrscheinlich jeden Schmerz. Lorcan war mit einem Satz über dem breiten Bach und holte den Abstand zwischen ihnen in wenigen Sekunden auf. Langsam; diese Menschen waren so verdammt langsam. Ihre Atmung ging bereits stoßweise, als sie sich einen Hügel hinaufschleppte, und sie machte genug Lärm, um die Aufmerksamkeit ihrer Verfolger auf sich zu lenken. Sie krachten durch die Büsche hinter ihnen – von Süden. Zwei oder drei, wie es sich anhörte. Groß, nach den knackenden Ästen und dem dumpfen Aufprall ihrer Schritte zu urteilen. Das Mädchen erreichte die Hügelkuppe und stolperte. Sie blieb aufrecht und Lorcan beäugte erneut ihr Bein. Wenn sie jetzt starb, wäre es sinnlos gewesen, sie so lange zu verfolgen. Für einen Moment dachte er an das Gewicht in seiner Jacke – den dort verstauten Wyrdschlüssel. Lorcans Magie war stark, die stärkste unter allen männlichen Halb-Fae in allen Königreichen, allen Ländern. Aber wenn er den Schlüssel benutzte … Wenn er den Schlüssel benutzte, dann würde er die Verdammnis verdienen, die er auf sich herabrief. Also schleuderte Lorcan ein Netz seiner Macht hinter sie, eine unsichtbare Barriere, die schwarze Windschwaden hinter sich herzog. Das Mädchen versteifte sich und riss den Kopf zu ihm herum, während die Macht sich in einer Welle von ihm wegbewegte. Sie wurde noch bleicher, aber sie preschte weiter, halb fallend, halb rennend den Hügel hinunter. Der Aufprall von vier gewaltigen Leibern gegen seine Magie folgte einen Moment später. Der Duft ihres Blutes, als das Mädchen sich an Steinen und Wurzeln die Haut aufschnitt, drang an seine Nase. Sie war nicht annähernd schnell genug. Lorcan wollte ihr gerade befehlen, sich zu beeilen, da barst die unsichtbare Mauer. Barst nicht, sondern sprang auf , als hätten diese Bestien sie gespalten. Unmöglich. Niemand kam durch diese Schilde. Nicht einmal der verdammte Rowan Whitethorn. Aber tatsächlich, die magische Barriere war zerteilt worden. Das Mädchen kam in der Senke am Fuße des Hügels an und schluchzte beinahe beim Anblick der eintönigen, endlosen Fläche Wald vor sich. Sie rannte weiter, ihr dunkler Zopf peitschte hin und her und ihr Bündel hüpfte auf ihrem schlanken Rücken auf und ab. Lorcan folgte ihr und suchte die Bäume zu beiden Seiten ab, als das Knurren und Rascheln wieder einsetzte. Sie wurden in eine Richtung getrieben, aber wohin? Und wenn diese Kreaturen seine Magie zerfetzt hatten … Es war sehr, sehr lange her, dass er einen neuen Feind hatte studieren, einen neuen Feind hatte überwinden müssen. »Lauf weiter«, knurrte er und das Mädchen schaute sich nicht einmal um, als Lorcan zwischen zwei turmhohen Eichen zum Stehen kam. Er hatte seit Tagen seine Magie gesammelt, hatte geplant, sie an dem menschlichen und doch nicht menschlichen Mädchen zu benutzen, wenn er es leid wurde, sie zu beobachten. Nun war sein Körper erfüllt davon und die Macht sehnte sich schmerzhaft danach, hervorzubrechen. Lorcan schwang seine Axt – einmal, zweimal. Das Metall sang durch den dichten Wald. Ein kühler Wind mit schwarzen Nebelrändern tanzte zwischen den Fingern seiner anderen Hand. Kein Wind wie der von Whitethorn und kein Licht und keine Flamme wie die von Whitethorns Mistkönigin. Nicht einmal rohe Magie wie die des neuen Königs von Adarlan. Nein, Lorcans Magie war eine Magie des Willens – des Todes und des Denkens und der Zerstörung. Es gab keinen Namen dafür. Nicht einmal seine Königin hatte gewusst, was es war, woher es gekommen war. Ein Geschenk des dunklen Gottes, Hellas, hatte Maeve überlegt – ein dunkles Geschenk für ihren dunklen Krieger. Und sie hatte es dabei bewenden lassen. Ein wildes Lächeln tanzte auf Lorcans Lippen, als er seine Magie an die Oberfläche steigen ließ, als er ihr schwarzes Brüllen durch seine Adern strömen ließ. Mit dieser Macht hatte er Städte in Schutt und Asche verwandelt. Er glaubte nicht, dass es diesen Biestern, egal wie grausam sie sein mochten, viel besser ergehen würde. Sie verlangsamten ihr Tempo, als sie näher kamen, spürten, dass ein Raubtier wartete – taxierten ihn. Zum ersten Mal seit verdammt langer Zeit hatte Lorcan keine Worte für das, was er sah. Vielleicht hätte er das Mädchen töten sollen. Ein Tod durch seine Hand wäre eine Gnade im Vergleich zu dem, was vor ihm knurrte, was da auf gewaltigen, fleischzerfetzenden Krallen hockte. Kein Wyrdhund. Nein, diese Kreaturen waren viel schlimmer. Die Haut war scheckig blau, so dunkel, dass sie fast schwarz war. Jede der langen, mit leichten Muskeln bepackten Gliedmaßen war geschaffen worden, um gnadenlos töten zu können. Und die langen Krallen an ihren Händen – menschlichen Händen mit fünf Fingern – krümmten sich nun in der Vorfreude auf den Angriff. Aber es waren nicht ihre Körper, die ihn verblüfften. Es war die Art, wie die Kreaturen stehen blieben, wie sie unter ihren flachen, fledermausähnlichen Nasen lächelten, Doppelreihen nadelspitzer Zähne entblößten und sich dann auf die Hinterbeine stellten. Sich zu ihrer vollen Größe aufrichteten, so wie ein kriechender Mann sich vielleicht erheben würde. Sie überragten ihn um mindestens dreißig Zentimeter. Und die körperlichen Merkmale, die beunruhigend vertraut er schienen, bestätigten sich, als die Kreatur, die ihm am nächsten war, ihr grauenvolles Maul öffnete und sagte: »Das Fleisch deiner Art haben wir noch nicht gekostet.« Lorcans Axt zuckte in die Höhe. »Ich kann auch nicht sagen, dass ich schon das Vergnügen gehabt hätte.« Es gab nur sehr, sehr wenige Kreaturen, die die Sprachen von Sterblichen und Fae beherrschten. Die meisten hatten diese Fähigkeit mithilfe von Magie entwickelt, sei sie zu Unrecht erworben oder ihnen verliehen worden. Aber dort glänzten dunkle, menschliche Augen, die in der Vorfreude auf Gewalt genüsslich zu Schlitzen verengt waren. Whitethorn hatte vor dem gewarnt, was in Morath geschah – hatte erwähnt, dass die Wyrdhunde vielleicht das erste von vielen schrecklichen Dingen waren, die entfesselt werden würden. Lorcan war nicht klar gewesen, dass diese Kreaturen fast zwei Meter fünfzig groß und halb menschlich sein würden, halb das, was immer Erawan getan hatte, um sie zu dem hier zu machen. Die Bestie, die ihm am nächsten war, wagte sich einen Schritt vor, zischte jedoch – zischte die unsichtbare Grenze an, die er erneut gezogen hatte. Lorcans Macht flackerte und pochte beim Anblick der vergifteten Krallenspitzen der Kreatur, als sie den Schild betastete. Vier gegen einen. Normalerweise kein Problem für ihn. Normalerweise. Aber er trug den Wyrdschlüssel bei sich, nach dem sie suchten, und den goldenen Ring, den er Maeve gestohlen hatte und den er dann Aelin Galathynius gegeben und von ihr zurückgestohlen hatte. Athrils Ring. Und wenn sie das eine oder das andere ihrem Herrn brachten … Dann würde Erawan alle drei Wyrdschlüssel besitzen. Und er würde in der Lage sein, eine Tür zwischen den Welten zu öffnen, um seine wartenden Valg-Horden auf sie alle loszulassen. Und was Athrils goldenen Ring betraf … Lorcan bezweifelte nicht, dass Erawan den Ring, den Mala selbst geschmiedet hatte, zerstören würde – den einen Gegenstand in Erilea, der seinem Träger Immunität gegen Wyrdsteine geben konnte … und gegen die Valg. Also bewegte Lorcan sich. Schneller, als sogar sie es wahrnehmen konnten, schleuderte er seine Axt nach der Kreatur, die am weitesten von ihm entfernt war, die auf ihren Gefährten konzentriert war, als der gegen Lorcans Schild tippte. Sie alle wirbelten zu ihrem Gefährten herum, als die Axt sich in seinen Hals grub, tief und bleibend. Sie wandten sich von Lorcan ab, um ihn fallen zu sehen. Diese Kreaturen mochten zwar tödlich sein, aber sie waren unausgebildet. Sie waren für eine Sekunde abgelenkt und Lorcans nächste beiden Messer flogen durch die Luft. Beide Klingen bohrten sich ihnen bis zum Griff in die gefurchte Stirn und ihre Köpfe wurden zurückgerissen, als die Wucht der Hiebe sie auf die Knie warf. Die Kreatur in der Mitte, die gesprochen hatte, stieß einen urtümlichen Schrei aus, von dem Lorcans Ohren klingelten. Das Geschöpf machte einen Satz in Richtung des Schildes. Es prallte zurück, die Magie diesmal noch dichter. Lorcan zog ein Langschwert und ein Messer. Und konnte nur zuschauen, während die Kreatur den Schild anbrüllte und sich mit beiden verdorbenen, krallenbewehrten Händen dagegenwarf … und seine Magie, sein Schild schmolz unter ihrer Berührung. Das Geschöpf trat hindurch, als wäre der Schild eine Tür. »Jetzt werden wir spielen.« Lorcan ging in Verteidigungshaltung in die Hocke und fragte sich, wie weit das Mädchen gekommen war, ob es sich überhaupt umgedreht hatte, um nachzusehen, was sie verfolgte. Die Geräusche ihrer Flucht waren verklungen. Hinter der Kreatur zuckten ihre Gefährten. Nein – sie erwachten zu neuem Leben. Sie erhoben jede eine starke Hand zu den Dolchen in ihren Schädeln – und rissen sie heraus. Metall kratzte über Knochen. Einzig die Kreatur, deren Kopf nur noch von wenigen Sehnen gehalten wurde, blieb unten. Dann also enthaupten. Selbst wenn es bedeutete, dass er sich nah genug an sie heranwagen musste, um das zu tun. Die Kreatur vor ihm lächelte vor grausamem Entzücken. »Was bist du?«, knirschte Lorcan. Die beiden anderen waren jetzt auf den Beinen, die Wunden an ihren Köpfen bereits verheilt, und sie bäumten sich drohend auf. »Wir sind Jäger Seiner Dunklen Majestät«, sagte der Anführer mit einer spöttischen Verbeugung. »Wir sind die Ilken. Und man hat uns geschickt, unsere Beute zu holen.« Diese Hexen hatten ihm die Bestien auf den Hals gesandt? Feiglinge, dass sie nicht selbst jagten. Der Ilken sprach weiter und trat auf Beinen, die an den Knien nach hinten einknickten, auf ihn zu. »Wir wollten dir eigentlich einen schnellen Tod gewähren – ein Geschenk.« Seine breiten Nasenflügel blähten sich, als er den stillen Wald witterte. »Aber da du dich zwischen uns und unsere Beute gestellt hast, werden wir dein in die Länge gezogenes Ende genießen.« Nicht er. Die Wyvern hatten in diesen Tagen nicht ihn verfolgt, und er war nicht der, den diese Kreaturen hier sich holen wollten. Sie hatten keine Ahnung, was er bei sich trug – wer er war. »Was wollt ihr von ihr?«, fragte er, während er das schleichende Nahen der drei beobachtete. »Das geht dich nichts an«, antwortete der Anführer. »Wenn eine Belohnung drin ist, helfe ich euch.« Dunkle, seelenlose Augen blitzten auf. »Du beschützt das Mädchen nicht?« Lorcan zuckte die Achseln und betete, dass sie seinen Bluff nicht spüren konnten, während er ihr mehr Zeit verschaffte, sich selbst mehr Zeit verschaffte, um das Rätsel der Macht dieser Kreaturen zu ergründen. »Ich kenne nicht einmal ihren Namen.« Die drei Ilken sahen einander an, ein fragender und dann entscheidender Blick. Ihr Anführer sagte: »Sie ist unserem König wichtig. Fang sie ein und er wird dir eine Macht gewähren, die viel größer ist als schwächliche Schilde.« War das der Preis für die Menschen, die sie einst gewesen waren – Magie, die irgendwie immun gegen die war, die in dieser Welt natürlich floss? Oder war ihnen die Entscheidung abgenommen worden, so wie ihre Seelen mit Sicherheit gestohlen worden waren? »Warum ist sie wichtig?« Sie waren jetzt in Spuckweite. Er fragte sich, wie lange es dauern würde, den Vorrat an unbekannter Macht wieder aufzufüllen, der es ihnen erlaubte, durch seine Magie zu stoßen. Vielleicht verschafften sie sich selbst gerade ebenfalls Zeit. Der Ilken sagte: »Sie ist eine Diebin und Mörderin. Sie muss zu unserem König gebracht werden, damit Gerechtigkeit walten kann.« Lorcan hätte schwören können, dass eine unsichtbare Hand seine Schulter berührte. Er kannte diese Berührung – hatte ihr sein Leben lang vertraut. Sie hatte ihn so lange am Leben erhalten. Eine Berührung an seinem Rücken, die ihn vorwärtsschickte, um zu kämpfen und zu töten und Tod einzuatmen. Eine Berührung an seiner Schulter, dass er stattdessen wegrennen sollte. Damit er wusste, dass vor ihm nur Verderben wartete und Leben hinter ihm lag. Der Ilken lächelte noch einmal und seine Zähne glänzten in der Finsternis des Waldes. Wie zur Antwort erscholl aus dem Wald hinter ihm ein Schrei. 10 E lide Lochan stand vor einer Kreatur, die aus den Albträumen eines dunklen Gottes geboren war. Auf der anderen Seite der Lichtung ragte das Geschöpf über ihr auf, die Klauen an seinen Füßen in den lehmigen Waldboden gegraben. »Da bist du ja«, zischte es zwischen Zähnen hervor, die schärfer waren als die eines Raubtiers. »Komm mit mir, Mädchen, dann gewähre ich dir ein schnelles Ende.« Lügen. Sie sah, wie es sie abschätzte, die Krallen gekrümmt, als spürte es bereits, wie sie ihren weichen Bauch zerfetzten. Das Geschöpf war auf ihrem Pfad erschienen, als hätte eine Wolke aus Nacht es dort abgesetzt. Sie hatte bei seinem Anblick geschrien, doch das Wesen hatte nur gelacht. Ihr Messer zitterte, als sie es hob. Es stand da wie ein Mensch – sprach auch wie einer. Und seine Augen … vollkommen seelenlos, aber ihre Form … sie waren ebenfalls menschlich. Monströs – welch schrecklicher Geist hatte sich so etwas erträumt? Sie kannte die Antwort. Hilfe. Sie brauchte Hilfe. Aber dieser Mann vom Bach war wahrscheinlich schon unter den Krallen der anderen Bestien gestorben. Sie fragte sich, wie lange seine Magie standgehalten hatte. Das Geschöpf trat auf sie zu und seine muskulösen Beine ver ringerten den Abstand zwischen ihnen viel zu schnell. Sie wich in Richtung der Bäume zurück, wo sie hergekommen war. »Ist dein Blut so süß wie dein Gesicht, Mädchen?« Seine gräuliche Zunge kostete die Luft. Denk nach, denk nach, denk nach. Was würde Manon vor einer solchen Kreatur tun? Manon, erinnerte sie sich, war ausgestattet mit ihren eigenen Krallen und Reißzähnen. Aber eine leise Stimme flüsterte ihr ins Ohr: Das alles hast du auch. Benutze, was dir gegeben ist. Es gab andere Waffen als solche aus Eisen und Stahl. Obwohl ihre Knie zitterten, reckte Elide das Kinn vor und schaute in die schwarzen, menschlichen Augen der Bestie. »Vorsicht«, sagte sie und senkte die Stimme zu dem Schnurren, das Manon so oft benutzt hatte, um allen vor Angst den Verstand zu rauben. Elide griff in ihre Manteltasche, zog den Steinsplitter heraus und umklammerte ihn mit der Faust, sandte der anderweltlichen Präsenz des Steins den Befehl, die Lichtung zu erfüllen, die Welt. Sie betete, dass das Geschöpf nicht ihre Faust ansehen würde, dass es nicht fragen würde, was darin war, als sie gedehnt bemerkte: »Denkst du, der Dunkle König wird erfreut sein, wenn du mir etwas antust?« Sie schaute das Geschöpf von oben herab an. Oder so sehr von oben herab, wie sie das konnte, da sie um einen Meter kleiner war als die Kreatur. »Man hat mich ausgeschickt, nach dem Mädchen zu suchen. Misch dich nicht ein.« Das Geschöpf schien nun die lederne Flugkleidung zu erkennen und den seltsamen, verdorbenen Geruch, der von dem Stein ausging. Und es zögerte. Elide sorgte dafür, dass ihr Gesicht eine Maske kalter Missbilligung war. »Geh mir aus den Augen.« Sie übergab sich beinahe, als sie auf das Geschöpf zuschritt, auf einen sicheren Tod zu. Aber sie stapfte weiter wie ein Jäger auf Beutezug, so wie Manon es so oft getan hatte. Elide zwang sich, in das fledermausartige, schauerliche Gesicht aufzuschauen, als sie an ihm vorbeiging. »Sag deinen Brüdern, wenn ihr euch noch einmal einmischt, werde ich persönlich den Spaß überwachen, den ihr festgeschnallt auf Moraths Tischen erleben könnt.« Zweifel tanzte noch immer in den Augen des Geschöpfes – zusammen mit echter Furcht. Ein erfolgreicher Schuss ins Blaue, diese Worte und Ausdrücke, die sie in der Festung aufgeschnappt hatte. Sie wollte sich nicht vorstellen, was man einer solchen Kreatur angetan hatte, dass sie bei der Erwähnung dieser Dinge erbebte. Fünf Schritte von dem Geschöpf entfernt war Elide sich mit allen Sinnen bewusst, dass ihr Rücken diesen zerfetzenden Krallen und Zähnen jetzt schutzlos ausgesetzt war, als es fragte: »Warum bist du vor uns geflohen?« Ohne sich umzudrehen, sagte sie mit der kalten, bösen Stimme Manon Blackbeaks: »Ich toleriere keine Fragen von Knechten. Du hast bereits meine Jagd gestört und mit deinem nutzlosen Angriff meinen Knöchel verletzt. Bete, dass ich mich nicht an dein Gesicht erinnere, wenn ich in die Festung zurückkehre.« Sie begriff ihren Fehler sofort. Trotzdem schritt sie weiter, den Rücken gerade. »Was für ein Zufall«, zischte das Geschöpf, »dass unsere Beute auf ganz ähnliche Art lahmt.« Anneith möge sie retten. Vielleicht hatte es das Humpeln bis dahin gar nicht bemerkt. Närrin. Närrin. Es würde ihr nichts nutzen wegzurennen – wegrennen würde nur klarstellen, dass das Geschöpf gewonnen hatte, dass es recht hatte. Sie blieb stehen, als hätte ihr Jähzorn an seiner Leine gezerrt, und riss den Kopf zu der Kreatur herum. »Was hast du da zu zischen?« Absolute Überzeugung, absoluter Zorn. Wieder stutzte das Geschöpf. Eine Chance – nur eine einzige Chance. Es würde bald genug erfahren, dass es übertölpelt worden war. Elide hielt seinem Blick stand. Es war, als starrte man einer toten Schlange in die Augen. Sie sagte mit dieser tödlichen Ruhe, die Hexen gern einsetzten: »Zwing mich nicht zu offenbaren, was Seine Dunkle Majestät mir auf diesem Tisch eingepflanzt hat.« Wie zur Antwort pochte der Stein in ihrer Hand und sie hätte schwören können, dass es um sie herum kurz dunkler wurde. Das Geschöpf schauderte und trat einen Schritt zurück. Elide dachte nicht darüber nach, was sie da hielt, als sie ein letztes Mal höhnisch grinste und davonstolzierte. Sie war vielleicht eine halbe Meile weit gekommen, als der Wald wieder von zwitscherndem Leben erfüllt war. Sie fiel auf die Knie und übergab sich. Es kamen nur Galle und Wasser heraus. Sie war so beschäftigt damit, sich die Seele aus dem Leib zu würgen vor törichter Furcht und Erleichterung, dass sie das Nahen der Person erst bemerkte, als es zu spät war. Eine breite Hand legte sich auf ihre Schulter und wirbelte sie herum. Sie zog ihren Dolch, aber zu langsam. Dieselbe Hand ließ sie los, um ihr die Klinge aus der Hand ins Gras zu schlagen. Elide schaute in das schmutzbespritzte Gesicht des Mannes vom Bach. Nein, es war kein Schmutz. Es war Blut, stinkendes, schwarzes Blut. »Wie?«, fragte sie und stolperte einen Schritt rückwärts. »Du zuerst« , knurrte er, riss aber den Kopf in Richtung des Waldes hinter ihnen herum. Sie folgte seinem Blick. Sah nichts. Als sie wieder in sein schroffes Gesicht blickte, lag ein Schwert an ihrer Kehle. Sie versuchte, einen Schritt zurückzutreten, aber er packte ihren Arm und hielt sie fest, während Stahl sich in ihre Haut bohrte. »Warum riechst du wie einer von ihnen? Warum jagen sie dich?« Sie hatte den Stein schon in die Tasche gesteckt, sonst hätte sie ihn ihm vielleicht gezeigt. Aber eine Bewegung könnte ihn dazu verleiten zuzustoßen – und diese leise Stimme flüsterte ihr zu, den Stein verborgen zu halten. Sie bot ihm eine andere Wahrheit an. »Weil ich die vergangenen Monate in Morath verbracht und inmitten dieses Geruchs gelebt habe. Sie suchen nach mir, weil es mir gelungen ist, mich zu befreien. Ich fliehe nach Norden – in Sicherheit.« Schneller, als sie es mit den Augen verfolgen konnte, ließ er seine Klinge sinken – nur um sie einmal über ihren Arm zu ziehen. Ein Kratzer, kaum mehr als ein Flüstern von Schmerz. Sie beobachteten beide, wie rotes Blut aus der Wunde quoll. Das schien ihm Antwort genug zu sein. »Du kannst mich Lorcan nennen«, sagte er, obwohl sie nicht gefragt hatte. Und dann warf er sie sich über seine breite Schulter wie einen Sack Kartoffeln und rannte los. Elide verstand binnen Sekunden zwei Dinge: Dass die verbliebenen Kreaturen – wie viele es auch sein mochten – ihnen auf den Fersen waren und schnell näher kamen. Sie mussten begriffen haben, dass sie sich mit einem Bluff ihre Freiheit erkauft hatte. Und dass dieser Mann, der sich zwischen den Eichen so schnell wie der Wind bewegte, ein Halb-Fae war. *** Lorcan rannte und rannte und seine Lungen verschlangen gewaltige Mengen der drückenden Waldluft. Das Mädchen, das er sich über die Schulter geworfen hatte, wimmerte nicht einmal, während sie all die Meilen hinter sich brachten. Er hatte Bündel, die schwerer gewesen waren als sie, über ganze Gebirgszüge getragen. Lorcan verlangsamte sein Tempo, als seine Kräfte endlich nachließen. Sie waren schneller aufgebraucht, weil er diese drei Bestien nur hatte überwältigen können, indem er ihre angeborene Immunität gegen seine Magie zerschlagen und dann zwei von ihnen getötet hatte, während er die dritte zumindest so lange am Boden festgehalten hatte, dass er hinter dem Mädchen hatte hersprinten können. Er hatte Glück gehabt. Das Mädchen hatte, wie es schien, klug gehandelt. Er blieb stehen und warf sie so hart zu Boden, dass sie zusammenzuckte – zusammenzuckte und ein wenig auf ihrem verletzten Knöchel herumhüpfte. Ihr Blut war rot gewesen, nicht schwarz und stinkend wie das der Valg. Es wohnte also kein Dämon in ihr, aber es erklärte immer noch nicht, wie es ihr gelungen war, diese Ilken einzuschüchtern. »Wohin gehen wir?«, fragte sie und schwang ihren Rucksack von den Schultern, um ihre Feldflasche herauszuholen. Er wartete auf die Tränen und die Gebete und das Betteln. Sie schraubte nur den Verschluss der lederbedeckten Flasche ab und nahm einen tiefen Schluck. Dann bot sie ihm zu seiner Überraschung die Flasche an. Lorcan nahm sie nicht. Das Mädchen trank nur einen weiteren Schluck. »Wir gehen zum Waldrand – zum Fluss Acanthus.« »Wo – wo sind wir?« Ihr Zögern verriet sie. Sie hatte das Risiko abgewogen, zu offenbaren, wie verletzbar sie sich mit dieser Frage machte … und beschlossen, dass sie die Antwort zu dringend brauchte. »Wie heißt du?« »Marion.« Sie sah ihn ohne zu blinzeln mit einem so stahlharten Blick an, dass er den Kopf schief legte. Eine Antwort für eine Antwort. Er sagte: »Wir sind mitten in Adarlan. Du warst ungefähr einen Tagesmarsch vom Avery entfernt.« Marion blinzelte. Er fragte sich, ob sie das überhaupt gewusst hatte – oder ob sie darüber nachgedacht hatte, wie sie das mächtige Gewässer überqueren sollte, das sich schon Schiffe geholt hatte, deren Kapitäne erfahrenste Männer und Frauen gewesen waren. Sie fragte: »Laufen wir oder kann ich mich für einen Moment hinsetzen?« Er lauschte auf die Geräusche des Waldes, lauschte auf einen Anflug von Gefahr, dann machte er eine ruckartige Bewegung mit dem Kinn. Marion seufzte und setzte sich auf das Moos und die Wurzeln. Sie musterte ihn. »Ich dachte, alle Fae wären tot. Selbst die Halb-Fae.« »Ich stamme aus Wendlyn. Und du«, fügte er hinzu und zog leicht die Augenbrauen hoch, »kommst aus Morath.« »Ich komme nicht aus Morath. Ich fliehe aus Morath.« »Warum – und wie?« Ihre zusammengekniffenen Augen sagten ihm genug: Sie wusste, dass er ihr immer noch nicht glaubte. Jedenfalls nicht ganz, rotes Blut hin oder her. Doch sie antwortete nicht, sondern beugte sich stattdessen über ihre Beine, um einen Stiefel aufzuschnüren. Ihre Finger zitterten ein wenig, doch sie löste die Schnürsenkel, riss sich den Stiefel vom Fuß, zog die Socke aus und krempelte ihr ledernes Hosenbein hoch … Scheiße. Er hatte schon jede Menge zerstörte Körper gesehen, hatte selbst jede Menge Zerstörung angerichtet, aber selten war ihm so etwas untergekommen. Marions Bein war ein Konglomerat von Narbengewebe und verbogenen Knochen. Und direkt über ihrem deformierten Knöchel lagen noch verheilende Wunden, wo unverkennbar Fußfesseln gesessen hatten. Leise sagte sie: »Verbündete Moraths sind im Allgemeinen unversehrt. Ihre dunkle Magie könnte einen Krüppel gewiss heilen – und gewiss hätten sie keine Verwendung für einen.« Das war der Grund, warum sie mit dem Humpeln so gut zurecht gekommen war. Sie hatte Jahre Zeit gehabt, es zu meistern, den Farben des Narbengewebes nach zu urteilen. Marion rollte ihr Hosenbein wieder herunter und massierte ihren Fuß. Sie zischte durch die Zähne. Er setzte sich einige Schritte entfernt auf einen umgefallen Baumstamm und nahm sein Bündel ab, um darin herumzustöbern. »Erzähl mir, was du über Morath weißt«, forderte er sie auf und warf ihr eine Dose mit Salbe aus Doranelle hin. Das Mädchen starrte auf die Dose und fügte mit ihrem scharfen Verstand zusammen, was er war, woher er kam und was diese Dose wahrscheinlich enthielt. Als sie die Augen zu seinem Gesicht hob, nickte sie zustimmend zu seinem Angebot: Linderung ihrer Schmerzen zum Preis von Antworten. Sie schraubte den Deckel auf und er bemerkte, wie ihre Lippen sich teilten, als sie die duftenden Kräuter einatmete. Schmerz und Freude tanzten über ihr Gesicht, als sie begann, die Salbe in ihre alten Verletzungen zu massieren. Und während sie ihren Knöchel eincremte, redete sie. Marion erzählte ihm von dem Heer der Ironteeth, von der Schwarmführerin und ihrer Dreizehn, von den Armeen, die um die Bergfestung herum lagerten, von den Orten, an denen nur Schreie widerhallten, von unzähligen Schmiedefeuern und Schmieden. Sie beschrieb ihre eigene Flucht: Ohne Warnung, sie wusste nicht, wie, war die Festung explodiert. Sie hatte darin ihre Chance erkannt und sich mit den Gewändern einer Hexe getarnt, eins ihrer Bündel ergriffen und war losgelaufen. In dem allgemeinen Chaos hatte zunächst niemand ihre Flucht bemerkt. »Ich bin wochenlang gelaufen«, berichtete sie. »Anscheinend habe ich kaum die Hälfte der Strecke zurückgelegt.« »Wohin?« Marion schaute nach Norden. »Nach Terrasen.« Lorcan unterdrückte ein Knurren. »Da hast du nicht viel verpasst.« »Habt Ihr Neuigkeiten?« Ein Ausdruck der Beunruhigung erfüllte diese Augen. »Nein«, antwortete er achselzuckend. Sie schraubte die Dose wieder zu. »Was ist in Terrasen? Deine Familie?« Er hatte nicht gefragt, warum man sie nach Morath gebracht hatte. Es interessierte ihn nicht besonders, ihre traurige Geschichte zu hören. Jeder hatte eine, wie er wusste. Die Züge des Mädchens verspannten sich. »Ich schulde einer Freundin einen Gefallen – einer Frau, die mir geholfen hat, aus Morath fortzukommen. Sie hat mich gebeten, eine Person namens Celaena Sardothien zu finden. Also, das ist meine erste Aufgabe: in Erfahrung zu bringen, wer sie ist und wo sie ist. Terrasen scheint ein besserer Ort, um mit der Suche anzufangen, als Adarlan.« Keine Arglist, kein Flüstern, dass dieses Treffen etwas anderes war als Zufall. »Und dann«, fuhr das Mädchen fort, und das Leuchten in ihren Augen wurde stärker, »dann muss ich Aelin Galathynius finden, die Königin von Terrasen.« Es kostete ihn Mühe, nicht nach seinem Schwert zu greifen. »Warum?« Marion sah ihn an, als hätte sie irgendwie sogar vergessen, dass er da war. »Ich habe ein Gerücht gehört, demzufolge sie eine Armee aufstellt, um den Herrn in Morath aufzuhalten. Ich habe vor, ihr meine Dienste anzubieten.« »Warum?«, fragte er noch einmal. Abgesehen von der Geistesgegenwart, die verhindert hatte, dass sie den Ilken zum Opfer gefallen war, sah er keinen anderen Grund, warum die Mistkönigin das Mädchen gebrauchen konnte. Marions volle Lippen wurden schmal. »Weil ich aus Terrasen stamme und meine Königin für tot gehalten habe. Und jetzt lebt sie und kämpft, also werde ich an ihrer Seite kämpfen. Damit keine an deren Mädchen mehr aus ihren Häusern geholt, nach Morath gebracht und vergessen werden.« Lorcan rang mit sich, ob er ihr erzählen sollte, was er wusste: dass ihre beiden Missionen ein und dieselbe waren. Aber das würde zu weiteren Fragen führen und er war nicht in der Stimmung … »Warum wollt Ihr nach Morath gehen? Alle anderen fliehen von dort.« »Meine Herrin hat mich ausgeschickt, die Bedrohung, die es darstellt, zu beenden.« »Ihr seid ein Mann … männliches Wesen.« Keine Beleidigung, aber Lorcan starrte sie trotzdem nieder. »Ich habe meine Fähigkeiten, genau wie du deine hast.« Ihr Blick huschte zu seinen Händen, die jetzt verkrustet waren von getrocknetem, schwarzem Blut. Doch er fragte sich, ob sie sich die Magie vorstellte, die dort Funken geschlagen hatte. Er wartete darauf, dass Marion weitere Fragen stellte, aber sie zog ihren Strumpf an und dann ihren Stiefel, den sie schnürte. »Wir sollten nicht so lange Rast machen.« In der Tat. Sie erhob sich vorsichtig und krümmte sich ein wenig, bedachte ihr Bein jedoch mit einem anerkennenden Blick. Lorcan war das Antwort genug, was die Wirksamkeit der Salbe betraf. Sie bückte sich, um die Dose aufzuheben, und ihr dunkles Haar fiel ihr wie ein Vorhang vors Gesicht. An irgendeinem Punkt hatte es sich aus seinem Zopf gelöst. Sie richtete sich auf und warf ihm die Dose zu. Er fing sie mit einer Hand. »Sobald wir den Acanthus erreicht haben, wie geht es dann weiter?« Er steckte die Dose ein. »Unzählige Handelskarawanen und Zirkusse wandern durch die Ebenen – ich bin auf meinem Weg hier herunter an vielen vorbeigekommen. Einige von ihnen könnten sogar versuchen, den Fluss zu überqueren. Wir werden uns einer solchen Gruppe anschließen. Uns verstecken. Sobald wir am anderen Fluss ufer und weit genug mit ihnen durch das Weideland gewandert sind, wirst du mit einer Gruppe nach Norden gehen und ich nach Süden.« Ihre Augen wurden eine Spur schmaler. Aber Marion sagte: »Warum wollt Ihr überhaupt mit mir reisen?« »Du kannst mir sicher noch weitere Details zu Moraths Innenleben verraten. Ich werde dich vor Gefahren schützen und du wirst mir Informationen liefern.« Die Sonne befand sich auf ihrer letzten Etappe und tauchte den Wald in goldenes Licht. Marion runzelte die Stirn. »Schwört Ihr es? Dass Ihr mich beschützen werdet?« »Ich habe dich heute nicht den Ilken überlassen, oder?« Sie beäugte ihn mit einer Klarheit und Offenheit, die ihn stutzen ließ. »Schwört es.« Er verdrehte die Augen. »Ich verspreche es.« Das Mädchen hatte keine Ahnung, dass Versprechen während der vergangenen fünf Jahrhunderte die einzige Währung gewesen waren, in der er wirklich gehandelt hatte. »Ich werde dich nicht im Stich lassen.« Sie nickte, offenbar zufrieden damit. »Dann werde ich Euch alles erzählen, was ich weiß.« Er wandte sich nach Osten und warf sich sein Bündel über die Schulter. Aber Marion sagte: »Sie werden an jeder Kreuzung Jagd auf uns machen und alle Wagen durchsuchen. Wenn sie mich hier finden konnten, finden sie mich auch auf jeder Hauptstraße.« Und ihn ebenfalls, wenn die Hexen immer noch nach seinem Blut gierten. Lorcan erwiderte: »Und hast du eine Idee, wie man das vermeiden kann?« Ein schwaches Lächeln umspielte ihren Rosenknospenmund, trotz der Gräuel, denen sie entkommen waren, trotz ihres Elends im Wald. »Vielleicht.« 11 M anon Blackbeak landete in Morath und war mehr als bereit, Kehlen aufzuschlitzen. Alles war den Bach hinuntergegangen. Alles. Sie hatte diesem Yellowlegs-Miststück und ihren Wyvern den Garaus gemacht, den saphiräugigen König gerettet und zugeschaut, wie der Fae-Prinz diese vier anderen Yellowlegs-Späherinnen ermordet hatte. Fünf. Fünf Yellowlegs-Hexen waren jetzt tot, gestorben entweder durch ihre Hand oder durch ihr unterlassenes Eingreifen. Fünf Mitglieder von Iskras Zirkel. Am Ende hatte sie an der Zerstörung Riftholds kaum Anteil gehabt und es den anderen überlassen. Aber sie hatte ihren gekrönten Helm wieder aufgesetzt und Abraxos befohlen, zum höchsten Turm des steinernen Palastes zu segeln und seinen Sieg herauszubrüllen – und seinen Befehl. Selbst an den fernen weißen Mauern der Stadt hatten die Wyvern, obwohl sie dabei gewesen waren, Wachen und fliehende Menschen zu zerfetzen, bei seinem Befehl, den Angriff einzustellen, innegehalten. Kein einziger Zirkel hatte den Gehorsam verweigert. Die Dreizehn hatte sie kurz darauf gefunden. Sie hatte ihnen nicht gesagt, was geschehen war, aber sowohl Sorrel als auch Asterin hatten sie eingehend gemustert: Erstere, um sie nach Schnitten oder Wunden abzusuchen, die sie während des angeblichen »Angriffs« empfangen hatte, und Letztere, weil sie an jenem Tag bei Manon gewesen war, als sie nach Rifthold geflogen war und mit Valg-Blut eine Nachricht für die Königin von Terrasen an eine Wand gemalt hatte. Während die Dreizehn auf den Palasttürmen gehockt hatte, einige von ihnen um die Türme herumdrapiert wie Katzen oder Schlangen, hatte Manon auf Iskra Yellowlegs gewartet. Als Manon nun durch die dunklen, stinkenden Flure Moraths schritt, diesen gekrönten Helm in der Armbeuge, dicht gefolgt von Asterin und Sorrel, ging sie jenes Gespräch noch einmal durch. Iskra war auf der einzigen noch freien Fläche gelandet: einem Teil des Dachs unterhalb von Manon. Die Positionierung war beabsichtigt gewesen. Iskras braunes Haar hatte sich aus ihrem festen Zopf gelöst und ihr hochmütiges Gesicht war mit menschlichem Blut bespritzt gewesen, als sie Manon angeknurrt hatte: »Dies war mein Sieg.« Manon, das Gesicht im Schatten unter dem Helm, hatte geantwortet: »Die Stadt gehört mir.« »Rifthold einzunehmen war mir zugesprochen worden – du solltest es nur überwachen.« Ein Aufblitzen von eisernen Zähnen. Auf dem Turm rechts von Manon hatte Asterin eine Warnung geknurrt. Iskra hatte den Blick ihrer dunklen Augen auf die blonde Späherin gesenkt und abermals geknurrt. »Schaff deine Horde von Miststücken aus meiner Stadt hinaus.« Manon hatte Fendir gemustert, Iskras Bullen. »Du hast einen hinreichenden Eindruck hinterlassen. Deine Arbeit ist vermerkt worden.« Iskra hatte gezittert vor Zorn. Nicht wegen der Worte. Der Wind hatte gedreht und wehte in Iskras Richtung. Hatte ihr Manons Geruch entgegengeweht. »Welche«, hatte Iskra gewütet. »Welche von den Meinen hast du abgeschlachtet?« Manon hatte nicht klein beigegeben, hatte nicht zugelassen, dass auch nur ein Flackern von Sorge oder Bedauern durchschimmerte. »Warum sollte ich einen eurer Namen kennen? Sie hat mich angegriffen, als ich mich meiner Beute genähert habe, weil sie den König für sich selbst wollte und bereit war, dafür eine Erbin anzugreifen. Sie hat ihre Strafe verdient. Vor allem da meine Beute entwischt ist, während ich mit ihr beschäftigt war.« Lügnerin Lügnerin Lügnerin. Manon hatte ihre eisernen Zähne gebleckt, der einzige Teil ihres Gesichts, der unter diesem gekrönten Helm sichtbar war. »Vier weitere liegen tot im Palast – von der Hand des Fae-Prinzen gefällt, der zur Rettung des Königs herbeigeeilt ist, während ich mich um dein ungebärdiges Miststück kümmern musste. Schätze dich glücklich, Iskra Yellowlegs, dass ich dir für diesen Verlust nicht auch noch das Fell gerbe.« Iskras gebräuntes Gesicht war erbleicht. Sie hatte Manon gemustert, sämtliche Mitglieder der Dreizehn um sie herum versammelt. Dann hatte sie gesagt: »Mach mit der Stadt, was du willst. Sie gehört dir.« Das Aufblitzen eines Lächelns, als sie die Hand gehoben und auf Manon gedeutet hatte. Die Dreizehn hatte sich angespannt, Pfeile waren lautlos auf die Yellowlegs-Erbin gerichtet worden. »Aber du , Schwarmführerin …« Das Lächeln war breiter geworden und sie hatte ihren Wyvern gezügelt, der sich bereit machte, sich in den Himmel zu erheben. »Du bist eine Lügnerin, Hexentöterin.« Dann war sie fort gewesen. War nicht auf die Stadt zugeschossen, sondern in den Himmel hinauf. Binnen Minuten war sie außer Sichtweite gewesen – und nach Morath gesegelt. Zu Manons Großmutter. Manon sah jetzt Asterin an und dann Sorrel, als sie immer langsamer wurden und stehen blieben, bevor sie um die Ecke bogen, die zu Erawans Ratssaal führen würde. Wo, wie sie wusste, Iskra und ihre Großmutter und die anderen Klanmütter warten würden. In der Tat, ein Blick um die Ecke zeigte die Dritten und Vierten mehrerer Zirkel, die Wache standen und einander argwöhnisch beäugten, während Männer mit ausdruckslosen Gesichtern neben den Doppeltüren postiert waren. Manon sagte zu ihrer Zweiten und Dritten: »Das wird schmutzig werden.« Sorrel erwiderte leise: »Wir werden damit fertigwerden.« Manon umklammerte den Helm ein wenig fester. »Wenn es schlecht läuft, müsst ihr die Dreizehn nehmen und verschwinden.« Asterin hauchte: »Du kannst da nicht reingehen, Manon, und eine Niederlage hinnehmen. Leugne es bis zum letzten Atemzug.« Ob Sorrel begriffen hatte, dass Manon diese Hexe getötet hatte, um ihren Feind zu retten, ließ sie sich nicht anmerken. Asterin fragte scharf: »Wohin sollten wir überhaupt gehen?« Manon antwortete: »Ich weiß es nicht und es kümmert mich nicht. Aber wenn ich tot bin, wird jeder, der eine Rechnung offen hat, die Dreizehn ins Visier nehmen.« Es war eine sehr, sehr lange Liste. Sie hielt dem Blick ihrer Zweiten stand. »Bringt sie in Sicherheit. Um jeden Preis.« Sie sahen einander an. Sorrel sagte: »Wir werden tun, was du verlangst, Schwarmführerin.« Manon wartete – wartete auf irgendwelche Einwände ihrer Zweiten, aber Asterins dunkle Augen glänzten, als sie den Kopf neigte und ihre Zustimmung murmelte. Ein Knoten in Manons Brust lockerte sich und sie ließ einmal die Schultern kreisen, bevor sie sich abwandte. Doch Asterin ergriff ihre Hand. »Sei vorsichtig.« Manon rang mit sich, ob sie ihre Zweite nicht anfauchen sollte, um nicht als rückgratlose Närrin dazustehen, aber … sie hatte gesehen, wozu ihre Großmutter fähig war. Es war in Asterins Fleisch eingeschnitzt. Sie würde diesen Raum nicht betreten und schuldbewusst aussehen wie eine Lügnerin. Nein – sie würde dafür sorgen, dass Iskra am Ende vor ihnen kroch. Also holte Manon einmal tief Luft, bevor sie ihr gewohntes, stürmisches Tempo wieder aufnahm. Ihr roter Umhang flatterte auf einem Phantomwind hinter ihr her. Alle rissen die Augen auf, als sie näher kam. Aber das war zu erwarten gewesen. Manon ließ sich nicht dazu herab, die versammelten Dritten und Vierten zur Kenntnis zu nehmen, obwohl sie sie am Rande ihres Gesichtsfeldes durchaus sah. Zwei Junge aus Iskras Zirkel. Sechs Alte von den Zirkeln der Klanmütter, die eisernen Zähne fleckig mit Rost. Und … Es waren zwei weitere junge Späherinnen in der Halle, geflochtene Bänder aus blau gefärbtem Leder zierten ihre Stirn. Petrah Blueblood war gekommen. Wenn die Erbinnen und ihre Klanmütter alle versammelt waren … In ihrem Herzen, kaum mehr als eine Hülse, war kein Platz für Furcht. Manon riss die Türen auf, dicht gefolgt von Asterin, während Sorrel sich zurückfallen ließ, um sich zu den anderen im Flur zu gesellen. Zehn Hexen drehten sich zu Manon um, als sie eintrat. Erawan war nirgends zu sehen. Und obwohl ihre Großmutter sich in der Mitte des Raumes befand, wo sie alle standen, ihre eigene Zweite mit den vier anderen versammelten Späherinnen in einer Reihe an der Steinmauer hinter Manon, wanderte Manons Aufmerksamkeit zu der goldhaarigen Erbin. Zu Petrah. Sie hatte die Erbin der Bluebloods seit dem Tag der Kampfspiele nicht mehr gesehen, als Manon sie vor einem Sturz, der sie mit Sicherheit getötet hätte, gerettet hatte. Aber sie war außerstande gewesen, auch das Leben von Petrahs Wyvern zu retten – dessen Kehle von Iskras Bullen zerfetzt worden war. Die Blueblood-Erbin stand neben Cresseida, ihrer Mutter, beide Frauen hochgewachsen und dünn. Auf der bleichen Stirn der Klanmutter prangte eine Krone aus eisernen Sternen und ihr Gesicht darunter war undeutbar. Anders als bei Petrah. Vorsicht – Warnung glänzte in ihren dunkelblauen Augen. Sie trug ihre lederne Reitmontur, einen mitternachtsblauen Umhang, der von Bronzeschließen an ihren Schultern herabhing, und ihr goldener Zopf schlängelte sich über ihre Brust. Petrah war immer seltsam gewesen, etwas abgedreht, aber so waren die Bluebloods eben. Mystikerinnen, Fanatikerinnen, Eiferinnen zählten zu den freundlicheren Ausdrücken, die benutzt wurden, um sie und ihre Huldigung der dreigesichtigen Göttin zu beschreiben. Aber da war eine Leere in Petrahs Gesicht, die vor Monaten noch nicht da gewesen war. Gerüchten zufolge hatte der Verlust ihres Wyvern die Erbin gebrochen – sie sei wochenlang nicht aus dem Bett gekommen, hieß es. Hexen trauerten nicht, weil Hexen nicht tief genug liebten, um zuzulassen, dass die Liebe sie zerbrach. Selbst wenn Asterin, die jetzt ihren Platz neben der Zweiten der Blackbeak-Klanmutter einnahm, etwas anderes bewiesen hatte. Petrah nickte, eine leichtes Neigen des Kinns – mehr als das bloße Quittieren der Anwesenheit der anderen Erbin. Manon drehte sich zu ihrer Großmutter um, bevor irgendjemand etwas bemerken konnte. Ihre Großmutter stand in ihren üppigen, schwarzen Gewändern da, ihr dunkles Haar auf dem Kopf geflochten. Wie die Krone, die ihre Großmutter für sie angestrebt hatte – für sich und für Manon. Königinnen der Wastes , hatte sie Manon einst versprochen. Selbst wenn es bedeutete, dass sie jede Hexe in diesem Raum verraten mussten. Manon verbeugte sich vor ihrer Großmutter und vor den beiden anderen anwesenden Klanmüttern. Iskra knurrte etwas. Sie stand neben der Yellowlegs-Klanmutter, einer uralten, gebeugten Greisin, die immer noch Fleischfetzen vom Mittagessen zwischen den Zähnen hängen hatte. Manon starrte die Erbin kalt an, als sie sich aufrichtete. »Drei sind versammelt«, begann ihre Großmutter zu sprechen und jeder Muskel in Manons Leib versteifte sich. »Drei Klanmütter, um die drei Gesichter unserer Mutter zu ehren.« Jungfrau, Mutter, Greisin. Darum war die Yellowlegs-Klanmutter immer uralt, die Blackbeak immer eine Hexe in der Blüte ihrer Jahre, und darum sah Cresseida als die Blueblood-Klanmutter nach wie vor jung und frisch aus. Aber das scherte Manon nicht. Nicht wenn diese Worte gesprochen wurden. »Die Sichel der Greisin hängt über uns«, intonierte Cresseida. »Möge sie die Klinge der Gerechtigkeit der Mutter sein.« Dies war keine Versammlung. Dies war eine Gerichtsverhandlung. Iskra grinste. Als würde sich ein unsichtbarer Faden zwischen ihnen spannen, konnte Manon spüren, wie Asterin sich hinter ihr straffte, konnte sie spüren, wie ihre Zweite sich auf das Schlimmste vorbereitete. »Blut ruft nach Blut«, schnarrte die Yellowlegs-Greisin. »Wir werden darüber entscheiden, wie viel geschuldet wird.« Manon blieb ganz still stehen und wagte es nicht, auch nur einen Funken Furcht oder Erschütterung zu zeigen. Hexenverhandlungen waren brutal. Normalerweise wurden Probleme mit drei Schlägen ins Gesicht, gegen die Rippen und in den Magen bereinigt. Selten und nur unter den ernstesten Umständen versammelten sich die drei Klanmütter, um Recht zu sprechen. Manons Großmutter sagte: »Du, Manon Blackbeak, wirst angeklagt, eine Yellowlegs-Späherin aus keinem anderen Grund als deinem eigenen Stolz niedergemetzelt zu haben.« Iskras Augen brannten förmlich. »Und da die Späherin ein Teil des Zirkels der Yellowlegs-Erbin war, ist es außerdem ein Verbrechen gegen Iskra.« Das Gesicht ihrer Großmutter war starr von Zorn – nicht wegen der Tat, die Manon begangen hatte, sondern weil sie erwischt worden war. »Entweder durch deine eigene Nachlässigkeit oder durch schlechte Planung wurde das Leben von vier weiteren Zirkelmitgliedern beendet. Auch ihr Blut klebt an deinen Händen.« Die eisernen Zähne ihrer Großmutter leuchteten im Kerzenlicht. »Leugnest du diese Anklagen?« Manon hielt sich aufrecht und sah jede der Frauen einzeln an. »Ich leugne nicht, dass ich Iskras Späherin getötet habe, als sie versucht hat, mir meine rechtmäßige Beute streitig zu machen. Ich leugne nicht, dass der Fae-Prinz vier weitere getötet hat. Aber ich leugne jedes Fehlverhalten auf meiner Seite.« Iskra zischte. »Ihr könnt Zeltas Blut an ihr riechen – könnt die Furcht und den Schmerz riechen.« Manon höhnte: »Das riechst du, Yellowlegs, weil deine Späherin das Herz eines Feiglings hatte und eine andere Waffenschwester angegriffen hat. Als ihr klar wurde, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen kann, war es bereits zu spät für sie.« Iskras Gesicht verzerrte sich vor Zorn. »Lügnerin …« »Verrate uns, Blackbeak-Erbin«, griff Cresseida ein, »was vor drei Tagen in Rifthold geschehen ist.« Also sagte Manon es ihnen. Und zum ersten Mal in dem Jahrhundert ihrer erbärmlichen Existenz belog sie ihre Ältesten. Sie wob einen feinen Bildteppich aus Falschheiten und glaubte die Geschichten, die sie ihnen erzählte. Als sie zum Ende kam, deutete sie auf Iskra Yellowlegs. »Es ist allgemein bekannt, dass mir die Yellowlegs-Erbin schon lange meine Position neidet. Vielleicht ist sie hierher zurückgeeilt, um mich mit Anklagen zu überziehen, damit sie meinen Platz als Schwarmführerin stehlen kann, genauso wie ihre Späherin versucht hat, meine Beute zu stehlen.« Iskra richtete sich empört auf, hielt aber den Mund. Petrah trat einen Schritt vor und sprach: »Ich habe Fragen an die Blackbeak-Erbin, wenn das nicht als Impertinenz betrachtet wird.« Manons Großmutter sah aus, als würde sie sich lieber ihre eigenen Nägel ausreißen lassen, aber die beiden anderen nickten. Manon straffte sich und wappnete sich für das, was Petrah vorhatte. Petrahs blaue Augen waren ruhig, als sie Manons Blick begegnete. »Siehst du mich als deine Feindin oder als deine Rivalin an?« »Ich betrachte dich als eine Verbündete, wenn der Anlass es erfordert, aber immer als eine Rivalin, ja.« Die ersten wahren Worte, die Manon gesprochen hatte. »Und doch hast du mich bei den Kampfspielen vor dem sicheren Tod gerettet. Warum?« Die anderen Klanmütter sahen einander mit undeutbaren Mienen an. Manon reckte das Kinn vor. »Weil Keelie für dich gekämpft hat, als sie starb. Ich wollte nicht zulassen, dass ihr Tod umsonst war. Ich konnte einer Kriegerkameradin nichts Geringeres anbieten.« Als der Name ihres toten Wyvern fiel, zuckte Schmerz über Petrahs Züge. »Du erinnerst dich an ihren Namen?« Manon wusste, dass es keine beabsichtigte Frage war. Aber sie nickte trotzdem. Petrah wandte sich den Klanmüttern zu. »An jenem Tag hat Iskra Yellowlegs mich beinahe getötet und ihr Bulle hat meine Stute abgeschlachtet.« »Wir haben uns mit diesem Thema befasst«, warf Iskra mit blitzenden Zähnen ein, »und das Geschehen als einen Unfall abgetan …« Petrah hob eine Hand. »Ich bin noch nicht fertig, Iskra Yellowlegs.« Es lag brutaler Stahl in diesen Worten, als sie sich an die andere Erbin wandte. Ein kleiner Teil von Manon war froh, dass diese Worte nicht an sie gerichtet waren. Iskra erkannte in diesem Ton die offene Rechnung und machte einen Rückzieher. Petrah ließ die Hand sinken. »Manon Blackbeak hatte die Chance, mich an jenem Tag sterben zu lassen. Es wäre die einfachere Entscheidung gewesen, mich sterben zu lassen, und sie würde jetzt nicht hier stehen und angeklagt werden. Aber sie hat ihr Leben aufs Spiel gesetzt und das Leben ihres Reittiers, um mich vor dem Tod zu bewahren.« Sie schuldete Manon ihr Leben – das war es, was zwischen ihnen lag. Dachte Petrah daran, die Schuld zu begleichen, indem sie jetzt zu ihren Gunsten sprach? Manon verkniff sich ihr höhnisches Grinsen. Petrah fuhr fort: »Ich begreife nicht, warum Manon Blackbeak mich retten sollte, nur um sich später gegen ihre Yellowlegs-Schwestern zu wenden. Ihr habt sie wegen ihres Gehorsams, ihrer Disziplin und ihrer Brutalität zur Schwarmführerin gekrönt – lasst den Zorn von Iskra Yellowlegs nicht die Eigenschaften verunglimpfen, die Ihr damals in ihr gesehen habt und die heute immer noch hell glänzen. Verliert Eure Schwarmführerin nicht wegen eines Missverständnisses.« Die Klanmütter sahen einander erneut an, während Petrah sich verneigte und wieder den Platz zur Rechten ihrer Mutter einnahm. Doch die drei Hexen setzten die unausgesprochene Diskussion fort, die sie führten. Bis Manons Großmutter vortrat und die beiden anderen zurückblieben – und ihr damit die Entscheidung überließen. Manon sackte vor Erleichterung beinahe in sich zusammen. Sie würde Petrah zur Rede stellen, wenn die Erbin das nächste Mal töricht genug war, sich allein hinauszuwagen, und sie würde sie zwingen zuzugeben, warum sie sich zu Manons Gunsten geäußert hatte. Der schwarzgoldene Blick ihrer Großmutter war hart. Unversöhnlich. »Petrah Blueblood hat Wahres gesprochen.« Der unsichtbare, fest gespannte Faden zwischen Manon und Asterin lockerte sich. »Es wäre eine Verschwendung, unsere gehorsame, treue Schwarmführerin zu verlieren.« Manon war schon früher geschlagen worden. Sie würde die Fäuste ihrer Großmutter wieder ertragen. »Warum sollte die Erbin des Hexenklans der Blackbeaks ihr Leben für das einer bloßen Späherin opfern? Schwarmführerin hin, Schwarmführerin her, hier steht immer noch das Wort von Erbin gegen Erbin. Aber das Blut ist trotzdem vergossen worden. Und Blut muss bezahlt werden.« Manon packte ihren Helm fester. Ihre Großmutter lächelte schwach. »Das Blutvergießen muss ausgeglichen sein«, sagte ihre Großmutter. Plötzlich fixierte sie einen Punkt hinter Manons Schulter. »Also wirst du, Enkeltochter, dafür nicht sterben. Aber eine deiner Dreizehn wird sterben.« Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit wusste Manon, wie Furcht, wie menschliche Hilflosigkeit schmeckte, als ihre Großmutter, in deren uralten Augen Triumph aufleuchtete, sagte: »Deine Zweite, Asterin Blackbeak, soll die Blutschuld zwischen unseren Klans bezahlen. Sie stirbt morgen bei Sonnenaufgang.« 12 D a Evangeline sie nun nicht mehr aufhielt, eilten Aelin, Aedion und Lysandra mit nur wenigen Ruhepausen in Richtung Küste. Aelin blieb in ihrer Fae-Gestalt, um mit Aedion mitzuhalten, der, wie sie widerwillig eingestand, bei Weitem der bessere Reiter war, während Lysandra verschiedene Vogelgestalten annahm, um das Land vor ihnen nach möglichen Gefahren auszukundschaften. Rowan hatte ihr in den Wochen unterwegs beigebracht, wie sie das anstellen sollte, auf welche Dinge sie achten, was sie vermeiden oder worauf sie einen genaueren Blick werfen sollte. Aber Lysandra fand vom Himmel aus wenig zu berichten und Aelin und Aedion stießen ebenfalls kaum auf Gefahren, während sie die Täler und Ebenen von Terrasens Tiefland durchquerten. So wenig war von dem einst reichen Hoheitsgebiet übrig geblieben. Aelin versuchte, nicht allzu viel darüber nachzugrübeln – über die heruntergekommenen Ländereien, die verlassenen Höfe, die Menschen mit den ausgezehrten Gesichtern, die sie trafen, wenn sie sich gelegentlich getarnt in einen Ort wagten, um dringend benötigte Vorräte zu besorgen. Obwohl sie Dunkelheit getrotzt und voller Licht daraus hervorgegangen war, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf: Du hast das getan, du hast das getan, du hast das getan. Diese Stimme klang häufig wie Weylan Darrows eisiger Tonfall. Aelin hinterließ auf ihrem Weg Goldstücke – unter einen Becher wässrigen Tees geklemmt, den man ihr und Aedion an einem stürmischen Morgen angeboten hatte; in den Brotkasten eines Bauern geworfen, der ihnen Fleischstücke für Lysandra in ihrer Falkengestalt gegeben hatte; in die Kasse eines Gastwirts geschmuggelt, der ihnen eine kostenlose Extraportion Eintopf angeboten hatte, als er sah, wie schnell sie ihr Mittagessen verschlungen hatten. Aber dieses Gold heilte nicht die Risse in ihrem Herzen – erstickte nicht diese grässliche Stimme, die sie im Wachen wie in ihren Träumen verfolgte. Als sie eine Woche später die uralte Hafenstadt Ilium erreichten, hatte sie aufgehört, Gold zurückzulassen. Es hatte angefangen, sich immer mehr wie Bestechung anzufühlen. Nicht die Bestechung ihrer Leute, die keine Ahnung hatten, wer diese junge Frau gewesen war, sondern die Bestechung ihres eigenen Gewissens. Das grüne Flachland wich schließlich der felsigen, kargen Küste, schon viele Meilen, bevor die Stadt mit den geweißten Mauern zwischen dem peitschenden, türkisfarbenen Meer und der breiten Mündung des Florine-Flusses aufragte, der sich landeinwärts bis nach Orynth schlängelte. Die Stadt Ilium war genauso uralt wie Terrasen selbst und wäre wahrscheinlich von Händlern und von der Geschichte vergessen worden, wäre da nicht der zerfallende Tempel am nordöstlichen Stadtrand gewesen, der genügend Pilger anlockte, um sie am Leben zu erhalten. Der Tempel des Felsens, wie er genannt wurde, war um ebenjenen Felsen herum erbaut worden, auf den Brannon zum ersten Mal einen Fuß auf den Kontinent gesetzt hatte, bevor er den Florine zu seiner Quelle am Fuß der Staghorns hinaufgesegelt war. Woher das Kleine Volk gewusst hatte, wie sie den Tempel für sie nachbilden sollten, war ihr ein Rätsel. Iliums massiver, weitläufiger Tempel besaß eine eindrucksvolle Aussicht auf die sturmgebeutelte, hübsche Stadt dahinter und auf das endlose Meer – das so blau war, dass es Aelin an die friedlichen Gewässer des Südens erinnerte. Gewässer, zu denen Rowan und Dorian jetzt hoffentlich bereits unterwegs waren. Aelin versuchte, auch darüber nicht nachzugrübeln. Ohne den Fae-Prinzen an ihrer Seite herrschte eine schreckliche, endlose Stille. Die beinahe so still war wie die weißen Mauern der Stadt – und die Menschen darin. Mit aufgesetzten Kapuzen und unter ihren schweren Umhängen bis an die Zähne bewaffnet, ritten Aelin und Aedion durch die offenen Tore, nur zwei einfache Pilger auf dem Weg zum Tempel. Aus Gründen der Geheimhaltung getarnt – und nebenbei wegen der Tatsache, dass Ilium jetzt unter adarlanischer Besatzung stand. Lysandra hatte ihnen diese Nachricht am Morgen überbracht, nachdem sie vorausgeflogen war und die Gegend ausgekundschaftet hatte. »Wir hätten nach Norden gehen sollen, nach Eldrys«, murmelte Aedion, als sie an einer Gruppe Wachposten mit harten Gesichtszügen und in adarlanischer Rüstung vorbeiritten. Die Soldaten schauten nur in ihre Richtung, um den scharfäugigen Falken mit dem noch schärferen Schnabel zu bemerken, der auf Aelins Schulter hockte. Keiner von ihnen entdeckte den Schild, der zwischen Aedions Satteltaschen versteckt war, sorgfältig von den Falten seines Umhangs bedeckt. Oder die Schwerter, die sie beide gut verborgen hatten. Damaris blieb, wo sie es in diesen ganzen Wochen unterwegs verstaut hatte: unter die schweren Säcke geschnallt, die die uralten Zauberbücher enthielten, die sie aus Dorians königlicher Bibliothek in Rifthold ausgeborgt hatte. »Wir können immer noch umdrehen.« Aelin warf ihm aus dem Schatten ihrer Kapuze einen funkelnden Blick zu. »Wenn du auch nur für einen Moment glaubst, dass ich diese Stadt in Adarlans Händen lasse, kannst du zur Hölle gehen.« Lysandra klapperte zustimmend mit dem Schnabel. Das Kleine Volk hatte nicht falsch daran getan, ihr die Nachricht zu schicken, hierherzukommen. Ihr Modell des Tempels war fast perfekt gewesen. Durch ihre Magie – welche auch immer sie besaßen – hatten sie die Neuigkeit vorhergesehen, lange bevor sie Aelin auf der Straße erreicht hatte: Rifthold war in der Tat gefallen, sein König verschwunden und die Stadt geschleift von Hexen. Dadurch und von dem Gerücht erkühnt, dass sie ihren Thron nicht zurückforderte, sondern ebenfalls auf der Flucht war, hatte der Lord von Meah, Roland Havilliards Vater und einer der mächtigsten Lords in Adarlan, seine Garnisonstruppen direkt über die Grenze nach Terrasen marschieren lassen. Und sich diesen Hafen unter den Nagel gerissen. »Fünfzig Soldaten lagern hier«, warnte Aedion sie und Lysandra. Die Gestaltwandlerin plusterte lediglich ihr Gefieder auf, als wollte sie sagen: Na und? Er knirschte mit den Zähnen. »Glaub mir, ich will auch ein Stück von ihnen. Aber …« »Ich verstecke mich nicht in meinem eigenen Königreich«, fiel Aelin ihm ins Wort. »Und ich werde diese Stadt nicht verlassen, ohne eine Mahnung auszusenden, wem dieses Land gehört.« Aedion schwieg, als sie um eine Ecke bogen, auf dem Weg zu einem kleinen Gasthaus am Wasser, das Lysandra ebenfalls am Morgen ausgekundschaftet hatte. Es lag am anderen Ende der Stadt, weit vom Tempel entfernt. Der Tempel, den die Soldaten den Nerv hatten, als ihre Truppenunterkunft zu benutzen. »Geht es darum, Adarlan eine Botschaft zu senden oder Darrow?«, fragte Aedion schließlich. »Es geht darum, meine Leute zu befreien, die sich schon viel zu lange mit diesen adarlanischen Drecksäcken herumschlagen mussten«, fauchte Aelin und zügelte vor dem Innenhof des Gasthauses ihre Stute. Lysandra grub in stummer Zustimmung die Klauen in ihre Schulter. Nur wenige Schritte hinter der verwitterten Mauer des Hofs schimmerte das Meer so leuchtend blau wie ein Saphir. »Wir ziehen bei Einbruch der Nacht los.« Aedion blieb still, sein Gesicht halb verborgen, als der Besitzer des Gasthauses heraushuschte und sie sich ein Zimmer für die Nacht sicherten. Aelin ließ ihren Cousin ein wenig vor sich hin brüten und konzentrierte sich stattdessen darauf, ihre Magie unter Kontrolle zu halten. Sie hatte an diesem Morgen keinerlei Magie entfesselt, weil sie wollte, dass sie in voller Kraft für das zur Verfügung stand, was sie heute Nacht tun wollten, aber das war anstrengend, wie ein Juckreiz, für den es keine Linderung gab, wie eine Anspannung, die sie nicht lösen konnte. Erst als sie in ihrem winzigen, aus zwei Schlafzimmern bestehenden Quartier untergebracht waren und Lysandra sich auf das Fenstersims hockte, sagte Aedion: »Aelin, du weißt, dass ich helfen werde – du weißt, dass ich diese Bastarde von hier vertreiben will. Aber die Bewohner Iliums leben seit Jahrhunderten hier, in dem Bewusstsein, dass sie im Krieg die Ersten sind, die angegriffen werden.« Und dass diese Soldaten einfach zurückkehren konnten, sobald sie weitergezogen waren, brauchte er nicht hinzuzufügen. Lysandra pickte ans Fenster – eine stille Frage. Aelin ging hinüber und drückte das Fenster auf, um die Meeresbrise hereinzulassen. »Symbole haben Macht, Aedion«, sagte sie und sah zu, wie die Gestaltwandlerin ihre gefleckten Flügel ausbreitete. Sie hatte während dieses lächerlichen Wettbewerbs in Rifthold unzählige Bücher über Symbole gelesen. Er schnaubte. »Ich weiß. Glaub mir – ich habe sie so oft wie möglich zu meinem Vorteil eingesetzt.« Er klopfte auf den knöchernen Knauf des Schwerts von Orynth, um seine Worte zu unterstreichen. »Wenn ich recht darüber nachdenke, habe ich einmal genau das Gleiche zu Dorian und Chaol gesagt.« Er schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. Aelin lehnte sich an das Fenstersims. »Ilium war früher das Bollwerk der Mykiner.« »Die Mykiner sind kaum mehr als ein Mythos – sie wurden vor dreihundert Jahren verbannt. Wenn du nach einem Symbol suchst – die Mykiner sind ziemlich aus der Mode gekommen – und umstritten.« Das wusste sie. Die Mykiner hatten einst nicht als Edelleute, sondern als Verbrecherfürsten über Ilium geherrscht. Und während irgendeines längst vergangenen Krieges war ihre mächtige Flotte so entscheidend für den Sieg gewesen, dass der damals herrschende König sie zum Dank in den Adelsstand erhoben hatte. Bis sie Jahrhunderte später aufgrund ihrer Weigerung, Terrasen in einem anderen Krieg beizustehen, ins Exil geschickt worden waren. Sie begegnete Lysandras eindringlichem Blick, als die Gestaltwandlerin die Flügel senkte, nachdem sie sich hinreichend abgekühlt hatte. Sie war in dieser Woche distanziert gewesen und hatte Federn oder Fell ihrer menschlichen Haut vorgezogen. Vielleicht weil ein Teil ihres Herzens jetzt mit Ren und Murtaugh nach Orynth ritt. Aelin streichelte den seidigen Kopf ihrer Freundin. »Die Mykiner haben Terrasen im Stich gelassen, um nicht in einem Krieg zu sterben, an den sie nicht glaubten.« »Und sie haben sich kurz danach in alle Winde zerstreut und wurden nie wieder gesehen«, konterte Aedion. »Worauf willst du hinaus? Du denkst, die Befreiung Iliums würde sie wieder herbeirufen? Sie sind lange fort, Aelin, und ihre Meeresdrachen mit ihnen.« In der Tat, nirgendwo in dieser Stadt gab es noch Spuren der legendären Flotte und ihrer Krieger, die über ferne, aufgewühlte Meere in die Schlacht gesegelt waren, die diese Grenzen mit ihrem Blut ver teidigt hatten. Und mit dem Blut ihrer Meeresdrachen, die sowohl Verbündete als auch Waffen gewesen waren. Erst als die letzten Drachen gestorben waren, vor Kummer darüber, aus Terrasens Gewässern verbannt worden zu sein, waren die Mykiner wirklich verloren gewesen. Und erst wenn die Meeresdrachen zurückkehrten, würden auch die Mykiner wieder nach Hause kommen. Das zumindest behaupteten ihre uralten Prophezeiungen. Aedion nahm die zusätzlichen Klingen heraus, die sie in ihren Satteltaschen versteckt hatten, außer Damaris, und legte sie an, eine nach der anderen. Er überprüfte noch einmal, ob Rowans Messer sicher an seine Seite gegürtet war, bevor er zu Aelin und Lysandra, die immer noch am Fenster standen, sagte: »Ich weiß, ihr zwei seid der Meinung, dass wir Männer dazu da sind, um euch einen hübschen Anblick und Mahlzeiten zu bieten, aber ich bin ein General Terrasens. Wir müssen eine richtige Armee finden – und unsere Zeit nicht damit verschwenden, Geistern hinterherzujagen. Wenn wir nicht bis Mitte Herbst ein Heer in den Norden schicken können, werden die Winterstürme es über Land und Meer unmöglich machen.« »Wenn du dich so gut mit der Wirkmacht von Symbolen auskennst, Aedion«, antwortete sie, »dann weißt du, warum Ilium von entscheidender Wichtigkeit ist. Wir können nicht zulassen, dass Adarlan es besetzt, aus einem Dutzend verschiedener Gründe.« Sie war sich sicher, dass ihr Cousin sie bereits alle berücksichtigt hatte. »Also holen wir uns die Stadt zurück«, meinte Aedion herausfordernd. »Aber wir müssen im Morgengrauen lossegeln.« Die Augen ihres Cousins wurden schmal. »Der Tempel. Es geht auch darum, dass sie den Tempel eingenommen haben, nicht wahr?« »Dieser Tempel ist mein Geburtsrecht«, bestätigte Aelin. »Ich kann diese Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen.« Sie ließ die Schultern kreisen. Ihre Pläne zu enthüllen, ihre Motive zu erklären … es würde einige Zeit dauern, sich daran zu gewöhnen. Aber sie hatte verspro chen, ihre Pläne nicht mehr geheim zu halten – manche zumindest. Und in dieser Angelegenheit konnte sie tatsächlich offen sein. »Sowohl in Hinblick auf Adarlan als auch auf Darrow. Nicht wenn ich eines Tages wieder Anspruch auf meinen Thron erheben will.« Aedion dachte nach. Dann schnaubte er und auf seinem Gesicht stand der Anflug eines Lächelns. »Eine Königin nicht nur des Blutes, sondern auch der Legenden.« Seine Miene blieb versonnen. »Du wärest die unbestrittene Königin, wenn du die Königsflamme wieder zum Erblühen bringen könntest.« »Ein Pech, dass Lysandra nur sich selbst verwandeln kann und keine Dinge«, murmelte Aelin. Lysandra klapperte zustimmend mit dem Schnabel und plusterte das Gefieder auf. »Es heißt, die Königsflamme sei während Orlons Herrschaft nur ein einziges Mal erblüht«, überlegte Aedion laut. »Nur eine Blüte, gefunden im Oakwald.« »Ich weiß«, murmelte Aelin. »Er hatte sie in Glas gepresst auf seinem Schreibtisch aufbewahrt.« Sie erinnerte sich noch immer an diese kleine, orangerote Blume, so schlicht in ihrer Machart, aber so leuchtend, dass sie ihr stets den Atem geraubt hatte. Sie war an dem Tag, an dem Brannon Fuß auf diesen Kontinent gesetzt hatte, auf Feldern und Bergen überall im Königreich erblüht. Und noch Jahrhunderte danach galt der jeweilige Herrscher als gesegnet und das Königreich als wahrhaft friedlich, wann immer eine einzelne Blüte gefunden wurde. Bevor die Blume in Orlons zweitem Jahrzehnt als König entdeckt wurde, war die vorangegangene Blüte fünfundneunzig Jahre zuvor gefunden worden. Aelin schluckte hörbar. »Hat Adarlan …« »Darrow hat sie«, unterbrach Aedion sie. »Es war das Einzige von Orlon, das er sich hatte schnappen können, bevor die Soldaten den Palast eingenommen haben.« Aelin nickte und ihre Magie flackerte zur Antwort. Selbst das Schwert Orynths war Adarlan in die Hände gefallen – bis Aedion es zurückgewonnen hatte. Ja, ihr Cousin verstand vielleicht besser als jeder andere die Macht, die ein einziges Symbol enthalten konnte. Wie der Verlust oder das Wiedererlangen eines solchen Symbols eine Armee oder ein Volk zerschmettern oder vereinen konnte. Genug – in ihrem Königreich hatte es genug Zerstörung und Schmerz gegeben. »Kommt mit«, sagte sie zu Lysandra und Aedion und ging zur Tür. »Wir sollten besser etwas essen, bevor wir die Hölle lostreten.« 13 E s war lange her, dass Dorian so viele Sterne gesehen hatte. Weit hinter ihnen zog noch immer schmutziger Rauch über den Himmel und die Schwaden wurden von der Mondsichel über ihnen beleuchtet. Zumindest waren die Schreie einige Meilen zuvor verklungen. Zusammen mit dem Geräusch mächtiger schlagender Flügel. Hinter ihm saß auf der einmastigen Barke Prinz Rowan Whitethorn und schaute über die ruhige, schwarze Oberfläche des Meeres. Sie würden nach Süden zu den Dead Islands segeln, angetrieben von der Magie des Prinzen. Der Fae-Krieger hatte sie schnell zur Küste gebracht, wo er keine Gewissensbisse gehabt hatte, dieses Boot zu stehlen, während sein Besitzer wie gebannt in Richtung der panischen Stadt im Westen geblickt hatte . Und während all der Zeit war Dorian still und zu nichts zu gebrauchen gewesen. So wie an dem Tag, als die Stadt zerstört und sein Volk ermordet worden war. »Ihr solltet etwas essen«, bemerkte Rowan vom anderen Ende des kleinen Bootes. Dorian schaute zu dem Sack mit Vorräten, den Rowan ebenfalls gestohlen hatte. Brot, Käse, Äpfel, getrockneter Fisch … Dorian drehte sich der Magen um. »Ihr seid von einem vergifteten Widerhaken aufgespießt worden«, meinte Rowan, dessen Stimme kaum lauter war als die Wellen, die gegen ihr Boot klatschten, während der schnelle Wind sie weiterschob. »Eure Magie ist erschöpft worden, um Euch am Leben und auf den Beinen zu halten. Ihr müsst essen, sonst wird die Magie sich nicht wieder auffüllen.« Eine Pause. »Hat Aelin Euch deswegen nicht gewarnt?« Dorian schluckte. »Nein. Sie hatte nicht recht Zeit, mir etwas über Magie beizubringen.« Er schaute zum Heck des Bootes, wo Rowan saß, eine Hand auf das Ruder gestützt. Der Anblick von dessen spitzen Ohren war immer noch ein Schock, selbst Monate, nachdem er den Mann kennengelernt hatte. Und dieses silberne Haar … Nicht wie Manons Haar, das wie das reine Weiß von Mondlicht auf Schnee war. Er fragte sich, was aus der Schwarmführerin geworden war – die für ihn getötet und die ihn verschont hatte. Nein, nicht verschont. Gerettet. Er war kein Narr. Er wusste, dass sie es getan hatte, weil er ihr irgendwie nützlich war. Sie war ihm ebenso fremd wie der Krieger, der am anderen Ende des Bootes saß – noch fremder sogar. Und doch, diese Dunkelheit, diese Gewalttätigkeit und die drastische, ehrliche Art, die Welt zu betrachten … mit ihr würde es keine Geheimnisse geben. Keine Lügen. »Ihr müsst essen, um bei Kräften zu bleiben«, fuhr Rowan fort. »Eure Magie speist sich von Eurer Energie – speist sich von Euch. Je besser ausgeruht Ihr seid, desto größer die Kraft. Wichtiger noch, desto größer ist die Kontrolle darüber. Eure Macht ist sowohl ein Teil von Euch als auch ihre eigene Wesenheit. Wenn man sie sich selbst überlässt, wird sie Euch verzehren, wird sie Euch benutzen wie ein Werkzeug.« Zähne blitzten auf, als Rowan lächelte. »Eine gewisse Person, die wir kennen, zapft ihre Macht gern ab und benutzt sie für alberne Dinge, um sich zu entspannen.« Dorian spürte es wie einen körperlichen Schlag, als Rowan ihn mit seinem Blick durchbohrte. »Die Entscheidung liegt bei Euch, wie weit Ihr sie in Euer Leben hineinlasst, wie Ihr sie benutzt – aber wenn Ihr so weitermacht, ohne sie zu beherrschen, Majestät, wird sie Euch zerstören.« Ein kalter Schauder überlief Dorian. Und vielleicht waren es das offene Meer oder die endlosen Sterne über ihm, aber Dorian sagte: »Es hat nicht gereicht. An dem Tag … an dem Tag, als Sorscha starb, hat es nicht gereicht, um sie zu retten.« Er spreizte die Finger auf seinem Schoß. »Meine Magie will nur zerstören.« Schweigen senkte sich herab, so lange, dass Dorian sich fragte, ob Rowan eingeschlafen war. Er hatte nicht gewagt, danach zu fragen, wann der Prinz das letzte Mal geschlafen hatte; jedenfalls hatte er so viel gegessen wie ein halb verhungerter Mann. »Auch ich war nicht da, um meine Gefährtin zu retten, als sie ermordet wurde«, sagte Rowan schließlich. Dorian straffte sich. Aelin hatte ihm viel von der Geschichte des Prinzen erzählt, aber nicht das. Er nahm an, dass sie nicht fand, es stünde ihr zu, sein Geheimnis, seinen Kummer mit anderen zu teilen. »Das tut mir leid«, sagte Dorian. Seine Magie hatte das Band zwischen Aelin und Rowan gespürt – das Band, das tiefer ging als Blut, tiefer als ihre Magie, und er hatte angenommen, dass sie wohl ein Paar waren und es niemandem erzählt hatten. Aber wenn Rowan bereits eine Gefährtin gehabt hatte, wenn er sie verloren hatte … Rowan sagte: »Ihr werdet die Welt hassen, Dorian. Ihr werdet Euch selbst hassen. Ihr werdet Eure Magie hassen und Ihr werdet jeden Moment des Friedens oder des Glücks hassen. Aber ich hatte den Luxus eines Königreichs, das in Frieden lebte, und niemand war von mir abhängig. Diesen Luxus habt Ihr nicht.« Rowan bewegte das Ruder und berichtigte ihren Kurs so, dass sie sich wieder von der zerklüfteten Küste – einer aufragenden Wand aus steilen Klippen – aufs offene Meer hinaus entfernten. Er hatte gewusst, dass sie schnell reisten, aber sie mussten bereits fast die Hälfte der Strecke zur südlichen Grenze zurückgelegt haben – und weitaus schneller gereist sein, als er das im Schutz der Dunkelheit bemerkt hatte. Dorian sagte schließlich: »Ich bin der Herrscher eines zerstörten Königreichs. Mein Volk weiß nicht, von wem es regiert wird. Und jetzt, da ich fliehe …« Er schüttelte den Kopf und eine knochentiefe Erschöpfung packte ihn. »Habe ich Erawan mein Königreich überlassen? Was – was tue ich überhaupt von jetzt an?« Das Knarren des Schiffs und das Rauschen des Wassers waren die einzigen Geräusche. »Euer Volk wird inzwischen erfahren haben, dass Ihr nicht unter den Toten wart. Es ist an Euch, Euren Untertanen mitzuteilen, wie sie das deuten sollen – ob sie denken sollen, dass Ihr sie im Stich gelassen habt, oder ob sie Euch als einen Mann sehen sollen, der fortgeht, um Hilfe zu suchen – um sie zu retten. Das müsst Ihr klarstellen.« »Indem ich zu den Dead Islands reise.« Ein Nicken. »Aelin hat, was wenig überraschend ist, eine belastete Vergangenheit mit dem Piratenlord. Ihr nicht. Es wäre in Eurem Interesse, ihm klarzumachen, dass er großen Nutzen von einem Bündnis mit Euch hätte. Aedion hat mir erzählt, dass die Dead Islands einst von General Narrok und mehreren von Erawans Streitkräften überlaufen wurden. Rolfe und seine Flotte sind geflohen – und obwohl Rolfe jetzt einmal mehr der Herrscher von Skull’s Bay ist, könnte diese Schmach Euch den Weg ebnen, sein Vertrauen zu gewinnen. Überzeugt ihn davon, dass Ihr nicht Eures Vaters Sohn seid – und dass Ihr Rolfe und seinen Piraten Privilegien einräumen werdet.« »Ihr meint, ich soll sie zu Freibeutern machen.« »Ihr habt Gold, wir haben Gold. Wenn das Versprechen auf Geld und freie Hand beim Plündern von Erawans Schiffen uns Rolfes Armada im Süden sichert, wären wir Narren, davor zurückzuschrecken.« Dorian dachte über die Worte des Prinzen nach. »Ich bin noch nie einem Piraten begegnet.« »Ihr seid Aelin begegnet, als sie sich noch als Celaena ausgegeben hat«, entgegnete Rowan trocken. »Ich kann Euch versprechen, dass Rolfe nicht viel schlimmer sein wird.« »Das ist nicht beruhigend.« Ein gedämpftes Lachen. Wieder breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus. Schließlich sagte Rowan: »Es tut mir leid – das mit Sorscha.« Dorian zuckte die Achseln und hasste sich für die Geste, als schmälerte sie, was Sorscha ihm bedeutet hatte, wie mutig sie gewesen war – wie besonders. »Wisst Ihr«, antwortete er, »manchmal wünschte ich, Chaol wäre hier – um mir zu helfen. Und dann bin ich manchmal froh, dass er nicht hier ist, damit er nicht wieder in Gefahr gerät. Ich bin froh, dass er mit Nesryn in Antica ist.« Er musterte den Prinzen, die Linien seines tödlichen Körpers, die raubtierhafte Reglosigkeit, mit der er dasaß, selbst hier in ihrem Boot. »Könntet Ihr – könntet Ihr mir etwas über Magie beibringen? Nicht alles, meine ich, aber … was Ihr könnt, wann immer wir Zeit haben …« Rowan überlegte einen Moment lang, dann sagte er: »Ich habe viele Könige in meinem Leben gekannt, Dorian Havilliard. Und es ist ein wahrhaft seltener Mann, der um Hilfe bittet, wenn er sie braucht, der seinen Stolz beiseiteschiebt.« Dorian war sich ziemlich sicher, dass sein Stolz unter den Krallen des Valg-Fürsten zerfetzt worden war. »Ich werde Euch lehren, so viel ich kann, bevor wir in Skull’s Bay ankommen«, versprach Rowan. »Dort finden wir vielleicht jemanden, der den Schlächtern entkommen ist – jemanden, der Euch besser unterweisen kann als ich.« »Ihr habt Aelin unterrichtet.« Wieder Schweigen. Dann: »Aelin ist mein Herz. Ich habe ihr beigebracht, was ich wusste, und es hat funktioniert, weil unsere Magie sich auf einer tiefen Ebene verstanden hat – genau wie unsere Seelen sich verstanden haben. Ihr seid … anders. Eure Magie ist etwas, was mir nur selten begegnet ist. Ihr braucht jemanden, der sie begreift oder der zumindest weiß, wie er Euch darin unterrichten kann. Aber ich kann Euch Kontrolle lehren; ich kann Euch lehren, wie Ihr in Eure Magie eintauchen und Euch selbst schützen könnt.« Dorian nickte dankbar. »Als Ihr Aelin das erste Mal begegnet seid, habt Ihr da gewusst …?« Ein Schnauben. »Nein. Götter, nein. Wir wollten einander umbringen.« Die Erheiterung flackerte. »Sie war … in einer sehr düsteren Verfassung. Das waren wir beide. Aber wir haben einander von dort weggeführt. Haben einen Weg gefunden – zusammen.« Einen Moment lang konnte Dorian den anderen Mann nur ansehen. Als hätte er seine Gedanken gelesen, fügte Rowan hinzu: »Auch Ihr werdet Euren Weg finden, Dorian. Ihr werdet den Weg hinaus finden.« Er hatte nicht die richtigen Worte, um zu vermitteln, was in seinem Herzen vorging, daher seufzte er zum sternenbedeckten, endlosen Himmel empor. »Na dann, auf zur Skull’s Bay.« Rowans Lächeln blitzte weiß in der Dunkelheit. »Auf zur Skull’s Bay.« 14 Z um Kämpfen ganz in Schwarz gekleidet, hielt Aedion Ashryver sich dem Tempel gegenüber in den Schatten der Straße verborgen und beobachtete, wie seine Cousine neben ihm das Gebäude erklomm. Sie hatten bereits für den nächsten Morgen eine Passage auf einem Schiff gebucht und zudem mit einem weiteren Botenschiff Briefe nach Wendlyn geschickt, in denen sie die Ashryvers um Hilfe anflehten, unterschrieben sowohl von Aelin als auch von Aedion. Denn was sie heute erfahren hatten … Er war während des letzten Jahrzehnts oft genug in Ilium gewesen, um sich dort auszukennen. Für gewöhnlich hatten er und seine Bane draußen vor den Stadtmauern ihr Lager aufgeschlagen und sich in den Tavernen so ausgiebig amüsiert, dass er sich am nächsten Morgen in seinen eigenen Helm übergeben hatte. Ein himmelweiter Unterschied zu dem benommenen Schweigen, das ihnen bei ihrer Ankunft in den fahlen, staubigen Straßen entgegengeschlagen war. Bei all seinen Besuchen in der Stadt hatte er sich nie vorgestellt, diese Straßen einmal mit seiner Königin entlangzugehen – oder dass ihr Gesicht so ernst sein würde, während sie die verängstigten, unglücklichen Menschen ansah, all die Narben des Krieges. Es wurden ihnen keine Blumen auf den Weg gestreut, keine Trompeten kündeten von ihrer Rückkehr. Nur das Branden des Meeres, das Heulen des Windes und die brennende Sonne über ihnen. Und der Zorn, den Aelin beim Anblick der Soldaten verströmte, die in der Stadt postiert waren … Alle Fremden wurden so eingehend beobachtet, dass sie beim Sichern ihrer Schiffspassage besonders vorsichtig hatten sein müssen. Vor den Augen der Stadt, der Welt, würden sie morgen Vormittag an Bord der Sommerdame gehen, um nach Norden zu segeln, nach Suria. Stattdessen würden sie sich allerdings kurz vor Sonnenaufgang auf die Windsänger stehlen, um mit dem Morgengrauen nach Süden zu ziehen. Sie hatten für das Schweigen des Kapitäns viel Gold bezahlt. Und für seine Informationen. Gerade als sie die Kajüte des Mannes verlassen wollten, hatte er noch etwas hinzugefügt. »Mein Bruder ist Händler. Er ist auf Waren aus fernen Ländern spezialisiert. Und letzte Woche hat er mir erzählt, dass man Schiffe entdeckt hat, die sich an der Westküste des Fae-Reichs sammeln.« Aelin hatte gefragt: »Um hier herzusegeln?«, und gleichzeitig hatte Aedion zu erfahren verlangt: »Wie viele Schiffe?« »Fünfzig – allesamt Kriegsschiffe«, hatte der Kapitän geantwortet und sie sorgfältig gemustert. Zweifellos nahm er an, dass sie Beauftragte einer der vielen Kronen waren, die bei diesem Krieg die Finger im Spiel hatten. »Eine Armee von Fae-Kriegern hatte auf dem Strand dahinter ihr Lager aufgeschlagen. Sie schienen auf den Befehl zu warten loszusegeln.« Diese Nachricht würde sich wahrscheinlich schnell verbreiten. Und die Menschen in Panik versetzen. Aedion hatte sich vorgenommen, eine Warnung an seinen stellvertretenden Befehlshaber zu schicken, damit er die Bane darauf vorbereitete – und wilden Gerüchten entgegenwirkte. Aelins Gesicht war ein wenig blutleer geworden und er hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Aber sie hatte sich bei seiner Berührung nur höher aufgerichtet und den Kapitän gefragt: »Hatte Euer Bruder den Eindruck, dass Königin Maeve sich mit Morath verbündet hat oder dass sie kommt, um Terrasen zu unterstützen?« »Weder noch«, hatte die Antwort des Kapitäns gelautet. »Er ist nur vorbeigesegelt, obwohl ich bezweifle, dass es ein Geheimnis war, wenn die Armada dort draußen zu sehen war. Sonst wissen wir nichts – vielleicht waren die Schiffe für einen anderen Krieg bestimmt.« Das Gesicht seiner Königin hatte in der Dunkelheit ihrer Kapuze keine Gefühlsregung verraten. Aedion hatte dafür gesorgt, dass es bei ihm genauso war. Nur dass ihr Gesicht während des ganzen Marsches zurück versteinert blieb, und in den Stunden seither, als sie ihre Waffen geschärft hatten und dann im Schutz der Dunkelheit wieder in die Straßen hinausgeschlüpft waren. Wenn Maeve tatsächlich eine Armee aufstellte, um gegen sie anzutreten … Aelin hielt auf dem Dach inne, ein Tuch um Goldryns glänzenden Griff gewickelt, um sein Leuchten zu verbergen, und Aedion schaute zwischen ihrer schattenhaften Gestalt und der adarlanischen Wache hin und her, die nur Schritte unter ihr an der Tempelmauer patrouillierte. Doch seine Cousine drehte den Kopf zu dem nahen Ozean, als könnte sie den ganzen Weg zu Maeve und ihrer wartenden Flotte schauen. Wenn das unsterbliche Miststück sich mit Morath verbündete … Maeve konnte doch bestimmt nicht so dumm sein. Vielleicht würden die beiden dunklen Herrscher einander in ihrem Verlangen nach Macht gegenseitig zerstören. Und diesen Kontinent gleich mit in den Abgrund reißen. Aber ein Dunkler König und eine Dunkle Königin, geeint gegen die Feuerbringerin … Sie mussten schnell handeln. Den Kopf der einen Schlange abschlagen, bevor sie sich mit der anderen beschäftigten. Stoff rieb sich raschelnd an Haut und Aedion schaute zu Lysandra hinter ihm, die nach Aelins Signal Ausschau hielt. Sie trug ihre Reisekleidung – ein wenig verschlissen und schmutzig. Sie hatte den ganzen Nachmittag in einem uralt aussehenden Buch gelesen. Vergessene Kreaturen der Tiefe oder wie immer es geheißen hatte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich fragte, ob sie den Band ausgeliehen oder gestohlen hatte. Die Hofdame schaute zu Aelin, die immer noch auf dem Dach stand, kaum mehr als ein Schatten. Lysandra räusperte sich leicht und sagte zu leise, als dass irgendjemand es hätte hören können, sei es die Königin, seien es die Soldaten auf der anderen Straßenseite: »Sie hat Darrows Erlass zu ruhig hingenommen.« »Ich würde nichts von dem Ganzen hier ruhig nennen.« Aber er wusste, was die Gestaltwandlerin meinte. Seit Rowan gegangen war, seit die Nachricht vom Fall Riftholds eingetroffen war, war Aelin nur halb anwesend. Distanziert. Lysandras hellgrüne Augen durchbohrten ihn. »Es ist die Ruhe vor dem Sturm, Aedion.« Jeder einzelne seiner Raubtierinstinkte horchte auf. Lysandra ließ den Blick erneut zu Aelins geschmeidiger Gestalt schweifen. »Ein Sturm zieht auf. Ein gewaltiger Sturm.« Nicht die Streitkräfte, die in Morath lauerten, nicht Darrow, der in Orynth Ränke schmiedete, oder Maeve, die ihre Armada zusammenstellte – sondern die Frau auf dem Dach, die Hände auf den Rand gestützt, als sie in die Hocke ging. »Du hast doch keine Angst vor …?« Er konnte den Rest nicht aussprechen. Irgendwie hatte er sich daran gewöhnt, dass die Gestaltwandlerin Aelin Rückendeckung gab – hatte die Vorstellung beruhigend gefunden. Rowan zu ihrer rechten Seite, Aedion zu ihrer linken, Lysandra hinter ihr: Nichts und niemand würde an ihre Königin herankommen. »Nein – nein, niemals«, sagte Lysandra. Etwas löste sich in seiner Brust. »Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr … desto mehr scheint es mir, als wäre dies alles von langer Hand geplant. Erawan hatte jahrzehntelang Zeit, um zuzuschlagen, bevor Aelin geboren wurde – Jahrzehnte, während derer es niemanden mit ihren Kräften oder Dorians Kräften gab, der ihn hätte herausfordern können. Doch wie Schicksal oder Fügung es wollen, schlägt er jetzt zu. Zu einer Zeit, da eine Feuerbringerin auf Erden wandelt.« »Worauf willst du hinaus?« Er hatte das alles auch schon überlegt, während dieser langen Stunden, in denen er auf der Straße Wache gestanden hatte. Es war alles entsetzlich und unmöglich, aber – ein so großer Teil all ihrer Leben widersprach jeder Logik oder Normalität. Die Gestaltwandlerin neben ihm bewies das. »Morath entfesselt seine Gräuel«, bemerkte Lysandra. »Maeve regt sich auf der anderen Seite des Meeres. Zwei Göttinnen gehen Hand in Hand mit Aelin. Mehr noch, Mala und Deanna haben ihr ganzes Leben lang über sie gewacht. Aber vielleicht war es kein bloßes Wachen. Vielleicht war es … ein Vorbereiten. Damit sie Aelin eines Tages ebenfalls entfesseln könnten. Und ich frage mich, ob die Götter den Preis für diesen Sturm abgewogen haben. Und zu dem Schluss gekommen sind, dass er die Opfer wert ist.« Ein Frösteln kroch ihm den Rücken hinunter. Lysandra fuhr fort, so leise, dass Aedion sich fragte, ob sie fürchtete, dass jene Götter es hörten. »Wir haben noch nicht das volle Ausmaß von Erawans Dunkelheit gesehen. Und ich glaube, wir haben noch nicht das volle Ausmaß von Aelins Feuer gesehen.« »Sie ist keine ahnungslose Schachfigur.« Er würde den Göttern trotzen und einen Weg finden, sie abzuschlachten, falls sie Aelin bedrohten, falls sie zu dem Schluss kamen, diese Länder wären es wert, geopfert zu werden, um den Dunklen König zu besiegen. »Ist es wirklich so schwer, mir einfach ausnahmsweise einmal zuzustimmen?« »Ich stimme nie nicht zu.« »Ihr habt immer eine Antwort auf alles.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist unerträglich.« Aedion grinste. »Gut zu wissen, dass ich Euch endlich unter die Haut gehe. Oder muss das Häute heißen?« Das umwerfend schöne Gesicht wurde geradezu boshaft. »Vorsicht, Aedion. Ich beiße.« Aedion beugte sich ein wenig näher vor. Er wusste, dass es bei Lysandra Grenzen gab – wusste, dass es Schranken gab, die er nicht durchbrechen würde, die er nicht anfechten würde. Nicht nach allem, was sie seit ihrer Kindheit erlitten hatte. Nicht nach dem, was auch er durchgemacht hatte. Selbst Aelin hatte er davon noch nichts erzählt. Wie konnte er? Wie konnte er erklären, was ihm angetan worden war, wozu man ihn in diesen frühen Jahren der Eroberung gezwungen hatte? Aber ein Flirt mit Lysandra war harmlos – sowohl für ihn als auch für die Gestaltwandlerin. Und Götter, es tat gut, länger als eine Minute zwischen verschiedenen Gestalten mit ihr zu reden. Also schnappte er mit den Zähnen nach ihr und sagte: »Nur gut, dass ich weiß, wie man eine Frau zum Schnurren bringt.« Sie lachte leise, aber der Laut erstarb, als sie wieder zu ihrer beider Königin schaute, deren Haar in der Meeresbrise wehte. »Jeden Moment jetzt«, warnte sie ihn. Aedion war vollkommen egal, was Darrow über sie dachte. Lysandra hatte ihm das Leben gerettet – hatte für ihre Königin gekämpft und hatte alles riskiert, selbst das Leben ihres Mündels, um ihn vor der Hinrichtung zu retten und ihn wieder mit Aelin zusammenzuführen. Er hatte bemerkt, wie oft die Blicke der Gestaltwandlerin während der ersten paar Tage dieser Etappe nach hinten gehuscht waren – als könnte sie Evangeline mit Murtaugh und Ren sehen. Er wusste, dass selbst jetzt ein Teil von ihr bei dem Mädchen war, genauso wie ein Teil von Aelin bei Rowan blieb. Er fragte sich, ob er das jemals empfinden würde – dieses Ausmaß an Liebe. Für Aelin, ja – doch das war ein Teil von ihm, so wie seine Gliedmaßen ein Teil von ihm waren. Es war niemals eine Entscheidung gewesen, so wie es Lysandras Selbstlosigkeit diesem kleinen Mädchen gegenüber gewesen war, so wie Rowan und Aelin sich füreinander entschieden hatten. Vielleicht war es dumm, so zu denken, wenn man bedachte, wozu er ausgebildet worden war und was sie in Morath erwartete, aber … er würde ihr das nicht in tausend Jahren erzählen, doch wenn er Aelin und Rowan beobachtete, beneidete er sie manchmal. Er wollte nicht einmal darüber nachdenken, was Darrow sonst noch angedeutet hatte – dass ein Bündnis zwischen Wendlyn und Terrasen vor zehn Jahren angebahnt worden war, mit einer Heirat zwischen ihm und Aelin als gefordertem Preis, die dann von ihren Verwandten jenseits des Meeres abgelehnt worden war. Er liebte seine Cousine, aber beim Gedanken, sie so zu berühren, drehte sich ihm der Magen um. Er hatte das Gefühl, dass es ihr umgekehrt genauso gehen würde. Sie hatte ihm den Brief, den sie an Wendlyn geschrieben hatte, nicht gezeigt. Ihm kam erst jetzt in den Sinn, dass er darum hätte bitten können, ihn zu sehen. Aedion blickte zu der einsamen Gestalt vor dem Hintergrund des gewaltigen dunklen Meeres. Und begriff, dass er es gar nicht wissen wollte. Er war ein General, ein Krieger, der von Blut und Zorn und Verlust geprägt war, er hatte Dinge gesehen und getan, die ihn noch immer jede Nacht aus dem Schlaf rissen. Und doch wollte er es nicht wissen. Noch nicht. Lysandra sagte: »Wir sollten vor dem Morgengrauen aufbrechen. Mir gefällt der Geruch dieses Ortes nicht.« Er neigte den Kopf in Richtung der fünfzig Soldaten, die innerhalb der Tempelmauern ihr Lager aufgeschlagen hatten. »Natürlich nicht.« Doch bevor sie weitersprechen konnte, blitzten blaue Flammen aus Aelins Fingerspitzen. Das Signal. Lysandra verwandelte sich in einen Geisterleoparden und Aedion verschmolz mit den Schatten, als sie ein Brüllen ausstieß, das die Menschen in den nahen Häusern aus dem Schlaf riss. Sie quollen aus ihren Türen, gerade als die Soldaten die Tore zum Tempel aufstießen, um zu sehen, was es mit dem Tumult auf sich hatte. Aelin kletterte mit ein paar geschickten Manövern vom Dach und landete mit katzenhafter Anmut auf dem Boden. Die Soldaten drängten bereits in die Straße, Waffen gezückt und mit aufgerissenen Augen. Diese Augen wurden noch weiter aufgerissen, als Lysandra sich knurrend neben Aelin schob. Als Aedion auf ihrer anderen Seite erschien. Gemeinsam zogen sie ihre Kapuzen herunter. Hinter ihnen keuchte jemand auf. Nicht wegen ihres goldenen Haares oder ihrer Gesichter. Sondern wegen der in blaue Flammen getauchten Hand, die Aelin über den Kopf hob, bevor sie den Soldaten, die mit Armbrüsten auf sie zielten, befahl: »Macht, dass ihr aus meinem Tempel verschwindet.« Die Soldaten blinzelten. Einer der Städter hinter ihnen begann zu weinen, als eine Krone aus Feuer auf Aelins Haar erschien. Als das Tuch, das Goldryn bedeckte, wegbrannte und der Rubin blutrot glühte. Aedion lächelte die adarlanischen Bastarde an, nahm seinen Schild vom Rücken und sagte: »Mylady lässt Euch eine Wahl: Geht jetzt … oder geht nie mehr.« Die Soldaten tauschten Blicke. Die Flamme um Aelins Kopf brannte heller, ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Symbole haben wahrhaft Macht. Da war sie, gekrönt mit Flammen, eine Bastion gegen die finstere Nacht. Also zog Aedion das Schwert von Orynth. Irgendjemand schrie laut auf bei dem Anblick dieser uralten, mächtigen Klinge. Immer mehr Soldaten füllten den offenen Tempelhof jenseits des Tores. Einige ließen ihre Waffen sofort fallen und hoben die Hände. Wichen zurück. »Ihr verfluchten Feiglinge«, knurrte ein Soldat und drängte sich nach vorn durch. Ein Kommandant, den Orden an seiner rotgoldenen Uniform nach zu schließen. Menschlich. Keinerlei schwarze Ringe an einem von ihnen. Er verzog den Mund, als er Aedion sah, den Schild und das Schwert, die er bereithielt, um Blut zu vergießen. »Der Wolf des Nordens.« Das Hohngrinsen wurde breiter. »Und das feuerspuckende Miststück persönlich.« Eines musste man Aelin lassen, sie schaute nur gelangweilt drein. Und sie sagte den menschlichen Soldaten, die dort versammelt waren und von einem Fuß auf den anderen traten, ein letztes Mal: »Lebt oder sterbt; es ist Eure Entscheidung. Aber trefft sie jetzt.« »Hört nicht auf das Miststück«, bellte der Kommandant. »Billige Tricks, hat Lord Meah gesagt.« Aber fünf weitere Soldaten warfen ihre Waffen zu Boden und liefen davon. Rannten geradezu panisch hinaus in die Straßen. »Noch jemand?«, fragte Aelin leise. Fünfunddreißig Soldaten blieben, ihre Waffen gezückt, ihre Gesichter unerbittlich. Aedion hatte gegen solche Männer und an deren Seite gekämpft. Aelin sah ihn fragend an. Aedion nickte. Der Kommandant hatte sie unter seiner Knute – sie würden den Rückzug nur antreten, wenn dieser Mann es tat. »Dann kommt. Lasst uns sehen, was Ihr zu bieten habt«, höhnte der Kommandant. »Ich habe da eine reizende Bauerntochter, mit der ich fertigwerden will …« Als würde sie eine Kerze auspusten, schickte Aelin einen Atemzug in Richtung des Mannes. Zuerst verstummte der Kommandant. Als wäre jeder Gedanke, jedes Gefühl zum Stillstand gekommen. Dann versteifte er sich, als wäre er zu Stein verwandelt worden. Und einen Moment lang dachte Aedion, dass der Mann tatsächlich in Stein verwandelt worden war, da seine Haut und seine adarlanische Uniform verschiedene Grautöne annahmen. Aber als die Meeresbrise vorbeistrich und der Mann einfach zu Asche zerfiel, begriff Aedion mit keinem geringen Schrecken, was sie getan hatte. Sie hatte ihn bei lebendigem Leib verbrannt. Von innen nach außen. Jemand schrie. Aelin sagte nur: »Ich habe euch gewarnt.« Einige Soldaten stürzten jetzt davon. Aber die meisten blieben und in ihren Augen leuchteten Hass und Abscheu gegen die Magie, gegen seine Königin – gegen ihn. Und Aedion lächelte wie der Wolf, dessen Namen er trug, als er das Schwert Orynths hob und auf die Reihe von Soldaten auf der linken Seite losstürmte, die ihre Waffen hoben. Lysandra stürzte sich mit einem kehligen Knurren auf die rechte Seite und Aelin ließ Flammen aus Gold und Rubinrot auf die Welt niederregnen. *** Sie holten sich den Tempel innerhalb von zwanzig Minuten zurück. Es dauerte nur zehn Minuten, die Kontrolle wiederzuerlangen, die Soldaten waren entweder tot oder von den Männern und Frauen, die sich dem Kampf angeschlossen hatten, in den Stadtkerker gezerrt worden. Die anderen zehn Minuten verbrachten sie damit, den Ort nach möglichen Hinterhalten abzusuchen. Aber sie fanden bloß die Ausrüstung der Soldaten und ihren Müll. Der Anblick des derart verfallenen Tempels, der geheiligten Mauern, in die die Namen adarlanischer Rohlinge gemeißelt waren, der uralten Gefäße für das unvergängliche Feuer, die als Nachttöpfe benutzt worden waren, machte sie unsagbar wütend. Aelin hatte es sie alle sehen lassen, als sie ein reinigendes Feuer durch diesen Ort schickte, das jede Spur der Soldaten verschlang und Jahre des Schmutzes, des Staubs und des Möwenkots beseitigte, um die prächtigen, uralten Ornamente darunter freizulegen, die in jede Säule, jede Stufe und jede Wand eingemeißelt waren. Die Tempelanlage bestand aus drei Gebäuden, die um einen gewaltigen Innenhof gruppiert waren: Die Archive, die Quartiere der lang verstorbenen Priesterinnen und der eigentliche Tempel, wo der alte heilige Fels aufbewahrt wurde. In den Archiven, die mit Abstand am leichtesten zu verteidigen waren, ließ sie Aedion und Lysandra zurück, um nach einer geeigneten Schlafstatt zu suchen. Eine Wand aus Flammen umgab jetzt das ganze Gelände. Aedions Augen glänzten immer noch von der Aufregung der Schlacht, als sie erklärte, sie wolle einen Moment allein neben dem Fels verweilen. Er hatte bravourös gekämpft – und sie hatte darauf geachtet, einige Männer am Leben zu lassen, damit er sie besiegen konnte. Sie war heute Nacht nicht das einzige Symbol hier, nicht die Einzige, die man beobachtete. Und was die Gestaltwandlerin betraf, die mit solch wilder Grimmigkeit diese Soldaten zerfetzt hatte … Aelin ließ sie nun wieder in Falkengestalt zurück, auf einem verfaulten Balken in den höhlenartigen Archiven hockend, wo sie auf die gewaltige Darstellung eines Meeresdrachen starrte, die in den Boden gemeißelt worden war, endlich freigelegt von dem reinigenden Feuer. Es war das Erbe eines Volkes, das vor langer Zeit verbannt worden war. Von jeder freien Fläche im Tempel wisperte oder brüllte das Krachen der Wellen am Ufer weit unter ihnen. Es gab nichts, was die Geräusche dämpfen konnte, was sie sanfter machte. Die gewaltigen, ausgedehnten Räume und Innenhöfe, in denen sich Altäre und Statuen hätten befinden sollen und Gärten der inneren Einkehr, waren verlassen und nur der Rauch ihres Feuers lag noch in der Luft. Gut. Feuer konnte zerstören – aber auch reinigen. Sie schlich über das Gelände der verdunkelten Tempelanlage dorthin, wo das innerste, heiligste Sanktuarium über die See hinausragte. Goldenes Licht drang zu dem felsigen Boden vor den Stufen des inneren Heiligtums durch – Licht von den jetzt immerwährend brennenden Flammengefäßen zu Ehren von Brannons Gabe. Noch immer schwarz gekleidet war Aelin kaum mehr als ein Schatten, als sie diese Feuer zu einer schläfrigen, murmelnden Glut dämpfte und das Herz des Tempels betrat. Eine große Ufermauer war zum Meer hin erbaut worden, um das Wüten der Stürme von dem Fels selbst abzuwehren. Trotzdem war der Raum feucht, die Luft zum Schneiden dick von Salz. Aelin verließ die gewaltige Vorhalle und schritt zwischen zwei dicken Säulen hindurch, die das innere Heiligtum umrahmten. An dessen hinterem Ende, offen zum wilden Meer dahinter, erhob sich der massive, schwarze Fels. Seine Vorderseite war so glatt wie Glas, zweifellos von den vielen ehrfürchtigen Händen, die ihn im Laufe der Jahrtausende berührt hatten, und er war vielleicht so groß wie der Marktwagen eines Bauern. Er ragte über dem Meer empor und das Sternenlicht spiegelte sich auf seiner pockennarbigen Oberfläche, während Aelin alle Flammen löschte, bis auf die eine weiße Kerze, die in der Mitte des Felsens flackerte. Die Tempelschnitzereien zeigten keine Wyrdzeichen oder weitere Botschaften des Kleinen Volks. Nur Wirbel und Hirsche. Dann würde sie es auf die altmodische Art tun müssen. Aelin stieg die kleine Treppe hinauf, die es Pilgern gestattete, auf den heiligen Fels zu schauen – und dann kletterte sie darauf. 1 5 D as Meer schien innezuhalten. Aelin zog den Wyrdschlüssel aus ihrer Jacke und ließ ihn zwischen ihren Brüsten ruhen, als sie auf dem überhängenden Felsvorsprung Platz nahm und hinaus auf das von Nacht umschleierte Meer schaute. Und wartete. Die Mondsichel begann zu sinken, als eine tiefe Männerstimme hinter ihr sagte: »Du siehst jünger aus, als ich dachte.« Aelin starrte aufs Meer, obwohl ihr Magen sich zusammenzog. »Aber genauso hübsch, oder?« Sie hörte keine Schritte, aber die Stimme war ihr nun näher, als der Mann antwortete: »Wenigstens hatte meine Tochter recht, was deine Bescheidenheit betrifft.« »Komisch, sie hat nie angedeutet, dass Ihr einen Sinn für Humor habt.« Ein Wispern von Wind zu ihrer Rechten, dann erschienen lange, muskulöse Beine unter einer uralten Rüstung neben ihren, und Füße, die in Sandalen steckten, baumelten über der Brandung. Sie wagte es endlich, den Kopf zu drehen, und stellte fest, dass diese Rüstung zu einem mächtigen, männlichen Körper und einem gut aussehenden Gesicht gehörte. Man hätte fast glauben können, er wäre aus Fleisch und Blut – wäre da nicht der bleiche Schimmer blauen Lichts an seinen Umrissen gewesen. Aelin neigte den Kopf vor Brannon. Ein schwaches Lächeln war seine einzige Erwiderung und sein rotgoldenes Haar bewegte sich im Mondlicht. »Eine brutale, aber wirkungsvolle Schlacht«, stellte er fest. Sie zuckte die Achseln. »Man hatte mir aufgetragen, in diesen Tempel zu gehen. Ich habe ihn besetzt vorgefunden. Also habe ich die Besetzung beendet. Gern geschehen.« Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Ich kann nicht lange bleiben.« »Aber es wird Euch gelingen, so viele kryptische Warnungen wie möglich in diesen kurzen Zeitraum zu quetschen, stimmt’s?« Brannon zog die Brauen hoch und um seine bernsteinfarbenen Augen erschienen unzählige Lachfältchen. »Ich hatte einen Grund, warum ich meinen Freunden aufgetragen hatte, dir die Nachricht zu schicken hierherzukommen, weißt du.« »Oh, davon bin ich überzeugt.« Anderenfalls hätte sie es nicht riskiert, den Tempel zurückzuerobern. »Aber erzählt mir zuerst von Maeve.« Sie hatte genug davon zu warten, bis die Altvorderen sich dazu herabließen, ihr endlich zu sagen, worum es ging. Sie hatte ihre eigenen götterverdammten Fragen. Brannon presste die Lippen zusammen. »Sag mir genauer, was du wissen musst.« »Kann sie getötet werden?« Der Kopf des Königs peitschte zu ihr herum. »Sie ist alt, Erbin von Terrasen. Sie war schon alt, als ich noch ein Kind war. Ihre Pläne sind weitreichend …« »Ich weiß, ich weiß. Aber wird sie sterben, wenn ich ihr eine Klinge ins Herz ramme? Ihr den Kopf abschlage?« Eine Pause. »Das weiß ich nicht.« »Was?« Brannon schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Alle Fae können getötet werden, doch sie hat selbst unsere verlängerten Lebensspannen überdauert, und ihre Macht … ihre Macht versteht niemand wirklich.« » Ihr seid doch mit ihr gereist, um die Schlüssel zurückzuholen …« »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie meine Flamme schon lange fürchtete. Und Eure.« »Sie ist aber keine Valg, oder?« Ein leises Lachen. »Nein. So kalt wie ein Valg, aber nein.« Brannons Umrisse verschwammen ein wenig. Er sah die Frage in ihren Augen und bedeutete ihr mit einem Nicken weiterzusprechen. Aelin schluckte und ihr Kiefer verkrampfte sich ein wenig, als sie sich zwang auszuatmen. »Wird es jemals leichter, mit der Macht umzugehen?« Brannons Blick wurde um eine winzige Spur weicher. »Ja und nein. Es wird schwerer, damit fertigzuwerden, wie die Macht sich auf deine Beziehungen mit den Menschen um dich herum auswirkt, als mit der Macht selbst – doch das ist ebenfalls damit verknüpft. Magie ist in keiner Form eine einfache Gabe, doch Feuer … wir brennen nicht nur innerhalb unserer Magie, sondern auch in unseren Seelen selbst. Auf Gedeih und Verderb.« Er wurde jetzt auf Goldryn aufmerksam, das über Aelins Schulter spähte, und Brannon lachte in stiller Überraschung. »Ist die Bestie in der Höhle tot?« »Nein, aber sie hat mir gesagt, dass sie Euch vermisse und dass Ihr ihr einen Besuch abstatten solltet. Sie fühlt sich einsam dort draußen.« Brannon kicherte erneut. »Wir hätten eine Menge Spaß miteinander gehabt, du und ich.« »Ich wünsche mir langsam, sie hätten Euch statt Eurer Tochter geschickt, um mit mir zu reden. Der Sinn für Humor muss eine Generation übersprungen haben.« Vielleicht war das die falsche Bemerkung gewesen. Denn dieser Sinn für Humor wich unverzüglich aus dem schönen, gebräunten Gesicht und die bernsteinfarbenen Augen wurden kalt und hart. Brannon ergriff ihre Hand, aber seine Finger drangen durch ihre hindurch – bis auf den Fels selbst. »Das Schloss, Erbin von Terrasen. Deswegen habe ich dich hierhergerufen. In den Stone Marshes liegt eine versunkene Stadt – das Schloss ist dort versteckt. Es wird gebraucht, um die Schlüssel wieder an das zerbrochene Wyrdtor zu binden. Es ist die einzige Möglichkeit, sie zurück in dieses Tor zu bekommen und es auf Dauer zu verschließen. Meine Tochter fleht dich an …« »Was für ein Schloss …« »Finde das Schloss.« »Wo in den Stone Marshes? Das ist nicht gerade ein kleines …« Brannon war fort. Aelin runzelte die Stirn und stopfte das Amulett von Orynth zurück in ihr Hemd. »Natürlich muss es ein götterverdammtes Schloss geben.« Sie stöhnte leise, als sie sich erhob, und schaute mit zusammengezogenen Brauen auf das nachtdunkle Meer, das nur ein paar Meter entfernt ans Ufer brandete. Zu der uralten Königin am anderen Ufer, die ihre Armada bereit machte. Aelin streckte ihr die Zunge heraus. »Nun, wenn Maeve nicht sowieso schon angriffsbereit wäre, wird sie das hier mit Sicherheit in Gang bringen«, meinte Aedion gedehnt aus dem Schatten einer nahen Säule. Aelin versteifte sich. Ihr Cousin grinste sie an, seine Zähne mondweiß. »Denkst du, ich hätte nicht gewusst, dass du noch irgendeinen anderen Grund hattest, der dich veranlasst hat, den Tempel zurückzuerobern? Oder dass dieser Frühling in Rifthold mich nichts über deine Neigung gelehrt hätte, mehrere Dinge gleichzeitig zu planen?« Sie verdrehte die Augen, kletterte von dem heiligen Felsen und stapfte die Treppe hinunter. »Ich nehme an, du hast alles gehört.« »Brannon hat mir sogar zugezwinkert, bevor er verschwunden ist.« Sie schüttelte den Kopf. Aedion lehnte sich mit der Schulter an die aus Stein gehauene Säule. »Ein Schloss, hm? Und wann genau wolltest du uns über diese neue Kursänderung informieren?« Sie schritt zu ihm hinüber. »Wann mir verdammt noch mal danach zumute gewesen wäre, genau dann. Und es ist keine Kursänderung – noch nicht. Unser Ziel sind weiterhin Verbündete, keine kryptischen Befehle von toten Herrschern.« Aedion lächelte. Eine Bewegung in den schummrigen Schatten des Tempels lenkte sie ab und Aelin stieß einen Seufzer aus. »Ihr zwei seid wirklich unerträglich.« Lysandra flatterte auf eine nahe Statue und klapperte frech mit dem Schnabel. Aedion legte Aelin einen Arm um die Schultern und führte sie zurück zu ihrem baufälligen Quartier auf dem Gelände. »Neuer Hof, neue Traditionen, hast du gesagt. Selbst für dich. Angefangen mit weniger Ränken und Geheimnissen, die mich jedes Mal Jahre meines Lebens kosten, wenn du wieder diese grandiosen Enthüllungen veranstaltest. Obwohl mir dieser neue Trick mit der Asche auf jeden Fall gefallen hat. Sehr künstlerisch.« Aelin boxte ihm in die Seite. »Wage es nicht …« Ihre Worte stockten, als Schritte aus dem nahen Innenhof über die trockene Erde knirschten. Der Wind trug einen Geruch zu ihnen herüber, den sie nur allzu gut kannten. Ein Valg. Ein mächtiger, wenn er durch ihre Flammenwand spaziert war. Aelin zückte Goldryn, während Aedions eigene Klinge leise sang; das Schwert von Orynth glänzte im Mondlicht wie frisch geschmiede ter Stahl. Lysandra blieb oben und zog sich tiefer in den Schatten zurück. »Verrat oder beschissenes Pech?«, murmelte Aedion. »Wahrscheinlich beides«, murmelte Aelin zurück, als die Gestalt zwischen zwei Säulen auftauchte. Er war untersetzt – ganz und gar nicht die unmögliche Schönheit, die die Valg-Fürsten bevorzugten, wenn sie einen Körper bewohnten. Aber der unmenschliche Gestank, selbst mit dem Halsband um seinen breiten Hals … so viel stärker als gewöhnlich. Natürlich hatte Brannon sich nicht die Mühe gemacht, Aelin zu warnen. Der Valg trat ins Licht der heiligen Feuerschalen. Alle Gedanken trudelten aus ihrem Kopf, als sie sein Gesicht sah. Und Aelin wusste, dass Aedion recht gehabt hatte: Ihre Taten heute Abend hatten tatsächlich eine Nachricht ausgesandt. Eine direkte Meldung ihres Aufenthaltsortes. Erawan hatte viel länger als nur einige Stunden auf dieses Treffen gewartet. Und der Valg-König kannte beide Seiten ihrer Geschichte. Denn es war der Hauptaufseher von Endovier, der sie jetzt angrinste. *** Sie träumte immer noch von ihm. Von diesem rötlichen, gewöhnlichen Gesicht, das sie lüstern angrinste, sie und die anderen Frauen in Endovier. Von seinem Gelächter, als man sie bis zur Taille entkleidet und vor aller Augen ausgepeitscht hatte und sie dann in der bitteren Kälte oder der sengenden Sonne in ihren Fesseln hatte hängen lassen. Von seinem Lächeln, wenn sie in diese lichtlosen Gruben gestoßen wurde; dem noch immer breiten Grinsen, wenn man sie Tage oder Wochen später herausholte. Goldryns Griff wurde glitschig in ihrer Hand. Flammen brannten sofort an den Fingern ihrer anderen Hand. Sie verfluchte Lorcan dafür, dass er den goldenen Ring zurückgestohlen hatte, dass er ihr diese eine Chance auf Immunität, auf Erlösung, genommen hatte. Aedion schaute zwischen ihnen hin und her und las das Wiedererkennen in Aelins Augen. Der Aufseher von Endovier grinste sie höhnisch an. »Willst du uns nicht miteinander bekannt machen, Sklavin?« Die absolute Reglosigkeit, die über die Züge ihres Cousins kroch, verriet ihr, was er geschlussfolgert hatte – zusammen mit dem schnellen Blick auf die blassen Narben an ihren Handgelenken, wo die Eisenfesseln gewesen waren. Aedion schob sich einen Schritt weit zwischen sie und prüfte zweifellos jeden Laut, jeden Schatten und jeden Geruch, um festzustellen, ob der Mann allein war, um abzuschätzen, wie heftig und wie lange sie würden kämpfen müssen, um von hier wegzukommen. Lysandra flatterte auf eine andere Säule, bereit, auf ein einziges Wort hin loszustürzen. Aelin versuchte, das großspurige Auftreten in sich heraufzubeschwören, mit dem sie sich so oft geschützt und aus haarigen Situationen gemogelt hatte. Aber sie sah nur noch den Mann, der diese Frauen hinter die Gebäude gezerrt hatte; hörte das eiserne Tor über ihrer finsteren Grube zuschlagen; roch das Salz und das Blut und die ungewaschenen Leiber; fühlte das brennende, feuchte Blut, das über ihren zerfetzten Rücken floss … Ich werde keine Angst haben; ich werde keine Angst haben … »Sind ihnen in den Königreichen die hübschen Jungen ausgegangen, deren Körper du bewohnen kannst?«, fragte Aedion gedehnt und verschaffte ihnen Zeit, ihre Chancen abzuschätzen. »Komm ein wenig näher«, verlangte der Aufseher feixend, »und dann werden wir sehen, ob du besser passt, General.« Aedion stieß ein leises Kichern aus und hob das Schwert von Orynth ein wenig höher. »Ich glaube nicht, dass du das überstehen würdest.« Und es war der Anblick dieser Klinge, der Klinge ihres Vaters, der Klinge ihres Volkes … Aelin reckte das Kinn vor und die Flammen, die ihre linke Hand umschlangen, loderten heller auf. Der Blick des Aufsehers wanderte zu ihr hin und seine wässrigen, blauen Augen wurden schmal vor Erheiterung. »Ein Jammer, dass du diese kleine Gabe nicht besessen hast, als ich dich in die Gruben geworfen habe. Oder als ich die Erde mit deinem Blut bemalt habe.« Ein leises Knurren war Aedions Antwort. Aber Aelin zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist schon spät. Ich habe gerade deine Soldaten vernichtend geschlagen. Lass uns dieses Plauderstündchen hinter uns bringen, damit ich mich ein wenig ausruhen kann.« Der Aufseher verzog die Lippen. »Du wirst bald genug ordentliche Manieren lernen, Mädchen. Das werdet ihr alle.« Das Amulett zwischen ihren Brüsten schien zu brummen, ein Aufflackern roher, uralter Macht. Aelin ignorierte es und blendete jeden Gedanken daran aus. Wenn der Valg, wenn Erawan auch nur den geringsten Verdacht schöpfte, dass sie besaß, wonach er so verzweifelt suchte … Wieder öffnete der Aufseher den Mund. Sie griff an. Feuer katapultierte ihn gegen die nächste Mauer, schoss in seine Kehle hinunter, durch seine Ohren, in seine Nase. Flammen, die nicht brannten, Flammen, die bloßes Licht waren, blendend weiß … Der Aufseher brüllte und schlug um sich, als ihre Magie in ihn hineinpeitschte, mit ihm verschmolz. Aber innen war nichts, woran sie sich festhalten konnte. Keine Dunkelheit, die wegzubrennen war, keine verbliebene Glut, der man Leben einhauchen konnte. Nur … Aelin prallte zurück, ihre Magie verschwand und ihre Knie knickten ein, als wäre sie geschlagen worden. Ihr Kopf pochte und Übelkeit brodelte in ihren Eingeweiden. Sie kannte dieses Gefühl – diesen Geschmack. Eisen. Als bestünde das Innerste des Mannes daraus. Und dieser ölige, widerwärtige Nachgeschmack … Wyrdstein. Der Dämon in dem Aufseher stieß ein ersticktes Lachen aus. »Was sind Halsbänder und Ringe verglichen mit einem soliden Herzen? Einem Herzen aus Eisen und Wyrdstein, mit dem man das schlagende Herz eines Feiglings ersetzen kann.« »Warum«, hauchte sie. »Ich wurde hierhergeschickt, um zu demonstrieren, was dich erwartet, solltest du mit deinem Hof Morath besuchen.« Aelin rammte ihr Feuer in ihn hinein, versengte sein Inneres, attackierte diesen Kern aus purer Dunkelheit in ihm. Wieder, wieder, wieder. Der Aufseher brüllte, Aelin griff ihn unaufhörlich an, bis … Sie erbrach sich. Aedion zog sie wieder hoch. Aelin hob den Kopf. Sie hatte ihm die Kleider vom Leib gebrannt, doch seine Haut blieb unversehrt. Und dort war – gegen seine Rippen pulsierend, als wäre es eine Faust, die hindurchstoßen wollte – sein Herz. Es krachte gegen seine Haut, dehnte Knochen und Fleisch. Aelin zuckte zurück. Aedion streckte schützend den Arm vor sie, als der Aufseher sich in Qualen krümmte, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Lysandra flatterte von den Dachsparren herab und wechselte neben ihnen knurrend in ihre Leopardengestalt. Wieder schlug diese Faust von innen heraus zu. Und dann brachen Knochen, durchstießen den Leib und zerfetzten Muskeln und Haut, als wäre seine Brusthöhle eine Knospe, die erblüht und ihre Blätter öffnet. Es war nichts darin. Kein Blut, keine Organe. Nur eine mächtige, alterslose Dunkelheit – und zwei flackernde, glühende Kohlen in ihrem Kern. Keine Kohlen. Augen. Glimmend von uralter Bosheit. Sie wurden schmal, Ausdruck von Anerkennung und Vergnügen. Es kostete sie jedes bisschen ihres Feuers, sich aufzurichten, den Kopf frech schief zu legen und zu sagen: »Zumindest verstehst du dich darauf, einen ordentlichen Auftritt hinzulegen, Erawan.« 16 D er Aufseher sprach, aber es war nicht seine Stimme. Und es war auch nicht die Perringtons. Es war eine neue Stimme, eine alte Stimme, eine Stimme aus einer anderen Welt und einem anderen Leben, eine Stimme, die sich von Schreien und Blut und Schmerz speiste. Ihre Magie stemmte sich gegen diesen Klang, und selbst Aedion fluchte leise, während er immer noch versuchte, Aelin hinter sich zu schieben. Aber sie trotzte der Dunkelheit, die ihnen aus der aufgebrochenen Brust des Mannes entgegenspähte. Und sie wusste, selbst wenn sein Körper nicht schon irreparabel zerstört wäre, war ohnehin nichts in ihm übrig geblieben, was man hätte retten können. Das es überhaupt wert gewesen wäre, gerettet zu werden. Sie öffnete und schloss die Finger, sammelte ihre Magie gegen die Dunkelheit, die in der zerschmetterten Brust des Mannes waberte und kreiselte. Erawan sagte: »Ich finde, ein wenig Dankbarkeit wäre angebracht, Erbin von Brannon.« Sie hob die Brauen und schmeckte Rauch im Mund. Ganz ruhig , murmelte sie ihrer Magie zu. Vorsichtig – sie würde sehr vorsichtig sein müssen, damit er das Amulett um ihren Hals nicht sah, damit er den letzten Wyrdschlüssel darin nicht spürte. Die beiden ersten be fanden sich bereits in seinem Besitz … wenn Erawan Verdacht schöpfte, dass der dritte Schlüssel in diesem Tempel war und dass seine uneingeschränkte Macht über dieses Land und über alle anderen zum Greifen nah war … Sie musste ihn ablenken. Also schnaubte Aelin. »Warum genau sollte ich mich bei dir bedanken?« Die glühenden Augen blickten nach oben, als betrachteten sie den ausgehöhlten Leib des Aufsehers. »Für dieses kleine Warngeschenk. Dafür, dass ich die Welt von einem weiteren Stück Ungeziefer befreit habe.« Und dafür, dass ich dir klargemacht habe, wie aussichtslos es sein wird, sich gegen mich zu stellen, flüsterte diese Stimme direkt in ihren Schädel hinein. In einem blinden Manöver schleuderte sie ihm Flammen entgegen und stolperte bei der Liebkosung dieser schauerlichen, schönen Stimme rückwärts gegen Aedion. Das bleiche Gesicht ihres Cousins verriet ihr, dass er es ebenfalls gehört hatte, dass auch er die übergriffige Berührung gespürt hatte. Erawan kicherte. »Es überrascht mich, dass du eben zuerst versucht hast, ihn zu retten. Wenn man bedenkt, was er dir in Endovier angetan hat. Mein Prinz konnte es kaum ertragen, in seinem Geist zu sein, so abscheulich war er. Bereitet es dir Vergnügen zu entscheiden, wer gerettet werden soll und wer jenseits von Rettung ist? So einfach ist es, zu einem kleinen, brennenden Gott zu werden.« Übelkeit, nackt und kalt, befiel sie. Aber es war Aedion, der feixend bemerkte: »Ich würde denken, du hättest Besseres zu tun, Erawan, als uns in den frühen Morgenstunden ein bisschen zu ärgern. Oder ist das alles bloß eine Ablenkung, um dich besser zu fühlen, nachdem dir Dorian Havilliard durch die Lappen gegangen ist?« Die Dunkelheit zischte. Aedion drückte in stummer Warnung ihre Schulter. Es jetzt zu beenden. Bevor Erawan vielleicht angriff. Bevor er spüren konnte, dass der Wyrdschlüssel, nach dem er suchte, nur wenige Schritte entfernt war. Also neigte Aelin den Kopf vor der Macht, die sie durch Fleisch und Knochen anstarrte. »Ich schlage vor, du ruhst dich aus und sammelst deine Kräfte, Erawan«, schnurrte sie und zwinkerte ihm mit jedem bisschen Kühnheit zu, das ihr noch verblieben war. »Du wirst sie brauchen.« Ein leises Lachen, als Flammen in ihren Augen zu züngeln begannen und ihr Blut mit willkommener, köstlicher Wärme erhitzten. »In der Tat. Vor allem eingedenk der Pläne, die ich für den Möchtegernkönig von Adarlan habe.« Aelin blieb das Herz stehen. »Vielleicht hättest du deinem Geliebten sagen sollen, dass er sich tarnen sollte, bevor er Dorian Havilliard aus Rifthold fortgeschafft hat.« Diese Augen verengten sich zu Schlitzen. »Wie war noch gleich sein Name … ach ja«, hauchte Erawan, als hätte ihm jemand den Namen zugeflüstert. »Prinz Rowan Whitethorn aus Doranelle. Was für eine schöne Jagdtrophäe er sein wird.« Aelin stürzte in Feuer und Dunkelheit hinab und weigerte sich, dem Entsetzen, das sie beschlich, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Erawan gurrte: »Meine Jäger verfolgen ihn bereits. Und ich werde ihm wehtun, ich werde ihnen beiden wehtun, Aelin Galathynius. Ich werde sie zu meinen loyalsten Generälen heranziehen. Angefangen mit deinem Fae-Prinzen …« Ein Rammbock aus heißestem Blau krachte in das Loch in der Brusthöhle des Mannes, in diese brennenden Augen hinein. Aelin konzentrierte ihre Magie auf diese Brust, auf schmelzendes Fleisch und Knochen, während nur das Herz aus Eisen und Wyrdstein unberührt blieb. Ihre Magie floss darum herum wie ein Strom, der über einen Felsen rauschte, sie verbrannte seinen Körper, dieses Ding in ihm … »Mach dir nicht die Mühe, irgendeinen Teil von ihm übrig zu lassen«, knurrte Aedion leise. Aelin, aus der die Magie herausbrüllte, schaute sich kurz um. Lysandra stand jetzt in Menschengestalt neben Aedion und sah den Aufseher zähneknirschend an … Dieser Blick hatte einen Preis. Sie hörte Aedions Schrei, bevor Erawans Schlag aus Dunkelheit ihre Brust traf. Sie spürte, wie die Luft sie wie eine Peitsche traf, als sie zurückgeschleudert wurde, spürte, wie ihr Körper gegen die Steinmauer prallte, bevor die Qual dieser Dunkelheit wirklich in sie eindrang. Ihr Atem stockte, ihr Blut gefror. Steh auf steh auf steh auf. Erawan lachte leise, als Aedion sofort an ihrer Seite war und sie auf die Füße zerrte, während ihr Körper und ihr Geist versuchten, sich neu zu sortieren … Aelin schleuderte ihm erneut ihre Macht entgegen und ließ Aedion glauben, dass er sie nur auf den Beinen hielt, weil sie zu konzentriert war, um beiseitezutreten, nicht weil ihre Knie so heftig zitterten, dass sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt stehen konnte. Aber ihre Hand blieb zumindest ruhig, als sie sie ausstreckte. Der Tempel um sie herum erbebte von der Wucht der Macht, die Aelin aus sich selbst herausschleuderte. Staub und Trümmer rieselten von der Decke hoch über ihnen; Säulen taumelten wie betrunkene Freunde. Aedions und Lysandras Gesichter leuchteten in dem blauen Licht von Aelins Flamme, die Züge der beiden verblüfft, aber fest entschlossen – und zornig. Sie beugte sich näher zu Aedion vor, als ihre Magie aus ihr herausdonnerte und sein Griff um ihre Taille fester wurde. Jeder Herzschlag war ein ganzes Leben; jeder Atemzug schmerzte. Endlich zerriss der Leib des Aufsehers unter ihrer Macht – die dunklen Schilde um ihn herum gaben vor ihr nach. Und ein kleiner Teil von ihr begriff, dass dies nur geschah, weil Erawan sich dazu herabließ fortzugehen. Seine amüsiert blickenden, glühenden Augen flackerten und erloschen im Nichts. Als der Körper des Mannes nur noch Asche war, zog Aelin ihre Magie zurück und umschloss ihr Herz damit wie in einem Kokon. Sie packte Aedions Arm und versuchte, nicht so laut zu atmen, damit er das Schnarren ihrer geschundenen Lungen nicht hörte und begriff, wie hart diese einzelne Säule aus Dunkelheit sie getroffen hatte. Ein dumpfer Aufprall hallte durch den stillen Tempel, als der Eisenklumpen und der Wyrdstein fielen. Das war der Preis – Erawans Plan. Zu begreifen, dass die einzige Barmherzigkeit, die sie ihrem Hof vielleicht würde anbieten können, der Tod war. Falls sie je gefangen wurden, würde er sie zusehen lassen, wie sie alle aufgeschnitten und mit seiner Macht erfüllt wurden. Er würde sie zwingen, in ihre Gesichter zu schauen, wenn er damit fertig war, und sie würde keine Spur ihrer Seelen mehr dort vorfinden. Und dann würde er sich an ihr, Aelin, zu schaffen machen. Und Rowan und Dorian … wenn Erawan in diesem Moment Jagd auf sie machte, wenn er erfuhr, dass sie in Skull’s Bay waren und wie hart er sie tatsächlich getroffen hatte … Aelins Flammen erloschen zu stiller Glut und sie fand endlich genug Kraft in den Beinen, um sich aus Aedions Griff zu befreien. »Wir müssen vor Morgengrauen auf diesem Schiff sein, Aelin«, sagte er. »Wenn Erawan nicht geblufft hat …« Aelin nickte nur. Sie mussten Skull’s Bay erreichen, so schnell die Winde und Strömungen sie tragen konnten. Aber als sie sich zu dem Bogengang umwandte, der aus dem Tempel hinaus und in die Archive führte, schaute sie auf ihre Brust hinab – sie war vollkommen unberührt, obwohl Erawans Macht sie wie ein Speer getroffen hatte. Er hatte es verfehlt. Um sieben oder acht Fingerbreit hatte Erawan das Amulett verfehlt. In dem er möglicherweise den Wyrdschlüssel gespürt hätte. Doch der Schlag hallte noch immer in brutalen Wellen gegen ihre Knochen wider. Eine Mahnung daran, dass sie zwar die Erbin des Feuers sein mochte … aber Erawan war der König der Dunkelheit. 17 M anon Blackbeak beobachtete, wie der schwarze Himmel über Morath am letzten Morgen in Asterins Leben in verweste Grautöne ausblutete. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen; hatte weder gegessen noch getrunken; hatte nichts anderes getan, als Windspalter im offenen, eisigen Horst des Wyvern zu schärfen. Immer wieder hatte sie die Klinge geschärft. Hatte an Abraxos’ warmer Seite gelehnt, bis ihre Finger vor Kälte zu steif gewesen waren, um Schwert oder Stein zu halten. Ihre Großmutter hatte Asterin in den tiefsten Eingeweiden des Kerkers der Festung einsperren lassen, so schwer bewacht, dass eine Flucht unmöglich war. Oder eine Rettung. Manon hatte in den ersten Stunden nach der Urteilsverkündung mit diesem Gedanken gespielt. Aber wenn sie Asterin rettete, würde sie damit ihre Klanmutter verraten, ihren Klan. Ihr Fehler – es war ihr eigener Fehler gewesen, ihre eigenen verdammten Entscheidungen, die zu dieser Entwicklung geführt hatten. Und wenn sie wieder aus der Reihe tanzte, würde der Rest der Dreizehn getötet werden. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass man ihr nicht ihren Titel als Schwarmführerin genommen hatte. Wenigstens konnte sie ihre Leute noch immer anführen, sie beschützen. Das war besser, als jemandem wie Iskra das Kommando zu übergeben. Der Angriff der Legion auf Rifthold war unter Iskras Führung unordentlich und chaotisch gewesen – nicht die systematische, sorgfältige Zerstörung, die Manon geplant hätte, wenn sie gefragt worden wäre. Doch es machte jetzt keinen Unterschied mehr. Es änderte nichts an Asterins Schicksal. Alles, was sie jetzt noch tun konnte, war, ihre Klingen zu schärfen und sich die Bittworte einzuprägen. Manon würde sie im richtigen Moment sprechen müssen. Dieses letzte Geschenk konnte sie ihrer Cousine machen. Ihr einziges Geschenk. Nicht die langwierige, demütigende Folter und abschließende Enthauptung, die typisch für die Hinrichtung einer Hexe waren. Sondern die schnelle Barmherzigkeit von Manons eigener Klinge. Stiefel schrappten über Stein und knirschten in dem Heu, das den Boden des Horstes bedeckte. Manon kannte diesen Schritt – kannte ihn genauso gut wie Asterins Gang. »Was?«, sagte sie zu Sorrel, ohne sich umzudrehen. »Die Morgendämmerung naht«, antwortete ihre Dritte. Die bald ihre Zweite sein würde. Vesta würde Dritte werden und … und vielleicht würde Asterin endlich ihren Jäger wiedersehen und das tot geborene Hexenkind, das sie zusammen gehabt hatten. Nie wieder würde Asterin die Winde reiten; nie wieder würde Asterin auf dem Rücken ihrer himmelblauen Stute emporsegeln. Manons Blick wanderte zu dem Wyvern auf der anderen Seite des Horstes – die Stute trat von einem Bein aufs andere, wach, während alle anderen schliefen. Als könnte sie das drohende Schicksal ihrer Herrin spüren, das mit jedem verstreichenden Moment näher rückte. Was würde aus der Stute werden, wenn Asterin tot war? Manon stand auf und Abraxos stupste ihr mit der Schnauze hinten gegen die Oberschenkel. Sie streckte die Hand aus und streichelte seinen geschuppten Kopf. Sie wusste nicht, wen diese Geste trösten sollte. Ihr dunkelroter Umhang, so blutig und verdreckt wie der Rest von ihr, war immer noch um ihre Schultern geschlossen. Aus ihrer Dreizehn würden zwölf werden. Manon sah Sorrel an. Aber ihre Dritte war auf Windspalter fixiert, das offen in Manons Hand lag. »Du hast vor, die Bittworte zu sprechen.« Manon wollte ihr antworten, aber sie konnte den Mund nicht öffnen. Also nickte sie stumm. Sorrel schaute zu dem offenen Bogengang hinter Abraxos. »Ich wünschte, sie hätte die Chance gehabt, die Wastes zu sehen. Nur ein einziges Mal.« Manon zwang sich, das Kinn zu heben. »Wir wünschen nicht. Wir hoffen nicht«, sagte sie zu ihrer künftigen Zweiten. Sorrel sah sie ruckartig an und so etwas wie Schmerz blitzte in ihren Augen auf. Manon kassierte den inneren Schlag. Sie fügte hinzu: »Wir werden das hinter uns lassen, uns anpassen.« Sorrel erwiderte leise, aber nicht schwach: »Sie geht in den Tod, um deine Geheimnisse zu wahren.« Näher war Sorrel einer unverhohlenen Herausforderung nie gekommen. Näher war sie offener Feindseligkeit nie gekommen. Manon steckte Windspalter in die Scheide an ihrer Seite und schritt auf das Treppenhaus zu, unfähig, Abraxos’ neugierigem Blick standzuhalten. »Dann wird sie mir als Zweite gut gedient haben und sie wird uns dafür in Erinnerung bleiben.« Sorrel sagte nichts. Also stieg Manon in die Finsternis Moraths hinab, um ihre Cousine zu töten. *** Die Hinrichtung sollte nicht im Kerker stattfinden. Vielmehr hatte ihre Großmutter eine breite Veranda mit Blick auf einen der endlosen Abgründe der Schlucht gewählt, die sich um Morath schlang. Hexen scharten sich auf dem Balkon und summten schon vor Blutgier. Die Klanmütter standen vor der versammelten Gruppe, Cresseida und die Yellowlegs-Klanmutter jeweils flankiert von ihren Erbinnen, und sie alle schauten zu den offenen Türen, durch die Manon und die Dreizehn aus der eigentlichen Festung heraustraten. Manon hörte das Gemurmel der Menge nicht; hörte den tosenden Wind nicht, der zwischen den hohen Türmen hindurchpfiff; hörte die Schläge von Hämmern in den Schmieden im Tal unter ihnen nicht. Hörte nichts, da sie ganz auf Asterin konzentriert war, die vor den Klanmüttern auf den Knien lag. Auch sie war Manon zugewandt, immer noch in ihrer ledernen Reitmontur, ihr goldenes Haar matt und verfilzt, blutbefleckt. Sie hob den Kopf … »Es war nur gerecht«, meinte Manons Großmutter gedehnt, worauf die Menge sofort verstummte, »dass Iskra Yellowlegs auch die vier Späherinnen gerächt hat, die unter deiner Aufsicht abgeschlachtet worden sind. Jeweils drei Schläge für jede der getöteten Späherinnen.« Zwölf Schläge insgesamt. Aber nach den Schnittwunden und Prellungen auf Asterins Gesicht zu urteilen, der aufgeplatzten Lippe und der Art, wie sie sich den Leib hielt, als sie sich auf den Knien vorbeugte, waren es viel mehr als zwölf gewesen. Langsam sah Manon Iskra an. Ihre Knöchel waren aufgeplatzt – noch wund von den Schlägen, die sie Asterin im Kerker verpasst hatte. Während Manon oben gesessen und vor sich hin gebrütet hatte. Manon öffnete den Mund, ihr Zorn eine lebendige Kreatur, die in ihren Eingeweiden wütete, in ihrem Blut. Aber stattdessen ergriff Asterin das Wort. »Du darfst dich freuen, Manon«, schnarrte ihre Zweite mit einem schwachen, aufmüpfigen Lächeln. »Sie mussten mich anketten, um mich zu verprügeln.« Iskras Augen blitzten auf. »Du hast trotzdem geschrien, Miststück, als ich dich ausgepeitscht habe.« »Genug«, unterbrach Manons Großmutter mit einer knappen Handbewegung. Manon hörte den Befehl kaum. Sie hatten ihre Späherin wie eine Untergebene ausgepeitscht , wie ein sterbliches Tier … Jemand knurrte, leise und bösartig, zu ihrer Rechten. Ihr blieb der Atem weg, als sie Sorrel ansah – sonst immer unerschütterlicher Fels, gefühlloser Stein –, die Iskra und die hier Versammelten zähnefletschend anknurrte. Manons Großmutter trat vor, sichtlich verstimmt. Hinter Manon war die Dreizehn eine stumme, unzerstörbare Mauer. Asterin schaute ihnen in die Gesichter und Manon wurde klar, dass ihre Zweite verstand, dass dies das letzte Mal war, dass sie das tat. »Blut soll mit Blut bezahlt werden«, sagten Manons Grußmutter und die Yellowlegs-Klanmütter einstimmig und rezitierten aus ihren Ältestenritualen. Manon stählte ihr Rückgrat und wartete auf den richtigen Moment. »Jede Hexe, die im Namen Zelta Yellowlegs’ Blut fließen lassen will, möge vortreten.« Eiserne Nägel wurden aus den Händen des gesamten Yellowlegs-Zirkels ausgefahren. Asterin schaute die Dreizehn nur an, ihr blutverschmiertes Gesicht unbewegt, die Augen klar. Die Yellowlegs-Klanmutter sagte: »Bildet eine Schlange.« Manon sprang vor. »Ich berufe mich auf das Recht der Exekution.« Alle erstarrten. Manons Großmutter wurde rot vor Zorn. Aber die anderen beiden Klanmütter, selbst die der Yellowlegs, warteten einfach ab. Mit hocherhobenem Kopf sagte Manon: »Ich beanspruche das Recht auf den Kopf meiner Zweiten. Blut soll mit Blut bezahlt werden – aber von der Schneide meines Schwertes. Sie gehört mir und so soll ihr Tod mir gehören.« Zum ersten Mal presste Asterin die Lippen zusammen und ihre Augen glänzten. Ja, sie begriff, dass dies das einzige Geschenk war, das Manon ihr machen konnte, die einzige Ehre, die ihr noch blieb. Es war Cresseida Blueblood, die sich einschaltete, bevor die beiden anderen Klanmütter sprechen konnten. »Dafür, dass du das Leben meiner Tochter gerettet hast, Schwarmführerin, soll dein Wunsch gewährt werden.« Die Yellowlegs-Klanmutter riss den Kopf zu Cresseida herum, eine Erwiderung auf den Lippen, aber es war zu spät. Die Worte waren ausgesprochen worden und die Regeln mussten um jeden Preis eingehalten werden. Der rote Umhang der Crochan flatterte hinter ihr im Wind und Manon wagte es, ihre Großmutter anzusehen. Nur Hass leuchtete in diesen uralten Augen – Hass und ein Flackern der Befriedigung, dass Asterin nach Jahrzehnten, in denen sie als eine untaugliche Zweite erachtet worden war, nun endlich sterben würde. Aber zumindest war es jetzt an ihr, Manon, ihr diesen Tod zu geben. Im Osten ging bereits die Sonne über den Bergen auf. Hundert Jahre hatte sie mit Asterin gehabt. Sie hatte immer gedacht, sie würden noch hundert weitere haben. Manon sagte leise zu Sorrel: »Dreh sie um. Meine Zweite soll ein letztes Mal den Sonnenaufgang sehen.« Sorrel trat gehorsam vor und schwenkte Asterin herum, sodass sie den Oberhexen zugewandt war, der Menge vor dem Geländer – und dem seltenen Sonnenaufgang, der Moraths Düsternis durchstach. Blut sickerte durch die Ledermontur auf dem Rücken ihrer Zweiten. Und doch kniete Asterin nieder, die Schultern straff, den Kopf hocherhoben, während sie nicht den Sonnenaufgang betrachtete – sondern Manon selbst, die um ihre Zweite herumging, um einen Platz einige Schritte vor den Klanmüttern einzunehmen. »Noch vor dem Frühstück, Manon«, drängte ihre Großmutter. Manon zog Windspalter, und die Klinge sang leise, als sie aus der Scheide glitt. Das Sonnenlicht vergoldete den Balkon, als Asterin so leise, dass nur Manon es hören konnte, flüsterte: »Bring meinen Leichnam zurück zu der Hütte.« Etwas in Manons Brust brach – brach so heftig, dass sie sich fragte, wie es möglich war, dass niemand anders es gehört hatte. Manon hob ihr Schwert. Es hätte nur eines einzigen Wortes von Asterin bedurft und sie hätte ihre eigene Haut retten können. Manons Geheimnisse ausplaudern, ihren Verrat, und sie würde frei sein. Doch ihre Zweite sagte kein weiteres Wort. Und in diesem Moment verstand Manon, dass es Kräfte gab, die größer waren als Gehorsam und Disziplin und Brutalität. Verstand, dass sie nicht seelenlos geboren worden war; dass sie nicht ohne ein Herz geboren worden war. Denn da waren beide, Herz und Seele, und flehten sie an, diese Klinge nicht zu schwingen. Manon schaute zu der Dreizehn hinüber, die im Halbkreis um Asterin herumstand. Eine nach der anderen hoben sie zwei Finger an die Stirn. Ein Raunen durchlief die Menge. Es war eine Geste nicht zu Ehren einer Oberhexe. Sondern einer Hexenkönigin. Es hatte seit fünfhundert Jahren keine Königin der Hexen mehr gegeben, weder unter den Crochans noch unter den Ironteeth. Keine Einzige. Vergebung leuchtete in den Gesichtern ihrer Dreizehn auf. Vergebung und Verständnis und Loyalität, die kein blinder Gehorsam waren, sondern durch Schmerz und Kampf geschmiedet, durch gemeinsame Siege und gemeinsame Niederlagen. Geschmiedet in der Hoffnung auf ein besseres Leben – eine bessere Welt. Endlich fand Manon Asterins Blick, und nun rannen ihrer Zweiten Tränen übers Gesicht. Es waren keine Tränen vor Furcht und vor Schmerz, sondern Tränen des Abschieds. Hundert Jahre – und doch wünschte Manon, sie hätte mehr Zeit gehabt. Einen Moment lang dachte sie an die himmelblaue Stute im Horst, den Wyvern, der warten und warten würde auf eine Reiterin, die nie mehr zurückkehren würde. Dachte an ein grünes, felsiges Land, das sich bis zum westlichen Meer erstreckte. Mit zitternder Hand drückte Asterin sich die Finger an die Stirn und streckte sie aus. »Bring unser Volk nach Hause, Manon«, hauchte sie. Manon brachte Windspalter in die richtige Position, bereit zum Schlag. Die Blackbeak-Klanmutter fuhr sie an: »Tu es endlich, Manon.« Manon sah Sorrel in die Augen, dann Asterin. Und dann gab sie der Dreizehn ihren letzten Befehl. »Lauft.« Manon Blackbeak wirbelte herum und ließ Windspalter auf ihre Großmutter niedersausen. 18 M anon sah nur das Aufblitzen der verrosteten Eisenzähne ihrer Großmutter, das Schimmern ihrer eisernen Nägel, die sie hob, um das Schwert abzuwehren – aber es war zu spät. Manon ließ Windspalter herunterkrachen, ein Hieb, der die meisten Männer entzweigehauen hätte. Doch ihre Großmutter sprang so schnell zurück, dass das Schwert Stoff und Haut über ihrem Rumpf zerriss, die Klinge aber nur oberflächlich zwischen ihren Brüsten entlangfuhr. Blaues Blut spritzte, doch die Klanmutter parierte Manons nächsten Hieb mit ihren eisernen Nägeln – einem Eisen, so hart, dass Windspalter davon abprallte. Manon schaute nicht hinter sich, um festzustellen, ob die Dreizehn gehorchte. Aber Asterin brüllte; brüllte und schrie ihr zu, aufzuhören. Die Rufe wurden leiser, hallten nach, als wäre Asterin jetzt draußen im Flur und würde weggezerrt. Keine Geräusche einer Verfolgung – die Zuschauerinnen waren zu fassungslos. Gut. Iskra und Petrah hatten Schwerter gezückt und ihre eisernen Zähne heruntergefahren, als sie zwischen ihre Klanmütter und Manon traten und ihre beiden Oberhexen wegdrängten. Der Zirkel der Blackbeak-Klanmutter sprang vor, nur um von einer Hand aufgehalten zu werden. »Bleibt zurück«, befahl ihre Großmutter keuchend, während Manon sie umkreiste. Blaues Blut sickerte ihr über die Brust. Zwei Zentimeter tiefer und sie wäre tot gewesen. Tot. Ihre Großmutter bleckte ihre verrosteten Zähne. »Sie gehört mir.« Sie deutete mit dem Kinn ruckartig auf Manon. »Wir erledigen das auf die alte Art.« Manon drehte sich der Magen um, aber sie schob ihr Schwert in die Scheide. Mit einer Drehung ihrer Handgelenke fuhr sie ihre Nägel aus und mit einem Schnappen ihres Kiefers senkten sich ihre Zähne herab. »Zeig uns, wie gut du bist, Schwarmführerin«, zischte ihre Großmutter und griff an. Manon hatte ihre Großmutter noch nie kämpfen sehen, hatte nie mit ihr trainiert. Und insgeheim fragte Manon sich, ob das daran lag, dass ihre Großmutter die anderen nicht wissen lassen wollte, wie geschickt sie war. Manon konnte sich kaum schnell genug bewegen, um den Nägeln auszuweichen, die auf ihr Gesicht, ihren Hals und ihre Eingeweide zielten, während sie Schritt für Schritt für Schritt zurückwich. Sie musste nur so lange durchhalten, bis ihre Dreizehn in der Luft war. Ihre Großmutter zielte auf ihre Wange und Manon parierte den Hieb mit einem Ellbogen, rammte ihn mit voller Wucht in den Unterarm ihrer Großmutter. Die Hexe brüllte vor Schmerz und Manon wirbelte außer Reichweite und begann, sie erneut zu umkreisen. »Jetzt ist es nicht mehr so einfach anzugreifen, nicht wahr, Manon Blackbeak?«, keuchte ihre Großmutter, während sie einander musterten. Niemand um sie herum wagte es, sich zu bewegen; die Dreizehn war verschwunden – bis auf die letzte Hexe. Sie wäre beinahe vor Erleichterung in sich zusammengesackt. Jetzt musste sie ihre Groß mutter nur lange genug beschäftigen, dass sie den Zuschauerinnen nicht den Befehl erteilen konnte, Manons Dreizehn zu verfolgen. »So viel einfacher ist es mit einer Klinge, der Waffe dieser feigen Menschen«, schäumte ihre Großmutter. »Mit den Zähnen, den Nägeln … musst du es ernst meinen.« Sie stürmten aufeinander zu und irgendein elementarer Teil von ihr ging mit jedem Schlag und jedem Hieb und jedem Parieren etwas mehr zu Bruch. Sie fuhren wieder auseinander. »Genauso jämmerlich wie deine Mutter«, zischte ihre Großmutter. »Vielleicht wirst du auch so sterben wie sie – mit meinen Zähnen in deiner Kehle.« Ihre Mutter, die sie getötet hatte, als sie aus ihr herausgeglitten war, die gestorben war, als sie Manon geboren hatte … »Jahrelang habe ich versucht, ihre Schwäche aus dir herauszutrainieren.« Ihre Großmutter spuckte blaues Blut auf die Steine. »Zum Wohle der Ironteeth habe ich dich zu einer Naturgewalt gemacht, einer Kriegerin ohnegleichen. Und so dankst du es mir …« Manon ließ sich von den Worten nicht aus der Fassung bringen. Sie zielte auf die Kehle, nur als Finte, um dann woanders zuzuschlagen. Ihre Großmutter bellte vor Schmerz – echtem Schmerz –, als Manons Krallen ihr die Schulter zerfetzten. Blut spritzte auf ihre Hand, Fleisch klebte an ihren Nägeln … Manon taumelte rückwärts und Galle brannte in ihrer Kehle. Sie sah den Hieb kommen, hatte aber trotzdem keine Zeit, ihn aufzuhalten, als die rechte Hand ihrer Großmutter ihr den Bauch aufschlitzte. Leder, Stoff und Haut zerrissen. Manon schrie. Blut, heiß und blau, strömte aus ihr heraus, bevor ihre Großmutter zurücksprang. Manon presste sich eine Hand auf den Unterleib und drückte gegen die zerfetzte Haut. Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor und tropfte auf die Steine. Hoch über ihnen brüllte ein Wyvern. Abraxos. Die Blackbeak-Klanmutter lachte und schnippte sich Manons Blut von den Nägeln. »Ich werde deinen Wyvern in winzige Stückchen schneiden und ihn an die Hunde verfüttern.« Trotz der Qual in ihrem Bauch peilte Manon ihre Großmutter an. »Nicht, wenn ich dich zuerst töte.« Die Klanmutter kicherte, während sie Manon weiter umkreiste, sie weiter taxierte. »Du bist deines Titels als Schwarmführerin enthoben. Du bist deines Titels als Erbin enthoben.« Schritt für Schritt, immer näher und näher, eine Natter, die sich um ihre Beute schlängelte. »Von diesem Tag an bist du Manon Hexentöterin, Manon Schwesterntöterin.« Die Worte trafen sie wie Steine. Manon wich zum Balkongeländer zurück und drückte auf die Wunde in ihrem Bauch, um das Blut in ihrem Körper zu halten. Die Menge teilte sich wie Wasser um sie herum. Nur noch ein kleines bisschen länger – nur noch ein oder zwei Minuten. Ihre Großmutter hielt inne und blinzelte zu den offenen Türen, als würde sie begreifen, dass die Dreizehn verschwunden war. Manon griff abermals an, bevor sie den Befehl geben konnte, sie zu verfolgen. Hieb, Ausfall, Schnitt, ducken – sie bewegten sich in einem Wirbelwind aus Eisen und Blut und Leder. Aber als Manon sich wegdrehte, rissen die Wunden in ihrem Bauch weiter auf, und sie stolperte. Ihre Großmutter verlor keine Sekunde. Sie griff an. Nicht mit ihren Nägeln oder Zähnen, sondern mit ihrem Fuß. Manon schrie bei dem Tritt in den Magen, ein Brüllen, das abermals von Abraxos hoch über ihr beantwortet wurde. Der wie sie bald sterben würde. Sie betete, dass die Dreizehn ihn verschonen würde, dass sie ihm erlauben würde, sich ihr anzuschließen, wohin auch immer sie fliehen würde. Manon krachte gegen das steinerne Geländer des Balkons und sackte auf den schwarzen Fliesen zusammen. Blaues Blut rann aus ihrem Körper und durchtränkte ihre Hose an den Oberschenkeln. Ihre Großmutter kam langsam und keuchend näher. Manon packte das Balkongeländer und zog sich ein letztes Mal auf die Füße. »Willst du ein Geheimnis hören, Schwesterntöterin?«, hauchte ihre Großmutter. Manon sackte gegen das Geländer, der Abgrund unter ihr endlos. Das Versprechen auf Erleichterung. Sie würden sie in die Kerker bringen – sie entweder für Erawans Zucht benutzen oder sie foltern, bis sie um den Tod bettelte. Vielleicht beides. Ihre Großmutter sprach so leise, dass selbst Manon sie kaum hören konnte. »Während deine Mutter in den Wehen lag, um dich hinauszupressen, hat sie mir gestanden, wer dein Vater war. Sie sagte, du … du würdest diejenige sein, die den Fluch bricht, die uns rettet. Sie sagte, dein Vater sei ein Crochan-Prinz gewesen, etwas, das nur höchst selten geboren wird. Und sie sagte, dein gemischtes Blut werde der Schlüssel sein.« Ihre Großmutter hob die Nägel an den Mund und leckte Manons blaues Blut ab. Nein. Nein. »Also warst du schon dein ganzes Leben lang eine Schwesterntöterin«, schnurrte ihre Großmutter. »Hast Jagd gemacht auf diese Crochans – deine Verwandten. Als du ein Hexenkind warst, hat dein Vater das Land nach dir abgesucht. Er hat nie aufgehört, deine Mutter zu lieben. Sie zu lieben «, zischte sie. »Und dich zu lieben. Also habe ich ihn getötet.« Manon betrachtete den Abgrund, der sich unter ihnen auftat, den nahen, so verlockenden Tod. »Seine Verzweiflung war köstlich, als ich ihm erzählte, was ich mit ihr gemacht hatte. Was ich aus dir machen würde. Kein Kind des Friedens – sondern des Krieges.« Gemacht. Gemacht. Gemacht. Manons eiserne Nägel splitterten am dunklen Stein des Balkongeländers. Und dann sprach ihre Großmutter die Worte, die ihr den Rest gaben. »Weißt du, warum diese Crochan im Frühling in der Ferianschlucht spioniert hat? Sie war ausgeschickt worden, dich zu finden. Nach einhundertsechzehn Jahren des Suchens hatten sie endlich die Identität des verlorenen Kindes ihres toten Prinzen erfahren.« Das Lächeln ihrer Großmutter war schauerlich in seinem absoluten Triumph. Manon zwang Kraft in ihre Arme, in ihre Beine. »Ihr Name war Rhiannon, nach der letzten Crochan-Königin. Und sie war deine Halbschwester. Sie hat es mir auf unsere Tische geschnallt gestanden. Sie dachte, es würde ihr das Leben retten. Und als sie sah, was du geworden warst, hat sie sich dafür entschieden, das Wissen mit sich sterben zu lassen.« »Ich bin eine Blackbeak«, schnarrte Manon und Blut erstickte ihre Worte. Ihre Großmutter trat einen Schritt auf sie zu und gurrte lächelnd: »Du bist eine Crochan. Und mit dem Tod deiner Schwester durch deine eigene Hand die Letzte ihrer königlichen Blutlinie. Du bist eine Crochan-Königin .« Absolutes Schweigen unter den versammelten Hexen. Ihre Großmutter streckte die Hand nach ihr aus. »Und du wirst, wenn ich mit dir fertig bin, wie eine solche sterben.« Manon ließ sich von den Nägeln ihrer Großmutter nicht berühren. Es krachte in der Nähe. Manon verwendete die Kraft, die sie in Armen und Beinen gesam melt hatte, um sich auf das steinerne Geländer des Balkons zu werfen. Und sich davon herunterzurollen, ins Leere. *** Luft und Fels und Wind und Blut … Manon krachte gegen eine warme, ledrige Haut und schrie auf, als ihr vor Schmerz von ihren Verletzungen schwarz vor Augen wurde. Über ihr, irgendwo in weiter Ferne, kreischte ihre Großmutter Befehle … Manon grub die Nägel in die ledrige Haut, bohrte die Krallen tief hinein. Unter ihr erklang ein schmerzerfülltes Bellen, das sie erkannte. Abraxos. Aber sie hielt sich fest und er hieß den Schmerz willkommen, als er seitlich abtauchte und aus Moraths Dunkelheit abschwenkte. Sie spürte sie um sich herum. Manon gelang es, die Augen zu öffnen und die Schutzlider gegen den Wind herabgleiten zu lassen. Edda und Briar, ihre Schatten, flankierten sie jetzt. Sie wusste, dass sie da gewesen waren, dass sie mit ihren Wyvern gewartet hatten, dass sie jedes einzelne dieser verdammenden letzten Worte vernommen hatten. »Die anderen sind vorausgeflogen. Wir wurden ausgeschickt, dich zu holen«, überschrie Edda, die älteste ihrer Schwestern, das Brüllen des Windes. »Deine Wunde …« »Ist nicht tief«, blaffte Manon und zwang den Schmerz beiseite, um sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren. Sie saß auf Abraxos’ Hals, der Sattel ein oder zwei Meter hinter ihr. Jeder Atemzug eine Qual, zog sie ihre Fingernägel einen nach dem anderen aus seiner Haut und schob sich zu dem Sattel. Abraxos ebnete seine Flugbahn und verschaffte ihr ruhige Luftströme, um sich in das Geschirr zu schnallen. Blut rann aus den Schnitten in ihrem Bauch – schon bald war der Sattel glitschig davon. Hinter ihnen ließ mehrfaches Brüllen die Berge erzittern. »Wir können sie nicht die anderen erwischen lassen«, brachte Manon hervor. Briar, deren schwarzes Haar hinter ihr herflatterte, kam näher. »Sechs Yellowlegs sind uns auf den Fersen. Aus Iskras eigenem Zirkel. Und sie fliegen schnell.« Da sie eine Rechnung zu begleichen hatten, hatte man ihnen zweifellos freie Hand gelassen, sie abzuschlachten. Manon suchte die Gipfel und Schluchten der Berge um sie herum ab. »Zwei für jede von uns«, befahl sie. Die schwarzen Wyvern ihrer Schatten waren riesig – geschickt darin, sich zu tarnen, aber vernichtend im Kampf. »Edda, du drängst zwei nach Westen ab; Briar, du rammst die anderen beiden nach Osten. Überlasst die letzten beiden mir.« Weder in den grauen Wolken noch in den Bergen war eine Spur vom Rest der Dreizehn zu sehen. Gut – sie waren entkommen. Das war genug. »Ihr tötet sie, dann findet ihr die anderen«, befahl Manon, einen Arm über ihre Wunde drapiert. »Aber Schwarmführerin …« Der Titel saugte beinahe alle Willenskraft aus ihr heraus. Trotzdem bellte Manon: »Das ist ein Befehl.« Die Schatten neigten den Kopf. Dann flogen sie, als hätten sie einen Geist, ein Herz, in beide Richtungen davon. Wie Bluthunde, die einer Fährte folgten, spalteten sich vier Yellowlegs von ihrer Gruppe ab, um sich um die beiden Schatten zu kümmern. Die beiden in der Mitte flogen schneller und grimmiger und ent fernten sich voneinander, um Manon von beiden Seiten anzugreifen. Ihre Sicht trübte sich. Kein gutes Zeichen – überhaupt kein gutes Zeichen. Sie flüsterte Abraxos zu: »Lass uns ein letztes Gefecht liefern, das eines Liedes würdig ist.« Er brüllte zur Antwort. Die Yellowlegs rauschten nah genug heran, dass Manon ihre Waffen zählen konnte. Ein Schlachtruf kam von der zu ihrer Rechten. Manon grub die linke Ferse in Abraxos’ Seite. Wie eine Sternschnuppe schoss er hinab zu den Gipfeln der aschfahlen Berge. Die Yellowlegs tauchten mit ihm in die Tiefe. Manon visierte eine Schlucht an, die den Rücken des Gebirgszugs durchschnitt. Ein Frösteln stahl sich in ihre Knochen. Die Wände der Schlucht schlossen sich um sie herum wie das Maul einer mächtigen Bestie und sie zog einmal knapp an den Zügeln. Abraxos breitete jäh die Flügel aus und schwebte an der Seite der Schlucht entlang, bevor er einen Luftstrom erwischte, sich ausbalancierte und durch das Herz der Kluft flatterte, aus der steinerne Säulen wie Lanzen vom Boden aufragten. Die Yellowlegs, zu sehr von ihrer Blutgier getrieben, ihre Wyvern zu groß und zu massig, scheuten vor der Schlucht zurück, vor der scharfen Kurve … Ein Krachen und ein Kreischen, und die ganze Schlucht erbebte. Manon verschluckte ihr gequältes Aufheulen, als sie hinter sich spähte. Einer der Wyvern war in Panik geraten, zu groß für den engen Raum, und war gegen eine steinerne Säule gekracht. Zerschmetterte Knochen und Blut regneten herab. Aber der andere Wyvern hatte es geschafft und segelte jetzt auf sie zu, die Flügel so breit, dass sie fast beide Seiten der Schlucht streiften. »Flieg, Abraxos« , keuchte Manon durch ihre blutigen Zähne. Und ihr sanftes Reittier mit dem Kriegerherzen flog. Manon konzentrierte sich darauf, im Sattel zu bleiben, den Arm auf ihre Wunde zu pressen, um das Blut in ihrem Körper zu halten, die tödliche Kälte zu vertreiben. Sie war oft genug verletzt gewesen, um zu wissen, dass die Schnitte ihrer Großmutter großen Schaden angerichtet hatten. Die Schlucht schwenkte nach rechts ab und Abraxos flog die Kurve mit großem Geschick. Sie betete, dass der sie verfolgende Wyvern gegen die Felswände prallen würde. Aber nichts Derartiges geschah. Doch Manon kannte diese tödlichen Canyons. Sie war diesen Weg in den letzten Monaten unzählige Male auf endlosen, langweiligen Patrouillen geflogen. Die Yellowlegs, abgeschirmt in der Ferianschlucht, verfügten nicht über diese Erfahrung. »Bis ganz zum Ende, Abraxos«, sagte sie. Sein Brüllen war seine einzige Bestätigung. Ein einziger Versuch. Sie würde einen einzigen Versuch haben. Dann konnte sie mit Freuden sterben, in dem Wissen, dass die Dreizehn nicht verfolgt werden würde. Zumindest nicht heute. Kurve um Kurve schoss Abraxos durch die Schlucht und klatschte mit seinem Schwanz gegen den Fels, damit die Späherin der Yellowlegs von den Trümmern getroffen würde. Die Reiterin wich den Felsen aus und ihr Wyvern hüpfte im Wind auf und ab. Näher – Manon brauchte sie näher. Sie zog an Abraxos’ Zügeln und er wurde langsamer. Kurve um Kurve um Kurve, während schwarze Felsen vorbeiblitzten und vor ihren Augen verschwammen. Die Yellowlegs war jetzt nah genug, um einen Dolch zu werfen. Manon schaute mit ihrem schwindenden Sehvermögen gerade rechtzeitig über eine Schulter, um zu erkennen, dass sie genau das tat. Nicht einen Dolch – sondern zwei. Metall glänzte im fahlen Licht des Canyons. Manon wappnete sich gegen den Einschlag. Abraxos flog die letzte Kurve, während die Späherin ihre Dolche in Manons Richtung schleuderte. Eine turmhohe, massive Wand aus schwarzem Fels erhob sich nur Meter vor ihnen. Aber Abraxos schwang sich nach oben, erwischte einen Aufwind und segelte aus dem Herzen der Schlucht hinaus, so dicht vor der Wand der Sackgasse, dass Manon sie berühren konnte. Die beiden Dolche trafen den Fels dort, wo Sekunden zuvor Manon gewesen war. Und die Yellowlegs-Späherin auf ihrem massigen, schweren Wyvern tat das Gleiche. Fels stöhnte, als Wyvern und Reiterin dagegenklatschten. Dann fielen sie auf den Grund der Schlucht. Keuchend, ihr Atem ein nasses, blutiges Rasseln, tätschelte Manon Abraxos’ Seite. Selbst diese Bewegung war schwächlich. »Gut«, gelang es ihr zu sagen. Berge wurden wieder klein. Und Oakwald breitete sich vor ihr aus. Bäume – im Schutz der Bäume wäre sie vielleicht verborgen. »Oak…«, schnarrte sie. Manon konnte den Befehl nicht beenden, ehe Dunkelheit herbeirauschte und von ihr Besitz ergriff. 19 E lide Lochan blieb während der beiden Tage still, die sie und Lorcan die östlichen Ränder des Oakwalds durchquerten, auf dem Weg zu den Ebenen dahinter. Sie hatte ihm die Fragen nicht gestellt, die sie beschäftigten, und ihn in dem Glauben gelassen, sie wäre ein törichtes Mädchen, geblendet von Dankbarkeit dafür, dass er sie gerettet hatte. Er hatte schnell vergessen, dass sie sich selbst gerettet hatte. Ohne sein Zutun. Auch wenn er sie weggetragen hatte. Und er hatte ihren Namen – den Namen ihrer Mutter – fraglos hingenommen. Wenn Vernon ihr auf der Spur war, dann war das ein dummer Fehler gewesen, aber es ließ sich nicht mehr ändern, ohne Lorcan misstrauisch zu machen. Also hielt sie den Mund und schluckte ihre Fragen herunter. Zum Beispiel die, warum er Jagd auf sie gemacht hatte. Oder wer seine Herrin war, der ein solch mächtiger Krieger diente – warum er nach Morath wollte, warum er immer wieder irgendeinen Gegenstand unter seiner dunklen Jacke berührte. Und warum er so überrascht gewirkt hatte – obwohl er sich bemüht hatte, es zu verbergen –, als sie Celaena Sardothien und Aelin Galathynius erwähnt hatte. Elide zweifelte nicht daran, dass der Krieger eigene Geheimnisse hütete und dass trotz seines Versprechens, sie zu beschützen, die ser Schutz enden würde, sobald er alle Antworten bekam, die er brauchte. Trotzdem hatte sie in diesen letzten beiden Nächten tief und fest geschlafen – dank eines Bauchs voller Fleisch, das ihnen Lorcans Jagd eingetragen hatte. Er hatte zwei Kaninchen ergattert, und als sie ihr Tier binnen Minuten komplett verschlungen hatte, hatte er ihr die Hälfte von dem gegeben, was von seinem noch übrig war. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, höflich zu sein, indem sie das Angebot ablehnte. Es war Vormittag, als das Licht im Wald endlich heller wurde, die Luft frischer. Und dann erklang das Brüllen eines mächtigen Gewässers – des Acanthus. Lorcan pirschte voraus und Elide hätte schwören können, dass sich selbst die Bäume von ihm wegbogen, als er eine Hand hob – ein stiller Befehl zu warten. Sie gehorchte und verweilte im Dunkel der Bäume, betete, dass er sie nicht zwingen würde, in das Gewirr des Oakwalds zurückzukehren, dass ihr dieser Schritt in die helle, weit offene Welt nicht verwehrt werden würde … Lorcan winkte – das Zeichen vorzutreten. Die Luft war rein. Elide schwieg, als sie in strahlendem Sonnenschein blinzelnd aus der letzten Baumreihe neben Lorcan auf ein hohes, felsiges Flussufer trat. Der Fluss war gewaltig, ein Strom aus Grau- und Brauntönen – dem Rest der Eisschmelze von den Bergen. So breit und wild, dass sie wusste, sie würde nicht darin schwimmen können, und dass die Furt anderswo sein musste. Aber hinter dem Fluss, als wäre das Wasser eine Grenze zwischen zwei Welten … Hügel und Wiesen mit hohen, smaragdgrünen Gräsern, die sich auf der anderen Seite des Acanthus wiegten, wie ein rauschendes Meer unter einem wolkenlosen, blauen Himmel, das sich bis in alle Ewigkeit zum Horizont erstreckte. »Ich erinnere mich nicht«, murmelte sie, die Worte kaum hörbar im brüllenden Lied des Flusses, »wann ich das letzte Mal so etwas gesehen habe …« In Perranth, in diesem Turm eingeschlossen, hatte sie nur den Ausblick auf die Stadt gehabt, vielleicht noch auf den See, wenn der Tag klar genug war. Dann war sie in dem Gefängniswagen gewesen, dann in Morath, wo es nur Berge und Asche und Armeen gab. Und während des Fluges mit Manon und Abraxos war sie zu verloren gewesen in ihrem Entsetzen und ihrer Trauer, um überhaupt etwas zu bemerken. Aber jetzt … sie erinnerte sich nicht daran, wann sie das letzte Mal Sonnenlicht auf einer Wiese hatte tanzen sehen oder kleine, braune Vögel, die in der warmen Brise darüber kreisten und auf und ab hüpften. »Bis zur Straße ist es jetzt nur noch ungefähr eine Meile flussaufwärts«, sagte Lorcan, seine dunklen Augen ungerührt vom Acanthus oder den sich wellenden Gräsern dahinter. »Wenn dein Plan aufgehen soll, wäre es jetzt an der Zeit, die Vorbereitungen zu treffen.« Sie warf ihm einen Blick zu. »Die meisten betreffen Euch.« Seine schwarzen Augenbrauen zuckten. Elide verdeutlichte: »Wenn diese List Erfolg haben soll, müsst Ihr zumindest … so tun, als wärt Ihr ein Mensch.« Nichts an dem Mann ließ darauf schließen, dass sein menschliches Erbe vorherrschte. »Versteckt noch mehr von Euren Waffen«, fuhr sie fort. »Behaltet nur das Schwert.« Selbst die mächtige Klinge würde todsicher verraten, dass Lorcan kein gewöhnlicher Reisender war. Sie fischte einen überschüssigen Lederriemen aus ihrer Jackentasche. »Bindet Euch das Haar zusammen. Dann seht ihr weniger …« Ihre Stimme verlor sich angesichts der leichten Erheiterung, die sich in seinen Augen mit einer Warnung mischte. »Weniger wild aus«, zwang sie sich zu sagen und ließ den Lederriemen zwischen ihnen hin und her baumeln. Lorcans große Finger schlossen sich darum und er zog seine Mundwinkel nach unten, als er gehorchte. »Und knöpft Eure Jacke auf«, fuhr sie fort, während sie im Geiste in einer Liste von Merkmalen stöberte, die ihr im Laufe der Zeit als weniger bedrohlich, weniger einschüchternd aufgefallen waren. Lorcan gehorchte auch dieser Anweisung und schon bald schaute das dunkelgraue Hemd unter seiner eng anliegenden schwarzen Jacke hervor und gab seine breite, muskulöse Brust frei. »Und du?«, fragte er mit immer noch hochgezogenen Brauen. Elide sah sich selbst prüfend an und legte ihren Rucksack auf den Boden. Zuerst zog sie die lederne Jacke aus, obwohl sie sich danach fühlte, als hätte sie eine Schicht ihrer Haut abgeschält, dann krempelte sie die Ärmel ihrer weißen Bluse auf. Ohne das enge Leder konnte man ihre weiblichen Formen erkennen, die sie eindeutig als Frau auswiesen und nicht als das blutjunge Mädchen, für das die Leute sie im Allgemeinen hielten. Dann kümmerte sie sich um ihr Haar, zerrte es aus seinem Zopf und machte daraus einen Knoten auf ihrem Kopf. Die Frisur einer verheirateten Frau. Sie stopfte ihre Jacke in ihren Rucksack, richtete sich auf und sah Lorcan an. Sein Blick wanderte von ihren Füßen zu ihrem Kopf und er runzelte weiter die Stirn. »Größere Titten beweisen oder vertuschen gar nichts.« Ihre Wangen wurden heiß. »Vielleicht lenken sie Männer immerhin so sehr ab, dass sie keine Fragen stellen.« Mit dieser Feststellung setzte sie sich flussaufwärts in Bewegung und versuchte, nicht an die Männer zu denken, die sie in der Kerkerzelle berührt und verhöhnt hatten. Aber wenn es sie unbeschadet über den Fluss brachte, würde sie ihren Körper zu ihrem Vorteil einsetzen. Sie würde den Männern zeigen, was sie sehen wollten: eine hübsche junge Frau, die nicht vor ihrer Zuwendung zurückschreckte, die freund lich und herzlich mit ihnen redete. Jemand, der vertrauenswürdig war, jemand, der süß und trotzdem wenig bemerkenswert war. Lorcan blieb anfangs zurück, dann holte er auf und ging die letzte Viertelmeile um die Flussbiegung neben ihr her wie ein richtiger Gefährte und nicht wie eine Eskorte, die durch ein Versprechen gebunden war. Die Rufe und die Geräusche der Pferde und Wagen begrüßten sie, noch ehe sie in Sicht kamen. Und da waren sie: eine breite, wenn auch verwitterte Steinbrücke, Wagen und Karren und Reiter, die zu beiden Seiten zahlreich Schlange standen. Und ungefähr zwei Dutzend Wachen in adarlanischen Uniformen übersahen jeweils die beiden Ufer, kassierten Zölle und … Überprüften Wagen, inspizierten jedes Gesicht und jede Person. Die Ilken hatten von ihrem Hinken gewusst. Elide wurde langsamer und hielt sich dicht neben Lorcan, als sie sich der zweistöckigen, baufälligen Kaserne auf ihrer Seite des Flusses näherten. Weiter entlang der Straße, flankiert von Bäumen, herrschte bei einigen ebenso traurig aussehenden Gebäuden ein reges Treiben. Ein Gasthaus und eine Taverne. Für Reisende, die sich die Wartezeit in der Schlange mit einem Getränk oder einer Mahlzeit vertreiben wollten oder sich vielleicht bei schlechtem Wetter ein Zimmer mieteten. So viele Leute – Menschen. Niemand wirkte panisch oder verletzt oder kränklich. Und die Wachen bewegten sich trotz ihrer Uniformen wie Männer, während sie die Wagen beim Passieren der Kaserne durchsuchten, die als Zollhaus und Schlafquartier diente. Als sie sich der unbefestigten Straße und dem fernen hinteren Ende der Schlange näherten, sagte sie leise zu Lorcan: »Ich weiß nicht, welche Magie Ihr besitzt, aber vielleicht könnt Ihr dafür sorgen, dass mein Hinken weniger auffällig ist …« Noch bevor sie ihren Satz beenden konnte, drückte eine Macht wie ein kühler Nachtwind gegen ihren Knöchel und ihre Wade und umschlang sie mit einem festen Griff. Eine Schiene. Ihre Schritte wurden gleichmäßiger und sie musste gegen den Drang ankämpfen, vor Staunen die Augen aufzureißen. Sie gestattete sich nicht, es zu genießen, es auszukosten, nicht wenn es wahrscheinlich nur halten würde, bis sie die Brücke hinter sich hatten. Die Wagen der Händler standen müßig da, vollgestopft mit Waren von jenen, die das Risiko einer Überquerung des Avery im Norden scheuten, ihre Fahrer angespannt wegen der Wartezeit und der bevorstehenden Inspektion. Elide betrachtete die Fahrer, die Händler und die anderen Reisenden. Bei jedem einzelnen von ihnen schrien ihre Instinkte. Diese Männer würden sie verraten, sobald sie um eine Mitfahrgelegenheit baten oder eine Münze anboten, damit sie den Mund hielten. Die Wagen und Händler einzeln abzuklappern würde den Wachen auffallen, daher nutzte Elide jeden ihrer vermeintlichen Schritte zum Ende der Schlange für prüfende Blicke. Aber sie kam ohne Ergebnis dort an. Lorcan dagegen warf einen bedeutungsvollen Blick hinter sie – auf die Taverne, weiß getüncht, zweifellos, um die maroden Steine zu verbergen. »Lass uns einen Happen essen, bevor wir warten«, sagte er, laut genug, dass die Leute in dem Wagen vor ihnen es hörten und als belanglos abtaten. Sie nickte. Es waren vielleicht noch andere Leute dort drin und ihr Magen knurrte. Nur dass … »Ich habe kein Geld«, murmelte sie, als sie sich der bleichen Holztür näherten. Eine Lüge. Sie hatte Gold und Silber von Manon. Aber sie hatte nicht vor, damit zu protzen, Versprechen hin oder her. »Ich habe reichlich«, antwortete er gepresst und sie räusperte sich zaghaft. Er sah sie fragend an. »Mit diesem Gesichtsausdruck werdet Ihr uns keine Verbündeten finden«, bemerkte sie und schenkte ihm ein süßes kleines Lächeln. »Wenn Ihr dort wie ein Krieger hineingeht, werdet Ihr auffallen.« »Und als was soll ich dann hineingehen?« »Was immer wir brauchen, wenn die Zeit kommt. Aber … guckt nicht so finster.« Er öffnete die Tür, und als ihre Augen sich an den Schein der schmiedeeisernen Kronleuchter gewöhnt hatten, hatte Lorcans Gesicht sich tatsächlich verändert. Seine Augen mochten niemals warm sein, aber er hatte ein nichtssagendes Lächeln im Gesicht und seine Schultern waren entspannt – als wäre die Wartezeit ihm ein wenig lästig, aber als wäre er auch erpicht auf ein gutes Essen. Er sah beinahe menschlich aus. Die Taverne war gerammelt voll, der Lärm so ohrenbetäubend, dass sie kaum laut genug mit dem nächsten Schankmädchen sprechen konnten, um ein Mittagessen zu bestellen. Sie zwängten sich zwischen überfüllten Tischen hindurch und Elide bemerkte, dass sich etliche Blicke auf ihre Brust richteten, dann auf ihr Gesicht. Und dort verweilten. Sie kämpfte gegen das Kribbeln an und zwang sich, ohne Hast weiterzugehen, zu einem Tisch, der an der hinteren Wand stand und den ein müde aussehendes Paar soeben frei gemacht hatte. Eine lärmende Gruppe von acht Personen saß dicht gedrängt um einen Tisch einige Schritte entfernt und eine Frau in mittleren Jahren mit dröhnendem Lachen wies sich sofort als ihre Anführerin aus. Die anderen an dem Tisch – eine schöne Frau mit rabenschwarzem Haar; ein bärtiger Mann mit breitem Brustkorb und Händen, die so groß waren wie Teller; und einige weitere ungeschlacht aussehende Leute –, alle schauten zu der älteren Frau, beobachteten ihre Reaktionen und hörten sich genau an, was sie zu sagen hatte. Elide rutschte auf den Holzstuhl und Lorcan setzte sich ihr gegen über hin – seine Körpergröße trug ihm einen Blick von dem bärtigen Mann und der mittelalten Frau am Nebentisch ein. Elide wog diesen Blick ab. Taxierend. Nicht in Hinblick auf einen Kampf, nicht als Bedrohung. Vielmehr lag so etwas wie Bewunderung und Berechnung in dem Blick. Elide fragte sich flüchtig, ob Anneith selbst dieses andere Paar zum Gehen gedrängt hatte – um diesen Tisch für sie frei zu machen. Für genau diesen Blick. Elide legte die Hand auf den Tisch, die Innenfläche nach oben gedreht, und lächelte Lorcan mit schweren Augenlidern an – sie hatte einmal ein Küchenmädchen in Morath einen Koch so anschauen sehen. »Mein Angetrauter«, säuselte sie honigsüß und streckte ihm die Hand entgegen. Lorcans Lippen wurden schmal, aber er ergriff ihre Hand – ihre Finger winzig in seinen. Seine Schwielen kratzten über ihre eigenen. Er bemerkte es im gleichen Moment wie sie und schob seine Hand über ihre, als würde er ihre Innenfläche betrachten. Sie schloss die Hand und drehte sie, um wieder nach seiner zu greifen. »Bruder«, murmelte Lorcan so leise, dass niemand außer ihr es hören konnte. »Ich bin dein Bruder.« »Ihr seid mein Ehemann«, sagte sie genauso leise. »Wir sind seit drei Monaten verheiratet. Folgt meinem Beispiel.« Er schaute sich um; der abschätzende Blick, mit dem man sie gemustert hatte, war ihm entgangen. Noch immer tanzten Zweifel in seinen Augen, zusammen mit einer stummen Frage. Sie sagte schlicht: »Ein Bruder stellt keine Bedrohung dar. Ich wäre trotzdem zu haben – immer noch … Einladungen ausgesetzt. Ich habe gesehen, wie wenig Respekt Männer für etwas zeigen, von dem sie denken, sie hätten ein Anrecht darauf. Also seid Ihr mein Ehemann«, zischte sie, »bis ich etwas anderes sage.« Ein Schatten flackerte in Lorcans Augen, und eine weitere Frage. Eine, die sie nicht beantworten wollte und konnte. Er packte ihre Hand fester und forderte, dass sie ihn ansah. Sie weigerte sich. Zum Glück kam ihre Mahlzeit, bevor Lorcan die Frage laut aussprechen konnte. Eintopf – Wurzelgemüse und Kaninchen. Sie machte sich über die Speise her und verbrannte sich beim ersten Bissen beinahe den Gaumen. Die Gruppe hinter ihnen nahm ihre Unterhaltung wieder auf und Elide lauschte, während sie aß, sortierte die Bruchstücke, die sie hörte, als wären es Muscheln an einem Strand. »Vielleicht bieten wir ihnen eine Aufführung an und dann halbieren sie die Zollgebühren.« Das kam von dem blonden, bärtigen Mann. »Unwahrscheinlich«, sagte die Anführerin. »Diese Ärsche würden noch Geld von uns verlangen, damit wir auftreten dürfen. Schlimmer noch, ihnen gefällt unsere Vorführung und dann verlangen sie, dass wir eine Weile bleiben. So eine Wartezeit können wir uns nicht leisten. Nicht wenn andere Schaustellertruppen bereits unterwegs sind. Wir wollen die Städte auf der Ebene nicht erst nach allen anderen erreichen.« Elide verschluckte sich beinahe an ihrem Eintopf. Anneith musste diesen Tisch frei gemacht haben. Ihr Plan hatte darin bestanden, eine Schaustellertruppe oder einen Wanderzirkus zu finden, um sich ihnen anzuschließen, sich als Arbeiter zu tarnen, und dies … »Wenn wir den vollen Preis für diesen Zoll bezahlen«, bemerkte die schöne Frau, »dann erreichen wir die erste Stadt halb verhungert und sind kaum in der Lage, überhaupt aufzutreten.« Elide sah Lorcan in die Augen – er nickte. Sie nahm einen Löffel von ihrem Eintopf, wappnete sich und dachte an Asterin Blackbeak. Charmant, selbstbewusst, furchtlos. Sie hatte den Kopf immer frech schief gelegt, die Glieder entspannt, der Anflug eines Lächelns auf den Lippen. Elide holte Luft und ließ diese Erinnerungen in Muskeln, Haut und Knochen eindringen. Dann drehte sie sich auf ihrem Stuhl um, einen Arm über die Rückenlehne drapiert, als sie sich zu dem Tisch vorbeugte und lächelnd sagte: »Entschuldigt, dass ich eure Mahlzeit störe, aber ich konnte nicht umhin, euer Gespräch mit anzuhören.« Alle wandten sich zu ihr um, die Brauen hochgezogen, die Augen der Anführerin auf Elides Gesicht gerichtet. Sie sah die Einschätzung der Frau in ihren Augen: jung, hübsch, unbeschädigt von einem harten Leben. Elide hielt ihren eigenen Gesichtsausdruck freundlich, zwang ihre Augen zu leuchten. »Seid ihr eine Art Zirkus?« Sie deutete mit dem Kopf auf Lorcan. »Mein Mann und ich versuchen seit Wochen, uns einer solchen Truppe anzuschließen, aber ohne Glück – alle sind voll besetzt.« »Das sind wir auch«, erklärte ihre Anführerin. »Richtig«, erwiderte Elide wohlgelaunt. »Aber dieser Zoll ist sehr hoch – für alle. Und wenn wir uns geschäftlich zusammentun würden, vielleicht auf einer vorübergehenden Basis …« Lorcans Knie streifte warnend ihres. Sie ignorierte ihn. »Wären wir gerne bereit, etwas zu den Gebühren beizusteuern – das draufzulegen, was fehlt.« Der abschätzende Blick der Frau wurde misstrauisch. »Wir sind in der Tat eine Zirkustruppe. Aber wir brauchen keine neuen Mitglieder.« Der bärtige Mann und die schöne Frau warfen der Älteren Blicke zu, einen Tadel in den Augen. Elide zuckte die Achseln. »Na schön. Aber falls ihr eure Meinung ändert, bevor ihr aufbrecht, mein Mann« – sie deutete auf Lorcan, der sich nach besten Kräften um ein unbefangenes Lächeln bemühte – »ist ein geschickter Schwertwerfer. Und in unserer früheren Truppe hat er außerdem gutes Geld damit verdient, gegen Männer anzutreten, die ihre Kräfte mit ihm messen wollten.« Die Anführerin richtete den Blick ihrer scharfen Augen auf Lorcan – auf seine Größe, seine Muskeln und seine Haltung. Elide wusste, dass sie richtig geraten hatte, was die freie Stelle betraf, für die sie Ersatz brauchten, als die Frau zu ihr bemerkte: »Und was ist deine Spezialität?« »Ich habe als Wahrsagerin gearbeitet – sie haben mich ihr Orakel genannt.« Ein Achselzucken. »Alles bloß Schatten und Vermutungen.« So musste es auch sein, wenn man die klitzekleine Tatsache bedachte, dass sie nicht lesen konnte. Die Frau blieb unbeeindruckt. »Und wie war der Name eurer früheren Truppe?« Wahrscheinlich kannten sie jede Truppe, die durch die Ebene zog. Elide kramte in ihrem Gedächtnis nach irgendetwas Hilfreichem, irgendetwas … Yellowlegs. Die Hexen in Morath hatten einmal Baba Yellowlegs erwähnt, die mit einem Zirkus gereist war, um nicht erkannt zu werden, und die im Winter unter ungeklärten Umständen in Rifthold ums Leben gekommen war … Ein Detail nach dem anderen, vergraben in den Katakomben ihres Gedächtnisses, quoll hervor. »Wir waren beim Zirkus der Spiegel«, erklärte Elide. Erkennen – Überraschung, Respekt – blitzte in den Augen der Anführerin auf. »Bis Baba Yellowlegs, unsere Besitzerin, im vergangenen Winter in Rifthold getötet wurde. Wir sind fortgegangen und suchen seither nach Arbeit.« »Woher kamt ihr denn ursprünglich?«, fragte der bärtige Mann. Es war Lorcan, der antwortete: »Meine Familie lebt auf der Westseite der Fangs. Wir haben die letzten Monate bei ihnen verbracht – und gewartet, bis der Schnee geschmolzen war, da der Pass so tückisch ist. Dieser Tage geschehen in den Bergen seltsame Dinge«, fügte er hinzu. Die Mitglieder des Zirkus rührten sich nicht. »In der Tat«, sagte die Frau mit dem rabenschwarzen Haar schließlich. Sie sah ihre Anführerin an. »Sie könnten helfen, den Zoll zu bezahlen, Molly. Und seit Saul weg ist, ist diese Nummer unbesetzt …« Wahrscheinlich ihr Schwertwerfer. »Wie ich gesagt habe«, meldete Elide sich mit Asterins hübschem Lächeln zu Wort, »wir werden ein Weilchen hier sein, wenn ihr also eure Meinung ändert, gebt uns Bescheid. Wenn nicht …« Sie salutierte mit ihrem zerbeulten Löffel. »Gute Reise.« Etwas blitzte in Mollys Augen auf und die Frau musterte sie abermals. »Gute Reise«, murmelte sie. Elide und Lorcan wandten sich wieder ihrer Mahlzeit zu. Und als das Schankmädchen kam, um zu kassieren, griff Elide in ihre Innentasche und zog eine Silbermünze heraus. Die Augen des Schankmädchens wurden groß, aber es waren die scharfen Augen Mollys und der anderen an diesem Tisch, auf die Elide achtete, als das Mädchen davonhuschte und ihnen ihr Wechselgeld holte. Lorcan schwieg, als Elide ein großzügiges Trinkgeld auf dem Tisch zurückließ, aber sie beide schenkten der Truppe ein freundliches Lächeln, bevor sie ihren Tisch und die Taverne verließen. Elide nahm sofort einen Platz am Ende der Schlange ein und sie behielt dieses Lächeln nach wie vor bei, den Rücken durchgedrückt. Lorcan reihte sich dicht neben ihr ein. »Du hast also kein Geld, hm?« Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Sieht so aus, als hätte ich mich geirrt.« Ein Aufblitzen weißer Zähne, als er lächelte – aufrichtig diesmal. »Nun, du solltest besser hoffen, dass du und ich zusammen genug haben, Marion, denn Molly steht im Begriff, dir ein Angebot zu machen.« Elide drehte sich beim Knirschen von Erde unter schwarzen Stiefeln um und sah Molly vor sich stehen. Die anderen blieben zurück – einige von ihnen schlüpften gerade um die Ecke der Taverne, zweifellos, um die Wagen zu holen. Mollys hartes Gesicht war gerötet – als hätten sie gestritten. Aber sie schnalzte einfach mit der Zunge und sagte: »Vorübergehende Anstellung. Wenn ihr nichts draufhabt, seid ihr draußen, und wir werden euch das Geld für den Zoll nicht zurückzahlen.« Elide lächelte, und das Lächeln war nicht gänzlich gespielt. »Marion und Lorcan, zu Euren Diensten, Madam.« *** Seine Frau. Bei allen Göttern. Er war über fünfhundert Jahre alt – und dieses … dieses Mädchen, diese junge Frau, diese Teufelin, was immer sie war, hatte ihnen gerade mit Tricks und Lügen eine Anstellung verschafft. Schwertwerfer, fürwahr. Lorcan blieb draußen vor der Taverne, Marion an seiner Seite. Eine kleine Zirkustruppe – daher der Mangel an Geld – und eine, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, begriff er, als die beiden gelb angestrichenen Wagen klappernd und schwankend in Sicht kamen, gezogen von vier Kleppern. Er beobachtete aufmerksam, wie Molly auf den Fahrersitz neben die schwarzhaarige Schönheit kletterte, die ihm nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenkte. Nun, Marion als seine gottverdammte Ehefrau zu haben, verhinderte gewiss alles, was über bloße Wertschätzung vonseiten der atemberaubenden Frau hinausging. Es kostete ihn Mühe, nicht zu knurren. Er war jetzt seit Monaten mit keiner Frau mehr zusammen gewesen. Und natürlich – natürlich –, wenn er dann mal Zeit und Interesse an einer Frau hatte … dann nur, um von den Lügen einer anderen gefesselt zu sein. Seiner Ehefrau. Nicht dass Marion nicht schön anzusehen gewesen wäre, bemerkte er, als sie Mollys gebelltem Befehl gehorchte, hinten in den zweiten Wagen einzusteigen. Marion ergriff die ausgestreckte Hand des bärtigen Mannes und er zog sie mühelos in den Wagen. Einige der anderen Truppenmitglieder folgten auf jämmerlichen Pferden. Lorcan ging hinterher und musterte jeden in der Gruppe, jeden in dieser provisorischen kleinen Gemeinschaft. Etliche der Männer und einige der Frauen waren auf Marion aufmerksam geworden, als sie vorbeigegangen war. Das süße Gesicht zusammen mit den sündhaften Kurven – und ohne das Humpeln, die Haare nicht vorm Gesicht hängend … sie wusste genau, was sie tat. Wusste, dass die Leute diese Dinge registrieren würden, dass sie davon abgelenkt werden würden, statt ihren schlauen Kopf und die Lügen, mit denen sie sie gefüttert hatte, zu bemerken. Lorcan ignorierte die Hand, die der bärtige Mann ihm hinstreckte, und sprang hinten auf den Wagen, rief sich ins Gedächtnis, sich dicht neben Marion zu setzen, einen Arm um ihre knochigen Schultern zu legen und erleichtert und glücklich darüber zu wirken, wieder bei einer Truppe zu sein. Der Wagen war mit Vorräten beladen, und mit fünf weiteren Personen, die Marion alle anlächelten – und den Blick dann schnell von ihm abwandten. Marion legte ihm eine Hand aufs Knie und Lorcan unterdrückte den Impuls zusammenzuzucken. Es war vorhin ein Schock gewesen zu spüren, wie rau diese zarten Hände waren. Nicht bloß eine Gefangene in Morath – sondern eine Sklavin. Die Schwielen waren alt und flächig genug, dass sie wahrscheinlich jahrelang geschuftet hatte. Harte Plackerei, so wie es aussah – und mit diesem zerstörten Bein … Er versuchte, nicht an den Stich von Furcht und Schmerz zu denken, den er in ihrem Geruch wahrgenommen hatte, als sie ihm erzählt hatte, wie wenig sie an die Güte und den Anstand von Männern glaubte. Er ließ seine Fantasie nicht allzu weit in die Frage eintauchen, warum sie so empfinden mochte. Im Wagen war es heiß, die Luft geschwängert von menschlichem Schweiß, dem Geruch von Heu und von Pferden, die vor ihnen eingespannt waren, außerdem vom Eisen der Waffen. »Ihr habt wohl nicht viele Habseligkeiten?«, erkundigte sich der bärtige Mann – Nik hatte er sich genannt. Mist. Er hatte vergessen, dass Menschen mit so viel Gepäck reisten, als würden sie irgendwohin umziehen … »Wir haben das meiste auf unserer Reise verloren. Mein Mann «, sagte Marion mit entzückendem Verdruss, »hat darauf bestanden, an einem rauschenden Fluss überzusetzen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass er sich überhaupt die Mühe gemacht hat, mir aus dem Wasser zu helfen, da er gewiss nicht versucht hat, unsere Vorräte zu retten.« Ein leises Kichern von Nik. »Ich vermute, er war mehr darauf versessen, dich zu retten als die Gepäckstücke.« Marion verdrehte die Augen und tätschelte Lorcans Knie. Er wand sich beinahe bei jeder Berührung. Selbst mit seinen Geliebten hatte er außerhalb des Bettes nie beiläufige, achtlose Berührungen geduldet. Manche hatten das unerträglich gefunden. Andere hatten geglaubt, sie könnten einen anständigen Mann aus ihm machen, der einfach ein Zuhause wollte und eine gute Frau, die an seiner Seite arbeitete. Keine von ihnen hatte Erfolg gehabt. »Ich kann mich selbst retten«, verkündete Marion frohgemut. »Aber seine Wurfschwerter, unser Kochgeschirr, meine Kleider …« Ein Kopfschütteln. »Seine Nummer mag ein wenig glanzlos sein, bis wir irgendwo weitere Ausrüstung kaufen können.« Nik sah Lorcan in die Augen und hielt seinem Blick viel länger stand, als die meisten Männer es wagten. Lorcan war sich nicht sicher, was Nik für den Zirkus tat. Er trat wahrscheinlich ab und an auf, wenn gerade Not am Mann war, aber auf jeden Fall war er für ihre Sicherheit zuständig. Niks Lächeln wurde ein wenig schwächer. »Das Land jenseits der Fangs ist nicht sehr freundlich. Eure Leute müssen ziemlich hartgesotten sein, um dort draußen zu leben.« Lorcan nickte. »Ein härteres Leben«, sagte er, »als ich es mir für meine Frau wünsche.« »Das Leben auf der Straße ist nicht viel besser«, konterte Nik. »Ah«, meldete Marion sich zu Wort, »aber das ist es doch, oder? Ein Leben unter freiem Himmel und auf offener Straße, zu wandern, wo der Wind dich hinführt, nichts und niemandem Rede und Antwort stehen zu müssen? Ein Leben der Freiheit …« Sie schüttelte den Kopf. »Was könnte ich mir mehr wünschen, als ein Leben zu führen, das von keinen Käfigen begrenzt wird?« Lorcan wusste, dass diese Worte keine Lüge waren. Er hatte ihr Gesicht gesehen, als sie ihren ersten Blick auf die grasbewachsene Ebene geworfen hatten. »So spricht nur jemand, der lange genug auf der Straße unterwegs war«, sagte Nik. »Für unseresgleichen gibt es immer nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wird irgendwann sesshaft oder man wandert ewig weiter.« »Ich will das Leben sehen – die Welt sehen«, erklärte Marion, und ihre Stimme wurde sanfter. »Ich will alles sehen.« Lorcan fragte sich, ob Marion dazu überhaupt je Gelegenheit bekommen würde, sollte er mit seiner Aufgabe scheitern, sollte der Wyrdschlüssel, den er bei sich trug, in die falschen Hände geraten. »Besser, ihr wandert nicht zu weit«, meinte Nik stirnrunzelnd. »Nicht nach dem, was in Rifthold geschehen ist – oder was sich da unten in Morath zusammenbraut.« »Was ist in Rifthold geschehen?«, fiel ihm Lorcan ins Wort, so scharf, dass Marion sein Knie drückte. Nik kratzte sich müßig seinen goldgelben Bart. »Die ganze Stadt ist zerstört worden – überrannt, heißt es, von fliegenden Gräueln mit Dämoninnen als ihren Reitern. Hexen, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf. Ironteeth, wie direkt aus den Legenden.« Ein Schaudern. Heilige Götter. Die Zerstörung musste einen ungeheuren Anblick geboten haben. Lorcan zwang sich zuzuhören, sich zu konzentrieren und nicht anzufangen, Opferzahlen auszurechnen und zu überlegen, was das für diesen Krieg bedeuten würde, während Nik weitersprach: »Kein Wort von dem jungen König. Aber die Stadt gehört den Hexen und ihren Bestien. Es heißt, jetzt nach Norden zu reisen sei wie eine Todesfalle; nach Süden zu reisen auch … also« – ein Achselzucken – »reisen wir nach Osten. Vielleicht können wir einen Weg finden, an dem vorbeizukommen, was immer in beiden Richtungen lauert. Vielleicht kommt Krieg und wir werden in alle Winde zerstreut werden.« Nik musterte ihn. »Männer wie du und ich werden vielleicht zwangsrekrutiert.« Lorcan verkniff sich ein Grinsen. Niemand konnte ihn zu irgendetwas zwingen – bis auf eine einzige Person, und die … seine Brust schnürte sich zusammen. Es war das Beste, nicht an seine Königin zu denken. »Du glaubst, eine der beiden Seiten würde das tun? Männer zum Kämpfen zwingen?«, hauchte Marion atemlos. »Keine Ahnung«, erwiderte Nik. Der Geruch und das Rauschen des Flusses waren jetzt so überwältigend, dass Lorcan wusste, dass sie kurz vor der Zollstation waren. Er griff in seine Jacke nach dem Geld, das Molly verlangt hatte; viel mehr, als ihr Anteil eigentlich sein sollte, aber es kümmerte ihn nicht. Diese Leute konnten zur Hölle fahren, sobald Marion und er sicher in den endlosen Ebenen versteckt waren. »Herzog Perringtons Streitkräfte werden uns vielleicht nicht einmal haben wollen, wenn sie Hexen und Bestien auf ihrer Seite haben.« Und Schlimmeres, wollte Lorcan am liebsten hinzufügen. Wyrdhunde und Ilken und die Götter allein mochten wissen, was sonst noch. »Was ist mit Aelin Galathynius?«, überlegte Nik laut. Marions Hand erschlaffte auf Lorcans Knie. »Wer weiß, was sie tun wird. Sie hat nicht um Hilfe gerufen, hat keine Soldaten gebeten, zu ihr zu kommen. Und doch hatte sie Rifthold fest in der Hand – hat den König getötet und sein Schloss zerstört. Aber sie hat die Stadt zurückgegeben.« Die Bank unter ihnen ächzte, als Marion sich vorbeugte. »Was weißt du über Aelin?« »Gerüchte, hier und da.« Nik zuckte die Achseln. »Es heißt, sie sei schön wie die Sünde – und kälter als Eis. Es heißt, sie sei eine Tyrannin, ein Feigling, eine Hure. Es heißt, sie sei von den Göttern gesegnet – oder von den Göttern verdammt. Wer weiß? Neunzehn scheint mir schrecklich jung zu sein für eine solche Bürde … den Gerüchten zufolge ist ihr Hof jedoch stark. Eine Gestaltwandlerin gibt ihr Rückendeckung – und zwei Kriegerprinzen flankieren sie.« Lorcan dachte an diese Gestaltwandlerin, die sich nicht nur einmal, sondern zweimal kurzerhand über ihn erbrochen hatte; dachte an diese beiden Kriegerprinzen … einer von ihnen Gavriels Sohn. »Wird sie uns alle retten oder uns alle verdammen?«, überlegte Nik weiter, während er jetzt die gewundene Wagenschlange hinter ihnen überwachte. »Ich weiß nicht, ob mir der Gedanke wirklich gefällt, dass alles in ihren Händen liegt, aber … wenn sie gewinnt, wird das Land sich vielleicht erholen – wird das Leben vielleicht besser. Und wenn sie scheitert … vielleicht werden wir es dann alle ohnehin verdienen, verdammt zu werden.« »Sie wird gewinnen«, versetzte Marion mit stiller Kraft. Nik sah sie überrascht an. Männer riefen durcheinander und Lorcan sagte: »Ich würde ein andermal über sie weiterreden.« Stiefel knirschten, dann spähten uniformierte Männer in den Wagen. »Raus«, befahl einer. »In einer Reihe aufstellen.« Der Blick des Mannes blieb auf Marion hängen. Lorcan legte den Arm fester um sie, als ein hässliches, allzu vertrautes Leuchten in die Augen des Soldaten trat. Lorcan verkniff sich sein Knurren und sagte zu ihr: »Komm mit, Eheweib.« Da bemerkte der Soldat auch ihn. Er wich einen Schritt zurück, ein wenig bleich, dann befahl er, die Vorräte zu durchsuchen. Lorcan sprang als Erster vom Wagen und legte Marion die Hände um die Taille, als er ihr herunterhalf. Als sie Anstalten machte, einen Schritt zurückzutreten, zog er sie wieder an sich, einen Arm über ihren Bauch gelegt. Er sah allen Soldaten, die vorbeikamen, in die Augen und fragte sich, wer die dunkelhaarige Schönheit vorn im Wagen beschützen würde. Einen Moment später erschienen sie und Molly. Ein dunkler, breitkrempiger Hut saß schräg auf dem Kopf der Schönheit, die Hälfte ihres hellbraunen Gesichtes verborgen, ihr Körper versteckt unter einem schweren Mantel, der den Blick von jedweden femininen Kurven ablenkte. Selbst ihr Mund war unschön verzogen – als wäre die Frau gänzlich in die Haut einer anderen Person geschlüpft. Trotzdem schob Molly die Frau zwischen Lorcan und Nik. Dann nahm sie den Geldbeutel aus Lorcans freier Hand, ohne auch nur Danke zu sagen. Die dunkelhaarige Schönheit beugte sich vor, um Marion zuzuflüstern: »Schau ihnen nicht in die Augen und gib keine Widerworte.« Marion nickte und senkte den Kopf, um auf den Boden zu starren. Lorcan konnte ihr rasendes Herz neben sich spüren – wild, trotz der ruhigen, unterwürfigen Haltung, die in jeder Linie ihres Körpers zu lesen war. »Und du«, zischte die Schönheit ihn an, während die Soldaten ihre Sachen durchsuchten – und sich nahmen, was sie wollten. »Molly sagt, wenn du dich auf einen Kampf einlässt, bist du raus, und wir werden keine Kaution für dich bezahlen, um dich aus dem Gefängnis zu holen. Also lass sie reden und lachen, aber misch dich nicht ein.« Lorcan rang mit sich, ob er sagen sollte, dass er diese ganze Garnison niedermetzeln könnte, wenn ihm danach war, doch er nickte nur. Nach fünf Minuten wurde ein weiterer Befehl gebrüllt. Molly überreichte den Männern Lorcans Geld und ihre eigenen Münzen für den Zoll, plus einer Dreingabe für »beschleunigte Passage«. Dann saßen sie alle wieder im Wagen und keiner von ihnen wagte nachzuschauen, was gestohlen worden war. Marion zitterte leicht an seiner Seite. Die Wachen hatten sie nicht einmal befragt – hatten sich nicht nach einer hinkenden Frau erkundigt. Der Acanthus brüllte unter ihnen, als sie die Brücke überquerten und die Wagenräder über uralte Steine klapperten. Marion zitterte immer noch. Lorcan betrachtete ihr Gesicht – den Anflug von Rot auf ihren hohen Wangenknochen, ihre zusammengekniffenen Lippen. Kein Zittern vor Angst, begriff er, als er ihren Duft auffing. Eine Spur Furcht vielleicht, aber vor allem etwas rot Glühendes, etwas Wildes und Tobendes und … Zorn. Es war brodelnde Wut, wegen der sie zitterte. Wut wegen der Inspektion, wegen der lüsternen Blicke der Wachen. Eine Idealistin – Marion war eine Idealistin. Jemand, der für seine Königin kämpfen wollte, der genau wie Nik glaubte, dass diese Welt besser sein könnte. Als sie die Brücke hinter sich hatten, ließen die Soldaten sie ohne weitere Umstände passieren, und sie zogen an der Schlange auf dieser Seite vorbei, bis sie in die Ebene kamen. Lorcan fragte sich, was es mit diesem Zorn auf sich hatte, mit diesem Glauben an eine bessere Welt. Ihm war nicht danach zumute, Marion oder Nik zu erklären, dass ihre Träume die Träume von Narren waren. Marion hatte sich etwas entspannt und spähte aus dem Wagen, auf die Gräser links und rechts der breiten, unbefestigten Straße, den blauen Himmel, den tosenden Fluss und den hohen, ausgedehnten Oakwald hinter ihnen. Und trotz all ihrer Wut füllten sich ihre dunklen Augen mit einem zaghaften Staunen. Er ignorierte es. Lorcan hatte fünfhundert Jahre lang das Schlimmste und das Beste in Menschen gesehen. Es gab so etwas wie eine bessere Welt nicht – so etwas wie ein glückliches Ende. Denn es gab überhaupt kein Ende. Und in diesem Krieg wartete nichts auf sie, wartete auf ein entflohenes Sklavenmädchen gar nichts, außer einem flachen Grab. 20 R owan Whitethorn brauchte nur einen Platz zum Ausruhen. Es war ihm egal, ob es ein Bett war oder ein Haufen Stroh oder ob er bei einem Pferd im Stall schlief. Solange es ruhig war und ein Dach hatte, das die peitschenden Regengüsse abhielt, war es ihm gleichgültig. Skull’s Bay entsprach dem, was er erwartet hatte, und doch auch wieder nicht. Baufällige bunte Häuser, deren Farbe größtenteils abgeblättert war, voll hektischer Betriebsamkeit, als die Bewohner ihre Fensterläden schlossen und die Wäsche von den Leinen vor dem Sturm in Sicherheit brachten. Es war dieser Sturm, der Rowan und Dorian wenige Minuten zuvor in den Hafen gejagt hatte. Mit hochgezogenen Kapuzen und in ihre Umhänge gehüllt, hatte niemand ihnen irgendwelche Fragen gestellt, nachdem Rowan dem Hafenmeister eine Kupfermünze mit eingestanzter Fünf zugeworfen hatte. Genug, dass der Mann den Mund hielt, aber nicht genug, um irgendwelche Diebe anzulocken, die die Docks beobachteten. Dorian hatte jetzt schon zweimal geäußert, dass er nicht verstand, wie Rowan immer noch funktionieren konnte. Um ehrlich zu sein, Rowan verstand es auch nicht. Er hatte sich im Laufe der vergangenen Tage immer nur wenige Stunden Schlaf am Stück gestattet. Ein Zustand absoluter Erschöpfung drohte – und untergrub zunehmend seine Kontrolle über seine Magie, seine Konzentration. Wenn Rowan nicht mit den Winden gerungen hatte, um ihre Barke durch die warmen, aufgewühlten Gewässer des Archipels der Dead Islands zu manövrieren, hatte er hoch über ihnen geschwebt, um nach anrückenden Feinden Ausschau zu halten. Er hatte keine gesehen. Nur türkisfarbenes Meer und weißen Sand, der mit dunklen vulkanischen Steinen gesprenkelt war. All das umgab die dichten, smaragdgrünen Wälder auf den bergigen Inseln, die sich erstreckten, so weit selbst das Auge eines Habichts reichte. Donner grollte über Skull’s Bay und das türkisfarbene Meer jenseits des Hafens schien aufzuleuchten, als hätten ferne Blitzeinschläge den ganzen Ozean erhellt. Am Kai befand sich eine kobaltblau gestrichene Taverne, die kaum bewacht schien, selbst als der Sturm sich näherte. Der Meeresdrache. Rolfes Hauptquartier, benannt nach seinem Schiff. Rowan überlegte, einfach direkt darauf zuzugehen, nur zwei Reisende, die sich verirrt hatten und Zuflucht vor dem Sturm suchten. Aber er und der junge König hatten sich für einen anderen Weg entschieden, während der vielen Stunden, in denen er sein Versprechen eingelöst und Dorian in der Magie unterwiesen hatte. Sie hatten immer nur wenige Minuten am Stück geübt – aus Sorge, Dorians Magie könnte das kleine Boot zertrümmern, wenn seine Macht ihre Fesseln sprengte. Also waren es Übungen mit Eis gewesen: einen Ball aus Frost in seiner Hand zu beschwören und schmelzen zu lassen. Immer wieder und wieder. Selbst jetzt beugte und entspannte der König die Finger, während er wie ein Fels inmitten des Stroms von Leuten stand, die ihre Waren vor dem Zorn des Sturms einholten. Dorian überließ es Rowan, sich zu sammeln, während er über die hufeisenförmige Bucht zu der gigantischen Kette schaute, die sich quer vor die Mündung der Bucht spannte – gegenwärtig unterhalb der Wasseroberfläche. Schiffsbrecher wurde die Kette genannt. Mit Muscheln verkrustet und mit Girlanden aus Algen drapiert, war sie mit je einem Wachturm zu beiden Seiten der Bucht verbunden, wo Wachen das Heben und Senken der Kette veranlassten, um Schiffe hinauszulassen. Oder um Schiffe festzuhalten, bis sie die hohen Zölle bezahlt hatten. Sie hatten Glück gehabt, dass die Kette in Erwartung des Sturms bereits heruntergelassen worden war. Denn ihr Plan, sich zu erkennen zu geben, sollte ruhig vonstattengehen. Diplomatisch. Das musste auch so sein, wenn man bedachte, was Aelin vor zwei Jahren in Skull’s Bay angerichtet hatte. Sie hatte diese Kette zerstört und einen der inzwischen wieder aufgebauten Wachtürme (Rolfe, so schien es, hatte seither auf der anderen Seite der Bucht einen Schwesterturm erbaut). Und die halbe Stadt gleich mit. Außerdem hatte sie die Ruder an jedem Schiff im Hafen sabotiert, einschließlich des Ruders an Rolfes kostbarer Meeresdrache. Rowan war davon nicht überrascht, aber das Ausmaß der Hölle zu sehen, die sie entfesselt hatte … heilige Götter. Also würde die Meldung von Dorians Ankunft das Gegenteil davon sein müssen. Sie würden sich Zimmer in einem ehrbaren Gasthaus nehmen und dann darum bitten, von Rolfe empfangen zu werden. Geziemend und würdevoll. Rowan suchte rasch die Straße vor ihnen ab, während er seine Kapuze festhielt, damit der Wind sein Fae-Erbe nicht preisgab. Am Ende des Häuserblocks lag ein smaragdgrün gestrichenes Gasthaus, dessen vergoldetes Schild im wilden Wind klapperte. DIE OZEANROSE . Das beste Gasthaus in der Stadt, hatte der Hafenmeister behauptet. Sie mussten zumindest den Anschein erwecken, als könnten sie das Geld aufbringen, das sie Rolfe anbieten würden. Und sie mussten sich ausruhen, sei es auch nur für ein paar Stunden. Rowan ging darauf zu, erleichtert, bald ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben, und sah sich kurz um, damit der König ihm folgte. Aber als wollten die Götter selbst ihn auf die Probe stellen, peitschte ihm eine vom Regen abgekühlte Windböe ins Gesicht und irgendeiner seiner Fae-Sinne erwachte prickelnd zum Leben. Eine Veränderung in der Luft. Wie eine gewaltige Ansammlung von Macht in der Nähe, die ihm und Dorian winkte. Das Messer lag sofort in seiner nassen Hand, während er die Dächer absuchte und nur Regenschwaden fand. Rowan brachte seine Gedanken zur Ruhe und lauschte auf die Stadt und den Sturm um sie herum. Dorian wischte sich sein tropfnasses Haar aus dem Gesicht und öffnete den Mund, um zu sprechen – bis er das Messer bemerkte. »Ihr spürt es ebenfalls.« Rowan nickte, während ihm der Regen von der Nase troff. »Was spürt Ihr?« Die rohe Macht des Königs mochte andere Gefühle wahrnehmen, andere Hinweise als das, was sein Wind und Eis und Instinkt aufspüren konnten. Aber ohne Übung war es vielleicht nicht deutlich. »Es fühlt sich … alt an.« Dorian krümmte sich, erhob die Stimme über den Sturm und sagte: »Wild. Skrupellos. Mehr kann ich nicht erkennen.« »Erinnert es Euch an die Valg?« Wenn es eine Person gab, die das wusste, dann der König vor ihm. »Nein«, antwortete Dorian und horchte in sich hinein. »Die Valg haben meine Magie gegen sich aufgebracht. Dieses Ding dort draußen … es macht meine Magie bloß neugierig. Misstrauisch, aber neugierig. Doch es ist getarnt – irgendwie.« Rowan schob sein Messer zurück in die Scheide. »Dann haltet Euch dicht an meiner Seite und bleibt wachsam.« *** Dorian war noch nie an einem Ort wie Skull’s Bay gewesen. Selbst in dem schweren Regen, der auf sie niederprasselte, während sie entlang der Hauptstraße der Quelle dieser Macht nachjagten, staunte er über die Mischung aus Gesetzlosigkeit und absoluter Ordnung in der Inselstadt. Sie beugte sich keinem Herrscher von königlichem Geblüt – doch sie wurde von einem Piratenlord regiert, der sich dank seiner Hände, auf die eine Karte der Weltmeere tätowiert war, seinen Weg zur Macht erkämpft hatte. Es war eine Karte, so behaupteten Gerüchte, die ihm offenbart hatte, wo Feinde, Schätze und Stürme auf ihn warteten. Der Preis: seine unsterbliche Seele. Aelin hatte einmal bestätigt, dass Rolfe tatsächlich seelenlos und tatsächlich tätowiert war. Was die Karte betraf … sie hatte die Achseln gezuckt und gesagt, Rolfe behaupte, sie habe aufgehört, sich zu bewegen, als die Magie verschwunden war. Dorian fragte sich, ob diese Karte jetzt anzeigte, dass er und Rowan durch seine Stadt gingen – ob sie sie als Feinde auswies. Vielleicht würde Aelins Ankunft bekannt werden, lange bevor sie einen Fuß auf diese Insel setzte. In ihre Kapuzenumhänge gehüllt und gründlich durchnässt, drehten Dorian und Rowan eine weite Runde durch die umliegenden Straßen. Die Leute waren schnell verschwunden und die Schiffe im Hafen schaukelten wild, während die Wellen über den breiten Kai auf die Pflastersteine schwappten. Palmen bogen sich im Sturm und nicht einmal Möwen regten sich. Seine Magie schlief weiter und rumorte nur, wenn er sich wegen eines lauten Geräuschs aus den Tavernen, Gasthäusern, Wohnhäusern und Läden, an denen sie vorbeikamen, versteifte. Neben ihm pflügte Rowan durch den Sturm, Regen und Wind schienen sich für ihn zu teilen. Sie erreichten wieder den Kai und Rolfes gewaltiges, kostbares Schiff ragte im wogenden Wasser auf, die Segel eingeholt. Wenigstens war Rolfe hier. Wenigstens das lief gut. Dorian war so beschäftigt damit, das Schiff zu betrachten, dass er beinahe gegen Rowans Rücken lief, als der Kriegerprinz unvermittelt stehen blieb. Er taumelte rückwärts und Rowan verkniff sich gnädigerweise jede Bemerkung und betrachtete nur das Gebäude, das seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Dorians Magie merkte auf wie ein erschrockenes Reh. »Ich sollte nicht einmal überrascht sein«, brummte Rowan und das blau gestrichene Schild klapperte über dem Taverneneingang im Wind. DER MEERESDRACHE . Zwei Wachen standen ein paar Häuser weiter – nicht als Wachen erkennbar an irgendwelchen Uniformen, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie in diesem Sturm draußen standen, die Hände auf ihre Schwerter gelegt. Rowan neigte den Kopf und Dorian wusste, dass der Prinz wahrscheinlich gerade darüber nachsann, ob es sich lohnte, die Männer in das brodelnde Hafenbecken zu werfen. Aber niemand hielt sie auf, als Rowan Dorian einen warnenden Blick zuwarf und die Tür zu der persönlichen Taverne des Piratenlords öffnete. Goldenes Licht, der Geruch nach Gewürzen und polierte Holzböden und Wände begrüßten sie. Die Taverne war trotz des Sturms leer. Absolut leer, bis auf ungefähr ein Dutzend Tische. Rowan schloss die Tür hinter Dorian, schaute sich um und betrachtete die kleine Treppe im hinteren Teil des Raums. Von ihrer Position aus konnte Dorian die großen Buchstaben sehen, die auf den meisten Tischen prangten. Sturmjäger. Lady Ann. Tigerstern. Die Hecks von Schiffen. Jeder Tisch bestand aus einem solchen. Sie stammten nicht von Wracks. Nein, dies war ein Raum voller Trophäen – eine Erinnerung für jene, die sich mit dem Piratenlord trafen, wie genau er zu seiner Krone gelangt war. Alle Tische schienen um einen im hinteren Teil des Raums zentriert zu sein, der größer und abgenutzter war als die anderen. Drescher. Die riesigen Planken waren voller Brandmale und Kerben – aber die Buchstaben waren lesbar geblieben. Als wollte Rolfe niemals vergessen, welches Schiff er als seinen persönlichen Esstisch benutzte. Aber was den Mann selbst betraf und diese Macht, die sie gespürt hatten … von beidem gab es keine Spur. Eine Tür hinter der Theke wurde geöffnet und eine schlanke, braunhaarige junge Frau trat ein. Ihre Schürze wies sie als Schankmädchen aus, aber ihre Schultern waren gestrafft und der Kopf hocherhoben – die grauen Augen scharf und klar, als sie sie unbeeindruckt musterte. »Er hat sich schon gefragt, wann ihr schnüffeln kommen würdet«, bemerkte sie mit einem kräftigen Akzent – wie dem von Aedion. »Ach ja?«, erwiderte Rowan einsilbig. Das Schankmädchen deutete mit ihrem zarten Kinn auf die schmale Holztreppe im hinteren Teil des Raums. »Der Kapitän will Euch sehen – in seinem Arbeitszimmer. Ein Stockwerk höher, zweite Tür.« »Warum?« Selbst Dorian wusste, dass man diesen Ton nicht ignorieren sollte. Aber das Mädchen griff nur nach einem Glas, hielt es ins Kerzenlicht, um nach Flecken zu suchen, und zog einen Lappen aus ihrer Schürze. Um ihre beiden gebräunten Unterarme schlängelten sich wie Zwillinge Tätowierungen von brüllenden, grauen Meeresdrachen und die Bestien schienen sich zu winden, wenn sie ihre Muskeln anspannte. Die Farbe ihrer Schuppen, begriff er, passten perfekt zu den Augen des Schankmädchens, als sie erneut den Blick über Dorian und Rowan huschen ließ und kühl entgegnete: »Lasst ihn nicht warten.« *** Als sie die knarrende, dunkle Treppe hinaufstiegen, flüsterte Dorian Rowan zu: »Es könnte eine Falle sein.« »Gut möglich«, antwortete Rowan ebenso leise. »Aber bedenkt, dass es uns erlaubt wurde, zu ihm zu kommen. Wenn es eine Falle wäre, wäre es klüger gewesen, uns zu überrumpeln.« Dorian nickte und etwas in seiner Brust entspannte sich. »Und was ist mit Euch – Eurer Magie geht es … besser?« Das harte Gesicht gab nichts preis. »Ich werde zurechtkommen.« Keine richtige Antwort. Im Flur des ersten Stockwerks waren vier junge Männer mit stahlharten Augen postiert worden, ein jeder bewaffnet mit prächtigen Schwertern, deren Griffe wie angreifende Meeresdrachen geformt waren – eindeutig das Wahrzeichen ihres Kapitäns. Keiner machte sich die Mühe zu sprechen, als Dorian und Rowan zu der Tür gingen, zu der man sie gewiesen hatte. Der Fae-Prinz klopfte einmal an. Ein Grunzen war alles, was sie als Antwort bekamen. Dorian wusste nicht, wie er sich den Piratenlord vorgestellt hatte. Aber jedenfalls nicht wie einen dunkelhaarigen Mann, kaum älter als dreißig, wenn überhaupt, der sich vor einer regennassen gewölbten Fensterfront auf einer Chaiselongue aus rotem Samt lümmelte. 21 D er Piratenlord von Skull’s Bay drehte sich auf seiner Chaiselongue nicht um. Auf dem verschlissenen, kobaltblauen Teppich vor ihm lagen stapelweise Papiere. Nach den ordentlichen Spalten zu urteilen, die Dorian von der Tür des Arbeitszimmers aus gerade eben erkennen konnte, schienen es Papiere voller Frachtlisten oder Kostenaufstellungen zu sein – zu Unrecht erworbener Waren oder auch nicht. Ungerührt beobachtete Rolfe weiterhin durchs Fenster die Schiffe, die im Hafen auf und ab hüpften. Rolfe hatte wahrscheinlich nicht wegen irgendeiner magischen Karte von ihrer Ankunft erfahren, sondern weil er hier oben gesessen hatte. Tatsächlich schmückten Handschuhe aus dunklem Leder – das Material vom Alter vernarbt und rissig – seine Hände. Keine Spur der legendären Tätowierungen darunter erkennbar. Rowan bewegte sich nicht; blinzelte kaum, als er den Kapitän betrachtete, das Arbeitszimmer. Dorian selbst war hinreichend mit politischen Manövern vertraut, um sich mit der Bedeutung von Schweigen auszukennen – der Macht, die darin lag, wer als Erster sprach. Der Macht, die darin lag, jemanden warten zu lassen. Nur der Regen füllte die Stille im Raum. Kapitän Rolfe tippte mit einem behandschuhten Finger auf die Armlehne der Chaiselongue, beobachtete noch einen Moment länger das Geschehen im Hafen – als wollte er sich davon überzeugen, dass die Meeresdrache immer noch auf dem Wasser trieb – und wandte sich endlich zu ihnen um. »Nehmt Eure Kapuzen ab. Ich will wissen, mit wem ich rede.« Dorian versteifte sich bei dem Befehl, aber Rowan antwortete: »Euer Schankmädchen hat angedeutet, dass Ihr ganz genau wisst, wer wir sind.« Ein schiefes Lächeln umspielte Rolfes Mundwinkel, an deren linker Seite oben eine kleine Narbe war. Hoffentlich nicht von Aelin. »Mein Schankmädchen redet zu viel.« »Warum behaltet Ihr sie dann?« »Hübsch anzusehen – schwer zu kriegen in dieser Stadt«, erwiderte Rolfe und erhob sich geschmeidig von der Chaiselongue. Er war ungefähr so groß wie Dorian und trug schlichte, aber gut geschneiderte, schwarze Kleidung. An seiner Seite hing ein eleganter Stoßdegen, zusammen mit einem dazu passenden Parierdolch. Rowan schnaubte, aber zu Dorians Überraschung zog er seine Kapuze herunter. Rolfes meergrüne Augen loderten auf – zweifellos angesichts des silbernen Haares, der spitz zulaufenden Ohren und der leicht verlängerten Eckzähne. Oder der Tätowierung. »Ein Mann, der Tinte genauso gern mag wie ich«, bemerkte Rolfe mit einem anerkennenden Nicken. »Ich denke, Ihr und ich, wir werden bestens miteinander auskommen, Prinz.« »Ich bin kein Mann«, verbesserte Rowan ihn. »Männliche Fae sind keine menschlichen Männer.« »Haarspalterei«, erwiderte Rolfe und sah sich nun Dorian genauer an. »Ihr seid also der König, dessentwegen alle ganz aus dem Häuschen sind.« Dorian zog endlich seine Kapuze zurück. »Und wenn schon?« Mit seiner behandschuhten Hand zeigte Rolfe auf einen mit Papie ren bedeckten Schreibtisch und zwei gepolsterte Sessel davor. Wie der Mann selbst, war der Schreibtisch elegant, aber abgenutzt – entweder vom Alter, durch ausgiebige Benutzung oder vergangene Schlachten. Und warum diese Handschuhe? Um die auf den Händen eintätowierte Karte zu verbergen? Rowan bedeutete Dorian mit einem Nicken, Platz zu nehmen. Die Flammen der Kerzen, die überall brannten, flackerten, als sie daran vorbeigingen und ihre Sessel zurechtrückten. Rolfe ging um die Stapel Papiere auf dem Boden herum und setzte sich an den Tisch. Sein geschnitzter Stuhl mit der hohen Rückenlehne konnte ebenso gut ein Thron aus einem fernen Königreich sein. »Ihr wirkt bemerkenswert gelassen für einen König, den man soeben zu einem Verräter an seiner Krone erklärt und seines Throns beraubt hat.« Dorian war froh, dass er gerade damit beschäftigt war, sich hinzusetzen. Rowan zog eine Braue hoch. »Sagt wer?« »Sagen die Boten, die gestern eingetroffen sind«, antwortete Rolfe, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Herzog Perrington – oder sollte ich ihn jetzt König Perrington nennen? – hat ein Dekret erlassen, unterschrieben von der Mehrheit der adarlanischen Lords und Ladys, in dem er Euch , Majestät, als einen Feind Eures Königreichs bezeichnet und behauptet, er habe Rifthold aus Euren Krallen befreit, nachdem Ihr und die Königin von Terrasen in diesem Frühjahr so viele Unschuldige abgeschlachtet hättet. Das Dekret verlautbart außerdem, dass jeder, der mit Euch im Bunde ist« – ein Nicken in Rowans Richtung –, »ein Feind sei. Und dass Ihr von Perringtons Armeen zermalmt würdet, wenn Ihr Euch nicht stellt.« Stille füllte seinen Kopf. Rolfe sprach weiter, vielleicht eine Spur sanfter: »Euer Bruder ist zu Perringtons Erben und Kronprinz ernannt worden.« Oh, Götter. Hollin war ein Kind und doch … war irgendetwas in ihm verdorben, schwärte … Er hatte sie dort zurückgelassen. Statt sich um seine Mutter und seinen Bruder zu kümmern, hatte er sie angewiesen, in den Bergen zu bleiben. Wo sie jetzt wie Lämmer waren, umgeben von Wölfen. Er wünschte, Chaol wäre bei ihm gewesen. Wünschte, dass die Zeit einfach stehen blieb , damit er all diese zersplitterten Scherben seiner selbst sortieren und sie in irgendeine Ordnung bringen konnte, wenn er sie schon nicht richtig zusammensetzen konnte. Rolfe sagte: »Nach dem Ausdruck auf Eurem Gesicht zu urteilen, vermute ich, dass Eure Ankunft hier wirklich mit der Tatsache zu tun hat, dass Rifthold jetzt in Schutt und Asche liegt, während seine Bewohner überall dorthin flüchten, wo sie Unterschlupf finden.« Dorian verbannte die tückischen Gedanken und erwiderte gedehnt: »Ich bin hergekommen, um zu erfahren, auf welcher Seite Ihr steht, Kapitän, in Bezug auf diesen Konflikt.« Rolfe beugte sich vor und stützte die Unterarme auf den Schreibtisch. »Dann müsst Ihr in der Tat verzweifelt sein.« Ein Blick auf Rowan. »Und ersehnt Eure Königin meine Hilfe genauso verzweifelt?« »Meine Königin«, entgegnete Rowan, »ist nicht Thema dieses Gesprächs.« Rolfe grinste Dorian nur an. »Ihr möchtet wissen, auf welcher Seite ich stehe? Ich stehe auf der Seite, die sich verdammt noch mal aus meinem Gebiet fernhält.« »Gerüchten zufolge«, konterte Rowan glattzüngig, »ist der östlichste Teil dieses Archipels gar nicht mehr Euer Gebiet.« Rolfe hielt Rowans Blick stand. Ein Moment verstrich. Dann noch einer. In Rolfes Kiefer zuckte ein Muskel. Dann zog er seine Handschuhe aus und zeigte Hände, die von den Fingerspitzen bis zum Gelenk tätowiert waren. Er drehte die Handflächen nach oben und offenbarte eine Karte der Inseln, und was … Dorian und Rowan beugten sich vor, als das blaue Wasser tatsächlich floss, darin kleine Punkte, die vorbeisegelten. Und an der östlichsten Spitze des Archipels, deren Wölbung ins Meer hinausragte … Dieses Wasser war grau, die Inseln von einem rötlichen Braun. Aber nichts bewegte sich – keinerlei Punkte deuteten auf Schiffe hin. Als wäre die Karte erstarrt. »Sie haben Magie, die sie abschirmt – selbst gegen das hier«, erklärte Rolfe. »Ich kann weder ihre Schiffe zählen noch Männer noch Tiere. Kundschafter kehren niemals zurück. Im letzten Winter haben wir ein Brüllen von den Inseln gehört – manchmal beinahe menschlich, manchmal ganz eindeutig nicht. Oft entdecken wir … Dinge, die auf diesen Felsen stehen. Männer, aber doch keine Männer. Wir haben es zu lange nicht beachtet – und den Preis dafür bezahlt.« »Tiere«, wiederholte Dorian. »Welche Art von Tieren?« Ein grimmiges Lächeln, die Narbe spannte sich. »Solche, bei denen Ihr darüber nachdenken würdet, von diesem Kontinent zu fliehen, Majestät.« Die herablassende Art brachte etwas in Dorians Temperament zum Reißen. »Ich bin durch mehr Albträume geschritten, als Euch klar ist, Kapitän.« Rolfe schnaubte, aber seine Augen wanderten zu der bleichen Linie um Dorians Kehle. Rowan lehnte sich mit träger Anmut in seinem Sessel zurück – ganz der Kriegskommandant. »Dann muss es ein solider Waffenstillstand sein, den Ihr haltet, wenn Ihr immer noch mit einem Minimum an Schiffen hier in Eurem Hafen lagert.« Rolfe zupfte nur an seinen abgetragenen Handschuhen. »Meine Flotte muss tatsächlich ab und zu auf einen kleinen Beutezug gehen. Um Rechnungen zu bezahlen und so.« »Bestimmt. Vor allem wenn Ihr vier Wachen bezahlt, um in Eurem Flur aufzupassen.« Dorian erriet Rowans Gedankengang und sagte zu dem Fae-Prinzen: »Ich habe keine Valg in der Stadt gewittert.« Nein, was immer diese Macht gewesen war … sie hatte sich inzwischen ins Nichts zerstreut. »Das liegt daran«, fiel Rolfe ihnen ins Wort, »dass wir die meisten von ihnen getötet haben.« Der Wind klapperte an den Fenstern und wischte den Regen über die Scheiben. »Und was die vier Männer im Flur betrifft – sie sind alles, was von meiner Mannschaft übrig geblieben ist. Dank der Schlacht, die wir zu Frühlingsbeginn ausfechten mussten, um diese Insel zurückzuerobern, nachdem Perringtons General sie uns gestohlen hatte.« Dorian fluchte leise. Der Kapitän nickte. »Aber ich bin wieder Piratenlord von Skull’s Bay, und wenn Morath sich mit den östlichen Inseln zufriedengibt, dann können Perrington und seine Tiere sie haben. Das Dead End besteht ohnehin aus kaum mehr als Höhlen und Felsen.« »Welche Art von Tieren?«, fragte Dorian noch einmal. Rolfes blassgrüne Augen verdüsterten sich. »Meeres-Wyvern. Hexen beherrschen den Himmel mit ihren Wyvern – aber diese Gewässer werden jetzt von Bestien beherrscht, die für Seeschlachten gezüchtet wurden, verdorbene Verzerrungen der uralten Vorbilder. Stellt Euch eine Kreatur vor, halb so groß wie ein erstklassiges Schiff – schneller als ein rasender Delfin –, und den Schaden, den sie mit Zähnen und Klauen und einem vergifteten Schwanz anrichten kann, der so groß ist wie ein Mast. Schlimmer noch; wenn man einen ihrer bösartigen Nachkommen tötet, jagen einen die Erwachsenen bis ans Ende der Welt.« Rolfe zuckte die Achseln. »Also werdet Ihr feststellen, Majestät, dass ich kein Interesse daran habe, die östlichen Inseln aufzustören, wenn sie mich nicht weiter belästigen. Ich will nichts weiter, als von meinen Unternehmen zu profitieren.« Er machte eine unbestimmte Handbewegung in Richtung der Papiere, die verstreut im Raum lagen. Dorian hielt den Mund. Das Angebot, das er hatte machen wollen … seine Schatzkammer gehörte jetzt Morath. Er bezweifelte, dass Freibeuter sich mit der bloßen Aussicht auf Geld locken lassen würden. Rowan warf ihm einen Blick zu, der das Gleiche sagte. Dann mussten sie also einen anderen Weg finden, um Rolfe für ihre Sache zu gewinnen. Dorian sah sich in dem Arbeitszimmer um, in dem Rolfes Geschmack für Prunk erkennbar war. Trotz dieser offenkundigen Vorliebe des Piratenkönigs gab es nur wenig, was nicht heruntergekommen war. Die halb zerstörte Stadt um sie herum. Die vier überlebenden Mannschaftsmitglieder. Die Art, wie Rolfe diesen weißen Ring um seine Kehle betrachtet hatte. Rowan öffnete den Mund, aber Dorian kam ihm zuvor: »Eure Mannschaft ist nicht bloß getötet worden. Einige wurden gefangen genommen, nicht wahr?« Rolfes meergrüne Augen wurden kalt. Dorian drang weiter in ihn: »Gefangen genommen, zusammen mit anderen, und auf die Dead Islands gebracht. Sie wurden benutzt, um an Informationen darüber zu gelangen, wie und wo man Euch angreifen könnte. Die einzige Möglichkeit, sie zu befreien, wenn man sie mit Dämonen in ihren Körpern zu Euch zurückschickte, bestand darin, sie zu köpfen. Sie zu verbrennen.« Rowan fragte beiläufig: »Waren es Ringe oder Halsbänder, die sie getragen haben, Kapitän?« Rolfe schluckte schwer. Nach einem langen Augenblick antwortete er: »Ringe. Sie sagten, man habe sie freigelassen. Aber sie waren nicht die Männer, die …« Ein Kopfschütteln. »Dämonen«, hauchte er, als erklärte das irgendetwas. »Irgendwie hat er Dämonen in sie hineingetan.« Also erklärte Rowan es ihm. Sprach über die Valg, ihre Prinzen und über Erawan, den letzten Valg-König. Selbst Rolfe hatte genug Verstand, um beunruhigt zu wirken, als Rowan zum Ende kam: »Er hat seine Verkleidung als Perrington abgelegt. Er ist jetzt nur noch Erawan. König Erawan anscheinend.« Rolfes Blicke wanderten abermals zu Dorians Hals und es kostete ihn Anstrengung, nicht die Narbe dort zu berühren. »Wie habt Ihr das überlebt? Wir haben sogar die Ringe abgeschnitten – aber meine Männer … sie waren fort.« Dorian schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Keine Antwort zu geben stellte Rolfes Männer nicht als erbärmlicher dar, weil sie nicht überlebt hatten. Vielleicht war er selbst von einem Valg-Fürsten befallen worden, der es genossen hatte, sich Zeit zu lassen. Rolfe schob ein Blatt Papier auf seinem Schreibtisch hin und her und las es kurz noch einmal durch – als wäre es eine bloße Ablenkung, während er nachdachte. Schließlich sagte er: »Es wird gegen die Macht Moraths nichts ausrichten, wenn wir das auslöschen, was auf den Dead Islands von ihnen noch übrig ist.« »Nein«, konterte Rowan, »aber wenn wir den Archipel halten, können wir diese Inseln als Stützpunkt benutzen, um eine Schlacht vom Meer aus zu führen, während wir vom Land aus angreifen. Wir können diese Inseln dazu benutzen, die Flotten anderer Königreiche, anderer Kontinente zu beherbergen.« Dorian fügte hinzu: »Einer meiner Männer befindet sich gegenwärtig auf dem südlichen Kontinent – in Antica selbst. Er wird sie dazu bewegen, eine Flotte zu schicken.« Chaol würde nichts Geringeres für ihn tun, für Adarlan. »Es wird niemand kommen«, sagte Rolfe. »Sie sind vor zehn Jahren nicht gekommen; jetzt werden sie erst recht nicht kommen.« Er musterte Rowan und fügte mit einem kleinen Feixen hinzu: »Erst recht nicht angesichts der jüngsten Neuigkeiten.« Dies konnte kein gutes Ende nehmen, befand Dorian, als Rowan tonlos fragte: »Was für Neuigkeiten?« Rolfe antwortete nicht, sondern beobachtete stattdessen die stürmische Bucht oder was immer dort draußen sein Interesse fesselte. Es waren harte Monate für den Mann gewesen, begriff Dorian. Jemand, der mit schierer Arroganz und Willenskraft an diesem Ort festhielt. Und all die Tische unten, Teile der Wracks eroberter Schiffe … wie viele Feinde umkreisten ihn und warteten auf eine Chance auf Rache? Rowan öffnete den Mund, zweifellos, um eine Antwort zu verlangen, als Rolfe mit seinem Stiefel dreimal auf die abgetretenen Bodendielen stampfte. Ein Schlag gegen die Wand war die Antwort. Stille senkte sich herab. Wenn man Rolfes Hass auf die Valg bedachte, bezweifelte Dorian, dass Morath drauf und dran war, eine Falle zuschnappen zu lassen, aber … er glitt tief in seine Magie hinein, als Schritte aus dem Flur erklangen. Die Anspannung in Rowans tätowierten Zügen sagte ihm, dass der Prinz das Gleiche tat. Vor allem, da Dorian spürte, wie seine Magie sich nach der des Fae-Prinzen ausstreckte, so wie sie es an jenem Tag mit Aelin oben auf dem gläsernen Palast gemacht hatte. Die Schritte hielten draußen vor der Tür inne und wieder tauchte dieser Puls fremder, mächtiger Magie auf. Rowan schob seine Hand beiläufig in die Nähe des Jagdmessers an seinem Oberschenkel. Dorian konzentrierte sich auf seine Atmung, darauf, Stränge und Stücke seiner Magie heraufzuziehen. Eis biss in seine Handflächen, als die Tür geöffnet wurde. Zwei goldhaarige männliche Wesen erschienen im Eingang. Rowans Knurren vibrierte durch die Bodendielen und durch Dorians Füße, als er die Muskeln betrachtete, die spitz zulaufenden Ohren, die offenen Münder, die verlängerte Eckzähne offenbarten … Die beiden Fremden, die Quelle dieser Macht – sie waren Fae. Der mit den nachtdunklen Augen und dem verwegenen Grinsen musterte Rowan und meinte gedehnt: »Mir hat dein Haar länger besser gefallen.« Ein Dolch, der sich keine drei Zentimeter vom Ohr des Fae entfernt in die Wand bohrte, war Rowans einzige Antwort. 22 D orian sah den Fae-Prinzen den Dolch erst werfen, als die Klinge in die hölzerne Wand krachte. Ihr Griff wackelte von dem Aufprall immer noch auf und ab. Aber der dunkeläugige, bronzehäutige Fae – so schön, dass Dorian ungläubig blinzelte – betrachtete den Dolch, der neben seinem Kopf zitterte, nur mit einem Grinsen. »Hast du auch so beschissen schlecht gezielt, als du dir selbst die Haare geschnitten hast?« Der andere neben ihm – sonnengebräunt, mit lohfarbenen Augen und einer Art beständiger Ruhe, die er ausstrahlte – hob seine breiten, tätowierten Hände. »Rowan, leg deine Klingen beiseite. Wir sind nicht deinetwegen hier.« Denn Rowan hielt bereits weitere Waffen in den Händen. Dorian hatte nicht einmal gehört, wie er aufgestanden war, geschweige denn, wie er das Schwert gezückt hatte oder das elegante Beil in der anderen Hand. Dorians Magie wand sich in seinen Adern, während sie die beiden Fremden musterte. Da seid ihr ja , sang seine Magie. In Rowans Gesellschaft hatte seine Magie sich an den atemberaubenden Abgrund der Macht des Prinzen gewöhnt, aber die drei Fae zusammen, steinalt und mächtig und urweltlich … sie waren ein ganz eigener Mahlstrom. Sie konnten diese Stadt verwüsten, ohne die geringste Anstrengung. Er fragte sich, ob Rolfe das klar war. Der Piratenlord bemerkte trocken: »Ich entnehme Euren Worten, dass Ihr einander kennt.« Der ernste Fae mit den goldenen Augen nickte, seine hellen Kleider denen so ähnlich, die Rowan bevorzugte: aus zweckmäßigem Stoff, tauglich für Schlachtfelder. Ein Band schwarzer Tätowierungen wand sich um seinen muskulösen Hals. Dorians Magen schlingerte. Aus der Ferne hätte es auch eine andere Art von schwarzem Halsband sein können. »Gavriel und Fenrys haben früher … mit mir zusammengearbeitet«, brachte Rowan gepresst hervor. Der Blick von Rolfes meergrünen Augen huschte zwischen ihnen hin und her, abschätzend, taxierend. Fenrys – Gavriel. Dorian kannte diese Namen. Rowan hatte sie während ihrer Reise hierher erwähnt. »Sie sind durch einen Bluteid an Maeve gebunden. So wie ich es früher war«, erklärte Rowan an Dorian gewandt. Was bedeutete, dass sie auf ihren Befehl hin hier waren. Und wenn Maeve nicht einen, sondern zwei ihrer Leutnants auf diesen Kontinent geschickt hatte, wenn Lorcan bereits hier war … Rowan steckte seine Waffen weg, seine Anspannung blieb jedoch spürbar, als er weitersprach. »Was wollt ihr von Rolfe?« Dorian ließ seine Magie in sich zurücksinken. Sie rollte sich in seinem Innersten zusammen wie ein zu Boden fallendes Stoffband. Rolfe deutete mit der Hand auf die beiden Fae. »Sie sind die Überbringer der Nachrichten, die ich Euch versprochen habe – unter anderem.« »Und wir wollten uns gerade zum Mittagessen hinsetzen«, meldete Fenrys sich zu Wort, dessen dunkle Augen tanzten. »Wollen wir?« Fenrys wartete nicht auf sie, sondern tauchte in den Flur ab und ging. Der Tätowierte – Gavriel – seufzte leise. »Es ist eine lange Ge schichte, Rowan, und eine, die du und der König von Adarlan« – lohfarbene Augen schauten in seine Richtung – »hören müsst.« Er deutete auf den Flur und sagte mit steinerner Miene: »Du weißt ja, wie reizbar Fenrys wird, wenn er nichts zu essen bekommt.« »Das habe ich gehört«, rief eine tiefe männliche Stimme aus dem Flur. Dorian unterdrückte ein Lächeln und beobachtete stattdessen, wie Rowan reagierte. Aber der Fae-Prinz ruckte nur mit dem Kopf zu Gavriel, ein stummer Befehl, voranzugehen. Keiner von ihnen, nicht einmal Rolfe, sprach, als sie in den Gastraum hinuntergingen. Das Schankmädchen war verschwunden und nur funkelnde Gläser hinter der Theke ließen darauf schließen, dass sie dort gewesen war. Und in der Tat wartete Fenrys jetzt an einem Tisch im hinteren Teil des Raums auf sie und machte sich über eine dampfende Schale mit etwas her, das wie Fischeintopf roch. Gavriel rutschte auf einen Stuhl neben den Krieger und die fast volle Schale schwappte ein wenig über. Er wandte sich an Rowan, als der Prinz auf halbem Weg durch den Raum innehielt: »Ist …« Der Fae-Krieger legte eine Pause ein, als wöge er die Worte ab und überlegte, wie Rowan reagieren würde, wenn die Frage schlecht formuliert wurde. Im nächsten Moment wurde Dorian klar, warum das so war. »Ist Aelin Galathynius bei euch?« Dorian wusste nicht, wo er hinsehen sollte: zu den Kriegern, die jetzt am Tisch saßen, zu Rowan an seiner Seite oder zu Rolfe, der mit hochgezogenen Brauen am Treppengeländer lehnte, ohne eine Ahnung zu haben, dass die Königin seine große Feindin war. Rowan schüttelte den Kopf, eine schnelle, knappe Bewegung. »Meine Königin befindet sich nicht in unserer Gesellschaft.« Fenrys sah ihn fragend an, fuhr aber fort, seine Mahlzeit zu verschlingen. Seine graue Jacke war aufgeknöpft und gab den Blick auf die muskulöse, braune Brust unter dem Ausschnitt seines weißen Hemdes frei. Die Aufschläge der Jacke waren mit verschlungener Goldstickerei versehen – das einzige Zeichen von Wohlstand unter ihnen. Dorian wusste nicht genau, was im vergangenen Frühling mit Rowans Mitstreitern geschehen war, aber sie waren offensichtlich nicht im Guten auseinandergegangen. Zumindest nicht auf Rowans Seite. Gavriel erhob sich, um zwei Stühle heranzuziehen – näher an den Ausgang, bemerkte Dorian. Vielleicht war Gavriel derjenige, der für den Frieden innerhalb der Gruppe sorgte. Rowan machte keine Anstalten, sich zu ihnen zu setzen. Es war so einfach zu vergessen, dass der Prinz jahrhundertelange Erfahrung mit fremdländischen Höfen hatte – dass er in den Krieg gezogen und wieder zurückgekehrt war. Mit diesen Fae-Kriegern. Rowan gab sich jedoch keine Mühe mit Diplomatie. »Erzählt mir, worum zum Teufel es sich bei dieser Neuigkeit handelt.« Fenrys und Gavriel tauschten einen Blick. Ersterer verdrehte nur die Augen und deutete mit seinem Löffel auf Gavriel, um diesen zum Sprechen aufzufordern. »Maeves Armada segelt auf diesen Kontinent zu.« Dorian war froh, dass er nichts im Magen hatte. Rowans Worte klangen kehlig, als er fragte: »Verbündet dieses Miststück sich mit Morath?« Er warf Rolfe einen eiskalten Blick zu. »Verbündet Ihr Euch mit ihr?« »Nein«, antwortete Gavriel gelassen. Eins musste man Rolfe lassen, er zuckte nur die Achseln. »Ich habe Euch gesagt, dass ich nichts mit diesem Krieg zu tun haben will.« »Maeve teilt ihre Macht nicht«, warf Gavriel ruhig ein. »Aber bevor wir losgezogen sind, hat sie ihre Armada zum Aufbruch bereit gemacht – nach Eyllwe.« Dorian stieß einen lauten Atemzug aus. »Warum Eyllwe? Ist es möglich, dass sie Hilfe schickt?« An dem Ausdruck auf Rowans Gesicht konnte Dorian erkennen, dass der Prinz bereits darüber nachdachte, was das bedeutete, was er über seine ehemalige Königin wusste und über Eyllwe und wie es mit allem anderen zusammenhing. Dorian versuchte, sein donnerndes Herz unter Kontrolle zu bekommen, wohl wissend, dass die anwesenden Fae das hören konnten. Fenrys legte seinen Löffel beiseite. »Ich bezweifle, dass sie irgendjemandem Hilfe schickt – zumindest nicht, soweit es diesen Kontinent betrifft. Und noch einmal, sie hat uns ihre konkreten Gründe nicht genannt.« »Solche Informationen hat sie nie zurückgehalten«, konterte Rowan. »Sie hat uns so was immer erzählt.« Fenrys’ dunkle Augen flackerten. »Das war, bevor du sie gedemütigt hast, indem du sie für Aelin Feuerherz verlassen hast. Und bevor Lorcan sie ebenfalls im Stich gelassen hat. Jetzt vertraut sie keinem von uns mehr.« Eyllwe … Maeve musste wissen, wie teuer Aelin das Königreich war. Aber eine Armada loszuschicken … es musste dort etwas geben, etwas, das sich für sie lohnte. Dorian ging im Geiste jede Lektion durch, die man ihn gelehrt hatte, jedes Buch, das er über das Königreich gelesen hatte. Aber nichts zündete. »Ich glaube nicht, dass Maeve davon ausgeht, dass sie Eyllwe erobern und halten kann – zumindest nicht über einen längeren Zeitraum, nicht ohne all ihre Armeen hier zu sammeln und ihr Reich schutzlos zurückzulassen«, bemerkte Rowan. Aber vielleicht würde das Erawan zwingen, seine Truppen weit zu verstreuen, selbst wenn der Preis für Maeves Invasion gewaltig sein würde … »Noch einmal« , warf Fenrys gedehnt ein, »wir kennen keine Einzelheiten. Wir haben ihm« – ein Ruck mit dem Kinn in Rolfes Richtung, der immer noch mit vor der Brust verschränkten Armen am Geländer lehnte – »nur eine höfliche Warnung zuteilwerden lassen – unter anderem.« Dorian stellte fest, dass Rowan nicht fragte, ob sie diese Höflichkeit auf sie ausgedehnt hätten, wären sie nicht gerade hier gewesen. Oder was genau sich hinter dem Begriff »unter anderem« verbarg. An Rolfe gewandt sagte der Prinz: »Ich muss Nachrichten verschicken. Unverzüglich.« Rolfe besah sich eingehend seine behandschuhten Hände. »Wozu die Mühe? Wird die Empfängerin nicht sowieso bald eintreffen?« »Wie bitte?« Dorian wappnete sich angesichts des siedenden Zorns in Rowans Stimme. Rolfe lächelte. »Den Gerüchten zufolge hat Aelin Galathynius General Narrok und seine Leutnants drüben in Wendlyn vernichtet. Und es heißt, das sei ihr mit einem Fae-Prinzen an ihrer Seite gelungen. Beeindruckend.« Rowans Eckzähne blitzten auf. »Und was wollt Ihr damit sagen, Kapitän?« »Ich möchte einfach wissen, ob Ihre Majestät, die Königin des Feuers, einen glanzvollen Festumzug erwartet, wenn sie ankommt.« Dorian bezweifelte, dass Rolfe ihr anderer Titel – Adarlans Assassinin – besonders gut gefallen würde. Rowans Knurren war leise. »Ich wiederhole mich nur ungern, aber sie kommt nicht hierher.« »Ach? Ihr wollt mir erzählen, dass ihr Geliebter dem König von Adarlan zu Hilfe eilt, und statt ihn nach Norden zu bringen, bringt er ihn hierher – und das bedeutet nicht irgendwie, dass ich bald ihren Gastgeber spielen darf?« Bei dem Wort Geliebter bedachte Rowan Fenrys mit einem tödlichen Blick. Der wunderschöne Fae – wirklich, man konnte ihn nicht anders beschreiben – zuckte nur mit den Achseln. Wieder zu Rolfe gewandt bemerkte Rowan: »Sie hat mich gebeten, König Dorian hierherzubringen, um Euch davon zu überzeugen, Euch unserer Sache anzuschließen. Aber da Ihr anscheinend kein Interesse an irgendeiner anderen Agenda als Eurer eigenen habt, war unsere Reise wohl Zeitverschwendung. Also haben wir keine weitere Verwendung für Euch an diesem Tisch, vor allem wenn Ihr außerstande seid, Boten zu entsenden.« Fenrys verschluckte sich an einem dunklen Lachen, aber Gavriel richtete sich auf, als Rolfe zischte: »Es ist mir gleichgültig, wer Ihr seid und über welche Macht Ihr verfügt. Ihr gebt mir auf meinem Gebiet keine Befehle.« »Ihr solltet Euch besser daran gewöhnen, sie entgegenzunehmen«, erwiderte Rowan, seine Stimme so ruhig, dass Dorians sämtliche Instinkte sich darauf vorbereiteten, wegzulaufen. »Denn wenn Morath diesen Krieg gewinnt, werden sie sich nicht damit zufriedengeben, Euch auf diesen Inseln herumzustolzieren zu lassen und so zu tun, als wäret Ihr ein König. Sie werden Euch aus jedem Hafen und jedem Fluss jagen und Euch den Handel mit Städten verwehren, von denen Ihr inzwischen abhängig seid. Wer sollen Eure Käufer sein, wenn niemand mehr übrig ist, der Eure Waren erwirbt? Ich bezweifle, dass Maeve sich die Mühe machen wird – oder sich an Euch erinnert.« Rolfe fuhr ihn an: »Wenn diese Inseln geplündert werden, segle ich zu anderen Inseln – und wieder zu anderen. Die Meere sind meine Zuflucht – auf den Wellen werden wir immer frei sein.« »Ich würde es kaum Freiheit nennen, aus Furcht vor Valg-Assassinen in Eurer Taverne zu kauern.« Rolfe ballte seine behandschuhten Hände zu Fäusten und Dorian fragte sich, ob er nach dem Stoßdegen an seiner Seite greifen würde. Aber dann sagte der Piratenlord zu Fenrys und Gavriel: »Wir treffen uns morgen früh um elf wieder hier.« Als sein Blick auf Rowan fiel, verhärtete er sich. »Schickt so viele verdammte Nachrichten, wie Ihr wollt. Ihr dürft bleiben, bis Eure Königin eintrifft, was zweifellos geschehen wird. Dann werde ich hören, was die legendäre Aelin Galathynius selbst zu sagen hat. Bis dahin bleibt mir vom Leib.« Er deutete ruckartig mit dem Kinn auf Gavriel und Fenrys. »Ihr könnt mit den Prinzen in ihren eigenen verdammten Unterkünften reden.« Rolfe stapfte zur Eingangstür und riss sie auf, um den Blick auf eine Wand aus Regen und vier junge, aber widerstandsfähig aussehende Männer freizugeben, die auf dem regennassen Kai warteten. Ihre Hände schossen zu ihren Waffen, aber Rolfe machte keine Anstalten, sie herbeizurufen. Er zeigte nur auf die Tür. Rowan starrte den Mann einen Moment lang nieder, dann sagte er zu seinen früheren Gefährten: »Gehen wir.« Sie waren nicht so dumm, zu widersprechen. *** Dies war schlimm. Unleugbar schlimm. Rowans Magie zerfranste, als er daran arbeitete, die Schilde um sich selbst und Dorian herum intakt zu halten. Aber er ließ Fenrys oder Gavriel diese Erschöpfung nicht wittern, ließ sich kein Fitzelchen von der Anstrengung anmerken, die es ihn kostete, die Magie zu halten und sich zu konzentrieren. Vielleicht war es hoffnungslos, Rolfe davon zu überzeugen, gegen Erawan oder Maeve zu kämpfen, ihn auf ihre Seite zu ziehen – vor allem sobald er Aelin sah. Rowan hatte das Gefühl, wenn Aelin während dieses Gespräches zugegen gewesen wäre, hätte es damit geendet, dass der Meeresdrache – sowohl das Gasthaus als auch das im Hafen vor Anker liegende Schiff – in Flammen aufgegangen wären. Diese Meeres-Wyvern … und Maeves Armada – darüber würde er später nachdenken. Für den Moment war alles einfach nur Mist. Großer, verdammter Mist. Die Wirtin in der Ozeanrose stellte keine Fragen, als Rowan zwei Zimmer mietete – die besten, die das Gasthaus zu bieten hatte. Nicht nachdem Rowan eine Goldmünze auf die Theke gelegt hatte. Quartier für zwei Wochen, plus sämtliche Mahlzeiten, plus Unterbringung ihrer Pferde, wenn sie welche hatten, und Reinigung ihrer Wäsche hatte sie mit einem wissenden Blick auf seine Kleider angeboten. Zudem ungehinderter Empfang aller Gäste, die er zu sehen wünschte, fügte sie hinzu, als Rowan einen lauten Pfiff ausstieß und Dorian, Fenrys und Gavriel den gepflasterten Innenhof durchquerten, die Kapuzen übergestülpt, als sie um den gurgelnden Springbrunnen herumgingen. Regen trommelte auf die Topfpalmen und raschelte in den tiefroten Bougainvilleen, die an den Mauern hinauf auf die weiß gestrichenen Balkons zukrochen, Balkons mit geschlossenen Fensterläden gegen den Sturm. Rowan bat die Frau, Essen nach oben zu schicken, so viel, dass es wahrscheinlich für acht Personen gereicht hätte, dann schritt er zu der polierten Treppe im hinteren Teil des schummrigen Schankraums und die anderen schlossen sich ihm an. Fenrys hielt barmherzigerweise den Mund, bis sie Rowans Zimmer erreichten, ihre Umhänge abstreiften und Rowan einige Kerzen anzündete. Das allein hinterließ ein Loch in seiner Brust. Fenrys ließ sich auf einen der gepolsterten Sessel vor dem dunklen Kamin fallen und strich mit einem Finger über die schwarz lackierte Armlehne. »So ein prächtiges Quartier. Welcher der Prinzen bezahlt denn?« Dorian, der im Begriff gewesen war, sich den Platz an dem kleinen Schreibtisch vor den verschlossenen Fenstern zu sichern, versteifte sich. Gavriel warf Fenrys einen Blick zu, der sagte: Bitte, keine Rauferei. »Spielt es eine Rolle?«, fragte Rowan, ging von einer Wand zur anderen und inspizierte die gerahmten Bilder mit den üppigen floralen Motiven auf der Suche nach Gucklöchern oder Zugangsmöglichkeiten. Dann überprüfte er das mit weißen Laken bezogene Bett und die Pfosten aus gewundenem, schwarzem Holz und versuchte, nicht daran zu denken, dass Aelin trotz all seiner Vorsätze … dieses Zimmer mit ihm teilen würde. Dieses Bett. Keine Auffälligkeiten, der Raum war sicher – beruhigend sogar, mit dem Trommeln des Regens im Innenhof und auf dem Dach und dem Geruch von süßen Früchten, der schwer in der Luft hing. »Irgendjemand muss Geld haben, um diesen Krieg zu finanzieren«, schnurrte Fenrys, der beobachtete, wie Rowan sich schließlich gegen eine niedrige Kommode neben der Tür lehnte. »Obwohl du vielleicht eingedenk des gestrigen Erlasses von Morath in ein preiswerteres Quartier umziehen solltest.« Fenrys und Gavriel wussten also von Erawans Erlass zu Dorian und seinen Verbündeten. »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Fenrys«, warf Gavriel ein. Fenrys schnaubte und spielte mit einer kleinen Locke goldenen Haares in seinem Nacken. »Wie du es überhaupt schaffst, mit so viel Stahl am Leib herumzulaufen, Whitethorn, ist mir immer ein Rätsel gewesen.« »Dass niemand dir je die Zunge herausgeschnitten hat, nur um dich zum Schweigen zu bringen, ist auch für mich immer ein Rätsel gewesen«, kam die Retourkutsche von Rowan. Ein boshaftes Kichern. »Ich habe mir sagen lassen, die Zunge sei mein größter Vorzug. Zumindest denken das die Frauen.« Dorian brach in ein leises Lachen aus – der erste derartige Laut, den Rowan von dem König gehört hatte. Rowan stützte sich mit beiden Händen auf die Kommode. »Wie habt ihr euren Geruch verborgen gehalten?« Gavriels lohfarbene Augen verdüsterten sich. »Ein neuer Trick von Maeve – um uns in einem Land, das unseresgleichen nicht herzlich empfängt, fast unsichtbar zu machen.« Er deutete mit dem Kinn auf Dorian und Rowan. »Es scheint, dass es nicht ganz funktioniert.« Rowan entgegnete: »Ihr zwei solltet besser eine verdammt gute Erklärung dafür haben, warum ihr hier seid – und warum ihr Rolfe da hineingezogen habt – was immer dieses ›da‹ bedeutet.« Fenrys antwortete gedehnt: »Du bekommst alles, was du willst, Rowan, und doch bist du immer noch ein eiskalter Bastard. Lorcan wäre stolz auf dich.« »Wo ist Connall?«, lautete Rowans spöttische Erwiderung. Connall war Fenrys’ Zwillingsbruder. Fenrys’ Züge verhärteten sich. »Was denkst du denn, wo er ist? Einer von uns muss immer zurückbleiben.« »Sie würde aufhören, ihn als Pfand zu benutzen, wenn du deinen Unmut nicht so offen zeigen würdest.« Fenrys hatte ihn schon immer genervt. Und Rowan hatte nicht vergessen, dass Fenrys sich im vergangenen Frühjahr nur allzu gern um Aelin Galathynius gekümmert hätte. Fenrys liebte alles, was wild und schön war, und ihm Aelin vor die Nase zu halten … Maeve hatte gewusst, dass es Folter war. Vielleicht war es auch Folter, dass Fenrys selbst zwar außerhalb von Maeves Zugriff war, sein Zwillingsbruder aber in Doranelle. Und wenn Fenrys nie mehr zurückkam, würde Connall auf unaussprechliche Arten bestraft werden. So hatte die Königin sie überhaupt geködert – Nachkommen waren selten unter den Fae – aber Zwillinge? Noch seltener. Und dass Zwillinge mit der Gabe solcher Kraft geboren wurden, um zu Kriegern heranzuwachsen, deren Überlegenheit der von Kämpfern gleichkam, die Jahrhunderte älter waren als sie … Maeve hatte sie begehrt. Fenrys hatte ihr widerstanden. Also hatte sie sich an Connall gehalten – der Dunkle zu Fenrys’ Gold, der Stille zu Fenrys’ Brüllen, der Nachdenkliche zu Fenrys’ Verwegenheit. Fenrys bekam, was er wollte: Frauen, Ruhm, Wohlstand. Doch Connall stand auf ewig im Schatten seines Zwillingsbruders, ganz gleich, wie begabt er sein mochte. Als die Königin wegen des Bluteids an ihn herangetreten war, zu einer Zeit, da Fenrys und nicht Connall auserwählt worden war, im Krieg mit den Akkadiern zu kämpfen, hatte Connall den Eid abgelegt. Und als Fenrys zurückgekehrt war, um festzustellen, dass sein Bruder sich an die Königin gebunden hatte, und erfuhr, wozu Maeve ihn hinter verschlossenen Türen zwang – da hatte er einen Handel vorgeschlagen: Er würde den Eid ablegen, aber nur um Maeve dazu zu bringen, von seinem Bruder abzulassen. Jetzt diente Fenrys seit über einem Jahrhundert im Schlafzimmer der Königin, hatte an unsichtbare Fesseln gekettet neben ihrem dunklen Thron gesessen. Rowan hätte ihn vielleicht gemocht. Ihn respektiert. Wäre da nicht sein verdammtes Mundwerk gewesen. »Und«, begann Fenrys, der sich vollauf dessen bewusst war, dass er Rowans Verlangen nach Informationen nicht nachgekommen war, »müssen wir dich bald König Rowan nennen?« Gavriel murmelte: »Heilige Götter, Fenrys.« Er stieß den Seufzer der ewig Geprüften aus und fügte hinzu, bevor Fenrys wieder seinen dummen Mund öffnen konnte: »Deine Ankunft, Rowan, war eine glückliche Wendung der Ereignisse.« Rowan betrachtete den Fae neben ihm – Maeves Stellvertreter, jetzt, da Rowan den Titel abgelegt hatte. Als hätte der goldhaarige Krieger den Namen in seinen Augen gelesen, fragte Gavriel: »Wo ist Lorcan?« Rowan hatte von dem Moment an, da er sie gesehen hatte, mit sich gerungen, wie er diese Frage beantworten sollte. Dass Gavriel überhaupt gefragt hatte … Warum waren sie zur Skull’s Bay gekommen? »Ich weiß nicht, wo Lorcan ist«, erwiderte Rowan. Es war keine Lüge. Wenn sie Glück hatten, würde sein früherer Kommandant die beiden anderen Wyrdschlüssel in seinen Besitz bringen, begreifen, dass Aelin ihn überlistet hatte, und herbeigelaufen kommen – und damit die beiden Schlüssel liefern, die Aelin dann zerstören würde. Wenn sie Glück hatten. Gavriel sagte: »Du weißt nicht, wo er ist – aber du hast ihn gesehen.« Rowan nickte. Fenrys schnaubte. »Spielen wir hier wirklich Wahrheit oder Lüge? Erzähl es uns einfach, du Mistkerl.« Rowan sah Fenrys bohrend an. Der weiße Wolf von Doranelle lächelte ihn einfach an. Die Götter mochten ihnen allen helfen, wenn Fenrys und Aedion jemals zusammen in einem Raum saßen. Rowan fragte: »Seid ihr auf Maeves Befehl hier – als Vorhut der Armada?« Gavriel schüttelte den Kopf. »Unsere Ankunft hat nichts mit der Armada zu tun. Sie hat uns ausgeschickt, Jagd auf ihn zu machen. Du weißt bereits, welches Verbrechen er begangen hat.« Ein Akt der Liebe – wenn auch nur auf die verdrehte Art, in der Lorcan Dinge lieben konnte. Nur auf die verdrehte Art, wie er Maeve liebte. »Er behauptet, zu ihrem Besten zu handeln«, meinte Rowan beiläufig und in dem Bewusstsein, dass der König sich neben ihn setzte. Rowan wusste, dass die meisten den scharfen Verstand unter diesem entwaffnenden Lächeln unterschätzten. Wusste, dass an Dorian nicht seine gottgleiche Magie so kostbar war, sondern seine Intelligenz. Er hatte sich an Rolfes Angst und Trauma durch die Valg geheftet und das Fundament gelegt – und er würde dafür sorgen, dass Aelin das ausnutzte. »Lorcan war schon immer arrogant«, bemerkte Fenrys. »Aber diesmal ist er zu weit gegangen.« »Also wurdet ihr hierhergeschickt, um Lorcan zurückzubringen?« Die Tätowierungen auf Gavriels Kehle – Zeichen, die Rowan selbst gestochen hatte – hüpften bei jedem Wort auf und ab, als er sagte: »Wir wurden hierhergeschickt, um ihn zu töten.« 23 H eilige Götter. Rowan erstarrte. »Das erklärt also, warum ihr beide hier seid.« Fenrys strich sich das Haar aus seinen dunklen Augen. »Tatsächlich sind wir zu dritt. Vaughan ist gestern Nachmittag aufgebrochen, um nach Norden zu fliegen – während wir den Süden abdecken.« Vaughan konnte in seiner Fischadlergestalt das erheblich rauere Terrain leichter bewältigen. »Wir sind in dieser Scheißstadt gelandet, um herauszufinden, ob Rolfe etwas mit Lorcan zu tun hatte – um ihn zu bestechen, damit er uns Bescheid sagt, falls Lorcan erneut hier vorbeikommt, um sich ein Schiff zu besorgen.« Skull’s Bay würde einer der wenigen Häfen sein, wo Lorcan so etwas tun konnte, ohne dass man ihm Fragen stellte. »Rolfe vor Maeves Armada zu warnen war Teil des Versuchs, den Bastard dazu zu überreden, uns zu helfen. Wir sollen von hier aus weiter auf den Kontinent vordringen – unsere Jagd im Süden beginnen. Und da diese Länder ziemlich groß sind …« Ein Aufblitzen weißer Zähne in einem wölfischen Lächeln. »Irgendeine Ahnung, wo er sich ungefähr aufhalten könnte, wäre hochwillkommen, Prinz .« Rowan rang mit sich. Was, wenn sie Lorcan schnappten und der Kommandant im Besitz auch nur eines der Wyrdschlüssel war? Was, wenn sie sowohl den Kommandanten als auch die Schlüssel zu Maeve zurückbrachten? Und vor allem was, wenn Maeve bereits aus welchen Gründen auch immer in Richtung Eyllwe segelte? Rowan zuckte die Achseln. »Ich habe mich im Frühjahr von euch allen losgesagt. Lorcans Angelegenheiten gehen nur ihn etwas an.« »Du Arschloch …«, knurrte Fenrys. Gavriel unterbrach ihn: »Wenn wir einen Handel schließen könnten?« So etwas wie Schmerz – und Bedauern – flackerte in Gavriels Augen. Von ihnen allen war Gavriel wahrscheinlich sein einziger Freund gewesen. Rowan überlegte, ob er ihm von dem Sohn erzählen sollte, der jetzt auf dem Weg hierher war. Überlegte, ob Aedion die Gelegenheit bekommen wollte, seinen Vater kennenzulernen, vielleicht bevor der Krieg aus ihnen allen Leichen machte. »Hat Maeve euch befugt, in ihrem Namen zu schachern?« Eine Gegenfrage statt einer Antwort. »Wir haben nur unsere Befehle erhalten«, antwortete Fenrys, »und die Erlaubnis bekommen, mit allen Mitteln vorzugehen, um Lorcan zu töten. Deine Königin hat sie mit keinem Wort erwähnt. Unterm Strich ist das ein Ja .« Rowan verschränkte die Arme vor der Brust. »Ihr schickt mir eine Armee von Doranelles Kriegern und ich erzähle euch, wo Lorcan sich aufhält und wo er hinzugehen plant.« Fenrys stieß ein raues Lachen aus. »Bei Mutters Titten, Rowan. Selbst wenn wir es könnten, die Armada ist bereits im Einsatz.« »Dann muss ich mich wohl mit euch beiden begnügen.« Dorian besaß genug Verstand, um sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen, anders als Rowans ehemalige Waffenbrüder. Fenrys brach in erneutes Gelächter aus. »Was – für deine Königin arbeiten? In deinen Schlachten kämpfen?« »Wolltest du das denn nicht, Fenrys?« Rowan sah ihn bohrend an. »Meiner Königin dienen? Du reißt seit Monaten an der Leine. Nun, hier ist deine Chance.« Alle Heiterkeit wich aus Fenrys’ schönem Gesicht. »Du bist ein Mistkerl, Rowan.« Rowan wandte sich an Gavriel. »Ich nehme an, Maeve hat nicht konkretisiert, wann ihr das tun müsst.« Ein knappes Nicken. »Und streng genommen würdet ihr immer noch ihren Befehl ausführen.« Der Bluteid verlangte nach klaren Formulierungen und räumlicher Nähe, damit dieser Sog den Körper unterwarf. Aus solch weiter Entfernung mussten sie Maeves Befehlen natürlich nach wie vor gehorchen – konnten aber jegliche sprachlichen Schlupflöcher zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. »Lorcan könnte längst sonst wo sein, bis du unsere Abmachung als erfüllt ansiehst«, konterte Fenrys. Rowan lächelte schwach. »Ah, aber die Sache ist die … Lorcans Bahn wird ihn irgendwann direkt zu mir zurückführen. Zu meiner Königin. Wer weiß, wie lange es dauert, aber er wird uns wiederfinden. Und dann wird er ganz euch gehören.« Er schaute Fenrys direkt an. »Du bist noch nie einem Kampf aus dem Weg gegangen. Und über diesen werden die Leute noch in tausend Jahren sprechen. Länger.« »Sofern wir überleben«, entgegnete Fenrys. »Und was ist mit Brannons Gaben? Wie lange wird sich eine einzelne Flamme gegen die Dunkelheit behaupten können, die sich sammelt? Maeve hat ihre Motive hinsichtlich der Armada und Eyllwe verheimlicht, aber zumindest hat sie uns erzählt, wer in Morath wirklich regiert.« Als Rowan durch die Tür des Meeresdrachen getreten war, hatte er sich gefragt, welcher Gott den Sturm geschickt hatte, der sie an genau diesem Tag, zu dieser Stunde zur Skull’s Bay getrieben hatte. Gemeinsam hatten er und seine Mitstreiter es im Frühjahr mit einer Legion von Adarlans Streitkräften aufgenommen und gesiegt – mühelos. Und selbst wenn Lorcan, Vaughan und Connall nicht bei ihnen waren … ein einziger Fae-Krieger war so viel wert wie hundert sterbliche Soldaten. Vielleicht mehr. Terrasen brauchte weitere Truppen. Nun, hier war eine Drei-Fae-Armee. Und im Kampf gegen die fliegenden Ironteeth-Legionen würden sie die Schnelligkeit, Kraft und jahrhundertelange Erfahrung der Fae brauchen. Zusammen hatten sie für Maeve Städte und Königreiche geplündert; zusammen hatten sie Kriege geführt und beendet. Rowan sagte: »Vor zehn Jahren haben wir nichts unternommen, um das hier aufzuhalten. Wenn Maeve eine Streitmacht geschickt hätte, hätten wir vielleicht verhindern können, dass es derart außer Kontrolle gerät. Unsere Brüder wurden gejagt und getötet und gefoltert. Maeve hat das aus Bosheit zugelassen, weil Aelins Mutter sich ihren Wünschen nicht beugen wollte. Also ja – mein Feuerherz ist eine einzelne Flamme in dem Meer aus Dunkelheit. Aber sie ist bereit zu kämpfen, Fenrys. Sie ist bereit, es mit Erawan aufzunehmen, es mit Maeve aufzunehmen und mit den Göttern selbst, wenn es bedeutet, dass Friede geschlossen werden kann.« Auf der anderen Seite des Zimmers hatte Dorian die Augen geschlossen. Rowan wusste, dass der König kämpfen würde – dass er bis zum letzten Atemzug kämpfen würde – und dass seine Gabe den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen konnte. Doch er war unerfahren. Immer noch unerfahren, trotz all der Dinge, die er erlitten hatte. »Aber Aelin ist nur eine einzelne Person«, fuhr Rowan fort. »Und vielleicht reichen nicht einmal ihre Gaben aus, um zu siegen. Allein«, hauchte er, sah Fenrys in die Augen und dann Gavriel, »wird sie sterben. Und sobald diese Flamme erlischt, ist es zu Ende. Es gibt keine zweite Chance. Sobald dieses Feuer erlischt, sind wir alle dem Untergang geweiht, in jedem Land und in jeder Welt.« Die Worte waren Gift auf seiner Zunge, seine Knochen selbst schmerzten bei dem Gedanken an diesen Tod – und daran, was er tun würde, falls es so kommen sollte. Gavriel und Fenrys sahen einander an und verständigten sich wortlos, so wie er früher mit ihnen gesprochen hatte. Es gab eine Karte, die Rowan ausspielen musste, um sie zu überzeugen – um Gavriel zu überzeugen. Selbst wenn die Genauigkeit von Maeves Befehl es vielleicht noch zuließ, konnte sie die beiden sehr wohl dafür bestrafen, dass sie um ihre Befehle herumarbeiteten. Maeve hatte es in der Vergangenheit getan; sie alle trugen die Narben davon. Sie kannten das Risiko dabei genauso gut wie Rowan. Gavriel schaute Fenrys an und schüttelte schwach den Kopf. Doch bevor sie ablehnen konnten, ergriff Rowan noch einmal das Wort. »Wenn du in diesem Krieg nicht kämpfst, Gavriel, dann verurteilst du deinen Sohn zum Tod.« Gavriel erstarrte. Fenrys zischte: »Quatsch.« Selbst Dorian hatte die Augen aufgerissen. Rowan fragte sich, wie wütend Aedion sein würde, als er sagte: »Denk über meinen Vorschlag nach. Aber du solltest wissen, dass dein Sohn zur Skull’s Bay unterwegs ist. Vielleicht willst du mit deiner Entscheidung warten, bis du ihn kennengelernt hast.« »Wer …« Rowan war sich nicht sicher, ob Gavriel noch atmete. Die Hände des Kriegers waren so fest zu Fäusten geballt, dass die Narben über seinen Knöcheln schneeweiß waren. »Ich habe einen Sohn?« Rowan nickte. Er fühlte sich gerade eher wie das Arschloch, das Fenrys in ihm sah, als wie der ehrenhafte Fae, für den Aelin ihn hielt. Die Information wäre früher oder später ohnehin herausgekommen. Wenn Maeve als Erste davon erfahren hätte, hätte sie vielleicht in trigiert, um Aedion zu ködern – hätte vielleicht ihre Krieger ausgesandt, um ihn zu töten oder ihn zu entführen. Aber jetzt hatte Rowan wohl selbst seine früheren Mitstreiter geködert. Die Frage war nur, wie dringend Gavriel sich wünschte, seinen Sohn kennenzulernen, und wie viel Angst sie beide davor hatten, Maeve zu enttäuschen, sollten sie Lorcan nicht finden. Also sagte Rowan kalt: »Kommt uns nicht in die Quere, bis sie eintreffen, dann kommen wir euch auch nicht in die Quere.« Ihnen den Rücken zuzukehren, lief jedem seiner Instinkte zuwider, aber Rowan hielt seine Schilde fest, seine Magie nach wie vor wachsam, damit sie ihn warnte, wenn einer von beiden auch nur falsch atmete. Er drehte sich um und öffnete die Schlafzimmertür, um die beiden schweigend zu entlassen. Er hatte viel zu tun. Angefangen damit, eine Warnung an die Herrscher von Eyllwe und die Streitkräfte von Terrasen zu schreiben. Endend mit dem Versuch, herauszufinden, wie zum Teufel sie zwei Kriege gleichzeitig führen konnten. Gavriel erhob sich, bleich und mit hängendem Gesicht – so etwas wie Verzweiflung in seine Züge geschrieben. Rowan fing den Funken des Begreifens auf, der in Dorians Augen aufblitzte, einen Moment, bevor der König ihn wieder erstickte. Ja – auf den ersten Blick sahen Aedion und Aelin wie Geschwister aus, aber es war Aedions Lächeln, das sein Erbe verriet. Gavriel würde es sofort wissen, falls Aedions Geruch es nicht schon vorher verriet. Fenrys trat näher an den männlichen Fae heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter, bevor sie in den Flur hinausgingen. Sowohl Rowan als auch Fenrys hatten bei Gavriel Rat gesucht. Niemals beieinander – nein, er und Fenrys … es war einfacher, einander stattdessen an die Kehle zu gehen. Rowan sagte zu seinen beiden ehemaligen Gefährten: »Wenn ihr Maeve gegenüber auch nur die leiseste Andeutung über Gavriels Sohn macht, ist unsere Abmachung nichtig. Ihr werdet Lorcan dann niemals finden. Und falls Lorcan doch auftaucht, werde ich ihm mit Freuden helfen, euch zu töten.« Rowan betete, dass es nicht so weit kommen würde – zu einem so brutalen und vernichtenden Kampf. Doch es war Krieg. Und er hatte nicht die Absicht, ihn zu verlieren. 24 D ie Windsänger verließ Ilium im Morgengrauen, ihre Mannschaft und ihr Kapitän ahnten nicht, dass die zwei Individuen in Kapuzenumhängen und ihr zahmer Falke nicht die Absicht hatten, die ganze Fahrt bis nach Leriba an Bord zu bleiben. Ob sie sich zusammengereimt hatten, wer diese beiden Personen waren – der General und die Königin, die in der Nacht zuvor ihre Stadt befreit hatten –, gaben sie nicht zu erkennen. Die Route entlang der Küste galt als einfache Reise, obwohl sich Aelin fragte, ob das Aussprechen dieser Feststellung der Garant dafür sein würde, dass es keine einfache Reise wurde. Zunächst war da die Tatsache, dass sie durch Adarlans Gewässer segeln mussten, was sie auch in die Nähe von Rifthold brachte. Wenn die Hexen draußen auf See patrouillierten … Aber sie hatten keine andere Wahl, nicht mit dem Netz, das Erawan über den Kontinent gespannt hatte. Nicht mit seiner Drohung, Rowan und Dorian zu finden und zu fangen, einer Drohung, die ihr noch frisch in Erinnerung war, zusammen mit dem Pochen der purpurnen Prellung auf ihrer Brust, direkt über ihrem Herzen. Als sie dort auf dem Deck des Schiffes stand und die aufgehende Sonne die türkisfarbene Bucht Iliums in Gold- und Rosatöne tauchte, fragte sich Aelin, ob diese Gewässer, wenn sie sie das nächste Mal sah, rot sein würden. Fragte sich, wie lange die adarlanischen Soldaten auf ihrer Seite der Grenze bleiben würden. Aedion trat an ihre Seite, seine dritte Kontrollrunde gerade beendet. »Alles sieht gut aus.« »Lysandra hat schon berichtet, alles sei in Ordnung.« In der Tat, von hoch oben auf dem Hauptmast des Schiffs entging Lysandras Falkenaugen nichts. Aedion runzelte die Stirn. »Weißt du, ihr Damen könntet uns männliche Wesen ab und zu auch mal was selbst erledigen lassen.« Aelin zog eine Braue hoch. »Wo wäre da der Spaß?« Aber sie wusste, dass dies eine endlose Auseinandersetzung sein würde. Sie sollte lernen, sich zurückzunehmen, damit andere, damit Aedion für sie kämpfen konnte. In Rifthold war ihr das schon schwergefallen, denn sie wusste um die Gefahr dieser schwarzen Ringe und Halsbänder, die sie und ihre Gefährten versklaven konnten. Aber was Erawan mit dem Aufseher gemacht hatte – nur als Experiment –, war unvorstellbar in seiner Grausamkeit. Aelin schaute zu der wuselnden Mannschaft und verkniff sich ihre Forderung nach Eile. Jede Minute, die sie sich verspäteten, konnte die sein, in der Erawan Rowan und Dorian einholte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn ein Bericht über ihren Aufenthaltsort erreichte. Aelin klopfte mit dem Fuß auf die Planken. Das Wiegen des Schiffes auf den ruhigen Wellen war wie ein Echo ihres klopfenden Fußes. Sie hatte den Geruch und das Gefühl des Meeres immer geliebt. Doch jetzt … selbst das Plätschern der Wellen schien zu sagen: Beeilt euch, beeilt euch. »Der König von Adarlan – und Perrington, nehme ich an – hatten mich jahrelang in ihrer Reichweite«, sagte Aedion. Seine Stimme war so gepresst, dass Aelin sich zu ihm umdrehte. Er hielt sich an der hölzernen Reling fest und die Narben auf seinen Händen traten in scharfem Kontrast zu seiner sommerlich gebräunten Haut hervor. »Sie haben sich mit mir in Terrasen getroffen, in Adarlan. Bei allen Göttern, er hat mich in seinem verdammten Kerker eingesperrt. Und doch hat er mir das nicht angetan. Er hatte mir den Ring angeboten, aber nicht bemerkt, dass ich stattdessen eine Fälschung trug. Warum hat er mich nicht von Kopf bis Fuß aufgerissen und mich pervertiert? Er musste es wissen – er musste wissen, dass du mich holen kommen würdest.« »Der König hat auch Dorian in Ruhe gelassen, solange er konnte – vielleicht hat er diese Güte auf dich ausgedehnt. Vielleicht wusste er, dass ich, wenn du tot wärest, sehr gut hätte beschließen können, diese Welt zur Hölle gehen zu lassen und Dorian aus Bosheit niemals zu befreien.« »Hättest du das getan?« Die Leute, die du liebst, sind bloß Waffen, die man gegen dich verwenden wird , hatte Rowan einmal zu ihr gesagt. »Verschwende deine Energie nicht darauf, dir Sorgen um das zu machen, was hätte sein können.« Sie wusste, dass sie seine Frage nicht beantwortet hatte. Aedion sah sie nicht an, als er sagte: »Ich wusste, was in Endovier geschehen ist, Aelin, aber diesen Aufseher zu sehen, zu hören, was er gesagt hat …« Er schluckte schwer. »Ich war den Salzminen so nah. In jenem Jahr – ich war drei Monate lang mit der Bane direkt hinter der Grenze stationiert.« Sie riss den Kopf zu ihm herum. »Mit solchen Gedankenspielen fangen wir gar nicht erst an. Genau das will Erawan. Deshalb hat er den Aufseher geschickt. Er kennt meine Vergangenheit – will, dass ich weiß, dass er sie kennt – und er wird sie gegen mich verwenden. Gegen uns. Er wird dafür jeden benutzen, den wir kennen, wenn es sein muss.« Aedion seufzte. »Hättest du mir erzählt, was letzte Nacht geschehen ist, wenn ich nicht dabei gewesen wäre?« »Das weiß ich nicht. Aber ich wette, du wärest sowieso aufgewacht, sobald ich meine Macht entfesselt hätte.« Er schnaubte. »So was lässt sich nur schwer ausblenden.« Die Schreie der Möwen über ihnen füllten die Stille, die folgte. Obwohl sie nicht über die Vergangenheit sprechen wollte, sagte Aelin behutsam: »Darrow hat behauptet, du hättest bei Theralis gekämpft.« Sie hatte seit Wochen vorgehabt, ihn danach zu fragen, hatte aber den Mut nicht aufgebracht. Aedion richtete den Blick auf das wogende Wasser. »Es ist lange her.« Sie schluckte gegen das Brennen in ihrer Kehle an. »Du warst damals nicht mal vierzehn Jahre alt.« »Ja.« Er biss sich auf die Zähne. Sie konnte das Gemetzel jener Schlacht nur erahnen. Und das Grauen eines Jungen, der kämpfte und tötete, der mit ansehen musste, wie die Menschen, die er liebte, fielen. Einer nach dem anderen. »Es tut mir leid«, hauchte sie. »Dass du das ertragen musstest.« Aedion drehte sich zu ihr um. Keine Spur seiner sonstigen Arroganz und Dreistigkeit. »Theralis ist das Schlachtfeld, das ich am häufigsten sehe – in meinen Träumen.« Er kratzte an einem Fleck auf der Reling. »Darrow hat versucht, mich aus dem schlimmsten Gedränge fernzuhalten, aber wir wurden überwältigt. Es war unvermeidlich.« Er hatte ihr nie erzählt, dass Darrow ihn schützen wollte. Sie legte ihre Hand auf Aedions und drückte sie. »Es tut mir leid«, wiederholte sie. Sie konnte sich nicht dazu überwinden, weitere Fragen zu stellen. Er zuckte mit den Schultern. »Mein Leben als Krieger wurde lange Zeit vor diesem Schlachtfeld für mich gewählt.« Tatsächlich konnte sie ihn sich nicht ohne dieses Schwert und diesen Schild vorstellen, die beide gegenwärtig auf seinen Rücken geschnallt waren. Ob das etwas Gutes war oder nicht? Sie konnte sich nicht entscheiden. Stille breitete sich zwischen ihnen aus, lastend und alt und müde. »Ich mache ihm keinen Vorwurf«, bemerkte Aelin schließlich. »Ich mache Darrow keinen Vorwurf, mich von Terrasen ferngehalten zu haben. Ich würde das Gleiche tun, zu dem gleichen Urteil kommen, wenn ich an seiner Stelle wäre.« Aedion runzelte die Stirn. »Ich dachte, du würdest dich gegen seinen Erlass wehren.« »Das tue ich auch«, bekräftigte sie. »Aber … ich verstehe, warum Darrow sich so entschieden hat.« Aedion sah sie prüfend an, bevor er nickte. Es war ein ernstes Nicken, von einem Soldaten zum anderen. Sie legte eine Hand auf das Amulett unter ihren Kleidern. Seine uralte, anderweltliche Macht rieb sich an ihrer Haut und ihr lief ein Schauer über den Rücken. Finde das Schloss. Wie gut, dass Skull’s Bay auf ihrem Weg zu den Stone Marshes von Eyllwe lag. Und wie gut, dass ihr Herrscher eine magische Karte besaß, die auf seine Hände tätowiert war. Eine Karte, die Feinde, Stürme und versteckte Schätze offenbarte. Eine Karte, um Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollten. Aelin ließ die Hände sinken, legte sie auf die Reling und betrachtete die Narben, die sich über beide Handflächen zogen. So viele Versprechen und Eide, die gegeben worden waren. So viele Schulden und Gefälligkeiten, die immer noch eingefordert werden mussten. Aelin fragte sich, welche Antworten und Eide in Skull’s Bay auf sie warten mochten. Falls sie dort ankamen, bevor Erawan es tat. 2 5 M anon Blackbeak wurde vom Seufzen von Blättern geweckt, von den fernen Rufen wachsamer Vögel und dem Geruch von Lehm und uraltem Holz. Sie stöhnte, als sie die Augen öffnete, und blinzelte in das Sonnenlicht, das durch den schweren Baldachin der Blätter fiel. Sie kannte diese Bäume. Oakwald. Sie war immer noch im Sattel angeschnallt, während Abraxos ausgestreckt unter ihr lag, den Hals gereckt, damit er ihre Atemzüge überwachen konnte. Seine dunklen Augen weiteten sich vor Panik, als sie ächzte und versuchte, sich aufzusetzen. Sie war flach auf den Rücken gefallen und hatte zweifellos einige Zeit hier gelegen, nach dem blauen Blut zu urteilen, mit dem Abraxos’ Flanken bedeckt waren. Manon hob den Kopf, um auf ihren Bauch zu spähen, und unterdrückte einen Aufschrei, als die Muskeln sich spannten. Feuchte Wärme tröpfelte aus ihrem Unterleib. Die Wunden hatten sich also kaum geschlossen, wenn sie so leicht wieder aufrissen. Ihr Kopf hämmerte wie tausend Schmieden. Und ihr Mund war so trocken, dass sie kaum die Zunge bewegen konnte. Erster Punkt in der Tagesordnung: aus diesem Sattel rauskommen. Dann würde sie versuchen, ihre Verletzungen genauer zu begutachten. Dann Wasser. Ein Bach gurgelte in der Nähe. Vielleicht hatte Abraxos diese Stelle deswegen ausgesucht. Er schnaubte und bewegte sich und sie zischte, als ihr Bauch weiter aufriss. »Hör auf«, schnarrte sie. »Es geht mir … gut.« Es ging ihr nicht gut, nicht einmal ansatzweise. Aber sie war nicht tot. Und das war ein Anfang. Der andere Mist – ihre Großmutter, die Dreizehn, ihr angebliches Crochan-Erbe –, darum würde sie sich kümmern, sobald sie nicht mehr mit einem Fuß im Jenseits stand. Manon blieb lange Minuten liegen und atmete gegen den Schmerz an. Die Wunde säubern; die Blutung stillen. Sie hatte nichts bei sich als das, was sie am Leib trug. Ihre Ledermontur half ihr nicht weiter, aber ihr Hemd? Sie hatte nicht die Kraft, das Leinen zuvor abzukochen. Es half nichts, sie musste einfach beten, dass die Unsterblichkeit, mit der ihr Blut gesegnet war, jegliche Infektion vertreiben würde. Das Crochan-Blut in ihr … Manon setzte sich ruckartig auf und biss sich so fest auf die Lippe, um nicht zu schreien, dass sie blutete und ein metallischer Geschmack ihren Mund erfüllte. Aber sie schaffte es. Blut tröpfelte unter ihrer Fliegermontur hervor, doch sie konzentrierte sich darauf, das Geschirr zu lösen, immer eine Schnalle nach der anderen. Sie war nicht tot. Die Göttin hatte immer noch Verwendung für sie. Aus dem Geschirr befreit, begutachtete Manon ihre Lage. Sie saß auf Abraxos’ Rücken, der moosbewachsene Boden unter ihr, tief unter ihr. Dunkelheit möge sie retten, das würde wehtun. Allein schon ein Bein auf die andere Seite zu schwingen, schmerzte höllisch. Wenn die Nägel ihrer Großmutter vergiftet gewesen wären, würde sie jetzt nicht mehr leben. Aber sie waren gezackt gewesen – gezackt statt geschärft, und voller Rost. Abraxos stupste sie am Knie an, sein großer Kopf direkt unterhalb ihrer Füße, das Angebot in seinen Augen. Da sie nicht darauf vertraute, dass sie noch viel länger bei Bewusstsein bleiben würde, rutschte Manon auf seinen breiten Kopf und atmete durch die Wellen feurigen Schmerzes. Sein Atem wärmte ihre ausgekühlte Haut, als er sie sanft auf der grasbewachsenen Lichtung niederlegte. Sie lag auf dem Rücken und ließ sich von Abraxos’ Nase stupsen. Er stieß ein schwaches Jaulen aus. »Gut …«, hauchte sie. »Mir …« *** Manon erwachte im Zwielicht. Abraxos hatte sich um sie herum zusammengerollt, den Flügel angewinkelt, um ein provisorisches Dach über ihr zu bilden. Zumindest hatte sie es warm. Aber ihr Durst … Manon stöhnte und der Flügel zuckte sofort zurück und legte den Blick auf einen ledrigen Kopf und besorgte Augen frei. »Du … Glucke«, keuchte sie, schob die Arme unter sich und stemmte sich hoch. Oh, Götter, oh, Götter, oh, Götter … Aber dann saß sie. Wasser. Dieser Bach … Abraxos war zu groß, um zwischen den Bäumen zu ihm durchzukommen – aber sie brauchte Wasser. Bald. Wie viele Tage waren vergangen? Wie viel Blut hatte sie verloren? »Hilf mir«, flüsterte sie. Mächtige Kiefer schlossen sich um den Halsausschnitt ihrer Jacke und zogen sie so sanft hoch, dass es Manon die Brust zuschnürte. Sie wankte und stützte sich mit einer Hand an seiner ledrigen Flanke ab, blieb aber aufrecht. Wasser – dann konnte sie weiterschlafen. »Warte hier«, sagte sie und stolperte zum nächsten Baum, eine Hand auf den Bauch gelegt, Windspalter wog schwer auf ihrem Rücken. Sie überlegte, das Schwert zurückzulassen, aber jede zusätzliche Bewegung, selbst das Abschnallen des Gurtes um ihre Brust, war undenkbar. Von Baum zu Baum torkelte sie und grub die Nägel in jeden Stamm, um aufrecht zu bleiben, während ihr rauer Atem die Stille des Waldes durchbrach. Sie lebte; sie lebte … Der Bach war kaum mehr als ein Rinnsal, das zwischen einigen moosbedeckten Felsen hindurchfloss. Aber er war klar und schnell und das Schönste, das sie je gesehen hatte. Manon betrachtete das Wasser. Wenn sie sich hinkniete, konnte sie dann wieder aufstehen? Sie würde hier schlafen, wenn es sein musste. Sobald sie getrunken hatte. Vorsichtig und mit zitternden Muskeln kniete sie am Ufer nieder. Sie schluckte ihren Aufschrei herunter, als sie sich über den Bach beugte und mehr Blut floss. Die ersten Schlucke trank sie, ohne innezuhalten, dann wurde sie langsam, denn ihr Magen verkrampfte sich. Ein Zweig knackte und Manon war sofort auf den Beinen; ihre Instinkte schalteten den Schmerz so schnell aus, dass die Qual sie erst einen Atemzug später traf. Aber sie suchte die Bäume ab, die Felsen, das Blätterdach des Waldes und einige kleine Hügel. Von der anderen Seite des Baches erklang eine kühle Frauen stimme: »Es scheint, du bist weit weg von deinem Horst abgestürzt, Blackbeak.« Manon konnte nicht einordnen, wem die Stimme gehörte, welche Hexe sie hier getroffen hatte … Aus dem Schatten eines Baums tauchte eine atemberaubende junge Frau auf. Ihr Körper wirkte weich und doch schlank – ihr offenes, kastanienbraunes Haar bedeckte nur zum Teil ihre Blöße. Kein Fitzelchen Kleidung lag auf ihrer cremefarbenen Haut. Keine Narbe und kein Mal verschandelte die Haut, die so rein war wie Schnee. Das seidige Haar der Frau bewegte sich, als sie näher kam. Aber die Frau war keine Hexe. Und ihre blauen Augen … Lauf. Lauf. Gletscherblaue Augen glänzten selbst in dem schattigen Wald. Und ein voller, roter Mund, der fürs Schlafzimmer wie geschaffen war, teilte sich zu einem Lächeln mit zu weißen Zähnen, als sie Manon betrachtete, das Blut, die Verletzung. Abraxos brüllte warnend und brachte den Boden zum Erzittern, die Bäume, die Blätter. »Wer bist du?«, fragte Manon mit rauer Stimme. Die junge Frau legte den Kopf schief – ein Rotkehlchen, das einen sich windenden Wurm musterte. »Der Dunkle König nennt mich seinen Bluthund.« Manon nutzte jeden Atemzug, um ihre Kräfte zu sammeln. »Hab noch nie von dir gehört«, schnarrte sie. Etwas, das zu dunkel war, um Blut zu sein, bewegte sich unter der cremefarbenen Haut der Frau, dann verschwand es. Sie zeichnete mit einer schmalen, wunderschönen Hand die Stellen nach, wo es sich unter der Wölbung ihres straffen Bauchs gewunden hatte. »Natürlich hast du noch nichts von mir gehört. Bis zu deinem Verrat wurde ich unter jenen anderen Bergen festgehalten. Aber als er die Macht in meinem Blut vervollkommnet hatte …« Der Blick dieser blauen Augen bohrte sich in Manons, und es war Wahnsinn, der dort glitzerte. »Er könnte vieles mit dir machen, Blackbeak. So vieles. Er hat mich ausgeschickt, um seine gekrönte Reiterin wieder an seine Seite zu bringen …« Manon wich einen Schritt zurück – nur einen. »Du kannst nirgendwohin fliehen. Nicht solange deine Eingeweide kaum in deinem Körper sind.« Sie warf sich ihr kastanienbraunes Haar über eine Schulter. »Oh, welchen Spaß wir haben werden, jetzt, da ich dich gefunden habe, Blackbeak. Wir alle.« Manon wappnete sich und zog Windspalter, als die Gestalt der Frau wie eine schwarze Sonne glühte und sich dann kräuselte, die Umrisse sich ausdehnten, sich verwandelten, bis … Die Frau war eine Illusion gewesen. Ein Zauber. Die Kreatur, die nun vor ihr stand, war in Dunkelheit geboren worden, die Haut so weiß, dass Manon bezweifelte, dass sie je den Kuss der Sonne gespürt hatte, bis jetzt. Und der Geist, der sie erschaffen hatte … die Fantasie eines Wesens, das in einer anderen Welt geboren worden war – einer, in der Albträume über die dunkle, kalte Erde streiften. Der Körper und das Gesicht waren nahezu menschlich. Aber – Bluthund. Ja, das passte. Die Nasenlöcher waren riesig, die Augen so groß und lidlos, dass sie sich fragte, ob Erawan selbst die Augenlider auseinandergezerrt hatte. Und ihr Mund … die Zähne waren schwarze Stummel, die Zunge dick und rot, um die Luft zu schmecken. Und aus diesem weißen Körper sprossen Flügel. »Verstehst du«, schnurrte der Bluthund. »Verstehst du, was er dir geben kann? Ich kann jetzt den Wind schmecken; sein Mark riechen. Genauso, wie ich dich quer durchs Land gerochen habe.« Manon umschlang mit einem Arm ihren Bauch, während der andere zitterte, als sie Windspalter hob. Der Bluthund lachte, tief und leise. »Das hier werde ich genießen, glaube ich«, sagte die Kreatur – und sprang los. Sie lebte – sie lebte , und so würde es auch bleiben. Manon sprang zurück und glitt zwischen zwei Bäume, die so dicht beieinanderstanden, dass die Kreatur dagegenprallte, eine Wand aus Holz in ihrem Weg. Sie kniff ihre Kalbsaugen vor Zorn zusammen und die Krallen an den Enden ihrer weißen Hände gruben sich ins Holz, während sie zurückwich … Und feststeckte. Vielleicht wachte die Göttin doch über sie. Der Bluthund hatte sich zwischen zwei Bäumen verkeilt. Manon rannte los. Der Schmerz zerriss sie bei jedem Schritt und sie schluchzte, als sie zwischen den Bäumen hindurchsprintete. Ein Knacken und Krachen von Holz und Blättern hinter ihr. Manon trieb sich immer härter an, eine Hand auf ihre Wunde gepresst, Windspalter so fest gepackt, dass es zitterte. Aber da war Abraxos, die Augen wild, die Flügel bereits in Bewegung, weil er sich darauf vorbereitete zu fliegen. »Los« , schnarrte sie und warf sich in seine Richtung, während hinter ihr Holz knirschte. Abraxos flog auf sie zu, als sie sich ihm entgegenwarf – nicht auf ihn, sondern in seine Krallen, in die mächtigen Klauen, die sie unterhalb ihrer Brüste umschlangen. Ihr Bauch riss ein wenig weiter auf, als er sie hochhob, hoch, hoch, durch Holz und Blatt und Vogelnest. Die Luft knackte unter ihren Stiefeln und Manon, deren Augen heftig tränten, schaute nach unten, wo die Krallen des Bluthunds sich wild nach ihr ausstreckten. Aber zu spät. Ein wütendes Kreischen auf den Lippen, wich der Bluthund einige Schritte bis zum Rand der Lichtung zurück und machte sich bereit, Anlauf zu nehmen und in die Luft zu springen, während Abraxos’ Flügel schlugen wie verrückt … Sie drangen durch die Baumkronen und zerschmetterten Äste, die auf den Bluthund niederprasselten. Der Wind zerrte an Manon, als Abraxos mit ihr immer höher und höher hinaufsegelte, in östlicher Richtung, zu den Ebenen – nach Südosten … Das Ding würde sich nicht lange aufhalten lassen. Das war auch Abraxos klar. Er hatte das einkalkuliert. Etwas Weißes blitzte unter ihnen auf und brach durchs Blätterdach. Abraxos stieß zu, ein schnelles, tödliches Abtauchen, und Manons Kopf schwirrte bei seinem zornigen Brüllen. Der Bluthund hatte keine Zeit abzudrehen, als er von Abraxos’ mächtigem Schwanz getroffen wurde und die giftbedeckten, stählernen Widerhaken ihr Ziel fanden. Schwarzes, gärendes Blut spritzte; elfenbeinfarbene, membranartige Flügel rissen. Dann rauschten sie wieder nach oben und der Bluthund trudelte durch die Baumkronen – sterbend oder verletzt, Manon kümmerte es nicht. »Ich werde dich finden« , kreischte der Bluthund vom Waldboden aus. Erst nach etlichen Meilen verklangen die geschrienen Worte. Manon und Abraxos machten nur lange genug halt, dass sie auf seinen Rücken kriechen und sich festschnallen konnte. Keine Spur von anderen Wyvern am Himmel, kein Hinweis, dass der Bluthund sie verfolgte. Vielleicht würde das Gift ihn für eine Weile aufhalten – wenn auch nicht für immer. »Zur Küste«, sagte Manon laut, um den Wind zu übertönen, während der Abendhimmel in eine endgültige Schwärze ausblutete. »Irgendwohin, wo es sicher ist.« Blut rann zwischen ihren Fingern hindurch, schneller und stärker als zuvor – und gleich darauf hatte die Dunkelheit sie erneut in ihren Fängen. 26 S elbst nach zwei Wochen in Skull’s Bay, in denen Rolfe beharrlich ihre Bitten um ein Treffen ignoriert hatte, war Dorian immer noch nicht ganz an die Hitze und die Feuchtigkeit gewöhnt. Sie verfolgte ihn Tag und Nacht, riss ihn schweißgebadet aus dem Schlaf und trieb ihn ins Innere der Ozeanrose, wenn die Sonne in ihrem Zenit stand. Und da Rolfe sich weiterhin weigerte, sie zu sehen, versuchte Dorian, seine Tage mit anderen Dingen als dem ständigen Klagen über die Hitze auszufüllen. Die Morgenstunden waren für die Ausbildung in seiner Magie bestimmt. Rowan hatte dafür eine kleine Dschungellichtung einige Meilen von Skull’s Bay entfernt gefunden. Er ließ ihn den Weg dorthin und wieder zurück rennen; und es kam noch besser: Wenn sie am Mittag zurückkehrten, hatte er die »Wahl«, vor oder nach Rowans grausamem körperlichen Training zu essen. Dorian hatte keine Ahnung, wie Aelin dergleichen monatelang überlebt hatte – geschweige denn, wie sie sich dabei in den Krieger hatte verlieben können. Obwohl er annahm, dass sowohl die Königin als auch der Prinz eine kleine sadistische Ader besaßen. Wirklich, sie waren wie füreinander geschaffen. Manchmal stießen Fenrys und Gavriel zu ihnen in den Innenhof des Gasthauses, um zu trainieren oder um unerwünschte Bemerkungen über Dorians Technik mit Schwert und Dolch zu machen. An manchen Tagen erlaubte Rowan ihnen zu bleiben; an anderen warf er sie mit einem Knurren hinaus. Letzteres, begriff Dorian, geschah für gewöhnlich, wenn selbst die Hitze und die Sonne die Schatten der vergangenen Monate nicht vertreiben konnten – wenn sein Schweiß sich beim Erwachen anfühlte wie Sorschas Blut, wenn er nicht einmal die Berührung seines Waffenrocks an seinem Hals ertragen konnte. Er war sich nicht sicher, ob er dem Fae-Prinzen dafür danken sollte, dass er das bemerkte, oder ob er ihn für die Freundlichkeit hassen sollte. Nachmittags durchstreiften er und Rowan die Stadt, um Tratsch und Neuigkeiten zu sammeln, und beobachteten Rolfes Männer dabei genauso eingehend, wie sie selbst beobachtet wurden. Nur sieben Kapitäne von Rolfes dezimierter Armada befanden sich auf der Insel – acht, Rolfe eingeschlossen, mit noch weniger Schiffen, die in der Bucht vor Anker lagen. Einige waren nach dem Angriff der Valg geflohen; andere schliefen jetzt auf dem Grund des Hafens bei den Fischen, so wie ihre Schiffe. Zahlreiche Berichte aus Rifthold erreichten sie: von der Stadt unter dem Kommando der Hexen, davon, dass der größte Teil in Trümmern lag, dass der Adel und die Kaufleute auf Landgüter flohen und die Armen der Stadt sich selbst überließen. Die Hexen kontrollierten die Stadttore und den Hafen – nichts und niemand gelangte hinein, ohne dass sie davon erfuhren. Schlimmer noch, Schiffe aus der Ferianschlucht segelten den Avery hinunter in Richtung Rifthold, mit seltsamen Soldaten und Tieren an Bord, die die Stadt in ihre eigenen persönlichen Jagdgründe verwandelten. Erawan war kein Narr, was die Planung dieses Krieges betraf. Die Schiffe, die auf dem Avery patrouillierten, waren klein, keine wirkliche Bedrohung, hatte Rowan behauptet, und es war ausgeschlossen, dass die Streitmacht am Dead End Erawans ganze Armada darstellte. Wo also befand sich Adarlans Flotte? Rowan fand die Antwort fünf Tage nach ihrer Ankunft: am Golf von Oro. Ein Teil der Flotte lag vor Eyllwes Südwestküste, ein Teil versteckt in den Häfen Melisandes. Dessen Königin ließ den Gerüchten zufolge Moraths Soldaten in jeder Hinsicht freie Hand. Erawan hatte seine Flotte geschickt aufgeteilt und sie an so vielen Schlüsselorten platziert, dass Rowan Dorian klarmachte, dass sie Land, Verbündete und geografische Vorteile würden opfern müssen, um dafür andere zu behalten. Dorian hatte es gehasst, dem Fae-Krieger gegenüber zugeben zu müssen, dass er von diesen Plänen in den vergangenen Jahren nie etwas gehört hatte. Seine Ratsversammlungen hatten sich um Handel und Sklaven gedreht. Ablenkungen, begriff er jetzt. Während die Lords und Herrscher des Kontinents sich mit Handelsfragen beschäftigten, waren ganz andere Pläne verfolgt worden. Und jetzt … wenn Erawan die Flotte aus dem Golf rief, würde sie wahrscheinlich um Eyllwes südliche Küste herumsegeln und auf dem Weg jede Stadt plündern, bis sie an Orynths Türschwelle ankam. Vielleicht würden sie Glück haben und Erawans Flotte würde mit der von Maeve zusammenstoßen. Nicht dass sie von Letzterer etwas gehört hätten. Nicht einmal ein Wispern, wohin oder wie schnell ihre Schiffe segelten. Oder ein Wispern, wohin Aelin Galathynius gegangen war. Es waren Nachrichten über sie, das wusste Dorian, denen Rowan in den Straßen der Stadt nachjagte. Also sammelten Dorian und Rowan Informationsschnipsel und kehrten jeden Abend ins Gasthaus zurück, um sie zu analysieren, bei gewürzten Garnelen aus den warmen Gewässern des Archipels und dampfendem Reis von den Händlern auf dem südlichen Kontinent. Gläser voll Wasser mit Orangenscheiben standen auf den Land- und Seekarten, die sie in der Stadt erworben hatten. Informationen stammten größtenteils aus zweiter oder dritter Hand – und eine gewöhnliche Hure, die durch die Straßen zog, schien genauso viel zu wissen wie die Seeleute, die auf den Kais schufteten. Aber keine dieser Huren, keiner dieser Seeleute oder Händler hatte Nachrichten über das Schicksal von Prinz Hollin oder Königin Georgina. Der Krieg kam – und das Schicksal eines Kindes und einer gedankenlosen Königin, die sich nie die Mühe gemacht hatte, sich selbst irgendwelche Macht zu sichern, kümmerte niemanden außer Dorian, wie es schien. An einem außerordentlich schwülen Nachmittag, der sich jetzt dank eines enormen Gewitters abkühlte, legte Dorian seine Gabel neben den Teller mit gedünstetem Fisch und sagte zu Rowan: »Ich bin es leid, darauf zu warten, dass Rolfe sich mit uns trifft.« Rowans Gabel klirrte gegen seinen Teller, als er sie sinken ließ und mit übernatürlicher Reglosigkeit abwartete. Wo Gavriel und Fenrys den Nachmittag verbrachten, war ihm gleichgültig. Tatsächlich war Dorian dankbar für ihre Abwesenheit und fügte hinzu: »Ich brauche Papier – und einen Boten.« Drei Stunden später rief Rolfe sie und Rowans ehemalige Waffenbrüder zu sich in die Meeresdrachentaverne. Rowan hatte Dorian in den vergangenen Tagen beigebracht, wie er sich mit Schilden schützen konnte – und genau das tat er jetzt, als Rolfe sie durch den oberen Flur der Taverne führte, auf dem Weg zu seinem Arbeitszimmer. Dorians Plan war reibungslos aufgegangen – perfekt. Niemand hatte bemerkt, dass der Brief, den Rowan nach dem Mittagessen abgeschickt hatte, derselbe war, der Dorian später im Gasthaus überbracht wurde. Den Schreck, den Dorian zur Schau stellte, während er den Brief las – das Entsetzen, die Furcht und der Zorn über die Nachrichten, die er empfangen hatte, hatten sie sehr wohl bemerkt. Rowan war in seiner typischen Art auf und ab getigert und hatte die Neuigkeiten , die er er halten hatte, knurrend kommentiert. Sie sorgten dafür, dass der Diener, der den Flur wischte, ihre Bemerkung über kriegsverändernde Informationen mit anhörte, dass Rolfe selbst viel gewinnen könne – oder alles verlieren. Und als Dorian jetzt auf das Zimmer des Mannes zuschritt, war ihm nicht klar, ob es ihm gefiel oder ihn beunruhigte, dass sie so genau beobachtet wurden. Immerhin hatte diese Beobachtung dazu geführt, dass sein Plan funktionierte. Gavriel und Fenrys stellten zum Glück keine Fragen. Der Piratenlord, in eine verschossene, blau-goldene Jacke gekleidet, hielt vor der Eichentür zu seinem Arbeitszimmer inne. Er trug seine Handschuhe, sein Gesicht ein wenig ausgezehrt. Dorian bezweifelte, dass dieser Gesichtsausdruck sich aufhellen würde, wenn Rolfe begriff, dass es überhaupt keine Neuigkeiten gab – und er dieses Treffen abhalten würde, ob er es nun wollte oder nicht. Dorian ertappte die drei Fae dabei, wie sie jeden Atemzug Rolfes und seine Haltung analysierten und auf die Geräusche des Ersten Offiziers und des Quartiermeisters ein Stockwerk unter ihnen lauschten. Alle drei nickten einander kaum wahrnehmbar zu. Verbündete – zumindest bis Rolfe sie angehört hatte. Rolfe schloss die Tür auf, murmelte: »Das sollte besser keine Zeitverschwendung sein«, und schritt in die wartende Dunkelheit dahinter. Um dann wie angewurzelt stehen zu bleiben. Selbst in dem trüben Licht konnte Dorian die Frau an Rolfes Schreibtisch bestens erkennen, ihre schwarzen Kleider schmutzig, ihre Waffen glänzend und ihre Füße auf die dunkle, hölzerne Tischplatte gebettet. Aelin Galathynius, die Hände hinterm Kopf verschränkt, grinste sie alle an und sagte: »Mir gefällt dieses Arbeitszimmer viel besser als dein anderes, Rolfe.« 27 D orian wagte es nicht, sich zu bewegen, als Rolfe ein Knurren ausstieß. »Ich erinnere mich deutlich, Celaena Sardothien, Euch gewarnt zu haben, dass Euer Leben verwirkt sei, wenn Ihr jemals wieder einen Fuß auf mein Territorium setzt.« »Ah«, erwiderte Aelin gedehnt, senkte die Hände, ließ ihre Füße jedoch auf Rolfes Schreibtisch liegen, »aber wo bliebe denn da der Spaß? Und warum so förmlich? Waren wir nicht längst beim Du angekommen?« Rowan war an seiner Seite still wie der Tod. Aelins Grinsen wurde katzenhaft, als sie endlich die Füße herunternahm und über beide Seiten des Schreibtischs strich, um das glatte Holz zu befühlen, als wäre es ein wertvolles Pferd. Sie nickte Dorian zu. »Hallo, Majestät.« »Hallo, Celaena«, antwortete er, so ruhig er konnte, und war sich vollauf bewusst, dass die beiden männlichen Fae hinter ihm sein donnerndes Herz hören konnten. Rolfe riss den Kopf zu ihm herum. Denn es war Celaena, die hier saß – aus welchem Grund auch immer, in diesem Raum befand sich Celaena Sardothien. Sie deutete mit dem Kinn ruckartig auf Rolfe. »Du hast schon bessere Tage gesehen, aber wenn man bedenkt, dass die Hälfte deiner Flotte dich im Stich gelassen hat, würde ich sagen, du siehst noch ganz anständig aus.« »Steh von meinem Stuhl auf«, erwiderte Rolfe mit bedrohlich leiser Stimme. Aelin tat nichts dergleichen. Sie unterzog Rowan lediglich einer Musterung von Kopf bis Fuß. Rowans Gesichtsausdruck blieb undeutbar, sein Blick eindringlich – beinahe glühend. Und dann sagte Aelin mit einem heimlichen Lächeln zu Rowan: »Euch kenne ich nicht. Aber ich würde Euch gern kennenlernen.« Rowan zog die Mundwinkel hoch. »Ich bin bedauerlicherweise nicht zu haben.« »Ein Jammer«, erwiderte Aelin und legte den Kopf schief, als sie eine Schale mit kleinen Smaragden auf Rolfes Schreibtisch bemerkte. Tu es nicht, tu es … Aelin krallte sich die Smaragde mit einer Hand und stocherte darin herum, während sie Rowan unter ihren Wimpern hinweg ansah. »Sie muss eine atemberaubende Schönheit sein, dass Ihr so treu seid.« Die Götter mochten sie alle retten. Er hätte schwören können, dass Fenrys hinter ihm hüstelte. Aelin kippte die Smaragde Stein für Stein zurück in die Metallschale, als wären es Kupferstückchen. »Sie muss schlau sein« – klirr – »und faszinierend« – klirr – »und sehr, sehr begabt.« Klirr, klirr, klirr , machten die Smaragde. Sie untersuchte die vier Edelsteine, die sie noch in der Hand hielt. »Sie muss die wunderbarste Person sein, die je existiert hat.« Hinter ihm erklang ein weiteres Hüsteln – diesmal von Gavriel. Aber Aelin hatte nur Augen für Rowan, als der Krieger bemerkte: »Das ist sie in der Tat. Das und noch mehr.« »Hmmm«, entgegnete Aelin, während sie die Smaragde mit gekonnter Lässigkeit über ihre vernarbte Handfläche rollen ließ. Rolfe knurrte: »Was. Tust. Du. Hier.« Aelin kippte die Smaragde in die Schale. »Spricht man so mit einer alten Freundin?« Rolfe stapfte zum Schreibtisch und Rowan zitterte, so sehr musste er sich zurückhalten, als der Piratenlord die Hände auf die hölzerne Oberfläche stützte. »Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass dein Meister tot ist und du die Gilde an seine Untergebenen verkauft hast. Du bist eine freie Frau. Was machst du in meiner Stadt?« Aelin erwiderte diese Frage mit einer solchen Respektlosigkeit in ihrem Blick, dass Dorian sich wunderte, ob dieses spezielle Talent Aelins angeboren war oder ob sie es dank ihrer Abenteuer vervollkommnet hatte. »Der Krieg kommt, Rolfe. Und da ist es mir nicht gestattet, meine Optionen abzuwägen? Ich wollte feststellen, was du vorhast.« Rolfe sah Dorian über seine breite Schulter hinweg an. »Den Gerüchten zufolge war sie einst Euer Champion. Würdet Ihr Euch bitte um das hier kümmern?« »Ihr werdet feststellen, Rolfe, dass man sich um Celaena Sardothien nicht kümmert. Man überlebt sie«, gab Dorian glattzüngig zurück. Aelin ließ ein Grinsen aufblitzen. Rolfe verdrehte die Augen und sagte zu der Assassinenkönigin: »Also, was ist dann der Plan? Du hattest einen Handel geschlossen, um Endovier zu entkommen, du bist Champion des Königs geworden, und jetzt, da er tot ist, willst du schauen, wie du davon profitieren kannst?« Dorian versuchte, nicht zusammenzucken. Tot – sein Vater war tot –, gestorben durch seine eigene Hand. »Du weißt, woran ich Gefallen finde«, entgegnete Aelin. »Selbst mit Arobynns Vermögen und dem Verkauf der Gilde … ein Krieg kann profitabel für Leute sein, die ihre Geschäfte klug führen.« »Und wo ist das sechzehnjährige, selbstgerechte Balg, das sechs meiner Schiffe in Wracks verwandelt, zwei von ihnen gestohlen und meine Stadt zerstört hat – und das alles wegen zweihundert Sklaven?« Ein Schatten huschte über Aelins Augen, bei dem Dorian fröstelte. »Verbring ein Jahr in Endovier, Rolfe, und du lernst schnell, eine andere Art von Spiel zu spielen.« »Ich habe dich gewarnt« – Rolfe schäumte vor stillem Hass –, »dass du eines Tages für diese Arroganz bezahlen würdest.« Aelins Lächeln wurde tödlich. »Und das habe ich in der Tat getan. Genau wie Arobynn Hamel.« Rolfe blinzelte – nur ein einziges Mal, dann richtete er sich höher auf. »Steh von meinem Platz auf. Und leg diesen Smaragd zurück, den du dir in den Ärmel geschoben hast.« Aelin schnaubte, und schnell wie der Blitz tauchte ein Smaragd – der vierte, den Dorian vergessen hatte – zwischen ihren Fingern auf. »Gut. Wenigstens lässt dich das Augenlicht in deinem hohen Alter noch nicht im Stich.« »Und den anderen«, stieß Rolfe mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Aelin grinste wieder. Und dann lehnte sie sich auf Rolfes Stuhl zurück, legte den Kopf in den Nacken und spuckte den Smaragd aus, den sie irgendwie unter der Zunge versteckt hatte. Dorian beobachtete, wie der Edelstein in einem sauberen Bogen durch die Luft flog und mit einem dumpfen Aufprall in der Schale landete. Schweigen folgte. *** Dorian sah Rowan an. Aber die Augen des Prinzen leuchteten entzückt – entzückt und stolz und voll siedender Lust. Dorian wandte schnell den Blick ab. Aelin widmete sich dem Piratenlord. »Ich habe zwei Fragen an dich.« Rolfes Hand zuckte zu seinem Degen. »Du bist verdammt noch mal nicht in der Position, Fragen zu stellen.« »Ach nein? Schließlich habe ich dir vor zweieinhalb Jahren ein Versprechen gegeben. Eins, das du unterzeichnet hast.« Rolfe stieß ein Knurren aus. Aelin stützte das Kinn auf eine Faust. »Hast du oder haben irgendwelche von deinen Schiffen seit jenem … unglückseligen Tag Sklaven verkauft, mit ihnen gehandelt oder sie transportiert?« »Nein.« Ein zufriedenes kleines Nicken. »Und hast du ihnen hier Zuflucht gewährt?« »Wir haben uns nicht gerade ein Bein ausgerissen, aber wenn welche eingetroffen sind, ja.« Jedes Wort klang gepresster als das vorangegangene, wie eine gespannte Feder würde er gleich hervorschnellen und die Königin erwürgen. Dorian betete, dass der Mann nicht so dumm war, seine Waffen zu ziehen. Nicht solange Rowan jeden seiner Atemzüge beobachtete. »Gut und nochmals gut«, sagte Aelin. »Klug von dir, mich nicht zu belügen. Da ich es bei meiner Ankunft heute Morgen auf mich genommen habe, einen Blick in deine Lagerhäuser zu werfen und mich auf den Märkten umzuhören. Und dann bin ich hierhergekommen …« Sie strich mit den Händen über die Papiere und Bücher auf dem Schreibtisch. »Um mir persönlich deine Kassenbücher anzusehen.« Sie zog einen Finger über eine Seite, die verschiedene Spalten und Zahlen enthielt. »Textilien, Gewürze, Porzellangeschirr, Reis vom südlichen Kontinent und verschiedene Schmuggelwaren, aber keine Sklaven. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Sowohl davon, dass du Wort gehalten hast, wie über deine gründliche Buchführung.« Ein leises Knurren. »Weißt du, was deine kleine Nummer mich gekostet hat?« Aelin schaute zu einem Pergament an der Wand, in das sich verschiedene Dolche, Schwerter und sogar Scheren gebohrt hatten – anscheinend Rolfes Zielübungen. »Nun, da ist die Rechnung aus der Taverne, die ich unbezahlt gelassen habe …«, sagte sie mit Blick auf das Dokument, das tatsächlich eine Liste darstellte und – heilige Götter, das war aber eine große Summe. Rolfe drehte sich zu Rowan, Fenrys und Gavriel um. »Ihr wollt meine Unterstützung in diesem Krieg? Hier ist mein Preis. Tötet sie. Jetzt. Dann sind meine Schiffe und meine Männer Euer.« Fenrys’ dunkle Augen glitzerten, als Aelin sich erhob. Ihre schwarzen Kleider waren abgetragen von ihren Reisen und ihr goldenes Haar leuchtete im grauen Licht. Selbst in einem Zimmer voller Berufsmörder dominierte sie den Raum. »Oh, ich glaube nicht, dass sie das tun werden«, stellte sie fest. »Oder dass sie es überhaupt können.« Rolfe fuhr zu ihr herum. »Du wirst feststellen, dass du nicht ganz so gut bist, wenn du es mit Fae-Kriegern zu tun hast.« Sie deutete auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch. »Du solltest dich vielleicht hinsetzen.« »Mach, dass du verdammt noch mal hier …« Aelin stieß einen leisen Pfiff aus. »Erlaubt mir, Kapitän Rolfe, Euch die unvergleichliche , die wunderschöne und die absolut und umfassend makellose Königin von Terrasen vorzustellen.« Dorian legte die Stirn in Falten. Aber Schritte erklangen und dann … Die männlichen Fae zuckten herum, als tatsächlich Aelin Galathynius in den Raum stolziert kam, in eine dunkelgrüne Tunika gekleidet, die gleichermaßen abgetragen und schmutzig war, ihr goldenes Haar offen, ihre türkis-goldenen Augen lachend, als sie an Rolfe, der das Geschehen mit offenem Mund verfolgte, vorbeischritt und sich auf die Armlehne von Aelins Stuhl setzte. Dorian konnte sie nicht unterscheiden – ohne den Geruchssinn eines Fae konnte er sie nicht unterscheiden. »Was – was ist das für eine Teufelei«, fauchte Rolfe und wich einen Schritt zurück. Aelin und Aelin sahen einander an. Die in Schwarz grinste zu dem Neuankömmling hoch. »Oh, du bist wirklich zauberhaft, nicht wahr?« Die in Grün lächelte, aber bei allem Entzücken, das in diesem Lächeln lag, bei all der frechen Schelmerei … es war ein sanfteres Lächeln, gelächelt von einem Mund, der vielleicht weniger daran gewöhnt war, zu knurren, die Zähne zu blecken und damit durchzukommen, schreckliche, angeberische Dinge zu sagen. Also Lysandra. Die beiden Königinnen sahen Rolfe an. »Aelin Galathynius hatte keine Zwillingsschwester«, knurrte er, eine Hand auf seinem Schwert. Aelin in Schwarz – die wahre Aelin, die die ganze Zeit über unter ihnen gewesen war – verdrehte die Augen. »Ach, Rolfe. Du verdirbst mir den Spaß. Natürlich habe ich keine Zwillingsschwester.« Sie ruckte mit dem Kinn zu Lysandra und der Körper der Gestaltwandlerin glühte und schmolz; goldenes Haar wurde zu schweren, herabfallenden dunklen Locken, ihre Haut sonnengebräunt, ihre schräg stehenden Augen von einem auffälligen Grün. Rolfe stieß ein erschrockenes Bellen aus und taumelte rückwärts – wo Fenrys ihm mit einer Hand auf seiner Schulter Halt gab, als der Fae-Krieger vortrat, die Augen geweitet. »Eine Gestaltwandlerin«, hauchte er. Aelin und Lysandra fixierten den Krieger mit einem unbeeindruckten Blick, der geringere Männer in die Flucht geschlagen hätte. Selbst Gavriels gleichmütiges Gesicht sah beim Anblick der Gestaltwandlerin überrascht aus. Aedions Vater. Und wenn Aedion mit Aelin hier war … »Sosehr es mich fasziniert zu sehen, dass die Waffenbrüder alle anwesend sind«, begann Aelin zu sprechen, »werdet Ihr Seiner Piratigkeit bestätigen, dass ich die bin, für die ich mich ausgebe, damit wir uns dringenderen Angelegenheiten zuwenden können?« Rolfes Gesicht war weiß vor Zorn, als er begriff, dass sie alle gewusst hatten, wer wahrhaft vor ihnen gesessen hatte. »Sie ist Aelin Galathynius. Und Celaena Sardothien«, erklärte Dorian. Aber es waren Fenrys und Gavriel, die Außenstehenden, an die Rolfe sich wandte. Gavriel nickte und Fenrys’ Blick ruhte jetzt auf der Königin. »Sie ist die, für die sie sich ausgibt.« Rolfe drehte sich wieder zu Aelin um, aber die Königin sah stirnrunzelnd zu Lysandra auf, als die Gestaltwandlerin ihr ein mit Wachs versiegeltes Röhrchen reichte. »Dein Haar ist kürzer.« »Versuch du es mal mit so langem Haar und schau dann, ob du länger als einen Tag durchhältst«, entgegnete Lysandra und betastete das Haar, das ihr Schlüsselbein streifte. Rolfe starrte die beiden an. Aelin schenkte ihrer Gefährtin ein Grinsen und blickte dann zum Piratenlord. »Also, Rolfe«, sagte die Königin gedehnt, während sie das Röhrchen von einer Hand in die andere warf, »lass uns über diese kleine Angelegenheit sprechen. Du weigerst dich, mir bei meiner Mission behilflich zu sein?« 28 A elin Galathynius machte sich nicht die Mühe, ihre Selbstgefälligkeit zu unterdrücken, als Rolfe auf den großen Tisch auf der rechten Seite seines Arbeitszimmers zeigte – das viel prächtiger war als die schäbige Schreibstube, in die er einst sie und Sam hatte kommen lassen. Sie schaffte genau einen Schritt zu ihrem für sie vorgesehenen Platz, bevor Rowan an ihrer Seite war, eine Hand an ihrem Ellbogen. Sein Gesicht – oh, Götter, sie hatte dieses harte, unnachgiebige Gesicht vermisst – war angespannt, als er sich vorbeugte, um ihr mit der leisen Stimme der Fae zuzuflüstern: »Die anderen arbeiten mit uns zusammen, unter der Bedingung, dass ich sie zu Lorcan führe, da Maeve sie ausgeschickt hat, um ihn zu töten. Ich habe mich geweigert, seinen Aufenthaltsort zu verraten. Der größte Teil der adarlanischen Flotte befindet sich im Golf von Oro, dank einer schmutzigen Abmachung mit Melisande, ihre Häfen nutzen zu dürfen, und Maeves eigene Armada segelt gen Eyllwe – ob sie es tut, um anzugreifen oder um zu helfen, wissen wir nicht.« Nun, es war schön zu wissen, dass die Informationen über Maeves Armada korrekt waren und die absolute Hölle sie erwartete. Aber dann fügte Rowan hinzu: »Und ich habe dich wahnsinnig vermisst.« Sie lächelte trotz der Dinge, die er ihr gerade erzählt hatte, und lehnte sich zurück, um ihn anzusehen. Unberührt, unversehrt. Es war mehr, als sie sich erhofft hatte. Selbst mit den Neuigkeiten, die er ihr überbracht hatte. Aelin kam zu dem Schluss, dass es ihr restlos egal war, wer zuschaute, und erhob sich auf die Zehenspitzen, um mit ihrem Mund über seinen zu streifen. Es hatte sie ihren ganzen Verstand und all ihre Fähigkeiten gekostet, es zu vermeiden, heute Spuren ihres Duftes zu hinterlassen, die er hätte wahrnehmen können – und das erschrockene Entzücken auf seinem Gesicht war es absolut wert gewesen. Rowans Hand auf ihrem Arm spannte sich an, als sie sich zurücklehnte. »Das Gefühl, Prinz«, murmelte sie, »beruht auf Gegenseitigkeit.« Die anderen taten ihr Bestes, sie nicht zu beobachten – bis auf Rolfe, der immer noch vor Wut schäumte. »Ach, mach doch nicht so ein Gesicht, Kapitän«, sagte sie, wandte sich von Rowan ab und ließ sich auf einen Stuhl Rolfe gegenüber sinken. »Du hasst mich, ich hasse dich, wir beide hassen es, von großtuerischen, diktatorischen Imperien gesagt zu bekommen, was wir tun sollen – wir geben ein perfektes Paar ab.« Rolfe zischte: »Du hast beinahe alles zerstört, wofür ich gearbeitet habe. Deine glatte Zunge und deine Arroganz werden dir hier nicht weiterhelfen.« Einfach so aus Jux lächelte sie und streckte ihm die Zunge heraus. Nicht die echte Zunge – sondern eine gespaltene Zunge aus silbernem Feuer, die wie die Zunge einer Schlange in der Luft züngelte. Fenrys stieß ein dunkles, ersticktes Lachen aus. Sie ignorierte ihn. Mit der Anwesenheit dieser Fae würde sie sich später beschäftigen. Sie betete nur, dass es ihr gelingen würde, Aedion zu warnen, bevor er seinem Vater über den Weg lief, der jetzt zwei Stühle entfernt von ihr saß und sie angaffte, als hätte sie zehn Köpfe. Götter, selbst der Gesichtsausdruck ähnelte dem Aedions. Wie war es möglich, dass ihr das im Frühling in Wendlyn nicht aufgefallen war? Aedion war ein Junge gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – aber als Mann … durch Gavriels Unsterblichkeit sahen sie sogar gleich alt aus. Unterschiedlich in vielerlei Hinsicht, doch dieser Blick war wie ein Spiegelbild. Rolfe lächelte nicht. »Eine Königin, die mit dem Feuer spielt, ist keine, die eine solide Verbündete abgibt.« »Und ein Pirat, dessen Männer ihn bei der ersten Probe ihrer Treue im Stich gelassen haben, ist nicht besonders qualifiziert als Flottenkommandant, und doch bin ich hier, an diesem Tisch.« »Vorsicht, Mädchen. Du brauchst mich mehr, als ich dich brauche.« »Tue ich das?« Das hier war nichts als ein Tanz, der begonnen hatte, lange bevor sie einen Fuß auf diese schreckliche Insel gesetzt hatte, und jetzt war sie dabei, den zweiten Takt einzuleiten. Sie legte Murtaughs versiegelten Empfehlungsbrief auf den Tisch zwischen ihnen. »So wie ich es sehe, habe ich das Gold, und ich habe die Fähigkeit, dich von einem gewöhnlichen Kriminellen zu einem respektablen, etablierten Geschäftsmann zu machen. Fenharrow kann bestreiten, wem diese Inseln gehören, aber was wäre, wenn ich dich unterstützen würde? Wenn ich dafür sorgen würde, dass du kein Piratenlord mehr bist, sondern ein Piratenkönig?« »Und wer würde das Wort einer neunzehnjährigen Prinzessin beglaubigen?« Sie deutete mit dem Kinn auf das mit Wachs versiegelte Röhrchen. »Murtaugh Allsbrook würde das tun. Er hat dir einen schönen, langen Brief dazu geschrieben.« Rolfe griff nach dem Röhrchen, musterte es und warf es im hohen Bogen direkt in seinen Mülleimer. Der dumpfe Aufprall hallte durchs Zimmer. »Und ich würde es tun«, erklärte Dorian und beugte sich vor, bevor Aelin wegen des ignorierten Briefes wütend werden konnte. »Wenn wir diesen Krieg gewinnen, habt Ihr die beiden größten Königreiche auf diesem Kontinent hinter Euch, die Euch zum unbestrittenen König aller Piraten erklären würden. Skull’s Bay und die Dead Islands würden kein Versteck mehr für Eure Leute sein, sondern ein richtiges Zuhause. Ein neues Königreich.« Rolfe stieß ein leises Lachen aus. »Die Worte junger Idealisten und Träumer.« »Die Welt«, entgegnete Aelin, »wird von den Träumern gerettet und neu erschaffen werden, Rolfe.« »Die Welt wird von den Kriegern gerettet werden, von den Männern und Frauen, die bereit sind, ihr Blut dafür zu vergießen. Nicht für leere Versprechungen und vergoldete Träume.« Aelin legte die Hände flach auf den Tisch. »Vielleicht. Aber wenn wir diesen Krieg gewinnen, wird es eine neue Welt geben – eine freie Welt. Das ist mein Versprechen – an dich, an jeden, der unter meinem Banner zu marschieren bereit ist. Eine bessere Welt. Und du wirst entscheiden müssen, wo dein Platz darin sein soll.« »Das ist das Versprechen eines kleinen Mädchens, das immer noch nicht weiß, wie die Welt wirklich funktioniert«, widersprach Rolfe. »Herren werden gebraucht, um die Ordnung aufrechtzuerhalten – damit die Dinge laufen und profitabel sind. Es wird kein gutes Ende für jene nehmen, die danach trachten, die Welt auf den Kopf zu stellen.« Aelin schnurrte: »Willst du Gold, Rolfe? Willst du einen Titel? Willst du Ruhm oder Frauen oder Land? Oder ist es lediglich die Blutgier, die dich antreibt?« Sie warf einen vielsagenden Blick auf seine behandschuhten Hände. »Was war der Preis für die Karte? Was war das Endziel, wenn dieses Opfer gebracht werden musste?« »Es gibt nichts, was du anbieten oder sagen könntest, Aelin Galathynius, das ich mir nicht selbst beschaffen könnte.« Ein verschlagenes Lächeln. »Es sei denn, du planst, mir deine Hand anzubieten und mich zum König über dein Reich zu machen. Das wäre vielleicht ein interessanter Vorschlag.« Mistkerl. Selbstsüchtiger, mieser Bastard. Er hatte sie mit Rowan gesehen. Er sog die Reglosigkeit auf, mit der sie beide jetzt dasaßen, den Tod in Rowans Augen. »Sieht so aus, als hättest du aufs falsche Pferd gesetzt«, gurrte Rolfe. Er richtete den Blick auf Dorian. »Was waren das für Nachrichten, die Ihr erhalten habt?« Aber dieses falsche Pferd erwiderte glattzüngig: »Es gab keine. Aber Ihr werdet froh sein zu erfahren, dass Eure Spione in der Ozeanrose immerhin ihre Aufgabe erfüllen. Und dass Seine Majestät ein ziemlich talentierter Schauspieler ist.« Aelin verkniff sich ein Lachen. Rolfes Gesicht verdüsterte sich. »Raus aus meinem Arbeitszimmer.« »Wegen eines kleinlichen Grolls, den Ihr hegt, würdet Ihr Euch weigern, ein Bündnis mit uns in Erwägung zu ziehen?«, fragte Dorian. Aelin schnaubte. »Ich würde den Zorn über die Zerstörung seiner heruntergekommenen Stadt und seiner Schiffe kaum einen ›kleinlichen Groll‹ nennen.« »Ihr habt zwei Tage Zeit, um Euch von dieser Insel zu entfernen«, stieß Rolfe mit blitzenden Zähnen hervor. »Danach gilt mein Versprechen, das ich dir vor zweieinhalb Jahren gegeben habe, immer noch.« Er grinste ihre Gefährten höhnisch an. »Nimm deine Menagerie mit dir.« Rauch waberte in ihrem Mund. Sie hatte eine Auseinandersetzung erwartet, aber jetzt war es erst mal Zeit, sich neu zu formieren – Zeit zu sehen, was Rowan und Dorian getan hatten, und die nächsten Schritte zu planen. Sollte Rolfe für den Moment ruhig denken, dass sie die Tanzfläche vorzeitig verließ. *** Aelin ging in den schmalen Flur, eine Wand aus Muskeln hinter und neben sich, und stellte sich einem weiteren Dilemma: Aedion. Er hielt draußen vor dem Gasthaus Wache. Wenn sie direkt zu ihm hinstürmte, würde sie seinen verloren geglaubten, absolut nichts ahnenden Vater direkt zu ihm führen. Aelin schaffte es ganze drei Schritte den Flur entlang, ehe Gavriel hinter ihr fragte: »Wo ist er?« Langsam drehte sie sich um. Das gebräunte Gesicht des Kriegers war angespannt, seine Augen voller Kummer und Härte. Sie grinste. »Wenn Ihr von dem süßen, lieben Lorcan sprecht …« »Ihr wisst, von wem ich spreche.« Rowan trat zwischen sie, aber sein strenges Gesicht verriet nichts. Fenrys schlüpfte in den Flur, schloss Rolfes Tür und musterte sie mit finsterer Erheiterung. Oh, Rowan hatte ihr viel von ihm erzählt. Ein Gesicht und ein Körper, für den Frauen und Männer töten würden, um ihn zu besitzen. Wozu Maeve ihn zwang, was er um seines Zwillingsbruders willen gegeben hatte. »Ist nicht die bessere Frage: ›Wer ist er?‹«, fragte sie Gavriel. Er lächelte nicht. Bewegte sich nicht. Sie musste Zeit schinden, musste Aedion Zeit verschaffen … »Ihr entscheidet nicht, wann und wo und wie Ihr ihn trefft«, erklärte Aelin. »Er ist mein götterverdammter Sohn. Ich denke, das tue ich sehr wohl.« Aelin zuckte die Achseln. »Ihr entscheidet nicht mal, ob es Euch gestattet ist, ihn so zu nennen.« Seine lohfarbenen Augen blitzten auf; die tätowierten Hände ballten sich zu Fäusten. Aber Rowan warf ein: »Gavriel, sie hat nicht vor, dich von ihm fernzuhalten.« »Sagt mir, wo mein Sohn ist. Sofort.« Ah – da war es. Das Gesicht des Löwen. Der Krieger, der Armeen zu Fall gebracht hatte, dessen Ruf erfahrene Soldaten schaudern ließ. Dessen gefallene Krieger überall auf seinen Leib tätowiert waren. Aber Aelin knibbelte an ihren Fingernägeln, dann schaute sie stirnrunzelnd in den inzwischen verlassenen Flur hinter ihr. »Ich habe keinen Schimmer, wohin er verschwunden ist.« Sie blickten alle zu der Stelle, wo Lysandra noch kurz zuvor gewesen war, und zuckten zusammen. Lysandra war verschwunden, fliegend oder schlängelnd oder kriechend durch das offene Fenster. Um Aedion wegzuschaffen. »Und gebt mir niemals Befehle«, fügte sie mit ausdrucksloser, kalter Stimme hinzu. *** Aedion und Lysandra warteten bereits in der Ozeanrose. Als sie den hübschen Innenhof betraten, brachte Aelin nur mühsam die Energie auf, Rowan gegenüber ihre Verblüffung zu äußern, dass er sich nicht für die karge Unterkunft eines Kriegers entschieden hatte. Dorian, der einige Schritte hinter ihnen ging, lachte leise – was gut war, nahm sie an. Gut, dass er lachte. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er nicht gelacht. Und es waren Wochen vergangen, seit sie selbst gelacht hatte, seit diese Last sich lange genug von ihren Schultern gehoben hatte, um das zu tun. Sie warf Rowan einen Blick zu, der ihm sagte, dass er sich oben mit ihr treffen sollte, und blieb auf halbem Weg durch den Innenhof stehen. Dorian, der ihre Absicht spürte, hielt ebenfalls inne. Die Abendluft war schwer von dem Geruch süßer Früchte und rankender Blumen und der Springbrunnen in der Mitte gurgelte sanft. Der Innenhof erinnerte sie an die Festung der Schweigenden Assassinen und sie fragte sich, ob der Besitzer des Gasthauses aus der Red Desert stammte, ob er die Festung schon einmal besucht hatte. Aber an Dorian gewandt murmelte Aelin: »Es tut mir leid. Das mit Rifthold.« Das sommerlich gebräunte Gesicht des Königs verzog sich. »Danke – für die Hilfe.« Aelin zuckte die Achseln. »Rowan sucht immer nach Wegen, um angeben zu können. Dramatische Rettungsaktionen geben seinem öden, unsterblichen Leben einen Daseinszweck und Erfüllung.« Von der offenen Balkontür über ihnen erklang ein vielsagendes Hüsteln, kräftig genug, um sie darüber zu informieren, dass Rowan das gehört hatte und diese kleine Stichelei nicht vergessen würde, wenn sie allein waren. Sie unterdrückte ihr Grinsen, überrascht und erleichtert darüber, dass zwischen Rowan und Dorian auf ihrem Weg hierher eine unbefangene, respektvolle Ruhe geherrscht hatte. Sie bedeutete dem König, mit ihr weiterzugehen, und sagte leise und im vollen Bewusstsein dessen, wie viele Spione Rolfe innerhalb des Gebäudes angeheuert hatte: »Es scheint, dass wir beide gegenwärtig ohne Krone sind, dank einiger schwachsinniger Papiere.« Dorian erwiderte ihr Lächeln nicht. Die Treppe ächzte unter ihnen, als sie ins erste Stockwerk hinaufgingen. Sie hatten das Zimmer, auf das Dorian gewiesen hatte, beinahe erreicht. »Vielleicht ist das ganz gut so«, erwiderte er schließlich. Sie öffnete und schloss den Mund – und entschied sich ausnahmsweise einmal dafür, zu schweigen. Mit einem Kopfschütteln betrat sie den Raum. Ihr Treffen verlief in ruhigem Austausch von Informationen. Rowan und Dorian beschrieben in allen Einzelheiten, was ihnen widerfahren war, Aedion drängte auf die genauen Zahlen der Hexen, ihrer Rüstungen, auf Berichte darüber, wie sie flogen, welche Formationen sie benutzten. Alles, um es der Bane weiterzugeben, um ihre nördlichen Verteidigungswälle zu stärken, ganz gleich, wer sie befehligte. Die schiere Leichtigkeit, mit der die Legion der Ironteeth die Stadt eingenommen hatte, bereitete dem General des Nordens Kopfzerbrechen. »Manon Blackbeak«, überlegte Aedion laut, »wäre eine wertvolle Verbündete, wenn wir sie umdrehen könnten.« Aelin schaute zu Rowans Schulter – wo eine schwache Narbe jetzt die goldene Haut unter seinen Kleidern verunstaltete. »Vielleicht können wir Manon dazu bringen, sich gegen die Ihren zu wenden, einen Machtkampf unter den Hexen auslösen«, meinte sie. »Möglicherweise ersparen sie uns dann die Aufgabe, sie zu töten, und vernichten sich einfach gegenseitig.« Dorian richtete sich auf seinem Stuhl auf und nur kalte Berechnung lag in seinen Augen, als er konterte: »Aber was wollen sie eigentlich? Abgesehen von unseren Köpfen, meine ich. Warum sich überhaupt mit Erawan verbünden?« Und dann schauten sie alle zu dem dünnen Ring von Narben, die Aelins Kehle verunzierten – wo der Geruch herkam, der sie dauerhaft als Hexentöterin kennzeichnete. Baba Yellowlegs hatte im Winter das Schloss in Rifthold besucht, um dieses Bündnis zu schmieden, aber war da noch etwas anderes gewesen? »Wir können das Wie und Warum später bedenken«, erklärte Aelin. »Und wenn wir irgendwelchen Hexen begegnen, nehmen wir sie lebend gefangen. Ich will ein paar Antworten.« Dann erzählte sie, was sie in Ilium erlebt hatten. Von dem Befehl, den Brannon ihr gegeben hatte: Finde das Schloss. Nun, er und seine kleine Mission konnten sich schön hinten anstellen. Es würde niemals enden, überlegte sie, als sie am Abend gebratene Krabben und gewürzten Reis aßen. Diese Bürde, diese Bedrohungen. Erawan hatte alles jahrzehntelang, vielleicht sogar jahrhundertelang geplant. Und sie bekam bloß obskure Befehle von längst verstorbenen Königen, um einen Weg zu finden, ihn aufzuhalten, bloß götterverdammte Monate , um eine Streitmacht gegen ihn aufzustellen. Sie bezweifelte, dass Maeve zufällig im gleichen Moment nach Eyllwe segelte, in dem Brannon befohlen hatte, dass sie – Aelin – zu den Stone Marshes auf der südwestlichen Halbinsel gehen sollte. Oder dass die verdammte Flotte von Morath im Golf von Oro hockte – direkt auf der anderen Seite. Sie hatten nicht genug Zeit, nicht genug Zeit , um zu tun, was sie tun musste, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Aber … kleine Schritte. Sie musste sich um Rolfe kümmern. Das einfache Kunststück vollbringen, ein Bündnis mit seinen Leuten zu schmieden. Und die Karte. Sie musste ihn immer noch dazu überreden, sie zu benutzen, um ihr zu helfen, dieses Schloss aufzuspüren. Doch zuerst musste sie sich davon überzeugen, dass diese höllische Karte tatsächlich funktionierte. 29 I rgendwelche Tiere, die sich zu dieser Stunde in den Straßen herumtrieben, hätten die falsche Art von Aufmerksamkeit erregt, das wusste Aedion. Trotzdem wäre es ihm lieber gewesen, die Gestaltwandlerin hätte Fell oder Federn getragen statt … dies. Nicht dass sie einen unschönen Anblick bot, als junge Frau mit kastanienbraunem Haar und grünen Augen. Sie hätte mit diesem Teint und dieser Haarfarbe als eine der lieblichen Bergjungfern des nördlichen Terrasen durchgehen können. Es war eher, wer Lysandra sein sollte, während sie hier in der Gasse warteten. Wer er sein sollte. Lysandra lehnte sich an die Ziegelmauer und stützte sich mit einem Fuß dagegen ab, um dabei einen cremeweißen Oberschenkel zu entblößen. Und Aedion, der die Hand neben ihrem Kopf an die Wand stützte, war bloß für ein Stündchen ihr Kunde. Kein Laut drang durch die Gasse, außer dem Huschen der Ratten, die sich durch verfaulte, weggeworfene Früchte wühlten. Skull’s Bay war genau das Drecksloch, das er erwartet hatte, bis hin zu dem Piratenlord. Der jetzt unwissentlich die einzige Karte zu dem Schloss hatte, das zu finden man Aelin aufgetragen hatte. Als Aedion sich beklagt hatte, dass es natürlich eine Karte sein musste, die sie nicht stehlen konnten, war Rowan derjenige gewesen, der diesen Plan vorgeschlagen hatte. Diese Falle. Was immer es war. Er schaute zu der zarten Goldkette, die um Lysandras bleichen Hals baumelte, und folgte ihr am Mieder entlang nach unten, bis zu der Stelle, wo das Amulett von Orynth jetzt verborgen war. »Bewunderst du die Aussicht?« Aedion riss den Blick von den üppigen Rundungen ihrer Brüste los. »Entschuldige.« Aber die Gestaltwandlerin las irgendwie die Gedanken, die in seinem Kopf brodelten. »Du glaubst nicht, dass es funktionieren wird?« »Ich denke, es gibt jede Menge wertvolle Dinge auf dieser Insel – warum sollte Rolfe sich die Mühe machen, sich ausgerechnet das hier zu holen?« Stürme, Feinde und Schätze – das war es, was die Karte zeigte. Und da er und Lysandra nicht in die beiden ersten Kategorien gehörten, gab es nur eins, was auf dieser Karte erscheinen konnte, die auf Rolfes Hände tätowiert war. »Rowan hat behauptet, Rolfe würde das Amulett interessant genug finden, um danach zu suchen.« »Rowan und Aelin neigen dazu, das eine zu sagen und etwas ganz anderes zu meinen.« Aedion atmete kräftig durch die Nase aus. »Wir sind bereits seit einer Stunde hier.« Sie zog eine dunkle Braue hoch. »Wirst du irgendwo anders erwartet?« »Du bist müde.« »Wir sind alle müde«, entgegnete sie scharf. Er hielt den Mund, weil er nicht wollte, dass ihm jetzt schon der Kopf abgerissen wurde. Jede Verwandlung forderte ihren Tribut. Je größer die Veränderung, je größer das Tier, desto höher der Preis für Lysandra. Aedion hatte miterlebt, wie sie sich vom Schmetterling in eine Hummel, dann in einen Kolibri und in eine Fledermaus verwandelt hatte, und das alles innerhalb von Minuten. Aber sich vom Menschen in einen Geisterleoparden zu verwandeln und weiter in einen Bären, in einen Elch oder ein Pferd, wie sie es schon einmal demonstriert hatte, dauerte zwischen den Verwandlungen länger, weil die Magie die Energie hervorholen musste, damit ihr Körper so groß werden konnte und damit er mit all der dazugehörigen Kraft ausgestattet werden konnte. Zufällige Schritte erklangen, dazu zwei unterschiedlich hohe Pfiffe. Lysandras Atem streifte bei dem Geräusch sein Kinn. Doch Aedion versteifte sich leicht, als diese Schritte näher kamen, und dann starrte er den Sohn seines großen Feindes an. Der nun König war. Aber es war immer noch ein Gesicht, das er gehasst hatte, das er verhöhnt hatte, das er viele, viele Jahre lang gern in winzige Stücke geschnitten hätte. Ein Gesicht, das er noch vor wenigen Jahren sturzbetrunken auf Partys gesehen hatte; ein Gesicht, das er gesehen hatte, als er sich an die Hälse von irgendwelchen Frauen geschmiegt hatte, deren Namen zu erfahren er sich nie die Mühe gemacht hatte; ein Gesicht, das ihn in seiner Kerkerzelle verhöhnt hatte. Dieses Gesicht war jetzt unter einer Kapuze verborgen und für den Rest der Welt sah er wie jemand aus, der hier war, um sich nach Lysandras Diensten zu erkundigen, sobald Aedion mit ihr fertig war. Der General knirschte mit den Zähnen. »Was?« Dorian betrachtete Lysandra, als würde er eine Ware prüfen, und Aedion kämpfte gegen den Drang, wütend zu werden. »Rowan hat mich geschickt, um zu sehen, ob du irgendwelche neuen Entwicklungen zu melden hättest.« Der Prinz und Aelin waren im Gasthaus und tranken im Speisesaal etwas. So konnten Rolfes sämtliche spionierende Augen sie sehen und über sie Bericht erstatten. Dorian blinzelte die Gestaltwandlerin an. »Und bei allen Göttern im Himmel, du kannst wirklich jede menschliche Gestalt annehmen.« Lysandra zuckte die Achseln, eine respektlose Straßenhure, die ihren Preis verhandelte. »Es ist nicht so interessant, wie du denkst. Ich würde gern sehen, ob ich eine Pflanze werden könnte. Oder eine Windböe.« »Kannst du das tun ?« »Natürlich kann sie das«, schaltete Aedion sich ein, stieß sich von der Wand ab und verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein«, widersprach Lysandra und warf Aedion einen finsteren Blick zu. »Und es gibt nichts zu berichten. Keine Spur von Rolfe oder seinen Männern.« Dorian nickte und schob die Hände in seine Taschen. Schweigen. Aedions Fußknöchel bellte vor Schmerz, als Lysandra unauffällig dagegentrat. Er unterdrückte ein Stirnrunzeln, als er zu dem König sagte: »Also, du und Whitethorn habt einander nicht umgebracht.« Dorian sah ihn ungläubig an. »Er hat mir das Leben gerettet und sich dabei fast ausgebrannt. Warum sollte ich irgendetwas anderes als Dankbarkeit empfinden?« Lysandra bedachte Aedion mit einem selbstgefälligen Lächeln. Aber der König fragte ihn: »Wirst du dich mit deinem Vater treffen?« Aedion wand sich sichtlich. Er war für die Ablenkung heute Nacht dankbar gewesen, so konnte er einer Entscheidung aus dem Weg gehen. Aelin hatte das Thema nicht zur Sprache gebracht und er war zufrieden gewesen, hier herauszukommen, selbst wenn er dabei Gefahr lief, dem Fae zu begegnen. »Natürlich werde ich mich mit ihm treffen«, erklärte Aedion gepresst. Lysandras mondweißes Gesicht war gelassen und ruhig, als sie ihn beobachtete, das Gesicht einer Frau, die dazu ausgebildet war, Männern zuzuhören und niemals Überraschung zu zeigen … Er hasste nicht, was sie gewesen war, was sie jetzt darstellte, nur die Monster, die die Schönheit gesehen hatten, zu der das Kind heranwachsen würde, und es in dieses Bordell gebracht hatten. Aelin hatte ihm gesagt, was Arobynn mit dem Mann gemacht hatte, den sie geliebt hatte. Es war ein Wunder, dass die Gestaltwandlerin überhaupt noch lächeln konnte. Aedion nickte Dorian zu. »Erzähl Aelin und Rowan, dass ihre Überfürsorge hier unnötig ist. Wir kommen ganz gut allein zurecht.« Dorian versteifte sich, zog sich aber aus der Gasse zurück, nicht mehr als ein verstimmter Möchtegernkunde. Lysandra stieß eine Hand gegen Aedions Brust und zischte: »Dieser Mann hat genug gelitten, Aedion. Ein wenig Freundlichkeit würde dich nicht umbringen.« »Er hat Aelin mit einem Dolch verletzt. Wenn du ihn so kennen würdest, wie ich ihn kenne, würdest du ihn nicht so bereitwillig anhimmeln …« »Niemand erwartet von dir, ihn anzuhimmeln. Aber ein freundliches Wort, ein wenig Respekt …« Er verdrehte die Augen. »Sprich leiser.« Sie tat es – redete aber weiter: »Er war versklavt; er ist monatelang gefoltert worden. Nicht nur von seinem Vater, sondern von diesem Ding in ihm. Er wurde missbraucht , und selbst wenn du ihm nicht verzeihen kannst, dass er Aelin gegen seinen eigenen Willen mit einem Dolch verletzt hat, versuche, ein wenig Mitleid damit zu haben.« Aedions Herz stockte angesichts des Zorns und des Schmerzes auf ihrem Gesicht. Und dieses Wort, das sie benutzt hatte … Er schluckte hörbar und schaute forschend hinter sie in die Gasse. Keine Spur von irgendjemandem, der Jagd auf den Schatz machte, den sie bei sich trugen. »Ich kannte Dorian als einen verwegenen, arroganten …« »Ich kannte deine Königin als das Gleiche. Damals waren wir Kinder. Es ist uns gestattet, Fehler zu begehen, herauszufinden, wer wir zu sein wünschen. Wenn du Aelin die Gnade deiner Akzeptanz gewährst …« »Es ist mir egal, ob er so arrogant und eitel war wie Aelin, es ist mir egal , ob er Sklave eines Dämons war, der seinen Verstand übernommen hat. Ich sehe ihn und sehe meine niedergemetzelte Familie, sehe die Spuren zum Fluss und höre Quinn, der mir sagt, Aelin sei ertrunken und tot.« Sein Atem ging unregelmäßig und seine Kehle brannte, aber er ignorierte es. Lysandra legte nach: »Aelin hat ihm verziehen. Aelin hat ihm das nie vorgeworfen.« Aedion knurrte sie an. Lysandra knurrte sofort zurück und hielt seinem Blick stand, mit ihrem ureigenen Gesicht – wild und ungebrochen und unzähmbar. Ganz gleich, welchen Körper sie trug, sie war die Verkörperung der Staghorns, des Herzens des Oakwalds. Heiser sagte Aedion: »Ich werde es versuchen.« »Gib dir mehr Mühe.« Aedion stemmte die Hand wieder gegen die Wand und beugte sich vor. Sie wich keinen Zentimeter zurück. »Es gibt eine Reihenfolge und Rangfolge an unserem Hof, Lady , und soweit ich weiß, bist du nicht Nummer drei. Du gibst mir keine Befehle.« »Dies ist kein Schlachtfeld«, zischte Lysandra. »Irgendwelche Ränge sind Formalitäten. Und soweit ich weiß …« – sie stieß ihm einen Finger in die Brust, mitten zwischen die Muskeln dort, und er hätte schwören können, dass die Spitze einer Kralle die Haut unter seinen Kleidern aufritzte –, » bist du nicht so jämmerlich, auf Rangfolgen zu bestehen, um die Tatsache zu vertuschen, dass du im Unrecht bist.« Sein Blut schlug Funken und summte. Aedion ertappte sich dabei, dass er die sinnlichen Kurven ihres Mundes betrachtete. Die heiße Wut in ihren Augen erlosch. Sie riss den Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt, und Aedion erstarrte angesichts der Panik, die stattdessen auf ihren Zügen erschien. Scheiße. Scheiße … Lysandra trat einen Schritt zurück, zu betont beiläufig, um es wirk lich zu sein. Aedion zwang sich, nicht mehr an ihren Mund zu denken … »Du willst deinen Vater wirklich kennenlernen?«, fragte sie. Er nickte und schluckte hörbar. Zu schnell – sie würde die Berührung eines Mannes noch lange nicht wollen. Vielleicht nie mehr. Und er wollte verdammt sein, wenn er sie dazu drängte, bevor sie es wollte. Und bei allen Göttern, wenn Lysandra jemals irgendeinen Mann mit einem solchem Interesse ansah … er würde sich für sie freuen. Würde sich freuen, dass sie selbst ihre Wahl traf, auch wenn sie nicht ihn auswählte. »Ich …« Aedion schluckte und versuchte, sich daran zu erinnern, was sie gefragt hatte. Sein Vater. Richtig. »Wollte er mich sehen?«, war alles, was ihm einfiel. Sie legte den Kopf schief, die Bewegung so katzenhaft, dass er sich fragte, ob sie zu viel Zeit im Fell dieses Geisterleoparden verbrachte. »Er hätte Aelin fast den Kopf abgerissen, als sie sich weigerte, ihm zu sagen, wo du bist und wer du bist.« Sein Blut wurde zu Eis in seinen Adern. Wenn sein Vater unhöflich zu ihr gewesen war … »Aber ich habe das Gefühl«, erklärte Lysandra schnell, als er sich verkrampfte, »dass er der Typ Fae ist, der deine Wünsche respektieren würde, falls du dich dafür entscheidest, ihn nicht treffen zu wollen. In dieser kleinen Stadt und in der Gesellschaft, in der wir uns befinden, könnte sich ein Treffen jedoch als unausweichlich erweisen.« »Hast du auch das Gefühl, dass er sich überzeugen lässt, uns zu helfen? Wenn er mich kennen würde?« »Ich glaube nicht, dass Aelin dich darum jemals bitten würde«, meinte Lysandra und legte eine Hand auf den Arm, der immer noch neben ihrem Kopf gegen die Wand gestemmt war. »Was soll ich ihm überhaupt sagen?«, murmelte Aedion. »Ich habe so viele Geschichten über ihn gehört – den Löwen von Doranelle. Er ist ein gottverdammter Retter in der Not. Ich glaube nicht, dass er einen Sohn billigen wird, den die meisten Leute Adarlans Hure nennen.« Sie schnalzte mit der Zunge, aber Aedion sah sie eindringlich an. »Was würdest du tun?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten. Mein eigener Vater …« Sie schüttelte den Kopf. Er wusste davon – der Gestaltwandlervater, der ihre Mutter entweder im Stich gelassen hatte oder nicht einmal gewusst hatte, dass sie schwanger war. Und dann die Mutter, die Lysandra auf die Straße gejagt hatte, als sie ihr Erbe entdeckte. »Aedion, was willst du tun? Nicht für uns, nicht für Terrasen, sondern für dich .« Er neigte ein wenig den Kopf und warf erneut einen Seitenblick auf die stille Straße. »Mein ganzes Leben lang ging es nicht um das, was ich will. Ich weiß nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll.« Nein, von dem Augenblick an, als er mit fünf Jahren in Terrasen angekommen war, war er ausgebildet worden – sein Pfad für ihn gewählt. Und als Terrasen unter Adarlans Fackeln niedergebrannt war, hatte eine andere Hand die Leine ergriffen, an der sein Schicksal hing. Selbst jetzt, da Krieg nahte … hatte er jemals irgendetwas wirklich für sich selbst gewollt? Das Einzige, was er gewollt hatte, war der Bluteid gewesen. Und den hatte Aelin Rowan überlassen. Er verübelte es ihr nicht, nicht mehr, aber ihm war nicht klar gewesen, dass er so wenig für sich verlangt hatte. Lysandra sagte leise: »Ich weiß. Ich weiß, wie sich das anfühlt.« Er hob den Kopf und fand ihre grünen Augen wieder überschattet. Manchmal wünschte er, Arobynn Hamel wäre noch am Leben – nur damit er den Assassinenkönig selbst töten konnte. »Morgen früh«, murmelte er. »Kommst du mit mir? Ihn treffen?« Sie schwieg einen Moment lang, bevor sie antwortete: »Du willst wirklich, dass ich mit dir gehe?« Das wollte er. Er konnte nicht erklären, warum, aber er wollte sie bei sich haben. Sie ging ihm so verdammt leicht unter die Haut, trotzdem gab Lysandra ihm Halt. Vielleicht weil sie etwas Neues war. Etwas, dem er noch nicht begegnet war, das er noch nicht mit Hoffnung und Schmerz und Wünschen belegt hatte. Zumindest nicht mit allzu vielen davon. »Wenn es dir nichts ausmacht … ja. Ich will dich dabeihaben.« Sie antwortete nicht. Er öffnete den Mund, aber in dem Moment erklangen Schritte. Leichte Schritte. Zu ziellos. Sie duckten sich tiefer in die Schatten der Sackgasse, deren Mauer hinter ihnen aufragte. Wenn dies sich schlecht entwickelte … Wenn es sich schlecht entwickelte, hatte er eine Gestaltwandlerin an seiner Seite, die in der Lage war, Scharen von Männern zu zerfetzen. Aedion grinste Lysandra an, als er sich noch einmal über sie beugte und ihren Hals beinahe mit der Nase berührte. Die Schritte kamen näher und Lysandra stieß den Atem aus. Ihr Körper wurde geschmeidig. Aus den Schatten seiner Kapuze überwachte er die Gasse vor ihnen, die Schatten und die Strahlen des Mondlichts, und er wappnete sich. Sie hatten diese Sackgasse aus gutem Grund gewählt. Das Mädchen begriff seinen Fehler einen Schritt zu spät. »Oh.« Aedion schaute auf, seine Züge verborgen in der Kapuze, als Lysandra die junge Frau anschnurrte, die Rowans Beschreibung von Rolfes Schankmädchen genau entsprach. »In zwei Minuten bin ich fertig, wenn du abwarten willst, bis du an der Reihe bist.« Rote Flecken erschienen auf den Wangen des Mädchens, aber es warf ihnen einen harten Blick zu und musterte sie von Kopf bis Fuß. »Falsch abgebogen«, sagte sie. »Bist du dir sicher?«, gurrte Lysandra. »Bisschen spät für einen Spaziergang.« Rolfes Schankmädchen fixierte sie mit ihrem harten Blick und schlenderte zurück die Straße entlang. Sie warteten. Eine Minute. Fünf. Zehn. Es kam sonst niemand. Aedion war endlich zurückgewichen und Lysandra beobachtete jetzt den Eingang zur Gasse. Die Gestaltwandlerin wickelte sich eine kastanienbraune Locke um den Finger. »Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass sie eine Diebin ist.« »Manch einer würde Ähnliches über dich und Aelin sagen.« Lysandra stieß einen zustimmenden Laut aus. Aedion fuhr fort: »Vielleicht war sie einfach eine Späherin – Rolfes Augen.« »Wozu die Mühe? Warum nicht einfach herkommen und es sich holen?« Aedion warf erneut einen Blick dorthin, wo das Amulett unter Lysandras Mieder verschwand. »Vielleicht hat sie gedacht, sie suche nach etwas anderem.« Lysandra angelte das Amulett von Orynth klugerweise nicht aus ihrem Mieder hervor. Aber seine Worte hingen zwischen ihnen, während sie sich vorsichtig auf den Weg zurück zur Ozeanrose machten. 30 N ach zwei Wochen, in denen sie sich langsam über die schlammigen, offenen Ebenen geschoben hatten, war Elide es leid, den Namen ihrer Mutter zu benutzen. Sie war es leid, ständig aufpassen zu müssen, wenn Molly ihn bellte, damit sie nach jeder Mahlzeit den Abwasch machte (zweifellos ein Fehler, der Frau je erzählt zu haben, dass sie in Küchen gearbeitet hatte), war es leid zu hören, wie Ombriel – die dunkelhaarige Schönheit, die gar keine Zirkusnummer war, sondern Mollys Nichte und ihre Geldverwalterin – ihn benutzte, wenn sie sich erkundigte, wie sie sich das Bein verletzt habe, woher ihre Familie stamme und wie sie gelernt habe, andere so scharf zu beobachten, dass sie sich als Orakel Geld dazuverdienen konnte. Wenigstens benutzte Lorcan den Namen kaum, da sie so gut wie nicht miteinander gesprochen hatten, während der Wagenzug durch die schlammigen Felder gezockelt war. Der Boden war durch die sommerlichen Regenfälle so durchweicht, dass die Wagen oft stecken blieben. Sie hatten kaum Strecke gemacht, und wenn Ombriel Elide dabei ertappte, dass sie nach Norden schaute, fragte sie ständig, was denn im Norden sei, das so häufig ihre Aufmerksamkeit fesselte. Elide log immer, wich immer aus. Die Schlafsituation mit ihrem Ehemann ließ sich glücklicherweise leichter meiden. Weil die Erde so nass war, war es fast unmöglich, darauf zu schlafen. Also legten die Frauen sich in den beiden Wagen nieder, wo immer sie konnten, und die Männer mussten jeden Abend Strohhalme ziehen, wer den verbleibenden Platz bekam und wer auf einer improvisierten Unterlage aus Binsen draußen auf dem Boden schlafen musste. Irgendwie erwischte Lorcan immer den kurzen Strohhalm, entweder weil er es so wollte oder wegen eines Taschenspielertricks von Nik, der für das allabendliche Strohhalmziehen verantwortlich war. Vielleicht hatte er auch einfach nur Pech. Aber zumindest hielt Lorcan das weit, weit von ihr entfernt, sodass ihr Kontakt sich auf ein Minimum beschränkte. Die wenigen Gespräche, die sie geführt hatten – wenn er sie begleitete, um Wasser aus einem angeschwollenen Fluss zu holen oder Feuerholz zu sammeln –, störten sie auch nicht sehr. Er drängte auf weitere Einzelheiten über Morath, auf weitere Informationen über die Kleidung der Wachen, die Armeen, die um die Festung stationiert waren, die Diener und Hexen. Sie hatte ganz oben mit den Horsten und Wyvern und Hexen angefangen. Dann war sie Stockwerk für Stockwerk tiefer gegangen. Es hatte sie diese beiden Wochen gekostet, um sich bis zu den untersten Etagen vorzuarbeiten. Ihre Gefährten hatten keine Ahnung, dass, wenn die jungen Eheleute sich wegschlichen, um mehr »Feuerholz« zu suchen, ihnen nichts ferner lag, als zu turteln. Als der Wagenzug an diesem Abend haltmachte, ging Elide zu einem Wäldchen inmitten der Felder, um zu sehen, was sich für ihr großes Lagerfeuer benutzen ließ. Lorcan zockelte hinterdrein und machte dabei weniger Geräusche als das sich wiegende Gras ringsum. Das Wiehern der Pferde und das Getöse ihrer Gefährten, die die Abendmahlzeit vorbereiteten, ließen sie hinter sich und Elide runzelte die Stirn, als ihr Stiefel tief in eine Schlammtasche einsank. Sie riss daran, aber ihr Knöchel, der nun ihr ganzes Gewicht tragen sollte, meldete sich wütend und sie knirschte mit den Zähnen, bis … Lorcans Magie drückte gegen ihr Bein, eine unsichtbare Hand, die ihren Stiefel befreite, und sie stolperte gegen ihn. Sein Arm und seine Seite waren so hart und unnachgiebig wie die Magie, die er benutzt hatte, und sie prallte zurück. Hohe Gräser knirschten unter ihr. »Danke«, murmelte sie. Lorcan schritt voraus und sagte, ohne zurückzuschauen: »Wir haben gestern Abend bei den drei Kerkern und ihren Eingängen aufgehört. Erzähl mir, was darin ist.« Ihr Mund wurde ein wenig trocken, als sie sich an die Zelle erinnerte, in der sie gehockt hatte, die Dunkelheit und die stickige Luft … »Ich weiß nicht, was darin ist«, log sie, während sie ihm folgte. »Gequälte Kreaturen zweifellos.« Lorcan bückte sich und sein dunkler Kopf verschwand unter einer Woge aus Gräsern. Als er wieder auftauchte, hielt er zwei Stöcke in seinen gewaltigen Händen. Er zerbrach sie mit nur wenig Anstrengung. »Alles andere hast du problemlos beschrieben. Doch gerade eben hat sich dein Geruch verändert. Warum?« Sie ging an ihm vorbei und bückte sich immer wieder, um alles einzusammeln, was sie an verstreutem Holz finden konnte. »Sie haben schreckliche Dinge dort unten getan«, antwortete sie über eine Schulter. »Manchmal konnte man Leute schreien hören.« Sie betete, dass Terrasen besser sein würde. Es musste besser sein. »Wen haben sie dort unten festgehalten? Feindliche Soldaten?« Er war auf der Suche nach möglichen Verbündeten. »Wen immer sie gerade foltern wollten.« Die Hände dieser Wachen, ihr Hohngrinsen … »Ich nehme an, Ihr werdet gehen, sobald ich damit fertig bin, die letzte Grube Moraths zu beschreiben.« Sie pflückte Stock um Stock vom Boden und ihr Knöchel protestierte jedes Mal, wenn sie ihr Gleichgewicht verlagerte. »Ist es ein Problem, wenn ich das tue? Das war unsere Abmachung. Ich bin schon länger geblieben, als ich beabsichtigt hatte.« Sie drehte sich um und sah ihn mit einem Armvoll größerer Stöcke hinter ihr stehen. Ohne viel Federlesens kippte er die Stöcke auf das kleine Bündel in ihren Armen und befreite das Beil an seiner Seite, bevor er zu einem gewundenen, am Boden liegenden Ast hinter ihm wanderte. »Und dann soll ich einfach die verlassene Ehefrau spielen?« »Du spielst bereits das Orakel, was macht es also für einen Unterschied, wenn du noch eine weitere Rolle übernimmst?« Lorcan ließ sein Beil mit einem dumpfen Tschok auf den Ast niedersausen. Die Klinge bohrte sich beunruhigend tief hinein. »Beschreibe mir die Kerker.« Es war nur gerecht und es war schließlich ihre Abmachung gewesen: sein Schutz und seine Hilfe, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen, als Gegenleistung für das, was sie wusste. Und er hatte kein Problem mit all den Lügen gehabt, die sie ihren Begleitern gegenüber gesponnen hatte – er hatte zwar geschwiegen, aber er hatte ihr nicht widersprochen. »Die Kerker existieren nicht mehr«, brachte Elide hervor. »Oder zumindest sollten die meisten von ihnen nicht mehr existieren. Zusammen mit den Katakomben.« Tschok, tschok, tschok. Lorcan trennte den Ast ab und das Holz gab mit einem splitternden Aufschrei nach. Er machte sich daran, einen weiteren Teil abzuhacken. »Bei der Explosion zerstört?« Er hob sein Beil und die Muskeln in seinem mächtigen Rücken bewegten sich unter dem dunklen Hemd, aber dann hielt er inne. »Du hast gesagt, du seist in der Nähe des Innenhofs gewesen, als es zu der Explosion kam – woher weißt du, dass die Kerker nicht mehr existieren?« Na schön. In diesem Punkt hatte sie gelogen. Aber … »Die Explosion kam aus den Katakomben und hat einige der Türme wegge sprengt. Man sollte annehmen, die Kerker wären ebenfalls in ihrem Weg gewesen.« »Ich mache keine Pläne nur auf der Basis von Annahmen.« Er fuhr fort, den Ast in Stücke zu hacken, und Elide sah auf seinen Rücken und verdrehte die Augen. »Erzähl mir vom Grundriss des nördlichen Kerkers.« Elide wandte sich der untergehenden Sonne zu, die die Felder hinter ihnen orange und golden färbte. »Reimt es Euch doch selbst zusammen.« Der Aufprall von Metall auf Holz blieb aus. Selbst der Wind in den Gräsern erstarb. Sie hatte Tod, Verzweiflung und Entsetzen erduldet und sie hatte ihm genug erzählt – hatte jeden grauenhaften Stein umgedreht, hatte für ihn in jede dunkle Ecke in Morath geschaut. Seine Unhöflichkeit, seine Arroganz … er konnte zur Hölle fahren. Sie hatte kaum einen Fuß in die sich wiegenden Gräser gesetzt, als Lorcan vor ihr stand, selbst kaum mehr als ein tödlicher Schatten. Sogar die Sonne schien die breiten Flächen seines gebräunten Gesichts zu meiden, obwohl der Wind es wagte, die seidigen, schwarzen Strähnen seines Haares darüberzuwehen. »Wir haben eine Abmachung, Mädchen.« Elide schaute in seine ausdruckslosen Augen. »Ihr habt nicht genau festgelegt, wann ich es Euch sagen muss. Also darf ich mir so viel Zeit lassen, wie ich möchte, um mich an jede letzte Einzelheit zu erinnern, die Ihr aus mir herausquetschen wollt.« Seine Zähne blitzten auf. »Treib keine Spielchen mit mir.« »Sonst was?« Sie ging um ihn herum, als wäre er bloß ein Fels in einem Fluss. Natürlich war es etwas schwierig, wütend wegzustapfen, wenn man bei jedem zweiten Schritt humpelte, aber sie hielt den Kopf hocherhoben. »Tötet mich, verletzt mich, aber dann habt Ihr immer noch keine Antworten.« Flinker, als sie gucken konnte, schnellte sein Arm vor und er packte sie am Ellbogen. »Marion«, knurrte er. Dieser Name. Sie schaute in das harte, wilde Gesicht – ein Gesicht, das aus einem anderen Zeitalter stammte, aus einer anderen Welt. »Nehmt die Finger weg.« Zu ihrer Überraschung tat Lorcan das sofort. Aber sein Gesichtsausdruck blieb gleich – zuckte nicht einmal –, als er erwiderte: »Du wirst mir erzählen, was ich wissen will …« Das Ding in ihrer Tasche begann zu hämmern und zu trommeln, ein Phantomherzschlag in ihren Knochen. Lorcan wich einen Schritt zurück und seine Nasenflügel bebten. Als könnte er spüren, dass der Stein erwachte. »Was bist du?«, fragte er leise. »Ich bin nichts«, antwortete sie mit hohler Stimme. Vielleicht würde sie, sobald sie Aelin und Aedion fand, auch einen Daseinszweck finden, irgendeine Möglichkeit, der Welt von Nutzen zu sein. Für den Moment war sie eine Botin, ein Kurier dieses Steins – für Celaena Sardothien. Wie auch immer Elide in einer solch endlosen, gewaltigen Welt eine einzelne Person finden sollte. Sie musste nach Norden reisen – und zwar schnell. »Warum willst du zu Aelin Galathynius?« Die Frage sollte beiläufig klingen. Aber sie war es nicht. Nein, jeder Zoll von Lorcans Körper wirkte mühsam beherrscht. Unterdrückter Zorn und raubtierhafte Instinkte. »Ihr kennt die Königin«, hauchte sie. Er blinzelte. Nicht überrascht, sondern um Zeit zu schinden. Er kannte sie tatsächlich – und er überlegte, was er ihr sagen sollte, wie er es ihr sagen sollte … »Celaena Sardothien steht im Dienst der Königin«, erklärte er. »Deine beiden Wege sind in Wirklichkeit nur ein einziger. Finde die eine, dann findest du auch die andere.« Er schwieg und wartete ab. Würde dies also ihr Leben sein? Elende Menschen, immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht, die sich jede Freundlichkeit bezahlen ließen? Würde ihre eigene Königin sie wenigstens mit einem warmen Blick ansehen? Würde Aelin sich überhaupt an sie erinnern? »Marion«, wiederholte er – das Wort halb geknurrt. Der Name ihrer Mutter. Ihre Mutter – und ihr Vater … Die letzten Menschen, die sie noch mit echter Zuneigung angesehen hatten. Selbst Finnula, die all die Jahre im Turm mit eingesperrt gewesen war, hatte sie immer mit einer Mischung aus Mitleid und Furcht betrachtet. Sie konnte sich nicht erinnern, wann jemand sie das letzte Mal in den Arm genommen hatte. Oder sie getröstet hatte. Oder wann jemand sie mit einem Ausdruck aufrichtiger Liebe angelächelt hatte. Sprechen fiel ihr plötzlich schwer, es war die Mühe nicht wert, sich eine Lüge oder eine Antwort aus den Fingern zu saugen. Also ignorierte Elide Lorcans Befehl und machte sich auf den Weg zurück zu der Reihe bemalter Wagen. Manon war ihr zu Hilfe gekommen, rief sie sich bei jedem Schritt ins Gedächtnis. Manon, Asterin und Sorrel. Aber selbst die hatten Elide allein im Wald sitzen gelassen. Mitleid, sagte sie sich – Selbstmitleid würde ihr nicht guttun. Nicht mit noch so vielen Meilen zwischen ihr und welchem Fitzelchen von Zukunft auch immer sie zu finden eine Chance hatte. Aber selbst wenn sie dort ankam, einer anderen ihre Bürde übergab und Aelin fand – was hatte sie anzubieten? Bei allen Göttern, sie konnte nicht einmal lesen. Der bloße Gedanke, Aelin das zu erklären, irgendjemandem das zu erklären … Sie würde später darüber nachdenken. Wenn es sein musste, würde sie die Kleider der Königin waschen. Zumindest brauchte sie dafür nicht lesen und schreiben zu können. Als Lorcan diesmal näher kam, die Arme beladen mit dicken Holzscheiten, hörte Elide ihn nicht. »Du wirst mir erzählen, was du weißt«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie seufzte beinahe, aber er fügte hinzu: »Sobald es dir besser geht.« Sie nahm an, dass Kummer und Verzweiflung für ihn eine Art Krankheit waren. »Schön.« »Schön«, erwiderte er prompt. Ihre Gefährten lächelten, als sie und Lorcan zurückkehrten. Sie hatten hinter den Wagen trockenen Boden gefunden, fest genug für Zelte. Elide erspähte das Zelt, das man für sie und Lorcan errichtet hatte, und wünschte sich, dass es regnete. *** Lorcan hatte genug Krieger ausgebildet, um zu wissen, wann er jemanden nicht noch mehr bedrängen durfte. Er hatte genug Feinde gefoltert, um zu wissen, wann sie nur einen Schnitt oder einen Bruch davon entfernt waren, auf eine Art zu zerbrechen, die sie unbrauchbar machen würde. Als also Marions Duft sich verändert hatte, als Lorcan gespürt hatte, dass selbst die seltsame, anderweltliche Macht, die in ihrem Blut verborgen war, sich in Kummer verwandelte … schlimmer noch, in Hoffnungslosigkeit … Er hatte ihr eigentlich sagen wollen, dass sie sich keine Hoffnung machen solle. Aber sie war noch kaum zur Frau herangereift. Vielleicht hatte Hoffnung, so töricht sie war, ihr aus Morath herausgeholfen. Zumindest hatte ihre Klugheit das getan, und ihre Lügen. Er kannte die Menschen gut genug, hatte sie getötet, mit ihnen ein Bett geteilt und an ihrer Seite gekämpft, um zu wissen, dass Marion nicht verdorben oder hinterhältig oder gänzlich eigensüchtig war. Er wünschte, sie wäre es, denn das hätte es leichter gemacht, hätte seine Aufgabe so viel leichter gemacht. Aber wenn sie ihm nicht mehr von Morath erzählte, wenn er sie zerbrach, weil er zu viel Druck ausübte … er brauchte jeden Vorteil, wenn er sich in diese Festung schlich. Und wenn er sich wieder hinausschlich. Sie hatte das einmal geschafft. Vielleicht war Marion die einzige lebende Person, der eine Flucht gelungen war. Er wollte ihr das gerade erklären, als er sah, was sie anstarrte – das Zelt. Ihr gemeinsames Zelt. Ombriel kam zu ihnen und bedachte ihn mit ihrem gewohnten argwöhnischen Blick, dann informierte sie Elide verschlagen, dass sie endlich eine Nacht allein miteinander haben würden. Die Arme voller Holzscheite, konnte Lorcan nur beobachten, wie sich dieses bleiche, kummervolle, verzweifelte Gesicht verwandelte: zu Jugendlichkeit und Schalk, errötender Vorfreude, so mühelos, als hätte Marion eine Maske hochgehalten. Sie warf ihm sogar einen koketten Blick zu, bevor sie Ombriel anstrahlte und sich beeilte, ihren Armvoll Stöcker und Zweige in die Grube zu werfen, die man für das abendliche Feuer ausgehoben hatte. Er war zumindest so geistesgegenwärtig, um die Frau anzulächeln, die angeblich seine Ehefrau war, aber als er hinter ihr herging, um seine Last in die Feuergrube zu werfen, war sie bereits zu dem Zelt geschritten, das in einigem Abstand zu den übrigen stand. Es war klein, begriff er mit keinem geringen Grauen. Wahrscheinlich für den Schwertwerfer bestimmt, der es als Letzter benutzt hatte. Marions schlanke Gestalt verschwand zwischen den weißen Zelt laschen, fast ohne dass sie sich bewegten. Lorcan runzelte nur leicht die Stirn, bevor er sich ebenfalls hineinduckte. Und in leicht gebückter Haltung verharrte. Sein Kopf wäre direkt durch das Zelttuch gegangen, wenn er sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hätte. Der Boden des Zeltes war mit gewobenen Matten auf gesammelten Binsen bedeckt und Marion stand im hinteren Teil und wand sich sichtlich beim Anblick des Lagers auf dem improvisierten Boden. Im Zelt war wahrscheinlich genug Platz für ein richtiges Bett und einen Tisch, wenn es sein musste, aber wenn sie nicht länger als eine Nacht kampierten, bezweifelte er, dass sie so etwas bekommen würden. »Ich werde so auf dem Boden schlafen«, bot er höflich an. »Nimm du das Lager.« »Was ist, wenn jemand hereinkommt?« »Dann wirst du sagen, wir hätten uns gestritten.« »Jede Nacht?« Marion drehte sich um und der Blick ihrer schönen Augen fand seinen. Das kalte, müde Gesicht war zurück. Lorcan dachte über ihre Worte nach. »Wenn heute Nacht jemand ohne Erlaubnis in unser Zelt kommt, wird niemand hier denselben Fehler noch einmal machen.« Er hatte in seinen Heerlagern Männer für geringere Vergehen bestraft. Aber ihre Augen blieben müde – vollkommen unbeeindruckt und unbewegt. »Schön«, sagte sie abermals. Sie war kurz davor – so kurz davor, ganz zu zerbrechen. »Ich könnte ein paar Eimer suchen gehen, Wasser erhitzen, und du könntest hier drin baden, wenn du willst. Ich halte draußen Wache.« Fürs leibliche Wohl sorgen – damit sie ihm vertraute, ihm dankbar war, ihm helfen wollen würde. Um gegen diese gefährliche Zerbrechlichkeit anzugehen. Und tatsächlich, Marion schaute an sich herab. Die weiße Bluse war voller Schmutzflecken und die braunen Lederhosen waren verdreckt, die Stiefel … »Ich werde Ombriel eine Münze anbieten, damit sie das alles heute Abend für dich wäscht.« »Ich habe keine anderen Kleider, die ich anziehen könnte.« »Du kannst ohne sie schlafen.« Argwohn verwandelte sich plötzlich in Entsetzen. »Mit Euch hier drin?« Er widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Sie platzte heraus: »Was ist mit Euren eigenen Kleidern?« »Was soll damit sein?« »Ihr … sie sind ebenfalls verdreckt.« »Ich kann noch einen Abend warten.« Sie würde wahrscheinlich darum betteln, im Wagen schlafen zu dürfen, wenn er sich hier drin nackt aufhielt … »Warum sollte ich die Einzige sein, die nackt ist? Würde unser Betrug nicht besser funktionieren, wenn wir beide die Gelegenheit gleichzeitig nutzten?« »Du bist sehr jung«, antwortete er mit Bedacht. »Und ich bin sehr alt.« »Wie alt?« Sie hatte nie gefragt. »Alt.« Sie zuckte die Achseln. »Ein Körper ist ein Körper. Ihr stinkt genauso übel wie ich. Geht zum Schlafen nach draußen, wenn Ihr Euch nicht waschen wollt.« Ein Test. Es ging nicht um irgendein Verlangen oder einen ausgefeilten Plan, sondern darum, festzustellen, ob er auf sie hören würde. Wer die Kontrolle hatte. Er sollte ihr ein Bad verschaffen, tun, was sie verlangte, ihr das Gefühl geben, die Situation im Griff zu haben. Er lächelte dünn. »Schön«, echote er. Als Lorcan sich wieder durch die Zeltlaschen schob, beladen mit Eimern voll Wasser, saß Marion auf dem ausgerollten Bettzeug. Sie hatte die Stiefel ausgezogen und ihren zerstörten Knöchel und Fuß vor sich ausgestreckt. Ihre kleinen Hände waren um die entstellte, weiße Haut gelegt, als hätte sie versucht, die Schmerzen wegzumassieren. »Wie schlimm ist der Schmerz?« Manchmal benutzte er seine Magie, um den Knöchel zu schienen. Wenn er sich daran erinnerte. Was nicht oft geschah. Doch Marion konzentrierte sich ganz auf den dampfenden Zuber, den er auf den Boden stellte, dann auf den Eimer, den er auf einer Schulter schleppte und der ebenfalls für sie bestimmt war. »Ich habe das seit Kindertagen«, antwortete sie geistesabwesend, als hätte das saubere Wasser sie hypnotisiert. »Ich habe gelernt, damit zu leben.« »Das ist keine Antwort.« »Warum schert Euch das überhaupt?« Die Worte waren kaum mehr als gehaucht. Sie löste ihren langen, dicken Zopf, immer noch ganz auf das Bad konzentriert. Er war neugierig; er wollte wissen, wie und wann und warum. Marion war wunderschön – sie so zu verunstalten, musste mit einem gewissen Maß an böser Absicht geschehen sein. Oder um Schlimmeres zu verhindern. Sie sah ihn endlich an. »Ihr habt gesagt, dass Ihr Wache stehen würdet. Ich dachte, Ihr hättet damit gemeint, draußen zu stehen.« Er schnaubte. Und ob er das gemeint hatte. »Viel Spaß«, erwiderte er und verließ wieder das Zelt. Lorcan stand in den Gräsern und betrachtete das Lager, in dem emsiges Treiben herrschte, und die weite Glocke des dunkler werdenden Himmels. Er hasste die Ebenen. Zu viel offenes Gelände; man war zu gut sichtbar. Seine Ohren fingen hinter ihm das seufzende, hauchende Geräusch von Leder auf, das über Haut glitt, das Rascheln von grob gewebtem Tuch, das abgestreift wurde. Dann schwächere, leisere Geräusche von zarterem Stoff, der zu Boden glitt. Dann Stille – gefolgt von sehr, sehr leisem Rascheln. Als wollte sie, dass nicht einmal die Götter hörten, was sie tat. Heu knisterte. Dann ein dumpfes Geräusch, als die Schlafmatte angehoben und wieder fallen gelassen wurde … Die kleine Hexe versteckte etwas. Das Heu knisterte erneut, als sie zu dem Zuber zurückkehrte. Sie versteckte etwas unter der Schlafmatte – etwas, das sie bei sich getragen hatte und von dem sie nicht wollte, dass er davon erfuhr. Wasser plätscherte und Marion stöhnte überraschend tief und von Herzen. Er stellte sich taub gegen das Geräusch. Aber selbst während er das tat, wanderten Lorcans Gedanken zu Rowan und seiner Mistkönigin. Marion und die Königin waren ungefähr im gleichen Alter – die eine dunkel, die andere golden. Würde sich die Königin überhaupt mit Marion abgeben, wenn sie bei ihr ankam? Wahrscheinlich ja, wenn sie neugierig auf den Grund war, warum sie Celaena Sardothien zu sehen wünschte, aber was kam danach? Es ging ihn nichts an. Er hatte sein Gewissen vor fünf Jahrhunderten auf den Pflastersteinen der Seitengassen in Doranelle zurückgelassen. Er hatte Männer getötet, die um ihr Leben gebettelt hatten, hatte ganze Städte in Schutt und Asche gelegt und nie auf die schwelenden Trümmer zurückgeblickt. Rowan hatte das ebenfalls getan. Der gottverdammte Whitethorn war jahrhundertelang sein bester General, Assassine und Henker gewesen. Sie hatten Königreiche verwüstet und dann in den folgenden tagelangen Siegesfeiern in den Ruinen bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen und herumgehurt. Im letzten Winter hatte ihm noch ein verdammt guter Komman dant zur Verfügung gestanden, brutal und bösartig und bereit, so ziemlich alles zu tun, was Lorcan befahl. Als er Rowan das nächste Mal gesehen hatte, hatte der Prinz gebrüllt, hatte sich voller Verzweiflung in tödliche Dunkelheit werfen wollen, um das Leben einer Prinzessin ohne Thron zu retten. Lorcan hatte es gewusst – in diesem Augenblick. Lorcan hatte, als er Rowan draußen vor der Nebelwarte ins Gras gedrückt und der Prinz um sich geschlagen und nach Aelin Galathynius geschrien hatte, gewusst, dass sich alles ändern würde. Gewusst, dass der Kommandant, den er so hoch geschätzt hatte, unwiderruflich verändert worden war. Sie würden nie mehr zusammen in Wein und Frauen schwelgen; Rowan würde nie mehr ohne einen sehnsuchtsvollen Schimmer in den Augen zum Horizont schauen. Liebe hatte ein perfektes Mordwerkzeug gebrochen. Lorcan fragte sich, ob er noch weitere Jahrhunderte brauchen würde, um deswegen nicht mehr so sauer zu sein. Und die Königin – Prinzessin, wie immer Aelin sich selbst nannte … sie war eine Närrin. Sie hätte Athrils Ring gegen Maeves Armeen eintauschen können, gegen ein Bündnis, um Morath vom Antlitz der Erde zu wischen. Auch wenn sie nicht gewusst hatte, was der Ring war, hätte sie ihn zu ihrem Vorteil nutzen können. Aber sie hatte sich für Rowan entschieden. Einen Prinzen ohne Krone, ohne Armee, ohne Verbündete. Sie verdienten es, zusammen umzukommen. Marions nasser Kopf erschien in der Zeltöffnung und Lorcan drehte sich um und sah die schwere Wolldecke, in die sie sich eingewickelt hatte wie in ein Gewand. »Könnt Ihr jetzt die Kleider wegbringen?« Sie warf ihr Häufchen hinaus. Sie hatte ihre Unterwäsche in ihre weiße Bluse gewickelt und die Ledermontur … sie würde niemals bis zum Morgen trocken sein, und wenn man sie falsch wusch, würde sie wahrscheinlich so sehr einlaufen, dass man sie nicht mehr benutzen konnte. Lorcan bückte sich, hob das Kleiderbündel auf und versuchte, nicht ins Zelt zu spähen, um herauszufinden, was sie unter dem Lager versteckt hatte. »Und wer soll Wache stehen?« Ihr Haar klebte ihr am Kopf und hob die scharfen Konturen ihrer Wangenknochen hervor, ihre feine Nase. Aber ihre Augen leuchteten wieder, ihre vollen Lippen waren wieder wie eine Rosenknospe, als sie antwortete: »Bitte, lasst die Sachen waschen. Schnell.« Lorcan machte sich nicht die Mühe, ihre Bitte zu bestätigen, sondern trug ihre Kleider vom Zelt weg und ließ sie halb nackt drinnen sitzen. Ombriel war gerade dabei, etwas in dem Topf über dem Feuer zu kochen. Wahrscheinlich Kanincheneintopf. Schon wieder. Lorcan untersuchte die Kleider in seinen Händen. Dreißig Minuten später kehrte er zum Zelt zurück, einen Teller mit Eintopf in der Hand. Marion hockte auf der Schlafmatte, den Fuß von sich gestreckt, die Decke bis unter die Achseln um sich gewickelt. Ihre Haut war so blass. Er hatte noch nie solch weiße, makellose Haut gesehen. Als hätte man sie nie nach draußen gelassen. Als sie den Teller sah, zog sie ihre dunklen Brauen zusammen – und warf dann einen Blick auf das Bündel unter seinem Arm. »Ombriel hatte zu tun – daher habe ich deine Kleider selbst gewaschen.« Sie errötete. »Ein Körper ist ein Körper«, wiederholte er einfach. »Das Gleiche gilt für Unterwäsche.« Sie sah finster drein, fixierte aber wieder den Teller. Er stellte ihn vor sie hin. »Ich habe dir dein Abendessen gebracht, da ich angenommen habe, dass du nicht in deiner Decke zwischen den anderen sitzen willst.« Er warf das Kleiderhäufchen auf das Bettzeug. »Und ich habe dir Kleider von Molly mitgebracht. Sie wird sie dir natürlich in Rechnung stellen. Aber zumindest wirst du nicht nackt schlafen.« Sie machte sich über den Eintopf her, ohne sich bei ihm auch nur zu bedanken. Lorcan wollte gerade gehen, als sie sagte: »Mein Onkel … er ist einer der Kommandanten in Morath.« Lorcan erstarrte. Und sein Blick ging direkt zu der Schlafmatte. Aber Marion fuhr zwischen zwei Bissen fort: »Er hat mich einmal in den Kerker gesperrt.« Der Wind in den Gräsern erstarb; das Lagerfeuer weit hinter ihrem Zelt flackerte und die Leute, die darum beisammensaßen, rückten enger aneinander, als die nächtlichen Insekten verstummten und die kleinen, pelzigen Kreaturen der Ebenen in ihre Baue huschten. Marion bemerkte das Aufbranden seiner dunklen Macht entweder nicht, der Magie, die vom Tod selbst geküsst war, oder es scherte sie nicht. Sie sagte: »Sein Name ist Vernon und er ist schlau und grausam; er tötet nicht, er versucht eher, seine Opfer am Leben zu erhalten. Er benutzt Leute, um Macht für sich selbst zu gewinnen. Er kennt keine Barmherzigkeit, hat keine Seele. Er folgt keiner Moral.« Sie wandte sich wieder ihrer Mahlzeit zu, für heute Abend am Ende. Lorcan erwiderte leise: »Möchtest du, dass ich ihn für dich töte?« Sie hob den Blick ihrer klaren, dunklen Augen und schaute ihm ins Gesicht. Einen Moment lang konnte er die Frau sehen, zu der sie werden würde – zu der sie bereits wurde. Eine Frau, die ungeachtet ihrer Geburt von jeder Königin an deren Seite geschätzt werden würde. »Würde es mich etwas kosten?« Lorcan verbarg sein Lächeln. Schlaue, gerissene kleine Hexe. »Nein«, antwortete er und meinte es ehrlich. »Warum hat er dich in den Kerker gesperrt?« Marion schluckte schwer. Einmal. Zweimal. Sie schien seinem Blick durch reine Willensanstrengung standzuhalten, durch eine Weigerung, klein beizugeben – nicht ihm gegenüber, sondern ihren eigenen Ängsten gegenüber. »Weil er sehen wollte, ob seine Blutlinie mit den Valg gekreuzt werden kann. Darum hat man mich nach Morath gebracht. Zur Zucht – wie eine preisgekrönte Stute.« Alle Gedanken wichen aus Lorcans Kopf. Er hatte viele, viele unaussprechliche Dinge gesehen und getan und erlitten, aber dies … »Hatte er Erfolg?«, gelang es ihm zu fragen. »Nicht mit mir. Es gab andere vor mir, die … für sie kam jede Hilfe zu spät.« »Diese Explosion war kein Unfall, nicht wahr?« Ein kleines Kopfschütteln. »Du warst das?« Er schaute zu der Schlafmatte – zu dem, was darunter versteckt war. Wieder dieses Kopfschütteln. »Ich werde nicht sagen, wer oder wie. Nicht ohne das Leben der Personen zu gefährden, die mich gerettet haben.« »Sind die Ilken …« »Nein. Die Ilken sind nicht die Kreaturen, die in den Katakomben gezüchtet wurden. Die … die sind aus den Bergen um Morath herum gekommen. Mithilfe weitaus dunklerer Methoden.« Maeve musste davon wissen. Sie musste wissen, was in Morath geschah. Die Gräuel, die dort gezüchtet wurden, die Armee von Dämonen und Bestien, die es mit jedem Dämon und jeder Bestie aus den Legenden aufnehmen konnten. Sie würde sich niemals mit etwas derart Bösem verbünden, wäre niemals so töricht, sich mit den Valg zu verbünden. Nicht nachdem sie vor Jahrtausenden Krieg mit ihnen geführt hatte. Aber wenn sie nicht kämpfte – wie lange würde es dauern, bis diese Bestien um Doranelle herum heulten? Bevor sein eigener Kontinent belagert wurde? Doranelle konnte dem Ansturm standhalten. Aber er selbst würde wahrscheinlich tot sein, sobald er einen Weg gefunden hatte, die Schlüssel zu vernichten, und Maeve ihn dafür bestraft hatte. Und wenn er tot war und Whitethorn wahrscheinlich ebenfalls nur noch Aas war … wie lange würde Doranelle dann noch standhalten? Jahrzehnte? Jahre? Eine Frage ließ ihn nicht los und zog ihn wieder in die Gegenwart, in das stickige kleine Zelt. »Aber dein Fuß ist schon seit Jahren zerstört. Hatte er dich so lange in diesem Kerker eingesperrt?« »Nein«, antwortete sie und zuckte nicht einmal zusammen bei seiner groben Beschreibung. »Ich war nur eine Woche lang im Kerker. Der Knöchel, die Kette … das hat er mir lange vorher angetan.« »Welche Kette?« Sie blinzelte. Und er wusste, dass sie nicht vorgehabt hatte, ihm dieses eine spezielle Detail zu erzählen. Aber jetzt, da er hinschaute, konnte er es erkennen, unter der Vielzahl der Narben. Ein weißer Ring. Und dort, um ihren perfekten, liebreizenden anderen Knöchel herum, war sein Zwilling. Ein Windstoß, der den Staub und die Kälte eines Grabes heranwehte, strich über das Feld. Marion sagte nur: »Wenn Ihr meinen Onkel tötet, fragt ihn selbst.« 31 N un, wenigstens funktionierte Rolfes Karte. Tatsächlich war es Rowans Idee gewesen. Aelin hätte vielleicht ein paar winzige Gewissensbisse gehabt, Aedion und Lysandra in dem Glauben zu lassen, der Piratenlord wäre nur hinter dem Amulett von Orynth her. Aber jetzt wussten sie immerhin, dass seine unheilige Karte funktionierte. Und dass der Piratenlord tatsächlich in Furcht davor lebte, die Valg könnten in diesen Hafen zurückkehren. Sie fragte sich, was Rolfe sich dabei gedacht hatte – was seine Karte ihm von dem Wyrdschlüssel gezeigt hatte. Ob sie einen Unterschied zwischen dem Schlüssel und den Wyrdsteinringen offenbarte, mit denen seine Männer versklavt worden waren. Aus welchem Grund auch immer, der Piratenlord hatte sein Schankmädchen ausgeschickt, nach möglichen Hinweisen auf die Valg Ausschau zu halten, und ihm war nicht bewusst gewesen, dass Rowan diese Sackgasse gewählt hatte, um sicherzugehen, dass nur jemand, den Rolfe geschickt hatte, so weit in die Gasse hineingehen würde. Und da Aelin nicht den geringsten Zweifel hatte, dass Aedion und Lysandra sich unbemerkt durch die Straßen geschlichen hatten … tja, zumindest war dieser Teil ihres Abends richtig gelaufen. Was den Rest davon betraf … es war kurz nach Mitternacht, als Aelin sich fragte, wie zum Teufel sie und Rowan jemals zur Normalität zurückfinden sollten, falls sie diesen Krieg überlebten. Ob es je einen Tag geben würde, an dem es nicht normal war, über Dächer zu hüpfen, als wären sie Steine in einem Bach, oder in jemandes Zimmer einzubrechen und den Bewohnern eine Klinge an die Kehle zu halten. Diese ersten beiden Dinge erledigten sie innerhalb von fünfzehn Minuten. Und da sie feststellten, dass Gavriel und Fenrys sie in ihrem gemeinsamen Zimmer im Gasthaus Meeresdrachen erwarteten, vermutete Aelin, dass sie sich mit der dritten Sache keine Mühe zu machen brauchten. Trotzdem behielten sowohl sie als auch Rowan die Hände in Reichweite ihrer Dolche, während sie an der Wand neben dem jetzt geschlossenen Fenster lehnten. Sie hatten es mit Rowans Wind entriegelt, und als es aufschwang, wurde im selben Moment eine Kerze entzündet. Zwei Fae-Krieger standen vor ihnen mit steinernen Mienen, beide bekleidet und bewaffnet. »Ihr hättet auch die Tür nehmen können«, meinte Fenrys mit vor der Brust verschränkten Armen, ein wenig zu lässig. »Warum sollten wir, wenn ein dramatischer Auftritt so viel mehr Spaß macht?«, konterte Aelin. Fenrys’ schönes Gesicht zuckte in einem Ausdruck der Erheiterung, der seine onyxschwarzen Augen nicht ganz erreichte. »Wie schade es wäre, wenn du darauf mal verzichten müsstest.« Sie grinste ihn an. Er grinste sie an. Eigentlich war es weniger ein Grinsen als ein Zähnefletschen. Sie schnaubte. »Ihr zwei seht aus, als hättet ihr euren Sommer in Doranelle genossen. Wie geht es der lieben Tante Maeve?« Gavriels tätowierte Hände schlossen sich lose zu Fäusten. »Du verwehrst mir das Recht, meinen Sohn zu sehen, und doch kommt ihr mitten in der Nacht in unser Zimmer gestürmt, um Informationen über unsere Königin zu verlangen, der wir den Bluteid geschworen haben.« »Erstens, ich habe dir überhaupt nichts verwehrt, Miezekätzchen.« Fenrys stieß einen Laut aus, als würde er ersticken. »Es ist die Entscheidung deines Sohnes, nicht meine. Ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern.« Lügen. »Es muss schwer sein, überhaupt Zeit zu finden, sich um irgendetwas zu kümmern«, warf Fenrys ein, »wenn man nur eine sterbliche Lebensspanne vor sich hat.« Ein hinterhältiger, schneidender Blick in Rowans Richtung. »Oder steht ihr Festsetzen bald bevor?« Oh, er war ein Bastard. Ein verbitterter, hartgesottener Bastard, die lachende Seite der Münze zu Lorcans mürrischem Brüten. Maeve hatte auf jeden Fall ihre Vorlieben für bestimmte Typen. Rowans Gesicht verriet nichts. »Das geht dich nichts an.« »Ach nein? Zu wissen, ob sie unsterblich ist, ändert einige Dinge. Viele Dinge.« »Fenrys«, sagte Gavriel warnend. Sie hatte davon gehört – die Verwandlung, die reinblütige Fae und einige Halb-Fae durchmachten, sobald ihre Körper in unsterblicher Jugend erstarrten. Es war eine harte Prozedur und ihre Körper und ihre Magie brauchten Monate, um sich an den plötzlichen Stillstand und die Neuordnung ihres Alterungsprozesses zu gewöhnen. Einige Fae behielten die Kontrolle über ihre Macht – andere verloren sie während der Zeit der Verwandlung vollkommen. Und Halb-Fae … einige mochten langlebiger sein, einigen mochte die Gabe der Unsterblichkeit zuteilgeworden sein. So wie Lorcan. Und möglicherweise Aedion. Sie würden es in den nächsten Jahren herausfinden, ob er nach seiner Mutter kam oder nach seinem Vater, der ihr hier im Raum gegenüberstand. Falls sie den Krieg überlebten. Und was sie betraf … sie gestattete sich nicht, darüber nachzudenken. Genau aus den Gründen, die Fenrys genannt hatte. »Ich sehe nicht, was das ändern würde«, sagte sie ihm. »Es gibt bereits eine unsterbliche Königin. Sicherlich wäre eine zweite nichts Neues.« »Und wird es weitere Blutschwüre geben, sollte jemand deine Aufmerksamkeit erregen, oder wird immer nur Whitethorn an deiner Seite sein?« Sie spürte die Wut, die Rowan durchströmte, und fühlte sich halb versucht zu brummen: Sie sind deine Freunde. Regle du das mit ihnen. Aber er blieb still und beherrschte sich und sie sagte: »An dem Tag in Nebelwarte schienst du dich nicht annähernd so sehr für mich zu interessieren.« »Glaub mir, das hat er sehr wohl getan«, murmelte Gavriel. Aelin zog eine Braue hoch. Aber Fenrys bedachte Gavriel mit einem Blick, der einen langsamen Tod versprach. Rowan erklärte: »Fenrys war derjenige, der sich freiwillig gemeldet hatte, dich auszubilden, als Maeve uns erzählt hat, dass du nach Wendlyn kommen würdest.« Ach ja? Interessant. »Warum?« Rowan öffnete den Mund, doch Fenrys fiel ihm ins Wort. »Es hätte mich aus Doranelle weggebracht. Und wir hätten wahrscheinlich ohnehin viel mehr Spaß gehabt. Ich weiß, was für ein Bastard Whitethorn sein kann, wenn es ums Training geht.« »Ihr zwei wäret auf dem Dach in Varese geblieben und hättet euch zu Tode gesoffen«, bemerkte Rowan. »Und was das Training betrifft … wegen dieses Trainings lebst du heute noch, Jungchen.« Fenrys verdrehte die Augen. Er war jünger, begriff sie. Immer noch alt nach menschlichen Maßstäben, aber Fenrys war jünger und fühlte sich auch so. Wilder. »Da wir gerade von Varese sprechen«, warf Aelin ein. »Und von Doranelle …« »Ich will dich vorwarnen«, sagte Gavriel leise, »dass wir nur sehr wenig über Maeves Pläne wissen und dass wir wegen der Beschränkungen des Blutschwurs noch weniger offenbaren können.« »Wie macht sie das?«, fragte Aelin unverblümt. »Bei Rowan ist es nicht so … Ganz gleich, was ich ihm befehle, selbst wenn es etwas Nebensächliches ist, es bleibt seine Entscheidung, was er damit machen will. Nur wenn ich aktiv an dem Band zwischen uns ziehe, kann ich ihn dazu bringen nachzugeben. Und selbst dann ist es eher ein Vorschlag.« »Bei ihr ist es anders«, sagte Gavriel leise. »Es hängt davon ab, welchem Herrscher man seinen Schwur geleistet hat. Ihr zwei habt einander den Schwur mit Liebe im Herzen geleistet. Du hattest keinerlei Verlangen, ihn zu besitzen oder zu beherrschen.« Aelin versuchte, nicht vor der Wahrheit dieses Wortes zusammenzuzucken – Liebe. An dem Tag, als Rowan ihr in die Augen geschaut hatte, während er ihr Blut trank, hatte sie langsam begriffen, was es war. Das Gefühl zwischen ihnen war so mächtig, dass es keine Sprache gab, die es beschreiben konnte. Es war keine bloße Freundschaft, sondern etwas, das aus ihr geboren und von ihr gestärkt wurde. »Maeve«, ergänzte Fenrys, »bietet den Schwur mit diesen Dingen im Sinn an – besitzen und beherrschen. Und so ist das Band selbst geboren aus Gehorsam ihr gegenüber – komme, was wolle. Sie befiehlt, wir unterwerfen uns. Wir tun, was immer sie wünscht.« Schatten tanzten in diesen Augen und Aelin ballte die Hände zu Fäusten. Wenn Maeve das Verlangen verspürte, irgendeinen von ihnen mit Gewalt in ihr Bett zu holen, tat sie es einfach. Rowans Blutsbande, so entfernt sie auch waren, hatten Maeve daran gehindert, auch ihn in ihr Bett zu zwingen, aber die anderen … »Also könntet ihr ihn allein nicht brechen.« »Niemals. Wenn wir das täten, würde die Magie, die uns an sie bindet, uns dabei töten«, erklärte Fenrys. Sie fragte sich, ob er es je versucht hatte. Wie viele Male. Er legte den Kopf schief, die Bewegung rein wölfisch. »Warum fragst du das?« Weil ich, wenn Maeve aufgrund ihrer Blutsbande irgendeinen Besitzanspruch auf Aedions Leben zusteht, nicht das Geringste tun kann, um ihm zu helfen. Aelin zuckte die Achseln. »Weil du mich abgelenkt hast.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, von dem sie wusste, dass es Rowan und Aedion in den Wahnsinn trieb, und – ja. Es schien eine todsichere Art zu sein, jeden männlichen Fae in Rage zu bringen, denn auf Fenrys’ idiotisch perfektem Gesicht blitzte Zorn auf. Sie knibbelte an ihren Fingernägeln. »Ich weiß, ihr zwei seid alt und solltet schon längst im Bett sein, also werde ich mich kurzfassen: Maeves Armada segelt nach Eyllwe. Wir sind jetzt Verbündete. Aber mein Weg könnte mich in einen direkten Konflikt mit dieser Flotte führen, vielleicht mit Maeve selbst, ob ich es möchte oder nicht.« Rowan hatte sich leicht verkrampft und sie wünschte, es würde sie nicht schwach aussehen lassen, ihn anzuschauen, zu versuchen zu deuten, was immer diese Reaktion ausgelöst hatte. Fenrys sah zu Rowan – wie aus Gewohnheit. »Die größere Sorge ist doch wohl, ob Maeve losgesegelt ist, um sich Erawan anzuschließen. Sie könnte das eine oder das andere tun.« »Unser – ihr Informationsnetzwerk ist zu gewaltig«, konterte Rowan. »Sie weiß bestimmt, dass die Flotte des Reichs draußen im Golf von Oro liegt.« Aelin fragte sich, wie oft ihr Fae-Prinz sich im Stillen selbst korrigieren musste, was seine Ausdrucksweise betraf. Unsere, ihre … Fragte sich, ob er die beiden männlichen Fae, die ihn finster ansahen, jemals vermisste. »Maeve könnte auf dem Weg sein, Moraths Flotte abzufangen«, überlegte Gavriel laut. »Sie auslöschen, als Beweis ihrer Absichten, Euch zu helfen, und es dann so drehen, dass es der Agenda dient, die sie dahinter verfolgt.« Aelin schnalzte mit der Zunge. »Selbst mit Fae-Soldaten auf diesen Schiffen kann sie nicht dumm genug sein, solch katastrophale Verluste zu riskieren, nur um sich bei mir wieder beliebt zu machen.« Ganz davon abgesehen, dass Aelin sowieso jedes Hilfsangebot von Maeve annehmen würde, Risiko hin oder her. Fenrys’ schneidendes Lächeln blitzte auf. »Oh, die Verluste an Fae-Leben wären ihr ziemlich egal. Das würde sie wahrscheinlich nur noch mehr erregen.« »Vorsicht«, mahnte Gavriel. Götter, er klang mit diesem Ton beinahe genau wie Aedion. Aelin fuhr fort: »Wie dem auch sei. Ihr zwei wisst, was uns mit Erawan erwartet; ihr wisst, was Maeve in Doranelle von mir wollte. Was zu tun Lorcan losgezogen ist.« Ihre Gesichter hatten wieder ihre Kriegerruhe angenommen und sie zuckten nicht einmal mit der Wimper, als sie fragte: »Hat Maeve euch auch den Befehl gegeben, Lorcan diese Schlüssel abzunehmen? Und den Ring? Oder ist es nur sein Leben, das ihr fordern werdet?« »Wenn wir sagen, dass sie uns den Befehl gegeben hat, alles zu nehmen«, meinte Fenrys gedehnt und stützte die Hände hinter sich am Bett ab, »wirst du uns dann töten, Erbin des Feuers?« »Das wird davon abhängen, wie nützlich ihr euch als Verbündete erweist«, antwortete Aelin schlicht. Das Gewicht um ihren Hals, versteckt unter ihrer Bluse, rumorte jetzt wie zur Antwort. »Rolfe hat Waffen«, bemerkte Gavriel leise. »Oder wird welche erhalten.« Aelin sah ihn fragend an. »Und wird es mich etwas kosten, mehr darüber zu erfahren?« Gavriel war nicht so dumm, sie um Aedion zu bitten. Der Krieger sagte nur: »Sie werden Feuerlanzen genannt. Alchemisten auf dem südlichen Kontinent haben sie für ihre eigenen Territorialkriege entwickelt. Mehr wissen wir nicht, aber das Gerät kann von einem einzigen Mann bedient werden – mit verheerenden Konsequenzen.« Und da für die wenigen Magiekundigen, die Ardarlans Herrschaft überlebt hatten, ihre wiedergewonnenen Gaben immer noch so neu waren … Sie würde nicht allein sein. Nicht die einzige Feuerbringerin auf diesem Schlachtfeld. Aber nur wenn Rolfes Armada zu der ihren wurde. Wenn er tat, wozu sie ihn vorsichtig, ganz vorsichtig hinsteuerte. Es konnte Monate kosten, die sie nicht hatte, den südlichen Kontinent um Hilfe anzugehen. Aber wenn Rolfe bereits einen Vorrat dieser Waffen bestellt hatte … Aelin nickte Rowan abermals zu und sie stießen sich von der Wand ab. »Das war’s?«, fragte Fenrys. »Dürfen wir erfahren, was du mit diesen Informationen vorhast, oder sind auch wir bloß deine Lakaien?« »Ihr vertraut mir nicht, ich vertraue euch nicht«, antwortete Aelin. »So ist es einfacher.« Sie stieß mit dem Ellbogen das Fenster auf. »Aber danke für die Informationen.« Fenrys sah sie so überrascht an, dass sie sich fragte, ob Maeve diese Worte je in seiner Hörweite gesprochen hatte. Und sie wünschte aufrichtig, sie hätte ihre Tante an jenem Tag in Doranelle zu Asche verbrannt. Sie und Rowan sprangen hinaus und erklommen die Dächer von Skull’s Bay, die uralten Schindeln waren noch rutschig vom Regen, der über Tag gefallen war. Als die Ozeanrose wie ein bleiches Juwel einen Häuserblock vor ihnen glitzerte, hielt Aelin in den Schatten neben einem Schornstein an und murmelte: »Es gibt keinen Spielraum für Irrtümer.« Rowan legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß. Wir werden dafür sorgen, dass alles sich fügt.« Ihre Augen brannten. »Wir spielen ein Spiel gegen zwei Monarchen, die länger regiert und intrigiert haben, als die meisten Königreiche existiert haben.« Und selbst für Aelin waren die Chancen, sie zu überlisten und ihre Pläne zu durchkreuzen – nun ja, nicht besonders groß. »Wenn ich ihre Leute sehe, mitbekomme, wie Maeve sie gängelt … Sie war im Frühling so nah dran, uns zu trennen. So nah.« Rowan zeichnete mit dem Daumen ihre Lippen nach. »Selbst wenn Maeve mich weiterhin versklavt hätte, hätte ich gegen sie angekämpft. Jeden Tag, jede Stunde, mit jedem Atemzug.« Er küsste sie sanft und sagte dicht an ihrem Mund: »Ich hätte den Rest meines Lebens gekämpft, um einen Weg zu finden, zu dir zurückzukehren. Ich wusste es in dem Moment, in dem du aus der Dunkelheit des Valg aufgetaucht bist und mich durch deine Flammen angelächelt hast.« Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle herunter und zog eine Augenbraue hoch. »Du warst vor alldem hier bereit, das zu tun? Damals hatte es so wenige Vorteile.« Erheiterung und etwas Tieferes tanzten in seinen Augen. »Was ich in Doranelle für dich empfunden habe und was ich jetzt für dich empfinde, ist das Gleiche. Ich dachte nur nie, dass ich je die Chance bekommen würde, auch danach zu handeln.« Sie wusste, warum sie es hören musste – und er wusste es auch. Darrows und Rolfes Worte spukten in ihrem Kopf herum, ein endloser Refrain bitterer Drohungen. Aber Aelin grinste ihn nur an. »Dann handle endlich, Prinz.« Rowan stieß ein leises Lachen aus und fügte nichts mehr hinzu, als er ihren Mund in Besitz nahm und sie mit dem Rücken gegen den halb verfallenen Schornstein drückte. Sie öffnete sich ihm und seine Zunge glitt zwischen ihre Lippen, langsam, genüßlich. Oh, Götter – dies hier. Dies war es, was sie um den Verstand brachte – dieses Feuer zwischen ihnen. Mit diesem Feuer konnten sie die ganze Welt zu Asche verbrennen. Er gehörte ihr und sie gehörte ihm, und sie hatten einander quer durch Jahrhunderte des Blutvergießens und des Verlusts gefunden, über Ozeane und Königreiche und Kriege hinweg. Rowan zog sich schwer atmend zurück und flüsterte dicht an ihren Lippen: »Selbst wenn du in einem anderen Königreich bist, Aelin, ist dein Feuer immer noch in meinem Blut, in meinem Mund.« Sie stieß ein leises Stöhnen aus und bog den Rücken durch, und er streichelte ihn und scherte sich nicht darum, ob jemand in den Straßen unter ihnen sie bemerkte. »Du hast gesagt, du würdest mich beim ersten Mal nicht an einen Baum gelehnt nehmen«, hauchte sie und ließ die Hände an seinen Armen hochwandern, über seine breite, wie gemeißelte Brust. »Was ist mit einem Schornstein?« Rowan schnaubte lachend und biss sie zart in die Unterlippe. »Erinnere mich noch mal, warum ich dich vermisst habe.« Aelin kicherte, aber das Geräusch wurde schnell erstickt, als Rowan erneut über ihren Mund herfiel und sie im Mondlicht leidenschaftlich küsste. 32 A edion war die halbe Nacht auf gewesen und hatte über die Vorzüge jedes nur möglichen Ortes für ein Treffen mit seinem Vater gegrübelt. Wenn sie sich am Strand trafen, schien das so, als bäte er um ein privates Gespräch, von dem er sich nicht ganz sicher war, ob er es führen wollte; in Rolfes Hauptquartier fühlte es sich zu öffentlich an; der Innenhof des Gasthauses schien ihm zu förmlich … er hatte sich auf seiner Pritsche hin und her gewälzt und war fast eingeschlafen, als er Aelin und Rowan weit nach Mitternacht hatte zurückkommen hören. Wenig überraschend, dass sie sich hinausgeschlichen hatten, ohne es irgendjemandem zu erzählen. Aber zumindest war sie mit dem Fae-Prinzen gegangen. Lysandra, die wie eine Tote schlief, hatte sich nicht geregt, als ihre Schritte draußen im Flur geknarrt hatten. Sie war Stunden zuvor zurückgekehrt, kaum fähig, sich auf den Beinen zu halten, bevor sie wieder ihre ursprüngliche Gestalt angenommen hatte. Dorian hatte bereits auf seiner Pritsche geschlafen. Und Aedion hatte ihre Nacktheit nur am Rande bemerkt – da sie geschwankt und er einen Satz gemacht hatte, um sie aufzufangen, bevor sie auf dem Teppich landete. Sie hatte ihn benommen angeblinzelt und ihre Haut war bleich gewesen. Also hatte er sie sanft auf der Bettkante abgesetzt, den Überwurf darauf abgenommen und sie darin eingehüllt. »Du hast schon jede Menge nackter Frauen gesehen«, hatte sie bemerkt und sich nicht die Mühe gemacht, die Decke festzuhalten. »Es ist zu heiß für Wolle.« Die Decke war von ihrem Rücken geglitten, als sie sich vorgebeugt, die Unterarme auf die Knie gestützt und tief durchgeatmet hatte. »Götter, es macht mich so schwindlig.« Aedion hatte ihr eine Hand auf den nackten Rücken gelegt und sie sanft gestreichelt. Sie versteifte sich bei der Berührung, aber er zeichnete breite, leichte Kreise über die samtweiche Haut. Einen Moment später stieß sie einen Laut aus, der ein Schnurren hätte sein können. Die Stille hatte lange genug gedauert, dass Aedion begriff, dass sie irgendwie eingeschlafen war. Und es war kein normaler Schlaf gewesen, sondern der Schlaf, in den Aelin und Rowan manchmal verfielen, damit ihre Magie sich erholen konnte. So tief und gründlich, dass keine Instinkte ihn überwinden konnten. Der Körper hatte sich geholt, was er brauchte, um jeden Preis, auch um den der Verwundbarkeit. Dann hatte Aedion sie vorsichtig in die Arme genommen, sie sich über die Schulter geworfen und zum Kopfende des Bettes getragen. Er hatte die frischen Baumwolllaken mit einer Hand zurückgeschlagen und sie hineingelegt, ihr nun wieder langes Haar hatte ihre hohen, festen Brüste bedeckt. So viel kleiner als die, die er das erste Mal an ihr gesehen hatte. Es kümmerte ihn nicht, wie groß oder klein sie waren – sie waren in beiden Formen wunderschön. Sie war nicht wieder aufgewacht und er war zu seiner eigenen Pritsche gewandert. Er schlief erst ein, als das Licht zu den wässrigen Grautönen vor der Dämmerung wechselte, erwachte kurz nach Sonnenaufgang und gab den Gedanken an Schlaf endgültig auf. Er bezweifelte, dass er irgendeine Art von Ruhe finden würde, bis dieses Treffen hinter ihm lag. Also badete Aedion, kleidete sich an und rang mit sich, ob er sich zum Narren machte, wenn er sich für seinen Vater das Haar bürstete. Lysandra war wach, als er wieder ins Zimmer tappte, und die Farbe war zum Glück in ihre Wangen zurückgekehrt. Der König lag noch immer schlafend auf seiner Pritsche. Aber die Gestaltwandlerin musterte Aedion und sagte: »Das willst du anziehen?« *** Lysandra brachte ihn dazu, seine schmutzige Reisekleidung abzulegen, stürmte mit nichts als ihrem eigenen Laken bekleidet in Aelins und Rowans Zimmer und nahm sich aus dem Kleiderschrank des Fae-Prinzen, was immer sie wollte. Aelins gebelltes Raus hier! war wahrscheinlich noch auf der anderen Seite der Bucht zu hören und Lysandra grinste mit katzenhaftem Mutwillen, als sie zurückkam und ihm die grüne Jacke und eine Hose hinwarf. Nachdem er wieder aus dem Badezimmer kam, trug die Dame ebenfalls Kleider – woher sie sie hatte, er hatte keine Ahnung. Sie waren schlicht: eine schwarze, enge Hose, kniehohe Stiefel und ein weißes Hemd, das in der Hose steckte. Sie trug ihr Haar teils offen, teils hochgesteckt, drehte die losen, seidigen Stränge ein und warf sie sich nun über eine Schulter. Lysandra betrachtete ihn mit einem anerkennenden, süffisanten Grinsen. »Viel besser. Viel prinzlicher und weniger heruntergekommen.« Aedion machte eine spöttische Verbeugung vor ihr. Dorian regte sich und eine kühle Brise flatterte herein, als wäre auch seine Magie erwacht, dann blinzelte er sie beide an und sah zu der Uhr auf dem Kaminsims. Er zog sich ein Kissen über die Augen und schlief wieder ein. »Sehr königlich«, sagte Aedion zu ihm und ging zur Tür. Dorian brummte etwas, das Aedion sich zu hören weigerte. Er und Lysandra besorgten sich in aller Stille ein Frühstück im Speisezimmer – obwohl er die Hälfte des Essens herunterwürgen musste. Die Gestaltwandlerin stellte keine Fragen, sei es aus Rücksicht oder weil sie damit beschäftigt war, sich mit jedem Krümel vollzustopfen, den das Buffet hergab. Götter, die weiblichen Wesen an seinem Hof aßen mehr als er. Er nahm an, die Magie verbrannte ihre Energiereserven so schnell, dass es ein Wunder war, wenn sie ihm nicht ständig den Kopf abbissen. Sie gingen auch zu Rolfes Taverne schweigend und die Wachposten davor traten beiseite, ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen. Er streckte die Hand nach der Türklinke aus, als Lysandra endlich fragte: »Bist du dir sicher?« Er nickte. Und damit hatte es sich. Aedion öffnete die Tür und fand Maeves zwei Getreue genau dort, wo er sie zu dieser Stunde vermutet hatte: beim Frühstück im Schankraum. Die beiden Fae hielten inne, als sie eintraten. Und Aedions Blick ging direkt zu einem der beiden goldhaarigen Fae. Gavriel legte die Gabel auf seinen halb leer gegessenen Teller. Er trug ähnliche Kleider wie Rowan und wie der Fae-Prinz war er selbst beim Frühstück schwer bewaffnet. Der harte Mund, die fein geschnittenen, breiten Gesichtszüge – daher hatte er sie also. Das kurz geschorene, goldene Haar war anders; mehr Sonnenschein im Gegensatz zu Aedions schulterlangem Honiggold. Und Aedions Haut war von reinem Ashryvergold – keine sonnenverbrannte, tiefe Bräune. Langsam stand Gavriel auf. Aedion fragte sich, ob er auch diese Anmut, die raubtierhafte Reglosigkeit und das undeutbare, aufmerksame Gesicht geerbt hatte – oder ob sie ihnen beiden antrainiert worden waren. Die Verkörperung des Berglöwen. Er hatte es auf diese Art tun wollen, ohne Voranmeldung, beinahe ein Überfall, damit sein Vater keine Zeit haben würde, hübsche Ansprachen vorzubereiten. Er wollte sehen, was sein Vater tun würde, wenn er ihm unerwartet gegenüberstand, wie er auf alles reagierte … Der andere Krieger, Fenrys, schaute zwischen ihnen hin und her, eine Gabel immer noch auf halbem Weg zum geöffneten Mund. Aedion zwang sich, vorwärtszugehen, seine Beine überraschend wenig wackelig, obwohl sein Körper sich anfühlte, als gehörte er jemand anderem. Lysandra blieb an seiner Seite, verlässlich und mit leuchtenden Augen. Mit jedem Schritt, den er tat, studierte sein Vater ihn, und sein Gesicht gab nichts preis, bis … »Du siehst …«, hauchte Gavriel und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. »Du siehst ihr so ähnlich.« Aedion wusste, dass Gavriel nicht von Aelin sprach. Selbst Fenrys sah den Löwen jetzt an, sah die Trauer in diesen lohfarbenen Augen. Aber Aedion erinnerte sich kaum an seine Mutter. Erinnerte sich kaum an irgendetwas anderes als ihr sterbendes, zerstörtes Gesicht. Also erwiderte er: »Sie ist gestorben, damit deine Königin mich nicht in die Fänge bekam.« Er war sich nicht sicher, ob sein Vater atmete. Lysandra trat näher, ein Fels in der aufgepeitschten See seines Zorns. Aedion spießte seinen Vater mit einem Blick auf, unsicher, woher die Worte kamen, der Zorn, aber sie waren da, knallten von seinen Lippen wie Peitschenhiebe. »Man hätte sie in einer der Fae-Festungen heilen können, aber sie wollte um keinen Preis dorthin, wollte auch niemanden kommen lassen, aus Angst, dass Maeve« – er spie den Namen förmlich aus – »von meiner Existenz erfuhr. Aus Angst, dass ich ebenso von ihr versklavt würde wie du .« Das gebräunte Gesicht seines Vaters verlor alle Farbe. Was immer Gavriel bis jetzt geglaubt hatte, was passiert war, Aedion kümmerte es nicht. Der Wolf knurrte den Löwen an. »Sie war dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat nie geheiratet und ihre Familie hat sie gemieden. Sie hat sich geweigert, irgendjemandem zu verraten, wer mich gezeugt hatte, und nahm die Verachtung, die Demütigungen der anderen ohne eine Unze Selbstmitleid in Kauf. Sie tat das, weil sie mich geliebt hat, nicht dich.« Und er wünschte plötzlich, er hätte Aelin gebeten mitzukommen, damit sie diesen Krieger zu Asche hätte verbrennen können, wie sie es mit dem Kommandanten in Ilium getan hatte, denn der Anblick dieses Gesichtes – seines Gesichtes … er hasste ihn. Er hasste ihn um der Dreiundzwanzigjährigen willen, die seine Mutter gewesen war, die, als sie starb, jünger gewesen war als er jetzt, allein und unglücklich. Aedion knurrte: »Wenn dein Miststück von einer Königin versucht, mich zu kriegen, schlitze ich ihr die Kehle auf. Wenn sie meiner Familie noch mehr Schaden zufügt, als sie es bereits getan hat, schlitze ich auch dir die Kehle auf.« Sein Vater krächzte: »Aedion.« Der Klang des Namens, den seine Mutter ihm gegeben hatte, auf seinen Lippen … »Ich will nichts von dir. Es sei denn, du hast vor, uns zu helfen, dann würde ich gegen die … Unterstützung keine Einwände erheben. Aber darüber hinaus will ich nichts mit dir zu tun haben.« »Es tut mir leid«, sagte sein Vater und seine Löwenaugen waren von solchem Kummer erfüllt, dass Aedion sich fragte, ob er gerade nach jemandem geschlagen hatte, der bereits am Boden lag. »Ich bin nicht derjenige, bei dem du dich entschuldigen müsstest«, sagte er und wandte sich zur Tür. Der Stuhl seines Vaters kratzte über den Boden. »Aedion.« Aedion ging weiter und Lysandra hielt mit ihm Schritt. »Bitte«, sagte sein Vater, als Aedions Hand sich um die Klinke schloss. »Fahr zur Hölle«, sagte Aedion und ging. Er kehrte nicht in die Ozeanrose zurück. Und er konnte es nicht ertragen, unter Leuten zu sein, inmitten ihrer Geräusche und Gerüche. Also stapfte er auf den dicht bewaldeten Berg über der Bucht und verlor sich in dem Dschungel aus Blättern und Schatten und feuchter Erde. Lysandra blieb einen Schritt hinter ihm, ebenso schweigsam wie er. Erst als er einen Felsvorsprung fand, der einen Blick auf die Bucht, die Stadt und das reine Wasser dahinter bot, hielt er inne. Setzte sich. Und atmete. Lysandra setzte sich im Schneidersitz neben ihn auf den flachen Felsen. Er bemerkte: »Ich hatte nicht erwartet, irgendetwas von alledem zu sagen.« Sie schaute zu dem nahen Wachturm, der sich an den Fuß des Berges schmiegte. Aedion sah den Blick ihrer grünen Augen über das untere Stockwerk wandern, wo die Kette des Schiffsbrechers um ein riesiges Rad geschlungen war. Eine Wendeltreppe führte außen am Turm bis zu den obersten Stockwerken. Dort oben waren ein Katapult und eine massive Harpune installiert – oder war es eine riesige Armbrust auf einem Drehwerk? –, deren Pfeil auf einen unsichtbaren Feind in der Bucht darunter gerichtet war. Bei der Größe dieses Geschosses und der Maschine, die dazu geschaffen war, es in die Bucht zu schießen, hatte Aedion keinerlei Zweifel, dass es einen Schiffsrumpf durchdringen und einem Schiff massiven Schaden zufügen konnte. Oder drei Männer zugleich aufspießen. Lysandra sagte schlicht: »Deine Worte kamen von Herzen. Vielleicht ist es gut, dass er das gehört hat.« »Wir brauchen ihre Hilfe. Ich habe ihn uns vielleicht zum Feind gemacht.« Sie warf sich das Haar über eine Schulter. »Vertrau mir, Aedion, das hast du nicht. Wenn du ihn aufgefordert hättest, über heiße Kohlen zu kriechen, er hätte es getan.« »Er wird früh genug begreifen, wer ich wirklich bin, und dann wird er vielleicht nicht mehr so verzweifelt sein.« »Was denkst du denn, wer du wirklich bist?« Sie betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Adarlans Hure? Denkst du immer noch so über dich selbst? Der General, der sein Königreich zusammengehalten hat, der seine Leute gerettet hat, als selbst ihre eigene Königin sie vergessen hatte – das ist der Mann, den ich kenne.« Sie knurrte leise und der Laut galt nicht ihm. »Und wenn er dir Vorwürfe machen sollte, werde ich ihm ins Gedächtnis rufen, dass er diesem Miststück in Doranelle jahrhundertelang vorbehaltlos gedient hat.« Aedion schnaubte. »Ich würde gutes Geld dafür geben zu sehen, wie du dich mit ihm anlegst. Und mit Fenrys.« Sie stupste ihn mit einem Ellbogen an. »Ein Wort genügt, General, und ich verwandele mich in das Geschöpf ihrer Albträume.« »Und welche Kreatur wäre das?« Sie bedachte ihn mit einem wissenden kleinen Lächeln. »Etwas, woran ich seit einiger Zeit arbeite.« »Ich will es gar nicht wissen, stimmt’s?« Weiße Zähne blitzten auf. »Nein, das willst du wirklich nicht.« Er lachte, überrascht, dass er das überhaupt konnte. »Er ist ein gut aussehender Bastard, das muss ich ihm lassen.« »Ich glaube, Maeve sammelt hübsche Männer.« Aedion schnaubte. »Warum nicht? Sie muss sich eine Ewigkeit mit ihnen herumschlagen. Da können sie wenigstens gut aussehen.« Sie lachte wieder und dieser Klang nahm ihm eine Last von den Schultern. *** Aelin, die ausnahmsweise einmal sowohl Goldryn als auch Damaris trug, kam zwei Stunden später in den Meeresdrachen und wünschte sich die Tage zurück, da sie hatte schlafen können, ohne dass das Grauen oder die Dringlichkeit von irgendetwas an ihr zerrten. Wünschte sich Tage, da sie vielleicht die Zeit hatte, mit ihrem Geliebten das Lager zu teilen, statt sich doch für einige Stunden Schlaf zu entscheiden. Sie hatte es vorgehabt. Als sie letzte Nacht ins Gasthaus zurückgekehrt waren, hatte sie sich schneller gebadet als je zuvor. Sie war sogar nackt aus dem Badezimmer gekommen. Und hatte ihren Fae-Prinzen schlafend auf dem strahlend weißen Bett gefunden, immer noch bekleidet. Für alle Welt sah es aus, als hätte er nur kurz die Augen schließen wollen, bis sie aus dem Badezimmer kam. Und seine tiefe Erschöpfung … sie hatte Rowan sich ausruhen lassen. Hatte sich auf den Decken an ihn gekuschelt, immer noch nackt, und war in einen tiefen Schlaf gefallen, noch bevor ihr Kopf seine Brust berührt hatte. Es würde eine Zeit kommen, das wusste sie, wenn sie nicht mehr in der Lage sein würden, so sicher und so tief zu schlafen. Ganze fünf Minuten, nachdem Rowan erwacht war, war Lysandra hereingestürmt – er hatte gerade die Prozedur, auch Aelin zu wecken, begonnen. Langsam, quälend, besitzergreifend hatte er über ihren nackten Rumpf und ihre Schenkel gestreichelt, es mit kleinen beißenden Küssen auf ihren Mund, ihr Ohr, ihren Hals akzentuiert. Als Lysandra durch den Raum gestürmt war, um Kleider für Aedion zu stehlen, als sie erklärt hatte, wohin Aedion gehen würde, war die Stimmung dahin gewesen. Es hatte Aelin daran erinnert, was genau sie heute erreichen musste. Mit einem Mann, der gegenwärtig geneigt war, sie zu töten, und mit einer versprengten, verängstigten Flotte. Gavriel und Fenrys saßen jetzt mit Rolfe an dem Tisch im hinteren Teil des Schankraums, und beide rissen die Augen ein wenig weiter auf, als sie hereinstolziert kam. Von Aedion keine Spur. Sie hätte den erschrockenen Ausdruck ihrer Gesichter gern ihrem Auftritt zugeschrieben, wäre Rowan nicht direkt hinter ihr hereingepirscht, bereits darauf eingestellt, ihnen notfalls die Kehlen aufzuschlitzen. Rolfe sprang auf. »Was tust du hier?« »Ich an Eurer Stelle wäre sehr, sehr vorsichtig, wie ich heute mit ihr spreche, Kapitän«, antwortete Fenrys behutsamer und rücksichtsvoller, als sie ihn gestern erlebt hatte. Sein Blick war auf Rowan gerichtet, der Rolfe tatsächlich so ansah, als wäre er das Abendessen. »Wählt Eure Worte mit Bedacht.« Rolfe warf einen Blick auf Rowan, sah sein Gesicht und schien zu begreifen. Vielleicht würde diese Vorsicht dazu führen, dass Rolfe heute etwas geneigter war, ihrer Bitte zu entsprechen. Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte. Wenn sie das Ganze richtig angegangen hatte. Aelin schenkte Rolfe ein kleines Lächeln und stützte sich auf den freien Nachbartisch, dessen abgeblätterte goldene Buchstaben auf den Planken das Wort Nebelspalter ergaben. Rowan bezog neben ihr Position und sein Knie streifte ihres. Als wären selbst wenige Schritte Abstand unerträglich. Aber sie lächelte Rolfe ein wenig breiter an. »Ich bin gekommen, um zu sehen, ob du deine Meinung geändert hast. Was das Bündnis mit mir betrifft.« Rolfe trommelte mit seinen tätowierten Fingern auf den Tisch, direkt über einigen goldenen Buchstaben, die das Wort Drescher ergaben. Eine Karte des Kontinents lag ausgebreitet zwischen Rolfe und den Fae-Kriegern. Nicht die Karte, die sie jetzt wirklich und wahrhaftig brauchte, da sie wusste, dass das verdammte Ding funktionierte, sondern – Aelin versteifte sich bei dem, was sie sah. »Was ist das?«, fragte sie, als sie die silbernen Figürchen bemerkte, die auf der Mitte des Kontinents lagen, eine undurchdringliche Linie von der Ferianschlucht bis zur Mündung des Avery. Und die zusätzlichen Figuren im Golf von Oro. Und in Melisande und Fenharrow und in der Nähe von Eyllwes nördlicher Grenze. Gavriel, der ein wenig so aussah, als hätte ihm jemand einen Schlag auf den Kopf verpasst – Götter, wie war das Treffen mit Aedion gelaufen? –, antwortete ihr anstelle von Rolfe. Das war vielleicht auch besser so, bevor Rowan Rolfe wegen einer unverschämten Erwiderung die Kehle aufriss. »Kapitän Rolfe hat heute Morgen eine Nachricht erhalten. Er wollte unseren Rat.« »Was ist das«, wiederholte sie und stach mit dem Finger in die Nähe der Hauptlinie der Figuren, die sich quer über den Kontinent erstreckten. »Es ist der letzte Bericht«, antwortete Rolfe gedehnt, »über den Aufenthaltsort von Moraths Armeen. Sie haben Stellung bezogen. Dem Norden Hilfe zu schicken, ist jetzt unmöglich. Und sie stehen kurz davor, Eyllwe anzugreifen.« 33 E yllwe hat kein stehendes Heer«, sagte Aelin und spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. »Nach diesem Frühling gibt es nichts und niemanden zu bekämpfen – außer die Rebellenmilizen.« Rowan wandte sich an Rolfe. »Habt Ihr genaue Zahlen?« »Nein«, erwiderte der Kapitän. »Die Nachrichten habe ich nur als Warnung bekommen – um jegliche Schiffstransporte vom Avery fernzuhalten. Ich wollte ihre Meinung« – er deutete mit dem Kinn auf Fenrys und Gavriel –, »wie ich damit umgehen soll. Obwohl ich dich wahrscheinlich ebenfalls hätte einladen sollen, da sie so darauf erpicht zu sein scheinen, dich in meine Angelegenheiten einzuweihen.« Keiner von ihnen ließ sich zu einer Antwort herab. Aelin betrachtete diese Linie – diese Linie von Armeen. Rowan sagte: »Wie schnell bewegen sie sich?« »Die Legionen sind vor fast drei Wochen aus Morath aufgebrochen«, berichtete Gavriel. »Sie bewegen sich schneller als jede Armee, die ich je gesehen habe.« Ausgerechnet jetzt … Nein. Nein – nein, es konnte nicht an Ilium liegen, daran, dass sie ihn geärgert hatte … »Es ist eine geplante Vernichtung«, erklärte Rolfe unverblümt. Sie schloss die Augen und schluckte hörbar. Nicht einmal der Kapitän wagte zu sprechen. Rowan strich ihr mit einer Hand über den Rücken, ein stummer Trost. Er wusste es – reimte es sich ebenfalls zusammen. Sie öffnete die Augen, diese Linie brannte sich in ihre Sicht und ihr Herz ein und sie sagte: »Es ist eine Botschaft. An mich.« Sie öffnete die Faust und betrachtete die Narbe dort. »Aber warum sollte er Eyllwe angreifen?«, fragte Fenrys. »Und warum sich in Stellung bringen und es nicht gleich erobern?« Sie konnte die Worte nicht laut aussprechen. Dass sie dies über Eyllwe gebracht hatte, weil sie Erawan verhöhnt hatte, weil er wusste, wer Celaena Sardothien etwas bedeutet hatte. Er wollte ihren Mut brechen, ihr Herz, indem er ihr zeigte, was seine Armeen tun konnten. Was sie tun würden , wann immer ihm jetzt danach zumute war. Sie würden es nicht Terrasen antun, sondern dem Königreich der Freundin, die sie so sehr geliebt hatte. Das Königreich, das zu beschützen und zu retten sie geschworen hatte. Rowan bemerkte: »Wir haben persönliche Verbindungen nach Eyllwe. Er weiß, dass es ihr etwas bedeutet.« Fenrys’ Blick ruhte auf ihr, studierte sie. Aber Gavriel sagte mit fester Stimme: »Erawan hält jetzt das gesamte Land südlich des Avery. Bis auf diese Inseln. Und selbst hier hat er am Dead End einen Fuß in der Tür.« Aelin starrte auf die Karte, auf die Fläche im Norden, die jetzt so klein erschien. Im Westen breitete sich die gewaltige Ebene der Wastes jenseits des Gebirges aus, das den Kontinent teilte. Und ihr Blick blieb an einem kleinen Namen entlang der westlichen Küste hängen. Briarcliff. Der Name hallte in ihr nach und rüttelte sie wach und sie begriff, dass sie darüber geredet hatten, wie sich eine solche Armee so schnell durch das Land bewegen konnte. Sie rieb sich die Schläfe und betrachtete diesen Fleck auf der Karte. Dachte daran, dass jemand ihr sein Leben schuldete. Ihr Blick wanderte nach unten – nach Süden. In Richtung Red Desert. Wo noch viele andere ihr das Leben schuldeten und darauf warteten, dass sie die Schuld einforderte. Aelin wurde bewusst, dass man sie etwas gefragt hatte, aber sie hatte keine Lust, herauszufinden, was, und sagte statt einer Antwort leise zu Rolfe: »Du wirst mir deine Armada geben. Du wirst sie mit diesen Feuerlanzen ausstatten, die du, wie ich weiß, bestellt hast, und du wirst alle überschüssigen an die mykinische Flotte liefern, wenn sie eintrifft.« Schweigen. Rolfe bellte ein Lachen und setzte sich wieder. »Den Teufel werde ich tun.« Er wedelte mit seiner tätowierten Hand über der Karte herum, das Wasser, das darauf eingezeichnet war, aufgepeitscht und wechselhaft in einem Muster, von dem sie sich fragte, ob nur er es deuten konnte. Einem Muster, das er deuten können musste , um jenes Schloss zu finden. »Du bist noch verzweifelter, als ich angenommen habe.« Er bedachte ihre Worte. »Die mykinische Flotte ist kaum mehr als ein Mythos. Eine Gutenachtgeschichte.« Aelin betrachtete den Griff von Rolfes Schwert, das Gasthaus selbst und sein Schiff, das in der nahen Bucht vor Anker lag. »Du bist der Erbe des mykinischen Volkes«, sagte Aelin. »Und ich bin gekommen, um die Schuld einzufordern, in der du gegenüber meiner Blutlinie stehst.« Rolfe rührte sich nicht, blinzelte nicht. »Oder sind all die Hinweise auf Meeresdrachen ein persönlicher Fetisch?«, fragte Aelin. »Die Mykiner existieren nicht mehr«, antwortete Rolfe entschieden. »Das glaube ich nicht. Ich glaube, sie haben sich hier versteckt, auf den Dead Islands, und das seit sehr, sehr langer Zeit. Und du hast es irgendwie geschafft, dir einen Weg zurück an die Macht zu erkämpfen.« Die drei Fae tauschten Blicke untereinander. »Ich habe Ilium von Adarlan befreit. Ich habe die Stadt – dein altes Zuhause – für dich zurückgeholt. Für die Mykiner. Sie ist dein, wenn du es wagst, Anspruch auf das Erbe deines Volkes zu erheben.« Rolfes Hand zitterte leicht. Er ballte die Faust und versteckte sie unterm Tisch. Sie erlaubte, dass ein Flackern ihrer Magie an die Oberfläche stieg, erlaubte, dass das Gold in ihren Augen wie eine helle Flamme leuchtete. Gavriel und Fenrys richteten sich auf, als Aelins Macht den Raum erfüllte, die Stadt erfüllte. Der Wyrdschlüssel zwischen ihren Brüsten pochte dumpf und wisperte. Sie wusste, dass in ihrem Gesicht nichts Menschliches, nichts Sterbliches war. Wusste es, weil Rolfes goldbraune Haut einen kränklichen, bleichen Schimmer annahm. Sie schloss die Augen und stieß einen Atemzug aus. Die rankende Macht, die sie gesammelt hatte, verließ sie wellenartig in einer geraden, unsichtbaren Bahn. Die Welt erschauderte in ihrem Kielwasser. Eine Stadtglocke läutete einmal, zweimal von ihrer Kraft. Selbst das Wasser der Bucht erzitterte, als sie hinaus und über die Inselgruppe fegte. Als Aelin die Augen öffnete, war die Sterblichkeit zurückgekehrt. »Was zum Teufel war das?«, verlangte Rolfe schließlich zu erfahren. Fenrys und Gavriel waren mit einem Mal sehr an der Karte vor ihnen interessiert. Rowan bemerkte glattzüngig: »Mylady muss täglich etwas von ihrer Macht freisetzen, sonst kann sie sie verzehren.« Unwillkürlich und trotz allem, was sie getan hatte, beschloss sie, dass Rowan sie mindestens einmal am Tag Mylady nennen sollte. Rowan sprach weiter, bedrängte Rolfe wegen der vorrückenden Armee. Der Piratenlord, dessen mykinische Abstammung Lysandra dank Arobynns Neigung, seine Geschäftspartner auszuspionieren, schon vor Wochen bestätigt hatte, schien aufgrund ihres Angebots die Sprache verloren zu haben. Aber Aelin wartete einfach ab. Nach einiger Zeit erschienen Aedion und Lysandra – und ihr Cousin würdigte Gavriel nur eines flüchtigen Blickes, als er über der Karte stand und die Haltung des Generals annahm, der er war, und sämtliche Details zu hören verlangte. Gavriel schaute stumm zu seinem Sohn auf und beobachtete, wie seine Augen über die Karte huschten, lauschte auf den Klang seiner Stimme, als wäre sie ein Lied, das er auswendig zu lernen versuchte. Lysandra schlenderte zum Fenster und überwachte die Bucht. Als könnte sie die Wellen sehen, die Aelin in die Welt hinausgesandt hatte. Die Gestaltwandlerin hatte es Aedion inzwischen erzählt – warum sie wirklich nach Ilium gegangen waren. Nicht nur um Brannon zu treffen, nicht nur um sein Volk zu retten … sondern hierfür. Aelin und die Gestaltwandlerin hatten den Plan während der langen Nachtwachen auf dem Weg hierher zusammen ausgeheckt und alle Tücken und Vorteile abgewogen. Dorian kam zehn Minuten später hereingeschlendert und sein Blick huschte direkt zu Aelin. Er hatte es ebenfalls gespürt. Der König begrüßte Rolfe höflich, dann blieb er still, als sie ihn über die Positionen von Erawans Armeen ins Bild setzten. Er rutschte neben Aelin auf einen Stuhl, während die männlichen Fae über Versorgungswege und Waffen diskutierten, wobei Rowan sie immer wieder im Kreis herumführte. Dorian warf ihr nur einen schwer zu deutenden Blick zu und schlug die Beine übereinander. Die Uhr schlug elf und Aelin erhob sich mitten in Fenrys’ Ausführungen über verschiedene Rüstungen und darüber, dass Rolfe womöglich in Erze investieren sollte, um die Nachfrage befriedigen zu können. Wieder senkte sich Stille herab. Aelin bemerkte zu Rolfe: »Vielen Dank für deine Gastfreundschaft.« Und dann wandte sie sich ab. Sie kam einen Schritt weit, bevor er zu erfahren verlangte: »Das ist alles?« Sie schaute über ihre Schulter. Rowan kam zu ihr. Aelin ließ etwas von ihrer Flamme an die Oberfläche steigen. »Ja. Wenn du mir keine Armada geben willst, wenn du nicht einen willst, was von den Mykinern übrig ist, und nicht nach Terrasen zurückkehrst, dann werde ich jemand anderen finden, der dazu bereit ist.« »Es gibt niemand anderen.« Wieder fiel ihr Blick auf die Karte auf seinem Tisch. »Du hast einmal gesagt, ich würde für meine Arroganz bezahlen. Und das habe ich getan. Viele Male. Aber Sam und ich haben eure ganze Stadt und Flotte angegriffen und zerstört. Das alles für zweihundert Leben, die ihr für geringer als menschlich erachtet hattet. Also habe ich mich vielleicht unterschätzt. Vielleicht brauche ich euch doch nicht.« Sie drehte sich wieder um und Rolfe höhnte: »Hat Sam sich immer noch nach dir verzehrt, als er starb, oder hast du endlich aufgehört, ihn wie Dreck zu behandeln?« Ein erstickter Laut war zu hören, dann ein Krachen und Klirren von Gläsern. Sie schaute sich langsam um und sah, dass Rowan seine Hand um Rolfes Hals hatte. Er drückte den Kapitän auf die Karte, die Figürchen wurden überall verstreut und Rowans Zähne waren nah dran, Rolfe das Ohr abzureißen. Fenrys griente ein wenig. »Ich hatte Euch geraten, Eure Worte mit Bedacht zu wählen, Rolfe.« Aedion schien sein Bestes zu tun, seinen Vater zu ignorieren, als er zu dem Kapitän sagte: »Freut mich, Euch kennengelernt zu haben.« Dann schlenderte er zu Aelin, Dorian und Lysandra hinüber, die an der Tür warteten. Rowan beugte sich vor und flüsterte Rolfe etwas ins Ohr, dann stieß er ihn noch ein wenig fester gegen den Tisch, bevor er zu Aelin schritt. Rolfe warf die Hände auf den Tisch und stemmte sich hoch, um ihnen ein paar gewiss törichte Worte nachzubrüllen, aber er versteifte sich plötzlich. Als peitschte irgendein Puls durch seinen Körper. Er drehte die Hände um und legte die Handflächen zusammen. Er hob den Blick – aber nicht zu ihr. Zu den Fenstern. Zu den Glocken, die jetzt in den Zwillingswachtürmen, die die Mündung der Bucht flankierten, zu läuten begonnen hatten. Das hektische Bimmeln ließ die Menschen auf den Straßen hinter ihnen innehalten und verstummen. Die Bedeutung der Glockenschläge war klar genug. Rolfe erbleichte. Aelin beobachtete, wie eine Schwärze – dunkler als die Tinte, die dort eingestochen war – sich zwischen seinen Fingern zu seinen Handflächen ausbreitete. Schwärze, wie sie nur die Valg bringen konnten. Es bestand jetzt kein Zweifel mehr, dass die Karte funktionierte. Sie sagte zu ihren Gefährten: »Wir gehen. Sofort.« Rolfe stürmte bereits auf sie zu – zur Tür. Er sagte nichts, als er sie aufriss und auf den Kai hinauslief, wo sein Erster Offizier und sein Quartiermeister bereits auf ihn zugerannt kamen. Aelin schloss von innen die Tür hinter Rolfe und betrachtete ihre Freunde. Und die beiden Abgesandten Maeves. Es war Fenrys, der als Erster sprach, sich erhob und durchs Fenster schaute, während draußen Rolfe und seine Männer herumwuselten. »Ich werde mir einprägen, mich niemals mit dir anzulegen.« Dorian warf leise ein: »Wenn diese Streitmacht die Stadt erreicht, die Leute hier …« »Das wird sie nicht«, unterbrach Aelin ihn und fand Rowans Blick. Kieferngrüne Augen schauten in ihre. Zeig ihnen, warum du derjenige bist, der mir den Blutschwur geleistet hat , bat sie ihn ohne Worte. Der Anflug eines durchtriebenen Lächelns. Rowan drehte sich zu ihnen um. »Lasst uns gehen.« »Gehen«, platzte Fenrys heraus und zeigte aufs Fenster. »Wohin?« »Da ist ein Boot«, warf Aedion ein, »es liegt auf der anderen Seite der Insel vor Anker.« Er neigte den Kopf in Lysandras Richtung. »Man sollte meinen, sie hätten ein Ruderboot bemerkt, das ein Hai gestern Nacht aufs Meer hinausgezogen hat, aber …« Die Tür wurde aufgestoßen und Rolfes hohe Gestalt füllte den Rahmen. »Du.« Aelin legte sich eine Hand auf die Brust. »Ich?« »Du hast diese Magie dort hinausgeschickt; du hast sie gerufen.« Sie lachte schallend und stieß sich vom Tisch ab. »Wenn ich jemals ein so nützliches Talent erwerbe, würde ich es benutzen, um meine Verbündeten zu rufen. Oder die Mykiner, da du so beharrlich behauptest, dass sie nicht existieren.« Sie schaute hinter ihn – der Himmel war noch klar. »Viel Glück«, sagte sie und ging um ihn herum. »Was?«, platzte Dorian heraus. Aelin betrachtete den König von Adarlan. »Dies ist nicht unsere Schlacht. Und ich werde das Schicksal meines Königreichs nicht wegen eines Scharmützels mit den Valg opfern. Wenn du einen Hauch Verstand hast, wirst du das auch nicht tun.« Rolfes Gesicht verzerrte sich vor Zorn – selbst als Furcht, tief und echt, in seinen Augen aufleuchtete. Sie machte einen Schritt auf die chaotischen Straßen zu, hielt aber inne und drehte sich zu dem Piratenlord um. »Ich nehme an, Maeves Männer werden ebenfalls mit mir kommen. Da sie jetzt meine Verbündeten sind.« Stumm traten Fenrys und Gavriel näher, und sie hätte vor Erleichterung seufzen können, dass sie das taten, ohne Fragen zu stellen, dass Gavriel bereit war zu tun, was immer notwendig war, um in der Nähe seines Sohnes zu bleiben. Rolfe zischte: »Du denkst, es würde mich umstimmen, wenn du mir eure Unterstützung verweigerst, damit ich dir dann helfe?« Aber weit jenseits der Bucht, zwischen den fernen Buckeln der Inseln, sammelte sich eine Wolke aus Dunkelheit. »Es war mir ernst mit dem, was ich gesagt habe, Rolfe. Ich komme gut ohne dich zurecht, Armada hin, Armada her. Mykiner hin, Mykiner her. Und diese Insel ist jetzt für meine Sache gefährlich geworden.« Sie deutete mit dem Kopf aufs Meer. »Ich werde für dich zu Mala beten.« Sie tätschelte den Griff von Goldryn. »Ein kleiner Rat von einem professionellen Verbrecher zum anderen: Schneidet ihnen die Köpfe ab. Es ist die einzige Möglichkeit, sie zu töten. Es sei denn, du verbrennst sie bei lebendigem Leib, aber ich wette, die meisten würden vom Schiff springen und an Land schwimmen, bevor deine brennenden Pfeile großen Schaden anrichten könnten.« »Und was ist mit deinem Idealismus – was ist mit diesem Kind , das mir zweihundert Sklaven gestohlen hat? Du würdest zulassen, dass die Bewohner dieser Insel umkommen?« »Ja«, antwortete sie schlicht. »Ich habe es dir gesagt, Rolfe, dass Endovier mich einige Dinge gelehrt hat.« Rolfe fluchte. »Denkst du, Sam würde das hier zulassen?« »Sam ist tot«, gab sie zurück, »weil Männer wie du und Arobynn Macht haben. Aber Arobynns Herrschaft ist jetzt vorüber.« Sie sah lächelnd zu dem sich verdunkelnden Horizont. »Mir scheint, dass die deine vielleicht auch recht bald enden wird.« »Du Miststück …« Rowan knurrte und machte nur einen Schritt, bevor Rolfe zurückzuckte. Eilige Schritte erklangen, dann erschien Rolfes Quartiermeister in der Tür. Er keuchte, als er eine Hand an den Türrahmen legte und mit der anderen den wie einen Meeresdrachen geformten Knauf seines Schwertes ergriff. »Wir stecken knietief in der Scheiße.« Aelin hielt inne. Rolfes Züge verzerrten sich. »Wie schlimm?«, fragte der Kapitän. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Acht Kriegsschiffe voller Soldaten – mindestens hundert auf jedem, mehr auf den unteren Decks, die ich nicht einsehen konnte. Sie werden von zwei Meeres-Wyvern flankiert. Und sie kommen herangeflogen wie auf den Schwingen eines Orkans.« Aelin sah Rowan an. »Wie schnell können wir dieses Boot erreichen?« Rolfe ließ den Blick über die wenigen Schiffe in seinem Hafen gleiten und schaute dann zur Schiffssperre draußen in der Bucht, deren Kette zurzeit unter der ruhigen Wasseroberfläche lag. Fenrys folgte dem Blick des Kapitäns und stellte ungerührt fest: »Die Meeres-Wyvern werden die Kette zerreißen. Bringt Eure Leute von dieser Insel herunter. Nehmt jedes Boot und jede Schaluppe, die Ihr habt, und schafft sie fort.« Rolfe drehte sich langsam zu Aelin um und in seinen meergrünen Augen siedete Hass. Und Resignation. »Ist das ein Versuch, mich zu zwingen, Farbe zu bekennen?« Aelin spielte mit der Spitze ihres Zopfes. »Nein. Es kommt zu einem günstigen Zeitpunkt, aber nein.« Rolfe betrachtete sie alle – eine Macht, die diese Insel dem Erdboden gleichmachen konnte, wenn sie es so wollten. Seine Stimme war heiser, als er endlich sprach. »Ich will Admiral sein. Ich will diesen ganzen Archipel. Ich will Ilium. Und wenn dieser Krieg vorüber ist, will ich ein Lord vor meinem Namen, wie es vor langer Zeit vor dem Namen meiner Vorfahren gestanden hat. Was ist mit meiner Bezahlung?« Aelin musterte ihn ihrerseits, der Raum totenstill im Kontrast zu dem Chaos draußen. »Bei jedem Schiff aus Morath, das ihr plündert, könnt ihr behalten, was an Gold und Schätzen an Bord ist. Aber Waffen und Munition gehen an die Front. Ich werde dir Land geben, aber keinen königlichen Titel über Lord von Ilium und König des Archipels hinaus. Wenn du Nachfahren hast, werde ich sie als deine Erben anerkennen – so wie ich jedwede Kinder anerkennen würde, die Dorian vielleicht zeugt.« Dorian nickte ernst. »Adarlan wird Euch und Eure Erben anerkennen, ebenso, dass dieses Land Euch gehört.« Rolfe knirschte: »Ihr schickt diese Bastarde hinunter in die tiefste Schwärze und meine Flotte gehört euch. Ich kann jedoch nicht garantieren, dass die Mykiner sich erheben werden. Wir waren zu lange zu weit verstreut. Nur eine kleine Zahl von ihnen lebt hier und sie werden sich nicht ohne ausreichende Motivation in Bewegung setzen.« Er schaute zur Theke, als erwartete er, dahinter jemanden zu sehen. Aber Aelin streckte die Hand aus und lächelte schwach. »Überlass das mir.« Tätowierte Haut traf auf Narben, als Rolfe ihr die Hand schüttelte. Kräftig genug, um Knochen zu brechen, aber sie erwiderte es mit gleicher Münze. Sandte eine kleine Flamme aus, die sich in seine Finger brannte. Er zischte und zog die Hand zurück, und Aelin grinste. »Willkommen in der Armee Ihrer Majestät, Freibeuter Rolfe.« Sie deutete auf die offene Tür. »Wollen wir?« *** Aelin war wahnsinnig, begriff Dorian. Brillant und durchtrieben, aber wahnsinnig. Und vielleicht die größte, gewissenloseste Lügnerin, die ihm je begegnet war. Er hatte gespürt, wie ihr Ruf über die Welt gefegt war. Hatte gespürt, wie das Feuer auf seiner Haut summte. Es war keine Frage gewesen, wem es gehörte. Und es war keine Frage gewesen, dass es direkt zum Dead End gegangen war, wo die Streitkräfte, die sich dort aufhielten, wissen würden, dass es nur eine lebende Person gab, der diese Art von Flamme zur Verfügung stand, und dass sie die Magie hierher zurückverfolgen würden. Er wusste nicht, was es ausgelöst hatte, warum sie diesen Zeitpunkt gewählt hatte, aber … Aber Rowan hatte Aelin darüber informiert, wie sehr der Gedanke an die Valg Rolfe verfolgte. Wie er Tag und Nacht seine Stadt beobachten ließ, in schrecklicher Angst vor ihrer Rückkehr. Also hatte Aelin das zu ihrem Vorteil genutzt. Die Mykiner – heilige Götter. Sie waren kaum mehr als eine Gutenachtgeschichte und ein Schauermärchen. Aber es gab sie doch, hier auf der Insel, sorgfältig versteckt. Bis Aelin sie ausgeräuchert hatte. Und als der Piratenlord und die Königin von Terrasen einander die Hand schüttelten und sie Rolfe angrinste, begriff Dorian, dass er vielleicht auch ein bisschen mehr Durchtriebenheit und Wahnsinn gebrauchen konnte. Dieser Krieg würde nicht mit Lächeln und guten Manieren gewonnen werden. Er würde von einer Frau gewonnen werden, die bereit war, eine ganze Insel voller Leute aufs Spiel zu setzen, um zu bekommen, was sie brauchte, um sie alle zu retten. Von einer Frau, deren Freunde gleichermaßen bereit waren mitzuspielen, ihre Seelen in Fetzen zu reißen, wenn es bedeutete, das Volk eines ganzen Kontinents zu retten. Sie wussten, wie schwer die Leben der Menschen wogen, die um sie he rum in Panik gerieten, falls sie sich verspekulierten. Aelin vielleicht mehr als jeder andere. Aelin und Rolfe schritten durch die offene Tavernentür auf die Straße. Hinter ihm stieß Fenrys einen leisen Pfiff aus. »Die Götter mögen dir helfen, Rowan, diese Frau ist …« Dorian wartete nicht ab, um den Rest zu hören, als er dem Piraten und der Königin auf die Straße folgte. Aedion und Lysandra bildeten die Nachhut. Fenrys hielt Abstand zu den anderen, aber Gavriel blieb in der Nähe, den Blick immer noch auf seinen Sohn gerichtet. Götter, sie sahen einander so ähnlich, bewegten sich ähnlich, der Löwe und der Wolf. Rolfe bellte seine Männer an, die vor ihm in einer Reihe warteten: »Jedes Schiff, das Menschen tragen kann, segelt jetzt.« Er ratterte Befehle herunter, schickte seine Männer auf verschiedene Schiffe, die längst keine Mannschaft mehr hatten, die sie bedienten, einschließlich seines eigenen, während Aelin dastand, die Hände in die Hüften gestemmt, und alles beobachtete. Sie fragte den Kapitän: »Welches ist Euer schnellstes Schiff?« Er zeigte auf sein eigenes. Sie hielt seinem Blick stand und Dorian wartete auf den wilden, verwegenen Plan. Aber ohne irgendeinen von ihnen anzuschauen, bestimmte sie: »Rowan, Lysandra, Fenrys und Gavriel, ihr kommt mit mir. Aedion. Du steigst auf den nördlichen Wachturm und bemannst die oben angebrachte Harpune. Jedem Schiff, das der Kette zu nahe kommt, sprengst du ein Loch in seine gottverdammte Seite.« Dorian versteifte sich, als sie endlich das Wort an ihn richtete, denn er sah die Befehle bereits in ihren Augen. Er öffnete den Mund, um Einwände zu erheben, aber Aelin sagte schlicht: »Diese Schlacht ist kein Ort für einen König.« »Sie ist ein Ort für eine Königin?« Da war keine Erheiterung, nichts als eisige Ruhe, als sie ihm ein Schwert gab. Ihm war bisher gar nicht bewusst gewesen, dass sie es an ihrer Seite getragen hatte. Damaris. Goldryn war immer noch quer über ihren Rücken geschnallt, sein Rubin leuchtend wie lebendige Glut, als sie sagte: »Einer von uns muss leben, Dorian. Du übernimmst den südlichen Wachturm – bleib unten und halte deine Magie bereit. Alle Streitkräfte, die versuchen, die Kette zu überqueren, löschst du aus.« Nicht mit Stahl, sondern mit Magie. Er befestigte Damaris an seinem Schwertgürtel, das Gewicht fremd. »Und was wirst du tun?«, verlangte er zu erfahren. Wie zur Antwort wand sich die Macht in seinen Eingeweiden wie eine Natter, die sich zusammenrollte, um gleich zuzustoßen. Aelin sah Rowan an, seine tätowierte Hand. »Rolfe, schafft alles an Eisenketten her, was ihr von eurem Sklavenhandel noch übrig habt. Wir werden sie brauchen.« Für sie – für Rowan. Als Fesseln für ihre Magie, falls sie außer Kontrolle geriet. Denn Aelin … Aelin würde dieses Schiff mitten ins Herz der feindlichen Flotte segeln und sie alle aus dem Wasser sprengen. 34 S ie war eine Lügnerin und eine Mörderin und eine Diebin – und Aelin hatte das Gefühl, dass man sie am Ende dieses Krieges noch viel Schlimmeres nennen würde. Aber während sich jene unnatürliche Dunkelheit am Horizont sammelte, fragte sie sich, ob sie und all ihre mit Reißzähnen bewehrten Freunde vielleicht den Mund zu voll genommen hatten. Sie gab ihrer Furcht keinen Fingerbreit nach. Sie ließ nur ihr schwarzes Feuer durch sich hindurchbranden. Dieses Bündnis zu sichern war nur ein Teil des Ganzen. Der andere Teil, der größere Teil war die Botschaft. Nicht an Morath. Sondern an die Welt. An jegliche potenziellen Verbündeten, die diesen Kontinent beobachteten und überlegten, ob er wirklich ein hoffnungsloser Fall war. Heute würde ihre Botschaft durch die Königreiche donnern. Sie war keine Rebellenprinzessin, die feindliche Paläste zertrümmerte und Könige tötete. Sie war eine Naturgewalt. Sie war eine Katastrophe und eine Kommandantin legendärer, unsterblicher Krieger. Und wenn diese Verbündeten sich ihr nicht anschlossen … Sie wollte, dass sie an den heutigen Tag dachten, daran, was sie tun würde, und sich fragten, ob sie eines Tages vielleicht auch an ihren Ufern, in ihren Häfen auftauchen würde. Vor zehn Jahren waren sie nicht gekommen. Sie wollte sie wissen lassen, dass sie das nicht vergessen hatte. Rolfe war fertig damit, seinen Männern Befehle zuzubrüllen, und eilte an Bord der Meeresdrache und Aedion und Dorian rannten zu den Pferden, die sie zu ihren jeweiligen Wachtürmen bringen sollten. Aelin wandte sich an Lysandra; die Gestaltwandlerin verfolgte das Geschehen ruhig. Leise bemerkte Aelin: »Weißt du, wozu ich dich brauche?« Lysandras moosgrüne Augen leuchteten, als sie nickte. Aelin gestattete es sich nicht, die Gestaltwandlerin zu umarmen. Erlaubte es sich nicht einmal, die Hand ihrer Freundin zu berühren. Nicht, solange Rolfe zusah. Nicht, solange die Bürger dieser Stadt zusahen, unter ihnen die verloren geglaubten Mykiner. Also sagte Aelin nur: »Mach einen guten Fang.« Fenrys stieß einen erstickten Laut aus, als hätte er begriffen, was genau sie tatsächlich von der Gestaltwandlerin forderte. Neben ihm war Gavriel immer noch zu sehr damit beschäftigt, hinter Aedion herzustarren, der seinen Vater keines Blickes gewürdigt hatte, bevor er Schild und Schwert auf dem Rücken befestigte, auf die erbärmlich aussehende Stute stieg und zum Wachturm galoppierte. Aelin sagte Rowan, in dessen silbernem Haar bereits der Wind tanzte: »Wir rücken jetzt aus.« Also taten sie es. Leute gerieten auf den Straßen in Panik, als die dunkle Streitmacht am Horizont Gestalt annahm: gewaltige Schiffe mit schwarzen Segeln, die sich der Bucht näherten, als würden sie tatsächlich von einem übernatürlichen Wind getragen. Aber Aelin, mit Lysandra dicht an ihrer Seite, stolzierte zu der hoch aufragenden Meeresdrache und Rowan und seine beiden Gefährten schlossen sich ihnen an. Leute hielten inne und gafften, während sie die Laufplanke hinauf stiegen und ihre Waffen sicherten und neu anordneten. Messer und Schwerter, Rowans Beil, das glänzte, als er es sich an seine Seite hängte, ein Bogen und ein Köcher voller schwarz gefiederter Pfeile, von denen Aelin annahm, dass Fenrys sie mit tödlicher Genauigkeit abschoss, und weitere Klingen. Als sie auf das sich sanft wiegende Deck der Meeresdrache stiegen, deren Holz blank poliert war, befand Aelin, dass sie zusammen eine wandelnde Waffenkammer bildeten. Gavriel hatte kaum einen Fuß an Bord gesetzt, als die Laufplanke auch schon von Rolfes Männern hochgezogen wurde. Die anderen, die auf Bänken saßen, die sich auf beiden Seiten des Decks reihten, hoben Ruder an, zwei Männer pro Sitzbank. Rowan gab Gavriel und Fenrys mit dem Kinn ein Zeichen und die beiden gesellten sich wortlos zu den Männern. Sein Kommando gehorchte Rangfolgen und Gesetzen, die älter waren als manche Königreiche. Rolfe trat aus einer Tür, die zweifellos zu seinen Kammern führte, zwei Männer hinter sich, die riesige Eisenketten trugen. Aelin ging schnell auf sie zu. »Verankert sie am Hauptmast und sorgt dafür, dass genug Platz ist, damit sie bis genau … hierher reichen.« Sie deutete auf die Stelle, wo sie jetzt in der Mitte des Decks stand. Weit genug weg von allen anderen, Platz genug für sie und Rowan, damit sie arbeiten konnten. Rolfe bellte den Befehl, mit dem Rudern zu beginnen, und schaute einmal kurz zu Fenrys und Gavriel – die jeder allein ein Ruder bemannten, die Zähne gebleckt, als sie ihre beträchtlichen Kräfte einsetzten. Langsam bewegte sich das Schiff – die anderen um sie herum regten sich ebenfalls. Aber sie mussten erst noch die Bucht verlassen, mussten die Grenze passieren, die der Schiffsbrecher darstellte. Rolfes Männer wanden die Ketten um den Mast und ließen ihnen genug Spiel, um bis zu Aelin zu reichen. Das Eisen würde sie beißen und dadurch wie ein Anker funktionie ren, um sie daran zu erinnern, wer sie war, was sie war. Das Eisen würde sie festhalten, wenn die schiere Grenzenlosigkeit ihrer und Rowans Magie drohte, sie fortzureißen. Die Meeresdrache kroch durch den Hafen und die Rufe und das Ächzen von Rolfes rudernden Männern übertönte das Getöse der Stadt hinter ihnen. Sie warf je einen Blick zu den beiden Wachtürmen und sah Dorian ankommen – dann raste Aedion mit seinem goldenen Haar die andere Wendeltreppe zu der riesigen aufmontierten Harpune oben im Turm hoch. Ihr Herz verkrampfte sich für einen Moment, als sie blitzartig an die Zeit dachte, als sie Sam ebendiese Treppe hatte hinauflaufen sehen – nicht um diese Stadt zu verteidigen, sondern um sie zu verwüsten. Sie schüttelte den eisigen Griff der Erinnerungen ab und wandte sich an Lysandra, die an der Reling stand und ihren Cousin ebenfalls beobachtete. »Jetzt.« Selbst Rolfe hielt in seinen Befehlen inne. Lysandra setzte sich anmutig auf die breite, hölzerne Reling, warf die Beine auf die andere Seite und ließ sich ins Wasser fallen. Rolfes Männer eilten an die Reling. Leute in Booten, die sie flankierten, taten das Gleiche und verfolgten, wie die Frau in das leuchtende Blau eintauchte. Doch es war keine Frau, die wieder auftauchte. Tief unten konnte Aelin das Aufleuchten und Verändern und Ausdehnen erkennen. Die Männer fluchten. Lysandra wuchs unter der Wasseroberfläche immer weiter auf dem sandigen Hafenbeckengrund. Die Männer ruderten schneller. Aber die Geschwindigkeit des Schiffs war nichts im Vergleich zu der Geschwindigkeit der Kreatur, die aus den Wellen auftauchte. Eine breite jadegrüne Schnauze, dazwischen reißende, weiße Zähne. Die Kreatur stieß einen mächtigen Atemzug aus und dann tauchte sie im hohen Bogen wieder unter Wasser, wobei ihr massiver Kopf mit klugen Augen aufblitzte, bevor sie verschwand. Einige Männer schrien. Rolfe suchte mit einer Hand Halt am Steuerrad. Sein Erster Offizier, das Schwert mit dem Meeresdrachen am Griff frisch poliert an seiner Seite, fiel auf die Knie. Lysandra tauchte und zeigte ihnen den langen, mächtigen Körper, der die Oberfläche nach und nach durchbrach, als sie hinabstieß. Ihre Jadeschuppen glänzten wie Juwelen in der grellen Mittagssonne. Sie zeigte ihnen die Legende aus ihren Prophezeiungen: Die Mykiner würden nur zurückkehren, wenn die Meeresdrachen es taten. Und so hatte Aelin dafür gesorgt, dass einer davon direkt in ihrem gottverdammten Hafen auftauchte. »Heilige Götter«, murmelte Fenrys. Das war auch so ziemlich die einzige Reaktion, die Aelin zustande brachte, als der Meeresdrache tief abtauchte und dann vorausschwamm. Denn das waren mächtige Flossen – Flügel , die Lysandra unter dem Wasser ausbreitete, während sie ihre kleinen Vorderarme und Hinterbeine einzog und ihren gewaltigen, dornenbewehrten Schwanz als Ruder einsetzte. Einige von Rolfes Männern murmelten: »Ein Drache – ein Drache, um unser eigenes Schiff zu verteidigen … die Legenden unserer Väter …« Und auch Rolfes Gesicht war bleich, als er zu der Stelle starrte, wo Lysandra im blauen Wasser verschwunden war. Er umklammerte noch immer das Steuerrad. Zwei Meeres-Wyvern gegen einen Meeresdrachen. Denn alles Feuer auf der Welt würde im Meer nicht funktionieren. Wenn sie eine Chance haben wollten, diese Schiffe zu dezimieren, durfte es keine Einmischung von unterhalb der Oberfläche geben. »Komm schon, Lysandra«, hauchte Aelin und sandte ein Stoßgebet an Temis, die Göttin der Wilden Dinge, mit der Bitte, die Gestaltwandlerin möge unter den Wellen schnell und unbeugsam bleiben. *** Aedion streifte den Schild vom Rücken und warf sich auf den Sitz hinter der riesigen Eisenharpune, die vielleicht eine Handbreit länger war als er, ihre Spitze größer als sein eigener Kopf. Es gab nur drei Speere. Er würde dafür sorgen müssen, dass jeder Schuss saß. Auf der anderen Seite der Bucht konnte er gerade noch erkennen, dass der König entlang des Wehrgangs in der untersten Ebene des Turms Stellung bezog. In der Bucht selbst ruderte Rolfes Schiff immer näher an die herabgesenkte Kette, den Schiffsbrecher, heran. Aedion trat auf eins der drei Pedale, die es ihm erlaubten, das aufmontierte Geschütz zu drehen. Er packte die beiden Haltegriffe an den Seiten, um den Speer in die richtige Position zu schwenken. Sorgfältig und präzise zielte er mit der Harpune auf den äußersten Rand der Bucht, wo die beiden Landzungen der Insel aufeinander zustrebten und eine schmale Passage in den Hafen frei ließen. Direkt dahinter brachen sich die Wellen – ein Riff. Gut, um Schiffe daran zerschellen zu lassen – und zweifellos die Stelle, an der Rolfe sein Schiff positionieren würde, um Moraths Flotte irrezuführen, damit sie sich darauf aufspießten. »Was zum Teufel ist das?«, hauchte einer der Wachposten, die den Geschützturm bemannten, und zeigte auf das Wasser der Bucht. Ein mächtiger, langer Schatten glitt vor der Meeresdrache unter dem Wasser entlang, schneller als das Schiff, schneller als ein Delfin. Sein langer, schlangenartiger Körper rauschte durchs Meer, getragen von Flügeln, die ebenso gut Flossen sein konnten. Aedion blieb fast das Herz stehen. »Es ist ein Meeresdrache«, brachte er heraus. Nun, zumindest wusste er jetzt, an welcher geheimen Gestalt Lysandra gearbeitet hatte. Und warum Aelin darauf bestanden hatte, in Brannons Tempel hineinzugelangen. Nicht nur, um den König zu sehen, nicht nur, um die Stadt für die Mykiner und Terrasen zurückzuerobern, sondern damit Lysandra die lebensgroßen, detaillierten, in Stein gemeißelten Abbilder dieser Meeresdrachen studieren konnte. Um ein lebender Mythos zu werden. Sie beide … oh, diese gerissenen, intriganten Teufelinnen. Eine Königin der Legenden, allerdings. »Wie … wie …« Der Wachposten drehte sich zu den anderen um und sie stammelten vor sich hin. »Es wird uns verteidigen?« Lysandra näherte sich dem Schiffsbrecher, dessen Kette immer noch unter der Oberfläche lag, wobei sie herumwirbelte und Bogen schwamm und an Felsen vorbeiglitt, als wollte sie ein Gefühl für ihre neue Gestalt bekommen. »Ja«, flüsterte Aedion. Entsetzen flutete seine Adern. »Ja, das wird sie.« *** Das Wasser war warm und ruhig und alterslos. Und sie war ein geschuppter Schatten, der die juwelenfarbenen Fische in ihre Korallenheime trieb; sie war eine durchs Wasser rasende Bedrohung, die die weißen Vögel, die auf der Oberfläche auf und ab hüpften, in die Luft aufscheuchte, wenn sie spürten, dass sie unter ihnen hinwegglitt. Sonnenstrahlen drangen wie Säulen ins Meer und Lysandra fühlte sich in dem kleinen Teil ihres Selbst, der menschlich blieb, als würde sie durch einen Tempel aus Licht und Schatten gleiten. Aber dort – weit draußen, auf den Echos von Geräuschen und Vibrationen getragen –, dort spürte sie etwas. Selbst die großen Raubfische dieser Gewässer huschten davon, schwammen ins offene Meer jenseits der Inseln hinaus. Nicht einmal das Versprechen auf Wasser, das bald mit Blut getränkt sein würde, konnte sie in der Bahn der beiden Mächte halten, die im Begriff standen, aufeinanderzutreffen. Vor ihr hingen die mächtigen Glieder der Kette in die Tiefe, wie das gewaltige Halsband einer Göttin, die sich vorbeugte, um das Meer zu trinken. Sie hatte über sie gelesen – über die längst vergessenen und längst ausgestorbenen Meeresdrachen – auf Aelins Bitte hin. Denn ihre Freundin hatte gewusst, dass man bei Rolfe nur bis zu einem gewissen Punkt gelangte, wenn man ihn mit den Mykinern unter Druck setzte; wenn sie jedoch stattdessen über die Macht des Mythos gebieten konnten, würde sich dieses Volk vielleicht darum scharen. Und wenn sie ihnen auch noch ein Zuhause anbieten konnten, auf diesen Inseln und in Terrasen … Lysandra hatte im Tempel die Abbilder der Meeresdrachen studiert, sobald Aelin den Dreck von ihnen weggebrannt hatte. Ihre Magie hatte Lücken ergänzt, das, was die Steinschnitzereien nicht gezeigt hatten. Wie die Nasenlöcher, die jeden Geruch in der Strömung einzeln herausfiltern konnten, die Ohren, die unterschiedliche Ebenen von Geräuschen identifizieren konnten. Lysandra rauschte auf das Riff gleich jenseits der geöffneten Lippen der Insel zu. Sie würde die Flügel einziehen müssen, aber hier … hier würde sie sich der Schlacht stellen. Hier würde sie jeden wilden Instinkt in sich entfesseln müssen, und jeden Teil von sich aufgeben müssen, der fühlte und sich sorgte. Diese Bestien, wie immer sie erzeugt worden waren, waren nur das: Bestien. Tiere. Sie würden nicht mit Moral und einem Kodex kämpfen. Sie würden bis auf den Tod und ums Überleben kämpfen. Es würde keine Gnade geben, kein Mitgefühl. Sie würde genauso kämpfen müssen, wie sie es taten. Das hatte sie schon früher getan – war wild geworden nicht nur an dem Tag, an dem das gläserne Schloss zertrümmert worden war, sondern auch in der Nacht, als sie gefangen genommen worden war und diese Männer versucht hatten, Evangeline zu entführen. Dies hier würde nicht anders sein. Lysandra grub ihre geschwungenen Klauen, die zum Knochenzerfetzen wie geschaffen waren, in das Riff, um ihre Position gegen die Strömung zu halten, und spähte in das stille Blau hinaus, das sich endlos vor ihr erstreckte. Und so begann sie ihre Totenwache. 3 5 A elin hockte auf der Reling der Meeresdrache , packte die Strickleiter, die von dem über ihr aufragenden Mast herunterhing, und genoss den kühlenden Sprühnebel, der ihr Gesicht benetzte, während das Schiff durch die Wellen pflügte. Sobald sie die anderen Schiffe hinter sich gelassen hatten, füllte Rowan die Segel mit seinen Winden, damit die Meeresdrache zu der gigantischen Kette fliegen konnte. Es war schwer, nicht zurückzuschauen, als sie die untergetauchte Kette überquerten … und dann begann der Schiffsbrecher sich aus dem Wasser zu erheben. Die Kette sperrte sie aus der Bucht aus – wo Rolfes andere Schiffe sicher hinter der Barriere warten würden –, um die Stadt zu bewachen, die sie jetzt lautlos beobachtete. Wenn alles gut lief, würden sie nur dieses Boot brauchen, hatte sie Rolfe erklärt. Und wenn es schlecht lief, dann würden seine Schiffe ohnehin keinen Unterschied machen. Aelin, die das Seil der Leiter fest umklammerte, beugte sich vor und das kräftige Blau und Weiß rauschte verschwommen unter ihr vorbei. Nicht zu schnell , hatte sie Rowan gesagt. Verausgabe deine Kräfte nicht – du hast letzte Nacht kaum geschlafen. Er hatte sich kurz vorgebeugt, um an ihrem Ohr zu knabbern, be vor er zu Gavriel auf die Bank rutschte, um sich zu konzentrieren. Er war immer noch dort und dank seiner Macht konnten die Männer mit dem Rudern innehalten und sich auf das vorbereiten, was auf sie zugerauscht kam. Aelin schaute erneut geradeaus – zu den schwarzen Segeln, die den Horizont beschmutzten. Der Wyrdschlüssel an ihrer Brust antwortete mit einem Murmeln. Sie spürte sie – ihre Magie konnte ihre Verderbtheit im Wind schmecken. Keine Spur von Lysandra, aber sie war dort draußen. Die Sonne spiegelte sich grell auf den Wellen, als Rowan seine Magie drosselte und sie in ein stetes Gleiten brachte, in Richtung der beiden Zipfel der Insel, die im Bogen aufeinander zuführten. Es war Zeit. Aelin schwang sich von der Reling und ihre Stiefel schlugen dumpf auf dem durchweichten Holz des Decks auf. So viele Blicke richteten sich auf sie, auf die Ketten, die über das Hauptdeck gespannt waren. Rolfe schritt zu ihr, stieg von dem erhöhten Achterdeck herunter, wo er persönlich das Steuerrad bemannt hatte. Sie hob eine schwere Eisenkette auf und fragte sich, wer zuletzt damit gefesselt worden war. Rowan erhob sich mit einer sicheren, anmutigen Bewegung. Er erreichte sie im gleichen Moment wie Rolfe. Der Kapitän fragte scharf: »Was jetzt?« Aelin ruckte mit dem Kinn in Richtung der Schiffe, die nun nah genug waren, um auf den verschiedenen Decks dicht an dicht Gestalten auszumachen. Viele, viele Gestalten. »Wir lassen sie so nah wie möglich herankommen. Wenn du das Weiße in ihren Augen sehen kannst, ruf uns.« Rowan fügte hinzu: »Und dann geht Ihr an Steuerbord vor Anker. Und wendet unser Schiff.« »Warum?«, fragte Rolfe, als Rowan ihr half, die Fessel an ihrem Handgelenk zu befestigen. Sie zuckte vor dem Eisen zurück und ihre Magie wand sich. Rowan nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang sie, seinem festen Blick zu begegnen, auch als er zu Rolfe sagte: »Weil wir die Masten nicht im Weg haben wollen, wenn wir das Feuer eröffnen. Sie scheinen ein ziemlich wichtiger Teil des Schiffes zu sein.« Rolfe knurrte etwas Unverständliches und stolzierte davon. Rowan schob seine Hand um ihr Gesicht und sein Daumen strich über ihre Wange. »Wir holen unsere Macht langsam und gleichmäßig hervor.« »Ich weiß.« Er legte den Kopf schief und sah sie fragend an. Ein schwaches Lächeln auf seinen sündigen Lippen. »Du zapfst jetzt seit Tagen deine Macht an, nicht wahr?« Sie nickte. Es hatte den Großteil ihrer Konzentration gekostet, war eine solche Anstrengung gewesen, in der Gegenwart zu bleiben, aktiv zu bleiben und bewusst, während sie immer wieder in sich selbst abgetaucht war, um so viel von ihrer Macht zu beschwören, wie sie konnte, ohne aufzufallen. »Ich wollte hier keine Risiken eingehen. Nicht wenn deine Kräfte nach der Rettung von Dorian noch ausgelaugt sind.« »Du solltest wissen, dass ich mich erholt habe. Also, die kleine Zurschaustellung heute Morgen …« »Ein Weg, der Macht ihre Spitze zu nehmen«, antwortete sie trocken. »Und Rolfe dazu zu bringen, sich in die Hosen zu machen.« Er kicherte und ließ ihr Gesicht los, um ihr die andere Fessel zu reichen. Sie hasste die uralte, schauerliche Berührung auf ihrer Haut, auf seiner, als sie das Eisen um sein tätowiertes Handgelenk schloss. »Beeilt Euch«, sagte Rolfe von seinem Platz am Steuerrad, zu dem er zurückgekehrt war. Tatsächlich näherten die Schiffe sich ihnen zunehmend. Keine Spur von den Meeres-Wyvern – obwohl auch die Gestaltwandlerin außer Sicht blieb. Rowan nahm sein Jagdmesser in die Hand, der Stahl leuchtete in der brennenden Sonne. Es war genau Mittag. Und das war der Grund, warum sie fast zwei Stunden davor zu Rolfes Taverne gegangen war. Sie hatte für die Hausherren am Dead End praktisch die Essensglocke geläutet. Sie hatte zwar darauf gesetzt, dass sie nicht bis zum Einbruch der Nacht warten würden, aber anscheinend fürchteten sie den Zorn ihres Herrn, falls Aelin durch ihre Netze schlüpfte, mehr, als sie das Tageslicht selbst fürchteten. Oder sie waren zu dumm, um zu begreifen, dass Malas Erbin zu dieser Stunde über ihre größte Macht verfügte. »Willst du uns die Ehre erweisen oder soll ich es tun?«, fragte Rowan. Fenrys und Gavriel hatten sich erhoben, die Klingen gezückt, und schauten aus sicherer Entfernung zu. Aelin streckte ihre freie Hand aus, die Innenfläche vernarbt, und nahm das Messer von ihm entgegen. Ein schneller Schnitt brannte auf ihrer Haut und warmes Blut wärmte ihre vom Meerwasser klebrige Haut. Rowan nahm das Messer einen Moment später und der Duft seines Blutes drang ihr in die Nase, versetzte ihre Sinne in Alarmbereitschaft. Aber sie streckte ihre blutverschmierte Handfläche aus. Ihre Magie wirbelte damit in die Welt hinein, knisterte in ihren Adern, ihren Ohren. Sie zügelte den Drang, mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen und die Schultern kreisen zu lassen. »Langsam«, wiederholte Rowan, als spürte er, dass ihre Macht nun bei dem geringsten Anlass ausgelöst werden konnte. Er schob ihr seinen gefesselten Arm um die Taille, um sie an sich zu ziehen. »Ich werde auf jedem Schritt des Weges bei dir sein.« Sie hob den Kopf, um sein Gesicht zu betrachten, die harten Flächen und das geschwungene Tattoo. Er beugte sich vor, um mit einem Kuss ihren Mund zu streifen. Und als seine Lippen auf ihre trafen, fügte er ihre blutigen Handflächen zusammen. Magie fuhr wie ein Schlag durch sie hindurch, uralt und durchtrieben und schlau, und sie drückte den Rücken gegen ihn durch. Ihre Knie gaben nach, als seine verheerende Macht in sie hineindonnerte. Was die Leute auf Deck sahen, das wusste sie, waren bloß zwei Liebende, die einander umarmten. Aber Aelin tauchte tief, tief, tief hinab in ihre Macht und spürte, dass er das Gleiche mit seiner tat, spürte jede Unze von Eis und Wind und Blitz, die von ihm in sie hineinkrachte. Und als es sie erreichte, unterwarf der Kern seiner Macht sich der ihren, schmolz und wurde zu Glut und zu wildem Feuer. Wurde zu dem geschmolzenen Herzen der Erde, das die Welt formte und neue Länder gebar. Tiefer und tiefer ging sie. Aelin ahnte das Schiff, das unter ihnen schwankte, spürte den schwachen Biss von Eisen, als es ihre Magie zurückwies, spürte die Gegenwart von Fenrys und Gavriel, die um sie herum flackerten wie Kerzen. Es waren Monate vergangen, seit sie ihre Macht aus solchen Untiefen in sich hervorgeholt hatte. Während der Zeit, die sie mit Rowan in Wendlyn trainiert hatte, war die Grenze ihrer Macht selbst auferlegt gewesen. Und dann hatte Aelin sie an jenem Tag mit den Valg durchbrochen – hatte eine ganze verborgene Ebene darunter entdeckt. Sie hatte sich daraus bedient, als sie Doranelle mit ihrer Macht umgeben hatte, hatte einen ganzen Tag gebraucht, um so weit einzudringen, um heraufzuholen, was sie brauchte. Aelin hatte diesen Abstieg vor drei Tagen begonnen. Sie hatte erwartet, dass es nach dem ersten Tag zu Ende sein würde. Dass sie auf dem Grund ankommen würde, den sie schon einmal gespürt hatte. Das war sie nicht. Und jetzt … jetzt, da Rowan seine Macht mit ihr vereinigte … Rowan hielt sie immer noch fest an sich gedrückt und sie hatte das entfernte, undeutliche Gefühl, dass sein Mantel sanft an ihrem Gesicht kratzte, spürte die Härte der Waffen, die darunter gegürtet waren, seinen Duft, der sie umfing, sie besänftigte. Sie war ein Stein, der ins Meer ihrer Macht geworfen worden war – ihrer beider Macht. Tiefer und tiefer und tiefer. Da – dort war der Boden. Der mit Asche ausgekleidete Boden, der Schlund eines schlafenden Kraters. Nur das Gefühl ihrer eigenen Füße auf dem hölzernen Deck verhinderte, dass sie in diese Asche sank und erfuhr, was darunter vielleicht schlummerte. Ihre Magie wisperte, dass sie anfangen solle, durch diese Asche und den Schlick zu graben. Aber Rowan packte ihr Handgelenk fester. »Ganz ruhig«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ganz ruhig.« Noch mehr von seiner Macht strömte in sie hinein, Wind und Eis schäumten mit ihrer Macht, wirbelten herum, bis sie einen Mahlstrom ergaben. »Nah dran«, warnte Rolfe nicht weit entfernt – aus einer anderen Welt. »Ziele auf die Mitte der Flotte«, befahl Rowan ihr. »Zerstreue die flankierenden Schiffe aufs Riff.« Wo sie untergehen würden und mögliche Überlebende mit Pfeilen abgeschossen werden konnten, die Fenrys und Rolfes Männer abfeuerten. Rowan musste jetzt aufpassen – er beobachtete die herannahende Streitmacht. Sie spürte sie – spürte, wie die Härchen ihrer eigenen Magie sich als Antwort auf die Schwärze aufstellten, die sich jenseits des Horizonts ihres Bewusstseins sammelte. »Fast in Schussweite«, rief Rolfe. Sie begann, sich hochzuziehen, schleppte den Schlund voller Flammen und Glut mit sich hoch. »Ruhig«, murmelte Rowan. Höher und höher erhob Aelin sich, zurück zum Meer und zum Sonnenlicht. Hier , schien das Sonnenlicht zu locken. Zu mir. Ihre Magie brandete darauf zu, brandete auf diese Stimme zu. »Jetzt!« , bellte Rolfe. Und wie eine wilde Bestie, die von ihrer Leine befreit worden war, explodierte ihre Magie. *** Sie war gut zurechtgekommen, als Rowan ihr seine Macht übergeben hatte. Die Magie war zurückgeschreckt und ein paarmal auf und nieder gewippt, aber Aelin hatte den Abstieg unter Kontrolle gehabt. Selbst wenn ihre Macht … der Brunnen war tiefer gewesen als zuvor. Es war leicht zu vergessen, dass sie immer noch wuchs – dass ihre Macht mit ihr reifen würde. Und als Rolfe Jetzt! rief, wusste Rowan, dass er das zu seinem Nachteil vergessen hatte. Eine Flammensäule, die nicht brannte, brach aus Aelin hervor, krachte in den Himmel und färbte die Welt rot und orange und golden. Aelin wurde durch diese Wucht aus seinen Armen gerissen und Rowan zerquetschte fast ihre Hand, als er sie packte und sich weigerte, sie diesen Kontakt lösen zu lassen. Die Männer um sie herum stolperten rückwärts, fielen auf den Hintern, während sie voller Entsetzen und Staunen himmelwärts starrten. Immer höher wirbelte die Flammensäule, ein Mahlstrom aus Tod und Leben und Wiedergeburt. »Heilige Götter«, wisperte Fenrys hinter ihnen. Noch immer quoll Aelins Magie in die Welt. Noch immer brannte sie heißer, wilder. Sie knirschte mit den Zähnen, den Kopf in den Nacken gelegt, und keuchte mit geschlossenen Augen. »Aelin«, warnte Rowan. Die Flammensäule dehnte sich aus, nun versetzt mit Blau und Türkis. Flammen, die Knochen schmelzen, die die Erde zum Bersten bringen konnten. Zu viel. Er hatte ihr zu viel gegeben und sie war zu tief in ihre Macht eingetaucht … Durch die Flammen, die sie umhüllten, erblickte Rowan die hektische feindliche Flotte, die jetzt lospreschte, um zu fliehen, um sich außer Reichweite zu bringen. Aelins Vorstellung galt nicht ihnen. Denn es gab kein Entrinnen, nicht mit der Macht, die sie mit sich hochgerissen hatte. Die Vorstellung diente den anderen, der Stadt, die sie beobachtete. Damit die Welt erfuhr, dass sie keine bloße Prinzessin war, die mit hübscher Glut spielte. »Aelin«, wiederholte Rowan und versuchte, an diesem Band zwischen ihnen zu reißen. Aber da war nichts. Nur das klaffende Maul einer unsterblichen, uralten Bestie. Einer Bestie, die ein Auge geöffnet hatte, einer Bestie, die in den Zungen von tausend Welten sprach. Eis durchflutete seine Adern. Sie trug den Wyrdschlüssel. »Aelin.« Aber dann spürte Rowan es. Spürte diesen Boden ihrer Macht, der aufbrach, als hätte die Bestie in diesem Wyrdschlüssel mit dem Fuß aufgestampft, wodurch Asche und Steinkrusten unter ihr wegbrachen. Und einen brodelnden, geschmolzenen Kern von Magie darunter freigaben. Als wäre es das feurige Herz von Mala selbst. Aelin stürzte sich in diese Macht. Badete in ihr. Rowan versuchte, sich zu bewegen, versuchte, ihr zuzuschreien, dass sie aufhören solle … Aber Rolfe, die Augen von etwas geweitet, das nur Entsetzen und Ehrfurcht sein konnte, brüllte sie an: »Eröffnet das Feuer!« Das hörte sie. Und so gewaltig, wie sie den Himmel durchstochen hatte, schoss die Flammensäule jetzt herab, schoss zurück in sie hinein, rollte und faltete sich in ihr zusammen, verschmolz zu einem Kern aus Macht, der so heiß war, dass er sich in ihn einbrannte, seine Seele selbst versengte. Die Flammen erloschen in derselben Sekunde, in der Aelin mit brennenden Händen in Rowan hineingriff und die letzten Reste seiner Macht aus ihm herausrupfte. Gerade als sie ihre Hand von ihm wegriss. Gerade als ihre Macht und der Wyrdschlüssel zwischen ihren Brüsten miteinander verschmolzen. Rowan brach auf den Knien zusammen und in seinem Kopf krachte es, als würde ein Donnerschlag ihn spalten. Als Aelin die Augen öffnete, begriff er, dass es kein Donner gewesen war – sondern das Geräusch einer aufgestoßenen Tür. Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. So kalt wie die Lücken zwischen den Sternen. Und ihre Augen … Türkis brannte hell … um einen Kern aus Silber herum. Keine Spur von Gold zu finden. »Das ist nicht Aelin«, flüsterte Fenrys. Ein schwaches Lächeln erblühte auf ihren vollen Lippen, aus Grausamkeit und Arroganz geboren, und sie untersuchte die Eisenkette um ihr Handgelenk. Das Eisen schmolz weg, flüssiges Erz brannte sich zischelnd durch das hölzerne Deck und in die Dunkelheit darunter. Die Kreatur, die durch Aelins Augen starrte, ballte die Finger zur Faust. Licht sickerte durch ihre geschlossenen Finger. Kaltes, weißes Licht. Züngelte flackernd – silberne Flammen … »Weg da«, warnte Gavriel ihn. »Weg da und schau nicht hin.« Gavriel lag tatsächlich auf den Knien, den Kopf gesenkt und den Blick abgewandt. Fenrys folgte seinem Beispiel. Denn das, was auf die versammelte dunkle Flotte blickte, was den Körper seiner Geliebten nun füllte … Er wusste es. Irgendein urtümlicher, grundlegender Teil von ihm wusste es. »Deanna«, flüsterte Rowan. Sie schaute ihn fragend und bestätigend an. Und sie sagte zu ihm mit einer Stimme, die tief und hohl war, jung und alt: »Jeder Schlüssel gehört zu einem Schloss. Sag DER KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE , dass sie das Schloss bald holen soll, denn alle Verbündeten der Welt werden keinen Unterschied machen, wenn sie das Schloss nicht einsetzt, wenn sie die Schlüssel nicht zu ihm zurückbringt. Sag ihr, Flamme und Eisen gehen gemeinsam ins Silber, dann wird erkannt, was getan werden muss. Es ist bloß ein kleiner Schritt vonnöten.« Dann schaute sie wieder weg. Und Rowan begriff, was genau die Macht in ihrer Hand war. Begriff, dass die Flamme, die sie entfesseln würde, so kalt sein würde, dass sie brannte, begriff, dass es die Kälte der Sterne war, die Kälte von gestohlenem Licht. Nicht wildes Feuer – sondern Mondfeuer. *** Eben war sie noch da gewesen. Und dann nicht mehr. Sie wurde beiseitegestoßen, in eine Kiste ohne Schlüssel eingeschlossen, und die Macht war nicht mehr ihre Macht, ihr Körper war nicht ihrer, ihr Name war nicht ihrer. Und sie spürte die andere dort, die sie ausfüllte, die lautlos lachte, als sie über die Hitze der Sonne auf ihrem Gesicht staunte, über die feuchte Meeresbrise, die ihre Lippen mit Salz bedeckte, über den Schmerz in der Hand, deren Wunde jetzt verheilt war. So lange – es hatte so lange gedauert, seit die andere solche Dinge gespürt hatte, sie ganz gespürt hatte und nicht als etwas Halbes und Verwässertes. Und diese Flammen – ihre Flammen und die Magie ihres Geliebten … Sie gehörten jetzt der anderen. Gehörten einer Göttin, die durch das temporäre Tor gekommen war, das um ihren Hals hing, die ihren Körper ergriffen hatte, als wäre er eine Maske zum Aufsetzen. Sie hatte keine Worte, denn sie hatte keine Stimme, kein Ich, nichts … Und sie konnte nur zuschauen wie durch ein Fenster, als sie die Göttin spürte, die sie vielleicht ihr ganzes Leben lang weniger beschützt als gejagt hatte, um dieses Augenblicks willen, dieser Gelegenheit, die dunkle Flotte vor ihnen zu untersuchen. Es wäre so leicht, sie zu zerstören. Aber noch weitere Leben schillerten – hinter ihr . Mehr Leben zum Auslöschen, mit eigenen Ohren ihre Todesschreie zu hören, unmittelbar mitzuerleben, wie es war, aufzuhören zu existieren, auf eine Art, wie es die Göttin niemals könnte … Sie beobachtete, wie ihre Hand, umkränzt von pulsierenden, weißen Flammen, sich von dort wegbewegte, wo sie auf die dunkle Flotte gerichtet gewesen war. Hin zu der ungeschützten Stadt im Herzen der Bucht. Die Zeit verlangsamte sich und dehnte sich in die Länge, während ihr Körper sich zu dieser Stadt umwandte, während ihr Arm sich hob und ihre Faust auf das Zentrum zielte. Da waren Menschen auf den Kais, Nachfahren eines verlorenen Klans. Einige rannten nach dem Anblick des Feuers weg, das sie entfesselt hatte. Sie öffnete die Finger. »Nein!« Das Wort wurde gebrüllt, gefleht, und etwas Silbernes und Grünes blitzte in ihrem Gesichtsfeld auf. Ein Name. Ein Name schepperte durch sie hindurch, als er sich in die Bahn dieser Faust warf, dieses Mondfeuers, nicht nur um die Unschuldigen in der Stadt zu retten, sondern um ihrer Seele die Qual zu ersparen, wenn sie alle vernichtete … Rowan. Und als sein Gesicht deutlich wurde, seine Tätowierung in der Sonne hervorstach, als diese Faust voller unvorstellbarer Macht sich jetzt zu seinem Herzen hin öffnete … Es gab keine Kraft in irgendeiner Welt, die sie festhalten konnte. Und Aelin Galathynius erinnerte sich an ihren Namen, als sie durch den Käfig brach, in den diese Göttin sie hineingestoßen hatte, als sie diese Göttin bei ihrer verdammten Kehle packte und sie von sich schleuderte, weg, weg, weg durch das klaffende Loch, durch das sie geschlüpft war, und sie versiegelte es … Aelin schoss in ihren Körper zurück, in ihre Macht. Feuer wie Eis, Feuer, gestohlen von den Sternen … Rowans Haar bewegte sich noch, als er abrupt vor ihrer sich öffnenden Faust stehen blieb. Die Zeit startete neu, vollständig und schnell und unerbittlich. Aelin konnte sich gerade noch zur Seite werfen, um diese jetzt geöffnete Faust von ihm wegzureißen, sie irgendwohin zu zielen, nur nicht auf ihn … Das Schiff unter ihr, die Mitte und die linke Flanke der dunklen Flotte und der äußere Rand der Insel dahinter explodierten in einem Sturm aus Feuer und Eis. 36 E s herrschte eine solche Stille unter den Wellen, selbst als die gedämpften Geräusche von Rufen, von Zusammenstößen und von Tod in ihre Richtung hallten. Aelin sank in die Tiefe, so wie sie in ihre Macht hineingesunken war, das Gewicht des Wyrdschlüssels um ihren Hals wie ein Mühlstein … Deanna. Sie wusste nicht, wie, wusste nicht, warum … DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE . Ihre Lungen zogen sich zusammen und brannten. Schock. Vielleicht war dies ein Schock. Immer weiter sank sie nach unten und versuchte, sich ihren Weg zurück in ihren Körper, in ihren Geist zu ertasten. Das Salzwasser brannte ihr in den Augen. Eine große, starke Hand packte sie am Kragen und riss , zerrte sie nach oben – mit steten Schwimmzügen. Was hatte sie getan was hatte sie getan was hatte sie getan … Licht und Luft zersprangen um sie herum und diese Hand, die sie am Kragen hielt, legte sich jetzt um ihre Brust, zog sie gegen einen harten Männerkörper und hielt ihren Kopf über den aufgepeitschten Wellen. »Ich habe dich«, sagte eine Stimme, die nicht Rowans war. Andere. Es waren noch andere auf dem Schiff gewesen und sie hatte sie praktisch alle getötet … »Majestät«, sagte der Fae, eine Frage und ein stiller Befehl. Fenrys. Das war sein Name. Sie blinzelte und ihr Name, ihr Titel, die Macht, die ihr genommen worden war, kehrten wild zurück – das Meer und die Schlacht und die Bedrohung durch das ausschwärmende Morath. Später. Später würde sie sich mit dieser verdammten Göttin beschäftigen, die auf die Idee gekommen war, sie wie irgendeine Tempelpriesterin zu benutzen. Später würde sie überlegen, wie sie durch jede Welt fetzen konnte, um Deanna zu finden und sie büßen zu lassen. »Halt dich fest«, sagte Fenrys über das Chaos, das jetzt zu ihr durchdrang: die Schreie der Männer, das Ächzen zersplitternder Dinge, das Knistern von Flammen. »Nicht loslassen.« Bevor sie sich daran erinnern konnte, wie man sprach, verschwanden sie im Nichts. In eine Dunkelheit, die sowohl massiv wie substanzlos war und sie fest zusammenquetschte. Dann waren sie wieder im Wasser, hüpften unter den Wellen auf und ab, während sie sich neu orientierte und um Luft rang. Er hatte sie irgendwie bewegt – hatte Entfernungen übersprungen, nach dem Treibgut zu urteilen, das nun um sie herumschwamm. Fenrys drückte sie an sich, sein Atem gequält. Als kostete ihn dieser Sprung alles, was er an Magie besaß. Er sog einen tiefen Atemzug in seine Lungen. Dann waren sie wieder fort, in diesem dunklen, hohlen und auch einengenden Raum. Nur eine Handvoll Herzschläge verstrich, bevor das Wasser und der Himmel zurückkehrten. Fenrys ächzte, zog den Arm fester um sie, während er mit dem anderen in Richtung Ufer kraulte und Trümmer beiseitestieß. Seine Atmung war jetzt ein feuchtes Rasseln. Was immer das für eine Magie war, sie war erschöpft. Aber Rowan – wo war Rowan … Sie gab einen Laut von sich, der sein Name gewesen sein mochte, der ein Schluchzen gewesen sein mochte. Fenrys keuchte: »Er ist auf dem Riff – es geht ihm gut.« Sie glaubte ihm nicht. Sie kämpfte gegen den Arm des Fae-Kriegers an, bis er sie losließ, dann glitt sie ins kalte, offene Wasser und ruderte mit den Armen zu der Stelle, zu der Fenrys hingewollt hatte. Sie stieß einen weiteren kleinen Laut aus, als sie Rowan knietief im Wasser auf dem Riff stehen sah. Sein Arm war bereits ausgestreckt, obwohl sie noch immer dreißig Meter trennten. Wohlauf. Unversehrt. Lebend. Und ein gleichermaßen durchnässter Gavriel stand neben ihm und betrachtete … Oh, Götter, oh, Götter. Blut färbte das Wasser. Überall waren Leichen. Und Moraths Flotte … Der Großteil davon existierte nicht mehr. Es waren nur noch schwarze, zersplitterte Holzreste zwischen den Inseln verteilt und brennende Fetzen von Segeltuch und Seilen. Aber drei Schiffe waren übrig geblieben. Drei Schiffe näherten sich jetzt dem Wrack der Meeresdrache , die mit Wasser volllief und düster wie eine Gewitterwolke aufragte. »Du musst schwimmen«, knurrte Fenrys neben ihr, sein klatschnasses, goldenes Haar an seinen Kopf geklebt. »Sofort. So schnell du kannst.« Sie peitschte den Kopf zu ihm herum und blinzelte brennendes Seewasser aus ihren Augen. »Schwimm los «, fuhr Fenrys sie an. Seine Reißzähne blitzten auf und sie gestattete sich nicht, darüber nachzudenken, was unter der Meeresoberfläche lauerte, als er sie erneut am Kragen packte und sie praktisch nach vorn warf. Aelin wartete nicht ab. Sie konzentrierte sich beim Schwimmen auf Rowans ausgestreckte Hand, sein Gesicht, das er mit Bedacht so ruhig hielt – der Kommandant auf dem Schlachtfeld. Ihre Magie lag brach, ihre Magie war ein Ödland, und seine … sie hatte ihm seine Macht gestohlen … Sie sollte später daran denken. Aelin schob sich zwischen großen Trümmerteilen durch, vorbei an … Vorbei an Männern. Rolfes Männern. Tot im Wasser. War der Kapitän irgendwo unter ihnen? Sie hatte womöglich ihren ersten und einzigen menschlichen Verbündeten in diesem Krieg getötet – und ihren einzigen direkten Wegweiser zu diesem Schloss. Und wenn die Neuigkeit über Ersteres sich verbreitete … »Schneller!« , blaffte Fenrys. Rowan steckte sein Schwert in die Scheide, ging in die Hocke … Dann schwamm er auf sie zu, schnell und geschickt, durchschnitt die Wellen, und das Wasser schien sich für ihn zu teilen. Sie wollte knurren, dass sie es selbst schaffen konnte, aber er hatte sie schon erreicht und schlüpfte hinter sie. Bewachte sie zusammen mit Fenrys. Doch was konnte er schon im Wasser und ohne Magie ausrichten, gegen das klaffende Maul eines Meeres-Wyvern? Sie ignorierte die erdrückende Enge in ihrer Brust und schoss auf das Riff zu. Gavriel wartete jetzt dort, wo Rowan gestanden hatte. Endlich spürte sie unter sich das ausladende Riffdach und sie schluchzte beinahe, während Gavriel sich hinhockte, damit sie seine ausgestreckte Hand erreichen konnte. Der Löwe zog sie mühelos aus dem Wasser. Ihre Knie gaben unter ihr nach, als ihre Stiefel auf die unebenen Korallenköpfe trafen, aber Gavriel hielt sie fest und erlaubte ihr unauffällig, sich an ihn zu lehnen. Rowan und Fenrys waren Sekunden später aus dem Wasser und der Prinz war sofort bei ihr, die Hände auf ihrem Gesicht, um ihr das nasse Haar hinter die Ohren zu streichen und in ihre Augen zu blicken. »Es geht mir gut«, krächzte sie heiser. Von der Magie oder der Göttin oder dem Salzwasser, das sie geschluckt hatte. »Ich bin ich.« Das reichte Rowan, der sich den drei Schiffen zuwandte, die jetzt auf sie zukamen. Auf ihrer anderen Seite krümmte sich Fenrys, die Hände auf die Knie gestützt, und keuchte. Er hob den Kopf, als sie ihn ansah. »Bei mir ist nichts mehr zu holen – wir müssen entweder warten, bis meine Magie sich erholt hat, oder ans Ufer schwimmen.« Rowan antwortete ihm mit einem Nicken, das Aelin als Verständnis und Dank deutete, und sie sah sich um. Das Riff schien eine Verlängerung des schwarzen, felsigen Ufers weit hinter ihnen zu sein, aber da Flut herrschte, würden sie stellenweise schwimmen müssen. Sie mussten das Risiko in Kauf nehmen. Was immer unter Wasser war … Unter Wasser. Bei Lysandra. Von Wyvern oder Drachen keine Spur. Aelin wusste nicht, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes war. *** Aelin und die Fae hatten es zum Riff geschafft und standen jetzt knietief in dem Wasser darüber. Irgendwie war alles schrecklich schiefgelaufen. So schrecklich, dass Lysandra hätte schwören können, dass die ungezähmte, wilde Präsenz, die sie noch nie zuvor vergessen hatte, sich in ihrem langem Schatten versteckt hatte, als die Welt über ihnen explodierte. Sie war von dem Korallenriff gerissen worden, die Strömung hatte das Wasser geteilt, es herumgewirbelt. Holz und Seil und Segel regneten herab, und einiges davon schoss tief hinunter. Dann kamen Körper und Arme und Beine. Aber – da waren der Kapitän und sein Erster Offizier, die um sich schlugen, um die Trümmer abzuschütteln, in die sie verheddert waren und die drohten, sie zum sandigen Grund hinabzuzerren. Lysandra schüttelte ihren Schreck ab und rauschte zu ihnen. Rolfe und sein Erster Offizier erstarrten bei ihrem Anblick und griffen unter den Wellen nach Waffen an ihren Seiten. Aber sie riss die Trümmer weg, die die beiden nach unten zogen, und dann blieb sie ganz still – damit die beiden sich an ihr festhalten konnten. Sie hatte nicht viel Zeit … Rolfe und sein Erster Offizier klammerten sich wie Muscheln an ihren Beinen fest, als sie die beiden durchs Wasser beförderte – vorbei an dem nun verbrannten Wrack. Im Handumdrehen lud sie sie auf einem felsigen Schelf ab und tauchte nur lange genug auf, um Luft zu holen, bevor sie wieder verschwand. Im Wasser kämpften noch mehr Männer. Sie schoss auf sie zu, wich Trümmern aus, bis … Blut floss in der Strömung mit. Und nicht bloß die kleineren Wolken, die das Wasser eingefärbt hatten, seit das Schiff explodiert war. Große, wabernde Blutwolken. Als hätten sich gewaltige Kiefer um einen Körper geschlossen und drückten zu. Lysandra stürzte vorwärts, ihr mächtiger Schwanz peitschte hin und her, ihr Körper schlängelte sich durchs Wasser, schoss auf die drei Boote zu, die sich den Überlebenden näherten. Sie musste jetzt handeln, während die Wyvern damit abgelenkt waren, sich vollzustopfen. Der Gestank des schwarzen Bootes erreichte sie selbst unter den Wellen. Als wäre das dunkle Holz von verfaultem Blut durchtränkt. Und als sie sich dem fetten Bauch des nächstbesten Schiffes näherte, nahmen in einiger Entfernung zwei mächtige Gestalten im Blau des Wassers Form an. Lysandra spürte, wie sich ihre Aufmerksamkeit auf sie richtete, sobald sie ihren Schwanz gegen den Rumpf drosch. Einmal. Zweimal. Holz splitterte. Gedämpfte Schreie erreichten sie von oben. Sie ließ sich zurückfallen, krümmte sich zusammen und ließ den Schwanz ein drittes Mal gegen den Rumpf krachen. Holz barst und peitschte in sie hinein, schälte ihre Schuppen ab, aber der Schaden am Schiff war getan. Wasser wurde um sie herum ins Boot gesogen, immer mehr davon riss das Holz entzwei, während die tödliche Wunde immer größer wurde. Lysandra zog sich aus dem Sog des Wassers zurück – schwamm tiefer, tiefer, tiefer, während die beiden Wyvern, die sich an den panischen Männern labten, innehielten. Lysandra raste zum nächsten Schiff. Sie musste die Schiffe versenken, dann konnten ihre Verbündeten die um ihr Leben kämpfenden Soldaten einen nach dem anderen abschießen, während sie zum Ufer schwammen. Die Besatzung des zweiten Schiffs war jedoch klüger. Speere und Pfeile sirrten durchs Wasser, zielten auf sie. Sie tauchte zum sandigen Grund hinab, dann schnellte sie hoch, hoch, hoch, zielte auf den verletzlichen Bauch des Schiffes, wappnete sich gegen den Aufprall … Ein anderer Aufprall hinderte sie, das Schiff zu erreichen. Schneller, als sie erspüren konnte, krachte der Meeres-Wyvern, der seitlich ums Schiff herumgeschlüpft war, in sie hinein. Seine Klauen fetzten und zerrissen, und instinktiv warf sie sich herum und peitschte so heftig mit dem Schwanz, dass der Wyvern durchs Wasser katapultiert wurde. Lysandra schoss nach hinten und erhaschte einen Blick auf ihn, als er sie niederstarrte. Oh, Götter. Er war größer als sie, aus dem tiefsten Blau gemacht, seine Unterseite weiß und mit hellerem Blau gesprenkelt. Der Körper war fast schlangenartig geformt, die Flügel kaum mehr als Flossen an seinen Seiten. Nicht dafür geschaffen, schnell zu sein und oder das Meer zu durchstreifen, sondern … sondern mit langen, gebogenen Klauen ausgestattet, mit einem Maul, das jetzt geöffnet war, das ihr Blut und ihr Salz und ihren Duft schmeckte und Zähne entblößte, die so schmal und scharf waren wie die eines Aals. Zähne mit Widerhaken. Dafür geschaffen, zuzubeißen und zu zerfetzen. Hinter dem ersten Wyvern tauchte nun auch das zweite dieser Ungeheuer auf. Männer strampelten im Wasser und schrien über ihr. Wenn sie diese feindlichen Schiffe nicht versenken konnte … Lysandra legte die Flügel fest an den Körper. Sie wünschte, sie hätte mehr Luft geholt, hätte diese Lungen restlos gefüllt. Sie schlug den Schwanz in der Strömung hin und her und fächelte das Blut, das noch immer aus den Wunden rann, die das Holz des Schiffes in ihre Haut gerissen hatten, in Richtung der Wyvern. Sie wusste genau, wann es die Wyvern erreichte. Sie wusste, dass sie in dem Moment begriffen, dass sie kein gewöhnliches Tier war. Und dann stürzte sich Lysandra in die Tiefe. Schnell und geschmeidig. Wenn die Wyvern dafür gezüchtet worden waren, brutal zu töten, dann musste sie ihre eigene Schnelligkeit ausnutzen. Lysandra glitt unter ihnen her, unter ihren dunklen Schatten durch, bevor sie sich auch nur umdrehen konnten. Zum offenen Meer. Kommt schon, kommt schon, kommt schon … Wie Hunde, die hinter einem Hasen her waren, nahmen sie die Jagd auf. Etwas nördlich war eine Sandbank, flankiert von Riffen. Sie hielt darauf zu, schwamm wie der Teufel. Einer der Wyvern war schneller als der andere, so flink, dass das Wasser vor seinem schnappenden Maul an ihrer Schwanzflosse Wellen schlug … Das Wasser wurde klarer, heller. Lysandra schoss direkt auf das Riff zu, das aus der Tiefe aufragte, eine Säule erstarrten Lebens und erstarrter Aktivität. Sie umrundete die Sandbank … Der andere Wyvern erschien vor ihr, der zweite war immer noch dicht hinter ihr. Schlaue Dinger. Aber Lysandra warf sich zur Seite – in das flache Gewässer der Sandbank – und rollte sich mit Schwung herum, immer wieder, immer näher zu dem schmalen Streifen der Sandbank. Sie grub die Krallen tief hinein, wurde langsamer und kam schließlich zum Stillstand. Sand spritzte und verkrustete sie und sie hatte den Schwanz gehoben, ihr Körper so viel schwerer außerhalb des Wassers … Der Wyvern, der gedacht hatte, er könnte sie überrumpeln, indem er aus der anderen Richtung angeschwommen kam, stürzte sich aus dem Wasser und auf die Sandbank. Sie schlug zu, schnell wie eine Natter. Sein Genick ungeschützt, schloss sie die Kiefer darum und biss zu. Der Wyvern bäumte sich auf, sein Schwanz peitschte, aber sie rammte ihm ihren eigenen auf die Wirbelsäule. Zerschmetterte ihm den Rücken, während sie ihm das Genick brach. Schwarzes Blut, das nach verdorbenem Fleisch schmeckte, ergoss sich in ihre Kehle. Sie ließ den toten Wyvern fallen und suchte das türkisfarbene Meer ab, die Trümmer, die zwei verbliebenen Schiffe und den Hafen … Wo war der zweite Wyvern? Wo zum Teufel war er? Er war schlau genug, begriff sie, um zu wissen, wann ihm der Tod drohte, und um sich eine einfachere Beute zu suchen. Denn dort hinten tauchte jetzt eine stachelige Rückenflosse auf. Und näherte sich … Näherte sich Aelin, Rowan, Gavriel und Fenrys, die auf dem Riff standen, ihre Schwerter gezückt. Auf allen Seiten von Wasser umgeben. Lysandra stürzte sich in die Wellen und Sand und Blut wurden von ihr abgewaschen. Nur noch einer – nur noch ein weiterer Wyvern, dann konnte sie die Boote zerstören … Der verbliebene Wyvern erreichte die Korallenvorsprünge und nahm Geschwindigkeit auf, als wollte er aus dem Wasser springen und die Königin im Ganzen verschlucken. Er kam der Oberfläche nicht näher als sieben Meter. Lysandra schmetterte gegen ihn und sie beide schlugen so heftig gegen das Riff, dass es unter ihnen erzitterte. Aber sie hatte ihm ihre Krallen in sein Rückgrat gebohrt, hatte ihr Maul um sein Genick geschlossen, schüttelte und ergab sich ganz dem Lied des Überlebens, der schreienden Forderung ihres Körpers zu töten, töten, töten … Sie fielen Hals über Kopf in tieferes Wasser und der Wyvern kämpfte noch immer. Ihr Griff um sein Genick lockerte sich. Nein. Über ihnen ragte ein Kriegsschiff auf, und Lysandra nahm ein letztes Mal alle Kraft aus den Tiefen ihres Seins zusammen, als sie ihre Flügel ausbreitete und sie schlug, nach oben . Sie rammte den Meeres-Wyvern gegen den Rumpf des Bootes, das jetzt über ihnen war. Die Bestie brüllte ihren Zorn heraus. Lysandra rammte sie immer wieder dagegen. Der Rumpf platzte. Und das Gleiche tat der Körper des Meeres-Wyvern. Sie beobachtete, wie die Bestie erschlaffte. Beobachtete, wie das Wasser in den aufgeplatzten Bauch des Schiffes rauschte. Horchte auf die Schreie der Soldaten an Bord. Sie löste die Krallen von der Bestie und ließ sie auf den Grund des Meeres driften. Nur noch ein weiteres Schiff. Nur noch eins. Sie war so müde. Anschließend ihre Gestalt zu wechseln würde vielleicht erst nach Stunden möglich sein. Lysandra durchbrach die Wasseroberfläche, sog Luft in die Lungen und wappnete sich. Aelins Schreie erreichten sie, bevor sie wieder untertauchen konnte. Es waren keine Schmerzensschreie … sondern Schreie der Warnung. Ein Wort, immer wieder. Ein Wort an sie. Schwimm. Lysandra reckte den Kopf in die Richtung, in der die Königin auf dem Riff stand. Aber Aelin zeigte auf eine Stelle hinter Lysandra. Nicht auf das verbliebene Schiff, sondern aufs offene Meer. Wo drei gewaltige Gestalten durch die Wellen tobten und direkt auf sie zuhielten. 37 A edions Königin war auf dem Riff, Rowan an ihrer Seite, sein Vater und Fenrys links und rechts von ihnen. Rolfe und die meisten seiner Männer hatten es zur gegenüberliegenden Seite der schmalen Mündung der Bucht geschafft – auf das dortige Riff. Und in dem Kanal zwischen ihnen … Ein einzelnes Kriegsschiff. Ein einzelner Meeresdrache. Und drei Meeres-Wyvern. Ausgewachsene Meeres-Wyvern. Die beiden ersten waren das noch nicht gänzlich gewesen. »Oh Scheiße«, begann die Wache neben Aedion auf dem Geschützturm vor sich hin zu murmeln. »Oh Scheiße. Oh Scheiße. Oh Scheiße.« Meeres-Wyvern, die, wie Rolfe behauptet hatte, bis ans Ende der Welt ziehen würden, um jemanden abzuschlachten, der ihre Nachkommen tötete. Selbst mitten auf dem Festland war man nicht ganz sicher, solange sich ein Gewässer in der Nähe befand. Und Lysandra hatte gerade zwei getötet. Es schien, dass sie nicht allein gekommen waren. Und nach dem Jubel der Valg-Soldaten auf dem verbliebenen Kriegsschiff zu urteilen, war das eine Falle gewesen. Mit den Nachkommen als Köder. Sie waren nur geringfügig größer als Lysandra gewesen. Die Erwachsenen – die Bullen – waren dreimal so groß wie sie. Länger als das Kriegsschiff, das jetzt dort lag, und von dem aus Bogenschützen auf die Männer schossen, die versuchten, ans Ufer zu schwimmen. Der Kanal war für den grünen Meeresdrachen nun zu einer Todesfalle geworden. Der grüne Meeresdrache, der jetzt zwischen den drei monströsen Kreaturen und Aedions Königin lag. Der Königin, die auf diesen Felsen gestrandet war, mit nicht einmal einem Hauch von Magie noch in ihren Adern. Seine Königin, die Lysandra immer wieder und wieder zuschrie, sie solle schwimmen , sie solle sich verwandeln , sie solle fliehen. Aber Aedion hatte Lysandra mit den beiden Nachkommen kämpfen sehen. Beim zweiten war sie bereits langsamer geworden. Und er hatte in diesen letzten Monaten so oft miterlebt, wie sie die Gestalt wechselte, dass er wusste, dass sie sich jetzt nicht schnell genug verwandeln konnte, dass sie vielleicht nicht mehr genug Kraft hatte, um es überhaupt zu tun. Sie saß fest in ihrer Gestalt, so gewiss, wie seine Gefährten auf dem Riff festsaßen. Und wenn Lysandra auch nur versuchte, ans Ufer zu klettern … er wusste, dass die Bullen sie erreichen würden, bevor sie sich auch nur aus den flachen Gewässern hieven konnte. Immer schneller näherten sich die drei Bullen. Lysandra blieb in der Mündung der Bucht. Hielt die Stellung. Aedion blieb das Herz stehen. »Sie ist tot«, zischte einer der Wachposten. »Oh, Götter, sie ist tot …« »Halt deinen verdammten Mund« , knurrte Aedion, suchte die Bucht ab und schlüpfte in jenen kalten, berechnenden Zustand, der es ihm erlaubte, in einer Schlacht Entscheidungen zu treffen, Kosten und Risiken abzuwägen. Dorian kam jedoch auf die Idee, bevor er es tat. Auf der anderen Seite der Bucht, die Hand erhoben und so hell leuchtend wie ein Stern, signalisierte Dorian Lysandra immer wieder mit seiner Macht. Komm zu mir, komm zu mir, komm zu mir , schien der König zu rufen. Die drei Bullen tauchten unter die Wellen. Lysandra drehte sich um und tauchte ebenfalls ab. Aber nicht in Dorians Richtung. Aelin hörte auf zu schreien. Und Dorians Magie erlosch. Aedion konnte nur zuschauen, wie der Schatten der Gestaltwandlerin auf die drei Bullen zuraste und sich ihnen frontal entgegenstellte. Die drei Wyvern verteilten sich und sie waren so riesig, dass Aedions Kehle trocken wurde. Und zum ersten Mal hasste er seine Cousine. Er hasste Aelin dafür, dass sie Lysandra dies abverlangt hatte, sowohl um sie zu verteidigen als auch um sicherzustellen, dass die Mykiner für Terrasen kämpfen würden. Hasste die Leute, die der Gestaltwandlerin solche Narben zugefügt hatten, dass Lysandra so willig ihr Leben wegwarf. Hasste … hasste sich selbst, weil er in diesem nutzlosen Turm festsaß, mit einer Kriegsmaschine, die nur dazu imstande war, einen Schuss abzufeuern, bevor sie wieder geladen werden musste. Lysandra hielt auf den mittleren Wyvern zu, und als sie nur noch hundert Meter trennten, schwenkte sie nach links ab. Sie brachen aus der Formation aus; einer tauchte tief ab, einer blieb an der Oberfläche und der andere ließ sich zurückfallen. Sie würden sie vor sich hertreiben. Vor sich hertreiben zu einer Stelle, wo sie sie von allen Seiten umzingeln und dann in Stücke reißen konnten. Es würde hässlich und gemein werden. Aber Lysandra schoss durch den Kanal. In Richtung … in Richtung des letzten verbliebenen Kriegsschiffs. Pfeile regneten auf sie nieder. Blut knospte auf, als einige dieser Pfeile ihr Ziel zwischen ihren Jadeschuppen fanden. Sie schwamm weiter und ihr Blut brachte den Bullen, der ihr am nächsten war, der direkt unter der Oberfläche schwamm, in Rage und trieb ihn immer schneller an, um sie zu packen, sie zu beißen … Lysandra näherte sich dem Schiff und kassierte Pfeil um Pfeil, und dann sprang sie aus dem Wasser. Sie krachte gegen die Soldaten und das Holz und den Mast, rollte sich herum, krümmte sich und bäumte sich auf – und die Zwillingsmasten brachen unter ihrem Schwanz. Überall leuchtete rotes Blut. Sie erreichte die andere Seite des Decks, warf sich herum, hinunter ins Wasser, gerade als der Wyvern hinter ihr im hohen Bogen auf das Schiff sprang, einem Bogen, der Aedion den Atem raubte. Aber mit den gezackten Stümpfen der Masten, die wie Lanzen emporragten … Der Bulle landete mit einem Knirschen auf ihnen, das Aedion quer durch die Bucht hörte. Er bäumte sich auf, doch Holz durchstach jetzt seinen Rücken. Und unter seinem gewaltigen Gewicht brach das Schiff und begann zu sinken. Lysandra verschwendete keine Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, und Aedion bekam kaum Luft, als sie wieder durch die Bucht schoss, die beiden Bullen so schrecklich dicht hinter ihr, dass ihre Kielwasser sich vermischten. Einer tauchte ab, die Tiefen verschlangen ihn und machten ihn unsichtbar. Aber der zweite, der ihr immer noch auf den Fersen war … Lysandra führte ihn nach rechts in Dorians Reichweite. Sie kam dem Ufer und dem aufragenden Turm so nah wie möglich, den zweiten Bullen im Schlepptau. Der König streckte beide Hände aus. Der Bulle tobte vorbei – und steckte im nächsten Moment in Eis fest, das über das Wasser peitschte. Massives Eis, das es hier noch nie gegeben hatte. Die Wachen neben Aedion verstummten. Der Bulle brüllte und versuchte, sich freizukämpfen – aber das Eis des Königs wurde dicker, sein gefrorener Griff ein Gefängnis für den Wyvern. Als die Bestie aufhörte, sich zu bewegen, bedeckte der Raureif sie von der Schnauze bis zum Schwanz wie Schuppen. Dorian stieß einen Schlachtruf aus. Und Aedion musste zugeben, dass der König doch nicht so unbrauchbar war, als das Katapult hinter Dorian betätigt wurde und ein Felsbrocken von der Größe eines Wagens in die Bucht geschossen wurde. Mitten auf den eingefrorenen Wyvern. Fels traf auf Eis und Fleisch. Und der Wyvern zersprang in tausend Stücke. Rolfe und einige seiner Männer jubelten – auch auf den Kais der Stadt jubelten Menschen. Aber es blieb immer noch ein Bulle im Hafen übrig. Und Lysandra war … Sie hatte keine Ahnung, wo der Bulle war. Ihr langer, grüner Leib peitschte im Wasser, tauchte unter die Wellen, fast panisch. Aedion suchte die Bucht ab und drehte sich dabei mit dem Sitz des Kanoniers, suchte nach irgendeinem Hinweis auf diesen gewaltigen, dunklen Schatten … »LINKS VON DIR !«, brüllte Gavriel quer über die Bucht, und zweifellos verstärkte Magie seine Stimme. Lysandra fuhr herum – und da erschien der Bulle, schoss aus den Tiefen herauf, als wäre er ein Hai, der seiner Beute aus dem Hinterhalt aufgelauert hatte. Lysandra stürzte los. Ein Feld aus schwimmenden Trümmern umgab sie, die sinkenden Schiffe ihrer Feinde wie Inseln des Todes, und da war die Kette … wenn sie sich vielleicht hinaufwuchten und daran hochklettern konnte … nein, sie war zu schwer, zu langsam. Wieder schoss sie an Dorians Turm vorbei, aber der Bulle wollte nicht näher kommen. Er wusste, dass dort sein Verhängnis wartete. Er hielt sich gerade außer Reichweite, spielte mit ihr, während sie sich wieder in das Trümmerfeld zwischen den feindlichen Schiffen warf. In Richtung des offenen Meeres. Aelin und die anderen beobachteten hilflos vom Riff aus, wie die beiden Ungeheuer vorbeischossen. Der Bulle sandte Wrackteile und Stücke von Masten in die Luft – und zielte auf die Gestaltwandlerin. Ein Trümmerteil traf Lysandra an der Seite und sie ging unter. Aedion sprang von seinem Sitz auf, ein Brüllen auf den Lippen. Aber da war sie wieder, Blut strömte aus ihrer Flanke, während sie schwamm und schwamm, während sie diesen Bullen mitten durch die Trümmer führte und dann eine Kehrtwende machte – eine scharfe Kehrtwende. Der Bulle folgte durch das Blut, das das Wasser trübte, brach durch die Trümmer, denen sie geschickt auswich. Sie hatte ihn in einen Blutrausch versetzt. Und Lysandra, verdammt sollte sie sein, führte ihn zu den Überresten der feindlichen Schiffe, wo Valg-Soldaten noch versuchten, sich zu retten. Der Bulle fetzte durch Soldaten und Holz, als wären es Gazeschleier. Lysandra sprang durchs Wasser, fädelte sich zwischen Trümmern und Korallen und Leichen durch, während das Sonnenlicht auf den grünen Schuppen und dem rubinroten Blut glitzerte, und führte den Bullen in einen Todestanz. Mit jeder Bewegung langsamer, als immer mehr von ihrem Blut ins Wasser sickerte. Und dann wechselte sie den Kurs. Sie schwamm in die Bucht. Zu der Kette. Und schoss nach Norden – auf ihn, Aedion, zu. Er untersuchte den massiven Bolzen vor sich. Dreihundert Meter offenen Wassers lagen zwischen ihr und der Reichweite seines Pfeils. »SCHWIMM « , brüllte Aedion, obwohl sie ihn nicht hören konnte. »SCHWIMM , LYSANDRA !« Stille senkte sich über das gesamte Gebiet von Skull’s Bay, als der jadegrüne Meeresdrache um sein Leben schwamm. Der Bulle holte auf, tauchte unter. Lysandra schob sich unter den Gliedern der Kette hindurch und der Schatten des Bullen wurde immer größer unter ihr. So klein. Sie war so klein im Vergleich zu ihm – er brauchte bloß einmal zuzubeißen. Aedion warf sich im Sitz des Kanoniers nach hinten, packte die Hebel und drehte die Maschine, als Lysandra immer weiter auf ihn zuschwamm. Einen einzigen Schuss. Das war alles, was er bekommen würde. Einen einzigen gottverdammten Schuss. Lysandra preschte vorwärts und Aedion wusste, dass ihr klar war, dass der Tod dräute. Wusste, dass sie das Herz dieses Meeresdrachen beinahe zum Platzen brachte. Wusste, dass der Bulle den Grund erreicht hatte und sich jetzt hochkatapultierte, hoch, hoch, hoch zu ihrem verwundbaren Bauch. Nur noch einige Meter, nur noch einige wenige Herzschläge. Schweiß rann an Aedions Stirn herunter und sein eigenes Herz hämmerte so heftig, dass er nur noch sein Donnern hörte, sonst nichts. Er justierte den Speer ein ganz klein wenig und visierte sein Ziel an. Der Bulle raste aus der Tiefe nach oben, das Maul aufgerissen, bereit, sie mit einem einzigen Schlag auseinanderzureißen. Lysandra kam in Aedions Reichweite und sprang – sprang aus dem Wasser, funkelnde Schuppen und Blut. Der Bulle sprang mit ihr, Wasser strömte aus seinem offenen Maul. Aedion feuerte, indem er die Handflächen auf den Hebel schlug. Lysandras länglicher Körper bog sich von den Kiefern weg, als der Bulle sich in einem Bogen gänzlich aus dem Wasser erhob und seine weiße Kehle entblößte … Aedions massiver Speer ging mitten hindurch. Blut spritzte aus dem offenen Maul und die Augen der Kreatur weiteten sich, als sie sich aufbäumte. Lysandra krachte ins Meer und sandte eine Wassersäule empor, so hoch, dass sie den Blick auf sie beide verdeckte, als sie im Meer aufschlugen. Als die Wogen sich glätteten, war nur ihr Schatten zu sehen – und eine größer werdende Lache schwarzen Blutes. »Ihr … Ihr …«, faselte der Wachposten. »Nachladen« , befahl er und stand von seinem Sitz auf, um das schäumende Wasser abzusuchen. Wo war sie, wo war sie … *** Aelin hockte auf Rowans Schultern und ließ den Blick forschend über die Bucht wandern. Und dann schoss ein grüner Kopf aus dem Wasser hervor, schwarzes Blut spritzte in einem Sprühnebel um sie herum, als sie den abgetrennten Kopf des Bullen durch die Wellen warf. Jubel – wilder, ausgelassener Jubel – explodierte aus allen Ecken der Bucht. Aber Aedion war bereits aufgesprungen und rannte los, sprang die halbe Treppe hinunter, die ihn zu dem Strand bringen würde, zu dem Lysandra jetzt schwamm. So langsam, jede ihrer Bewegung so schmerzhaft langsam. Er verlor sie aus den Augen, als er unterhalb der Baumlinie ankam und seine Brust sich hob und senkte. Wurzeln und Steine rissen an ihm, aber seine schnellen Fae-Füße flogen über den Lehm, bis daraus Sand wurde, bis Licht durch die Bäume brach. Und da war sie, lag der Länge nach auf dem Strand und blutete überall. Hinter ihnen, draußen in der Bucht, wurde Schiffsbrecher herabgelassen, und Rolfes Flotte zog aus, um die überlebenden Soldaten zu erledigen – und sämtliche ihrer eigenen Männer zu retten, die noch dort draußen waren. Er bemerkte am Rande, dass Aelin und die anderen ins Meer sprangen und schnell in Richtung Land schwammen. Aedion ließ sich auf die Knie fallen und zuckte zusammen, als sie eine Ladung Sand abbekam. Ihr schuppiger Kopf war fast so groß wie er, aber ihre Augen … diese grünen Augen, dieselbe Farbe wie ihre Schuppen … Voller Schmerz. Und Erschöpfung. Er hob eine Hand, aber sie zeigte ihm die Zähne – ein leises Knurren drang aus ihrer Kehle. Er hob die Hände und rutschte nach hinten. Es war nicht die Frau, die ihn ansah, sondern die Bestie, zu der sie geworden war. Als hätte sie sich vollkommen deren Instinkten ergeben, da es ihre einzige Möglichkeit gewesen war zu überleben. Überall hatte sie Schnitte und klaffende Wunden. Aus allen tröpfelte Blut, das den weißen Sand durchtränkte. Rowan und Aelin – einer von ihnen konnte helfen. Wenn sie noch irgendwelche Macht beschwören konnten, nach dem, was die Königin getan hatte. Lysandra schloss die Augen, ihre Atmung flach. »Öffne deine gottverdammten Augen«, fauchte Aedion. Sie fauchte zurück, öffnete aber ein Auge einen Spaltbreit. »Du hast es so weit geschafft. Stirb nicht auf dem verdammten Strand.« Das Auge wurde schmal – ein Anflug ihres Temperaments. Er musste die Frau zurückholen. Musste dafür sorgen, dass sie die Kontrolle übernahm. Sonst würde die Bestie sie niemals nahe genug heranlassen, um ihr zu helfen. »Du kannst mir danken, wenn du deinen verdammten Hintern wieder durch die Gegend schwingst.« Wieder beobachtete dieses Auge ihn argwöhnisch und ihr wildes Temperament flackerte darin auf. Aber das Tier blieb. Selbst als seine Erleichterung die Fassade arroganter Ruhe zum Bröckeln brachte, redete Aedion gedehnt weiter. »Die nichtsnutzigen Wachposten im Turm sind jetzt alle halb in dich verliebt«, log er. »Einer hat gesagt, er wolle dich heiraten.« Ein leises Knurren. Er wich einen Schritt zurück, hielt aber Blickkontakt mit ihr und grinste. »Aber weißt du, was ich ihnen gesagt habe? Ich habe ihnen gesagt, dass sie nicht den Hauch einer Chance hätten.« Aedion senkte die Stimme und hielt ihrem gequälten, erschöpften Blick stand. »Denn ich werde dich heiraten«, versprach er ihr. »Eines Tages. Ich werde dich heiraten. Ich werde großzügig sein und dir erlauben, das Datum auszusuchen, auch wenn es erst in zehn Jahren ist. Oder zwanzig. Aber eines Tages wirst du meine Frau sein.« Die Augen verengten sich wieder zu Schlitzen – und ein Ausdruck von Entrüstung und Verärgerung lag darin. Er zuckte die Achseln. »Prinzessin Lysandra Ashryver klingt doch nett, oder?« Und dann schnaubte der Drache. Amüsiert. Erschöpft, aber amüsiert. Sie öffnete das Maul, als wollte sie versuchen zu sprechen, begriff jedoch, dass sie es in diesem Körper nicht tun konnte. Blut sickerte zwischen ihren riesigen Zähnen durch und sie schauderte vor Schmerz. Unterholz knackte und krachte, und nacheinander erschienen Aelin und Rowan und sein Vater und Fenrys. Alle durchnässt und mit Sand verkrustet und grau wie der Tod. Seine Königin taumelte mit einem Schluchzen auf Lysandra zu und warf sich in den Sand, bevor Aedion eine Warnung bellen konnte. Aber Lysandra zuckte nur zusammen, als die Königin sie berührte und immer wieder sagte: »Es tut mir so leid, es tut mir so leid.« Fenrys und Gavriel, die ihr vielleicht mit ihren Rufen über den Standort des Bullen das Leben gerettet hatten, verweilten dicht bei den Bäumen, als Rowan näher kam und die Wunden betrachtete. Fenrys bemerkte Aedions Blick, entdeckte den warnenden Zorn auf seinem Gesicht, sollte einer von ihnen der Gestaltwandlerin zu nahe kommen, und sagte: »Das war ein höllischer Schuss, Jungchen.« Sein Vater nickte in stummer Zustimmung. Aedion ignorierte sie beide. Welchen Brunnen an Magie seine Cousine und Rowan auch geleert hatten, er füllte sich bereits wieder neu. Die Wunden der Gestaltwandlerin schlossen sich eine nach der anderen. Langsam, quälend langsam wurden die Blutungen gestillt. »Sie hat eine Menge Blut verloren«, bemerkte Rowan zu niemand Bestimmtem. »Zu viel.« »So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen«, murmelte Fenrys. Keiner von ihnen hatte das. Aelin zitterte, eine Hand auf ihrer Freundin – ihr Gesicht so weiß und ausgezehrt, dass alle harten Worte, die er für sie reserviert hatte, unnötig waren. Seine Königin kannte den Preis. Es hatte so verdammt lange gedauert, bis sie sich dazu durchgerungen hatte, einen von ihnen überhaupt irgendetwas tun zu lassen. Wenn Aedion sie jetzt anbrüllte, selbst wenn er sich immer noch danach sehnte, würde Aelin vielleicht nie wieder Aufgaben delegieren. Denn wenn Lysandra nicht im Wasser gewesen wäre, als die Dinge so furchtbar schiefgegangen waren … »Was ist passiert?«, flüsterte er und suchte Aelins Blick. »Was zum Teufel ist da draußen passiert?« »Ich habe die Kontrolle verloren«, antwortete Aelin heiser. Als könnte sie nicht dagegen an, wanderte ihre Hand zu ihrer Brust. Wo er durch das Weiß ihres Hemdes das Amulett von Orynth erkennen konnte. Da wusste er Bescheid. Wusste genau, was Aelin da bei sich trug. Was Rolfes Interesse geweckt hatte, als es auf seiner Karte erschienen war – der Valg-Essenz ähnlich genug, um ihn anzulocken. Und er wusste, warum es so wichtig, so entscheidend gewesen war, dass sie alles riskiert hatte, um es von Arobynn Hamel zu bekommen. Wusste, dass sie heute einen Wyrdschlüssel benutzt hatte und dass sie das beinahe alle getötet hätte. Er zitterte jetzt und dieser Zorn übernahm tatsächlich die Kontrolle. Aber Rowan knurrte ihn an, leise und bösartig. »Spar dir das für später.« Fenrys und Gavriel waren angespannt, beobachteten das Geschehen. Aedion knurrte direkt zurück. Rowan bedachte ihn mit einem kalten, ruhigen Blick, der sagte, dass er ihm, wenn Aedion auch nur die leiseste Andeutung darüber machte, was ihre Königin da bei sich trug, die Zunge herausreißen würde. Buchstäblich. Aedion schluckte seinen Zorn hinunter. »Wir können sie nicht tragen und sie ist zu schwach, um sich zu verwandeln.« »Dann werden wir warten, bis sie es kann«, entschied Aelin. Aber ihr Blick wanderte zur Bucht, wo man Rolfe jetzt auf eines der Rettungsschiffe half. Und zu der Stadt dahinter, in der immer noch gejubelt wurde. Ein Sieg – aber um ein Haar eine Niederlage. Die Relikte der Mykiner, gerettet von einem ihrer lange verloren geglaubten Meeresdrachen. Aelin und Lysandra hatten uralte Prophezeiungen zu greifbaren Fakten gesponnen. »Ich bleibe«, verkündete Aedion. »Du kümmere dich um Rolfe.« Sein Vater erbot sich hinter ihm: »Ich kann ein paar Vorräte aus dem Wachturm holen.« »Schön«, sagte er. Aelin stöhnte und stand auf, schaute aber zu ihm herunter, bevor sie nach Rowans ausgestreckter Hand griff. Dann sagte sie leise: »Es tut mir leid.« Aedion wusste, dass sie es ernst meinte. Er machte sich trotzdem nicht die Mühe zu antworten. Als Lysandra stöhnte, liefen die Vibrationen zu seinen Knien hoch und direkt in seine Eingeweide. Aedion wirbelte zu der Gestaltwandlerin herum. Aelin verließ sie ohne weitere Abschiedsworte. *** Der Löwe blieb im Unterholz und außer Sicht, während der Wolf über den Drachen wachte, der noch immer ausgestreckt auf dem Strand lag. Stundenlang harrte der Wolf dort aus. Während die Gezeiten den Hafen von Blut reinigten. Während die Schiffe des Piratenlords auch die letzten feindlichen Leichen ins offene Meer hinausschickten. Während die junge Königin in die Stadt im Herzen der Bucht zurückkehrte, um sich um die Nachwirkungen zu kümmern. Sobald die Sonne untergegangen war, regte der Drache sich und langsam schimmerte und schrumpfte seine Gestalt, Schuppen wurden glatt und zu Haut, die Schnauze schmolz zurück zu einem makellosen menschlichen Gesicht und stummelige Gliedmaßen zogen sich zu goldenen Beinen in die Länge. Sand verkrustete den nackten Leib und die Frau versuchte erfolglos, sich zu erheben. Nun bewegte sich der Wolf, schlang seinen Umhang um sie und hob sie auf. Die Gestaltwandlerin beschwerte sich nicht und ihre Augen waren wieder geschlossen, als der Wolf über den Strand zu den Bäumen schritt, ihren Kopf an seine Brust gelehnt. Der Löwe blieb außer Sicht und behielt sein Angebot zu helfen für sich. Behielt die Worte für sich, die er zu dem Wolf sagen musste, der einen Meeres-Wyvern mit einem einzigen Pfeil erledigt hatte. Vierundzwanzig Jahre alt und bereits ein Mythos, den man sich um Lagerfeuer versammelt zuraunte. Über die heutigen Ereignisse würde man sich zweifellos auch an Lagerfeuern in Ländern erzählen, die selbst der Löwe in all den Jahrhunderten noch nicht durchstreift hatte. Der Löwe beobachtete, wie der Wolf zwischen den Bäumen verschwand, auf dem Weg in die Stadt am Ende der sandigen Straße, die Gestaltwandlerin bewusstlos in seinen Armen. Und der Löwe fragte sich, ob er selbst jemals in diesen gewisperten Geschichten erwähnt werden würde – ob sein Sohn es jemals zulassen würde, dass die Welt erfuhr, wer ihn gezeugt hatte. Ob es ihn überhaupt kümmerte. 38 D as Treffen mit Rolfe, als der Hafen wieder sicher war, ging schnell und man redete offen. Und Aelin wusste, dass sie durchaus wieder explodieren konnte, wenn sie nicht für ein oder zwei Stunden aus der verdammten Stadt wegkam. Jeder Schlüssel gehört zu einem Schloss , hatte Deanna gesagt, eine kleine Erinnerung an Brannons Befehl. Sie hatte ihre Stimme benutzt. Und hatte mit diesem Titel über sie gesprochen … diesem Titel, der Entsetzen und Begreifen in ihr ausgelöst hatte, der etwas tief in ihr ansprach, was sie noch nicht verstanden hatte. DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE . Aelin stürmte auf einen Streifen Strand auf der anderen Seite der Insel. Sie war hier hergerannt, weil sie es brauchte, dass ihr Blut brüllte, weil sie die Gedanken in ihrem Kopf zum Schweigen bringen musste. Hinter ihr waren Rowans Schritte so lautlos wie der Tod. Nur sie beide waren bei diesem Treffen mit Rolfe zugegen gewesen. Blutverschmiert und durchnässt, wie sie gewesen waren, hatte der Piratenlord sie in dem Hauptraum seines Gasthauses empfangen, dessen Name jetzt eine dauerhafte Erinnerung an das Schiff war, das sie zerstört hatte. Er hatte sie angefahren: »Was zum Teufel ist passiert?« Und sie war so müde gewesen, so angewidert und so voller Ekel und Verzweiflung, dass es fast unmöglich gewesen war, ihre übliche Arroganz aufzubringen. »Wenn du von Mala gesegnet wärst, wüsstest du, dass dir manchmal die Kontrolle entgleiten kann.« »Entgleiten? Ich weiß nicht, wie ihr das wahrgenommen habt, aber von meinem Platz aus hat es so ausgesehen, als hättest du deinen gottverdammten Verstand verloren und im Begriff gestanden, auf meine Stadt zu feuern.« Rowan, der an der Kante eines nahen Tisches lehnte, hatte erklärt: »Magie ist etwas Lebendiges. Wenn man so tief eintaucht, ist es eine Anstrengung, sich an sich selbst zu erinnern, an seine Aufgabe. Dass meine Königin das getan hat, bevor es zu spät war, ist eine Leistung für sich.« Rolfe hatte sich wenig beeindruckt gezeigt. »Auf mich wirkt es so, als wärst du ein kleines Mädchen, das mit einer Macht gespielt hat, die zu groß für sie war, und nur dein Prinz, der sich dir in den Weg geworfen hat, konnte dich davon abhalten, meine unschuldigen Leute abzuschlachten .« Aelin hatte für einen Moment die Augen geschlossen und das Bild von Rowan, der vor diese Faust aus Mondlicht sprang, blitzte vor ihr auf. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie ihre bröckelnde Selbstsicherheit in etwas Hartes, Eisiges verwandelt. »Für mich sieht es so aus«, entgegnete sie, »als hätte sich der Piratenlord von Skull’s Bay und verloren geglaubte Erbe der Mykiner gerade mit einer jungen Königin verbündet, die so mächtig ist, dass sie Städte dezimieren kann, wenn sie es wünscht. Es sieht für mich so aus, als hättest du dich mit diesem Bündnis unantastbar gemacht, und jeder Narr, der danach trachtet, dir Schaden zuzufügen, dich zu stürzen, wird es mit mir zu tun bekommen. Also schlage ich vor, du rettest, was du von deinem kostbaren Schiff retten kannst, betrauerst das Dutzend Männer, für deren Verlust ich die volle Verantwortung übernehme und deren Familien ich entsprechend entschädigen werde, und hältst deinen verdammten Mund.« Sie hatte sich zur Tür gewandt und Erschöpfung und Zorn hatten an ihren Knochen genagt. Rolfe hatte ihr nachgeworfen: »Willst du wissen, was der Preis für diese Karte war?« Sie hatte innegehalten und Rowan hatte mit ausdrucksloser Miene zwischen ihnen hin und her geschaut. Sie hatte über ihre Schulter gegrient. »Deine Seele?« Rolfe hatte ein heiseres Lachen ausgestoßen. »Ja – in gewisser Weise. Als ich sechzehn war, kaum mehr als ein Sklave auf einem dieser widerwärtigen Schiffe, und mein mykinisches Erbe bloß ein Garant dafür war, verprügelt zu werden …« Er hatte eine tätowierte Hand auf die Lettern des Dreschers gelegt. »Jede Münze, die ich verdiente, ging hierher zurück – zu meiner Mutter und meiner Schwester. Und eines Tages geriet das Schiff, auf dem ich war, in einen Sturm. Der Kapitän war ein hochmütiger Bastard und hat sich geweigert, einen sicheren Hafen zu suchen, und das Schiff wurde zerstört. Der Großteil der Mannschaft ertrank. Ich trieb einen Tag lang auf dem Wasser und wurde auf einer Insel am Rande des Archipels angespült. Als ich erwachte, starrte ein Mann auf mich herab. Ich fragte, ob ich tot sei, und er lachte und erkundigte sich, was ich mir im Leben wünschte. Ich war derart im Fieberwahn, dass ich ihm erzählte, ich wolle Kapitän sein – ich wolle Piratenlord von Skull’s Bay sein und dafür sorgen, dass die arroganten Narren wie der Kapitän, der meine Freunde getötet hatte, sich vor mir verneigten . Ich dachte, ich träumte, als er erklärte, dass er mir die Fähigkeiten geben werde, um das zu erreichen, aber dass es einen Preis haben werde. Er wollte haben, was mir auf der Welt am teuersten war. Ich sagte, ich würde den Preis bezahlen – was immer es war. Ich hatte keine Besitztümer, keinen Wohlstand, sowieso kein Volk. Einige Kupfermünzen wären nichts. Er hat gelächelt, bevor er im Meeresnebel verschwand. Als ich erwachte, hatte ich die Tätowierungen auf den Händen.« Aelin hatte abgewartet. Rolfe hatte die Achseln gezuckt. »Ich habe es hierher zurückgeschafft, indem ich mithilfe der Karte freundliche Schiffe fand. Ein Geschenk von einem Gott – zumindest dachte ich das. Erst als ich die schwarzen Tücher vor den Fenstern meiner Hütte sah, begann ich, mir Sorgen zu machen. Und erst als ich erfuhr, dass meine Mutter und meine Schwester ihr weniges Geld dazu benutzt hatten, sich ein Ruderboot zu mieten und nach mir zu suchen, habe ich begriffen, welchen Preis ich bezahlt hatte. Das Ruderboot kehrte in den Hafen zurück, ohne sie. Das war es, was das Meer sich geholt hatte. Was er sich geholt hatte. Und es hat mich seelenlos genug gemacht, dass ich mich auf diese Stadt losgelassen habe, auf diese Inseln.« Rolfes grüne Augen waren so unbarmherzig gewesen wie der Meeresgott, der ihm die Gabe verliehen und ihn verdammt hatte. »Das war der Preis für meine Macht. Was wird dein Preis sein, Aelin Galathynius?« Sie hatte ihm nicht geantwortet und war hinausgestürmt. Doch Deannas Stimme hatte in ihrem Kopf widergehallt. DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE . Zurück auf diesem leeren Strand, beobachtete Rowan die schimmernde Weite des Meeres, während die Sonne unterging. »Hast du den Schlüssel freiwillig benutzt?« Kein Hauch einer Wertung, einer Verurteilung. Nur Neugier – und Sorge. Aelin sagte heiser: »Nein. Ich weiß nicht, was passiert ist. In der einen Sekunde waren es nur wir … dann kam sie .« Sie rieb sich die Brust und vermied es, dass die goldene Kette sie dort berührte. Ihre Kehle schnürte sich zusammen, als sie die gleiche Stelle an seiner Brust betrachtete, direkt zwischen seinen Brustmuskeln. Wo ihre Faust hingezielt hatte. »Wie konntest du nur?«, flüsterte sie und ein Beben durchlief sie. »Wie konntest du dich so vor mich stellen?« Rowan kam einen Schritt näher, aber nicht weiter. Das Krachen der Wellen und die Schreie der Möwen, die zur Nacht nach Hause flogen, füllten den Raum zwischen ihnen. »Wenn du diese Stadt zerstört hättest, hätte es dich zerstört und jede Hoffnung auf ein Bündnis.« Ein Zittern begann in ihren Händen und breitete sich in ihre Arme, ihre Brust und ihre Knie aus. Flammen und Asche rollten über ihre Zunge. »Wenn ich dich getötet hätte«, zischte sie, erstickte aber an den Worten und war außerstande, den Gedanken zu beenden, die Idee weiter auszuführen. Ihre Kehle brannte und sie kniff die Augen fest zusammen. Warme Flammen hüllten sie ein. »Ich dachte, ich hätte den Boden meiner Macht gefunden«, gab sie zu. Die Magie quoll bereits über, so bald, zu bald, nachdem sie sich geleert hatte. »Ich dachte, was ich in Wendlyn gefunden hatte, wäre der Boden gewesen. Ich hatte keine Ahnung, dass es alles nur ein … Vorzimmer war.« Aelin hob die Hände und öffnete die Augen, um festzustellen, dass ihre Finger von Flammen umhüllt waren. Dunkelheit breitete sich über der Welt aus. Durch den Schleier aus Gold und Blau und Rot betrachtete sie ihren Prinzen. Sie hob hilflos ihre brennenden Hände zwischen ihnen hoch. »Sie hat mich gestohlen – sie hat mich genommen. Und ich konnte sie spüren – ihr Bewusstsein spüren. Es war, als wäre sie eine Spinne gewesen, die jahrzehntelang in einem Netz gewartet und gewusst hat, dass ich eines Tages stark und dumm genug sein würde, meine Magie und den Schlüssel zusammen zu benutzen. Ich hätte ebenso gut die Essensglocke für sie läuten können.« Ihr Feuer brannte heißer, heller, und sie ließ zu, dass es wuchs und anschwoll und flackerte. Ein schiefes, bitteres Lächeln. »Sie will anscheinend, dass wir die Suche nach diesem Schloss zu unserem obersten Ziel machen, wenn man so eine Botschaft zweimal erhält.« In der Tat. »Reicht es nicht, mit Erawan und Maeve fertigwerden zu müssen und nach Brannons und Elenas Pfeife zu tanzen? Jetzt muss ich mich auch noch den Göttern stellen, die mir deswegen im Nacken sitzen?« »Vielleicht war es eine Warnung – vielleicht wollte Deanna dir zeigen, wie ein weniger freundlicher Gott dich benutzen könnte, wenn du nicht vorsichtig bist.« »Sie hat jede verflixte Sekunde davon genossen. Sie wollte sehen, was meine Macht tun kann, was sie mit meinem Körper tun könnte, mit dem Schlüssel.« Ihre Flammen brannten heißer, fraßen sich durch ihre Kleider, bis sie Asche waren, bis sie nackt war und nur in ihr eigenes Feuer gekleidet. »Und wie sie mich genannt hat … DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE ? Wann versprochen? Wem? Um was zu tun? Ich habe diesen Ausdruck noch nie im Leben gehört, nicht einmal, bevor Terrasen gefallen ist.« »Wir werden es herauskriegen.« Und das war es. »Wie kann das für dich so … in Ordnung sein?« Funken stoben von ihr weg wie ein Schwarm Glühwürmchen. Rowan presste die Lippen aufeinander. »Glaub mir, Aelin. Die Vorstellung, dass du Freiwild für diese unsterblichen Bastarde bist, ist alles andere als in Ordnung für mich. Die Vorstellung, dass du mir einfach so genommen werden könntest, ist alles andere als in Ordnung für mich. Wenn ich könnte, würde ich Deanna jagen und sie dafür büßen lassen.« »Sie ist die Göttin der Jagd. Du könntest im Nachteil sein.« Ihre Flammen beruhigten sich ein wenig. Ein schiefes Lächeln. »Sie ist eine hochmütige Unsterbliche. Sie wird irgendwann einen Fehler machen. Und außerdem …« Ein Achselzucken. »Habe ich ihre Schwester auf meiner Seite.« Er legte den Kopf schief und musterte ihr Feuer, ihr Gesicht. »Vielleicht ist das der Grund, warum Mala mir an jenem Morgen erschienen ist, warum sie mir ihren Segen gab.« »Weil du als Einziger arrogant und wahnsinnig genug bist, Jagd auf eine Göttin zu machen?« Rowan schlüpfte aus seinen Stiefeln und warf sie auf den trockenen Sand hinter sich. »Weil ich als Einziger arrogant und wahnsinnig genug bin, Mala, die Feuerbringerin, zu bitten, mich bei der Frau bleiben zu lassen, die ich liebe.« Ihre Flammen wurden bei den Worten – bei diesem Wort – zu purem Gold. Aber sie sagte: »Vielleicht bist du einfach nur als Einziger arrogant und wahnsinnig genug, um mich zu lieben.« Die ausdruckslose Maske bekam Risse. »Diese neue Tiefe deiner Macht, Aelin, ändert nichts. Was Deanna getan hat, ändert nichts. Du bist immer noch jung; deine Macht wächst noch. Und wenn dieser neue Brunnen der Macht uns auch nur den geringsten Vorteil gegen Erawan verschafft, dann danke der verfluchten Dunkelheit dafür. Aber du und ich, wir werden lernen, deine Macht zusammen zu handhaben. Du stehst nicht allein davor; du entscheidest nicht, dass du nicht liebenswert bist, weil du Kräfte hast, die sowohl retten als auch zerstören können. Wenn du anfängst, diese Macht zu hassen …« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass wir den Krieg gewinnen werden, wenn du diesen Weg einschlägst.« Aelin machte ein paar Schritte in die plätschernden Wellen und ließ sich in der Brandung auf die Knie sinken. Dampf stieg in gewaltigen Wolken um sie herum auf. »Manchmal«, gestand sie über das zischende Wasser hinweg, »wünschte ich, jemand anderer könnte diesen Krieg führen.« Rowan trat in die blubbernde Brandung und seine Magie beschützte ihn vor Aelins Hitze. »Ah«, sagte er und kniete sich neben sie, während sie noch immer über das dunkle Meer hinausschaute, »aber wer sonst wäre in der Lage, Erawan so unter die Haut zu gehen? Unterschätze niemals die Macht deiner unerträglich großen Klappe.« Sie kicherte und spürte langsam den kühlen Kuss des Wassers auf ihrem nackten Körper. »Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, Prinz, war es meine unerträglich große Klappe, die dein griesgrämiges, unsterbliches Herz erobert hat.« Rowan lehnte sich in den dünnen Flammenschleier, der sich jetzt in nachtsüße Luft auflöste, und knabberte an ihrer Unterlippe. Ein scharfer, sündhafter Biss. »Da haben wir ja mein Feuerherz.« Aelin erlaubte ihm, sie in der Brandung und dem Sand zu drehen, damit sie ihm direkt ins Gesicht schauen konnte, erlaubte ihm, ihr Kinn mit seinem Mund zu streifen, die Rundung ihres Wangenknochens, die Spitze ihres Fae-Ohres. »Diese Dinger«, sagte er und knabberte an ihrem Ohrläppchen, »führen mich schon seit Monaten in Versuchung.« Er zeichnete mit seiner Zunge die zarte Spitze nach und Aelin bog den Rücken durch. Die starken Hände um ihre Hüften packten sie fester. »Manchmal hast du in der Nebelwarte neben mir geschlafen und es hat mich meine gesamte Konzentration gekostet, mich nicht über dich zu beugen und hineinzubeißen. Dich am ganzen Körper zu beißen.« »Hmmm«, sagte sie und legte den Kopf in den Nacken, um ihm ihren Hals darzubieten. Rowan erfüllte ihre stumme Bitte und drückte ihr Küsse auf die Kehle und zwickte sie sanft und knurrend mit den Zähnen. »Ich habe noch nie eine Frau auf einem Strand genommen«, schnurrte er dicht an ihrer Haut und saugte sanft an der Stelle zwischen ihrem Hals und ihrer Schulter. »Und sieh dir das an – wir sind weit weg von jeder Art von … möglichem Kollateralschaden.« Er schob seine Hand von ihrer Hüfte zu den Narben an ihrem Rücken und streichelte sie, während er ihr die andere Hand um ihren Po legte und sie ganz an sich zog. Aelin strich mit gespreizten Fingern über seine Brust und zog ihm sein weißes Hemd über den Kopf. Warme Wellen krachten gegen sie, aber Rowan hielt sie fest – unverrückbar, unerschütterlich. Aelin war noch klar genug im Kopf, um zu sagen: »Es könnte jemand nach uns suchen kommen.« Rowan schnaubte ein Lachen dicht an ihrem Hals. »Irgendetwas sagt mir«, erwiderte er und sein Atem strich über ihre Haut, »dass es dir vielleicht nichts ausmachen würde, wenn man uns erwischt. Wenn jemand sehen würde, wie gründlich ich plane, dir zu huldigen.« Sie spürte, wie die Worte dort baumelten, spürte, wie sie selbst dort über dem Rand der Klippe baumelte. Sie schluckte. Aber Rowan hatte sie jedes Mal aufgefangen, wenn sie gefallen war – zuerst, als sie in diesen Abgrund aus Verzweiflung und Trauer gestürzt war; danach, als der Palast zerschmettert worden war. Und jetzt, dieses Mal, dieses dritte Mal … Sie hatte keine Angst. Aelin sah Rowan fest in die Augen und sagte deutlich und direkt und ohne den Funken eines Zweifels: »Ich liebe dich. Ich bin in dich verliebt, Rowan. Schon seit einer Weile. Und ich weiß, dass es Grenzen dessen gibt, was du mir geben kannst, und ich weiß, du brauchst vielleicht Zeit …« Er presste seine Lippen auf ihre und füllte dicht an ihrem Mund ihr Herz, ihre Seele mit Worten, die kostbarer waren als Rubine und Smaragde und Saphire: »Ich liebe dich. Was ich dir geben kann, hat keine Grenzen, und ich brauche keine Zeit. Selbst wenn diese Welt irgendwann nur noch ein vergessenes Flüstern von Staub zwischen den Sternen ist, werde ich dich noch lieben.« Aelin wusste nicht, wann sie zu weinen begann, wann ihr Körper anfing, unter der Wucht dieser Worte zu erzittern. Sie hatte so etwas noch nie gesagt – zu niemandem. Hatte sich nie erlaubt, so verletzbar zu sein, hatte nie dieses brennende und nimmer endende Ding gefühlt, das so verzehrend war, dass sie von seiner Macht womöglich sterben würde. Rowan zog sich zurück und wischte mit den Daumen ihre Tränen weg, eine nach der anderen. Leise und kaum hörbar über dem Branden der Wellen um sie herum sagte er: »Feuerherz.« Sie schnüffelte gegen Tränen an. »Habicht.« Er lachte lauthals und dann erlaubte sie ihm, sie mit einer Sanftheit, die an Huldigung grenzte, in den Sand zu legen. Seine wie in Stein gemeißelte Brust hob sich leicht, als er ihren nackten Körper betrachtete. »Du … du bist so schön.« Sie wusste, dass er nicht nur die Haut und die Kurven und Knochen meinte. Aber Aelin lächelte immer noch, gurrte. »Ich weiß«, antwortete sie, hob die Arme über den Kopf und legte das Amulett von Orynth auf einen sicheren, höheren Teil des Strandes. Sie grub die Finger in den weichen Sand und bog den Rücken durch. Rowan verfolgte jede Bewegung, jeden Schimmer auf Muskeln und Haut. Als sein Blick auf ihren Brüsten hängen blieb, die vom Meerwasser glänzten, trat ein hungriger Ausdruck in seine Züge. Dann wanderte sein Blick tiefer hinab. Tiefer. Und als er an ihren Lenden anlangte und seine Augen glasig wurden, sagte Aelin ihm: »Willst du die ganze Nacht bloß gaffen?« Rowan öffnete leicht den Mund, seine Atmung wurde flach und sein Körper zeigte ihr bereits, wo genau dies enden würde. Ein Geisterwind brauste durch die Palmen, wisperte über den Sand. Ihre Magie kribbelte, als sie mehr fühlte als sah, wie Rowans Schild sich um sie beide schloss. Sie sandte ihre eigene Macht aus, um ihn abzutasten, mit kleinen Feuerfunken gegen den Schild zu klopfen. Rowans Eckzähne glänzten. »Nichts durchdringt diesen Schild. Und auch mich wird nichts verletzen.« Die Enge in ihrer Brust löste sich. »Ist es so anders? Mit jemandem wie mir.« »Das weiß ich nicht«, gestand Rowan. Wieder wanderte sein Blick über ihren Körper, als könnte er durch die Haut ihr brennendes Herz darunter sehen. »Ich war noch nie mit … jemandem zusammen, der mir ebenbürtig ist. Ich habe mir nie gestattet, derart entfesselt zu werden.« Denn er würde jedes bisschen Macht, das sie ihm entgegenschleu derte, auf sie zurückschleudern. Sie stützte sich auf die Ellbogen und hob den Mund zu der noch neuen Narbe an seiner Schulter, die Wunde klein und gezackt – so breit wie eine Pfeilspitze. Sie küsste sie einmal, zweimal. Rowans Körper war über ihr so angespannt, dass sie dachte, seine Muskeln würden reißen. Aber seine Hände waren sanft, als sie über ihren Rücken strichen und ihre Narben streichelten und die Tätowierungen, die er auf diese Narben gezeichnet hatte. Die Wellen kitzelten und liebkosten sie und er machte Anstalten, sich auf sie sinken zu lassen, aber sie hob eine Hand an seine Brust – und hielt ihn auf. Sie lächelte dicht an seinem Mund. »Wenn wir ebenbürtig sind, dann verstehe ich nicht, warum du immer noch halb bekleidet bist.« Sie gab ihm keine Gelegenheit, etwas zu erklären, als sie die Zunge über den Spalt zwischen seinen Lippen gleiten ließ, als sie die Schnalle seines abgenutzten Schwertgürtels öffnete. Sie war sich nicht sicher, ob er atmete. Und nur um zu sehen, was er tun würde, legte sie über der Hose ihre Hand auf ihn. Rowan bellte einen Fluch. Sie lachte leise, küsste noch einmal seine jüngste Narbe und zog lasziv einen Finger an ihm entlang nach unten, hielt über jeden einzelnen Zentimeter, den sie ihn berührte, den Blickkontakt. Und als Aelin die Hand wieder flach auf ihn legte, sagte sie: »Du gehörst mir.« Rowans Atmung setzte wieder ein, rau und wild wie die Wellen, die sich um sie herum brachen. Sie schnippte den obersten Knopf seiner Hose auf. »Ich gehöre dir«, knirschte er. Ein weiterer Knopf sprang auf. »Und du liebst mich«, sagte sie. Keine Frage. »Komme, was wolle«, hauchte er. Sie löste den dritten und letzten Knopf und er ließ sie los, um seine Hose in den Sand zu werfen, die Unterhose gleich mit. Ihr Mund wurde bei seinem Anblick trocken. Rowan war für die Schlacht geboren und vervollkommnet worden und jeder Zentimeter an ihm war der eines reinblütigen Kriegers. Er war das Schönste, das sie je gesehen hatte. Und er gehörte ihr – ihr, und … »Du gehörst mir«, hauchte Rowan und sie spürte diese Inbesitznahme bis in die Knochen, bis in die Seele hinein. »Ich gehöre dir«, antwortete sie. »Und du liebst mich.« Solche Hoffnung und solch stilles Glück in seinen Augen hinter all dieser Wildheit. »Komme, was wolle.« Zu lange – zu lange war er allein umhergeirrt. Das hatte jetzt ein Ende. Rowan küsste sie wieder. Langsam. Sanft. Eine Hand glitt an ihrem Körper hinauf, während er sich auf sie herabsinken ließ, seine Hüften an ihre schmiegte. Sie keuchte bei seiner Berührung, keuchte ein wenig mehr, als seine Handknöchel die schwere, empfindliche Unterseite ihrer Brust streifte. Als er sich vorbeugte, um die andere zu küssen. Seine Zähne kratzten über ihre Brustwarze und sie schloss flatternd ihre Lider. Ein Stöhnen entschlüpfte ihr. Oh, Götter. Oh, brennende, verfluchte Götter. Rowan wusste, was er tat. Bei allen Göttern, er wusste es. Er schnippte mit der Zunge gegen ihre Brustwarze und sie legte den Kopf in den Nacken, grub ihm die Finger in seine Schultern und drängte ihn, mehr zu nehmen, heftiger . Rowan knurrte seine Zustimmung heraus, ihre Brustwarze noch immer in seinem Mund, an seiner Zunge, während er seine Hand genüsslich von ihren Rippen zu ihrer Taille hinunterzog, weiter bis zu ihren Schenkeln und dann wieder zurück nach oben. Sie wölbte sich ihm in stummem Verlangen entgegen. Eine Phantomberührung, als hätte der Nordwind Gestalt angenommen, schnellte über ihre nackte Brust. Aelin ging in Flammen auf. Rowan lachte düster über die Rot-, Gold- und Blautöne, die um sie herum hervorbrachen und die Palmen beleuchteten, die über den Strand ragten, über die Wellen, die sich hinter ihm brachen. Sie wäre vielleicht in Panik geraten, hätte sich vielleicht geschämt, wenn er nicht seinen Mund zu ihrem gehoben hätte, wenn nicht diese Phantomhände aus eisgeküsstem Wind weiter ihre Brüste berührt hätten, wenn seine eigene Hand nicht weitergestreichelt hätte, immer näher zu der Stelle hin, wo sie ihn brauchte. »Du bist umwerfend«, murmelte er an ihren Lippen und seine Zunge glitt in ihren Mund. Er drückte sich gegen sie und sie zuckte mit den Hüften, musste irgendetwas tun, um dieses Verlangen zu stillen. Sie schob die Hand zwischen sie, und als sie die Finger um ihn schloss, um seine Männlichkeit, stöhnte Rowan erneut. Sie löste ihren Mund von seinem und schaute in seine kieferngrünen Augen, während sie ihn weiter streichelte. Er senkte den Kopf – nicht um sie zu küssen, sondern um jede ihrer Bewegungen zu beobachten. Ein Wind voller Eis und Schnee brüllte um sie herum. Und es war an ihr, ein schnaubendes Lachen auszustoßen. Aber Rowan packte ihr Handgelenk und zog ihre Hand weg. Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, weil sie mehr berühren wollte, mehr schmecken wollte. »Lass mich dich berühren«, knurrte Rowan auf die vom Meerwasser glitschige Haut zwischen ihren Brüsten. Seine Stimme zitterte so heftig, dass Aelin mit Daumen und Zeigefinger sein Kinn anhob. Furcht und Erleichterung blitzten unter dem glasigen Blick der Lust gleichzeitig auf. Er berührte sie, um sich selbst daran zu erinnern, dass sie es heute geschafft hatte, dass sie in Sicherheit war, wie um ihre Lust zu befriedigen. Sie hob sich ihm entgegen und streifte seinen Mund mit ihrem. »Halte dich nicht zurück, Prinz.« Rowans Lächeln war geradezu gemeingefährlich, als er sich zurückzog, um mit einer breiten Hand von ihrer Kehle bis hinab zu ihren Lenden zu streichen. Sie schauderte bei der schieren Inbesitznahme, die in der Berührung lag, und ihr Atem ging in gepressten Stößen, als er ihre Schenkel ergriff und sie ganz für sich bloßlegte. Eine weitere Welle krachte über sie, teilte sich um sie herum, das kühle Wasser wie tausend Küsse auf ihrer Haut. Rowan streichelte mit seiner Zunge ihren Bauchnabel, dann ihre Hüfte. Aelin konnte den Blick nicht von seinem silbernen Haar abwenden, das von Salzwasser und Mondlicht glänzte, von den Händen, die ihre Beine umschlossen hielten, während er mit dem Kopf dazwischen abtauchte. Und als Rowan sie an diesem Strand kostete, als er an ihrer glitschigen Haut lachte, während sie heiser seinen Namen über Palmen, Sand und Wasser schrie, gab Aelin jeden Versuch auf, vernünftig zu sein. Sie ließ die Hüften kreisen, bettelte ihn an, weiterzumachen, mehr, mehr , mehr . Und Rowan tat es, berührte sie genau dort, wo es sie verzehrte, während seine Zunge über diese eine Stelle schnippte, und, oh, Götter, sie würde zu Sternenfeuer explodieren … »Aelin«, knurrte er, ihr Name ein Flehen. »Bitte«, ächzte sie. »Bitte.« Das Wort war sein Verderben. Rowan beugte sich abermals über sie und sie stieß einen Laut aus, der vielleicht ein Wimmern war, vielleicht sein Name. Dann stützte Rowan sich mit einer Hand in den Sand neben ihrem Kopf und wühlte die Finger in ihr Haar, während er sich mit ihr vereinigte. Bei seiner ersten Berührung vergaß sie ihren eigenen Namen. Und als er sie mit sanften, wiegenden Stößen Zentimeter um Zentimeter ausfüllte, vergaß sie, dass sie Königin war und dass sie einen eigenen Körper hatte und ein Königreich und eine Welt, um die sie sich kümmern musste. Als Rowan tief in ihr war, zitternd vor Anstrengung, sich zu beherrschen, und ihr Zeit gab, sich an ihn zu gewöhnen, hob sie ihre brennenden Hände an sein Gesicht. Wind und Eis brüllten um sie herum, tanzten über die Wellen mit Bändern aus Flammen. Es waren keine Worte in seinen Augen; auch in ihren nicht. Worte taten dem nicht Genüge. In keiner Sprache, in keiner Welt. Er beugte sich vor, nahm ihren Mund in Besitz und begann sich zu bewegen, und sie ließen vollkommen los. Vielleicht weinte sie, oder vielleicht waren es seine Tränen auf ihrem Gesicht, die sich inmitten ihrer Flammen in Dampf verwandelten. Sie zog die Hände über seinen kräftigen, muskulösen Rücken, über Narben von Schlachten und lang vergangenen Gräueln. Und als seine Bewegungen tiefer wurden, grub sie ihm die Finger ins Fleisch, zeichnete ihn und bot ihm ihre Kehle dar. Ihm – nur ihm. Rowans Magie geriet außer Kontrolle, obwohl er mit dem Mund an ihrem Hals so vorsichtig war, selbst als seine Eckzähne über ihre Haut kratzten. Und bei der Berührung dieser tödlichen Zähne an ihrem Hals, bei dem Gedanken, dass der Tod so nah lauerte und dass die Hände ihr gegenüber immer sanft sein würden, sie immer lieben würden … Die Erlösung schoss durch sie hindurch wie ein Lauffeuer. Und obwohl sie sich nicht an ihren Namen erinnerte, erinnerte sie sich an den von Rowan und schrie ihn heraus, während er ihr jedes letzte bisschen Lust abrang und Feuer den Sand um sie herum zu Glas schmolz. Bei ihrem Anblick toste Rowans eigener Höhepunkt durch ihn hindurch und er stöhnte ihren Namen, sodass sie sich endlich an ihn erinnerte, und Blitze gesellten sich über dem Wasser zu Wind und Eis. Aelin hielt ihn dabei fest, sandte den Feueropal ihrer Magie aus, dass er sich mit seiner Macht verflocht. Immer mehr Blitze und Flammen tanzten auf dem Meer, kulminierten in seinem Höhepunkt. Die Blitze schlugen weiter ein, stumm und wunderschön, auch nachdem er aufgehört hatte, sich zu bewegen. Die Geräusche der Welt drangen wieder zu ihnen durch und seine Atmung ging so rau wie das Brausen der krachenden Wellen, während er ihr sinnliche Küsse auf die Schläfe, die Nase und den Mund hauchte. Aelin riss den Blick von der Schönheit ihrer Magie los, der Schönheit von ihnen , und stellte fest, dass sein Gesicht das Schönste von allem war. Sie zitterte – genau wie Rowan. Er begrub das Gesicht in ihrer Halsbeuge und sein unregelmäßiger Atem wärmte ihre Haut. »Ich hätte nie …«, versuchte er zu sprechen, seine Stimme heiser. »Ich habe nie geahnt, dass es so sein könnte …« Sie strich über seinen narbigen Rücken, immer wieder. »Ich weiß«, flüsterte sie. »Ich weiß.« Schon jetzt wollte sie mehr, schon jetzt rechnete sie aus, wie lange sie würde warten müssen. »Du hast mir einmal erzählt, dass du nicht die Frauen anderer Männer beißt.« Rowan versteifte sich ein wenig. Aber sie fuhr etwas verschämt fort: »Bedeutet das … dass du dann deine eigene Frau beißen wirst?« Seine grünen Augen blitzten auf, als er begriff und den Kopf hob, um die Stelle zu studieren, wo seine Eckzähne einst ihre Haut durchstoßen hatten. »Das war das erste Mal, dass ich bei dir die Kontrolle verloren habe, weißt du? Ich wollte dich am liebsten von einer Klippe schmeißen, aber dann habe ich dich gebissen, bevor ich überhaupt wusste, was ich tat. Ich glaube, mein Körper wusste es, meine Magie wusste es. Und wie du geschmeckt hast …« Rowan stieß einen rauen Atemzug aus. »So gut. Ich habe dich dafür gehasst. Ich konnte nicht aufhören, daran zu denken. Ich bin nachts mit diesem Geschmack auf der Zunge aufgewacht – bin aufgewacht und habe an deinen unflätigen, schönen Mund gedacht.« Er zeichnete mit dem Daumen ihre Lippen nach. »Du willst gar nicht wissen, was für verdorbene Dinge ich mit diesem Mund tun wollte.« »Hmmm, gleichfalls, aber du hast meine Frage nicht beantwortet«, bemängelte Aelin und krallte ihre Zehen im warmen Wasser in den feuchten Sand. »Ja«, sagte Rowan mit belegter Stimme. »Manche Männer mögen es. Um ihr Revier zu markieren, um der Lust willen …« »Beißen Frauen Männer?« Die Frage erregte ihn, das spürte sie sehr deutlich. Oh, Götter – Fae-Liebhaber. Jeder sollte das verdammte Glück haben, einen zu besitzen. Rowan schnarrte: »Willst du mich beißen?« Aelin beäugte seine Kehle, seinen herrlichen Körper und das Gesicht, das sie einst so inbrünstig gehasst hatte. Und sie fragte sich, ob es möglich war, jemanden so sehr zu lieben, dass man daran starb. Ob es möglich war, jemanden so sehr zu lieben, dass Zeit und Entfernung und Tod ohne Belang waren. »Muss ich mich auf deinen Hals beschränken?« Rowans Augen loderten auf. Das war Antwort genug. Sie bewegten sich zusammen, wiegten sich wie das Meer vor ihnen, und als Rowan ihren Namen erneut in die mit Sternen gesprenkelte Schwärze brüllte, hoffte Aelin, dass die Götter selbst es hörten und wussten, dass ihre Tage jetzt gezählt waren. 39 R owan wusste nicht, ob er belustigt, begeistert oder leicht verängstigt sein sollte, dass er mit einer Königin und Geliebten gesegnet war, die so wenig Interesse an öffentlichem Anstand hatte. Er hatte sie am Strand dreimal genommen – zweimal im Sand und ein drittes Mal draußen im warmen Wasser. Und doch war sein Blut immer noch wie aufgepeitscht. Und doch wollte er immer noch mehr. Sie waren ins seichte Wasser geschwommen, um sich den verkrusteten Sand abzuwaschen, aber Aelin hatte die Beine um seine Taille geschlungen, ihn auf den Hals geküsst und dann an seinem Ohr geleckt, so wie er an ihrem geknabbert hatte, und er begrub sich erneut in ihr. Sie wusste, warum er die Berührung brauchte, warum er sie auf der Zunge schmecken musste und dann mit seinem restlichen Körper. Sie hatte das Gleiche gebraucht. Er brauchte es immer noch. Als sie nach dem ersten Mal fertig gewesen waren, war seine Welt ins Schwanken geraten, er hatte seinen Verstand erst wieder zusammenfügen müssen, nach dieser Vereinigung, die ihn entfesselt hatte. Seine Magie war ein Lied gewesen und Aelin … Er hatte nie etwas wie sie gehabt. Alles, was er ihr gegeben hatte, hatte sie ihm prompt zurückgegeben. Und als sie ihn während dieses zweiten Liebesspiels im Sand gebissen hatte … seine Magie hatte sechs Palmen in der Nähe zersplittern lassen, als er so heftig zum Höhepunkt gekommen war, dass er dachte, sein Körper würde zerspringen. Aber als sie fertig gewesen waren und sie tatsächlich Anstalten machte, mit nichts am Leib als ihren Flammen nach Skull’s Bay zurückzulaufen, hatte er ihr sein Hemd und seinen Gürtel gegeben. Was wenig dazu beitrug, sie zu verhüllen, vor allem diese wunderschönen Beine, aber zumindest war es weniger wahrscheinlich, dass sie einen Aufruhr auslösen würde. Doch nur knapp. Und es würde offensichtlich sein, was sie an diesem Strand getan hatten, sobald sie in Riechweite irgendeiner Person mit übernatürlichem Geruchssinn kamen. Er hatte sein Revier, hatte sie markiert – kräftiger als der Duft, der ihr zuvor angehaftet hatte. Hatte sie tief und bleibend markiert, und es gab kein Zurück, kein Abwaschen. Sie hatte ihn in Besitz genommen und er hatte sie in Besitz genommen, und er wusste, dass ihr vollkommen klar war, was das bedeutete – ebenso, wie er selbst es wusste … Er wusste, dass es ihrerseits eine Entscheidung gewesen war. Die endgültige Entscheidung der Frage, wer ihr königliches Bett mit ihr teilen würde. Er würde versuchen, dieser Ehre gerecht zu werden – versuchen, irgendeinen Weg zu finden zu beweisen, dass er es verdiente. Dass sie nicht auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Irgendwie. Er würde es sich verdienen. Obwohl er ihr abgesehen von seinem eigenen Herzen und seiner Magie so wenig zu bieten hatte. Aber er kannte seine Königin auch. Und er wusste, dass Aelin ihn trotz der Ungeheuerlichkeit dessen, was sie getan hatten, auch an diesem Strand festgehalten hatte, um den anderen aus dem Weg zu gehen. Um ihre Fragen und Forderungen nicht beantworten zu müssen. Aber er musste nur einen Fuß in die Ozeanrose setzen, das Licht in Aedions Zimmer sehen, um zu wissen, dass ihre Freunde sich nicht so leicht beirren lassen würden. Und auch Aelin schaute stirnrunzelnd zu dem Licht hoch – obwohl Sorge schnell diesen Ausdruck ablöste, als sie sich an die Gestaltwandlerin erinnerte, die so tief bewusstlos gewesen war. Ihre nackten Füße waren lautlos auf der Treppe und im Flur, als sie zu dem Zimmer eilte und sich nicht die Mühe machte anzuklopfen, bevor sie die Tür aufriss. Rowan stieß einen scharfen Atemzug aus und versuchte, seine Magie heraufzubeschwören, um das Feuer zu kühlen, das noch in seinem Blut brannte. Um die Instinkte zu beruhigen, die in ihm tobten und wüteten. Nicht die, sie zu nehmen – sondern die, jede andere Gefahr zu eliminieren. Eine gefährliche Zeit für jeden männlichen Fae, anfangs, wenn er sich eine Geliebte nahm. Schlimmer noch, wenn es mehr bedeutete. Dorian und Aedion saßen in zwei Sesseln vor dem dunklen Kamin, die Arme vor der Brust verschränkt. Und das Gesicht ihres Cousins erbleichte von etwas, das Entsetzen hätte sein können, als er Aelin witterte – die Markierungen an beiden, sowohl die sichtbaren wie die unsichtbaren. Lysandra saß im Bett, das Gesicht abgespannt, aber die Augen schmal, als sie die Königin ansah. Es war die Gestaltwandlerin, die schnurrte: »Hat dir dein Ritt gefallen?« Aedion wagte es nicht, sich zu bewegen, und bedachte Dorian mit einem warnenden Blick, es auch nicht zu tun. Rowan drängte den Zorn beim Anblick der anderen Männer in der Nähe seiner Königin zurück und rief sich ins Gedächtnis, dass sie seine Freunde waren, aber … Dieser urtümliche Zorn geriet ins Wanken, als er Aelins bebende Erleichterung spürte, dass die Gestaltwandlerin größtenteils geheilt und bei klarem Verstand war. Aber seine Königin zuckte nur die Achseln. »Ist das nicht alles, wozu diese Fae-Männer taugen?« Rowan sah sie ungläubig an, lachte auf und rang mit sich, ob er ihr ins Gedächtnis rufen sollte, wie sie ihn die ganze Zeit angebettelt hatte, wie sie Worte gesagt hatte wie bitte und oh, Götter . Er würde es genießen, ihr diese seltenen guten Manieren erneut abzuringen. Aelin funkelte ihn an und forderte ihn heraus, es zu sagen. Und obwohl er sie gerade erst gehabt hatte, sie immer noch schmecken konnte, wusste Rowan, dass Aelin, wann immer sie das nächste Mal ihr Bett wiederfanden, nicht die Ruhe bekommen würde, die sie wollte. Rote Flecken erschienen auf Aelins Wangen, als würde sie genau sehen können, was er mit ihr vorhatte, aber sie hob das Amulett über ihren Kopf und ließ es auf einen niedrigen Tisch zwischen Aedion und Dorian fallen. Dann sagte sie: »Ich habe erfahren, dass dies der dritte Wyrdschlüssel ist, als ich noch in Wendlyn war.« Schweigen. Dann, als hätte sie nicht bereits jedes Gefühl von Sicherheit zerschmettert, das sie noch besaßen, zog Aelin das übel zugerichtete Auge Elenas aus ihrem Bündel, warf es einmal in die Luft und ruckte mit dem Kinn in Richtung des Königs von Adarlan. »Ich denke, es ist Zeit, dass du deine Vorfahrin kennenlernst.« *** Dorian hörte sich Aelins Geschichte an. Über den Wyrdschlüssel, den sie heimlich bei sich trug, darüber, was heute in der Bucht geschehen war, darüber, wie sie Lorcan überlistet hatte und wie das den Krieger letztlich zu ihnen zurückführen würde – hoffentlich mit den beiden anderen Schlüsseln in Händen. Und wenn sie Glück hatten, würden sie dieses Schloss bereits gefunden haben, das aus den Stone Marshes zu holen man ihr jetzt schon zweimal befohlen hatte – das einzige Ding, das in der Lage war, die Wyrdschlüssel wieder im Wyrdtor zu verankern, aus dem sie gehauen worden waren, und damit die Bedrohung durch Erawan ein für alle Mal zu beenden. Keine noch so große Anzahl an Verbündeten würde etwas aus richten, wenn sie Erawan nicht daran hindern konnten, diese Schlüssel zu benutzen und die Valg-Horden aus seinem eigenen Reich auf Erilea loszulassen. Dass er auch nur zwei Schlüssel besaß, hatte bereits zu so viel Dunkelheit geführt. Wenn er den dritten in die Hände bekam, wenn er die Herrschaft über das Wyrdtor gewann und es beliebig in jede Welt öffnen konnte, es benutzen konnte, um jedwede erobernde Armee zu rufen … sie mussten dieses Schloss finden, um die Macht der Schlüssel zu brechen. Als die Königin fertig war, schäumte Aedion still vor sich hin, Lysandra sah finster drein und Aelin löschte mit kaum mehr als einer knappen Handbewegung die Kerzen im Raum. Auf dem Tisch lagen aufgeschlagen zwei uralte Bände, die sie aus Aedions überfüllten Satteltaschen gezogen hatten. Er kannte diese Bücher – er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie sie aus Rifthold mitgenommen hatte. Das verbogene Metall des Amuletts, Elenas Auge, lag auf einem der Bücher, als Aelin die Zeichen auf einer uralten, fleckigen Seite untersuchte. Dunkelheit senkte sich herab, als sie ihr eigenes Blut benutzte, um diese Zeichen auf den Holzfußboden zu malen. »Sieht so aus, als würde sich unsere Schadensrechnung in dieser Stadt vergrößern«, murmelte Lysandra. Aelin schnaubte. »Wir werden einfach den Teppich darüberlegen.« Sie malte das Zeichen zu Ende – ein Wyrdzeichen, begriff Dorian mit einem Frösteln, als sie einen Schritt zurücktrat und dabei Elenas Auge von dem Buch pflückte und in ihrer Faust barg. »Was jetzt?«, fragte Aedion. »Jetzt halten wir den Mund«, erwiderte Aelin honigsüß. Das Mondlicht schien auf den Boden und wurde von den dunklen Linien, die sie gezeichnet hatte, verschlungen. Aelin schob sich zu Rowan hinüber, der auf der Bettkante saß, immer noch barbrüstig, da die Königin gegenwärtig sein Hemd trug. Sie setzte sich neben ihn, eine Hand auf seinem Knie. Lysandra war die Erste, die es bemerkte. Sie richtete sich im Bett auf und in ihre grünen Augen trat ein animalisches Leuchten, als das Mondlicht auf den Blutmalen zu schimmern schien. Aelin und Rowan sprangen auf. Dorian starrte nur auf die Zeichen, auf das Mondlicht, auf den Strahl, der durch die offenen Balkontüren fiel. Als wäre das Licht selbst eine Tür, verwandelte sich der Strahl des Mondlichts in eine menschliche Gestalt. Sie flackerte, ihre Form kaum vorhanden. Wie die Ausgeburt eines Traums. Die Härchen auf Dorians Armen stellten sich auf. Und er hatte genug Verstand, von seinem Stuhl aufzustehen und sich auf ein Knie sinken zu lassen, bevor er den Kopf neigte. Er war der Einzige, der das tat. Der Einzige, wurde ihm bewusst, der mit Gavin gesprochen hatte, Elenas Gefährten. Vor langer Zeit – in einem anderen Leben. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, was es bedeutete, dass er nun Gavins Schwert trug, Damaris. Aelin hatte es nicht zurückverlangt – schien auch nicht vorzuhaben, das zu tun. Eine gedämpfte Frauenstimme, die klang, als käme sie aus weiter Ferne, flackerte mit dem Bild. »Zu … weit weg«, sagte die helle, junge Stimme. Aelin trat vor und schloss die uralten Zauberbücher, bevor sie sie mit einem dumpfen Knall übereinanderstapelte. »Tja, Rifthold steht nicht wirklich zur Verfügung und deine Grabkammer liegt in Trümmern, also Pech gehabt .« Dorian hob den Kopf und schaute zwischen der flackernden Mondlichtgestalt und der jungen Königin aus Fleisch und Blut hin und her. Elenas undeutliche Gestalt verschwand, dann tauchte sie wieder auf, als hätte der Wind sie verweht. »Kann … nicht halten …« »Dann fasse ich mich kurz.« Aelins Stimme war scharf wie eine Klinge. »Keine Spielchen mehr. Keine Halbwahrheiten mehr. Warum ist Deanna heute hergekommen? Ich hab’s kapiert: Es ist wichtig, das Schloss zu finden. Aber was ist es? Und sag mir, was sie damit gemeint hat, als sie mich die KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE , genannt hat.« Als hätten die Worte die tote Königin wie ein Blitz getroffen, erschien Dorians Ahnin in voller Körperlichkeit. Sie war wunderschön: ihr Gesicht jung und ernst, ihr Haar lang und silbrig weiß – wie das von Manon – und ihre Augen von einem verblüffenden, blendenden Blau. Sie richtete sie jetzt auf ihn und das bleiche Gewand, das sie trug, flatterte in einer geisterhaften Brise. »Erhebe dich, junger König.« Aelin schnaubte. »Können wir bitte diese geschwollenen, selbstgefälligen Allüren uralter Geister sein lassen?« Aber Elena musterte Rowan und Aedion. Sie neigte kurz ihren Kopf. Und Aelin, bei allen Göttern, schnippte mit den Fingern nach der Königin – einmal, zweimal –, um sie wieder auf sich aufmerksam zu machen. »Hallo, Elena«, sagte sie gedehnt, »es ist so schön, dich zu sehen, nach all der Zeit. Hättest du wohl Lust, ein paar Fragen zu beantworten?« Die Augen der toten Königin flackerten gereizt auf. Aber Elena hielt das Kinn hocherhoben, die schmalen Schultern gestrafft. »Ich habe nicht viel Zeit. So weit von Rifthold entfernt ist es schwer, die Verbindung zu halten.« »Was für eine Überraschung.« Die beiden Königinnen starrten einander nieder. Der Wyrd mochte ihn verdammen, aber Dorian stellte fest, dass Elena als Erste wegsehen musste. »Deanna ist eine Göttin. Sie kennt keine Regeln und Moralvorstellungen und hat keinen Kodex wie wir. Zeit existiert für sie nicht so wie für uns. Du hast deine Magie den Schlüssel berühren lassen, der Schlüssel hat eine Tür geöffnet und Deanna hat zufällig genau in dem Moment hergeschaut. Dass sie überhaupt mit dir gesprochen hat, ist ein Geschenk. Dass es dir gelungen ist, sie wegzustoßen, bevor sie bereit war zu gehen … diese Beleidigung wird sie nicht so schnell vergessen, Majestät .« »Sie kann sich hinten anstellen«, erwiderte Aelin. Elena schüttelte den Kopf. »Es gibt … es gibt so vieles, das dir zu erzählen ich keine Gelegenheit hatte.« »Wie die Tatsache, dass du und Gavin Erawan gar nicht getötet hattet, dass ihr alle anderen angelogen und ihn dann uns überlassen habt, damit wir uns um ihn kümmern?« Dorian riskierte einen Blick auf Aedion, aber dessen Gesicht war hart und berechnend, ganz General – auf die tote Königin konzentriert, die jetzt mit ihnen in diesem Raum stand. Lysandra – Lysandra war fort. Nein, in der Gestalt des Geisterleoparden schlich sie durch die Schatten. Rowans Hand lag beiläufig auf seinem Schwert, obwohl Dorians eigene Magie durch den Raum fegte und er begriff, dass die Waffe nur eine Ablenkung davon war, dass Rowan Elena einen magischen Schlag verpassen würde, wenn sie Aelin auch nur schief ansah. Tatsächlich lag jetzt zwischen den beiden Königinnen ein harter Schild aus Luft – der auch den ganzen Raum versiegelte. Elena schüttelte den Kopf und ihr silbernes Haar bewegte sich fließend um sie. »Du hättest die Wyrdschlüssel beschaffen sollen, bevor Erawan so weit kommen konnte.« »Nun, das habe ich nicht«, fuhr Aelin sie an. »Verzeih, wenn deine Anweisungen nicht sehr deutlich waren.« Elena entgegnete: »Ich habe keine Zeit für Erklärungen, aber wisse, dass es die einzige Möglichkeit war. Um uns zu retten, um Erilea zu retten, war es die einzige Wahl, die ich treffen konnte.« Und sosehr sie einander angefaucht hatten, nun streckte die Königin Aelin ihre offenen Handflächen entgegen. »Deanna und mein Vater haben die Wahrheit gesagt. Ich hatte gedacht … ich hatte gedacht, es wäre zerstört, aber wenn sie dir gesagt haben, dass du das Schloss finden solltest …« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Brannon hat mir aufgetragen, in die Stone Marshes von Eyllwe zu gehen, um das Schloss zu finden. Wo genau in den Marshes?« »Es gab einst eine große Stadt im Herzen der Sümpfe«, flüsterte Elena. »Sie ist jetzt halb versunken in der Ebene. In einem Tempel in ihrer Mitte haben wir die Überreste des Schlosses zurückgelassen. Ich habe nicht … mein Vater hat das Schloss zu einem schrecklichen Preis erhalten. Der Preis … war der Körper meiner Mutter, ihr sterbliches Leben. Ein Schloss für die Wyrdschlüssel – um das Tor zu versiegeln und die Schlüssel auf ewig darin zu binden. Ich hatte nicht verstanden, wozu es bestimmt war; mein Vater hat mir erst davon erzählt, als es zu spät war. Ich wusste bloß, dass das Schloss nur ein einziges Mal benutzt werden konnte – dass seine Macht fähig war, alles zu versiegeln, was wir zu versiegeln wünschten. Also stahl ich es. Ich habe es für mich selbst benutzt, für mein Volk. Und seither büße ich für dieses Verbrechen.« »Du hast es benutzt, um Erawan in seinem Grab einzusperren«, flüsterte Aelin. Der flehentliche Ausdruck auf Elenas Gesicht schwand. »Meine Freunde sind an jenem Tag im Tal der Schwarzen Berge gestorben, um mir die Chance zu verschaffen, ihn vielleicht aufzuhalten. Ich habe ihre Schreie gehört, selbst noch im Herzen von Erawans Heerlager. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, versucht zu haben, dem Gemetzel ein Ende zu machen, damit die Überlebenden eine Zukunft haben konnten. Damit du eine Zukunft haben konntest.« »Also hast du das Schloss benutzt und es dann in eine Ruine geworfen?« »Wir haben es in der heiligen Stadt auf der Ebene zurückgelassen – als Andenken an die verlorenen Leben. Aber eine große Naturkata strophe hat das Land Jahrzehnte später erschüttert … und die Stadt ist versunken, das Sumpfwasser hat sie geflutet, und das Schloss geriet in Vergessenheit. Niemand hat es jemals herausgeholt. Seine Macht war bereits aufgebraucht worden. Es war nur noch ein Stück Metall und Glas.« »Und jetzt ist es wieder mehr als das?« »Wenn sowohl mein Vater als auch Deanna es erwähnt haben, muss es entscheidend dafür sein, Erawan aufzuhalten.« »Verzeih mir, wenn ich dem Wort einer Göttin misstraue, die versucht hat, mich wie eine Marionette zu benutzen, um diese Stadt in Trümmer zu legen.« »Ihre Methoden mögen vielleicht etwas umständlich sein, aber sie wollte dir sicher nichts Böses …« »Blödsinn.« Elena flackerte abermals. »Geh zu den Stone Marshes. Finde das Schloss.« »Ich habe es Brannon gesagt und ich sage es dir: Wir müssen uns um dringendere Angelegenheiten kümmern …« »Meine Mutter ist gestorben , um dieses Schloss zu schmieden«, fuhr Elena sie mit lodernden Augen an. »Sie hat ihren sterblichen Körper verlassen, damit sie das Schloss für meinen Vater schmieden konnte. Ich war diejenige, die das Versprechen gebrochen hat, wie es benutzt werden sollte.« Aelin blinzelte und Dorian fragte sich, ob er sich tatsächlich Sorgen machen sollte, wenn selbst sie sprachlos war. Aber Aelin flüsterte nur: »Wer war deine Mutter?« Dorian zermarterte sich das Hirn und dachte an all die Geschichtsstunden über sein königliches Geschlecht, konnte sich aber nicht erinnern. Elena gab einen Laut von sich, der vielleicht ein Schluchzen war, und ihr Bild verblasste zu Spinnweben und Mondlicht. »Sie, die meinen Vater am meisten geliebt hat. Sie, die ihn mit so mächtigen Geschenken gesegnet hat und die sich dann in einen sterblichen Körper gebunden hat, um ihm ihr Herz anzubieten.« Aelins Arme erschlafften. Aedion stieß ein »Scheiße« aus. Elena lachte freudlos, als sie zu Aelin sagte: »Was glaubst du, warum du so hell brennst? Es ist nicht nur Brannons Blut, das durch deine Adern fließt. Sondern auch das Malas.« Aelin hauchte: »Mala Feuerbringerin war deine Mutter.« Elena war bereits fort. »Wirklich, es ist ein Wunder, dass ihr zwei einander nicht umgebracht habt«, stellte Aedion fest. Dorian machte sich nicht die Mühe, ihn darauf hinzuweisen, dass das praktisch unmöglich war, wenn man bedachte, dass eine von ihnen bereits tot war. Stattdessen wog er alles ab, was die Königin gesagt und gefordert hatte. Rowan, der weiterhin schwieg, schien das Gleiche zu tun. Lysandra beschnupperte die Blutzeichen, als suchte sie nach irgendwelchen Überresten der uralten Königin. Aelin starrte durch die offenen Balkontüren, die Augen halb geschlossen, die Lippen fest zusammengepresst. Sie öffnete die Faust und untersuchte das Auge Elenas, das sie immer noch in der Hand hielt. Die Uhr schlug ein Uhr morgens. Langsam drehte Aelin sich zu ihnen um. Drehte sich zu ihm um. »Malas Blut fließt in unseren Adern«, sagte sie heiser und schloss die Finger um das Auge, bevor sie es in die Tasche ihres Hemdes gleiten ließ. Er blinzelte, als ihm klar wurde, dass es tatsächlich so war. Dass sie beide vielleicht genau deshalb solch beträchtliche Gaben hatten. Dorian bemerkte zu Rowan, und sei es auch nur, weil der vielleicht während seiner vielen Reisen irgendetwas darüber gehört oder ge sehen hatte: »Ist es wirklich möglich – dass ein Gott auf diese Weise sterblich wird?« Rowan, der Aelin ein wenig argwöhnisch beobachtet hatte, wandte sich zu ihm um. »Mir ist nie etwas Derartiges zu Ohren gekommen. Aber es gibt Fae, die ihre Unsterblichkeit aufgegeben haben, um ihr Leben an das ihrer sterblichen Gefährten zu binden.« Dorian hatte das deutliche Gefühl, dass Aelin bewusst eine Stelle auf ihrem Hemd untersuchte. »Es ist auf jeden Fall möglich, dass Mala einen Weg gefunden hat, das zu tun.« »Es ist nicht nur möglich«, murmelte Aelin. »Sie hat es getan. Dieser Abgrund an Macht, den ich heute freigelegt habe … er stammte von Mala persönlich. Elena mag vieles sein, aber was das angeht, hat sie nicht gelogen.« Lysandra wechselte in ihre menschliche Gestalt zurück und taumelte so, dass sie sich aufs Bett setzen musste, bevor Aedion zu ihr gelangen konnte, um ihr Halt zu geben. »Und, was machen wir jetzt?«, fragte sie mit rauer Stimme. »Erawans Flotte wartet im Golf von Oro; Maeve segelt gegen Eyllwe. Aber keiner von beiden weiß, dass wir im Besitz dieses Wyrdschlüssels sind – oder dass dieses Schloss existiert … und direkt zwischen ihren Streitkräften liegt.« Für einen Moment kam Dorian sich wie ein nutzloser Narr vor, als sie alle, er selbst eingeschlossen, zu Aelin schauten. Er war der König von Adarlan, rief er sich ins Gedächtnis. Ihr ebenbürtig. Auch wenn man ihm sein Land und sein Volk gestohlen hatte, seine Hauptstadt erobert. Aber Aelin rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen und stieß einen langen Atemzug aus. »Ich hasse diese alte Schwätzerin wirklich.« Sie hob den Kopf, musterte sie alle und fügte schlicht hinzu: »Wir segeln morgen früh zu den Stone Marshes, um dieses Schloss aufzuspüren.« »Rolfe und die Mykiner?«, fragte Aedion. »Er nimmt seine halbe Flotte, um den Rest der Mykiner zu finden, wo immer sie sich verstecken mögen. Dann segeln alle nach Norden, nach Terrasen.« »Rifthold liegt zwischen hier und dort und Wyvern patrouillieren das Gebiet«, konterte Aedion. »Und dieser Plan hängt davon ab, ob wir Rolfe trauen können, sein Versprechen tatsächlich zu halten.« »Rolfe weiß, wie man sich aus der Schusslinie hält«, warf Rowan ein. »Wir haben kaum eine andere Wahl, als ihm zu vertrauen. Und er hat das Versprechen gehalten, das er Aelin vor zweieinhalb Jahren wegen der Sklaven gegeben hatte.« Zweifellos der Grund, warum Aelin ihn gezwungen hatte, es so gründlich zu bestätigen. »Und die andere Hälfte von Rolfes Flotte?«, drängte Aedion. »Einige Schiffe bleiben zurück, um den Archipel zu halten«, antwortete Aelin. »Und ein paar begleiten uns nach Eyllwe.« »Du kannst nicht mit einem Bruchteil von Rolfes Flotte gegen Maeves Armada antreten«, wandte Aedion ein und verschränkte die Arme vor der Brust. Dorian verkniff sich seine Zustimmung und überließ die Sache dem General. »Geschweige denn gegen Moraths Streitkräfte.« »Ich gehe nicht dorthin, um Streit zu suchen«, sagte Aelin schlicht. Und das war es. Danach gingen sie auseinander und Aelin und Rowan verschwanden in ihrem eigenen Zimmer. Dorian lag wach im Bett, auch als die Atmung seiner Gefährten bereits tief und langsam war. Er grübelte über jedes Wort nach, das Elena gesagt hatte, grübelte über Gavins Auftauchen vor langer Zeit nach, Gavin, der ihn geweckt hatte, um Aelin daran zu hindern, dieses Portal zu öffnen. Vielleicht hatte Gavin das nicht getan, um Aelin vor der Verdammnis zu bewahren, sondern um diese wartenden, kaltäugigen Götter daran zu hindern, sie sich zu schnappen, wie Deanna es heute getan hatte. Er schob die Spekulationen beiseite, um zu einem Zeitpunkt über alles nachzudenken, wenn er weniger geneigt sein würde, voreilige Schlüsse zu ziehen. Aber die Fäden lagen wie ein Netz in seinem Kopf, in Schattierungen von Rot, Grün, Gold und Blau, und sie schimmerten und summten, wisperten ihre Geheimnisse in Sprachen, die in dieser Welt nicht gesprochen wurden. *** Eine Stunde vor Sonnenaufgang brachen sie mit dem schnellsten Schiff, das Rolfe erübrigen konnte, aus Skull’s Bay auf. Rolfe machte sich nicht die Mühe, Auf Wiedersehen zu sagen, denn er war schon damit beschäftigt, seine Flotte bereit zu machen, bevor sie aus der Hafenbucht segelten. Er gewährte Aelin jedoch ein Abschiedsgeschenk: die ungefähren Koordinaten für das Schloss. Seine Karte hatte es gefunden – zumindest annähernd. Irgendwelche Schutzzauber mussten darum herum errichtet worden sein, warnte der Kapitän sie, wenn seine Tätowierung den genauen Ort nicht aufzeigen konnte. Aber es war besser als nichts, vermutete Dorian. Auch Aelin hatte etwas Derartiges gebrummt. Rowan kreiste in Habichtgestalt hoch über ihnen und spähte die Gegend aus. Gavriel und Fenrys bemannten die Ruder und halfen dabei, aus dem Hafen zu kommen – Aedion tat das Gleiche, in annehmbarer Entfernung zu seinem Vater. Dorian selbst stand am Steuerrad, neben dem mürrischen, kleinen Kapitän – einer älteren Frau, die kein Interesse daran hatte, mit ihm zu sprechen, König hin oder her. Lysandra schwamm in irgendeiner Gestalt unten in der Brandung und beschützte sie vor Gefahren unterhalb der Oberfläche. Aelin aber hielt sich allein am Bug auf, ihr goldenes Haar war offen und flatterte hinter ihr her und sie stand so reglos da, dass sie die Zwillingsschwester der Galionsfigur nur wenige Meter unter ihr hätte sein können. Die aufgehende Sonne tauchte sie in schimmerndes Gold, keine Spur des Mondfeuers, das gedroht hatte, sie alle zu zerstören. Aber selbst als die Königin vom Licht bestrahlt vor den Schatten der Welt stand … erfasste ein kalter Hauch Dorians Herz. Und er fragte sich, ob Aelin die Inseln und das Meer und den Himmel so betrachtete, als würde sie sie vielleicht nie wiedersehen. *** Drei Tage später hatten sie den Würgegriff des Archipels beinahe hinter sich gelassen. Dorian stand wieder am Steuerrad, Aelin am Bug und die anderen waren auf ihren verschiedenen Späherrunden unterwegs oder ruhten sich aus. Seine Magie spürte es vor ihm. Ein geschärftes Bewusstsein, eine Warnung und ein Erwachen. Er schaute zum Horizont. Die Fae-Krieger verstummten vor allen anderen auf dem Schiff. Erst sah es aus wie eine Wolke – eine windgepeitschte kleine Wolke am Horizont. Dann wie ein großer Vogel. Als die Seeleute zu ihren Waffen eilten, spie Dorians Geist schließlich einen Namen für die Bestie aus, die auf schimmernden, breiten Flügeln auf sie zugerauscht kam. Wyvern. Es war nur einer. Und nur eine einzige Reiterin saß auf ihm. Eine Reiterin, die sich nicht bewegte, deren weißes Haar offen war – und die leblos über eine Seite hing. Der Wyvern flog tiefer und glitt knapp übers Wasser. Lysandra stand sofort bereit und wartete auf den Befehl der Königin, in jedwede Gestalt zu schlüpfen, in der sie dagegen kämpfen konnte. »Nein.« Das Wort brach aus Dorians Kehle hervor, ehe er nachdenken konnte. Aber dann stieß er es immer wieder aus, während der Wyvern mit seiner Reiterin näher an das Schiff heransegelte. Die Hexe war bewusstlos, darum hing ihr Körper über die Flanke des Wyvern. Überall an ihr war blaues Blut. Nicht schießen, nicht schießen … Dorian brüllte den Befehl, während er zu der Stelle rannte, wo Fenrys seinen Langbogen gezückt hatte und mit einem Pfeil mit schwarzer Spitze auf den entblößten Hals der Hexe zielte. Seine Worte gingen im Geschrei der Seeleute und ihres Kapitäns unter. Dorians Magie schwoll an, als er Damaris aus der Scheide zog … Aber dann durchdrang Aelins Stimme den Lärm – Haltet ein! Alle hielten inne. Der Wyvern segelte näher heran, dann legte er sich in die Kurve und umkreiste das Boot. Die vernarbten Seiten der Bestie waren mit blauem Blut verkrustet. So viel Blut. Die Hexe hielt sich kaum mehr im Sattel. Ihr sonst gebräuntes Gesicht war bar jeder Farbe, ihre Lippen bleicher als Walknochen. Der Wyvern vollendete seine Runde und flog diesmal tiefer, machte sich bereit, so nah wie möglich am Boot zu landen. Nicht um anzugreifen … sondern um seiner Reiterin zu helfen. Erst schwebte der Wyvern glatt über die kobaltfarbenen Wellen. Dann kippte die Hexe so weit zur Seite, als hätte sie keine Knochen mehr im Körper. Als hätte alles Glück, das sie bisher im Sattel gehalten hatte, sie schließlich verlassen, gerade in dem Moment, da Hilfe nur wenige Meter entfernt war. Schweigen senkte sich über das Schiff, als Manon Blackbeak aus ihrem Sattel rutschte, durch Wind und Gischt fiel und auf dem Wasser aufschlug. II Feuerherz 40 D er Rauch hatte Elide fast den ganzen grauen, schwülen Morgen lang in den Augen gebrannt. Es waren bloß Bauern, die ihre Felder abfackelten, um sie brachliegen zu lassen, hatte Molly behauptet, damit die Asche die Erde für die Ernte im nächsten Jahr fruchtbar machte. Sie mussten etliche Meilen entfernt sein, aber der Rauch und die Asche reisten schnell auf dem frischen Wind, der nach Norden zog. Dem Wind, der nach Hause führte, nach Terrasen. Aber sie waren nicht auf dem Weg nach Terrasen. Sie waren auf dem Weg nach Osten, direkt zur Küste. Schon bald würde sie nach Norden abschwenken müssen. Sie waren bisher nur in einer Stadt angelangt und ihre Bürger waren die durchreisenden Zirkusse und Schausteller bereits leid. Obwohl der Abend eben erst anfing, wusste Elide schon jetzt, dass sie wahrscheinlich nur genug Geld verdienen würden, um die Kosten ihrer Übernachtung zu decken. Sie hatte bisher ganze vier Kunden in ihr Zelt gelockt, größtenteils junge Männer, die wissen wollten, welches der Dorfmädchen ein Auge auf sie geworfen hatte, und sie hatten kaum bemerkt, dass Elide – unter der Schminke, die sie so dick wie Schlagsahne auf ihr Gesicht aufgetragen hatte – kaum älter war als sie selbst. Sie waren davon gehuscht, als ihre Freunde eilig vorbeigekommen waren und ihnen durch die mit Sternen bemalten Laschen des Zelts zugeflüstert hatten, dass ein Schwertkämpfer gerade eine mordsmäßige Vorstellung liefere und dass seine Arme beinahe den Umfang von Baumstämmen hätten. Elide hatte finster dreingeschaut, sowohl wegen der nichtsnutzigen jungen Männer, die verschwanden – einer ohne zu bezahlen –, als auch wegen Lorcan, der ihr die Schau stahl. Sie wartete ganze zwei Minuten, bevor sie aus dem Zelt stürzte, und der riesige, lächerliche Kopfschmuck, den Molly ihr aufs Haar gestülpt hatte, verfing sich in den Zeltlaschen. Baumelnde Perlen und Amulette hingen von einer bogenförmigen Haube und Elide schlug sie sich vor den Augen weg und stolperte beinahe über ihre blutroten Gewänder, als sie nachsehen ging, was es mit dem ganzen Theater auf sich hatte. Wenn die jungen Männer der Stadt von Lorcans Muskeln beeindruckt waren, war das nichts im Vergleich zu dem, was diese Muskeln mit den jungen Frauen machten. Selbst mit den älteren Frauen, begriff Elide, die keine Lust hatte, sich durch die dicht gedrängten Zuschauer vor der improvisierten Bühne zu zwängen, auf der Lorcan stand und mit Schwertern und Messern jonglierte und sie auf Zielscheiben warf. Lorcan war kein geborener Schausteller. Nein, er hatte sogar die Frechheit, dort oben tatsächlich gelangweilt auszusehen. Sein Gesichtsausdruck grenzte an unverhohlenen Verdruss. Aber was ihm an Charme mangelte, machte er mit seinem obenherum nackten, eingeölten Körper wieder wett. Und heilige Götter … Neben Lorcan sahen die jungen Männer, die ihr Zelt besucht hatten, aus wie Kinder. Er balancierte und warf seine Waffen, als wäre es nichts, und sie hatte das Gefühl, dass der Krieger lediglich einen seiner täglichen Übungsabläufe durchging. Aber die Menge erging sich trotzdem in Ohs und Ahs bei jeder Drehung, jedem Wurf und jedem Auffangen, und immer noch prasselten Münzen in den Topf am Rande der Bühne. Umgeben von Fackeln schien Lorcans dunkles Haar das Licht zu verschlucken, seine onyxschwarzen Augen waren ausdruckslos und stumpf. Elide fragte sich, ob er darüber nachdachte, sämtliche Zuschauer zu ermorden, die bei seinem Anblick sabberten wie Hunde über einem Knochen. Sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Schweiß rann ihm durch das krause, dunkle Haar auf seiner wie aus Stein gemeißelten Brust. Elide beobachtete ein wenig gebannt, wie eine Schweißperle sich durch die muskulösen Rillen seines Bauchs schlängelte. Tiefer. Sie war nicht besser als diese gaffenden Frauen, sagte sie sich und wollte gerade in ihr Zelt zurückkehren, als Molly neben ihr bemerkte: »Dein Ehemann könnte genauso gut dort oben sitzen und deine Strümpfe stopfen, und die Frauen würden trotzdem ihre Taschen leeren für die Gelegenheit, ihn anzustarren.« »Er hatte überall die gleiche Wirkung, wo auch immer wir mit unserem früheren Zirkus hingekommen sind«, log Elide. Molly schnalzte mit der Zunge. »Du hast Glück«, murmelte sie, als Lorcan sein Schwert hoch in die Luft schleuderte und die Leute keuchten, »dass er dich immer noch so ansieht, wie er es tut.« Elide fragte sich, ob Lorcan sie überhaupt ansehen würde, wenn sie ihm verriet, wie ihr richtiger Name lautete, wer sie war und was sie bei sich trug. Er hatte jede Nacht im Zelt auf dem Boden geschlafen – nicht dass sie sich auch nur einmal die Mühe gemacht hätte, ihm die Schlafmatte anzubieten. Für gewöhnlich kam er herein, nachdem sie eingeschlafen war, und war aufgestanden, bevor sie erwachte. Um was zu tun, hatte sie keine Ahnung – vielleicht um zu trainieren, da sein Körper so aussah … wie er aussah. Lorcan warf drei Messer hoch und verneigte sich ohne einen Funken Demut oder Erheiterung vor der Menge. Die Zuschauer keuchten abermals, als die Klingen auf seine entblößte Wirbelsäule zuschossen. Aber mit einer mühelosen, wunderschönen Bewegung rollte Lorcan sich ab und fing alle Klingen auf, eine nach der anderen. Die Menge jubelte und Lorcan schaute kühl auf seinen Topf mit Münzen. Mehr Kupfermünzen – und einige silberne – flossen hinein, wie das Plätschern von Regen. Molly stieß ein leises Lachen aus. »Begehren und Furcht können die Schnüre jeder Börse lockern.« Ein scharfer Blick. »Solltest du nicht in deinem Zelt sein?« Elide sparte sich eine Antwort und ging, und sie hätte schwören können, dass sie Lorcans Blick auf sich spürte, auf dem Kopfschmuck und den baumelnden Perlen, auf den langen, bauschigen Gewändern. Sie setzte ihren Weg fort und ertrug einige weitere junge Männer – und ein paar junge Frauen –, die nach ihrem Liebesleben fragten, bevor sie sich allein in diesem dummen Zelt wiederfand, die Dunkelheit nur von baumelnden Kristallkugeln mit winzigen Kerzen darin erhellt. Sie wartete darauf, dass Molly endlich rief, dass der Zirkus vorüber sei, als Lorcan sich durch die Zeltlaschen zwängte und sich das Gesicht mit einem Stofffetzen abwischte, der definitiv nicht sein Hemd war. Elide sagte: »Molly wird dich anbetteln zu bleiben, das ist dir wohl klar.« Er rutschte auf den Klappstuhl vor ihrem runden Tisch. »Ist das deine professionelle Prophezeiung?« Sie schlug nach der Perlenschnur, die ihr vor den Augen herumbaumelte. »Hast du dein Hemd auch verkauft?« Lorcan bedachte sie mit einem wölfischen Grinsen. »Ich hab von einer Bauersfrau zehn Kupfermünzen dafür bekommen.« Elide runzelte finster die Stirn. »Das ist widerwärtig.« »Geld ist Geld. Ich nehme nicht an, dass du dir darüber Sorgen machen musst, bei all dem Gold, das du gebunkert hast.« Elide hielt seinem Blick stand. »Du hast heute ja selten gute Laune.« »Das kann passieren, wenn einem zwei Frauen und ein Mann für diese Nacht einen Platz in ihren Betten anbieten.« »Warum bist du dann hier?« Es kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte. Er betrachtete die hängenden Kugeln, den gewebten Teppich, das schwarze Tischtuch und dann Elides Hände, vernarbt und schwielig und klein, als sie die Tischkante umklammerten. »Würde es nicht deine Fassade ruinieren, wenn ich mich nachts mit jemand anderem fortschleichen würde? Man würde von dir erwarten, dass du mich hinauswirfst – dass du für den Rest deiner Zeit hier todunglücklich und zornig wärst.« »Du kannst ebenso gut deinen Spaß haben«, erwiderte sie. »Du wirst ohnehin bald fortgehen.« »Genau wie du«, rief er ihr ins Gedächtnis. Elide klopfte mit einem Finger auf das Tischtuch und der raue Stoff kratzte an ihrer Haut. »Was ist los?«, fragte er schroff. Als wäre es ihm lästig, höflich zu sein. »Nichts.« Aber es war natürlich nicht nichts. Sie wusste, warum sie diesen Richtungswechsel nach Norden hinausgezögert hatte, den unausweichlichen Abschied von dieser Gruppe und den letzten Marsch, den sie allein bewältigen musste. Sie schaffte es kaum, Eindruck bei einem Provinzzirkus zu machen. Was zum Teufel würde sie an einem Hof mit solch mächtigen Personen tun – vor allem ohne lesen zu können? Während Aelin Könige vernichten und Städte retten konnte, was zum Teufel würde sie tun, um ihren Wert zu beweisen? Ihre Kleider waschen? Ihr Geschirr spülen? »Marion«, sagte er rau. Sie schaute auf, überrascht, dass er noch da war. Lorcans dunkle Augen waren undurchdringlich in dem schwachen Licht. »Heute Abend waren jede Menge junger Männer da, die den Blick kaum von dir losreißen konnten. Warum amüsierst du dich nicht ein wenig mit ihnen?« »Wozu?«, fuhr sie ihn an. Der Gedanke, dass irgendein Fremder sie berührte, dass irgendein gesichtsloser, namenloser Mann sie im Dunkeln begrapschte … Lorcan regte sich nicht. Fast zu ruhig sagte er: »Als du in Morath warst, hat da jemand …« »Nein.« Sie wusste, was er meinte. »Nein – so weit kam es nicht.« Aber die Erinnerung an diese Männer, die sie berührt hatten, die über ihre Blöße gelacht hatten … sie schob den Gedanken beiseite. »Ich bin nie mit einem Mann zusammen gewesen. Hatte nie die Gelegenheit dazu oder das Interesse.« Er legte den Kopf schief und sein dunkles, seidiges Haar fiel ihm über sein Gesicht. »Bevorzugst du Frauen?« Sie blinzelte ihn an. »Nein – das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, was ich bevorzuge. Wie gesagt, ich hatte noch nie … ich hatte noch nie die Gelegenheit … das zu fühlen.« Verlangen, Lust, sie wusste es nicht. Und sie wusste nicht, wie oder warum sie bei diesem Gesprächsthema gelandet waren. »Warum nicht?« Und jetzt, da Lorcans beträchtliche Aufmerksamkeit auf ihr ruhte, und auch wegen der Art, wie er ihren rot geschminkten Mund betrachtet hatte, wollte Elide es ihm erzählen. Ihm von dem Turm und von Vernon und ihren Eltern erzählen. Und warum es, wenn sie jemals Verlangen verspüren sollte, die Folge davon sein würde, jemandem so sehr zu vertrauen, dass diese Gräuel verblassten, die Folge davon zu wissen, dass der Betreffende mit Händen und Füßen kämpfen würde, um ihr zu helfen, frei zu bleiben, und dass er sie niemals einsperren oder ihr wehtun oder sie verlassen würde. Elide öffnete den Mund. Da begannen die Schreie. *** Lorcan wusste nicht, warum zur Hölle er überhaupt in Marions lächerlichem kleinen Orakelzelt war. Er musste sich waschen, musste sich von dem Schweiß und dem Öl befreien und von dem Gefühl all dieser auf ihn gerichteten, gaffenden Blicke. Er hatte Marion in der Menge entdeckt, während er seine hundsmiserable Darbietung beendet hatte. Er hatte sie früher am Abend nicht gesehen, bevor sie diesen Kopfschmuck aufgesetzt hatte und in diese Gewänder geschlüpft war … Vielleicht lag es an der Schminke, dem dicken Kajalstift um ihre Augen, der Art, wie ihre rot bemalten Lippen ihren Mund aussehen ließen wie ein frisches Stück Obst, jedenfalls war sie ihm aufgefallen. Und ihm war auch aufgefallen, wie sie den Männern aufgefallen war. Einige hatten sie unverhohlen angestarrt, mit Staunen und Lust in den Augen, während Marion nichts ahnend am Rand der Menge gestanden und stattdessen Lorcan beobachtet hatte. Wunderschön. Nach einigen Wochen guter Ernährung und Sicherheit hatte sich die verängstigte, ausgezehrte junge Frau von hübsch zu wunderschön entwickelt. Er hatte seine Vorstellung früher beendet, und als er wieder aufgeschaut hatte, war Marion fort gewesen. Wie ein gottverdammter Hund hatte er ihre Witterung in der Menge aufgenommen und war ihr zurück zu diesem Zelt gefolgt. In den Schatten und schimmernden Lichtern darin, mit ihrem Kopfschmuck und den baumelnden Perlen und dunkelroten Gewändern … das fleischgewordene Orakel. Beherrscht, exquisit … und durch und durch verboten. Und er war so darauf konzentriert gewesen, sich innerlich dafür zu verfluchen, diesen sinnlichen, sündhaften Mund anzustarren, während sie zugab, noch unberührt zu sein, dass er nicht bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte, bis die Schreie einsetzten. Nein, er war zu beschäftigt damit gewesen, darüber nachzusinnen, welche Laute vielleicht aus diesem vollen Mund kommen würden, wenn er sie langsam und sanft in die Künste des Schlafzimmers einführte. Der Angriff, nahm Lorcan an, war Hellas Art, ihm zu sagen, er solle den Schwanz in seiner Hose lassen und den Kopf aus der Gosse. »Leg dich unter einen Wagen und bleib dort« , befahl er barsch, bevor er aus dem Zelt stürmte. Er wartete nicht ab, um zu sehen, ob sie gehorchte. Marion war klug – sie wusste, dass sie eine bessere Chance hatte zu überleben, wenn sie auf ihn hörte und sich ein Versteck suchte. Lorcan ließ seine Magie über das Zirkusgelände mit der in Panik geratenen Menge fegen – eine Woge dunkler, schrecklicher Macht, die sich wellenartig ausbreitete und dann zu ihm zurückeilte, um ihm zu sagen, was sie erspürt hatte. Seine Macht war erfreut, atemlos auf eine Weise, die er nur allzu gut kannte: Tod. An einer der Seiten des Platzes begannen die Ausläufer der kleinen Stadt. An der anderen waren ein Wäldchen und endlose Nacht – und Flügel. Hoch aufragende, sehnige Gestalten stürzten vom Himmel herab – seine Magie spürte vier von ihnen. Vier Ilken, die mit ausgefahrenen Krallen landeten und die fleischzerfetzenden Zähne bleckten. Die ledrigen Flügel wiesen sie, so schien es, als eine leichte Variation derjenigen aus, von denen sie im Oakwald verfolgt worden waren. Eine Abwandlung – oder die Verfeinerung eines bereits gnadenlosen Jägers. Die Leute rannten schreiend in Richtung Stadt, in Richtung der Deckung dunkler Felder dahinter. Jene fernen Feuer waren nicht von Bauern angezündet worden, um ihre leeren Felder abzubrennen. Sie waren entzündet worden, um den Himmel zu verhüllen, um den Geruch dieser Bestien zu verbergen. Vor ihm. Oder vor allen anderen Kriegern mit magischen Gaben. Marion. Sie machten Jagd auf Marion. Der Zirkus war das reinste Chaos, die Pferde wieherten und buckelten. Lorcan stürmte auf die vier Ilken zu, die im Herzen des Lagers gelandet waren, genau dort, wo er noch Minuten zuvor seine Vorstellung gegeben hatte, und er kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie einer auf einem fliehenden jungen Mann landete und ihn auf den Rücken warf. Der junge Mann schrie noch nach Göttern, die nicht antworteten, als der Ilken sich vorbeugte, eine lange Klaue zückte und mit einem glatten Streich seinen Bauch aufschlitzte. Er schrie noch immer, als der Ilken mit seinem verstümmelten Gesicht herabstieß und sich an seinem Fleisch gütlich tat. »Was in allen brennenden Höllen sind diese Bestien?« Es war Ombriel, ein Langschwert gezückt – und auf eine Art gepackt, die ihm sagte, dass sie wusste, wie man es benutzte. Nik kam hinter ihr hergedonnert, zwei grobe, halb verrostete Klingen in seinen fleischigen Händen. »Soldaten aus Morath«, sagte Lorcan knapp. Nik beäugte die Klinge und das Beil, die Lorcan gezückt hatte, und der versuchte gar nicht erst, so zu tun, als wisse er nicht, wie man damit umging, sondern erklärte mit kalter Präzision: »Kaum eine Form der Magie wird sie aufhalten – nur eine Enthauptung kann sie wirklich erledigen.« »Sie sind fast zweieinhalb Meter groß«, murmelte Ombriel mit bleichem Gesicht. Lorcan überließ sie ihren Einschätzungen und Ängsten und trat in den Ring aus Licht mitten im Lager, gerade als die vier Ilken damit fertig waren, mit dem jungen Mann zu spielen. Der Mensch lebte noch und flehte stumm um Hilfe. Lorcan schickte seine Macht aus und hätte schwören können, dass der junge Mann einen Ausdruck von Dankbarkeit in den Augen hatte, als der Tod ihn zur Begrüßung küsste. Die Ilken sahen alle gleichzeitig auf und zischten leise. Blut rann an ihren Zähnen hinab. Lorcan tauchte tief in seine Macht ein und bereitete sich darauf vor, sie abzulenken und zu verwirren, sollte ihre Resistenz gegen Magie sich bewahrheiten. Vielleicht würde Marion Zeit haben wegzulaufen. Der Ilken, der den Bauch des jungen Mannes aufgerissen hatte, sagte zu ihm – und ein Lachen tanzte auf seiner grauen Zunge: »Hast du hier das Sagen?« Lorcan antwortete mit einem schlichten »Ja.« Die Frage verriet ihm genug. Sie wussten nicht, wer er war, kannten seine Rolle bei Marions Flucht nicht. Die vier Ilken lächelten. »Wir suchen nach einem Mädchen. Es hat einen der Unseren ermordet – und noch ein paar andere.« Sie gaben ihr die Schuld am Tod der Ilken vor all jenen Wochen? Oder war das ein Vorwand, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen? »Wir haben sie bis zur Brücke über den Acanthus verfolgt … sie könnte sich hier verstecken, unter euren Leuten.« Ein Hohngrinsen. Lorcan sandte Nik und Ombriel den stummen Befehl, den Mund zu halten. Wenn sie auch nur Anstalten machten, sie zu verraten, würde das Beil in seinen Händen sich bewegen. »Sucht bei einem anderen Zirkus. Wir haben diese Truppe schon seit Monaten beisammen.« »Sie ist klein«, fuhr der Ilken fort, dessen allzu menschliche Augen flackerten. »Hat ein verkrüppeltes Bein.« »So jemanden kennen wir nicht.« Sie würden sie bis ans Ende der Welt verfolgen. »Dann reiht eure Truppe auf, damit wir sie inspizieren können.« Sie gehen lassen. Sie mustern. Nach einer dunkelhaarigen hinkenden jungen Frau suchen. »Ihr habt sie alle verschreckt. Es könnte Tage dauern, bis sie zurückkehren. Und noch einmal«, fügte Lorcan hinzu und schwang das Beil ein wenig höher, »es gibt niemanden in meiner Wagenkolonne, auf den eine solche Beschreibung passt.« Hinter ihm blieben Nik und Ombriel stumm, ihr Entsetzen ein Gestank, der sich ihm die Nase hinaufstieß. Lorcan sandte Marion den stummen Befehl, in ihrem Versteck zu bleiben. Der Ilken lächelte – das grauenvollste Lächeln, das Lorcan in all seinen Jahrhunderten gewahrt hatte. »Wir haben Gold.« In der Tat, der Ilken neben ihm hatte einen Hüftbeutel, der sichtlich schwer war. »Ihr Name ist Elide Lochan. Ihr Onkel ist der Lord von Perranth. Er wird dich großzügig belohnen, wenn du sie auslieferst.« Die Worte trafen Lorcan wie Steine. Marion – Elide – hatte … gelogen. Hatte es geschafft, dass er die Lüge an ihr nicht einmal gewittert hatte, sie mit genug Wahrheiten und ihrer eigenen allgemeinen Furcht gespickt, dass die Fährte verborgen blieb. »Wir kennen niemanden mit einem solchen Namen«, wiederholte Lorcan. »Ein Jammer«, gurrte der Ilken. »Denn wenn ihr sie in eurer Truppe hättet, würden wir sie mitnehmen und einfach gehen. Aber so …« Der Ilken lächelte seine drei Gefährten an und ihre dunklen Flügel raschelten. »Nun sieht es so aus, als wären wir sehr weit für nichts und wieder nichts geflogen. Und wir haben großen Hunger.« 41 E lide hatte sich in ein geheimes Bodenfach in dem größten der Wagen hineingezwängt und betete, dass niemand sie entdeckte. Oder anfing, das Lager in Brand zu stecken. Ihre hektische Atmung war das einzige Geräusch. Die Luft wurde stickig und heiß, ihre Beine zitterten und bekamen Krämpfe, weil sie wie ein Ball zusammengerollt dalag, aber immer noch wartete sie, immer noch blieb sie versteckt. Lorcan war hinausgelaufen – er hatte sich einfach ins Getümmel gestürzt. Sie war rechtzeitig aus dem Zelt geflohen, um zu sehen, wie vier Ilken – geflügelte Ilken – über das Lager herfielen. Sie war nicht lange genug geblieben, um zu sehen, was danach geschah. Zeit verstrich – Minuten oder vielleicht Stunden, sie konnte es nicht sagen. Sie war schuld. Sie hatte diese Kreaturen hierhergeführt, zu diesen Leuten, zu der Wagengruppe … Die Schreie wurden lauter, dann erstarben sie. Dann nichts mehr. Lorcan konnte tot sein. Alle konnten tot sein. Sie spitzte die Ohren und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen, um auf irgendwelche Lebenszeichen zu lauschen, auf irgendwelche Aktivitäten außerhalb ihres kleinen, heißen Verstecks. Zweifellos war es normalerweise für Schmuggelware reserviert – und ganz und gar nicht für ein menschliches Wesen gedacht. Sie konnte sich nicht mehr sehr lange verstecken. Wenn die Ilken alle anderen abgeschlachtet hatten, würden sie nach ihr suchen. Wahrscheinlich konnten sie sie wittern. Sie würde die Flucht ergreifen müssen. Würde ausbrechen müssen und zu den dunklen Feldern rennen und beten, dass niemand sonst dort draußen wartete. Ihre Füße und Waden waren vor einigen Minuten taub geworden und kribbelten jetzt unablässig. Es war sehr gut möglich, dass sie nicht würde laufen können, und ihr dummes, nutzloses Bein … Sie lauschte abermals und betete zu Anneith, dass der Ilken seine Aufmerksamkeit auf einen anderen Ort richten möge. Nur Schweigen begrüßte sie. Kein Geschrei mehr. Jetzt. Sie sollte ihr Versteck jetzt verlassen, solange sie den Schutz der Dunkelheit hatte. Elide ließ ihrer Furcht keinen weiteren Moment Zeit, um ihr Gift ins Blut zu wispern. Sie hatte Morath überlebt, hatte wochenlang allein überlebt. Sie würde es schaffen, sie musste es schaffen, und es würde ihr nicht das Geringste ausmachen, die gottverdammte Tellerwäscherin der Königin zu sein, wenn es bedeutete, dass sie leben durfte … Elide streckte die Glieder, und ihre Schultern schmerzten, als sie leise die Falltür hochdrückte und der kleine Teppich zurückrutschte. Sie besah sich das Innere des Wagens – die leeren Bänke auf beiden Seiten –, dann betrachtete sie die Nacht, die dahinter lockte. Licht ergoss sich vom Lager hinter ihr, aber vor ihr … ein Meer aus Schwärze. Das Feld war vielleicht zehn Meter entfernt. Elide zuckte zusammen, als das Holz stöhnte, während sie die Falltür hoch genug stemmte, um bäuchlings über die Dielenbretter zu rutschen. Aber ihr Gewand verfing sich und stoppte sie jäh. Elide knirschte mit den Zähnen und zerrte blind an dem Stoff. Aber er hatte sich in dem Zwischenraum verheddert. Anneith möge ihr beistehen … »Sag mir«, erklang eine gedehnte, tiefe Männerstimme hinter ihr, ungefähr vom Fahrersitz aus, »was hättest du getan, wenn ich ein Ilken wäre?« Vor Erleichterung wurden ihre Knochen butterweich und Elide unterdrückte ihr Schluchzen. Sie drehte sich um und sah Lorcan mit schwarzem Blut bedeckt auf der Bank hinter dem Fahrersitz hocken, die Beine von sich gestreckt. Seine Axt und sein Schwert lagen achtlos neben ihm, ebenfalls bedeckt mit diesem schwarzen Blut, und Lorcan kaute müßig an einem langen Weizenhalm, während er die Wand des Wagens betrachtete. »An deiner Stelle hätte ich mich wahrscheinlich als Erstes dieses Gewands entledigt«, überlegte Lorcan laut und immer noch, ohne sie anzusehen. »Wenn du damit rennst, würdest du platt aufs Gesicht fallen – und das Rot wäre gerade so, als würdest du die Essensglocke läuten.« Sie zerrte erneut an dem Gewand und endlich riss der Stoff. Mit finsterer Miene klopfte sie auf die Stelle, wo er sich gelöst hatte, und fand ein loses Teil der Holzdielen. »Das Zweite, was ich vielleicht getan hätte«, fuhr Lorcan fort und machte sich nicht einmal die Mühe, das Blut wegzuwischen, das ihm aufs Gesicht gespritzt war, »wäre gewesen, mir die gottverdammte Wahrheit zu sagen. Hast du gewusst, dass diese Ilken-Bestien sehr überzeugend sein können? Und sie haben mir einige sehr, sehr interessante Dinge erzählt.« Der Blick seiner dunklen Augen wanderte endlich zu ihr, durch und durch grimmig. »Aber du hast mir nicht die Wahrheit gesagt, nicht wahr, Elide?« *** Sie riss die Augen auf, ihr Gesicht bar jeder Farbe unter der Schminke. Sie hatte den Kopfschmuck irgendwo verloren und ihr dunkles Haar befreite sich aus einigen seiner Klammern, als sie aus dem versteckten Fach kletterte. Lorcan beobachtete jede Bewegung, schätzte ab und taxierte und debattierte, was genau er mit ihr machen sollte. Lügnerin. Schlaue kleine Lügnerin. Elide Lochan, die rechtmäßige Herrin von Perranth, kroch heraus, schlug die Falltür zu und funkelte ihn auf dem Boden kniend an. Er funkelte zurück. »Warum hätte ich dir vertrauen sollen«, sagte sie mit beeindruckender Kälte, »da du mich im Wald tagelang verfolgt hattest? Warum hätte ich dir auch nur das Geringste von mir erzählen sollen, als du mich an den Meistbietenden hättest verkaufen können?« Sein Körper schmerzte; sein Kopf pochte von dem Gemetzel, das zu überleben ihm mit knapper Not gelungen war. Die Ilken waren gefallen – aber nicht aus freien Stücken. Und der, den er am Leben erhalten hatte, der, den zu töten ihn Nik und Ombriel angefleht hatten, hatte ihm tatsächlich nur sehr wenig erzählt. Doch Lorcan hatte beschlossen, dass seine Ehefrau nichts davon zu wissen brauchte. Hatte beschlossen, dass es an der Zeit war zu sehen, was sie vielleicht offenbaren würde, wenn er sie mit ein paar eigenen Lügen narrte. Elide betrachtete seine Waffen, das stinkende Blut, das ihn wie Öl bedeckte. »Du hast sie alle getötet?« Er nahm den Weizenhalm aus dem Mund. »Denkst du, ich würde hier sitzen, wenn es nicht so wäre?« Elide Lochan war nicht bloß irgendein Mensch, der versuchte, in sein Heimatland zurückzukehren und seiner Königin zu dienen. Sie war eine Lady von adeligem Geblüt, die zu diesem Feuer spuckenden Miststück im Norden zurückkehren wollte, um ihr alles an Hilfe anzubieten, was sie anzubieten hatte. Sie und Aelin würden gut zueinanderpassen, befand er. Die Lügnerin mit dem süßen Gesicht und die unerträgliche, arrogante Prinzessin. Elide sackte auf der Bank in sich zusammen und massierte sich Füße und Waden. »Ich riskiere meinen Hals für dich«, sagte er zu leise, »und doch hast du dich dafür entschieden, mir nicht zu erzählen, dass dein Onkel kein bloßer Kommandant in Morath ist, sondern Erawans rechte Hand – und dass du sein wertvollster Besitz bist.« »Ich habe dir genug von der Wahrheit erzählt. Es macht keinen Unterschied, wer ich bin. Und ich bin niemandes Besitz.« Sein Temperament zerrte an der Leine, die kurz zu halten er sich große Mühe gegeben hatte, bevor er ihrer Witterung zu diesem Wagen gefolgt war. Draußen packten die anderen hastig ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich bereit, in die Nacht hinauszufliehen, bevor die Dorfbewohner beschlossen, ihnen die Schuld an der Katastrophe zu geben. »Es macht sehr wohl einen Unterschied, wer du bist. Da deine Königin auf dem Vormarsch ist, weiß dein Onkel, dass sie einen hohen Preis bezahlen würde, um dich zurückzubekommen. Du bist nicht nur ein Zuchtobjekt – du bist ein Verhandlungsgegenstand. Du könntest sehr gut das sein, was dieses Miststück in die Knie zwingt.« Zorn blitzte in ihren feinen Zügen auf. »Auch du hütest jede Menge Geheimnisse, Lorcan .« Sie spie seinen Namen aus wie einen Fluch. »Und ich habe immer noch nicht entschieden, ob ich es beleidigend oder amüsant finde, dass du denkst, ich wäre zu dumm, um es zu bemerken. Dass du gedacht hast, ich wäre ein von Furcht verwirrtes Mädchen, zu dankbar für die Gegenwart eines solch starken, düsteren Kriegers, um mich auch nur zu fragen, warum du überhaupt dort warst oder was du wolltest oder welche Interessen du bei alledem verfolgst. Ich habe dir genau das gegeben, was du sehen wolltest: eine verlorene junge Frau, die Hilfe brauchte, vielleicht ganz geschickt im Lügen und Täuschen ist, aber unterm Strich nicht wert, mehr als ein paar Sekunden beachtet zu werden. Und du in all deiner unsterblichen Arroganz hast nicht lange überlegt. Warum solltest du auch, wenn Menschen doch so nutzlos sind? Warum solltest du dir auch die Mühe machen, wenn du geplant hattest, mich sowieso im Stich zu lassen, sobald du hattest, was du brauchtest?« Lorcan blinzelte und stemmte die Füße auf den Boden. Sie wich keinen Zentimeter zurück. Er erinnerte sich nicht, wann das letzte Mal jemand so mit ihm gesprochen hatte. »Ich wäre vorsichtig mit dem, was du zu mir sagst.« Elide bedachte ihn mit einem hasserfüllten kleinen Lächeln. »Sonst was ? Du verkaufst mich nach Morath? Benutzt mich als Eintrittskarte?« »Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber danke für die Idee.« Sie schluckte schwer, das einzige Zeichen ihrer Furcht. Und sie sagte deutlich und ohne eine Spur von Zögern: »Wenn du versuchst, mich nach Morath zu bringen, werde ich meinem Leben ein Ende setzen, noch bevor du mich über die Brücke der Festung tragen kannst.« Es war diese Drohung, dieses Versprechen, das seinen Ärger bezähmte, seine absolute Rage , dass … dass sie tatsächlich seine Erwartungen an sie bedient hatte, seine Arroganz und Vorurteile. Bedächtig erwiderte er: »Was trägst du da bei dir, dass sie so gnadenlos Jagd auf dich machen? Nicht dein adeliges Blut, nicht deine Magie und deine mögliche Verwendung zur Zucht. Der Gegenstand, den du bei dir trägst – was ist es?« Vielleicht war es eine Nacht für die Wahrheit, vielleicht schwebte der Tod dicht genug über ihr, um sie ein wenig verwegen zu machen, aber Elide sagte: »Es ist ein Geschenk – für Celaena Sardothien. Von einer Frau, die in Morath gefangen gehalten wurde, die lange gewartet hat, um sich für eine frühere Freundlichkeit zu revanchieren. Darüber hinaus weiß ich nicht mehr.« Ein Geschenk für die Assassinin – nicht die Königin. Vielleicht nichts Bemerkenswertes, aber … »Zeig es mir.« »Nein.« Wieder starrten sie einander nieder. Wenn er wollte, musste er nur warten, bis sie schlief, dann konnte er es sich nehmen und verschwinden. Sehen, weshalb sie es so sehr beschützte. Aber er wusste … ein kleiner, dummer Teil von ihm wusste, wenn er dieser Frau, der bereits so viel gestohlen worden war, etwas wegnahm … er wusste, dass es davon wohl keinen Weg zurück gab. Er hatte im Laufe der Jahrhunderte so viele schändliche, bösartige Dinge getan und keinen Gedanken daran verschwendet. Er hatte sie genossen, sie ausgekostet, die Grausamkeit. Doch jetzt … es gab eine Grenze. Irgendwie … irgendwie gab es hier eine gottverdammte Grenze. Sie schien seine Entscheidung zu spüren, mit der Gabe, die sie besaß, worin auch immer die bestehen mochte. Ihr Schultern sackten herab und sie starrte abwesend auf die Plane, als die Geräusche ihrer Gruppe jetzt näher kamen, ihr Drängen, sich zu beeilen, zusammenzupacken und zurückzulassen, was sie entbehren konnten. Leise murmelte Elide: »Marion war der Name meiner Mutter. Sie hat ihr Leben geopfert, um Aelin Galathynius vor ihrem Mörder zu retten. Meine Mutter hat Aelin Zeit verschafft, um wegzulaufen – zu fliehen, damit sie eines Tages zurückkehren würde, um uns alle zu retten. Vernon, mein Onkel, hat zugeschaut und gelächelt, als mein Vater, der Lord von Perranth, draußen vor unserer Burg hingerichtet wurde. Dann nahm er den Titel und die Ländereien und das Haus meines Vaters. Und während der nächsten zehn Jahre hat mein Onkel mich im höchsten Turm von Perranth eingesperrt, nur mit meiner Amme als Gesellschaft. Als ich mir Fuß und Knöchel brach, hat er den Heilern nicht genug vertraut, um ihnen zu erlauben, mich zu behandeln. Er hat die Turmfenster vergittert, damit ich mich nicht umbringe, und meine Knöchel in Ketten gelegt, um mich daran zu hindern wegzulaufen. Ich bin zum ersten Mal in einem Jahrzehnt herausgekommen, als er mich in einen Gefängniswagen gestoßen und nach Morath geschafft hat. Dort hat er mich als Dienerin arbeiten lassen – zur Demütigung und um Schrecken zu verbreiten, beides Gefühle, die er sehr genießt. Ich habe jeden Tag an Flucht gedacht und von ihr geträumt. Und als die Gelegenheit kam, habe ich meine Chance ergriffen. Ich wusste nichts von den Ilken, hatte nur Gerüchte über fürchterliche Dinge gehört, die in den Bergen jenseits der Festung gezüchtet wurden. Ich besitze kein Land, kein Geld, keine Armee, die ich Aelin Galathynius anbieten könnte. Aber ich werde sie finden – und ihr auf jede Weise helfen, auf die ich helfen kann. Und sei es auch nur, um zu verhindern, dass ein einziges Mädchen, nur eines , jemals das erdulden muss, was ich erduldet habe.« Er verdaute langsam die Wahrheit ihrer Worte. Ließ sie seine Sicht dieser jungen Frau korrigieren. Seine … Pläne. Lorcan sagte rau: »Ich bin über fünfhundert Jahre alt. Ich habe Königin Maeve von den Fae einen Blutschwur geleistet und ich bin ihr Stellvertreter. Ich habe in ihrem Namen große und schreckliche Dinge getan und ich werde noch mehr davon tun, bevor der Tod mich holt. Ich bin als Bastard auf den Straßen von Doranelle zur Welt gekommen, bin frei mit den anderen verstoßenen Kindern herumgelaufen, bis ich begriff, dass meine Talente von anderer Art waren. Maeve hat es ebenfalls bemerkt. Ich kann schneller töten – ich kann es spüren, wenn der Tod nahe ist. Ich glaube, meine Magie ist Tod, geschenkt von Hellas persönlich. Ich bin im Namen meiner Königin in diesem Land – obwohl ich ohne ihre Erlaubnis hergekommen bin. Es ist durchaus möglich, dass sie Jagd auf mich macht und mich dafür tötet. Wenn ihre Garde eintrifft, um nach mir zu suchen, ist es in deinem eigenen Interesse, so zu tun, als wüsstest du nicht, wer und was ich bin.« Da war noch mehr, aber Elide hatte ebenfalls weitere Geheimnisse. Für den Moment hatten sie einander genug geboten. Ihre Witterung veränderte sich nicht – keinerlei Furcht lag darin, nicht einmal ein Anflug davon. Elide sagte bloß: »Hast du Familie?« »Nein.« »Hast du Freunde?« »Nein.« Sein Kommando von Kriegern zählte nicht. Der gottverdammte Whitethorn hatte sich darum anscheinend auch nicht geschert, als er sie im Stich gelassen hatte, um Aelin Galathynius zu dienen; Fenrys machte kein Geheimnis daraus, dass er den Bund hasste; Vaughan war kaum je in der Nähe; Gavriels unerschütterliche Zurückhaltung konnte er nicht ausstehen; und Connall war die meiste Zeit zu sehr damit beschäftigt, wie ein Tier mit Maeve zu rammeln. Elide legte den Kopf schief und ihr Haar fiel ihr übers Gesicht. Beinahe hätte er eine Hand ausgestreckt, um es ihr zurückzustreichen und in ihren dunklen Augen zu lesen. Aber seine Hände waren mit diesem dreckigen Blut bedeckt. Und er hatte das Gefühl, dass Elide Lochan nicht den Wunsch hatte, berührt zu werden, es sei denn, sie bat darum. »Dann«, murmelte sie, »sind du und ich zumindest in dieser Hinsicht gleich.« Keine Familie, keine Freunde. Es war ihm nicht gar so jämmerlich erschienen, bis sie es laut ausgesprochen hatte, bis er sich plötzlich selbst mit ihren Augen sah. Aber Elide zuckte die Achseln und erhob sich auf die Füße, als Mollys bellende Stimme in der Nähe erklang. »Du solltest dich säubern – du siehst wieder aus wie ein Krieger.« Er war sich nicht sicher, ob sie das als Kompliment meinte. »Nik und Ombriel haben dummerweise begriffen, dass du und ich vielleicht nicht das sind, was wir zu sein scheinen.« Beunruhigt blitzten ihre Augen auf. »Sollen wir fortgehen …« »Nein. Sie werden unsere Geheimnisse hüten.« Und sei es auch nur, weil sie gesehen hatten, was Lorcan mit diesen Ilken angestellt hatte, und genau wussten, was er mit ihnen tun konnte, wenn sie auch nur falsch in ihre Richtung atmeten. »Wir können noch ein Weilchen bleiben, bis wir weit genug von hier weg sind.« Elide nickte und sie hinkte stärker, als sie zum hinteren Teil des Wagens ging. Sie setzte sich auf die Kante, ehe sie herunterkletterte, ihr zerstörter Knöchel zu schwach und schmerzhaft, um jemals zu springen. Doch sie bewegte sich mit stiller Würde und zischte nur etwas, als ihr Fuß den Boden berührte. Lorcan beobachtete, wie sie in die Nacht hineinhumpelte, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Und er fragte sich, was zum Teufel er hier tat. 42 D er Tod roch nach Salz und Blut und Holz und Fäulnis. Und er schmerzte. Die Finsternis mochte sie umarmen, er schmerzte höllisch. Die Alten hatten gelogen, dass der Tod alle Krankheiten heile, wenn es nach dem schneidenden Schmerz in ihrem Unterleib ging. Ganz zu schweigen von dem hämmernden Kopfweh, der Trockenheit ihres Mundes und dem Brennen des Schnittes an ihrem Arm. Vielleicht war die Finsternis eine andere Welt, ein anderes Reich. Vielleicht war sie im Höllenreich gelandet, das die Menschen so sehr fürchteten. Sie hasste den Tod. Und der Tod konnte ebenfalls zur Hölle gehen … *** Manon Blackbeak öffnete Lider, die zu schwer waren und zu sehr brannten, und blinzelte gegen das flackernde Laternenlicht an, das auf den Holzpaneelen des Raums, in dem sie lag, hin und her schwankte. Kein richtiges Schlafzimmer, begriff sie wegen des Gestanks nach Salz und des Schaukelns und Knarrens der Welt um sie herum. Eine Kabine – auf einem Schiff. Eine kleine, schäbige Kabine mit kaum Platz für dieses Bett, einem Bullauge, das zu klein war, als dass sie ihre Schultern hätte hindurchzwängen können … Sie fuhr hoch. Abraxos. Wo war Abraxos … »Bleib ruhig«, erklang eine allzu vertraute Frauenstimme aus dem umschatteten Bereich am Fußende des Bettes. Der Schmerz loderte in Manons Bauch auf, eine verzögerte Reaktion auf ihre plötzliche Bewegung, und sie schaute zwischen den weißen Verbänden, über die jetzt ihre Finger kratzten, und der jungen Königin hin und her, die sich in dem Sessel an der Tür lümmelte. Schaute zwischen der Frau und den Ketten hin und her, die jetzt um Manons Handgelenke und Knöchel lagen – in den Wänden verankert in offenbar frisch gebohrten Löchern. »Sieht so aus, als würdest du mir schon wieder dein Leben schulden, Blackbeak«, sagte Aelin Galathynius mit kaltem Humor in ihren türkisfarbenen Augen. Elide. Hatte Elide es hierher geschafft …? »Deinem überbesorgten Kindermädchen von einem Wyvern geht es übrigens gut. Ich weiß nicht, wie du zu einem so süßen Ding als Reittier gekommen bist, aber er ist damit zufrieden, sich auf dem Vorderdeck in der Sonne zu aalen. Ich kann nicht behaupten, dass die Seeleute besonders glücklich darüber sind – vor allem wenn sie hinter ihm sauber machen müssen.« Irgendwohin, wo es sicher ist , hatte sie Abraxos gesagt. Hatte er die Königin gefunden? Irgendwie gewusst, dass dies der einzige Ort war, an dem sie vielleicht eine Chance hatte zu überleben? Aelin setzte die Füße auf den Boden und ihre Stiefel machten ein leises, dumpfes Geräusch. Manon spürte, dass die Frau keinerlei Geduld mehr für irgendwelche Märchen hatte, was beim letzten Mal noch nicht so gewesen war, als Manon sie getroffen hatte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte Manons Bauch und sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu zischen. »Wer immer dir diese Wunde verpasst hat, meinte es ernst«, sagte die Königin. »Häusliche Probleme?« Es ging die Königin nichts an, und auch sonst niemanden. »Lass mich genesen und dann ziehe ich meiner Wege«, schnarrte Manon, ihre Zunge ausgetrocknet und schwer. »Oh nein«, schnurrte Aelin. »Du gehst nirgendwohin. Dein Reittier darf tun, was immer es möchte, aber du bist jetzt offiziell unsere Gefangene.« Manon schwirrte der Kopf, aber sie zwang sich zu sagen: »Unsere?« Ein wissendes kleines Lächeln. Dann erhob sich die Königin anmutig. Ihr Haar war länger, ihr Gesicht schmaler, die türkisfarbenen Augen hart und gehetzt. Die Königin antwortete schlicht: »Folgendes sind die Regeln, Blackbeak. Wenn du zu fliehen versuchst, stirbst du. Wenn du irgendjemanden verletzt, stirbst du. Wenn du einen von uns in Schwierigkeiten bringst … ich glaube, du verstehst, worauf ich hinauswill. Mach einen einzigen falschen Schritt, und ich vollende, was wir an jenem Tag im Wald begonnen haben, Lebensschuld hin oder her. Diesmal brauche ich dafür keinen Stahl.« Während sie sprach, schienen goldene Flammen in ihren Augen zu flackern. Und Manon begriff mit nicht geringer Erschütterung und selbst unter Schmerzen, dass die Königin sie tatsächlich töten konnte, bevor sie nah genug an sie herankam, um sie ihrerseits zu erledigen. Aelin wandte sich zur Tür um und legte ihre vernarbte Hand auf den Knauf. »Ich habe Eisensplitter in deinem Bauch gefunden, bevor ich dich geheilt habe. Ich schlage vor, du belügst die Person nicht, die es ertragen kann, lange genug in deiner Nähe zu verweilen, um sich die ganze Geschichte anzuhören.« Sie deutete mit dem Kinn auf den Boden. Dort standen ein Krug und ein Glas. »Wasser findest du neben dem Bett. Falls du drankommst.« Dann war sie fort. Manon lauschte, während die gleichmäßigen Schritte verklangen. Es waren keine anderen Stimmen oder Geräusche zu hören, abgesehen vom Plätschern der Wellen gegen das Schiff, vom Ächzen von Holz und von dem Geschrei der Möwen. Dann mussten sie also immer noch in Reichweite der Küste sein. Und segelten wohin …? Sie würde es herausfinden müssen. Sobald sie genesen war. Sobald sie diese Eisen loswerden konnte. Sobald sie auf Abraxos steigen konnte. Aber wohin sollte sie gehen? Zu wem? Es gab keinen Horst, der sie aufnehmen würde, keinen Klan, der ihr Zuflucht vor ihrer Großmutter gewähren würde. Und die Dreizehn … Wo war sie jetzt? Hatte man Jagd auf sie gemacht? Manons Bauch brannte, aber sie griff nach dem Wasser. Schmerz durchzuckte sie so heftig, dass sie nach einem Moment aufgab. Sie hatte zweifellos gehört, was sie war. Die Dreizehn hatte es gehört. Nicht bloß eine Halbblut-Crochan, sondern die letzte Crochan-Königin. Und ihre Schwester … ihre Halbschwester … Manon starrte zu der dunklen, hölzernen Decke empor. Sie spürte das Blut dieser Crochan an den Händen. Und dieser rote Umhang hing über der Bettkante. Der Umhang ihrer Schwester. Den ihre Großmutter sie zu tragen gezwungen hatte, wohl wissend, wem er gehörte, wohl wissend, wessen Kehle Manon aufgeschlitzt hatte. Nicht länger die Blackbeak-Erbin, Crochan-Blut hin oder her. Verzweiflung schlang sich wie eine Katze um den Schmerz in Manons Bauch. Sie war nichts und niemand. Sie erinnerte sich nicht daran, wie sie wieder eingeschlafen war. *** Die Hexe schlief erneut drei Tage lang, nachdem Aelin berichtet hatte, dass sie erwacht war. Dorian ging jedes Mal mit Rowan und der Königin in die enge Kabine, wenn sie die Hexe ein wenig mehr heilten, und beobachtete, wie sie ihre Magie wirkten. Allerdings wagte er es nicht, seine eigene Magie bei der bewusstlosen Blackbeak einzusetzen … Selbst im bewusstlosen Zustand war jeder Atemzug Manons, jedes Zucken eine Erinnerung daran, dass sie ein geborenes Raubtier war, ihr quälend schönes Gesicht eine kalkulierte Maske, um die Unvorsichtigen ins Verderben zu locken. Irgendwie kam es ihm passend vor, wenn man bedachte, dass sie wahrscheinlich alle in ihr Verderben segelten. Als die beiden Schiffe Rolfes sie an der Küste Eyllwes entlang eskortierten, hatten sie reichlich Abstand zum Ufer gehalten. Ein übler Sturm hatte sie gezwungen, bei der kleinen Inselgruppe jenseits der Gewässer von Leriba vor Anker zu gehen, und sie hatten nur überlebt, weil Rowans eigene Winde sie abgeschirmt hatten. Die meisten von ihnen hatten trotzdem die ganze Zeit mit dem Kopf über einem Eimer gehangen. Ihn selbst eingeschlossen. Sie näherten sich jetzt Banjali – und Dorian hatte vergeblich versucht, nicht bei jeder Meile, die sie der schönen Stadt näher kamen, an seine tote Freundin zu denken. Hatte vergeblich versucht, nicht zu überlegen, ob Nehemia auf ebendiesem Schiff bei ihnen gewesen wäre, wenn die Dinge nicht so schrecklich schiefgegangen wären. Hatte vergeblich versucht, nicht darüber nachzudenken, ob diese Berührung, mit der sie ihn einst bedacht hatte – das Wyrdzeichen, das sie auf seine Brust gemalt hatte –, irgendwie seine Macht geweckt hatte. Ob es ebenso ein Fluch wie ein Segen gewesen war. Er hatte nicht den Mut gehabt, Aelin zu fragen, was sie empfand, obwohl er sie regelmäßig dabei beobachtete, wie sie zur Küste starrte – die man vom Schiff aus nicht wirklich sehen konnte. Eine Woche noch – vielleicht weniger, wenn Rowans Magie half – würde sie an den Ostrand der Stone Marshes bringen. Und sobald sie in Reichweite waren, würden sie Rolfes vagen Wegbeschreibungen vertrauen müssen, um sie zu leiten. Und Melisandes Armada zu entgehen – nun Erawans Armada, vermutete er –, die gleich auf der anderen Seite der Halbinsel im Golf von Oro wartete. Aber für den Moment … hatte Dorian Wachdienst in Manons Kabine, denn keiner von ihnen ging irgendwelche Risiken ein, soweit es die Blackbeak-Erbin betraf. Er räusperte sich, als ihre Augenlider zuckten und ihre dunklen Wimpern sich bewegten – und sich dann zur Gänze hoben. Goldene, vom Schlaf getrübte Augen schauten in seine. »Hallo, meine kleine Hexe«, sagte er. Ihr voller, sinnlicher Mund verzog sich leicht, ob zu einer unterdrückten Grimasse oder zu einem Lächeln, konnte er nicht erkennen. Aber sie setzte sich auf, ihr mondweißes Haar fiel nach vorn und ihre Ketten klirrten. »Hallo, mein kleiner Prinz«, erwiderte sie. Götter, ihre Stimme war wie Schmirgelpapier. Er schaute zu dem Wasserkrug. »Möchtet Ihr etwas trinken?« Manon musste vollkommen ausgetrocknet sein. Sie waren kaum in der Lage gewesen, ihr mal ein Schlückchen in die Kehle zu gießen, weil sie nicht hatten riskieren wollen, dass sie sich verschluckte oder jene Eisenzähne ausfuhr. Manon musterte den Krug und dann Dorian. »Bin ich auch Eure Gefangene?« »Meine Lebensschuld ist beglichen«, erwiderte er schlicht. »Ihr seid überhaupt nichts für mich.« »Was ist passiert?«, krächzte sie. Keine Frage, sondern ein Befehl, aber er ließ ihn zu. Er füllte das Glas und versuchte, nicht den Eindruck zu erwecken, als berechnete er die Reichweite dieser Ketten, als er es ihr gab. Keine Spur von ihren Eisennägeln, als sich ihre schlanken Finger um den Becher schlangen. Sie zuckte leicht zusammen, als sie das Glas an ihre immer noch bleichen Lippen führte und trank. Und trank. Sie leerte das Gefäß. Dorian füllte es für sie nach. Einmal. Zweimal. Dreimal. Als sie endlich fertig war, sagte er: »Euer Wyvern ist wie ein Pfeil direkt auf uns zugeflogen. Ihr seid knapp fünfzig Meter von unserem Schiff entfernt aus dem Sattel gerutscht und ins Wasser gefallen. Wie er uns gefunden hat, wissen wir nicht. Wir haben Euch aus dem Wasser gezogen – Rowan selbst musste auf dem Deck vorübergehend Euren Bauch verbinden, bevor wir Euch auch nur hier hinuntertransportieren konnten. Es ist ein Wunder, dass Ihr nicht allein am Blutverlust gestorben seid. Ganz zu schweigen von einer Infektion. Wir hatten Euch eine Woche lang hier unten und Aelin und Rowan haben Euch versorgt – sie mussten Euch an manchen Stellen wieder aufschneiden, um das verfaulte Fleisch herauszuholen. Seitdem seid Ihr immer wieder bewusstlos gewesen.« Dorian war nicht danach zumute zu erwähnen, dass er derjenige gewesen war, der ins Wasser gesprungen war. Er hatte einfach gehandelt, so wie Manon gehandelt hatte, als sie ihn in seinem Turm gerettet hatte. Er schuldete ihr nichts Geringeres. Lysandra hatte sie Sekunden später in ihrer Meeresdrachengestalt erreicht und er hatte die vom Wasser beschwerte Manon in den Armen gehalten, während er auf den Rücken der Gestaltwandlerin geklettert war. Die Hexe war so bleich gewesen, und die Wunde in ihrem Bauch … bei ihrem Anblick hätte er beinahe sein Frühstück verloren. Sie hatte ausgesehen wie ein Fisch, den man schlampig versucht hatte auszuweiden. Das hatte auch Aelin eine Stunde später bestätigt, als sie einen kleinen Metallsplitter hochgehalten hatte, von jemandem mit sehr, sehr scharfen Eisennägeln. Keiner von ihnen hatte erwähnt, dass es vielleicht eine Strafe gewesen sein könnte – dafür, dass sie ihn gerettet hatte. Manon sah sich mit Augen, die sich schnell klärten, abschätzend in der Kabine um. »Wo sind wir?« »Auf dem Meer.« Aelin hatte ihm befohlen, ihr keine Informationen über ihre Pläne oder ihren Standort zu geben. »Habt Ihr Hunger?«, erkundigte er sich und fragte sich, was genau sie vielleicht essen würde. Tatsächlich schoss der Blick ihrer goldenen Augen zu seiner Kehle. »Wirklich?« Er zog eine Augenbraue hoch. Ihre Nasenflügel bebten leicht. »Nur zum Spaß.« »Seid Ihr nicht zumindest teilweise menschlich?« »Nicht auf die Arten, die zählen.« Richtig – denn die anderen Teile … Fae, Valg … Es war Valg-Blut, das die Hexen geformt hatte. Derselbe Valg-Fürst, der ihn übernommen hatte, besaß das gleiche Blut wie sie. Aus der schwarzen Grube seiner Erinnerung schlängelten sich Bilder und Worte heraus – Worte dieses Prinzen, der die goldenen Augen sah, die Dorian jetzt vor sich hatte, der ihn angekreischt hatte, dass er von ihr weggehen solle … Augen der Valg-Könige. Vorsichtig bemerkte er: »Würdet Ihr Euch also eher als Valg bezeichnen denn als Mensch?« »Die Valg sind mein Feind – Erawan ist mein Feind.« »Und macht uns das zu Verbündeten?« Sie ließ nicht erkennen, wie sie darüber dachte. »Befindet sich in Eurer Gesellschaft eine junge Frau namens Elide?« »Nein.« Wer zum Teufel war das? »Wir sind niemandem mit diesem Namen je begegnet.« Manon schloss für einen Moment die Augen. »Habt Ihr Nachrichten von meiner Dreizehn?« »Ihr seid seit Wochen die erste Reiterin mit einem Wyvern, die wir gesehen haben.« Er dachte darüber nach, warum sie das gefragt hatte, warum sie so still geworden war. »Ihr wisst nicht, ob sie noch leben.« Und mit diesen Eisenspänen in ihren Eingeweiden … Manons Stimme war ausdruckslos und kalt wie der Tod. »Richtet Aelin Galathynius aus, dass sie mich nicht als Druckmittel bei Verhandlungen einzusetzen braucht. Die Blackbeak-Klanmutter wird nichts auf mich geben, weder als Erbin noch als Hexe, und Ihr werdet damit nichts weiter erreichen, als zu offenbaren, wo genau Ihr Euch aufhaltet.« Seine Magie flackerte. »Was ist nach Rifthold passiert?« Manon legte sich wieder hin und wandte den Kopf von ihm ab. Gischt aus dem offenen Bullauge benetzte ihr weißes Haar und ließ es in der dunklen Kabine schimmern. »Alles hat seinen Preis.« Und es waren diese Worte, die Tatsache, dass die Hexe den Kopf abgewandt hatte und darauf zu warten schien, dass der Tod sie holen kam, wegen der er leise sagte: »Ich habe Euch einmal gebeten, mich wiederzufinden – es scheint, als hättet Ihr es gar nicht erwarten können, mein hübsches Gesicht wiederzusehen.« Ihre Schultern versteiften sich leicht. »Ich habe Hunger.« Er lächelte träge. Als hätte sie dieses Lächeln gehört, funkelte Manon ihn an. »Essen.« Aber da war immer noch etwas Brüchiges an ihr, eine allzu verletzliche Brüchigkeit in jeder Linie ihres Körpers. Was immer geschehen war, was immer sie erduldet hatte … Dorian legte einen Arm über die Rückenlehne seines Stuhls. »Es kommt in wenigen Minuten. Ich könnte es nicht verantworten, wenn Ihr gänzlich vom Fleische fallen würdet. Es wäre eine Schande, die schönste Frau der Welt so jung in ihrem unsterblichen, verderbten Leben zu verlieren.« »Ich bin keine gewöhnliche Frau«, sagte sie nur, aber ihr hitziges Temperament blitzte in ihren Augen aus geschmolzenem Gold auf. Er zuckte träge die Achseln, vielleicht nur deshalb, weil sie tatsäch lich in Ketten lag, vielleicht weil der Tod, den sie ausstrahlte, ihn zwar erregte, bei ihm aber keine ängstliche Saite zum Schwingen brachte. »Hexe, Frau … solange die Teile da sind, auf die es ankommt, spielt es doch keine Rolle, oder?« Sie richtete sich vorsichtig im Bett auf, Ungläubigkeit und erschöpften Zorn auf ihrem perfekten Gesicht. Dann bleckte sie die Zähne zu einem lautlosen Knurren. Dorian schenkte ihr seinerseits ein sinnliches Grinsen. »An Bord dieses Schiffes befindet sich eine unnatürlich hohe Anzahl attraktiver Männer und Frauen. Ihr werdet euch also bestens einfügen. Und Ihr werdet, wie ich vermute, auch gut zu den launischen Unsterblichen passen.« Sie schaute zur Tür, kurz bevor er nahende Schritte hörte. Sie schwiegen, bis der Knauf gedreht wurde und Aedions finsteres Gesicht auftauchte. »Wach und bereit, uns die Kehlen aufzureißen, wie es scheint«, bemerkte der General anstelle einer Begrüßung. Dorian erhob sich und nahm ihm das Tablett ab, auf dem sich etwas befand, das wie Fischeintopf aussah. So wie Aedion Manon betrachtete, fragte Dorian sich, ob er die Mahlzeit auf Gift testen sollte. Sie funkelte den goldhaarigen Krieger ihrerseits an. Aedion sagte: »Ich hätte Euch und Euren Zwerg von einem Wyvern einfach vom Himmel geschossen, wenn es nach mir gegangen wäre. Seid dankbar dafür, dass meine Königin Euch lebend nützlicher findet.« Dann war er fort. Dorian stellte das Tablett in Manons Reichweite und beobachtete, wie sie es beschnupperte. Sie nahm einen langsamen, vorsichtigen Bissen – als würde sie es in ihren genesenden Bauch gleiten lassen und abwarten, wie es sich dort anfühlte. Als testete sie das Mahl tatsächlich auf Gift. Während sie wartete, sagte Manon: »Ihr erteilt auf diesem Schiff nicht die Befehle?« Es kostete ihn eine bewusste Anstrengung, sich darüber nicht zu ärgern. »Ihr kennt meine Situation. Ich bin jetzt auf Gedeih und Verderb meinen Freunden ausgeliefert.« »Und die Königin von Terrasen zählt zu Euren Freunden?« »Es gibt niemanden, von dem ich mir mehr wünschen würde, dass er mir Rückendeckung gibt.« Abgesehen von Chaol, aber … es hatte keinen Sinn, auch nur an ihn zu denken, ihn zu vermissen. Manon aß endlich einen weiteren Löffel von ihrem Fischeintopf. Dann noch einen. Und noch einen. Und ihm wurde klar, dass sie es vermied, mit ihm zu sprechen. »Es war Eure Großmutter, die Euch das angetan hat, nicht wahr?«, fragte er also direkt. Ihr Löffel erstarrte in der abgenutzten Holzschale. Langsam wandte sie ihm das Gesicht zu. Es war ausdruckslos, ein Gesicht, geschaffen aus Albträumen und mitternächtlichen Fantasien. »Es tut mir leid«, gestand er, »wenn der Preis dafür, dass Ihr mich an jenem Tag in Rifthold gerettet habt … dies war.« »Findet heraus, ob meine Dreizehn noch lebt, mein kleiner Prinz. Tut das, dann unterstelle ich mich Eurem Befehl.« »Wo habt Ihr sie zuletzt gesehen?« Nichts. Sie schluckte einen weiteren Löffel Eintopf herunter. Er drang in sie: »Waren sie zugegen, als Eure Großmutter Euch das angetan hat?« Sie zog die Schultern ein wenig hoch und kratzte einen weiteren Löffel trüber Flüssigkeit aus der Schale, nippte aber nicht daran. »Der Preis für Rifthold war das Leben meiner Zweiten. Ich habe mich geweigert, diesen Preis zu bezahlen. Also habe ich meiner Dreizehn Zeit verschafft zu fliehen. Sobald ich mein Schwert nach meiner Großmutter geschwungen hatte, waren mein Titel und mein Schwarm verwirkt. Ich habe die Dreizehn verloren, während ich geflüchtet bin. Ich weiß nicht, ob sie noch leben oder ob man sie zur Strecke gebracht hat.« Sie riss den Blick zu ihm hoch und ihre Augen leuchteten von mehr als nur dem Dampf ihres Eintopfs. »Findet sie für mich. Bringt in Erfahrung, ob sie noch leben oder ob sie in die Finsternis zurückgekehrt sind.« »Wir befinden uns mitten auf dem Meer. Es wird für eine Weile keine Neuigkeiten geben.« Sie aß weiter. »Sie sind alles, was ich noch habe.« »Dann nehme ich an, dass Ihr und ich beide Erben ohne Kronen sind.« Ein freudloses Schnauben. Ihr weißes Haar bewegte sich in der Meeresbrise. Dorian erhob sich und ging zur Tür. »Ich werde tun, was ich kann.« »Und – Elide.« Wieder dieser Name. »Wer ist sie?« Aber Manon wandte sich wieder ihrem Eintopf zu. »Richtet Aelin Galathynius einfach aus, dass Elide Lochan noch lebt – und nach ihr sucht.« Das Gespräch mit dem König hatte ihre gesamte Kraft erschöpft. Sobald diese Mahlzeit in ihrem Bauch war, sobald sie mehr Wasser heruntergekippt hatte, legte Manon sich wieder hin und schlief. Und schlief. Und schlief. Irgendwann war die Tür aufgerissen worden, und sie erinnerte sich undeutlich, dass die Königin von Terrasen und dann ihr Prinz-General Antworten wegen irgendetwas verlangt hatten. Elide vielleicht. Aber Manon hatte dagelegen, nur halb wach und nicht zum Denken oder Sprechen bereit. Sie fragte sich, ob sie sich die Mühe gemacht hätte zu atmen, wenn ihr Körper es nicht ganz von allein getan hätte. Ihr war nicht klar gewesen, wie unmöglich das Überleben der Dreizehn vielleicht gewesen sein mochte, bis sie Dorian Havilliard praktisch angefleht hatte, sie für sie zu finden. Bis sie in ihrer Verzweiflung sogar ihr Schwert für irgendeine Neuigkeit über sie verkauft hätte. Falls sie ihr nach alledem überhaupt noch dienen wollten. Einer Blackbeak – und einer Crochan. Und ihre Eltern … ermordet von ihrer Großmutter. Sie hatten der Welt ein Kind des Friedens versprochen. Und sie hatte zugelassen, dass ihre Großmutter sie zu einem Kind des Krieges geformt hatte. Ihre Gedanken wirbelten und strudelten, raubten ihr die Kraft und dämpften Farben und Geräusche. Sie erwachte und kümmerte sich wenn nötig um ihre Bedürfnisse, aß, wenn man ihr eine Mahlzeit hinstellte, überließ sich dann aber wieder diesem schweren, nichtssagenden Schlaf. Manchmal träumte Manon, dass sie in diesem Raum im Omega war, das Blut ihrer Halbschwester an den Händen und im Mund. Manchmal stand sie neben ihrer Großmutter, als ausgewachsene Hexe und nicht als das Hexenkind, das sie damals gewesen war, und half der Klanmutter, einen gut aussehenden, bärtigen Mann zu zerstückeln, der um ihr Leben bettelte – um das Leben seiner Tochter. Manchmal flog sie über satte grüne Landschaften und das Lied eines westwärts ziehenden Windes sang sie nach Hause. Oft träumte sie, dass eine große Raubkatze, bleich und gesprenkelt wie alter Schnee auf Granit, bei ihr in der Kabine saß, und ihr langer Schwanz peitschte hin und her, wenn sie Manons schwummerige Aufmerksamkeit spürte. Manchmal zeigte ihr Traum ihr einen grinsenden, weißen Wolf. Oder einen goldenen Berglöwen mit ruhigen Augen. Manon wünschte, sie würden ihr die Kiefer um ihre Kehle legen und zubeißen. Sie taten es nie. Also schlief Manon Blackbeak. Und träumte. 43 D rei Tage später fragte Lorcan sich noch immer, was zum Teufel er tat. Sie hatten diese Stadt in den Ebenen weit hinter sich gelassen, aber das Entsetzen jener Nacht lag mit jeder Meile, die sie die Straßen entlanghasteten, wie eine schwere Decke über der Wagenkolonne des Zirkus. Die anderen hatten nicht herausgefunden, wie genau sie die Ilken überlebt hatten – hatten nicht begriffen, dass es fast unmöglich war, die Ilken zu töten, und dass kein bloßer Sterblicher einen von ihnen, geschweige denn vier hätte erschlagen können. Nik und Ombriel machten um ihn und Elide einen großen Bogen – und nur ihre argwöhnischen, forschenden Blicke abends beim Essen am Lagerfeuer offenbarten, dass sie immer noch damit beschäftigt waren, sich zusammenzureimen, wer und was er war. Elide hielt sich ebenfalls von ihm fern. Weil sie so schnell hatten fliehen müssen, hatten sie keine Chance gehabt, ihre gewohnten Zelte aufzustellen, aber heute Abend, geborgen innerhalb der Mauern einer kleinen Stadt in den Ebenen, würden sie sich ein Zimmer in dem billigen Gasthaus teilen müssen, für das Molly widerwillig bezahlt hatte. Es war schwer, Elide nicht zu beobachten, während sie die Stadt betrachtete und dann das Gasthaus – der scharfe Blick ihrer Augen, der Anflug von Überraschung und Verwirrung, der manchmal über ihre Züge glitt. Er benutzte eine Ranke seiner Magie, um ihren Fuß zu stabilisieren. Sie sagte dazu nie etwas. Und manchmal streifte seine dunkle, gewaltige Magie das, was immer sie bei sich trug – das Geschenk einer sterbenden Frau an eine hitzköpfige Assassinin – und prallte zurück. Lorcan hatte seit jener Nacht nicht darauf gedrängt, es zu sehen, obwohl er beträchtliche Zeit darauf verwendet hatte, darüber nachzudenken, was da aus Morath gekommen sein mochte. Halsbänder und Ringe waren gewiss nur der Anfang. Whitethorn und die Mistkönigin hatten keine Ahnung von den Ilken – vielleicht keine Ahnung vom Großteil der Gräuel, die Elide ihm beschrieben hatte. Er fragte sich, was eine Wand aus wildem Feuer mit den Kreaturen anstellen würde, fragte sich, ob die Ilken irgendwie gegen Aelin Galathynius’ magisches Waffenarsenal antrainierten. Wenn Erawan klug war, würde er sich irgendetwas ausdenken. Während die anderen in das baufällige Gasthaus trotteten und sich auf die Suche nach einer Mahlzeit und einem Bett machten, informierte Elide Molly, dass sie zu einem Spaziergang am Fluss aufbrechen werde, und trat auf die gepflasterten Straßen hinaus. Und obwohl ihm der Magen knurrte, folgte Lorcan ihr, allzeit der Ehemann, der seine schöne Frau in einer Stadt zu bewachen wünschte, die bessere Tage – Jahrzehnte – gesehen hatte. Zweifellos hatte die Stadt ihren Zustand Adarlans gnadenlosem Straßenbau quer durch den Kontinent zu verdanken und der Tatsache, dass diese Stadt weitab von jeder dieser Hauptschlagadern lag, die durchs Land führten. Das Gewitter, von dem er gespürt hatte, dass es sich am Horizont aufbaute, rollte auf die in Stein gehauene Stadt zu und das Licht wechselte von Gold zu Silber. Binnen Minuten wurde die schwere Luftfeuchtigkeit von willkommener Kühle weggefegt. Lorcan gab Elide ganze drei Häuserblocks, bevor er sie einholte und bemerkte: »Es wird gleich regnen.« Sie warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. »Ich weiß ganz gut, was Donner bedeutet.« Die ummauerte Stadt war zu beiden Seiten eines kleinen, halb vergessenen Flusses erbaut worden und an zwei großen Wassertoren an beiden Enden der Stadt wurden Zölle eingetrieben, um Zutritt zu gewähren und alle Waren zu verfolgen, die ein- und ausgeführt wurden. Der Geruch von brackigem Wasser, Fischen und verfaulendem Holz erreichte seine Nase vor dem Anblick des schlammigen, ruhigen Gewässers, und genau dort, wo die Flusskais begannen, blieb Elide stehen. »Wonach suchst du?«, fragte er schließlich, während er ein Auge auf den dunkler werdenden Himmel warf. Die Hafenarbeiter, Seeleute und Händler überwachten die Wolken ebenfalls, während sie herumhuschten. Einige verweilten, um die langen, flachbäuchigen Kähne festzumachen und die glatten Staken zu befestigen, die sie benutzten, um durchs Wasser zu manövrieren. Er hatte vor vielleicht dreihundert Jahren ein Königreich gesehen, das sich auf Lastkähne stützte, um seine Waren von einem Ende zum anderen zu transportieren. Der Name des Königreichs wollte ihm nicht einfallen, war verloren gegangen in den Katakomben seines Gedächtnisses. Lorcan fragte sich, ob es noch existierte, versteckt zwischen zwei Gebirgszügen am anderen Ende der Welt. Elides leuchtende Augen fanden eine Gruppe gut gekleideter Männer, die ein Haus betrat, das wie eine Taverne aussah. »Stürme bedeuten die Suche nach Zuflucht«, murmelte sie. »Zuflucht bedeutet, in einem Gebäude festzusitzen, ohne irgendeine andere Beschäftigung, als zu tratschen. Tratsch bedeutet Neuigkeiten von Händlern und Seeleuten über den Rest des Landes.« Der Blick dieser Augen durchbohrte ihn und darin tanzte trockener Humor. »Das ist es, was Donner bedeutet.« Lorcan blinzelte, während sie den Männern folgte, die die Hafen taverne betreten hatten. Die ersten dicken Regentropfen des Sturms klatschten auf die moosbedeckten Pflastersteine des Kais. Lorcan folgte Elide in die Taverne und musste halbherzig zugeben, dass er trotz seiner ganzen fünfhundert Jahre des Überlebens, des Tötens und des Dienens niemals jemandem begegnet war, der derart unbeeindruckt von ihm gewesen war. Selbst die gottverdammte Aelin hatte ein gewisses Gefühl für die Bedrohung gehabt, die er darstellte. Vielleicht hatte das Zusammenleben mit Monstern Elide von einem gesunden Maß an Furcht vor ihnen befreit. Er fragte sich, warum sie dabei nicht selbst zu einem geworden war. Lorcan erfasste die Details des Schankraums instinktiv und kraft seiner Erfahrung und er fand nichts, das einen weiteren Gedanken wert gewesen wäre. Der Gestank der Taverne – ungewaschene Leiber, Schimmel, nasse Wolle – drohte ihn zu ersticken. Aber binnen weniger Augenblicke hatte Elide sich einen Tisch in der Nähe jener Gruppe von Leuten von den Docks verschafft und zwei Humpen Bier bestellt und das Tagesgericht, was immer das sein mochte. Lorcan rutschte auf den uralten Holzstuhl neben ihr und fragte sich, ob das verdammte Ding unter ihm zusammenbrechen würde, als es stöhnte und ächzte. Über ihnen krachte der Donner und aller Augen richteten sich auf die Erkerfenster mit Blick auf den Kai. Jetzt regnete es ernsthaft und die Kähne hüpften und schwankten auf dem Wasser. Ihr Essen wurde vor sie hingestellt, die Schalen klapperten und klebriger, brauner Eintopf schwappte über die angeschlagenen Ränder. Elide würdigte das Mahl keines Blickes und rührte auch das Bier nicht an, das man mit dem gleichen Desinteresse an einem Trinkgeld vor sie hinklatschte, während sie den Raum musterte. »Trink«, befahl Elide ihm. Lorcan rang mit sich, ob er ihr sagen sollte, dass sie ihm keine Befehle zu erteilen habe, aber es gefiel ihm, diese kleine, feinknochige Kreatur in Aktion zu sehen. Es gefiel ihm zu sehen, wie sie einen Raum voller Fremder musterte und ihre Beute auswählte. Denn es war eine Jagd – nach der besten und sichersten Informationsquelle. Der Person, die keiner Stadt-Garnison unter Adarlans Kontrolle melden würde, dass eine dunkelhaarige Frau Fragen nach feindlichen Streitkräften stellte. Also trank Lorcan und beobachtete sie, während sie andere beobachtete. So viele berechnende Gedanken hinter diesem blassen Gesicht, so viele Lügen, die bereit waren, sich aus diesen Rosenknospenlippen zu ergießen. Halb fragte er sich, ob seine eigene Königin sie nützlich finden könnte – ob Maeve ebenfalls die Tatsache bemerken würde, dass es vielleicht Anneith selbst gewesen war, die das Mädchen gelehrt hatte, zu schauen und zu horchen und zu lügen. Aber halb graute es ihm auch bei dem Gedanken an Elide in Maeves Händen. Wozu sie werden würde. Was Maeve sie als Spionin oder Höfling zu tun bitten würde. Vielleicht war es gut, dass Elide sterblich war, ihre Lebensspanne zu kurz für Maeve, dass sie sich die Mühe machen würde, sie zu dem zu formen, was womöglich ihre abgefeimteste Hüterin sein könnte. Er war so mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass er es beinahe nicht bemerkte, als Elide sich auf ihrem Stuhl lässig zurücklehnte und die Gruppe von Kaufleuten und Kapitänen am Tisch hinter ihnen unterbrach. »Wie meint Ihr das, Rifthold ist fort?« Lorcan war sofort hellwach. Aber sie hatten diese Nachricht schon vor Wochen gehört. Der Kapitän, der ihnen am nächsten saß – eine Frau Anfang dreißig – musterte Elide, dann Lorcan, dann sagte sie: »Nun, es ist nicht fort, aber … es steht jetzt unter der Herrschaft von Hexen, im Namen von Herzog Perrington. Dorian Havilliard ist vertrieben worden.« Elide, die schlaue kleine Lügnerin, wirkte ehrlich schockiert. »Wir sind wochenlang in der tiefsten Wildnis gewesen. Ist Dorian Havilli ard tot?« Sie flüsterte die Worte, als erfüllten sie sie mit Grauen … und als wollte sie vermeiden, gehört zu werden. Eine andere Person am Tisch – ein älterer, bärtiger Mann – sagte: »Sie haben seinen Leichnam nie gefunden, aber wenn der Herzog erklärt, dass er nicht länger König sei, würde ich annehmen, dass er noch lebt. Es hätte keinen Sinn, eine Proklamation gegen einen Toten vorzubringen.« Donner grollte und übertönte Elides Wispern beinahe, als sie fragte: »Würde er – würde er nach Norden gehen? Zu … ihr?« Sie wussten genau, wen Elide meinte. Und Lorcan wusste genau, warum sie hierhergekommen war. Sie würde fortgehen. Morgen, wann immer der Zirkus abreiste. Sie würde wahrscheinlich eins dieser Boote mieten, damit es sie nach Norden brachte, und er … er würde nach Süden gehen. Nach Morath. Die Gefährten tauschten Blicke, taxierten das Erscheinungsbild der jungen Frau – und musterten dann Lorcan. Er versuchte zu lächeln, versuchte, langweilig und ungefährlich auszusehen. Keiner von ihnen erwiderte den Blick, obwohl er irgendetwas richtig gemacht haben musste, denn der bärtige Mann antwortete: »Sie ist nicht im Norden.« Jetzt war es an Elide zu erstarren. Der bärtige Mann fuhr fort: »Den Gerüchten zufolge war sie in Ilium und hat Soldaten verhauen. Dann, so heißt es, war sie letzte Woche in Skull’s Bay und hat da einen Riesenaufstand veranstaltet. Jetzt segelt sie woandershin – einige sagen, nach Wendlyn, andere sagen, nach Eyllwe, wieder andere, dass sie ans andere Ende der Welt flieht. Aber sie ist nicht im Norden. Wird es für eine ganze Weile nicht sein, wie es scheint. Nicht klug, sein Zuhause unverteidigt zurückzulassen, wenn Ihr mich fragt. Aber sie ist ja noch ein halbes Kind; sie kann sowieso nicht viel über die Kriegskunst wissen.« Das bezweifelte Lorcan. Aelin, das Miststück, konnte sicher keinen Schritt tun, ohne dass Whitethorn oder Gavriels Sohn ihre Meinung dazu zum Besten gaben. Aber Elide stieß einen bebenden Atemzug aus. »Warum Terrasen überhaupt verlassen?« »Wer weiß?« Die Frau wandte sich wieder ihrer Mahlzeit zu. »Es scheint, als hätte die Königin die Angewohnheit aufzutauchen, wo man sie am wenigsten erwartet, Chaos zu verbreiten und wieder zu verschwinden. Man kann gutes Geld gewinnen, wenn man Wetten darauf abschließt, wo sie als Nächstes auftauchen wird. Ich sage, Banjali, in Eyllwe – Vross hier sagt, Varese in Wendlyn.« »Warum gerade Eyllwe?«, hakte Elide nach. »Wer weiß? Sie wäre wahrhaftig eine Närrin, wenn sie ihre Pläne bekannt geben würde.« Die Frau warf Elide einen scharfen Blick zu, als wollte sie sagen, dass sie darüber Stillschweigen bewahren solle. Elide kehrte zu ihrem Mahl und ihrem Bier zurück und der Regen und der Donner übertönten das Geklapper im Raum. Lorcan beobachtete stumm, wie sie nach und nach den ganzen Humpen leerte. Und als es am unauffälligsten schien, stand sie auf und ging. Elide besuchte noch zwei weitere Tavernen in der Stadt und folgte genau dem gleichen Muster. Die Nachrichten veränderten sich leicht mit jeder Erzählung, aber der allgemeine Konsens war, dass Aelin in Bewegung war, vielleicht nach Süden oder nach Osten, und niemand wusste, was er zu erwarten hatte. Elide verließ die dritte Taverne, dicht gefolgt von Lorcan. Sie hatten kein einziges Wort gewechselt, seit sie in dieses erste Gasthaus gegangen war. Er hatte sich zu sehr in Gedanken daran verloren, wie es sein würde, plötzlich wieder allein zu reisen. Sie zu verlassen … und sie nie wiederzusehen. Und jetzt sagte Elide, als sie in den Regen und den Donner hinaufstarrte: »Ich hätte nach Norden gehen sollen.« Lorcan stellte fest, dass er diese Aussage weder bestätigen noch dagegen Einwände erheben wollte. Wie ein nutzloser Narr zögerte er, sie auf ihren ursprünglichen Pfad zu drängen. Sie senkte den Kopf und Wasser und Licht vergoldeten ihre hohen Wangenknochen. »Wohin gehe ich jetzt? Wie finde ich sie?« Er wagte es, zu antworten: »Was hast du den Gerüchten entnommen?« Er hatte jedes Bröckchen an Information analysiert, wollte jedoch diesen schlauen Verstand bei der Arbeit sehen. Und ein Teil von ihm wollte wissen, ob ihre Entscheidung die Trennung bedeutete. Elide sagte leise: »Banjali – in Eyllwe. Ich glaube, sie geht nach Banjali.« Er versuchte, nicht allzu erleichtert zu wirken. Er war zu dem gleichen Schluss gelangt, und sei es auch nur, weil es das war, was Whitethorn getan hätte – und er hatte den Prinzen selbst einige Jahrzehnte lang ausgebildet. Sie rieb sich das Gesicht. »Wie … wie weit ist es?« »Weit.« Sie ließ die Hände sinken, ihre Züge scharf und knochenweiß. »Wie komme ich dorthin? Wie …« Sie rieb sich die Brust. »Ich kann dir eine Karte beschaffen«, antwortete er. Nur um zu sehen, ob sie ihn bitten würde zu bleiben. Sie schüttelte den Kopf. Ihr schwarzes Haar fiel ihr über den Rücken. »Es hätte keinen Sinn.« »Karten sind immer sinnvoll.« »Nicht wenn man nicht lesen kann.« Lorcan blinzelte und fragte sich, ob er richtig gehört hatte. Aber ihre bleichen Wangen färbten sich und es waren tatsächlich Scham und Verzweiflung, die ihre dunklen Augen trübten. »Aber du …« Es hatte in diesen Wochen keine Gelegenheit gegeben, begriff er – keinen Anlass, bei dem sie es hätte offenbaren müssen. »Ich habe die Buchstaben gelernt, aber als – als alles passierte«, fügte sie hinzu, »und man mich in diesen Turm gesperrt hat … meine Amme konnte nicht lesen und schreiben. Also habe ich nie mehr gelernt. Und wieder vergessen, was ich schon gewusst hatte.« Er fragte sich, ob er es jemals bemerkt hätte, wenn sie es ihm nicht erzählt hätte. »Du scheinst beeindruckend gut ohne diese Fähigkeit überlebt zu haben.« Er sprach, ohne nachzudenken, aber es schien die richtige Erwiderung zu sein. Ihre Mundwinkel zuckten in die Höhe. »Ja, das habe ich wohl«, meinte sie. Lorcans Magie erspürte die Truppe Soldaten, bevor er sie hörte oder roch. Die Magie schlängelte sich an ihren Schwertern entlang – einfachen, halb verrosteten Waffen – und dann badete sie in ihrer erwachenden Furcht und Aufregung, vielleicht sogar in einem Hauch von Mordlust. Nicht gut. Nicht wenn sie direkt auf sie zukamen. Lorcan schloss zu Elide auf. »Es scheint, unsere Freunde vom Zirkus wollten sich eine leichte Silbermünze verdienen.« Die hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht schärfte sich zu großäugiger Anspannung. »Wachen kommen?« Lorcan nickte. Die Schritte waren jetzt nah genug für ihn, um zu zählen, wie viele Personen sich aus der Garnison im Herzen der Stadt näherten, die zweifellos vorhatten, sie zwischen ihren Schwertern und dem Fluss einzukeilen. Wäre er eine Spielernatur, hätte er sein Geld darauf verwettet, dass die beiden Brücken, die sich über den Fluss spannten – zu beiden Seiten zehn Häuserblocks entfernt von ihnen –, bereits voller Wachen waren. »Die Entscheidung liegt bei dir«, sagte er. »Ich kann diese Angelegenheit entweder hier beenden und wir können ins Gasthaus zurückkehren, um herauszufinden, ob Nik und Ombriel uns loswerden wollten …« Sie kniff die Lippen zusammen und er wusste, wie sie sich entscheiden würde, bevor er weitersprach: »Oder wir können einen dieser Kähne besteigen und zusehen, dass wir hier wegkommen.« »Letzteres«, hauchte sie. »Gut«, war seine einzige Antwort, als er ihre Hand ergriff und sie vorwärtszog. Selbst mit seiner Macht, die ihr Bein stützte, war sie zu langsam … »Tu es einfach«, fauchte sie. Also hievte Lorcan sie sich über eine Schulter, befreite mit seiner anderen Hand sein Beil und rannte aufs Wasser zu. *** Elide schlug auf Lorcans breiter Schulter auf und ab und reckte den Kopf weit genug, um die Straße hinter ihnen zu beobachten. Keine Spur von Wachen, aber diese kleine Stimme, die ihr oft ins Ohr flüsterte, bettelte sie jetzt an zu gehen. Zu verschwinden. »Die Tore am Eingang zur Stadt«, keuchte sie, während Muskeln und Knochen gegen ihre Eingeweide schlugen. »Sie werden auch dort sein.« »Überlass sie mir.« Elide versuchte, sich nicht auszumalen, was das bedeutete, aber dann waren sie am Hafen, Lorcan rannte auf einen Kahn zu und donnerte die Stufen des Kais hinunter und auf den langen, hölzernen Steg. Das Schiff war kleiner als die anderen, die einzelne Kajüte in der Mitte leuchtend grün gestrichen. Leer – abgesehen von einigen Frachtkisten im Bug. Lorcan steckte die Axt ein, die er gelockert hatte, und Elide hielt sich an seiner Schulter fest und bohrte ihm ihre Finger in die Muskeln, als er sie über den hohen Rand des Kahns und auf die hölzernen Planken hob. Sie stolperte einen Schritt, als ihre Beine sich an das Schwanken des Bootes auf dem Fluss gewöhnten, aber … Lorcan wirbelte bereits zu einem stockdürren Mann herum, der auf sie zustürmte, ein Messer in der Hand. »Das ist mein Boot«, blökte er. Er begriff schnell, mit wem er da kämpfen würde, als er die kurze Holzleiter auf den Steg herunterkletterte und Lorcans Größe erfasste, das Beil und das Schwert, das der Krieger jetzt in seinen breiten Händen hielt, und den Ausdruck von sicherem Tod auf seinem Gesicht. Lorcan erwiderte schlicht: »Es ist jetzt unser Boot.« Der Mann schaute zwischen ihnen hin und her. »Soldaten sind auf den Brücken und der Stadtmauer postiert. Ihr werdet nicht …« Sekunden. Sie hatten nur Sekunden, bevor die Wachen kamen … Lorcan sagte zu dem Mann: »Steig ein. Sofort .« Der Mann wich zurück. Elide stützte die Hand auf die breite, erhöhte Seite des Bootes und sagte ruhig: »Er wird dich töten, bevor du die Leiter erklommen hast. Bring uns aus der Stadt und ich schwöre dir, dass wir dich freilassen werden, sobald wir aus der Gefahrenzone heraus sind.« »Dann werdet Ihr mir die Kehle aufschlitzen, genauso sicher, wie Ihr es jetzt tun werdet«, protestierte der Mann. In der Tat, Lorcan wog das Beil so in seiner Hand, als würde er es gleich werfen. »Ich möchte dich bitten, es dir noch einmal zu überlegen«, sagte Elide. Lorcans Handgelenk zuckte kaum merklich. Er würde es tun – er würde diesen unschuldigen Mann töten, nur damit sie freikämen … Der Mann ließ sein Messer sinken, dann verschwand es in der Scheide an seiner Seite. »Jenseits der Stadt macht der Fluss einen Knick. Setzt mich dort ab.« Das war alles, was Elide zu hören brauchte, als der Mann auf sie zueilte, Taue löste und ins Boot sprang, mit der Leichtigkeit einer Person, die das tausendmal gemacht hatte. Er und Lorcan schnappten sich die Stangen, um das Boot in den Fluss hinauszustoßen, und sobald sie im Strom waren, zischte Lorcan: »Wenn du uns verrätst, wirst du tot sein, bevor die Wachen auch nur an Bord kommen können.« Der Mann nickte und lenkte sie jetzt auf den östlichen Ausgang der Stadt zu, während Lorcan Elide in die Kajüte zog. Die Kajüte war rundherum mit Fenstern versehen, alle so sauber, dass die Vermutung nahelag, dass der Mann stolz auf sein Boot war. Lorcan stieß sie halb unter einen Tisch in der Mitte, und das bestickte Tuch, mit dem er bedeckt war, schirmte sie vor allem ab, außer vor Geräuschen: Lorcans Schritte verstummten, obwohl sie spürte, dass er in ein Versteck trat, um die Geschehnisse aus dem Innern der Kajüte zu überwachen; das Plätschern von Regen auf dem Flachdach; das Klonk des Staken, wenn er gelegentlich gegen die Seite des Schiffs schlug. Schon bald tat ihr alles weh, weil sie so reglos dahocken musste. Sollte ihr Leben in absehbarer Zeit so bleiben? Quer durch die Welt gejagt und gehetzt zu werden? Und Aelin zu finden … wie sollte ihr das jemals gelingen? Sie konnte nach Terrasen zurückkehren, aber sie wusste nicht, wer in Orynth regierte. Wenn Aelin sich ihres Throns nicht bemächtigt hatte … vielleicht war es eine unausgesprochene Botschaft, dass dort Gefahr lag, dass in Terrasen nicht alles zum Besten stand. Aber nur aufgrund von mageren Spekulationen nach Eyllwe zu reisen … Unter allen Gerüchten, die Elide sich in den vergangenen zwei Stunden angehört hatte, waren die Gründe des Kapitäns die weisesten gewesen. Die Welt schien plötzlich mit untergründiger Anspannung zu erstarren, einer kleinen Welle von Angst. Aber dann erscholl wieder die Stimme des Mannes und Metall ächzte – ein Tor. Die Stadttore. Sie blieb unter dem Tisch, zählte ihre Atemzüge und dachte über alles nach, was sie gehört hatte. Sie bezweifelte, dass der Zirkus sie und Lorcan vermissen würde. Und sie hätte alles Geld in ihrem Stiefel darauf verwettet, dass Nik und Ombriel diejenigen gewesen waren, die ihnen die Wachen auf den Hals gehetzt hatten, nachdem sie zu dem Schluss gekommen waren, dass sie und Lorcan eine zu große Bedrohung darstellten – vor allem da die Ilken Jagd auf sie machten. Sie fragte sich, ob Molly es die ganze Zeit über gewusst hatte, von jener ersten Begegnung an, dass sie Lügner waren, und ob sie Nik und Ombriel erlaubt hatte, sie zu verkaufen, wenn das Kopfgeld zu gut war, um es sich durch die Finger schlüpfen zu lassen, der Preis für Loyalität zu hoch. Elide seufzte. Ein Platschen erklang, aber das Boot dümpelte weiter. Zumindest hatte sie den kleinen Steinsplitter mitgenommen, obwohl sie ihre Kleider vermissen würde, so schäbig sie auch gewesen waren. Diese Ledermontur wurde in der drückenden Hitze immer stickiger, und wenn sie nach Eyllwe ging, würden sie vor Hitze umkommen … Lorcans Schritte erklangen. »Komm raus.« Sie zuckte zusammen, als ihr Knöchel vor Schmerz brüllte, kroch aber unter dem Tisch hervor und spähte in die Runde. »Kein Ärger?« Er schüttelte den Kopf. Er war mit Regen oder Flusswasser bespritzt. Sie spähte um ihn herum, zu der Stelle, wo der Mann das Boot gelenkt hatte. Es war niemand dort – ebenso wenig im hinteren Teil des Bootes. »Er ist bei der Flussbiegung ans Ufer zurückgeschwommen«, erklärte Lorcan. Elide stieß den Atem aus. »Es ist sehr gut möglich, dass er in die Stadt läuft und es ihnen erzählt. Sie werden nicht lange brauchen, um uns einzuholen.« »Dann werden wir uns darum kümmern, wenn es so weit ist«, antwortete Lorcan und wandte sich ab. Zu schnell. Er wich ihrem Blick zu schnell aus … Sie betrachtete das Wasser und die Flecken, die jetzt auf den Ärmeln seines Hemdes waren. Als ob … als ob er sich hastig und nachlässig die Hände gewaschen hätte. Sie sah zu dem Beil an seiner Seite, als er mit langen Schritten aus der Kajüte trat. »Du hast ihn getötet, nicht wahr?« Das war dieses Platschen gewesen. Ein Körper, der über Bord geworfen worden war. Lorcan stockte. Schaute sich über eine breite Schulter um. Es war nichts Menschliches in seinen dunklen Augen. »Wenn man überleben will, muss man bereit sein zu tun, was notwendig ist.« »Er könnte eine Familie gehabt haben, die von ihm abhängig war.« Sie hatte keinen Ehering gesehen, aber das bedeutete nichts. »Nik und Ombriel haben uns diese Rücksichtnahme nicht zuteilwerden lassen, als sie uns der Garnison gemeldet haben.« Er stolzierte aufs Deck und sie stürmte hinter ihm her. Üppige Bäume säumten den Fluss, ein lebender Schild um sie herum. Und dort – dort war ein Fleck auf den Planken, glänzend und dunkel. Ihr Magen verkrampfte sich. »Du hattest vor, mich zu belügen«, schäumte sie. »Aber wie wolltest du das erklären?« Ein Achselzucken. Lorcan ergriff den Staken und ging mit geschmeidiger Anmut auf die Seite des Kahns, wo er sie von einer nahenden Sandbank abstieß. Er hatte diesen Mann getötet … »Ich hatte ihm geschworen , dass wir ihn freilassen würden.« »Du hast es geschworen, nicht ich.« Sie ballte die Hände zu Fäusten. Und dieses Ding – dieser Stein –, der in einem Stückchen Tuch in ihrer Jacke eingewickelt war, begann sich zu regen. Lorcan erstarrte, die Stange fest in den Händen. »Was ist das?«, fragte er zu leise. Sie gab nicht klein bei. Nie und nimmer würde sie vor ihm einknicken, nie und nimmer würde sie ihm erlauben, sie einzuschüchtern, sie zu beherrschen, Leute zu töten , damit sie entkommen konnten … »Was. Ist. Das.« Sie weigerte sich zu sprechen, weigerte sich, den Klumpen in ihrer Tasche auch nur zu berühren. Er surrte und brum melte, eine Bestie, die ein Auge öffnete, aber sie wagte es nicht, danach zu greifen, diese seltsame, anderweltliche Präsenz auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Lorcans Augen weiteten sich leicht, dann legte er die Stange nieder und eilte quer über das Deck und in die Kajüte. Sie verweilte am Rand des Decks, unsicher, ob sie ihm folgen oder vielleicht ins Wasser springen und ans Ufer schwimmen sollte. Metall klirrte auf Metall, als würde etwas aufgebrochen werden, und dann … Bei Lorcans Brüllen erzitterten das Boot, der Fluss, die Bäume. Langbeinige Flussvögel stoben in die Lüfte. Dann stieß Lorcan die Tür auf, so gewaltsam, dass sie fast aus den Angeln flog, und warf etwas in den Fluss, das wie die Scherben eines zerbrochenen Amuletts aussah. Oder jedenfalls versuchte er, es in den Fluss zu werfen. Lorcan schleuderte es so heftig von sich, dass es über das ganze Wasser flog, gegen einen Baum am Ufer krachte und ein Stück Holz herausriss. Er wirbelte herum und Elides Zorn strauchelte kurz angesichts der mörderischen Rage, die seine Züge verzerrte. Er pirschte auf sie zu, packte die Stange, als müsste er sich daran hindern, Elide zu erwürgen, und sagte: »Was trägst du da bei dir?« Und die Forderung, die darin lag, die Gewalt, die Anspruchshaltung und die Arroganz brachten auch sie zur Weißglut. Leise und giftig antwortete Elide: »Warum schlitzt du mir nicht einfach die Kehle auf und findest es selbst heraus?« Lorcans Nasenflügel bebten. »Wenn du ein Problem damit hast, dass ich jemanden getötet habe, der danach gestunken hat, dass er uns bei nächster Gelegenheit zu verraten vorhatte, dann wirst du deine Königin lieben .« Schon seit einer Weile deutete er immer wieder an, dass er etwas über sie wusste, schreckliche Dinge … »Wie meinst du das?« Bei allen Göttern, Lorcan sah aus, als wäre sein hitziges Temperament endgültig mit ihm durchgegangen, als er sagte: »Celaena Sardothien ist eine neunzehnjährige Assassinin, die sich die Beste auf der Welt nennt.« Ein Schnauben. »Sie hat sich durchs Leben getötet und dabei gefeiert und sich schöne Sachen gekauft. Ohne Gewissensbisse. Sie hat es genossen. Und dann bekam in diesem Frühling einer aus meinem Kommando, Prinz Rowan Whitethorn, die Aufgabe, sich um sie zu kümmern, als sie in Wendlyn auftauchte. Am Ende hat er sich in sie verliebt und sie hat sich in ihn verliebt. Am Ende hat, was immer sie da oben in den Cambrian Mountains angestellt haben, sie davon abgebracht, sich weiter Celaena zu nennen. Seither benutzt sie ihren wahren Namen.« Ein brutales Lächeln. »Aelin Galathynius.« Elide spürte ihren Körper kaum. »Was?«, war so ziemlich das einzige Wort, das sie herausbrachte. »Deine Feuer spuckende Königin? Sie ist eine gottverdammte Assassinin. Zur Mörderin ausgebildet von dem Moment an, in dem deine Mutter gestorben ist, um sie zu verteidigen. Dazu ausgebildet, nicht besser zu sein als der Mann, der deine Mutter und deine adelige Familie abgeschlachtet hat.« Elide schüttelte den Kopf und ihre Hände erschlafften. »Was?«, wiederholte sie noch einmal. Lorcan lachte freudlos. »Während du zehn Jahre lang in diesem Turm eingesperrt warst, hat sie in den Reichtümern Riftholds geschwelgt, verwöhnt und verhätschelt von ihrem Meister – dem König der Assassinen –, den sie im Frühling kaltblütig ermordet hat. Also wirst du feststellen, dass deine lange verloren geglaubte Retterin wenig besser ist, als ich es bin. Du wirst feststellen, dass sie diesen Mann genauso getötet hätte, wie ich es getan habe, und genauso wenig Geduld mit deinem Gejammer haben würde, wie ich es habe.« Aelin … eine Assassinin. Aelin – dieselbe Person, der sie den Stein überbringen sollte … »Du hast es gewusst«, murmelte sie. »Während all der Zeit, die wir zusammen waren – hast du gewusst, dass ich nach ein und derselben Person suche.« »Ich habe dir gesagt, dass du, wenn du eine findest, auch die andere finden würdest.« »Du hast es gewusst und du hast es mir nicht gesagt. Warum nicht?« »Du hast mir immer noch nicht deine Geheimnisse verraten. Ich sehe nicht ein, warum ich dich in meine einweihen sollte.« Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, den dunklen Fleck auf dem Holz zu ignorieren, versuchte, den Stich seiner Worte zu lindern und das Loch zu stopfen, das sich unter ihren Füßen aufgetan hatte. Was war in diesem Amulett gewesen? Warum hatte er gebrüllt und … »Deine kleine Königin«, höhnte Lorcan weiter, »ist eine Mörderin und eine Diebin und eine Lügnerin. Also, wenn du mir derartige Dinge unterstellen willst, dann sei bereit, sie auch ihr an den Kopf zu werfen.« Ihre Haut spannte sich zu sehr, ihre Knochen waren zu brüchig, um den Zorn auszuhalten, der die Kontrolle übernahm. Sie suchte nach den richtigen Worten, um ihn zu verletzen, ihn zu verwunden, als wären es mehrere Handvoll Steine, die sie Lorcan an den Kopf werfen konnte. Elide zischte: »Ich habe mich geirrt. Ich habe gesagt, du und ich seien gleich – dass wir keine Familie hätten, keine Freunde. Aber ich habe keine, weil Land und Umstände mich von ihnen getrennt haben. Du hast keine, weil niemand es ertragen kann, in deiner Nähe zu sein.« Sie versuchte – mit Erfolg, wenn sie den Zorn in seinen Augen richtig deutete –, auf ihn herabzublicken, obwohl er sie überragte. »Und weißt du, was die größte Lüge ist, die du allen erzählst, Lorcan? Deine größte Lüge ist, dass du behauptest, es sei dir lieber so. Aber was ich höre, wenn du über meine Mistkönigin herziehst … Ich höre nur die Worte eines Mannes, der sehr, sehr eifersüchtig und einsam und erbärmlich ist. Ich höre nur die Worte eines Mannes, der gesehen hat, wie Aelin und Prinz Rowan sich ineinander verliebt haben, und der ihnen ihr Glück missgönnt – weil du so unglücklich bist.« Sie konnte die Worte nicht aufhalten, als sie erst einmal begonnen hatte, sie herauszuschleudern. »Also, nenn Aelin eine Mörderin und Diebin und Lügnerin. Nenn sie eine Mistkönigin und eine Feuerspuckerin. Aber verzeih mir, wenn ich mir das Recht nehme, über diese Dinge zu urteilen, wenn ich sie treffe. Was ich tun werde.« Sie zeigte auf den schlammigen, grauen Fluss, der um sie herumfloss. »Ich gehe nach Eyllwe. Bring mich an Land und ich lasse dich so mühelos hinter mir, wie du die Leiche dieses Mannes hinter dir gelassen hast.« Lorcan musterte sie, die Zähne gerade so weit gebleckt, dass seine leicht verlängerten Eckzähne zu sehen waren. Aber sein Fae-Erbe kümmerte sie nicht, ebenso wenig wie sein Alter oder seine Fähigkeit zu töten. Nach einem Moment machte er sich wieder daran, den Staken in den Boden des Flusses zu drücken – nicht um Elide ans Ufer zu bringen, sondern um das Schiff auf Kurs zu halten. »Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Bring mich ans Ufer .« »Nein.« Ihr Zorn verdrängte jede Art von Vernunft, jede Warnung von Anneith, als sie zu ihm hinüberstürmte. »Nein?« Er ließ das untere Ende des Stakens im Wasser hinterhertreiben und drehte sich zu ihr um. Kein Gefühl – nicht einmal Wut war dort zu sehen. »Der Fluss hat vor zwei Meilen einen Abzweig nach Süden gemacht. Der Karte in der Kajüte zufolge können wir direkt nach Süden fahren und dann die schnellste Route nach Banjali finden.« Sie wischte sich den Regen von ihrer tropfnassen Stirn und Lorcan kam mit seinem Gesicht so nah an ihres, dass sie seinen Atem spürte. »Wie sich herausstellt, habe auch ich etwas mit Aelin Galathynius zu besprechen. Herzlichen Glückwunsch, Mylady. Du hast gerade einen Führer nach Eyllwe gefunden.« Ein kaltes, mörderisches Licht glänzte in seinen Augen und Elide fragte sich, weshalb zum Teufel er so gebrüllt hatte. Aber der Blick dieser Augen fiel auf ihre Lippen, die sie in ihrem Zorn fest zusammenkniff. Und ein Gefühl in ihr, das nichts mit Furcht zu tun hatte, ließ sie ganz still werden bei dieser Aufmerksamkeit, selbst als irgendetwas in ihr ein klein wenig schmolz. Schließlich sah Lorcan ihr in die Augen und seine Stimme war ein Knurren wie aus tiefster Nacht, als er sagte: »Soweit es alle anderen betrifft, bist du immer noch meine Frau.« Elide erhob keine Einwände – auch nicht, als sie in die Kajüte zurückging, wobei seine unerträgliche Magie ihr bei ihrem Humpeln half, und die Tür so heftig zuknallte, dass das Glas klirrte. *** Die Sturmwolken zogen davon, um eine mit Sternen gesprenkelte Nacht zu offenbaren und einen Mond, der hell genug war, dass Lorcan auf dem schmalen, schläfrigen Fluss navigieren konnte. Er steuerte das Boot Stunde um Stunde übers Wasser und grübelte darüber nach, wie genau er Aelin Galathynius ermorden konnte, ohne dass Elide oder Whitethorn ihm in die Quere kamen, und dann dachte er darüber nach, wie er ihren Leichnam zerstückeln und an die Krähen verfüttern würde. Sie hatte ihn belogen. Sie und Whitethorn hatten ihn an jenem Tag, an dem der Prinz ihm den Wyrdschlüssel ausgehändigt hatte, überlistet. Es war nichts in dem Amulett gewesen, außer einem dieser Ringe – einem absolut nutzlosen Wyrdsteinring, eingewickelt in ein Stück Pergament. Und darauf stand in einer weiblichen Handschrift: In der Hoffnung, dass du einfallsreichere Ausdrücke als »Miststück« für mich findest, wenn du dieses Schreiben siehst. Mit all meiner Liebe, A. A. G. Er würde sie töten. Langsam. Sehr einfallsreich. Er war gezwungen gewesen, auf sein Blut zu schwören, dass Malas Ring wahrlich Immunität gegen die Valg bot, wenn man ihn trug – er war nicht auf den Gedanken gekommen, dasselbe für die Echtheit des Wyrdschlüssels zu verlangen. Und Elide – was Elide bei sich trug, was ihm den Betrug erst klargemacht hatte … er würde später darüber nachdenken. Später überlegen, was er mit der Herrin von Perranth machen sollte. Sein einziger Trost war, dass er Malas Ring zurückgestohlen hatte, aber das kleine Miststück hatte immer noch den Schlüssel. Und wenn Elide ohnehin zu Aelin gehen musste … oh, er würde Aelin für Elide finden. Und er würde dafür sorgen, dass die Königin von Terrasen am Ende im Staub kroch. 44 D ie Welt begann und endete in Feuer. Einem Meer aus Feuer ohne Raum für Luft, für andere Geräusche als dem einer einstürzenden, schmelzenden Erde. Dem wahren Herzen des Feuers – dem Werkzeug zur Schöpfung und Zerstörung. Und sie ertrank darin. Sein Gewicht erdrückte sie und sie schlug um sich und suchte nach Halt, nach irgendetwas, von dem sie sich abstoßen konnte. Nichts. Als es ihre Kehle flutete, in ihren Körper brandete und sie einschmolz, begann sie lautlos zu schreien, es anzuflehen, innezuhalten … Aelin. Der Name, hineingebrüllt in den Kern aus Flammen im Herzen der Welt, war ein Signal, ein Ruf. Sie war geboren worden, um darauf zu warten, diese Stimme zu hören, hatte ihr ganzes Leben lang blind danach gesucht, würde ihr bis zum Ende aller Dinge folgen. »AELIN .« Aelin beugte sich aus dem Bett vornüber, Flammen im Mund, in der Kehle, in den Augen. Echte Flammen. Gold- und Blautöne zogen sich durch siedende Schwaden aus Rottönen. Richtige Flammen brachen aus ihr hervor, versengten die Laken, während die Kabine und der Rest des Bettes vom Verbrennen verschont blieben, das Schiff mitten auf dem Meer vom Verbrennen ver schont blieb durch eine unnachgiebige, unzerstörbare Wand aus Luft. Hände, die mit Eis umhüllt waren, drückten ihre Schultern und durch die Flammen erschien Rowans finsteres Gesicht, als er ihr befahl zu atmen … Sie holte Luft. Weitere Flammen schossen ihre Kehle hinunter. Es gab keine Leine, keine Kette, um ihre Magie zu unterwerfen. Oh, Götter – oh, Götter, sie spürte nicht einmal ein drohendes Ausbrennen in absehbarer Zeit. Es gab nichts außer diesen Flammen … Rowan nahm ihr Gesicht in beide Hände und dort, wo sein Eis und sein Wind auf ihr Feuer trafen, quoll Dampf hervor. »Du bist ihr Meister; du beherrschst sie. Nur deine Furcht gibt ihr das Recht, die Kontrolle zu übernehmen.« Sie krümmte sich wieder von der Matratze, splitternackt. Sie musste ihre Kleider verbrannt haben – Rowans Lieblingshemd. Ihre Flammen brannten wilder. Er packte sie, zwang sie, ihm in die Augen zu schauen, als er knurrte: »Ich sehe dich. Ich sehe jeden Teil von dir. Und ich habe keine Angst.« Ich werde keine Angst haben. Ein Halteseil in der brennenden Helligkeit. Mein Name ist Aelin Ashryver Galathynius … Und ich werde keine Angst haben. So sicher, als hielte sie es in der Hand, erschien das Seil. Dunkelheit floss in sie hinein, gesegnet und ruhig, wo eben noch die brennende Flammengrube getobt hatte. Sie schluckte einmal, zweimal. »Rowan.« Seine Augen glänzten mit beinahe animalischer Intensität und er musterte jeden Zentimeter von ihr. Sein Herzschlag war wild, donnernd – panisch. »Rowan«, wiederholte sie. Er bewegte sich immer noch nicht, hörte nicht auf, sie anzustarren, nach Spuren von Schaden zu suchen. Irgendetwas in ihrer eigenen Brust reagierte auf seine Panik. Aelin packte seine Schulter und grub ihm die Nägel ins Fleisch gegen die Gewalttätigkeit, die aus jeder Faser seines Körpers sprach. Als hätte er sämtliche Fesseln gelöst, mit denen er sich normalerweise unter Kontrolle hielt, um sie in einem Kampf in ihrem Körper zu halten und nicht irgendeine Göttin oder Schlimmeres eindringen zu lassen. »Beruhig dich. Sofort. « Er tat nichts dergleichen. Sie verdrehte die Augen und zog seine Hände von ihrem Gesicht, um sich vorzubeugen. »Es geht mir gut«, stellte sie fest und betonte dabei jedes einzelne Wort. »Dafür hast du gesorgt. Jetzt hol mir etwas Wasser. Ich habe Durst.« Ein elementarer, einfacher Befehl. Ein Befehl zu dienen, da er ihr einmal erklärt hatte, dass männliche Fae gern gebraucht wurden, dass sie ihre Erfüllung zum Teil darin fanden, zu umsorgen und zu hegen. Um ihn auf diese Ebene von Zivilisation und Vernunft zurückzuholen. Rowans Gesicht war immer noch hart von wildem Zorn – und dem stummen Entsetzen, das darunter lag. Also beugte Aelin sich vor, biss ihn spielerisch in die Lippe, sorgte dafür, dass ihre Eckzähne über seine Haut kratzten, und murmelte dicht an seinem Gesicht: »Wenn du nicht anfängst, dich wie ein Prinz zu benehmen, kannst du auf dem Boden schlafen.« Rowan wich zurück, sein grimmiges Gesicht nicht ganz von dieser Welt, aber langsam, als würden die Worte allmählich zu ihm durchdringen, wurden seine Züge weicher. Er wirkte immer noch zornig, aber er war nicht mehr ganz so kurz davor, diese unsichtbare Bedrohung gegen sie zu töten , als er sich vorbeugte und seinerseits an ihrem Mund knabberte, bevor er ihr ins Ohr flüsterte: »Ich werde dafür sorgen, dass du es bereust, solche Drohungen ausgesprochen zu haben, Prinzessin.« Oh, Götter. Seine Worte gingen ihr durch Mark und Bein, aber sie schenkte ihm ein neckisches Lächeln, als er sich erhob. Die Muskeln seines nackten Körpers traten bei jeder Bewegung einzeln hervor und sie beobachtete, wie er mit katzenhafter Anmut zu dem Waschtisch und dem Wasserkrug darauf ging. Der Bastard hatte die Frechheit, sie von oben bis unten scharf zu begutachten, als er den Krug anhob. Und ihr dann ein befriedigtes, männliches Lächeln zu schenken, während er das Wasser in ein Glas goss und mit meisterhafter Präzision genau im richtigen Moment innehielt, das Glas bis zum Rand gefüllt. Sie rang mit sich, ob sie ihm eine Flammenzunge schicken sollte, um ihm seinen nackten Hintern zu verbrennen, als er den Krug betont gelassen abstellte. Und dann zum Bett zurückstolzierte, den Blick bei jedem Schritt auf sie gerichtet, bevor er das Wasser auf dem kleinen Tisch daneben abstellte. Nur das Knarzen des Schiffes und das Zischen der Wellen, die dagegenschlugen, erfüllten den Raum. Aelin erhob sich auf überraschend festen Knien und stellte ihn zur Rede. »Was war das gerade?«, fragte sie leise. Er schloss die Augen. »Das war … ich, wie ich die Kontrolle verliere.« »Warum?« Er schaute auf das Bullauge und das mondbeschienene Meer dahinter. Es war so selten, dass er ihrem Blick auswich. »Warum?«, drängte sie. Endlich sah Rowan ihr in die Augen. »Ich wusste nicht, ob sie wieder Besitz von dir ergriffen hat.« Es spielte keine Rolle, dass der Wyrdschlüssel jetzt neben dem Bett lag und nicht um ihren Hals hing. »Selbst als mir klar wurde, dass du einfach im Bann der Magie warst, habe ich immer noch … die Magie hat dich fortgeholt. Es ist lange her, dass ich mir unsicher war … dass ich nicht wusste, wie ich dich zurückbekommen konnte.« Er bleckte die Zähne und stieß einen bebenden Atemzug aus, den Zorn jetzt nach innen gerichtet. »Bevor du mich einen besitzergreifenden Fae-Bastard nennst, erlaube mir, mich zu entschuldigen und zu erklären, dass es sehr schwierig ist …« »Rowan.« Er schwieg. Sie kam näher und jeder Schritt war wie die Antwort auf eine Frage, die sie von dem Moment an gestellt hatte, in dem ihre Seele funkelnd zu existieren begonnen hatte. »Du bist kein Mensch. Ich erwarte nicht von dir, dass du dich wie einer verhältst.« Er schien beinahe zurückzuprallen. Aber sie legte ihm eine Hand auf seine nackte Brust, direkt auf sein Herz. Es donnerte immer noch unter ihren Fingern. Leise, während sie dieses Herz noch unter ihrer Hand spürte, sagte sie: »Es ist mir egal, ob du Fae oder Mensch bist, ob du Valg bist oder ein gottverdammter Gestaltwandler. Du bist, was du bist. Und was ich will … was ich brauche , Rowan, ist jemand, der sich nicht dafür entschuldigt. Für das, was er ist. Du hast das kein einziges Mal getan.« Sie beugte sich vor, um seine nackte Haut zu küssen, wo ihre Hand gewesen war. »Bitte, fang jetzt nicht damit an. Ja, manchmal bringst du mich höllisch auf die Palme mit diesem besitzergreifenden Fae-Unsinn, aber … ich habe deine Stimme gehört. Sie hat mich geweckt. Sie hat mich von diesem … Ort weggeführt.« Er senkte den Kopf, bis seine Stirn an ihrer ruhte. »Ich wünschte, ich hätte dir mehr zu bieten – während dieses Krieges und danach.« Sie schlang die Arme um seine nackte Taille. »Du bietest mir mehr, als ich mir je erhofft habe.« Er schien Einwände erheben zu wollen, aber sie fuhr fort: »Und ich habe mir gedacht, dass ich, da sowohl Darrow als auch Rolfe mir nahegelegt haben, meine Hand um des Krieges willen zur Ehe zu verkaufen, das Gegenteil tun sollte.« Ein Schnauben. »Typisch. Aber wenn Terrasen es braucht …« »Ich sehe es folgendermaßen«, unterbrach sie ihn und lehnte sich ein Stück zurück, um sein herbes Gesicht zu mustern. »Wir haben nicht den Luxus von Zeit. Und eine Heirat mit einem fremdländischen König, mit all den Vorbereitungen und Verhandlungen, den Verträgen und der Entfernung, nicht zu vergessen den Monaten, die es dauert, eine Armee aufzustellen und auszuschicken … wir haben diese Zeit nicht. Wir haben nur das Jetzt. Und was ich nicht gebrauchen kann, ist ein Ehemann, der versuchen wird, sich endlos mit mir zu messen, oder den ich zu seiner eigenen Sicherheit irgendwo wegsperren muss oder der sich in einer Ecke versteckt, wenn ich überall um mich herum mit Flammen erwache.« Sie küsste abermals seine tätowierte Brust, direkt über diesem mächtigen, donnernden Herzen. »Dies, Rowan – dies ist alles, was ich brauche. Nur dies.« Die Vibrationen seines tiefen, rasselnden Atems übertrugen sich auf ihre Wange und er streichelte über ihr Haar, über ihren nackten Rücken. Tiefer. »Einen Hof, der die Welt verändern kann.« Sie küsste seinen Mundwinkel. »Wir werden einen Weg finden – gemeinsam.« Die Worte, die er einst zu ihr gesagt hatte, die Worte, die die Heilung ihres gebrochenen Herzens angestoßen hatten. Und seines eigenen Herzens. »Habe ich dir wehgetan …?« Die Worte kamen heiser aus ihrer Kehle. »Nein.« Er strich ihr mit einem Daumen über den Wangenknochen. »Nein, du hast mir nicht wehgetan. Du hast auch sonst nichts verletzt.« Etwas in ihrer Brust gab nach und Rowan nahm sie in die Arme, als sie das Gesicht an seinem Hals begrub. Seine schwieligen Hände strichen zärtlich über ihren Rücken, über jede einzelne Narbe und die Tätowierungen, die er in ihre Haut gestochen hatte. »Wenn wir diesen Krieg überleben«, murmelte sie nach einer Weile dicht an seiner nackten Brust, »werden wir beide lernen müssen, uns zu entspannen. Die Nacht durchzuschlafen.« »Wenn wir diesen Krieg überleben, Prinzessin«, antwortete er und fuhr mit einem Finger durch die Kuhle neben ihrer Wirbelsäule, »werde ich gern alles tun, was du willst. Selbst lernen, wie man sich entspannt.« »Und wenn wir niemals einen Augenblick Frieden haben, selbst nachdem wir das Schloss und die Schlüssel in unseren Besitz gebracht und Erawan zurück in sein Höllenloch von einem Reich geschickt haben?« Die Belustigung in seinem Ausdruck verschwand, wurde von etwas Entschlossenerem abgelöst, als seine Finger auf ihrem Rücken stillhielten. »Selbst wenn uns täglich neue Kriege drohen, selbst wenn wir schwierige Gesandte zu Gast haben, selbst wenn wir gottserbärmliche Königreiche besuchen und nett tun müssen, werde ich das alles mit Freuden ertragen, solange du an meiner Seite bist.« Ihre Lippen zitterten. »Ach, du. Wann hast du gelernt, so hübsche Reden zu halten?« »Ich brauchte bloß den richtigen Vorwand, um es zu lernen«, antwortete er und küsste sie auf die Wange. Seine sanften, beißenden Küsse wanderten tiefer hinab aufs Kinn, aufs Ohr und auf den Hals. Sie grub ihm die Finger in seinen Rücken und entblößte die Kehle, damit seine Lippen sachte darüberstreifen konnten. »Ich liebe dich«, hauchte Rowan dicht an ihrer Haut. »Ich würde in das brennende Herz der Hölle selbst gehen, um dich zu finden.« Das hatte er bloß Minuten zuvor auch beinahe getan, wollte sie sagen. Aber Aelin bog nur ein wenig mehr den Rücken durch und ein kleiner Laut, der ihr Verlangen verriet, entrang sich ihr. Dies – er … würde es jemals aufhören – das Begehren? Das Bedürfnis, ihm nicht nur nah zu sein, sondern ihn so tief in sich zu haben, dass sie spürte, wie ihre Seelen sich umschlangen, wie ihre Magie tanzte … das Halteseil, das sie aus diesem brennenden Kern von Wahnsinn und Zerstörung hinausgeführt hatte. »Bitte«, hauchte sie und schlug ihm die Nägel ins Kreuz, um dem Wort Nachdruck zu verleihen. Rowans leises Stöhnen war seine einzige Antwort, als er sie hochhievte. Sie schlang ihm die Beine um die Taille und ließ sich von ihm zur Wand tragen, das Gefühl von kühlem Holz an ihrem Rücken … Aelin keuchte mit zusammengebissenen Zähnen, als er langsam über ihren Hals leckte. »Bitte.« Sie spürte sein Lächeln auf der Haut, als Rowan mit einem tiefen, mächtigen Stoß in sie eindrang – und ihr in den Hals biss. Eine Inbesitznahme, mächtig und pur, die er so verzweifelt brauchte. Die sie brauchte, sonst würde sie in Flammen aufgehen, zerspringen von dem überwältigenden Verlangen … Rowan bewegte sich, gleichmäßig und lasziv, die Reißzähne weiterhin in ihrem Hals begraben. Seine Zunge fuhr über die beiden Einstichstellen der Lust, die mit zartem Schmerz einherging, und er kostete ihre Essenz selbst, als wäre sie Wein. Er lachte, leise und durchtrieben, als sie ihm vom Höhepunkt getrieben in die Schulter biss, um nicht so laut zu schreien, dass sie die Kreaturen weckte, die auf dem Grund des Meeres schliefen. Als Rowan endlich den Mund von ihrem Hals nahm, seine Magie die kleinen Einstiche heilte, die er hinterlassen hatte, packte er ihre Oberschenkel fester, drückte Aelin fester gegen die Wand. Aelin gab ihm einen hitzigen Kuss und schmeckte ihr eigenes Blut auf seiner Zunge. Sie flüsterte an seinem Mund: »Ich werde immer einen Weg zu dir zurück finden.« Als Aelin diesmal auf den Gipfel zustürzte, erstürmte Rowan ihn mit ihr zusammen. *** Manon Blackbeak erwachte. Es hatte kein Geräusch gegeben, keinen Geruch, keinen Hinweis darauf, warum sie erwacht war, aber ihre Raubtierinstinkte hatten gespürt, dass etwas nicht stimmte, und sie aus dem Schlaf gerissen. Blinzelnd richtete sie sich auf, ihre Wunde inzwischen ein dumpfer Schmerz – und stellte fest, dass, was immer dieser Nebel in ihrem Kopf gewesen sein mochte, verschwunden war. Die Kabine lag in fast völliger Dunkelheit, abgesehen von etwas Mondlicht, das durch das Bullauge sickerte, um den engen Raum zu beleuchten. Wie lange war sie an Schlaf und diese abscheuliche Schwermut verloren gewesen? Aufmerksam lauschte sie dem Knarren des Schiffes. Ein schwaches Grollen erklang von oben – Abraxos. Er lebte. Schlief noch, wenn sie das träge, schnaufende Brummen richtig deutete. Sie zog prüfend an den Fesseln an ihren Handgelenken und hob sie hoch, um das Schloss zu betrachten. Eine schlaue Konstruktion, die Ketten dick und fest in der Wand verankert. Mit ihren Fußknöcheln sah es nicht besser aus. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal in Ketten gelegen hatte. Wie hatte Elide das ein Jahrzehnt lang überstanden? Vielleicht würde sie das Mädchen suchen, sobald sie hier herauskam. Sie bezweifelte ohnehin, dass der Havilliard-König irgendwelche Neuigkeiten von der Dreizehn hatte. Sie würde sich auf Abraxos’ Rücken stehlen, zur Küste fliegen und Elide finden, bevor sie nach ihrem Zirkel suchte. Und dann … sie wusste nicht, was sie dann tun würde. Aber es war besser, als hier zu liegen wie ein Wurm in der Sonne und der Verzweiflung, die während dieser Tage oder Wochen die Kontrolle übernommen hatte, zu erlauben, sie zu vernichten. Aber als hätte sie ihn gerufen, öffnete sich die Tür. Dorian stand dort, eine Kerze in der … Keine Kerze. Reine Flammen wanden sich um seine Finger. Seine saphirblauen Augen leuchteten in ihrem Schein hell auf, als er feststellte, dass sie bei Bewusstsein war. »Wart Ihr das – die diese Welle an Macht ausgeschickt hat?« »Nein.« Obwohl man nicht lange raten musste, um zu ahnen, wer es dann gewesen war. »Hexen besitzen keine solche Magie.« Er legte den Kopf schief, sein blauschwarzes Haar schimmerte golden im Lichte seiner Flammen. »Aber Ihr habt eine lange Lebensspanne.« Sie nickte und er deutete das als eine Einladung, auf seinen gewohnten Stuhl zu rutschen. »Man nennt es die Übergabe«, erklärte sie und ein Frösteln überlief sie. »Das wenige an Magie, das wir besitzen. Wir können sie im Allgemeinen weder beschwören noch beherrschen. Nur einmal in ihrem Leben kann eine Hexe so große Macht heraufbeschwören, um sie gegen ihre Feinde zu entfesseln. Der Preis dafür ist ihr Leben. Bei der Explosion verbrennen wir zu Asche und übergeben unseren Körper der Finsternis. Während der Hexenkriege haben Hexen auf beiden Seiten in jeder Schlacht und in jedem Scharmützel Übergaben gemacht.« »Das ist Selbstmord – sich zerfetzen zu lassen … und Feinde mit in den Tod zu reißen.« »Das stimmt, und es ist nicht besonders hübsch anzusehen. Wenn eine Ironteeth-Hexe ihr Leben der Finsternis übergibt, wird sie von deren Macht erfüllt, die in einer ebenholzschwarzen Welle aus ihr hervorbricht. Ein Zeugnis dessen, was in unseren Seelen schlummert.« »Habt Ihr es schon mal miterlebt?« »Ein einziges Mal. Bei einer verängstigten jungen Hexe, die wusste, dass sie auf keine andere Art zu Ruhm gelangen konnte. Nur dass sie neben den Crochans auch die Hälfte unserer Ironteeth-Truppe vernichtet hat.« Ihre Gedanken blieben an diesem Wort hängen. Crochans. Ihr Volk … Nicht ihr Volk. Sie war eine gottverdammte Blackbeak … »Werden die Ironteeth das gegen uns einsetzen?« »Wenn Ihr es mit Zirkeln der unteren Ränge zu tun habt, ja. Ältere Zirkel sind zu arrogant, zu geschickt, um die Übergabe zu wählen, statt sich freizukämpfen. Aber jüngere, schwächere Zirkel geraten in Panik oder wünschen, durch ihr Opfer zu Heldinnen zu werden.« »Es ist Mord.« »Es ist Krieg. Krieg ist sanktionierter Mord, ganz gleich, auf welcher Seite man steht.« Zorn blitzte in seinem Gesicht auf und sie fragte: »Habt Ihr je einen Menschen getötet?« Er öffnete den Mund, um zu verneinen, aber das Licht in seiner Hand erstarb. Er hatte getötet. Wahrscheinlich als er das Halsband getragen hatte, vermutete sie. Der Valg in ihm hatte es getan. Viele Male. Und nicht sauber und schnell. »Denkt daran, wozu sie Euch gezwungen haben«, sagte Manon, »wenn Ihr ihnen wieder gegenübersteht.« »Ich bezweifle, dass ich es jemals vergessen werde, kleine Hexe.« Er stand auf und ging zur Tür. Manon bemerkte: »Diese Ketten schürfen mir die Haut auf. Ihr habt doch sicher ein wenig Mitgefühl mit angeketteten Kreaturen.« Dorian blieb stehen. Sie hob die Hände und präsentierte die Ketten. »Ich gebe Euch mein Wort, keinen Schaden anzurichten.« »Es ist nicht meine Entscheidung. Jetzt, da Ihr wieder redet, könnt Ihr Aelins Wohlwollen vielleicht damit gewinnen, dass Ihr ihr die Dinge erzählt, die sie von Euch wissen will.« Manon hatte keine Ahnung, was die Königin von ihr gewollt hatte. Nicht die Geringste. »Je länger ich hier drinbleibe, mein kleiner Prinz , desto wahrscheinlicher ist es, dass ich etwas Dummes tue, wenn Ihr mich freilasst. Erlaubt mir, zumindest den Wind auf dem Gesicht zu spüren.« »Ihr habt ein Fenster. Stellt Euch davor.« Halb empörte sie sich bei der Härte, der Männlichkeit in diesem Ton, in der starren Haltung dieser breiten Schultern. Sie schnurrte: »Wenn ich geschlafen hätte, hättet Ihr verweilt, um mich eine Weile anzustarren?« Eisige Erheiterung schimmerte in seinen Augen. »Hättet Ihr etwas dagegen gehabt?« Vielleicht war sie verwegen und wild und immer noch ein wenig benommen vom Blutverlust, aber sie antwortete: »Wenn Ihr schon vorhabt, Euch in den dunkelsten Stunden der Nacht hier hereinzuschleichen, solltet Ihr wenigstens den Anstand haben, dafür zu sorgen, dass auch ich etwas davon habe.« Seine Mundwinkel zuckten, obwohl das Lächeln auf eine Weise kalt und sinnlich war, dass sie sich fragte, wie es wohl wäre, mit einem König zu spielen, der mit roher Magie gesegnet war. Ob er sie dazu bringen würde, zum ersten Mal in ihrem langen Leben zu betteln. Er sah aus, als wäre er dazu imstande – vielleicht sogar interessiert an etwas Grausamkeit im Schlafzimmer. Ihr Blut pochte. »So verführerisch es wäre, Euch nackt und in Ketten zu sehen …« Das leise Lachen eines Liebhabers. »Ich glaube nicht, dass Ihr den Kontrollverlust genießen würdet.« »Und Ihr seid schon mit so vielen Frauen zusammen gewesen, dass Ihr so leicht die Bedürfnisse einer Hexe beurteilen könnt?« Das Lächeln wurde lasziv. »Ein Ehrenmann spricht nie von solchen Dingen.« »Wie viele?« Er war erst zwanzig – obwohl er ein Prinz war, jetzt ein König. Frauen hatten sich ihm wahrscheinlich an den Hals geworfen, seit seine Stimme tiefer geworden war. »Mit wie vielen Männern seid Ihr zusammen gewesen?«, konterte er. Sie grinste. »Mit genug, um zu wissen, wie ich mit den Bedürfnissen sterblicher kleiner Prinzen fertigwerde. Um zu wissen, womit ich Euch zum Betteln bringen kann.« Wen scherte es, dass ihr das Gegenteil durch den Kopf ging. Er schob sich durch die Kabine, bis in die Reichweite ihrer Ketten, und beugte sich so dicht über sie, dass sie seinen Atem spürte. In seinen Zügen und auf seinem grausamen, schönen Mund lag nicht die geringste Spur von Heiterkeit, als er sagte: »Ich glaube nicht, dass Ihr mit den Dingen, die ich brauche, fertigwerden würdet, kleine Hexe. Und ich werde nie wieder in meinem Leben um irgendetwas betteln.« Und dann ging er. Manon sah ihm nach, zischte wütend hinter ihm her. Wegen der Chance, die sie nicht ergriffen hatte, ihn zu packen, ihn als Geisel zu nehmen und ihre Freiheit zu fordern; wegen der Arroganz seiner Unterstellung; wegen der Hitze, die sich in ihrem Körper ausbreitete und die jetzt so hartnäckig pochte … Sie hatte noch nie eine Abfuhr bekommen. Männer waren zerbrochen, manchmal buchstäblich zugrunde gegangen, um in ihr Bett kriechen zu dürfen. Und sie wusste nicht, was sie getan hätte, wenn er ihr Angebot angenommen hätte, ob sie beschlossen hätte herauszufinden, was genau der König mit diesem wunderschönen Mund und diesem muskulösen Körper anstellen konnte. Eine Ablenkung für sie – und wohl ein Vorwand, um sich selbst noch mehr zu verabscheuen. Sie schäumte immer noch vor Wut, als die Tür wieder geöffnet wurde. Dorian lehnte sich an das alte Holz, seine Augen immer noch glasig, obwohl sie nicht sagen konnte, ob es vor Lust oder Hass oder beidem war. Er schob den Riegel vor, ohne hinzuschauen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, alles in ihr konzentrierte sich auf sein undeutbares Gesicht. Seine Stimme war rau, als er sagte: »Ich werde meinen Atem nicht darauf verschwenden, Euch zu sagen, wie dumm es wäre, mich als Geisel zu nehmen.« »Und ich werde meinen nicht darauf verschwenden, Euch zu er klären, dass Ihr nur nehmen dürft, was ich Euch anbiete, und nicht mehr.« Sie spitzte die Ohren, um zu lauschen, aber selbst sein verdammtes Herz schlug stark und ruhig. Kein Hauch von Furcht. Er sagte: »Ich muss ein Ja von Euch hören.« Sein Blick flackerte zu den Ketten. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, und stieß dann ein leises Lachen aus. »Wie rücksichtsvoll, kleiner Prinz. Aber ja. Ich tue es aus freiem Willen. Es kann unser kleines Geheimnis sein.« Sie war jetzt ohnehin nichts und niemand mehr. Ein Bett mit ihrem Feind zu teilen, war nichts im Vergleich zu dem Crochan-Blut, das durch ihre Adern floss. Sie knöpfte das weiße Hemd auf, von dem nur die Götter wissen mochten, wie lange sie es schon trug, aber er knurrte: »Ich mache das selbst.« Den Teufel würde er tun. Sie berührte den zweiten Knopf. Unsichtbare Hände schlossen sich um ihre Unterarme, fest genug, dass sie das Hemd losließ. Dorian pirschte sich an sie heran. »Ich sagte, ich mache das.« Manon ließ jeden Zentimeter von ihm auf sich wirken, als er vor ihr stand, und ein Schauer der Lust durchrieselte sie. »Ich schlage vor, Ihr hört auf mich.« Allein die pure, männliche Arroganz in dieser Aussage … »Ihr hofiert den Tod, wenn Ihr …« Dorian senkte seinen Mund auf ihren. Es war eine federleichte Berührung, kaum mehr als ein Hauch. Entschlossen, wohl berechnet und so unerwartet, dass sie sich ihm ein wenig entgegenschob. Er küsste ihren Mundwinkel mit der gleichen seidigen Sanftheit. Dann den anderen Mundwinkel. Sie rührte sich nicht, atmete nicht einmal – als wartete jeder Teil ihres Körpers darauf, was er als Nächstes tun würde. Aber Dorian zog sich zurück und musterte ihre Augen mit kühler Distanz. Was immer er dort sah, es veranlasste ihn zurücktreten. Die unsichtbaren Finger an ihren Handgelenken verschwanden. Die Tür wurde entriegelt. Und das dreiste Grinsen kehrte zurück, als Dorian mit einer Schulter zuckte und sagte: »Vielleicht in einer anderen Nacht, kleine Hexe.« Manon hätte beinahe laut gebrüllt, als er zur Tür hinausschlüpfte – und nicht zurückkehrte. 4 5 D ie Hexe war bei Bewusstsein, aber stinksauer. Aedion hatte das Vergnügen, ihr das Frühstück zu servieren, und versuchte, den schweren Duft weiblicher Erregung in der Kabine nicht zu bemerken, oder dass Dorians Duft damit verwoben war. Der König hatte jedes Recht, Vergangenes hinter sich zu lassen, rief Aedion sich Stunden später ins Gedächtnis, als er vom Ruder des Schiffs aus den spätnachmittäglichen Horizont absuchte. In den stillen Stunden seiner Wachdienste hatte er oft über die gründliche Schelte nachgedacht, die Lysandra ihm wegen seines Zorns und seiner Grausamkeit dem König gegenüber hatte zuteilwerden lassen. Und vielleicht – nur vielleicht – hatte Lysandra recht. Und möglicherweise war die Tatsache, dass Dorian überhaupt eine Frau wieder mit Interesse betrachten konnte, nachdem er Sorschas Enthauptung miterlebt hatte, ein Wunder. Aber … ausgerechnet die Hexe? Damit wollte er sich anlegen? Er fragte Lysandra danach, als sie sich dreißig Minuten später zu ihm gesellte, noch durchnässt vom Patrouillieren der Gewässer vor ihnen. Alles war friedlich. Lysandra kämmte mit den Fingern durch ihren tintenschwarzen Vorhang von Haaren und runzelte die Stirn. »Ich hatte Kunden, die ihre Ehefrauen oder Geliebten verloren hatten und nach etwas such ten, um sich abzulenken. Sie wollten das Gegenteil dessen, was ihre Geliebte gewesen war, vielleicht damit der Akt sich wie etwas vollkommen anderes anfühlte. Was er durchgemacht hat, würde jeden verändern. Es könnte durchaus sein, dass er sich jetzt zu jemand Gefährlicherem hingezogen fühlt.« »Er hatte schon immer einen Hang in diese Richtung«, murmelte Aedion und schaute dorthin, wo Aelin und Rowan sich auf dem Hauptdeck einen Übungskampf lieferten. Ihr Schweiß glänzte golden, da das Nachmittagslicht dem Abend entgegendämmerte. Dorian hockte mit Damaris quer über den Knien auf den nahen Stufen des Achterdecks, nur halb wach in der Hitze. Aedion grinste schief in dem Wissen, dass Rowan ihm dafür zweifellos in den Hintern treten würde. »Aelin war gefährlich, aber immer noch menschlich«, bemerkte Lysandra. »Manon ist es … nicht. Es gefällt ihm wahrscheinlich so. Und ich an deiner Stelle würde mich da raushalten.« »Ich werde mich in dieses Desaster nicht einmischen, keine Sorge. Obwohl ich an seiner Stelle diesen Eisenzähnen nicht erlauben würde, meinen liebsten Körperteilen zu nahe zu kommen.« Aedion grinste, als Lysandra den Kopf in den Nacken legte und lachte. Er fügte hinzu: »Außerdem habe ich heute Morgen beobachtet, wie Aelin und die Hexe wegen Elide aneinandergeraten sind, und das hat als Mahnung gereicht, dass ich mich da verflucht noch mal raushalten und das Spektakel als Zuschauer genießen sollte.« Die kleine Elide Lochan – lebendig und irgendwo dort draußen auf der Suche nach ihnen. Bei allen Göttern. Der Ausdruck auf Aelins Gesicht, als Manon nacheinander alle Details offenbart hatte, was Vernon dem Mädchen anzutun versucht hatte … Dafür würde es in Perranth eine Abrechnung geben. Aedion selbst würde den Lord an seinen Innereien aufknüpfen. Während Vernon noch atmete. Und dann würde er damit anfangen, Vernon für die zehn Jahre Grauen büßen zu lassen, die Elide hatte erdulden müssen. Für den verstümmelten Fuß und die Ketten. Für den Turm. Eingesperrt in einen Turm – in einer Stadt, die er im Laufe der letzten zehn Jahre so viele Male besucht hatte, dass er es nicht hatte zählen können. Sie hatte vielleicht sogar die Bane von diesem Turm aus beobachtet, wenn sie kam oder die Stadt wieder verließ. Hatte womöglich gedacht, er hätte sie vergessen oder schere sich nicht um sie. Und jetzt war sie dort draußen. Allein. Mit einem für immer verstümmelten Fuß, ohne Kampftraining und ohne Waffen. Wenn sie Glück hatte, würde sie vielleicht zuerst der Bane begegnen. Seine Kommandanten würden ihren Namen erkennen und sie beschützen. Das heißt, falls sie es überhaupt wagte, sich zu erkennen zu geben. Es hatte seine ganze Selbstbeherrschung gekostet, Manon nicht dafür zu erwürgen, dass sie das Mädchen mitten im Oakwald im Stich gelassen hatte, dass sie es nicht direkt nach Terrasen geflogen hatte. Aelin hatte sich jedoch nicht die Mühe gemacht, sich zurückzuhalten. Zwei Angriffe, beide so schnell, dass nicht einmal die Schwarmführerin sie hatte kommen sehen. Ein Schlag mit dem Handrücken in Manons Gesicht. Dafür, dass sie Elide verlassen hatte. Und dann ein Halsband aus Feuer um Manons Kehle, mit dem sie die Hexe gegen das Holz krachen ließ, als Aelin ihr den Schwur abnahm, dass die Information der Wahrheit entsprach. Rowan hatte Aelin ins Gedächtnis gerufen, dass Manon auch für Elides Flucht und Rettung verantwortlich sei. Aelin hatte nur erwidert, wenn das nicht der Fall gewesen sei, hätte sie Manon das Feuer bereits in die Kehle gezwungen. Und das war es gewesen. Aelin war, nach der Vehemenz zu urteilen, mit der sie immer noch auf dem Deck mit Rowan kämpfte, nach wie vor sauer. Die Hexe war, nach dem Knurren und dem Duft in ihrer Kabine zu urteilen, nach wie vor sauer. Aedion konnte es kaum erwarten, die Stone Marshes zu erreichen – selbst wenn das, was sie dort erwartete, vielleicht nicht allzu angenehm war. Drei weitere Tage lagen zwischen ihnen und der Ostküste. Und dann … dann würden sie sehen, was das Bündnis mit Rolfe wert war, ob man dem Mann trauen konnte. »Du kannst ihm nicht ewig aus dem Weg gehen, weißt du«, sagte Lysandra und lenkte seine Aufmerksamkeit auf den anderen Grund, warum er von diesem Schiff wegmusste. Sein Vater saß in der Nähe von Abraxos, der sich auf dem Bug zusammengerollt hatte, und bewachte und beobachtete den Wyvern. Lernte, wie man sie tötete – wo sie verwundbar waren. Ungeachtet der Tatsache, dass der Wyvern kaum mehr war als ein übergroßer Jagdhund und fügsam genug, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatten, ihn in Ketten zu legen. Die Bestie würde sich wahrscheinlich ohnehin weigern, das Schiff zu verlassen, bis Manon es ebenfalls tat. Abraxos rührte sich nur, um Fische oder größere Tiere zu jagen, und Lysandra begleitete ihn dann unter den Wellen in ihrer Gestalt als Meeresdrache. Und wenn die Bestie sich auf dem Deck ausstreckte, leistete ihm der Löwe Gesellschaft. Aedion hatte seit Skull’s Bay kaum mit Gavriel gesprochen. »Ich gehe ihm nicht aus dem Weg«, sagte Aedion. »Ich habe nur kein Interesse daran, mit ihm zu reden.« Lysandra warf sich das nasse Haar über eine Schulter und betrachtete stirnrunzelnd die feuchten Flecken auf ihrem weißen Hemd. »Was mich betrifft, ich würde gern die Geschichte hören, wie er deiner Mutter über den Weg gelaufen ist. Er ist freundlich – für ein Mitglied von Maeves Garde. Besser als Fenrys.« In der Tat, Fenrys weckte in Aedion den Drang, Dinge zu zer schmettern. Dieses lachende Gesicht, die großmäulige, dunkle Überheblichkeit … er war ihm ähnlich, begriff er. Und er folgte Aelin überallhin wie ein Hund. Oder ein Wolf, nahm er an. Aedion war im Übungsring nicht selbst gegen den männlichen Fae angetreten, aber er hatte genau zugesehen, wie Fenrys es mit Rowan und Gavriel aufnahm, die den Fae beide trainiert hatten. Fenrys kämpfte so, wie er es von einem Krieger erwartete, der jahrhundertelang von zwei tödlichen Mordwerkzeugen im Kampf ausgebildet worden war. Aber er hatte keinen Blick auf ein weiteres Wispern der Magie erhascht, die es Fenrys erlaubt hatte, zwischen verschiedenen Orten hin und her zu springen, als ginge er durch eine unsichtbare Tür. Als hätten seine Gedanken den unsterblichen Krieger herbeigerufen, schlenderte Fenrys lässig aus den Schatten unter Deck und grinste sie alle an, bevor er seinen Posten in der Nähe des Vormasts einnahm. Sie waren alle für Wachdienste und Patrouillen eingeteilt, und Lysandra und Rowan hatten für gewöhnlich die Aufgabe, weite Flüge außer Sichtweite zu machen, um das Meer hinter und vor ihnen abzusuchen oder mit den beiden Begleitschiffen zu kommunizieren. Aedion hatte es nicht gewagt, der Gestaltwandlerin zu sagen, dass er oft die Minuten zählte, bis sie zurückkehrte, dass seine Brust sich immer unerträglich eng anfühlte, bis er sie entdeckte, ganz gleich in welcher geflügelten oder mit Flossen ausgestatteten Gestalt sie zu ihnen zurückkehrte. Wie seine Cousine zweifelte er nicht daran, dass die Gestaltwandlerin es nicht gut aufnehmen würde, wenn er so einen Wirbel um sie machte. Lysandra beobachtete eingehend Aelin und Rowan, ihre Klingen wie Quecksilber, als sie Schlag um Schlag aneinandergerieten. »Du hast gute Fortschritte bei deinen Übungen gemacht«, bemerkte Aedion zur Gestaltwandlerin. Neben Lysandras grünen Augen erschienen Lachfalten. Alle hatten sich abgewechselt, die Gestaltwandlerin in die Kampfkunst einzuführen. Lysandra kannte einiges von ihrer Zeit bei Arobynn – er hatte es sie gelehrt, um das Überleben seiner Investition zu sichern. Aber sie wollte mehr lernen. Wie man Männer auf unzählige Arten töten konnte. Es hätte ihn nicht so sehr berauschen sollen, wie es das tat. Nicht nach dem, was Aedion an jenem Tag in Skull’s Bay am Strand gesagt hatte, nicht nachdem sie es lachend abgetan hatte. Sie hatte es nicht wieder erwähnt. Und er war auch nicht so dumm gewesen, es zu tun. Aedion folgte Lysandra, weil er nicht anders konnte, als sie dorthin schlenderte, wo der Prinz und die Königin ihren Übungskampf ausfochten. Dorian rutschte auf der Treppe zur Seite, um ihr wortlos einen Platz anzubieten. Aedion vermerkte die Geste und den Respekt des Königs und stieß seine eigenen widersprüchlichen Gefühle darüber beiseite, während er neben ihnen stand und sich auf seine Cousine und Rowan konzentrierte. Aber sie hatten sich in eine Pattsituation manövriert, sodass Rowan den Kampf beendete und sein Schwert in die Scheide steckte. Dann schnippte er gegen Aelins Nase, als sie sauer darüber wirkte, nicht gewonnen zu haben. Aedion lachte leise und schaute zu der Gestaltwandlerin, während die Königin und der Prinz zu dem Wasserkrug und den Gläsern schritten, die am Treppengeländer standen, und sich bedienten. Er wollte Lysandra gerade eine letzte Runde im Ring anbieten, bevor die Sonne unterging, als Dorian die Arme auf die Knie stützte und durch das Treppengeländer zu Aelin sagte: »Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas tun wird, wenn wir sie herauslassen.« Aelin nahm einen winzigen Schluck von ihrem Wasser. Sie war noch außer Atem. »Bist du zu diesem Schluss gekommen, bevor, während oder nachdem du sie mitten in der Nacht besucht hast?« Oh, Götter. Es würde diese Art von Gespräch werden. Dorian bedachte sie mit einem schwachen Lächeln. »Du hast eine Vorliebe für unsterbliche Krieger. Warum darf ich das nicht haben?« Es war das leise Klirren ihres Glases auf dem kleinen Tisch, das Aedion dazu veranlasste, sich zu wappnen. Fenrys überwachte sie noch immer vom Vormast aus, Lysandra blieb auf Dorians anderer Seite sitzen. Wenn er dort stehen blieb, wo er jetzt war, mit Aelin neben den beiden, würde er direkt dazwischenstehen. Genau dort, wo er geschworen hatte, nicht zu sein. Rowan, der auf Aelins anderer Seite stand, sagte zu Dorian: »Gibt es einen Grund, Majestät, warum Ihr meint, die Hexe sollte frei sein?« Aelin warf ihm einen Blick aus purem Feuer zu. Gut – sollte doch der Prinz mit ihrem Zorn fertigwerden. Selbst Tage nach der Inbesitznahme, nach der alle so getan hatten, als bemerkten sie die beiden Bisswunden an Rowans Hals nicht oder die zarten, gemeinen Kratzer an seinen Schultern, sah der Fae-Prinz immer noch aus wie ein Mann, der nur mit knapper Not einen Sturm überlebt und jede wilde Sekunde dabei genossen hatte. Ganz zu schweigen von den passenden Wunden an Aelins Hals an diesem Morgen. Er hatte sie beinahe angebettelt, sich ein Halstuch zu suchen. »Warum sperren wir nicht einen von euch in eine Kabine« – Dorian deutete mit dem Kinn auf die Fae-Krieger am anderen Ende des Decks und auf Lysandra zu seiner Rechten – »und finden heraus, wie gut es euch nach solch langer Zeit ergeht.« Aelin sagte: »Jeder Zentimeter an ihr ist dazu gemacht worden, Männer zu ködern. Sie glauben zu machen, sie wäre harmlos.« »Vertrau mir, ich weiß, dass Manon Blackbeak alles andere als harmlos ist.« Aelin preschte weiter vor: »Sie und ihresgleichen sind Mörderinnen. Sie werden ohne Gewissen großgezogen. Ganz gleich, was ihre Großmutter ihr angetan hat, sie wird immer so bleiben. Ich werde das Leben der Leute auf diesem Schiff nicht gefährden, damit du nachts besser schlafen kannst.« Ihre Augen glänzten bei dem unausgesprochenen Seitenhieb. Sie rutschten alle nervös hin und her und Aedion wollte Lysandra gerade zu einem Trainingskampf bitten, als Dorian ein wenig zu leise sagte: »Ich bin immerhin König, weißt du.« Türkis-goldene Augen schossen zu Dorian. Aedion konnte beinahe sehen, wie Aelin sich bemühte, die Worte, die aus ihr heraussprudeln wollten, zu durchdenken, wie sie versuchte, ihr Temperament zu zügeln. Mit einigen wohl gewählten Sätzen konnte sie seinen Mut filetieren wie einen Fisch und die Fetzen des Mannes noch weiter zerstückeln, der übrig geblieben war, nachdem der Valg-Fürst ihm Gewalt angetan hatte. Und wenn sie das tat, würde sie einen starken Verbündeten verlieren, den sie nicht nur in diesem Krieg brauchte, sondern auch dann, wenn sie ihn überlebten. Und – ihre Augen wurden ein wenig weicher. Einen Freund. Den würde sie auch verlieren. Aelin rieb über die Narben an ihren Handgelenken, deutlich sichtbar im goldenen Licht der untergehenden Sonne. Narben, die anzuschauen Aedion krank machte. Nach einem Moment bemerkte sie zu Dorian: »Also gut, etwas mehr Bewegungsfreiheit, aber mit Überwachung … Wenn sie die Kabine verlässt, bleibt sie unter Aufsicht – einer der Fae zu jeder Zeit rund um die Uhr, plus einer von uns. Fesseln an den Handgelenken, nicht an den Füßen. Keine Fesseln in der Kabine, aber ein Wachposten draußen vor der Tür.« Aedion erhaschte einen Blick auf Rowans Daumen, mit dem er über eine der Narben an ihrem Handgelenk strich. Dorian sagte nur: »Na schön.« Aedion rang mit sich, ob er dem König erklären sollte, dass ein Kompromiss von Aelin regelrecht gefeiert werden sollte. Aelins Stimme verklang zu einem tödlichen Schnurren. »Nachdem du an jenem Tag im Oakwald damit fertig warst, mit ihr zu flirten, haben sie und ihr Zirkel versucht, mich zu töten.« »Du hast sie provoziert«, konterte Dorian. »Und ich sitze heute nur hier wegen der Dinge, die sie riskiert hat, als sie zweimal nach Rifthold gekommen ist.« Aelin wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie hat ihre eigenen Gründe, und es lag sicher nicht daran, dass sie in ihren einhundert Jahren des Tötens beschlossen hat, dein hübsches Gesicht würde sie von ihrer Schlechtigkeit abbringen.« »Deines hat Rowan von drei Jahrhunderten eines Blutschwurs abgebracht.« Es war Aedions Vater, der seinen Posten in der Nähe von Abraxos verließ und zu ihnen kam, um die Spannung zu lösen. »Ich würde vorschlagen, Majestät, dass Ihr ein anderes Argument anführt.« In der Tat, Aedions sämtliche Instinkte erwachten angesichts des starren Zorns, der jetzt in jedem Muskel des Fae-Prinzen geschrieben stand. Dorian bemerkte es ebenfalls und sagte, vielleicht ein wenig schuldbewusst: »Ich habe das nicht als Beleidigung gemeint, Rowan.« Gavriel legte den Kopf schief und sein goldenes Haar fiel ihm über die breite Schulter, als er mit dem Anflug eines Lächelns sagte: »Keine Sorge, Majestät. Fenrys hat sich über Whitethorn schon genug lustig gemacht, dass es für weitere drei Jahrhunderte reicht.« Aedion blinzelte, als er den Humor seines Vaters wahrnahm, den Hauch eines Lächelns. Aelin ersparte ihm jedoch die Mühe zu entscheiden, ob er auf dieses Lächeln reagieren sollte oder nicht, indem sie zu Dorian bemerkte: »Nun? Lass uns sehen, ob die Schwarmführerin vor dem Abendessen noch eine Runde über das Deck drehen möchte.« Dorian hatte recht damit, misstrauisch zu wirken, befand Aedion. Aber Aelin ging bereits zur anderen Seite des Decks und Fenrys löste sich von seinem Posten neben dem Vormast. Sein scharfer, bitterer Blick streifte sie alle, als sie vorbeigingen. Fenrys würde zweifellos folgen. Auf keinen Fall würden sie die Hexe losbinden, wenn sie nicht alle anwesend waren. Selbst die drei Fae-Soldaten schienen das zu verstehen. Also zockelte Aedion hinter seiner Königin her in die Düsternis des Schiffs, während sich über ihnen die Nacht herabsenkte, und betete, dass Aelin und Manon das Boot gleich nicht in Fetzen reißen würden. *** Mit einer Hexe ins Bett zu steigen. Aelin knirschte mit den Zähnen, als sie zu Manons Kabine ging. Dorian war einst berüchtigt gewesen, wenn es um Frauen ging, aber dies … Aelin schnaubte und wünschte sich, Chaol wäre da, wenn auch nur um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen. Obwohl sich auch der Druck in ihrer Brust etwas löste, in dem Wissen, dass Chaol und Faliq im Süden waren. Vielleicht eine Armee aufstellten, um das Enge Meer zu überqueren und nach Norden zu marschieren. Wenn sie alle Glück hatten. Wenn. Aelin hasste dieses Wort. Aber … ihre Freundschaft mit Dorian war unsicher genug. Sie hatte seiner Bitte nachgegeben, zum Teil aus einem Fetzchen Freundlichkeit heraus, aber hauptsächlich weil sie wusste, dass es mehr gab, was Manon ihnen über Morath erzählen musste. Über Erawan. Viel mehr. Und sie bezweifelte, dass die Hexe entgegenkommend sein würde – vor allem nachdem Aelin am Morgen ein ganz klein wenig die Fassung verloren hatte. Ja, vielleicht machte es sie zu einer intriganten, grässlichen Person, dass sie Dorians Interesse dazu benutzte, der Hexe Honig ums Maul zu schmieren. Aber es herrschte nun mal Krieg. Aelin bog die Hand durch, als sie sich dem Zimmer der Hexe näherte, und die Laternen schwankten im raueren Seegang, der seit Mittag herrschte. Rowan hatte die Prellung auf ihren Knöcheln von dem Schlag, den sie der Hexe verpasst hatte, geheilt – und sie hatte es ihm gedankt, indem sie die Tür zu ihrem Zimmer verschlossen und vor ihm auf die Knie gegangen war. Sie konnte noch immer seine Finger in ihr Haar gekrallt fühlen, konnte noch immer sein Stöhnen hören … Rowan, der jetzt einen Schritt neben ihr herging, riss den Kopf in ihre Richtung herum. An was zum Teufel denkst du da gerade? Aber sein Blick verriet ihr, dass er genau wusste, wohin ihre Gedanken auf dem Weg zur Kabine der Hexe gewandert waren. Die üblichen Dinge , schoss sie Rowan mit einem albernen Lächeln entgegen. Töten, häkeln, wie ich dich dazu bringen kann, wieder diese Laute auszustoßen … Rowans Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, der ihr ein Grinsen entlockte. Zweite Runde , schien er zu sagen. Sobald dies erledigt ist, wird es eine zweite Runde geben. Diesmal darf ich sehen, welche Laute du von dir gibst. Aelin prallte beinahe gegen den Türpfosten von Manons offener Kabine. Rowans leises Lachen zwang sie, sich zu konzentrieren und aufzuhören zu lächeln wie eine von Lust benebelte, liebeskranke Idiotin … Manon saß aufrecht im Bett und der Blick ihrer goldenen Augen huschte zwischen Rowan, Dorian und Aelin hin und her. Fenrys schlüpfte hinter ihnen hinein und richtete seine Aufmerksamkeit direkt auf die Hexe. Zweifellos von ihrer Schönheit, Anmut und ihrer ach so tollen Vollkommenheit verblüfft. Manon sagte leise und ausdruckslos: »Wer ist das?« Dorian zog eine Braue hoch und folgte ihrem Blick. »Ihr seid ihm schon begegnet. Das ist Fenrys – eingeschworener Krieger von Königin Maeve.« Dass Manon die Augen zusammenkniff, löste das Prickeln irgendeines Instinktes aus. Das Beben der Nasenflügel der Hexe, als sie den Mann witterte, sein Geruch kaum wahrnehmbar in der engen Kabine … »Nein, das ist er nicht«, widersprach Manon. Die Eisennägel der Hexe blitzten auf, einen Moment bevor Fenrys zuschlug. 46 I nstinktiv griff Aelin immer noch zuerst nach einem Messer, bevor sie nach ihrer Magie griff. Und als Fenrys sich knurrend auf Manon stürzte, war es Rowans Macht, die ihn quer durch die Kabine schleuderte. Bevor der männliche Fae noch ganz über den Boden gerutscht war, hatte Aelin eine Wand aus Flammen zwischen ihnen hochgezogen. »Was zur Hölle «, spuckte sie. Fenrys, der jetzt auf den Knien lag, griff sich an die Kehle – Rowan schnürte ihm die Luft ab. Die Kabine war zu klein, als dass sie alle hineingepasst hätten, ohne einander zu nah zu kommen. Eis tanzte auf Dorians Fingerspitzen, als er sich neben Manon schob, die immer noch angekettet war. »Wie hast du das gemeint, das sei nicht Fenrys?«, fragte Aelin die Hexe, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Rowan stieß hinter ihr ein Knurren aus. Und Aelin beobachtete mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination, wie Fenrys’ Brust sich mit einem mächtigen Atemzug ausdehnte. Wie er sich erhob und die Wand aus Flammen musterte. Als hätte Rowans Magie sich schon abgenutzt. Und als Fenrys’ Haut zu glühen und wegzuschmelzen schien und eine Kreatur, so bleich wie frischer Schnee, aus der schwindenden Illu sion auftauchte, warf Aelin Aedion einen schnellen Blick über die Schulter zu. Ihr Cousin handelte sofort und die Schlüssel zu Manons Ketten tauchten aus seiner Tasche auf. Aber Manon bewegte sich nicht, als das Ding Gestalt annahm mit all seinen spindeldürren Gliedmaßen, die Flügel fest an den Leib gepresst; das schauerliche, verzerrte Gesicht, das sie beschnupperte … Manons Ketten lösten sich klirrend. Aelin sprach das Ding jenseits ihrer Flammenwand an: »Was bist du?« Manon antwortete an seiner Stelle: »Erawans Bluthund.« Das Ding lächelte und bleckte verfaulte, schwarze Zahnstummel. »Zu euren Diensten«, sagte es. Sagte sie , begriff Aelin, als sie kleine, verschrumpelte Brüste auf ihrem schmalen Oberkörper bemerkte. »Deine Eingeweide sind also dringeblieben«, schnurrte sie an Manon gewandt. »Wo ist Fenrys?«, verlangte Aelin zu erfahren. Das Lächeln des Bluthunds blieb. »Auf Patrouille irgendwo auf dem Schiff, auf einem anderen Stockwerk, nehme ich an. Ahnungslos, genau wie ihr ahnungslos wart, dass einer der Euren nicht wirklich bei euch war, während ich …« »Ach je, noch so eine Schwätzerin«, murmelte Aelin und warf sich ihren Zopf über eine Schulter. »Lass mich raten: Du hast einen Seemann getötet, seinen Platz eingenommen, herausgefunden, was du wissen musstest, um Manon von diesem Schiff herunterzubekommen, und … was dann? Hattest du vor, sie in die Nacht hinauszutragen?« Aelin betrachtete stirnrunzelnd den dünnen Körper der Kreatur. »Du siehst aus, als könntest du kaum eine Gabel heben – und als hättest du das auch seit Monaten nicht getan.« Der Bluthund blinzelte sie an – und zischte. Manon stieß ein leises Lachen aus. Aelin sagte: »Ernsthaft? Du hättest dich einfach hier hereinschleichen und dir tausend dumme Zwischenschritte sparen können …« »Gestaltwandler« , zischte die Kreatur, so hungrig, dass Aelin abbrach. Der Blick der riesigen Augen des Geschöpfs war direkt zu Lysandra gewandert, die leise knurrend in Geisterleopardengestalt in der Ecke hockte. »Gestaltwandler« , zischte das Ding abermals und die Sehnsucht verzerrte seine Züge. Und Aelin hatte das Gefühl zu wissen, als was diese Kreatur ihr Leben begonnen hatte. Was Erawan in den Bergen rund um Morath gefangen und verstümmelt hatte. »Wie ich eben sagte«, meinte Aelin gedehnt, »du hast dir dies wirklich selbst zuzuschreiben …« »Ich bin wegen der Blackbeak-Erbin hier«, hechelte der Bluthund. »Aber seht euch doch alle an: ein Schatz, der euer Gewicht in Gold wert ist.« Die Augen der Kreatur trübten sich, als wäre sie nicht länger dort, als wäre sie in einen anderen Raum gedriftet … Verflucht. Aelin griff mit ihrer Flamme an. Der Bluthund schrie … Und Aelins Flamme verpuffte zu Dampf. Rowan war sofort da und stieß sie zurück, sein Schwert gezückt. Ihre Magie … »Du hättest mir die Hexe geben sollen«, lachte der Bluthund und riss einfach das ganze Bullauge aus der Seite des Schiffes heraus. »Jetzt weiß er, mit wem du reist, auf welchem Schiff du segelst …« Die Kreatur machte einen Satz auf das Loch zu, das sie in die Schiffswand gerissen hatte, und Gischt drang ein. Ein Pfeil mit schwarzer Spitze bohrte sich in das Knie des Geschöpfs, dann ein weiterer. Der Bluthund ging wenige Zentimeter vor der Freiheit zu Boden. Knurrend, als er in den Raum trat, feuerte Fenrys einen weiteren Pfeil ab und nagelte ihre Schulter an die Holzplanken. Anscheinend schätzte er es nicht, wenn jemand sich für ihn ausgab. Er bedachte Rowan mit einem wutentbrannten Blick, der genau das besagte. Und mit dem er zu wissen verlangte, wieso keiner von ihnen den Unterschied bemerkt hatte. Aber der Bluthund riss sich hoch und schwarzes Blut spritzte durch den Raum und erfüllte ihn mit dem Gestank der Kreatur. Aelin hatte einen Dolch in der Hand, bereit, ihn fliegen zu lassen; Manon stand im Begriff loszustürzen; Rowan hatte sein Beil im Anschlag. Der Bluthund warf einen Streifen schwarzen Leders mitten in den Raum. Manon erstarrte. »Deine Zweite hat geschrien, als Erawan sie gebrochen hat«, sagte der Bluthund. »Seine Dunkle Majestät sendet dies als Andenken an sie.« Aelin wagte es nicht, den Blick von der Kreatur zu lösen. Aber sie hätte schwören können, dass Manon schwankte. Und dann sagte der Bluthund der Hexe: »Ein Geschenk eines Königs der Valg … an die letzte lebende Crochan-Königin.« *** Manon starrte immer weiter auf das geflochtene Lederband –Asterin hatte es Tag für Tag getragen, selbst wenn keine Schlacht es verlangte. Sie scherte sich nicht darum, was der Bluthund zu den anderen gesagt hatte. Scherte sich nicht darum, ob sie Erbin des Blackbeak-Hexenklans war oder Königin der Crochans. Scherte sich nicht darum, ob … Manon beendete den Gedanken nicht, als das Brüllen alles andere in ihrem Kopf zum Schweigen brachte. Das Brüllen, das aus ihrem Mund kam, als sie sich auf den Bluthund stürzte. Die Pfeile, die in der Bestie steckten, kratzten Manon, als sie diesen nasskalten, knochigen Körper auf das Holz niederrang. Krallen und Zähne attackierten ihr Gesicht, aber Manon konnte die Hände um den Hals schließen und Eisen stieß durch feuchte Haut. Dann wurden Manons Krallen unter Phantomhänden aufs Holz gedrückt, als Dorian mit ungerührtem Gesicht herüberschlenderte. Die Kreatur schrie, als die unsichtbaren Hände ihre Knochen zerquetschten. Dann hindurchgingen. Manon starrte die abgetrennten Hände einen Moment lang an, bevor der Bluthund schrie, so laut, dass es ihr in den Ohren klingelte. Aber Dorian gurrte: »Bringt es zu Ende.« Manon hob ihre andere Hand, um sie mit Eisen zu zerfetzen, nicht mit Stahl. Die anderen standen hinter ihnen und beobachteten sie, ihre Waffen bereit. Aber der Bluthund keuchte: »Willst du nicht wissen, was deine Zweite gesagt hat, bevor sie starb? Worum sie gebettelt hat?« Manon zögerte. »Was für ein schreckliches Brandmal auf ihrem Bauch – unrein. Hast du das selbst gemacht, Blackbeak?« Nein. Nein, nein, nein … »Ein Baby; sie hat erzählt, sie habe ein tot geborenes Hexenbaby zur Welt gebracht.« Manon erstarrte vollkommen. Und scherte sich nicht besonders darum, als der Bluthund sich mit gebleckten Zähnen auf ihre Kehle stürzte. Es waren weder Flamme noch Wind, die dem Bluthund das Genick brachen. Sondern unsichtbare Hände. Das Knirschen hallte durchs Zimmer und Manon wirbelte zu Dorian Havilliard herum. Seine saphirblauen Augen waren vollkommen gnadenlos. Manon knurrte. »Wie könnt Ihr es wagen , mir zu nehmen, was zu töten mein Recht gewesen wäre …« An Deck begannen Männer zu schreien und Abraxos brüllte. Abraxos. Manon machte auf dem Absatz kehrt und brach durch die Wand aus Kriegern, stürmte den Flur entlang und die Treppe hinauf … Ihre eisernen Nägel rissen Stücke aus dem glitschigen Holz, als sie sich hochhievte. Ihr Bauch schmerzte. Schwüle Nachtluft traf sie, dann der Duft des Meeres, dann … Sie waren zu sechst. Ihre Haut war nicht knochenweiß wie die des Bluthundes, sondern in einem gescheckten, dunklen Ton gefärbt – gezüchtet für die Schatten. Geflügelt, allesamt mit menschenähnlichen Gesichtern und Körpern … Ilken , zischte einer von ihnen, während er einem Mann mit einem einzigen Hieb seiner Krallen den Bauch aufschlitzte. Wir sind die Ilken und wir sind gekommen, um zu fressen. Tatsächlich lagen überall Piraten tot auf dem Deck, das Blut ein metallischer Geruch, der ihre Sinne füllte, während sie dorthin raste, wo Abraxos’ Brüllen erklungen war. Aber er war schon in der Luft, schlug hoch oben mit den Flügeln, und sein Schwanz peitschte hin und her. Die Gestaltwandlerin in Wyverngestalt an seiner Seite. Sie nahm es mit drei der kleineren Geschöpfe auf, die so viel flinker waren als sie selbst … Flammen schossen in die Nacht, zusammen mit Wind und Eis. Ein Ilken verbrannte. Dem zweiten wurden die Flügel gebrochen. Und der dritte … der dritte erstarrte zu einem festen Eisblock und zerschellte auf dem Deck. Acht weitere Ilken landeten und einer zerfetzte einem schreienden Seemann auf dem Vordeck den Hals … Manons Eisenzähne schnappten zu. Wieder schossen Flammen wie Speere auf die angreifenden Gräuel zu. Und die segelten einfach hindurch. Auf dem Schiff tobte ein wütender Kampf, in dem Flügel und Klauen zarte, menschliche Haut zerfetzten, während unsterbliche Krieger ihre Magie auf die Ilken losließen, die auf dem Deck landeten. *** Aedion jagte hinter Aelin her, sobald der Wyvern brüllte. Er kam bis zum Hauptdeck, bevor diese Dinger angriffen. Und bevor Aelins Flamme vom Deck vor ihnen losbrach und er begriff, dass seine Cousine auf sich selbst aufpassen konnte. Scheiße , der Valg-König war wirklich fleißig gewesen. Ilken hatten sie sich genannt. Zwei von ihnen standen nun vor ihm auf dem Achterdeck, wohin er gerannt war, um zu verhindern, dass dem Ersten Offizier und dem Kapitän die Organe aus den Bäuchen gerissen wurden. Beide Bestien waren ungefähr zweieinhalb Meter groß und die Ausgeburten von Albträumen, aber in ihren Augen … es waren menschliche Augen. Und ihr Geruch … wie verfaultes Fleisch, aber … menschlich. Teilweise. Sie standen zwischen ihm und der Treppe zurück zum Hauptdeck. »Welch reiche Beute diese Jagd abwirft«, sagte einer. Aedion wagte es nicht, sie aus den Augen zu lassen, obwohl er undeutlich hörte, wie Aelin Rowan befahl, den anderen Schiffen zu helfen. Obwohl er von ferne das Knurren eines Wolfs und eines Löwen hörte und den Kuss der Kälte spürte, als Eis in die Welt krachte. Aedion packte sein Schwert und wirbelte es einmal, zweimal herum. Hatte der Piratenlord sie an Morath verkauft? So wie der Bluthund Lysandra angeschaut hatte … Sein Zorn wurde zu einem Lied in seinem Blut. Sie musterten ihn und Aedion wirbelte abermals sein Schwert herum. Zwei gegen einen – er hatte vielleicht eine Chance. In dem Moment stürzte der dritte sich aus den Schatten auf ihn. *** Aelin tötete einen von ihnen mit Goldryn. Eine Enthauptung. Die beiden anderen waren darüber nicht sehr erfreut, wenn ihr unablässiges Kreischen direkt danach irgendein Hinweis war. Das Brüllen eines Löwen hallte durch die Nacht und Aelin betete, dass Gavriel irgendwo mit Aedion zusammen war … Die beiden vor ihr, die den Weg unter Deck versperrten, hörten endlich lange genug mit ihren zischenden Kreischanfällen auf, um zu fragen: »Und – wo sind jetzt deine Flammen?« Aelin öffnete den Mund. Aber dann sprang Fenrys in Wolfsgestalt aus einem Fleckchen Nacht heraus, als wäre er einfach durch eine Tür gelaufen, und krachte in den Nächstbesten hinein. Wie es schien, hatte er eine Rechnung zu begleichen. Fenrys’ Kiefer schlossen sich um die Kehle des Ilken und der andere wirbelte mit ausgefahrenen Krallen herum. Sie war nicht schnell genug, um ihn zu stoppen, als zwei Paar Krallen durch das weiße Fell schnitten, durch den Schild, mit dem er sich schützte, und Fenrys’ Schmerzensschrei über das Wasser gellte. Zwillingsschwerter aus Flammen schlugen die Hälse der zwei Ilken glatt durch. Köpfe rollten über das vom Blut glitschige Deck. Fenrys taumelte zurück und schaffte es gerade einen Schritt weit, bevor er auf die Planken krachte. Aelin stürmte fluchend zu ihm. Blut und Knochen und grünlicher Schleim – Gift. Wie das an den Schwänzen der Wyvern. Als würde sie tausend Kerzen auspusten, schob sie ihre Flamme beiseite und sammelte ihr heilendes Wasser. Fenrys wechselte zurück in seine Fae-Gestalt. Er biss die Zähne zusammen, fluchte leise und grimmig und presste sich eine Hand auf seine aufgerissenen Rippen. »Halt still« , befahl sie ihm. Sie hatte Rowan sofort zu den anderen Schiffen geschickt, und obwohl er versucht hatte, mit ihr zu debattieren, hatte er gehorcht. Sie hatte keine Ahnung, wo die Schwarmführerin war – die Crochan-Königin. Heilige Götter. Aelin machte ihre Magie bereit und versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen … »Den anderen«, keuchte Aedion, der mit schwarzem Blut bedeckt auf sie zuhumpelte, »geht es gut.« Sie schluchzte beinahe vor Erleichterung – bis sie bemerkte, wie hell die Augen ihres Cousins glänzten, und dass … dass Gavriel, an dem noch mehr Blut klebte und der noch stärker humpelte als Aedion, einen Schritt hinter seinem Sohn herkam. Was zur Hölle war passiert? Fenrys stöhnte und sie konzentrierte sich auf seine Wunden, auf dieses Gift, das in sein Blut drang. Sie öffnete den Mund, um Fenrys zu sagen, er solle die Hand wegnehmen, als Flügelschlagen erklang. Nicht die Art, die sie liebte. Aedion war sofort vor ihnen, das Schwert gezückt, das Gesicht schmerzverzerrt – aber einer der Ilken hob eine krallenbewehrte Hand. Ein Unterhändler. Ihr Cousin blieb stehen. Aber Gavriel rückte unmerklich näher an den Ilken heran, als dieser Fenrys beschnupperte und lächelte. »Spar dir die Mühe«, sagte das Ding mit einem leisen Lachen zu Aelin. »Er wird nicht mehr lange leben.« Aedion knurrte und zückte seine Kampfmesser. Aelin beschwor ihre Flammen. Nur ihr heißestes Feuer konnte sie töten – bei allem Geringeren blieben sie unversehrt. »Man hat mich geschickt, um eine Botschaft zu überbringen«, erklärte der Ilken und lächelte über eine Schulter in Richtung des Horizonts. »Danke, dass du in Skull’s Bay bestätigt hast, dass du bei dir trägst, wonach Seine Dunkle Majestät sucht.« Aelin sackte der Magen in die Kniekehlen. Der Schlüssel. Erawan wusste, dass sie den Wyrdschlüssel hatte. 47 R owan raste zurück zu ihrem Schiff und seine Magie katapultierte ihn beinahe durch die Luft. Die beiden anderen Schiffe waren unbehelligt geblieben – sie hatten sogar die Unverschämtheit besessen zu fragen, was zum Teufel all das Geschrei solle. Rowan hatte sich nicht die Mühe gemacht, mehr zu erklären, als dass es einen feindlichen Angriff gebe und dass sie ankern sollten, bis er vorbei war, ehe er das Schiff wieder verlassen hatte und zu dem Gemetzel zurückkehrte. Mit einem Herzen zurückkehrte, das so wild hämmerte, dass er dachte, er würde sich vor Erleichterung übergeben, als er zur Landung heranflog und Aelin auf dem Deck knien sah. Bis er Fenrys bemerkte, der blutend unter ihren Händen dalag. Bis dieser letzte Ilken vor ihnen landete. Sein Zorn schärfte sich zu einem tödlichen Speer und seine Magie strömte zusammen, während er durch den Himmel auf das Deck zuschoss. Konzentrierte Stöße, hatte er entdeckt, konnten durch jede Abwehr dringen, die man ihnen angezüchtet hatte. Er würde dem Ding den Kopf vom Hals reißen. Aber dann lachte der Ilken, gerade als Rowan landete und sich verwandelte, und schaute über seine magere Schulter. »Morath freut sich darauf, dich willkommen zu heißen«, feixte die Kreatur und erhob sich in den Himmel, bevor Rowan sich auf sie stürzen konnte. Aber Aelin rührte sich nicht. Gavriel und Aedion, blutverschmiert und hinkend, bewegten sich kaum. Fenrys, dessen Brust eine blutige Masse mit grünlichem Schleim darin war – Gift … Macht glühte an Aelins Händen, als sie über Fenrys kniete und sich auf das bisschen Wasser konzentrierte, das man ihr gegeben hatte, einen Tropfen Wasser in einem Meer aus Feuer … Rowan öffnete den Mund, um Hilfe anzubieten, als Lysandra aus den Schatten keuchte: »Wird sich irgendjemand um dieses Ding kümmern oder soll ich es tun?« In der Tat, der Ilken flatterte in Richtung der fernen Küste, kaum mehr als ein Tupfer Schwärze vor dem verdunkelten Himmel. Er jagte der Küste entgegen, zweifellos, um direkt nach Morath zu fliegen und Bericht zu erstatten. Rowan riss Fenrys’ heruntergefallenen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen mit schwarzer Spitze vom Boden. Keiner von ihnen bremste ihn, als er zur Reling eilte und Blut unter seinen Stiefeln aufspritzte. Man hörte nur die plätschernden Wellen, das Wimmern der Verletzten und das Ächzen des mächtigen Bogens, als er einen Pfeil anlegte und die Sehne zurückzog. Immer weiter. Seine Arme spannten sich, aber er konzentrierte sich auf diesen dunklen Fleck, der davonflatterte. »Eine Goldmünze, dass er ihn verfehlt«, schnarrte Fenrys. »Spar dir den Atem für die Heilung«, fuhr Aelin ihn an. »Mach zwei daraus«, bemerkte Aedion hinter ihm. »Ich sage, er trifft.« »Ihr könnt alle zur Hölle fahren«, knurrte Aelin. Aber dann fügte sie hinzu: »Macht fünf daraus. Zehn, dass er ihn mit dem ersten Schuss erledigt.« »Abgemacht«, stöhnte Fenrys, seine Stimme belegt vor Schmerz. Rowan knirschte mit den Zähnen. »Erinnert mich noch mal, warum ich mich überhaupt mit irgendeinem von euch abgebe.« Dann schoss er. Der Pfeil war fast unsichtbar, als er durch die Nacht segelte. Aber mit seinen Fae-Augen sah Rowan klar und deutlich, wie dieser Pfeil sein Ziel fand. Mitten durch den Kopf der Kreatur. Aelin lachte leise, als der Ilken ins Meer fiel, das aufspritzende Wasser selbst aus dieser Entfernung sichtbar. Rowan drehte sich um und funkelte sie an. Licht schimmerte um ihre Fingerspitzen, als sie sie über Fenrys’ verwüstete Brust hielt. Aber er richtete seinen zornigen Blick auf den männlichen Fae, dann auf Aedion und sagte: »Zahltag, ihr Arschlöcher.« Aedion kicherte, aber Rowan bemerkte den Schatten in Aelins Augen, als sie fortfuhr, seinen ehemaligen Späher zu heilen. Verstand, warum sie es heruntergespielt hatte, trotz des verletzten Fenrys vor ihr. Denn wenn Erawan jetzt wusste, wo sie sich aufhielten … sie mussten verschwinden. Schnell. Und beten, dass Rolfes Wegbeschreibung zu dem Schloss nicht falsch war. *** Aedion hatte Überraschungen gründlich satt. Hatte das Gefühl satt, dass ihm das Herz in der Brust stehen blieb. Wie es das getan hatte, als Gavriel losgesprungen war, um ihm beim Kampf mit dem Ilken den Arsch zu retten, und der Löwe so wütend über sie hergefallen war, dass es Aedion dastehen ließ wie einen Anfänger mit seinem ersten Übungsschwert. Der dumme Bastard hatte sich dabei verletzt, hatte sich einen Schnitt am Arm und an den Rippen zugezogen, bei dem er vor Schmerz aufgebrüllt hatte. Das Gift, das sonst diese Krallen bedeckte, war barmherzigerweise bei anderen Männern aufgebraucht worden. Aber es war der Duft des Blutes seines Vaters gewesen, der Aedion zum Handeln trieb – dieser kupfrige, sterbliche Geruch. Gavriel hatte ihn nur angeblinzelt, als Aedion den pochenden Schmerz in seinem Bein ignoriert hatte, den er kurz zuvor von einem Schlag direkt oberhalb seines Knies davongetragen hatte, und sie Rücken an Rücken gekämpft hatten, bis diese Kreaturen nur noch zuckende Haufen aus Knochen und Fleisch gewesen waren. Er hatte kein Wort zu dem männlichen Fae gesagt, bevor er sein Schwert in die Scheide gesteckt und seinen Schild auf den Rücken geschoben hatte, um sich auf die Suche nach Aelin zu machen. Sie kniete immer noch über Fenrys und hatte für Rowan bloß einen Klaps auf den Oberschenkel übrig, als er an ihr vorbeistürmte, um bei den anderen Verletzten zu helfen. Ein Klaps auf den Oberschenkel – für einen Schuss, von dem Aedion sich ziemlich sicher war, dass die meisten seiner Bane ihn für unmöglich gehalten hätten. Aedion stellte den Wassereimer, um den sie ihn für Fenrys gebeten hatte, auf den Boden und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als sie das grüne Gift wegwischte, das heraussickerte. Einige Schritte entfernt versorgte sein Vater einen flennenden Piraten – der bloß einen Riss im Oberschenkel davongetragen hatte. Fenrys zischte und Aelin stieß ihrerseits vor Schmerz ein Ächzen aus. Aedion mischte sich ein. »Was?« Aelin schüttelte knapp den Kopf, eine strenge Abfuhr. Aber er sah ihr zu, wie sie Fenrys in die Augen schaute – und seinen Blick auf eine Art bannte, die Aedion sagte, dass, was immer sie gleich tun würde, schmerzhaft wäre. Er hatte auf Schlachtfeldern und anschließend in den Zelten der Heiler hundertmal den gleichen Blick zwischen Heiler und Soldat beobachtet. »Warum«, keuchte Fenrys, »hast du« – ein weiteres Keuchen – »sie nicht einfach verbrannt?« »Weil ich Informationen aus ihnen herausholen wollte, bevor du herangestürmt kamst, du herrischer Fae-Bastard.« Sie knirschte erneut mit den Zähnen und Aedion legte ihr eine stützende Hand auf den Rücken, als das Gift zweifellos gegen ihre Magie stritt. Während sie versuchte, es herauszuspülen. Sie lehnte sich ein wenig gegen seine Hand. »Kann mich allein heilen«, schnarrte Fenrys, als er die Anspannung bemerkte. »Kümmere dich um die anderen.« »Oh, bitte«, fuhr sie ihn an. »Ihr seid alle unausstehlich. Diese Kreatur hatte Gift an ihren Krallen …« »Die anderen …« »Erzähl mir, wie deine Magie funktioniert – wie du zwischen verschiedenen Orten hin und her springen kannst.« Eine kluge, einfache Art, dafür zu sorgen, dass er sich auf etwas anderes konzentrierte. Aedion ließ den Blick über das Deck schweifen und überzeugte sich davon, dass er nicht gebraucht wurde, dann tupfte er das Blut und das Gift auf, das aus Fenrys’ Brust sickerte. Es musste höllisch wehtun. Das hartnäckige Pochen in seinem Bein war wahrscheinlich nichts im Vergleich dazu. »Niemand weiß, woher es kommt – was es ist«, erklärte Fenrys zwischen flachen Atemzügen, während er die Finger an seinen Seiten zu Fäusten ballte und wieder öffnete. »Aber es erlaubt mir, zwischen Falten in der Welt hindurchzuschlüpfen. Nur kurze Entfernungen und nur einige wenige Male, bevor ich erschöpft bin, aber … auf einem Schlachtfeld ist es nützlich.« Er keuchte zwischen zusammengebissenen Zähnen, als die äußeren Ränder seiner Schnittwunde aufeinander zustrebten. »Davon abgesehen bin ich nichts Besonderes. Schnelligkeit, Kraft, zügiges Heilen … vielleicht mehr als der durchschnittliche Fae, aber der gleiche Grundstock an Gaben. Ich kann mich selbst und andere mit einem Schild schützen, kann aber kein Element beschwören.« Aelins Hand bebte leicht über seiner Wunde. »Und woraus besteht dann dein Schild?« Fenrys versuchte erfolglos, mit den Schultern zu zucken. Aber Gavriel, der an dem noch immer wimmernden Piraten arbeitete, murmelte: »Arroganz.« Aelin schnaubte, wagte es jedoch nicht, den Blick von Fenrys’ Verletzung abzuwenden, als sie antwortete: »Du hast also doch einen Sinn für Humor, Gavriel.« Der Löwe von Doranelle bedachte sie über seine Schulter mit einem argwöhnischen Lächeln. Eine seltene, zurückhaltende Entsprechung von Aedions eigenem aufblitzenden Lächeln. Aelin hatte ihn genau ein einziges Mal Onkel Miezekatze genannt, bevor Aedion so bösartig geknurrt hatte, dass sie es sich gründlich überlegte, diesen Ausdruck je wieder zu verwenden. Man musste es Gavriel lassen, er hatte Aelin lediglich mit einem leidgeprüften Seufzer geantwortet, den er nur dann je zu äußern schien, wenn sie oder Fenrys in der Nähe waren. »Dieser Sinn für Humor taucht aber bloß ungefähr einmal pro Jahrhundert auf«, schnarrte Fenrys, »deshalb solltest du besser hoffen, dass dein Festsetzen bald eintritt, sonst war dies das letzte Mal, dass du ihn zu Gesicht bekommst.« Aelin kicherte, doch der Laut erstarb schnell. Ein kaltes und öliges Gefühl schlich sich in Aedions Eingeweide. »Tut mir leid«, fügte Fenrys hinzu und krümmte sich, entweder wegen der Worte oder wegen der Schmerzen. Aelin fragte, bevor Aedion seine Worte noch ganz verdaut hatte: »Wo kommst du her? Lorcan war ein Bastard aus den Elendsvierteln, das weiß ich.« »Lorcan war auch in Maeves Palast ein Bastard, mach dir da keine Sorgen«, meinte Fenrys feixend und sein sonst bronzefarbenes Gesicht war bleich. Aelins Mundwinkel zuckten. »Connall und ich sind die Söhne von Edelleuten, die im südlichsten Teil von Maeves Ländern leben …« Er zischte. »Deine Eltern?«, hakte Aedion nach, als Aelin selbst Mühe zu haben schien, Worte zu finden. Er hatte sie kleine Schnittwunden heilen sehen, hatte sie Manons Wunde über Tage hinweg langsam gesunden sehen, aber … »Unsere Mutter war eine Kriegerin«, sagte Fenrys, und jedes Wort klang gequält. »Sie hat auch uns dazu ausgebildet. Unser Vater war oft fort im Krieg. Sie hatte die Aufgabe, unser Heim und unsere Ländereien zu verteidigen. Und sie war Maeve unterstellt.« Raue, gequälte Atemzüge von ihnen beiden. Aedion hockte sich so hin, dass Aelin sich ganz an ihn lehnen konnte, und biss die Zähne zusammen, weil das sein ohnehin geschwollenes Knie noch mehr belastete. »Als Con und ich dreißig wurden, waren wir versessen darauf, mit ihr nach Doranelle zu gehen – um die Stadt zu sehen, die Königin kennenzulernen und zu tun, was junge Männer gern tun, mit Geld in den Taschen und ihrer Jugend als Vorzug. Aber Maeve warf nur einen einzigen Blick auf uns …« Er brauchte diesmal länger, um wieder zu Atem zu kommen. »Von da an lief es nicht sehr gut.« Aedion kannte den Rest der Geschichte, genau wie Aelin. Der letzte grüne Schleim sickerte aus Fenrys’ Brust. Und Aelin flüsterte: »Sie weiß, dass du den Schwur hasst, nicht wahr?« »Maeve weiß es«, bestätigte Fenrys. »Und ich habe keinen Zweifel daran, dass sie mich in der Hoffnung hierhergeschickt hat, vorübergehende Freiheit wäre Folter für mich.« Aelins Hände zitterten und ihr Körper schauderte an dem von Aedion. Er legte ihr einen Arm um die Taille. »Es tut mir leid, dass du an sie gebunden bist«, war alles, was Aelin herausbrachte. Die Wunden in Fenrys’ Brust begannen zusammenzuwachsen. Rowan kam zu ihnen, als würde er spüren, dass ihre Kräfte schwanden. Fenrys’ Gesicht war immer noch gräulich, immer noch angespannt, als er zu Rowan aufschaute und zu Aelin sagte: »Dies ist es, was uns zu tun bestimmt ist – beschützen, dienen, liebevoll hegen. Was Maeve anbietet, ist … ein Hohn auf diese Dinge.« Er betrachtete die Wunden, die jetzt in seiner Brust verheilten und langsam zusammenwuchsen. »Aber es ist das, was zum Blut eines männlichen Fae spricht, was ihn leitet. Wonach wir alle suchen, selbst wenn wir behaupten, wir täten es nicht.« Aedions Vater war über dem verwundeten Piraten reglos geworden. Aedion überraschte sogar sich selbst, als er über seine Schulter gewandt zu Gavriel sagte: »Und findest du, dass Maeve das erfüllt – oder bist du Fenrys’ Meinung?« Sein Vater blinzelte, was so ziemlich alles an Schock war, was er zeigen würde, dann richtete er sich auf. Der verletzte Matrose vor ihm schlief jetzt, um sich von der Heilung zu erholen. Aedion ertrug die volle Wucht seines lohfarbenen Blicks und versuchte, den Funken Hoffnung zu ignorieren, der in den Augen des Löwen aufleuchtete. »Ich komme ebenfalls aus einem adeligen Haus, der jüngste von drei Brüdern. Ich sollte nicht erben oder herrschen, also wurde ich Soldat. Es hat mir Maeves Aufmerksamkeit und ihr Angebot eingetragen. Es gab – gibt keine größere Ehre.« »Das ist keine Antwort«, sagte Aedion leise. Sein Vater ließ die Schultern kreisen. Unruhig. »Ich habe es nur einmal gehasst. Wollte nur ein einziges Mal fortgehen.« Er sprach nicht weiter. Und Aedion wusste, welche Worte unausgesprochen blieben. Aelin strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »So sehr hast du sie geliebt?« Aedion versuchte, sich seine Dankbarkeit dafür nicht anmerken zu lassen, dass sie an seiner Stelle gefragt hatte. Die Knöchel an Gavriels Händen waren weiß, als er die Fäuste ballte. »Sie war ein leuchtender Stern in Jahrhunderten der Dunkelheit. Ich wäre diesem Stern bis ans Ende der Welt gefolgt, wenn sie es mir erlaubt hätte. Aber sie hat es nicht getan und ich habe ihren Wunsch, dass ich mich fernhalten sollte, respektiert. Ihren Wunsch, sie nie wieder aufzusuchen. Ich bin auf einen anderen Kontinent gegangen und habe mir nicht gestattet zurückzublicken.« Nur das Knarren des Schiffes und das Stöhnen der Verletzten war zu hören. Aedion kämpfte gegen den Drang, sich zu erheben und davonzugehen. Er hätte wie ein Kind ausgesehen – nicht wie ein General, der sich auf Schlachtfeldern seinen Weg knietief durch Blut gebahnt hatte. Aelin sagte, wiederum, weil Aedion sich nicht dazu überwinden konnte, die Worte auszusprechen: »Du hättest um ihretwillen versucht, den Blutschwur zu brechen? Für die beiden?« »Ehre ist mein Gesetz«, erwiderte Gavriel. »Aber wenn Maeve versucht hätte, dir oder ihr etwas anzutun, Aedion, hätte ich alles in meiner Macht Stehende getan, um euch rauszuholen.« Die Worte trafen Aedion und flossen dann durch ihn hindurch. Er gestattete sich nicht, darüber nachzudenken, über die Wahrheit, die er in jedem Wort gespürt hatte. Darüber, wie sein Name auf den Lippen seines Vaters geklungen hatte. Sein Vater untersuchte den verletzten Piraten nach verbliebenen Wunden und ging dann zu einem anderen weiter. Seine braunen Augen wanderten zu Aedions Knie, das unter seiner Hose angeschwollen war. »Du solltest dich darum kümmern, sonst wird es in wenigen Stunden zu steif sein, um noch bewegt zu werden.« Aedion spürte, wie Aelin ihre Aufmerksamkeit jäh auf ihn richtete und ihn nach Verletzungen absuchte, aber er hielt dem Blick seines Vaters stand und sagte: »Ich weiß meine eigenen Verletzungen zu behandeln.« Die Heiler auf den Schlachtfeldern und die Bane hatten ihm im Laufe der Jahre genug beigebracht. »Kümmere dich um deine eigenen Wunden.« Tatsächlich war das Hemd des Fae blutverkrustet. Er hatte Glück gehabt – enormes Glück, dass das Gift der Krallen bereits verbraucht worden war. Gavriel schaute blinzelnd an sich herab. Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort dem nächsten Verletzten zu. Aelin stieß sich schließlich von Aedion ab und versuchte erfolglos, sich zu erheben. Aedion streckte die Hand nach ihr aus, als der Fokus in ihren jetzt stumpfen Augen verschwamm, aber Rowan war schon da und fing sie auf, hob sie auf, bevor sie die Planken küsste. Zu schnell. Sie musste ihre Reserven zu schnell erschöpft haben, und das ohne irgendwelche Nahrung im Bauch. Rowan sah Aedion fest an. Aelins Haar hing schlaff herab, als sie den Kopf an seine Brust bettete. Die Anstrengung – Aedions Eingeweide krampften sich bei dem Gedanken zusammen. Morath wusste, wogegen es antrat. Gegen wen es antrat. Erawan hatte seine Kommandanten entsprechend erschaffen. Rowan nickte wie zur Bestätigung von Aedions Gedanken, bemerkte jedoch nur: »Leg dein Knie hoch.« Fenrys war in einen leichten Schlaf gefallen, noch bevor Rowan Aelin nach unten trug. Also blieb Aedion für den Rest der Nacht für sich: Zuerst hielt er Wache, dann saß er einige Stunden an den Mast auf dem Achterdeck gelehnt, das Knie tatsächlich hochgelegt, nicht bereit, ins enge, dunkle Innere des Schiffs hinabzusteigen. Endlich wurde er schläfrig, als einige Schritte hinter ihm auf den Holzplanken erklangen, und er wusste, dass der Boden das nur tat, weil sie es so wollte, um ihn nicht zu erschrecken. Der Geisterleopard setzte sich neben ihn. Sein Schwanz zuckte und er schaute ihm einen Moment lang in die Augen, bevor er seinen riesigen Kopf auf seinen Oberschenkel legte. Schweigend beobachteten sie, wie die Sterne über den ruhigen Wellen flackerten, und Lysandra kuschelte den Kopf an seine Hüfte. Das Sternenlicht tauchte ihr Fell in mattes Silber und ein Lächeln umspielte Aedions Lippen. 48 S ie arbeiteten die ganze Nacht hindurch und ankerten nur lange genug, dass die Mannschaft das Loch in der Außenwand von Manons Kabine flicken konnte. Für den Moment würde es halten, erklärte der Kapitän Dorian, aber die Götter mochten ihnen beistehen, wenn sie in einen weiteren Sturm gerieten, bevor sie die Sümpfe erreichten. Sie versorgten stundenlang die Verletzten und Dorian war dankbar für das bisschen heilende Magie, die Rowan ihn gelehrt hatte, als er Haut und Muskeln wieder zusammenfügte. Er tat so, als wäre es ein Puzzle oder als handle es sich um Fetzchen von zerrissenem Tuch, damit ihm sein mageres Abendessen nicht wieder hochkam. Aber das Gift … das überließ er Rowan, Aelin und Gavriel. Als der Morgen zu einem kränklichen Grau heraufgedämmert war, waren ihre Gesichter fahl und dunkle Ringe hatten sich tief in die Haut unter ihren Augen eingegraben. Fenrys zumindest humpelte umher und Aedion hatte Aelin erlaubt, sein Knie nur gerade so lange zu behandeln, dass er wieder laufen konnte. Sie hatten alle schon bessere Tage gesehen. Dorians Beine zitterten ein wenig, als er das blutgetränkte Deck betrachtete. Irgendjemand hatte die Leichen der Kreaturen über Bord geworfen, zusammen mit dem schlimmsten Anteil an Blut und Ge därm. Wenn das, was der Bluthund gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, konnten sie es sich jedoch nicht leisten, einen Hafen anzulaufen, um die restlichen Schäden am Schiff zu beheben. Ein leises, grollendes Knurren erklang und Dorian schaute über das Deck zum Bug. Die Hexe war immer noch dort. Versorgte Abraxos’ Wunden, wie sie es die ganze Nacht über getan hatte. Eine der Kreaturen hatte ihn einige Male gebissen – glücklicherweise ohne Gift an den Zähnen, aber er hatte einiges Blut verloren. Manon hatte niemanden in seine Nähe gelassen. Aelin hatte es einmal versucht. Manon hatte sie sofort so heftig angeknurrt, dass Aelin laut geflucht hatte. Alle anderen hatten daraufhin innegehalten und Aelin hatte verkündet, Manon würde es verdammt noch mal verdienen, wenn das Tier starb. Das hatte Manon dazu bewegt, Aelin zu drohen, ihr die Wirbelsäule herauszureißen, was Aelin wiederum mit einer unmissverständlichen Geste beantwortet hatte. Also war Lysandra gezwungen gewesen, eine Stunde lang den Abstand zwischen ihnen zu überwachen, während sie mit peitschendem Schwanz in Geisterleopardengestalt in der Takelage des Hauptmasts gehockt hatte. Aber jetzt … Manons weißes Haar hing schlaff herab und der warme Morgenwind zupfte träge an den Strähnen, als sie sich an Abraxos lehnte. Dorian wusste, dass er einen gefährlichen Pfad beschritt. Neulich nachts war er bereit gewesen, sie langsam nackt auszuziehen, diese Ketten einer guten Verwendung zuzuführen. Und als er festgestellt hatte, dass ihre goldenen Augen ihn ebenso eindringlich verschlangen, wie er andere Teile von ihr verschlingen wollte … Als spürte sie seinen Blick, spähte Manon zu ihm herüber. Selbst von der anderen Seite des Decks aus übertrug sich die Spannung auf jeden Zentimeter des Raums zwischen ihnen. Natürlich bemerkten Aedion und Fenrys es sofort und hielten inne, wo sie gerade Blut vom Deck schrubbten. Beide waren ausreichend genesen, um laufen zu können, aber keiner von ihnen machte Anstalten, sich einzumischen, als Manon auf Dorian zustolzierte. Da sie noch nicht geflohen war oder angegriffen hatte, mussten sie zu dem Schluss gekommen sein, dass sie sich auch jetzt nicht die Mühe machen würde, das zu tun. Manon trat an die Reling und schaute auf das endlose Wasser hinaus, auf die rosafarbenen Wolkenfetzchen entlang des Horizonts. Ihr Hemd und ihre Handflächen waren beschmiert mit dunklem Blut. »Habe ich Euch für diese Freiheit zu danken?« Er stützte die Unterarme auf das Holzgeländer. »Vielleicht.« Der Blick ihrer goldenen Augen wanderte zu ihm. »Eure Magie – was ist sie?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Dorian und studierte seine Hände. »Sie hat sich wie eine Verlängerung meiner selbst angefühlt. Wie echte Hände, über die ich verfüge.« Einen Moment lang dachte er daran, wie diese Hände sich angefühlt hatten, als er ihre Unterarme auf die Matratze gedrückt hatte – wie ihr Körper reagiert hatte, weich und gleichzeitig angespannt, während sein Mund den ihren kaum gestreift hatte. Ihre goldenen Augen loderten auf, als erinnerte sie sich ebenfalls daran, und Dorian sagte unwillkürlich: »Ich würde Euch nichts antun.« »Aber es hat Euch gefallen, den Bluthund zu töten.« Er machte sich nicht die Mühe, das Eis in seinen Augen zu verstecken. »Ja.« Manon trat so nah vor ihn, dass sie mit einem Finger über das bleiche Band um seine Kehle streichen konnte, und er vergaß, dass ein ganzes Schiff voller Leute zuschaute. »Ihr hättet sie quälen können – stattdessen habt Ihr Euch für einen glatten Hieb entschieden. Warum?« »Weil es selbst bei unseren Feinden eine Grenze gibt.« »Dann habt Ihr Eure Antwort.« »Ich habe gar keine Frage gestellt.« Manon schnaubte. »Ihr hattet die ganze Nacht lang diesen Ausdruck in den Augen – als ob Ihr zu einem Monster werden würdet, wie wir Übrigen es sind. Wenn Ihr das nächste Mal tötet, ruft Euch diese Grenze ins Gedächtnis.« »Wo an dieser Grenze steht Ihr, kleine Hexe?« Sie schaute ihm in die Augen, als würde sie ihm den stummen Befehl senden, ein Jahrhundert mit all den Dingen zu sehen, die sie getan hatte. »Ich bin nicht sterblich. Ich spiele nicht nach Euren Regeln. Ich habe Männer zum Spaß getötet und gejagt. Verwechselt mich nicht mit einer menschlichen Frau, mein kleiner Prinz .« »Ich habe kein Interesse an menschlichen Frauen«, schnurrte er. »Sie sind allzu zerbrechlich.« Noch während er das sagte, trafen die Worte eine tiefe, schmerzende Wunde in ihm. »Die Ilken«, sagte er und drängte an diesem Schmerz vorbei. »Habt Ihr von ihnen gewusst?« »Ich nehme an, sie sind ein Teil von dem, was immer in diesen Bergen ist.« Eine heisere Frauenstimme blaffte: »Wie meinst du das, was immer in diesen Bergen ist ?« Dorian fuhr beinahe aus der Haut. Aelin hatte sich, wie es schien, einiges von ihrer Gestaltwandlerfreundin abgeguckt. Selbst Manon blinzelte die blutbefleckte Königin an, die jetzt hinter ihnen stand. Manon beäugte Aedion und Fenrys, als sie Aelins Frage hörten und zu ihnen kamen, gefolgt von Gavriel. Fenrys’ Hemd hing immer noch in Fetzen. Wenigstens hielt Rowan jetzt von der Takelage aus Wache und Lysandra flog voraus und hielt Ausschau nach Gefahren. Die Hexe erklärte: »Ich habe die Ilken noch nie gesehen. Nur von ihnen gehört – habe ihre Schreie gehört, wenn sie starben, dann ihr Gebrüll, wenn sie neu erschaffen wurden. Ich wusste nicht, dass sie das waren. Oder dass Erawan sie so weit von ihrem Hort wegschicken würde. Meine Schatten haben einen Blick auf sie erhascht, nur ein einziges Mal. Ihre Beschreibung passt zu dem, was gestern Nacht angegriffen hat.« »Sind die Ilken überwiegend Kundschafter oder Krieger?«, erkundigte sich Aelin. Die frische Luft schien Manon geneigt zu machen, Informationen zu teilen, denn sie lehnte sich mit dem Rücken an die Reling und betrachtete die Bande von tödlichen Kriegern um sie herum. »Das wissen wir nicht. Sie haben die Wolken zu ihrem Vorteil als Deckung genutzt. Meine Schatten können alles finden, was nicht gefunden werden will, und doch konnten sie diese Kreaturen weder jagen noch aufspüren.« Aelin verspannte sich ein wenig und blickte finster auf das Wasser, das unter ihnen vorbeifloss. Dann sagte sie nichts mehr, als wären die Worte verschwunden und als hätte sich Erschöpfung – etwas Schwereres als das – in ihr breitgemacht. »Reiß dich zusammen«, sagte Manon. Aedion stieß ein warnendes Knurren aus. Aelin hob langsam den Blick, um die Hexe anzusehen, und Dorian wappnete sich. »Dann habt ihr euch eben verrechnet«, stellte Manon fest. »Dann haben sie euch halt aufgespürt. Lasst euch nicht von diesen kleinen Niederlagen ablenken. Ihr seid im Krieg. Städte werden verloren werden, Leute abgeschlachtet. Und ich an deiner Stelle würde mir größere Sorgen darüber machen, warum sie so wenige Ilken geschickt haben.« »Wenn du an meiner Stelle wärst«, murmelte Aelin in einem Ton, bei dem Dorians Magie erwachte und Eis seine Fingerspitzen kühlte. Aedion schob die Hand zu seinem Schwert. »Wenn du an meiner Stelle wärst.« Ein leises, bitteres Lachen. Dorian hatte dieses Geräusch nicht mehr gehört seit … seit dem Mal in einem blutgetränkten Schlafzimmer in einem Palast, der nicht mehr existierte. »Tja, du bist nicht an meiner Stelle, Blackbeak, also vertraue ich darauf, dass du deine Überlegungen zu dem Thema für dich behältst.« »Ich bin keine Blackbeak«, verkündete Manon. Alle starrten sie an. Aber die Hexe beobachtete nur die Königin. Aelin sagte mit einer knappen Drehung ihrer narbenbedeckten Hand: »Richtig. Diese Angelegenheit. Dann lass uns die Geschichte mal hören.« Dorian fragte sich, ob es zu einer Schlägerei kommen würde, aber Manon wartete lediglich einige Momente ab, schaute wieder zum Horizont und sagte: »Als meine Großmutter mich meiner Titel als Erbin und Schwarmführerin enthoben hat, hat sie auch mein Erbe enthüllt. Sie hat mir erzählt, dass mein Vater ein Crochan-Prinz war und dass sie meine Mutter und ihn getötet habe, weil sie vorhatten, der Fehde zwischen unseren Völkern ein Ende zu machen und den Fluch zu brechen, der auf unseren Ländern lag.« Dorian warf Aedion einen Blick zu. Das Gesicht des Wolfs des Nordens war angespannt, seine Ashryver-Augen glänzten hell und in seinem Kopf brodelten die Gedanken an all die Möglichkeiten, die in dem lagen, das Manon andeutete. Manon sagte ein wenig benommen, als wäre es das erste Mal, dass sie es sich überhaupt selbst eingestand: »Ich bin die letzte Crochan-Königin – die letzte direkte Nachfahrin von Rhiannon Crochan selbst.« Aelin sah sie fragend an. »Und«, fuhr Manon fort, »ob meine Großmutter es akzeptiert oder nicht, ich bin die Erbin des Blackbeak-Klans. Meine Hexen, die hundert Jahre lang an meiner Seite kämpften, haben den größten Teil dieser Zeit damit verbracht, Crochans zu töten. Von einem Heimatland zu träumen, von dem ich ihnen versprochen hatte, dass sie dorthin zurückkehren würden. Jetzt bin ich verbannt, meine Dreizehn zerstreut und verloren. Jetzt bin ich die Erbin der Krone unseres Feindes. Also bist du nicht die Einzige, Majestät , die Pläne hatte, die schiefgegangen sind. Also reiß dich zusammen und überlege dir, was als Nächstes zu tun ist.« Zwei Königinnen – es waren zwei Königinnen unter ihnen, begriff Dorian. Aelin schloss die Augen und stieß ein raues Lachen aus. Aedion verspannte sich erneut, als könnte dieses Lachen genauso gut in Gewalt wie in Frieden enden, aber Manon stand nur da. Wartete ab, dass der Sturm vorüberzog. Als Aelin mit verhaltenem, aber scharfem Lächeln die Augen öffnete, sagte sie zu der Hexenkönigin: »Ich wusste, dass es einen Grund gab, deine erbärmliche Haut zu retten.« Das Lächeln, mit dem Manon antwortete, war Furcht einflößend. Alle Umstehenden hielten den Atem an, Dorian eingeschlossen. Aber dann ließ Fenrys den Blick über den Himmel schweifen und schaltete sich ein. »Was ich nicht kapiere, ist, warum so lange darauf warten, irgendetwas von alledem hier zu tun? Wenn Erawan euch tot sehen will« – ein Nicken in Dorians und Aelins Richtung –, »warum hat er euch dann heranreifen und mächtig werden lassen?« Dorian versuchte, bei diesem Gedanken nicht zu schaudern. Wie unvorbereitet sie gewesen waren. »Weil ich Erawan entkommen bin«, erwiderte Aelin. Dorian wollte nicht an jene Nacht vor zehn Jahren zurückdenken, aber die Erinnerung daran durchzuckte ihn und sie und Aedion. »Er hat mich für tot gehalten. Und Dorian … sein Vater hat ihn geschützt. So gut er es konnte.« Dorian blendete auch diese Erinnerung aus. Vor allem als Manon fragend den Kopf schief legte. Fenrys bemerkte: »Maeve hat gewusst, dass du noch am Leben bist. Erawan höchstwahrscheinlich auch.« »Vielleicht hat sie es Erawan erzählt«, warf Aedion ein. Fenrys riss den Kopf zu dem General herum. »Sie hatte nie irgendeinen Kontakt zu Erawan oder Adarlan.« »Soweit du es weißt«, meinte Aedion. »Es sei denn, sie gehört zu den Leuten, die im Schlafzimmer viel reden.« Fenrys’ Augen verdunkelten sich. »Maeve teilt ihre Macht nicht. Sie hat Adarlan als Unannehmlichkeit betrachtet. Tut das noch immer.« Aedion konterte: »Jeder ist käuflich. Man muss nur den Preis wissen.« »Namenlos ist der Preis eines Bündnisses mit Maeve«, lachte Fenrys. »Es kann nicht erkauft werden.« Aelin wurde bei den Worten des Kriegers ganz still. Sie blinzelte ihn an und zog die Brauen zusammen, während ihre Lippen lautlos die Worte formten, die er gesprochen hatte. »Was ist?«, fragte Aedion. Aelin murmelte: »Namenlos ist mein Preis.« Aedion öffnete den Mund, zweifellos, um zu fragen, was ihr Interesse geweckt hatte, aber Aelin runzelte die Stirn und sah Manon an. »Kann deine Art in die Zukunft schauen? Wie ein Orakel?« »Einige können es«, gestand Manon. »Die Bluebloods behaupten, es zu können.« »Können andere Klans es?« »Sie behaupten, dass für die Alten Vergangenes und Gegenwärtiges und Zukünftiges ineinanderfließen.« Aelin schüttelte den Kopf und ging zu der Tür, die in den Flur mit beengten Kabinen führte. Rowan stürzte sich von der Takelage, verwandelte sich in seine Menschengestalt und kam mit den Füßen auf den Planken auf. Er würdigte die anderen keines Blickes, als er Aelin in den Flur folgte und die Tür hinter ihnen schloss. »Was war das denn?«, fragte Fenrys. »Eine der Alten«, überlegte Dorian, dann murmelte er an Manon gewandt: »Baba Yellowlegs.« Alle drehten sich zu ihm um. Aber Manons Finger streiften ihr Schlüsselbein – wo die Narben der Yellowlegs noch immer einen grellweißen Ring um Aelins Hals bildeten. »Im Winter war sie mit ihrem Zirkus in Eurem Palast«, sagte Manon zu ihm. »Und hat als Wahrsagerin gearbeitet.« »Und was – sie hat etwas in dieser Art gesagt?« Aedion verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte von dem Besuch gewusst, erinnerte sich Dorian. Aedion hatte die Hexen immer im Auge behalten – alle mächtigen Akteure des Reiches, hatte er einmal gesagt. Manon starrte den General nieder. »Yellowlegs war eine Wahrsagerin – ein mächtiges Orakel. Ich wette, sie wusste, wer die Königin war, sobald sie nur einen Blick auf sie geworfen hatte. Und sah in ihr wertvolle Informationen, die sie dann an den Höchstbietenden zu verkaufen plante.« Dorian versteifte sich bei der Erinnerung daran. Aelin hatte Yellowlegs ermordet, als sie gedroht hatte, seine Geheimnisse zu verkaufen. Aelin hatte nie von einer Bedrohung ihrer eigenen Geheimnisse gesprochen. Manon fuhr fort: »Yellowlegs hätte der Königin nie direkt etwas erzählt, sondern nur verschleierte Andeutungen gemacht. Damit es das Mädchen in den Wahnsinn treiben würde, wenn sie irgendwann dahinterkam.« Ein vielsagender Blick auf die Tür, durch die Aelin verschwunden war. Keiner von ihnen sprach, auch nicht, als sie später zum Frühstück kalten Haferbrei aßen. Der Koch hatte es, wie es schien, nicht durch die Nacht geschafft. *** Rowan klopfte an die Tür ihres Badezimmers. Sie hatte abgeschlossen. War in ihr Zimmer gegangen und dann ins Badezimmer und hatte ihn ausgesperrt. Und jetzt kotzte sie sich die Seele aus dem Leib. »Aelin«, knurrte er leise. Ein raues Schnappen nach Luft, dann Würgen, dann – weiteres Erbrechen. »Aelin« , fauchte er und überlegte, wie lange es dauerte, bis es vertretbar war, dass er die Tür eintrat. Benimm dich wie ein Prinz , hatte sie ihn neulich Abend angeknurrt. »Ich fühle mich nicht gut«, kam ihre gedämpfte Antwort. Ihre Stimme war blechern, so ausdruckslos, wie er sie jetzt seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. »Dann lass mich herein, damit ich mich um dich kümmern kann«, sagte er, so ruhig und sachlich er konnte. Sie hatte ihn ausgesperrt – ihn ausgesperrt. »Ich will nicht, dass du mich so siehst.« »Ich habe gesehen, wie du dir in die Hose gemacht hast. Mit Erbrechen werde ich fertig. Was ich dich ebenfalls schon habe tun sehen.« Zehn Sekunden. Zehn weitere Sekunden schienen eine angemessene Menge Zeit zu sein, bevor er den Griff herunterriss und das Schloss zersplitterte. »Gib mir … noch eine Minute.« »Welche von Fenrys’ Worten haben das ausgelöst?« Er hatte von seinem Posten auf dem Mast alles mit angehört. Totenstille. Als würde sie das nackte Entsetzen wieder in sich hineinsaugen, als würde sie es an einen Ort stopfen, an dem sie es nicht sehen oder fühlen oder zur Kenntnis nehmen musste. Oder ihm davon erzählen musste. »Aelin.« Das Schloss wurde entriegelt. Ihr Gesicht war grau, ihre Augen rot gerändert. Ihre Stimme brach, als sie murmelte: »Ich will mit Lysandra reden.« Rowan betrachtete ihre blutleeren Lippen. Die Schweißperlen auf ihrer Stirn. Sein Herz hörte in seiner Brust zu schlagen auf, als er darüber nachdachte, dass … dass sie vielleicht nicht log. Und warum ihr vielleicht schlecht war. Er stolperte einen Schritt nach hinten und schob den Gedanken beiseite. Ohne ein weiteres Wort verließ er ihr Zimmer. Er war benommen, als er nach der Gestaltwandlerin suchte, die jetzt zurückgekehrt und wieder menschlich war und ein kaltes, durchweichtes Frühstück herunterschlang. Mit einem besorgten Blick tat Lysandra schweigend, worum er bat. Rowan verwandelte sich und schwebte so hoch in die Luft, dass das Schiff sich unter ihm in einen hüpfenden Klecks verwandelte. Wolken kühlten seine Federn; das Brüllen des Windes übertönte die nackte Panik, die in seinem Herzen donnerte. Er hatte vorgehabt, sich in dem erwachenden Himmel zu verlieren, während er Ausschau nach möglichen Gefahren hielt, um sich zu sortieren, bevor er zu ihr zurückkehrte und Fragen stellte, deren Antworten zu hören er vielleicht noch nicht bereit war. Aber die Küste erschien – und nur seine Magie verhinderte, dass er bei dem, was die ersten Sonnenstrahlen offenbarten, nicht vom Himmel fiel. Breite, funkelnde Flüsse und sich schlängelnde Bäche flossen durch das sich wiegende smaragdgrüne und goldene Grasland und das Schilf, das es säumte, das dunkle Gold der Sandbänke, die beide Seiten flankierten. Und wo einst kleine Fischerdörfer über das Meer gewacht hatten … Feuer. Dutzende dieser Dörfer brannten. Auf dem Schiff unter ihm begannen die Seeleute zu schreien und einander zuzurufen, als die Küste endlich über dem Horizont auftauchte und der Rauch sichtbar wurde. Eyllwe. Eyllwe brannte. 49 E lide sprach drei Tage lang nicht mit Lorcan. Sie hätte noch weitere drei Tage nicht mit ihm gesprochen, vielleicht drei verdammte Monate, wenn es nicht notwendig geworden wäre, ihr hasserfülltes Schweigen zu brechen. Ihr Zyklus hatte begonnen. Und durch die regelmäßige, gesunde Kost, die sie während des vergangenen Monats hatte zu sich nehmen können, hatte es sich von einem gelegentlichen Tröpfeln in die Sintflut verwandelt, von der sie an diesem Morgen erwacht war. Sie war von dem schmalen Bett in der Kajüte aufgesprungen und in das kleine Badezimmer an Bord gerannt, hatte jede Schublade und Kiste durchwühlt, die sie finden konnte, aber offensichtlich hatte keine Frau je auf diesem Höllenboot geweilt. Sie musste auf das bestickte Tischtuch zurückgreifen, das sie in Stücke riss, und als sie sich fertig gereinigt hatte, war Lorcan wach und lenkte bereits das Boot. Sie sagte ausdruckslos zu ihm: »Ich brauche Vorräte.« »Du stinkst immer noch nach Blut.« »Und ich werde wohl noch einige weitere Tage nach Blut stinken, und es wird noch schlimmer werden, ehe es besser wird, daher brauche ich Vorräte. Sofort .« Er wandte sich von seiner gewohnten Stelle am Bug ab und schnupperte einmal. Ihr Gesicht brannte, ihr Bauch quälte sie mit Krämpfen. »Ich werde in der nächsten Stadt anlegen.« »Wann wird das sein?« Die Karte nützte ihr nichts. »Bei Einbruch der Nacht.« Sie waren durch jede Stadt und jeden Vorposten entlang des Flusses geradewegs hindurchgesegelt und hatten von den Fischen gelebt, die Lorcan gefangen hatte. Sie war nach jenem ersten Tag wegen ihrer eigenen Hilflosigkeit so wütend gewesen, dass sie angefangen hatte, seine Bewegungen beim Fischen nachzumachen – was ihr eine fette Forelle eingetragen hatte. Sie hatte ihn dazu gebracht, den Fisch zu töten, auszuweiden und zu garen, aber wenigstens hatte sie das Ding gefangen. Elide sagte: »Schön.« Lorcan sagte: »Schön.« Sie wollte in die Kajüte gehen, um nach weiteren Tüchern zu suchen, damit sie es bis zum Abend schaffte, als Lorcan bemerkte: »Beim letzten Mal hast du kaum geblutet.« Ein solches Gespräch zu führen war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. »Vielleicht hat mein Körper sich endlich sicher genug gefühlt, um normal zu sein.« Er hatte diesen Mann ermordet, gelogen und ihr dann die Wahrheit über Aelin ins Gesicht geschleudert, ja, das stimmte. Aber es stimmte auch, dass er es ohne zu zögern mit jeder neuen Bedrohung aufnehmen würde. Vielleicht um selbst zu überleben, doch er hatte ihr Schutz versprochen und bislang hielt er sein Versprechen. Sie konnte nachts durchschlafen, weil er auf dem Boden zwischen ihr und der Tür lag. »Dann … ist also alles in Ordnung.« Er machte sich nicht die Mühe, sie anzusehen, als er das sagte. Aber sie legte den Kopf schief und musterte die harten Muskeln an seinem Rücken. Auch als sie sich geweigert hatte, mit ihm zu sprechen, hatte sie ihn beobachtet – und Vorwände gefunden, ihn zu beobach ten, wenn er täglich, meist mit nacktem Oberkörper, seine Übungen machte. »Ja, es ist alles in Ordnung«, bestätigte sie. Zumindest hoffte sie das. Aber Finnula, ihre Kinderfrau, hatte immer mit der Zunge geschnalzt und gesagt, ihre Zyklen seien unregelmäßig – zu schwach und zu selten. Dass es diesmal genau einen Monat später angefangen hatte … sie hatte keine Lust, darüber nachzudenken. Lorcan sagte: »Gut. Anderenfalls würde es uns aufhalten.« Sie betrachtete seinen Rücken und verdrehte die Augen, ganz und gar nicht überrascht über die Antwort, dann humpelte sie in die Kajüte. *** Er hätte ohnehin anhalten müssen, sagte Lorcan sich, während er zusah, wie Elide in der Stadt mit einer Gastwirtin um die Vorräte feilschte, die sie brauchte. Sie hatte ihr dunkles Haar mit einem ausrangierten roten Tuch umwickelt, das sie auf diesem jämmerlichen kleinen Kahn aufgetrieben haben musste, und benutzte sogar einen nasalen Akzent, während sie mit der Frau sprach. Ihre ganze Aufmachung war so ganz anders als die der anmutigen, stillen Frau, die er drei Tage lang ignoriert hatte. Was in Ordnung gewesen war. Er hatte diese drei Tage dazu genutzt, seine Pläne für Aelin Galathynius auszuarbeiten, wie er ihr die Gefälligkeit vergelten würde, die sie ihm erwiesen hatte. Das Gasthaus schien durchaus sicher zu sein, daher überließ Lorcan Elide ihren Geschäften – wie sich herausstellte, wollte sie auch neue Kleider haben – und schlenderte durch die verfallenen Straßen der Provinzstadt, um seinerseits nach Vorräten zu suchen. Die Straßen brummten von Flusshändlern und Fischern, die zur Nacht ihre Boote festmachten. Lorcan schaffte es, jemanden so weit einzuschüchtern, dass er eine Kiste mit Äpfeln, getrocknetem Wildfleisch und etwas Hafer für die Hälfte des gewohnten Preises kaufen konnte. Nur um ihn loszuwerden, gab der Händler an dem verfallenen Kai ein Paar Birnen dazu – für die reizende Dame, hatte er gesagt. Lorcan war, vollbepackt mit seinen Waren, schon beinahe am Kahn angelangt, als diese Worte in seinem Kopf widerhallten, ein misstönendes Läuten. Er hatte Elide an diesem Teil des Kais gar nicht vorbeigeführt. Hatte den Mann nicht gesehen, als er angelegt hatte oder als sie weggegangen waren. Gerüchte mochten dafür verantwortlich sein, aber dies war eine Flussstadt: Ständig kamen und gingen Fremde und bezahlten für ihre Anonymität. Er eilte zum Kahn zurück. Nebel war vom Fluss heraufgezogen und hüllte die Stadt und das gegenüberliegende Ufer ein. Als Lorcan die Kiste und die Waren aufs Boot geworfen hatte, ohne sich zu bemühen, sie festzumachen, hatten die Straßen sich geleert. Seine Magie regte sich. Er starrte durch den Nebel, auf die goldenen Lichtkreise der Kerzen, die in den Fenstern leuchteten. Nicht richtig, nicht richtig, nicht richtig , wisperte seine Magie. Wo war sie? Beeil dich , sandte er den stummen Befehl zu ihr aus und zählte die Häuserblocks, die sie zu dem Gasthaus entlanggegangen waren. Sie hätte inzwischen zurück sein müssen. Der Nebel wurde dichter. Unten an seinen Stiefeln quiekte etwas. Lorcan knurrte die Pflastersteine an, als Ratten in Scharen vorbeiströmten – aufs Wasser zu. Sie stürzten sich in den Fluss, krochen und krabbelten hektisch übereinander. Es war nicht so, dass etwas nahte – etwas war bereits hier. *** Die Gastwirtin bestand darauf, dass sie die Kleider anprobierte, bevor sie sie kaufte. Sie stopfte sie Elide in die Arme und erklärte ihr den Weg zu einem Raum im hinteren Teil des Gasthauses. Männer starrten sie an – zu gierig –, als sie vorbeiging und einen schmalen Flur entlangschritt. Typisch Lorcan, sie alleinzulassen, während er suchte, was immer er brauchte. Elide zwängte sich in den Raum und stellte fest, dass es darin schwarz und kalt war. Sie drehte sich um, auf der Suche nach einer Kerze und einem Zündstein. Die Tür fiel zu und sperrte sie ein. Elide stürzte sich auf die Klinke, als eine leise Stimme ihr zuwisperte: Lauf lauf lauf lauf lauf lauf. Sie krachte gegen etwas Muskulöses, Knochiges und Ledriges. Es stank nach verdorbenem Fleisch und altem Blut. Eine Kerze erwachte auf der anderen Seite des Raums jäh zum Leben. Beleuchtete einen Holztisch, eine leere Feuerstelle, verriegelte Fenster und … Vernon. Er saß auf der anderen Seite des Tisches und lächelte sie an wie eine Katze. Starke Hände, die in Krallen ausliefen, bohrten sich in ihre Schultern und die Nägel schnitten durch ihre Ledermontur. Der Ilken hielt sie fest, als ihr Onkel gedehnt sagte: »Was für ein Abenteuer du hinter dir hast, Elide.« 50 W ie hast du mich gefunden?«, hauchte Elide, der Gestank des Ilken so stark, dass sie sich beinahe übergab. Ihr Onkel erhob sich mit einer fließenden, gemächlichen Bewegung und zupfte seine grüne Tunika zurecht. »Fragen stellen, um Zeit zu schinden? Schlau, aber wie erwartet.« Er ruckte mit dem Kinn in Richtung der Kreatur. Sie stieß ein leises, kehliges Klicken aus. Hinter ihr wurde die Tür geöffnet und zwei weitere Ilken erschienen, die sich mit ihren Flügeln und grässlichen Gesichtern im Flur drängten. Oh, Götter. Oh, Götter. Denk nach denk nach denk nach denk nach denk nach. »Dein Gefährte hat – unseren letzten Berichten nach – Vorräte auf sein Boot geladen und es losgemacht. Du hättest ihm wahrscheinlich mehr bezahlen sollen.« »Er ist mein Ehemann«, zischte sie. »Du hast kein Recht, mich ihm wegzunehmen – überhaupt keins.« Denn sobald sie verheiratet war, endete Vernons Vormundschaft über ihr Leben. Vernon stieß ein leises Lachen aus. »Lorcan Salvaterre, Maeves Stellvertreter, ist dein Ehemann? Wirklich, Elide.« Er wedelte träge mit der Hand und deutete auf den Ilken. »Wir brechen jetzt auf.« Sie sollte sich jetzt wehren – jetzt, noch bevor sie die Chance hatten, sie wegzubringen. Aber wohin sollte sie laufen? Die Gastwirtin hatte sie verkauft, irgendjemand hatte ihren und Lorcans Standort auf diesem Fluss verraten … Der Ilken zerrte an ihr. Sie stemmte die Fersen fest auf die Holzdielen, auch wenn es nichts nützen würde. Die Kreatur stieß ein leises Lachen aus und brachte den Mund dicht an Elides Ohr. »Dein Blut riecht sauber.« Sie prallte zurück, aber der Ilken packte sie fester und seine gräuliche Zunge kitzelte sie am Hals. Auch als sie um sich schlug, konnte sie nichts dagegen ausrichten, dass er sie in den Flur bugsierte und zu den beiden wartenden Ilken. Zur Hintertür, die gut drei Meter entfernt bereits offen stand und in die Nacht hinausführte. »Du siehst, wovor ich dich in Morath beschützt habe, Elide?«, gurrte Vernon und schloss zu ihnen auf. Sie stemmte sich mit den Füßen gegen den Holzboden, immer wieder und wieder, drängte sich zur Wand hin, suchte nach irgendetwas, das sie als Hebel benutzen konnte, um sich von ihm wegzudrücken, gegen ihn anzukämpfen … Nein. Nein. Nein. Lorcan war fortgegangen – er hatte alles bekommen, was er von ihr brauchte, und war gegangen. Sie hatte ihn aufgehalten, hatte ihm einen Feind nach dem anderen beschert. »Und was wirst du bloß daheim in Morath machen«, überlegte Vernon laut, »jetzt, da Manon Blackbeak tot ist?« Die Worte schnitten Elide mitten ins Herz. Manon … »Aufgeschlitzt von ihrer eigenen Großmutter und über die Klippe der Festung geworfen für ihren Ungehorsam. Natürlich werde ich dich vor deinen Verwandten beschützen, aber … Erawan wird sich dafür interessieren zu erfahren, was du so getrieben hast. Was du Kaltain weggenommen hast.« Der Stein in der Brusttasche ihrer Jacke. Er summte und wisperte, erwachte, während sie noch bockte. Niemand in dem inzwischen stillen Schankraum am anderen Ende des Flurs kam ihr zu Hilfe, wollte ihre Schreie hören. Ein weiterer Ilken kam direkt vor der offenen Hintertür in Sicht. Vier von ihnen. Und Lorcan war fortgegangen … Der Stein an ihrer Brust begann zu brodeln. Aber eine Stimme, die jung und alt war, weise und süß, flüsterte: Fass ihn nicht an. Benutz ihn nicht. Nimm ihn nicht zur Kenntnis. Er war in Kaltain gewesen, hatte sie in den Wahnsinn getrieben. Hatte sie zu dieser Hülle werden lassen. Einer Hülle, in die etwas anderes geschlüpft war und sie ausgefüllt hatte. Die offene Tür lag drohend vor ihr. Denk nach denk nach denk nach. Sie bekam nicht genug Luft, um nachzudenken, der Gestank der Ilken um sie herum ein Versprechen der Gräuel, die sie erleiden würde, wenn man sie nach Morath zurückschaffte … Nein, sie würde nicht mitgehen. Sie würde ihnen nicht erlauben, sie mitzunehmen, sie zu zerbrechen und zu benutzen. Ein einziger Versuch. Sie würde nur einen einzigen Versuch haben. Nein , wisperte die Stimme in ihrem Kopf. Nein … Aber da hing ein Messer an der Hüfte ihres Onkels, als er durch die Tür vorausschlenderte. Das war alles, was sie brauchte. Sie hatte es Lorcan auf der Jagd oft genug tun sehen. Vernon blieb im Hinterhof stehen und eine große, rechteckige Eisenkiste wartete vor ihm. Die Kiste hatte ein kleines Fenster. Und Griffe an zwei Seiten. Sie wusste, wozu die Ilken hier waren, als die drei anderen sich um die Kiste herum aufstellten. Sie würden sie hineinstoßen, die Tür verriegeln und sie zurück nach Morath fliegen. Die Kiste war kaum größer als ein aufrecht stehender Sarg. Ihre Tür war bereits geöffnet. Der Ilken würde sie loslassen müssen, um sie hineinzuwerfen. Einen Moment lang würden sie loslassen. Das musste sie zu ihrem Vorteil nutzen. Vernon wartete neben der Kiste. Sie wagte es nicht, sein Messer anzusehen. Ein Schluchzen entrang sich ihr. Sie würde hier sterben – in diesem verdreckten Innenhof, mit diesen grässlichen Kreaturen um sie herum. Sie würde nie wieder die Sonne sehen oder lachen oder Musik hören … Die Ilken regten sich rund um die Kiste und ihre Flügel raschelten. Zwei Meter. Anderthalb. Einer. Nein, nein, nein , flehte die weise Stimme sie an. Sie würde sich nicht nach Morath zurückbringen lassen. Sie würde ihnen nicht erlauben, sie zu berühren und sie zu verderben … Der Ilken stieß sie vorwärts, ein brutaler Schubs, damit sie in die Kiste taumelte. Elide drehte sich dabei und krachte stattdessen mit dem Gesicht zuerst gegen den Rand. Ihre Nase knackte, aber sie wirbelte zu ihrem Onkel herum. Ihr Fußknöchel brüllte, als sie ihr Gewicht darauf verlagerte, um sich das Messer an seiner Seite zu schnappen. Vernon hatte keine Zeit, um zu begreifen, was sie vorhatte, als sie das Messer aus der Scheide an seiner Hüfte riss. Als sie das Messer in den Fingern umdrehte, während ihre andere Hand sich um den Griff schloss. Als sie die Schultern nach vorn bog, die Brust einzog und zustieß, um sich die Klinge tief ins Fleisch zu rammen. *** Lorcan hatte sein Ziel im Visier. Im Nebel versteckt konnten die vier Ilken ihn nicht wahrnehmen, als der Mann, von dem er überzeugt war, dass es sich um Elides Onkel handelte, sie von den Ilken zu dieser Gefängniskiste hatte zerren lassen. Er war es, auf den Lorcan mit seinem Beil zielte. Elide schluchzte. Vor Entsetzen und Verzweiflung. Jeder Laut schärfte seinen Zorn zu etwas Tödlichem. Dann warf der Ilken sie in diese Eisenkiste. Und Elide bewies, dass sie mit ihrer Ansage, niemals nach Morath zurückzukehren, nicht geblufft hatte. Er hörte ihre Nase brechen, als sie gegen den Rand der Kiste prallte, hörte den überraschten Aufschrei ihres Onkels, als sie von der Kiste abprallte und auf ihn zustürzte … Und seinen Dolch packte. Nicht um ihn zu töten. Zum ersten Mal in fünf Jahrhunderten erlebte Lorcan wahre Furcht, als Elide dieses Messer gegen sich selbst richtete, die Klinge so gedreht, dass sie sie nach oben und in ihr Herz stoßen würde. Er warf sein Beil. Als die Spitze dieses Dolchs das Leder über ihren Rippen durchbohrte, krachte der hölzerne Griff seines Beils gegen ihr Handgelenk. Elide ging mit einem Aufschrei zu Boden, der Dolch flog ihr aus der Hand … Lorcan war bereits in Bewegung, als sie dorthin herumwirbelten, wo er auf dem Dach gehockt hatte. Er sprang auf das nächste Dach, zu den Waffen, die er Minuten zuvor dort hinterlegt hatte … Sein nächstes Messer durchbohrte den Flügel eines der Ilken. Dann folgte ein weiteres, um ihn unten zu halten, bevor sie seinen Standort ausmachen konnten. Aber Lorcan sprintete bereits zum dritten Dach, das den Innenhof flankierte. Zu dem Schwert, das er dort zurückgelassen hatte. Er schleuderte es dem nächststehenden Ilken mitten ins Gesicht. Zwei waren noch übrig, zusammen mit Vernon, der jetzt schrie, dass sie das Mädchen in die Kiste stecken sollten … Elide rannte wie von Hunden gehetzt in die schmale Gasse, die aus dem Innenhof führte, nicht auf die breite Straße. Die Gasse, zu eng, als dass die Ilken hineingepasst hätten, vor allem mit all dem Schutt und dem Abfall, der dort verstreut lag. Kluges Mädchen. Lorcan sprang auf das nächste Dach und rollte sich ab, zu den beiden verbliebenen Dolchen. Er warf sie, aber die Ilken hatten bereits bemerkt, in welche Richtung er zielte, hatten seine Wurftechnik verstanden. Aber nicht die von Elide. Sie war nicht nur in die Gasse gerannt, um sich selbst zu retten. Sie war hinter dem Beil hergelaufen. Und Lorcan beobachtete, wie diese Frau sich von hinten an den abgelenkten Ilken heranschlich und ihm das Beil in die Flügel grub. Mit einem verletzten Handgelenk. Mit einer Nase, aus der ihr das Blut übers Gesicht rann. Der Ilken schrie und wirbelte herum, um sie zu packen, selbst als er auf die Knie krachte. Wo sie ihn haben wollte. Die Axt schwang erneut durch die Luft, bevor der Schrei der Kreatur verklungen war. Einen Moment später landete der Kopf des Ilken auf den Steinen. Lorcan sprang mit einem Satz vom Dach und zielte auf den letzten verbliebenen Ilken, der nun bei ihrem Anblick schäumte. Aber der Ilken machte auf dem Absatz kehrt und rannte dorthin, wo Vernon an der Tür kauerte, sein Gesicht blutleer. Schluchzend wirbelte Elide, deren Blut auf die Steine spritzte, ebenfalls zu ihrem Onkel herum. Hob bereits die Axt. Aber der Ilken erreichte ihren Onkel, riss ihn in seine starken Arme und erhob sich mit ihm zusammen in den Himmel. Elide warf das Beil trotzdem. Es verfehlte den Flügel des Ilken um einen Hauch. Die Axt krachte auf die Pflastersteine und schlug ein Stück davon heraus. Ganz in der Nähe des Ilken mit den zerfetzten Flügeln – der jetzt zum Ausgang des Innenhofs kroch. Lorcan beobachtete, wie Elide seine Axt vom Boden aufhob und zu der zischenden, gebrochenen Bestie ging. Der Ilken schlug mit den Krallen nach ihr. Elide wich dem Hieb mühelos aus. Er schrie, als sie auf seinen zerstörten Flügel stampfte und ihn daran hinderte, weiter in Richtung Freiheit zu kriechen. Als er verstummte, sagte sie mit einer leisen, gnadenlosen Stimme, die Lorcan noch nie von ihr gehört hatte: »Ich will Erawan wissen lassen, dass ich, wenn er euch mir das nächste Mal wie ein Rudel Hunde auf den Hals hetzt, die Gefälligkeit erwidern werde. Ich will Erawan wissen lassen, dass ich, wenn ich ihn das nächste Mal sehe, ihm Manons Namen in sein von den Göttern verfluchtes Herz ritzen werde.« Tränen strömten über ihr Gesicht, stumm und endlos, wie der Zorn, der ihre Züge jetzt zu etwas Mächtigem und schrecklich Schönem formte. »Aber irgendwie ist das nicht deine beste Nacht.« Elide hob das Beil wieder über eine Schulter. »Weil nur einer nötig ist, um eine Nachricht zu überbringen. Und deine Gefährten sind bereits unterwegs.« Die Axt fiel. Fleisch und Knochen und Blut landeten auf den Steinen. Sie stand da und starrte auf den Leichnam, auf das stinkende Blut, das aus seinem Hals tropfte. Lorcan kam, vielleicht ein wenig benommen, zu ihr und nahm ihr die Axt aus der Hand. Wie sie es geschafft hatte, die Waffe mit einem verletzten Handgelenk zu benutzen … Sie zischte und wimmerte bei der Bewegung. Als wäre die Kraft, die ihr durchs Blut gerauscht war, wie immer diese beschaffen gewesen sein mochte, versiegt und hätte nur Schmerz zurückgelassen. Sie umklammerte ihr Handgelenk, vollkommen stumm, während er um die toten Ilken herumging und ihnen die Köpfe von den Leibern abtrennte. Eine nach der anderen las er seine Waffen im Vorbeigehen auf. Die Leute im Gasthaus regten sich und wunderten sich über den Lärm, fragten sich, ob es sicher wäre, herauszukommen, um festzustellen, was aus dem Mädchen geworden war, das sie so bereitwillig verraten hatten. Einen Moment lang erwog Lorcan es, dieser Gastwirtin den Garaus zu machen. Aber Elide sagte: »Genug Tod.« Tränen liefen ihr in Strömen durch die verschmierten, schwarzen Blutspritzer auf ihren Wangen. Dunkelrotes, reines Blut rann ihr aus der Nase über ihren Mund und ihr Kinn und bildete bereits Krusten. Also schob er das Beil in sein Futteral und nahm Elide auf den Arm. Sie beschwerte sich nicht. Er trug sie durch die nebelverhangene Stadt dorthin, wo ihr Boot festgemacht war. Schon jetzt hatten sich Schaulustige versammelt, zweifellos um ihre Vorräte zu plündern, sobald die Ilken fort waren. Nach einem Knurren von Lorcan huschten sie in den Nebel davon. Als er auf den Kahn trat und das Boot unter ihnen schaukelte, murmelte Elide: »Er hat mir gesagt, du wärst fortgegangen.« Lorcan setzte sie noch immer nicht ab, sondern hielt sie weiterhin mit einem Arm hoch, während er die Seile losmachte. »Du hast ihm geglaubt.« Sie wischte durch das Blut auf ihrem Gesicht und zuckte wegen des empfindlichen Handgelenks und der gebrochenen Nase zusammen. Um beides würde er sich kümmern müssen. Selbst dann würde die Nase vielleicht für immer eine Spur schief bleiben. Er bezweifelte, dass es Elide scheren würde. Und er wusste, dass sie diese schiefe Nase vielleicht als ein Zeichen dafür sehen würde, dass sie gekämpft und überlebt hatte. Schließlich setzte Lorcan sie ab, auf die Kiste mit Äpfeln – dorthin, wo er sie sehen konnte. Sie blieb still sitzen, während er die Stange ergriff und sie vom Kai abstieß, weg von dieser hassenswerten Stadt, dankbar für den Schutz des Nebels, als sie stromabwärts drifteten. Sie konnten sich vielleicht zwei weitere Tage auf dem Fluss leisten, bevor sie sich landeinwärts schlagen mussten, um jegliche Feinde abzuschütteln, die sie verfolgten. Nur gut, dass sie Eyllwe jetzt so nah waren, dass sie es in wenigen Tagen zu Fuß dorthin schaffen konnten. Als nichts mehr da war als wabernder Nebel und das Plätschern des Flusses gegen das Boot, ergriff Lorcan noch einmal das Wort. »Du hättest diesen Dolch nicht abgestoppt.« Sie reagierte nicht und das Schweigen zog sich so lang hin, dass er sich zu ihr umdrehte. Sie hockte noch auf der Kiste. Tränen rannen ihr übers Gesicht und sie starrte auf das Wasser. Er wusste nicht, wie er sie trösten, wie er sie beruhigen sollte – nicht so, wie sie es brauchte. Also legte er den Staken beiseite und setzte sich neben sie auf die Kiste. Das Holz stöhnte. »Wer ist Manon?« Er hatte den größten Teil von dem gehört, was Vernon in diesem privaten Speiseraum gezischt hatte, während Lorcan seine Falle im Innenhof aufgebaut hatte, aber einige Einzelheiten waren ihm entgangen. »Die Schwarmführerin des Ironteeth-Klans«, erwiderte Elide mit zitternder Stimme. Die Worte blieben an dem Blut hängen, das ihr die Nase verklebte. Lorcan wagte einen Schuss ins Blaue. »Sie war diejenige, die dich herausgeholt hat. An jenem Tag – sie war der Grund, warum du Hexenleder trägst, warum du im Oakwald gelandet warst.« Ein Nicken. »Und Kaltain – wer war sie?« Die Person, die ihr dieses Ding gegeben hatte, das sie bei sich trug. »Erawans Mätresse – seine Sklavin. Sie war in meinem Alter. Er hatte ihr den Stein in ihren Arm gepflanzt und sie zu einem lebenden Geist gemacht. Sie hat mir und Manon Zeit verschafft zu fliehen; dabei hat sie den größten Teil von Morath eingeäschert. Und sich selbst.« Elide griff in ihre Jacke, ihre Atmung schwer von den Tränen, die ihr immer noch übers Gesicht liefen. Lorcan stockte der Atem, als sie einen Fetzen dunklen Stoffs hervorzog. Der Duft, der dem Stoff anhaftete, war weiblich, fremdartig – gebrochen und traurig und kalt. Aber darunter war ein weiterer Duft, einer, den er kannte und hasste … »Kaltain hat gesagt, ich solle dies hier Celaena geben – nicht Aelin«, erklärte Elide, zitternd von Tränen. »Weil Celaena … sie hatte ihr in einem kalten Kerker ihren warmen Umhang gegeben. Und sie wollten Kaltain nicht erlauben, den Umhang mitzunehmen, als sie sie nach Morath gebracht haben, aber es war ihr gelungen, diesen Fetzen zu retten. Um sich daran zu erinnern, Celaena diese Güte zu vergelten. Aber … was für ein Geschenk ist dieses Ding? Was ist es überhaupt?« Sie zog das Tuch zurück und legte einen dunklen Steinsplitter frei. Das Blut in seinem Körper wurde kalt und heiß, wach und tot gleichzeitig. Sie schluchzte leise. »Warum ist dies eine Bezahlung? Meine Knochen selbst raten mir, es nicht zu berühren. Meine – eine Stimme hat mir gesagt, ich solle nicht einmal daran denken …« Es war falsch. Dieses Ding in ihrer wunderschönen, schmutzigen Hand war falsch. Es gehörte nicht hierher, sollte hier nicht sein … Der Gott, der sein ganzes Leben lang über ihn gewacht hatte, schreckte zurück. Selbst der Tod fürchtete es. »Steck es weg«, befahl er rau. »Auf der Stelle.« Mit zitternder Hand gehorchte sie. Erst als es wieder in ihrer Tasche war, sagte er: »Wir wollen dich erst mal etwas waschen. Die Nase und das Handgelenk richten. Währenddessen erzähle ich dir, was ich weiß.« Sie nickte, den Blick auf den Fluss gerichtet. Lorcan streckte die Hand aus, nahm ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Hoffnungslose, trostlose Augen begegneten seinem Blick. Er wischte eine einzelne Träne mit dem Daumen weg. »Ich habe dir mein Wort gegeben, dich zu beschützen. Ich werde es nicht brechen, Elide.« Sie machte Anstalten, zurückzuweichen, aber er hielt sie ein wenig fester, damit ihre Augen auf ihn gerichtet blieben. »Ich werde dich immer finden. Ich verspreche es.« *** Elide bedachte alles, was Lorcan ihr erzählt hatte, während er ihr Gesicht säuberte, ihre Nase und ihr Handgelenk inspizierte, um Letzteres ein weiches Tuch schlang und dann ihre Nase richtete. Wyrdschlüssel. Wyrdtore. Aelin hatte einen Wyrdschlüssel. War auf der Suche nach den beiden anderen. Schon bald würde es nur noch einen anderen geben, wenn Elide ihr den Schlüssel übergab, den sie bei sich trug. Zwei Schlüssel – gegen einen. Vielleicht würden sie diesen Krieg gewinnen. Selbst wenn Elide nicht wusste, wie Aelin sie benutzen konnte, ohne sich selbst zu zerstören. Aber … sie würde es ihr überlassen. Erawan mochte die Armeen haben, aber wenn Aelin zwei Schlüssel hatte … Sie versuchte, nicht an Manon zu denken. Vernon hatte gelogen, als er gesagt hatte, Lorcan sei fortgegangen – um ihren Mut zu brechen, um sie dazu zu bringen, freiwillig mitzukommen. Vielleicht war auch Manon nicht tot. Sie würde es nicht glauben, bis sie einen Beweis hatte. Bis die ganze Welt ihr zuschrie, dass die Schwarmführerin nicht mehr unter den Lebenden weilte. Lorcan stand wieder am Bug, als sie in eins seiner Hemden geschlüpft war, während ihre Ledermontur trocknete. Ihr Handgelenk pochte, ein dumpfer, hartnäckiger Schmerz, und ihrem Gesicht ging es nicht viel besser. Lorcan hatte ihr zugesichert, dass sie wahrscheinlich ein blaues Augen davontragen würde, aber … ihr Kopf war klar. Sie trat neben ihn und beobachtete, wie er sich mit dem Staken an dem schlammigen Flussbett abstieß. »Ich habe diese Dinger getötet.« »Du hast deine Sache gut gemacht«, lobte er sie. »Ich bereue es nicht.« Dunkle, unergründliche Augen richteten sich auf sie. »Gut.« Sie wusste nicht, warum sie es sagte, warum sie das Bedürfnis dazu hatte oder meinte, es würde ihm überhaupt irgendetwas bedeuten, aber Elide stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste seine stoppelige, raue Wange und fügte hinzu: »Ich werde dich ebenfalls immer finden, Lorcan.« Sie spürte, dass er sie anstarrte, selbst als sie Minuten später ins Bett geklettert war. Als sie erwachte, lagen neben dem Bett saubere Wäschestreifen für ihren Zyklus. Sein eigenes Hemd, über Nacht gewaschen und getrocknet – war jetzt zerschnitten, damit sie es nach Belieben benutzen konnte. 51 D ie Küste von Eyllwe brannte. Drei Tage lang segelten sie an einem Dorf nach dem anderen vorbei. Manche brannten noch, von einigen war nur noch Asche übrig. Und in jedem einzelnen von ihnen hatten Aelin und Rowan geschuftet, um die Flammen zu löschen. Rowan konnte wenigstens in seiner Habichtgestalt hinfliegen, aber sie nicht … Es brachte sie um. Brachte sie absolut um, dass sie es sich nicht leisten konnten, lange genug haltzumachen, um an Land zu gehen. Also arbeitete sie vom Schiff aus, versenkte sich tief in ihre Macht und streckte sie so weit wie möglich über Meer und Himmel und Sand aus, um diese Feuer eins nach dem anderen auszupusten. Am Ende des dritten Tages schwächelte sie, war so durstig, dass keine noch so große Menge Wasser den Durst stillen konnte, und ihre Lippen waren aufgesprungen und pellten sich. Rowan war jetzt dreimal an Land gegangen, um zu erfragen, wer das getan hatte. Jedes Mal hatte er die gleiche Antwort erhalten: Dunkelheit war in der Nacht über sie gekommen, die Art von Dunkelheit, die die Sterne ausradierte, und dann hatten die Dörfer unter flammenden Pfeilen gebrannt, die sie erst entdeckt hatten, nachdem sie ihre Ziele gefunden hatten. Aber wo diese Dunkelheit, wo Erawans Streitkräfte waren … von ihnen gab es keine Spur. Auch nicht von Maeve. Rowan und Lysandra waren hoch und weit geflogen und hatten nach beiden Streitmächten gesucht, vergebens. Geister, so behaupteten einige Dörfler jetzt, hätten sie angegriffen. Die Geister ihrer unbegrabenen Toten, die aus fernen Ländern nach Hause tobten. Bis sie begannen, ein anderes Gerücht zu flüstern. Dass Aelin Galathynius selbst Eyllwe niederbrenne, Dorf um Dorf. Aus Rache, dass man ihrem Königreich vor zehn Jahren nicht geholfen hatte. Es spielte keine Rolle, dass sie die Flammen löschte. Sie glaubten Rowan nicht, wenn er versuchte zu erklären, wer ihre Feuer vom Bord des fernen Schiffes aus erstickte. Er sagte ihr, sie solle nicht zuhören, solle es nicht an sich heranlassen. Also versuchte sie es. Und es war bei einer dieser Gelegenheiten gewesen, dass Rowan mit dem Daumen über die Narbe auf ihrer Handfläche strich und sich vorbeugte, um sie auf den Hals zu küssen. Er hatte ihren Duft eingeatmet und sie wusste, dass er eine Antwort auf die Frage wahrnahm, die ihn veranlasst hatte, an jenem Morgen vom Schiff zu fliehen. Nein, sie trug nicht sein Kind in sich. Sie hatten nur einmal über die Angelegenheit gesprochen – letzte Woche. Als sie keuchend und schweißbedeckt von ihm heruntergekrochen war und er gefragt hatte, ob sie eigentlich ein Elixier nehme. Sie hatte verneint. Er war ganz still geworden. Und dann hatte sie erklärt, dass sie, wenn sie so viel von Mabs Fae-Blut geerbt hätte, sehr gut auch die Schwierigkeiten der Fae geerbt haben könnte, schwanger zu werden. Und selbst wenn der Zeit punkt schrecklich war … falls dies die eine Chance war, die sie hatte, Terrasen mit einem Stammhalter zu versorgen, einer Zukunft … sie würde sie nicht vergeuden. Ein abwesender Ausdruck war in seine grünen Augen getreten, aber er hatte genickt und sie auf die Schulter geküsst. Und das war es gewesen. Sie hatte nicht den Mut aufgebracht zu fragen, ob er der Vater ihrer Kinder sein wollte. Ob er überhaupt Kinder haben wollte, nach dem, was mit Lyria passiert war. Und während des kurzen Moments, bevor er zurück ans Ufer geflogen war, um weitere Flammen zu löschen, hatte sie nicht den Mut aufgebracht zu erklären, warum sie sich an jenem Morgen nach der Ilken-Attacke so heftig erbrochen hatte. Die letzten drei Tage waren wie im Nebel vorbeigerauscht. Seit Fenrys die Worte gesprochen hatte: Namenlos ist mein Preis , war alles zu Rauch und Flammen und Wellen und Sonne verschwommen. Aber als die Sonne am dritten Tag unterging, stieß Aelin diese Gedanken erneut beiseite, als das vordere Begleitschiff ihnen signalisierte und die Mannschaft hektisch arbeitete, um den Anker fallen zu lassen. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn und ihre Zunge war so trocken wie Pergament. Aber sie vergaß ihren Durst und ihre Erschöpfung, als sie sah, was Rolfes Männer kurz zuvor entdeckt hatten. Ein flaches, überschwemmtes Gebiet erstreckte sich unter einem bewölkten Himmel landeinwärts, so weit das Auge reichte. Gräser, schimmlig grün und knochenweiß, überwucherten Erhebungen und Senken, kleine Inseln des Lebens inmitten der spiegelglatten, grauen Wasserfläche zwischen ihnen. Und dazwischen, aus dem brackigen Wasser und dem buckligen Land aufragend wie die Gliedmaßen einer nachlässig begrabenen Leiche … lagen Ruinen. Gewaltige, bröckelnde Ruinen einer einst herrlichen Stadt, die in der Ebene überschwemmt worden war. Die Stone Marshes. *** Manon ließ die Menschen und die Fae sich mit den Kapitänen der beiden anderen Schiffe treffen. Sie hörte die Nachricht bald genug: Was sie suchten, lag ungefähr anderthalb Tage landeinwärts. Wo genau, das wussten sie nicht, oder wie lange es dauern würde, den genauen Standort zu finden. Bis sie zurückkehrten, würden die Schiffe hier ankern. Und Manon, so schien es, würde sich ihnen auf ihrer Reise landeinwärts anschließen. Die Königin befürchtete wohl, dass sonst ihre kleine Flotte bei der Rückkehr nicht mehr intakt sein würde, wenn sie Manon zurückließ. Kluge Frau. Aber das war nur das eine Problem. Das andere schaute sie gerade besorgt und entrüstet an. Abraxos’ Schwanz peitschte ein wenig und die eisernen Dornen kratzten über das makellose Schiffsdeck. Als hätte er den Befehl der Königin vor einer Minute gehört: Der Wyvern muss weg. Auf der flachen, offenen Ebene der Sümpfe würde er zu auffällig sein. Manon legte ihm eine Hand auf seine vernarbte Schnauze und schaute in seine unergründlichen schwarzen Augen. »Du musst dich irgendwo versteckt halten.« Ein warmes, bekümmertes Schnaufen in ihre Handfläche. »Jammere nicht herum deswegen«, fuhr Manon fort, selbst als sich ihr Bauch zusammenschnürte und verkrampfte. »Bleib außer Sicht und sei wachsam, und komm in vier Tagen zurück.« Sie gestattete sich, die Stirn an seine Schnauze anzulehnen. Sein Brummen vibrierte in ihren Knochen. »Wir sind ein gutes Gespann, du und ich. Ein paar Tage sind nichts, mein Freund.« Er stupste ihren Kopf mit seinem an. Manon schluckte hörbar. »Du hast mir das Leben gerettet. Viele Male. Ich habe dir nie dafür gedankt.« Abraxos stieß ein weiteres leises Jaulen aus. »Du und ich«, versprach sie ihm. »Von jetzt an, bis die Finsternis uns holt.« Sie musste sich zwingen, sich von ihm zu lösen. Streichelte ihm noch ein letztes Mal die Schnauze. Dann trat sie einen Schritt zurück. Dann noch einen. »Geh.« Er rührte sich nicht. Sie bleckte ihre Eisenzähne. »Geh. « Abraxos warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, aber er spannte seinen Körper an und breitete die Flügel aus. In diesem Moment hatte Manon noch niemals jemanden mehr gehasst als die Königin von Terrasen und ihre Freunde. Dafür, dass sie ihn fortschickten. Dafür, dass sie für diese Trennung verantwortlich waren, nachdem so viele andere Gefahren sie nicht hatten trennen können. Aber Abraxos erhob sich in die Luft, die Segel ächzten im Wind seiner Flügel und Manon schaute zu, bis er nur noch ein Punkt am Horizont war, bis die Langboote bereit gemacht wurden, um sie zu den hohen Gräsern und dem stehenden, grauen Wasser der Sümpfe dahinter zu bringen. Die Königin und ihr Hof machten sich bereit und legten Waffen an, wie andere Leute sich mit Schmuck herausputzten, tauschten sich dabei untereinander aus. Ganz ähnlich wie ihre Dreizehn – so ähnlich, dass sie sich abwenden und sich in den Schatten des Vormasts ducken musste, um ihre Atmung in einen gleichmäßigen Rhythmus zu zwingen. Ihre Hände zitterten. Asterin war nicht tot. Die Dreizehn war nicht tot. Sie hatte die Gedanken daran in Schach gehalten. Aber jetzt, da dieser zartbesaitete Wyvern am Horizont verschwand … Das letzte bisschen Schwarmführerin in ihr war mit ihm verschwunden. Ein feuchtwarmer Wind zog sie landeinwärts – zu den Sümpfen. Zog auch ihren roten Umhang mit sich. Manon fuhr mit einem Finger über den dunkelroten Stoff, den zu tragen sie sich heute Morgen gezwungen hatte. Rhiannon. Sie hatte nie auch nur ein Flüstern darüber gehört, dass das königliche Geschlecht der Crochans vor fünf Jahrhunderten lebend jenes letzte Schlachtfeld verlassen hatte. Sie fragte sich, ob bei den Crochans irgendjemand, abgesehen von ihrer Halbschwester, wusste, dass das Kind von Lothian Blackbeak und einem Crochan-Prinzen überlebt hatte. Manon löste die Fibel, die den Umhang an ihrer Schulter zusammenhielt. Sie wog den dicken, roten Stoff in den Händen. Ein paar zügige Streiche mit ihren Nägeln und schon umklammerte sie einen langen, dünnen Streifen des Stoffes. Mit ein paar weiteren Bewegungen hatte sie ihn sich unten um ihren geflochtenen Zopf gebunden und das Rot hob sich scharf von ihrem mondweißen Haar ab. Manon trat aus den Schatten hinter dem Vormast und spähte über die Reling des Schiffes. Niemand sagte etwas, als sie den Umhang ihrer Halbschwester ins Meer warf. Der Wind trug ihn einige Meter über die Wellen, bevor er wie ein sterbendes Blatt flatterte und auf den Wogen landete. Eine Blutlache – so sah er aus der Ferne aus, als die Flut ihn forttrug, aufs offene Meer. Sie fand den König von Adarlan und die Königin Terrasens wartend an der Reling des Hauptdecks, während ihre Gefährten in das Langboot hinunterkletterten, das auf den Wellen auf und ab hüpfte. Sie sah in saphirblaue Augen, dann in die aus Türkis und Gold. Sie wusste, dass sie es gesehen hatten. Vielleicht nicht verstanden hatten, was der Umhang bedeutete, aber … dass sie die Geste als das verstanden hatten, was sie war. Manon fuhr ihre eisernen Zähne und Nägel ein, als sie auf sie zuging. Aelin Galathynius bemerkte leise: »Man hört nie auf, ihre Gesichter zu sehen.« Erst als sie ans Ufer ruderten und Gischt sie durchnässte, wurde Manon klar, dass die Königin nicht von der Dreizehn gesprochen hatte. Und Manon fragte sich, ob Aelin beim Anblick des Umhangs auf dem Meer ebenfalls gedacht hatte, er sähe aus wie vergossenes Blut. 52 S ie kamen nicht nach Leriba. Auch nicht nach Banjali. Sie kamen nicht einmal in die Nähe dieser Orte. Lorcan spürte den Schubs an der Schulter, der den Lauf seines Lebens gelenkt und geformt hatte – diese unsichtbare, hartnäckige Hand aus Schatten und Tod. Also wandten sie sich nach Süden und dann nach Westen, durchschifften zügig das Netzwerk der Wasserwege durch Eyllwe. Elide erhob weder Einwände noch stellte sie Fragen, als er erklärte, dass, wenn Hellas selbst ihn anstupste, die Königin, auf die sie Jagd machten, sich wahrscheinlich in dieser Richtung befand. Wo immer es sie hinführen mochte. Es gab keine Städte dort draußen, nur endloses Grasland, das um Oakwalds südlichste Spitze herumführte, dann Sümpfe. Die verlassene Halbinsel voller Ruinen inmitten der Sumpflandschaft. Aber die Berührung des dunklen Gottes an seiner Schulter hatte ihn noch nie in die Irre geführt. Also würde er sehen, was er dort fand. Er gestattete sich nicht, allzu lange bei der Tatsache zu verweilen, dass Elide einen Wyrdschlüssel bei sich trug. Dass sie versuchte, ihn seiner Feindin zu bringen. Vielleicht würde der Ruf seiner Macht sie beide zu ihr führen – zu Aelin. Und dann würde er zwei Schlüssel besitzen, wenn er seine Karten richtig ausspielte. Wenn er schlauer und schneller und skrupelloser war als die anderen. Dann der gefährlichste Teil des Ganzen: mit zwei Schlüsseln in seinem Besitz ins Herz Moraths zu reisen, um den dritten aufzuspüren. Schnelligkeit würde sein bester Verbündeter sein und seine einzige Chance auf Überleben. Und er würde Elide wahrscheinlich nie wiedersehen, ebenso wenig wie einen der anderen. Sie hatten am Morgen endlich ihren Kahn verlassen und alle Vorräte, die hineinpassten, in ihre Bündel gestopft, bevor sie sich auf den Weg durch die wogenden Gräser gemacht hatten. Stunden später war Elide außer Atem, als sie einen steilen Hügel weit in der Ebene hinaufkletterten. Er roch jetzt schon seit zwei Tagen das Meer – sie mussten dem Rand der Sümpfe nahe sein. Elide schluckte hörbar und er reichte ihr die Feldflasche, als sie den Gipfel des Hügels erreichten. Aber Elide blieb stehen, die Arme schlaff an den Seiten. Und Lorcan selbst erstarrte beim Anblick dessen, was sich vor ihnen erstreckte. »Was ist das für ein Ort?«, hauchte Elide, als hätte sie Angst, das Land selbst würde es hören. So weit das Auge reichte, war die Ebene, die mit dem Horizont verschmolz, um gute zehn Meter abgesunken – ein krasser, brutaler Bruch. Sie standen nicht auf einem Hügel, sondern am Rand einer schroffen Klippe, als hätte ein zorniger Gott mit einem Fuß aufgestampft und einen Abdruck auf der Ebene hinterlassen. Der Großteil der Fläche lag unter silbrigem, brackigem Wasser, reglos wie ein Spiegel, nur von grasbewachsenen Inseln und Erdhügeln durchbrochen – und verfallenen, einst prächtigen Ruinen. »Dies ist ein schlechter Ort«, flüsterte Elide. »Wir sollten nicht hier sein.« In der Tat, die Härchen auf seinen Armen hatten sich aufgestellt, jeder Instinkt hellwach, als er die Sümpfe, die Ruinen, das Gestrüpp und das Dickicht betrachtete, die einige der Inseln überwuchert hatten. Selbst der Gott des Todes hielt mit seinem Stupsen inne und duckte sich hinter Lorcans Schulter. »Was spürst du?« Ihre Lippen waren blutleer. »Stille. Leben, aber solche … Stille. Als ob …« »Als ob was?«, drang er in sie. Sie hauchte schaudernd die Worte. »Als ob alle, die einst, vor langer Zeit, hier lebten, immer noch darin gefangen wären – immer noch … darunter wären.« Sie zeigte auf eine Ruine – eine runde, zerbrochene Kuppel von etwas, das wahrscheinlich ein mit dem Turm verbundener Ballsaal gewesen war. Ein Palast. »Ich glaube nicht, dass dies ein Ort für die Lebenden ist, Lorcan. Die Tiere in diesen Gewässern … ich glaube nicht, dass sie Eindringlinge dulden. Noch tun das die Toten.« »Ist es der Stein oder die Göttin, die über dich wacht, die dir diese Dinge verrät?« »Es ist mein Herz, das eine Warnung murmelt. Anneith ist still. Ich glaube nicht, dass sie hier in der Nähe sein will. Ich glaube nicht, dass sie uns folgen wird.« »Sie ist nach Morath gekommen, aber nicht hierher?« »Was ist in diesen Sümpfen?«, fragte sie, statt zu antworten. »Warum ist Aelin auf dem Weg hierher?« Das, so schien es, war die eigentliche Frage. Denn wenn sie dies spürten, würden die Königin und Whitethorn es mit Sicherheit ebenfalls spüren – und nur die Aussicht auf einen großen Gewinn oder eine Bedrohung würde sie hierhertreiben. »Ich weiß es nicht«, gestand er. »Hier gibt es nirgendwo Städte oder Vorposten in der Nähe.« Doch dies war der Ort, an den der dunkle Gott ihn geführt hatte – und wo diese Hand ihn immer noch sich hinzuwagen drängte, selbst wenn die Hand zitterte. Nichts als Ruinen und dichtes Gestrüpp auf diesen kleinen Inseln, die nur wenig Sicherheit boten vor dem, was unter dem spiegelglatten Wasser lebte. Aber Lorcan gehorchte dem stupsenden Gott an seiner Schulter und führte die Herrin von Perranth weiter. *** »Wer hat hier gelebt?«, fragte Elide und betrachtete das verwitterte Antlitz der Statue, die aus einer fast eingestürzten Steinmauer hervorragte. Sie standen am äußeren Rand einer kleinen Insel. Die moosbedeckte Frauenskulptur war zweifellos einst schön gewesen, ebenso wie ein Teil der Stütze für Balken und Dach, die inzwischen verrottet waren. Aber der Schleier, den der Steinmetz ihr gegeben hatte, wirkte jetzt wie ein Leichentuch. Elide schauderte. »Dieser Ort war schon vergessen und zerstört, Jahrhunderte bevor ich zur Welt kam«, sagte Lorcan. »Gehörte er zu Eyllwe?« »Er war Teil eines Königreichs, das jetzt nicht mehr existiert, eines verlorenen Volks, das abwanderte und mit den Bewohnern verschiedener anderer Länder verschmolz.« »Sie müssen sehr talentiert gewesen sein, wenn sie solch schöne Gebäude geschaffen haben.« Lorcan gab einen zustimmenden Laut von sich. Sie waren jetzt zwei Tage lang durch die Sümpfe gekrochen – ohne eine Spur von Aelin. Sie hatten im Schutz der Ruinen geschlafen, obwohl keiner von ihnen wirklich Ruhe fand. Elides Träume waren von bleichen Gesich tern mit milchigen Augen erfüllt gewesen, Gesichtern von Leuten, die sie nie gekannt hatte und die flehend aufschrien, als ihnen Wasser in die Kehlen drang, in die Nasen. Selbst im wachen Zustand konnte sie sie sehen, konnte ihre Schreie im Wind hören. Nur der Wind zwischen den Steinen, hatte Lorcan an jenem ersten Tag gebrummt. Aber sie hatte es in seinen Augen gesehen. Er hörte die Toten ebenfalls. Hörte das Dröhnen der Katastrophe, die das Land direkt unter ihren Füßen in die Tiefe gerissen hatte, hörte das rauschende Wasser, das sie alle verschlungen hatte, bevor sie hatten weglaufen können. Neugierige Tiere aus Meer, Sumpf und Fluss waren in den folgenden Jahren zusammengekommen, hatten die Ruinen zu ihrem Jagdgefilde gemacht und sich aneinander gütlich getan, als ihnen die aufgeschwemmten Leichen ausgegangen waren. Hatten sich verwandelt, sich angepasst – waren fetter und schlauer als ihre Vorfahren geworden. Diesen Tieren war es zu verdanken, dass sie so lange brauchten, um die Sümpfe zu durchqueren. Lorcan suchte immer das allzu stille Wasser zwischen diesen Inseln der Sicherheit ab. Manchmal war es klar und man konnte brusttief durch salziges Wasser waten. Manchmal war es das nicht. Manchmal waren nicht einmal die Inseln sicher. Zweimal hatte sie schon lange, schuppige Schwänze entdeckt – gepanzert wie Rüstungen –, die hinter einer steinernen Mauer oder einer zerbrochenen Säule verschwunden waren. Dreimal hatte sie große, goldene Augen mit geschlitzten Pupillen gesehen, die sie aus den Binsen heraus anschauten. Lorcan hatte sich Elide jedes Mal über eine Schulter geworfen und war gerannt, wenn sie begriffen hatten, dass sie nicht allein waren. Dann waren da die Schlangen, die sich gern von den gespensti schen Bäumen baumeln ließen, die den Inseln ihre Existenz abtrotzten. Und die fortwährenden Stechmücken, die nichts waren im Vergleich zu den Wolken von Moskitos, die sie manchmal stundenlang jagten. Bis Lorcan eine Welle seiner dunklen Macht in sie hineinjagte und sie alle wie schwarzer Regen auf die Erde fielen. Aber immer wenn er tötete … spürte sie, wie die Erde schauderte. Nicht aus Angst vor ihm … sondern als würde sie erwachen. Als lauschte sie. Als fragte sie sich, wer es wagte, über sie hinwegzuschreiten. In der vierten Nacht war Elide so müde, so angespannt, dass sie am liebsten gewimmert hätte, als sie sich in einer seltenen Zufluchtsstätte zusammenrollten: einer zerstörten Halle, deren Zwischengeschoss zum Teil unversehrt war. Sie war zum Himmel geöffnet und Kletterpflanzen überwucherten die drei Mauern, aber die Steintreppe war stabil – und führte hoch genug über die Insel, dass nichts aus dem Wasser kriechen konnte, um Jagd auf sie zu machen. Lorcan hatte die unterste und die oberste Treppenstufe mit Stolperdrähten aus Kletterpflanzen und Zweigen versehen – um sie zu warnen, falls irgendwelche Tiere sich die Treppe hinaufschlängelten. Sie wagten es nicht, ein Feuer zu machen, aber es war warm genug, dass Elide es nicht vermisste. Als sie neben Lorcan lag, sein Körper eine solide Mauer zwischen ihr und dem Stein zu ihrer Linken, beobachtete Elide die flackernden Sterne, das träge Summen der Insekten beständig in ihren Ohren. In der Ferne brüllte irgendetwas. Die Insekten verstummten. Der Sumpf schien seine Aufmerksamkeit auf dieses wilde, tiefe Brüllen zu richten. Langsam setzte das Leben wieder ein – wenn auch leiser. Lorcan murmelte: »Schlaf, Elide.« Sie schluckte, ihre Angst kroch zähflüssig durch ihr Blut. »Was war das?« »Eins der Tiere – entweder ein Paarungsruf oder eine Warnung.« Sie wollte gar nicht wissen, wie groß sie waren. Die flüchtigen Blicke auf Augen und Schuppenschwänze hatten gereicht. »Erzählt mir von ihr«, flüsterte Elide. »Von deiner Königin.« »Ich bezweifle, dass dir das helfen wird, besser zu schlafen.« Sie drehte sich auf ihre andere Seite und stellte fest, dass er auf dem Rücken lag und den Himmel beobachtete. »Wird sie dich wirklich töten für das, was du getan hast?« Ein Nicken. »Und doch riskierst du es – um ihretwillen.« Sie stützte den Kopf auf eine Faust. »Liebst du sie?« Diese Augen, dunkler als die Räume zwischen den Sternen, wurden auf sie gerichtet. »Ich bin in Maeve verliebt, seit ich sie das erste Mal gesehen habe.« »Bist du … bist du ihr Geliebter?« Sie hatte nicht gewagt, die Frage zu stellen, hatte es nicht wirklich wissen wollen. »Nein. Ich habe es einmal angeboten. Sie hat mich für meine Unverschämtheit ausgelacht.« Er presste die Lippen aufeinander. »Also habe ich mich auf andere Arten unentbehrlich gemacht.« Wieder dieses Brüllen in der Ferne, das die Welt für einige Augenblicke verstummen ließ. War es näher gekommen oder bildete sie sich das nur ein? Als sie ihn wieder ansah, ruhte Lorcans Blick auf ihrem Mund. Sie sagte: »Vielleicht nutzt sie deine Liebe nur aus. Vielleicht ist es für sie am günstigsten, dich hinzuhalten. Vielleicht ändert sie ihre Meinung, wenn es am wahrscheinlichsten aussieht, dass du fortgehst.« »Ich habe ihr einen Blutschwur geleistet. Ich werde niemals fortgehen.« Bei diesen Worten zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. »Dann kann sie sich ja sicher sein, dass du sie für immer anschmachten wirst.« Die Worte kamen schärfer heraus, als sie es beabsichtigt hatte, und sie wollte gerade zu den Sternen schauen, als Lorcan ihr Kinn nahm, schneller, als sie es kommen sah. Er schaute ihr in die Augen, prüfend. »Mach nicht den Fehler zu glauben, ich wäre ein romantischer Narr. Ich habe keinen Funken Hoffnung, was sie betrifft.« »Dann scheint mir das überhaupt keine Liebe zu sein.« »Und was weißt du schon von Liebe?« Er war so nah – war näher gerückt, ohne dass sie es bemerkt hatte. »Ich glaube, Liebe sollte dich glücklich machen«, erwiderte Elide und dachte an ihren Vater und an ihre Mutter. Wie oft sie gelächelt und gelacht hatten, wie sie einander angeschaut hatten. »Sie sollte dich zu der bestmöglichen Version deiner selbst machen.« »Willst du andeuten, dass ich nichts davon bin?« »Ich glaube nicht, dass du überhaupt weißt, was Glück ist.« Sein Gesicht wurde düster – nachdenklich. »Es macht mir nichts aus … in deiner Nähe zu sein.« »Ist das ein Kompliment?« Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Und sie wollte … wollte es berühren. Dieses Lächeln, diesen Mund. Mit den Fingern, mit ihren eigenen Lippen. Es machte ihn jünger, machte ihn attraktiv. Also streckte sie ihre zitternden Finger aus und berührte seine Lippen. Lorcan erstarrte, immer noch halb über sie gebeugt, seine Augen ernst und eindringlich. Aber sie zeichnete die Umrisse seines Mundes nach und fand die Haut dort weich und warm, ein solcher Gegensatz zu den harschen Worten, die für gewöhnlich daraus hervorkamen. Sie strich über seine Mundwinkel und er drehte das Gesicht, schmiegte seine raue Wange in ihre Handfläche. Seine Lider wurden schwer, als sie mit einem Daumen über die straffe Haut seines Wangenknochens strich. Elide flüsterte: »Ich würde dich verstecken. In Perranth. Wenn du … wenn du tust, was du tun musst, und einen Ort brauchst, an den du gehen kannst … du würdest dort einen Platz haben. Bei mir.« Er riss die Augen auf, aber an dem Licht, das in ihnen leuchtete, war nichts Hartes, nichts Kaltes. »Ich wäre ein entehrter Mann – es würde ein schlechtes Licht auf dich werfen.« »Wenn irgendjemand das denkt, hätte er keinen Platz in Perranth.« »Elide, du musst …« Aber sie erhob sich leicht und ersetzte ihre Finger durch ihren Mund. Der Kuss war sanft und ruhig und kurz. Kaum ein Streifen ihrer Lippen über seine. Sie meinte zu spüren, dass Lorcan vielleicht zitterte, als sie sich zurückzog. Als ihre Wangen heiß erblühten. Aber sie zwang sich zu sagen – überrascht, dass ihre Stimme fest war: »Du brauchst mir jetzt nicht zu antworten. Oder jemals. Du könntest in zehn Jahren auf meiner Türschwelle erscheinen und das Angebot würde immer noch gelten. Aber es gibt einen Platz für dich in Perranth – solltest du ihn dir jemals wünschen oder ihn brauchen.« Etwas wie Qual glomm in seinen Augen auf, der menschlichste Ausdruck, den sie je bei ihm gesehen hatte. Er beugte sich vor, und trotz der Sümpfe, trotz dem, was sich in der Welt zusammenbraute, hatte Elide zum ersten Mal in zehn Jahren keine Angst, als Lorcan ihre Lippen mit seinen eigenen liebkoste. Keine Angst vor irgendetwas, als er es wieder tat, als er zuerst einen ihrer Mundwinkel küsste, dann den anderen. Solch sanfte, geduldige Küsse – seine Hände genauso sanft und geduldig, als sie ihr das Haar aus der Stirn strichen, als sie über ihre Hüften wanderten, ihre Rippen. Sie hob ihre Hände zu seinem Gesicht und fuhr durch sein seidiges Haar, während sie sich ihm entgegenwölbte und das Gewicht seines Körpers auf ihrem ersehnte. Lorcans Zunge streifte den Spalt zwischen ihren Lippen und Elide staunte darüber, wie natürlich es sich anfühlte, sich für ihn zu öffnen, wie ihr Körper bei der Berührung sang , bei seiner Härte an ihrer Weichheit. Lorcan stöhnte, als er zum ersten Mal ihre Zunge mit seiner liebkoste, und presste seine Hüften so gegen ihre, dass eine sengende Hitze ihren Körper erfüllte. Er küsste sie leidenschaftlicher, ließ eine Hand zu ihrem Schenkel wandern. Und als er direkt auf ihr lag … sie keuchte, bemerkte sie, als Lorcan seinen Mund von ihrem losriss und ihr Kinn küsste, ihren Hals, ihr Ohr. Sie zitterte – nicht vor Angst, sondern vor Verlangen , als Lorcan ihren Namen immer wieder auf ihre Haut hauchte. Wie ein Gebet, so klang ihr Name von seinen Lippen. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und fand seinen lodernden Blick und sein Atem ging stoßweise, so wie ihr eigener. Elide wagte es, die Finger von seiner Wange zu seinem Hals hinunterzuziehen, bis direkt unter den Kragen seines Hemdes. Seine Haut war wie erhitzte Seide. Er schauderte bei der Berührung und senkte den Kopf, sodass sein tintenschwarzes Haar ihr über die Stirn fiel. Sanft, ganz sanft, begann er sich zu bewegen. Ein kleines Keuchen entrang sich ihr und sie begriff, dass sie mehr wollte, mehr. Er sah sie mit einer stummen Frage in den Augen an und ihre Hand hielt auf der Haut über seinem Herzen inne. Es schlug in einem tobenden, donnernden Rhythmus. Sie hob den Kopf, um ihn zu küssen, und als ihr Mund erneut auf seinen traf, flüsterte sie ihre Antwort … Aber Lorcans Kopf schnellte hoch. Er war sofort auf den Beinen und fuhr nach Nordosten herum. Wo Dunkelheit sich über die Sterne ausbreitete und sie einen nach dem anderen vertilgte. Jedes Fünkchen Hitze, jedes Fünkchen Begehren erlosch in ihr. »Ist das ein Sturm?« »Wir müssen fliehen«, antwortete Lorcan. Aber es war mitten in der Nacht – die Morgendämmerung noch mindestens sechs Stunden entfernt. Jetzt die Sümpfe zu durchqueren … immer mehr Sterne wurden von dieser Dunkelheit verschlungen. »Was ist das?« Es breitete sich mit jedem Moment weiter aus. Weit draußen hörten selbst die Sumpftiere auf zu brüllen. »Ilken«, murmelte Lorcan. »Das ist eine Armee von Ilken.« Elide wusste, dass sie nicht ihretwegen kamen. 53 N ach zwei Tagen in dem endlosen Labyrinth der Stone Marshes – zwei , nicht anderthalb, die der gottverdammte Rolfe erwähnt hatte – war Aelin geneigt, die ganze Gegend niederzubrennen. Wegen des Wassers und der Feuchtigkeit schwitzte sie immerzu und fühlte sich klebrig. Schlimmer noch: die Insekten. Sie hielt die kleinen Dämonen mit einem Schild unsichtbarer Flammen fern, der sich nur offenbarte, wenn sie zischend dagegenprallten. Sie hätte vielleicht ein schlechtes Gewissen gehabt, hätten sie nicht an ihrem ersten Tag dort versucht, sie bei lebendigem Leib aufzufressen. Hätte sie nicht Dutzende geschwollener, roter Stiche aufgekratzt, bis ihre Haut blutete – und Rowan eingeschritten war, um sie zu heilen. Nach dem Angriff des Bluthundes waren ihre eigenen heilenden Fähigkeiten erschöpft geblieben. Also hatten Rowan und Gavriel als Heiler für sie alle fungiert und kümmerten sich um die juckenden Stiche, die Quaddeln durch stechende Pflanzen, die Kratzer von scharfkantigen Ruinenteilen unter der Wasseroberfläche, die ihnen ins Fleisch schnitten, wenn sie nicht vorsichtig genug durch das brackige Wasser wateten. Nur Manon schien immun gegen die kräftezehrenden Sümpfe zu sein und fand ihre wilde, verwesende Schönheit angenehm. Tatsächlich erinnerte sie Aelin an eine dieser schrecklichen Flussbestien, die hier herrschten – mit den goldenen Augen, den scharfen, glänzenden Zähnen … Aelin versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken. stellte sich lieber vor, bald wieder von hier wegzukommen , auf trockenes, festes Land. Aber im Herzen dieser toten, elenden Gegend befand sich Malas Schloss. Rowan war in Habichtgestalt als Späher vorausgeflogen, als die Sonne zentimeterweise in Richtung Horizont kroch, Lysandra überwachte das Wasser zwischen den kleinen Hügeln als schleimiges, schuppiges Sumpfgeschöpf, dem Aelin eine Grimasse zugeworfen hatte, worauf die Gestaltwandlerin ein entrüstetes Zischen mit gespaltener Zunge ausgestoßen und sich dann platschend ins Wasser begeben hatte. Aelin zog erneut eine Grimasse, als sie einen dieser kleinen Hügel hinauftrottete, der mit stacheligen Sträuchern überwuchert und von zwei umgestürzten Säulen gekrönt war. Ein Labyrinth, dazu angelegt, dass man sich daran zerkratzte und daran stieß und sich die Haut aufriss. Also schickte sie einen Feuerschwall über den Hügel und verwandelte ihn in verwitterte Asche. Die dann an ihren nassen Stiefeln klebte, als sie darüber hinwegschritt, ein feuchter, grauer Brei. Fenrys kicherte neben ihr, als sie den Hügel hinuntergingen. »Nun, das ist eine Möglichkeit, da durchzukommen.« Er streckte eine Hand aus, um sie durchs Wasser zu führen, und sie sträubte sich halb gegen die Vorstellung, geleitet zu werden, aber … sie wollte verdammt sein, wenn sie in irgendeine wässrige Grube fiel. Sie hatte eine sehr, sehr klare Vorstellung davon, was tief unter ihnen war, und sie hatte kein Interesse daran, in den verwesten Überresten von Menschen zu schwimmen. Fenrys hielt ihre Hand mit festem Griff, als sie durch das brusthohe Wasser wateten. Er half ihr zuerst ans Ufer, dann kletterte er selbst hinauf. Er konnte in Wolfsgestalt zweifellos die Lücken zwischen den Inseln überspringen, genau wie Gavriel. Warum sie sich damit abgaben, in Fae-Gestalt zu bleiben, überstieg ihr Begriffsvermögen. Aelin setzte ihre Magie ein, um sich so gut es ging zu trocknen, dann benutzte sie die Zünglein ihrer Magie, um auch Fenrys’ und Gavriels Kleider zu trocknen. Eine harmlose, beiläufige Verausgabung von Macht. Obwohl es sie bereits erschöpft hatte, ihre Magie drei Tage lang durchgehend an Eyllwes brennender Küste einzusetzen. Nicht die Flammen, sondern einfach … körperlich. Geistig. Sie hatte immer noch das Gefühl, als könnte sie eine Woche lang schlafen. Aber die Magie murmelte. Unablässig, gnadenlos. Selbst wenn sie müde war … die Macht verlangte mehr. Ihre Kleider wenigstens zwischen den Stippvisiten ins Sumpfwasser zu trocknen, hielt die verdammte Magie in Schach. Vorerst. Lysandras schauerlicher Kopf tauchte plötzlich aus einem Dornengestrüpp auf und Aelin jaulte auf und fiel einen Schritt zurück. Die Gestaltwandlerin grinste und zeigte zwei sehr, sehr scharfe Reißzähne. Fenrys stieß ein leises Lachen aus und sah die Gestaltwandlerin prüfend an, als sie einige Schritte vor ihnen weiterschlängelte. »Du kannst also Haut und Knochen verwandeln, aber das Brandmal bleibt?« Lysandra hielt einige Zentimeter vom Wasser entfernt inne, und auf der Insel vor ihnen schien Aedion sich anzuspannen, obwohl er weiterging. Gut. Zumindest war sie nicht die Einzige, die jedem an die Kehle gehen würde, der es wagte, sich über Lysandra lustig zu machen. Aber ihre Freundin verwandelte sich, leuchtete und dehnte sich aus, bis ihre Gestalt menschlich wurde, na ja, beinahe menschlich – Fae. Bald konnte Fenrys sich selbst ansehen, wenn auch eine kleinere Version von sich, die in Frauenkleider passte. Gavriel, der über die Böschung hinter ihnen kletterte, stolperte bei dem Anblick. Lysandra sagte, ihre Stimme beinahe identisch mit der von Fenrys: »Das wird mich wohl immer verraten.« Sie streckte das Handgelenk aus und schob den Ärmel ihrer Jacke zurück, um seine goldbraune Haut freizulegen, entstellt durch dieses Brandmal. Aber sie spähte immer wieder an sich hinunter, während die anderen alle weiterwateten und -kletterten, und schließlich bemerkte sie: »Dein Gehör ist wirklich besser.« Lysandra fuhr sich mit der Zunge über die leicht verlängerten Eckzähne. Fenrys wand sich ein wenig. »Wozu sollen die denn gut sein?«, fragte sie. Gavriel kam näher und stupste die Gestaltwandlerin weiter, ging ein paar Schritte mit ihr voraus. »Fenrys ist der Letzte, den du da fragen solltest. Jedenfalls wenn du eine angemessene Antwort hören willst.« Lysandra kicherte und lächelte den Löwen an, als sie den Hügel hinaufstiegen. Seltsam – ihr Lächeln auf Fenrys’ Gesicht zu sehen. Fenrys fing Aelins Blick auf und zog erneut eine Grimasse, zweifellos fand er die Sache ebenso verstörend. Sie lachte. Vor ihnen erklang Flügelschlagen und Aelin nahm sich einen Moment Zeit, um zu bewundern, wie schnell und kraftvoll Rowan auf sie zusegelte. Zügig, stark – unbeirrt. Gavriel ließ sich einige Schritte zurückfallen, während Lysandra neben Aedion auf dem Hügel stehen blieb und wieder in ihre eigene Gestalt schlüpfte. Sie schwankte ein wenig und Aelin wollte schon zu ihr hechten – aber Aedion kam ihr zuvor und stützte Lysandra sanft am Ellbogen, als Rowan landete und sich seinerseits verwandelte. Sie hatten alle eine schöne, lange Ruhepause nötig. Ihr Fae-Prinz sagte: »Direkt vor uns – wir werden bis morgen Nachmittag dort sein.« Wenn sie Rolfe je wiedersah, würde sie ein paar Wörtchen mit ihm darüber wechseln, wie genau er auf seiner infernalischen Karte Entfernungen berechnete. Aber Rowans Gesicht war unter den Tätowierungen erbleicht. Nach einem Moment fügte er hinzu: »Ich kann es spüren – meine Magie kann es spüren.« »Sag mir bitte, dass es nicht sieben Meter unter dem Wasser liegt.« Ein rasches, scharfes Kopfschütteln. »Ich wollte es nicht riskieren, mich zu nah heranzuwagen. Aber es erinnert mich an den Tempel des Sündenessers.« »Also ein wirklich hübscher, freundlicher und entspannender Ort für uns«, bemerkte sie. Aedion lachte leise, den Blick auf den Horizont gerichtet. Dorian und Manon zogen sich unter ihnen tropfnass ans Ufer und die Hexe suchte das Meer von Inseln vor ihnen ab. Falls ihr etwas auffiel, sagte sie jedenfalls nichts darüber. Rowan untersuchte die Insel, auf der sie standen: hoch gelegen, auf einer Seite von einer verfallenen Steinmauer geschützt, Dornen auf der anderen. »Wir lagern heute Nacht hier. Es ist sicher genug.« Aelin sackte vor Erleichterung fast in sich zusammen. Lysandra richtete ein schwaches Dankeschön an die Götter. Binnen Kurzem hatten sie einen genügend großen Bereich freigeräumt – durch physische und magische Schufterei –, um Sitze auf den riesigen Steinblöcken zu finden, und Aedion machte sich daran zu kochen: ein ziemlich trauriges Mahl aus hartem Brot und den Sumpfkreaturen, die Gavriel und Rowan gejagt hatten und die sie für ungefährlich genug hielten, um sie zu essen. Aelin sah ihrem Cousin lieber nicht zu, sondern zog Unwissenheit darüber vor, was zum Teufel sie sich gleich in den Hals stopfen würde. Die anderen schienen ebenfalls geneigt, sich abzulenken, und obwohl es Aedion gelang, ihre spärlichen Gewürze mit überraschendem Talent einzusetzen, war ein Teil des Fleisches zäh. Schleimig. Lysandra hatte an einem Punkt leise, aber trotzdem unüberhörbar gewürgt. Es wurde Nacht und ein Meer von Sternen kam funkelnd zum Vorschein. Aelin wusste nicht, wann sie das letzte Mal so weit von jeglicher Zivilisation entfernt gewesen war – vielleicht auf der Überfahrt nach Wendlyn und zurück. Aedion, der neben ihr saß, reichte den allzu leicht gewordenen Weinschlauch herum. Sie nahm einen Schluck davon, dankbar für die Säure, die jeden Nachgeschmack des Fleisches wegspülte. »Verrate mir niemals, was das war«, murmelte Aelin an Aedion gewandt, während sie beobachtete, wie die anderen stumm ihr eigenes Mahl verzehrten. Lysandra murmelte eine Zustimmung. Aedion grinste etwas boshaft und betrachtete ebenfalls die anderen. Einige Schritte entfernt, halb im Schatten, beobachtete Manon das Ganze. Aber Aedions Blick verweilte auf Dorian und Aelin wappnete sich. Doch das Lächeln ihres Cousins wurde sanfter. »Er isst immer noch wie eine vornehme Dame.« Dorian riss den Kopf hoch und Aelin verkniff sich ein Lachen, als sie sich erinnerte. Vor zehn Jahren hatten sie zusammen an einem Tisch gesessen und sie hatte dem Havilliard-Prinzen gesagt, was sie von seinen Tischmanieren hielt. Dorian blinzelte bei der Erinnerung, die ihm zweifellos wieder hochkam, während die anderen Blicke tauschten. Der König machte eine huldvolle Verbeugung. »Ich werde das als Kompliment werten.« Tatsächlich waren seine Hände überwiegend sauber, seine inzwischen trockenen Kleider makellos. Ihre eigenen Hände … Aelin angelte ihr Taschentuch hervor. Das Ding war genauso verdreckt wie der Rest von ihr, aber immer noch besser, als sich die Hände an ihrer Hose abzuwischen. Sie pflückte Elenas Auge aus dem Tuch, in das es normalerweise eingewickelt war, legte es sich aufs Knie und wischte sich die schmierigen Reste von Gewürzen und Fett von den Fingern. Dann hielt sie Lysandra das Fetzchen Seide hin. Aelin strich mit den Fingern über das verbogene Metall des Auges, während die Gestaltwandlerin sich ihre Hände säuberte. Der blaue Stein in seiner Mitte flackerte in kobaltblauem Feuer. »Soweit ich mich erinnere«, fuhr Dorian mit einem hinterhältigen Grinsen fort, »habt ihr zwei …« Der Angriff kam so schnell, dass Aelin ihn erst spürte oder sah, als er vorbei war. Eben saß Manon am Rande des Feuers, die Sümpfe erstreckten sich dunkel hinter ihr. Im nächsten Moment schnappte etwas Schuppiges mit blitzenden, weißen Zähnen nach ihr, brach aus den Büschen am Ufer hervor. Und dann – Stillstand und Schweigen, als die riesige Sumpfbestie erstarrte. Bewegungsunfähig gemacht von unsichtbaren Händen – starken Händen. Manons Schwert war halb gezückt, ihre Atmung ging stoßweise, als sie auf das milchig-rosige Maul hinabschaute, das weit genug aufgerissen war, um ihr den Kopf abzubeißen. Die Zähne waren so lang wie Aelins Daumen. Aedion fluchte. Die anderen bewegten sich nicht. Aber Dorians Magie hielt die Bestie still, gefroren, ohne sichtbares Eis. Die gleiche Macht wie die, die er gegen den Bluthund eingesetzt hatte. Aelin sah ihn prüfend an und suchte nach irgendeiner sichtbaren Verbindung, fand aber keine. Er hatte nicht einmal die Hand gehoben, um seine Macht auszurichten. Interessant. Dorian sagte zu Manon, die immer noch in das klaffende Maul des Todes nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht spähte: »Soll ich es töten oder es freilassen?« Aelin hatte eine eindeutige Meinung in der Sache, aber nach einem warnenden Blick von Rowan hielt sie den Mund. Und starrte ihren Prinzen ein wenig an. Oh, du gerissener alter Bastard. Sein strenges, tätowiertes Gesicht verriet nichts. Manon sah kurz zu Dorian hinüber. »Befreit es.« Die Züge des Königs spannten sich – dann flog die Bestie in die Dunkelheit hinaus, als hätte ein Gott sie über die Sümpfe geschleudert. Ein fernes Platschen erklang. Lysandra seufzte. »Sind sie nicht wunderschön?« Aelin warf ihr einen scharfen Blick zu. Die Gestaltwandlerin grinste. Dann wandte sich Aelin wieder zu Rowan. Wie praktisch, dass dein Schild gerade in dem Moment verschwunden ist, als dieses Ding heraufgewatschelt kam. Was für eine ausgezeichnete Gelegenheit für eine Lehrstunde in Magie. Was, wenn es schiefgegangen wäre? Rowans Augen glitzerten. Was glaubst du, warum ich das Loch ausgerechnet neben der Hexe geöffnet habe? Aelin schluckte ihr entsetztes Lachen herunter. Aber Manon Blackbeak sah den König eindringlich an, ihre Hand immer noch auf ihrem Schwert. Aelin gab sich keine Mühe, so zu tun, als beobachte sie die beiden nicht, als die Hexe den Blick ihrer goldenen Augen nun auf sie richtete. Auf Elenas Auge, das immer noch auf Aelins Knie balancierte. Manon bleckte die Zähne. »Woher hast du das?« Die Härchen auf Aelins Armen stellten sich auf. »Elenas Auge? Es war ein Geschenk.« Aber wieder sah die Hexe Dorian an – als wäre die Rettung vor dieser Kreatur … Oh, Rowan hatte den Schild nicht nur für eine Lektion in Magie gesenkt, nicht wahr? Aelin wagte es nicht, ihn diesmal anzusehen, nicht da Manon gerade die Finger in die matschige Erde tauchte, um etwas zu zeichnen. Einen großen Kreis – und zwei sich überschneidende Kreise, einer über dem anderen, innerhalb des ersten größeren Kreisumfangs. »Das ist die Dreigesichtige Göttin«, sagte Manon mit leiser Stimme. »Wir nennen dies …«, sie zeichnete eine grobe Linie durch die Mitte, in den augenförmigen Zwischenraum, wo sie sich überschnitten, »das Auge der Göttin. Nicht das Elenas.« Sie umkreiste das Äußere abermals. »Greisin«, benannte sie die äußerste Umrandung. Sie wies auf den inneren oberen Kreis: »Mutter.« Sie umkreiste den unteren: »Jungfrau.« Sie stach in das Auge dazwischen: »Und das Herz der Finsternis in ihr.« Es war an Aelin, den Kopf zu schütteln. Die anderen blinzelten nicht einmal. Manon sprach weiter: »Dies ist ein Symbol der Ironteeth. Prophetinnen der Bluebloods lassen es sich über ihr Herz tätowieren. Und jene, die Ruhm in der Schlacht erwarben, als wir noch in den Wastes lebten … ihnen gab man diese Amulette einst. Als Zeichen unseres Ruhms – dass wir von der Göttin gesegnet waren.« Aelin überlegte, das gottverdammte Amulett in den Sumpf zu schmeißen, sagte dann aber: »An dem Tag, an dem ich Baba Yellowlegs das erste Mal sah, wurde das Amulett in ihrer Anwesenheit schwer und warm. Ich dachte, es wäre eine Warnung. Vielleicht war es ein Wiedererkennen.« Manon musterte den Halsring aus Narben, die Aelins Kehle verschandelten. »Seine Macht hat funktioniert, selbst als die Magie noch eingedämmt war?« »Man hatte mir gesagt, dass gewisse Gegenstände ausgenommen seien.« Aelins Stimme klang angespannt. »Baba Yellowlegs kannte die gesamte Geschichte der Wyrdschlüssel und der Tore. Sie war diejenige, die mir von ihnen erzählt hat. Ist das auch ein Teil deiner Geschichte?« »Nein. Nicht in dieser Form«, antwortete Manon. »Aber Yellowlegs war eine der Alten – sie wusste Dinge, die uns jetzt verloren gegangen sind. Sie hat eigenhändig die Mauern der Crochan-Stadt eingerissen.« »Die Legenden behaupten, das Gemetzel sei katastrophal gewesen«, warf Dorian ein. Schatten flackerten in Manons Augen. »Dieses Schlachtfeld liegt, soweit ich es zuletzt gehört habe, noch immer brach. Kein Grashalm wächst darauf. Es heißt, es liege an Rhiannon Crochans Fluch. Oder an dem Blut, das es während der letzten drei Wochen dieses Krieges aufgesaugt hat.« »Was genau ist das für ein Fluch?«, erkundigte Lysandra sich mit zusammengezogenen Brauen. Manon untersuchte ihre eisernen Nägel, so lange, dass Aelin dachte, sie würde nicht mehr antworten. Aedion warf ihr den Weinschlauch wieder in den Schoß und Aelin nahm noch einen Schluck daraus, als Manon endlich erwiderte: »Rhiannon Crochan hat die Tore ihrer Stadt drei Tage und drei Nächte lang gegen drei Ironteeth-Klanmütter gehalten. Ihre Schwestern lagen tot um sie herum, ihre Kinder waren niedergemetzelt, ihr Gefährte auf einen der Ironteeth-Heereswagen aufgespießt worden. Die letzte Crochan-Königin, die letzte Hoffnung ihrer tausendjährigen Dynastie … sie ging nicht kampflos unter. Erst als sie im Morgengrauen des vierten Tages fiel, war die Stadt wahrhaft verloren. Und als sie sterbend auf diesem Schlachtfeld lag, als die Ironteeth die Mauern der Stadt um sie herum niederrissen und ihr Volk abschlachteten … verfluchte sie uns. Verfluchte die drei Klanmütter und durch sie alle Ironteeth. Sie hat Yellowlegs selbst verflucht – die Rhiannon den finalen Schlag verpasste.« Keiner von ihnen sprach oder rührte sich oder atmete auch nur laut. »Rhiannon schwor bei ihrem letzten Atemzug, dass wir den Krieg gewinnen würden, aber nicht das Land. Dass wir für das, was wir getan hatten, das Land erben würden, nur um mitanzusehen, wie es unter unseren Händen verdorrte und starb. Unsere Tiere würden dahinsiechen und tot umfallen; unsere Hexenkinder würden Totgeburten sein, vergiftet von den Bächen und Flüssen. Fische würden in den Seen verwesen, bevor wir sie fangen konnten. Kaninchen und Rotwild würden über die Berge fliehen. Und das einst grünende Hexenkönigreich würde zu Ödland werden. Die Ironteeth lachten darüber, trunken von Crochan-Blut. Bis das erste Ironteeth-Baby geboren wurde – tot. Und dann noch eins und noch eins. Bis das Vieh auf den Feldern verendete und die Ernten über Nacht verwelkten. Am Ende des Monats gab es nichts mehr zu essen. Am Ende des zweiten Monats wandten die drei Ironteeth-Klans sich gegeneinander, rissen sich gegenseitig in Stücke. Also schickten die Klanmütter uns alle ins Exil. Trennten die Klans, um die Berge zu überqueren und umherzuziehen, wie es uns gefiel. Alle paar Jahrzehnte schickten sie Gruppen aus, um zu versuchen, das Land zu bestellen, um zu sehen, ob der Fluch noch anhielt. Diese Gruppen kamen nie zurück. Wir sind seit fünf Jahrhunderten Wanderer – und die Wunde wurde vertieft durch die Tatsache, dass Menschen das Land schließlich für sich beanspruchten. Und das Land hat sie aufgenommen.« »Aber Ihr plant immer noch zurückzukehren?«, fragte Dorian. Diese goldenen Augen waren nicht von dieser Welt. »Rhiannon Crochan hat gesagt, es gebe eine Möglichkeit – nur eine –, den Fluch zu brechen.« Manon schluckte und rezitierte mit kalter, gepresster Stimme: »Blut zu Blut und Seele zu Seele, zusammen wurde dies getan und nur zusammen kann es ungeschehen gemacht werden. Seid die Brücke, seid das Licht. Wenn Eisen schmilzt, wenn Blumen aus blutgetränkten Feldern sprießen – lasst das Land Zeuge sein und kehrt nach Hause zurück.« Manon spielte mit dem Ende ihres Zopfs, mit dem Fetzen des roten Umhangs, den sie darumgebunden hatte. »Jede Ironteeth-Hexe auf der Welt hat über diesen Fluch nachgegrübelt. Fünf Jahrhunderte lang haben wir versucht, ihn zu brechen.« »Und deine Eltern … ihr Bund wurde geschlossen, um diesen Fluch zu brechen?«, drängte Aelin – behutsam. Ein scharfes Nicken. »Ich wusste es nicht – dass Rhiannons Geschlecht überlebt hat.« Und ihr Blut jetzt durch Manons blaue Adern floss. Dorian überlegte laut: »Elena ist ein Jahrtausend älter als die Hexen kriege. Das Auge hatte nichts damit zu tun.« Er rieb sich den Nacken. »Stimmt’s?« Manon antwortete nicht, sondern streckte nur einen Fuß aus, um das Symbol wegzuwischen, das sie in den Dreck gezeichnet hatte. Aelin leerte den Rest des Weins und schob das Auge zurück in ihre Tasche. »Vielleicht verstehst du jetzt«, sagte sie zu Dorian, »warum ich es ein wenig schwierig fand, mit Elena klarzukommen.« *** Die Insel war groß genug, dass man ein Gespräch führen konnte, ohne belauscht zu werden. Rowan nahm an, dass es genau das war, was seine früheren Waffenbrüder wollten, als sie ihn auf seinem Wachposten fanden, oben auf einer von Kletterpflanzen überwucherten, verfallenen Wendeltreppe mit Blick auf die Insel und ihre Umgebung. Er lehnte an einem Teil, das einst eine runde Mauer gewesen war, und fragte: »Was?« Gavriel antwortete: »Du solltest Aelin tausend Meilen von hier wegbringen. Heute Nacht.« Eine Welle seiner Magie und seiner geschärften Instinkte sagte ihm, dass in ihrer unmittelbaren Nähe alles sicher war, und beruhigte den mörderischen Zorn, der ihn bei diesem Gedanken befallen hatte. Fenrys warf ein: »Was immer uns morgen erwartet, es wartet schon seit langer Zeit, Rowan.« »Und woher wollt ihr das wissen?« Gavriels braune Augen glänzten animalisch hell in der Dunkelheit. »Das Leben deiner Geliebten und das der Hexe sind miteinander verwoben. Sie sind hierhergeführt worden, von Kräften, die nicht einmal wir verstehen können.« »Denk darüber nach«, drängte Fenrys ihn. »Zwei Frauen, deren Pfade sich heute Nacht auf eine Weise gekreuzt haben, wie wir es nur selten miterlebt haben. Zwei Königinnen, die die eine oder die andere Hälfte dieses Kontinents kontrollieren könnten, zwei Seiten derselben Münze. Beide Halbblüter. Manon, eine Ironteeth und eine Crochan. Aelin …« »Mensch und Fae«, beendete Rowan seinen Satz. »Zusammengenommen decken sie die drei Hauptrassen auf dieser Erde ab. Zusammengenommen sind sie sterblich und unsterblich; eine huldigt dem Feuer, die andere der Finsternis. Muss ich weitersprechen? Es fühlt sich so an, als würden wir demjenigen, der hier die Fäden zieht – seit Äonen –, direkt in die Hände spielen.« Rowan warf Fenrys einen Blick zu, bei dem andere Männer für gewöhnlich zurückwichen. Obwohl er über alles nachdachte. Gavriel unterbrach ihn: »Maeve hat gewartet, Rowan. Seit Brannon. Auf jemanden, der sie zu den Schlüsseln führen würde. Auf deine Aelin.« Maeve hatte das Schloss im Frühjahr nicht erwähnt. Sie hatte auch Malas Ring nicht erwähnt. Langsam, seine Worte ein tödliches Versprechen, bemerkte Rowan: »Hat Maeve euch auch wegen dieses Schlosses geschickt?« »Nein«, antwortete Fenrys. »Nein – sie hat das Schloss nie erwähnt.« Er trat von einem Fuß auf den anderen und drehte sich zu einem fernen, brutalen Brüllen um. »Wenn Maeve und Aelin in den Krieg ziehen, Rowan, wenn sie sich auf einem Schlachtfeld begegnen …« Er versuchte, es sich nicht vorzustellen. Das verheerende Gemetzel und die Zerstörung. Vielleicht hätten sie im Norden bleiben und ihre Verteidigung organisieren sollen. Fenrys flüsterte: »Maeve wird nicht zulassen, dass sie verliert. Sie hat dich bereits ersetzt.« Rowan fuhr zu Gavriel herum. »Durch wen ?« Die Augen des Löwen verdunkelten sich. »Cairn.« Rowans Blut gefror, wurde kälter als seine Magie. »Ist sie wahnsinnig?« »Sie hat uns einen Tag vor unserem Aufbruch von seiner Beförderung erzählt. Er hat selbstzufrieden gegrinst, als wir den Palast verlassen haben.« »Er ist ein Sadist.« Cairn … kein noch so intensives Training, weder auf dem Schlachtfeld noch abseits davon, hatte die Vorliebe des Fae-Kriegers für Grausamkeit je eingedämmt. Rowan hatte ihn eingesperrt, ihn auspeitschen lassen, ihn bestraft, den letzten Funken Mitgefühl, den er hatte aufbringen können, eingesetzt … nichts. Cairn war dazu geboren, das Leiden anderer zu genießen. Also hatte Rowan ihn aus seiner Armee geworfen – hatte ihn auf Lorcan abgewälzt. Cairn hatte sich bei Lorcan ungefähr einen Monat lang gehalten, bevor er zu einer isolierten Einheit verfrachtet wurde, befehligt von einem General, der nicht zur Garde gehörte und auch kein Interesse daran hatte, dazuzugehören. Die Geschichten, was Cairn den Soldaten und den Unschuldigen angetan hatte, denen er begegnet war … Es gab bei den Fae nur wenige Gesetze. Doch jedes Mal, wenn er auf Cairn getroffen war, hatte Rowan erwogen, die Welt von seiner Abscheulichkeit zu befreien. Dass Maeve ihn in ihre Garde erhoben hatte, dass sie ihm beinahe grenzenlose Macht und grenzenlosen Einfluss gegeben hatte … »Ich wette jedes Klümpchen Gold, das ich besitze, dass Maeve Aelin dabei zusehen wird, wie sie sich bei der Vernichtung Erawans fast selbst zugrunde richtet … um dann zuzuschlagen, wenn sie am schwächsten ist«, überlegte Fenrys laut. Maeve hatte augenscheinlich keinem der beiden Fae durch den Blutschwur einen Maulkorb verpasst. Sie wollte, dass er – und Aelin – das wussten. Damit sie sich Sorgen machten und Spekulationen anstellten. Fenrys und Gavriel tauschten einen skeptischen Blick. »Wir dienen immer noch ihr, Rowan«, murmelte Gavriel. »Und wir werden immer noch Lorcan töten müssen, wenn es so weit ist.« »Warum bringt ihr das alles überhaupt zur Sprache? Ich werde euch nicht in die Quere kommen. Und Aelin auch nicht, glaubt mir.« »Weil«, erwiderte Fenrys, »es nicht Maeves Stil ist, hinzurichten. Sondern zu bestrafen – langsam. Über Jahre hinweg. Lorcan aber will sie tot sehen. Und nicht halb tot oder mit aufgeschlitzter Kehle, sondern unwiderruflich tot.« »Enthauptet und verbrannt«, sagte Gavriel grimmig. Rowan stieß einen Atemzug aus. »Warum?« Fenrys schaute über den Rand der Treppe – dorthin, wo Aelin schlief, deren goldenes Haar im Mondlicht schimmerte. »Lorcan und du seid die mächtigsten Fae auf der Welt.« »Du vergisst, dass Lorcan und Aelin es kaum ertragen können, die gleiche Luft zu atmen. Ich bezweifle, dass es eine Chance auf ein Bündnis zwischen ihnen gibt.« »Wir sagen ja nur«, erklärte Fenrys, »dass Maeve keine Entscheidungen ohne triftige Gründe fällt. Sei auf alles gefasst. Ihre Armada zu schicken, wo immer sie sich befindet, ist nur der Anfang.« Die Sumpftiere brüllten und Rowan hätte am liebsten zurückgebrüllt. Wenn Aelin und Cairn einander jemals begegneten, wenn Maeve über ihre Gier nach den Schlüsseln hinaus irgendeinen Plan verfolgte … Aelin drehte sich im Schlaf auf die andere Seite und runzelte die Stirn wegen des Lärms. Lysandra döste in Geisterleopardengestalt neben ihr und ihr flauschiger Schwanz zuckte. Rowan stieß sich von der Wand ab, nur zu bereit, sich zu seiner Königin zu gesellen. Aber er bemerkte, dass auch Fenrys sie anstarrte, sein Gesicht angespannt und abgehärmt. Fenrys’ Stimme war ein gebrochenes Flüstern, als er sagte: »Töte mich. Falls dieser Befehl gegeben wird. Töte mich, Rowan, bevor ich es tun muss.« »Du wärst tot, bevor du auch nur in ihre Reichweite kommst.« Keine Drohung – ein Versprechen und eine schlichte Feststellung. Fenrys’ Schultern sackten herunter. Er war dankbar. »Ich bin froh, weißt du«, sagte Fenrys mit ungewöhnlichem Ernst, »dass ich diese Zeit bekommen habe. Dass Maeve mir das unabsichtlich gegeben hat. Dass ich lernen durfte, wie es ist – hier zu sein, als ein Teil von alledem.« Rowan hatte keine Worte, daher sah er Gavriel an. Aber der Löwe nickte nur und schaute auf das kleine Lager unter ihnen. Auf seinen schlafenden Sohn. 54 D ie letzte Etappe der Reise am nächsten Morgen würde die bisher längste werden, dachte Manon. Sie waren diesem Schloss so nah, das die Königin mit dem Hexensymbol in der Tasche suchte. Sie war darüber eingeschlafen, dass sie überlegte, wie es zusammenhängen konnte, war aber zu keinem Ergebnis gekommen. Noch vor Tagesanbruch waren alle wach gewesen, aus dem Schlaf gedrängt von der drückenden Luftfeuchtigkeit, die so schwer war, dass sie sich wie eine Decke anfühlte, die auf Manons Schultern lastete. Die Königin war überwiegend still, als sie an der Spitze ihrer Truppe voranging, ihr Gefährte über ihr am Himmel, um das Gebiet auszukundschaften. Ihr Cousin und die Gestaltwandlerin flankierten sie, wobei Letztere die Haut einer wahrhaft grauenvollen Sumpfviper trug. Der Wolf und der Löwe bildeten die Nachhut, schnupperten und lauschten auf alles, was womöglich nicht stimmte. Die Menschen, die einst in diesem Land gelebt hatten, waren weder leicht noch angenehm zu Tode gekommen. Selbst jetzt konnte sie ihren Schmerz noch spüren, der durch die Steine wisperte, sich wellenartig durchs Wasser übertrug. Diese Sumpfbestie, die sich letzte Nacht an sie herangeschlichen hatte, war noch der harmloseste Gräuel hier. Dorian Havilliards angespanntes, gebräuntes Gesicht schien neben ihr anzudeuten, dass er genauso empfand. Manon watete taillentief durch einen Teich aus warmem, dickflüssigem Wasser und fragte, und sei es auch nur, um es aus ihrem Schädel zu bekommen: »Wie wird sie die Schlüssel benutzen, um Erawan und seine Valg zu bannen? Oder, was das betrifft, um die schrecklichen Mischwesen loszuwerden, die er erschaffen hat? Sie stammen nicht aus seinem Reich der Dunkelheit.« Der Blick saphirblauer Augen blieb auf ihr hängen. »Was?« »Gibt es eine Möglichkeit auszusieben, wer dorthin gehört und wer nicht? Oder werden all jene mit Valg-Blut« – sie legte sich eine Hand auf ihre durchweichte Brust – »in dieses Reich aus Dunkelheit und Kälte gesandt werden?« Dorians Zähne glänzten, als er sie zusammenbiss. »Ich weiß es nicht«, gestand er und beobachtete, wie Aelin geschickt über einen Stein hüpfte. »Wenn sie es tut, wird sie es uns wohl dann mitteilen, wenn es am günstigsten für sie ist.« Und am ungünstigsten für alle anderen, was er nicht hinzuzufügen brauchte. »Und sie darf das entscheiden, nehme ich an? Wer bleibt und wer geht?« »Leute dazu zu verdammen, bei den Valg zu leben, ist nichts, was Aelin freiwillig tun würde.« »Aber unterm Strich entscheidet sie.« Dorian blieb auf dem Gipfel eines kleinen Hügels stehen. »Wer immer diese Schlüssel besitzt, entscheidet. Und Ihr solltet besser zu den bösartigen Göttern beten, denen Ihr huldigt, dass es am Ende Aelin ist, die die Schlüssel in Händen hält.« »Was ist mit Euch?« »Warum sollte ich den Wunsch haben, auch nur in die Nähe dieser Dinger zu kommen?« »Ihr seid genauso mächtig wie Aelin. Ihr könntet sie einsetzen. Warum nicht?« Die anderen gingen zügig weiter, aber Dorian blieb stehen. Hatte sogar die Kühnheit, ihr Handgelenk zu packen. »Warum nicht?« Es lag eine solch eiserne Kälte in diesem schönen Gesicht. Sie konnte sich davon nicht abwenden. Eine feuchtheiße Brise strich an ihnen vorbei und fuhr unter ihr Haar. Der Wind berührte ihn nicht, zerzauste kein einziges seiner rabenschwarzen Haare. Ein Schild – er schützte sich mit einem Schild. Gegen sie oder gegen was immer in diesem Sumpf lauerte? Leise sagte er: »Weil ich es getan habe.« Sie wartete. Seine saphirblauen Augen waren Eissplitter. »Ich habe meinen Vater getötet. Ich habe den Palast zerschmettert. Ich habe meinen eigenen Hof gesäubert. Also, wenn ich die Schlüssel hätte, Schwarmführerin«, beendete er seinen Satz und ließ ihr Handgelenk los, »habe ich keinen Zweifel daran, dass ich das Gleiche wieder tun würde – auf diesem ganzen Kontinent.« »Warum?«, hauchte sie und ihr Blut wurde kalt. Sie fürchtete sich tatsächlich ein wenig vor dem eisigen Zorn, den Dorian verströmte, als er erwiderte: »Weil sie gestorben ist. Und noch bevor sie gestorben ist, hat diese Welt dafür gesorgt, dass sie litt und Angst hatte und allein war. Und obwohl sich niemand sonst an sie erinnern wird, werde ich es tun. Ich werde die Farbe ihrer Augen niemals vergessen oder die Art, wie sie gelächelt hat. Und ich werde ihnen niemals verzeihen, dass sie mir das genommen haben.« Allzu zerbrechlich – das hatte er über menschliche Frauen gesagt. Kein Wunder, dass er zu ihr gekommen war. Manon hatte keine Antwort und sie wusste, dass er auch nicht nach einer suchte, aber trotzdem sagte sie: »Gut.« Sie ignorierte den Schimmer der Erleichterung, der über sein Gesicht huschte, als sie weiterging. *** Rowans Berechnungen waren nicht falsch gewesen: Sie erreichten das Schloss gegen Mittag. Selbst wenn Rowan die Gegend nicht zuvor ausgekundschaftet hätte, glaubte Aelin, dass es von dem Moment an offensichtlich gewesen wäre, als sie die labyrinthartige Anlage im Wasser versunkener, zerstörter Säulen sahen, dass unter dessen halb verfallener Kuppel das Schloss lag. Vor allem weil alles – jedes ertränkte Unkraut und jeder Wassertropfen – davon wegzustreben schien. Als wäre die Anlage der dunkle, pulsierende Herzschlag der Sümpfe. Rowan verwandelte sich und setzte keinen einzigen Schritt aus, als er dabei zu Aelin ging. Er war vor der Stelle gelandet, wo sie sich alle auf dem grasbewachsenen, trockenen Stück Land am Rande der weitverzweigten Anlage versammelt hatten. Aelin versuchte, nicht allzu erleichtert zu wirken, dass er sicher zurückgekehrt war. Sie quälte ihre Gefährten wirklich, begriff sie, indem sie sich in Gefahren stürzte, wann immer ihr danach zumute war. Vielleicht sollte sie versuchen, es besser zu machen, wenn dieses Grauen das war, was sie alle empfanden. »Dieser ganze Ort ist zu still«, bemerkte Rowan. »Ich habe die Gegend sondiert, aber … nichts.« Aedion zog das Schwert von Orynth von seinem Rücken. »Wir werden das Gebiet umkreisen und immer engere Runden machen, bis wir zu dem Gebäude selbst kommen. Keine Überraschungen.« Lysandra trat einen Schritt von ihnen zurück und wappnete sich für die Verwandlung. »Ich nehme das Wasser – wenn ihr ein zweifaches Brüllen hört, zieht Euch auf höher gelegenes Terrain zurück. Ein einziges kurzes Brüllen und die Luft ist rein.« Aelin nickte zur Bestätigung und als Befehl, vorzurücken. Als Aedion zur Außenmauer der Anlage ging, war Lysandra bereits ins Wasser geglitten, ganz Schuppen und Klauen. Rowan nickte Gavriel und Fenrys zu. Beide männlichen Fae ver wandelten sich stumm und trotteten dann voraus, wobei Letzterer sich Aedion anschloss und Ersterer in die entgegengesetzte Richtung ging. Rowan blieb an Aelins Seite, Dorian und die Hexe hinter ihr, während sie auf Lysandras Zeichen warteten. Als das einzelne, kurze Brüllen zu ihnen durchdrang, flüsterte Aelin Rowan zu: »Was ist der Haken? Wo ist der Haken? Es ist zu einfach.« Hier war wirklich nichts und niemand. Keine Bedrohung jenseits von dem, was vielleicht in den Gruben und Kratern verfaulte. »Glaub mir, ich denke die ganze Zeit darüber nach.« Sie konnte beinahe spüren, wie er in diesen erstarrten, zornigen Zustand rutschte – in dem angeborener Instinkt und Jahrhunderte des Trainings ihm die Welt als Schlachtfeld präsentierten und er bereit war, alles zu tun, um jegliche Gefahr für sie auszulöschen. Nicht nur seine Fae-Natur – sondern Rowans Natur. Zu beschützen, abzuschirmen, zu kämpfen für das, was er liebte, und für die, die er liebte. Aelin trat dicht vor ihn hin und küsste ihn auf den Hals. Die kieferngrünen Augen wurden eine Spur wärmer, als er sich von der Ruine abwandte, um Aelins Gesicht zu betrachten. »Wenn wir in die Zivilisation zurückkehren«, sagte er, und seine Stimme wurde tiefer, als er ihre Wange, ihr Ohr und ihre Stirn küsste, »werde ich dir das schönste Gasthaus auf dem ganzen gottverdammten Kontinent suchen.« »Ach ja?« Er küsste sie auf den Mund. Einmal, zweimal. »Mit gutem Essen, einem widerwärtig bequemen Bett und einer großen Badewanne.« Selbst in den Sümpfen war es leicht, trunken von ihm zu werden, davon, wie er schmeckte und roch und klang und sich anfühlte. »Wie groß?«, murmelte sie und es scherte sie nicht, was die anderen dachten, als sie zurückkehrten. »Groß genug für zwei«, murmelte er an ihren Lippen. Das Versprechen brachte ihr Blut zum Schäumen. Sie küsste ihn einmal – kurz, aber leidenschaftlich. »Ich bin wehrlos gegen solche Angebote. Vor allem, wenn sie von einem so hübschen Mann kommen.« Bei dem Wort hübsch runzelte er finster die Stirn und schnappte mit den Eckzähnen nach ihrem Ohr. »Ich führe eine Liste, nur dass du es weißt, Prinzessin. Um mich selbst daran zu erinnern, dir, wenn wir das nächste Mal allein sind, all die wahrhaft wunderbaren Dinge zu vergelten, die du sagst.« Ein Schauer überlief sie bis hinunter zu den Zehen in ihren durchweichten Stiefeln. Aber sie tätschelte ihm die Schulter, musterte ihn mit absoluter Respektlosigkeit und sagte beim Weitergehen: »Ich hoffe wirklich, dass du mich darum betteln lässt.« *** Nachdem sie, Rowan voraus, in dem Labyrinth aus bröckelnden Mauern und Säulen um einige Ecken gebogen waren – Dorian hatten sie zurückgelassen, um den Eingang zu bewachen –, fand Aelin sich an der Seite der Hexe wieder – die vor allem gelangweilt wirkte. Na schön. Schließlich hatte man sie hierher mitgeschleppt. Während sie so leise wie möglich durch die turmhohen Bogen und Säulen aus Stein wateten, gab Rowan ihnen von der Weggabelung vor ihnen ein Zeichen. Sie kamen näher. Aelin zog Goldryn aus der Scheide und Manon zückte daraufhin ihr eigenes Schwert. Aelin sah neugierig zwischen ihren beiden Klingen hin und her. »Wie wird dein Schwert genannt?« »Windspalter.« Aelin schnalzte mit der Zunge. »Ein guter Name.« »Und deins?« »Goldryn.« Ein Aufblitzen eiserner Zähne, als sie zu einem schiefen Lächeln gebleckt wurden. »Kein so guter Name.« »Gib meiner Ahnin die Schuld.« Sie selbst tat das auf jeden Fall. Sie gab ihr die Schuld an vielen, vielen Dingen. Sie erreichten die Weggabelung – ein Pfad führte nach links, der andere nach rechts. Keiner bot einen Hinweis auf einen direkten Weg ins Zentrum der Ruine. Rowan sagte zu Manon: »Geht Ihr nach links. Pfeift, wenn Ihr etwas findet.« Manon stolzierte zwischen Steinen und Wasser und Schilf davon, die Schultern so angespannt, dass die Vermutung nahelag, der Befehl hätte sie nicht gerade erfreut, aber sie war nicht so dumm, sich mit ihm anzulegen. Aelin lächelte etwas bei diesem Gedanken, als sie und Rowan weitergingen. Sie strich im Vorbeigehen mit ihrer freien Hand über die Steinschnitzereien an den Mauern und bemerkte beiläufig: »Als Mala dir bei diesem Sonnenaufgang damals erschienen ist – was genau hat sie da gesagt?« Er warf einen schnellen Blick in ihre Richtung. »Warum fragst du?« Ihr Herz hämmerte donnernd, und vielleicht machte es sie zu einem Feigling, wenn sie es jetzt sagte … Rowan packte sie am Ellbogen, als er ihre Körpersprache deutete und ihre Furcht und ihren Schmerz witterte. »Aelin.« Sie wappnete sich, nichts als Stein und Wasser und stacheliges Gestrüpp um sie herum, und bog um eine Ecke. Und da war es. Selbst Rowan vergaß, eine Antwort zu dem zu verlangen, was sie im Begriff gestanden hatte zu sagen, als sie den offenen Raum betrachteten, der von eingestürzten Mauern flankiert und von umgefallenen Säulen durchbrochen wurde. Und an seiner nördlichen Seite … »So eine Überraschung«, murmelte Aelin. »Da ist ein Altar.« »Es ist eine Truhe«, korrigierte Rowan sie mit einem kleinen Lächeln. »Es hat einen Deckel.« »Noch besser«, erwiderte sie und stieß ihn mit einem Ellbogen an. Ja – ja, sie würde es ihm später erzählen. Das Wasser, das sie von der Truhe trennte, war still und silberhell – zu trüb, um zu sehen, ob es vor den Stufen, die zu dem Podest hinaufführten, überhaupt einen Grund hatte. Aelin griff nach ihrer Wassermagie und hoffte, dass sie ihr zuflüstern würde, was unter dieser Oberfläche lag, aber ihre Flammen brannten zu laut. Von der anderen Seite her erklang ein Plätschern und Manon tauchte hinter einer Mauer gegenüber auf. Ihr Blick war sofort von der riesigen steinernen Truhe im hinteren Teil des Raums gebannt, der Stein rissig und überwuchert von Unkraut und Rankengewächsen. Sie schob sich durch das Wasser, immer einen Schritt nach dem anderen. Aelin mahnte: »Fass die Truhe nicht an.« Manon warf ihr nur einen langen Blick zu und näherte sich weiter dem Podest. Aelin versuchte, nicht auf dem glitschigen Boden auszurutschen, durchquerte das Wasser und spritzte es über die Stufen des Podests, als sie die kleine Treppe hinaufging, Rowan dicht hinter sich. Manon beugte sich über die Truhe, um den Deckel zu studieren, öffnete ihn jedoch nicht. Sie untersuchte, wie Aelin schnell begriff, die unzähligen Wyrdzeichen, die in den Stein eingeritzt waren. Nehemia hatte gewusst, wie man die Zeichen verwendete. Man hatte sie ihr beigebracht und sie hatte sie so fließend beherrscht, dass sie sich ihrer Macht zu bedienen gewusst hatte. Aelin hatte nie nach dem Warum, dem Wie oder dem Wann gefragt. Aber hier waren Wyrdzeichen tief im Herzen von Eyllwe. Aelin stellte sich neben Manon und untersuchte den Deckel genauer. »Weißt du, was das ist?« Manon strich sich ihr langes weißes Haar aus dem Gesicht. »Ich habe solche Markierungen noch nie gesehen.« Aelin untersuchte einige davon und ihr Gedächtnis mühte sich um die Übersetzung. »Einige davon sind Symbole, die mir noch nie begegnet sind. Manche sind mir vertraut.« Sie kratzte sich am Kopf. »Sollen wir einen Stein darauf werfen und schauen, was passiert?«, fragte sie und drehte sich zu Rowan um, der ihr über die Schulter spähte. Aber ein hohles Beben pulsierte plötzlich um sie herum durch die Luft und brachte das unablässige Summen der Bewohner der Sümpfe zum Schweigen. Und es war diese absolute Stille, das überraschte Bellen von Fenrys, das Aelin und Manon veranlasste, sofort Seite an Seite Verteidigungspositionen einzunehmen. Als hätten sie das schon hundertmal gemacht. Rowan war erstarrt, als er den grauen Himmel absuchte, die Ruinen, das Wasser. »Was ist es?«, hauchte Aelin. Noch bevor ihr Prinz antworten konnte, spürte Aelin es erneut. Einen pulsierenden, dunklen Wind, der ihre Aufmerksamkeit verlangte. Nicht die Valg. Nein, diese Dunkelheit war etwas anderem entsprungen. »Lorcan«, flüsterte Rowan, eine Hand auf seinem Schwert – aber er zog es nicht. »Ist das seine Magie?« Aelin schauderte, als dieser todgeküsste Wind sie bedrängte. Sie schlug ihn weg, als wäre er eine Mücke. Zur Antwort schnappte er nach ihr. »Es ist sein Warnsignal«, murmelte Rowan. »Warnung wovor?«, fragte Manon scharf. Rowan setzte sich sofort in Bewegung und erklomm mühelos die hohen Mauern, selbst als der Stein unter ihm wegbrach. Er balancierte auf der Mauerkrone und suchte das Land zu beiden Seiten ab. Dann kletterte er geschickt wieder herunter und das Platschen, mit dem er landete, hallte von den Steinen wider. Lysandra schlängelte sich um ein Büschel Unkraut herum und hielt mit einem schnellen Stoß ihres geschuppten Schwanzes inne, als Rowan allzu ruhig sagte: »Eine Heerschar nähert sich aus der Luft.« Manon wisperte: »Ironteeth?« »Nein«, sagte Rowan und sah Aelin mit einer eisigen Gefasstheit an, die ihn jahrhundertelang durch Schlachten geführt hatte. »Ilken.« »Wie viele?« Aelins Stimme wurde blechern. Rowan schluckte schwer und sie wusste, dass er den Horizont und das umliegende Land nicht deshalb abgesucht hatte, weil er auf eine Chance hoffte, die Schlacht zu gewinnen, die gewiss kommen würde, sondern weil er nach einer Möglichkeit Ausschau gehalten hatte, Aelin von hier wegzubringen. Selbst wenn der Rest von ihnen ihr mit ihrem eigenen Leben Zeit verschaffen musste. »Fünfhundert.« 55 L orcans Kehle brannte bei jedem Atemzug, aber er rannte weiter durch die Sümpfe und Elide mühte sich neben ihm ab, beklagte sich nie und schaute nur mit großen, dunklen Augen in den Himmel. Lorcan sandte einen weiteren pulsierenden Schwall seiner Macht aus. Nicht zu der geflügelten Armee, die nicht allzu weit vor ihnen dahinraste, sondern dorthin, wo immer Whitethorn und seine Mistkönigin sich aufhielten. Wenn diese Ilken sie erreichten, bevor er es tat, würde der Wyrdschlüssel, den das Miststück bei sich trug, so gut wie verloren sein. Und Elide … er blendete die Gedanken aus. Die Ilken flogen zügig auf das zu, was das Herz der Sümpfe sein musste. Was zum Teufel hatte die Königin hierhergeführt? Elide schwächelte und Lorcan fasste unter einen ihrer Ellbogen, um sie zu stützen, als sie über einen Stein stolperte. Wenn die Ilken sie überrumpelten, ihm seine Rache stahlen und diesen Schlüssel … Lorcan sandte seine Macht Welle um Welle in jede Richtung aus. Von den Schlüsseln einmal ganz abgesehen, wollte er nicht den Ausdruck auf Elides Gesicht erblicken, wenn die Ilken zuerst dort ankamen. Und wenn sie fanden, was immer von der Feuerspuckerin und ihrem Hof dann noch übrig war. *** Sie konnten nirgendwohin. Im Herzen dieser schwärenden Ebene gab es keinen Ort, zu dem sie laufen oder an dem sie sich verstecken konnten. Erawan hatte sie bis hierher verfolgt. Hatte fünfhundert Ilken ausgeschickt, um sie zu ihm zu bringen. Wenn die Ilken sie auf dem Meer und in diesem endlosen Ödland gefunden hatten, würden sie zweifellos in der Lage sein, sie auch dann zu finden, wenn sie versuchten, sich zwischen den Ruinen zu verstecken. Sie blieben alle stumm, als sie sich auf einem grasbewachsenen Hügel am Rande der Ruinen versammelten und beobachteten, wie diese schwarze Masse Gestalt annahm. Tief in den Ruinen hinter ihnen wartete noch immer die Truhe. Unberührt. Aelin wusste, dass das Schloss ihnen nicht helfen konnte – abgesehen davon, dass sie ihre Zeit verschwenden würden, wenn sie versuchten, den Behälter zu öffnen. Brannon konnte sich schön hinten anstellen mit einer Beschwerde. Und Lorcan war irgendwo dort draußen. Wenigstens waren Fenrys und Gavriel geblieben, statt davonzustürmen, um Maeves Mordbefehl auszuführen. Den Blick auf die schnellen, ledrigen Flügel am fernen Horizont geheftet, sagte Rowan: »Wir werden die Ruinen zu unserem Vorteil nutzen. Sie zwingen, durch schmale Durchgänge in die Schlüsselgebiete vorzudringen.« Wie ein Heuschreckenschwarm versperrten die Ilken die Sicht auf Wolken, Licht, den Himmel. Eine dumpfe, benommene Art von Ruhe überkam Aelin. Acht gegen fünfhundert. Fenrys band sich schnell sein goldenes Haar zurück. »Wir brechen den Schwarm in einzelne Gruppen auf und erledigen sie. Bevor sie nah genug herankommen können. Solange sie noch in der Luft sind.« Er klopfte mit dem Fuß auf den Boden und ließ die Schultern kreisen, als würde er die Macht dieses Blutschwurs abschütteln, der ihm zubrüllte, Jagd auf Lorcan zu machen. Aelin schnarrte: »Es gibt noch einen anderen Weg.« »Nein«, lautete Rowans Antwort. Sie schluckte hörbar und reckte das Kinn hoch. »Hier draußen ist nichts und niemand. Das Risiko, diesen Schlüssel zu benutzen, wäre minimal …« Rowans Zähne blitzten auf, als er knurrte: »Nein, und das ist endgültig.« Aelin sagte zu leise: »Du erteilst mir keine Befehle.« Sie sah, ebenso wie sie es spürte, dass Rowans Zorn schwindelerregend schnell aufwallte. »Du wirst mir diesen Schlüssel aus meinen kalten, toten Händen klauben müssen.« Und er meinte es ernst – er würde sie zwingen, ihn zu töten, bevor er ihr erlaubte, den Schlüssel zu irgendetwas anderem als dem Öffnen des Schlosses zu benutzen. Aedion stieß ein leises, bitteres Lachen aus. »Du wolltest eine Botschaft an unsere Feinde schicken, was deine Macht betrifft, Aelin.« Immer näher kam diese Armee, und Rowans Eis und Wind züngelten nach Aelin, als er in seine Magie eintauchte. Aedion deutete mit dem Kinn auf die herannahende Armee. »Mir scheint, dass Erawan seine Antwort geschickt hat.« Aelin zischte: »Du gibst mir die Schuld hieran?« Aedions Augen verfinsterten sich. »Wir hätten im Norden bleiben sollen.« »Ich hatte keine Wahl, wie ich dich vielleicht erinnern darf.« »Doch, hattest du«, flüsterte Aedion und keiner der anderen, nicht einmal Rowan, mischte sich ein. »Du hattest die ganze Zeit über eine Wahl und du hast dich dafür entschieden, überall mit deiner Magie anzugeben.« Aelin wusste genau, dass ihre Augen Flammen sprühten, als sie jetzt einen Schritt auf ihn zutrat. »Dann ist die ›Du-bist-perfekt‹-Phase wohl vorbei.« Aedion bleckte die Zähne. »Dies ist kein Spiel. Dies ist Krieg , und du hast Erawan immer weiter gereizt, sein Blatt zu zeigen. Du hast dich geweigert, deine Pläne zuerst mit uns zu besprechen, unsere Meinung dazu zu hören, obwohl wir Kriege ausgefochten haben …« »Wag es ja nicht, mir das hier in die Schuhe zu schieben.« Aelin schaute in sich selbst hinein – zu der Macht dort. Tiefer und tiefer in diesen Abgrund aus ewigem Feuer. »Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt«, schaltete Gavriel sich ein. Aedion streckte eine abwehrende Hand in seine Richtung aus, ein stummer, grimmiger Befehl, dass der Löwe den Mund halten sollte. »Wo sind unsere Verbündeten, Aelin? Wo sind unsere Armeen? Das Einzige, das wir als Lohn für unsere Bemühungen vorzuweisen haben, ist ein Piratenlord, der sehr gut seine Meinung ändern könnte, wenn er von dem hier aus falschem Mund hört.« Sie verkniff sich weitere Worte. Zeit. Sie hatte Zeit gebraucht … »Wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen«, sagte Rowan, »müssen wir uns in Stellung bringen.« Funken sprühten von ihren Fingerspitzen. »Wir machen es gemeinsam.« Sie versuchte, über die skeptischen Blicke nicht gekränkt zu sein, über die leicht geöffneten Münder. »Magie wirkt vielleicht nicht nachhaltig gegen sie. Aber Stahl wird es tun.« Sie nickte Rowan und Aedion zu. »Also macht euch an die Arbeit.« Und das taten sie. Rowan trat neben sie und legte ihr eine Hand in den Rücken. Der einzige Trost, den er ihr geben würde – da er wusste, da sie beide wussten, dass es nicht sein Streit mit Aedion gewesen war und es nicht an ihm war, ihn zu gewinnen. Er fragte seine einstigen Waffenbrüder: »Wie viele Pfeile?« »Zehn Köcher, voll befüllt«, erwiderte Gavriel und beäugte Aedion, als dieser das Schwert von Orynth vom Rücken nahm und es sich an die Hüfte schnallte. Lysandra, die in ihre Menschengestalt zurückgekehrt war, ging zum Uferrand, den Rücken steif, während die Ilken sich am Horizont sammelten. Aelin überließ es den Männern, ihre Positionen festzulegen, und schlüpfte an die Seite ihrer Freundin. »Du brauchst nicht zu kämpfen. Du kannst bei Manon bleiben – die andere Richtung bewachen.« Tatsächlich erklomm Manon bereits eine der Mauern der Ruine, einen Köcher mit beunruhigend wenigen Pfeilen neben Windspalter auf ihren Rücken geschnallt. Aedion hatte ihr befohlen, in der anderen Richtung nach etwaigen bösen Überraschungen Ausschau zu halten. Die Hexe hatte den Eindruck gemacht, als wollte sie diskutieren – bis sie zu begreifen schien, dass sie zumindest auf diesem Schlachtfeld nicht an der Spitze der Befehlskette stand. Lysandra flocht lose ihr schwarzes Haar, ihre goldene Haut teigig. »Ich weiß nicht, wie sie das so viele Male haben machen können. Jahrhundertelang.« »Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht«, antwortete Aelin und schaute über eine Schulter zu den Fae, die jetzt das Terrain der Sümpfe analysierten, die Windrichtung und was immer sie sonst noch zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Lysandra rieb sich das Gesicht, dann straffte sie die Schultern. »Die Sumpftiere lassen sich leicht in Rage bringen. Wie noch jemand, den ich kenne.« Aelin versetzte der Gestaltwandlerin einen Rippenstoß und Lysandra schnaubte, selbst im Angesicht der Armee vor ihnen. »Ich kann sie reizen – ihre Nester bedrohen. Sodass die Ilken, wenn sie landen …« »Es nicht nur mit uns zu tun bekommen.« Aelin bedachte sie mit einem finsteren Lächeln. Aber Lysandras Haut war immer noch bleich, ihre Atmung ein wenig flach. Aelin verschränkte ihre Finger mit denen der Gestaltwandlerin und drückte sie fest. Lysandra erwiderte die Geste, bevor sie losließ, um sich zu verwandeln. »Ich gebe dir ein Zeichen, wenn ich fertig bin«, murmelte sie. Aelin nickte nur und verweilte noch einen Moment am Ufer, um dem langbeinigen weißen Vogel nachzusehen, der über den Sumpf flatterte – auf die wachsende Dunkelheit zu. Sie drehte sich wieder zu den anderen um und sah gerade noch, wie Rowan Aedion, Gavriel und Fenrys zunickte. »Ihr drei treibt sie zusammen – in unsere Richtung.« »Und was macht ihr?«, fragte Aedion und musterte sie, Rowan und Dorian. »Ich bekomme den ersten Schuss«, erklärte Aelin, in deren Augen Flammen tanzten. Rowan neigte den Kopf. »Mylady will den ersten Schuss. Sie bekommt den ersten Schuss. Und wenn sie sich in blinder Panik zerstreuen, kommen wir ins Spiel.« Aedion warf ihr einen langen Blick zu. »Schieß diesmal nicht daneben.« »Arschloch«, ranzte sie ihn an. Aedions Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen, als er davonschritt, um weitere Waffen aus ihren Bündeln zu holen, mit jeder Hand einen Köcher mit Pfeilen ergriff und sich einen der Langbogen zusammen mit seinem Schild über den Rücken schlang. Manon hatte bereits Stellung auf der Mauerkrone hinter ihnen bezogen und ächzte, als sie Aedions anderen Bogen spannte. Rowan bemerkte zu Dorian: »Kurze Stöße. Findet Eure Ziele – das Zentrum der Gruppen – und benutzt nur, was an Magie notwendig ist. Verschwendet nicht alles auf einmal. Zielt auf die Köpfe, wenn Ihr könnt.« »Was passiert, wenn sie anfangen zu landen?«, fragte Dorian, der das Terrain begutachtete. »Benutzt Eure Schilde und greift an, wenn Ihr könnt. Sorgt dafür, dass Ihr immer mit dem Rücken zur Mauer steht.« »Ich werde nicht noch einmal sein Gefangener sein.« Aelin versuchte auszublenden, was er damit meinte. Aber Manon sagte von der Mauer über ihnen, einen Pfeil lose in ihren Bogen gelegt: »Wenn es dazu kommt, mein kleiner Prinz, werde ich Euch töten, bevor sie es schaffen.« Aelin zischte: »Du wirst nichts dergleichen tun.« Beide ignorierten sie und Dorian sagte: »Danke.« »Keiner von euch wird gefangen genommen«, knurrte Aelin und ging davon. Und es würde keine zweiten oder dritten Schüsse geben. Nur den ersten Schuss. Nur ihren Schuss. Vielleicht war es an der Zeit herauszufinden, wie tief dieser neue Quell der Macht ging. Was darin lebte. Vielleicht war es für Morath an der Zeit, das Schreien zu erlernen. Aelin trat an den Rand des Wassers und sprang dann auf die nächste Insel aus Gras und Stein. Rowan schob sich wortlos neben sie, kam Schritt für Schritt hinter ihr her. Erst als sie den nächsten Hügel erreichten, wandte er ihr das Gesicht zu, seine goldene Haut straff gespannt, seine Augen so kalt wie ihre eigenen. Nur dass dieser Zorn ihr galt – er vielleicht wütender war, als sie ihn seit der Nebelwarte gesehen hatte. Sie bleckte die Zähne zu einem wilden, erbitterten Lächeln. »Ich weiß, ich weiß. Setze den Vorschlag, den Wyrdschlüssel zu benutzen, einfach mit auf die Liste all der schrecklichen Dinge, die ich so tue und sage.« Gewaltige, ledrige Flügel schlugen in der Luft und endlich drangen kreischende Rufe zu ihnen vor. Ihre Knie zitterten, aber sie zwang die Furcht beiseite, weil sie wusste, dass er sie wittern konnte, wusste, dass die anderen es ebenfalls konnten. Also gab sie sich den Befehl, einen weiteren Schritt auf die durch weichte, schilfbedeckte Ebene zu tun – auf diese Armee von Ilken zu. Sie würden sie in wenigen Minuten erreichen – vielleicht schneller. Und der schreckliche, elende Lorcan hatte ihnen diese zusätzliche Zeit verschafft. Wo immer der Mistkerl sein mochte. Rowan erhob keine Einwände, als sie einen weiteren Schritt tat und dann noch einen. Sie musste Abstand zu den anderen herstellen – musste dafür sorgen, dass noch das letzte Fünkchen Glut diese Armee erreichte und dass sie ihre Kraft nicht damit verschwendete, sich dafür zu weit vorwärtszubewegen. Was bedeutete, dass sie allein in diesen Sumpf hinausmarschieren musste. Um darauf zu warten, dass diese Kreaturen nah genug kamen, dass sie ihre Zähne sehen konnte. Sie mussten wissen, wer jetzt durch das Schilf auf sie zuschritt. Was sie mit ihnen machen würde. Aber die Ilken stürmten weiter heran. In der Ferne, weit auf der rechten Seite, brüllten Sumpfgeschöpfe – zweifellos nach Lysandras Besuch. Sie betete, dass die Bestien Hunger hatten. Und dass sie nichts gegen das in Morath gezüchtete Fleisch einzuwenden hatten. »Aelin.« Rowans Stimme wehte durch Wasser und Pflanze und Wind. Sie hielt inne und schaute über ihre Schulter, dorthin, wo er jetzt am Ufer stand, als wäre es unmöglich gewesen, ihr nicht zu folgen. Seine starken, unerbittlichen Züge waren starr in ihrer Kriegerbrutalität. Aber seine kieferngrünen Augen glänzten – beinahe sanft, als er hinzufügte: »Denk daran, wer du bist. Auf jedem Schritt hinab und auf jedem Schritt zurück. Denk daran, wer du bist. Und dass du mir gehörst.« Sie dachte an die frischen, feinen Narben auf seinem Rücken – Male von ihren Fingernägeln, die mit seiner Magie zu heilen er sich geweigert hatte und die er stattdessen mit Meerwasser hatte zuwachsen lassen; das Salz fixierte die Narben, bevor der unsterbliche Körper sie glätten konnte. Ihre Male der Inbesitznahme, hatte er ihr in den Mund geflüstert. Damit er und jeder, der sie zusammen sah, wusste, dass er ihr gehörte. Dass er ihr gehörte, so wie sie ihm gehörte. Und weil er ihr gehörte, weil sie alle ihr gehörten … wandte Aelin sich von ihm ab und rannte über die Ebene. Mit jedem Schritt auf die Armee zu, deren Flügel sie jetzt gerade eben erkennen konnte, hielt sie Ausschau nach den Bestien, die Lysandra gereizt hatte, und begann ihren schnellen, tödlichen Abstieg zum Kern ihrer Magie. Sie hatte jetzt schon seit Tagen ein Auge auf den mahlenden, flüssigen Abgrund tief unter sich gerichtet. Rowan wusste es. Auch Fenrys und Gavriel wussten es. Sie mit einem Schild zu schützen, ihre Kleider zu trocknen, die Insekten zu töten, die sie plagten … alles Kleinigkeiten, um die Anspannung zu lindern, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten, um sich an die Tiefe der Magie zu gewöhnen. Denn je tiefer sie in ihre Macht eindrang, desto mehr standen ihr Körper und ihr Geist unter Druck. Das war das Ausbrennen – wenn dieser Druck siegte, wenn die Magie zu schnell oder zu gierig abgezapft wurde, wenn alle Macht verausgabt war und ihr Träger versuchte, noch tiefer hineinzugreifen, als er sollte. Aelin blieb mitten in der Ebene abrupt stehen. Die Ilken hatten sie rennen sehen und flatterten jetzt auf sie zu. Ohne die drei Fae wahrzunehmen, die weit draußen herumschlichen, die Bogen bereit, um Erawans Soldaten in Aelins Flammen zu treiben. Falls sie mit ihrem Feuer durch ihre Abwehr brennen konnte. Sie würde noch den letzten Rest ihrer Macht heraufzerren müssen, um sie alle einzuäschern. Die ureigene Macht von Aelin, der Feuerbringerin. Kein Fünkchen weniger. Also ließ Aelin jeden Fallstrick der Zivilisation hinter sich, des Gewissens und der Regeln und der Menschlichkeit und stürzte sich in ihr eigenes Feuer. Sie flog auf diesen flammenden Abgrund zu und war sich nur undeutlich der Feuchtigkeit bewusst, die dick auf ihrer Haut lag, des Drucks, der sich in ihrem Kopf aufbaute. Sie würde direkt nach unten schießen – und sich vom Boden abstoßen und all diese Macht mit sich zur Oberfläche mitnehmen. Der Sog würde gewaltig sein. Und es würde die Prüfung sein, die wahre Prüfung von Kontrolle und Stärke. Es war leicht – so leicht, sich in das Herz aus Feuer und Asche zu bohren. Der schwierige Teil bestand darin, alles zur Oberfläche zu bringen; das war der Moment, in dem der Zusammenbruch drohte. Immer tiefer schoss Aelin in ihre Macht hinein. Mit fernen, sterblichen Augen bemerkte sie, wie die Ilken näher heranrauschten. Eine Gnade – wenn sie einst Menschen gewesen waren, würde es vielleicht eine Gnade sein, ausgelöscht zu werden. Und Aelin wusste, dass sie die frühere Grenze ihrer Macht erreicht hatte, als die Warnglocken in ihrem Blut zu läuten begannen. Sie läuteten, als sie sich in die brennenden Untiefen der Hölle stürzte. Die Königin von Flamme und Finsternis, die Erbin des Feuers, Aelin vom Wildfeuer, Feuerherz … Sie brannte sich durch jeden ihrer Titel, auch als sie selbst zu diesen Titeln wurde, als sie das wurde, was diese fremden Botschafter einst gezischt hatten, als sie von der wachsenden, haltlosen Macht einer Kindkönigin in Terrasen berichtet hatten. Ein Versprechen, das in die Schwärze geflüstert worden war. Der Druck baute sich in ihrem Kopf auf, in ihren Adern. Weit hinter ihr, sicher außerhalb ihrer Reichweite, spürte sie das Aufflackern von Rowans und Dorians Magie, als sie die Explosionen heraufbeschworen, die die ihre beantworten würden. Aelin rauschte in den unerforschten Kern ihrer Macht hinein. Das Inferno nahm kein Ende. 56 L orcan wusste, dass sie immer noch zu langsam waren, Warnsignal hin oder her. Elide schnappte nach Luft und wankte, als Lorcan am Rande einer gewaltigen, überfluteten Ebene stehen blieb. Sie strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht und Athrils Ring glitzerte an ihrem Finger. Sie hatte nicht hinterfragt, woher er gekommen war oder was er bewirkte, als Lorcan ihn ihr am Morgen über den Finger gestreift hatte. Er hatte sie nur gewarnt, ihn niemals abzunehmen, dass er vielleicht das Einzige war, das sie vor den Ilken beschützen würde, vor Morath. Die Streitmacht war nach Norden gefegt – weg von der Stelle, zu der Lorcan und Elide sich wie vom Teufel gejagt hinbegeben hatten. Und auf der anderen Seite der Ebene, zu weit entfernt, als dass Elides menschliche Augen es deutlich hätten erkennen können, leuchtete Whitethorns silbernes Haar, den König von Adarlan an seiner Seite. Magie, hell und kalt, wirbelte um sie herum. Und noch weiter draußen … Bei allen Göttern. Gavriel und Fenrys standen im Schilf, die Bogen gezückt. Und Gavriels Sohn. Sie zielten auf die herannahende Armee. Warteten auf … Lorcan verfolgte, in welche Richtung sie alle sahen. Nicht in die der Armee, die immer näher kam. Sondern in Richtung der Königin, die allein in der Mitte der überfluteten Ebene stand. Einen Moment zu spät begriff Lorcan, dass er und Elide sich auf der falschen Seite der Grenzlinie befanden – zu weit nördlich von dort, wo Aelins Gefährten sich hinter ihr in Sicherheit befanden. Begriff im selben Augenblick, als Elides Blick auf die goldhaarige Frau fiel, die dieser Armee gegenüberstand. Ihre Arme erschlafften. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Elide taumelte einen Schritt nach vorn – einen Schritt auf Aelin zu, und ein kleiner Laut entrang sich ihrer Kehle. In dem Moment spürte er es. Lorcan hatte es schon einmal gefühlt, an jenem Tag in der Nebelwarte. Als die Königin von Terrasen die Valg-Fürsten vernichtet hatte, als ihre Macht ein Gigant gewesen war, der aus der Tiefe heraufgebrandet war und die Welt hatte erzittern lassen. Das war nichts – nichts – gewesen im Vergleich zu der Macht, die jetzt brüllend in die Welt hineindonnerte. Elide stolperte und starrte die schwammweiche Erde an, während das Sumpfwasser kleine Wellen schlug. Fünfhundert Ilken umzingelten die Königin und ihre Mitstreiter. Sie hatten seine Warnung beherzigt – und ihnen eine Falle gestellt. Und diese Macht … diese Macht, die Aelin jetzt aus irgendeinem Höllenloch in sich heraufzerrte, aus irgendeiner Feuergrube, die zu erdulden sie verdammt gewesen war … die Druckwelle dieser Macht würde über sie hinwegfegen. »Was ist …«, hauchte Elide, aber Lorcan stürzte auf sie zu, warf sie beide zu Boden und bedeckte ihren Körper mit seinem. Er riss einen Schild über ihnen hoch, stürzte sich heftig und schnell in seine Magie hinein, der Sturz beinahe unkontrolliert. Er hatte keine Zeit, irgendetwas anderes zu tun, als jede Unze seiner Macht in seinen Schild strö men zu lassen, in die einzige Barriere, die verhindern würde, dass sie zu nichts verbrannten. Er hätte die Kraft, sie zu warnen, nicht verschwenden sollen, da es ihn und Elide nun wahrscheinlich das Leben kosten würde. Whitethorn wusste – hatte es selbst in der Nebelwarte schon gewusst –, dass die Königin ihr Erbe noch nicht vollends angetreten hatte. Wusste, dass diese Art von Macht nur einmal in einem Zeitalter auftauchte, und dieser Macht zu dienen, dieser Frau zu dienen … Ein Königshof, der die Welt nicht nur verändern würde. Er würde die Welt von Neuem beginnen lassen. Ein Königshof, der diese Welt erobern konnte – und jede andere Welt, die er zu erobern wünschte. Falls er das wünschte. Falls diese Frau dort auf der Ebene es so wollte. Und das war die Frage, nicht wahr? »Lorcan«, flüsterte Elide, deren Stimme vor Sehnsucht nach der Königin brach – oder aus Angst vor ihr, er wusste es nicht. Er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln, als sich ein wildes Brüllen über dem Schilf erhob. Ein Befehl. Und dann ein Pfeilhagel aus den Sümpfen, präzise und brutal gezielt, um die äußeren Flanken der Ilken zu treffen. Er erkannte Fenrys’ Schüsse an den Pfeilen mit schwarzer Spitze, die mühelos ihre Ziele fanden. Auch Gavriels Sohn traf ins Schwarze. Ilken fielen vom Himmel und die anderen gerieten in Panik, flatterten gegeneinander und taumelten weiter nach innen. Genau dorthin, wo die Königin von Terrasen die ganze Macht ihrer Magie auf sie losließ. *** In dem Moment, in dem Lysandra brüllte, zum Zeichen, dass die Sumpfbestien aufgestachelt waren und dass sie wieder sicher hinter ihren Linien war, in dem Moment, in dem die Ilken Aedion so nah kamen, dass er sie wie Gänse vom Himmel schießen konnte, brach die Magie aus seiner Königin hervor. Obwohl Aelin sie von ihnen weg richtete und trotz Rowans Schild, brannte die Hitze dieses Feuers. »Heilige Götter«, hörte Aedion sich sagen, als er rückwärts durchs Schilf stolperte und weiter hinter ihre Angriffslinie zurückfiel. »Heilige verdammte Götter.« Das Herz der Legion hatte keine Chance, auch nur zu schreien, als es in einem Meer aus Flammen weggespült wurde. Aelin war keine Retterin, hinter der man sich zusammenscharte, sondern eine Naturkatastrophe, die man überstehen musste. Das Feuer wurde heißer und Aedions Knochen ächzten, während sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten. Doch er brachte sich erneut in Stellung, überzeugte sich davon, dass sein Vater und Fenrys auf der anderen Seite der überfluteten Ebene das Gleiche getan hatten, und zielte auf die Ilken, die dem Pfad der Flammen auswichen. Er sorgte dafür, dass seine Pfeile ihr Ziel fanden. Asche fiel langsam und stetig wie Schnee auf die Erde. Nicht schnell genug. Als spürten sie Aelins schleppendes Tempo, explodierten über ihnen Eis und Wind. Wo goldrote Flammen Erawans Legion nicht verbrannten, rissen Dorian und Rowan sie in Stücke. Die Ilken hielten sich trotzdem noch, als wären sie ein Fleck Dunkelheit, nur schwer wegzuwischen. Aelin brannte immer noch weiter. Aedion konnte sie im Herzen dieser Macht nicht einmal mehr sehen. Es gab einen Preis – es musste einen Preis für solche Macht geben. Sie war in dem Wissen um die Schwere ihrer Krone, ihrer Magie geboren worden. Hatte ihre Isolation gespürt, lange bevor sie erwachsen geworden war. Und das schien Strafe genug zu sein, aber … es musste einen Preis geben. Namenlos ist mein Preis. Das hatte die Hexe gesagt. Begreifen schimmerte am Rande von Aedions Geist auf, gerade eben außer Reichweite. Er feuerte seinen vorletzten Pfeil ab, direkt zwischen die Augen eines panischen Ilken. Einen nach dem anderen bezwangen die Ausbrüche von Eis, Wind und Flamme ihre in Verderbtheit gezüchtete Widerstandskraft gegen Magie. Und dann trat Whitethorn gut fünfzehn Meter vor ihnen in den Feuersturm hinein. Ging auf Aelin zu. *** Lorcan presste Elide auf die Erde und schleuderte jeden letzten Schatten und jede letzte Reserve an Dunkelheit in diesen Schild. Die Flammen waren so heiß, dass ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, mitten in ihr seidiges Haar, das auf dem grünen Moos lag. Das Sumpfwasser um sie herum kochte. Kochte. Fische trieben mit dem Bauch nach oben an der Oberfläche. Die Gräser trockneten aus und fingen Feuer. Die ganze Welt war ein Höllenreich, ohne Ende und ohne Anfang. Lorcans zerrissene, dunkle Seele warf den Kopf nach hinten und brüllte im Einklang mit dem brennenden Lied ihrer Macht mit. Elide wand sich, die Fäuste in sein Hemd gekrallt, das Gesicht an seinem Hals begraben, während er mit den Zähnen knirschte und dem Feuersturm trotzte. Nicht nur Feuer, begriff er. Auch Wind und Eis. Zwei weitere mächtige Arten von Magie hatten sich zu Aelins Macht gesellt – und zerfetzten die Ilken. Und seinen eigenen Schild. Welle um Welle drosch die Magie auf seine Macht ein. Eine geringere Gabe wäre inzwischen vielleicht daran zerbrochen – eine geringere Magie hätte vielleicht versucht, sich zur Wehr zu setzen, statt die Macht einfach über sich hinwegfegen zu lassen. Wenn Erawan je ein Wyrdsteinhalsband um Aelin Galathynius’ Hals bekam … dann wäre alles vorbei. Diese Frau zu bändigen, diese Macht … würde ein Halsband überhaupt in der Lage sein, das zu beherrschen? Durch die Flammen sah er eine Bewegung. Whitethorn pirschte durch die kochenden Sümpfe, seine Schritte ohne Hast. Die Flamme wirbelte um die Kuppel von Rowans Schild, bildete zusammen mit seinem eisigen Wind Strudel. Nur ein Fae, der seinen verdammten Verstand verloren hatte, würde in diesen Sturm wandern. Die Ilken starben und starben und starben, langsam und qualvoll, als ihre dunkle Magie sie im Stich ließ. Jene, die den Flammen, dem Eis oder dem Wind zu entfliehen versuchten, wurden von Pfeilen gefällt. Jene, die es schafften zu landen, wurden aus dem Hinterhalt von Krallen und Reißzähnen und peitschenden, geschuppten Schwänzen in Stücke gerissen. Sie hatten dafür gesorgt, dass jede durch seine Warnung gewonnene Minute zählte. Hatten den Ilken mühelos eine Falle gestellt. Dass sie so schnell darauf hereingefallen waren … Rowan erreichte die Königin im Herzen der Sümpfe, als ihre Flammen erloschen. Als sein eigener Wind erstarb und die Schwaden gnadenlosen Eises die wenigen Ilken zerschmetterten, die noch durch die Luft flatterten. Es regnete Asche und glitzerndes Eis, dicht und wirbelnd wie Schneeflocken, und zwischen den Brocken, die einst die Ilken gewesen waren, tanzte Glut. Es gab keine Überlebenden. Keinen einzigen. Lorcan wagte es nicht, seinen Schild aufzulösen. Nicht als der Prinz auf die kleine Insel trat, auf der die Königin stand. Nicht als Aelin sich Rowan zuwandte und die einzige Flamme, die verblieb, eine Krone aus Feuer auf ihrem Kopf war. Lorcan beobachtete schweigend, wie Rowan ihr eine Hand um die Taille legte, mit der anderen ihr Gesicht umfasste und seine Königin küsste. Glut regte sich in ihrem offenen Haar, als sie ihm die Arme um den Hals schlang und sich an ihn drückte. Eine goldene Flammenkrone erwachte flackernd auf Rowans Kopf zum Leben – der Zwilling der Flamme, die Lorcan an jenem Tag in der Nebelwarte hatte brennen sehen. Er kannte Whitethorn. Er wusste, dass der Prinz nicht ehrgeizig war – nicht auf die Art, auf die Unsterbliche ehrgeizig sein konnten. Er hätte die Frau wahrscheinlich auch geliebt, wenn sie ganz gewöhnlich gewesen wäre. Aber diese Macht … In seinem Ödland von einer Seele spürte Lorcan den Sog. Hasste ihn. Genau das war der Grund, warum Whitethorn zu ihr geschritten war, warum Fenrys jetzt die Ebene halb durchquert hatte, benommen und vollkommen fixiert auf die Stelle, wo sie eng umschlungen standen. Elide regte sich unter ihm. »Ist – ist es vorbei?« Angesichts der Glut, mit der die Königin ihren Prinzen küsste, war er sich nicht ganz sicher, was er Elide antworten sollte. Aber er erlaubte es ihr, sich von ihm zu befreien und sich aufzurappeln, um die beiden Gestalten am Horizont zu beobachten. Er erhob sich und tat es ihr gleich. »Sie haben sie alle getötet«, hauchte sie. Eine ganze Legion – fort. Nicht ganz mühelos, aber – sie hatten es geschafft. Es regnete weiterhin Asche, die sich auf Elides seidigem, nachtdunklem Haar verklebte. Er pflückte ein wenig davon heraus, dann umgab er sie mit einem Schild, damit nicht weitere Asche auf ihr landete. Er hatte sie seit der vergangenen Nacht nicht berührt. Es war keine Zeit dafür gewesen und er hatte auch nicht daran denken wollen, was ihr Kuss mit ihm angestellt hatte. Dass er ihn vollkommen in die Knie gezwungen hatte und dass sein Innerstes noch immer auf eine Art umgekrempelt war, von der er sich nicht sicher war, ob er damit leben konnte. Elide fragte: »Was machen wir jetzt?« Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, wovon sie sprach. Aelin und Rowan lösten sich endlich voneinander, obwohl der Prinz sich noch zu ihr vorbeugte, um sie am Hals anzustupsen. Macht rief nach Macht unter den Fae. Vielleicht hatte Aelin Galathynius Pech gehabt, dass die Elitetruppe sich zu Maeves Macht hingezogen gefühlt und sich an sie gebunden hatte, lange bevor Aelin geboren worden war. Vielleicht waren auch sie diejenigen, die Pech gehabt hatten, weil sie nicht auf etwas Besseres gewartet hatten. Lorcan schüttelte den Kopf, um die verräterischen, nutzlosen Gedanken loszuwerden. Dort stand Aelin Galathynius. Deren gesamte Macht aus ihr abgeflossen war. Er spürte es jetzt – den absoluten Mangel an Lauten oder Gefühlen oder Hitze, wo noch kurz zuvor ein solch zügelloser Sturm getobt hatte. Nun eine kriechende Kälte. Sie hatte ihre gesamten Reserven geleert. Das hatten sie alle getan. Vielleicht war Whitethorn zu ihr gegangen und hatte die Arme um sie gelegt, weil er sie stützen wollte, da diese Macht fort war. Da sie verwundbar war. Angreifbar. Was machen wir jetzt? , hatte Elide gefragt. Lorcan lächelte schwach. »Wir gehen hin und sagen Hallo.« Sie prallte vor der Veränderung in seinem Ton zurück. »Ihr seid euch nicht freundlich gesinnt.« Allerdings nicht, und daran würde sich auch nichts ändern, da er die Königin nun vor sich in Sichtweite hatte. Da sie diesen Wyrdschlüssel hatte … den Bruder des Schlüssels, den Elide bei sich trug. »Sie werden mich nicht angreifen«, versicherte er ihr und setzte sich in Bewegung. Das Sumpfwasser war beinahe brühheiß und er verzog das Gesicht, als er die Fische darin treiben sah, ihre milchigen, aufgerissenen Augen gen Himmel gerichtet. Frösche und andere Tiere hüpften zwischen ihnen auf und ab. Elide zischte, als sie in das heiße Wasser trat, folgte ihm aber trotzdem. Langsam näherte Lorcan sich seiner Beute, zu sehr auf das Feuer spuckende Miststück konzentriert, um zu bemerken, dass Gavriel und Fenrys ihre Positionen im Schilf verlassen hatten. 57 J eder Schritt auf Aelin zu dauerte eine Ewigkeit – und jeder Schritt ging irgendwie zu schnell. Elide war sich ihres Hinkens nie bewusster gewesen. Ihrer schmutzigen Kleider, ihrer langen, ungepflegten Haare, ihres kleinen Wuchses und ihres Mangels an irgendwelchen nennenswerten Gaben. Sie hatte sich Aelins Macht vorgestellt, hatte davon geträumt, wie diese Macht den gläsernen Palast zerschmettert hatte. Sie hatte nicht bedacht, dass ihr die Knochen vor Entsetzen schlottern würden, wenn sie diese Macht in der Realität entfesselt sah. Oder dass die anderen ebenfalls solch grauenvolle Gaben besitzen würden – Eis und Wind, die sich um die Flammen rankten, bis nur noch Tod herunterregnete. Sie hatte beinahe Mitleid mit den Ilken, die sie abgeschlachtet hatten. Beinahe. Lorcan war stumm. Angespannt. Sie war inzwischen in der Lage, seine Stimmungen zu deuten, die kleinen verräterischen Dinge wahrzunehmen, von denen er glaubte, niemand könnte sie sehen. Aber dort – dieses schwache Zucken seines linken Mundwinkels. Das war sein Versuch, zu unterdrücken, was immer an Zorn ihn jetzt ritt. Und dort, diese leichte Neigung seines Kopfes nach rechts … das tat er, wenn er ihre Umgebung überprüfte und immer wieder von Neuem überprüfte, jede Waffe und jedes Hin dernis in Sichtweite. Was immer dies für ein Treffen war, Lorcan glaubte nicht, dass es gut laufen würde. Er rechnete damit zu kämpfen. Aber Aelin – Aelin – hatte sich ihnen jetzt dort, wo sie auf diesem Grashügel stand, zugewandt. Ihr silberhaariger Prinz drehte sich mit ihr um. Schob sich mit einem beiläufigen Schritt vor sie. Aelin ging um ihn herum. Er versuchte erneut, sie zu blockieren. Sie stieß ihn mit einem Ellbogen an und blieb an seiner Seite stehen. Der Prinz von Doranelle – der Geliebte ihrer Königin. Wie viel Einfluss würde seine Meinung auf Aelin haben? Wenn er Lorcan hasste, würde er sein Misstrauen und seine Verachtung dann ebenfalls unmittelbar auf sie übertragen? Sie hätte darüber nachdenken sollen, welchen Eindruck es machen würde, dass sie mit Lorcan zusammen war. Sich ihnen an Lorcans Seite näherte. »Bereust du jetzt, mit wem du dich eingelassen hast?«, fragte Lorcan sie mit trügerischer Ruhe. Als wäre er in der Lage gewesen, auch bei ihr die Dinge zu lesen, mit denen sie sich verriet. »Es macht einen Unterschied, nicht wahr?« Sie hätte schwören können, dass so etwas wie Schmerz in seinen Augen aufblitzte. Aber es war typisch Lorcan – selbst als sie ihn angebrüllt hatte, als sie noch auf diesem Kahn gewesen waren, hatte er kaum mit der Wimper gezuckt. Kühl erwiderte er: »Es scheint, dass unser Handel miteinander ohnehin bald endet. Ich werde ihnen die Bedingungen auf jeden Fall erklären, keine Sorge. Ich würde es hassen, wenn sie dächten, du hättest dich auf meine primitive Ebene herabgelassen.« »Das habe ich nicht gemeint.« Er schnaubte. »Es ist mir gleich.« Elide blieb stehen und wollte ihn einen Lügner nennen, zum Teil, weil sie wusste, dass er tatsächlich log, und zum Teil, weil ihre eigene Brust sich bei den Worten zuschnürte. Aber sie schwieg und ließ ihn vorausgehen, und der Abstand zwischen ihnen klaffte mit jedem seiner stürmischen Schritte weiter auseinander. Aber was würde sie überhaupt zu Aelin sagen? Hallo ? Wie geht es Euch ? Bitte, verbrennt mich nicht ? Es tut mir leid, dass ich so verdreckt bin und hinke ? Eine sanfte Hand berührte ihre Schulter. Pass auf. Schau dich um. Elide blickte von ihren beschämend schmutzigen Kleidern auf. Lorcan war vielleicht sieben Meter vor ihr, die anderen bloße Umrisse vor dem Horizont. Die unsichtbare Hand auf ihrer Schulter drückte zu. Beobachte. Sieh. Was sehen? Asche und Eis regneten rechts herab und auf der linken Seite erhoben sich Ruinen, vor ihnen erstreckte sich nichts als weites Sumpfgebiet. Aber Elide blieb stehen und suchte die Welt um sie herum ab. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas ließ jegliche Kreaturen, die den Mahlstrom der Magie überlebt hatten, erneut verstummen. Die verbrannten Gräser raschelten und seufzten. Lorcan ging weiter, sein Rücken steif, obwohl er nicht nach seinen Waffen gegriffen hatte. Sieh sieh sieh. Was sehen? Sie drehte sich im Kreis, fand jedoch nichts. Dann öffnete sie den Mund, um Lorcan zu rufen. Goldene Augen blitzten in dem Gebüsch keine dreißig Schritt entfernt auf. Riesige, goldene Augen, die auf Lorcan gerichtet waren, der nur wenige Meter entfernt vorbeischritt. Ein Berglöwe, angriffsbereit, bereit, Fleisch zu zerfetzen und Knochen zu zermahlen … Nein … Die Bestie brach aus den verbrannten Gräsern hervor. Elide schrie Lorcans Namen. Er wirbelte herum, aber nicht zu dem Löwen hin. Zu ihr schoss dieses zornige Gesicht, zu ihr … Aber sie rannte bereits und ihr Bein kreischte vor Schmerz, als Lorcan endlich den Angriff spürte, der gleich über ihn hereinbrechen würde. Der Berglöwe erreichte ihn und seine dicken Krallen fuhren auf ihn nieder, während seine Zähne direkt auf Lorcans Kehle zielten. Lorcan zückte sein Jagdmesser, so schnell, dass es nur ein grauer Lichtschimmer aus Stahl war. Tier und Fae gingen zu Boden, mitten ins schlammige Wasser. Elide stürmte auf ihn zu und ein wortloser Schrei entrang sich ihr. Kein normaler Berglöwe. Nicht einmal ansatzweise. Nicht da er offenbar jede Bewegung Lorcans kannte, als sie sich durchs Wasser wälzten, als sie zuschlugen und einander auswichen und packten. Blut spritzte, Magie prallte aufeinander, Schild gegen Schild … Dann griff der Wolf an. Ein gewaltiger, weißer Wolf, der aus dem Nichts herbeisprang, rasend vor Zorn und ganz auf Lorcan fixiert. Lorcan riss sich von dem Löwen los und Blut strömte seinen Arm hinab, sein Bein. Er keuchte. Aber der Wolf war im Nichts verschwunden. Wo war er, wo war er … Er erschien urplötzlich, als wäre er durch einen unsichtbaren Tunnel gekommen, gut drei Meter von Lorcan entfernt. Kein Angriff. Eine Hinrichtung. Elide überwand die Entfernung zwischen zwei Buckeln, vereistes Gras schnitt ihr in die Handflächen, etwas knirschte in ihrem Bein … Der Wolf sprang auf Lorcans ungeschützten Rücken zu, die Augen glasig vom Blutrausch, die Zähne blitzend. Elide stürmte den kleinen Buckel hinauf und die Zeit streckte sich unter ihr. Nein nein nein nein nein nein. Brutale weiße Reißzähne näherten sich Lorcans Wirbelsäule. Dann hörte Lorcan sie, hörte das bebende Schluchzen, als sie sich auf ihn warf. Seine dunklen Augen flammten panisch auf, als sie gegen seinen ungeschützten Rücken krachte. Als er bemerkte, dass der Todesstoß nicht von dem Löwen vor ihm kam, sondern von dem Wolf, dessen Kiefer sich jetzt um Elides Arm schlossen statt um Lorcans Kehle. Sie hätte schwören können, dass die Augen des Wolfs vor Entsetzen aufloderten, als er noch versuchte, den körperlichen Schlag abzumildern, als ein dunkler, fester Schild gegen sie prallte und ihr mit seiner eisernen Härte den Atem raubte … Blut und Schmerz und Knochen und Gras und brüllender Zorn. Die Welt kippte, als sie und Lorcan zu Boden gingen, ihr Körper über seinen geworfen, während der Wolf seine Kiefer aus ihrem Arm riss. Sie krümmte sich über Lorcan und wartete darauf, dass der Wolf und der Berglöwe es beendeten, dass sie ihren Hals ins Maul nahmen und zubissen. Kein Angriff kam. Stille durchdrang die Welt. Lorcan warf sie herum, sein Atem rau, sein Gesicht blutverschmiert und bleich, als er ihr Antlitz betrachtete, ihren Arm. »ElideElideElide.« Sie bekam keine Luft, konnte nichts sehen, nur ihren Arm, zerfetztes Fleisch und zersplitterter Knochen … Lorcan packte mit beiden Händen ihr Gesicht, noch bevor sie hinsehen konnte, und fuhr sie an: »Warum hast du das getan? Warum?« Er wartete keine Antwort ab, sondern hob den Kopf, sein Knurren so wild, dass es in ihren Knochen widerhallte, den Schmerz in ihrem Arm so grausam aufbranden ließ, dass sie wimmerte. Er knurrte den Wolf und den Löwen an, sein Schild ein wirbelnder Obsidianwind um sie herum: »Ihr seid tot. Ihr seid beide tot …« Elide drehte den Kopf so weit, dass sie sah, wie der weiße Wolf sie anstarrte. Wie er Lorcan anstarrte. Dass sie sah, wie der Wolf sich mit einem Lichtblitz in den schönsten Mann verwandelte, den sie je gesehen hatte. Sein goldbraunes Gesicht verzerrte sich, als er ihren Arm gewahrte. Ihr Arm, ihr Arm … »Lorcan, wir hatten einen Befehl«, erklang eine fremde, sanfte Männerstimme von dort, wo auch der Löwe sich in einen Fae verwandelt hatte. »Verdammt seien eure Befehle, du dummer Bastard …« Der Wolfskrieger zischte und seine Brust hob und senkte sich. »Wir können nicht viel länger gegen den Befehl ankämpfen, Lorcan …« »Senke den Schild«, verlangte der Ruhigere von beiden. »Ich kann das Mädchen heilen. Lass sie davonkommen.« »Ich werde euch beide töten«, schwor Lorcan. »Ich werde euch töten …« Elide schaute zu ihrem Arm. Es fehlte ein Stück davon. Von ihrem Unterarm. Blut spritzte auf die verbrannten Überreste des Grases. Weißer Knochen ragte hervor … Vielleicht begann sie zu schreien oder zu schluchzen oder nur stumm zu zittern. »Schau nicht hin«, fuhr Lorcan sie an und drückte erneut ihr Gesicht, um ihren Blick auf seine Augen zu lenken. Sein eigenes Gesicht war von solchem Zorn verzerrt, dass sie es kaum erkannte, aber er machte keine Anstalten, die Fae anzugreifen. Seine Macht war erschöpft. Er hatte sie beinahe aufgebraucht, als er sie beide gegen Aelins Flammen abgeschirmt hatte, gegen jeden, der diese andere Magie auf der Ebene beschworen hatte. Dieser Schild jetzt … er war alles, was Lorcan noch hatte. Und wenn er ihn senkte, damit sie sie heilen konnten … dann würden sie ihn töten. Er hatte sie vor dem Angriff der Ilken gewarnt und sie würden ihn trotzdem töten. Aelin – wo war Aelin … Die Welt wurde an den Rändern schwarz und ihr Körper flehte darum, sich ergeben zu dürfen, statt den Schmerz zu ertragen. Lorcan verkrampfte sich, als spürte er das drohende Nichts. »Du heilst sie«, sagte er zu dem Mann mit den sanften Augen, »und dann reden wir weiter …« »Nein«, brachte sie heraus. Nicht für dies, nicht für sie … Lorcans onyxschwarze Augen waren undeutbar, als er sie forschend ansah. Und dann sagte er leise: »Ich wollte mit dir nach Perranth gehen.« Lorcan ließ den Schild sinken. *** Es war keine schwierige Entscheidung. Und sie machte ihm keine Angst. Nicht annähernd so viel Angst, wie die tödliche Wunde in ihrem Arm es tat. Fenrys hatte eine Arterie getroffen. Sie würde innerhalb von Minuten verbluten. Lorcan war aus Dunkelheit geboren und mit Dunkelheit gesegnet. Es war keine schwierige Aufgabe, dorthin zurückzukehren. Aber dieses schimmernde, liebliche Licht vor ihm ersterben zu lassen … in seinen uralten, verbitterten Knochen konnte er das nicht hinnehmen. Sie war vergessen geworden – von jedem und allem. Und trotzdem hatte sie Hoffnung gehabt. Und trotzdem war sie gut zu ihm gewesen. Und trotzdem hatte sie ihn einen Blick auf Frieden erhaschen lassen, während der Zeit, in der er sie gekannt hatte. Sie hatte ihm ein Zuhause angeboten. Er wusste, dass Fenrys nicht in der Lage sein würde, gegen Maeves Tötungsbefehl anzukämpfen. Wusste, dass Gavriel Wort halten und sie heilen würde, aber Fenrys konnte nicht gegen den Befehl des Blutschwurs standhalten. Er wusste, dass der Bastard es bereuen würde. Wusste, dass der Wolf entsetzt gewesen war, als Elide sich zwischen sie geworfen hatte. Lorcan ließ seinen Schild los und betete, dass sie nicht zuschauen würde, wenn das Blutvergießen begann. Wenn er und Fenrys Kralle gegen Kralle und Reißzahn gegen Reißzahn kämpfen würden. Er würde sich gegen den Krieger behaupten. Bis Gavriel sich wieder einmischte. Der Schild verschwand und Gavriel ließ sich sofort auf die Knie fallen und griff mit seinen breiten Händen nach ihrem Arm. Schmerz lähmte sie, aber sie versuchte, Lorcan zu sagen, dass er wegrennen solle, dass er den Schild wieder hochziehen solle … Lorcan stand auf und blendete ihr Flehen aus. Er stellte sich Fenrys. Der Krieger zitterte, so sehr strengte es ihn an, sich zu beherrschen, seine Hände an den Seiten zu Fäusten geballt, um sich daran zu hindern, nach irgendeiner seiner Klingen zu greifen. Elide schluchzte noch immer, bettelte noch immer. Fenrys’ angespannte Züge waren von Reue gezeichnet. Lorcan lächelte den Krieger nur an. Dadurch riss die Leine, die Fenrys noch gehalten hatte. Sein Waffenbruder warf sich auf ihn, das Schwert gezückt, und Lorcan hob seine eigene Klinge und wusste bereits, welche Taktik Fenrys einzusetzen plante. Er hatte ihn ausgebildet. Und er wusste, dass Fenrys seine linke Abwehr für einen Moment fallen lassen und seinen Hals entblößen würde … Fenrys landete vor ihm, holte tief aus und wich nach rechts aus. Lorcan zielte mit seiner Klinge auf diesen verletzlichen Hals. Sie wurden beide von einem eisigen, unerbittlichen Wind zurückgeworfen. Was immer nach der Schlacht davon übrig war. Fenrys sprang wieder auf, verloren an seinen Blutrausch, aber der Wind drosch in ihn hinein. Wieder. Wieder. Hielt ihn unten. Lorcan kämpfte dagegen an, aber der Schild, den Whitethorn über sie geworfen hatte, die rohe Macht, die er jetzt benutzte, um sie festzuhalten, war zu stark, da seine eigene Magie erschöpft war. Stiefel knirschten auf dem verbrannten Gras. Am Rand einer trockenen Stelle ausgestreckt, hob Lorcan den Kopf. Whitethorn stand zwischen ihm und Fenrys und die Augen des Prinzen waren glasig vor Zorn. Rowan sah prüfend zu Gavriel und Elide, die immer noch weinte, immer noch darum bettelte, dass es aufhören möge. Aber ihr Arm … Ein Kratzer verschandelte diesen mondweißen Arm, doch Gavriels grobe Heilkünste von unzähligen Schlachtfeldern hatten die Lücken gefüllt, das fehlende Fleisch und die gebrochenen Knochen ersetzt. Er musste all seine Magie verbraucht haben, um … Gavriel schwankte kaum merklich. Whitethorns Stimme war wie Kies. »Dies endet jetzt. Ihr zwei rührt sie nicht an. Sie stehen unter dem Schutz von Aelin Galathynius. Wenn ihr ihnen etwas antut, wird das als kriegerischer Akt gewertet.« Besondere uralte Worte, der einzige Weg, um einen Blutbefehl aufzuhalten. Nicht ihn zu überwinden – nur für eine Weile hinauszuzögern. Um ihnen allen Zeit zu verschaffen. Fenrys keuchte, doch Erleichterung flackerte in seinen Augen auf. Gavriel sackte etwas in sich zusammen. Elides dunkle Augen waren immer noch vor Schmerz getrübt und die Sommersprossen auf ihren Wangen bildeten einen scharfen Kontrast zu der unnatürlich weißen Haut. Whitethorn wandte sich an Fenrys und Gavriel: »Habt ihr verstanden, was verdammt noch mal passieren wird, wenn einer von euch aus der Reihe tanzt?« Zu Lorcans unendlichem Schrecken senkten sie den Kopf und sagten: »Ja, Prinz.« Rowan ließ die Schilde sinken, und dann schoss Lorcan auf Elide zu, die sich bemühte, sich aufzurichten, und die ihren fast verheilten Arm anstarrte. Gavriel wich klugerweise zurück. Lorcan untersuchte ihren Arm und ihr Gesicht, musste sie berühren, sie riechen. Er bemerkte nicht, dass die leichten Schritte im Gras nicht seinen früheren Gefährten gehörten. Aber er erkannte die Frauenstimme, die hinter ihm sagte: »Was zum Teufel ist hier los?« *** Elide hatte keine Worte, um Lorcan mitzuteilen, was sie in dem Moment empfunden hatte, als er den Schild hatte sinken lassen. Was sie empfunden hatte, als der silberhaarige, tätowierte Kriegerprinz diesem fatalen Blutvergießen ein Ende gemacht hatte. Und sie hatte keinen Atem mehr in ihrem Körper, als sie über Lorcans breite Schulter spähte und die goldhaarige Frau erblickte, die auf sie zuschritt. Jung, und doch war ihr Gesicht … es war ein uraltes Gesicht, wachsam und schlau und voller Macht. Wunderschön, mit sonnengebräunter Haut und lebendigen, türkisfarbenen Augen. Türkisfarbene Augen mit einem Kern aus Gold rund um die Pupille. Ashryver-Augen. Dieselben Augen wie die des goldhaarigen, gut aussehenden Mannes, der an ihrer Seite ging, den muskulösen Körper angespannt, als er abschätzte, ob er noch Blut würde vergießen müssen. Er hielt einen Bogen in der Hand. Zwei Seiten derselben Goldmünze. Aelin. Aedion. Beide starrten sie mit diesen Ashryver-Augen an. Aelin blinzelte. Und ihr goldenes Gesicht verzog sich gequält, als sie sagte: »Bist du Elide?« Elide konnte nur nicken. Lorcan war angespannt wie eine Bogensehne, noch halb über sie gebeugt. Aelin trat näher, ohne Elides Gesicht aus den Augen zu lassen. Jung – Elide fühlte sich so jung im Vergleich zu der Frau, die da auf sie zukam. Aelins Hände waren voller Narben, sie waren auch an ihrem Hals, um ihre Handgelenke herum … wo Eisenfesseln gesessen hatten. Aelin ging direkt vor ihr in die Knie und Elide kam der Gedanke, dass sie sich verbeugen sollte, den Kopf in den Dreck … »Du siehst deiner Mutter so ähnlich«, sagte Aelin mit gebrochener Stimme. Aedion kniete stumm nieder und legte Aelin eine breite Hand auf die Schulter. Ihre Mutter, die kämpfend zugrunde gegangen war, die kämpfend gestorben war, damit diese Frau leben konnte … »Es tut mir leid«, sagte Aelin und zog die Schultern ein. Sie senkte den Kopf und Tränen flossen über ihre geröteten Wangen. »Es tut mir so leid.« Wie viele Jahre waren diese Worte in ihr eingeschlossen gewesen? Elides Arm schmerzte, aber das hinderte sie nicht daran, Aelins Hand zu berühren, die auf ihrem Schoß lag. Sie berührte diese gebräunte, vernarbte Hand und spürte die warme, klebrige Haut an ihren Fingerspitzen. Real. Dies war – Aelin war real. Als wäre Aelin das ebenfalls klar geworden, hob sie den Kopf. Sie öffnete den Mund, aber ihre Lippen zitterten und die Königin presste sie zusammen. Keiner der Versammelten sprach. Endlich sagte Aelin zu Elide: »Sie hat mir Zeit verschafft.« Elide wusste, von wem die Königin sprach. Aelins Hand zitterte. Die Stimme der Königin brach, als sie hinzufügte: »Nur wegen deiner Mutter bin ich heute noch am Leben.« Elide flüsterte: »Ich weiß.« »Sie bat mich, dir zu sagen …« Sie holte bebend Luft, löste aber nicht den Blick, auch als die Tränen durch den Dreck auf ihren Wangen rollten. »Deine Mutter hat mich gebeten, dir zu sagen, dass sie dich liebt – sehr liebt. Das waren ihre letzten Worte an mich. ›Sag meiner Elide, dass ich sie sehr liebe.‹« Mehr als zehn Jahre lang hatte Aelin diese letzten Worte mit sich herumgetragen. Zehn Jahre durch Tod und Verzweiflung und Krieg hatte Aelin sie durch ganze Königreiche getragen. Und hier, am Rande der Welt, hatten sie einander wiedergefunden. Hier, am Rande der Welt, und nur für einen Augenblick spürte Elide, wie die warme Hand ihrer Mutter ihre Schulter streifte. Tränen brannten Elide in den Augen, als sie hervorquollen. Aber dann knirschte das Gras hinter ihnen. Sie sah zuerst das weiße Haar. Dann die goldenen Augen. Und Elide schluchzte, als Manon Blackbeak auftauchte, mit einem schwachen Lächeln auf dem Gesicht. Als Manon Blackbeak sie mit Aelin dicht vor sich im Gras sitzen sah und lautlos nur ein einziges Wort formte. Hoffnung. Nicht tot. Keiner von ihnen war tot. Aedion sagte heiser: »Ist dein Arm …« Aelin ergriff ihn – sanft. Untersuchte die flache Schnittwunde, die neue, rosige Haut, die verriet, was nur wenige Augenblicke zuvor gefehlt hatte. Aelin drehte sich auf den Knien um und knurrte den Wolfskrieger an. Der goldhaarige Mann wandte den Blick ab, als die Königin ihn missbilligend anfunkelte. »Es war nicht seine Schuld«, brachte Elide heraus. »Der Biss«, sagte Aelin trocken und ihre türkisfarbenen Augen waren fuchsteufelswild, »legt eine andere Vermutung nahe.« »Es tut mir leid«, murmelte der Fae, entweder an die Königin ge wandt oder an Elide, das wusste sie nicht. Er hob den Blick zu Aelin – in dem man erkennen konnte, dass er am Boden zerstört war. Aelin ignorierte die Worte. Der Fae krümmte sich. Und der silberhaarige Prinz schien ihm einen kurzen, mitleidigen Blick zuzuwerfen. Aber wenn der Befehl nicht von Aelin gekommen war, Lorcan zu töten … Aelin sagte zu dem anderen goldhaarigen Mann hinter Elide, dem, der sie geheilt hatte, dem Löwen: »Ich nehme an, Rowan hat dir erklärt, wie es abläuft. Wenn ihr einen der beiden berührt, sterbt ihr. Wenn ihr auch nur in die falsche Richtung atmet, seid ihr tot.« Elide versuchte, angesichts der Bösartigkeit dieser Worte nicht zusammenzuzucken. Vor allem als Manon in gehässigem Entzücken lächelte. Aelin versteifte sich, als die Hexe sich ihrem ungeschützten Rücken näherte, erlaubte es Manon jedoch, sich zu ihrer Rechten aufzustellen. Um Elide mit ihren goldenen Augen zu mustern. »Sei gegrüßt, kleine Hexe«, sagte Manon zu ihr. Dann wandte sie sich an Lorcan, gerade als Aelin es auch tat. Aelin schnaubte. »Du siehst ein wenig mitgenommen aus.« »Gleichfalls«, fuhr Lorcan sie an. Aelins Grinsen war beängstigend. »Du hast die Nachricht also bekommen, was?« Aedion schob die Hand zu seinem Schwert … »Das Schwert von Orynth«, platzte Elide heraus, die den beinernen Knauf bemerkte, die uralten Zeichen. Aelin und Lorcan ließen einen Moment davon ab, einander an die Kehle zu gehen. »Das Schwert … du …« Vernon hatte sie einmal deswegen verspottet. Hatte gesagt, der König von Adarlan habe es genommen und eingeschmolzen. Es verbrannt, zusammen mit dem Geweihthron. Aedions türkisfarbene Augen wurden sanfter. »Es hat überlebt. Wir haben überlebt.« Sie drei, die Relikte ihres Hofs, ihrer Familien. Aber Aelin musterte Lorcan erneut mit gesträubtem Fell und dieses boshafte Grinsen kehrte auf ihr Gesicht zurück. Elide sagte leise: »Ich habe seinetwegen überlebt, Majestät.« Sie deutete mit dem Kinn auf Manon. »Und ihretwegen. Ich verdanke es diesen beiden, dass ich hier bin.« Manon nickte und ihre Aufmerksamkeit wanderte zu der Jackentasche, in der sie Elide den Stein hatte verstecken sehen. Die Bestätigung, nach der sie gesucht hatte. Die Erinnerung an den dritten Teil des Dreiecks. »Ich bin hier«, erklärte Elide, als Aelin diese beunruhigend lebhaften Augen auf sie richtete, »dank Kaltain Rompier.« Ihre Kehle schnürte sich zusammen, aber sie kämpfte dagegen an, als sie mit zitternden Fingern ein kleines Tuch aus ihrer Innentasche fischte. Das anderweltliche Gefühl darin pulsierte in ihrer Handfläche. »Sie hat gesagt, ich solle Euch das hier geben. Ich meine, ich solle es Celaena Sardothien geben. Sie wusste nicht, dass die beiden … dass Ihr ein und dieselbe wart. Sie sagte, es sei eine Bezahlung für … einen warmen Umhang, den Ihr ihr in einem kalten Kerker geschenkt habt.« Sie schämte sich nicht der Tränen, die fielen, nicht zu Ehren dessen, was diese Frau getan hatte. Aelin musterte den Stofffetzen in Elides zitternder Hand. »Ich glaube, sie hat dies als Erinnerung an eine Freundlichkeit behalten«, sprach Elide heiser weiter. »Man … man hat sie gebrochen und sie verletzt. Und sie ist in Morath allein gestorben. Sie ist allein gestorben, damit ich nicht … damit man mich nicht …« Keine von ihnen sprach oder bewegte sich. Sie wusste nicht, ob es das schlimmer machte. Ob die Hand, die Lorcan ihr auf den Rücken legte, sie nur noch heftiger zum Weinen brachte. Die Worte ergossen sich aus Elides zitterndem Mund. »Sie hat gesagt, Ihr s-solltet Euch an Euer Versprechen erinnern, sie alle zu bestrafen. Und hat g-gesagt, dass Ihr jede Tür aufsperren könntet, wenn Ihr nur den Sch-Schlüssel hättet.« Aelin kniff die Lippen zusammen und schloss die Augen. Jetzt näherte sich ein schöner, dunkelhaariger Mann. Er war vielleicht einige Jahre älter als sie, aber von so majestätischer Haltung, dass sie sich neben ihm klein und ungehobelt vorkam. Der Blick seiner saphirblauen Augen lag auf Elide, klug und gefasst – und traurig. »Kaltain Rompier hat dir das Leben gerettet? Und dir das da gegeben?« Er kannte sie – hatte sie gekannt. Manon Blackbeak bemerkte mit leiser, erheiterter Stimme: »Elide Lochan, Herrin von Perranth, darf ich dir Dorian Havilliard vorstellen, König von Adarlan.« Der König sah die Hexe mit hochgezogenen Brauen an. »M-Majestät«, stammelte sie und neigte den Kopf. Sie sollte wirklich aufstehen. Wirklich aufhören, wie ein Wurm auf dem Boden zu liegen. Aber das Tuch und der Stein lagen immer noch in ihrer Hand. Aelin wischte sich ihr feuchtes Gesicht an einem Ärmel ab und richtete sich dann auf. »Weißt du, was du da bei dir trägst, Elide?« »J-ja, Majestät.« Türkisfarbene Augen, gehetzt und erschöpft, sahen zu ihr auf. Dann zu Lorcan. »Warum hast du ihn dir nicht genommen?« Die Stimme war hohl und hart. Elide vermutete, dass sie sich glücklich schätzen konnte, wenn diese Stimme sich niemals gegen sie richtete. Lorcan hielt ihrem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. »Es war nicht an mir, ihn zu nehmen.« Aelin schaute jetzt zwischen ihnen hin und her und sah zu viel. Und es lag keinerlei Wärme in den Zügen der Königin, als sie dennoch zu Lorcan sagte: »Danke, dass du sie zu mir gebracht hast.« Die anderen schienen zu versuchen, von diesen Worten nicht allzu schockiert zu wirken. Aber Aelin wandte sich an Manon. »Ich fordere sie für mich. Hexenblut in ihren Adern hin oder her, sie ist die Herrin von Perranth und sie gehört mir.« Goldene Augen glänzten bei dieser Herausforderung. »Und wenn ich sie für die Blackbeaks fordere?« »Für die Blackbeaks – oder für die Crochans?«, schnurrte Aelin. Elide blinzelte. Manon – und die Crochans? Was tat die Schwarmführerin hier eigentlich? Wo war Abraxos? Die Hexe sagte: »Vorsicht, Majestät. Da deine Macht auf bloße Fünkchen reduziert ist, wirst du wieder auf die altmodische Art gegen mich kämpfen müssen.« Das gefährliche Grinsen kehrte auf Aelins Gesicht zurück. »Weißt du, ich habe schon die ganze Zeit auf eine zweite Runde gehofft.« »Meine Damen«, mahnte der silberhaarige Prinz. Sie drehten sich beide um und bedachten Rowan Whitethorn mit furchterregend unschuldigem Lächeln. Der Fae-Prinz, so viel musste man ihm lassen, zuckte erst zusammen, als sie wieder wegschauten. Elide wünschte, sie könnte sich hinter Lorcan verstecken, als beide Frauen ihre beinahe wilde Aufmerksamkeit wieder auf sie richteten. Manon streckte die Hand aus, drehte Elides Hand mit dem Wyrdstein darin um und schob sie zu Aelins wartender Hand. »Bitte schön, vorbei und erledigt«, sagte Manon. Aelin wand sich leicht, steckte aber das Tuch und den Schlüssel ein. Sofort verschwand ein Schatten von Elides Herz, eine wispernde Präsenz, die jetzt zum Schweigen gebracht war. Manon befahl: »Hoch mit dir. Wir waren gerade mit etwas beschäftigt.« Sie streckte die Hand aus, um Elide auf die Beine zu ziehen, aber Lorcan ging dazwischen und tat es selbst. Er hielt Elides Arm fest und sie versuchte, sich nicht an seinen warmen Körper zu lehnen. Ver suchte, es nicht so aussehen zu lassen, als hätte sie gerade erst ihre Königin kennengelernt, ihre Freundin, ihren Hof und … fände irgendwie, dass Lorcan der Ungefährlichste von allen war. Manon grinste Lorcan an. »Euer Anspruch auf sie, Fae, steht ganz unten auf der Liste.« Eisenzähne glitten heraus und verwandelten das wunderschöne Gesicht in etwas Entsetzliches. Lorcan ließ nicht los. Manon gurrte auf die Art, die für gewöhnlich Tod bedeutete. »Fasst. Sie. Nicht. An.« »Gebt mir keine Befehle, Hexe«, wehrte Lorcan sich. »Und Ihr habt kein Mitspracherecht bei dem, was zwischen uns ist.« Elide sah ihn stirnrunzelnd an. »Du machst es nur noch schlimmer.« »Wir nennen es gern ›besitzergreifenden männlichen Unsinn‹«, vertraute Aelin ihr an. »Aber ›besitzergreifender Fae-Bastard‹ funktioniert genauso schön.« Der Fae-Prinz hinter ihr hüstelte vielsagend. Die Königin schaute sich um und sah ihn fragend an. »Habe ich noch irgendein anderes Kosewort vergessen?« Die Augen des Kriegerprinzen glühten, auch als sein Gesicht weiter in raubtierhafter Entschlossenheit erstarrt blieb. »Ich denke, du hast alles abgedeckt.« Aelin zwinkerte Lorcan zu. »Wenn du ihr wehtust, werde ich dir deine Knochen wegschmelzen«, sagte sie nur und ging davon. Manons eisenbewehrtes Lächeln wurde breiter und sie neigte spöttisch den Kopf vor Lorcan, bevor sie der Königin folgte. Aedion sah Lorcan von oben bis unten an und schnaubte. »Aelin macht, was immer sie will, aber ich glaube, sie würde mich ausprobieren lassen, wie viele deiner Knochen ich noch brechen kann, bevor sie sie einschmilzt.« Dann folgte er den beiden Frauen. Eine silbern, eine golden. Elide schrie beinahe auf, als ein Geisterleopard aus dem Nichts erschien und seine Schnurrhaare in Lorcans Richtung zucken ließ, bevor er hinter den Frauen hertrottete, der flauschige Schwanz hinter ihm herpeitschend. Dann gingen der König und die Fae davon. Bis nur noch Prinz Rowan Whitethorn bei ihnen stand. Er warf Elide einen Blick zu, bei dem sie sich sofort aus Lorcans Griff befreite. Aelin und Aedion waren ein Stück vor ihnen stehen geblieben und warteten auf sie. Mit einem kleinen Lächeln – einladend. Also ging Elide auf sie zu, auf ihren Hof, und schaute nicht zurück. *** Rowan war während der vergangenen Minuten still geblieben und hatte nur beobachtet. Lorcan war bereit gewesen, für Elide zu sterben. War bereit gewesen, seine Suche für Maeve beiseitezuschieben, damit Elide am Leben blieb. Und er hatte sich dann so besitzergreifend verhalten, dass Rowan sich fragte, ob er in Aelins Nähe auch ständig so lächerlich wirkte. Jetzt allein, sagte Rowan zu Lorcan: »Wie hast du uns gefunden?« Ein schneidendes Lächeln. »Der dunkle Gott hat mich in die richtige Richtung geschubst. Den Rest hat die Ilken-Armee besorgt.« Der gleiche Lorcan, den er seit Jahrhunderten kannte, und doch … auch wieder nicht. Irgendeine Härte an ihm war entschärft worden – nein, besänftigt. Lorcan betrachtete die Quelle dieser Veränderung, aber er biss die Zähne zusammen, als sein Blick auf Aelin fiel, die neben ihr herging. »Diese Macht könnte sie ebenso leicht zerstören, weißt du.« »Ich weiß«, gestand Rowan ein. Was sie nur Minuten zuvor getan hatte, die Macht, die sie beschworen und entfesselt hatte … sie war wie ein Lied gewesen, das seine Magie auf gleiche Weise hatte hervorbrechen lassen. Als der Widerstand der Ilken endlich unter Flamme und Eis und Wind erlahmt war, hatte Rowan sein Verlangen nicht unterdrücken können, in das brennende Herz dieser Macht zu schreiten und Aelin damit leuchten zu sehen. Auf halbem Weg durch die Ebene hatte er begriffen, dass es nicht nur der Reiz dieser Macht gewesen war, der ihn anzog. Es war die Frau darin, die vielleicht körperlichen Kontakt mit einem anderen Lebewesen brauchte, um sich daran zu erinnern, dass sie einen Körper hatte und Leute, die sie liebten, und um aus dieser mörderischen Ruhe herauszufinden, mit der sie die Ilken so gnadenlos vom Himmel gefegt hatte. Aber dann waren die Flammen verschwunden, ihre Feinde waren vom Himmel gefallen, nur noch Asche und Eis, und sie hatte ihn angesehen … heilige Götter, als sie ihn angesehen hatte, wäre er beinahe auf die Knie gefallen. Königin und Geliebte und Freundin – und mehr. Es war ihm gleichgültig gewesen, dass sie ein Publikum gehabt hatten. Er hatte sie berühren müssen, sich davon überzeugen müssen, dass es ihr gut ging, hatte die Frau spüren müssen, die solch großartige und schreckliche Dinge tun und ihn trotzdem mit diesem lockenden, pulsierenden Leben in den Augen ansehen konnte. Du schaffst es, dass ich leben will, Rowan . Er fragte sich, ob Elide Lochan in Lorcan irgendwie den gleichen Wunsch geweckt hatte. Zu Lorcan sagte er: »Und was ist mit deiner Mission?« Alle Sanftheit verschwand aus Lorcans in Granit gehauenen Zügen. »Erzähl mir doch mal, warum ihr in diesem Drecksloch hier seid, und dann reden wir über meine Pläne.« »Aelin kann entscheiden, was wir dir erzählen.« »So ein braver Hund.« Rowan bedachte ihn mit einem trägen Lächeln, sparte sich aber einen Kommentar über die zarte, dunkelhaarige junge Frau, die jetzt Lorcans Leine hielt. 58 K altain Rompier hatte soeben das Blatt in diesem Krieg gewendet. Dorian hatte sich seiner selbst nie mehr geschämt. Er hätte besser sein müssen. Hätte besser sehen müssen. Das hätten sie alle tun sollen. Die Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum, während er in der halb untergegangenen Tempelanlage im Hintergrund blieb und stumm zusah, wie Aelin die Truhe auf dem Altar studierte, als wäre sie ein Gegner. Die Königin wurde jetzt von Elide flankiert und Manon stand auf der anderen Seite des dunkelhaarigen Mädchens. Lysandra hatte sich in Geisterleopardengestalt zu Füßen der Königin niedergelegt. Die Macht, die in dieser Gruppe allein steckte, war atemberaubend. Und Elide … Manon hatte Aelin auf ihrem Weg zurück in die Ruinen etwas darüber zugeflüstert, dass Anneith über Elide wache. Über sie wache, so wie andere Götter über den Rest von ihnen zu wachen schienen. Lorcan betrat die Ruinen, Rowan an seiner Seite. Fenrys, Gavriel und Aedion kamen näher, die Hände auf ihren Schwertern, die Körper immer noch summend vor Anspannung, da sie Lorcan nicht aus den Augen ließen. Vor allem Maeves Krieger. Ein weiterer Ring der Macht. Lorcan – Lorcan, von Hellas persönlich gesegnet, hatte Rowan ihm auf der Fahrt zu den Dead Islands erzählt. Hellas, Gott des Todes. Der mit Anneith hierhergereist war, seiner Gefährtin. Die Härchen auf Dorians Armen stellten sich auf. Nachfahren – jeder von ihnen war von einem anderen Gott berührt, jeder von ihnen war auf subtile, stille Art hierhergeführt worden. Es war kein Zufall. Konnte keiner sein. Manon bemerkte, dass er einige Schritte entfernt stand, sah die Wachsamkeit in seinen Zügen und löste sich aus dem Kreis der sich leise unterhaltenden Frauen, um zu ihm hinüberzugehen. »Was ist?« Dorian biss sich auf die Lippen. »Ich habe ein mieses Gefühl bei dieser Sache.« Er wartete darauf, dass sie es abtat, sich über ihn lustig machte, aber Manon sagte nur: »Erklärt mir das.« Er öffnete den Mund, aber Aelin stieg jetzt auf das Podest. Das Schloss – das Schloss, das die Wyrdschlüssel bannen würde, sollte es Aelin erlauben, sie zurück in ihr Tor zu tun. Dank Kaltain und dank Elide brauchten sie nur noch einen einzigen weiteren Schlüssel. Wo immer Erawan ihn aufbewahrte. Aber an dieses Schloss heranzukommen … Rowan war sofort an der Seite der Königin, als sie in die Truhe spähte. Langsam schaute sie wieder zu ihnen hinüber. Schaute Manon an. »Komm hier hoch«, sagte die Königin mit nervenaufreibend ruhiger Stimme. Manon weigerte sich klugerweise nicht. »Dies ist weder der richtige Ort noch die richtige Zeit, um das zu erforschen«, meinte Rowan zu der Königin. »Wir schaffen ihn zurück zum Schiff und untersuchen ihn dort.« Aelin murmelte ihre Zustimmung, aber ihr Gesicht war bleich. Manon fragte die beiden: »War das Schloss überhaupt jemals hier?« »Ich weiß es nicht.« Dorian hatte Aelin diese Worte noch nie aus sprechen hören. Es reichte, dass er durch Wasser planschend die Stufen hinaufstapfte und tropfend hineinspähte. Da war kein Schloss. Nicht in der Form, wie sie es erwartet hatten, nicht in der Form, wie es der Königin versprochen und wie sie angewiesen worden war, es zu finden. Die steinerne Truhe enthielt nur einen einzigen Gegenstand: einen großen, in Eisen eingefassten Spiegel, die Oberfläche beinahe golden vom Alter, gefleckt und mit Schmutz bedeckt. Und in dem gewundenen, aufwendig verzierten Rahmen, in dessen rechter oberer Ecke … Das Auge Elenas eingeritzt. Ein Hexensymbol. »Was zum Teufel ist das?«, fragte Aedion scharf von den Stufen weiter unten. Es war Manon, die antwortete und die finster dreinblickende Königin von der Seite ansah: »Es ist ein Hexenspiegel.« »Ein was?«, fragte Aelin. Die anderen drängten näher heran. Manon klopfte mit einem Fingernagel auf den steinernen Rand der Truhe. »Als du Yellowlegs getötet hast, hat sie dir da irgendeinen Hinweis darauf gegeben, warum sie dort war, was sie von dir oder dem früheren König wollte?« Dorian forschte in seinem Gedächtnis und fand nichts. »Nein.« Aelin sah ihn fragend an, aber Dorian schüttelte ebenfalls den Kopf. Sie fragte die Hexe: »Weißt du, warum sie dort war?« Ein kaum merkliches Nicken. Ein Hauch von Zögern. Dorian wappnete sich. »Yellowlegs war dort, um sich mit dem König zu treffen – um ihm zu zeigen, wie ihre magischen Spiegel funktionieren.« »Ich habe die meisten von ihnen zertrümmert«, erklärte Aelin und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was immer du zertrümmert hast, waren billige Tricks und Kopien. Ihre wahren Hexenspiegel … die kann man nicht zerbrechen. Zumindest nicht mühelos.« Dorian überkam ein schreckliches Gefühl, wohin dies noch führen könnte. »Was können sie tun?« »Man kann darin die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart sehen. Man kann zwischen Spiegeln sprechen, wenn jemand den Schwesterspiegel besitzt. Und dann gibt es da noch die seltenen silbernen.« Manon senkte die Stimme. Dorian fragte sich, ob diese Geschichten selbst bei den Blackbeaks nur flüsternd an ihren Lagerfeuern erzählt wurden. »Andere Spiegel verstärken und enthalten Explosionen roher Macht, die entfesselt werden können, wenn der Spiegel auf irgendetwas gerichtet wird.« »Eine Waffe«, murmelte Aedion, was ihm ein Nicken von Manon eintrug. Der General musste sich die Dinge ebenfalls zusammengereimt haben, denn er kam Dorian mit der nächsten Frage zuvor. »Yellowlegs hat sich wegen dieser Waffen mit ihm getroffen, nicht wahr?« Manon schwieg so lange, dass er wusste, dass Aelin sie gleich bedrängen würde. Aber Dorian warf ihr einen warnenden Blick zu. Also schwieg sie. Sie schwiegen alle. Schließlich sagte die Hexe: »Sie haben die ganze Zeit über Türme gebaut. Riesige Türme, doch so konzipiert, dass sie über Schlachtfelder geschleppt werden können, ausgekleidet mit diesen Spiegeln. Damit Erawan sie mit seinen Kräften benutzen kann – um eure Armeen mit einigen wenigen Schlägen einzuäschern.« Aelin schloss die Augen. Rowan legte ihr eine Hand auf die Schulter. Dorian fragte: »Ist dies …« Er deutete auf die Truhe und den Spiegel darin. »Ist dies einer der Spiegel, den sie zu benutzen planen?« »Nein«, antwortete Manon und betrachtete den Hexenspiegel in der Truhe. »Was immer dieser Spiegel ist … ich bin mir nicht sicher, wozu er bestimmt war. Was er überhaupt bewirken kann. Aber er ist gewiss nicht dieses Schloss, nach dem ihr gesucht habt.« Aelin fischte Elenas Auge aus ihrer Tasche, wog es in der Hand und schnaufte. »Von mir aus reicht es jetzt für heute.« *** Meile um Meile trugen die Fae mit vereinten Kräften den Spiegel. Rowan und Aedion drängten Manon, ihnen Einzelheiten über diese Hexentürme zu erzählen. Zwei waren bereits fertiggestellt worden, aber sie wusste nicht, wie viele andere erbaut wurden. Sie befanden sich in der Ferianschlucht, aber es gab möglicherweise anderswo noch mehr. Nein, sie wusste nicht, wie sie transportiert wurden. Wusste nicht, wie viele Hexen auf einen Turm kamen. Aelin verstaute ihre Worte in irgendeinem tiefen, stillen Teil in sich. Sie würde dem morgen auf den Grund gehen – nachdem sie geschlafen hatte. Würde auch diesen verdammten Hexenspiegel morgen austüfteln. Ihre Macht war erschöpft. Zum ersten Mal seit Tagen schlummerte es jetzt in diesem Abgrund von Magie. Sie könnte eine Woche lang schlafen. Einen Monat. Jeder Schritt durch diese Sümpfe, zurück zu den drei wartenden Schiffen, war eine Anstrengung. Lysandra erbot sich regelmäßig, sich in ein Pferd zu verwandeln und sie zu tragen, aber Aelin lehnte ab. Die Gestaltwandlerin war ebenfalls erschöpft. Sie waren es alle. Sie wollte mit Elide reden, wollte nach so vielen Dingen aus diesen Jahren fragen, die sie getrennt gewesen waren, aber … die Erschöpfung, die an ihr zehrte, machte es fast unmöglich zu sprechen. Sie wusste, welche Art von Schlaf lockte – der tiefe, erholsame Schlummer, den ihr Körper verlangte, nachdem sie zu viel Magie verbraucht hatte, nachdem sie zu lange an ihrer Magie festgehalten hatte. Also sprach Aelin kaum mit Elide und überließ es der jungen Dame, sich auf ihrem eiligen Weg zur Küste auf Lorcan zu stützen. Während sie den Spiegel mit sich schleppten. Es gab immer noch zu viele Geheimnisse um Elena und Brannon und ihren lang vergangenen Krieg. Hatte dieses Schloss jemals existiert? Oder war der Hexenspiegel das Schloss? Zu viele Fragen mit zu wenigen Antworten. Sie würde es herausbekommen. Sobald sie wieder in Sicherheit waren. Sobald sie Gelegenheit hatte zu schlafen. Sobald … alles andere sich zusammenfügte. Also trotteten sie ohne Rast durch die Sümpfe. Es war Lysandra, die es mit ihren Leopardensinnen wahrnahm, eine halbe Meile von dem weißen Sandstrand und dem ruhigen, grauen Meer dahinter entfernt, auf das ein Wall aus grasbewachsenen Sanddünen ihnen die Sicht versperrte. Alle hatten ihre Waffen gezückt, als sie die Düne hinaufkrochen und der Sand unter ihnen wegrutschte. Rowan verwandelte sich nicht – der einzige Beweis seiner absoluten Erschöpfung, den er hatte erkennen lassen. Er schaffte es als Erster auf den Hügel hinauf. Zog sein Schwert von seinem Rücken. Aelin brannte die Kehle, als sie neben ihm innehielt. Gavriel und Fenrys legten den Spiegel sanft ab. Weil hundert graue Segel sich vor ihnen ausbreiteten und ihre eigenen Schiffe umzingelten. Sie erstreckten sich zum westlichen Horizont, vollkommen still, abgesehen von den Männern, die sie an Bord kaum erkennen konnten. Schiffe aus dem Westen, aus dem Golf von Oro. Melisandes Flotte. Und am Strand wartete auf sie … eine Gruppe von zwanzig Kriegern, geführt von einer Frau in einem grauen Umhang. Lysandra fuhr ihre Krallen aus und knurrte leise. Lorcan schob Elide hinter sich. »Wir ziehen uns in die Sümpfe zurück«, sagte er zu Rowan, dessen Gesicht versteinert war, als er die Gruppe am Strand und die hinter ihr lauernde Flotte musterte. »Wir können ihnen davonlaufen.« Aelin schob die Hände in ihre Taschen. »Sie werden nicht angreifen.« Lorcan höhnte: »Das vermutest du aufgrund deiner langjährigen Kriegserfahrung?« »Pass auf, was du sagst«, knurrte Rowan. »Das ist doch absurd«, zischte Lorcan und wandte sich ab, als wollte er Elide packen, die mit bleichem Gesicht an seiner Seite stand. »Unsere Reserven sind erschöpft …« Lorcan wurde von einer papierdünnen Wand aus Feuer daran gehindert, sich Elide über eine Schulter zu werfen. Das war ungefähr alles, was Aelin heraufbeschwören konnte. Und von Manon mit ihren Eisennägeln, die sich vor ihm aufbaute und knurrte: »Ihr bringt Elide nirgendwohin. Nicht jetzt, niemals.« Lorcan richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Und bevor sie mit ihrem Gezanke alles kaputt machen konnten, legte Elide behutsam eine Hand auf Lorcans Arm – seine Hand hatte sich um den Griff seines Schwerts geschlossen. »Dies habe ich gewählt, Manon.« Manon warf nur einen Blick auf Elides Hand. »Wir sprechen später darüber.« Allerdings. Aelin musterte Lorcan. »Geh und brüte anderswo weiter.« Die Frau in dem Umhang am Strand kam jetzt zusammen mit ihren Soldaten auf sie zu. Lorcan brummte: »Es ist nicht vorbei, diese Angelegenheit zwischen uns.« Aelin lächelte schwach. »Denkst du, ich wüsste das nicht?« Aber Lorcan tigerte zu Rowan hinüber und seine dunkle Macht flackerte, wogte hinaus über die Wellen wie ein stummer Donnerschlag. Er nahm eine defensive Haltung ein. Aelin schaute zu ihrem Prinzen mit dem steinernen Gesicht, dann zu Aedion. Schwert und Schild ihres Cousins waren kampfbereit. Sie wandte sich den anderen zu. »Lasst uns Hallo sagen gehen.« Rowan zuckte zusammen. »Aelin …« Aber sie stolzierte bereits die Düne hinunter und tat ihr Bestes, in dem trügerischen Sand nicht auszurutschen und den Kopf hocherhoben zu halten. Die Nerven der anderen, die hinter ihr herkamen, lagen blank, aber ihre Atmung blieb gleichmäßig – sie waren auf alles gefasst. Die Soldaten trugen schwere, abgewetzte graue Rüstungen, ihre Gesichter waren rau und vernarbt und sie taxierten sie, als sie auf dem Strand ankamen. Fenrys knurrte einen von ihnen an und der Mann wandte den Blick ab. Aber die Frau im Umhang zog ihre Kapuze zurück, als sie sich ihnen mit katzenhafter Anmut näherte und vielleicht drei Meter entfernt stehen blieb. Aelin kannte jede Einzelheit über sie. Wusste, dass sie jetzt zwanzig Jahre alt war. Wusste, dass das halblange, weinrote Haar ihre natürliche Haarfarbe war. Wusste, dass die rostbraunen Augen die einzigen ihrer Art waren, die sie je in irgendeinem Land, bei irgendeinem Abenteuer gesehen hatte. Wusste, dass der Wolfskopf auf dem Knauf des mächtigen Schwerts an ihrer Seite ihr Familienwappen war. Sie kannte die versprengten Sommersprossen, den vollen, lachenden Mund, kannte die trügerisch schlanken Arme, die steinharte Muskeln verbargen, als sie sie nun verschränkte. Dieser volle Mund verzog sich zu einem schwachen Grinsen, als Ansel von Briarcliff, Königin der Wastes, gedehnt fragte: »Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, meinen Namen bei dem Kampf im Pits zu benutzen, Aelin ?« »Ich habe mir selbst die Erlaubnis gegeben, deinen Namen ganz nach Belieben zu benutzen, Ansel , und zwar an dem Tag, an dem ich dein Leben verschont habe, statt dich als Feigling zu erledigen, der du bist.« Das dreiste Grinsen wurde breiter. »Hallo, Miststück«, schnurrte Ansel. »Hallo, Verräterin«, schnurrte Aelin prompt zurück und begutachtete die Armada, die sich vor ihnen erstreckte. »Sieht so aus, als hättest du es doch noch rechtzeitig hergeschafft.« 59 A elin spürte die absolute Fassungslosigkeit ihrer Gefährten, als Ansel sich theatralisch verbeugte, auf die Schiffe hinter ihnen wies und sagte: »Wie gewünscht, deine Flotte.« Aelin schnaubte. »Deine Soldaten haben aber schon mal bessere Tage gesehen.« »Oh, so sehen sie immer aus. Ich habe immer wieder versucht, sie dazu zu bringen, auf ihre äußere Erscheinung ebenso viel Wert zu legen wie auf die Entwicklung ihrer inneren Schönheit, aber … du weißt ja, wie Männer sind.« Aelin lachte. Selbst als sie spürte, dass die Fassungslosigkeit ihrer Gefährten sich in etwas Rotglühendes verwandelte. Manon trat vor und die Meeresbrise peitschte ihr Strähnen ihres weißen Haars ums Gesicht. An Aelin gewandt sagte sie: »Melisandes Flotte untersteht Morath. Du könntest ebenso gut ein Bündnis mit Erawan unterzeichnen, wenn du mit dieser … Person zusammenarbeitest.« Beim Anblick der eisernen Zähne und Nägel wich alle Farbe aus Ansels Gesicht. Und Aelin erinnerte sich an die Geschichte, die ihr die zur Königin gewordene Assassinin einst erzählt hatte, ihr auf einer Wüstendüne unter einem Teppich aus Sternen zugeflüstert hatte. Eine Kindheitsfreundin war bei lebendigem Leib von einer Ironteeth-Hexe gefressen worden. Ansel selbst war nach der Ermordung ihrer Familie verschont geblieben, als sie in ein Lager von Ironteeth-Hexen gestolpert war. Aelin sagte zu Manon: »Sie ist nicht aus Melisande. Die Wastes sind mit Terrasen verbündet.« Aedion zuckte zusammen und musterte jetzt die Schiffe und die Frau, die vor ihnen stand. »Wer ist sie, dass sie für die Wastes spricht?«, bemerkte Manon Blackbeak mit einer Stimme, die klang wie der Tod. Oh, bei allen Göttern. So gleichgültig wie möglich stellte Aelin die beiden Frauen einander vor. »Manon Blackbeak, Erbin des Blackbeak-Hexenklans und letzte Königin der Crochan, dies ist Ansel von Briarcliff, Assassinin und Königin der Western Wastes.« *** In Manons Kopf brüllte es, als sie zurück zu ihrem Schiff ruderten. Sie würde das rothaarige Miststück umbringen. Langsam. Sie blieben stumm, bis sie das hoch aufragende Schiff erreichten und dann seine Seite erklommen. Keine Spur von Abraxos. Manon suchte den Himmel ab, die Flotte, das Meer. Keine Schuppe in Sicht. Der Zorn in ihren Eingeweiden verknotete sich zu etwas anderem, etwas Schlimmerem, und sie machte einen Schritt auf den rotgesichtigen Kapitän zu, um Antworten zu verlangen. Aber Aelin vertrat ihr beiläufig den Weg und schenkte ihr das Lächeln einer Natter, als sie zwischen Manon und der rothaarigen jungen Frau hin und her schaute, die jetzt am Treppenpfosten lehnte. »Ihr zwei solltet später ein wenig miteinander plaudern.« Manon stürmte um sie herum. »Ansel von Briarcliff spricht nicht im Namen der Wastes.« Wo war Abraxos … »Aber du tust es?« Hatte sie sich irgendwie in den Plänen von Aelin verheddert? Wie auch immer diese Pläne aussehen mochten? Das musste sich Manon nun fragen. Vor allem da sie sich gezwungen sah, wieder innezuhalten, sich zu der feixenden Königin umzudrehen und ihr zu antworten. »Ja, das tue ich.« *** Selbst Rowan blinzelte, als er Manon Blackbeaks Ton hörte – eine Stimme, die nicht die einer Hexe oder Kriegerin oder eines Raubtiers war. Sondern die einer Königin. Die Stimme der letzten Crochan-Königin. Rowan verfolgte den potenziell explosiven Streit, der sich zwischen Ansel von Briarcliff und Manon Blackbeak anbahnte. Er erinnerte sich an alles, was Aelin ihm über Ansel erzählt hatte – den Verrat, als die beiden Frauen in der Wüste trainiert hatten, den Kampf auf Leben und Tod, an dessen Ende Aelin die rothaarige Frau verschont hatte. Sie schuldete ihr das Leben. Und Aelin hatte diese Schuld eingefordert. Von ihrem Platz auf der Treppe des Achterdecks aus wandte Ansel sich mit ihrer lässigen Arroganz, die vollkommen erklärte, warum sie und Aelin treue Freundinnen geworden waren, gedehnt an Manon. »Tja, soweit ich weiß, haben sich weder die Crochan-Hexen noch die Ironteeth-Hexen die Mühe gemacht, sich um die Wastes zu kümmern. Ich würde mal sagen, dass ich – als jemand, der die Leute dort in den vergangenen zwei Jahren ernährt und sie beschützt hat – durchaus für sie sprechen darf. Und entscheiden darf, wem wir helfen und wie wir das tun.« Ansel grinste Aelin an, als würde die Hexe nicht gerade auf ihre Kehle starren, begierig, sie mit ihren eisernen Zähnen aufzureißen. »Du und ich, wir wohnen schließlich Tür an Tür. Es wäre unter Nachbarn unfreundlich von mir, nicht zu helfen.« »Erklärt mir das«, sagte Aedion gepresst. Sein Herzschlag donnerte so laut, dass Rowan ihn hören konnte. Das erste Wort, das der General geäußert hatte, seit Ansel ihre Kapuze zurückgeschlagen hatte. Seit Aelins kleine Überraschung am Strand auf sie gewartet hatte. Ansel neigte den Kopf und das seidige, rote Haar fing das Licht auf. Seine Farbe erinnerte Rowan an kräftigen, dunklen Rotwein. Genauso, wie Aelin es einst beschrieben hatte. »Nun, vor einigen Monaten habe ich mich in den Wastes ganz um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert, als ich aus heiterem Himmel eine Nachricht bekam. Von Aelin. Sie schickte mir aus Rifthold eine unmissverständliche Nachricht. Grubenkampf .« Sie kicherte und schüttelte den Kopf. »Und ich wusste, dass ich mich bereit machen musste. Um meine Armee an den Rand der Anascaul Mountains zu verlegen.« Aedion stockte der Atem. Nur Jahrhunderte des Trainings verhinderten, dass Rowan das Gleiche passierte. Seine früheren Waffenbrüder blieben unerschütterlich hinter ihnen stehen. Auf Blutvergießen vorbereitet – oder darauf, sich ihren Weg daraus freizukämpfen. Ansel lächelte, ein gewinnendes Grinsen. »Die Hälfte der Streitkräfte ist jetzt auf dem Weg dorthin. Bereit, sich Terrasen anzuschließen. Das Land meiner Freundin Celaena Sardothien, die es nie vergessen hat, selbst als sie in der Red Desert war; die nicht aufgehört hat, in jeder Nacht, in der sie die Sterne sehen konnte, nach Norden zu blicken. Es gab kein größeres Geschenk, das ich anbieten konnte, um meine Schuld bei ihr zu begleichen, als das Königreich zu retten, das sie nicht vergessen hat. Und das war, bevor ich vor einigen Monaten ihren Brief bekam, in dem sie mir schrieb, wer sie war und dass sie mich aufschlitzen würde, wenn ich ihr bei ihrer Sache nicht helfen würde. Ich war mit meiner Armee schon unterwegs, aber dann kam der nächste Brief. Ich solle zum Golf von Oro kommen, stand darin, um sie hier zu treffen und dabei speziellen Anweisungen zu folgen.« Aedion riss den Kopf zu Aelin herum, und noch immer glänzte von der Überfahrt vom Strand zum Schiff Salzwasser auf seiner gebräunten Haut. »Die Botschaften, die du von Ilium aus …« Aelin wedelte träge mit einer Hand in Ansels Richtung. »Lass die Frau ausreden.« Ansel schlenderte zu Aelin und hakte sie unter. Sie grinste teuflisch. »Ich nehme an, Ihr wisst alle, wie tyrannisch Ihre Majestät ist. Aber ich habe die Anweisungen befolgt. Ich habe die andere Hälfte meiner Armee mitgebracht, als ich nach Süden abgeschwenkt bin, und wir sind durch die White Fangs und nach Melisande hineinmarschiert. Dessen Königin hat angenommen, wir wären erschienen, um Hilfe anzubieten. Sie hat uns einfach durch ihre Tore gelassen.« Rowan hielt den Atem an. Ansel stieß einen scharfen Pfiff aus und auf dem nächstliegenden Schiff erklangen Hufgeklapper und Wiehern. Und dann tauchte ein Asterionpferd auf. Das Pferd war wie ein fleischgewordener Sturm. Rowan konnte sich nicht erinnern, wann er Aelin das letzte Mal mit solch purem Entzücken hatten strahlen sehen, als sie hauchte: »Kasida.« »Weißt du«, fuhr Ansel fort, »dass mir das Plündern ziemlichen Spaß macht? Da Melisandes Truppen im Auftrag Moraths so weit verstreut sind, hatte sie wirklich keine andere Wahl, als zu kapitulieren. Obwohl es sie besonders wütend gemacht hat, dass ich das Pferd eingefordert habe. Ihre Laune wurde auch nicht besser, als ich sie aus ihrem Kerker geholt habe, um ihr zu zeigen, dass Terrasens Flagge jetzt neben meinem Wolf an ihrem verdammten Haus flattert.« »Was?«, platzte Aedion heraus. Aelin und Ansel sahen die anderen mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dorian stolperte bei Ansels Worten einen Schritt nach vorn und die Königin der Wastes warf ihm einen Blick zu, der sagte, dass sie gern ihn plündern würde. Ansel deutete mit einer weit ausholenden Geste auf die Schiffe um sie herum. »Melisandes Flotte ist jetzt unsere Flotte. Und seine Hauptstadt ist jetzt auch unsere.« Sie nickte Aelin zu. »Gern geschehen.« Manon Blackbeak brach in Gelächter aus. *** Aedion wusste nicht, auf wen er wütender war: Aelin, weil sie ihm weder von Ansel von Briarcliff erzählt hatte noch von der gottverdammten Armee, der sie still und leise den Befehl gegeben hatte, Melisande zu erobern und seine Flotte zu übernehmen, oder auf sich selbst, weil er ihr nicht vertraut hatte. Weil er verlangt hatte zu wissen, wo ihre Verbündeten seien, weil er in diesen Augenblicken vor dem Angriff der Ilken alles Mögliche angedeutet hatte. Sie hatte es einfach hingenommen. Als Ansels Worte zu der Gruppe durchdrangen, die immer noch auf dem Hauptdeck versammelt war, sagte seine Cousine leise: »Melisande wollte Morath dabei unterstützen, den Norden und den Süden zu spalten. Ich habe diese Stadt nicht des Ruhmes wegen oder als bloße Eroberung eingenommen, aber ich werde nicht zulassen, dass sich irgendetwas zwischen mich und meinen Sieg über Morath stellt. Melisande wird jetzt endgültig verstehen, welchen Preis ein Bündnis mit Erawan hat.« Er versuchte, nicht entrüstet zu sein. Er war ihr General und Prinz. Rowan war ihr offizieller königlicher Gemahl. Jedenfalls so gut wie. Und doch hatte sie ihnen dies nicht anvertraut. Er hatte die Wastes als Verbündete nicht einmal in Betracht gezogen. Vielleicht war das genau der Grund gewesen. Er hätte ihr gesagt, dass sie sich die Mühe sparen könne. Aedion bemerkte zu Ansel: »Melisande hat sicher längst Nachricht an Morath geschickt. Seine eigenen Armeen sind zweifellos in die Hauptstadt zurückgeeilt. Schafft Eure verbliebenen Männer wieder über die Fangs. Wir können die Armada von hier aus anführen.« Ansel sah Aelin an, die zustimmend nickte. Dann fragte ihn die Königin der Wastes: »Und anschließend marschieren wir nach Norden, nach Terrasen, und überqueren die Berge bei den Anascaulpässen?« Aedion nickte nur einmal knapp zur Bestätigung und überlegte bereits, wo er ihre Männer stationieren würde, wem in seiner Bane er das Kommando über sie geben würde. Ohne Ansels Männer kämpfen gesehen zu haben … Aedion ging auf die Treppe zum Achterdeck zu und hielt sich nicht damit auf, um Erlaubnis zu bitten. Aber Aelin brachte ihn mit einem Räuspern zum Stehen. »Rede mit Ansel, bevor sie morgen früh aufbricht. Besprich mit ihr, wohin sie ihre Armee bringen soll, sobald sie wieder vereint ist.« Er nickte nur und ging weiter die Stufen hinauf, ohne den besorgten Blick seines Vaters zu beachten. Die anderen zerstreuten sich schließlich und Aedion war es egal, wohin sie gingen, Hauptsache er hatte ein paar Minuten für sich allein. Er lehnte sich an die Reling, spähte ins Meer hinab, das gegen die Seite des Schiffes plätscherte, und versuchte, die Männer auf den umliegenden Schiffen nicht wahrzunehmen, die ihn und seine Gefährten anstarrten. Einige ihrer getuschelten Worte drangen über das Wasser zu ihm. Der Wolf des Nordens; General Ashryver. Einige erzählten Geschichten – größtenteils komplette Lügen, einige immerhin nah an der Wahrheit. Aedion ließ die Geräusche mit dem Schmettern und Zischen der Wellen verschmelzen. Ihr ständig sich verändernder Duft erreichte ihn und etwas löste sich in seiner Brust. Löste sich noch ein wenig mehr beim Anblick ihrer schlanken, goldenen Arme, die sie neben ihm auf die Reling stützte. Lysandra schaute sich um, wo die Hexe und Elide – bei allen Göttern, Elide – am Vormast saßen und sich leise unterhielten. Wahrscheinlich erzählten sie sich von ihren jeweiligen Abenteuern, seit ihre Wege sich getrennt hatten. Die Armada würde nicht vor dem Morgen lossegeln, hatte er den Kapitän sagen hören. Er glaubte nicht, dass es daran lag, dass Aelin abwartete, ob das verschwundene Reittier der Schwarmführerin zurückkehren würde. »Wir sollten nicht länger hierbleiben«, bemerkte Aedion, der jetzt zum nördlichen Horizont schaute. Die Ilken waren aus dieser Richtung gekommen – und wenn die sie so mühelos gefunden hatten … Selbst mit einer Armada um sie herum … »Wir haben zwei Schlüssel und das Schloss bei uns – oder was immer dieser verfluchte Hexenspiegel wirklich ist. Die Flut ist günstig. Wir sollten aufbrechen.« Lysandra warf ihm einen scharfen Blick zu. »Mach das mit Aelin ab.« Aedion musterte sie von Kopf bis Fuß. »Was nagt denn an dir?« Sie war während der vergangenen Tage distanziert gewesen. Aber jetzt konnte er praktisch dabei zugucken, wie die Maske der einstigen Kurtisane sich vor ihr Gesicht schob, während sie ihre Augen heller zu strahlen zwang und ihren Mund, weicher zu werden. »Nichts. Ich bin einfach müde.« Irgendetwas an der Art, wie sie zum Meer schaute, machte ihn stutzig. Behutsam sagte Aedion: »Wir haben uns unseren Weg quer über den Kontinent erkämpft. Selbst nach zehn Jahren kostet es mich immer noch Kraft. Nicht nur körperlich, sondern – in meinem Herzen.« Lysandra strich mit einem Finger über das glatte Holz der Reling. »Ich dachte … es schien alles ein großes Abenteuer zu sein. Selbst als die Gefahr so schrecklich war, war sie trotzdem neu und ich war nicht länger eingesperrt in Kleider und Schlafzimmer. Aber an dem Tag in Skull’s Bay war das vorbei. Jetzt geht es ums Überleben. Und ein paar von uns werden es vielleicht nicht schaffen.« Ihre Lippen zitterten ein wenig. »Ich hatte nie Freunde – nicht so wie jetzt. Und heute an diesem Strand, als ich diese Flotte sah und dachte, sie gehörte unserem Feind … einen Moment lang habe ich mir gewünscht, ich hätte keinen von euch je getroffen. Denn der Gedanke daran, dass einer von euch …« Sie holte tief Luft. »Wie machst du das? Wie hast du gelernt, mit deiner Bane ein Schlachtfeld zu betreten und nicht vor Entsetzen zusammenzubrechen, weil vielleicht nicht alle dieses Schlachtfeld lebend verlassen werden?« Aedion lauschte auf jedes Wort, schätzte jeden bebenden Atemzug ab. Und er sagte schlicht: »Man hat keine andere Wahl, als zu lernen, sich dem zu stellen.« Er wünschte, sie müsste nicht über solche Dinge nachdenken, müsste nicht eine solche Last auf den Schultern tragen. »Die Angst vor Verlust kann dich ebenso sehr vernichten wie der Verlust selbst.« Endlich schaute Lysandra ihn an. Diese grünen Augen – die Traurigkeit in ihnen traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Es kostete ihn Mühe, nicht die Hand nach ihr auszustrecken. Doch sie sagte: »Ich glaube, das werden wir uns in den kommenden Zeiten beide ins Gedächtnis rufen müssen.« Er nickte und seufzte. »Und die Zeit genießen, die uns bleibt.« Sie warf ihm unter gesenkten Lidern einen Seitenblick zu. »Ich genieße es tatsächlich, weißt du. Dies – was immer es ist.« Sein Herz hämmerte in einem donnernden Rhythmus. Aedion rang mit sich. Sollte er sich vorsichtig verhalten oder nicht? Er brauchte drei Atemzüge, um sich zu entscheiden. Am Ende wählte er seine gewohnte Methode, die ihm sowohl auf dem Schlachtfeld wie abseits davon gute Dienste geleistet hatte: einen gezielten direkten Angriff, mit genug offe ner Arroganz gespickt, um seinen Gegner zu überrumpeln. »Was immer dies ist«, wiederholte er mit einem schiefen Lächeln, »zwischen uns ?« Lysandra wurde tatsächlich defensiv und offenbarte ihr Blatt. »Ich weiß, dass meine Vergangenheit … nicht sehr reizvoll ist.« »Sprich nicht weiter«, wandte Aedion ein und wagte es, einen Schritt näher zu treten. »Es gibt nichts an dir, was nicht reizvoll ist. Nichts. Ich bin mit genauso vielen Leuten zusammen gewesen. Frauen, Männern … ich habe alles gesehen und ausprobiert.« Sie sah ihn ungläubig an. Aedion zuckte die Achseln. »Ich finde Vergnügen an beidem, je nach meiner Laune und der Person.« Einer seiner ehemaligen Geliebten war noch immer einer seiner engsten Freunde – und einer seiner tüchtigsten Kommandanten in der Bane. »Anziehung ist Anziehung.« Er stählte seinen Mut. »Und ich weiß genug darüber, um zu verstehen, was du und ich …« Etwas machte in ihren Augen dicht und die Worte entglitten ihm. Zu früh. Zu früh für diese Art von Gespräch. »Wir werden es herausfinden. Keine Forderungen aneinander stellen, außer Ehrlichkeit.« Das war das Einzige, was er erbitten mochte. Es war nicht mehr, als er von einem Freund erwarten würde. Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ja«, hauchte sie. »Lass uns damit anfangen.« Er wagte sich einen weiteren Schritt näher und es kümmerte ihn nicht, wer sie auf dem Deck oder in der Takelage oder in der Armada um sie herum beobachtete. Röte erblühte auf diesen wunderschönen Wangenknochen und er musste sich beherrschen, nicht mit einem Finger und dann mit dem Mund darüberzustreichen. Ihre Haut zu kosten. Aber er würde sich Zeit lassen. Jeden Moment genießen, wie er es ihr geraten hatte. Denn dies würde seine letzte Jagd sein. Er hatte nicht die Absicht, jeden einzelnen herrlichen Augenblick auf einmal zu verschwenden. Irgendeinen der Augenblicke zu verschwenden, die das Schicksal ihm gewährt hatte, und alle die, die er noch mit ihr haben wollte. Jeden Fluss und Wald und jeden See in Terrasen wollte er ihr zeigen. Er wollte Lysandra lachend bei den herbstlichen Kreistänzen sehen; im Frühling Bänder um die Maibäume wickelnd; und mit großen Augen den uralten Geschichten von Kriegen und Geistern lauschend, wenn sie vor den tosenden Winterfeuern in den Berghallen saßen. Alles. Er würde ihr alles zeigen. Und er würde immer wieder auf diese Schlachtfelder ziehen, um dafür zu sorgen, dass er es konnte. Also lächelte Aedion Lysandra an und streifte ihre Hand mit seiner. »Ich bin froh, dass wir uns ausnahmsweise einmal einig sind.« 60 A elin und Ansel stießen über dem langen, zerkratzten Tisch in der Kombüse mit Weinflaschen an und nahmen einen großzügigen Schluck. Sie wollten morgen beim ersten Tageslicht lossegeln. Nach Norden – zurück nach Norden. Nach Terrasen. Aelin stützte die Unterarme auf den glitschigen Tisch. »Auf dramatische Auftritte.« Lysandra, in Leopardengestalt auf der Bank zusammengerollt, den Kopf auf Aelins Schoß gebettet, stieß ein kleines, katzenhaftes Lachen aus. Ansel blinzelte staunend. »Und, was jetzt?« »Es wäre schön«, brummte Aedion vom anderen Ende des Tisches, von wo aus er und Rowan sie anfunkelten, »in wenigstens einen dieser Pläne einbezogen zu werden, Aelin.« »Aber ihr macht so wunderbare Gesichter, wenn ich diese Pläne dann irgendwann enthüllen darf«, gurrte Aelin. Er und Rowan knurrten. Oh, sie wusste, dass sie stinksauer waren, so stinksauer darüber, dass sie ihnen nichts von Ansel erzählt hatte. Aber der Gedanke, sie zu enttäuschen, zu versagen … sie hatte dies allein tun wollen. Rowan meisterte seinen Ärger anscheinend genügend, um Ansel zu fragen: »Waren keine Ilken oder Valg in Melisande?« »Willst du andeuten, dass meine Streitkräfte nicht gut genug gewesen wären, um die Stadt einzunehmen, wenn welche da gewesen wären?« Ansel nahm einen ordentlichen Schluck von ihrem Wein und ein Lachen tanzte in ihren Augen. Dorian saß zwischen Fenrys und Gavriel am Tisch und die drei hielten klugerweise den Mund. Lorcan und Elide waren oben an Deck – irgendwo. »Nein, Prinz«, fuhr Ansel fort. »Ich habe die Königin von Melisande nach der offensichtlichen Abwesenheit der in Morath gezüchteten Gräuel gefragt und nach einiger Überredung hat sie mir gestanden, dass es ihr durch List und Intrigen gelungen sei, Erawans Krallen von sich fernzuhalten. Und von ihren Soldaten.« Aelin richtete sich ein wenig höher auf und wünschte, sie hätte mehr Wein getrunken als nur das Drittel der Flasche, das sie bereits intus hatte, als Ansel hinzufügte: »Wenn dieser Krieg vorüber ist, wird Melisande nicht die Ausrede haben, sich in Erawans Fängen befunden zu haben oder in denen der Valg. Alles, was sie und ihre Armee getan haben, ihre Entscheidung, sich mit ihm zu verbünden, geschah aus freien Stücken.« Ein vielsagender Blick in den dunkelsten Teil der Kombüse, wo Manon Blackbeak ganz allein saß. »Wenigstens hat Melisande noch die Ironteeth, die sich dann gegenseitig bemitleiden können.« Manons eiserne Zähne blitzten in dem fahlen Licht auf. Ihr Wyvern war, seit er fortgezogen war, anscheinend weder gesehen noch gehört worden. Und sie und Elide hatten am Nachmittag an Deck über eine Stunde lang miteinander geredet. Aelin beschloss, ihnen allen einen Gefallen zu tun, und warf ein: »Ich brauche mehr Männer, Ansel. Und ich habe nicht die Fähigkeit, an so vielen Orten gleichzeitig zu sein.« Jetzt merkten alle auf. Ansel stellte die Flasche ab. »Du willst, dass ich noch eine Armee für dich aufstelle?« »Ich will, dass du die verlorenen Crochan-Hexen für mich findest.« Manon fuhr hoch. »Was?« Aelin knibbelte an einem Kratzer auf dem Tisch. »Sie verstecken sich, aber sie sind immer noch dort draußen. Warum sonst sollten die Ironteeth Jagd auf sie machen? Und sie könnten zahlreich sein. Versprich ihnen, die Wastes mit ihnen zu teilen. Du kontrollierst Briarcliff und die halbe Küste. Gib ihnen das Landesinnere und den Süden.« Manon pirschte herbei, Tod in den Augen. »Du hast nicht das Recht, solche Dinge zu versprechen.« Rowans und Aedions Hände schossen zu ihren Schwertern. Aber Lysandra öffnete ein schläfriges Auge, streckte eine Pfote auf der Bank aus und zeigte ihre nadelscharfen Krallen, die jetzt zwischen Manons Schienbeinen und Aelin lagen. Aelin sagte zu Manon: »Ihr könnt das Land nicht halten, nicht mit dem Fluch. Ansel hat es sich verdient, durch Blut und Verluste und ihre eigene Schläue.« »Es ist mein Zuhause, das Zuhause meines Volkes …« »Das war der Preis, nicht wahr? Die Ironteeth bekommen ihr Heimatland zurück und Erawan hat wahrscheinlich versprochen, den Fluch zu brechen.« Als Manon die Augen aufriss, schnaubte Aelin. »Ach – die Alten haben dir das nicht erzählt, wie? Pech. Das ist es, was Ansels Spione aufgeschnappt haben.« Sie musterte die Schwarmführerin. »Wenn du und dein Volk beweisen, dass ihr besser seid als eure Klanmütter, wird in diesem Land auch für euch ein Platz sein.« Manon stolzierte nur zurück zu ihrem Stuhl und funkelte den kleinen Kohleofen der Kombüse an, als könnte sie ihn zufrieren lassen. Ansel murmelte: »So empfindlich, diese Hexen.« Aelin kniff die Lippen zusammen, aber Lysandra stieß ein weiteres kehliges Katzenlachen aus. Manons Nägel klickten auf der anderen Seite des Raums aneinander. Lysandra antwortete bloß mit dem Klicken ihrer Krallen. Aelin bemerkte zu Ansel: »Finde die Crochans.« »Es gibt keine mehr«, schaltete Manon sich wieder ein. »Wir haben sie so lange gejagt, bis wir sie fast ausgerottet haben.« Aelin schaute langsam über eine Schulter. »Was wäre, wenn ihre Königin sie riefe?« »Ich bin ebenso wenig ihre Königin, wie du es bist.« Das würden sie ja noch sehen. Aelin legte eine Hand flach auf den Tisch. »Schicke alles und jeden, den du finden kannst, nach Norden«, sagte sie zu Ansel. »Wegen der heimlichen Einnahme von Melisandes Hauptstadt wird Erawan zumindest stinkig sein, aber wir wollen nicht hier unten festsitzen, wenn Terrasen angegriffen wird.« »Ich glaube, Erawan ist wahrscheinlich schon stinkig zur Welt gekommen.« Nur Ansel, die einst dem Tod ins Gesicht gelacht hatte, als sie über eine Schlucht gesprungen war und Aelin überredet hatte, fast bei dem gleichen Versuch zu sterben, würde einen Valg-König verspotten. Sie fügte hinzu: »Ich werde es tun. Ich weiß nicht, wie erfolgreich die Mission sein wird, aber ich muss ohnehin in den Norden ziehen. Obwohl ich glaube, dass es Hisli das Herz brechen wird, Kasida schon wieder Lebewohl sagen zu müssen.« Es war nicht weiter überraschend, dass es Ansel gelungen war, an Hisli festzuhalten, der Asterionstute, die sie für sich selbst gestohlen hatte. Aber Kasida – oh, Kasida war noch genauso schön, wie Aelin sie in Erinnerung hatte, noch schöner, als sie über eine Laufplanke auf das Schiff gebracht worden war. Aelin hatte die Stute gestriegelt, als sie sie in die engen, feuchten Ställe geführt hatte, und hatte das Pferd mit einem Apfel bestochen, damit es ihr verzieh. Ansel trank direkt aus der Flasche. »Ich habe davon gehört, weißt du. Dass du nach Endovier kamst. Ich war noch dabei, mir meinen Weg zum Thron freizukämpfen und Lord Locks Horde mit den Lords, die ich zusammengeschart hatte, zu bekämpfen, aber … selbst draußen in den Wastes haben wir es gehört, als man dich dorthin geschickt hat.« Aelin knibbelte weiter an dem Tisch und war sich vollauf bewusst, dass die anderen zuhörten. »Es war kein Spaß.« Ansel nickte. »Als ich Loch getötet hatte, musste ich erst mal bleiben, um meinen Thron zu verteidigen, um für mein Volk alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber ich wusste, wenn irgendjemand Endovier überleben konnte, dann würdest du das sein. Im letzten Sommer bin ich aufgebrochen. Ich hatte gerade die Ruhnn Mountains erreicht, als ich die Nachricht bekam, dass du fort warst. In die Hauptstadt gebracht von …« Sie schaute zu Dorian hinüber, der mit versteinertem Gesicht auf der anderen Seite des Tisches saß. »Von ihm. Aber ich konnte nicht nach Rifthold gehen. Es war zu weit entfernt und ich war schon zu lange fort gewesen. Also bin ich umgedreht. Und nach Hause gegangen.« Aelins Worte klangen erstickt. »Du hast versucht, mich rauszuholen?« Das Feuer tauchte Ansels Haar in Rubinrot und Gold. »Es gab keine einzige Stunde, in der ich nicht daran gedacht habe, was ich in der Wüste getan hatte. Wie du nach einundzwanzig Minuten diesen Pfeil abgefeuert hast. Du hattest mir gesagt, du würdest nach zwanzig schießen, selbst wenn ich noch in Reichweite sei. Ich habe mitgezählt; ich wusste, wie viele es waren. Du hast mir eine zusätzliche Minute gegeben.« Lysandra streckte sich und stupste mit dem Maul Ansels Hand an. Sie kraulte die Gestaltwandlerin träge. Aelin sagte: »Du warst mir so ähnlich. Die zusätzliche Minute war genauso sehr für mich wie für dich.« Aelin stieß noch einmal mit Ansel an. »Danke.« Ansel sagte nur: »Bedank dich nicht zu früh.« Aelin straffte sich. Die anderen hörten auf zu essen, ließen ihr Besteck in den Eintopf fallen. »Die Feuer an der Küste wurden nicht von Erawan entzündet«, erklärte Ansel, und ihre rostbraunen Augen flackerten im Laternenlicht. »Wir haben Melisandes Königin und ihre Leutnants verhört, aber es war kein Befehl von Morath.« Aedions leises Knurren verriet ihr, dass sie alle die Antwort kannten, bevor Ansel sie aussprach. »Wir haben einen Bericht erhalten, dass Fae-Soldaten dabei beobachtet wurden, wie sie die Feuer entfacht haben. Dass sie von Schiffen aus geschossen haben.« »Maeve«, murmelte Gavriel. »Aber Feuer ist nicht ihr Stil.« »Es ist meiner«, warf Aelin ein. Alle schauten sie an. Sie stieß ein freudloses Lachen aus. Ansel nickte nur. »Sie hat sie gelegt und dir die Schuld gegeben.« »Zu welchem Zweck?«, fragte Dorian und fuhr sich mit der Hand durch sein blauschwarzes Haar. »Um Aelins Ruf zu schädigen«, sagte Rowan. »Damit sie wie eine Tyrannin dasteht, nicht wie eine Retterin. Wie eine Bedrohung, gegen die man sich zusammentun muss, statt sich mit ihr zu verbünden.« »Maeve spielt das Spiel gut, das muss ich ihr lassen«, gestand Aelin. »Dann hat sie also diese Gestade schon erreicht«, bemerkte Aedion. »Aber wo zur Hölle ist sie?« Die Angst fiel wie ein Stein in Aelins Magen. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, im Norden zu sagen. Anzudeuten, dass Maeve vielleicht jetzt in Richtung auf das wehrlose Terrasen segelte. Ein Blick auf Fenrys und Gavriel zeigte ihr, dass sie bereits den Kopf schüttelten, eine stumme Antwort auf Rowans eindringlichen Blick. »Wir brechen bei Tagesanbruch auf.« Aelins Entschluss stand fest. *** Im fahlen Licht ihrer Kabine zog Rowan eine Stunde später eine Linie über die Karte, die mitten auf dem Boden ausgebreitet lag, dann eine zweite Linie daneben und noch eine dritte. Drei Linien, in ungefähr gleichem Abstand zueinander, mit breiten Streifen dazwischen. Aelin, die neben ihm stand, studierte sie. Rowan zog einen Pfeil von der Linie ganz links zu der in der Mitte und sagte leise, damit die anderen in den angrenzenden Räumen oder im Flur es nicht hören konnten: »Ansel und ihre Armee schlagen von den westlichen Bergen aus zu.« Ein weiterer Pfeil von rechts außen nach innen – zu der Linie ganz rechts. »Rolfe, die Mykiner und diese Armada greifen von der östlichen Küste aus an.« Ein Pfeil, der nach unten in den rechten Bereich seiner kleinen Zeichnung zeigte, wo die beiden anderen Pfeile sich treffen würden. »Die Bane und die andere Hälfte von Ansels Armee fegen von oben in die Mitte, von den Staghorns aus ins Herz des Kontinents, und alle zusammen treffen in Morath aufeinander.« Seine Augen waren wie grünes Feuer. »Du hast die ganze Zeit über die Armeen in Stellung gebracht.« »Ich brauche mehr Soldaten«, antwortete sie. »Und ich brauche mehr Zeit.« Er runzelte die Stirn. »Und in welcher Armee wirst du kämpfen?« Einer seiner Mundwinkel zuckte in die Höhe. »Ich nehme an, es wird mir nicht gelingen, dich zu überreden, hinter den Linien zu bleiben.« »Du bist klug genug, das nicht einmal zu versuchen.« »Wo wäre auch der Spaß, wenn ich all den Ruhm einheimsen würde, während du auf deinem Hintern sitzt? Ich würde dir noch ewig damit in den Ohren liegen.« Sie schnaubte und betrachtete die anderen Karten, die sie auf dem Boden ihrer Kabine ausgebreitet hatten. Gemeinsam bildeten sie einen behelfsmäßigen Überblick über ihre Welt – nicht nur über den Kontinent, sondern auch über die Länder jenseits davon. Aelin stand über der Karte, als könnte sie diese Armeen dort ausfindig machen, sowohl in der Nähe als auch in der Ferne. Rowan, der noch auf dem Boden kniete, sah auf die Welt zu ihren Füßen. Und sie begriff, dass sie ihr tatsächlich zu Füßen lag – wenn sie diesen Krieg gewann, den Kontinent zurückgewann. Aelin begutachtete die vor ihr ausgebreitete Welt, die ihr einst so riesig erschienen war und die jetzt zu ihren Füßen so zerbrechlich wirkte. So klein und verletzlich. »Du könntest sie dir, weißt du …«, begann Rowan, und seine Tätowierung trat im Licht der Laterne scharf hervor. »Sie dir nehmen. Dir alles nehmen. Maeves verlogene Manöver gegen sie verwenden. Dieses Versprechen wahrmachen.« Es lag keinerlei Wertung in seinen Worten. Nur sachliche Berechnung und Überlegung. »Und würdest du dich mir anschließen, wenn ich es täte? Wenn ich zur Eroberin würde?« »Du würdest einigen, nicht plündern und verbrennen. Und ja – komme, was wolle.« »Das ist die Bedrohung, die von mir ausgeht, nicht wahr?«, überlegte sie laut. »Die anderen Königreiche und Herrschaftsgebiete werden den Rest ihrer Existenz damit verbringen, sich zu fragen, ob ich eines Tages in Terrasen unruhig werde. Sie werden ihr Bestes tun, um sicherzustellen, dass wir innerhalb unserer Grenzen glücklich bleiben und dass wir sie als Verbündete und Handelspartner nützlicher finden denn als potenzielle Eroberungen. Maeve hat Eyllwes Küste angegriffen und sich für mich ausgegeben, vielleicht um diese fremden Länder gegen mich aufzuhetzen – um unmissverständlich die Botschaft zu unterstreichen, die ich in Skull’s Bay mit meiner Macht ausgesandt habe, und sie gegen uns zu benutzen.« Er nickte. »Aber wenn du es könntest, würdest du es tun?« Einen Moment lang konnte sie es vor sich sehen – konnte ihr Gesicht sehen, eingemeißelt in Statuen in Königreichen, die so weit entfernt waren, dass sie noch nicht einmal etwas von Terrasens Existenz wussten. Eine lebende Göttin – Malas Erbin und Eroberin der erforschten Welt. Sie würde Musik und Bücher und Kultur bringen, würde die Korruption auslöschen, die in den Ecken der Erde gärte … Leise sagte sie: »Nicht jetzt.« »Aber später?« »Vielleicht wenn es mich irgendwann langweilt, Königin zu sein … dann denke ich darüber nach, mich zur Kaiserin zu machen. Um meinen Nachfahren nicht nur ein einziges Königreich zu geben, das sie erben können, sondern so viele wie die Sterne.« Es schadete jedenfalls nicht, es zu sagen. Darüber nachzudenken, so dumm und sinnlos es auch war. Selbst wenn über die Möglichkeiten nachzugrübeln vielleicht bedeutete, dass sie nicht besser war als Maeve oder Erawan. Rowan deutete mit dem Kinn auf die nächstliegende Karte – auf die Wastes. »Warum hast du Ansel verziehen? Nach dem, was sie dir und den anderen in der Wüste angetan hatte?« Aelin hockte sich wieder hin. »Weil sie eine falsche Entscheidung getroffen und versucht hat, eine Wunde zu heilen, die sie niemals heilen konnte. Versucht hat, die Menschen zu rächen, die sie geliebt hat.« »Und du hast dies wirklich alles in Gang gesetzt, als wir in Rifthold waren? Als du im Pits gekämpft hast?« Sie zwinkerte ihm verwegen zu. »Ich wusste, wenn ich den Namen Ansel von Briarcliff benutzte, würde die Nachricht irgendwie den Weg zu ihr finden, dass eine junge rothaarige Frau ihren Namen benutzte, um im Pits Soldaten abzuschlachten. Und dass sie wissen würde, dass ich es war.« »Also war das rote Haar damals nicht nur für Arobynn.« »Nicht mal ansatzweise.« Aelin betrachtete stirnrunzelnd die Landkarten, unzufrieden, dass sie keine anderen Armeen entdeckt hatte, die sich irgendwo auf der Welt versteckten. Rowan fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. »Manchmal wünschte ich, ich würde jeden Gedanken in diesem Kopf kennen, jede Intrige und jeden Plan. Aber dann fällt mir wieder ein, wie sehr es mir gefällt, wenn du deine Pläne offenbarst – meistens dann, wenn es am wahrscheinlichsten ist, dass mir das Herz in der Brust stehen bleibt.« »Ich wusste doch, dass du ein Masochist bist.« Er küsste sie auf den Mund, einmal, zweimal, dann auf die Nasenspitze, dann zwickte er sie mit den Eckzähnen. Sie zischte und schlug ihn weg und sein tiefes Lachen hallte von den hölzernen Wänden wider. »Das war dafür, dass du es mir nicht gesagt hast«, beschwerte er sich. »Schon wieder nicht.« Aber trotz seiner Worte, trotz allem sah er so glücklich aus. So vollkommen zufrieden und glücklich, hier zu sein, auf den Knien zwischen diesen Karten, die Kerze fast ganz heruntergebrannt, während die Welt zur Hölle ging. Der freudlose, kalte Fae, den sie seinerzeit kennengelernt hatte, der auf einen Gegner gewartet hatte, der gut genug war, um ihm den Tod zu bringen … jetzt sah er sie mit glücklichem Gesicht an. Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest. »Rowan.« Der Funke erstarb in seinen Augen. Sie drückte seine Finger. »Rowan, du musst etwas für mich tun.« *** Manon lag zusammengerollt auf der Seite in ihrem schmalen Bett und konnte nicht schlafen. Es lag nicht an den gottserbärmlichen Schlafbedingungen – nein, sie hatte schon unter viel übleren Bedingungen geschlafen, selbst wenn man das schlampig geflickte Loch in der Schiffswand bedachte. Sie starrte auf diesen Spalt in der Wand, auf das Mondlicht, das auf der salzigen Sommerbrise in die Kabine drang. Sie würde nicht ausziehen, um die Crochans zu finden. Ganz gleich, wie die Königin von Terrasen sie nannte, es war etwas ganz anderes, sich ihre Herkunft einzugestehen, als ihr Erbe für sich einzufordern. Sie bezweifelte ohnehin, dass die Crochans bereit wären zu dienen, wenn man bedachte, dass sie ihre Prinzessin getötet hatte. Ihre eigene Halbschwester. Und selbst wenn die Crochans sich tatsächlich dafür entschieden, ihr zu folgen, für sie zu kämpfen … Manon legte eine Hand auf die dicke Narbe, die sich jetzt über ihren Bauch spannte. Die Ironteeth würden die Wastes nicht teilen. Aber es war genau diese Mentalität, überlegte sie, als sie sich auf den Rücken drehte und sich das Haar von ihrem verschwitzten, klebrigen Hals schälte, die sie alle ins Exil gebracht hatte. Wieder spähte sie durch die Lücken in der Wand auf das Meer dahinter. Wartete darauf, einen Schatten am Nachthimmel zu entdecken, das Rauschen mächtiger Flügel zu hören. Abraxos hätte längst zurück sein müssen. Sie kämpfte gegen das sich sammelnde Grauen in ihrem Magen an. Aber anstelle von Flügelschlägen erklangen knarrende Schritte draußen im Flur. Einen Moment später wurde die Tür auf fast lautlosen Angeln geöffnet und wieder geschlossen. Verriegelt. Manon richtete sich nicht auf, als sie sagte: »Was tut Ihr hier?« Das Mondlicht fiel auf das blauschwarze Haar des Königs. »Ihr habt keine Ketten mehr.« Bei diesen Worten richtete sie sich auf und untersuchte die Eisenketten, die an der Wand herunterhingen. »Ist es erregender für Euch, wenn ich sie trage?« Saphirblaue Augen schienen in der Dunkelheit zu glühen, als er sich gegen die geschlossene Tür lehnte. »Manchmal ja.« Sie schnaubte, hörte sich dann aber sagen: »Ihr habt nie Eure Meinung geäußert.« »Zu was?«, fragte er, obwohl er wusste, was sie meinte. »Dazu, was ich bin. Wer ich bin.« »Ist meine Meinung Euch wichtig, meine kleine Hexe?« Manon stand auf und ging auf ihn zu, blieb aber einige Schritte von ihm entfernt stehen. Sie war sich jedes Zentimeters Nacht zwischen ihnen bewusst. »Ihr wirkt gar nicht entrüstet darüber, dass Aelin Melisande einkassiert hat, ohne es irgendjemandem zu erzählen, und es scheint Euch auch nicht zu scheren, dass ich eine Crochan bin …« »Verwechselt mein Schweigen nicht mit einem Mangel an Gefühl. Ich habe gute Gründe, meine Gedanken für mich zu behalten.« An seinen Fingerspitzen glitzerte Eis. Manon beobachtete, wie es entstand. »Ich frage mich manchmal, wer am Ende Erawan gegenübertritt – Ihr oder die Königin.« »Feuer gegen Dunkelheit klingt besser in den Geschichten.« »Ja, aber es klingt auch nach einer guten Geschichte, einen Dämonenkönig in Fetzen zu reißen, ohne die Hände zu benutzen.« Ein schiefes Lächeln. »Ich kann mir bessere Verwendungszwecke für meine Hände vorstellen – sowohl unsichtbar als auch in echt.« Eine Einladung und eine Frage. Sie sah ihn fest an. »Dann bring zu Ende, was du begonnen hast«, hauchte Manon. Das Lächeln, mit dem Dorian antwortete, war sanft – aber von diesem Schimmer Grausamkeit begleitet, der ihr Blut zum Sieden brachte, als hätte die Feuerkönigin selbst ihre Flammen hineingeatmet. Sie ließ sich von Dorian an die Wand zurückdrängen. Ließ ihn ihren Blick bannen, während er die oberen Schnüre ihres weißen Hemdes aufzog. Eine. Nach. Der. Anderen. Ließ ihn sich vorbeugen, um mit dem Mund über ihren nackten Hals zu streichen, direkt unter ihrem Ohr. Manon bog bei dieser Liebkosung leicht den Rücken durch. Dann zog er sich von ihr zurück. Trat beiseite. Phantomhände wanderten ihre Hüften hinauf, über ihre Taille. Seine Lippen teilten sich leicht und er zitterte, um Beherrschung be müht. Beherrschung, wo die meisten Männer einfach zugriffen, wenn sie es anbot, und sich auf sie stürzten. Aber Dorian Havilliard sagte: »Der Bluthund hat neulich nachts gelogen. Was sie über deine Zweite gesagt hat. Ich habe ihre Lüge gespürt – sie geschmeckt.« Ein Teil der Enge in ihrer Brust löste sich. »Ich will nicht darüber reden.« Er kam wieder näher und die Phantomhände strichen unter ihren Brüsten entlang. Sie knirschte mit den Zähnen. »Und worüber willst du dann reden, Manon?« Sie war sich nicht sicher, ob er je zuvor ihren Namen ausgesprochen hatte. Und die Art, wie er ihn gesagt hatte … »Ich will überhaupt nicht reden«, konterte sie. »Und du willst es auch nicht«, fügte sie mit einem anzüglichen Blick hinzu. Wieder erschien dieses dunkle, gefährliche Lächeln. Und als er erneut dicht vor sie hintrat, ersetzte er die Phantomhände durch seine richtigen Hände. Er zeichnete ihre Hüften nach, ihre Taille, ihre Brüste. Langsame, laszive Kreise, und sie ließ es zu, einfach weil niemand sonst das je zuvor gewagt hatte. Auf jede seiner Berührungen folgten Feuer und Eis. Sie war wie gebannt davon – von jedem schmeichelnden, genüsslichen Streicheln. Sie zog nicht einmal in Erwägung, Einwände zu erheben, als Dorian ihr das Hemd abstreifte und ihre nackte, narbenbedeckte Haut betrachtete. Sein Ausdruck wurde gierig, als er ihre Brüste anschaute, ihren flachen Bauch – die Narbe, die ihn quer durchschnitt. Der Hunger verwandelte sich in etwas Eisiges und Wildes: »Du hast mich einmal gefragt, auf welcher Seite der Grenze zwischen töten, um zu beschützen, und töten zum Vergnügen ich stünde.« Seine Finger streiften den Rand der Narbe auf ihrem Unterleib. »Ich werde auf der anderen Seite der Grenze stehen, wenn ich deine Großmutter finde.« Ein Schauer überlief sie, bis ihre Brustwarzen sich aufstellten. Er beobachtete sie, dann strich er mit einem Finger um eine herum. Dorian beugte sich vor und sein Mund folgte dem Pfad seines Fingers. Dann seine Zunge. Sie biss sich auf die Unterlippe, um das Stöhnen zu unterdrücken, das in ihrer Kehle aufstieg, und schob ihm die Hände in die seidigen Locken seines Haars. Sein Mund lag noch über der Spitze ihrer Brust, als er zu ihr aufblickte, strahlendes Blau umrahmt von ebenholzschwarzen Wimpern, und sagte: »Ich will jeden Zentimeter von dir kosten.« Manon ließ alle vorgeschobene Vernunft fahren, als der König den Kopf hob und sich über ihren Mund hermachte. Und trotz seines Verlangens, sie zu kosten, fand Manon, als sie sich für ihn öffnete, dass der König wie das Meer schmeckte, wie ein Wintermorgen, wie etwas so Fremdes und doch Vertrautes, dass aus den Tiefen ihres Körpers endlich doch dieses Stöhnen hervorgelockt wurde. Seine Finger glitten zu ihrem Kinn und er drückte ihren Kopf nach hinten, um gründlich ihren Mund zu erobern, jede Bewegung seiner Zunge ein sinnliches Versprechen, bei dem sie sich ihm entgegenbog. Bei dem sie jede seiner Bewegungen beantwortete, als er sie erkundete und erregte, bis sie kaum noch klar denken konnte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, wie es sein würde – die Kontrolle aufzugeben. Ohne dass es Schwäche war, sondern Freiheit. Dorians Hände wanderten an ihren Oberschenkeln entlang. Der kleine Laut aus ihrer Kehle wurde abgeschnitten, als Dorian sie mit einer geschmeidigen Bewegung von der Wand nach oben hievte. Manon schlang ihm die Beine um die Taille und er trug sie zum Bett. Sein Mund blieb fest auf ihren gedrückt, während er sie immer gieriger verschlang. Während er sie unter sich hinlegte. Während er Knopf um Knopf ihre Hose öffnete und sie ihr dann abstreifte. Aber schließlich zog Dorian sich zurück und betrachtete sie, die keuchend und vollkommen nackt vor ihm auf dem Bett lag. Er zog sanft einen Finger an der Innenseite ihres Oberschenkels hoch. Höher. »Ich wollte dich vom ersten Augenblick an, als ich dich im Oakwald gesehen habe«, sagte er, seine Stimme leise und heiser. Manon streckte eine Hand aus, um ihm sein Hemd auszuziehen, und unter dem weißen Stoff kamen gebräunte Haut und wohldefinierte Muskeln zum Vorschein. »Ja«, antwortete sie ihm bloß. Sie öffnete seinen Gürtel und ihre Hände zitterten. »Ja«, sagte sie noch einmal. Seine Kleider gesellten sich zu ihren auf den Boden. Manon erlaubte ihm, ihre Arme über ihren Kopf zu heben, und seine Magie drückte ihre Handgelenke sanft auf die Matratze, während er sie berührte, erst mit diesen sündigen Händen, dann mit seinem sündigen Mund. Manon musste ihm in die Schulter beißen, um ihr Stöhnen zu dämpfen, als er sie auf den Gipfel trieb. Es scherte sie nicht, wer sie war, wer sie gewesen war und was sie einst zu sein versprochen hatte. Sie zog die Hände durch sein dichtes Haar, über die Muskeln seines Rückens, die sich bei jedem Stoß spannten, mit dem er sie erneut auf diesen schimmernden Gipfel zutrieb. Hier war sie nichts als Fleisch und Feuer und Eisen; hier gab es nur das selbstsüchtige Verlangen ihres Körpers, seines Körpers. Mehr. Sie wollte mehr – wollte alles. Sie mochte es geflüstert haben, mochte darum gefleht haben. Denn, die Finsternis mochte sie retten, Dorian gab ihr alles. Ihnen beiden. Er blieb auf ihr liegen, als er schließlich still wurde, seine Lippen schwebten kaum eine Haaresbreite über ihren – nach dem brutalen Kuss, den er ihr gegeben hatte, um sein Brüllen zu unterdrücken, als er zum Höhepunkt gekommen war. Was immer er mit ihr, mit ihrem Körper angestellt hatte – sie zitterte davon. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und auch seine Finger zitterten. Ihr war nicht klar gewesen, wie still die Welt war – wie laut sie vielleicht gewesen waren, vor allem in der Nähe so vieler Fae-Ohren. Er war immer noch auf ihr, in ihr. Seine saphirblauen Augen flogen zu ihrem Mund und er keuchte immer noch leicht. »Das hatte die Sache eigentlich entschärfen sollen.« Sie sprach leise, als seine Kleider herüberglitten, herbeigezogen von Phantomhänden. »Und hat es das getan?« Er zeichnete mit dem Daumen ihre Unterlippe nach und schauderte, als sie daran saugte, mit der Zunge dagegenschnippte. »Nein. Nicht mal ansatzweise.« Aber nun kroch das graue Licht der Morgendämmerung in den Raum und färbte die Wände silbern. Er schien es im gleichen Moment zu bemerken wie sie. Leise stöhnend stemmte er sich von ihr hoch. Sie zog ihre Kleider an, und erst als sie ihr Hemd zuschnürte, bemerkte Dorian: »Wir sind noch nicht fertig miteinander, du und ich.« Und es war dieses Versprechen , das sie die Zähne blecken ließ. »Das entscheide immer noch ich, es sei denn, du willst wirklich herausfinden, welche Teile von mir aus Eisen sind, wenn du mich das nächste Mal berührst.« Dorian schenkte ihr ein Lächeln. Seine Brauen zuckten in die Höhe und er schlenderte zur Tür hinaus, so leise, wie er gekommen war. Er schien nur auf der Schwelle einmal innezuhalten – als hätte irgendein Wort sein Interesse geweckt. Aber dann ging er weiter und die Tür schloss sich mit kaum mehr als einem Klicken hinter ihm. Unbeeindruckt, vollkommen gelassen. Manon starrte ihm nach und verfluchte ihr Blut dafür, dass es wieder heiß wurde, dafür, … was sie ihm zu tun gestattet hatte. Sie fragte sich, was Dorian sagen würde, wenn sie ihm erzählte, dass sie noch nie einem Mann erlaubt hatte, so auf ihr zu liegen. Kein einziges Mal. Fragte sich, was er sagen würde, wenn sie ihm erzählte, dass sie ihre Zähne in seinen Hals hatte schlagen und herausfinden wollen, wie er dort schmeckte. Dass sie ihren Mund auf andere Teile hatte legen wollen, um herauszufinden, wie er dort schmeckte. Manon fuhr sich mit den Händen durch ihr Haar und sackte aufs Kissen zurück. Mochte die Finsternis sie umfangen. Sie sandte ein stummes Gebet an die Götter, dass Abraxos bald zurückkehren möge. Zu viel Zeit – sie hatte zu viel verdammte Zeit unter diesen Menschen und Fae verbracht. Sie musste fort. Elide war hier in Sicherheit – die Königin von Terrasen mochte viele Dinge sein, aber Manon wusste, dass sie Elide beschützen würde. Doch da die Dreizehn verstreut und wahrscheinlich tot war, ungeachtet dessen, was Dorian behauptet hatte, war Manon sich nicht ganz sicher, wohin sie gehen sollte, sobald sie dieses Schiff verließ. Die Welt war ihr noch nie so gewaltig erschienen. Und so leer. *** Trotz ihrer vollkommenen Erschöpfung hatte Elide während der langen Nacht kaum geschlafen, in der sie und Lorcan inmitten der anderen Seeleute in schaukelnden Hängematten gelegen hatten. Die Gerüche, die Geräusche, das Schaukeln auf dem Meer … all das irritierte sie, nichts von alledem beruhigte sie. Ein Finger schien sie immer wieder anzustupsen, um sie zu wecken, als wollte er ihr sagen, dass sie wachsam sein solle, aber … da war nichts. Lorcan wälzte sich stundenlang hin und her. Als würde die gleiche Macht auch ihn anbetteln, wach zu bleiben. Als wartete er auf etwas. Seine Kräfte waren fast aufgebraucht gewesen, als sie das Schiff erreicht hatten, obwohl er keine anderen Anzeichen von Anspannung gezeigt hatte als einen leicht verkniffenen Mund. Aber Elide wusste, dass er kurz vor dem Ausbrennen gewesen war, wie er es einmal beschrieben hatte. Sie wusste es, weil in den Stunden danach die kleine Schiene seiner Magie um ihren Knöchel immer wieder wackelte und verrutschte. Nachdem Manon sie über das ungewisse Schicksal der Dreizehn informiert hatte, war Elide ihren Gefährten größtenteils aus dem Weg gegangen und hatte sie mit dieser rothaarigen jungen Frau reden lassen, die sie am Strand gefunden hatte. Lorcan hatte das Gleiche getan. Er hatte ihnen zugehört, wie sie diskutierten und planten, sein Gesicht verbissen, als hätte sich irgendeine gespannte Feder in ihm mit jedem Moment noch fester zusammengezogen. Elide beobachtete ihn im Schlaf, nur Schritte von sich entfernt, das harte Gesicht im Schlummer zu etwas Weichem geglättet. Hatte sie vielleicht irgendwie eine weitere Gefahr zu der Königin gebracht? Hatten die anderen bemerkt, wie oft Lorcan den Blick auf Aelins Rücken geheftet hatte? Auf ihren Rücken gezielt hatte? Als spürte er ihre Aufmerksamkeit, schlug Lorcan die Augen auf. Begegnete ihrem Blick, ohne auch nur zu blinzeln. Einen Moment lang schaute sie in diese abgrundtiefen Augen, die kaum einen Schritt von ihr entfernt waren, und das silberne Licht vor Tagesanbruch verlieh ihnen einen Glanz, als wäre er nicht ganz von dieser Welt. Er war bereit gewesen, sein eigenes Leben für ihres zu opfern. Ein sanfterer Ausdruck trat auf dieses harsche Gesicht, als sein Blick auf ihren Arm fiel, der über den Rand der Hängematte hing, ihre Haut immer noch ein wenig wund, aber wundersam verheilt. Sie hatte sich jetzt zweimal bei Gavriel dafür bedankt, aber er hatte ihren Dank mit einem sanften Nicken und Achselzucken abgetan. Ein schwaches Lächeln blühte auf Lorcans hartem Mund auf, als er die Hand zu ihr ausstreckte und mit seinen schwieligen Fingern über ihren Arm strich. »Du wählst dies?«, murmelte er, sodass es kaum mehr war als das Ächzen der Seile der Hängematten. Er fuhr mit einem Daumen über ihre Handfläche. Elide schluckte, gestattete sich aber, jede Linie in diesem Gesicht zu studieren. Norden – sie fuhren heute nach Hause. »Ich dachte, das wäre offensichtlich«, murmelte sie genauso leise und mit heißen Wangen. Er verschränkte seine Finger mit ihren und ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte, flackerte wie Sternenlicht in diesen schwarzen Augen. »Wir müssen reden«, sagte er heiser. Es war der Schrei der Wache, der sie beide zusammenzucken ließ. Ein Schrei puren Entsetzens. Elide fiel beinahe aus ihrer Hängematte und die Matrosen rannten vorbei. Als sie sich das Haar aus den Augen gestrichen hatte, war Lorcan bereits fort. Die verschiedenen Decks waren gerammelt voll und sie musste auf die Treppe humpeln, um zu sehen, was sie geweckt hatte. Die Besatzungen der anderen Schiffe waren wach und in Panik. Aus gutem Grund. Am westlichen Horizont segelte eine weitere Armada auf sie zu. Und Elide wusste ganz tief im Innern, dass es nicht die war, für die Aelin geplant und Ränke geschmiedet hatte. Nicht als Fenrys, der plötzlich neben ihr auf der Treppe stand, flüsterte: »Maeve.« 61 S ie konnten ihr nicht entgehen. Maeves Armada hatte günstigen Wind und günstige Strömung und Aelins Flotte würde nicht einmal das Ufer erreichen, bevor sie sie einholten. Und schneller zu rennen als Fae-Soldaten, das war keine Option. Rowan und Aedion skizzierten Aelin jeden möglichen Ablauf. Alle Pfade führten zu ein und demselben Endpunkt: Konfrontation. Und sie waren immer noch so ausgelaugt, so erschöpft, dass sie wusste, wie dies ausgehen würde. Maeve hatte ein Drittel mehr Schiffe. Und unsterbliche Krieger. Mit Magie. Die schwarzen, Unheil verheißenden Segel füllten viel zu schnell ihr ganzes Sichtfeld aus, viel zu schnell war deutlich erkennbar, dass die Schiffe ihrer Feinde besser ausgerüstet und ihre Soldaten länger ausgebildet waren. Rowan und die Garde hatten einen Großteil dieser Ausbildung überwacht – und die Einzelheiten, die sie vorlegten, waren nicht ermutigend. Maeve sandte ihnen ein kunstvoll geschnitztes Ruderboot mit einer Nachricht. Zu kapitulieren – oder zum Grund des Meeres geschickt zu werden. Aelin hatte Zeit bis zum Morgengrauen des kommenden Tages, um sich zu entscheiden. Einen ganzen Tag. Damit die Furcht gären und sich unter ihren Männern verbreiten konnte. Aelin traf sich wieder mit Rowan und Aedion. Die früheren Waffenbrüder Rowans wurden nicht zu ihrer Königin zurückgerufen, obwohl Lorcan wie in einem Käfig auf und ab tigerte und Elide das Geschehen mit einem Gesicht verfolgte, das auf beeindruckende Art nichts preisgab. Aelin hatte keine Lösung. Dorian blieb still, obwohl er oft zwischen ihr und Manon hin und her schaute. Als läge irgendein Puzzle vor ihm. Er sagte nicht, was es war. Aedion drängte auf Angriff – still und leise die Boote bereit zu machen und anzugreifen. Aber Maeve würde dieses Manöver kommen sehen. Und sie konnte mit Magie schneller zuschlagen, als Aelins Mannschaft brauchen würde, um Pfeile und Harpunen abzuschießen. Zeit. Das war alles, womit sie spielen konnte. Sie diskutierten und stellten Theorien auf und planten. Rowan unternahm einen ehrbaren Versuch, ihr vorzuschlagen, die Flucht zu ergreifen. Sie ließ ihn reden, nur damit er dabei begriff, was für eine dumme Idee das wäre. Nach der letzten Nacht sollte er sich wohl bewusst sein, dass sie ihn nicht verlassen würde. Nicht freiwillig. Also ging die Sonne unter. Und Maeves Armee wartete, geduldig und wachsam. Ein zum Sprung ansetzender Panther, bereit, beim ersten Tageslicht loszuschlagen. Zeit. Ihr einziges Werkzeug – und ihr Niedergang. Und jetzt war sie ihr ausgegangen. Aelin zählte diese schwarzen Segel immer wieder, während die Nacht sich herabsenkte. Und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. *** Es war inakzeptabel, hatte Rowan während der langen Stunden ihrer Debatten beschlossen. Inakzeptabel, dass sie so viel erreicht hatten, nur um nicht von Erawan, sondern von Maeve aufgehalten zu werden. Sie hatte sich nicht dazu herabgelassen, selbst zu erscheinen. Aber das war nicht ihr Stil. Sie würde es bei Morgengrauen tun. Aelins Kapitulation persönlich entgegennehmen, während aller Augen zuschauten. Und dann … Rowan wusste nicht, was sie dann tun würde. Was Maeve wollte, abgesehen von den Schlüsseln. Aelin war so gefasst gewesen. Schock, begriff er. Aelin hatte einen Schock erlitten. Rowan hatte sie zürnen und töten und lachen und weinen sehen, aber er hatte sie niemals verloren gesehen. Und er hasste sich dafür, aber er fand keinen Ausweg. Fand keinen Weg, wie sie aus dieser Sache herauskommen konnte. Aelin schlief tief und fest, während Rowan an die Decke über ihrem Bett starrte und dann den Blick über sie hinweggleiten ließ. Er betrachtete die Linien in ihrem Gesicht, die goldenen Wellen ihrer Haare, jede mondweiße Narbe und jeden dunklen Wirbel Tinte. Er beugte sich vor, leise wie Schnee in einem Wald, und küsste sie auf die Stirn. Er würde nicht zulassen, dass es hier endete, nicht zulassen, dass dies ihnen das Genick brach. Er kannte die Fahnen, die unter Maeves eigenem Banner wehten. Hatte sie den ganzen Tag über gezählt und katalogisiert, hatte in den Katakomben seines Gedächtnisses gestöbert. Rowan schlüpfte in seine Kleider und wartete, bis er sich in den Flur geschlichen hatte, bevor er seinen Schwertgürtel umlegte. Die Hand noch auf dem Türknauf, gestattete er sich einen letzten Blick auf Aelin. Einen Moment lang holte ihn die Vergangenheit ein – einen Moment lang sah er sie, wie er sie zum ersten Mal auf den Dächern von Varese erblickt hatte, betrunken und zerschunden. Er war da mals in seiner Habichtgestalt gewesen und hatte seine neue Schutzbefohlene begutachtet, und sie hatte ihn bemerkt – gebrochen und schwankend hatte sie ihn trotzdem wahrgenommen. Und ihm die Zunge herausgestreckt. Wenn ihm jemand erzählt hätte, dass die betrunkene, rauflustige, verbitterte Frau zu der einen Person werden würde, ohne die er nicht leben konnte … Rowan schloss die Tür. Dies war alles, was er ihr anbieten konnte. Rowan erreichte das Hauptdeck und verwandelte sich, kaum mehr als ein Schimmer von Mondlicht, während er seinen Schild errichtete und durch die salzige Nacht flatterte – hinein in das Herz von Maeves Flotte. *** Rowans Cousin hatte Verstand genug, nicht zu versuchen, ihn ohne Vorwarnung zu töten, als er in Sichtweite kam. Sie waren sich vom Alter her so nah, dass Rowan mit ihm aufgewachsen war, im Haus seines Onkels neben ihm groß geworden war, nachdem seine Eltern verblichen waren. Sollte sein Onkel jemals dahinscheiden, würde es Enda sein, der den Platz als Oberhaupt ihres Hauses einnahm – ein Prinz mit beträchtlichen Titeln, Besitztümern und Waffen. Eines musste man Enda zugutehalten, er spürte seine Ankunft, bevor Rowan durch den dürftigen Schild auf den Fenstern schlüpfte. Und Enda blieb auf dem Bett sitzen, wenn auch voll bekleidet für die Schlacht, eine Hand auf seinem Schwert. Sein Cousin musterte ihn von oben bis unten, während Rowan sich verwandelte. »Assassine oder Bote, Prinz?« »Weder noch«, antwortete Rowan und neigte leicht den Kopf. Wie er hatte Enda silbernes Haar, obwohl seine grünen Augen voller brauner Einsprengsel waren, die manchmal die Farbe im Ganzen verschlucken konnten, wenn er zornig war. So wie Rowan für Schlachtfelder geboren und ausgebildet worden war, war Enda für Intrigen und höfische Machenschaften gebaut. Sein Cousin mochte zwar groß und muskulös genug sein, aber es mangelte ihm an Lorcans breiten Schultern und solidem Körperbau – obwohl das auch von der unterschiedlichen Ausbildung kommen konnte, die sie empfangen hatten. Enda wusste genug über das Kämpfen, um zu rechtfertigen, hier zu sein, um die Streitkräfte seines Vaters anzuführen, aber ihre jeweiligen Ausbildungen hatten sich nach jenen ersten Jahrzehnten ihrer Jugend kaum überschnitten, als sie auf dem Hauptsitz seiner Familie frei zusammen herumgelaufen waren. Enda hielt die Hand auf dem Griff seines feinen Schwertes, vollkommen gelassen. »Du siehst … anders aus«, sagte sein Cousin und seine Brauen zuckten aufeinander zu. »Besser.« Es hatte eine Zeit gegeben, da war Enda sein Freund gewesen – vor Lyria. Vor – allem. Und Rowan wäre vielleicht geneigt gewesen zu erklären, wer und was für diese Veränderung verantwortlich war, aber er hatte keine Zeit. Nein, Zeit war in dieser Nacht nicht sein Verbündeter. Aber Rowan erwiderte: »Du siehst ebenfalls anders aus, Prinz.« Enda lächelte schwach. »Dafür kannst du meinem Gefährten danken.« Früher einmal hätte ihn bei diesen Worten ein quälender Stich durchzuckt. Dass Enda davon sprach, erinnerte ihn daran, dass sein Cousin zwar kein schlachterprobter Krieger sein mochte, aber der Höfling vermochte so gut wie jeder andere wichtige Details zu bemerken – Aelins Duft zu erfassen, der jetzt auf ewig mit Rowans eigenem verbunden war. Also nickte Rowan und lächelte selbst ein wenig. »Das war Lord Kerrigans Sohn, nicht wahr?« In der Tat, Endas Duft war mit einem anderen verwoben, die gegenseitige Inbesitznahme intensiv und unleugbar. »Das ist richtig.« Wie der lächelte Enda – lächelte jetzt einen Ring an seinem Finger an. »Wir haben Anfang des Sommers das Lager geteilt und geheiratet.« »Du willst mir erzählen, du hättest hundert Jahre auf ihn gewartet?« Enda zuckte die Achseln und der Griff um sein Schwert lockerte sich. »Wenn es um die richtige Person geht, Prinz, ist es die Sache wert, hundert Jahre zu warten.« Er wusste es. Er verstand ihn so verdammt gut, dass seine Brust bei dem Gedanken fast barst. »Endymion«, sagte er heiser. »Enda, du musst mir zuhören.« Es gab jede Menge Leute, die vielleicht nach den Wachen gerufen hätten, aber er kannte Enda – oder hatte ihn gekannt. Er war nur einer von mehreren Cousins, die jahrelang die Nase in seine Angelegenheiten gesteckt hatten. Die versucht hatten, überlegte Rowan jetzt, nicht um des Tratsches willen um ihn zu kämpfen, sondern um … um einen kleinen Funken in ihm am Leben zu erhalten. Enda mehr als alle anderen. Also machte Endymion ihm das Geschenk des Zuhörens. Rowan versuchte, sich präzise auszudrücken, versuchte zu verhindern, dass seine Hände zitterten. Am Ende, nahm er an, war seine Bitte simpel. Als er fertig war, musterte Enda ihn, jede Reaktion hinter dieser höfisch antrainierten Maske der Neutralität verborgen. Dann sagte Enda: »Ich werde es überdenken.« Das war das Beste, worauf Rowan hoffen konnte. Er sagte nichts mehr zu seinem Cousin, bevor er sich wieder verwandelte und in die Nacht hinausflatterte – zu einem anderen Banner, neben dem er einst marschiert war. Und so zog Rowan von Schiff zu Schiff. Die gleiche Ansprache. Die gleiche Bitte. Alle, all seine Cousins und Cousinen gaben dieselbe Antwort. Ich werde es überdenken. 62 M anon war wach, als Dorian eine Stunde vor Tagesanbruch in ihr Zimmer stürmte. Er ignorierte ihr unverschnürtes Hemd, die Wölbung ihrer üppigen Brüste, die er erst gestern gekostet hatte, und sagte: »Zieh dich an und folge mir.« Zum Glück gehorchte die Hexe. Obwohl er das Gefühl hatte, dass sie es mehr aus Neugier tat. Als er Aelins Kabine erreichte, klopfte er sogar an – nur für den Fall, dass die Königin und Rowan ihre womöglich letzten Stunden zusammen nutzten. Aber die Königin war bereits wach und angekleidet und der Prinz nirgends zu sehen. Aelin warf einen einzigen Blick auf Dorians Gesicht. »Was ist los?« Er erzählte keiner der beiden Frauen irgendetwas, als er sie in den Frachtraum hinunterführte. Die oberen Decks des Schiffes brummten bereits mit den Vorbereitungen zur Schlacht. Während sie den ganzen letzten Tag über diskutiert und sich gewappnet hatten, hatte er immer wieder über Manons Warnung nachgedacht, nachdem sie sein Blut vor Wonne schier hatte singen lassen. Das entscheide immer noch ich, es sei denn, du willst wirklich herausfinden, welche Teile von mir aus Eisen sind, wenn du mich das nächste Mal berührst. Immer wieder hatte er darüber nachgedacht, wie die Worte an irgendeiner scharfen Ecke seines Gedächtnisses hängen geblieben waren. Er hatte die ganze Nacht wach gelegen und war in seinen immer noch entleerten Brunnen der Magie hinabgestiegen. Und als das Licht sich zu verändern begonnen hatte … Dorian zog das Tuch von dem Hexenspiegel, der vorsichtig an der Wand fixiert worden war. Das Schloss – oder was immer es war. In dem getrübten Spiegelbild runzelten die beiden Königinnen hinter ihm die Stirn. Manon fuhr ihre Eisennägel aus. »Ich an deiner Stelle wäre vorsichtig damit, das Ding zu benutzen.« »Die Warnung ist vermerkt und ich weiß sie zu schätzen«, sagte er und sah in ihre goldenen Augen im Spiegel. Sie erwiderte sein Lächeln nicht. Genauso wenig wie Aelin. Er seufzte. »Ich glaube nicht, dass dieser Hexenspiegel irgendwelche Macht hat. Besser gesagt, keine rohe, greifbare Macht. Ich glaube, seine Macht ist Wissen.« Aelins Schritte waren beinahe lautlos, als sie näher kam. »Man hat mir gesagt, das Schloss werde es mir ermöglichen, die drei Schlüssel in das Tor zu binden. Und du meinst, dieser Spiegel weiß, wie das geht?« Er nickte nur und versuchte, nicht allzu gekränkt darüber zu sein, wie skeptisch sie das Gesicht verzog. Aelin knibbelte an einem losen Faden an ihrer Jacke. »Aber was hat dieser Schloss-Spiegel – oder was immer das ist – mit der Armada zu tun, die uns im Nacken sitzt?« Er versuchte, nicht die Augen zu verdrehen. »Er hat etwas mit dem zu tun, was Deanna gesagt hat. Was, wenn das Schloss nicht nur dazu da ist, sie wieder im Tor zu binden, sondern wenn es ein Werkzeug ist, um die Schlüssel sicher zu beherrschen?« Stirnrunzelnd betrachtete Aelin den Spiegel. »Also soll ich dieses Ding an Deck schleppen und es dazu benutzen, Maeves Armada mit den beiden Schlüsseln, die wir haben, in Stücke zu sprengen?« Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und flehte die Götter um Geduld an. »Ich sagte, ich glaube, dass die Macht dieses Spiegels Wissen ist. Ich glaube, er wird dir zeigen , wie du die Schlüssel sicher anwenden kannst. Damit du hierher zurückkommen und sie ohne Konsequenzen bedienen kannst.« Ein langsames Blinzeln. »Was soll das heißen, hierher zurückkommen ?« Manon antwortete und trat jetzt näher heran, um den Spiegel zu untersuchen. »Es ist ein Reisespiegel.« Dorian nickte. »Denkt an Deannas Worte: Flamme und Eisen gehen gemeinsam ins Silber, dann wird erkannt, was getan werden muss. Es ist bloß ein kleiner Schritt vonnöten .« Er zeigte auf den Spiegel. »Geht in das Silber hinein – und erkennt .« Manon schnalzte mit der Zunge. »Und ich nehme an, sie und ich sind Flamme und Eisen.« Aelin verschränkte die Arme vor der Brust. Dorian warf der Königin von Terrasen einen schiefen Blick zu. »Auch andere Leute als du können Rätsel lösen, weißt du.« Aelin funkelte ihn an. »Wir haben keine Zeit für Was-wäre-wenns. Es könnte zu vieles schiefgehen.« »Du hast noch ein klein wenig Magie übrig«, konterte Dorian und deutete auf den Spiegel. »Du könntest vor Tagesanbruch in diesen Spiegel hineingehen und wieder herauskommen. Und das nutzen, was du erfährst, um Maeve eine unmissverständliche Botschaft zu schicken.« »Ich kann immer noch mit Stahl kämpfen – ohne die Risiken und die Zeitverschwendung.« »Du kannst diese Schlacht verhindern, bevor die Verluste auf beiden Seiten zu groß werden.« Behutsam fügte er hinzu: »Wir haben schon jetzt keine Zeit mehr, Aelin.« Die türkisfarbenen Augen sahen ihn fest an – wenn auch noch immer etwas zornig, dass er das Rätsel vor ihr gelöst hatte –, aber etwas schimmerte in ihnen. »Ich weiß«, sagte sie. »Aber ich hatte gehofft …« Sie schüttelte den Kopf, mehr über sich selbst. »Mir ist die Zeit ausgegangen«, murmelte sie, als wäre das eine Antwort, und betrachtete zuerst den Spiegel und dann Manon. Und dann stieß sie einen Seufzer aus. »Das hier war nicht mein Plan.« »Ich weiß«, entgegnete Dorian mit einem schiefen Lächeln. »Und deshalb gefällt es dir nicht.« Bevor Aelin ihm den Kopf abreißen konnte, fragte Manon: »Aber wohin wird der Spiegel uns führen?« Aelin biss die Zähne zusammen. »Hoffentlich nicht nach Morath.« Dorian versteifte sich. Vielleicht war dieser Plan … »Dieses Symbol gehört uns beiden«, warf Manon ein und musterte Elenas Auge, das in den Spiegel eingeritzt war. »Und wenn er dich nach Morath bringt, wirst du jemanden brauchen, der den Weg hinaus kennt.« Im hinteren Teil des Frachtraums erklangen Schritte auf den Treppenstufen hinunter. Dorian drehte sich zu ihnen um, aber Aelin grinste Manon an und trat auf den Spiegel zu. »Dann sehe ich dich auf der anderen Seite, Hexe.« Aedions goldener Kopf erschien zwischen den Kisten. »Was zum Teufel macht ihr …« Aelins knappes Nicken schien alles zu sein, das Manon brauchte. Sie legte ihre Hand auf Aelins. Goldene Augen blickten kurz in Dorians und er öffnete den Mund, um etwas zu ihr zu sagen. Worte, die aus einem Brachland in seinem Herzen hervorbrechen wollten. Aber Aelin und Manon drückten ihre miteinander verschränkten Hände auf das fleckige Glas. Aedions Warnruf verhallte im Frachtraum, als sie verschwanden. 63 E lide beobachtete, wie das Schiff sich gegen die Armada wappnete, die drohend vor ihnen lag – und dann in absolutem Chaos versank, als Aedion laut zu brüllen begann. Die Nachricht verbreitete sich nur Sekunden später. Verbreitete sich, als Prinz Rowan Whitethorn auf dem Hauptdeck landete, das Gesicht eingefallen, die Augen mit nichts als Angst erfüllt, als Aedion durch die Tür stürmte, dicht gefolgt von Dorian, der bereits ein unschönes blaues Auge davongetragen hatte. Aedion ging schäumend auf und ab, als er ihnen von Aelin und Manon erzählte, die in den Spiegel hineingegangen waren – in das Schloss – und verschwunden waren. Dass der König von Adarlan Deannas Rätsel gelöst habe und dass er sie in das silbrige Reich geschickt habe, damit sie in dieser Schlacht eine Chance hätten. Sie gingen hinunter in den Frachtraum. Ganz gleich, wie sehr Aedion gegen den Spiegel drückte, für ihn öffnete er sich nicht. Ganz gleich, wie gründlich ihn Rowan mit seiner Magie absuchte, er gab nicht preis, wo Aelin und Manon hingegangen waren. Aedion spuckte auf den Boden und schien geneigt zu sein, dem König ein weiteres blaues Auge zu verpassen, als Dorian erklärte, sie hätten kaum eine andere Wahl gehabt. Er machte nicht den Eindruck, als täte es ihm leid – bis Rowan sich weigerte, ihm in die Augen zu sehen. Erst als sie sich wieder auf Deck versammelten und der König und die Gestaltwandlerin davongegangen waren, um mit dem Kapitän über die Wendung der Ereignisse zu sprechen, bemerkte Elide behutsam zu dem auf und ab gehenden Aedion: »Was getan ist, ist getan. Wir können nicht auf Aelin und Manon warten, dass sie einen Weg finden, uns zu retten.« Aedion blieb stehen und Elide versuchte, sich nicht unter dem gnadenlosen Zorn zu winden, der sich jetzt auf sie richtete. »Wenn ich deine Meinung darüber hören will, wie ich mit dem Verschwinden meiner Königin umgehen soll, werde ich danach fragen.« Lorcan knurrte ihn an. Aber Elide reckte das Kinn hoch, obwohl die Beleidigung etwas tief in ihrer Brust traf. »Ich habe genauso lange gewartet wie du, sie wiederzufinden, Aedion. Du bist nicht der Einzige, der Angst davor hat, sie noch einmal zu verlieren.« In der Tat, Rowan Whitethorn rieb sich gerade das Gesicht. Sie vermutete, dass der Fae-Prinz mehr an Regung nicht zeigen würde. Rowan ließ die Hände sinken und die anderen beobachteten ihn. Warteten – auf seine Befehle. Sogar Aedion. Elide zuckte zusammen, als die Erkenntnis sie schlagartig traf. Als sie nach einem Beweis suchte, aber keinen fand. »Wir machen uns weiter für die Schlacht bereit«, ordnete Rowan heiser an. Er sah zu Lorcan, dann zu Fenrys und Gavriel, und seine ganze Haltung veränderte sich. Er straffte die Schultern und ein harter, berechnender Ausdruck trat in seine Augen. »Es ist völlig undenkbar, dass Maeve nicht weiß, dass ihr hier seid. Sie wird den Blutschwur einsetzen, wenn er uns am meisten schadet.« Maeve. Irgendwie wünschte sie sich, die Königin zu sehen, die Lorcans ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuneigung über so viele Jahrhunderte befehligt hatte. Und vielleicht würde sie Maeve einmal ordentlich die Meinung sagen. Fenrys legte eine Hand auf den Griff seines Schwerts und erklärte mit größerer Ruhe, als Elide es bisher bei ihm erlebt hatte: »Ich weiß nicht, wie ich mich hier verhalten soll.« Auch Gavriel wirkte ratlos und betrachtete seine tätowierten Hände, als läge die Antwort dort. Es war Lorcan, der sagte: »Wenn man euch dabei entdeckt, dass ihr auf dieser Seite kämpft, ist es vorbei. Sie wird euch entweder beide töten oder es euch auf andere Weise bereuen lassen.« »Und was ist mit dir ?«, fragte Fenrys herausfordernd. Lorcans Blick wanderte zu ihr, dann zurück zu den beiden Fae vor ihm. »Es war für mich schon vor Monaten vorbei. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, zu sehen, was sie deswegen unternehmen wird.« Ob sie ihn töten würde. Oder ihn in Ketten zurückschleppen. Elide drehte sich der Magen um und sie widerstand dem Drang, seine Hand zu ergreifen und ihn anzubetteln zu fliehen. »Sie wird sehen, dass wir um ihren Befehl, dich zu töten, herumlaviert haben«, meinte Gavriel schließlich. »Wenn es uns nicht bereits genügend verdammt, dass wir auf dieser Seite kämpfen, dann tut das es gewiss. Hat es wahrscheinlich bereits getan.« »Bis zum Morgengrauen haben wir immer noch eine halbe Stunde, falls ihr zwei es noch mal versuchen wollt«, gurrte Lorcan. Elide verkrampfte sich. Aber es war Fenrys, der das Wort ergriff: »Es ist alles eine List.« Elide hielt den Atem an, als er die anderen Fae betrachtete – seine Gefährten. »Um uns zu entzweien, da Maeve weiß, dass wir geeint eine beträchtliche Bedrohung darstellen könnten.« »Wir würden uns niemals gegen sie erheben«, konterte Gavriel. »Nein«, pflichtete Fenrys ihm bei. »Aber wir könnten diese Kraft jemand anderem anbieten.« Und er sah Rowan an, als er hinzufügte: »Als wir im Frühling deinen Hilferuf bekamen – als du uns gebeten hast, zu kommen und die Nebelwarte zu verteidigen, sind wir auf gebrochen, bevor Maeve davon Wind bekommen konnte. Wir sind gerannt.« »Das genügt«, knurrte Lorcan. Aber Fenrys fuhr fort, ohne Rowan aus den Augen zu lassen: »Als wir zurückkehrten, hat Maeve uns fast zu Tode gepeitscht. Hat Lorcan zwei Tage an die Pfähle gefesselt und ihn von Cairn auspeitschen lassen, wann immer er es wünschte. Lorcan hat uns befohlen, es dir nicht zu erzählen – aus welchem Grund auch immer. Aber ich glaube, Maeve hat da erkannt, was wir in der Nebelwarte zusammen erreicht haben, und begriffen, wie gefährlich wir sein könnten – für sie .« Rowan verbarg den niedergeschmetterten Ausdruck in seinen Augen nicht, als er sich Lorcan zuwandte – ein Ausdruck, dessen Echo Elide in ihrem eigenen Herzen spürte. Lorcan hatte das erduldet … und war Maeve gegenüber immer noch loyal. Elide strich mit ihren Fingern über seine. Die Geste blieb bei den anderen nicht unbemerkt, aber sie hielten klugerweise den Mund. Vor allem als Lorcan zur Antwort mit dem Daumen über ihren Handrücken strich. Und Elide fragte sich, ob Rowan auch verstand, dass Lorcan ihnen nicht aus strategischen Gründen befohlen hatte, Stillschweigen zu bewahren, sondern vielleicht um dem Prinzen Schuldgefühle zu ersparen. Um ihm zu ersparen, sich an Maeve in einer Weise rächen zu wollen, die ihm gewiss schaden würde. »Hast du gewusst«, sagte Rowan heiser zu Lorcan, »dass sie dich bestrafen würde, bevor du zur Nebelwarte gekommen bist?« Lorcan hielt dem eindringlichen Blick des Prinzen stand. »Wir haben alle gewusst, welchen Preis das haben würde.« Rowan schluckte und er holte tief Luft. Seine Augen huschten zu der Treppe, als würde Aelin gleich herausstolzieren, Rettung in Händen. Aber sie tat es nicht und Elide betete, dass, wo immer die Königin jetzt war, sie erfuhr, was sie so dringend wissen mussten. Rowan bemerkte zu seinen Gefährten: »Ihr wisst, wie diese Schlacht wahrscheinlich enden wird. Selbst wenn unsere Armada mit lauter Fae-Soldaten besetzt wäre, stünden die Chancen immer noch schlecht für uns.« Am Himmel zeigten sich die ersten Schleier in Rosa und Purpur, als die Sonne sich hinter den Wellen in der Ferne regte. Gavriel erwiderte nur: »Wir haben auch schon früher in Situationen gekämpft, in denen unsere Chancen verschwindend gering waren.« Ein Blick auf Fenrys, der ernst nickte. »Wir bleiben, bis man uns etwas anderes befiehlt.« Es war Aedion, den Gavriel bei seinen letzten Worten ansah. In den Ashryver-Augen des Generals lag etwas, das beinahe wie Dankbarkeit aussah. Elide spürte Lorcans Aufmerksamkeit auf sich und stellte fest, dass er sie immer noch anstarrte, als er zu Rowan sagte: »Elide geht unter der Bewachung so vieler Männer, wie du erübrigen kannst, ans Ufer. Mein Schwert gehört dir, aber nur, wenn du das tust.« Elide zuckte zusammen. Aber Rowan sagte: »Abgemacht.« *** Rowan verteilte sie über die Flotte und jeder bekam das Kommando über einige der Schiffe. Er stationierte Fenrys, Lorcan und Gavriel auf Schiffen ungefähr in der Mitte und am hinteren Rand, am weitesten entfernt von Maeves Wahrnehmung. Er und Aedion bemannten die Frontlinien, während Dorian und Ansel die Reihe der Schiffe hinter ihnen befehligten. Lysandra war schon in Gestalt eines Meeresdrachen unter den Wellen und wartete auf seinen Befehl, Rumpf und Bug und Ruder der Schiffe zu beschädigen, die er ihr vorher gezeigt hatte. Er hätte gewettet, dass die Fae-Schiffe zwar mit Schilden umgeben sein würden, dass sie aber keine wertvollen Machtreserven darauf vergeuden würden, sich auch unterhalb der Oberfläche zu schützen. Lysandra würde schnell und heftig zuschlagen – verschwinden, bevor sie begreifen konnten, wer oder was sie von unten erwischt hatte. Die Dämmerung kam, klar und hell, und tauchte die Segel in Gold. Rowan gestattete sich nicht, an Aelin zu denken – daran, wo sie wohl sein mochte. Minute um Minute verstrich und noch immer kam Aelin nicht zurück. Ein kleines Eichenruderboot löste sich von Maeves Flotte und kam auf ihn zu. Es waren nur drei Personen darin und keine davon war Maeve. Er spürte Hunderte Blicke von beiden Seiten des zu schmalen Streifens freien Wassers zwischen ihren Flotten auf diesem nahenden Boot. Auf sich . Ein Fae in Maeves Uniform erhob sich, während die Ruderer das Boot ruhig hielten. »Ihre Majestät erwartet Eure Antwort.« Rowan tauchte in seine erschöpften Reserven an Macht ein und behielt ein ausdrucksloses Gesicht. »Sagt Maeve, dass Aelin Galathynius nicht länger zugegen ist, um eine Antwort zu geben.« Ein erschrockenes Blinzeln des Mannes war alles, was er sich anmerken ließ. Maeves Kreaturen waren zu gut ausgebildet, waren sich der Strafen für die Preisgabe ihrer Geheimnisse nur allzu bewusst. »Prinzessin Aelin Galathynius wurde befohlen, sich zu ergeben«, sagte der Fae. »Königin Aelin Galathynius befindet sich weder auf diesem Schiff noch auf irgendeinem anderen in der Flotte. Tatsächlich ist sie weder am Ufer noch in irgendwelchen Gebieten in der Nähe. Also wird Maeve feststellen, dass sie ganz umsonst diese lange Reise unternommen hat. Wir werden Eure Armada in Frieden lassen, wenn Ihr uns die gleiche Höflichkeit erweist.« Der Mann schaute höhnisch zu ihm auf. »Gesprochen wie Feiglinge, die wissen, dass sie in der Minderzahl sind. Gesprochen wie ein Verräter.« Rowan bedachte den Fae mit einem kleinen Lächeln. »Lasst uns sehen, was Maeve jetzt zu sagen hat.« Der Mann spuckte ins Wasser. Aber das Boot ruderte zurück in die Umarmung der Armada. Kurz erinnerte Rowan sich an seine letzten Worte an Dorian, bevor er den König ausgeschickt hatte, seine eigene Reihe von Schiffen mit einem Schild zu schützen. Sie waren jenseits von Entschuldigungen. Aelin würde entweder zurückkehren oder – er gestattete sich nicht, über die Alternative nachzudenken. Aber sie konnten ihr so viel Zeit wie möglich verschaffen. Versuchen, sich einen Ausweg zu erkämpfen – für sie und die Zukunft dieser Armada. Dorians Gesicht hatte die gleichen Gedanken verraten, als er die Hand mit Rowans verschränkt und leise bemerkt hatte: »Es ist nicht so schwer, nicht wahr, für seine Freunde zu sterben.« Rowan hatte sich nicht die Mühe gemacht, darauf zu beharren, dass sie dies überleben würden. Der König verstand genug von der Kunst der Kriegsführung, auch wenn er noch nie selbst einen Krieg geführt hatte. Rowan hatte ihm ein grimmiges Lächeln zugeworfen und erwidert: »Nein, das ist es nicht.« Die Worte hallten erneut in ihm nach, als das Ruderboot des Gesandten verschwand. Und wofür auch immer es gut sein mochte, was an Zeit es ihnen auch immer verschaffen mochte, Rowan verstärkte die Schilde abermals. Die Sonne war jetzt vollständig über dem Horizont aufgestiegen, als Maeves Antwort kam. Kein Gesandter in einem Langboot. Sondern ein Hagel von Pfeilen, so viele, dass sie den Himmel verdunkelten, als sie auf Aelins Schiffe zuflogen. »Schilde hoch« , brüllte Rowan, nicht nur an die Beschwörer von Magie, sondern auch an die bewaffneten Männer gerichtet, die ihre zerbeulten und verschrammten Schilde über sich hielten, als die Pfeile über die Linie regneten. Die Pfeile schlugen ein und seine Magie knickte unter ihrem Ansturm fast ein. Die Spitzen waren mit ihrer eigenen Magie umgeben. Auf anderen Schiffen, über denen der Schild sich dünner erstreckte, schrien einige Männer. Maeves Armada begann auf sie zuzukriechen. 64 A elin hatte einen Körper, der kein Körper war. Sie wusste das nur, weil Manon in diesem Nichts, in diesem nebligen Zwielicht einen Körper hatte. Einen fast durchsichtigen, geisterhaften Körper, aber trotzdem eine Gestalt. Manons Zähne und Nägel glänzten in dem fahlen Licht, als sie den wirbelnden, grauen Nebel untersuchte. »Was ist das für ein Ort?« Der Spiegel hatte sie irgendwohin transportiert … wo immer das war. »Ich habe genauso wenig eine Ahnung wie du, Hexe.« War die Zeit jenseits der Nebel stehen geblieben? Hatte Maeve mit ihrem Angriff innegehalten, als sie erfahren hatte, dass sie nicht dort war, oder hatte sie trotzdem angegriffen? Aelin zweifelte nicht daran, dass Rowan die Stellung so lange wie möglich halten würde. Zweifelte nicht daran, dass er und Aedion ihre Flotte führen würden. Aber … Ob der Hexenspiegel das Schloss war, nach dem sie gesucht hatte, oder nicht – sie hatte erwartet, dass er irgendeine unmittelbare Reaktion auf die beiden Wyrdschlüssel zeigen würde, die sie in ihrer Jacke versteckt hatte. Nicht … dies. Nicht absolut nichts. Aelin zog Goldryn. Im Nebel flimmerte der Rubin des Schwertes – die einzige Farbe, das einzige Licht. Manon sagte: »Wir bleiben dicht zusammen; wir sprechen nur, wenn es notwendig ist.« Aelin war geneigt, ihr zuzustimmen. Sie hatten festen Boden unter den Füßen, aber der Nebel verbarg jeden Hinweis darauf, ob sie auf Erde standen, außer dem schwachen, bröseligen Scharren ihrer Schritte. »Irgendeine Ahnung, in welche Richtung wir gehen müssen?«, murmelte Aelin. Aber sie brauchten sich nicht zu entscheiden. Der wirbelnde Nebel verdunkelte sich und Manon und Aelin traten dichter zusammen, Rücken an Rücken. Tiefste Nacht fegte um sie herum – machte sie blind. Dann – ein schummriges, fahles Licht vor ihnen. Nein, nicht vor ihnen. Es kam auf sie zu. Manons knochige Schulter grub sich in ihre eigene, als sie sich fest aneinanderpressten, eine undurchdringliche Mauer. Aber das Licht dehnte sich wellenartig aus und Gestalten erschienen darin. Verfestigten sich. Aelin wusste drei Dinge, als das Licht und die Farbe sie umschlangen und greifbar wurden: Jene vor ihnen sahen oder hörten oder witterten sie nicht. Und dies war die Vergangenheit. Genau genommen vor tausend Jahren. Und dies war Elena Galathynius auf den Knien auf einem schwarzen, öden Bergpass. Blut tropfte ihr aus der Nase, Tränen rannen durch den Dreck, der ihr Gesicht verkrustete, und spritzten auf ihre Rüstung, und vor ihr stand irgendwie ein Sarkophag aus Obsidian. Überall auf dem Sarkophag schimmerten Wyrdzeichen in einem hellblauen Feuer. Und in der Mitte … Elenas Auge, das Amulett, das in den Stein selbst gefasst war, sein bleiches Gold ungetrübt und glänzend. Dann, als würde ein Phantomatem darüberpusten, erlosch das Auge, zusammen mit den Wyrdzeichen. Elena griff mit einer zitternden Hand nach dem Auge, um es zu drehen, es dreimal im schwarzen Stein zu drehen. Das Auge klickte und fiel in Elenas wartende Hand. Versiegelte den Sarkophag. Verschloss ihn. »Du hattest das Schloss schon die ganze Zeit über«, murmelte Manon. »Aber dann soll der Spiegel …« »Ich glaube«, hauchte Aelin, »dass man uns bewusst darüber in die Irre geführt hat, was wir ausfindig machen sollten.« »Warum?«, fragte Manon genauso leise zurück. »Ich nehme an, wir werden es gleich herausfinden.« Das hier war eine Erinnerung. Aber was war daran so entscheidend, dass man sie ausgeschickt hatte, sie zu finden, wenn die ganze verdammte Welt um sie herum gerade in die Brüche ging? Aelin und Manon standen schweigend da, während die Szene sich entfaltete. Während die Wahrheit, endlich die Wahrheit, sich nun zusammenfügte. 6 5 M orgendämmerung in den Obsidianpässen. Das Schloss hatte den Sarkophag aus dem Berg selbst gehauen. Es hatte jeden Funken seiner Macht gekostet, Erawan in den Stein zu bannen, ihn darin zu versiegeln. Sie konnte spüren, dass der Dunkle König darin schlief. Hörte das Kreischen seiner tödlichen Armee, die sich im Tal weit unter ihnen an menschlichem Fleisch gütlich tat. Wie lange würden sie weiterkämpfen, wenn sich die Nachricht verbreitete, dass Erawan gefallen war? Sie war nicht töricht genug zu hoffen, dass ihre Gefährten das Gemetzel überlebt hatten. Nicht so lange. Elena, die auf den scharfen, schwarzen Steinen kniete, betrachtete den Sarkophag aus Obsidian, die hineingeritzten Symbole. Ursprünglich hatten sie geglüht, aber jetzt waren sie erloschen und abgekühlt, hatten sich an ihren Plätzen festgesetzt. Als sie ihrem Vater vor all den Monaten das Schloss gestohlen hatte, hatte sie die wahre Tiefe seiner Macht nicht gekannt und erst recht nicht verstanden. Wusste immer noch nicht, warum er es überhaupt geschmiedet hatte. Nur dass die Macht des Schlosses einmal, nur ein einziges Mal benutzt werden konnte. Und dass diese Macht … oh, diese gewaltige, zerstörerische Macht … sie alle gerettet hatte. Gavin, der mit ausgestreckten Gliedern und blutüberströmt hinter ihr lag, regte sich. Sein Gesicht war so verstümmelt, dass sie die hübschen, wilden Züge darunter kaum erkennen konnte. Sein linker Arm hing ihm unbrauchbar an der Seite herunter. Der Preis dafür, Erawan abgelenkt zu haben, während sie die Macht des Schlosses entfesselt hatte. Aber nicht einmal Gavin hatte gewusst, was sie vorgehabt hatte. Was sie gestohlen und all diese Monate versteckt hatte. Sie bereute es nicht. Nicht wenn es ihn vor dem Tod bewahrt hatte. Vor Schlimmerem. Gavin betrachtete den Sarkophag, das leere, kunstvolle Amulett des Schlosses in ihrer Handfläche, die auf ihrem Oberschenkel ruhte. Er erkannte es sofort, da er es während jener ersten Wochen in Orynth um den Hals ihres Vaters gesehen hatte. Der blaue Stein in seiner Mitte war jetzt entleert, fahl, wo er einst von einem inneren Feuer erfüllt geflackert hatte. Kaum ein Quäntchen seiner Macht war noch übrig, wenn überhaupt. »Was hast du getan?« Seine Stimme war ein gebrochenes Schnarren nach dem langen Schreien während der Behandlung, die er von Erawan erduldet hatte. Um ihr Zeit zu verschaffen, ihr Volk zu retten … Elena barg das Schloss in der Faust. »Er ist eingeschlossen. Er kann nicht fliehen.« »Das Schloss deines Vaters …« »Es ist getan«, unterbrach sie ihn und richtete ihre Aufmerksamkeit nun auf das Dutzend uralter, unsterblicher Gestalten, die sich jetzt auf der anderen Seite des Sarkophags befanden. Gavin zuckte zusammen und zischte bei der plötzlichen Bewegung seines zerbrochenen Körpers. Sie hatten keine richtigen Umrisse. Sie waren nur Ausgeburten von Licht und Schatten, Wind und Regen, Gesang und Erinnerung. Jede stand für sich und war doch Teil einer Vielheit, eines gemeinsamen Bewusstseins. Sie sahen alle auf das zerbrochene Schloss in ihren Händen, dessen Stein stumpf war. Gavin senkte seine Stirn auf den blutgetränkten Stein und wandte den Blick ab. Elena zitterte bis auf die Knochen vor ihrer Präsenz, aber sie hielt das Kinn hocherhoben. »Das Erbe unserer Schwester hat uns verraten«, sagte eine, die aus Meer und Himmel und Stürmen war. Elena schüttelte den Kopf und versuchte zu schlucken. Erfolglos. »Ich habe uns gerettet. Ich habe Erawan aufgehalten …« »Närrin«, sagte eine der vielen wechselnden Stimmen, die zugleich animalisch und menschlich waren. »Halbblut-Närrin. Hast du nicht darüber nachgedacht, warum dein Vater es getragen hat, warum er all diese Jahre abgewartet und seine Kräfte gesammelt hat? Er sollte es einsetzen – um die drei Wyrdschlüssel wieder in das Tor zu fügen und uns nach Hause zu schicken, bevor er das Tor für ewig verschloss. Uns und den Dunklen König. Das Schloss wurde für uns geschmiedet – wurde uns versprochen. Und du hast es verschwendet.« Elena stützte sich mit einer Hand auf die Erde, um nicht zu schwanken. »Mein Vater trägt die Wyrdschlüssel?« Er hatte niemals auch nur eine Andeutung gemacht … und das Schloss … sie hatte gedacht, es wäre bloß eine Waffe. Eine Waffe, die er in diesem blutigen Krieg einzusetzen sich geweigert hatte. Sie antworteten nicht, ihr Schweigen war Bestätigung genug. Ein kleiner, gebrochener Laut entrang sich ihrer Kehle. Elena hauchte: »Es tut mir leid.« Der Zorn der Gestalten erschütterte sie bis ins Mark, drohte, ihr das Herz in der Brust anzuhalten. Die, die aus Flamme und Licht und Asche war, schien sich zurückzuhalten, schien in ihrem Zorn innezuhalten. Sie hatte mit ihrer Mutter nicht mehr gesprochen oder sie gesehen, seit sie ihren Körper verlassen hatte, um das Schloss zu schmieden. Seit Rhiannon Crochan Mala geholfen hatte, ihre bloße Essenz hineinzugeben, ihre Macht gefangen in dem kleinen Hexenspiegel, der als blauer Stein getarnt war, um ihn nur ein einziges Mal zu entfesseln. Sie hatten Elena nie den Grund dafür verraten. Hatten ihr nie gesagt, dass es mehr sei als eine Waffe und dass ihr Vater es eines Tages unter allen Umständen einsetzen musste. Der Preis: der sterbliche Leib ihrer Mutter, das Leben, das sie mit Brannon und ihren Kindern hatte haben wollen. Seither waren zehn Jahre vergangen. Zehn Jahre lang hatte ihr Vater niemals aufgehört, auf Malas Rückkehr zu warten und zu hoffen, sie wiederzusehen. Nur ein einziges Mal. Ich werde mich nicht an euch erinnern , hatte Mala zu ihnen allen gesagt, bevor sie sich der Erzeugung des Schlosses hingegeben hatte. Und doch war sie hier. Hielt inne. Als erinnerte sie sich. »Mutter«, flüsterte Elena, ein gebrochenes Flehen. Mala Lichtbringerin wandte den Blick von ihr ab. Jene, die alles mit weisen, ruhigen Augen betrachtete, sagte: »Befreie ihn. Da wir also von diesen Erdentieren verraten worden sind, lasst uns die Gefälligkeit erwidern. Befreit den Dunklen König aus seinem Sarg.« »Nein«, flehte Elena und erhob sich von den Knien. »Bitte – bitte. Sagt mir, was ich tun muss, um es wiedergutzumachen, aber bitte , befreit ihn nicht. Ich flehe Euch an.« »Er wird eines Tages wiederauferstehen«, sagte jene aus Dunkelheit und Tod. »Er wird erwachen. Du hast unser Schloss für eine Torheit vergeudet, als du alles hättest lösen können, hättest du nur die Geduld und den Verstand gehabt, es zu begreifen.« »Dann lasst ihn erwachen«, bettelte Elena mit brechender Stimme. »Lasst jemand anderen diesen Krieg erben, jemanden, der besser vorbereitet ist.« »Feigling«, sagte jene mit einer Stimme aus Stahl und Schilden und Pfeilen. »Feigling, die Bürde einem anderen aufzuerlegen.« »Bitte«, wiederholte Elena. »Ich gebe Euch alles. Alles. Aber nicht das.« Einmütig schauten sie zu Gavin hinüber. Nein … Aber es war ihre Mutter, die sagte: »Wir haben so lange gewartet, um nach Hause zurückzukehren. Wir können noch ein kleines bisschen länger warten. Noch ein kleines bisschen länger über diesen Ort wachen.« Es waren nicht nur Götter, sondern Wesen einer höheren, anderen Art von Existenz. Für die Zeit fließend war und Körper Dinge, die gewechselt und angepasst werden konnten. Die an vielen Orten gleichzeitig existieren konnten, die sich weit ausdehnen konnten wie geworfene Netze. Sie waren so mächtig und gewaltig und ewig, wie ein Mensch es in den Augen einer Eintagsfliege war. Sie waren nicht in dieser Welt geboren worden. Vielleicht waren sie hier eingeschlossen worden, nachdem sie durch ein Wyrdtor gewandert waren. Und sie hatten einen Handel mit ihrem Vater geschlossen, mit Mala, sie endlich nach Hause zu schicken, Erawan mit in die Verbannung zu nehmen. Und sie, Elena, hatte es ruiniert. Jene mit den drei Gesichtern sagte: »Wir werden warten. Aber das muss einen Preis haben. Und es muss ein Versprechen gegeben werden.« »Nennt den Preis«, forderte Elena sie auf. Wenn sie Gavin nahmen, würde sie ihm folgen. Sie war nicht die Erbin des Throns ihres Vaters. Es spielte keine Rolle, ob sie aus diesem Bergpass herauskam. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie es ertragen könnte, ihn wiederzusehen, nicht nach all ihrer Arroganz, ihrem Stolz und ihrer Selbstgerechtigkeit. Brannon hatte sie angefleht zuzuhören, zu warten. Stattdessen hatte sie ihm das Schloss gestohlen und war mit Gavin in die Nacht hinausgerannt, in dem verzweifelten Bemühen, diese Länder zu retten. Jene mit den drei Gesichtern studierte sie. »Malas Geschlecht soll noch einmal bluten, um das Schloss von Neuem zu schmieden. Und du wirst sie führen, ein Lamm zur Schlachtbank, um den Preis für diese Entscheidung zu zahlen, die du getroffen hast – seine Macht hier zu vergeuden, für diese schäbige Schlacht. Du wirst diesem zukünftigen Spross zeigen, wie er mit Malas Gaben ein neues Schloss schmieden kann, wie man es dann einsetzt, um die Schlüssel zu bannen und uns nach Hause zu schicken. Unser ursprünglicher Handel gilt noch immer: Wir werden den Dunklen König mit uns nehmen. Ihn in unserer eigenen Welt in Stücke reißen, wo er nichts als Staub und Erinnerung sein wird. Wenn wir fort sind, wirst du diesem Spross zeigen, wie man das Tor hinter uns verschließt, und das Schloss wird es auf ewig intakt halten. Indem sie jeden letzten Tropfen ihrer Lebenskraft hineinfließen lässt. Wie dein Vater bereit war, es zu tun, als die Zeit gekommen war.« »Bitte«, flüsterte Elena. Die Dreigesichtige sagte: »Richte Brannon mit dem wilden Feuer aus, was hier geschehen ist; erkläre ihm den Preis, den seine Nachkommen eines Tages werden zahlen müssen. Sag ihm, er solle sich darauf vorbereiten.« Sie ließ die Worte, die Verdammnis, auf sich wirken. »Das werde ich«, flüsterte sie. Aber sie waren fort. Es blieb nur eine letzte Wärme, als hätte ein Sonnenstrahl ihre Wange gestreift. Gavin hob den Kopf. »Was hast du getan?«, fragte er noch einmal. »Was hast du ihnen gegeben?« »Hast du es nicht … es nicht gehört?« »Ich habe nur dich gehört«, röchelte er, sein Gesicht so schrecklich bleich. »Keine anderen.« Sie starrte auf den Sarkophag vor ihnen, dessen schwarzer Stein in der Erde des Passes verwurzelt war. Unverrückbar. Sie würden etwas drumherum bauen müssen, um ihn zu verbergen, ihn zu beschützen. Elena sagte: »Der Preis wird bezahlt werden – später.« »Sag es mir.« Seine geschwollenen, aufgeplatzten Lippen konnten die Worte kaum formen. Da sie sich bereits selbst verdammt hatte, ihre Nachkommen verdammt hatte, schätzte sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte, wenn sie log. Noch dieses eine Mal, dieses letzte Mal. »Erawan wird wieder erwachen – eines Tages. Wenn die Zeit kommt, werde ich jenen helfen, die gegen ihn kämpfen müssen.« In seinem Blick lag Misstrauen. »Kannst du laufen?«, fragte sie und streckte eine Hand aus, um ihm zu helfen aufzustehen. Die aufgehende Sonne tauchte die schwarzen Berge in Gold- und Rottöne. Sie zweifelte nicht daran, dass das Tal dahinter in Letztere gebadet sein würde. Gavin lockerte den Griff seiner gebrochenen Finger um Damaris’ Heft. Aber er nahm ihre dargebotene Hand nicht an. Und er erzählte ihr nicht, was er entdeckt hatte, als er das Schwert der Wahrheit berührt hatte, welche Lügen er gespürt und aufgedeckt hatte. Sie sprachen nie wieder darüber. Sonnenaufgang am Tempel von Sandrian in den Stone Marshes. Die Prinzessin von Eyllwe war wochenlang durch die Stone Marshes gewandert, auf der Suche nach Lösungen zu Rätseln, die vor tausend Jahren gestellt worden waren. Lösungen, die ihr dem Untergang geweihtes Königreich vielleicht retten würden. Schlüssel und Tore und Schlösser – Portale und Gruben und Pro phezeiungen. Diese Worte hatte die Prinzessin vor sich hin gemurmelt in den Wochen, die sie allein durch diese Sümpfe marschiert war. Sie hatte gejagt, um sich am Leben zu erhalten, hatte gegen Tiere mit scharfen Zähnen und mit Giftstacheln gekämpft, wenn es notwendig wurde, und hatte in den Sternen gelesen, um sich zu zerstreuen. Als die Prinzessin also endlich den Tempel erreicht hatte, als sie vor dem steinernen Altar stand, vor der Truhe, die das helle Gegenstück zu der dunklen Truhe unter Morath war, erschien endlich sie. »Du bist Nehemia«, sagte sie. Die Prinzessin wirbelte herum, ihre lederne Jagdmontur fleckig und feucht, und die goldenen Spitzen ihres geflochtenen Haares klirrten aneinander. Ein abschätzender Blick aus Augen, die viel zu alt für bloße achtzehn Jahre waren; Augen, die lange in die Dunkelheit zwischen den Sternen gestarrt hatten und sich danach sehnten, ihre Geheimnisse zu ergründen. »Und du bist Elena.« Elena nickte. »Warum bist du gekommen?« Die Prinzessin von Eyllwe deutete mit ihrem eleganten Kinn auf die steinerne Truhe. »Soll ich sie nicht öffnen? Herausfinden, wie ich uns retten kann, und den Preis dafür bezahlen?« »Nein«, antwortete Elena leise. »Nicht du. Nicht auf diese Weise.« Die Prinzessin presste die Lippen zusammen, das einzige Zeichen ihrer Verstimmung. »In welcher Weise wird denn dann von mir verlangt zu bluten?« Sie hatte beobachtet und gewartet und für ihre Entscheidungen bezahlt. So lange. Zu lange. Und jetzt, da Dunkelheit sich herabgesenkt hatte … jetzt würde eine neue Sonne aufgehen. Musste aufgehen. »Es sind Malas Nachkommen, die zahlen werden, nicht die aus deinem Geschlecht.« Ihr Rücken versteifte sich. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Elena wünschte, sie könnte die Worte zurückhalten, könnte sie einsperren. Aber dies war der Preis für ihr Königreich, ihr Volk. Der Preis für diese Leute, dieses Königreich. Und andere. »Im Norden teilt sich der Stammbaum Malas in zwei Äste auf: einer zum Hause Havilliard, wo sein Prinz mit den Augen meines Gefährten die Gabe meiner rohen Magie besitzt – und ihre brutale Macht. Der andere Ast führt zum Hause Galathynius, wo das Erbe reinrassig zum Vorschein kommt: Flamme und Glut und Asche.« »Aelin Galathynius ist tot«, sagte Nehemia. »Nicht tot.« Nein, dafür hatte sie gesorgt und zahlte noch immer für das, was sie in dieser Winternacht getan hatte. »Sie versteckt sich nur, vergessen von einer Welt, die dankbar ist, dass eine solche Macht ausgelöscht wurde, bevor sie herangereift ist.« »Wo ist sie? Und was hat das mit mir zu tun?« »Du bist bewandert in Geschichte, kennst dich mit den Spielern und den Einsätzen aus. Du kennst die Wyrdzeichen und weißt, wie man mit ihnen umgeht. Du hast die Rätsel falsch gedeutet und gedacht, du wärest es, die hierherkommen müsste, an diesen Ort. Dieser Spiegel ist nicht das Schloss – er ist ein Sammelbecken der Erinnerung. Geschmiedet von mir selbst, meinem Vater und Rhiannon Crochan. Geschmiedet, damit die Erbin dieser Bürde es alles eines Tages vielleicht versteht. Damit sie alles weiß, bevor sie sich entscheidet. Auch diese Begegnung wird darin bewahrt werden. Aber du wurdest gerufen, damit wir uns treffen.« Das weise, junge Gesicht wartete. »Geh nach Norden, Prinzessin«, sagte Elena. »Geh ins Haus deines Feindes. Stell die Beziehungen her, beschaff dir die Einladung, tu, was du tun musst, aber geh in das Haus deines Feindes. Die beiden Äste des Stammbaums kommen dort zusammen. Schon jetzt sind sie auf dem Weg dorthin.« »Aelin Galathynius geht nach Adarlan?« »Nicht Aelin. Nicht unter diesem Namen, dieser Krone. Erkenne sie an den Augen – türkis mit einem goldenen Kern. Erkenne sie an dem Zeichen auf ihrer Stirn – dem Zeichen des Bastards, dem Zeichen Brannons. Leite sie. Hilf ihr. Sie wird dich brauchen.« »Und der Preis?« In dem Augenblick hasste Elena jene Wesen. Hasste die Götter, die dies gefordert hatten. Hasste sich selbst. Hasste es, dass dies verlangt wurde, all diese Hoffnungsträger … »Du wirst Eyllwe nicht wiedersehen.« Die Prinzessin starrte zu den Sternen empor, als sprächen sie zu ihr, als stünde die Antwort dort geschrieben. »Wird mein Volk überleben?« Eine kleinlaute, leise Stimme. »Ich weiß es nicht.« »Dann werde ich die Schritte auch dafür einleiten. Die Rebellen einen, während ich in Rifthold bin, den Kontinent auf einen Krieg vorbereiten.« Nehemia wandte den Blick von den Sternen ab. Elena wollte am liebsten vor der jungen Prinzessin auf die Knie fallen und um Vergebung flehen. »Einer von ihnen muss bereit sein – um zu tun, was getan werden muss«, sagte Elena, und sei es auch nur, weil es die einzige Möglichkeit war, es zu erklären, sich zu entschuldigen. Nehemia schluckte. »Dann werde ich helfen, wie immer ich es nur vermag. Für Erilea. Und für mein Volk.« 66 A edion Ashryver war darin ausgebildet worden, Männer zu töten und die Stellung in einer Schlacht zu halten, seit er alt genug gewesen war, ein Schwert zu heben. Kronprinz Rhoe Galathynius hatte sein Training persönlich begonnen und Aedion Standards abverlangt, die manch einer vielleicht für ungerecht gehalten hätte, zu streng für einen Jungen. Aber Rhoe hatte Bescheid gewusst, wie Aedion nun begriff, als er am Bug des Schiffs stand, Ansel von Briarcliffs Männer bewaffnet und bereit hinter ihm. Rhoe hatte schon damals gewusst, dass Aedion Aelin dienen würde, und wenn fremdländische Armeen der Macht der Feuerbringerin den Kampf ansagten, würden es womöglich keine bloßen Sterblichen sein, denen er gegenübertrat. Rhoe – Evalin – hatte darauf gesetzt, dass die unsterbliche Armee, die sich nun vor ihnen erstreckte, eines Tages an diese Gestade kommen würde. Und sie hatten dafür sorgen wollen, dass Aedion bereit war, wenn es so weit war. »Schilde hoch«, befahl Aedion den Männern, als die zweite Salve von Pfeilen von Maeves Armada herabregnete. Dank Dorian Havilliard hielt der magische Mantel um ihre Schiffe recht gut stand. Doch obwohl Aedion dankbar war für jedes Blutvergießen, das ihnen so erspart blieb, knirschte er bei jedem Einschlag, der eine farbige Welle über den Schild schickte, mit den Zähnen. Er konnte nicht anders, bei all dem Mist, den der König gemeinsam mit Aelin und Manon angerichtet hatte. »Das sind Soldaten, genau wie ihr«, fügte Aedion hinzu. »Lasst euch nicht von den Spitzohren täuschen. Sie bluten wie alle anderen auch. Und sterben auch an den gleichen Wunden.« Er gestattete sich nicht, einen Blick hinter sich zu werfen – wo sein Vater eine weitere Reihe von Schiffen befehligte und mit einem Schild beschützte. Gavriel war still geblieben, als Fenrys die Soldaten aufgeklärt hatte, wie man einen Fae-Krieger mit Selbstheilungskräften besiegen konnte: indem man seine Muskeln durchschnitt, statt ihm Stichwunden zuzufügen. Wenn man eine Sehne durchtrennte, hielt man einen Unsterblichen lange genug auf, um ihn töten zu können. Leichter gesagt als getan. Die Soldaten waren bei dem Gedanken daran erbleicht – offener Kampf, Klinge gegen Klinge, gegen Fae-Krieger. Zu Recht. Aber Aedions Pflicht bestand nicht darin, sie an die nackten Tatsachen zu erinnern. Seine Pflicht war es, dafür zu sorgen, dass sie bereitwillig starben, diesen Kampf absolut unerlässlich erscheinen zu lassen. Angst konnte eine Linie schneller durchbrechen als jeder feindliche Ansturm. Rhoe – sein wirklicher Vater – hatte ihn das gelehrt. Und Aedion hatte es während der Jahre im Norden gelernt. Hatte es mit der Bane knietief durch Schlamm und Blut watend im Kampf gelernt. Er wünschte, sie wären hier, um ihn zu flankieren, nicht die unbekannten Soldaten aus den Wastes. Aber er würde nicht zulassen, dass seine eigene Angst seine Entschlossenheit untergrub. Maeves zweite Salve stieg hoch, höher und höher, und die Pfeile rauschten schneller und weiter als die von den Bogen der Sterblichen. Und zielten besser. Der unsichtbare Schild über ihnen kräuselte sich mit blauem und purpurnem Flackern, als die Pfeile zischten und abrutschten. Er gab bereits nach, weil die Spitzen dieser Pfeile in Magie getaucht waren. Die Soldaten an Deck regten sich, Schilde wurden verlagert, ihre Befürchtungen und ihr wachsendes Entsetzen verklebten Aedions Sinne. »Nur ein bisschen Regen, Jungs«, sagte er breit grinsend. »Ich dachte, ihr Bastarde wärt es gewohnt, da draußen in den Wastes.« Gebrummel antwortete ihm, aber die Metallschilde hörten auf zu zittern. Aedion zwang sich zu kichern. Machte sich selbst zum Wolf des Nordens, erpicht darauf, Blut auf den südlichen Meeren zu vergießen. Wie Rhoe es ihn gelehrt hatte, worauf Rhoe ihn vorbereitet hatte, lange bevor Terrasen dem Schatten Adarlans zum Opfer gefallen war. Nie wieder. Nie wieder sollte das geschehen – und ganz bestimmt nicht mit Maeve. Ganz bestimmt nicht hier, wo niemand da war, der es bezeugen konnte. Vor ihnen, an den Frontlinien, loderte Rowans Magie in einem stummen Signal weiß auf. »Pfeile bereithalten«, befahl Aedion. Bogen stöhnten, Pfeile zeigten gen Himmel. Ein weiteres Signal blitzte auf. »Salve!« , brüllte Aedion. Die Welt verdunkelte sich unter ihren Pfeilen, die zu Maeves Armada schwirrten. Ein Sturm von Pfeilen – um von dem wahren Angriff unter den Wellen abzulenken. *** Das Wasser war hier dunkler, das Sonnenlicht schuf nur schmale Bahnen, die zwischen den dickbäuchigen Schiffen über den Wellen hindurchglitten. Der Lärm hatte auch andere Kreaturen angelockt, Fleischfresser auf der Suche nach Mahlzeiten, die gewiss kommen würden, wenn die beiden Flotten endlich aufeinandertrafen. Ein Lichtblitz hatte Lysandra veranlasst, tief hinabzutauchen und sich zwischen den kreisenden Raubtieren hindurchzuschlängeln, in ihren Massen unterzutauchen, so gut sie das vermochte, während sie sich bereit machte, hochzuschießen. Sie hatte die Gestalt ihres Meeresdrachen angepasst. Hatte ihm längere Gliedmaßen gegeben – mit Daumen, die zum Greifen taugten. Hatte ihrem Schwanz mehr Kraft gegeben, mehr Kontrolle. Ihr eigenes kleines Projekt während der langen Reisetage. Eine ursprüngliche Gestalt zu nehmen und sie zu perfektionieren. Zu verändern, was die Götter geschaffen hatten, bis sie damit zufrieden war. Lysandra erreichte das erste Schiff, das Rowan markiert hatte. Sie hatte eine sorgfältig erstellte, präzise Karte im Kopf, wo und wie sie angreifen sollte. Ein Zucken ihres Schwanzes zerfetzte das Ruder. Die Rufe erreichten Lysandra selbst unter den Wellen, aber sie flog bereits, rauschte auf das nächste markierte Schiff zu. Diesmal benutzte sie die Krallen, packte das Ruder und riss es glatt ab. Dann schlug sie mit ihrem keulenartigen Schwanz ein Loch in den Kiel. Keulenartig, nicht mit Stacheln versehen. Nein, mit den Stacheln war sie in Skull’s Bay einmal stecken geblieben. Also hatte sie ihren Schwanz zu einem Rammbock gemacht. Pfeile wurden mit größerer Genauigkeit abgefeuert als die der Fußsoldaten der Valg und durchschnitten das Wasser wie Sonnenstrahlen. Sie hatte sich auch darauf vorbereitet. Sie prallten von den Schuppen aus Spinnenseide ab. Stundenlang hatte sie das Material studiert, das in Abraxos’ Flügel eingearbeitet worden war, und hatte alles darüber gelernt – wie sie ihre Haut in diese undurchdringlichen Fasern verwandeln konnte. Lysandra zerfetzte ein weiteres Ruder und dann noch eins. Und noch eins. Fae-Soldaten schrien, wenn sie nahte. Aber die Harpunen, die sie abfeuerten, waren zu schwer und sie war zu schnell, tauchte zu tief und zu flink. Peitschende Wassermagie wurde auf sie abgeschossen, um sie einzufangen. Aber auch der schwamm sie davon. Der Hof, der die Welt verändern konnte, sagte sie sich immer wieder, als Erschöpfung sie niederdrückte, als sie fortfuhr, ein Ruder nach dem anderen unbrauchbar zu machen und Löcher in die ausgewählten Fae-Schiffe zu reißen. Sie hatte diesem Hof, dieser Zukunft ein Versprechen gegeben. Hatte Aedion ein Versprechen gegeben. Und ihrer Königin. Sie würde sie nicht enttäuschen. Und wenn die gottverdammte Maeve sich mit ihnen anlegen wollte, wenn Maeve sie angreifen wollte, wenn sie am schwächsten waren … Lysandra würde dafür sorgen, dass das Miststück es bereute. *** Dorians Magie brodelte, als Maeves Armada vom Abfeuern ihrer Pfeile zu regelrechtem Chaos überging. Aber er hielt seine Schilde intakt und flickte die Stellen, an denen die Pfeile sie durchstoßen hatten. Schon jetzt wackelte seine Macht, war zu schnell erschöpft. Entweder durch irgendeinen Trick von Maeve oder die Magie, die an diesen Pfeilen haftete. Aber Dorian knirschte mit den Zähnen, unterwarf die Magie seinem Willen und Rowans gebrüllte Mahnungen, durchzuhalten, dröhnten übers Wasser – verstärkt, so wie Gavriel in Skull’s Bay seine Stimme eingesetzt hatte. Doch selbst mit dem Chaos innerhalb von Maeves Armada, deren Schiffe unter dem Wasser angegriffen wurden, erstreckten sich die feindlichen Reihen bis in alle Ewigkeit. Aelin und Manon waren noch nicht zurückgekehrt. Ein Fae in tobender, tödlicher Panik war schon ein beängstigender Anblick. Zwei von ihnen waren beinahe verheerend. Als Aelin und Manon in diesem Spiegel verschwunden waren, hatte Dorian vermutet, dass nur Aedions Gebrüll Rowan aus dem Blutrausch herausgerissen hatte, in den er verfallen war. Und nur die pochende Prellung auf Dorians Wange hatte Rowan darauf verzichten lassen, ihm noch eine weitere zu verpassen. Dorian warf einen Blick zur Frontlinie, wo der Fae-Prinz am Bug seines Schiffes stand, sein Schwert gezückt und sein Beil in der Hand, einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen über den Rücken geschnallt, außerdem trug er verschiedene Jagdmesser bei sich, die rasierklingenscharf waren. Der Prinz hatte sich noch keineswegs wieder eingekriegt, begriff Dorian. Nein, Rowan war bereits auf einer Ebene eisigen Zorns angelangt, bei der Dorians Magie erzitterte, selbst aus der Entfernung, die jetzt zwischen ihnen lag. Er konnte sie spüren, Rowans Macht – spürte sie, so wie er Aelins Macht gespürt hatte, wenn sie hervorbrach. Rowan war bereits tief in sein Machtreservoir eingetaucht, als Aelin und Manon gegangen waren. Er hatte die letzte Stunde genutzt, sobald Aedion seine Furcht und seinen Zorn auf die Schlacht vor ihnen konzentriert hatte, um noch tiefer einzutauchen. Jetzt floss sie um sie herum wie das Meer, das nur wenige Meter unter ihnen lag. Dorian war seinem Beispiel gefolgt und hatte auf die Ausbildung zurückgegriffen, die der Prinz in ihm angelegt hatte. Eis kleidete seine Adern aus, sein Herz. Aedion hatte nur eins zu ihm gesagt, bevor er zu seinem eigenen Abschnitt der Armada aufgebrochen war. Der Prinz und General hatte Dorian einmal gemustert, seine Ashryver-Augen waren auf der Prellung hängen geblieben, die er ihm verpasst hatte, und er hatte gesagt: »Angst ist ein Todesurteil. Wenn du dort draußen bist, denk daran, dass wir nicht zu überleben brauchen. Wir brauchen ihnen nur ausreichend großen Schaden zuzufügen, dass sie, wenn sie zurückkommt, den Rest auslöschen wird.« Wenn. Nicht falls. Aber wenn Aelin ihre Leichen fand oder was immer von ihnen übrig war, falls das Meer sie nicht für sich forderte, war es durchaus möglich, dass sie der Welt aus Zorn ein Ende machte. Vielleicht sollte sie das tun. Vielleicht verdiente es diese Welt. Vielleicht würde Manon Blackbeak ihr helfen. Vielleicht würden sie gemeinsam über die Ruinen herrschen. Er wünschte, er hätte mehr Zeit gehabt, um mit der Hexe zu reden. Um mehr über sie zu erfahren als das, was sein Körper bereits kennengelernt hatte. Denn obwohl die Ruder demoliert worden waren … die Schiffe rückten jetzt vor. Fae-Krieger. Zum Töten geboren und ausgebildet. Aedion und Rowan sandten eine weitere Salve von Pfeilen in Richtung der Schiffe. Schilde rissen sie in Stücke, bevor sie irgendwelche Ziele treffen konnten. Dies würde kein gutes Ende nehmen. Sein Herz donnerte und er schluckte, als die Schiffe um ihre strauchelnden Brüder herumkrochen und sich zentimeterweise der Kampflinie näherten. Seine Magie krümmte sich. Er würde vorsichtig sein müssen, wohin er zielte. Würde dafür sorgen müssen, dass der Schuss saß. Er traute seiner Macht nicht, sich auf ein Ziel konzentrieren zu können, wenn er sie auf einmal entfesselte. Und Rowan hatte ihm gesagt, er solle es nicht tun. Hatte ihm ge sagt, er solle warten, bis die Armada sie wirklich erreicht hatte. Bis sie diese Linie überquerte. Bis der Fae-Prinz den Befehl zum Feuern gab. Denn es waren Feuer – und Eis, die jetzt in Dorian miteinander rangen und darum bettelten, entfesselt zu werden. Er hielt das Kinn hocherhoben, als weitere Schiffe sich langsam jenen näherten, die manövrierunfähig an der Front lagen, und sich längsseits an ihnen vorbeischoben. Dorian wusste, dass es wehtun würde. Wusste, dass es wehtun würde, seine Magie bis zum Ruin auszuschlachten und dann seinen Körper zugrunde zu richten. Wusste, dass es wehtun würde, seine Gefährten einen nach dem anderen fallen zu sehen. Und dass es unvermeidlich so kommen würde. Noch immer hielt Rowan die Frontlinie und ließ seine Schiffe nicht umdrehen, um zu fliehen. Immer näher kamen die feindlichen Schiffe auf ihre Reihen zu, schoben sich vorwärts, indem sie mächtige Ruder schwangen. Bogenschützen standen bereit, um jeden Moment zu schießen, und die Sonne blitzte auf den polierten Rüstungen der kampfhungrigen Fae-Krieger auf, die an Bord waren. Gut ausgeruht und gefechtsbereit, bestens gerüstet zum Abschlachten. Es würde keine Kapitulation geben. Maeve würde sie vernichten, nur um Aelin zu bestrafen. Er hatte ihnen gegenüber versagt – indem er Manon und Aelin weggeschickt hatte. Mit diesem Wagnis hatte er vielleicht ihnen allen gegenüber versagt. Aber Rowan Whitethorn hatte das nicht getan. Nein, denn als diese feindlichen Schiffe inmitten ihrer sinkenden Gefährten Stellung bezogen, sah Dorian, dass sie alle die gleiche Flagge trugen: Ein silbernes Banner mit einem schreienden Habicht. Und wo eben noch Maeves schwarze Flagge einer hockenden Eule darüber geflattert hatte, wurde diese schwarze Flagge jetzt eingeholt. Jetzt verschwand die Flagge der Dunklen Königin vollkommen, als Fae-Schiffe, die das silberne Banner des Hauses Whitethorn trugen, das Feuer auf den Rest ihrer eigenen Flotte eröffneten. 67 R owan hatte Enda von Aelin erzählt. Er hatte seinem Cousin von der Frau erzählt, die er liebte, der Königin, in deren Herzen Wildfeuer brannte. Er hatte Enda von Erawan erzählt und von der Bedrohung der Schlüssel und von Maeves eigenem Verlangen nach ihnen. Und dann war er auf die Knie gegangen und hatte seinen Cousin um Hilfe angefleht. Nicht das Feuer auf Terrasens Armada zu eröffnen. Sondern auf die von Maeve. Um nicht die einzige Chance auf Frieden zu vertun. Darauf, die Dunkelheit aufzuhalten, bevor sie sie alle verschlang, sowohl die von Morath als auch die von Maeve. Und nicht für die Königin zu kämpfen, die ihn versklavt hatte, sondern für die, die ihn gerettet hatte. Ich werde es überdenken , hatte Endymion gesagt. Und so hatte Rowan sich von den Knien erhoben und war zum Schiff einer anderen Cousine geflogen. Prinzessin Sellene, seine jüngste Cousine mit ihren schlauen Augen, hatte zugehört. Hatte ihn betteln lassen. Und mit einem kleinen Lächeln hatte sie das Gleiche gesagt. Ich werde es überdenken. So war er weitergeflogen, von Schiff zu Schiff. Zu den Cousins und Cousinen, von denen er wusste, dass sie vielleicht auf ihn hören würden. Hochverrat – das war es, was er sie zu tun angefleht hatte. Hochverrat und Betrug, so gewaltig, dass sie nie wieder nach Hause würden zurückkehren können. Ihre Ländereien und Titel würden zerstört oder ihnen genommen werden. Und als sie ihre unversehrten Schiffe nun neben jene brachten, die Lysandra bereits manövrierunfähig gemacht hatte, als sie über deren ahnungslose Streitkräfte mit Pfeilen und Magie herfielen, brüllte Rowan seiner eigenen Flotte zu: »Jetzt, jetzt, jetzt!« Riemen platschten in die Wellen und Männer ächzten, als sie wie verrückt auf die völlig chaotische Flotte zuruderten. Jeder und jede einzelne seiner Cousins und Cousinen hatten angegriffen. Alle. Als hätten sie sich alle getroffen, alle beschlossen, gemeinsam ihre Zerstörung zu riskieren. Rowan hatte keine eigene Armee besessen, die er Aelin hätte schenken können. Die er Terrasen hätte schenken können. Und nun hatte er eine Armee für sie gewonnen. Mit den Dingen, von denen Aelin behauptet hatte, sie seien alles, was sie von ihm wolle. Sein Herz. Seine Loyalität. Seine Freundschaft. Und Rowan wünschte, sein Feuerherz wäre hier, um zu sehen, wie das Haus Whitethorn in Maeves Flotte krachte und Eis und Wind über den Wellen explodierten. *** Lorcan glaubte es nicht. Er glaubte nicht, was er sah, als ein Drittel von Maeves Flotte das Feuer auf die verblüffte Mehrheit ihrer Schiffe eröffnete. Und er wusste – wusste es, ohne dass es ihm bestätigt zu werden brauchte, dass die Banner, die an diesen Schiffen flatterten, silbern sein würden. Wie immer er sie überzeugt hatte, wann immer er sie überzeugt hatte … Whitethorn hatte es getan. Für sie. All das, für Aelin. Rowan brüllte den Befehl, ihren Vorteil auszunutzen und Maeves Armada zwischen ihnen zu zermalmen. Lorcan, der ein wenig benommen war, gab den Befehl an seine eigenen Schiffe weiter. Maeve würde es nicht zulassen. Hierfür würde sie das Geschlecht der Whitethorns ausmerzen. Aber hier waren sie, entfesselten ihr Eis und ihren Wind gegen Maeves restliche Schiffe, von Pfeilen und Harpunen begleitet, die Holz und Soldaten durchbohrten. Wind peitschte ihm das Haar ums Gesicht und er wusste, dass Whitethorn seine Magie jetzt bis zur Belastungsgrenze einsetzte, um ihre eigenen Schiffe ins Getümmel zu schieben, bevor seine Cousins und Cousinen den Vorteil des Überraschungsmoments verloren. Narren, alle, wie sie da waren. Narren, und doch … Gavriels Sohn brüllte Whitethorns Namen. Es war ein gottverdammter Siegesschrei. Wieder und wieder nahmen die Männer den Ruf auf. Dann hob Fenrys die Stimme. Und Gavriel ebenfalls. Und diese rothaarige Königin. Der Havilliard-König. Ihre Armada rauschte auf die von Maeve zu, Sonne und See und Segel überall um sie herum, Klingen, die im hellen Morgenlicht glitzerten. Selbst das Heben und Senken der Riemen schien ein Echo des skandierten Namens zu sein. Hinein in die Schlacht, hinein ins Blutvergießen zogen sie und riefen dabei den Namen des Prinzen. Für einen Augenblick gestattete Lorcan es sich, darüber nach zudenken – über die besondere Macht, die Rowan dazu gebracht hatte, alles aufs Spiel zu setzen. Vielleicht war diese Macht, diese Kraft das Einzige, was Maeve, was Erawan nicht kommen sehen würden. Aber Maeve – Maeve war irgendwo in dieser Flotte. Sie würde zurückschlagen. Sie würde Vergeltung üben, würde sie alle leiden lassen … Rowan brach mit ihrer Armada durch Maeves Reihen und entlud mit der Macht seines Zorns Eis und Wind über ihnen, begleitet von ihren Pfeilen. Und wo Rowans Macht innehielt, sprang Dorians Magie hervor. Aus keinerlei Aussicht, diese Schlacht zu gewinnen , war nun eine minimale Chance geworden, doch noch zu siegen. Wenn Whitethorn und die anderen ihre Linien halten konnten, ausdauernd blieben. Lorcan ertappte sich dabei, dass er über Schiffe und Soldaten hinweg nach Fenrys und Gavriel Ausschau hielt. Und er wusste, dass Maeves Antwort gekommen war, als er sie entdeckte, wie sie einer nach dem anderen erstarrten. Er entdeckte Fenrys, der Anlauf nahm und sich beim Rennen in Luft auflöste. Der Weiße Wolf von Doranelle erschien fast im selben Moment an Gavriels Seite und die Männer dort schrien bei seinem Auftauchen aus dem Nichts laut auf. Aber er packte Gavriels Arm, und dann waren sie beide wieder fort, die Gesichter angespannt. Nur Gavriel schaffte es, zu Lorcan hinüberzuschauen, bevor sie verschwanden – seine Augen warnend geweitet. Gavriel deutete in eine Richtung, dann waren sie nur noch Sonnenlicht und Gischt. Lorcan starrte zu der Stelle, auf die Gavriel gedeutet hatte, diese kleine Geste ein Verrat, für den er schmerzlich büßen würde. Lorcans Blut gefror. Maeve ließ die Schlacht auf dem Wasser explodieren, weil sie an dere Eisen im Feuer hatte. Weil sie sich gar nicht selbst auf dem Meer befand. Sondern am Ufer. Gavriel hatte dorthin gedeutet. Nicht auf den fernen Strand, sondern auf das weiter entfernte Ufer – in westlicher Richtung. Genau dorthin, wo er vor Stunden Elide gelassen hatte. Und Lorcan scherte sich nicht um die Schlacht, darum, was er Whitethorn zu tun versprochen hatte, überhaupt um das Versprechen, das er dem Prinzen gegeben hatte. Er hatte ihr zuerst ein Versprechen gegeben. Die Soldaten waren nicht so dumm zu versuchen, ihn aufzuhalten, als Lorcan einem der Männer das Kommando übertrug und sich ein Langboot sicherte. *** Elide konnte die Schlacht von dort nicht sehen, wo sie zwischen den Sanddünen wartete und die Seegräser um sie herum zischten. Aber sie konnte sie hören, die Rufe und das Krachen. Sie versuchte, nicht auf den Lärm der Schlacht zu lauschen, versuchte, stattdessen Anneith anzuflehen, ihre Freunde zu leiten. Lorcan am Leben zu lassen und Maeve weit von ihm entfernt. Aber Anneith blieb in der Nähe, schwebte hinter ihrer Schulter. Schau , sagte sie, wie sie es immer tat. Schau, schau, schau. Es war nichts als Sand und Gras und Wasser und blauer Himmel zu sehen. Nichts als die acht Wachen, denen Lorcan den Befehl gegeben hatte, bei ihr zu bleiben, und die sich in den Dünen lümmelten und entweder erleichtert oder verärgert darüber aussahen, die Schlacht zu verpassen, die auf den Wellen hinter der Biegung der Küste tobte. Die Stimme wurde drängend. Schau, schau, schau. Dann verschwand Anneith gänzlich. Nein – sie floh. Wolken sammelten sich, die von den Sümpfen heranfegten. Sie zogen in Richtung der Sonne, die gerade ihren Aufstieg begann. Elide erhob sich und rutschte auf der steilen Düne ein wenig aus. Der Wind peitschte und rauschte durch die Gräser – und der warme Sand wurde grau und stumpf, als diese Wolken sich vor die Sonne schoben. Sie verdeckten. Irgendetwas kam. Irgendetwas, das wusste, dass Aelin Galathynius ihre Kraft aus dem Sonnenlicht schöpfte. Von Mala. Elides Mund wurde trocken. Wenn Vernon sie hier fand … jetzt würde es kein Entkommen für sie geben. Die Wachen auf den Dünen hinter ihr regten sich, bemerkten den seltsamen Wind, die Wolken. Spürten, dass dieser herannahende Sturm nicht natürlichen Ursprungs war. Würden sie lange genug gegen die Ilken durchhalten, dass Hilfe kommen konnte? Oder würde Vernon diesmal mehr von ihnen mitbringen? Aber es war nicht Vernon, der auf dem Strand auftauchte, als wäre er aus einer vorbeiwehenden Brise getreten. 68 E s war eine Qual. Eine Qual, Nehemia zu sehen, jung und stark und weise. Wie sie in den Sümpfen mit Elena gesprochen hatte, inmitten ebendieser Ruinen. Und dann war da noch diese andere Qual. Dass Elena und Nehemia einander gekannt hatten. Zusammengearbeitet hatten. Dass Elena diese Pläne vor tausend Jahren geschmiedet hatte. Dass Nehemia in dem Wissen nach Rifthold gegangen war, dass sie sterben würde. In dem Wissen, dass sie Aelin würde brechen müssen – dass sie ihren Tod benutzen musste, um sie zu brechen , damit sie die Assassinin hinter sich lassen und ihren Thron besteigen konnte. Aelin und Manon bekamen eine weitere Szene gezeigt. Von einem um Mitternacht geflüsterten Gespräch, tief unter dem gläsernen Palast. Eine Königin und eine Prinzessin, die sich in aller Heimlichkeit trafen. Wie sie es seit Monaten getan hatten. Die Königin bat die Prinzessin, den Preis zu zahlen, den zu zahlen sie in den Sümpfen angeboten hatte. Ihren eigenen Tod zu arrangieren – um all dies in Gang zu setzen. Nehemia hatte Elena gewarnt, dass sie – dass Aelin – gebrochen sein würde. Schlimmer noch, dass sie so tief in den Abgrund von Zorn und Verzweiflung hinabsteigen würde, dass sie nicht mehr würde herauskommen können. Nicht als Celaena. Nehemia hatte recht gehabt. Aelin zitterte – zitterte in ihrem halb unsichtbaren Körper, zitterte so heftig, dass sie dachte, ihre Haut würde sich von ihren Knochen lösen. Manon trat näher, vielleicht der einzige Trost, den die Hexe anbieten konnte: Solidarität. Sie starrten wieder in den wabernden Nebel, wo die Szenen – die Erinnerungen – sich entfaltet hatten. Aelin war sich nicht sicher, ob sie eine weitere Wahrheit ertragen konnte. Eine weitere Offenbarung, wie gründlich Elena sie und Dorian an die Götter verkauft hatte, wegen des törichten Fehlers, den sie begangen hatte, Erawan in seinem Grab einzuschließen, ohne den wahren Sinn des Schlosses zu verstehen – statt es Brannon zu ermöglichen, das Ganze zu beenden und die Götter dorthin zurückzuschicken, wo immer sie zu Hause waren, und sie Erawan mitschleppen zu lassen. Sie nach Hause schicken … die Schlüssel benutzen, um das Wyrdtor zu öffnen. Ein neues Schloss, das es auf ewig versiegelte. Namenlos ist mein Preis. Indem sie ihre Macht benutzte, sie bis auf den letzten Tropfen aufbrauchte, ihr Leben gab, um dieses neue Schloss zu schmieden. Um die Macht der Schlüssel nur ein einziges Mal zu verwenden – nur einmal, um sie alle zu verbannen und das Tor dann für immer zu versiegeln. Erinnerungen flackerten vorbei. Elena und Brannon, die einander in einem Raum anschrien, den Aelin seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte – die königlichen Gemächer im Palast von Orynth. Ihre Gemächer – oder jedenfalls wären sie es gewesen. Eine Kette glitzerte um Elenas Hals: das Auge. Das erste und jetzt zerbrochene Schloss, das Elena, nun Königin von Adarlan, als eine Art Erinnerung an ihre Torheit zu tragen schien, an ihr Versprechen an diese zornigen Götter. Der Streit mit ihrem Vater wütete immer weiter – bis die Prinzessin hinausging. Und Aelin wusste, dass Elena niemals wieder in diesen strahlenden Palast im Norden zurückgekehrt war. Dann die Enthüllung dieses Hexenspiegels in einem nichtssagenden, steinernen Raum. Eine schwarzhaarige Schönheit mit einer Krone aus Sternen stand vor Elena und Gavin und erklärte, wie der Hexenspiegel funktionierte – wie er diese Erinnerungen in sich aufbewahren konnte. Rhiannon Crochan. Manon zuckte bei ihrem Anblick zusammen und Aelin schaute zwischen ihnen hin und her. Das Gesicht … es war das gleiche. Manons Gesicht und das von Rhiannon Crochan. Die letzten Crochan-Königinnen – aus zwei verschiedenen Zeitaltern. Dann ein Bild von Brannon allein – den Kopf in die Hände gestützt, während er vor einem steinernen Altar weinte – ein in ein Tuch gehüllter Leichnam lag darauf. Darin lag die gekrümmte Gestalt einer Greisin. Elena, die ihre unsterbliche Anmut aufgegeben hatte, um eine menschliche Lebensspanne mit Gavin zu durchleben. Brannon sah noch immer nicht älter als dreißig aus. Dann Brannon, in dessen rotgoldenem Haar die Hitze von tausend Schmieden schimmerte, seine Zähne knurrend gebleckt, als er auf eine Metallscheibe auf einem Amboss einhämmerte, die Muskeln seines Rückens spielten unter goldener Haut, während er immer wieder und wieder zuschlug. Während er das Amulett von Orynth schmiedete. Während er einen schwarzen Steinsplitter zwischen beide Seiten legte und es dann versiegelte, und Trotz sprach aus jeder Linie seines Körpers. Dann die Nachricht in Wyrdzeichen auf die Rückseite schrieb. Eine einzige Botschaft. Für sie. Für seine wahre Erbin, sollten Elenas Strafe und Versprechen an die Götter eingelöst werden. Die Strafe und das Versprechen, die sie entzweit hatten. Die Brannon weder akzeptieren konnte noch wollte. Nicht solange er noch Kraft übrig hatte. Namenlos ist mein Preis. Geschrieben in Wyrdzeichen. Die eine, die Brannons Zeichen tragen würde, das Zeichen des als Bastard geborenen Namenlosen … sie würde der Preis sein, der dies beendete. Die Botschaft auf der Rückseite des Amuletts von Orynth war die einzige Warnung, die er hatte anbieten können, die einzige Entschuldigung für das, was seine Tochter getan hatte, obwohl es ein Geheimnis in seinem Inneren verbarg, das so tödlich war, dass niemand davon wissen durfte, dass man es niemandem jemals erzählen durfte. Aber es würde Hinweise geben. Für sie. Um zu beenden, was sie begonnen hatten. Brannon hatte Elenas Grabkammer mit eigenen Händen erbaut. Hatte auch die Nachrichten für Aelin selbst dort eingraviert. Die Rätsel und die Hinweise. Das Beste, das er hatte anbieten können, um die Wahrheit zu erklären, während er gleichzeitig diese Schlüssel vor der Welt verborgen hielt, vor Mächten, die sie benutzen würden, um zu herrschen, zu zerstören. Dann erschuf er Mort, und das Metall für den Türklopfer schenkte ihm Rhiannon Crochan, die dem König über die Wange strich, bevor sie das Grabmal verließ. Rhiannon war nicht zugegen, als Brannon den schwarzen Steinsplitter unter dem Juwel in Elenas Krone versteckte – den zweiten Wyrdschlüssel. Oder als er Damaris in seine Schwerthalterung steckte, in der Nähe des zweiten Sarkophags. Dem Sarg des sterblichen Königs, den er gehasst und kaum toleriert hatte, obwohl er diesen Hass um seiner Tochter willen gezügelt hatte. Obwohl Gavin ihm seine Tochter weggenommen hatte, die Tochter seiner Seele. Der letzte Schlüssel … der ging zu Malas Tempel. Das war der Ort, an dem er sowieso all dies hatte enden lassen wollen. Das geschmolzene Feuer rund um den Tempel war ein Lied in seinem Blut, ein Ruf. Ein Willkommensgruß. Nur jene mit seinen Gaben – ihren Gaben – konnten dorthin gelangen. Nicht einmal die Priesterinnen konnten die Insel im Herzen des geschmolzenen Flusses erreichen. Nur seine Erbin würde in der Lage sein, das zu tun. Oder wer immer einen weiteren Schlüssel besaß. Also legte er den verbliebenen Schlüssel unter eine Steinplatte. Und dann ging er hinein in diesen geschmolzenen Fluss, in das brennende Herz seiner Geliebten. Und Brannon, König von Terrasen, Lord des Feuers, tauchte nicht wieder auf. Aelin wusste nicht, warum es sie überraschte, in der Lage zu sein, in diesem Körper zu weinen. Dass dieser Körper Tränen hatte, die er vergießen konnte. Aber Aelin vergoss sie für Brannon. Der gewusst hatte, was Elena den Götter versprochen hatte – und der dagegen gewütet hatte, gegen die Weitergabe dieser Bürde an einen seiner Nachfahren. Brannon hatte getan, was er für sie hatte tun können. Um den Schlag dieses Versprechens zu lindern, auch wenn er seinen Lauf nicht gänzlich verändern konnte. Um Aelin eine faire Chance zu geben. Namenlos ist mein Preis. »Ich verstehe nicht, was dies bedeutet«, sagte Manon leise. Aelin hatte nicht die Worte, um es ihr zu erklären. Sie war nicht in der Lage gewesen, es Rowan zu sagen. Aber dann erschien Elena, so real, wie sie real waren, und schaute in das verblassende goldene Licht von Malas Tempel, als die Erinnerung schwand. »Es tut mir leid«, sagte sie zu Aelin. Manon versteifte sich, als Elena näher kam, und entfernte sich einen Schritt von Aelins Seite. »Es war die einzige Möglichkeit«, erklärte Elena. In ihren Augen lag aufrichtiger Schmerz. Bedauern. »War es eine Entscheidung oder ging es nur darum, Gavins kostbares Geschlecht zu verschonen, dass ich diejenige war, die auserwählt wurde?« Die Stimme, die aus Aelins Kehle kam, war rau, gehässig. »Warum denn auch Havilliard-Blut vergießen, wenn man in alte Gewohnheiten verfallen und jemand anderem die Bürde auferlegen konnte?« Elena krümmte sich. »Dorian war noch nicht bereit. Du warst es. Die Entscheidung, die Nehemia und ich getroffen haben, sollte sicherstellen, dass die Dinge planmäßig verliefen.« »Planmäßig«, hauchte Aelin. »Gemäß all deinen Ränken, damit ich gezwungen wäre, die Schweinerei aufzuräumen, die du mit deinen gottverdammten Diebereien und deiner Feigheit angerichtet hast ?« »Sie wollten, dass ich leide«, lautete Elenas Antwort. »Und das habe ich getan. Zu wissen, dass du dies tun müsstest, diese Last tragen … es hat stetig und endlos meine Seele zerfressen, und das über einen Zeitraum von tausend Jahren. Es war so einfach, Ja zu sagen, mir vorzustellen, du wärest eine Fremde, jemand, der die Wahrheit nicht zu erfahren brauchte, der nur mit der richtigen Gabe am richtigen Ort zu sein brauchte, und doch … und doch habe ich mich geirrt. Ich habe mich so sehr geirrt.« Elena hob die Hände, die Handflächen nach oben gedreht. »Ich dachte, Erawan würde sich erheben und die Welt würde sich ihm stellen. Ich habe nicht gewusst … ich habe nicht gewusst, dass Dunkelheit sich herabsenken würde. Ich habe nicht gewusst, dass dein Land leiden würde. So sehr leiden, wie ich es versucht hatte, meinem Land zu ersparen. Und da waren so viele Stimmen … so viele Stimmen, noch bevor Adarlan seinen Eroberungsfeldzug begann. Es waren diese Stimmen, die mich geweckt haben. Die Stimmen jener, die sich eine Antwort wünschten, die sich Hilfe wünschten.« Elenas Blick wanderte zu Manon, dann zurück zu ihr. »Sie stammten aus allen Königreichen, aus allen Rassen. Menschen, Hexen, Fae … aber zusammen woben sie einen Bildteppich von Träumen und bettelten alle um das Gleiche … eine bessere Welt. Dann wurdest du geboren. Und du warst die Antwort auf die sich sammelnde Dunkelheit, mit deiner Flamme. Der Flamme meines Vaters, der Macht meiner Mutter – endlich wiedergeboren. Und du warst stark, Aelin. So stark und doch so verletzlich. Nicht durch äußere Bedrohungen, sondern durch die Bedrohung in deinem eigenen Herzen, die Isolation deiner Macht. Aber es gab jene, die dich als das erkannten, was du warst, was du bieten konntest. Deine Eltern, ihr Hof, dein Großonkel … und Aedion. Aedion wusste, dass du DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE , warst, ohne zu ahnen, was es bedeutete, ohne irgendetwas über dich zu wissen oder über mich oder darüber, was ich getan hatte, um mein eigenes Volk zu verschonen.« Die Worte trafen sie wie Steine. »DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE «, wiederholte Aelin. »Aber nicht der Welt versprochen. Sondern den Göttern – den Schlüsseln.« Um den Preis zu bezahlen. Um ihr Opfer zu sein, um endlich die Schlüssel in dem Tor zu versiegeln. Deanna war nicht nur erschienen, um ihr zu erklären, wie sie den Spiegel benutzen musste, sondern um sie daran zu erinnern, dass Aelin ihnen gehörte. Dass sie ihnen etwas schuldig war. Gefährlich leise sagte Aelin: »Ich habe in jener Nacht im Florine River nicht aus purem Glück überlebt, nicht wahr?« Elena schüttelte den Kopf. »Wir haben nicht …« »Nein«, fuhr Aelin sie an. »Zeig es mir.« Elena schluckte schwer. Aber dann färbten sich die Nebel dunkel und die bloße Luft um sie herum war mit Frost erfüllt. Krachende Äste, Atmung, die stoßweise ging, dazwischen keuchen des Schluchzen, leichte Schritte, die durch Brombeersträucher und Unterholz brachen. Der donnernde Hufschlag eines Pferdes, das näher kam … Aelin zwang sich, still zu stehen, als diese vertraute, gefrorene Welt erschien, genauso, wie sie sie in Erinnerung hatte. Als sie selbst erschien, so klein und jung, das weiße Nachthemd zerrissen und schmutzig, ihr Haar wild, ihre Augen leuchtend von einem Entsetzen und einer Trauer, die so tief gingen, dass sie sie vollkommen gebrochen hatten. Panisch darauf aus, den tosenden Fluss dahinter zu erreichen, die Brücke … Da waren die Pfeiler und der Wald auf der anderen Seite. Ihre Zuflucht … Manon fluchte leise, als Aelin Galathynius sich zwischen die Brückenpfeiler warf und begriff, dass die Brücke zerstört worden war … und in den tosenden, halb zugefrorenen Fluss darunter stürzte. Sie hatte vergessen, wie tief dieser Sturz gewesen war. Wie grausam der schwarze Fluss gewesen war, die weißen Stromschnellen vom eisigen Mond am Himmel beleuchtet. Das Bild veränderte sich, und dann war es dunkel und still und sie wurde immer wieder herumgewirbelt, als der Fluss sie in seinem Zorn herumwarf. »Da war so viel Tod«, flüsterte Elena, als sie beobachtete, wie Aelin vom Fluss herumgeworfen und gezerrt und in seine Tiefen gezogen wurde. Die Kälte war vernichtend. »So viel Tod und so viele erloschene Lichter«, sagte Elena mit brechender Stimme. »Du warst so klein. Und du hast gekämpft … du hast so heftig gekämpft.« Und da war sie, schlug im Wasser um sich, versuchte, an die Oberfläche zu gelangen, an die Luft, und sie spürte, wie ihre Lungen dichtmachten, spürte den sich aufbauenden Druck … Dann flackerte Licht von dem Amulett von Orynth um ihren Hals, grünliche Symbole, die wie Bläschen um sie herum zischelten. Elena ließ sich auf die Knie sinken und beobachtete, wie dieses Amulett unter dem Wasser leuchtete. »Sie wollten, dass ich dich hole, gleich dort. Du hattest das Amulett von Orynth, alle haben dich für tot gehalten und der Feind war mit dem Gemetzel abgelenkt. Ich hätte dich holen können, hätte dir helfen können, die beiden anderen Schlüssel aufzuspüren. Es war mir gestattet, dir zu helfen – immerhin das zu tun. Und sobald wir die beiden anderen gehabt hätten, sollte ich dich dazu zwingen, das Schloss neu zu schmieden. Jeden letzten Tropfen von dir aufzubrauchen, um dieses Schloss zu erschaffen, das Tor zu beschwören, die Schlüssel hineinzugeben, sie nach Hause zu schicken und alles zu beenden. Du hattest genug Macht, schon damals. Es hätte dich umgebracht, aber du warst ohnehin schon so gut wie tot. Also haben sie mir erlaubt, einen Körper anzunehmen, um dich zu holen.« Elena tat einen bebenden Atemzug, als eine Gestalt sich ins Wasser stürzte. Eine silberhaarige, wunderschöne Frau in einem uralten Kleid. Sie fasste Aelin um die Taille und zerrte sie hoch. Sie erreichten die Wasseroberfläche und es war dunkel und laut und wild, und sie konnte nicht mehr tun, als den Baumstamm zu packen, auf den Elena sie stieß, die Fingernägel in das aufgeweichte Holz zu bohren und sich daran festzuklammern, während sie stromabwärts getragen wurde, tief in die Nacht hinein. »Ich habe gezögert«, flüsterte Elena. »Du hast dich mit aller Kraft an diesen Baumstamm geklammert. Man hatte dir alles genommen – alles –, und doch hast du gekämpft. Du hast nicht klein beigegeben. Und sie haben mir befohlen, mich zu beeilen, denn schon damals war ihre Macht, mich in diesem Körper zu halten, im Schwinden begriffen. Sie sagten, ich solle dich einfach holen und gehen, aber … ich zögerte. Ich wartete, bis du das Flussufer erreicht hattest.« Schlamm und Schilf und Bäume ragten über ihnen auf und Reste von Schnee lagen noch auf dem steilen Flussufer. Aelin beobachtete sich selbst, wie sie dort hinaufkroch, einen quälenden Zentimeter nach dem anderen, und sie spürte tatsächlich den geisterhaften eisigen Matsch unter ihren Nägeln, spürte ihren zerbrochenen, halb erfrorenen Körper, als er auf die Erde sackte und sich schüttelte, immer wieder und wieder. Eine tödliche Kälte ergriff sie, während Elena sich neben ihr ans Ufer hievte. Als Elena sich auf sie stürzte und ihren Namen schrie, Kälte und Schock sich festsetzten … »Ich dachte, die Gefahr wäre das Ertrinken«, hauchte Elena. »Mir war nicht klar, dass du, wenn du so lange im Kalten warst …« Ihre Lippen waren blau geworden. Aelin beobachtete ihre eigene kleine Brust, die sich hob, senkte, hob … Und dann gänzlich aufhörte, sich zu bewegen. »Du bist gestorben«, flüsterte Elena. »An diesem Flussufer bist du gestorben. Du hattest so hart gekämpft und ich hatte dir gegenüber versagt. Und in diesem Moment war es mir gleichgültig, dass ich die Götter wiederum enttäuschen oder mein Versprechen brechen würde, es in Ordnung zu bringen, oder irgendetwas von alledem. Ich konnte nur denken …« Tränen rannen Elena übers Gesicht. »Ich konnte nur denken, wie unfair es war. Du hattest noch gar nicht richtig gelebt, du hattest noch nicht einmal eine Chance bekommen … und all diese Leute, die auf eine bessere Welt gehofft und gewartet hatten … du würdest nicht da sein, um sie ihnen zu schenken.« Oh, Götter. »Elena«, hauchte Aelin. Die Königin von Adarlan schluchzte in ihre Hände, während ihr früheres Ich Aelin schüttelte, immer wieder. Versuchte, sie zu wecken, versuchte, den kleinen Körper wiederzubeleben, der aufgegeben hatte. Elenas Stimme brach. »Ich konnte es nicht zulassen. Ich konnte es nicht ertragen. Nicht wegen der Götter, sondern – sondern um deiner selbst willen.« Ein Licht loderte in Elenas Hand auf, wanderte ihren Arm hinauf, dann an ihrem ganzen Körper entlang. Feuer. Sie schlang sich um Aelin und die Hitze schmolz den Schnee um sie herum und trocknete ihr eisverkrustetes Haar. Lippen, die blau waren, wurden rosig. Und eine Brust, die aufgehört hatte zu atmen, hob sich jetzt. Dunkelheit verblasste zu dem grauen Licht der Morgendämmerung. »Und dann habe ich mich ihnen widersetzt.« Elena setzte sie zwischen den Schilfgräsern auf den Boden und erhob sich, suchte den Fluss ab, die Welt. »Ich wusste, wer in der Nähe dieses Flusses einen Landsitz hatte, weit genug entfernt von deinem Zuhause, dass deine Eltern ihn geduldet hatten, solange der Mann nicht so dumm war, Ärger zu machen.« Elena, ein bloßes Flackern von Licht, zog Arobynn aus seinem tiefen Schlaf in seiner ehemaligen Residenz in Terrasen. Wie in Trance zog er sich seine Stiefel an, sein rotes Haar glänzend im Licht der Morgendämmerung, bestieg sein Pferd und ritt in den Wald. So jung, ihr ehemaliger Meister. Nur wenige Jahre älter, als sie es jetzt war. Arobynns Pferd blieb stehen, als hätte eine unsichtbare Hand an seinem Zaumzeug gezerrt, und der Assassine suchte den tosenden Fluss ab und die Bäume, als forschte er nach etwas, von dem er nicht einmal wusste, dass es dort war. Aber da war Elena, unsichtbar wie Sonnenlicht, die im Schilf hockte, als Arobynns Blick auf die kleine, schmutzige Gestalt fiel, die bewusstlos am Flussufer lag. Er sprang mit katzenhafter Anmut von seinem Pferd, streifte seinen Umhang ab, noch während er sich auf die Knie in den Schlamm warf und nach ihrer Atmung tastete. »Ich wusste, was er war, was er wahrscheinlich mit dir machen würde. Welche Ausbildung du bekommen würdest. Aber es war besser als der Tod. Und wenn du überleben konntest, wenn du stark heranwachsen konntest, wenn du die Möglichkeit hättest, erwachsen zu werden, dachte ich, könntest du vielleicht diesen Menschen, die von einer besseren Welt geträumt hatten … könntest du ihnen zumindest eine Chance geben. Ihnen helfen, bevor die Schuld erneut eingefordert wurde.« Arobynns Hände zögerten, als er das Amulett von Orynth bemerkte. Er nahm ihr das Amulett ab und ließ es in seine Tasche gleiten. Sanft hob er sie auf den Arm und trug sie das Ufer hinauf zu seinem wartenden Pferd. »Du warst so jung«, wiederholte Elena. »Und mehr, als die Träume wahrzumachen, mehr, als die Schuld zu begleichen … wollte ich dir Zeit geben. Damit du wenigstens wüsstest, wie es ist, zu leben.« Aelin sagte heiser: »Was war der Preis, Elena? Was haben sie dir dafür angetan?« Elena schlang die Arme um sich, während das Bild verblasste, Arobynn sein Pferd bestieg, Aelin in den Armen. Wieder waberte Nebel. »Wenn es getan ist«, brachte Elena heraus, »gehe ich ebenfalls. Für die Zeit, die ich dir verschafft habe, wird meine Seele mit der Dunkelheit verschmelzen, wenn dieses Spiel zu Ende ist. Ich werde weder Gavin noch meine Kinder noch meine Freunde sehen … ich werde fort sein. Auf ewig.« »Hast du das gewusst, bevor du …« »Ja. Sie hatten es mir gesagt, immer wieder. Aber … ich konnte nicht. Ich konnte es nicht tun.« Aelin fiel vor der Königin auf die Knie. Nahm Elenas tränenüberströmtes Gesicht in beide Hände. »Namenlos ist mein Preis«, murmelte Aelin mit brechender Stimme. Elena nickte. »Der Spiegel ist bloß das – ein Spiegel. Eine List, um dich hierherzubekommen. Damit du alles verstehen konntest, was wir getan haben.« Nur noch ein Stück Metall und Glas , hatte Elena gesagt, als Aelin sie in Skull’s Bay gerufen hatte. »Aber jetzt bist du hier und hast alles gesehen. Jetzt verstehst du den Preis. Um dieses Schloss neu zu schmieden, um die drei Schlüssel in das Tor zu bannen …« Ein Zeichen leuchtete auf Aelins Stirn auf und wärmte ihre Haut. Brannons Zeichen des Bastards. Das Zeichen der Namenlosen. »Malas Blut muss vergossen werden – deine Macht muss verausgabt werden. Jedes bisschen Magie, jedes bisschen Blut. Du bist der Preis – um ein neues Schloss zu erschaffen und die Schlüssel im Tor zu versiegeln. Um das Wyrdtor ganz zu machen.« Aelin sagte leise: »Ich weiß.« Sie wusste es schon seit einer ganzen Weile. Hatte sich nach bestem Vermögen vorbereitet. Hatte Dinge für die anderen vorbereitet. Aelin sagte zu der Königin: »Ich habe zwei Schlüssel. Wenn ich den dritten finden kann, wenn ich ihn Erawan stehlen kann, wirst du mit mir kommen? Mir helfen, es ein und für alle Mal zu beenden?« Wirst du mit mir kommen, damit ich nicht allein sein muss? Elena nickte, flüsterte aber: »Es tut mir leid.« Aelin nahm die Hände vom Gesicht der Königin. Holte einen tiefen, bebenden Atemzug. »Warum hast du es mir nicht erzählt – von Anfang an?« Sie hatte das undeutliche Gefühl, dass Manon hinter ihnen im Stillen ihre Schlüsse zog. »Du hattest dich gerade erst aus der Sklaverei befreit«, antwortete Elena. »Warst kaum selbst stabil genug und hast dir solche Mühe gegeben, so zu tun, als wärst du immer noch stark und unversehrt. Es gab nur begrenzte Möglichkeiten, wie ich dich leiten konnte, wie ich dich führen konnte. Der Spiegel war geschmiedet und versteckt, um dir eines Tages all dies zu zeigen. Auf eine Weise, wie ich es dir nicht zu erzählen vermochte – da ich immer nur einige Minuten am Stück erscheinen konnte.« »Warum hast du mir gesagt, ich solle nach Wendlyn gehen? Maeve stellt eine ebenso große Bedrohung dar wie Erawan.« Ihre gletscherblauen Augen sahen sie endlich direkt an. »Ich weiß. Maeve hat sich lange gewünscht, die Schlüssel wieder in ihren Besitz zu bringen. Mein Vater hat geglaubt, es ginge um etwas anderes als Eroberung. Etwas Dunkleres, Schlimmeres. Ich weiß nicht, warum sie erst mit der Jagd auf sie begonnen hat, nachdem du erschienen warst. Aber ich habe dich nach Wendlyn geschickt, damit du heilen konntest. Und damit du … ihn finden würdest. Den, der so lange auf dich gewartet hatte.« Aelins Herz brach. »Rowan.« Elena nickte. »Er war eine Stimme in der Leere, ein heimlicher, stiller Träumer. Und das Gleiche galt für seine Gefährten. Aber der Fae-Prinz, er war …« Aelin unterdrückte ihr Schluchzen. »Ich weiß. Ich weiß es schon lange.« »Ich wollte, dass du auch dieses Glück erfährst«, flüsterte Elena. »Und sei es auch noch so kurz.« »Das habe ich«, brachte Aelin heraus. »Und ich danke dir.« Elena bedeckte bei diesen Worten das Gesicht und schauderte. Aber nach einem Moment musterte sie Aelin und dann Manon, die immer noch stumm zuschaute. »Die Magie des Hexenspiegels schwindet; er wird euch hier nicht mehr sehr lange halten. Bitte – erlaube mir, dir zu zeigen, was getan werden muss. Wie man es beendet. Du wirst danach nicht mehr in der Lage sein, mich zu sehen, aber ich werde bei dir sein. Bis ganz zum Ende, jeden einzelnen Schritt des Weges. Ich werde bei dir sein.« Manon legte nur eine Hand auf ihr Schwert, als Aelin schluckte und sagte: »Dann zeig es mir.« Und so tat Elena es. Und als sie fertig war, schwieg Aelin. Manon ging leise knurrend auf und ab. Aber Aelin wehrte sich nicht dagegen, als Elena sich vorbeugte, um sie auf die Stirn zu küssen, wo ihr ganzes Leben lang dieses verdammende Zeichen gewesen war. Ein Stück Vieh, fürs Schlachthaus gebrandmarkt. Brannons Zeichen. Das Mal des als Bastard geborenen … des Namenlosen. Namenlos ist mein Preis. Um ihnen eine Zukunft zu erkaufen, würde sie den Preis bezahlen. Sie hatte alles getan, was sie konnte, um Dinge in Bewegung zu setzen und dafür zu sorgen, dass Hilfe trotzdem kommen würde, sobald sie fort war. Es war das Einzige, was sie ihnen geben konnte, ihr letztes Geschenk an Terrasen. An jene, die sie mit ihrem Feuerherz liebte. Elena streichelte ihr die Wange. Dann waren die uralte Königin und der Nebel verschwunden. Sonnenlicht überflutete sie und blendete Aelin und Manon so brutal, dass sie zischten und zusammenstießen. Das Salz des Meeres, das Krachen der nahen Wellen und das Rascheln von Seegräsern begrüßten sie. Und dahinter in der Ferne: das Getöse und das Gebrüll einer unerbittlichen Schlacht. Sie befanden sich in den Ausläufern der Sümpfe, auf einer Landzunge, die Schlacht meilenweit entfernt auf See. Sie mussten irgendwie innerhalb des Nebels gereist sein … Ein leises, weibliches Lachen drang durch die Gräser zu ihnen durch. Aelin kannte dieses Lachen. Und wusste, dass sie vielleicht doch nicht bloß durch den Nebel gereist waren … Sondern dass man sie genau hierhin gebracht hatte. Mit welchen Kräften auch immer. Welche Götter auch immer zuschauten. Um auf dem sandigen Stück Land vor dem türkisfarbenen Meer zu stehen, die Wachen in den Rüstungen Briarcliffs niedergemetzelt auf den nahen Dünen, wo sie noch verbluteten. Um vor Königin Maeve von den Fae zu stehen. Elide Lochan lag vor ihr auf den Knien – mit der Klinge eines Fae-Kriegers an der Kehle. 69 A edion hatte Armeen gegenübergestanden, hatte dem Tod bei mehr Gelegenheiten, als er zählen konnte, ins Auge gesehen, aber dies … Selbst mit dem, was Rowan erreicht hatte, waren die feindlichen Schiffe immer noch in der Überzahl. Die Kämpfe zwischen den Schiffen waren zu gefährlich für Lysandra geworden, die Magiekundigen sich des Meeresdrachen zu sehr bewusst, sodass sie nicht weiter unter den Wellen angreifen konnte. Sie kämpfte jetzt in Geisterleopardengestalt unerbittlich neben Aedion und fällte alle Fae-Krieger, die versuchten, an Bord ihres Schiffes zu kommen. Die es schafften, dem tödlichen Spießrutenlauf zwischen Rowans und Dorians Magie zu entkommen. Sein Vater war fortgegangen. Fenrys und Lorcan ebenfalls. Zuletzt hatte er seinen Vater auf dem Achterdeck eines der Schiffe gesehen, die unter seinem Kommando gestanden hatten, ein Schwert in jeder Hand, der Löwe sprungbereit, um zu töten. Und als hätte er Aedions Blick gespürt, hatte Gavriel ihn mit einer Wand aus goldenem Licht umgeben. Aedion war nicht so dumm gewesen, von Gavriel zu verlangen, diesen neuen Schild, der sich immer enger um ihn schloss, ihn wie eine zweite Haut einhüllte, wieder wegzunehmen. Minuten später war Gavriel verschwunden – hatte sich in Luft aufgelöst. Aber dieser magische Schild blieb zurück. Das war der Wendepunkt gewesen, vom Angriff zur Abwehr, da die schiere Anzahl der feindlichen Soldaten und die Kämpfe der Unsterblichen gegen Sterbliche innerhalb der Flotte ihren Tribut gefordert hatten. Er zweifelte nicht, dass Maeve etwas damit zu tun hatte. Aber dieses Miststück war nicht sein Problem. Nein, sein Problem war die Armada, die ihn immer noch umgab; sein Problem war die Tatsache, dass die feindlichen Soldaten, mit denen er kämpfte, bestens ausgebildet und nicht leicht zu besiegen waren. Sein Problem war, dass sein Schwertarm schmerzte, dass sein Schild voller Dellen war und Pfeile darin steckten, und immer noch erstreckten sich weitere dieser Schiffe bis zum Horizont. Er gestattete es sich nicht, an Aelin zu denken, sich zu fragen, wo sie war. Seine Fae-Instinkte horchten auf, als das Dröhnen von Rowans und Dorians Magie aufwallte und dann in die feindliche Flanke krachte. Schiffe zerbrachen im Nachhall dieser Macht; Krieger ertranken unter dem Gewicht ihrer Rüstungen. Ihr eigenes Schiff entfernte sich unter der Wucht dieser Macht von dem, mit dem sie im Kampf gelegen hatten, und Aedion nutzte die Atempause, um zu Lysandra herumzuwirbeln. Blut aus seinen eigenen Wunden und denen, die er anderen zugefügt hatte, bedeckte ihn und vermischte sich mit dem Schweiß, der ihm über die Haut rann. »Ich will, dass du abhaust.« Lysandra drehte einen pelzigen Kopf in seine Richtung und ihre hellgrünen Augen wurden eine Spur schmaler. Blut tropfte von ihrem Maul auf die Holzplanken. Aedion hielt diesem Blick stand. »Du verwandelst dich in einen Vogel oder eine Motte oder einen Fisch – was, ist mir völlig egal – und du gehst. Wenn wir gleich fallen, haust du ab. Das ist ein Befehl.« Sie zischte, als wollte sie sagen: Du gibst mir keine Befehle. »Ich stehe im Rang über dir«, fügte er hinzu und zog sein Schwert einmal über seinen Schild, um zwei daraus hervorstehende Pfeile zu entfernen, als sie sich erneut einem Schiff näherten, das vollbesetzt mit ausgeruhten Fae-Kriegern war. »Also wirst du abhauen. Sonst trete ich dir in der Nachwelt in den Hintern.« Lysandra stolzierte auf ihn zu. Ein geringerer Mann wäre vor einem so großen Raubtier, das sich an ihn heranpirschte, zurückgewichen. Einige seiner eigenen Soldaten taten es. Aber Aedion ließ sich nicht beirren, als sie sich auf die Hinterbeine erhob und ihm ihre riesigen Pfoten auf die Schultern legte und ihr blutverschmiertes Katzengesicht dicht vor seines hielt. Ihre feuchten Schnurrhaare zuckten. Lysandra beugte sich vor und drückte liebevoll die Schnauze an seine Wange und seinen Hals. Dann trottete sie zu ihrem Platz zurück und unter ihren sonst so lautlosen Pfoten platschte Blut. Als sie sich dazu herabließ, in seine Richtung zu schauen, sagte Aedion leise: »Tu das beim nächsten Mal in deiner menschlichen Gestalt.« Ihr buschiger Schwanz rollte sich zur Antwort nur ein wenig ein. Aber ihr Schiff schaukelte wieder auf ihren letzten Angreifer zu. Die Temperatur fiel schlagartig, entweder durch Rowans oder Dorians Zutun oder dem eines der adeligen Whitethorns, Aedion wusste es nicht. Sie hatten Glück gehabt, dass Maeve eine Flotte mitgebracht hatte, deren Magiekundige größtenteils aus Rowans Familienzweig stammten. Aedion wappnete sich und stellte sich breitbeinig hin, als Wind und Eis in die feindlichen Linien krachten. Fae-Soldaten, vielleicht Männer, die Rowan selbst schon befehligt hatte, schrien. Aber Rowan und Dorian schlugen gnadenlos zu. Reihe für Reihe donnerten Rowan und Dorian ihre Macht in Maeves Flotte. Doch es strömten immer noch weitere Schiffe an ihnen vorbei und verwickelten Aedion und die anderen in Kämpfe. Ansel von Briarcliff hielt die linke Flanke und die Gefechtslinie blieb stabil. Obwohl Maeves Armada ihnen zahlenmäßig immer noch überlegen war. Der erste Fae-Soldat, der über die Reling ihres Schiffes kletterte, ging schnurstracks auf Lysandra zu. Es war der letzte Fehler, den der Mann beging. Sie sprang los, tauchte unter seiner Abwehr hindurch und schloss die Kiefer um seinen Hals. Knochen knirschten und Blut spritzte. Aedion machte einen Satz vorwärts, um den nächsten Soldaten anzugreifen, der über die Reling sprang, und durchtrennte die Seile der gebogenen Enterhaken, die ihr Ziel gefunden hatten. Aedion setzte eine tödliche Ruhe in sich frei, behielt die Gestaltwandlerin im Auge, die einen Soldaten nach dem anderen ausschaltete, und der goldene Schild seines Vaters hielt auch um sie herum stand. Tod regnete auf ihn herab. Aedion gestattete sich nicht, darüber nachzudenken, wie viele noch übrig waren. Wie viele Rowan und Dorian gefällt hatten, während die Wracks der Schiffe um sie herum sanken und Blut und Trümmer das Meer erstickten. Also tötete Aedion weiter. Und tötete. Und tötete. *** Dorian brannte die Kehle, seine Magie war langsam geworden und seine Schläfen pulsierten schmerzhaft, aber er entfesselte weiter seine Macht gegen die feindlichen Linien, während um ihn herum Soldaten kämpften und starben. So viele. So viele ausgebildete Krieger, von denen nur wenige mit Magie gesegnet waren – die sie benutzt hatten, um an ihnen vorbeizukommen. Er wagte es nicht nachzuschauen, wie es den anderen erging. Alles, was er hörte, war Gebrüll und wütendes Knurren und das Kreischen sterbender Menschen und das Krachen von Holz und das Reißen von Seilen. Wolken hatten sich über ihnen gebildet und zusammengeballt, die jetzt die Sonne blockierten. Seine Magie sang, als sie das Leben auf den Schiffen einfror, es in den Soldaten einfror, als sie in ihrem Tod badete. Aber dennoch schwächelte sie. Er hatte den Überblick verloren, wie lange alles schon andauerte. Trotzdem kamen immer noch mehr. Und immer noch waren Manon und Aelin nicht zurückgekehrt. Rowan hielt die Stellung, die Waffen im Anschlag, bereit für jeden Soldaten, der so dumm war, sich ihm zu nähern. Aber zu viele brachen durch ihre Magie. Zu viele überrannten sie jetzt stetig. Kaum hatte er das gedacht, hallte Aedions Schmerzensschrei über die Wellen. Ein rasendes Brüllen folgte wie ein Echo. War Aedion … Der metallische Geschmack von Blut kleidete Dorians Mund aus – er war ausgebrannt. Ein weiteres Brüllen, tief und gellend, spaltete die Welt. Dorian wappnete sich und sammelte seine Magie vielleicht zum letzten Mal. Wieder erklang dieses Brüllen, als eine mächtige Gestalt sich aus den schweren Wolken herabstürzte. Ein Wyvern. Ein Wyvern mit schimmernden Flügeln. Und hinter ihm flogen zwölf weitere, die mit boshaftem Entzücken auf die Fae-Flotte hinabstießen. 70 L ysandra kannte dieses Brüllen. Und dann sah sie Abraxos, der sich aus den schweren Wolken stürzte, zwölf weitere Wyvern mitsamt Reiterinnen hinter ihm. Ironteeth-Hexen. »Nicht schießen! «, schrie Rowan, der ein halbes Dutzend Schiffe entfernt war, den Bogenschützen zu, die ihre wenigen verbliebenen Pfeile auf die goldhaarige Hexe richteten, die Abraxos am nächsten war. Ihr hellblauer Wyvern kreischte einen Schlachtruf. Die anderen Hexen und ihre Wyvern ließen die Hölle über die Fae hereinbrechen, krachten durch die zusammenrückenden feindlichen Linien, durchtrennten Enterseile, verschafften ihnen eine kurze Atempause. Woher sie wussten, wen sie angreifen sollten, für welche Seite sie kämpfen sollten … Abraxos und elf andere richteten sich in einem einzigen geschmeidigen Manöver nach Norden, dann pflügten sie durch die panische feindliche Flotte. Doch die goldhaarige Reiterin fegte auf Lysandras Schiff zu und ihr himmelblauer Wyvern landete anmutig auf dem Bug. Die Hexe war wunderschön, ein Band aus schwarzem, geflochtenem Leder um die Stirn. »Wo ist Manon Blackbeak?« »Wer seid Ihr?«, fragte Aedion, seine Stimme ein heiseres Kräch zen. Aber seine Augen blitzten auf, als er sie wiedererkannte, als er sich an jenen Tag in Temis’ Tempel erinnerte … Die Hexe grinste, entblößte weiße Zähne, aber Eisen schimmerte an ihren Fingerspitzen. »Asterin Blackbeak, zu Euren Diensten.« Sie suchte die bedrängten Schiffe ab. »Wo ist Manon? Abraxos hat …« »Das ist eine lange Geschichte, aber sie ist hier«, überschrie Aedion das Getöse. Lysandra schlich näher heran und musterte die Hexe von Kopf bis Fuß, den Zirkel, der jetzt Verderben über die Stellungen der Fae brachte. »Wenn Ihr und Eure Dreizehn uns die Haut rettet, Hexe«, erklärte Aedion, »dann sage ich Euch alles, was Ihr verdammt noch mal wollt.« Ein boshaftes Grinsen und ein Neigen ihres Kopfes. »Dann räumen wir mal das Feld für Euch.« Im nächsten Moment segelten Asterin und der Wyvern nach oben und rasten dann zwischen den Wellen hindurch, dorthin, wo die anderen kämpften. Als Asterin anrauschte, drehten die Wyvern und ihre Reiterinnen um, erhoben sich hoch in die Luft und nahmen Formation an. Ein Hammer, der im Begriff war zuzuschlagen. Die Fae wussten es. Sie rissen schwächliche Schilde hoch und schossen wild um sich, aber ihre Panik führte dazu, dass sie schlampig zielten. Doch die Wyvern waren in voller Rüstung – effizienter, wunderschöner Rüstung. Die Dreizehn lachte ihren Feind aus, als sie in seine südliche Flanke krachte. Lysandra wünschte, sie hätte noch Kraft übrig gehabt, um sich zu verwandeln – ein letztes Mal. Um sich ihnen in dieser herrlichen Zerstörung anzuschließen. Die Dreizehn trieb die panischen Schiffe zusammen, schlug sie in Stücke und setzte dabei jede Waffe aus ihrem Arsenal ein – Wyvern, Klingen, Eisenzähne. Was an ihnen noch vorbeikam, empfing die bru tale Gnade von Rowans und Dorians Magie. Und was an der Magie noch vorbeikam … Lysandra fand Aedions Blick, Aedion, der blutbespritzt war. Der General und Prinz grinste auf diese unverschämte Art, die so typisch für ihn war, und bescherte ihr damit einen Kitzel, der wilder war als der Blutrausch. »Wir wollen doch nicht, dass wir vor den Hexen schlecht dastehen, oder?« Lysandra erwiderte sein Grinsen und stürzte sich erneut ins Getümmel. *** Nicht mehr viele. Rowans Magie war bis zum Zerreißen angespannt, die Panik ein dumpfes Brüllen in seinem Hinterkopf, aber er griff weiter an, schwang weiter seine Klingen nach allem, was an seinem Wind und seinem Eis vorbeikam oder an Dorians eigenen Explosionen roher, ungezähmter Macht. Fenrys, Lorcan und Gavriel waren eine Stunde oder mehrere Lebensspannen zuvor weggerannt und dorthin verschwunden, wohin Maeve sie zweifellos gerufen hatte, aber die Armada hielt dem Ansturm stand. Wer immer Ansel von Briarcliffs Männer waren, sie ließen sich nicht von Fae-Kriegern einschüchtern. Und Blutvergießen übten sie nicht zum ersten Mal. Ebenso wenig wie Rolfes Männer. Keiner von ihnen floh. Die Dreizehn stiftete weiterhin Chaos unter Maeves panischer Flotte. Asterin Blackbeak bellte hoch über ihnen Befehle und die zwölf Hexen durchbrachen mit grimmiger, kluger Entschlossenheit die feindlichen Linien. Wenn schon ein einzelner Zirkel so kämpfte, dann wäre eine Armee von ihnen … Rowan war fast enttäuscht, als die verbliebenen Schiffsbesatzungen beschlossen, schlauer zu sein als ihre toten Gefährten, und abzuziehen begannen. Wenn Maeve den Befehl zum Rückzug gab … Pech. Verdammtes Pech. Er würde ihr eigenes Schiff höchstpersönlich in die tintenschwarzen Tiefen hinabschicken. Er stieß einen scharfen Pfiff in Asterins Richtung aus, als sie das nächste Mal über ihm vorbeischoss und ihre Dreizehn in Stellung brachte. Sie pfiff zur Bestätigung zurück. Die Dreizehn stürzte hinter der fliehenden Armada her. Die Schlacht verebbte und rote Wellen, beladen mit Trümmern, trieben auf der schnellen Flut vorbei. Rowan gab dem Kapitän den Befehl, die Stellung zu halten und sich um jegliche Dummheiten von Maeves Armada zu kümmern, falls irgendwelche Schiffe beschlossen, doch nicht die Flucht zu ergreifen. Mit so heftig zitternden Beinen und Armen, dass er Angst hatte, er würde sie, wenn er seine Waffen losließ, nicht wieder aufheben können, verwandelte Rowan sich und schwebte hoch in die Luft. Seine Cousins und Cousinen hatten sich der Dreizehn in ihrer Verfolgung der Flotte angeschlossen, die nun zu entkommen versuchte. Er unterdrückte den Drang zu zählen. Aber – Rowan flog höher hinauf und suchte das Meer ab. Ein Boot fehlte. Ein Boot, auf dem er früher gesegelt war, auf dem er gearbeitet hatte, auf dem er in vergangenen Kriegen gekämpft und Reisen bestritten hatte. Maeves persönliches Schlachtschiff, die Nachtigall , war nirgends zu sehen. Nicht unter der Flotte auf dem Rückzug, die jetzt die adeligen Whitethorns und die Dreizehn abwehrte. Nicht unter den sinkenden Wracks von Schiffen, die jetzt ins Wasser ausbluteten. Rowan wurde eiskalt. Aber er stieß schnell und steil zu Aedions und Lysandras Schiff hinunter. Aedion war mit Blut bedeckt, sowohl seinem eigenen als auch dem anderer; Lysandra entledigte sich einer Ladung davon aus ihrem damit angefüllten Magen. Es gelang Rowan, seine Beine um die gefallenen Fae herumzusteuern. Er schaute nicht allzu genau in ihre Gesichter. »Ist sie zurück?«, fragte Aedion sofort und zuckte zusammen, als er seinen Oberschenkel belastete. Rowan betrachtete die Verletzung seines Bruders. Er würde ihn bald heilen müssen – sobald seine Magie wieder aufgefüllt war. An einem Ort wie diesem konnte selbst Aedions Fae-Blut eine Infektion nicht lange abwehren. »Ich weiß es nicht«, antwortete Rowan. »Finde sie« , knurrte Aedion. Er schaute nur lange genug von Rowan weg, um Lysandra bei der Verwandlung in ihre menschliche Gestalt zu beobachten – und die Verletzungen zu überfliegen, mit denen sie übersät war. Rowans Haut spannte sich über seinen Knochen. Er hatte das Gefühl, dass der Boden ihm gleich unter den Füßen wegrutschen würde, als Dorian an der Reling des Hauptdecks erschien, mitgenommen und mit verhärmtem Gesicht. Er hatte zweifellos den letzten Rest seiner Magie verausgabt, um sich auf einem Langboot herüberzuschieben, und keuchte: »Die Küste. Aelin ist an der Küste, da, wo wir Elide hingeschickt haben – sie sind alle dort.« Das war meilenweit entfernt. Wie zum Teufel waren sie dorthin gekommen? »Woher weißt du das?«, fragte Lysandra, während sie mit blutverschmierten Fingern ihr Haar zurückband. »Weil ich dort draußen etwas spüren kann«, entgegnete Dorian. »Flamme und Schatten und Tod. Wie Lorcan und Aelin und noch jemand anderer. Jemand, der uralt ist. Mächtig.« Rowan wappnete sich, aber er war trotzdem nicht ganz auf das pure Entsetzen vorbereitet, als Dorian hinzufügte: »Weiblich.« Maeve hatte sie gefunden. Die Schlacht hatte nicht stattgefunden, um irgendeinen Sieg oder eine Eroberung zu bewirken. Sie war eine Ablenkung gewesen. Während Maeve sich davonschlich, um sich die eigentliche Beute zu holen. Sie würden niemals schnell genug ankommen. Wenn er allein flog, seine Magie bereits bis zum Anschlag erschöpft, würde er kaum helfen können. Sie hatten eine größere Chance, Aelin hatte eine größere Chance, wenn sie alle dort waren. Rowan wirbelte zum Horizont hinter ihnen herum – zu den Wyvern, die die Überreste der Flotte zerstörten. Rudern würde zu lange dauern; seine Magie war ausgeschlachtet. Aber ein Wyvern, das könnte gehen. 71 D ie Königin der Fae sah genauso aus, wie Aelin sie in Erinnerung hatte. Wallende, dunkle Gewänder, ein wunderschönes, bleiches Gesicht unter onyxschwarzem Haar, rote Lippen, auf denen stets ein kleines Lächeln lag. Keine Krone schmückte ihren Kopf, denn alle, die atmeten, und sogar die Toten, die schlummerten, erkannten sie als das, was sie war. Träume und Albträume, die Gestalt angenommen hatten; die dunkle Seite des Mondes. Und Elide, die vor Maeve auf den Knien lag, während ihr ein Wachposten mit steinerner Miene eine Klinge an die Kehle hielt, zitterte. Ihre Wachen, alles Männer in Ansels Rüstungen, waren wahrscheinlich getötet worden, bevor sie noch eine Warnung hatten rufen können. Nach den Waffen zu urteilen, die nur halb aus ihren Scheiden gezogen worden waren, hatten sie nicht einmal die Gelegenheit gehabt zu kämpfen. Manon war bei Elides Anblick so still geworden wie der Tod, aber ihre Eisennägel glitten hervor. Aelin zwang sich zu einem schiefen Lächeln und vergrub ihr nacktes, blutendes Herz tief in ihrer Brust. »Nicht so beeindruckend wie Doranelle, wenn du mich fragst, aber ein Sumpf spiegelt zumindest deine wahre Natur wider. Er wird dir ein wunderbares neues Zuhause sein. War auf jeden Fall die Mühe wert, diesen weiten Weg auf dich zu nehmen, um ihn zu erobern.« Vom Rand des Hügels aus, der zum Strand abfiel, überwachte eine kleine Gruppe von Fae-Kriegern sie. Männer und Frauen, alle bewaffnet, alle fremd. In der ruhigen Bucht dahinter dümpelte ein gewaltiges, elegantes Schiff auf den Wellen. Maeve lächelte schwach. »Was für eine Freude zu erfahren, dass deine gewohnte gute Laune in solch düsteren Zeiten ungetrübt bleibt.« »Wie sollte es auch anders sein, da so viele deiner hübschen männlichen Fae mir Gesellschaft leisten?« Maeve legte den Kopf schief und ihr schwerer Vorhang dunkler Haare glitt von einer Schulter. Und wie zur Antwort erschien Lorcan am Rand der Dünen, keuchend und mit wildem Blick, das Schwert gezückt. Sein Fokus – begriff Aelin – lag auf Elide, und das war zugleich die Quelle seines Entsetzens. Er starrte den Wachposten an, der ihr die Klinge an den weißen Hals hielt. Maeve schenkte dem Krieger ein kleines Lächeln, sah dann aber Manon an. Da ihre Aufmerksamkeit jemand anderem galt, nahm Lorcan einen Platz an Aelins Seite ein – als wären sie irgendwie Verbündete in dieser Angelegenheit, als würden sie Rücken an Rücken kämpfen. Aelin machte sich nicht die Mühe, etwas zu ihm zu sagen. Nicht als Maeve zu der Hexe bemerkte: »Ich kenne Euer Gesicht.« Dieses Gesicht blieb kalt und teilnahmslos. »Lasst das Mädchen gehen.« Ein kleines, rauchiges Lachen. »Ah.« Aelins Magen krampfte sich zusammen, als dieser uralte Blick auf Elide fiel. »Auf sie wurde Anspruch erhoben von Königin und Hexe und, wie es scheint, meinem Stellvertreter.« Aelin versteifte sich. Sie glaubte nicht, dass Lorcan neben ihr atmete. Maeve spielte mit einer Strähne von Elides weichem Haar. Die Herrin von Perranth zitterte. »Das Mädchen, das zu retten Lorcan Salvaterre mich gerufen hat.« Dieser Puls von Lorcans Macht, den er an dem Tag ausgeschickt hatte, an dem Ansels Flotte angerückt war … sie hatte gewusst, dass es ein Ruf gewesen war. Genauso, wie sie die Valg nach Skull’s Bay gerufen hatte. Sie hatte Ansels Anwesenheit nicht sofort erklären wollen, hatte die gelungene Überraschung genießen wollen, aber er hatte derweil Maeves Armada gerufen, um es mit einer – wie er geglaubt hatte – nahenden feindlichen Flotte aufzunehmen. Um Elide zu retten. »Es tut mir leid«, sagte Lorcan nur. Aelin wusste nicht, ob die Entschuldigung ihr oder Elide galt, deren Augen sich jetzt vor Empörung weiteten. Aber Aelin sagte: »Glaubst du, ich hätte das nicht gewusst? Ich hätte keine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen?« Lorcan legte die Stirn in Falten. Aelin zuckte die Achseln. Aber Maeve fuhr fort: »Lady Elide Lochan, Tochter von Cal und Marion Lochan. Kein Wunder, dass es die Hexe in den Fingern juckt, dich zurückzubekommen, wenn ihr Blut in deinen Adern fließt.« Manon knurrte eine Warnung. Aelin sagte gedehnt zu der Fae-Königin: »Nun, du hast dein uraltes Gerippe sicher nicht umsonst den ganzen Weg hierhergeschleppt. Also, lass hören. Was willst du im Austausch für das Mädchen haben?« Wieder umspielte dieses Schlangenlächeln Maeves Lippen. *** Elide zitterte; jeder Knochen, jede Pore bebte vor Angst im Angesicht der unsterblichen Königin, die über ihr stand, angesichts der Klinge an ihrer Kehle. Der Rest der Eskorte der Königin hielt Abstand. Aber es war die Eskorte, zu der Lorcan immer wieder hinschaute, sein Gesicht angespannt, während sein Körper vor unterdrücktem Zorn beinahe bebte. Dies war die Königin, der er sein Herz geschenkt hatte? Diese kalte Kreatur, die die Welt mit freudlosen Augen betrachtete? Die diese Soldaten ohne mit der Wimper zu zucken getötet hatte? Die Königin, die Lorcan für sie gerufen hatte. Er hatte Maeve hergeholt, um sie zu retten … Elides sog scharf die Luft ein. Er hatte sie alle verraten. Hatte Aelin um ihretwillen verraten … »Was soll ich als Bezahlung für das Mädchen verlangen?«, überlegte Maeve laut und machte einige Schritte auf sie zu, anmutig wie ein Mondstrahl. »Warum sagt mein Stellvertreter es mir nicht? So beschäftigt, Lorcan. Du warst in diesen Monaten so sehr beschäftigt.« Seine Stimme war heiser und er senkte den Kopf. »Ich habe es für Euch getan, Majestät.« »Wo ist dann mein Ring? Wo sind meine Schlüssel?« Ein Ring. Elide hätte wetten können, dass es der goldene Ring an ihrem Finger war, versteckt unter ihrer anderen Hand, da sie die Hände vor sich krampfhaft verschränkt hatte. Aber Lorcan deutete mit dem Kinn auf Aelin. »Sie hat sie. Zwei Schlüssel.« Kälte klirrte durch Elides Adern. »Lorcan.« Die Klinge des Wächters zuckte an ihrer Kehle. Aelin starrte Lorcan nur eisig an. Er schaute keine von ihnen an. Weder Elide noch Aelin. Nahm nicht einmal ihre Existenz zur Kenntnis, als er fortfuhr: »Aelin hat zwei Schlüssel und wahrscheinlich eine ganz gute Vorstellung davon, wo Erawan den dritten versteckt.« »Lorcan«, flehte Elide. Nein … nein, er würde dies nicht tun, würde sie alle nicht noch einmal verraten … »Sei still« , knurrte er sie an. Wieder schweifte Maeves Blick zu Elide. Die uralte, ewige Dunkelheit in ihren Augen war erdrückend. »Mit welcher Vertrautheit du seinen Namen aussprichst, Lady von Perranth. Mit welcher Intimität.« Aelins kleines Schnauben war ihre einzige Warnung. »Hast du nichts Besseres zu tun, als Menschen zu terrorisieren? Lass das Mädchen frei, damit wir dies auf eine Weise regeln können, die Spaß macht.« Flammen tanzten um Aelins Fingerspitzen. Nein. Ihre Magie war erschöpft, sie war noch immer kurz vor dem Ausbrennen. Aber Aelin trat vor und rempelte im Vorbeigehen Manon an – und zwang die Hexe so, zurückzutreten. Aelin grinste. »Willst du tanzen, Maeve?« Aelin warf Manon über die Schulter hinweg einen schneidenden Blick zu, als wollte sie sagen: Lauf. Schnapp dir Elide, sobald Maeve abgelenkt ist, und lauft. Maeve erwiderte Aelins Lächeln. »Ich glaube nicht, dass du im Moment eine geeignete Tanzpartnerin wärst. Nicht solange deine Magie fast erschöpft ist. Hast du gedacht, meine Ankunft hier wäre lediglich Lorcans Ruf geschuldet? Wer, glaubst du, hat sogar Morath noch zugeflüstert, dass du tatsächlich hier unten bist? Natürlich haben die Narren nicht begriffen, dass ich hier warten würde, wenn du dich im Kampf gegen ihre Armeen erschöpft hättest. Du warst bereits erschöpft, nachdem du die Feuer gelöscht hattest, die ich meine Armada an Eyllwes Küste habe entzünden lassen, um dich zu ermüden. Es war praktisch, dass Lorcan eure genaue Position verraten und mir den Aufwand erspart hat, euch selbst aufzuspüren.« Eine Falle. Eine riesige, gemeine Falle. Um Aelins Macht tagelang zu erschöpfen – wochenlang. Aber Aelin zog nur eine Augenbraue hoch. »Du hast eine ganze Armada mitgebracht, nur um ein paar Feuer zu legen?« »Ich habe eine Armada mitgebracht, um zu sehen, ob du dich der Sache gewachsen zeigst. Was Prinz Rowan anscheinend gelungen ist.« Hoffnung stieg in Elides Brust auf. Aber dann sagte Maeve: »Die Armada war eine Vorsichtsmaßnahme. Nur für den Fall, dass die Ilken nicht rechtzeitig erscheinen würden, damit du dich vollkommen verausgabst … ich dachte, einige Hundert Schiffe würden gutes Brennmaterial abgeben, bis ich so weit bin.« Ihre eigene Flotte zu opfern – oder einen Teil davon –, um eine einzige Sache zu erbeuten, das war Wahnsinn. Die Königin war vollkommen verrückt. »Tut etwas«, zischte Elide Lorcan und Manon an. »Tut etwas.« Keiner von beiden reagierte. Die Flammen um Aelins Finger breiteten sich aus, bis sie ihre Hand umhüllten, dann ihren Arm, und sie zu der uralten Königin sagte: »Ich höre hier die ganze Zeit bloß einen Haufen Geschwätz.« Maeve warf ihrer Eskorte einen Blick zu und sie traten zurück. Zerrten Elide mit sich, die Klinge immer noch an ihrer Kehle. Aelin fuhr Manon an: »Verschwinde aus dem Schussfeld.« Die Hexe wich zurück, aber ihr Blick hing auf dem Wachposten, der Elide festhielt, und sie verschlang jedes Detail, das sie erkennen konnte. »Du kannst unmöglich hoffen zu gewinnen«, stellte Maeve fest, als wären sie im Begriff, Karten zu spielen. »Wenigstens werden wir bis zum Schluss Spaß haben«, gurrte Aelin zurück, deren Flamme sie jetzt komplett einhüllte. »Oh, ich habe kein Interesse daran, dich zu töten«, schnurrte Maeve. Dann explodierten sie. Eine Flamme schoss heraus, rot und golden – gerade als eine Wand aus Dunkelheit nach Aelin peitschte. Der Aufprall erschütterte die Welt. Selbst Manon ging zu Boden. Aber Lorcan war bereits in Bewegung. Das Blut des Wachpostens, der Elide festhielt, regnete auf ihr Haar, als Lorcan ihm die Kehle aufschlitzte. Die beiden Wachen hinter ihm starben je mit einem Beil im Gesicht, einer nach dem anderen. Elide sprang auf. Ihr Bein brüllte vor Schmerz, als sie von purem, blindem Instinkt getrieben zu Manon rannte, aber Lorcan packte sie am Kragen ihrer Tunika. »Dumme Närrin« , fuhr er sie an und sie kratzte ihn. »Lorcan, halte das Mädchen fest«, befahl Maeve leise und schaute nicht einmal zu ihnen hin. »Und komm nicht auf irgendwelche dummen Ideen, mit ihr zu fliehen.« Er wurde vollkommen reglos und packte sie nur fester. Maeve und Aelin griffen erneut an. Licht und Dunkelheit. Sand rieselte die Dünen hinab und die Wellen kräuselten sich. Erst jetzt – Maeve hatte erst jetzt gewagt, Aelin anzugreifen. Denn Aelin konnte, wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte war … Aelin konnte sie besiegen. Aber Aelin, die ihrer Macht fast gänzlich beraubt war … »Bitte«, flehte Elide Lorcan an. Aber er hielt sie fest, Sklave des Befehls, den Maeve gegeben hatte, ein Auge auf die kämpfenden Königinnen gerichtet, das andere auf die Eskorte, die nicht so töricht war, näher zu kommen, nachdem sie miterlebt hatten, was er mit ihren Gefährten gemacht hatte. »Lauf«, flüsterte Lorcan ihr ins Ohr. »Wenn du leben willst, lauf , Elide. Arbeite um ihren Befehl herum. Stoß mich weg und lauf .« Sie würde es nicht tun. Eher würde sie sterben, als wie ein Feigling zu fliehen, wenn Aelin sich für sie alle dem Kampf stellte, wenn … Dunkelheit verschlang Flamme. Und selbst Manon zuckte zusammen, als Aelin zurückgeschmettert wurde. Eine papierdünne Wand aus Flammen verhinderte, dass die Dunkelheit ihr Ziel traf. Eine Wand, die wackelte … Hilfe. Sie brauchten Hilfe … Maeve peitschte nach links und Aelin riss eine Hand hoch, um mit Feuer abzuwehren. Aelin sah den Schlag von rechts nicht kommen. Elide stieß einen Warnschrei aus, aber zu spät. Eine Peitsche aus Schwärze hieb auf Aelin ein. Sie ging zu Boden. Und Elide glaubte, dass der Aufprall von Aelin Galathynius’ Knien, die in den Sand krachten, womöglich das schrecklichste Geräusch war, das sie je gehört hatte. Maeve nutzte ihren Vorteil. Dunkelheit strömte herab, hämmerte immer wieder auf sie ein. Aelin wehrte sie ab, aber sie drang an ihrer Abwehr vorbei. Es gab nichts, was Elide tun konnte, als Aelin schrie. Als diese dunkle, uralte Macht sie traf wie ein Hammer einen Amboss. Elide flehte Manon an, die jetzt nur wenige Schritte entfernt war: »Tut irgendetwas.« Manon ignorierte sie, den Blick auf den Kampf vor ihnen gerichtet. Aelin kroch rückwärts und Blut rann aus ihrem rechten Nasenloch. Tropfte auf ihr weißes Hemd. Maeve rückte vor und die Dunkelheit wirbelte um sie herum wie ein tödlicher Wind. Aelin versuchte, sich zu erheben. Versuchte es, aber ihre Beine hatten unter ihr versagt. Die Königin von Terrasen keuchte und das Feuer flackerte wie sterbende Glut um sie herum. Maeve streckte einen Finger aus. Eine schwarze Peitsche, schneller als Aelins Feuer, schnellte vor. Wickelte sich um ihre Kehle. Aelin griff mit zuckenden Gliedern danach, die Zähne gebleckt, die Flammen loderten immer wieder auf. »Warum benutzt du nicht die Schlüssel, Aelin?«, gurrte Maeve. »Sicherlich würdest du auf die Art gewinnen.« Benutzt sie , flehte Elide sie an. Benutzt sie. Aber Aelin tat es nicht. Die Schlinge aus Dunkelheit spannte sich fester um Aelins Kehle. Flammen loderten auf und erstarben. Dann dehnte die Dunkelheit sich aus und umhüllte Aelin abermals, drückte fest zu, drückte, bis sie schrie, auf eine Weise schrie, dass Elide wusste, es bedeutete unermessliche Qualen … Ein tiefes, bösartiges Knurren erklang in der Nähe, die einzige Warnung, als ein gewaltiger Wolf durch die Gräser sprang und sich verwandelte. Fenrys. Einen Moment später stürmte ein Berglöwe über eine Düne, erfasste die Situation und verwandelte sich ebenfalls. Gavriel. »Lasst sie gehen«, knurrte Fenrys die Dunkle Königin an und trat einen Schritt vor. »Lasst sie sofort gehen.« Maeve drehte den Kopf und die Dunkelheit peitschte weiter auf Aelin ein. »Sieh da, wer endlich ankommt. Ein weiteres Paar Verräter.« Sie glättete eine Falte in ihrem fließenden Gewand. »Welch beherzte Anstrengungen du unternommen hast, Fenrys, deine Ankunft auf diesem Strand so lange hinauszuzögern, wie du meinem Ruf widerstehen konntest.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Hast du es genossen, den loyalen Untertan zu spielen, während du der jungen Königin des Feuers hinterhergehechelt bist?« Wie zur Antwort drückte die Dunkelheit fest zu – und Aelin schrie abermals. »Hört auf damit« , blaffte Fenrys. »Maeve, bitte«, warf Gavriel ein und streckte die Hände nach ihr aus, die Handflächen nach oben gedreht. »Maeve?«, schnurrte die Königin. »Nicht Majestät? Ist der Löwe ein wenig wild geworden? Hat er vielleicht zu viel Zeit mit seinem zügellosen Halbblut-Bastard verbracht?« »Haltet ihn da raus«, erwiderte Gavriel gefährlich leise. Aber Maeve teilte die Dunkelheit um Aelin herum. Sie lag zusammengerollt auf der Seite und blutete jetzt aus beiden Nasenlöchern. Noch mehr Blut tröpfelte aus ihrem keuchenden Mund. Fenrys stürzte zu ihr. Eine Wand aus Dunkelheit schoss zwischen ihnen hoch. »Das denke ich nicht«, gurrte Maeve. Aelin rang nach Luft, die Augen glasig vor Schmerz. Augen, die Elides Blick suchten. Aelins blutiger, rissiger Mund formte abermals das Wort. Lauf. Sie würde es nicht tun. Konnte es nicht tun. Aelins Arme zitterten, als sie versuchte, sich aufzurappeln. Und Elide wusste, dass keine Magie mehr übrig war. Dass kein Feuer mehr in der Königin übrig war. Nicht einmal mehr ein Fünkchen. Und die einzige Art, wie Aelin sich dem hier stellen und es akzeptieren konnte, war, kämpfend zugrunde zu gehen. Wie Marion es getan hatte. Aelins feuchte, rasselnde Atemzüge waren das einzige Geräusch neben dem Krachen der Wellen hinter ihnen. Selbst die Schlacht war in der Ferne verstummt. Vorbei – oder vielleicht waren alle tot. Manon stand immer noch da. Bewegte sich immer noch nicht. Elide flehte sie an: »Bitte. Bitte .« Maeve lächelte die Hexe an. »Ich habe keinen Streit mit Euch, Blackbeak. Haltet Euch da heraus, und es steht Euch frei hinzugehen, wo immer Ihr es wünscht.« »Bitte« , bettelte Elide. Manons goldene Augen waren hart. Kalt. Sie nickte Maeve zu. »Einverstanden.« In Elides Brust schien sich ein Riss aufzutun. Aber Gavriel sagte von der anderen Seite ihres kleinen Kreises: »Majestät – bitte. Überlasst Aelin Galathynius hier ihrem eigenen Krieg. Lasst uns nach Hause zurückkehren.« »Nach Hause?«, fragte Maeve. Die schwarze Wand zwischen Fenrys und Aelin senkte sich – aber der Krieger versuchte nicht, sie zu überwinden. Er starrte nur Aelin an, starrte sie so an, wie Elide wohl selbst aussehen musste. Er löste den Blick nicht, bis Maeve zu Gavriel sagte: »Ist Doranelle immer noch dein Zuhause?« »Ja, Majestät«, antwortete Gavriel ruhig. »Es ist eine Ehre, es so zu bezeichnen.« »Ehre …«, überlegte Maeve laut. »Ja, du und Ehre, ihr geht Hand in Hand, nicht wahr? Aber was ist mit der Ehre deines Schwurs, Gavriel?« »Ich bin dem Schwur, den ich Euch geleistet habe, treu geblieben.« »Habe ich dir gesagt, dass du Lorcan hinrichten solltest, sobald du ihn siehst, oder habe ich dir das nicht gesagt?« »Es gab Umstände, die es verhindert haben. Wir haben es versucht.« »Doch ihr seid gescheitert. Sollte ich etwa nicht jene bestrafen, die mit dem Blutschwur an mich gebunden sind und mir gegenüber versagen?« Gavriel senkte den Kopf. »Natürlich – wir werden es akzeptieren. Und ich werde auch die Strafe auf mich nehmen, die Ihr für Aelin Galathynius vorgesehen habt.« Aelin hob leicht den Kopf und ihre glasigen Augen weiteten sich. Sie versuchte zu sprechen, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken, ihre Stimme versagte. Elide erkannte das Wort, das die Königin mit den Lippen formte. Nein. Nicht für sie. Elide fragte sich, ob Gavriel sich nicht nur für Aelin opferte, sondern auch für Aedion. Damit der Sohn nicht den Schmerz ertragen musste, dass seiner Königin wehgetan wurde … »Aelin Galathynius«, begann Maeve zu sprechen. »So viel Gerede über Aelin Galathynius. DIE KÖNIGIN , DIE VERSPROCHEN WURDE . Nun, Gavriel« – ein boshaftes Lächeln –, »wenn du für ihren Hof so viel übrig hast, warum schließt du dich ihr dann nicht an?« Fenrys spannte die Muskeln an und machte sich bereit, für seinen Freund vor die dunkle Macht zu springen. Aber Maeve sagte: »Ich löse den Blutschwur mit dir, Gavriel. Ohne Ehre, ohne Treu und Glauben. Du bist aus meinem Dienst entlassen und deines Titels beraubt.« »Du Miststück« , keifte Fenrys, als Gavriels Atmung nur noch in flachen Stößen ging. »Majestät, bitte …«, zischte Gavriel und schlug sich eine Hand auf den Arm, als unsichtbare Krallen zwei Striche in seine Haut kratzten und Blut ins Gras tropfte. Ein ähnliches Mal erschien auf Maeves Arm und auch ihr Blut tropfte. »Es ist getan«, sagte sie schlicht. »Lass die Welt wissen, dass ein Ehrenmann keine Ehre mehr hat. Dass du deine Königin wegen jemand anderem verraten hast, wegen deines Bastards von einem Sohn.« Gavriel wankte zurück – dann brach er im Sand zusammen, eine Hand auf die Brust gepresst. Fenrys knurrte und sein Gesicht war mehr Wolf als Fae, aber Maeve lachte leise. »Oh, du hättest gern, dass ich bei dir das Gleiche tue, nicht wahr, Fenrys? Aber welch schlimmere Strafe gibt es für den, der mich in seiner Seele selbst verraten hat, als die, mir auf ewig zu dienen?« Fenrys schnappte nach Luft, sein Atem ging in rasselnden Stößen und Elide fragte sich, ob er auf die Königin zuspringen und versuchen würde, sie zu töten. Doch Maeve wandte sich an Aelin und sagte: »Steh auf.« Aelin versuchte es. Ihr Körper ließ sie im Stich. Maeve schnalzte mit der Zunge und eine unsichtbare Hand zerrte Aelin auf die Beine. Ihre von Schmerz getrübten Augen klärten sich, dann füllten sie sich mit kaltem Zorn, als Aelin die nahende Königin betrachtete. Eine Assassinin, rief Elide sich ins Gedächtnis. Aelin war eine Assassinin , und wenn Maeve ihr nah genug kam … Aber das tat Maeve nicht. Und diese unsichtbaren Hände durchschnitten die Riemen an Aelins Schwertgürteln. Goldryn fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Dann folgten ihre Dolche. »So viele Waffen«, sinnierte Maeve, als die unsichtbaren Hände Aelin mit brutaler Effizienz entwaffneten. Selbst Klingen, die unter Kleidern versteckt waren, fanden ihren Weg hinaus – und fügten ihr dabei Schnittwunden zu. Blut blühte unter Aelins Hemd auf. Warum stand sie dort … Sie sammelte ihre Kräfte. Für einen letzten Angriff. Für ein letztes Gefecht. Sollte die Königin ruhig glauben, dass sie gebrochen war. »Warum?«, röchelte Aelin. Schindete Zeit. Maeve stieß mit den Zehenspitzen gegen einen am Boden liegenden Dolch, an dessen Schneide Aelins Blut klebte. »Warum ich mir überhaupt diese Mühe mit dir mache? Weil ich dir ja wohl kaum erlauben kann, dich zu opfern, um ein neues Schloss zu schmieden, nicht wahr? Da du bereits hast, was ich haben will. Und ich weiß seit sehr, sehr langer Zeit, dass du mir geben wirst, wonach ich suche, Aelin Galathynius, und ich habe Schritte unternommen, um das zu gewährleisten.« »Was?«, flüsterte Aelin. »Bist du noch nicht dahintergekommen? Warum ich wollte, dass deine Mutter dich zu mir bringt, warum ich im Frühling solche Dinge von dir verlangt habe?« Niemand wagte es, sich zu bewegen. Maeve stieß ein Schnauben aus, einen zarten Laut des Triumphs. »Brannon hat mir die Schlüssel gestohlen, nachdem ich sie den Valg abgenommen hatte. Sie haben mir gehört und er hat sie mir weggeschnappt. Und dann hat er sich mit deiner Göttin gepaart und das Feuer in sein Geblüt hineingezüchtet, hat dafür gesorgt, dass ich gründlich nachdenken würde, bevor ich gegen sein Land vorging, gegen seine Erben. Aber alles Erbgut verwässert. Und ich wusste, dass eine Zeit kommen würde, da Brannons Flammen zu einem Flackern ersterben würden, und dann würde ich bereit sein zuzuschlagen.« Aelin sackte in die unsichtbaren Hände, die sie aufrecht hielten. »Aber in meiner dunklen Macht habe ich einen Schimmer der Zukunft gesehen. Ich habe gesehen, dass Malas Macht wieder aufbranden würde. Und dass du mich zu den Schlüsseln führen würdest. Nur du – die Person, für die Brannon Hinweise hinterlassen hatte, die Person, die alle drei finden konnte. Und ich habe gesehen, wer du warst. Was du warst. Ich habe gesehen, wen du liebst. Ich habe deinen Seelengefährten gesehen.« Die Meeresbrise, die durch die Gräser säuselte, war das einzig hörbare Geräusch. »Was für eine gebündelte Macht ihr beide sein würdet – du und Prinz Rowan. Und jegliche Nachkommen aus dieser Vereinigung …« Ein boshaftes Grinsen. »Du und Rowan könntet diesen Kontinent beherrschen, wenn ihr das wolltet. Aber eure Kinder … eure Kinder wären mächtig genug, um über ein Reich zu herrschen, das über die Welt hinwegfegen könnte.« Aelin schloss die Augen. Die Fae schüttelten langsam die Köpfe – sie glaubten es nicht. »Ich wusste nicht, wann du geboren werden würdest, aber als Prinz Rowan Whitethorn auf die Welt kam, als er erwachsen wurde und zum stärksten reinblütigen Fae in meinem Reich … warst du immer noch nicht da. Und ich wusste, was ich würde tun müssen. Um dich an die Leine zu legen. Um dich meinem Willen zu unterwerfen, dass du ohne einen einzigen Gedanken diese Schlüssel aushändigen würdest, sobald du stark genug warst, um sie in deinen Besitz zu bringen.« Aelins Schultern bebten. Tränen quollen aus ihren geschlossenen Augen. »Es war so einfach, an jenem Tag, an dem Rowan Lyria auf dem Markt sah. Ihn auf diesen anderen Pfad zu stoßen, diese Instinkte zu überlisten. Eine kleine Veränderung des Schicksals.« »Oh, Götter«, hauchte Fenrys. Maeve fuhr fort: »Also wurde dein Gefährte einer anderen gegeben. Und ich ließ ihn sich verlieben, ihn sie schwängern. Und dann habe ich ihn gebrochen. Niemand hat je nachgefragt, wie diese feindlichen Truppen dazu kamen, an seinem Haus in den Bergen vorbeizuziehen.« Aelins Knie gaben vollends nach. Nur die unsichtbaren Hände hielten sie aufrecht, während sie weinte. »Er hat den Blutschwur geleistet, ohne Fragen zu stellen. Und ich wusste, dass ich, wann immer du geboren werden würdest, wann immer du volljährig werden würdest … dafür sorgen würde, dass eure Pfade sich kreuzten und dass ihr nur einen einzigen Blick aufeinander zu werfen brauchtet, bis ich dich an der Gurgel hätte. Alles, worum ich bitten würde, würdest du mir geben. Selbst die Schlüssel. Für deinen Gefährten würdest du nichts Geringeres tun. Du hast es bereits an jenem Tag in Doranelle beinahe getan.« Langsam zog Aelin die Füße wieder unter sich, die Bewegung so gequält, dass Elide sich krümmte. Aber Aelin hob den Kopf und bleckte die Zähne. »Ich werde dich töten «, knurrte Aelin die Fae-Königin an. »Das hast du auch zu Rowan gesagt, nachdem du ihn kennengelernt hattest, nicht wahr?« Maeves schwaches Lächeln blieb. »Ich hatte deine Mutter immer wieder gedrängt, dich zu mir zu bringen, damit du ihn kennenlernen konntest, damit ich dich endlich haben konnte, wenn Rowan die Verbindung zu dir spürte, aber sie hat sich geweigert. Und wir wissen ja, wie das für sie ausgegangen ist. Und während der zehn Jahre danach wusste ich, dass du am Leben warst. Irgendwo. Aber als du zu mir kamst … als du und dein Gefährte einander nur mit Hass in den Augen angesehen habt … ich gebe zu, dass hatte ich nicht vorhergesehen. Dass ich Rowan Whitethorn so gründlich gebrochen hatte, dass er seine wahre Seelengefährtin nicht erkannte – dass dein Schmerz dich so sehr gebrochen hatte, dass auch du es nicht bemerkt hast. Und als die Zeichen erschienen, wischte der Carranam- Bund zwischen euch jeden Verdacht seinerseits weg, dass du die Seine sein könntest. Aber nicht bei dir. Wie lange ist es her, Aelin, seit du begriffen hast, dass er dein Seelengefährte ist?« Aelin erwiderte nichts und in ihren Augen loderten Zorn und Trauer und Verzweiflung. Elide flüsterte: »Lasst sie in Ruhe.« Lorcans Griff verstärkte sich warnend. Maeve ignorierte sie. »Nun? Wann wusstest du es?« »Am Tempel der Temis«, gestand Aelin und sah zu Manon. »In dem Moment, als sich der Pfeil in seine Schulter bohrte. Vor Monaten.« »Und du hast es ihm verheimlicht, zweifellos, um ihm jegliche Schuldgefühle wegen Lyria zu ersparen, jeglichen Kummer …« Maeve schnalzte mit der Zunge. »Was für eine edelmütige kleine Lügnerin du doch bist.« Aelin starrte ins Leere und ihre Augen wurden vollkommen ausdruckslos. »Ich hatte geplant, dass er hier sein würde«, fuhr Maeve fort und schaute stirnrunzelnd zum Horizont. »Denn ich habe euch damals in Doranelle nur gehen lassen, damit du mich zu den Schlüsseln würdest führen können. Ich habe euch sogar in dem Glauben gelassen, ihr wärt damit durchgekommen, indem ich ihn seines Schwurs entbunden habe. Du hattest keine Ahnung, dass ich dich von der Leine gelassen habe. Aber wenn er nicht hier ist, werde ich mich so behelfen müssen.« Aelin versteifte sich. Fenrys knurrte eine Warnung. Maeve zuckte die Achseln. »Falls es irgendwie tröstlich ist, Aelin, du hättest tausend Jahre mit Prinz Rowan gehabt. Länger.« Die Welt verlangsamte sich und Elide hörte ihr eigenes Blut in den Ohren brüllen, als Maeve hinzusetzte: »Das Erbe meiner Schwester Mab ist restlos durchgeschlagen. Die vollen Kräfte, die Fähigkeiten des Gestaltwandels und die Unsterblichkeit der Fae. Du bist wahrscheinlich nur ungefähr fünf Jahre vom Festsetzen entfernt.« Aelin verzog gequält das Gesicht. Hier ging es nicht darum, sie ihrer Magie und ihrer körperlichen Kraft zu berauben, sondern ihres Mutes. »Vielleicht werden wir dein Festsetzen zusammen feiern«, überlegte Maeve laut, »da ich gewiss nicht vorhabe, dich an dieses Schloss zu verschwenden. Oder die Schlüssel zu verschwenden, wenn sie doch dazu bestimmt sind, benutzt zu werden, Aelin.« »Maeve, bitte«, flüsterte Fenrys. Maeve untersuchte ihre makellosen Fingernägel. »Wirklich erheiternd finde ich, dass es für mich anscheinend gar nicht notwendig war, dass du Rowans Gefährtin bist. Oder dass ich ihn überhaupt brechen musste. Ein faszinierendes Experiment mit meinen eigenen Kräften, wenn schon sonst nichts. Aber da ich bezweifle, dass du immer noch freiwillig mitgehen wirst, nicht ohne zumindest zu versuchen, mir zuerst wegzusterben, werde ich dir eine Wahl lassen.« Aelin schien sich zu wappnen, als Maeve eine Hand hob und sagte: »Cairn.« Die männlichen Fae erstarrten. Lorcan wurde fast wild hinter Elide und versuchte, sie unauffällig nach hinten zu ziehen, um den Befehl zu umgehen, den er erhalten hatte. Ein gut aussehender, braunhaariger Krieger aus der Gruppe der Eskorte kam auf sie zu. Gut aussehend, hätte da nicht diese sadistische Grausamkeit in seinen blauen Augen gelauert. Wären da nicht die Klingen an seinen Seiten gewesen, die Peitsche, die zusammengerollt an einer Hüfte hing, das hämische Lächeln. Sie hatte so ein Lächeln schon früher gesehen – auf Vernons Gesicht. Auf so vielen Gesichtern in Morath. »Erlaube mir, dir das neueste Mitglied meiner Garde vorzustellen, wie du sie gern nennst. Cairn, das ist Aelin Galathynius.« Cairn trat neben seine Königin. Und bei dem Blick, den der Mann Elides Königin zuwarf, drehte sich ihr der Magen um. Sadist – ja, das war das richtige Wort für ihn, ohne dass er selbst auch nur ein einziges Wort zu sagen brauchte. »Cairn«, fuhr Maeve fort, »ist in Künsten ausgebildet, die ihr gemeinsam habt. Natürlich hattest du nur wenige Jahre Zeit, die Kunst der Folter zu erlernen, aber vielleicht kann Cairn dir einige der Dinge beibringen, die er in seiner jahrhundertelangen Ausübung gelernt hat.« Fenrys war bleich vor Zorn. »Maeve, ich flehe Euch an .« Dunkelheit krachte auf Fenrys nieder, drückte ihn auf die Knie und zwang seinen Kopf in den Dreck. »Das genügt «, zischte Maeve. Maeve lächelte wieder, als sie sich erneut zu Aelin umwandte. »Ich habe gesagt, du hättest eine Wahl. Und die hast du. Entweder du kommst freiwillig mit mir und schließt Bekanntschaft mit Cairn oder …« Ihr Blick wanderte zu Lorcan. Zu Elide. Und Elide blieb das Herz stehen, als Maeve hinzufügte: »Oder ich nehme dich trotzdem mit – und Elide Lochan ebenfalls. Ich bin mir sicher, sie und Cairn werden sich wunderbar verstehen.« 72 A elins Körper schmerzte. Alles schmerzte. Ihr Blut, ihr Atem, ihre Knochen. Es war keine Magie übrig. Nichts übrig, um sie zu retten. »Nein«, sagte Lorcan leise. Nur den Kopf zu drehen genügte, dass der Schmerz ihr Rückgrat hinunterschoss. Aber Aelin sah Elide an, sah Lorcan an, der gezwungen wurde, sie festzuhalten, sein Gesicht weiß vor purem Entsetzen, als er zwischen Cairn, Maeve und Elide hin und her schaute. Manon tat das Gleiche – wog die Chancen ab, wie schnell sie sein musste, um wegzukommen. Gut. Gut – Manon würde Elide hier herausholen. Die Hexe hatte darauf gewartet, dass Aelin etwas unternahm, ohne zu begreifen, dass sie nichts mehr tun konnte. Es war keine Macht mehr übrig für einen letzten Angriff. Und jene dunkle Macht schlang sich noch immer um ihre Knochen, so fest, dass eine einzige offensive Bewegung, nur eine einzige, ihr die Knochen brechen würde. Maeve sagte zu Lorcan: »Nein wozu, Lorcan? Dazu, dass Elide Lochan mit uns kommt, falls Aelin sich entscheidet, sich zur Wehr zu setzen, oder zu meinem großzügigen Angebot, Elide in Ruhe zu lassen, falls Ihre Majestät freiwillig mitkommt?« Ein Blick auf den braunhaarigen Fae-Krieger – Cairn –, der neben Maeve stand, hatte genügt und Aelin hatte gewusst, was er war. Sie hatte im Laufe der Jahre genug von seiner Art getötet. Sie hatte Zeit mit Rourke Farran verbracht. Was er mit Elide machen würde … Lorcan wusste ebenfalls, was ein männlicher Fae wie Cairn einer jungen Frau antun würde. Und wenn er die Zustimmung von Maeve persönlich hatte … Lorcan sagte: »Sie ist unschuldig. Nehmt die Königin und lasst uns gehen.« Manon schnauzte Maeve sogar an: »Sie gehört den Ironteeth. Wenn Ihr keinen Streit mit mir habt, dann habt Ihr auch keinen Streit mit ihr. Haltet Elide Lochan da heraus.« Maeve ignorierte Manon und meinte gedehnt zu Lorcan: »Ich befehle dir, nicht einzugreifen. Ich befehle dir, zuzuschauen und nichts zu tun. Ich befehle dir, dich nicht zu bewegen oder zu sprechen, bis ich es sage. Der Befehl gilt auch für dich, Fenrys.« Und Lorcan gehorchte. Genau wie Fenrys. Ihre Körper versteiften sich einfach – und dann nichts mehr. Elide verdrehte den Kopf und flehte Lorcan an: »Du kannst dies beenden, du kannst dagegen ankämpfen …« Lorcan schaute Elide nicht einmal an. Aelin wusste, dass Elide kämpfen würde. Nicht verstehen würde, dass Maeve dieses Spiel seit Jahrhunderten spielte und bis zu diesem Moment gewartet hatte, bis die Falle perfekt war, um sie zu ergreifen. Aelin sah, dass Maeve sie anlächelte. Sie hatte gespielt, war Risiken eingegangen und hatte verloren. Maeve nickte, als wollte sie das bestätigen. Die unausgesprochene Frage tanzte in Aelins Augen, während Elide Lorcan und Manon anschrie, dass sie ihr helfen sollten. Aber die Hexe kannte ihre Befehle. Ihre Aufgabe. Maeve las die Frage in Aelins Zügen und sagte: »Ich werde die Schlüssel in einer Hand halten und Aelin Feuerbringer in der anderen.« Sie würde sie zuerst brechen müssen. Sie töten oder brechen … Cairn grinste. Die Eskorte hievte jetzt etwas den Strand hinauf, aus dem Langboot, das sie von dem wartenden Schiff herbeigerudert hatten. Schon jetzt wurden die dunklen Segel gesetzt. Elide wandte sich an Maeve, die sich nicht dazu herabließ, sie anzusehen. »Bitte, bitte …« Aelin nickte der Fae-Königin bloß zu. Ihr Hinnehmen und ihre Kapitulation. Maeve neigte den Kopf und Triumph tanzte um ihre roten Lippen. »Lorcan, lass sie los.« Die Hände des Kriegers fielen erschlafft an seine Seiten. Und weil sie gewonnen hatte, lockerte Maeve sogar den Zugriff ihrer Macht auf Aelins Knochen. Erlaubte Aelin, sich an Elide zu wenden und zu sagen: »Geh mit Manon. Sie wird sich um dich kümmern.« Elide begann zu weinen und stieß Lorcan weg. »Ich werde mit dir gehen, ich werde mit dir kommen …« Das Mädchen würde es tun. Das Mädchen würde sich Cairn stellen und Maeve … aber Terrasen würde diese Art von Mut brauchen. Wenn es überleben sollte, wenn es genesen sollte, würde Terrasen Elide Lochan brauchen. »Sag den anderen Bescheid«, hauchte Aelin und versuchte, die richtigen Worte zu finden. »Sag den anderen, dass es mir leidtut. Sag Lysandra, dass sie an ihr Versprechen denken soll und dass ich niemals aufhören werde, dankbar zu sein. Sag Aedion … sag ihm, es sei nicht seine Schuld, und dass …« Ihre Stimme brach. »Ich wünschte, er hätte den Schwur leisten können, aber Terrasen wird jetzt seine Führung suchen und die Stellungen müssen gehalten werden.« Elide nickte und Tränen rannen ihr über das blutbespritzte Gesicht. »Und sag Rowan …« Aelins Seele brach in Stücke, als sie den eisernen Kasten sah, den die Eskorte jetzt mit vereinten Kräften trug. Ein uralter, eiserner Sarg. Groß genug für eine Person. Angefertigt für sie. »Und sag Rowan«, griff Aelin ihre Worte wieder auf und kämpfte ihr Schluchzen nieder, »dass es mir leidtut, dass ich gelogen habe. Aber sag ihm, unsere Zeit sei ohnehin abgelaufen gewesen. Selbst vor dem heutigen Tag habe ich gewusst, dass unsere Zeit schon abgelaufen war, aber ich wünschte trotzdem, wir hätten mehr davon gehabt.« Sie kämpfte gegen ihren zitternden Mund an. »Sag ihm, dass er kämpfen muss. Er muss Terrasen retten und sich an die Schwüre erinnern, die er mir geleistet hat. Und sag ihm … sag ihm Danke – dass er diesen dunklen Pfad mit mir zurück ins Licht gegangen ist.« Sie öffneten den Deckel des Behälters und zogen lange, schwere Ketten heraus. Ein Soldat aus der Eskorte reichte Maeve eine kunstvolle Eisenmaske. Sie untersuchte sie. Die Maske, die Ketten, die Kiste … sie waren alle lange vor dem heutigen Tag angefertigt worden. Vor Jahrhunderten. Geschmiedet, um Malas Spross gefangen zu halten und zu brechen. Aelin schaute Lorcan an, dessen dunkle Augen starr in ihre blickten. Und Dankbarkeit leuchtete in ihnen auf. Dass sie die junge Frau verschont hatte, der er sein Herz geschenkt hatte, ob er es nun wusste oder nicht. Elide flehte Maeve ein letztes Mal an: »Tut das nicht.« Aelin wusste, dass es ihr nichts nützen würde. Also sagte sie Elide: »Ich bin froh, dass wir uns begegnet sind. Ich bin stolz darauf, dich zu kennen. Und ich glaube, deine Mutter wäre ebenfalls stolz auf dich gewesen, Elide.« Maeve ließ die Maske sinken und meinte an Aelin gewandt: »Den Gerüchten zufolge verbeugst du dich vor niemandem, Erbin des Feuers.« Dieses Schlangenlächeln. »Nun, jetzt wirst du dich vor mir verbeugen.« Sie deutete auf den Sand. Aelin gehorchte. Ihre Knien brüllten, als sie sich auf den Boden fallen ließ. »Tiefer.« Aelin rutschte vor, bis ihre Stirn im Sand lag. Sie gestattete es sich nicht, es zu fühlen, es ihre Seele fühlen zu lassen. »Gut.« Elide schluchzte und bettelte wortlos. »Zieh dein Hemd aus.« Aelin zögerte – begriff, worauf dies hinauslief. Warum an Cairns Gürtel eine Peitsche befestigt war. »Zieh dein Hemd aus.« Aelin zog das Hemd aus ihrer Hose und streifte es sich über den Kopf, dann warf sie es neben sich in den Sand. Anschließend entfernte sie das Tuch um ihre Brüste. »Varik, Heiron.« Zwei männliche Fae traten vor. Aelin wehrte sich nicht, als jeder einen ihrer Arme ergriff und sie hochzerrte. Ihre Arme ausbreiteten. Die Seeluft küsste ihre Brüste, ihren Bauchnabel. »Zehn Hiebe, Cairn. Lass Ihre Majestät einen Vorgeschmack auf das bekommen, was sie erwartet, falls sie nicht kooperiert, wenn wir unser Ziel erreichen.« »Es wäre mir ein Vergnügen, Lady.« Aelin hielt Cairns bösartigem Blick stand und zwang Eis in ihre Adern, als er mit dem Daumen seine Peitsche löste. Als er den Blick über ihren Körper wandern ließ und lächelte. Für ihn eine Leinwand, die er mit Blut und Schmerz bemalen konnte. »Warum zählst du nicht für uns mit, Aelin?«, fragte Maeve, die Maske von ihren Fingern baumelnd. Aelin hielt den Mund. »Zähl mit, sonst fangen wir mit jedem Hieb, den du verpasst, wieder von vorn an. Du entscheidest, wie lange das dauert. Es sei denn, es wäre dir lieber, Elide Lochan würde diese Hiebe empfangen.« Nein. Niemals. Niemals irgendjemand anderer als sie. Niemals. Aber als Cairn langsam um sie herumging und dabei jeden Schritt genoss, als er die Peitsche hinter sich her über den Boden schleifen ließ, verriet ihr Körper sie. Begann zu zittern. Sie kannte den Schmerz. Wusste, wie er sich anfühlen würde, wie er sich anhören würde. Ihre Träume waren immer noch davon erfüllt. Zweifellos der Grund, warum Maeve sich für die Peitsche entschieden hatte, warum sie das in Doranelle auch Rowan angetan hatte. Cairn blieb stehen. Sie spürte, dass er die Tätowierung auf ihrem Rücken studierte. Rowans liebevolle Worte, dort geschrieben in der Alten Sprache. Cairn schnaubte. Dann malte er sich genüsslich aus, wie er diese Tätowierung zerstören würde. »Fang an«, sagte Maeve. Cairn sog den Atem ein. Und selbst nachdem sie sich gewappnet hatte, selbst nachdem sie die Zähne fest zusammenbiss, gab es nichts, was sie auf das Knallen vorbereitet hätte, auf das Brennen, den Schmerz. Sie gestattete sich nicht aufzuschreien, sondern zischte nur durch die Zähne. Eine Peitsche, die ein Aufseher in Endovier schwang, war eine Sache. Eine, die ein vollblütiger männlicher Fae schwang … Blut rann ihr hinten über die Hose und ihre aufgeplatzte Haut schrie. Aber sie wusste mit ihren Kräften hauszuhalten. Wie sie sich dem Schmerz fügen musste. Wie sie ihn nehmen musste. »Der Wievielte war das, Aelin?« Sie würde es nicht tun. Sie würde niemals für dieses verfluchte Miststück mitzählen … »Fang noch einmal von vorn an, Cairn«, forderte Maeve ihn auf. Ein heiseres Lachen. Dann das Knallen und der Schmerz, und Aelin bog den Rücken durch. Die Sehnen in ihrem Hals rissen beinahe, als sie mit zusammengebissenen Zähnen keuchte. Die Männer, die sie festhielten, taten es so fest, dass sie blaue Flecken bekommen würde. Maeve und Cairn warteten. Aelin weigerte sich, das Wort zu sagen. Anzufangen mitzuzählen. Eher würde sie sterben. »Oh, Götter, oh, Götter«, schluchzte Elide. »Noch mal von vorn«, befahl Maeve lediglich über das Mädchen hinweg. Also tat Cairn es. Wieder. Wieder. Wieder. Sie begannen neunmal von vorn, bevor Aelin endlich schrie. Der Hieb saß direkt über einem der vorigen und hatte die Haut bis auf den Knochen aufgerissen. Wieder. Wieder. Wieder. Wieder. Cairn keuchte. Aelin weigerte sich zu sprechen. »Noch mal von vorn«, wiederholte Maeve. »Majestät«, murmelte einer der Männer, die sie hielten. »Es wäre vielleicht ratsam, das auf später zu vertagen.« »Es ist immer noch jede Menge Haut übrig«, blaffte Cairn. Aber der Fae sagte: »Es nähern sich andere – sie sind noch weit entfernt, aber sie kommen her.« Rowan. Dann wimmerte Aelin. Zeit – sie hatte Zeit gebraucht … Maeve stieß einen kleinen angewiderten Laut aus. »Wir werden später fortfahren. Macht sie bereit.« Aelin konnte kaum den Kopf heben, als die Männer sie hochhievten. Die Bewegung löste solche Schmerzen aus, dass Dunkelheit über sie hereinbrach. Aber sie kämpfte dagegen an, knirschte mit den Zähnen und brüllte lautlos gegen diese Qual an, diese Dunkelheit. Ein paar Schritte entfernt ließ Elide sich auf die Knie fallen, als würde sie betteln, bis ihr Körper aufgab, aber Manon fing sie. »Wir gehen jetzt«, sagte Manon und zog sie weg – landeinwärts. »Nein«, fauchte Elide und schlug um sich. Lorcans Augen weiteten sich, aber wegen Maeves Befehl konnte er sich nicht bewegen, konnte nichts tun, als Manon Elide den Griff von Windspalter seitlich gegen den Kopf schmetterte. Das Mädchen fiel wie ein Stein. Das war alles, was Manon brauchte, um sie sich über eine Schulter zu werfen und zu Maeve zu sagen: »Viel Glück.« Ihr Blick wanderte einmal zu Aelin – nur ein einziges Mal. Dann schaute sie weg. Maeve ignorierte die Hexe, als Manon sich auf den Weg mitten ins Herz der Sümpfe machte. Lorcan spannte sämtliche Muskeln an. Spannte die Muskeln an – als kämpfte er mit allem, was in ihm war, gegen diesen Blutschwur. Aelin kümmerte es nicht. Die männlichen Fae schleppten sie zu Maeve hinüber. Zu dem eisernen Kasten. Und den Ketten. Und der eisernen Maske. Wirbel aus Feuer, kleine Sonnen und Funken waren in die dunkle Oberfläche geritzt worden. Ein Hohn auf die Macht, die der Sarg in Schach halten sollte – die Macht, die vollständig zu erschöpfen Maeve hatte sicherstellen müssen, bevor sie sie einsperrte. Die einzige Möglichkeit, sie überhaupt jemals einsperren zu können. Jeder Zentimeter, den ihre Füße durch den Sand geschleift wurden, schien ein ganzes Leben zu dauern; jeder Zentimeter war nur ein Herzschlag. Ihre Hose war blutdurchtränkt. Wahrscheinlich würde sie in all diesem Eisen ihre Wunden nicht heilen können. Nicht bis Maeve entschied, sie selbst zu heilen. Aber Maeve würde sie nicht sterben lassen. Nicht solange die Wyrdschlüssel auf dem Spiel standen. Noch nicht. Zeit – sie war dankbar dafür, dass Elena ihr diese gestohlene Zeit verschafft hatte. Dankbar, dass sie sie alle kennengelernt hatte, dass sie einen kleinen Teil der Welt gesehen hatte, solch liebliche Musik gehört hatte, dass sie getanzt und gelacht und wahre Freundschaft kennengelernt hatte. Dankbar dafür, dass sie Rowan gefunden hatte. Sie war dankbar. Also trocknete Aelin Galathynius ihre Tränen. Und wehrte sich nicht, als Maeve ihr diese wunderschöne Eisenmaske vor das Gesicht band. 73 M anon ging weiter. Sie wagte es nicht, zurückzuschauen. Wagte es nicht, dieser uralten Königin mit den kalten Augen auch nur den kleinsten Hinweis darauf zu geben, dass Aelin die Wyrdschlüssel nicht in ihrem Besitz hatte. Dass Aelin sie in Manons Tasche hatte gleiten lassen, als sie sie angerempelt hatte. Elide würde sie dafür hassen – hasste sie bereits jetzt dafür. Das mochte der Preis sein. Ein Blick von Aelin und sie hatte gewusst, was sie tun musste. Die Schlüssel vor Maeve in Sicherheit bringen. Elide wegschaffen. Sie hatten einen eisernen Kasten geschmiedet, um die Königin von Terrasen zu unterjochen. Elide regte sich, kam endlich zu sich, gerade als sie fast außer Hörweite waren. Sie schlug um sich und Manon warf sie hinter eine Düne und packte sie am Genick, so fest, dass Elide wegen der Eisennägel, die ihre Haut durchstachen, reglos wurde. »Still«, zischte Manon und Elide gehorchte. In geduckter Haltung spähten sie durch die Gräser. Nur einen Moment – sie konnten nur einen Moment erübrigen, um zuzuschauen, um herauszufinden, wohin Maeve die Königin von Terrasen brachte. Lorcan blieb erstarrt, wie Maeve es befohlen hatte. Gavriel war kaum bei Bewusstsein und lag keuchend im Gras, als wäre das Herausreißen dieses Blutschwurs eine genauso ernste Verletzung gewesen wie jede körperliche Wunde. Fenrys – Fenrys’ Augen sprühten vor Hass, als er Maeve und Cairn beobachtete. Cairns Peitsche war blutgetränkt und hing immer noch an seiner Seite, als Maeve die Maske auf Aelins Gesicht befestigte. Dann schlossen sie die Eisen um ihre Handgelenke. Um die Knöchel. Den Hals. Niemand heilte ihren übel zugerichteten Rücken, der nur noch ein blutiges Stück Fleisch war, als sie sie in den eisernen Kasten geleiteten. Sie zwangen, sich auf ihre Wunden zu legen. Und dann den Deckel schlossen. Ihn verriegelten. Elide übergab sich ins Gras. Manon legte dem Mädchen eine Hand auf den Rücken, als die Männer den Kasten die Dünen hinuntertrugen, zum Boot und zu dem Schiff dahinter. »Fenrys, geh«, befahl Maeve und zeigte auf das Schiff. Fenrys’ Atem ging stoßweise, aber er war außerstande, den Befehl zu verweigern, also gehorchte er. Er schaute einmal auf das weiße Hemd, das in den Sand geworfen worden war. Es war mit Blut bespritzt – von den Peitschenhieben. Dann war er fort, war durch Luft und Wind ins Nichts getreten. Allein mit Lorcan, bemerkte Maeve zu dem Krieger: »Du hast all das getan – für mich?« Er rührte sich nicht. Maeve setzte hinzu: »Sprich.« Lorcan stieß einen bebenden Atemzug aus und antwortete: »Ja. Ja – es war alles für Euch. Alles.« Elide packte Fäuste voll von dem Seegras und Manon fragte sich nebenbei, ob ihr Eisennägel wachsen würden, um es in Fetzen zu reißen, bei all der Wut in ihrem Gesicht. Dem Hass. Maeve stieg über Aelins blutbespritztes Hemd und strich mit der Hand über Lorcans Wange. »Ich habe keine Verwendung«, gurrte sie, »für selbstgerechte Männer, die denken, sie wüssten alles besser.« Er versteifte sich. »Majestät …« »Ich entbinde dich von deinem Blutschwur. Ich entbinde dich von deinen Privilegien und deinen Titeln und Besitztümern. Du bist genau wie Gavriel unehrenhaft und in Schande entlassen. Du bist für deinen Ungehorsam aus Doranelle verbannt, für deinen Verrat. Solltest du jemals einen Schritt über meine Grenzen setzen, wirst du sterben.« »Majestät, ich flehe Euch an …« »Geh jemand anderen anflehen. Ich habe keine Verwendung für einen Krieger, dem ich nicht trauen kann. Ich widerrufe meinen Tötungsbefehl. Dich mit der Schande leben zu lassen, wird für dich viel schlimmer sein, denke ich.« Blut quoll aus seinem Handgelenk, dann aus ihrem. Ergoss sich auf den Boden. Lorcan fiel auf die Knie. »Ich kann Dummköpfe nicht ausstehen«, erklärte Maeve, ließ ihn im Sand zurück und ging davon. Als hätte sie ihm einen körperlichen Schlag verpasst, konnte Lorcan sich anscheinend nicht bewegen, nicht denken oder atmen, genau wie Gavriel. Doch er versuchte zu kriechen. Auf Maeve zu. Der Bastard versuchte zu kriechen. »Wir müssen gehen«, murmelte Manon. Sobald Maeve nachschaute, wo diese Schlüssel waren … sie mussten gehen. Am Horizont ertönte ein Brüllen. Abraxos. Ihr Herz donnerte in ihrer Brust, Freude sprühte Funken, aber … Elide blieb im Gras liegen. Beobachtete, wie Lorcan auf die Königin zukroch, die jetzt über den Strand schritt, während ihr schwarzes Gewand hinter ihr herflatterte. Beobachtete, wie das Boot zu dem wartenden Schiff ruderte, den eisernen Sarg in seiner Mitte. Maeve saß daneben, eine Hand auf dem Deckel. Um ihrer geistigen Gesundheit willen betete Manon, dass Aelin nicht während der ganzen Zeit, die sie in dem Sarg verbrachte, bei Bewusstsein wäre. Und um ihrer Welt willen betete Manon, dass die Königin von Terrasen es überleben würde. Und sei es auch nur, damit Aelin dann für sie alle sterben konnte. 74 D a war so viel Blut. Es hatte sich bis dorthin ausgebreitet, wo Lorcan kniete, leuchtete, während es im Sand versickerte. Es bedeckte ihr Hemd, das weggeworfen und vergessen neben ihm lag. Es war sogar auf die Scheiden ihrer Schwerter und Messer gespritzt, die wie Knochen um ihn herum verstreut lagen. Was Maeve getan hatte … Was Aelin getan hatte … In seiner Brust war ein Loch. Und da war so viel Blut. Flügelschlagen und Brüllen ertönten und er konnte immer noch nicht aufschauen. Konnte sich nicht dazu durchringen, dass es ihn kümmerte. Elides Stimme schnitt durch die Welt, als sie zu jemandem sagte: »Das Schiff – das Schiff ist gerade verschwunden. Sie ist fortgegangen, ohne zu begreifen, dass wir die …« Jubelrufe – weibliche Freudenschreie. Donnernde, schnelle Schritte. Dann packte eine Hand sein Haar und riss seinen Kopf nach hinten und ein Dolch landete an seiner Kehle. Als Rowans Gesicht, ruhig vor tödlichem Zorn, in seinem Blickfeld erschien. »Wo ist Aelin?« Da war außerdem Panik – reine Panik, als Whitethorn das Blut sah, die auf dem Boden verstreuten Klingen und das Hemd. »Wo ist Aelin ?« Was hatte er getan, was hatte er getan … Schmerz durchzuckte Lorcans Hals und warmes Blut tröpfelte über seine Kehle, seine Brust. Rowan zischte: »Wo ist meine Frau?« Lorcan taumelte auf den Knien. Frau. Frau. »Oh, Götter«, schluchzte Elide, als sie die Worte hörte, die sogar den Klang von Lorcans gebrochenem Herzen zu übertragen schienen. »Oh, Götter …« Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten weinte Lorcan. Rowan bohrte den Dolch tiefer in Lorcans Hals, selbst als ihm die Tränen übers Gesicht rollten. Was diese Frau getan hatte … Aelin hatte es gewusst. Dass Lorcan sie verraten und Maeve hierhergerufen hatte. Dass ihre Zeit längst abgelaufen war. Und sie hatte Whitethorn geheiratet, damit Terrasen einen König bekam. Vielleicht war sie dazu getrieben worden, weil sie gewusst hatte, dass Lorcan sie bereits verraten hatte, dass Maeve unterwegs war … Und Lorcan hatte ihr nicht geholfen. Whitethorns Ehefrau. Sein Freund. Aelin hatte ihnen erlaubt, sie auszupeitschen und in Ketten zu legen, war freiwillig mit Maeve mitgegangen, damit Elide nicht in Cairns Fänge geriet. Und es war ein ebenso großes Opfer um Elides willen gewesen, wie es ein Geschenk an ihn gewesen war. Sie hatte sich vor Maeve verbeugt. Für Elide. »Bitte«, flehte Rowan, dessen Stimme brach, als sein ruhiger Zorn zersplitterte. »Maeve hat sie mitgenommen«, erklärte Manon und trat näher. Gavriel röchelte dort, wo er kniete und wo ihm der Kopf noch von dem Kappen seines Blutschwurs schwirrte: »Sie hat den Schwur benutzt, um uns in Schach zu halten – um uns daran zu hindern zu helfen. Selbst Lorcan.« Rowan nahm sein Messer immer noch nicht von Lorcans Kehle weg. Lorcan hatte sich geirrt. Er hatte sich so sehr geirrt. Und er konnte es nicht gänzlich bereuen, nicht da Elide in Sicherheit war, aber … Aelin hatte sich geweigert mitzuzählen. Cairn hatte seine ganze Kraft mit dieser Peitsche gegen sie eingesetzt und sie hatte sich geweigert, ihm die Befriedigung zu geben mitzuzählen. »Wo ist das Schiff?«, fragte Aedion scharf, dann fluchte er beim Anblick des blutverschmierten Hemds auf dem Boden. Er griff nach Goldryn und wischte mit seiner Jacke hektisch die Blutflecken von der Scheide. »Es ist verschwunden«, wiederholte Elide. »Es ist einfach … verschwunden .« Whitethorn schaute auf Lorcan herab, Qual und Verzweiflung in den Augen. Und Lorcan flüsterte: »Es tut mir leid.« Rowan ließ das Messer fallen und löste die Faust aus Lorcans Haar. Taumelte einen Schritt rückwärts. Im Gras in der Nähe kniete Dorian neben Gavriel und ein schwaches Licht schimmerte um sie herum. Er heilte die Wunden an Gavriels Arm. Gegen die Seelenwunde, die Maeve ihm zugefügt hatte, konnte er nichts tun – die Wunde, die sie auch Lorcan zugefügt hatte, indem sie diesen Schwur so unehrenhaft gekappt hatte. Manon kam näher und ihre Hexen flankierten sie jetzt. Alle schnupperten an dem Blut. Eine goldhaarige Hexe fluchte leise. Manon erzählte ihnen von dem Schloss. Von Elena. Von dem Preis, den die Götter von ihr verlangten. Von Aelin verlangten. Aber es war Elide, die dann den Faden aufnahm, an Lysandra gelehnt, die das Blut und das Hemd anstarrte, als wären sie ein Leichnam. Elide erzählte ihnen, was auf diesen Dünen geschehen war. Was Aelin geopfert hatte. Sie erzählte Rowan, dass er Aelins Seelengefährte sei. Erzählte ihm von Lyria. Sie erzählte ihnen von dem Auspeitschen und der Maske und der Kiste. Als Elide fertig war, schwiegen sie alle. Und Lorcan beobachtete nur, wie Aedion sich zu Lysandra umwandte und knurrte: »Du hast es gewusst. « Lysandra zuckte mit keiner Wimper. »Sie hat mich gefragt – an jenem Tag auf dem Schiff. Ihr zu helfen. Sie hat mir gesagt, welchen Preis sie vermutlich würde zahlen müssen, um Erawan zu verbannen und die Schlüssel einzusetzen. Hat mir gesagt, was ich zu tun hätte.« Aedion knurrte. »Was könntest du denn schon …« Lysandra reckte das Kinn vor. Rowan flüsterte: »Aelin würde sterben, um dieses neue Schloss zu schmieden, um die Schlüssel in dem Tor zu versiegeln – um Erawan zu bannen. Aber niemand würde es wissen. Niemand außer uns. Wenn du für den Rest deines Lebens ihre Gestalt annimmst.« Aedion strich sich mit einer Hand durch sein blutverkrustetes Haar. »Aber kein Nachkomme mit Rowan würde ihr irgendwie ähnlich sehen …« Lysandras Gesicht zeigte einen flehenden Ausdruck. »Das würdest du in Ordnung bringen, Aedion. Mit mir.« Mit dem goldenen Haar, den Ashryver-Augen – wenn dieses Erbe durchschlug, konnten die Kinder der Gestaltwandlerin als königliche Nachkommen durchgehen. Aelin wollte Rowan auf dem Thron sehen, aber es würde Aedion sein, der insgeheim seine Erben zeugte. Aedion krümmte sich, als wäre er geschlagen worden. »Und wann wolltet ihr mir das verraten? Bevor oder nachdem ich vermeintlich mit meiner gottverdammten Cousine das Lager geteilt hätte, unter welchen Vorwänden auch immer, die ihr dazu ausgeheckt hättet?« Lysandra erwiderte leise: »Ich werde mich nicht bei dir entschuldigen. Ich diene ihr. Und ich bin bereit, für den Rest meines Lebens so zu tun, als wäre ich sie, damit ihr Opfer nicht umsonst war …« »Du kannst zur Hölle gehen«, fuhr Aedion sie an. »Du kannst zur Hölle gehen, du verlogenes Miststück !« Das Knurren, mit dem Lysandra antwortete, war nicht menschlich. Rowan nahm nur Goldryn von dem General und ging zum Meer. Der Wind peitschte ihm sein silbernes Haar um den Kopf. Lorcan rappelte sich auf und taumelte noch. Und da stand Elide vor ihm. Und in ihrem bleichen, angespannten Gesicht war nichts von der jungen Frau zu sehen, die er kennengelernt hatte. Nichts von ihr in dieser rauen Stimme, mit der Elide zu ihm sagte: »Ich hoffe, du verbringst den Rest deines elenden, unsterblichen Lebens damit zu leiden. Ich hoffe, du verbringst es allein. Ich hoffe, du lebst mit Reue und Schuld im Herzen und findest niemals einen Weg, es zu ertragen.« Dann ging sie zur Dreizehn. Die Goldhaarige hob einen Arm und Elide schlüpfte darunter durch, trat in einen Schutzraum aus Flügeln, Krallen und Zähnen. Lysandra wandte sich wütend ab, um Gavriel zu versorgen, der so viel Verstand hatte, nicht zusammenzuzucken, als er ihr immer noch wutverzerrtes Gesicht sah. Lorcan hingegen fand den Blick des jungen Generals auf sich ruhen. Aedions Augen leuchteten vor Hass. Purem Hass. »Auch bevor du den Befehl bekommen hattest, nicht einzugreifen, hast du nichts getan, um ihr zu helfen. Du hast Maeve hierhergerufen. Das werde ich nie vergessen.« Dann schritt er zum Strand – wo Rowan im Sand kniete. *** Asterin lebte. Die Dreizehn lebte. Und Manon spürte Glück in ihrem Herzen – Glück, begriff sie, als sie in diese lächelnden Gesichter schaute und zurücklächelte. Sie wandte sich an Asterin, als sie alle auf einer Düne mit Blick aufs Meer zwischen ihren Wyvern standen: »Wie?« Asterin strich Elide übers Haar, als das Mädchen an ihrer Schulter weinte. »Die Miststücke deiner Großmutter haben uns eine höllische Jagd geliefert, aber es ist uns gelungen, sie aufzuschlitzen. Wir haben den ganzen letzten Monat damit verbracht, nach dir zu suchen. Aber Abraxos hat uns gefunden und schien zu wissen, wo du warst, also sind wir ihm gefolgt.« Sie kratzte an einem Bröckchen getrockneten Bluts auf ihrer Wange. »Und haben dir den Kopf gerettet, wie es aussieht.« Nicht rechtzeitig, dachte Manon, als sie Elides stille Tränen sah, die Art, wie die Menschen und die Fae entweder dastanden oder stritten oder einfach gar nichts taten. Nicht rechtzeitig, um dies zu stoppen. Um Aelin Galathynius zu retten. »Was machen wir jetzt?«, fragte Sorrel, die an der Flanke ihres Bullen lehnte und sich eine Schnittwunde am Unterarm verband. Die Dreizehn sah geschlossen Manon an und alle warteten. Sie wagte es zu fragen: »Habt ihr gehört, was meine Großmutter gesagt hat, bevor … vor allem?« »Die Schatten haben es uns erzählt«, antwortete Asterin mit funkelnden Augen. »Und?« »Und was?«, brummte Sorrel. »Dann bist du eben eine halbe Crochan.« »Crochan-Königin .« Und sie hatte Rhiannon Crochans Aussehen geerbt. Hatten die Alten das bemerkt? Asterin zuckte die Achseln. »Fünf Jahrhunderte reinblütiger Ironteeth konnten uns nicht nach Hause bringen. Vielleicht kannst du es.« Ein Kind nicht des Krieges, sondern des Friedens. »Und werdet ihr mir folgen?«, fragte Manon die Dreizehn leise. »Um zu tun, was getan werden muss, bevor wir in die Wastes zurückkehren können?« Aelin Galathynius hatte Elena nicht um ein anderes Schicksal angefleht. Sie hatte nur um eines gebeten, eine Bitte an die uralte Königin: Wirst du mit mir kommen? Aus dem gleichen Grund, aus dem Manon die Dreizehn gefragt hatte. Einmütig hoben die Dreizehn die Finger an die Brauen. Einmütig ließen sie sie sinken. Manon schaute zum Meer, ihre Kehle wie zugeschnürt. »Aelin Galathynius hat ihre Freiheit willig geopfert, damit eine Ironteeth-Hexe verschont wurde«, berichtete Manon. Elide straffte sich und löste sich aus Asterins Armen. Doch Manon fuhr fort: »Wir haben ihr ein Leben zu verdanken und stehen dafür in ihrer Schuld. Und mehr als das. Es wird Zeit, dass wir besser werden als unsere Vormütter. Wir sind alle Kinder dieses Landes.« »Was wirst du tun?«, hauchte Asterin mit leuchtenden Augen. Manon schaute hinter sie. Nach Norden. »Ich werde die Crochans finden. Und ich werde mit ihnen eine Armee aufstellen. Für Aelin Galathynius. Und für ihr Volk. Und für unseres.« »Sie werden uns niemals vertrauen«, wandte Sorrel ein. Asterin erwiderte gedehnt: »Dann werden wir uns einfach von unserer charmantesten Seite zeigen müssen.« Einige von ihnen feixten; andere traten von einem Fuß auf den anderen. Manon sagte zu ihrer Dreizehn: »Werdet ihr mir folgen?« Und als sie alle wieder mit den Fingern die Augenbrauen berührten, erwiderte Manon die Geste. *** Rowan und Aedion saßen still am Strand. Gavriel hatte sich hinreichend von dem Schock des gekappten Blutschwurs erholt, dass er und Lorcan jetzt auf der Klippe standen und sich leise unterhielten; Lysandra saß allein in Leopardengestalt da, inmitten der sich wiegenden Gräser; und Dorian beobachtete sie alle vom Gipfel einer Düne. Was Aelin getan hatte … worüber sie gelogen hatte … Etwas von dem Blut auf dem Boden war getrocknet. Wenn Aelin fort war, wenn ihr Leben tatsächlich der Preis sein würde, falls sie jemals freikam … »Maeve hat die beiden Schlüssel nicht«, bemerkte Manon jetzt neben Dorian, nachdem sie sich lautlos angeschlichen hatte. Ihr Zirkel hielt sich im Hintergrund, Elide in ihre Reihen eingegliedert. »Für den Fall, dass du dir Sorgen machst.« Lorcan und Gavriel drehten sich zu ihnen um. Dann auch Lysandra, in Leopardengestalt. Dorian wagte zu fragen: »Wo sind sie dann?« »Ich habe sie«, entgegnete Manon schlicht. »Aelin hat sie mir in meine Tasche geschoben.« Oh, Aelin. Aelin. Sie hatte Maeve derart in Rage gebracht, hatte die Königin so sehr damit abgelenkt, sie gefangen zu nehmen, dass Maeve es versäumt hatte, sich davon zu überzeugen, dass Aelin die Schlüssel bei sich hatte, bevor sie verschwunden war. Aelin hatte ein solch gemeines, unmögliches Blatt in die Hand bekommen, und doch hatte sie es meisterhaft ausgespielt. Ein letztes Mal hatte sie dafür gesorgt, dass jeder Stich saß. »Das ist der Grund, warum ich nichts unternehmen konnte«, fuhr Manon fort. »Um ihr zu helfen. Ich musste unbeteiligt wirken. Unten am Strand hatte Aedion sich zu ihnen umgedreht und mit seinem scharfen Fae-Gehör jedes Wort mitbekommen. An sie alle gewandt sprach Manon weiter: »Es tut mir leid, dass ich nicht helfen konnte.« Sie griff in die Tasche ihrer ledernen Reitmontur und hielt Dorian das Amulett von Orynth und einen Splitter schwarzen Steins hin. Er sträubte sich. »Elena hat gesagt, Malas Erbe könne dies beenden. Es habe sich in euren beiden Stammbäumen durchgesetzt.« Die goldenen Augen waren müde – schwer. Er begriff, worum Manon ihn bat. Aelin hatte nie geplant, Terrasen wiederzusehen. Sie hatte Rowan in dem Wissen geheiratet, dass ihr bestenfalls Monate mit ihm blieben, schlimmstenfalls Tage. Aber sie würde Terrasen einen rechtmäßigen König geben. Um ihr Territorium zusammenzuhalten. Sie hatte Pläne für sie alle geschmiedet – und keinen einzigen für sich selbst. »Die Suche endet hier nicht«, sagte Dorian leise. Manon schüttelte den Kopf. Und er wusste, dass sie von mehr sprach als den Schlüsseln, mehr als dem Krieg, als sie erwiderte: »Nein, das tut sie nicht.« Er nahm ihr die Schlüssel ab. Sie pulsierten und flackerten und wärmten seine Handfläche. Eine fremdartige, schreckliche Präsenz und doch alles, was zwischen ihnen und der Zerstörung stand. Nein, die Suche endete hier nicht. Nicht einmal ansatzweise. Dorian schob die Schlüssel in seine Tasche. Und der Pfad, der sich jetzt vor ihm erstreckte und schlängelnd in unbekannte, harrende Schatten führte … er machte ihm keine Angst. 75 R owan hatte Aelin zwei Tage zuvor im Morgengrauen geheiratet. Aedion und Lysandra waren die beiden einzigen Zeugen gewesen, als sie den Kapitän mit verschlafenen Augen geweckt hatten und er sie schnell und leise getraut und ein Schweigegelübde unterzeichnet hatte. Sie hatten fünfzehn Minuten in ihrer Kabine gehabt, um die Ehe zu vollziehen. Aedion trug immer noch die offiziellen Dokumente bei sich; der Kapitän hatte die Duplikate. Rowan kniete jetzt seit einer halben Stunde auf diesem schmalen Streifen Strand. Stumm hatte Aedion ihm Gesellschaft geleistet und mit leerem Gesichtsausdruck aufs Meer gestarrt, während er den Pfaden seiner aufgewühlten Gedanken folgte. Rowan hatte es gewusst. Auf irgendeiner Ebene hatte er gewusst, dass Aelin seine Seelengefährtin war. Und hatte dieses Wissen immer wieder weggeschoben, aus Respekt vor Lyria, aus Angst davor, was es bedeuten würde. Er hatte sich in Skull’s Bay vor sie geworfen und hatte es tief im Inneren gewusst. Gewusst, dass Gefährten, die sich dieser Verbindung bewusst waren, es nicht ertragen konnten, einander Schaden zuzufügen, und dass es vielleicht die einzige Kraft war, die sie dazu zwang, die Kontrolle von Deanna zurückzugewinnen. Und selbst als sie bewiesen hatte, dass er recht hatte … hatte er sich von diesem Beweis abgewandt, noch immer nicht bereit, hatte ihn verdrängt, obwohl er in jeder anderen Hinsicht Anspruch auf sie erhoben hatte. Doch Aelin hatte es gewusst. Dass er ihr Gefährte war. Und sie hatte ihn nicht gedrängt oder verlangt, dass er sich den Dingen stellte, weil sie ihn liebte. Und er wusste, dass sie sich lieber ihr eigenes Herz aus dem Leib schneiden würde, als ihm Schmerz oder Kummer zu bereiten. Sein Feuerherz. Seine Partnerin, seine Freundin, seine Geliebte. Seine Frau. Seine Seelengefährtin. Dieses gottverdammte Miststück hatte sie in eine Eisenkiste gesteckt. Sie hatte seine Gefährtin so brutal ausgepeitscht, dass er so viel Blut wie nur selten als Resultat gesehen hatte. Und sie in Ketten gelegt. In einen wahrhaftigen Eisensarg gesteckt, während sie immer noch blutete, immer noch Schmerzen hatte. Um sie wegzuschließen. Um sie zu brechen. Um sie zu foltern. Sein Feuerherz, eingesperrt in der Dunkelheit. Sie hatte versucht, es ihm zu sagen. Unmittelbar bevor die Ilken eingetroffen waren. Hatte versucht, ihm zu sagen, dass sie sich an jenem Tag auf dem Schiff die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, nicht weil sie schwanger gewesen war, sondern weil sie begriffen hatte, dass sie sterben würde. Dass der Preis für das Versiegeln des Tors und das dafür nötige Schmieden eines neuen Schlosses ihr Leben war. Ihr unsterbliches Leben. Goldryn lag neben ihm, sein Rubin glanzlos in der hellen Sonne. Rowan sammelte zwei Fäuste voll Sand und ließ die Körner hinausrieseln, ließ den Wind sie zum Meer tragen. Unsere Zeit war ohnehin abgelaufen. Aelin erwartete nicht, dass sie ihr zu Hilfe kamen. Sie, die allen anderen zu Hilfe gekommen war, die sie alle gefunden hatte. Sie hatte dafür gesorgt, dass alles sich fügen würde, wenn sie ihr Leben opferte. Wenn sie auf tausend Jahre verzichtete, um sie zu retten. Und Rowan wusste, dass sie glaubte, sie würden die richtige Entscheidung treffen, die kluge Entscheidung, und hierbleiben. Ihre Armeen in den Sieg führen – die Armeen, die Aelin für sie gesichert hatte, weil sie vermutet hatte, dass sie nicht in der Lage sein würde, es selbst zu Ende zu bringen. Sie glaubte nicht, dass sie ihn je wiedersehen würde. Er akzeptierte das nicht. Er würde das nicht akzeptieren. Und er würde nicht hinnehmen, dass er sie gefunden hatte und dass sie ihn gefunden hatte und dass sie so viel Kummer und Schmerz und Verzweiflung zusammen überlebt hatten, nur um auseinandergerissen zu werden. Er würde das Schicksal nicht hinnehmen, das ihr zugewiesen worden war, würde nicht hinnehmen, dass ihr Leben der geforderte Preis dafür war, diese Welt zu retten. Ihr Leben oder Dorians. Er würde es keine Sekunde lang akzeptieren. Schritte stapften durch den Sand und er witterte Lorcan, bevor er sich die Mühe machte aufzuschauen. Einen halben Atemzug lang überlegte er, den Mann zu töten, wo er gerade stand. Rowan wusste, heute – heute würde er siegen. Etwas war in Lorcan zerbrochen, und wenn Rowan jetzt angriff, würde der andere Mann sterben. Lorcan würde sich vielleicht nicht einmal allzu sehr wehren. Lorcans Gesicht war hart, wie in Granit gehauen, aber seine Augen … darin lag Qual. Und Bedauern. Die anderen rückten von den Dünen herunter, der Hexenzirkel blieb hinter ihnen zurück und Aedion erhob sich. Alle sahen Rowan an, der auf den Knien blieb. Das Meer strömte vom Land weg und wogte unter dem aufklarenden blauen Himmel. Er nutzte den Bund zwischen Aelin und sich, um ihn in die Welt hinauszuschleudern, ihn wie ein Netz auszuwerfen. Ihn mit seiner Magie weit hinauszuschleudern, mit seiner Seele, seinem gebrochenen Herzen. Um sie zu suchen. Kämpf dagegen an , sandte er ihr eine stumme Botschaft, schickte die Worte über ihren Bund – den Bund als Seelengefährten, der sich im ersten Moment gebildet hatte, als sie Carranam geworden waren, verborgen unter Flamme und Eis und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Kämpfe gegen sie. Ich komme dich holen. Selbst wenn ich tausend Jahre brauche. Ich werde dich finden, ich werde dich finden, ich werde dich finden. Nur Salz und Wasser und Wind antworteten ihm. Rowan erhob sich. Und drehte sich langsam zu ihnen um. Aber ihre Blicke blieben auf den Schiffen hängen, die jetzt aus dem Westen herbeisegelten – vom Ort der Schlacht. Es waren die Schiffe seiner Cousins und Cousinen, mit den Überresten der Flotte, die Ansel Briarcliff für sie gewonnen hatte, und Rolfes drei Schiffen. Aber es waren nicht diese Boote, die ihn stutzen ließen. Es war das eine, das gerade die östliche Landspitze umrundete – ein Langboot. Es näherte sich auf einem Phantomwind, zu schnell, um natürlichen Ursprungs zu sein. Rowan wappnete sich. Die Form des Bootes gehörte zu keiner der versammelten Flotten. Aber die Bauart ließ Rowans Gedächtnis keine Ruhe. Von ihrer eigenen Flotte rauschten Ansel von Briarcliff und Enda in einem Langboot über die Wellen auf diesen Strand zu. Doch Rowan und die anderen beobachteten schweigend, wie das fremde Boot auf der Brandung ritt und sich auf den Sand schob. Beobachteten, wie Seeleute mit olivfarbener Haut es den Strand hinaufschleppten. Ein breitschultriger junger Mann sprang geschickt hinaus und sein leicht gelocktes, dunkles Haar flatterte in der Meeresbrise. Er verströmte keinen Hauch von Furcht, als er auf sie zukam – suchte nicht einmal Trost in der beruhigenden Berührung des feinen Schwertes an seiner Seite. »Wo ist Aelin Galathynius?«, fragte der Fremde ein wenig atemlos, während er sie nacheinander forschend ansah. Und sein Akzent … »Wer seid Ihr?«, knirschte Rowan. Aber der junge Mann war jetzt nah genug, dass Rowan die Farbe seiner Augen sehen konnte. Türkis – mit einem Kern aus Gold. Aedion atmete, als wäre er in Trance: »Galan.« Galan Ashryver, Kronprinz von Wendlyn. Die Augen des jungen Mannes weiteten sich, als er den Kriegerprinzen sah. »Aedion« , sagte er heiser und mit so etwas wie Ehrfurcht und Trauer im Gesicht. Aber er blinzelte den Ausdruck weg, selbstsicher und ruhig, und fragte noch einmal: »Wo ist sie?« Niemand antwortete. Aedion verlangte zu erfahren: »Was machst du hier?« Galans dunkle Brauen zuckten aufeinander zu. »Ich dachte, sie hätte euch informiert.« »Uns worüber informiert?«, fragte Rowan bedrohlich leise. Galan griff in die Tasche seines abgetragenen, blauen Waffenrocks und förderte einen zerknitterten Brief zutage, der aussah, als wäre er schon hundertmal gelesen worden. Schweigend reichte er ihn an Rowan weiter. Ihr Duft haftete dem Papier immer noch an, als er es auseinanderfaltete. Aedion las über seine Schulter mit. Aelins Brief an den Prinzen von Wendlyn war kurz gewesen. Brutal. Die großen Buchstaben zogen sich quer über die Seite, als wäre ihr Temperament mit ihr durchgegangen: TERRASEN ERINNERT SICH AN EVALIN ASHRYVER TUST DU ES AUCH ? ICH HABE IN NEBELWARTE FÜR DEIN VOLK GEKÄMPFT . ERWIDERE DEN GOTTVERDAMMTEN GEFALLEN . Und dann Koordinaten – für diesen Ort. »Er ist nur an mich gegangen«, murmelte Galan. »Nicht an meinen Vater. Nur an mich.« An die Armada, die Galan befehligte – als Blockadebrecher gegen Adarlan. »Rowan«, murmelte Lysandra warnend. Er folgte ihrem Blick. Nicht dorthin, wo Ansel und Enda gerade bei ihrer Gruppe eintrafen und einen großen Bogen um die Dreizehn machten, während sie mit skeptischen Gesichtern Galan betrachteten. Sondern zu der kleinen Truppe weiß gekleideter Personen, die oben auf den Dünen hinter ihnen auftauchten; bespritzt mit Schlamm sahen sie so aus, als wären sie durch die Sümpfe marschiert. Und Rowan wusste Bescheid. Er wusste, wer sie waren, noch bevor sie den Strand erreichten. Ansel von Briarcliff war beim Anblick der wallenden Gewänder erbleicht. Und als der hochgewachsene Mann in ihrer Mitte seine Kapuze herunterzog, um ein dunkelhäutiges Gesicht mit grünen Augen zu entblößen, das immer noch jugendlich hübsch war, flüsterte die Königin der Wastes: »Ilias.« Ilias, Sohn des Stummen Meisters der Schweigenden Assassinen, starrte Ansel an und sein Rücken versteifte sich. Aber Rowan ging auf den Mann zu und lenkte ihn ab. Ilias musterte ihn mit schmalen Augen. Und er sah sie wie Galan alle nacheinander an und suchte nach einer goldhaarigen Frau, die nicht da war. Sein Blick kehrte zu Rowan zurück, als hätte er in ihm den Mittelpunkt dieser Gruppe erkannt. Mit einer Stimme, die heiser war, weil er sie so selten benutzte, fragte Ilias ihn: »Wir sind gekommen, um unsere Schuld bei Celaena Sardothien zu begleichen – Aelin Galathynius, der wir unser Leben verdanken. Wo ist sie?« »Ihr seid die Sessiz Suikast «, sagte Dorian und schüttelte den Kopf. »Die Schweigenden Assassinen der Red Desert.« Ilias nickte. Und sah Ansel an, die immer noch kurz davor zu sein schien, sich zu übergeben, bevor er zu Rowan sagte: »Es scheint, meine Freundin hat die Begleichung vieler Schulden eingefordert.« Als wären die Worte selbst ein Signal gewesen, sammelten sich weitere weiß gekleidete Gestalten auf den Dünen hinter ihnen. Dutzende. Hunderte. Rowan fragte sich, ob jeder einzelne Assassine aus dieser Wüstenfestung gekommen war, um ihre Schuld der jungen Frau gegenüber zu begleichen. Schon für sich genommen eine tödliche Legion. Und Galan … Rowan wandte sich an den Kronprinzen von Wendlyn. »Wie viele?«, fragte er. »Wie viele habt Ihr mitgebracht?« Galan lächelte nur schwach und zeigte auf den östlichen Horizont. Über dem jetzt immer mehr weiße Segel sichtbar wurden. Ein Schiff nach dem anderen, und jedes trug die kobaltblaue Flagge Wendlyns. »Richtet Aelin Galathynius aus, dass Wendlyn Evalin Ashryver nie vergessen hat«, sagte Galan zu ihm, und zu Aedion: »Oder Terrasen.« Aedion fiel im Sand auf die Knie, während Wendlyns Armada sich vor ihnen ausbreitete. Ich verspreche Euch, dass ich, ganz gleich, wie weit ich fortgehe, ganz gleich, was es kostet, kommen werde, wenn Ihr mich um Hilfe ruft, hatte Aelin Darrow versprochen, wie sie Aedion einmal erzählt hatte. Ich gehe alte Schulden und Versprechen einfordern. Eine Armee von Assassinen, Dieben, Verbannten und Gemeinen aufstellen. Und das hatte sie getan. Sie hatte jedes Wort ernst gemeint und in die Tat umgesetzt. Rowan zählte die Schiffe, die sich über den Horizont schoben. Zählte die Schiffe in ihrer eigenen Armada. Fügte die von Rolfe hinzu – und die der Mykiner, die er im Norden zusammenrief. »Heilige Götter«, hauchte Dorian, als Wendlyns Armada sich immer weiter ausbreitete. Tränen rannen über Aedions Gesicht und er schluchzte lautlos. Wo sind unsere Verbündeten, Aelin? Wo sind unsere Armeen? Sie hatte die Kritik eingesteckt – hatte sie eingesteckt, weil er wusste, dass sie sie nicht hatte enttäuschen wollen, falls sie scheiterte. Rowan legte Aedion eine Hand auf die Schulter. Alles für Terrasen , hatte sie an dem Tag gesagt, an dem sie offenbart hatte, welche Ränke sie geschmiedet hatte, um an Arobynns Vermögen heranzukommen. Und Rowan wusste, dass jeder Schritt, den sie getan hatte, jeder Plan und jede Berechnung, jedes Geheimnis und jedes verzweifelte Risiko, das sie eingegangen war … alles war für Terrasen gewesen. Für sie alle. Für eine bessere Welt. Aelin Galathynius hatte eine Armee aufgestellt, nicht nur um Morath herauszufordern, sondern um die Sterne ins Wanken zu bringen. Sie hatte gewusst, dass sie keine Gelegenheit bekommen würde, die Armee zu führen. Aber sie würde trotzdem das Versprechen, das sie Darrow gegeben hatte, einhalten: Ich verspreche Euch bei meinem Blut, beim Namen meiner Familie, dass ich Terrasen nicht im Stich lassen werde, so wie Ihr mich im Stich gelassen habt. Und der letzte Teil davon … wenn Chaol Westfall und Nesryn Faliq auch noch Truppen vom südlichen Kontinent hatten zusammenrufen können … Endlich sah Aedion zu ihm auf, die Augen groß, als er zu der gleichen Erkenntnis kam wie er. Eine Chance. Seine Frau, seine Gefährtin, hatte ihnen eine winzige Chance verschafft, diesen Krieg zu gewinnen. Und sie glaubte nicht, dass sie ihr zu Hilfe kommen würden. »Galan?« Rowan wurde still wie der Tod beim Klang der Stimme, die über die Dünen schwebte. Eine goldhaarige Frau, die die Gestalt seiner Geliebten trug. Aedion schoss auf die Füße und hätte fast geknurrt, als Rowan ihn am Arm packte. Als Lysandra, in Aelins Gestalt, wie sie es versprochen hatte, auf sie zurauschte und breit grinste. Dieses Lächeln … es riss ihm ein Loch in sein Herz. Lysandra hatte sich Aelins Lächeln beigebracht, diesen Hauch von Bosheit und Entzücken, verfeinert mit dieser rasiermesserscharfen Grausamkeit. Lysandras Schauspielerei, perfektioniert in demselben Höllenloch, in dem Aelin ihre gelernt hatte, war vollendet, als sie mit Galan sprach. Als sie mit Ilias sprach und ihn wie einen längst verloren geglaubten Freund umarmte, und wie eine erleichterte Verbündete. Aedion zitterte neben ihm. Aber die Welt durfte es nicht wissen. Ihre Verbündeten, ihre Feinde durften nicht wissen, dass das unsterbliche Feuer Malas gestohlen worden war. Angekettet. Galan sagte zu der, von der er glaubte, sie wäre seine Cousine: »Wohin jetzt?« Lysandra sah zuerst ihn an, dann Aedion, keine Spur von Reue oder Schuldbewusstsein oder Zweifel auf dem Gesicht. »Wir gehen nach Norden. Nach Terrasen.« Rowans Herz wurde bleischwer. Aber Lysandra fing seinen Blick auf und sagte ruhig und beiläufig: »Prinz – du musst etwas für mich zurückholen, bevor du dich uns im Norden anschließt.« Finde sie, finde sie, finde sie , schien die Gestaltwandlerin zu flehen. Rowan nickte. Ihm fehlten die Worte. Lysandra ergriff seine Hand, drückte sie einmal knapp zum Dank, ein höfliches, öffentliches Lebewohl zwischen einer Königin und ihrem offiziellen Geliebten, dann trat sie beiseite. »Kommt«, forderte Lysandra Galan und Ilias auf und geleitete sie zu einer bleichen Ansel und einem stirnrunzelnden Enda. »Wir müssen noch einiges besprechen, bevor wir uns auf den Weg machen.« Dann war ihre kleine Gruppe wieder allein. Aedion ballte die Fäuste an seinen Seiten und öffnete sie wieder, bevor er sie erneut ballte, während er hinter der Gestaltwandlerin herschaute, die Aelins Haut trug und ihre Verbündeten den Strand entlangführte. Um ihnen Privatsphäre zu geben. Eine Armee, die sie gegen Morath führen konnten. Um eine reelle Chance zu haben, sich freizukämpfen … Sand wisperte hinter ihm, als Lorcan ihn einholte. »Ich werde mit dir gehen. Ich werde dir helfen, sie zurückzuholen.« Gavriel fügte heiser hinzu: »Wir werden sie finden.« Aedion wandte bei diesen Worten endlich den Blick von Lysandra ab. Aber er sagte nichts zu seinem Vater – hatte überhaupt nichts zu ihm gesagt, seit sie am Strand gelandet waren. Elide kam einen humpelnden Schritt näher, ihre Stimme so rau wie die von Gavriel. »Zusammen. Wir werden zusammen gehen.« Lorcan bedachte die Lady von Perranth mit einem forschenden Blick, den sie demonstrativ ignorierte. Seine Augen flackerten, als er Rowan erklärte: »Fenrys ist bei ihr. Er wird wissen, dass wir sie holen kommen – wird versuchen, Spuren zu hinterlassen, wenn er kann.« Wenn Maeve ihn nicht eingesperrt hatte. Aber Fenrys hatte gegen den Blutschwur angekämpft, seit er ihn abgelegt hatte. Wenn er nun alles war, das jetzt noch zwischen Cairn und Aelin stand … Rowan gestattete sich nicht, an Cairn zu denken. Daran, was Maeve ihn bereits hatte tun lassen oder ihr vor dem Ende antun lassen würde. Nein – Fenrys würde dagegen ankämpfen. Und Aelin würde dagegen ankämpfen. Aelin würde niemals aufhören zu kämpfen. Rowan sah Aedion an und der Kriegerprinz riss sich erneut lange genug von Lysandras Anblick los, um seinen Blick zu erwidern. Aedion verstand diesen Blick und legte eine Hand auf den Griff des Schwertes von Orynth. »Ich gehe nach Norden. Mit – ihr. Um die Armeen zu organisieren, dafür zu sorgen, dass alles an seinem Platz ist.« Rowan umfasste Aedions Unterarm. »Die Kampflinien müssen gehalten werden. Verschaff uns so viel Zeit, wie du nur kannst, Bruder.« Aedion ergriff seinerseits Rowans Unterarm und seine Augen glänzten hell. Rowan wusste, wie sehr es ihn umbrachte. Aber wenn die Welt glaubte, dass Aelin in den Norden zurückkehrte, dann musste einer ihrer Generäle an ihrer Seite sein, um ihre Armeen zu führen. Und da Aedion über die Loyalität der Bane gebot … »Bring sie zurück, Prinz«, bat Aedion mit brechender Stimme. »Bring sie nach Hause.« Rowan hielt den Blick seines Bruders und nickte. »Wir werden euch wiedersehen. Euch alle.« Er verschwendete keine Worte, um den Kriegerprinzen dazu zu überreden, der Gestaltwandlerin zu vergeben. Er war sich nicht ganz sicher, was er überhaupt von Aelins und Lysandras Plan halten sollte. Was seine Rolle darin gewesen wäre. Dorian trat vor, warf aber einen Blick auf Manon, die zum Meer starrte, als könnte sie sehen, wohin Maeve ihr Schiff hatte verschwinden lassen. Mithilfe dieser tarnenden Macht, die sie schon in Skull’s Bay angewendet hatte, um anfangs Fenrys’ und Gavriels Anwesenheit dort zu verbergen – und ihre Armada vor den Augen Eyllwes zu verstecken. »Die Hexen fliegen nach Norden«, bemerkte Dorian. »Und ich werde mit ihnen gehen. Um herauszukriegen, ob ich tun kann, was getan werden muss.« »Bleibt bei uns«, bot Rowan an. »Wir werden einen Weg finden, mit den Schlüsseln und dem Schloss und den Göttern fertigzuwerden – mit dem allem.« Dorian schüttelte den Kopf. »Wenn Ihr Maeve verfolgt, sollten die Schlüssel weit entfernt aufbewahrt werden. Wenn ich helfen kann, indem ich das tue, indem ich den dritten finde … damit würde ich Euch besser dienen.« »Du wirst höchstwahrscheinlich sterben«, warf Aedion scharf ein. »Wir gehen nach Norden zu Blutvergießen und Schlachtfeldern – du machst dich auf den Weg zu Gefahren, die weit schlimmer sind als das. Morath wird warten.« Rowan warf ihm einen funkelnden Blick zu. Aber sein Bruder scherte sich darum schon lange nicht mehr. Nein, Aedions Nerven waren gerade kurz vor dem Zerreißen – und es fehlte nicht mehr viel, dass die Anspannung tödlich wurde. Vor allem da Dorian eine Rolle dabei gespielt hatte, Aelin von ihrer Gruppe zu trennen. Wieder sah Dorian Manon an, die ihm jetzt ein leises Lächeln zuwarf. Es war ein Lächeln, das ihr Gesicht weicher machte, das es zum Leben erweckte. »Er wird nicht sterben, wenn ich es verhindern kann«, versprach die Hexe, dann musterte sie alle nacheinander. »Wir reisen, um die Crochans zu finden – um zu bündeln, was sie vielleicht noch an Streitkräften haben.« Eine Hexenarmee gegen die Ironteeth-Legionen. Hoffnung – kostbare, zerbrechliche Hoffnung – regte sich in Rowans Blut. Manon deutete nur kurz mit dem Kinn einen Gruß an und stieg die Düne hoch, auf der ihr Zirkel wartete. Also nickte Rowan Dorian zu. Aber der Mann beugte den Kopf vor ihm – nicht als Geste einem Freund gegenüber. Sondern als Geste von einem König zum anderen. Offizieller Gefährte, wollte er sagen. Er war nur ihr offizieller Gefährte. Auch wenn sie ihn geheiratet hatte, damit er das uneingeschränkte Recht hatte, Terrasen zu retten und es wieder aufzubauen. Das Recht, die Armeen zu befehligen, für deren Aufstellung sie alles gegeben hatte. »Wenn wir fertig sind, werde ich mich dir in Terrasen anschließen, Aedion«, versprach der König von Adarlan. »Damit, wenn Ihr zurückkommt, Rowan – wenn Ihr beide zurückkommt –, noch etwas übrig ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt.« Aedion schien nachzudenken. Schien die Worte und den Gesichtsausdruck des Mannes abzuwägen. Und dann trat der General und Prinz vor und umarmte den König. Es war eine schnelle und grobe Geste und Dorian zuckte zusammen, aber die Anspannung in Aedions vor Trauer getrübten Augen war ein wenig gemildert. Stumm schaute Aedion auf Damaris, das in der Scheide an Dorians Seite steckte. Die Klinge von Adarlans erstem und größtem König. Aedion schien zu berücksichtigen, dass es dort vorhanden war und wer es trug. Schließlich nickte der General, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. Aber Dorian beugte dennoch dankend den Kopf. Als Aedion zu den Langbooten geschritten war und bewusst um Lysandra-Aelin herumging, die versuchte, ihn anzusprechen, fragte Rowan den König: »Ihr vertraut den Hexen?« Ein Nicken. »Sie lassen zwei Wyvern zurück, um Euer Schiff bis zum Rand des Kontinents zu bewachen. Von dort aus werden sie sich uns wieder anschließen – und Ihr werdet hinfahren, wo immer … wo immer Ihr gebraucht werdet.« Maeve konnte Aelin überall hingebracht haben, konnte dieses Schiff heimlich um die halbe Welt geschafft haben. Rowan sagte zu Dorian: »Danke.« »Bedankt Euch nicht bei mir.« Ein schiefes Lächeln. »Bedankt Euch bei Manon.« Wenn sie alle dies überlebten, wenn er Aelin zurückbekam, würde er das tun. Er umarmte Dorian, wünschte dem König alles Gute und beobach tete, wie der Mann die Sandbank zu der weißhaarigen Hexe hinaufkletterte, die dort auf ihn wartete. Lysandra hatte Galan und Ilias bereits Befehle bezüglich des Transports der zweihundert Schweigenden Assassinen auf Wendlyns Schiffen erteilt, was Aedion mit vor der Brust verschränkten Armen überwachte. Ansel war tief in ein Gespräch mit Endymion verstrickt, der nicht recht zu wissen schien, was er mit der rothaarigen Königin mit dem Wolfslächeln anfangen sollte. Ansel dagegen schien bereits fest entschlossen, in den Kampf zu ziehen und sich dabei verdammt gut zu amüsieren. Rowan wünschte, er hätte mehr als nur Augenblicke übrig, um sich bei ihnen beiden zu bedanken – um sich bei Enda und jedem und jeder seiner Cousins und Cousinen zu bedanken. Alles war geregelt, alles bereit für den verzweifelten Vorstoß nach Norden. Wie Aelin es geplant hatte. Es würde keine Rast geben, kein Warten. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Die Wyvern regten sich und schlugen mit den Flügeln. Dorian stieg hinter Manon in den Sattel und schlang ihr die Arme um die Taille. Die Hexe sagte irgendetwas, das ihm ein Lächeln entlockte. Ein echtes Lächeln. Dorian hob zum Abschied die Hand und zuckte zusammen, als Abraxos sich jäh in den Himmel erhob. Zehn andere Wyvern folgten ihnen. Die grinsende, goldhaarige Hexe – Asterin – und eine schlanke, schwarzhaarige und grünäugige Hexe namens Briar warteten auf ihren Reittieren auf Gavriel, Lorcan und Elide. Um sie zu dem Schiff zu tragen, das sie zu ihrer Jagd quer über das Meer bringen würde. Lorcan machte einen Schritt auf Elide zu, als sie zu Asterins Wyvern ging, aber sie ignorierte ihn. Sah den männlichen Fae nicht einmal an, als sie Asterins Hand ergriff und in den Sattel gezogen wurde. Und obwohl Lorcan es gut verbarg, erhaschte Rowan den Schimmer eines niedergeschlagenen Ausdrucks auf diesen durch Jahrhunderte gehärteten Zügen. Gavriels gebellter Fluch, als er die Taille der goldhaarigen Hexe umfasste, war der einzige Laut seines Unbehagens, als sie in den Himmel hinaufflatterten. Erst als sie alle in der Luft waren, ging Rowan langsam den sandigen Hügel hinauf und band Goldryns uralte Scheide an seinen Messergürtel. Ihr blutbesudeltes Hemd lag immer noch dort, direkt neben der Lache ihres Blutes im Sand. Er hatte keinen Zweifel, dass Cairn es absichtlich so zurückgelassen hatte. Rowan bückte sich, hob das Hemd auf und strich mit den Daumen über den weichen Stoff. Der Hexenschwarm verschwand am Horizont; seine Gefährten erreichten ihr Schiff und die anderen machten sich bereit, die Armee zu verlegen, die seine Gefährtin für sie herbeigerufen hatte, und sie schoben die Langboote in die Brandung. Rowan hob das Hemd ans Gesicht und atmete ihren Duft ein. Spürte, wie sich etwas in ihm regte – spürte, wie der Bund zwischen ihnen aufflackerte. Er ließ das Hemd fallen, ließ es vom Wind auf die See tragen, weit hinaus – fort von diesem elenden, blutdurchtränkten Ort, der nach Schmerz und Verlust stank. Ich werde dich finden. Rowan verwandelte sich und schwebte auf einem selbst erschaffenen schnellen, scharfen Wind nach oben, das schimmernde Meer zu seiner Rechten, die Sümpfe ein graugrünes Gewirr zu seiner Linken. Er kettete den Wind an sich und holte seine Gefährten schnell ein, die jetzt die Küste entlangflogen. Er prägte sich Aelins Duft ein, prägte sich das kleine Aufflackern ihres Bundes ein. Dieses Flackern, von dem er hätte schwören können, dass er es als Antwort gespürt hatte, wie das flatternde Herz einer schwelenden Glut. Dann stieß er einen Schrei aus, der die Welt erzittern ließ, und Prinz Rowan Whitethorn Galathynius, Gemahl der Königin von Terrasen, machte sich auf die Suche nach seiner Frau. Danksagung E s ist immer sehr schwierig, meine maßlose Dankbarkeit für diejenigen zum Ausdruck zu bringen, die nicht nur unermüdlich dafür arbeiten, dass dieses Buch das Licht der Welt erblickt, sondern mir darüber hinaus auch mit unerschütterlicher Unterstützung und Freundschaft zur Seite stehen. Ich wüßte nicht, was ich ohne sie tun würde, und danke dem Universum jeden Tag aufs Neue, dass sie da sind. Josh, mein Ehemann: Selbst wenn diese Welt nur noch ein vergessenes Wispern zwischen den Sternen ist, werde ich dich lieben. Danke für das Lachen an den Tagen, an denen ich nicht glaubte, lachen zu können; für deine Hand, wenn ich eine Erinnerung daran brauchte, dass ich geliebt werde; dafür, dass du mein bester Freund und mein sicherer Hafen bist. Du bist die größte Freude in meinem Leben, und selbst tausend Seiten reichten nicht aus, um zu beschreiben, wie sehr ich dich liebe. Annie: Inzwischen würde es mich nicht mehr im Geringsten wundern, wenn du auch noch lesen lerntest. Du bist die andere große Freude meines Lebens und deine bedingungslose Liebe und unermüdliche Frechheit sorgen auf einzigartige Weise dafür, dass ich mich nie allein fühle – nicht für einen Augenblick. Ich liebe dich, kleiner Welpe! Tamar Rydzinski: Ich bin dir schon vom ersten Augenblick an, als du mich vor all diesen Jahren angerufen hast, für deine Klugheit, Kaltblütigkeit und Brillanz unendlich dankbar gewesen. Aber vor allem in diesem Jahr bin ich dir noch dankbarer für deine Freundschaft. Danke, dass du mir den Rücken freihältst, was immer auch passiert. Es ist ein großes Glück, dich in meiner Ringecke zu wissen! Cat Onder: Die Zusammenarbeit mit Ihnen ist eins der großen Highlights meiner schriftstellerischen Laufbahn. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihr scharfsinniges und verständnisvolles Feedback, für Ihren Einsatz für meine Bücher und dafür, dass Sie aus alledem so etwas Vergnügliches gemacht haben! Ich bin unglaublich stolz darauf, dass Sie meine Lektorin und Freundin sind. Margaret Miller: Danke für alle Hilfe und Führung im Lauf der Jahre – Sie haben dazu beigetragen, mich als Autorin wachsen zu lassen, und dafür bin ich sehr dankbar. Cassie Homer: Wo soll ich beginnen, wenn ich mich für alles bedanken will, das Sie getan haben? Ich weiß wirklich nicht, wo ich ohne Ihre Hilfe bliebe. Sie sind wunderbar! Meine fantastischen Teams bei Bloomsbury weltweit und CAA – Cindy Loh, Cristina Gilbert, Jon Cassir, Kathleen Farrar, Nigel Newton, Rebecca McNally, Natalie Hamilton, Sonia Palmisano, Emma Hopkin, Ian Lamb, Emma Bradshaw, Lizzy Mason, Courtney Griffin, Erica Barmash, Emily Ritter, Grace Whooley, Eshani Agrawal, Emily Klopfer, Alice Grigg, Elise Burns, Jenny Collins, Linette Kim, Beth Eller, Kerry Johnson, Kelly de Groot, Ashley Poston, Lucy Mackay-Sim, Melissa Kavonic, Diane Aronson, Donna Mark, John Candell, Nicholas Church und die Truppe für die Auslandslizenzen: Es ist ein Segen, mit einer so eindrucksvollen Gruppe zusammenarbeiten zu dürfen, und ich kann mir meine Bücher nicht in besseren Händen wünschen. Danke, danke, danke für alles . Meine Eltern: Danke für eure unverbrüchliche Liebe und dafür, dass ihr eine wirklich peinliche Anzahl von Exemplaren aller meiner Bücher besitzt. Meine Schwiegereltern: Danke, dass ihr auf Annie aufpasst, wenn wir unterwegs sind – und dass ihr immer für uns da seid, worum es auch geht. Meine wunderbare Familie: Ich liebe euch alle. Louisse Ang, Sasha Alsberg, Vilma Gonzalez, Alice Fanchiang, Charlie Bowater, Nicola Wilksinson, Damaris Cardinali, Alexa Santiago, Rachel Domingo, Kelly Grabowski, Jessica Reigle, Jamie Miller, Laura Ashforth, Steph Brown und die Maas-Dreizehn: Vielen, vielen Dank für eure Freundlichkeit, Großzügigkeit und Freundschaft. Es ist mir eine Ehre, euch zu kennen. Und meine Leser: Danke für die Briefe, die Bilder, die Tattoos (!!), die Musik – danke für das alles . Ich kann kaum sagen, wie viel mir das alles bedeutet oder wie dankbar ich dafür bin. Für euch lohnt sich die ganze harte Arbeit! © privat Sarah J. Maas wuchs in Manhattan auf und lebt seit einiger Zeit mit Mann und Hund in Pennsylvania. Bereits mit dem ersten Entwurf zu ›Throne of Glass‹ sorgte sie für Furore: Mit 16 veröffentlichte sie ›Queen of Glass‹ (so der damalige Titel) auf einem Onlineforum für Autoren und initiierte damit eines der frühesten Onlinephänomene weltweit. Michaela Link , geboren 1963 , geboren 1963, studierte Chinesisch und lebt seit 1994 als freie Autorin und Übersetzerin in Norddeutschland. Neue Feinde. Neue Verbündete. Neue Geheimnisse. Eine uralte Bedrohung. Der gläserne Palast ist zerstört und Celaena alias Aelin Ashryver Galathynius ist in ihre Heimat Terrasen zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem Fae-Prinzen an ihrer Seite versucht sie, ihr Volk und ihre Freunde um jeden Preis vor der dunklen Macht der Valg zu schützen – und zu verhindern, dass der dritte Wyrdschlüssel in die falschen Hände gerät. Bald wird es zu einem Kampf kommen, bei dem Aelin sich entscheiden muss, was – und vor allem wen – sie zu opfern bereit ist, um ihre Welt zu retten … NOCH SPANNENDER, NOCH SINNLICHER: BAND 5 DER FASZINIERENDEN SAGA Deutsche Erstausgabe © 2018 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG , München © 2016 Sarah J. Maas Titel der amerikanischen Originalausgabe: ›Empire of Storms‹ 2016 erschienen bei Bloomsbury Publishing This translation of Empire of Storms is published by dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG by arrangement with Bloomsbury Publishing Inc. All rights reserved. © der deutschsprachigen Ausgabe: 2018 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG , München Umschlaggestaltung: talexi © der Landkarte: Kelly de Groot Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. eBook-Herstellung im Verlag (01 ) eBook ISBN 978 -3 -423 -43370 -9 (epub) ISBN der gedruckten Ausgabe 978 -3 -423 -71789 -2 Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/ebooks