ZUM BUCH Millionen Leser haben das teuflische Spiel zwischen Serienkiller Hannibal Lecter und FBI-Agentin Clarice Starling verfolgt. In der kongenialen Verfilmung mit Anthony Hopkins und Jodie Foster kamen Millionen Zuschauer hinzu. Jetzt ist Thomas Harris zurück und schickt einen Killer ins Rennen, der erneut für schlaflose Nächte sorgt. Die Schreie einer Frau sind Musik in seinen Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Doch wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken. ZUM AUTOR Thomas Harris begann seine Karriere als Journalist und schrieb hauptsächlich über Gewaltkriminalität in den USA und Mexiko. Danach arbeitete er als Reporter und Redakteur bei Associated Press in New York. Von Thomas Harris sind bislang fünf Romane erschienen, die sich weltweit über 30 Millionen Mal verkauft haben und allesamt verfilmt wurden. Sein größter Erfolg war »Das Schweigen der Lämmer«, das wochenlang die Bestsellerliste der New York Times anführte und als Verfilmung einen Oscar für den besten Film erhielt. T H O M A S H A R R I S C A R I M O R A T H R I L L E R AUS DEM AMERIKANISCHEN VON IMKE WALSH-ARAYA Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Cari Mora bei Grand Central Publishing, New York Die Figuren und Ereignisse dieses Romans sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen, seien sie lebendig oder tot, wären zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Copyright © 2019 by Thomas Harris Copyright © 2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Lektorat: Kirsten Naegele Redaktion: Oliver Neumann Umschlagabbildung: © Tal Goretsky Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel/punchdesign, München Satz: Leingärtner, Nabburg e-ISBN 978-3-641-24720-1 V002 www.heyne.de Für Elizabeth Pace Barnes, die mir Liebe schenkt und Weisheit leiht. ViSiT WWW.iBOOKS.TO 1 Zwei Männer, die mitten in der Nacht miteinander telefonieren. Eintausendsiebenhundert Kilometer voneinander entfernt. Jeweils eine Seite ihrer Gesichter wird von einem Mobiltelefon erhellt. Zwei halbe Gesichter in der Dunkelheit. »Ich kann mir Zugang zu dem Haus verschaffen, wo das Zeug ist. Wenn das stimmt, was Sie sagen … Aber Sie haben mir noch nicht alles erzählt, Jesús.« Die Antwort wird durch statisches Knistern fast übertönt. »Und Sie haben erst ein Viertel von dem gezahlt, was Sie mir versprochen haben.« Ein leises Zischen erklingt. »Schicken Sie mir das restliche Geld. Schicken Sie’s mir endlich.« Wieder das leise Zischen. »Jesús, wenn ich ohne Ihre Hilfe bekomme, was ich will, war’s das. Dann kriegen Sie nie wieder was von mir.« »Da haben Sie recht. So recht haben Sie im ganzen Leben noch nicht gehabt.« Leises Zischen. »Das, was Sie suchen, ist mit fünfzehn Kilo Semtex gesichert … Wenn Sie’s ohne meine Hilfe finden, landen Sie in kleinen Stücken auf dem Mond.« »Ich habe einen langen Arm, Jesús.« »Vom Mond bis zur Erde reicht er bestimmt nicht, Hans-Pedro.« »Ich heiße Hans-Peter, wie Sie wissen.« »Und wenn Ihr Arm lang genug wäre, würden Sie sich dann damit an Ihren Petermann langen? Wollen Sie mir das damit sagen? Ihre intimen Gewohnheiten interessieren mich nicht. Hören Sie auf, meine Zeit zu verschwenden. Schicken Sie mir das Geld.« Die Verbindung ist unterbrochen. Beide Männer liegen da und starren in die Dunkelheit. Hans-Peter Schneider ist in einer Koje seiner langen schwarzen Jacht vor Key Largo. Als er eine Frau in der V-Koje im Bug schluchzen hört, äfft er sie nach. Stimmen nachahmen ist seine Spezialität. Er ruft den Namen der weinenden Frau, und die Stimme seiner Mutter kommt aus seinem Mund: »Karla? Karla? Warum weinst du, Kind? Es ist nur ein Traum.« Für einen Augenblick lässt sich die verzweifelte Frau in der Dunkelheit täuschen, dann wird sie wieder von bitteren Tränen geschüttelt. Das Weinen einer Frau ist Musik für Hans-Peter, es beruhigt ihn. Er schläft wieder ein. Im kolumbianischen Barranquilla in lauscht Jesús Villarreal dem regelmäßigen Zischen seines Beatmungsgeräts, um sich zu beruhigen. Er atmet Sauerstoff aus der Maske. In der Dunkelheit, die sie alle umgibt, hört er draußen auf der Station des Krankenhauses einen Patienten. Der Mann fleht Gott um Hilfe an, ruft: »Jesus!« »Ich hoffe, Gott kann dich so gut hören wie ich, mein Freund«, flüstert Jesús Villarreal in die Dunkelheit. »Aber ich bezweifle es.« Jesús Villarreal ruft mit seinem Wegwerf-Handy die Auskunft an und lässt sich die Nummer eines Tanzstudios in Barranquilla geben. Er schiebt die Sauerstoffmaske beiseite, damit er reden kann. »Nein, ich will nicht tanzen lernen«, sagt er in das Telefon. »Meine Tage als Tänzer sind vorbei. Ich will Don Ernesto sprechen. Doch, den kennen Sie. Nennen Sie ihm meinen Namen, er weiß dann schon Bescheid.« Leises Zischen. 2 Hans-Peter Schneiders Jacht glitt langsam an dem großen Haus in der Biscayne Bay vorbei. Das Wasser plätscherte um den schwarzen Rumpf. Durch sein Fernglas beobachtete er Cari Mora, fünfundzwanzig, die sich mit Schlafanzughose und Tanktop bekleidet im Licht des frühen Morgens auf der Terrasse dehnte und streckte. »O mein Gott«, sagte er. Seine Eckzähne waren ungewöhnlich lang und schimmerten silbern, wenn er lächelte. Er war groß und blass, völlig unbehaart. Hatte nicht mal Wimpern. Seine Augenlider berührten die Gläser des Fernglases. Er polierte die verschmierten Okulare mit einem Leinentaschentuch. Felix, der Immobilienmakler, stand hinter ihm auf der Jacht. »Das ist sie. Die Haushüterin«, sagte er. »Sie kennt das Haus besser als irgendwer sonst, erledigt sogar Reparaturen. Lassen Sie sich das Haus von ihr zeigen. Danach werfe ich sie raus, bevor sie irgendwas sieht, was nicht für sie bestimmt ist. Sie kann Ihnen Zeit sparen.« »Zeit …«, sagte Hans-Peter. »Wie lange dauert das mit der Genehmigung noch?« »Der Typ, der das Haus im Moment gemietet hat, dreht Werbefilme. Seine Genehmigung gilt noch zwei Wochen.« »Felix, ich will, dass Sie mir einen Schlüssel zu dem Haus geben.« Hans-Peter sprach Englisch mit deutschem Akzent. »Und zwar heute.« »Wenn was passiert, und Sie haben meinen Schlüssel benutzt, bin ich dran. Wie bei O. J. Simpson. Sie nehmen meinen Schlüssel, und jeder denkt, ich war es.« Felix lachte über seinen eigenen Witz. »Hören Sie, ich rede heute mit dem Mieter und bitte ihn, das Haus freizugeben. Sie müssen sich die Immobilie tagsüber ansehen, mit anderen Leuten zusammen. Das Ding ist das reinste Gruselkabinett. Das ist schon die vierte Haushüterin. Sie ist die Einzige, die keine Angst hat.« »Felix, reden Sie mit dem Mieter. Bieten Sie ihm Geld. Bis zu zehntausend Dollar. Aber Sie geben mir jetzt einen Schlüssel oder Sie sind in fünf Minuten eine Wasserleiche.« »Wenn der Frau was zustößt, kann sie Ihnen nicht mehr von Nutzen sein«, sagte Felix. »Sie schläft im Haus. Sie muss da übernachten, wegen der Brandschutzversicherung. Tagsüber arbeitet sie manchmal woanders. Warten Sie und sehen Sie es sich tagsüber an.« »Ich will mich nur umsehen. Sie wird gar nicht merken, dass ich da bin.« Hans-Peter musterte Cari durch das Fernglas. Sie stand jetzt auf Zehenspitzen und füllte Vogelfutter in einen Behälter. Mit diesen interessanten Narben konnte er sie teuer verkaufen. Für hunderttausend Dollar vielleicht – 35 433 184 mauretanische Ouguiya –, an den Acroto Grotto Stump Club in Nouakchott. Mit allen Gliedmaßen und ohne Tätowierungen. Wenn er sie an Kundenwünsche anpassen musste, würde es in Anbetracht der Ausfallzeit mehr kosten. Hundertfünfzigtausend Dollar. Peanuts. In dem Haus steckten fünfundzwanzig bis dreißig Millionen. Im Frangipani-Baum neben der Terrasse sang eine unsichtbare Spottdrossel ein Lied, das sie im kolumbianischen Wolkenwald gelernt und nach Norden, nach Miami Beach, mitgebracht hatte. Cari Mora erkannte den typischen Gesang des Andenvogels, der mehr als zweieinhalbtausend Kilometer entfernt lebte. Die Drossel sang voller Leidenschaft. Cari lächelte und hielt inne, um noch einmal dem Lied ihrer Kindheit zu lauschen. Sie pfiff. Der Vogel pfiff zurück. Sie ging ins Haus. Auf dem Boot streckte Hans-Peter die Hand nach dem Schlüssel aus. Felix legte ihn auf die Handfläche, ohne sie zu berühren. »Die Türen sind mit einer Alarmanlage gesichert«, sagte er. »Aber an der Wintergartentür ist sie ausgefallen, wir warten noch auf die entsprechenden Teile. Es ist der Wintergarten an der Südseite des Hauses. Haben Sie ein paar Dietriche? Zerkratzen Sie in Gottes Namen den Schließzylinder, bevor Sie den Schlüssel benutzen, und lassen Sie für den Fall der Fälle einen Dietrich auf der Treppe liegen.« »Nur Ihnen zuliebe, Felix.« »Die Sache gefällt mir gar nicht«, sagte Felix. »Wenn Sie dem Mädchen etwas tun, ist das Wissen verloren.« Zurück bei seinem Auto, das er an der Marina geparkt hatte, holte Felix ein Prepaid-Handy aus dem Kofferraum, wo er es unter der Matte neben Wagenheber und Werkzeug deponiert hatte. Er wählte die Nummer eines Tanzstudios in Barranquilla, Kolumbien. »No, Señor«, sagte er ins Telefon und flüsterte dabei, obwohl er im Freien stand. »Ich habe ihn mit der Genehmigung so lange hingehalten, wie es ging. Er hat einen eigenen Anwalt für diese Dinge – er wird mir auf die Schliche kommen. Er will nur das Haus. Sonst nichts. Er weiß nicht mehr als wir … Ja, ich habe die Anzahlung. Danke, Señor, Sie können sich auf mich verlassen.« 3 Cari Mora hatte tagsüber mehrere Jobs. Am besten gefiel ihr der bei der Pelican Harbor Seabird Station, wo Tierärzte und weitere Ehrenamtliche Vögel und andere Kleintiere gesund pflegten. Sie kümmerte sich um das Behandlungszimmer und sterilisierte am Ende des Arbeitstags die Instrumente. Manchmal übernahm sie zusammen mit ihrer Cousine das Catering für die von der Station organisierten Bootsfahrten. Cari kam immer früh, um noch mit den Tieren arbeiten zu können. Die Station stellte ihr OP-Bekleidung, die sie gerne trug, weil sie sich damit zum medizinischen Personal gehörig fühlte. Die Tierärzte verließen sich zunehmend auf Cari, weil sie im Umgang mit den Vögeln geschickt und achtsam war. Heute vernähte sie unter den Augen von Dr. Blanco den Kehlsack unter dem Schnabel eines weißen Pelikans, der sich an einem Angelhaken verletzt hatte. Der Kehlsack ist besonders heikel, weil die verschiedenen Schichten getrennt vernäht werden müssen, während der Vogel mit Gas betäubt ist. Es war eine friedliche Arbeit, die ihre ganze Aufmerksamkeit erforderte. Ganz anders als die Erfahrungen, die sie als Kind gemacht hatte, wenn sie die Verletzungen der Soldaten im Feld mit einem raschen Matratzenstich oder mit einem Tourniquet versorgte, einen Poncho auf eine klaffende Brustwunde presste oder mit der Hand Druck ausübte, während sie mit den Zähnen einen Kompressionsverband öffnete. Am Ende des Tages schlief der Pelikan in einem Erholungskäfig, und Dr. Blanco und die anderen waren nach Hause gegangen. Cari nahm eine der Ratten, die aus kontrollierter Aufzucht stammten, aus der Gefriertruhe und ließ sie auftauen, während sie das Behandlungszimmer in Ordnung brachte und das Wasser in den Außen-Volieren und Gehegen wechselte. Als sie mit dem Raum fertig war und die Instrumente sterilisiert hatte, öffnete sie eine Tamarindencola für sich selbst und brachte die aufgetaute Ratte nach draußen in die vergitterten Gehege und Volieren. Die große Horneule saß auf einer Stange hoch oben in der hinteren Ecke ihrer Voliere. Cari legte den Rattenkadaver durch das Gitter auf ein schmales Brett. Sie schloss die Augen und versuchte, die Eule zu hören, bevor der durch die großen Schwingen verursachte Luftzug über sie hinwegrauschte. Der große Vogel landete nicht, sondern griff sich das Futter mit einem der x-förmigen Füße und glitt lautlos zurück auf die Stange, wo er Schnabel und Kehle verblüffend weit aufriss und die Ratte auf einen Sitz verschlang. Die große Horneule lebte ständig in der Seevogelstation. Sie konnte nicht mehr freigelassen werden, weil sie bei einem Unfall mit einer Stromleitung ein Auge verloren hatte und nicht mehr zu jagen imstande war, obwohl sie sehr gut flog. Die Eule war ein beliebter Besucher im Naturkundeunterricht der Schulen der Stadt, wo sie sich geduldig die eingehende Musterung durch Hunderte von Schulkindern gefallen ließ. Manchmal schloss sie das verbliebene große Auge und döste während der Stunde. Cari setzte sich auf ihren umgedrehten Eimer und lehnte sich mit dem Rücken an den Käfig, während sie der Tölpel, der sich im Käfig gegenüber von einer Schnittwunde zwischen den Zehen erholte, genau im Auge behielt. Cari hatte den Schnitt mit einer sauberen Flaschenzugnaht verschlossen, die ihr die Tierärzte gezeigt hatten. In der nahen Marina gingen auf den Booten die Lichter an, und verliebte Paare bereiteten in den Kombüsen das Abendessen zu. Caridad Mora, ein Kind des Krieges, wollte Tierärztin werden. Sie lebte seit neun Jahren mit einer Aufenthaltsgestattung – einem unsicheren vorläufigen Schutzstatus – in den Vereinigten Staaten, die durch eine Laune der Regierung in der gegenwärtigen vergifteten Atmosphäre jederzeit aufgehoben werden konnte. In den Jahren vor der Verschärfung der Einwanderungspolitik hatte sie durch eine externe Prüfung einen Highschoolabschluss erworben. In einem kurzen sechswöchigen Kurs – und mit ihrer beträchtlichen Lebenserfahrung – hatte sie sich in aller Stille als ambulante Pflegehelferin qualifiziert. Für eine weitere Ausbildung hätte sie bessere Papiere gebraucht. Die migra – die Einwanderungsbehörde ICE – behielt sie genau im Auge. In der kurzen tropischen Dämmerung fuhr sie mit dem Bus zurück zum großen Haus an der Bucht. Es war schon fast dunkel, als sie dort eintraf, die Palmen schwarz im letzten Licht. Sie setzte sich kurz ans Wasser. Der Wind über der Bucht war heute Nacht voller Geister – junge Männer und Frauen, Kinder, die in ihren Armen überlebt hatten oder gestorben waren, während sie versuchte, ihre Blutungen zu stillen, die um jeden Atemzug gekämpft hatten und lebten oder mit einem Zucken ihr Leben aushauchten und schlaff wurden. In anderen Nächten zupfte der Wind zärtlich an ihr, wie die Erinnerung an einen Kuss, an Wimpern, die ihr Gesicht streiften, an süßen Atem an ihrem Hals. Manchmal dies, manchmal das, doch immer sprach der Wind zu ihr. Cari saß draußen und lauschte den Fröschen, und der vieläugige Lotus im Teich beobachtete sie. Sie musterte das Einflugloch eines Eulenhauses, das sie aus einer Holzkiste gebaut hatte. Noch kein Gesicht zu sehen. Die Baumfrösche quakten. Sie pfiff das Lied des Andenvogels. Kein Tier antwortete. Sie fühlte sich ein wenig leer, als sie ins Haus ging, eine schwere Zeit des Tages für die, die alleine essen. Pablo Escobar hatte dieses Haus besessen, dort aber nie gelebt. Leute, die ihn kannten, meinten, er habe es für seine Familie gekauft, falls er je in die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde. Die Justiz hatte sich seit Escobars Tod immer wieder mit dem Haus beschäftigt. Im Lauf der Jahre hatte es einer ganzen Reihe von Playboys, Schwachköpfen und Immobilienspekulanten gehört – Zockern, die es vom Gericht gekauft und eine Weile behalten hatten, bis sich ihr wechselhaftes Glück endgültig zum Schlechteren wendete. Das Haus war noch voll von ihren Verrücktheiten: Filmausstattung, Monsterfiguren, die zum Sprung ansetzten oder drohend die Arme reckten. Es gab lebensgroße Filmpuppen, Aushangfotos, Jukeboxen, Horrorfilmrequisiten, ein paar Erotikmöbel. Im Wohnzimmer stand ein früher elektrischer Stuhl aus Sing Sing, dem nur drei Menschen zum Opfer gefallen waren. Seine Stromstärke war zuletzt von Thomas Edison eingestellt worden. Ein Licht nach dem anderen ging an und wieder aus, als Cari zu ihrem Schlafzimmer im oberen Stock ging – vorbei an den Puppen, den lauernden Filmungeheuern und der über fünf Meter hohen Alien-Mutter. Ein letztes Licht in ihrem Zimmer erlosch. 4 Mit dem Schlüssel von Felix stand das Haus in Miami Beach Hans-Peter Schneider offen. Er brannte darauf, es heimzusuchen, während das Mädchen, Cari Mora, in ihrer ganzen erotischen Pracht oben schlief. Hans-Peter befand sich in seinem Wohnquartier in einem anonymen Lagerhaus an der Biscayne Bay, in der Nähe der früheren Thunder Alley in North Miami Beach. Die schwarze Jacht lag im angrenzenden Bootshaus vertäut. Nackt saß er auf einem Hocker in der Mitte des gefliesten Duschraums und ließ sich von dem Wasserstrahl aus den vielen Düsen an den Wänden von allen Seiten peitschen. »… just singing in se rain. What a glorious feeling, I am häääppy again«, sang er mit seinem deutschen Akzent. Er sah sein Spiegelbild in der gläsernen Seitenwand der Resomationsanlage, in der er Karla auflöste, ein Mädchen, das sich als geschäftlicher Fehlschlag erwiesen hatte. Im aufsteigenden Nebel wirkte Hans-Peters Bild auf dem Glas wie eine Daguerreotypie. Er nahm die Pose von Rodins »Denker« ein und beobachtete sich aus dem Augenwinkel. Ein schwacher Laugengeruch ging von dem Dampf aus. Interessant, sich selbst als »Denker« in der Glasscheibe zu spiegeln, während hinter dem Glas, im Tank, Karlas Knochen zunehmend aus der Paste hervorstachen, in die die ätzende Lauge den Rest ihres Körpers verwandelt hatte. Die Bewegung der Maschine ließ die Flüssigkeit hin- und herschwappen. Das Gerät rülpste, und Blasen stiegen auf. Hans-Peter war sehr stolz auf seine Resomationsvorrichtung. Er hatte teuer dafür bezahlt, weil Flüssigbestattungen immer beliebter wurden, da Umweltschützer Feuerbestattungen wegen der CO2-Emissionen für unverantwortlich hielten. Die Flüssigmethode hinterließ keinerlei CO2-Fußabdruck und auch sonst keine Spuren. Wenn es mit einem Mädchen nicht klappte, konnte Hans-Peter es einfach in flüssiger Form ins Klo kippen – ohne schädliche Auswirkungen auf das Grundwasser. »Hans-Peter räumt auf! Hans-Peter spült die Sorgen fort!«, lautete sein Motto. Karla war kein Totalverlust gewesen. Hans-Peter hatte seinen Spaß mit ihr gehabt, und er hatte ihre beiden Nieren verkaufen können. Hans-Peter konnte die angenehme Hitze der Resomationsvorrichtung durch den Duschraum spüren, obwohl er die Temperatur der Lauge nur auf siebzig Grad Celsius hielt, um den Prozess zu verlängern. Er genoss es zu sehen, wie Karlas Skelett langsam aus ihrem Fleisch erschien. Wie ein Reptil liebte er die Wärme. Er überlegte, was er tragen sollte, um im Haus sein Unwesen zu treiben. Den weißen Latexanzug hatte er erst kürzlich auf einer Fantasy-Messe gestohlen und war verrückt danach, aber er quietschte, wenn seine Oberschenkel aneinanderrieben. Nein. Irgendetwas Schwarzes, Bequemes, ohne laute Klettverschlüsse, falls er beschloss, sich im Haus auszuziehen, während er Cari Mora beim Schlafen zusah. Und Kleidung zum Wechseln in einer Plastiktüte, falls es nass oder klebrig wurde, sowie eine dekorative Feldflasche mit Chlorlauge, um DNA zu vernichten, falls es so weit kam. Und den Metalldetektor. Er sang ein deutsches Lied, ein Volkslied, das Bach in den Goldberg-Variationen verwendet hatte: »›Kraut und Rüben haben mich vertrieben.‹« Es war ein schönes Gefühl, erregt zu sein. Immer noch so pervers zu sein. Sich an Pablo im Höllenschlaf zu rächen … Um ein Uhr morgens kauerte Hans-Peter Schneider in der Hecke neben dem großen Haus. Der Mond schien hell, die Palmen warfen Schatten schwarz wie Blut auf den vom Mondlicht erleuchteten Boden. Wenn der Wind die großen Wedel in Bewegung setzt, kann ihr Schatten auf dem Boden aussehen wie der eines Menschen. Manchmal ist es der eines Menschen. Hans-Peter wartete auf eine Brise und glitt mit den Schatten über den Rasen. Das Haus strahlte immer noch die Hitze des Tages ab. Es kam ihm vor wie ein großes warmes Tier, als er dicht neben der Wand stand. Er drückte sich an die Seite des Hauses und fühlte, wie die Wärme durch seinen Körper wanderte. Das Mondlicht kribbelte auf seinem Kopf. Er dachte an ein neugeborenes Känguru, das sich über den Bauch seiner Mutter den Weg zum warmen Beutel sucht. Das Haus war dunkel. Durch das getönte Glas des Wintergartens konnte er nichts erkennen. Einige der Metall-Sturmschutzläden waren geschlossen. Hans-Peter steckte den Dietrich ins Schloss und fuhr damit zweimal über die Zuhaltungen, um sie zu verkratzen. Anschließend schob er Felix’ Schlüssel ins Schloss. Er hatte dieses angenehm eisige Gefühl. Es war so intim, sich an das warme Haus zu drücken und den Schlüssel ins Schloss zu schieben. Er hörte, wie die Zuhaltungen mit einer Reihe leiser Klicks einrasteten, dem Rascheln der Insekten gleich, wenn er eine Frau noch einmal besuchte, die seit Tagen tot im Busch lag und wundersam warm geworden war – durch die Larvenbesiedlung wärmer als im Leben. Der ovale Kopf des Schlüssels lag nun an der Rosette des Schlosses an. So wie er an ihr liegen würde, falls er beschloss, nach oben zu gehen. Dicht an dicht, bis sie zu kalt wurde. Schade nur, dass sie schneller kalt werden würde, als das Haus die Sonnenwärme abgab. In der klimatisierten Luft würde sie nicht lange warm bleiben, nicht einmal wenn er die Decke über sie beide zog und mit ihr kuschelte. Sie blieben nie warm. So schnell klamm, so schnell kalt. Er musste das nicht jetzt entscheiden. Vielleicht folgte er einfach seinem Herzen. Er war gespannt, ob er es schaffte, seinem Herzen nicht zu folgen … Herz – KOPF, Kopf – HERZ, Stoß – STICH. Hoffentlich roch sie gut. Kraut und Rüben haben mich vertrieben. Er drehte den Türknopf. Die Türdichtung gab ein zischendes Geräusch von sich, als er die Tür aufstieß. Der Metalldetektor, den er mit Klebeband an der Kappe seines Schuhs befestigt hatte, würde anschlagen, wenn unter einem Teppich eine Alarmtrittmatte aus Metall versteckt war. Er ließ den Fuß über den Boden des Wintergartens gleiten, bevor er ihn belastete. Dann trat er in die kühle Dunkelheit, weg von den Schatten, die auf dem Rasen spielten, und dem Mond, der ihm auf den Schädel brannte. Ein näselnder Laut, ein Rascheln in der Ecke hinter ihm. »Was soll der Scheiß, Carmen?«, sagte ein Vogel. Hans-Peter hielt die Pistole in der Hand und konnte sich nicht erinnern, sie gezogen zu haben. Er stand still. Der Vogel raschelte erneut in seinem Käfig, trippelte auf seiner Stange hin und her und grummelte vor sich hin. Silhouetten von Filmpuppen vor den mondhellen Fenstern. Hatte sich eine von ihnen bewegt? Hans-Peter schlängelte sich in der Dunkelheit zwischen ihnen hindurch. Eine ausgestreckte Gipshand berührte ihn im Vorübergehen. Es ist hier. Das Gold ist hier! Er wusste es. Wenn das Gold Ohren hatte, konnte es ihn rufen hören, hier in dem Wohnzimmer, wo er jetzt stand. Verhüllte Möbel, ein abgedecktes Klavier. Er ging in die Bar, wo der Billardtisch bis zum Boden mit Laken verhängt war. Die Eiswürfelmaschine spuckte eine Ladung Eis aus. Er ging in Verteidigungshaltung, wartete, lauschte, überlegte. Das Mädchen wusste viel über das Haus. Zuallererst musste er diese Informationen an sich bringen. Kassieren konnte er für die Frau auch später noch. Mehr als ein paar Tausend würde sie tot nicht wert sein, und selbst um das zu bekommen, würde er sie in Trockeneis verschicken müssen. Es war unsinnig, sie zu stören, aber sie war so bezaubernd, so herzerwärmend gewesen auf der Terrasse, und er wollte sie im Schlaf sehen. Er hatte auch ein Recht auf Spaß. Vielleicht konnte er ein wenig auf die Bettwäsche tropfen, auf ihre vernarbten Arme, mehr nicht. Oh, ein Tropfen oder zwei auf ihre schlafende Wange, eine kleine Gesichtspflege, wieso nicht? Vielleicht lief etwas davon in ihren Augenwinkel. Hallo. Ein Vorgeschmack auf die Tränen, die noch kommen würden. Das Telefon in seiner Tasche summte an seinem Oberschenkel. Er schob es an die richtige Stelle, bis es sich gut anfühlte. Als er die SMS von Felix sah, fühlte er sich gleich noch besser. Sie lautete: Erledigt. Für zehntausend auf die Hand und die Aussicht auf guten Stoff hat er auf seine Genehmigung verzichtet. Unsere Genehmigung geht morgen durch. Wir können einziehen! Hans-Peter legte sich auf den Teppich unter den verhängten Billardtisch und gab mit seinem Zinkfinger, wie er ihn immer nannte, mehrere SMS ein. Der Nagel am Vorderfinger war verkrüppelt; dieselbe genetische Erkrankung, die ihn haarlos gemacht hatte. Was ein Zinkfinger war, hatte er im Medizinstudium gelernt, bevor er aus moralischen Gründen von der Uni geflogen war. Glücklicherweise war sein Vater zu alt gewesen, um ihn wegen dieses Versagens allzu hart zu schlagen. Der Nagel war scharf und hervorragend geeignet, seine haarlosen Nasengänge zu reinigen, die so anfällig waren für Schimmel und Sporen und die Pollen von Dornigem Fuchsschwanz und Raps. Cari erwachte in der Dunkelheit und wusste nicht, warum. Ihr erster Reflex war, auf die warnenden Laute des Waldes zu lauschen. Dann kam sie zu sich und sah sich in dem großen Schlafzimmer um, ohne den Kopf zu bewegen. All die kleinen Leuchten brannten – Fernseher, Kabelanschluss, Thermostat, Uhr –, aber das Licht auf der Tastatur für die Alarmanlage war grün statt rot. Ein einzelnes Piepsen hatte sie geweckt, als unten jemand die Alarmanlage deaktivierte. Jetzt blinkte die Warnleuchte: Ein Bewegungssensor im Eingangsbereich unten war ausgelöst worden. Cari Mora zog einen Jogginganzug über und holte ihren Baseballschläger unter dem Bett hervor. Mobiltelefon, Messer und Bärenabwehrspray steckten in ihren Taschen. Sie ging in den Flur und rief die Wendeltreppe hinunter. »Wer ist da? Antworten Sie, aber sofort.« Fünfzehn Sekunden lang nichts. Dann kam von unten eine Stimme. »Felix.« Cari verdrehte die Augen zur Decke und zischte etwas zwischen den Zähnen. Sie schaltete das Licht ein und ging die Wendeltreppe hinunter. Den Baseballschläger nahm sie mit. Felix stand am Fuß der Treppe unter einer Filmfigur, dem zahnbewehrten Weltraum-Raptor vom Planeten Zorn. Felix sah nicht aus, als wäre er betrunken. Er hielt keine Waffe in der Hand. Und er hatte im Haus den Hut auf. Auf der viertuntersten Stufe blieb Cari stehen. Sie konnte seine Schweinsäuglein nicht auf ihrem Körper spüren. Gut so. »Rufen Sie an, bevor Sie mitten in der Nacht hier auftauchen«, sagte sie. »Ich habe einen Mieter, ganz kurzfristig«, erwiderte Felix. »Leute vom Film. Das heißt gutes Geld. Sie werden übernommen, weil Sie sich auskennen. Möglicherweise sollen Sie auch kochen, das weiß ich noch nicht. Ich habe dafür gesorgt, dass Sie einen Job bekommen, Sie können sich also bei mir bedanken. Eigentlich steht mir ein Anteil zu, wenn das dicke Filmgeld kommt.« »Was für ein Film?« »Weiß ich nicht. Ist mir egal.« »Das müssen Sie mir um fünf Uhr morgens mitteilen?« »Wer zahlt, schafft an«, sagte Felix. »Sie wollen noch vor Tagesanbruch einziehen.« »Felix, sehen Sie mich an. Wenn es Porno ist, kennen Sie meine Antwort. Dann bin ich weg.« Viele Pornoproduktionen wurden nach Miami verlegt, nachdem in Los Angeles County das sogenannte Measure B verabschiedet worden war, ein Gesetz, das die Verwendung von Kondomen bei Filmaufnahmen vorschrieb und damit die freie Entfaltung behinderte. Bei diesem Thema hatte sie sich schon früher Ärger mit Felix eingehandelt. »Keine Schmuddelfilme. Irgendwas mit Reality. Sie wollen Zweihundertzwanzig-Volt-Anschlüsse und Feuerlöscher. Sie wissen doch, wo das Zeug ist.« Er holte eine verknitterte Filmgenehmigung für das Stadtgebiet von Miami Beach aus der Jackentasche und schickte sie los, um Klebeband zu holen. Fünfzehn Minuten später hörte Cari, wie sich auf der Biscayne Bay eine Jacht näherte. »Lassen Sie die Beleuchtung am Anleger aus«, sagte Felix. Hans-Peter war meistens extrem sauber, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegte, und roch für zufällige Bekannte angenehm. Doch als Cari ihm in der Küche die Hand schüttelte, stieg ihr der Geruch von Schwefel in die Nase. Wie der Gestank eines brennenden Dorfes, in dessen Häusern die Toten liegen. Hans-Peter fiel ihr fester Händedruck auf, und er setzte sein Wolfsgrinsen auf. »Sollen wir Englisch oder Spanisch sprechen?« »Was Ihnen lieber ist.« Monster wissen, wenn sie erkannt sind, genau wie Langweiler. Hans-Peter war an Abscheu und Angst gewöhnt, wenn er sich durch sein Verhalten zu erkennen gab. Bei ganz besonderen Anlässen war die Reaktion ein qualvolles Flehen um einen schnelleren Tod. Manche durchschauten ihn schneller als andere. Cari sah Hans-Peter nur an. Sie blinzelte nicht. In ihren schwarzen Pupillen brannte das Feuer der Intelligenz. Er versuchte, sein Spiegelbild in ihren Augen zu sehen, leider gelang es ihm nicht. Was für eine Schönheit! Und sie wusste es offenbar gar nicht. Ein Augenblick der Verträumtheit, während er sich einen kleinen Vers überlegte. Ich kann mein Bild nicht sehen in der Tiefe deiner schwarzen Augen, du wirst nicht leicht zu brechen sein, doch gebrochen umso mehr taugen … Er würde sich eine englische und eine deutsche Version zurechtlegen, mit Melodie, wenn er die Zeit dafür fand. Für »gebrochen« würde er »hörig« nehmen, das klang mehr nach »versklavt«. Nach der Melodie von »Kraut und Rüben«. Das würde er dann unter der Dusche singen. Vielleicht für sie, wenn sie sich zufällig gerade in einer Erholungsphase befand und ihn anflehte, sie zu säubern. Im Augenblick brauchte er ihren guten Willen. Showtime. »Sie arbeiten schon lange hier«, sagte er. »Felix sagt, Sie sind eine gute Arbeitskraft, Sie kennen das Haus.« »Ich passe seit fünf Jahren immer wieder auf das Haus auf. Ich habe bei mehreren Reparaturen mitgeholfen.« »Ist das Poolhaus undicht?« »Nein, da ist alles in Ordnung. Es ist sogar klimatisiert, wenn Sie darauf Wert legen. Die Klimaanlage hat einen eigenen Stromkreislauf mit Sicherungskasten an der Gartenmauer.« Hans-Peters Begleiter Bobby Joe stand in der Ecke und glotzte Cari an. Selbst in Kulturen, in denen es erlaubt ist, Menschen anzustarren, wäre Bobby Joes Gaffen unhöflich gewesen. Seine Augen waren orangegelb, wie bei manchen Schildkröten. Hans-Peter winkte ihn zu sich. Bobby Joe stellte sich zu dicht neben Cari. Unter dem herausgewachsenen Sträflingshaarschnitt konnte sie das Tattoo Balls and All! in Kursivschrift seitlich an seinem Hals sehen. Auf den Fingern prangten die Buchstaben für Love und Hate. In seine Handfläche war »Manuela« eintätowiert. Das Ende des Riemens hinten an seiner Kappe stand seitlich zu weit ab, weil sein Schädel so klein war. Eine böse Erinnerung traf sie wie ein Messerstich und war schon wieder verflogen. »Bobby Joe, bring das schwere Zeug erst mal ins Poolhaus«, sagte Hans-Peter. Als Bobby Joe hinter Cari vorbeiging, streiften seine Knöchel ihren Hintern. Sie griff nach dem umgekehrten Petruskreuz, das sie an einer Holzperlenkette um den Hals trug. »Funktionieren Strom und Wasser überall im Haus?«, fragte Hans-Peter. »Ja«, sagte Cari. »Haben Sie Zweihundertzwanzig-Volt-Anschlüsse?« »Ja. In der Waschküche und hinter dem Herd in der Küche. In der Garage gibt es eine Ladevorrichtung für Golfcarts mit einer Zweihundertzwanzig-Volt-Steckdose und auf den Haken darüber zwei lange Verlängerungskabel. Nehmen Sie das rote, nicht das schwarze. Irgendwer hat bei dem schwarzen den Erdungsstift abgeschnitten. Daneben sind zwei Zwanzig-Ampere-Schutzschalter. Im Poolhaus gibt es nur Fehlerstromschutzschalter.« »Haben Sie den Grundriss?« »In der Bücherei liegen Architektenzeichnungen und elektrische Schaltpläne, in dem Schrank ohne Füße.« »Ist die Alarmanlage an eine Zentrale oder Polizeistation angeschlossen?« »Nein, die ist rein manuell, mit einer Sirene an der Straße. Vier Zonen, Türen und Bewegungsmelder.« »Ist was zu essen im Haus?« »Nein. Wollen Sie hier essen?« »Ja. Einige von uns.« »Hier übernachten?« »Bis wir mit der Arbeit fertig sind. Manche von uns übernachten und essen hier.« »Es gibt Foodtrucks. Sie bedienen die Baustellen in der Straße. Die Qualität ist ziemlich gut. Anfang der Woche besser. Sie werden die Hupe hören. Ich finde Comidas Distinguidas am besten, und die Salazar-Brüder sind gut. Die letzte Filmcrew hat sie engagiert. Ihr Wagen hat die Aufschrift HOT EATS auf der Seite. Ich habe eine Telefonnummer, falls Sie sie für das Catering möchten.« »Ich will, dass Sie das Catering übernehmen«, sagte Hans-Peter. »Sie können doch einkaufen und einmal am Tag eine richtige Mahlzeit kochen? Sie müssen das Essen nicht servieren, stellen Sie es einfach hin, wie ein Buffet. Ich zahle gut.« Cari brauchte das Geld. Und sie war extrem schnell und gründlich in der Küche, wie viele Frauen, die sich in Miami ihr Geld hart verdienen, indem sie bei den Reichen im Haushalt arbeiten. »Kann ich. Okay, ich kümmere mich um das Essen.« Cari hatte für Bauarbeiterteams gearbeitet. Als Teenager hatte sie um Mitternacht mit dem Kochen angefangen und die Mahlzeiten in abgeschnittenen Jeans am Essenswagen ausgeteilt, was die Zimmerleute in Scharen anzog und das Geschäft kräftig belebte. Ihrer Erfahrung nach hatten die meisten Männer, die harte körperliche Arbeit leisteten, gute Absichten und waren erstaunlich höflich. Sie hungerten nur nach allem. Doch was Cari bei Hans-Peters dreiköpfiger Crew sah, gefiel ihr gar nicht. Knastbrüder mit Sträflingstattoos, die mit aufgelöstem Streichholzruß und einer elektrischen Zahnbürste gestochen waren. Sie schleppten eine schwere Magnet-Ständerbohrmaschine und zwei Presslufthämmer, aber nur eine einzige Filmkamera ins Poolhaus. Frauen, die Baustellen versorgen, kennen die Faustregel, dass die Bedrohung an einem abgeschiedenen Ort geringer ist, wenn es sich um eine größere Gruppe handelt. Sobald mehr als zwei Männer zusammen sind, verhalten sich die Trupps meistens zivilisiert und lassen die Frauen in Ruhe – sofern sie nicht gerade betrunken sind. Aber die hier waren ein anderes Kaliber. Sie gafften Cari an, als sie Hans-Peter zu den Sicherungskästen führte, die in dem engen Durchgang zwischen der hohen Hecke und der Grenzmauer um das Grundstück montiert waren. Sie spürte, dass sie es ihr gern einer nach dem anderen besorgt hätten. Noch deutlicher als ihre blöden Blicke nahm sie jedoch Hans-Peters Anwesenheit wahr. Hinter der Hecke standen sie sich gegenüber. Mit seinem runden Gesicht sah er aus wie ein weißes Hermelin, wenn er lächelte. »Felix hat gesagt, er hat es mit vier anderen Haushütern probiert, bevor er Sie gefunden hat. Die anderen hatten Angst vor dem Haus, vor dem ganzen unheimlichen Zeug. Sie fürchten sich nicht? Ich wüsste gern, warum.« Lass dich nicht darauf ein, antworte nicht, sagte ihr Instinkt. Cari zuckte die Achseln. »Für die Einkäufe müssen Sie im Voraus zahlen.« »Ich erstatte Ihnen das Geld«, sagte er. »Nein, ich brauche das Geld im Voraus.« »Sie sind ein ernsthafter Mensch. Sie klingen, als wären Sie Kolumbianerin – so ein schönes Spanisch. Wie haben Sie es geschafft, in den USA zu bleiben, haben Sie sich auf ›begründete Furcht‹ berufen? Hat Ihnen die Einwanderungsbehörde das durchgehen lassen?« »Ich schätze, zweihundertfünfzig Dollar reichen fürs Erste für die Einkäufe«, sagte Cari. »Begründete Furcht«, sagte Hans-Peter. Er begutachtete die Flächen ihres Gesichts und stellte sich vor, wie der Schmerz sie verändern würde. »Das Zeug im Haus, die Horrorfilmrequisiten, davor haben Sie keine Angst, Cari. Warum? Sie wissen, dass sie nur die Ausgeburt der Fantasie von Leuten sind, die nicht mehr kennen als die nächste Shopping Mall, um ihresgleichen zu erschrecken. Das wissen Sie, nicht wahr? Sie kennen den Unterschied. Sie sind näher an der Wahrheit – der Realität. ¿Las verdades, la realidad? Woher kennen Sie den Unterschied? Wo haben Sie etwas gesehen, das wirklich Angst macht?« »Bei Publix gibt es gute chuletas, Koteletts, im Angebot, und ich kaufe am besten ein paar Sicherungen«, sagte Cari und ließ ihn unter den Spinnweben hinter der Hecke stehen. »Bei Publix gibt es gute chuletas im Angebot«, wiederholte Hans mit Caris Stimme. Er war verblüffend gut darin, andere nachzuahmen. Cari nahm Felix beiseite. »Felix, ich übernachte hier nicht.« »Die Brandversicherung …«, begann er. »Dann bleiben Sie hier. Aber schlafen Sie sicherheitshalber auf dem Rücken. Ich kümmere mich um das Essen.« »Cari, ich sage Ihnen …« »Und ich sage Ihnen, wenn ich hierbleibe, passiert etwas Schlimmes. Das wollen Sie nicht erleben, und diese Leute auch nicht.« 5 Don Ernesto will wissen, was in Pablos altem Haus los ist«, sagte Kapitän Marco. »Wann können wir uns das ansehen?« Marco saß am frühen Abend mit zwei anderen Männern in einem offenen Schuppen an der Bootswerft. Eine Brise kräuselte die Flaggen der Frachter, die entlang des Miami River vertäut lagen. Kapitän Marcos Boot drückte knarzend gegen einen Steg, auf dem sich Krabbenreusen stapelten. »Ich kann morgen früh um sieben mit den Gärtnern mitfahren, wenn Claudios Pick-up anspringt«, erwiderte Benito. »Laut Vertrag müssen sie uns alle zwei Wochen reinlassen, damit wir die größeren Äste wegräumen und Unkraut jäten können.« Benito war alt und wettergegerbt. Seine Augen funkelten intelligent. Mit seinen großen Pranken drehte er aus losem Tabak eine perfekte Zigarette, verzwirbelte das Ende und zündete es mit einem Küchenstreichholz an, für das er seinen Daumennagel als Reibfläche benutzte. »Jesús Villarreal behauptet, das Gold ist auf dem Grundstück«, sagte Kapitän Marco. »Er hat es neunundachtzig für Pablo per Schiff hergeschafft. Don Ernesto sagt, diese Filmcrew ist gar keine Filmcrew. Die graben unter dem Haus.« »Jesús kannte sich mit Schiffen aus«, sagte Benito. »Ich dachte, er wäre mit Pablo gestorben. Ich dachte, alle wären tot, bis auf mich, soweit man mich noch als ›lebendig‹ bezeichnen kann.« »Unkraut vergeht nicht«, sagte Antonio und schenkte dem alten Mann aus der Flasche auf dem Tisch ein. Antonio war siebenundzwanzig und sah fit aus in seinem Poolservice-T-Shirt. Die drei Männer in dem offenen Schuppen behielten nebenbei für ihren Mentor in Cartagena die Vorgänge in Miami im Auge. Sie hatten alle dasselbe Tattoo, nur an verschiedenen Stellen. Eine Glocke, die an einem Angelhaken hing. Musik trieb über das Wasser herüber, von einem Restaurant flussabwärts, unter der Skyline von Miami. »Wer gräbt unter dem Haus?«, fragte Antonio. »Hans-Peter Schneider und seine Leute«, antwortete Marco. »Hans-Peter Schneider kenne ich«, sagte Benito. »Habt ihr ihn mal gesehen? Wenn man ihn zum ersten Mal sieht, tut er einem leid, weil man denkt, er ist krank. Wenn man ihn dann kennt, sieht er aus wie ein Pimmel mit Brille.« »Er ist aus Paraguay«, sagte Marco. »Es heißt, er ist ein übler Bursche.« »Das findet er selbst auch«, sagte Benito und ließ die Tabakdose im Latz seiner Arbeitshose verschwinden. »Ich habe gesehen, wie er einem Mann in den Hintern geschossen hat, weil der ihm zu langsam war, als er Pablos Grundstück bei Bogotá auf der Suche nach dem Geld umgegraben hat. Er ist verrückt und bösartig.« »Hans-Peter Schneider macht hier Geschäfte«, sagte Antonio. »Er kommt und geht. In Miami unterhält er ein paar Puffs, das Roach Motel und das andere draußen am Flughafen. Und eine Video-Peepshow. Zu seinen besten Zeiten hatte er zwei echt perverse Bars. ›The Low Gravy‹ und eine, die sich ›Congress‹ nannte. Die Gesundheitsbehörde hat rausgefunden, dass die im oberen Stock English Breakfast serviert haben … Sex mit Scheiße und Urin. Das County hat ihm die Lizenz für den Alkoholausschank entzogen. Die Einwanderungsbehörde hat mal versucht, ihn wegen Handels mit Frauen und Kindern auszuweisen. Jetzt läuft nichts mehr auf seinen Namen. Es ist, als würde er gar nicht existieren. Aber er kommt und geht und kassiert ab.« Antonio war oft mit den jungen Polizisten beim Angeln und kannte sich aus. Er leerte sein Glas. »Ich kann morgen ab acht den Poolservice durchführen. Das Becken leckt, und so eine Reparatur kann dauern.« »Was ist mit dem Verwalter, dem Immobilienmakler? Ist das immer noch Felix?«, fragte Kapitän Marco. Benito nickte. »Felix ist das Letzte. Sein Arbeitshut hat mehr als sechshundert Dollar gekostet, das sagt schon alles. Das Gute an ihm ist, dass er nicht viel mitkriegt. Dafür ist die junge Frau im Haus klasse. Richtig klasse.« »Das kannst du laut sagen«, stimmte Antonio zu. »Sie sollte sich nicht mit Hans-Peter Schneider unter einem Dach aufhalten.« »Ich hab mit ihr telefoniert, sie bleibt nicht über Nacht«, sagte Antonio. »Pech, dass Schneider sie gesehen hat«, meinte Benito. »Geht morgen hin«, sagte Kapitän Marco. »Ich fahre gegen neun mit dem Boot die Bucht hinauf und hole mit meiner Besatzung die Krabbenreusen ein. Wir sorgen dafür, dass sich ein Tau verheddert, und treiben uns eine Weile da herum. Benito, falls es Schwierigkeiten gibt, nimmst du den Hut ab und fächelst dir damit Luft zu. Wir holen dich raus. Falls du die Hände in der Luft hast, verlier den Hut zufällig. Wenn nötig, greifen wir ein – geht in Deckung, sobald ihr den Motor hört. Spielt nicht die Helden, Don Ernesto will nur wissen, was im Haus vor sich geht.« Über den Everglades im Westen standen Gewitterwolken. In ihrem Inneren zuckten Blitze. Im Osten glitzerte die Skyline von Miami wie ein Eisberg. Neben dem am Kai liegenden Krabbenfischerboot tauchte ein Manati auf, um pfeifend Luft zu holen. Die Seekuh lauschte auf den leisen Atem des Kalbs an ihrer Seite. Zufrieden ließ sie sich wieder sinken und verschwand außer Sicht. 6 Benito traf zusammen mit der beauftragten Gartenpflegefirma früh am großen Haus ein. Am Vormittag jätete er an der Ufermauer Unkraut, als er hörte, wie sich das Tourboot näherte. Der alte Mann warf einen Blick auf den Balkon im ersten Stock. Umberto, einer der Gangster – im schwarzen Muskelshirt –, hatte das Boot auch gehört. Er schleppte eine verstaubte Filmkamera auf den Balkon. Benito konnte den Schalldämpfer von Umbertos AR-15 sehen, der fünf Zentimeter über das Geländer hinausragte. Der alte Gärtner schüttelte den Kopf. Die jungen Leute sind so leichtsinnig. Nein, so denkt nur ein alter Mann. Das Problem ist nicht seine Jugend, sondern seine Dummheit, und die wird mit dem Alter nicht nachlassen. »Nimm den Reflektor mit«, rief Felix, der drinnen in der klimatisierten Luft saß, Umberto zu. Felix mit seinem eigentlich in Ecuador hergestellten Panamahut für mehr als sechshundert Dollar. Die Biscayne Bay lag graugrün unter dem bedeckten Himmel. Jenseits der Bucht, sieben Kilometer vom Haus in Miami Beach entfernt, ragten die Wolkenkratzer von Downtown Miami in den Himmel. Das Tourboot war noch drei Häuser entfernt und nutzte die Flut, um dicht am Ufer die Millionaire’s Row abzufahren. Es war ein großes Pontonboot mit Sonnendach, aus den Lautsprechern quäkte ein Popsong. Der Fremdenführer war früher Marktschreier auf Volksfesten gewesen. Seine durch die Lautsprecher verstärkte Stimme wurde von den großen Häusern am Wasser zurückgeworfen, von denen viele den Sommer über unbewohnt waren. »Links von uns das Haus des Musikmoguls Greenie Pardie. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie erkennen, wie die Sonne von der Wand Goldener Schallplatten in seinem Wohnzimmer reflektiert wird.« Das Tourboot war jetzt fast auf Benitos Höhe. Er konnte die blassen Gesichter der Touristen an der Reling erkennen. Der Touristenführer spielte Musik aus dem Film Scarface ein und fuhr fort: »Hier wird es gruselig: Das Haus mit der zerrissenen grünen Markise, dem verblichenen Windsack, dem überwucherten Hubschrauberlandeplatz … Das hat mal Pablo Escobar gehört, dem Drogenkönig, Mörder, Blutgeld-Milliardär, den die Polizei auf einem Dach in Kolumbien erledigt hat. Hier wohnt jetzt niemand mehr. Das Haus wird für Filmaufnahmen vermietet, bis sich ein neuer Kaufinteressent findet. Da! Wir haben Glück! Sieht so aus, als würde heute gedreht. Irgendein Star in Sicht?« Der Fremdenführer winkte Benito zu. Benito hob die Hand zu einem feierlichen Winken. Die Touristen sahen, dass der alte Mann kein Star war. Nur wenige winkten zurück. Weiter draußen im flachen grünen Wasser fuhr Kapitän Marcos Krabbenfischerboot den String der ausgesetzten Reusen ab. Immer wieder übertönte der Dieselmotor die Stimme des Fremdenführers. Oben auf der Veranda lockerte Umberto eine Flügelmutter an der Kamera und schraubte sie gleich wieder fest. »Nimm den Deckel vom Objektiv«, sagte Felix auf seinem kühlen Platz im Hausinneren. »Versuch wenigstens, echt auszusehen.« Felix mit der Sonnenbrille für zweihundert Dollar. »Sie können das Escobar-Haus kaufen, wenn Sie wollen«, sagte der Fremdenführer, während das Boot vorüberglitt. »Sofern Sie siebenundzwanzig Millionen Dollar übrig haben. Vier Häuser weiter sehen wir den Palast des Pornokönigs Leslie Mullens. Sagt Ihnen Um die Welt in achtzig Stellungen was? Ironischerweise ist sein nächster Nachbar Alton Fleet, Tele-Evangelist und Wunderheiler, mit Millionen Anhängern landesweit, die seine Wunderheilungen in der Palmenkathedrale im Fernsehen verfolgen.« Das Boot fuhr weiter, die blecherne Stimme verklang. Ein Presslufthammer im Keller erschütterte das Escobar-Haus. Auf der Terrasse stieg Staub auf. Eidechsen flüchteten sich in Erdspalten. Der alte Benito hoffte, Cari Mora würde nach draußen kommen. Es war immer eine Freude, sie zu sehen und ihre Stimme zu hören. Die aufsteigenden Blasen im Schwimmbecken zeigten an, wo Antonio in Taucherausrüstung immer noch nach dem Leck suchte. Wenn er da war, kam Cari bestimmt. Nach wenigen Minuten erschien sie tatsächlich, in sackartiger OP-Kleidung. Caridad Mora trug zwei beschlagene Gläser mit Pfefferminztee und – oh JA! – brachte eines davon Benito. Sie roch köstlich, genau wie die Minze im Tee. Er lüftete seinen Hut. Der Hut roch ebenfalls, deshalb setzte er ihn schnell wieder auf. »Hola, Señor Benito«, sagte sie. »Mil gracias, Señorita Cari. Sie sind eine Freude für meine Augen, wie immer.« Kein Wunder, dass Caris Cousine Miss Hawaiian Tropic geworden ist, und das im Nikki Beach Club, dachte Benito. Cari hätte auch teilnehmen können und locker gewonnen, wenn da nicht die Narben an ihren Armen wären. Eigentlich sind es nur Schlangenlinien auf ihrer hellbraunen Haut. Eher exotisch als entstellend. Wie Höhlenmalereien gewundener Schlangen. Erfahrung ist ein Schmuck. Cari lächelte ihn an; Benito spürte, dass sie den Mann sah, der noch immer in ihm steckte. Sie raubte ihm ein wenig den Atem, wie ein Schluck hochprozentiger Rum oder der zweite Zug Sour-Diesel-Cannabis. Wie seine Lupe vor vierzig Jahren. Benito sah ihr ins Gesicht. »Cari?« »Ja, mi Señor?« »Sie müssen bei diesen Leuten sehr vorsichtig sein.« Sie blickte ihm direkt in die Augen. »Ich weiß. Danke, Señor Benito.« Cari blieb am Pool stehen und studierte die aufsteigenden Blasen. Sie zog ihren Schuh aus und tippte Antonio unter Wasser mit dem Fuß gegen den Kopf. Er tauchte auf und prustete mehr als eigentlich nötig. Antonio in dem nassen Poolservice-T-Shirt, mit einem schwarzen gotischen Kreuz im linken Ohr. Cari stellte seinen Tee auf die Fliesen am Pool. Antonio schob die Taucherbrille hoch und strahlte sie an. »Gracias, guapa – meine Schöne! Ich muss unbedingt mit dir reden. Weißt du, was? Ich habe Karten für Juanes im Hard Rock Café! Tolle Plätze! Noch weiter vorn, und er fällt von der Bühne, wenn er dich sieht. Abendessen und Konzert, was meinst du?« Sie schüttelte den Kopf, bevor er ausgeredet hatte. »Nein, Antonio. Es gibt jede Menge Mädchen, die gerne mit dir hingehen würden. Ich kann nicht.« »Warum nicht?« »Weil du verheiratet bist.« »Baby, das verstehst du falsch. Ist nur wegen der Greencard. Wir haben noch nicht mal …« »Ehefrau ist Ehefrau, Antonio. Danke, aber nein danke.« Unter Antonios sehnsüchtigen Blicken ging sie zurück zum Haus. »Gracias für den Tee, guapa«, sagte er. »Wo bleiben deine Manieren, Antonio?«, warf Benito aus einiger Entfernung ein. Er lächelte. »Für dich princesa guapa!« »¡Discúlpeme! ¡Gracias, princesa guapa!«, rief Antonio ihr nach. Sie lachte, drehte sich aber nicht zu ihm um. Benito nahm einen kräftigen Schluck und stellte den Tee auf die Ufermauer. Das war sehr erfrischend. Der Tee ist auch gut. Hinter ihm erhob sich mitten im Pool eine kopflose Skulptur der geflügelten Siegesgöttin Nike von Samothrake. Ein früherer Eigentümer hatte tatsächlich geglaubt, die Gipskopie wäre das Exemplar aus dem Louvre. Benito betrachtete die Siegesgöttin nachdenklich. Ich wüsste gern, ob ihr mit dem Kopf auch der Traum vom Fliegen abhandengekommen ist oder ob er in der Hitze über ihrem Kopf schimmert – oder vielleicht in ihrem Herzen, wo wir unsere Träume bewahren. Vielleicht sollte ein alter Mann wie ich gar nicht über so etwas nachdenken. Ob Cari nach allem, was sie gesehen hat, noch Träume in ihrem Herzen hat? Ich habe auch viel gesehen. Hoffentlich ist ihr Herz größer als meins. Am Nachmittag setzte ein Uber-Auto Cari Mora mit jeder Menge Einkäufen in der Einfahrt ab. Der Fahrer half ihr, den vollen Kofferraum zu entladen, und stellte die Tüten auf dem Rasen ab. Benito legte rasch die Hacke ab und nahm die vier Tüten, die am schwersten aussahen. »Danke, Señor Benito«, sagte sie. Gemeinsam gingen sie durch die Seitentür ins Haus, in einen Wintergarten mit einem großen Kakadu in einem Käfig. Um Aufmerksamkeit zu erregen, hatte sich der Vogel kopfüber an seine Stange gehängt und mit dem Schnabel die Zeitung angehoben, mit der der Käfig ausgelegt war, um Körner und Schalen zu verstreuen. Benito und Cari trugen die Einkäufe in die Küche. Dort war es extrem laut, weil die Elektrowerkzeuge im Keller einen Höllenlärm veranstalteten. Ein rotes Verlängerungskabel führte von der Waschküche durch die Tür zum Keller und die Treppe hinunter. Ein weiteres Kabel war hinter dem Herd eingesteckt. An der Wand warteten mehrere Acetylenbehälter darauf, nach unten geschafft zu werden. Benito stellte die vier Taschen mit den Einkäufen auf der Arbeitsfläche ab und wollte gerade zur offenen Tür gehen, um einen Blick in den Keller zu werfen, als Umberto die Treppe heraufkam. »Was machst du hier?«, herrschte er ihn an. »Ich bringe die Einkäufe ins Haus«, erwiderte Benito. »Verpiss dich! Im Haus hat keiner was zu suchen.« Zu Cari: »Das haben wir dir doch gesagt. Ins Haus darf keiner.« »Ich habe die Einkäufe hereingetragen«, sagte Benito. »Und du passt besser auf, was du in Gegenwart einer Dame sagst. Hol die Einkäufe doch demnächst selbst, wenn du sie tragen kannst.« Es war nicht klug, so zu reden. Alte Männer scheren sich manchmal nicht darum, was klug oder unklug ist. Hauptsache, sie haben ein gutes Gefühl dabei. Benito hatte die Hand in den Latz seiner Arbeitshose gesteckt. Umberto wusste nicht, was Benito unter dem Latz trug. Tatsächlich steckte direkt unterhalb des Brustbeins ein 1911A Colt, eine Pistole Kaliber .45, die für .460-Rowland-Munition umgebaut war. Ein Geschenk seines lieben Neffen, der damit am Schießstand Wassermelonen zerschoss. Benito trug die Waffe geladen und entsichert. Umberto war der alte Mann nicht ganz geheuer. »Niemand darf ins Haus«, sagte Umberto. »Sie könnte ihren Job verlieren, weil sie dich hereingelassen hat. Soll ich es dem Boss erzählen?« Cari drehte sich zu Benito um. »Danke, mi Señor«, sagte sie. »Das geht schon in Ordnung. Bitte, den Rest schaffe ich allein.« »Entschuldige dich«, sagte Benito Umberto ins Gesicht und ging aus der Küche. Am späten Nachmittag tauchte ein Schwarm Pferde-Stachelmakrelen mit dem Getöse eines vorbeifahrenden Zuges auf und jagte Meeräschen die Ufermauer entlang, wo Benito mit seiner Hacke Unkraut jätete. Er konnte sie riechen und beugte sich über die taillenhohe Ufermauer, um den mächtigen Fischen zuzusehen. Die gegabelten Schwanzflossen funkelten, als sie vorüberrasten. Kleine Fische und Fischstücke flogen durch die Luft, aus dem Wasser hinter ihnen stieg öliger Uringeruch auf. Wie wir, dachte Benito. Töten und fressen wie wir. Durch die Sohlen seiner Schuhe spürte er das Vibrieren des Presslufthammers im Keller des Hauses. Dann gab der bebende Boden an der Ufermauer unter seiner Hacke nach. Erdklumpen brachen weg und schlugen tief unten auf. Er sah in ein Loch, das sich eben erst an der Ufermauer aufgetan hatte. Es war so groß wie sein Hut. Viele Meter unterhalb des Rasens spiegelte sich das Licht in dem schwarzen Wasser, das sich dort unten in der finsteren Tiefe auf der Innenseite der Ufermauer hob und senkte. Er trat einen Schritt zurück und stellte sich auf die Betoneinfassung der Terrasse. Unten konnte er das Gurgeln des Wassers hören, das unter der Ufermauer immer wieder eingesaugt und ausgespien wurde. Das Loch atmete mit dem Wellengang und blies ihm den Gestank von verrottendem Fleisch entgegen. Benito warf einen Blick auf den Balkon. Felix stand dort mit dem Rücken zum Garten und hielt Umberto eine Standpauke. Unauffällig nahm Benito das Mobiltelefon aus der Arbeitshose und schaltete den Blitz ein. Dann kniete er sich neben das Loch. Für einen Mann seines Alters erstaunlich geschickt, hielt er die Hand tief in das Loch und machte zwei Blitzlichtaufnahmen von dem Raum, den er nicht sehen konnte. Das Gesicht musste er abwenden, um dem Gestank zu entgehen. Felix redete immer noch auf dem Balkon. Benito zischte Antonio, der im Pool stand, etwas zu. Daraufhin stellte Antonio hastig das Glas ab und kam aus dem Wasser. Er ging mit Benito hinter das Poolhaus, wo überzählige Steinplatten und Dachschindeln lagerten. »Wir decken das Loch mit einer Steinplatte ab, und du gehst wieder an die Arbeit«, sagte Benito. »Rufst du Marco an?«, fragte Antonio. Er hielt nach dem Krabbenfischerboot draußen auf der Bucht Ausschau. Die Besatzung hatte ein Fass mit Ködern geöffnet, und Möwen und ein Pelikan folgten dem Schiff. Benito und Antonio schleppten eine Steinplatte zum Loch und deckten es ab. »Bleib auf der Terrasse, halt dich vom Gras fern, falls noch mehr wegbricht«, sagte Benito. »Steig wieder in den Pool.« Der alte Gärtner holte eine Topfpflanze und stellte sie auf die Steinplatte. Er harkte Erde um den Stein, als er Felix hinter sich hörte. »Was soll das?«, fragte Felix. »Da drunter ist ein Senkloch. Wir holen Erde und …« »Lass mich sehen. Mach das wieder auf.« Das Loch war überall von Wurzeln durchzogen. »Scheiße«, sagte Felix. Er zückte sein Mobiltelefon. »Hol mir ein Kissen aus dem Poolhaus. Beeil dich.« Auf dem Kissen kniend, um seine Leinenhose zu schonen, hielt Felix das Smartphone in das Loch und machte ein Foto mit Blitz. »Deck es ab und stell die Pflanze drauf«, befahl er. »So wie vorher?«, fragte Benito. Felix ließ das Handy wieder in der Hose verschwinden und holte aus seiner Tasche ein weiteres teures Accessoire, ein kunstvolles Springmesser, für das er vierhundert Dollar bezahlt hatte. Er klappte die Klinge heraus und reinigte einen Fingernagel damit. Dann hielt er das Messer in die Höhe und ließ die Klinge im Griff verschwinden, ohne Benito aus den Augen zu lassen. Mit der anderen Hand hielt er ihm einen Hundert-Dollar-Schein hin. »Silencio sobre esto, viejo. ¿Me entiendes?« Benito sah ihm ins Gesicht. Ihm war schon klar, dass er den Mund halten sollte. Er wartete einen Augenblick, bevor er das Geld nahm und in der Hand zerknüllte. »Claro, Señor.« »Geh in den Vorgarten und hilf den anderen da vorn.« Antonio holte gerade Markierungsfarbe aus seiner Tasche am Pool, als Felix ihn wegschickte. »Pack dein Zeug, für heute ist Schluss.« »Ich habe das Leck noch gar nicht gefunden.« »Pack deine Sachen und verschwinde. Ich melde mich, wenn ich dich brauche.« Antonio wartete, bis Felix ihm den Rücken zudrehte, bevor er die Schwimmflossen auszog. Seine Fußsohlen waren tätowiert, mit einer an einem Angelhaken hängenden Glocke und seiner Blutgruppe. Hastig schlüpfte er in seine Schuhe. Im Haus ließ Cari den großen weißen Kakadu aus dem Käfig. Er saß auf ihrem Handgelenk und beäugte ihre Ohrringe, als es klingelte. Mit dem Vogel auf dem Arm ging sie an den verhängten Möbeln und der Jukebox vorbei zum Seiteneingang. Antonio stand an der Tür. Er warf einen schnellen Blick in die Runde. »Cari, hör zu. Du musst hier weg. Bleib erst einmal im Haus. Stell dich dumm, bis sie dich wegschicken – hörst du? Wenn sie dich bis heute Abend noch nicht gefeuert haben, nimm den Vogel mit nach Hause. Sag, er verträgt den Staub nicht. Dann wirst du krank und kommst nicht wieder.« »Fass mal an, mamacita!«, sagte der Vogel. Felix rannte an ihnen vorbei. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst verschwinden. Verzieh dich!« Antonio ließ sich das nicht bieten. »Reden Sie zu Hause auch so?« »Hau ab«, sagte Felix im Gehen, während er an seinem Handy herumfummelte. Antonios Poolservice-Pick-up parkte neben dem Kleinbus der Gartenpflegefirma. Drei der Gärtner stapelten heruntergefallene Palmwedel, ein vierter verteilte Unkrautvernichter auf der lang gestreckten Einfahrt. Als Antonio die Ausrüstung auf der Ladefläche verstaut hatte, sah er Cari in der Haustür stehen. Der Vogel saß immer noch auf ihrem Arm. Sie lächelte ihm zu und winkte zum Abschied. Hinter dem Haus tippte Felix eine Nummer in sein Mobiltelefon ein. 7 Als Hans-Peter Schneider und Bobby Joe mit den gelben Augen in Bobby Joes Pick-up vorfuhren, versperrte der Kleinbus der Gärtner die Einfahrt zum Escobar-Haus. Bobby Joe kutschierte Hans-Peter über den Rasen und die Blumenbeete zur Eingangstür. Der Pick-up war höhergelegt, hatte einen Pseudo-Überrollbügel aus verchromtem Plastik, und von der Anhängerkupplung baumelte ein Hodensack aus Gummi. Hinten auf dem Auto prangte ein rassistischer Aufkleber. Felix stand schon bereit und zog eilfertig den Hut. »Patrón«, sagte er. »Wer hat es gefunden?« Schneider ging schon um das Haus herum zur Wasserseite des Gartens. Er trug in der Hitze Leinen und schwarze Huarache-Sandalen, die zu seinem Uhrarmband passten. »Der alte Mann, der das Unkraut jätet.« Felix deutete auf Benito, der zusammen mit den anderen Gärtnern Werkzeuge in den Kleinbus lud. »Er weiß nichts, das habe ich schon geklärt.« Hans-Peter beobachtete Benito eine Minute lang. »Zeigen Sie mir das Loch«, sagte er. Felix und Bobby Joe zogen die Steinplatte vom Loch an der Ufermauer. Hans-Peter trat einen Schritt zurück und fächelte sich Luft zu. Felix zeigte Hans-Peter das Foto, das er aufgenommen hatte, indem er die Kamera nach unten ins Loch hielt. Er hatte das Bild auf seinem iPad gespeichert. Das Meer hatte die Betonterrasse unterspült und eine Höhle geschaffen, die fast bis ans Haus reichte. Baumwurzeln ragten wie verkrümmte Kronleuchter die den Hohlraum. Mit Seepocken verkrustete Pfeiler trugen die Terrasse. Der Wasserstand ließ in dieser Gezeitenphase etwa 1,20 Meter Raum zwischen Wasser und Decke. Die Erosion hatte unter der Terrasse einen versunkenen Kieskahn halb freigelegt, der im Müll und ausgebaggerten Schlamm steckte, auf denen Miami Beach errichtet wurde. Am hinteren Ende der finsteren Höhle, das der Blitz kaum noch erhellte, stieg der Grund zu einem Strand an. Dort stand ein schimmernder Würfel, größer als ein Kühlschrank, der sich direkt ans Fundament des Hauses anschloss. Felix spreizte die Finger, um das Bild auf dem iPad zu vergrößern. Neben dem Würfel waren am Wasser ein menschlicher Schädel und die hintere Hälfte eines Hundes zu erkennen. »Wir graben die ganze Zeit im Keller, dabei gräbt das Meer für uns«, sagte Hans-Peter Schneider. »Gott ist mit uns! Da könnte eine Tonne Gold drin sein. Wer weiß davon?« »Niemand, Señor. Die anderen Gärtner waren im Vorgarten. Der alte Mann ist nur ein unwissender Landarbeiter, ein bracero.« »Vielleicht sind Sie der Unwissende. Ich kenne den alten Trottel. Holt ihn her. Die anderen Gärtner schickt nach Hause. Erzählt dem Alten, wir brauchen seine Hilfe. Sagt, wir fahren ihn nach Hause.« Draußen auf der Bucht fuhr das lärmende Krabbenfischerboot den String in umgekehrter Richtung ab und setzte die mit neuen Ködern versehenen Reusen aus. Die beiden Deckshelfer warfen in gleichmäßigem Rhythmus alle zwanzig Meter eine Reuse über Bord. Im Ruderhaus richtete Kapitän Marco sein Fernglas auf den Garten der Escobar-Villa. Er sah Hans-Peter und die anderen an der Wasserseite im Garten stehen, und er sah auch, wie Felix und Bobby Joe Benito zu ihnen brachten. »Rodrigo, vergiss die Reusen«, sagte Kapitän Marco. Er deutete mit dem Kinn zum Haus. »Mayday, muchachos. Haltet euch fest. Wir müssen schnell sein, falls Benito springen muss.« Auf der Terrasse stand Benito vor Hans-Peter. »Ich kenne dich«, sagte Hans-Peter. »Alte Männer sehen alle gleich aus, Señor. Ich kann mich nicht an Sie erinnern.« »Zieh dein Hemd aus.« Benito gehorchte nicht. Bobby Joe, Umberto und Felix mussten ihm die Arme auf den Rücken drehen und an den Handgelenken mit Kabelbindern zusammenfesseln. »Zieht ihm das Hemd aus«, sagte Hans-Peter. Felix und Umberto rissen Benito das Hemd vom Leib und zogen es unter den Trägern seiner Arbeitshose heraus. Bobby Joe tastete Benitos Taschen ab, aber nicht seine Brust. Er bohrte den Finger in das Tattoo, das auf Benitos Brustkorb noch schwach sichtbar war. Die Tätowierung zeigte eine Glocke, die an einem Angelhaken hing. Hans-Peter nickte. »Ten Bells, die Schule der Diebe.« »Eine jugendliche Dummheit. Sie sehen ja selbst, wie verblichen es ist.« »Felix, er gehört zu Don Ernesto«, sagte Hans-Peter. »Sie haben ihn eingestellt, Felix. Sie und Bobby Joe unternehmen jetzt einen Ausflug mit ihm.« Vom Krabbenfischerboot aus sah Kapitän Marco, wie Benito das Hemd vom Leib gerissen wurde, sah Bobby Joes Waffe. Er griff zum Handy. Etwa einen halben Kilometer entfernt in derselben Straße nahm Antonio in dem Pool-Pick-up den Anruf an. »Antonio, einer von Schneiders Idioten, diesen pendejos, bedroht Benito mit der Waffe. Wir müssen ihn rausholen. Ich fahre zum Anleger und gebe ihm Deckung, falls er ins Wasser springt.« »Ich kümmere mich darum«, sagte Antonio. Antonio holte das Letzte aus dem alten Pick-up heraus. Es war nicht weit zur Bushaltestelle, wo müde Gärtner und Dienstmädchen warteten, um die langsame Reise nach Hause anzutreten. Antonio stieg aus. Mehrere der Wartenden begrüßten ihn mit Namen. »Freie Fahrt«, rief Antonio ihnen auf Spanisch zu. »Heute wird gefeiert. Ich bringe euch direkt nach Hause! Kein Geld, kein Umsteigen. Kommt mit! Mit Zwischenstopp bei Yumbo Buffet. Ihr könnt essen, so viel ihr wollt, und euch noch was mitnehmen! ¡Todo libre! Alles kostenlos.« »Antonio, fährst du besoffen Auto?« »No, no. Ich habe nichts getrunken. Riecht doch mal. Kommt schon!« Die Buspassagiere quetschten sich in Antonios Pick-up. Zwei mit ihm in der Kabine und drei hinten. »Wir müssen noch jemanden abholen«, sagte Antonio. Cari Mora war mit einem Sechserpack Toilettenpapier und ein paar Glühbirnen oben im Haus unterwegs. Die Schlafzimmer waren ein Schweinestall, im Bad lagen Handtücher und ein Busenwunder-Magazin auf dem Boden. Auf dem einzigen gemachten Bett waren Sex-Comics und die fünf Teile eines demontierten AK-47-Sturmgewehrs, einer Kalaschnikow, verstreut. Neben zwei vollen Magazinen stand eine Dose Schmiermittel, die auf die Decke leckte. Sie nahm die Dose mit zwei Fingern und stellte sie auf die Kommode. Ihr Telefon summte. Es war Antonio. »Cari, geh in Deckung. Mach dich fluchtbereit. Sie halten Benito eine Waffe unter die Nase. Ich hole ihn. Marco kommt an den Anleger.« Dann war er weg. Cari sah aus dem Schlafzimmerfenster im oberen Stock, wie Bobby Joe Benito die Mündung einer Pistole in die Rippen drückte. Zwei Handgriffe, es klickte zweimal – damit hatte Cari den Gasdrucklader auf das AK-47 gesetzt. Als sie den Hammer mit dem Daumen nach unten drückte und mit dem Abzugshebel zurückhielt, ließen sich Schlagbolzen und Schlagbolzenträger leicht einsetzen, dann folgten die gewundene Verschlussfeder und schließlich der Verschlussdeckel. Funktionsprüfung. Sie setzte eines der gebogenen Banana-Clip-Magazine ein und lud eine Patrone in die Kammer. Geladen und entsichert in fünfundvierzig Sekunden. Sie ging zurück zum Fenster. Das Korn deckte genau die Wölbung von Bobby Joes Hinterkopf ab. Das Eingangstor schwang auf. Als Antonio durch das Tor fuhr, rief er Kapitän Marco auf dem Schiff an, stellte das Handy auf Lautsprecher und ließ es in seine Brusttasche fallen. Antonio sah, wie Umberto drei Betonblöcke und Bindedraht auf der Ladefläche von Felix’ Pick-up verstaute. Benito stand mit Bobby Joe und Felix neben dem Pick-up. Seine Hände lagen auf dem Rücken, vermutlich gefesselt, dachte Antonio. Antonio fuhr ganz nah heran. Er stieg aus dem Pick-up und ging auf den alten Mann zu. Als er Antonios mit Menschen vollgestopften Pick-up sah, hielt Bobby Joe die Waffe so, dass sie von seiner Hüfte verdeckt wurde. »Hey, Benito! Hey, Señor! Ich sollte dich doch nach Hause bringen«, sagte Antonio. »Tut mir leid, dass ich das vergessen habe.« »Wir bringen ihn nach Hause«, sagte Felix. Antonios Passagiere beobachteten sie. »No, Señor«, sagte Antonio laut. »Ich habe seiner Lupe versprochen, dass ich ihn stocknüchtern zum Abendessen nach Hause bringe.« Die Männer, die sich im Pick-up drängten, lachten. Einige waren verwirrt, weil sie ziemlich sicher waren, dass Lupe schon vor Jahren gestorben war. »Sie bringt mich um, wenn ich ohne ihn auftauche.« Antonio drehte sich zu seinen Fahrgästen um. »Bringt Lupe mich um oder nicht?« »Sí«, sagten mehrere im Pick-up. »Cierto. Ganz bestimmt. Lupe bringt dich um, wie all die anderen, die ihn nicht vom Saufen abgehalten haben.« Bobby Joe stellte sich neben Antonio. »Verpiss dich«, knurrte er. »Du kannst mich auch gleich vor den Augen der Geschworenen erschießen, Arschgesicht«, erwiderte Antonio leise. Hans-Peter Schneider erschien auf der Treppe vor dem Haus. Bobby Joe und Felix sahen ihn an. Schneider schüttelte kaum merklich den Kopf. Felix stellte sich hinter Benito und schnitt die Fesseln durch. Hans-Peter Schneider kam die Treppe herunter und drückte Benito eine dicke Rolle Banknoten in die Hand. »Wir brauchen dich in zwei Wochen wieder, comprendes? Dann gibt es noch mal so viel. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht zusammenarbeiten sollten.« Die Passagiere schimpften gutmütig und rissen Witze, als sich Benito zu ihnen auf die Ladefläche des Pick-ups zwängte. Antonio sprach auf dem Telefon in seiner Brusttasche mit Marco. »Wo ist Cari?« »Ich kümmere mich um sie. Sie nimmt die Hintertür. Ich warte am Anleger auf sie. Fahr los!«, sagte Marco. Antonio setzte zurück in Richtung Tor. Hans-Peter streckte die Hände aus, mit den Handflächen nach hinten zu seinen Männern. »Lasst sie fahren«, sagte er. Cari rannte mit dem Gewehr in der Hand die Wendeltreppe hinunter, ohne jemandem zu begegnen. Sie holte den Vogel aus dem Käfig und setzte ihn sich auf die Schulter. »Halt dich fest. Und lass meine Ohrringe in Ruhe«, sagte sie, während sie rückwärts durch den Garten zum Anleger lief. Dort wartete das Krabbenfischerboot, das mit dem Bug so fest gegen den Steg drückte, dass er wackelte. Sie gab das Gewehr Marco, der im Bug stand, und sprang mit dem flatternden Vogel an Deck. Das Boot setzte mit großem Getöse zurück. Marco behielt mit dem Gewehr die leeren Fenster hinten am Haus im Visier, sah aber niemanden. Antonio fuhr los. Hinter dem überladenen Pick-up fiel das Tor ins Schloss. »Dein Hemd ist unmöglich«, sagte der Mann auf dem Reservereifen zu Benito. »So lassen sie dich bei Yumbo Buffet nie im Leben rein.« 8 Kapitän Marco saß mit Benito und Antonio im offenen Schuppen. Ein einziges, hoch oben angebrachtes Flutlicht schien auf die Bootswerft herab. Fünf Minuten Regen, und schon roch es nach nasser Erde. Das vom Dach tropfende Wasser klopfte eine Linie in den Schmutz. »Du glaubst, Felix arbeitet für beide Seiten?«, fragte Kapitän Marco. Benito zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich. Er hätte wie ein Mann mit mir reden und mich anständig für mein Schweigen bezahlen können, aber er musste mir unbedingt sein Messer zeigen. Das Messer würde übrigens hervorragend in sein Arschloch passen, und es wäre sogar noch Platz für seine Sonnenbrille.« »Wo wir gerade von Löchern reden: das unter der Terrasse reicht bis unter Pablos Haus?«, fragte Kapitän Marco. »Das weiß ich nicht, aber es ist tief. Die See hat da gegraben, wo das FBI nicht war. Man hört ihr Saugen, das Loch ist an der Ufermauer unter Wasser zur Bucht hin offen.« Große Nachtfalter schwirrten um eine nackte Glühbirne über den Männern. Einer landete auf Antonios Kopf. Seine Füße kitzelten ihn an der Stirn, bis er ihn verscheuchte. Kapitän Marco schenkte eine kleine Runde Rum ein und drückte eine Zitrone über seinem Glas aus. »Wie lange haben sie das Haus?« »Am Tor hängt eine Drehgenehmigung für dreißig Tage«, sagte Antonio. »Sie lautet auf Alexander Smoot von Smoot Productions.« Benito rieb den Rand seines Glases mit Zitrone ein. Der Rum war Flor de Caña 18, und der Geschmack ließ ihn eine glückliche Sekunde lang die Augen schließen, während er ihn auf Lupes Lippen spürte. Es war, als wäre sie bei ihm. Als die Männer Cari Mora aus dem Werftbüro kommen sahen, machte Benito ihr einen Drink wie seinen eigenen, und Antonio stellte einen weiteren Rohrstuhl an den Tisch. Sie trug den Vogel auf der Schulter. Der große Kakadu kletterte von dort auf die Stuhllehne, und sie gab ihm eine Traube aus der Schale auf dem Tisch. »Fass mal an, mamacita!«, sagte der Vogel, ein Zitat aus einem früheren Abschnitt seines schillernden Lebens. »Sei still«, sagte sie und gab dem Vogel noch eine Traube. »Cari, Sie müssen sich von dem Haus fernhalten«, sagte Benito. »Hans-Peter ist mit Menschenhändlern im Geschäft, wissen Sie das? Er wird Ihnen nie glauben, dass Sie nicht zu uns gehören.« »Ich weiß.« »Hat er eine Ahnung, wo Sie wohnen, wenn Sie sich nicht im Haus aufhalten?« »Nein, und Felix auch nicht.« »Brauchen Sie eine Unterkunft?«, fragte Benito. »Ich habe ein freies Zimmer«, warf Antonio eilig ein. »Nicht nötig. Ich habe eine Wohnung«, sagte sie. Kapitän Marco tippte auf die Baupläne auf dem Tisch. »Cari, wissen Sie, was da los ist?« »Sie haben Löcher in die Wände geschlagen und reißen den Keller auf«, erwiderte sie. »Ich kann mir denken, wonach sie suchen. Und Sie suchen offenbar auch danach.« »Wissen Sie, wer wir sind?« »Ich denke schon. Aber für mich sind Sie einfach meine Freunde. Señor Benito, Antonio und Kapitän Marco. Mehr will ich nicht wissen.« »Sie können dabei sein oder nicht«, sagte Kapitän Marco. »Ich will nicht dabei sein, aber ich will, dass Sie gewinnen«, sagte Cari. »Vielleicht kann ich Ihnen das wenige sagen, das ich weiß, und dafür erzählen Sie mir keine Geheimnisse, die ich für mich behalten muss.« »Was haben Sie im Haus gesehen?« »Hans-Peter Schneider hat sich am Telefon ein paarmal laut mit einem Jesús herumgestritten. Er hat mit einer Telefonkarte in Kolumbien angerufen. Mucha lucha, ein Riesenstreit. Er hat immer wieder gefragt: ›Wo ist es?‹ Sie haben das Haus vom Dachboden bis in den Keller mit Metalldetektoren durchsucht. In den Fundamenten gibt es jede Menge Armierungsstahl, da haben sie ein paarmal gebohrt. Sie hatten eine große Magnet-Ständerbohrmaschine mit fast vierzig Kilo oder so und zwei Presslufthämmer.« »Wie haben sie Ihnen erklärt, dass sie das Haus auseinandernehmen?« »Felix hat gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen, er übernimmt als Immobilienmakler die Verantwortung. Ich habe gesagt, das soll er mir schriftlich geben. Das wollte er nicht. Schneider hat mit Geld herumgewedelt. Für mich ziemlich viel Geld.« »Hat er Sie bezahlt?« »Nein. Er hat nur damit herumgefuchtelt und mir Geld für die Einkäufe gegeben. Felix hat mir vorhin eine SMS geschickt: Der Boss will Sie hier nicht mehr haben, aber Sie können Ihr Geld abholen. Wir können es Ihnen auch nach Hause schicken, wenn Sie uns die Adresse geben, oder wir treffen uns so bald wie möglich … Na klar, darauf springe ich sofort an.« »Hat irgendjemand gesehen, wie Sie das Haus verlassen haben?« »Ich glaube nicht, aber sicher bin ich nicht. Die waren alle vorne.« »Sie werden das Gewehr vermissen«, sagte Marco. »Vielleicht sehen sie es wieder.« »Ich gehe jetzt«, sagte Cari. Antonio erhob sich schnell. »Warte kurz, Cari, dann bringe ich dich dahin, wo du wohnst oder auch nicht wohnst.« »Draußen auf dem Steg sitzt man bequem«, sagte Marco. Antonio trug ihren Drink nach draußen und kam zurück an den Tisch. »Schneider muss vorsichtig sein«, sagte Kapitän Marco. »Wenn die federales ihn dabei erwischen, wie er in Miami Beach gräbt, haben sie ihn am Wickel.« Marco entrollte einige Baupläne auf dem Tisch und beschwerte sie mit der Flasche und einer Kokosnuss. »Pablos Anwalt hat diesen Plan vor Jahren, als die Terrasse gebaut wurde, bei der Stadt eingereicht«, sagte er. »Seht, sie ruht auf Betonpfeilern. Deswegen ist sie auch nicht eingestürzt, als sie vom Meer unterspült wurde. Hast du das Bild gesehen, das Felix aufgenommen hat?« »Nur über seine Schulter«, sagte Benito. »Er hat es ganz dicht an seine Hühnerbrust gehalten. Ich habe das hier. Was kann man von einem Klapphandy schon erwarten?« »Wie groß war der Kasten, den du gesehen hast?« Der alte Gärtner legte seinen knorrigen Finger auf den Bauplan. »Er stand ungefähr hier. Zum Größenvergleich habe ich nur den Schädel daneben auf diesem unterbelichteten Bild. Der Kasten ist größer als ein großer Kühlschrank. So groß wie die große Eismaschine auf dem Casablanca-Fischmarkt.« »Wenn die Höhle so groß ist, könnte das Loch unter der Ufermauer auch groß sein«, sagte Antonio. »Groß genug, um eine Eismaschine herauszuschaffen?«, fragte der Kapitän. »Nacho Nepri könnte das mit der großen Winsch auf seiner Barkasse schaffen«, sagte Antonio. »Mit der Winsch und dem Kran bewegt er Schrottteile, die noch größer sind. Falls wir ihn überreden können.« »Wir müssen uns das Loch unter der Ufermauer ansehen. Wie tief ist das Wasser da bei Flut?«, fragte der Kapitän. »An der Stelle zwei Meter vierzig«, sagte Antonio. »Ich kann mir das unter Wasser von der Bucht aus ansehen.« »Willst du vom Krabbenfischerboot aus tauchen?« »Nein, ich habe Zugang zu einem Garten weiter unten an der Straße, wo ich den Pool warte. Von da aus kann ich mich an der Ufermauer vorarbeiten, das ist mir lieber.« »Morgen setzt die Ebbe eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang ein«, stellte Marco fest. »Der Wetterbericht sagt wolkenlosen Himmel voraus. Das heißt, die Bucht spiegelt und blendet. Wahrscheinlich schwemmt das Wasser einen Grasteppich an. Schwimm nicht in das Loch, Antonio. Lass dich unter dem Gras herantreiben und sieh dich um. Hast du Sauerstoff?« Antonio nickte und stand auf, um zu gehen. Der alte Gärtner hob das Glas und prostete ihm zu. »Antonio. Gracias, dass du mich heute abgeholt hast.« »De nada«, erwiderte Antonio. »Aber die Rechnung bei Yumbo Buffet für die Leute aus deinem Wagen war gesalzen«, beschwerte sich Benito. »Erst schlagen sie sich den Bauch voll, dann bestellen sie Essen zum Mitnehmen und auch noch drei Limos, gaseosas, um alles runterzuspülen. Antonio, Junge, hör mir zu … Pass gut auf dich auf. Bobby Joe wird nach dir suchen.« »Und wenn er großes Pech hat, findet er mich auch«, entgegnete Antonio. Kapitän Marco ging zu seinem kleinen Apartment in der Nähe der Bootswerft. Benito startete seinen alten Pick-up und ratterte nach Hause. Sie ließen die Verbrennungsanlage weiterlaufen, mit geöffneter Klappe wegen des Feuerscheins. Lupe wartete im Geiste an Benitos Haus in dem kleinen Garten, den sie hinter dem Haus angelegt hatte. Er spürte ihre warme Nähe, als Glühwürmchen über die im Mondlicht schimmernden weißen Blüten huschten. Benito schenkte Flor de Caña ein, ein Glas für ihn und eins für sie. Er trank sie beide, während er mit Lupe im Garten saß, und mit ihr zusammen zu sein war genug. Cari und Antonio saßen auf einem alten Autositz auf dem Anleger der Bootswerft und betrachteten den Himmel. Der Bass ferner Musik dröhnte über das Wasser. »Was wünschst du dir?«, fragte Antonio. »Was hättest du gern?« »Ich will in einem Haus wohnen, das mir gehört.« Cari biss in die Zitrone und ließ sie wieder in ihren Drink fallen. »Ein Haus, in dem jede Stelle, auf die man die Hand legt, sauber ist. In dem man barfuß herumlaufen kann und wo der Boden sich gut anfühlt.« »Willst du da allein wohnen?« Sie zuckte mit den Schultern und nickte. »Wenn meine Cousine auch ein anständiges Haus hat und jemanden, der ihr mit ihrer Mutter hilft. Ich will mein eigenes Haus. Wo ich die Tür zumachen kann und es wunderbar ruhig ist. Um das ich mich selber kümmere. Wo ich den Regen auf dem Dach höre und weiß, er leckt nicht auf das Fußende von meinem Bett, sondern läuft in den Garten.« »Jetzt auch noch einen Garten.« »¿Cómo no? Ich hätte gern ein Fleckchen, auf dem ich etwas anbauen kann. Nach draußen gehen, frisches Grünzeug ernten und kochen. Einen Rotbarsch in einem Bananenblatt dämpfen. In der Küche laut Musik hören, wann immer ich will, und mir vielleicht beim Kochen einen Drink gönnen und vor dem Herd tanzen.« »Ein Mann? Willst du einen Mann?« »Ich will selbst bestimmen, wer bei mir ein und aus geht. Vielleicht lade ich dann jemanden ein.« »Sagen wir, ich stehe auf der Treppe vor deiner Tür und klopfe, du weißt schon, Single Antonio ist da.« »Wirst du Single Antonio sein, Antonio? Antonio Soltero?« Der Rum fühlte sich ziemlich gut an. »Nein, ich werde nicht Antonio Soltero sein. Noch nicht. Dann müsste nämlich jemand das Land verlassen. Das tue ich niemandem an. Ich bin amerikanischer Staatsbürger, weil ich bei den Marines gedient habe. Bei ihr klappt das nicht mehr. Sie muss warten. Wir sind Freunde, also warte ich auch. Ihr Bruder hat mit mir zusammen gedient. Wir haben ihn verloren.« Antonio tippte auf die Erdkugel und den Anker, die auf seinem Arm eintätowiert waren. »Semper Fi.« »Semper Fi ist in Ordnung. Aber das ist nicht dein einziges Tattoo.« »Die Ten Bells? Da war ich praktisch noch ein Kind. Das war auch eine Schule. Für andere Fähigkeiten. Ich muss mich dir gegenüber nicht rechtfertigen.« »Stimmt.« »Ich sage nur, wenn ich meine Angelegenheiten in Ordnung bringe, so wie du es dir wünscht, dann musst du die Stufen zu deiner Haustür schon unter meinen Füßen anzünden.« Musik von den dunklen Schiffen flussaufwärts und flussabwärts, auf denen der Schein der Fernseher glomm. Jetzt Rodrigo Amarantes merkwürdig schönes Lied, die Erkennungsmelodie der Netflix-Serie Narcos. Über das Wasser drangen vor allem die Congas zu ihnen, mehr als die Melodie. Antonio hatte eine Stimme, die er selbst ziemlich gut fand. Er sah sie an und sang mit. Soy el fuego que arde tu piel, Soy el agua que mata tu sed, El castillo, la torre yo soy, La espada que guarda el caudal. Ich bin das Feuer, das deine Haut verbrennt, Ich bin das Wasser, das deinen Durst stillt, Die Burg, der Turm bin ich, Das Schwert, um das fließende Wasser zu schützen. Für einen Augenblick übertönte ein Schiffshorn seine Stimme. Tú, el aire que respiro yo, Y la luz de la luna en el mar. Du, die Luft, die ich atme, und das Licht des Mondes auf dem Meer. Ziehende Wolken verdeckten den Mond, malten rußschwarze und silbrige Flecken auf den strömenden Fluss. Einen Augenblick lang sah der Fluss aus, als könnte man ihn zu Fuß durchwaten. Das Feuer sprühte Funken in den Himmel. Cari stand auf und küsste Antonio auf den Kopf. Er wandte ihr das Gesicht zu, einen Augenblick zu spät. »Ich muss nach Hause, Antonio Soltero«, sagte sie. 9 Caris einzige Familie in Miami bestand aus ihrer alten Tante Jasmín, ihrer Cousine Julieta und deren Baby. Wenn Cari keine Arbeit mit Unterkunft hatte, wohnte sie bei ihnen in einer Sozialwohnung in der Nähe des Claude Pepper Way in Miami. Julietas Ehemann war von der Einwanderungsbehörde ICE festgenommen worden, als er sich ordnungsgemäß freiwillig registrieren lassen wollte. Jetzt wartete er im Krome Detention Center auf seine Abschiebung, weil er einen Scheck hatte platzen lassen. Wie viele Bürger Miamis, die über die grüne Grenze in die Vereinigten Staaten gekommen waren, behielt Cari ihr Privatleben für sich. Nur Marco und Antonio wussten von ihrer Cousine und wo Julieta lebte. Spät am Abend schloss sie die Hintertür zum Gebäude mit ihrem Schlüssel auf. Caris Tante, ihre Cousine und das Baby schliefen. Sie sah nach der bettlägerigen Tante Jasmín, die auf der Bettwäsche braun und winzig aussah, blickte in ihr schlafendes Gesicht. Die Augen der Frau öffneten sich, riesige, unergründliche Pupillen sahen Cari an. Cari fühlte, wie der Blick ihrer Tante sie einhüllte. Sie erkannte eine vage Ähnlichkeit mit dem Gesicht ihrer Mutter in den Zügen Jasmíns, so wie sie manchmal vertraute Formen in den Wolken sah. Sie spürte, dass ihre Tante ihr ein Geheimnis verraten wollte, versuchte, sich an etwas zu erinnern, das ihr wichtig war, etwas, das nur alte Menschen verstanden, obwohl Cari wusste, dass sie nicht mehr bei sich war. Caris Hände rochen nach der Waffe. Sie schrubbte sie mit Zitronensaft und Seife, bevor sie sich neben das schlafende Baby setzte und seinem Atem lauschte. Es war lange her, dass sie Gewehröl gerochen und den Kupfergeschmack des Krieges gespürt hatte, wie einen Penny unter ihrer Zunge … Als sie elf Jahre alt war, hatten die FARC, die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, sie mit vorgehaltenem Gewehr aus ihrem Dorf verschleppt und rekrutiert. Die FARC bildeten sie zur Kämpferin aus und fotografierten sie als Kindersoldatin des Neuen Kolumbiens. Sie jagten ihr das vorgeschriebene Verhütungsstäbchen in den Oberarm und setzten sie ein, wo sie am nützlichsten war. Sie war flink, geschickt und kräftig. Cari war ein Kind unter Kindern im Basislager der Guerilla tief im Caquetá-Wald. Zuerst ließen sie es für die Kleinen wie ein Zeltlager aussehen. Die Offiziere erzählten den Kindern, sie könnten in zwei Wochen wieder nach Hause, falls es ihnen bei der Armee nicht gefalle. Tatsächlich durften sie nie wieder heim. Die Kinder spielten miteinander, wenn sie nicht gedrillt wurden. Viele kamen aus zerrütteten Familien und freuten sich über ein bisschen Aufmerksamkeit. Wenn die Luftangriffe aufhörten, wurde nachts im Camp getanzt. Sex zwischen den Teenagern war nicht verpönt, aber Ehe und Schwangerschaft waren verboten. Es bestand Abtreibungszwang. Die Offiziere sagten zu ihnen, sie seien mit der Revolution verheiratet. Die Kleinen, die aus abgelegenen Dörfern stammten, waren von der Musik und den bunten Lichtern wie verzaubert. Und dann, nach einem Monat, versuchte ein Pärchen während einer nächtlichen Party im Wald davonzulaufen. Sie waren dreizehn Jahre alt, und es war ihr zweites Vergehen. Die Posten erwischten sie dabei, wie sie durch das seichte Wasser des Río Caquetá davonwateten. Die Späher ließen sie im Licht ihrer Taschenlampen stehen und schickten Nachricht ins Lager. Alle versammelten sich am Ufer. Der comandante hielt eine Rede, das Licht reflektierte auf seinen kleinen runden Brillengläsern. In letzter Zeit habe es eine Reihe von Desertionen gegeben, und damit müsse Schluss sein. Die beiden Jugendlichen zitterten im Lichtkegel der Taschenlampen. Ihre Beine bebten, ihre Kleidung war durchnässt, die Hände waren ihnen mit weißen Kabelbindern auf den Rücken gebunden worden. Unter der nassen Kleidung, die dem Mädchen am Körper klebte, war der Ansatz eines Babybauchs zu erkennen. Da ihre Hände gefesselt waren, konnten sich die beiden nicht umarmen. Sie standen dicht nebeneinander, die Wangen aneinandergedrückt. Der comandante erklärte ihnen, es sei falsch zu desertieren. Sollten die beiden bestraft werden? »Ihr fällt das Urteil«, sagte er. »Sollen sie bestraft werden? Sie sind desertiert und haben euer Essen genommen. Hebt die Hand, wenn ihr findet, sie haben Strafe verdient.« Alle Erwachsenen und die meisten Kindersoldaten fanden, ja, sie hätten eine Strafe verdient. Cari hob wie die anderen ihre kleine Hand. Ja, sie hatten eine Strafe verdient. Vielleicht eine Tracht Prügel? Oder – schlimmer – kein Frühstück? Küchendienst zusammen mit Cari? Der comandante gab mit der Hand ein Zeichen. Die Wachen stießen den Jungen und das Mädchen in das seichte Wasser und erschossen sie. Erst schienen die Wachen nicht schießen zu wollen und zögerten. Der comandante brüllte. Ein Schuss, zwei, dann viele Schüsse. Die Kinder fielen nach vorn, drehten sich im Wasser auf den Rücken, dann wieder auf den Bauch. Das Wasser um sie herum füllte sich mit Blut, als sie langsam davontrieben. Eine der Wachen gab dem Mädchen einen Fußtritt, weil die Leiche an einer Wurzel hängen geblieben war. Die Enden der weißen Kabelbinder standen weit von ihren schmalen Handgelenken ab. Mit dem Gesicht nach unten trieben sie Seite an Seite davon, vom Blut auf dem Wasser eingehüllt wie von einem Schleier. Cari weinte. Die meisten Kinder schrien und weinten. Sie konnten das Radio hinten im Lager hören, das immer noch Tanzmusik spielte. Wie schmal die Handgelenke der toten Kinder waren. Wie weit das Ende des Kabelbinders von den schmalen Handgelenken abstand. Wenn Cari das Wort Schrecken hörte, dachte sie an diesen Anblick. Kabelbinder waren allgegenwärtig. Eine Zeit lang waren sie sowohl bei den Guerillas als auch bei ihren Feinden, den Paramilitärs, große Mode, eine Reihe Kabelbinder hing griffbereit an den Webbandgürteln, um Gefangene zu fesseln. Kabelbinder verrotten nicht und schimmern auf dem Dschungelboden weißer als die Knochen der Skelette. Wenn sie im Busch auf eine Leiche stieß, wurde Cari übel, aber nicht vom Anblick des verwesten Gesichts oder der Geier, die, schwer von ihrer Mahlzeit, flügelschlagend davonflogen. Es war der Anblick des hellen Kabelbinders, den sie nicht ertrug. Die Guerillas trainierten mit ihnen, wie man einen Gefangenen fesselte, indem man die Kabelbinder mit einer Hand festzog, wie man die Zunge im Kabelbinderkopf mit einem Keil herunterdrückte, um sich zu befreien, wie man Kabelbinder mit Schnürsenkeln durchtrennte. Gefesselte Handgelenke kamen in Caris Träumen häufig vor. Nicht heute Nacht, nicht in dieser Nacht in Miami, auf einem Stuhl neben dem Baby in der Wohnung ihrer Cousine. Sie hatte vom Fenster aus gesehen, wie der Kabelbinder um Benitos Handgelenke durchgeschnitten wurde. Der alte Mann war mit dem Leben davongekommen. Das war alles, woran sie denken wollte. Sie lauschte auf den Atem des Babys und döste ein. 10 Barranquilla, Kolumbien Die Clínica Ángeles de la Misericordia, in der Jesús Villarreal lag, war ein Krankenhaus für Arme an einer belebten Marktstraße. Um die Mittagszeit hielt ein schwarzer Range Rover vor dem Krankenhaus. Die vorbeidrängenden Passanten und Verkaufswagen mussten ausweichen, was die um ihren Platz kämpfenden Händler sehr ärgerte. Isidro Gómez, ein großer Mann mit rotem Gesicht, stieg auf der Beifahrerseite aus. Er musste nur das Kinn heben, um am Straßenrand Platz zu schaffen. Gómez öffnete die hintere Tür für seinen Boss. Don Ernesto Ibarra, vierundvierzig, in der Boulevardpresse als »Don Teflon« bekannt, war mittelgroß und trug eine ordentlich gebügelte Leinenjacke im Safaristil. Eine ganze Reihe von Patienten im Krankenhaus erkannte Don Ernesto auf Anhieb und rief seinen Namen, als er mit Gómez durch die kahle Station im Erdgeschoss mit dem abgewetzten Linoleumboden und den durch Wandschirme getrennten Betten ging. Jesús Villarreal lag in einem der beiden Einzelzimmer am Ende der Station. Gómez trat ein, ohne anzuklopfen. Nach einer Minute kam er wieder heraus und wischte sich die Hände mit einem Desinfektionstuch ab. Erst als er Don Ernesto zunickte, ging dieser hinein. Jesús Villarreal lag im Bett, ein verschrumpelter alter Mann, bei lebendigem Leib gefangen in einem Käfig von Schienen und Schläuchen. Er zog sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht. »Sie waren schon immer ein vorsichtiger Mensch, Don Ernesto«, sagte Jesús Villarreal. »Lassen Sie jetzt sogar die Sterbenden durchsuchen? Sie schicken den Dicken vor, damit er Leute in ihren Betten befummelt?« Der Don lächelte ihn an. »Sie haben in Cali auf mich geschossen.« »Das war geschäftlich. Außerdem haben Sie zurückgeschossen«, sagte Jesús. »Ich halte Sie immer noch für einen gefährlichen Mann, Jesús. Betrachten Sie das als Kompliment. Das ist kein Hindernis für freundschaftliche Beziehungen.« »Sie sind ein Erzieher, Don Ernesto, ein Pädagoge. Sie lehren die hohe Kunst des Stehlens. Freundschaft steht bei den Ten Bells nicht auf dem Lehrplan.« Don Ernesto musterte Jesús, der verschrumpelt in seinem Krankenhausbett lag. Ohne den alten Mann aus den Augen zu lassen, legte er den Kopf zur Seite und drehte ihn wie eine Krähe, die eine Beere auf dem Boden mustert. »Ihre Zukunft ist kurz, Jesús. Sie haben mich gerufen, und ich bin gekommen, weil ich Sie respektiere. Sie waren Pablos rechte Hand, Sie haben ihn nie verraten, und trotzdem hat er Ihnen nichts hinterlassen. Nutzen wir die Zeit, die Ihnen noch bleibt, und reden wir wie Männer.« Der alte Mann nahm ein paar Atemzüge aus der Sauerstoffmaske, zusätzlich zu dem Schlauch in seiner Nase. Er sprach abgehackt. »1989 habe ich in meinem Trawler, unter Eis versteckt, Gold für Pablo nach Miami geschafft. Eine halbe Tonne Gold – und ganz obendrauf ein paar Zackenbarsche und jede Menge Sträflings-Meerbrassen. Dreißig Goldbarren in Good-Delivery-Qualität zu je vierhundert Troy-Unzen, mit eingegossenen Nummern. Außerdem fünfundzwanzig Kilobarren, in der flachen Form, aber aus Industriegold von den Minen bei Inirida. Und eine große Tasche mit Tola-Barren mit einem Gewicht von einhundertsiebzehn Gramm, wie viele weiß ich nicht.« Jesús ruhte sich eine Minute lang aus, saugte Luft ein. »Sechshundert Kilo Gold. Ich kann Ihnen sagen, wo es ist. Wissen Sie, wie viel sechshundert Kilo Gold wert sind?« »Rund fünfundzwanzig Millionen US-Dollar.« »Was geben Sie mir dafür?« »Was wollen Sie?« »Geld und Sicherheit für Adriana und den Jungen.« Don Ernesto nickte. »Claro. Sie wissen, dass Sie sich auf mein Wort verlassen können.« »Bei allem Respekt, Don Ernesto, ich liefere nur gegen Bares.« »Und ich wüsste bei allem Respekt sehr gern, wem außer Hans-Peter Schneider Sie diese Informationen noch verkauft haben.« »Es ist zu spät für uns, Katz und Maus zu spielen«, sagte Jesús. »Er hat den Tresor mit dem Geld bereits gefunden. Er kann ihn aber nur öffnen, wenn ich ihm sage, wie, wenn ihm was an seinem Leben liegt. Vielleicht versucht Hans-Peter Schneider, das Ding an einen abgelegenen Ort zu schaffen.« »Könnte er den Transport überleben?« »Eher nicht.« »Hat es einen Quecksilberschalter? Explodiert das Ding, wenn man es bewegt?« Jesús Villarreal schürzte nur die Lippen. Sie waren rissig, und die Bewegung schmerzte. »Sie können mir sagen, wie man den Tresor öffnet«, sagte Don Ernesto. »Ja. Für den Augenblick erzähle ich Ihnen, was man besser nicht versucht, und wenn Sie mit Barem in der Hand kommen, reden wir darüber, was funktioniert.« 11 Staub, den der Wind von Afrika herübergetragen hatte, färbte die Morgenröte in Miami rosa. Am Ufer jenseits der Biscayne Bay flammten die Fenster orange auf, als sich die Sonne aus dem Meer erhob. Hans-Peter Schneider und Felix standen auf der Terrasse des Escobar-Hauses neben dem Loch im Rasen. Umberto hatte es mit Pickel und Schaufel vergrößert. Aus der Finsternis unten drangen saugende Geräusche. Wenn die See durch die Öffnung unter der Ufermauer in die Höhle unter ihnen pulsierte, strömte ein fauliger Geruch aus dem Loch. Sie wandten die Gesichter ab, um dem Gestank zu entgehen. Bobby Joe und Mateo holten Ausrüstung aus dem Poolhaus. Eine Staffelformation Pelikane flog auf dem Weg zur Fisch-Treibjagd über sie hinweg. »Wie zum Teufel soll ich wissen, was Jesús Don Ernesto erzählt hat?«, fragte Schneider. »Ob wir das Zeug vorne oder hinten rausholen, ist mir so was von egal. Was ist mit dem Typen in Lauderdale?« »Clyde Hopper, der Ingenieur«, sagte Felix. »Die Ausrüstung hat er, aber er will die Sache persönlich mit uns besprechen. Bei einem Treffen auf der Jacht.« »Ist seine Nummer hier gespeichert?«, fragte Hans-Peter. Er tippte mit der Handfläche auf das blaue Wegwerf-Handy aus dem Kofferraum von Felix’ Auto. »Was ist das? Weiß ich nicht«, sagte Felix. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Das ist das Handy aus Ihrem Kofferraum. Sagen Sie mir den Code, um das Ding zu entsperren, sonst bläst Bobby Joe Ihnen das Gehirn raus.« »Stern 6969. Ich hab das nur, damit meine Frau nichts merkt, wenn ich mit meiner Freundin rede, Sie wissen schon …« Hans-Peter schürzte die Lippen, als er den Code eintippte und bestätigte. Das Mobiltelefon konnte er sich später noch ansehen. »Verstehe. Vielleicht müssen wir das Scheißding ja gar nicht rausholen. Vielleicht können wir es von hinten knacken. Wir steigen in das Loch ein und sehen es uns an.« »Wer steigt in das Loch?«, fragte Felix. Hinter Felix standen Bobby Joe und Mateo. Umberto war auch wieder da und hatte ein Klettergeschirr mitgebracht. Das Seil, an dem das Geschirr befestigt wurde, lief durch eine Riemenscheibe an einem großen Ast des Meertraubenbaums über dem Loch und führte zu einer Winde mit Handkurbel, einer Hebevorrichtung, die eigentlich für Särge benutzt wurde. Bobby Joe hielt Felix das Geschirr hin. »Anziehen«, sagte Schneider. »Das war nicht abgemacht«, protestierte Felix. »Wenn mir was zustößt, kriegen Sie Ärger mit meiner Firma.« »Ich bestimme, was abgemacht ist«, sagte Schneider. »Denken Sie, Sie sind der Einzige in Ihrer Firma, der die Hand aufhält?« Bobby Joe schnallte Felix im Geschirr fest und hakte es am Seil ein. Felix küsste ein Medaillon, das er um den Hals trug. Hans-Peter stellte sich ganz dicht vor ihn, um den Geruch der Angst zu genießen, bevor die Maske Felix’ Gesicht verdeckte. Es war eine Atemschutzmaske mit zwei großen Kohlefiltern, die auf den Wangen auflagen, und einer Kopfhalterung mit Videokamera und Stirnlampe. An seinem Geschirr waren eine große Taschenlampe und ein sperriges Holster befestigt. Felix war mit einem Mikrofon verkabelt. Durch die Filter der Maske bekam er nur schwer Luft. Oben am Himmel zogen Vögel vorüber, Krähen, die einen Falken piesackten. Felix sah auf und dachte: Ich liebe den Himmel. Der Gedanke war ihm nie zuvor gekommen. Die Knie wurden ihm weich. »Gebt mir eine Waffe«, sagte er. Bobby Joe steckte einen großen Revolver in das Holster und schloss die Klappe darüber. »Nimm die Waffe erst in die Hand, wenn du unter der Oberfläche bist«, sagte er. Sie ließen Felix in das Loch hinunter. Die Luft unter der Oberfläche an seinen Beinen fühlte sich warm an. Er drehte sich ein wenig am Seil. Sobald sein Kopf unter dem Gras verschwand, konnte er kaum noch etwas erkennen. Das durch das Loch fallende Tageslicht wurde vom rauen Beton der Ufermauer fast nicht reflektiert. Aus dem Dämmerlicht wurde weiter hinten in der Höhle schwarze Finsternis. Der Abstand zwischen Wasseroberfläche und Decke schwankte zwischen 1,20 Meter und 1,80 Meter, je nachdem wie das Wasser in die Höhle schwappte. Als Felix bis zur Taille im Wasser stand, berührte er mit den Füßen den Boden. Das Wasser stieg von seiner Hüfte bis zu seiner Brust, um dann wieder zu sinken. Die schlangenhaften Wurzeln des Meertraubenbaums ragten durch die Decke nach unten. Sie waren zu starr, um sie zur Seite zu schieben. Das Licht von Felix’ Lampe wurde vom Wasser reflektiert und ließ die Wurzeln riesenhafte Schatten werfen. An einigen Stellen sah er die Unterseite der Betonterrasse und die über ihm hängende Erde. Hans-Peter Schneider beobachtete alles auf einem Laptop, Felix’ Stimme drang blechern aus den Lautsprechern. »Der Grund ist ziemlich eben, ich kann hier gehen. Das Wasser reicht mir bis zur Brust. Mist, das ist ja ein halber Hund!« »Alles in Ordnung, Felix. Sehen Sie sich endlich diesen Scheißwürfel an«, sagte Schneider. »Machen Sie schon.« Felix arbeitete sich langsam zum hinteren Teil der Höhle vor. Die Pfeiler, die die Terrasse trugen, umgaben ihn wie die Säulen eines versunkenen Tempels. Ihm brach der Schweiß aus. Die Lampe auf seinem Kopf erreichte das abfallende Ufer und wurde von Metall reflektiert. Seine große Taschenlampe zeigte ihm einen mit Knochen übersäten Strand; neben den Knochen lag ein einzelner menschlicher Schädel. Der Würfel war tatsächlich groß. »Es ist ein Kasten, der höher als breit ist. Stahl-Diamantplatten wie bei einem rutschsicheren Bodenbelag. Die Kanten sind verschweißt.« »Wie groß?«, fragte Schneider. »Wie ein Kühlschrank, größer, wie eine Kühlvitrine.« »Irgendwelche Halteösen? Griffe?« »Ich kann keine sehen.« »Gehen Sie näher ran und sehen Sie sich das Ding an.« Ein Fauchen hinter Felix. Er drehte sich nach dem Geräusch um. Konzentrische Ringe kleiner Blasen stiegen auf und bildeten ein nach vorne schmaler werdendes Rechteck. Felix rettete sich ans Ufer. »Keine Griffe, keine Halteösen, keine Tür, kein Deckel. Alles kann ich nicht sehen, manches ist von Erde verdeckt.« Ein Fauchen, und Felix schwang die Lampe herum. Ein Paar roter Augen funkelte im dunklen Wasser. Er feuerte den Revolver in Richtung der Augen ab, und sie verschwanden. »Ich komme hoch, ich komme hoch.« Er watete hastig zurück zu dem Loch in der Höhlendecke. »Zieht mich rauf! Na los, zieht mich rauf.« Die Winde drehte sich, das Seil vor ihm bewegte sich, hob sich tropfend aus dem Wasser. Die Winde zog die überschüssige Länge ein, und Felix stieg bereits in die Höhe, als er von einem gewaltigen Schlag zur Seite und zurück ins Wasser geschleudert wurde. Die Taschenlampe flog ihm aus der Hand, der Revolver feuerte einen Schuss gegen die Decke. Oben im Garten ratterte die Winde zurück, der Griff knallte Bobby Joe gegen Hände und Arme, das Seil spulte surrend ab und verschwand blitzschnell unten im Loch. Unten in der Höhle schnalzte das Seil durch das Loch unter der Ufermauer nach draußen, spannte sich mit einem hellen Klang, dass das Wasser spritzte. Dann fiel es schlaff auf den Höhlenboden. »Zieht ihn hoch!«, brüllte Schneider. Auf dem Laptop sah Schneider durch Felix’ Kopfkamera den Meeresboden vorübergleiten, der immer wieder vom Licht der Grubenlampe erhellt wurde. Mateo und Umberto waren mit der Winde zugange und zogen das Klettergeschirr hoch. Als es aus dem Loch kam, hing die untere Hälfte von Felix darin, sein Unterleib und die Beine, drapiert mit rosafarbenen und grauen Darmschlingen. In der Ferne, draußen in der Bucht, brach Felix’ Hand durch die Oberfläche und durchtrennte mit einer kleinen Welle das Wasser, bevor sie in die Tiefe gezogen wurde und nicht mehr zu sehen war. Die Männer schwiegen einen Augenblick. »Verdammt, das war mein Revolver«, sagte Bobby Joe. Umberto probierte Felix’ Hut und Sonnenbrille auf. »Was ist mit dem Haus?«, fragte er. Hans-Peter nahm ihm die Sonnenbrille ab. »Ich kenne jemanden in Felix’ Büro, der die Sonnenbrille schon immer haben wollte«, sagte er. »Den Hut kannst du behalten.« 12 Am frühen Morgen rieb Cari Karotten für die scharfe Soße, die salsa picante, die Julieta auf dem Bauernmarkt verkaufte. Der große weiße Kakadu schimpfte auf seiner Stange vor sich hin, weil ihn die krähenden Hähne in der Nachbarschaft ärgerten. »Chupa huevos«, sagte der Vogel. Schwanzlutscher. Wie Cari war auch Julieta als ambulante Pflegehelferin ausgebildet. Praktisch, jetzt wo Julietas Mutter, die keine Krankenversicherung hatte, ein Pflegefall war. Sie hatten Julietas kleine Wohnung mit überdimensionierten nordamerikanischen Möbeln eingerichtet, ein Geschenk der Familien von Patienten, die sie bis zum Tod gepflegt hatten. Die Familien der Kranken mochten die beiden jungen Frauen; sie waren fröhlich, stark genug, die Patienten zu heben, und ertrugen alles, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Die Möbel waren bequem, standen ihnen in der kleinen Wohnung aber ständig im Weg. Im Wohnzimmer hing ein schönes Plakat, das ein Konzert in Tel Aviv im Jahr 1958 ankündigte, im Gang zeigte ein Foto Julieta im Bikini, als sie zur Miss Hawaiian Tropic gekrönt wurde. Hinten aus dem Schlafzimmer rief Julieta nach Cari, wobei sie das Weinen des Säuglings übertönen musste. »Cari, kannst du bitte eine Flasche warm machen?« Caris Handy klingelte. Sie musste sich die Hände an ihrer Schürze abtrocknen, um es aus ihrer Handtasche zu angeln. Es war Antonio. Er saß in seinem Pick-up. »Cari, hör mir zu. Hättest du Lust, heute vierhundert Dollar zu verdienen?« Eine Sekunde lang hielt er das Handy auf Abstand von seinem Ohr. »Wie bitte? Pardón, Señorita, das ist kein unmoralisches Angebot. Negocio legítimo, totalmente. Ein absolut sauberes Geschäft. Tu sabes que soy un hombre de mi palabra. Du weißt, dass ich zu meinem Wort stehe … Aber du musst mir helfen, Cari. Heute am späten Nachmittag sehe ich mich unter … Du weißt schon, ich sehe mich nur um. Komm und hilf mir.« 13 Angesichts der Aussicht auf einen lukrativen Job ließ sich Cari nicht lumpen: Statt mit dem Bus zu fahren, gönnte sie sich eine UberX-Fahrt nach North Miami Beach, die sie 9,21 Dollar kostete. Das Haus befand sich in der Nähe des Snake Creek Canal in einem Viertel mit gepflegten Häuschen, für die ihre Besitzer hart hatten arbeiten müssen. Die meisten Familien hatten es geschafft, in ihrem Garten einen Mango- und einen Papayabaum zu pflanzen, vielleicht auch eine Meyer-Zitrone. Das betreffende Haus war als einziges in schlechtem Zustand. Ein Rechtsstreit um eine Zwangsversteigerung mit der Bank, in deren Verlauf der Eigentümer mitten in der Nacht von der Einwanderungsbehörde aus dem Bett geholt und abgeschoben worden war. Es stand seit fünf Jahren leer. Jede Partei hinderte die Gegenseite daran, das Anwesen instand zu halten. Im Garten stand zwar ein Mangobaum, aber er kümmerte vor sich hin und musste dringend zurückgeschnitten und gedüngt werden. Cari hatte das Haus vor Monaten entdeckt und sich die Kontaktdaten von dem Schild im Vorgarten aufgeschrieben. Bei ihrem ersten Besuch war sie von einem desinteressierten Bankmenschen begleitet worden. Er hatte sie ins Haus gelassen, war aber selbst im Auto geblieben, wo er sich eine Schokomilch aus dem Supermarkt einverleibte und mit blassen weichen Fingern auf dem Lenkrad herumtrommelte. Seinem Chef hatte er bereits gesagt, Cari habe nicht die geringste Aussicht, eine Hypothek zu bekommen. Er hupte, um sie zur Eile zu bewegen. Diesmal kam Cari allein. Sie hatte Obstbaumdünger aus dem Baumarkt dabei. Das Tor zum Garten neben dem Haus hing durch und war nicht abgeschlossen. Sie stieß es auf. Cari setzte sich auf eine Plastik-Milchkiste im verwilderten Garten des leer stehenden Hauses und betrachtete den Mangobaum. Sie legte die Hand an den Stamm. Die Brise berührte ihr Haar und säuselte im Mangobaum. Sie verteilte den Dünger, wobei sie darauf achtete, dass nichts davon auf dem Stamm landete. Mangobäume vertragen keinen Dünger auf dem Stamm. Die Frau aus dem Haus nebenan hatte das Knarren des Tors gehört und beobachtete Cari durch ein Loch unten im Zaun. Als sie sah, wie Cari den Mangobaum düngte, entspannten sich ihre Züge. Die Frau kam herüber und bot Cari ihre Leiter an, falls sie sich auf dem Dachboden umsehen wolle. Cari ging ins Haus. Die Sonne schien durch ein Loch in der Decke ins Schlafzimmer. Das Kinderzimmer war nur halb gestrichen, eine Wand ganz, aber an der zweiten Wand wurde die Farbe immer weniger, bis nur noch ein eingetrockneter Pinsel auf dem Boden davon zeugte, wo der Maler seine Flasche Fusel geleert hatte. Die leere Flasche lag neben dem Pinsel auf dem verfilzten, Falten werfenden Teppich. Die Fliesenböden im Haus waren in gutem Zustand. Es gab ein paar Schmierereien. »OGALVY KANN MICH AM ARSCH LECKEN« stand in Augenhöhe eines Kindes an einer Innenwand, neben einer obszönen Zeichnung, die vermutlich Ogalvy mit Eselsohren zeigte, aber auf dem Boden lagen keine Crackphiolen oder Essensverpackungen herum. Hinter der Trockenbauwand, die kräftige Regenspuren zeigte, schimmelte es, dem Geruch nach zu urteilen. Die Toilette wackelte. Cari fand das Haus traumhaft. Auf dem Dachboden sah es schlecht aus. Einige Träger faulten. In der Ecke über der Küche befand sich ein Nest aus Gras und Dämmmaterial. Cari kniete sich auf die Balken und inspizierte das verlassene Nest. Eine Ratte? Nein, eindeutig ein Opossum. Der Bau wies den typischen Seitenausgang zusätzlich zum Haupteingang vorn auf. Cari hatte aus Opossums schon Suppe gekocht, wenn es nichts zu essen gab. Im Dschungel hatte sie gelernt, Feldrattensuppe als Mittel gegen Keuchhusten herzustellen, und festgestellt, dass das Rezept mit Opossums fast identisch schmeckte und als Medizin genauso wirkungslos war. Cari verstand sich auf viele Dinge. Sie hatte keinerlei Erfahrung damit, Dachträger und Dachschindeln zu ersetzen. Aber sie wusste, dass sie es lernen konnte. Obwohl die Sonne schien, prasselte ein Schauer auf das Haus, trommelte und knatterte auf das Dach direkt über ihrem Kopf, während sie auf den Balken kniete. Der Regen rauschte durch das Loch im Dach, eine im hellen Sonnenlicht glitzernde Säule, die sich ins Haus ergoss. Sie hielt ihre Hand in den Regen, als könnte sie ihn so zurückhalten. Binnen Minuten war der Schauer vorbei. Cari ging nach draußen in den dampfenden Garten und hielt nach einem Regenbogen Ausschau. Ihre Hoffnung erfüllte sich. Die Nachbarin war winzig und verschrumpelt. Sie hieß Teresa und war schon alt gewesen, als sie von der Kanareninsel La Gomera nach Amerika kam. Sie sparte Handyminuten, indem sie sich mit ihrer Schwester, die zwei Häuserblocks entfernt wohnte, in der Pfeifsprache Silbo Gomero verständigte. Teresa bot Cari zwei Mangos von ihrem Baum an. Sie überreichte sie ihr in einer grell orangefarbenen Tüte des Supermarkts Sabor Tropical. Wie Teresa ihr ungefragt erklärte, bevorzugten die Nachbarn mit kubanischen Wurzeln, wie die Vargas, deren Sohn Zahnmedizin studiere, vor allem die Prieto-Mango. Bei den gebürtigen Haitianern, wie den Toussaints an der Ecke, deren Tochter demnächst das Jurastudium beginne, erfreue sich die Madame-Francis-Mango besonderer Beliebtheit. Dagegen hielten die Vidyapatis mit dem Haus am Ende der Straße, eine Hindu-Familie von Buchmachern aus Indien, deren Sohn an der University of Miami Medizin studierte, große Stücke auf ihre Neelam-Mango. Die Jamaikaner behaupteten hartnäckig, die Julie-Mango sei die beste; dazu zähle die Familie Higgins, deren Tochter mittlerweile Apothekerin sei. Die Chinesen könnten sich nicht entscheiden und verwendeten in ihrem Restaurant Canton in der 163rd Street alle Arten von Mangos, gemischt mit Lychees. Ein Sohn von ihnen, Weldon Wing, habe bei der älteren Generation als Einfaltspinsel gegolten, weil er die ganze Zeit singe und bei Karaokeabenden unter dem Namen »Love-Jones« als Rapper auftrete. Aber Weldon alias Love-Jones sei in der Achtung der Familie rasch gestiegen, als er Franchisenehmer eines Popeyes-Fast-Food-Restaurant geworden sei, was die Nachbarin, wie in Miami üblich, Po-payes aussprach. Aus der Ferne war deutlich ein dünnes Pfeifen zu vernehmen. Es hielt mehrere Sekunden an und wechselte dabei immer wieder die Tonhöhe. »Also so was«, sagte die Nachbarin. »Ob ich Staubsaugerbeutel habe!« Sie steckte zwei Finger in den Mund und pfiff eine Tonfolge, so laut, dass Cari zurückwich. »Der habe ich aber die Meinung gesagt«, verkündete die winzige Frau. »Ständig borgt sie sich von mir Staubsaugerbeutel. Ich habe ihr vorgeschlagen, sie soll zum Walmart gehen, da gibt es die nämlich zu kaufen. Sie wollen das Haus? Ich werde für Sie beten. Ich kann durch das Guckloch im Zaun Wasser auf den Mangobaum spritzen.« 14 Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang bog Antonios Poolservice-Pick-up in eine Einfahrt, die vielleicht einhundertfünfzig Meter von der Escobar-Villa entfernt war. Am Steuer saß Cari Mora. »Ich kümmere mich jede Woche um den Pool«, sagte Antonio. »Die Eigentümer kommen frühestens Ende September nach Miami Beach zurück.« Er stieg aus und gab den Code am Tor ein. Das Tor schwang sehr langsam auf, fand Cari. Sie wollte Antonio nach dem Code fragen, für den Fall, dass sie es ohne ihn öffnen musste, traute sich aber nicht. Er sah es ihrem Gesicht an. »Von innen geht es auf, wenn man dicht genug heranfährt.« Er winkte sie herein. Sie wendete den Pick-up im Hof, bis er in Fahrtrichtung zum Tor stand. »Warte hier, bis du mich siehst oder ich dich rufe.« Sie stieg aus und stellte sich neben ihn. »Was ist, wenn du in Schwierigkeiten gerätst? Ich kann dir helfen. Ich kann mit dir schwimmen. Wenn wir die Pistole in den Ziploc-Beutel stecken, kann ich unter dem Anleger am Nachbargrundstück warten und dir Deckung geben. Ich könnte sie von der Ufermauer fernhalten, falls sie dich sehen.« »Nein«, sagte Antonio. »Danke, Cari, aber ich habe dich um Hilfe gebeten, deswegen machen wir es so, wie ich sage, okay?« »Antonio, es ist besser, wenn ich dir Deckung gebe.« »Tust du, was ich sage, Cari, oder willst du lieber nach Hause gehen? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, ich kümmere mich um meine. Bleib beim Pick-up. Hör zu: Falls ich da drüben aus dem Wasser muss, rufe ich dich an.« Er hielt ein Mobiltelefon in einem Ziploc-Beutel in die Höhe. »Wenn ich nicht allein auf der Straße bin, sei schnell. Dann hältst du mit der Ladefläche neben mir, und ich springe auf. Du gibst Gas und schaffst uns da raus. Keine Sorge. Ich bin in spätestens dreißig Minuten wieder da.« Er holte die Taucherausrüstung von der Ladefläche des Pick-ups. Cari war die Farbe ins Gesicht gestiegen. Er sah sie an und holte einen Umschlag aus dem Handschuhfach. »Das sind die Karten für Juanes im Hard Rock Café. Wenn du nicht mit dem bösen alten Antonio gehen willst, nimm deine Cousine mit.« Er zwinkerte ihr zu, ging um das Haus herum und verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen. Im Schutz einer Hecke setzte Antonio Sauerstoffflasche und Taucherbrille auf. In der Ferne sah er Rauch von den Honeymoon-Schiffen im Government Cut Canal aufsteigen. Ihm war noch heiß von Caris Nähe, und er überlegte, ob die Maschinen der Schiffe vielleicht stillstanden und der Qualm aus den Schlafzimmern der Hochzeitsreisenden kam. Der Himmel im Westen färbte sich leuchtend orange. Das vom Wasser zurückgeworfene Licht malte Flecken von der Größe seiner Hand auf die Unterseite der Meerestraubenbäume. Antonio stieg die Leiter am Anleger des unbewohnten Hauses hinunter und ließ sich ins Wasser gleiten. Er spuckte in die Taucherbrille und verrieb den Speichel. Die Kamera hatte er mit einem Riemen am Handgelenk befestigt. Er schwamm einhundertfünfzig Meter unter den Anlegern an der Ufermauer entlang und hielt sich dabei in einer Tiefe von knapp zwei Metern unter der Oberfläche. Unter dem Anleger neben dem Escobar-Haus tauchte er wieder auf. Das vom Wasser zurückgeworfene Licht der untergehenden Sonne ließ Lichtflecken unter dem Anleger tanzen. Er musste sich vor Nägeln hüten, die durch die Bretter nach unten ragten. Eine Spinnwebe verfing sich in seinem Haar. Er tauchte einen Augenblick unter, für den Fall, dass die Spinne auf seinem Kopf saß. Grasteppiche, die mit Styroporbechern und Wasserflaschen aus Plastik durchsetzt waren, zwischen denen ein Palmwedel von der Länge eines Alligators wippte, glitten auf den Wellen an ihm vorbei. Der Deckel einer Kühlbox, unter dem mehrere kleine Fische Schutz gesucht hatten, trieb vorüber. Im Keller des Escobar-Hauses waren Schleifarbeiten im Gang. Mateo und seine Leute schälten Gips und Zement von der Kellerwand. Es war eine elende Plackerei. Presslufthammer, Meißel, Brechstangen und eine Säbelsäge waren im Einsatz. Dichter Staub hing in der Luft. Hans-Peter Schneider sah von der Treppe aus zu und fuhr sich mit einem bestickten Taschentuch über den bleichen Schädel. Sie hatten oben angefangen und nach einem halben Tag so viel freigelegt, dass zunächst ein Heiligenschein und dann das Gesicht einer Heiligenfigur sichtbar wurden, einer Frau, die auf die Landseite des Würfels aufgemalt war. Die Figur blickte sie über den bröckelnden Gips und Zement hinweg an. Mateo erkannte sie. Er bekreuzigte sich. »Nuestra Señora de la Caridad del Cobre«, sagte er. Im Garten an der Wasserseite des Escobar-Hauses musste Bobby Joe die Hand über die Augen halten, um sie vor der untergehenden Sonne zu schützen, wenn er über das Wasser in Richtung Westen sehen wollte. Über ihnen zogen Ibisschwärme dahin, auf dem Heimweg zu ihrem Brutplatz auf Bird Key. Bobby Joe schoss ein paarmal mit einem Luftgewehr nach den Schwärmen, in der Hoffnung, eine Schwinge zu brechen, damit er einen Vogel zum Spielen bekam, traf aber nichts. Auf dem Balkon oben saß Umberto auf einem Stuhl. Die Unterarme hatte er auf das Geländer gestützt, das AR-15 lag neben ihm. Die untergehende Sonne ließ das Haus orange erglühen, und die Wolken fingen an aufzuleuchten. Bobby Joe versuchte, mit der Armbrust einen Fisch zu schießen, aber er tauchte unter dem Grasteppich weg. Bobby Joe verfluchte die Sonne, die ihn blendete. Unter dem schwimmenden Grasteppich näherte sich Antonio der Escobar-Ufermauer. Er nutzte den Schatten, den das Gras auf seinem Weg auf den rauen Geröll- und Schlickgrund warf, und hielt sich in einer Tiefe von knapp zwei Metern. Ein Schwarm Meeräschen passierte ihn, dunkelsilber im Schatten und hellsilber, sobald sie wieder in das Sonnenlicht eintauchten. Zwei Kormorane schwammen auf der Jagd nach den Fischen pfeilschnell über ihn hinweg. Eine große Jacht rauschte etwa fünfzig Meter vom Land entfernt durch die Bucht, fuhr viel zu schnell durch das Manati-Gebiet und verursachte eine gewaltige Kielwelle. Auf dem Vorderdeck sonnten sich mehrere Mädchen, eines auf dem unteren Teil des Achterschiffs. Die Mädchen auf dem Vorderdeck trugen nur Bikinihöschen und zeigten ihre Brüste. Umberto beobachtete sie vom Balkon aus. Mit der einen Hand stellte er das Fernglas auf die Mädchen ein, mit der anderen rieb er sich das Geschlechtsteil. Er pfiff, um Bobby Joe aufmerksam zu machen. Unter Wasser hörte Antonio das Dröhnen des Bootes und klammerte sich an den abfallenden Meeresgrund. Die Welle erfasste ihn und riss ihn mit. Der Grasteppich hob und senkte sich, wie unter einem gigantischen Teppichklopfer. Eine von Antonios Schwimmflossen durchstieß die Oberfläche und ragte aus dem Gras. Umberto sah die Flosse, pfiff erneut auf zwei Fingern, um Bobby Joe zu alarmieren, und deutete mit dem Finger. Dann sprach er in ein Funkgerät. Er griff nach dem Sturmgewehr und rannte zur Treppe. Bobby Joe pinkelte gerade von der Ufermauer, in der Hoffnung, dass ihn die Mädchen sahen. An seinem Hosenschlitz herumfummelnd, sprang er auf den Boden. Unter Wasser näherte sich Antonio dem Loch unter der Ufermauer, das jetzt deutlich zu sehen war. Schlick und Sand wurden von der Strömung aufgewirbelt, wenn das Wasser durch das Loch vor und zurück pulsierte, und das Seegras in der Nähe wogte. Das Loch war tatsächlich groß, breiter als hoch, und gähnte schwarz. Davor wuchs ein orangefarbener Schwamm. Antonio machte ein paar Bilder. Dann sah er die Bahnen der Kugeln im Wasser, die dicht an ihm vorbeizischten. Umberto und Bobby Joe standen auf der Ufermauer. Sie gaben mehrere Salven in den Grasteppich ab. Fächerförmig zischten die Kugeln durch das Wasser, der Lademechanismus der Gewehre klackte lauter als die schallgedämpften Schüsse. Bobby Joe rannte nach seiner Armbrust. Antonio blutete aus dem Bein. Im Wasser stieg eine blutrote Wolke auf, die sich schnell grau färbte. Vor ihm gähnte das Loch. Kugelspuren im Wasser. Er drehte sich seitlich zur Ufermauer, um möglichst weit unten zu bleiben. Auf der Ufermauer sah Bobby Joe Luftblasen durch das Gras aufsteigen. Beglückt zielte er mit der Armbrust und feuerte. Das am Bolzen befestigte Seil spannte sich, Wasser spritzte auf. Antonios Flossen bewegten sich nicht mehr. Über ihm hob und senkte sich der Grasteppich mit dem Wellengang, hob und senkte sich, als wäre er Antonios Brust. Cari wartete einhundertfünfzig Meter weiter im Pick-up und starrte wie gebannt auf ihre Uhr. Nach vierzig Minuten rief sie Antonios Handy an. Antonio antwortete nicht. Sie rief erneut an. Im Poolhaus der Escobar-Villa lag auf einem Tisch neben einer klebrigen Säbelsäge ein Handy in einem blutverschmierten Plastikbeutel. Das Handy summte und rutschte im Beutel hin und her. Bobby Joes blutige Hand griff nach dem Handy. Er fischte es mit zwei Fingern aus dem Beutel und nahm den Anruf an. »Hallo«, sagte Bobby Joe. »Antonio? Hallo?«, sagte Cari. »Hallihallo. Antonio ist verhindert«, sagte Bobby Joe. »Er hat gerade keinen Kopf für so etwas. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?« Bobby Joe legte lachend auf. Die Männer um ihn herum lachten auch. Bobby Joe wischte sich mit einem Poolservice-T-Shirt das Blut von den Händen. Obwohl die Sonne schien, ging ein kurzer Schauer über dem Pick-up nieder, dicke Tropfen prasselten auf das Dach. Der Regenbogen, der darauf folgte, war sofort verblichen. Im Pick-up saß Cari. Ihre Uhr tickte. Der zweite Zeiger ruckelte dahin, ohne wirklich zu ticken. Das Ticken war in ihrem Kopf. Der Wagen hatte Fenster zum Kurbeln, sie kurbelte sie nach unten. Die kühle feuchte Brise wehte durch die Kabine. Ihre Augen brannten, aber sie weinte nicht. Orangefarbener Jasmin wuchs an der Mauer um das Anwesen, an dem sie auf Antonio wartete. Dann verschwand das Bild, und sie sah ihren Verlobten tot im Auto, auf der Straße mit den Trauzeugen, und das Auto brannte, von den Mördern in Brand gesteckt. Die Nachbarn kamen zur Kirche, wo sie mit Jasmin in der Hand wartete. Sie kamen, um es ihr zu sagen, und sie lief zu ihnen, lief zu ihrem Verlobten. Der rothaarige Junge saß in einem weißen Spitzen-Leinenhemd am Steuer und war tot. Das Auto stand mitten auf der Straße, die Fenster waren durchsiebt von Einschusslöchern. Sie schlug mit einem Stein von der Straße ein Loch in das zerborstene Glas und versuchte, ihn herauszuziehen und in die Arme zu nehmen. Mutige Menschen in der Menge wollten sie wegziehen. Sie hielt sich an ihm fest, die Leute zogen, das Glas schnitt Furchen in ihre Arme, und dann explodierte der Benzintank und schleuderte sie durch die Luft. Das Blut trocknete braun auf ihrem Brautkleid. In ihrer Gürteltasche hatte Cari ein paar baleadas mit Fleisch und Käse, die sie mitgebracht hatte, falls sie und Antonio Hunger bekamen. Sie musterte die baleadas. Die gefüllten Tortillas waren noch warm und die Innenseite des Ziploc-Beutels beschlagen vom Dampf. Sie nahm die baleadas aus der Tasche und ließ sie auf den Boden des Pick-ups fallen. Dann griff sie unter den Sitz, holte die Sig Sauer .40 heraus und steckte sie in die Gürteltasche. Cari stieg aus dem Pick-up, atmete ein paarmal durch, als könnte ihr der Jasmin Kraft verleihen. Ihr drehte sich der Kopf. Sie ging die einhundertfünfzig Meter zum Eingangstor der Escobar-Villa zu Fuß. Dort holte sie einen Packen Prospekte und Werbesendungen aus dem Briefkasten. Sie würde sagen, sie sei wegen des Schecks gekommen. Am Fußgängereingang gab sie den Code ein. Zwischen der hohen Hecke und der Wand zum Nachbargrundstück befand sich ein schmaler Durchgang. Entlang der Wand verlief ein Kabelkanal mit Sicherungskästen für die Gartenbeleuchtung und die Bewässerungsanlage. Die Regentropfen in den Krabbenspinnennetzen fingen das Licht des roten Himmels ein und glühten über Cari, als sie dicht an der Wand unter ihnen hindurchging. In der Einfahrt klappte Mateo den dritten Sitz in Hans-Peters Cadillac Escalade um und legte die Ladefläche mit Plastiksäcken aus. Er sah Cari nicht. Sie hielt sich hinter der Hecke, bis sie den Garten am Wasser hinter dem Haus erreichte. Die Schwelle zum hell erleuchteten Poolhaus war von blutigen Schleifspuren verschmiert. Cari löste sich aus der Deckung und überquerte die offene Gartenfläche. Sie stieß die Tür zum Poolhaus auf. Sie sah Beine, Schwimmflossen. Auf einem Banketttisch lag eine Leiche. Die Flossen zeigten in ihre Richtung. Sie hatte Antonios Beine oft gesehen, wenn er am Pool arbeitete, und sich in ihren Gedanken durchaus mit ihnen beschäftigt. Das waren Antonios Beine. Das war Antonios Rumpf. Der Kopf fehlte. Sie sah sich auf dem Fußboden nach seinem Kopf um, aber dort hatte sich nur Blut zu einer dunklen Pfütze gesammelt, die an den Rändern bereits fest wurde. Ihr Gesicht war wie erstarrt, doch ihre Hände nicht. Sie legte vorsichtig eine Hand auf Antonios Rücken. Er war noch nicht kalt. Bobby Joe kam ins Poolhaus. Er schleppte eine Rolle Plastikplanen, Schnur und eine Heckenschere, um Antonios Finger abzuschneiden. Weil er an der Insektenschutztür hängen blieb, sah er Cari im ersten Augenblick nicht. Bobby Joe war vorne über und über mit Blut besudelt. Als er Cari entdeckte, ließ er die Folie fallen und grinste sie an. Seine gelben Augen saugten sich an ihr fest, verschlangen sie. Wenn er sie daran hindern konnte zu schreien, würde er es ihr ein paarmal besorgen, bevor die anderen etwas merkten und Hans-Peter darauf bestand, sie umzubringen. Es blieb genug Zeit, sie auszuschalten und sich einen Quickie zu gönnen, solange sie noch schön warm war. Sollten die anderen ruhig auf ihre Schwänze spucken und sie vögeln, wenn sie tot war, falls sie Lust darauf hatten. Ein angenehmer Schauer lief durch seinen ganzen Körper, während er mit erhobener Heckenschere einen großen Schritt in ihre Richtung tat. Sie schoss ihm zweimal in die Brust. Bobby Joe sah überrascht aus, bis sie ihm zwei Kugeln ins Gesicht jagte. Seine Beine zappelten noch, als sie über ihn stieg. Sie hörte Rufe aus dem Haus, stopfte die Waffe wieder in die Gürteltasche und hechtete elegant von der Ufermauer. Gras und Schaum wogten wie seifige Haut unter ihr, während sie dahinflog. Die Gürteltasche schlug gegen ihren Körper, als sie auf die Wasseroberfläche traf, Gras hängte sich in ihr Haar, als sie eintauchte. Durch das grüne Treibgut sah sie Bewegungen und schwamm mit aller Kraft, tauchte erst auf, als sie den Anleger nebenan erreicht hatte. Sie holte zweimal tief Luft und tauchte wieder ab. Durch das trübe Wasser erkannte sie eine lange, dunkle Gestalt, die sich bewegte, links unter ihr. Sie schwamm, so schnell sie konnte, aber die Gürteltasche behinderte sie. Als sie auftauchte, um Luft zu holen, wurde sie nach einem halben Atemzug am Knöchel gepackt. Sie wurde unter Wasser gezogen, hatte Gras im Gesicht und im Haar. Sie drehte sich, fuhr sich mit dem Arm über das Gesicht. Jemand hielt ihren anderen Knöchel fest und zog sie in die Tiefe. Sie musste atmen und kämpfte sich wieder nach oben. Wurde wieder nach unten gezogen. Sie wischte sich das Gras aus den Augen, ihre Brust hob sich krampfhaft, bald würde sie Wasser einatmen. Ein Flecken Licht zwischen den einzelnen Grassoden, und sie erkannte Umberto in Taucherausrüstung, breite Taucherbrille, Blasen stiegen auf. Er würde sie ertränken. Sie auf Abstand halten und ertränken, sie immer, wenn sie zu atmen versuchte, an den Knöcheln unter Wasser ziehen. Es gelang ihr, die Hand in die Tasche zu schieben. Er packte sie an den Knöcheln, und sie nutzte seinen Griff um ihre Beine, um sich wie ein Taschenmesser zusammenzuklappen. Wegen der Sauerstoffflasche konnte er sich nicht schnell genug umdrehen. Sie drückte die Tasche fest an seinen Körper und schoss zweimal durch den Stoff. Die Gase in seinem Körper explodierten wie ein Unterwasser-Bangstick. Sie stieß sich an seinem Körper ab, um aufzusteigen. Mit brennender Lunge durchbrach sie die Oberfläche, atmete Gischt und Luft ein, hielt sich hustend und keuchend an einer Leiter am Steg fest, schürfte sich die Hände an den Seepocken auf und rang nach Luft, rang immer wieder nach Luft. Bis zu dem Haus, wo der Pick-up parkte, waren es noch einmal hundert Meter. Zitternd saß sie im Wagen und krallte sich mit der Hand in den Stoff des Beifahrersitzes. Er fühlte sich an wie ein Spitzen-Leinenhemd, auf dem das Blut braun trocknet. Sie atmete keuchend die Luft ein, die schwer war vom Jasmin. Sie weinte nicht. 15 Cari Mora hatte zwei mit Fleisch und Käse gefüllte baleadas in einem Plastikbeutel, eine kleine Flasche Wasser und Antonios Sig Sauer P229, in der noch sieben Patronen steckten, sowie einen zusätzlichen Munitionsclip. Außerdem ihre Geldbörse mit einhundertzehn Dollar und ein Manikürset, mit dem sie sich im Bus immer die Nägel machte. Sie hatte ihren kurzen Sonnenschirm, dessen Schaft mit drei Bleischeiben verstärkt war, die von Chlortanks stammten. Antonio hatte die schweren ringförmigen Scheiben an dem Sonnenschirm befestigt, weil sie oft nachts an Bushaltestellen warten musste. Auf dem Parkplatz vor einer Ladenzeile säuberte Cari das Innere des Pick-ups. Als sie die Rückspiegel abwischte, sah sie sich selbst. In ihrem Gesicht konnte sie nichts lesen. Für den Fall, dass es Überwachungskameras gab, zog sie Antonios Kapuzenpulli über. Er roch nach Antonio – Mountain-Air-Deo und ein Hauch von Chlor. In der Tasche des Pullis steckten ein paar Kondome. Sie nahm das Heiligenmedaillon, das am Spiegel baumelte, und steckte es in die Tasche mit den Kondomen. Dann ließ sie den Pick-up stehen und nahm den Bus. Ein Genipbaum wuchs in der Nähe der Haltestelle, an der sie umsteigen musste. Der Eigentümer des Obstbaums hatte offenbar keine Ahnung, was da in seinem Garten stand, und wusste nicht, was er mit den auf dem Boden herumliegenden Früchten anfangen sollte. So etwas kam in Miami häufig vor. Genipfrüchte lagen im Gras hinter der Haltestelle und auf dem Gehsteig. Sie sah Mangos, die nutzlos auf dem Boden verfaulten, aber das war hinter einem Zaun, außer Reichweite. Cari sammelte zwei Handvoll der kleinen Früchte des Genipbaums ein und steckte sie in ihre Handtasche. Sie schälte eine davon und lutschte das saftige Fruchtfleisch von den Kernen. Es hatte den vertrauten bittersüßen Geschmack und die Beschaffenheit einer Lychee. Einmal klingelte ihr Handy. Jemand rief von Antonios Mobiltelefon an. Obwohl sie seinen Körper mit dem abgetrennten Kopf gesehen hatte, war sie versucht, den Anruf anzunehmen. Das Handy vibrierte in ihrer Tasche. Sein Mobiltelefon lebte noch. Es war nicht schlaff und still wie die Muskeln an seinem Rücken, auf die sie im Poolhaus die Hand gelegt hatte. Sie vergewisserte sich, dass die Standortübertragung ausgeschaltet war. Um bei Kräften zu bleiben, aß sie sechs weitere Früchte. Auf der langen Busfahrt zur Wohnung ihrer Cousine hatte sie Zeit nachzudenken. Wenn die Polizei nicht an der Escobar-Villa auftauchte, würde Hans-Peter Schneider wissen, dass sie sich nicht an die Behörden wenden konnte. Er würde glauben, dass sie zu den Ten Bells gehörte. Cari war überzeugt, dass Schneider sich erst mit ihr befassen würde, nachdem er sein Vorhaben erledigt hatte. Wenn ihm die Zeit genehm war, würde er sie töten oder an einen Ort ohne Wiederkehr verkaufen. Am späten Abend schloss sie die Hintertür des Wohnblocks nahe dem Claude Pepper Way auf. Caris Tante, ihre Cousine Julieta und das Baby schliefen. Sie rieb sich die Hände mit Zitronensaft ein und schrubbte sie. Dann setzte sie sich neben das Baby und lauschte auf seinen Atem. Als es in der Nacht unruhig wurde, nahm sie es auf den Arm und wiegte es. Ihre Cousine Julieta hörte es trotz aller Müdigkeit und wachte auf. »Ich mach das schon, bleib im Bett«, sagte Cari. Sie wärmte dem Baby ein Fläschchen. Als das Baby nass war, säuberte Cari es, puderte und wiegte es, bis es wieder eingeschlafen war. Spät in der Nacht ließ sie das Baby ihrer Cousine an ihrer Brust nuckeln, weil es unruhig wurde. Obwohl keine Milch kam, kuschelte sich das Baby mit dem Kopf an sie und beruhigte sich. Das hatte sie noch nie getan. Es nahm den Flashbacks von Bobby Joes Gesichtsausdruck, als sie ihn erschoss, die Schärfe. Bobby Joe auf dem Bauch liegend, mit zerschmettertem Hinterkopf und dem überstehenden Riemen hinten an seiner Kappe und den immer noch zappelnden Beinen. Während sie den Säugling wiegte, betrachtete sie den Fleck an der Decke, der die Form von Kolumbien hatte. Der Dichter hatte unrecht, dachte sie. Ein Baby ist mehr als »noch ein kleines Haus für den Tod«. No es sólamente otra casita para la muerte. Sie schloss die Augen. Hätte sie bloß darauf bestanden, Antonio zu begleiten. Wäre sie bloß mit ihm ins Bett gegangen, als sie Lust darauf hatte. Hätte sie doch kurzen Prozess mit diesem machista-Quatsch gemacht und darauf bestanden, mit ins Wasser zu gehen. Stattdessen hatte sie ihn in eine taktische Situation laufen lassen, die sie besser durchschaut hatte als er. Er war ein verdammter Marine. Er wusste es natürlich besser. Als zwölfjährige Kindersoldatin hatte Cari im Indoktrinierungsunterricht Strafpunkte bekommen, weil sie nicht aufpasste – der Unterricht kam ihr in etwa so sinnvoll vor wie Kindergottesdienst. Aber bei Taktik zeigte sie eine schnelle Auffassungsgabe. Für die FARC erwies sie sich als nützlich. Ihr waren die Verwundeten wichtig, und sie erlernte schnell medizinische Notfallmaßnahmen. Eine Hand auf der Wange eines Soldaten beruhigte den Kämpfer, wenn sie mit der anderen Hand ein Tourniquet anlegte. Sie verstand sich auf die Wartung von Waffen und Ausrüstung. Ihre Hauptaufgabe – häufig eine Strafe für ihre Aufmüpfigkeit – bestand darin, im Freien zu kochen: fünfundsiebzig-Liter-Kessel mit Eintopf, estofado de carne, wenn sie das Fleisch dafür hatten, die sie über offenem Feuer im Lager aus nackter Erde und getarnten Wellblechhütten zubereitete, wo ein Ire sie lehrte, wie man Mörser aus Gasflaschen baute, wie man Granaten mit einem Stolperdraht versah, und was zu tun war, wenn eine Mörserpatrone nicht zündete. Die Guerilla finanzierte sich durch Entführungen und Lösegelderpressung. Zu Caris Aufgaben gehörte es, sich um einen älteren Professor zu kümmern, den die FARC entführt hatten. Er war Naturforscher, Dozent und ehemaliger Politiker, ein Mann mit angegriffener Gesundheit aus einer reichen Familie in Bogotá. Drei Jahre lang kümmerte sie sich um ihn. Die FARC behandelten den alten Mann einigermaßen anständig, solange seine Familie zahlte. Sie gaben ihm Bücher, die aus den Plünderungen der Villen der Unterdrücker stammten, und Cari las ihm vor, wenn seine Augen müde waren und seine Brille zusammengeklappt in seiner Hemdtasche steckte. Die Bücher, die er haben durfte, waren unpolitisch, glaubten seine Entführer. Sie handelten von Poesie, Gartenbau und Natur. Das FARC-Lager war eine eigenartige Mischung aus Alt und Neu. Auf Befehl kochte Cari Feldrattensuppe als Heilmittel gegen Keuchhusten, aber der comandante besaß einen Laptop. Zu ihren Pflichten gehörte es, die Computerakkus aufzuladen. Dazu musste sie den schweren Akku zur nächsten Stromquelle schleppen oder in einem Kinderwagen dorthin befördern. Wenn die Quelle nah und ausreichend sicher war, erlaubten die Offiziere dem alten Naturforscher, sie bei ihren Erledigungen zu begleiten. An einem warmen Frühlingstag marschierte Cari, damals zwölf, mit dem entführten Professor auf einer unbefestigten Straße dahin. An den Straßenböschungen blühten die Blumen, Bienen schwirrten emsig über den Blüten. Sie gingen zur Krankenstation, um das Insulin für den Gefangenen abzuholen, das seine Familie den FARC zusammen mit einer hohen Geldsumme lieferte. Dazu mussten sie durch ein niedergebranntes Dorf, in dem sich vor Kurzem ein Massaker abgespielt hatte. Das Dorf hatte aufseiten der Paramilitärs gestanden. Sie blickten nicht in die Hütten, weil sie Angst vor dem Anblick hatten. Ein Geier flatterte und scharrte und hob mit viel Lärm von einem Wellblechdach ab. Bei einem Haus hatten die Bewohner versucht, ihre Habseligkeiten in den Hof zu ziehen. In den Büschen hatte sich ein Moskitonetz verfangen. Der alte Naturforscher betrachtete es einen Augenblick, sah die Blumen am Straßenrand an, dann zog er das Netz herunter und faltete es zusammen. »Ich glaube, das können wir mitnehmen, meinst du nicht?«, fragte er. Cari trug es, als er zu erschöpft dafür war. Am Nachmittag, nachdem Cari ihm eine Spritze gegeben hatte, musste der alte Mann einer Klasse junger Rekruten Darwin erklären. Die Lektion beinhaltete die Grundsätze der Evolution, die bei großzügiger Auslegung dafür herhalten konnten, den Kommunismus als Teil der natürlichen Ordnung zu bestätigen. Ein Aufseher saß daneben, um sicherzugehen, dass der Professor seine wahre Meinung nicht durchblicken ließ. Dann hatten sie frei, bis Cari das Abendessen für die Truppe kochen musste, capybara, Wasserschwein, wegen der Fastenzeit. Die FARC mussten ein wenig Religion erlauben, und capybaras gelten in der Fastenzeit nicht als Fleisch, weil der Vatikan entschieden hat, dass dieses Nagetier ein Fisch ist. »Ich will dir etwas zeigen«, sagte der Professor. »Lass uns das Moskitonetz in zwei Teile schneiden. Bitte hol die Hüte mit der umlaufenden Krempe und komm mit.« Der alte Mann schlenderte gemächlich durch den Wald hinter seiner Hütte. An einem Hang in der Nähe eines Bachs stießen sie auf einen Bienenstock in einem hohlen Baumstumpf. Cari und der Professor zogen die Netze über ihre Hüte und knöpften die Ärmel zu. Mit zu Streifen zerrissenen Lumpen banden sie ihre Hosen an den Knöcheln zusammen. »Wenn die Bienen zu nervös werden, können wir ein anderes Mal kommen und sie mit Rauch beruhigen«, sagte der Professor. Er war Hobbyimker gewesen, bevor die Entführung sein Leben über den Haufen warf. Die Bienen waren fleißig unterwegs. Cari und ihr Lehrer stellten sich dicht neben den Bienenstock, aber nicht zu dicht. »Ihre Pflichten verändern sich im Lauf ihres Lebens«, sagte der Professor. »Die Arbeiterinnen sind alle weiblich. Sie fangen damit an, die Zelle zu säubern, in der sie ausgebrütet werden. Dann reinigen und pflegen sie den Stock, danach nehmen sie den Bienen, die zu den Blumen fliegen, Nektar und Pollen ab, und zuletzt sammeln sie selbst, bis sie nicht mehr können. Manche dieser Sammlerinnen machen diese Arbeit noch nicht lange. Die Aufgabe ist neu und fremd für sie, deswegen kreisen manche einfach nur um den Eingang und prägen ihn sich ein, damit sie ihn wiederfinden. Siehst du die kleine Landefläche am Flugloch, wo die beladenen Bienen in den Stock zurückkehren? Die da haben auf den Wiesen gesammelt. Siehst du, wie das Empfangskomitee sie streichelt? Wenn eine neue Sammlerin auch nur mit ein wenig Pollen oder Nektar zurückkehrt, wird sie überschwänglich gelobt. Warum?« »Damit sie es wieder tut«, sagte Cari. »Ja«, erwiderte er. »Damit sie sich zu Tode schuftet, indem sie Vorräte für den Stock heranschafft. Sie wird hinters Licht geführt.« Er sah Cari lange aus seinen klaren Augen an. »Sie wird benutzt. Sie wird ausfliegen, wieder und wieder, bis sie umkippt und irgendwo unter einer Blume stirbt, mit Flügeln, die bis auf kleine schwarze Stummel abgenutzt sind. Der Stock wird gar nicht merken, dass sie fehlt. Im Stock wird nicht getrauert. Wenn zu viele Sammlerinnen sterben, werden neue Sammlerinnen produziert. So etwas wie ein Privatleben gibt es nicht. Es ist eine Maschine.« Er beobachtete sie, vielleicht überlegte er, ob sie ihn melden würde. »Genau wie dieses Lager, Cari, dieses System. Es ist eine Maschine. Du hast einen klugen, erfindungsreichen Geist. Lass dich von ihnen nicht hinters Licht führen. Lass dich nicht mit einem Privatleben abspeisen, das nur aus ein paar gestohlenen Minuten mit irgendwem im Wald besteht. Nutze deine Schwingen für dich selbst.« Cari war klar, dass solche Reden streng verbotene Subversion waren. Es war ihre Pflicht, ihn dem comandante zu melden. Sie würde belohnt werden – vielleicht würde sie nicht mit den Männern baden müssen, sondern früher und allein baden dürfen, wenn sie ihre Periode bekam, wie die Gefährtinnen des comandante. Sie würde belohnt werden. Sie würde hinters Licht geführt werden. Sie dachte an ihre freundliche Aufnahme in die Guerillatruppe, die Zuneigung, die ihr bezeugt wurde, die Kameradschaft. Das Gefühl, zu einer Familie zu gehören, nach dem sie sich so sehnte. Diese Familie ließ sie bei Festen Alkohol trinken. Sie duldete Sex, wenn der comandante seine Zustimmung erteilt hatte. Sie befahl ihr, diejenigen zu töten, die nicht mitmachten oder davonliefen. Sie hatten darüber abgestimmt, wer von den Ausreißern getötet wurde. Alle waren dafür gewesen. Cari hatte mit den anderen ihre kleine Hand gehoben und mit Ja gestimmt beim ersten Mal; dann nie wieder. Sie hatte nicht gewusst, was los war. Dann hatte sie zugeschaut, wie die beiden erschossen wurden, gleich dort, wo sie im Wasser gestanden hatten. Der Ausdruck »hinters Licht führen« blieb ihr im Kopf; Engañar auf Spanisch. Als sie zweisprachig wurde, prägte sie sich auch den englischen Ausdruck ein. Später an jenem Tag schickte der Kommandeur nach Cari, die gerade das capybara zubereitete. Sein Büro war in einem kleinen Haus untergebracht, das die FARC requiriert hatten. Drei Frauen arbeiteten in seinem Büro. Welche Tätigkeiten sie zu erledigen hatten, war nicht offensichtlich. Alle saßen auf Kissen, die sie selbst angefertigt hatten. Cari stand vor seinem Schreibtisch stramm. Da sie nicht bewaffnet war, nahm sie den Hut ab. »Wie geht es dem Professor?«, fragte der comandante. Er war etwa fünfunddreißig, ein entschlossener Bürokrat und ein zaudernder Kämpfer. Ein marxistischer Theoretiker. Er trug noch dieselbe runde Metallbrille wie als Student. »Besser, comandante«, sagte Cari. »Er hat ein paar Pfund zugenommen. Grüne Kochbananen zu essen statt reife ist gut für seinen Blutzucker. Ich habe mir die Teststreifen angesehen. Er atmet im Schlaf leichter.« »Gut, wir müssen dafür sorgen, dass er gesund bleibt. Wir warten noch zwei Wochen bis zur nächsten Lösegeldzahlung. Ich schlage vor, er schreibt wieder an seine Familie. Wenn sie nicht zahlen, schicken wir ihnen mit dem nächsten Brief seine Ohren. Und du, Cari, schneidest sie ab.« Der comandante schob mit der Spitze eines Bleistifts eine Büroklammer hin und her. »Cari, Jorge sagt, er hat dich mit dem Professor im Wald gesehen. Der alte Mann hatte eine Maske oder ein Tarnnetz auf. Du auch. Jorge hatte Angst, dass der Professor dich zu irgendwas überredet. Er hat überlegt, ob er dich mit vorgehaltener Waffe zu mir bringen soll. Cari, was habt ihr gemacht?« »Comandante, der Professor weiß die gute Behandlung zu schätzen und ist froh, dass er seine Medizin bekommt. Er …« »Und er zeigt seine Dankbarkeit, indem er mit einer Maske im Wald herumläuft?« »Er hat mir gezeigt, wie wir Honig ernten können. Er hat in seinem früheren Leben Bienen gehalten. Das waren Imkerhüte, die er gebastelt hatte. Es ist eine Überlebenstechnik, und er dachte, vielleicht kann er sie zusammen mit dem Unterricht über Darwin lehren. Er sagt, die Bienen können den Truppen Nahrung liefern. Honig hält sich lange ohne Kühlung. Er hat mir erzählt, dass man im Notfall Wunden mit Honig verbinden kann, weil er so gut wie steril ist. Die Moskitonetze haben wir schon. Wir könnten die Bienen mit Rauchtöpfen beruhigen, die nur ganz wenig qualmen. So wenig, dass es vom Flugzeug aus nicht zu sehen ist.« Der comandante spielte mit der Büroklammer. Die Schar der Sekretärinnen musterte Cari missbilligend. »Das ist interessant, Cari. Du hättest mit mir sprechen sollen, bevor du ihn nicht genehmigte Kleidungsstücke tragen lässt.« »Ja, comandante.« »Ich habe dich früher wegen mangelnder Ernsthaftigkeit bestraft. Jetzt werde ich dich belohnen. Was hättest du gern? Soll ich dir einen Tag freigeben, damit du zum Markt, auf die feria, gehen kannst?« »Ich möchte alleine baden, wenn meine Periode kommt, ohne die Männer.« »Das entspricht nicht unserer Politik. Das ist Sexismus. In diesem Kampf sind wir alle gleich.« »Ich dachte, vielleicht kann ich früher baden, wie die Kämpferinnen hier in Ihrem Büro«, erwiderte Cari. Jahre später, auf dem langen Weg nach Norden, sah sie, wie Menschen hinters Licht geführt wurden – an den Bushaltestellen, um die die Wölfe strichen, die Essen und gespielte Zuneigung anboten als Gegenleistung für jede Art von Sex, die ein Kind zustande brachte oder lernen konnte. Oft hatte der Wolf Essen und Süßigkeiten im Auto und manchmal auch einen Teddybären. Den Teddybären bekam das Kind nicht, es durfte ihn nur halten, bis der Wolf ihn wieder an sich riss und das Kind an der Bushaltestelle aus dem Auto warf. Manchmal durften die Kinder neue Flipflops mit Glitzer und Blumen behalten. Schließlich zahlten die Verwandten des alten Naturforschers die Schlussrate, und er wurde freigelassen. Seine FARC-Wärter erlaubten ihm, sich zu rasieren und das – inzwischen verschlissene – Anzughemd, in dem er entführt worden war, und seine Hosenträger anzuziehen. Cari sah dem alten Mann ins Gesicht und fragte, ob er sie mitnehmen könne, und er fragte seine Entführer. Sie sagten Nein. Er fragte, ob er Geld für ihre Freilassung schicken könne. Sie sagten vielleicht. Das Geld kam nie. Oder vielleicht kam es. Cari wurde nicht freigelassen. Als sie fünfzehn war, gelang ihr die Flucht. Sie lief mit einem Jungen zusammen weg, der ein Jahr älter war. Er hatte rötliches Haar, und einem seiner Schneidezähne fehlte eine Ecke. Sie schliefen im Wald miteinander, wann immer sie konnten, und er war ihr lieb und teuer. Nachdem sie zum ersten Mal auf einem Bett aus Balsamzweigen auf dem Waldboden miteinander geschlafen hatten, sah er sie an, als wäre sie eine Heilige. Kurz nach Tagesanbruch an ihrem letzten Tag als Soldatin erhielt Caris Einheit den Befehl, ein Dorf anzugreifen, das den Feind, die ultrarechten Paramilitärs, unterstützte. Es war zu der Zeit, als beide Seiten wechselseitig ganze Dörfer auslöschten, was manche Nachrichtensprecher »dezimieren« nannten, weil sie keine Ahnung hatten, was der Begriff bedeutete. Oft wurden die Dörfer von der einen oder anderen Seite gewaltsam erobert. Dann zerstörte die andere Seite das Dorf und tötete seine Bewohner, weil sie dem Feind Unterschlupf gewährt hatten. Diesmal handelte es sich um einen Rachefeldzug der FARC, weil die ultrarechten Militärs drei Wochen zuvor ein Massaker in einem Dorf verübt hatten, das mit den Guerillas sympathisierte. Die Paramilitärs hatten jedes Leben im Dorf ausgelöscht, Guerillas, die Dorfbewohner, ihre Kinder, ihre Tiere, einfach alles. Solch einem Massaker war in Caris zweitem Jahr als Soldatin auch ihre Familie zum Opfer gefallen. Sie erfuhr erst sechs Monate später davon und konnte, nachdem sie die Nachricht gehört hatte, zwei Wochen lang nicht laut sprechen. Die Mission der FARC war, der Gegenseite dasselbe anzutun, die Truppen der Paramilitärs und ausnahmslos jeden in dem Dorf zu töten, das ihnen Unterschlupf gewährt hatte, und die Häuser niederzubrennen. Auf dem Weg dorthin wurden sie aus dem Wald heraus beschossen. Cari blieb zurück, um die klaffende Brustverletzung eines Guerilleros mit einem Poncho abzudecken und Druck auszuüben, damit die Lunge des jungen Kämpfers nicht in sich zusammenfiel, bevor der Sanitäter eintraf. Zweimal wurde sie aus dem Wald heraus beschossen, und sie legte sich flach neben den Verwundeten, um über seinen Körper zurückzuschießen. Da die nur aus roter Erde bestehende Straße nicht sicher war, rückte sie parallel dazu zwischen den Bäumen vor. Als sie das Dorf erreichte, waren die Kämpfer schon durchgezogen. Sie hatten mehrere Wände des Schulhauses gesprengt, und der Wind blies durch die Saiten eines brennenden Klaviers. Die Saiten seufzten, seufzten und klagten in den Böen, die Notenblätter über die Straße wirbelten. Viele der Häuser brannten, und in den Straßen lagen die Toten. Sie wurde nicht beschossen. Auf keinen Fall wollte sie Zivilisten sehen, die sie hätte erschießen müssen. Unter einem Haus bewegte sich etwas. Sie schwang ihr Gewehr herum. Es war kein Soldat, es war ein Kind, das sich tief unter dem Haus versteckt hatte, flach hinter einem Zementblock lag, auf dem ein Bodenbalken ruhte. Ob es ein Junge oder ein Mädchen war, war nicht zu erkennen, sie sah nur ein schmutziges Gesicht und einen verstrubbelten Haarschopf. Sie tat, als hätte sie das Kind nicht bemerkt. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, blieb sie stehen und machte sich am Schnürsenkel ihres Stiefels zu schaffen. »Lauf in den Wald!«, sagte sie, ohne den Kopf in Richtung des Hauses zu drehen. Der comandante tauchte hinter ihr auf der Straße auf, wie üblich der Letzte im Gefecht. Sie wollte nicht mit ihm allein sein. Er versuchte immer, ihr einen Finger in den After zu stecken, stellte sich hinter sie, um seine Hand von hinten in ihre Hose zu schieben. Zu seiner Ehre musste sie sagen, dass er ihr nicht befahl, sich einen Finger in den After stecken zu lassen, es war nur eine gesellige Geste. Sie hatte ihn gebeten aufzuhören. Immer wieder hatte sie zu Gott gebetet, damit er aufhörte. Bei jedem Abendgebet flehte sie darum. Er hörte nicht auf. Sie beschleunigte ihr Tempo, um den Abstand zu vergrößern, als sie hinter sich einen Schuss hörte. Der comandante war in die Hocke gegangen und feuerte unter das Haus, wo sich das Kind versteckte. Sie rannte zurück und brüllte »¡Es niño, es niño! Ein Kind!« Der Rand ihres Gesichtsfelds verschwamm, aber das Zentrum war gestochen scharf. Sie lief durch einen nebelhaften Tunnel grünen Blattwerks, in deren Mitte gestochen scharf der comandante stand. Er warf eine Phosphorgranate in das Haus, und Flammen züngelten in die Höhe. Dann hockte er sich mit seiner Pistole in den Garten und zielte unter das Haus. Cari rannte, ihr Gesicht war wie betäubt. Er feuerte einmal. Sein langer Finger legte sich erneut um den Abzug, er ging tief in die Hocke, um zu zielen, und sie blieb mitten auf der Straße stehen, hob das Gewehr und schoss dem comandante in den Hinterkopf. Sie war merkwürdig ruhig. Unter dem Haus war jetzt alles voller Rauch, und sie sah, wie das Kind hinter dem Haus hervorkrabbelte und in den Wald lief. Am Rand der Bäume drehte es sich um und blickte zurück. Das Kind war wirklich schmutzig. Zwischen den Bäumen sah sie Gesichter. Eine Hand winkte ihr zu. Der comandante war zu schwer, um ihn ins Feuer zu schleifen. Jeden Augenblick konnte ein anderer Soldat vorbeikommen und ihn hinterrücks erschossen dort liegen sehen. Todesstrafe. Sie rannte zum comandante. Eines seiner kleinen runden Brillengläser war herausgebrochen, im anderen spiegelte sich der Himmel. Wenn man seine Ausrüstung sah, hätte man ihn für den größten Kämpfer aller Zeiten halten können. Eine Splittergranate war hinten an seine Munitionstasche geklipst, die nahm sie ihm ab. Cari legte die Hand des comandante unter seinen Kopf. Dann schob sie die Granate ebenfalls dorthin. Sie zog den Sicherungsstift heraus, ließ den Hebel hochschnappen und rannte und rannte und rannte, warf sich flach in den Straßengraben, mit offenem Mund, wie sie es gelernt hatte, bis die Explosion vorüber war, dann rappelte sie sich auf und rannte und rannte wieder. Mit dem Tod des comandante hatte sie einen Punkt weniger, den sie in ihr Abendgebet einschließen musste. Sie suchten das Weite, Cari und ihr rothaariger Geliebter. Ein Jahr lang lebten sie im Dorf Fuente de Bendición, er arbeitete in einem Sägewerk, sie herrschte über die Küche eines Gästehauses. Sie wollten heiraten. Cari war sechzehn. Damals desertierte niemand von den FARC und überlebte. Am Ende des Jahres fanden sicarios, Söldner, sie und erschossen den Jungen auf offener Straße, zusammen mit seinen Trauzeugen, als sie in einem geliehenen alten Auto zu der Kirche unterwegs waren, in der Cari wartete, einen Strauß Jasmin in der Hand. Als die sicarios kamen, um auch sie zu töten, war die Kirche leer. Cari ließ sich gerade in der Sanitätsstation des Dorfes die Schnittwunden an ihren Armen verbinden und verließ sie durch die Hintertür. Also warteten sie im Bestattungsinstitut auf sie. Als sie nicht kam, gingen sie zum Sarg, schossen mehrmals auf Caris toten Verlobten und fotografierten die Verletzungen, bevor sie abzogen. Sein Gesicht war nicht genügend entstellt worden, als sie ihn töteten. Eine Woche später stand Cari vor der Tür eines Herrenhauses in Bogotá. Ein Dienstbote öffnete und schickte sie zum Lieferanteneingang. Sie wartete eine Viertelstunde, bis ihr alter Naturforscher in Hosenträgern an die Tür kam. Es dauerte einen Augenblick, bis er sie erkannte, wie sie mit ihren Verbänden und verdreckt auf der Treppe stand, mit Blut in den Hochzeitsschuhen. »Werden Sie mir helfen?«, fragte sie. »Ja«, erwiderte er sofort und schaltete das Licht über der Tür aus. »Komm herein.« Während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft, in der sie sich um ihn gekümmert hatte, hatte er sie nie umarmt. Jetzt umarmte er sie. Ihre Verbände hinterließen blutige Spuren auf dem Rücken seines Hemdes, als sie seine Umarmung erwiderte. Die Haushälterin des alten Mannes kümmerte sich um sie, und bald schlief sie sauber geschrubbt und mit vollem Bauch in einem frisch bezogenen Bett. Die Jalousien im Haus waren heruntergelassen: Wer Deserteuren der FARC half, wurde bestraft. Mit dem Tod. Cari konnte nicht in Kolumbien bleiben. Und wie der Professor ihr half. Sie ruhte sich eine Woche lang aus – so lange dauerte es, improvisierte Papiere zu besorgen. Dann schickte er sie mit dem Bus nach Norden, Tage und Tage und Tage durch Costa Rica, Nicaragua, Honduras, Guatemala, während sie die Verbände an ihren Armen mit der jeweils anderen Hand und den Zähnen anlegte. Er gab ihr genug Geld für Busfahrkarten in Mexiko – sie musste nicht La Bestia nehmen, den mexikanischen Zug nach Norden, wo Verbrecherbanden Plätze oben auf den Güterwagen verkaufen, wo so viele stürzen, wo abgetrennte Arme und Beine zwischen den Schienen verdorren. Er gab ihr ein Schreiben an eine Familie in Miami mit. Wegen eines Krankheitsfalls musste die Familie sie weitervermitteln, an eine Familie, die ihr erzählte, sie müsse drei Jahre lang umsonst arbeiten. Durch Radio Mambí erfuhr sie, dass das eine Lüge war. Von da an war sie auf sich allein gestellt. Seit damals hatte Cari immer etwas zu essen bei sich. Normalerweise aß sie diesen Proviant erst am Abend, falls überhaupt. Sie trug immer einen kleinen Wasservorrat bei sich und ein Klappmesser mit der gesetzlich erlaubten Länge, das sie mit einer Hand öffnen konnte. An ihrem Hals hing an einer Holzperlenkette ein umgekehrtes Petruskreuz – Petrus war mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden. Im Kreuz steckte ein kleiner Dolch. Jetzt, in der Wohnung ihrer Cousine, schlief sie auf dem Stuhl neben dem Baby, döste wie damals auf der Busfahrt nach Norden ins Land der Freien. Gegen Mitternacht summte ihr Mobiltelefon. Antonios Handy rief wieder an. Sie starrte auf das Telefon, das im Kinderzimmer leuchtete. Es fiel ihr schwer, den Anruf nicht anzunehmen, aber sie wartete, bis sich die Mailbox einschaltete. »Kah-rii«, sagte die Stimme mit deutschem Akzent. »Treffen Sie sich mit mir, ich kann Ihnen helfen.« Kann ich mir vorstellen. Komm ruhig, chingaso, ich helfe dir schon auf die Sprünge, du Dreckskerl. Sie wiegte das Baby und sang leise »Rat an einen Papagei«, ein Lied ihrer Guna-Großmutter, in dem einem Papagei eine reife Banane und ein bequemes Leben versprochen wird, als er an einen reichen Panamaer verkauft wird. Als sie gegen Morgengrauen eindöste, sah sie im Traum das zähe kleine Haus am Snake Creek Canal. Das Haus hatte dem Wetter standgehalten, selbst mit einem Loch im Dach. Es war auf einem Betonsockel errichtet. Beruhigend zu wissen, dass es keinen Raum darunter gab, in dem ein Kind zu Schaden kommen konnte. In ihrem Schlaf, während der Tag von ihr abfiel, lächelte sie, weil das Haus in ihrem Traum fest auf seinem Sockel stand und das Baby neben ihr am Leben war. 16 Das erste Sonnenlicht brannte den Nebel von der Biscayne Bay. Kapitän Marcos Krabbenfischerboot, auf dem der String durch den sich drehenden Flaschenzug lief, arbeitete sich an der Escobar-Villa vorbei nach Norden vor. Die Besatzung wirkte besonders beschäftigt, als das Schnellboot der Miami Beach Police vorbeifuhr. Die Polizeibeamten erwiderten Kapitän Marcos Winken und verringerten das Tempo, um die Arbeit der Fischer nicht durch eine Kielwelle zu erschweren. Marco und seine dreiköpfige Besatzung schwitzten in den kugelsicheren Westen, die sie unter den weiten Hemden trugen. Jetzt passierten sie das Escobar-Haus. Sie mussten nach Osten in die Sonne blicken. Ein Blitz reflektierten Lichts aus den dunklen Fenstern oben im Haus. Esteban, der Erste Offizier, saß im Ruderhaus, die Mündung seines Gewehrs ruhte auf einem Polster im Fenster der Kajüte. Er konnte den Widerschein durch das Zielfernrohr des Gewehrs sehen. »Ich sehe einen oben direkt hinter dem offenen Fenster. Für den Augenblick hat er nur das Fernglas in der Hand, das Gewehr steht neben dem Stuhl«, rief Esteban dem Kapitän zu. Das tropfende Tau, das sich auf dem großen Flaschenzug drehte, holte die Reusen vom Grund der Bucht. Ignacio nahm die aus Draht und Holzlatten gefertigten Fallen in Empfang und warf die blauen Krabben in einen großen Behälter in der Mitte des Boots. Dann stapelte er die Reusen auf dem Achterdeck, um sie mit neuen Ködern zu versehen. Langsam, aber sicher arbeiteten sie den String ab, holten die Reusen aus dem Wasser, leerten und stapelten sie. Zwei Bootslängen hinter dem Escobar-Anleger öffnete Ignacio eine Reuse und erstarrte. »¡Mierda! Scheiße!« Kapitän Marco kuppelte das Hebetau aus und schaltete den Strom ab. Ignacio brachte es nicht über sich, mit der Hand in die Reuse zu fassen. Er ließ sie in den Behälter fallen, und Antonios Kopf rollte in den Stapel der Krabben, die munter ihre Scheren schwenkten. Die Taucherbrille saß noch auf dem Kopf. Das Gesicht rund um die Taucherbrille war von den Krabben stark angefressen worden, die mit in der Reuse gefangen gewesen waren, aber hinter dem Glas war das Gesicht intakt, und die Augen starrten aus dem Bett fuchtelnder Scheren. Auf der Ufermauer erschien Mateo. Er pumpte mit der Faust in einer obszönen Geste auf und ab und fasste sich mit beiden Händen zwischen die Beine. »Ich kann ihm den Schwanz wegschießen«, sagte Esteban aus der Kajüte. »Noch nicht«, sagte Kapitän Marco. An der Bootswerft blickte Benito in das zerstörte Gesicht seines jungen Freundes. »Ruft Cari an«, sagte er. »Sie sollte das nicht sehen müssen«, wandte Kapitän Marco ein. »Sie will mit Sicherheit dabei sein«, sagte Benito. 17 Detective Sergeant Terry Robles, sechsunddreißig, Mordermittler (im Krankenstand) des Miami-Dade Countys, fuhr auf einen Parkplatz unter den Bäumen von Palmyra Gardens. Als er den Motor abstellte, leuchtete das Display seines Mobiltelefons auf: ein Anruf aus der Rechtsmedizin. »Terry, hier ist Holly Bing.« »Hi, Holly.« »Terry, ich habe heute Morgen eine Patrone aus einer Wasserleiche entfernt, ein weißer Lateinamerikaner, in den Zwanzigern. Ich habe sie durch die IBIS-Datenbank in Quantico laufen lassen. Es gab einen Treffer. Die Kugel könnte aus einer der Waffen stammen, die an Ihrem Haus abgefeuert wurden. Die Kugel, die aus Ihrer Schlafzimmerwand geholt wurde. Wir haben möglicherweise eine Übereinstimmung in neun Punkten.« »Wer ist es?« »Weiß ich noch nicht. Ich habe bei der Abteilung für Tötungsdelikte angerufen, und die haben mir Ihre Handynummer gegeben. Wann fangen Sie wieder an zu arbeiten?« »Wenn die Ärzte grünes Licht geben. Vielleicht bald.« »Wie geht es Daniela, wenn ich fragen darf?« »Ich stehe gerade vor der Einrichtung und will sie besuchen. In einer Stunde bin ich bei Ihnen.« »Dann habe ich eine Vorlesung, aber kommen Sie herein. Ist es in Ordnung, wenn ich Sie vorstelle? Sonst sind meine Studenten enttäuscht.« »Wenn’s sein muss. Natürlich. Danke, Holly.« Robles hatte Sally im Auto, Danielas Dackel. Sally kletterte auf seinen Schoß, und er nahm sie auf den Arm, stieg aus dem Auto und ging mit steifen Schritten auf das Tor von Palmyra Gardens zu. Palmyra Gardens war die beste Einrichtung für betreutes Wohnen im Südosten der Vereinigten Staaten. Die Anlage lag in einem Komplex eleganter älterer Gebäude inmitten hoher Bäume. Die Klinke am Tor ließ sich nur von außen öffnen. Mehrere Bewohner saßen auf den Bänken im Garten. In einer Laube in der Nähe der Hecke sprach ein Prediger fortgeschrittenen Alters zu einer Gruppe von Haustieren, die auf dem Gelände lebten. Sie bestand aus vier Hunden, einer Katze, einer kleinen Ziege, einem frei lebenden Papagei und mehreren Hühnern. Der Prediger sicherte sich die Aufmerksamkeit seiner Gemeinde, indem er in kurzen Abständen Leckerli verteilte, die er aus seinen Taschen holte. Er versuchte, die Snacks den Tieren wie bei einer Kommunion auf die Zunge zu legen, aber meistens wurden sie ihm aus der Hand gerissen. Dem Papageien hielt er seine Kürbiskernhostie vorsichtig mit zwei Fingern hin. Der Prediger hatte auch einen menschlichen Zuhörer in seiner Gruppe, einen älteren Herrn, dem er jeweils ein oder zwei M&M verabreichte. In der anderen Hand hielt der Prediger eine Bibel mit einem ledernen Schutzeinband, die er am Buchrücken packte, um nach dem Vorbild des Evangelisten Billy Graham mit dem geöffneten Buch zu gestikulieren. Sally, die die Hundesnacks des Predigers roch, hätte sich gern der Versammlung angeschlossen und wand sich in Robles’ Armen, als er sie wie ein kleines Paket ins Gebäude trug. Die Leiterin von Palmyra Gardens war in ihrem Büro. Joanna Sparks, vierzig, führte ein strenges Regiment. Es gab wohl kaum etwas, was Joanna noch überraschte, dachte Robles. Sie lächelte ihn an. Ihr kleiner Hund sprang von ihrem Schoß. Robles setzte Sally auf den Boden, und die Hunde beschnüffelten sich schwanzwedelnd. »Hallo, Terry. Daniela ist im mittleren Garten. Terry, sie hat einen kleinen Verband an der Schläfe. Dort ist ein Patronensplitter ausgetreten. Es war ein Teil der Hülse, also kein Blei. Es ist alles in Ordnung. Dr. Freeman hat sich das angesehen.« »Danke, Joanna. Isst sie gut?« »Sie isst alles auf, sogar das Dessert.« Als Robles das Büro verließ, schickte Joanna Sparks ihm eine Krankenschwester hinterher. Robles fand seine Frau auf einer Bank im mittleren Garten. Ein Sonnenstrahl, der durch die Blätter fiel, berührte ihr Haar, und das Herz ging ihm über. Robles stockte der Atem. Es war so weit. Daniela saß neben einem Mann, der aussah, als wäre er in den Neunzigern, sehr gepflegt in einem Seersuckeranzug mit Fliege. Robles setzte den kleinen Hund auf den Boden, und Sally rannte aufgeregt quiekend zu Daniela und versuchte, ihr auf den Schoß zu springen. Daniela wirkte verstört, und der alte Mann neben ihr versuchte, den Dackel mit seiner ausgemergelten Hand zu verscheuchen. »Aus«, sagte er. »Runter mit dir!« Robles küsste Daniela auf den Kopf. An ihrem Haaransatz verlief eine lange rosafarbene Narbe. »Hallo.« »Hallo, Schatz«, sagte Robles. »Ich habe dir was von Mrs. Katichis Baklava mitgebracht. Und hier ist Sally. Sie freut sich sehr, dich zu sehen!« »Darf ich Ihnen meinen Bekannten vorstellen?«, fragte Daniela. »Das ist …« »Horace«, sagte der alte Herr. Er wusste vielleicht nicht so recht, wo er gerade war, aber gutes Benehmen war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. »Ich bin Horace.« »Hast du gesagt, dein Bekannter?«, fragte Robles. »Ja. Horace, das ist ein sehr lieber Freund von mir.« »Ich bin Terry Robles, Horace. Ich bin der Ehemann von Mrs. Robles.« »Sie sind Mister Robles? Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Robles.« »Horace, ich müsste unter vier Augen mit Mrs. Robles sprechen. Würden Sie uns bitte entschuldigen?« Die Krankenschwester hatte sie beobachtet. Sie kam, um Horace mitzunehmen. Horace wollte aber nicht gehen, solange Daniela ihn nicht selbst darum bat. »Daniela?« »Das ist in Ordnung, Horace. Es dauert nicht lange.« Die Krankenschwester half Horace auf die Beine, und sie gingen zum Wintergarten. Sally sprang immer wieder vor Daniela auf und ab und legte ihr die Pfoten auf das Knie. Daniela wehrte den kleinen Hund mit einer vagen Handbewegung ab. Robles hob Sally auf und setzte sie auf die Bank zwischen ihnen. »Was ist das mit Horace?« »Horace ist mein Bekannter. Ich kenne Sie, stimmt’s? Ich glaube, wir sind Freunde.« »Ja, Daniela. Wir sind Freunde. Wie geht es dir? Bist du glücklich? Schläfst du gut?« »Ja. Ich bin sehr glücklich. Helfen Sie mir auf die Sprünge, arbeiten Sie hier?« »Nein, Daniela, ich bin dein Ehemann. Ich bin froh, dass du glücklich bist. Und ich liebe dich. Das hier ist dein Hund, Sally. Sie liebt dich auch.« »Danke für Ihren Besuch, aber ich muss leider …« Danielas Blick wanderte in die Ferne. Er kannte ihre Mimik so gut. Sie wollte ihn loswerden. Er hatte diesen Ausdruck früher schon gesehen, bei gesellschaftlichen Ereignissen, aber nie hatte er ihm gegolten. Robles’ Augen wurden feucht. Er stand auf und beugte sich vor, um sie auf die Wange zu küssen. Sie wandte rasch den Kopf ab, wie um einem unerwünschten Küsschen auf einer Party auszuweichen. »Ich glaube, ich muss ins Haus«, sagte sie. »Auf Wiedersehen, Mister …« »Robles«, sagte er. »Terry Robles.« Er stand mit dem Hund unter dem Arm in Joannas Büro. »Am Rücken werden immer wieder Splitter ausgeschieden«, sagte Joanna. »Wir lassen sie auf einem Schaffell schlafen. Das Blutbild ist in Ordnung. Was ist mit Ihnen? Therapie, Beweglichkeit, wie läuft es?« »Mir geht es gut. Was ist mit diesem Horace?« »Horace ist absolut harmlos. In jeder Hinsicht. Wir bringen ihn um halb neun ins Bett. Er ist seit zwanzig Jahren hier. Hat nie jemanden belästigt. Sie hat keine Hintergedanken, das ist wie bei einem Baby.« Robles hob abwehrend die Hand. Sie sah ihn eindringlich an. »Terry, sie ist glücklich. Ihre Situation belastet sie nicht weiter. Wissen Sie, wer darunter leidet? Sie. Haben Sie schon herausgefunden, wer …« Einen Augenblick lang hört er sie nicht, gefangen im letzten Mal, als Daniela ihn erkannt hat: Sie sind zusammen in ihrem Bett. Sie sitzt rittlings auf ihm. Autoscheinwerfer leuchten durch die Jalousie. Eine Salve aus einer automatischen Waffe zerschmettert das Fenster, zertrümmert die Nachttischlampe. Eine Kugel trifft Daniela in den Kopf. Sie stürzt vornüber, sie prallen mit den Köpfen zusammen, als sich Robles mit ihr zusammen auf den Fußboden rollt. Er blickt in ihr blutüberströmtes Gesicht, ganz dicht an seinem. Er packt eine Pistole vom Nachttisch. Durch das zerstörte Fenster sieht er Heckleuchten in der Ferne verschwinden. Dann merkt er, dass er ebenfalls getroffen ist. Joanna musterte sein Gesicht. »Ich wollte das nicht wieder aufwühlen«, sagte sie. »Schon gut«, sagte Robles. »Dieser Scheißkerl, der dafür verantwortlich ist, hat wegen schwerer Körperverletzung sechs Jahre in Raiford abgesessen. Ich hatte ihn hinter Gitter gebracht. Er wird entlassen, ein verurteilter Schwerverbrecher und bekannter Gewalttäter, und beschafft sich ein Sturmgewehr und beschießt mein Haus. Es hat drei Tage gedauert, ihn aufzuspüren, doch die Waffe wurde nie gefunden. Woher hatte er sie? Was ist damit passiert? Er sitzt jetzt lebenslang. Ich muss die Person finden, die ihm die Waffe beschafft hat.« Joanna brachte ihn zum Tor. Unter den Bäumen sprach der Prediger zu den Tieren, die sich vor ihm versammelt hatten, und zu seinem einsamen menschlichen Pfarrkind. »›… und dass sie selbst erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind‹«, sagte der alte Prediger. »›Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick, und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück.‹« Im letzten orangefarbenen Licht des Tages schloss Joanna das Tor hinter Terry Robles und Sally. Die Hündin sah über Robles’ Schulter zu der Stelle, wo sie Daniela zuletzt gesehen hatte, und gab einen einzigen leisen Laut von sich, als er sie zum Auto trug. 18 Der Empfangsbereich der Rechtsmedizin des Miami-Dade Countys war mit Videosystemen ausgestattet, damit die Toten aus der Ferne identifiziert werden konnten. Der Boden war mit Teppich ausgelegt, sodass die Hinterbliebenen sanft fielen, wenn sie bei dem Anblick, der sich ihnen bot, ohnmächtig wurden. Der Obduktionsraum hinter der Doppeltür war hochmodern, mit Türdichtungen und elektronischen Luftwäschern wegen der Gerüche und mit Kühlräumen, die Passagiere und Besatzung des größten Verkehrsflugzeugs aufnehmen könnten. Die Autopsietische waren in Kodakgrau gehalten, damit die Fotos besser wurden. Dr. Holly Bing unterrichtete eine kleine Klasse künftiger Rechtsmediziner aus dem ganzen Land und aus Kanada. Sie hatten sich um die kopflose Leiche eines Mannes mit Schwimmflossen versammelt. Der Tote befand sich in der anatomischen Position und war auf ein Grad Celsius heruntergekühlt. Dr. Bing trug eine OP-Schürze über schwarzer Kleidung, ihre Hose bauschte sich in Springerstiefeln mit Ösenschnürung. Sie war Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln, in den Dreißigern. Sie hatte ein attraktives Gesicht und wenig Geduld. »Sie haben hier einen weißen Lateinamerikaner, körperlich fit, um Mitte zwanzig«, sagte Dr. Bing. »Er ist gestern Nachmittag neben dem Topless-Cheeseburger-Boot vor Haulover Beach aufgetaucht. Die Küstenwache hat das Kreischen gehört. Die Leiche ist ziemlich frisch, aber stark mitgenommen, wie Sie sehen können. Er hat im unteren rechten Quadranten eine Blinddarmnarbe und auf dem linken Unterarm eine Tätowierung, Weltkugel und Anker der Marines und den Schriftzug Semper Fidelis. Der Todeszeitpunkt liegt maximal zwei Tage zurück, aber Krabben und Garnelen haben ihn angefressen. Was ist die eine Tatsache, die Sie zur Bestimmung der Todeszeit wissen müssen?« Sie wartete die Antwort nicht ab. »Die Wassertemperatur bei Haulover Beach, richtig? Später reden wir darüber, wie Gradtage unter Wasser ermittelt werden. Ihm fehlen die Finger, wie Sie sehen. Er war etwa 1,78 Meter groß, als er noch komplett war.« »Womit wurde der Kopf abgetrennt, Dr. Bing?« Die Frage stammte von einem rotbackigen jungen Mann, der am Halsende der Leiche stand. »Sehen Sie die Stelle, wo die Säge den dritten Halswirbel mittendurch geschnitten hat?«, fragte Dr. Bing. »Die Zahnteilung passt zu einer Säbelsäge, sechs Zähne pro Zoll – das Übliche. Säbelsägen werden für Verstümmelungen in den Vereinigten Staaten immer beliebter, sie liegen auf einem soliden zweiten Platz – vor der Kettensäge und hinter der Machete. In diesem Fall lag er erhöht auf einem Tisch, einer Theke oder der Heckklappe eines Pick-ups, der Kopf hing nach vorne herunter. Er war tot, als Kopf und Finger abgetrennt wurden. Woher wissen wir das? Sehen Sie sich die Laborergebnisse an, die Serotonin- und Histaminwerte in den Wunden sind nicht erhöht. Das gilt auch für die Einstiche im Unterleib, die verhindern sollten, dass er aufgrund der Gasentwicklung vorzeitig auftaucht. Sehen Sie die Unterschiede bei den abgetrennten Fingern? Ein Finger wurde mit der Säbelsäge entfernt, die anderen mit der Heckenschere abgezwickt, die traditionelle Methode. Im Oberschenkel hat er einen Durchschuss, im Becken steckte ein Projektil. Todesursache? Nicht Köpfen. Nein, die Todesursache ist eine komplett durchgehende Thoraxperforation. Eintritt durch das linke Schulterblatt, Herz durchbohrt, Austritt innerhalb der linken Brustwarze.« Dr. Bing berührte den Brustkorb, wo neben einer länglichen Austrittswunde zwei kleinere Löcher zu erkennen waren. Ihre Nägel schimmerten rot durch ihre Handschuhe, als sie neben den blauen Löchern auf die Brust drückte. »Kann mir jemand sagen, wodurch das hier verursacht ist? Niemand?« »Stippling?«, fragte ein Student. »Nein, keine Waffe mit nachträglich eingeprägter Struktur«, erwiderte Dr. Bing. »Ich habe doch gesagt, es handelt sich um eine Austrittswunde. Detective Robles, was glauben Sie, was dieses größere Loch und die beiden kleineren Löcher verursacht hat?« »Ein Pfeil, vielleicht ein Armbrustbolzen. Ein Fischbolzen.« »Warum?« »Weil der Pfeil den Körper vollständig durchbohrt hat, und als sich die Leine spannte und den Pfeil zurückzog, hat sich der Pfeil etwas verdreht. Dabei haben sich die Widerhaken in die Brust gebohrt. Vielleicht ein Spreiz-Breitkopf. In Geschäften für Taucherbedarf könnte man fündig werden.« »Danke. Darf ich vorstellen: Detective Sergeant Terry Robles von der Abteilung für Tötungsdelikte des Miami-Dade Countys. Er kennt so etwas von früher, wie so ziemlich alles, was Menschen einander antun.« »Haben Sie den Pfeil?«, fragte der junge Mann am Ende des Tisches. »Nein«, erwiderte Holly Bing, »und was verrät uns das über die Umstände?« Als keiner der Studenten antwortete, sah sie Robles an. »Es war genügend Zeit, ihn zu entfernen«, erwiderte Robles. »Ja, der Mörder hatte Zeit und Muße, ihn herauszuziehen. Der Form der Eintrittswunde nach zu urteilen, wurde er nicht komplett durchgezogen. Wahrscheinlich wurde der Pfeilkopf vom Schaft geschraubt und der Schaft dann am Rücken herausgezogen. Um das zu tun, müssen die Täter ungestört gewesen sein.« Dr. Bing schickte ihre Studenten für die Pause in den Aufenthaltsraum. Sie und Robles blieben im Obduktionsraum. »Ich habe DNA nach Quantico geschickt, aber das wird ein paar Tage dauern«, sagte Holly Bing. »Bei Vergewaltigungen zieht sich das manchmal einen Monat lang hin. Die Patrone könnte eine Übereinstimmung in neun Punkten aufweisen: Kaliber .223, Drall 1:9, 66 Grain, vielleicht ein ziviles AR-15. Es ist eine Boattail-Patrone, möglicherweise Unterschall.« »Sie haben ihm die Schwimmflossen angelassen.« »Ja, aber ich habe darunter nachgesehen, bevor die Studenten hereinkamen.« Holly nahm eine Flosse ab. Auf der Fußsohle war »GS 0+« eintätowiert. »Grupo sanguíneo, die Blutgruppe«, sagte Robles. Holly nahm die andere Flosse ab. »Ich dachte, Sie wollen das vielleicht sehen, bevor es sich herumspricht.« Auf der anderen Fußsohle war eine Glocke eintätowiert, die an einem Fischhaken hing. »Terry, warum hat er ein Tattoo auf der Fußsohle? Wenn es nicht sichtbar ist, kann es ihn im Gefängnis nicht schützen. Nicht wie eine Tätowierung am Hals.« »Aber um sich das Geld für eine Kaution bei einem Kredithai zu besorgen, reicht es«, sagte Robles. »Oder um einen Anwalt zu beauftragen, eine bestimmte Sorte Anwalt. Anwälte, die viel Zeit am Gefängnis verbringen. Das ist ein Ten-Bells-Tattoo. Danke, Holly.« 19 An der Bootswerft am Miami River wurde es dunkel. Raschelnde Palmen bogen sich im Wind. Ein kleiner Frachter fuhr vorüber, an dessen Bug und Heck Schlepper zerrten wie Terrier, damit er die Wendungen schaffte. Kapitän Marco und zwei Mann seiner Besatzung standen mit dem alten Benito vor der offenen Klappe der Verbrennungsanlage. Drinnen toste ein gewaltiges Feuer. Das Licht der Flammen warf flackernde Schatten auf die dunkle Werft. Ignacio, der Zweite Offizier, trug ein fleckiges Unterhemd. »Ignacio, zieh dein Hemd an«, sagte Kapitän Marco. Ignacio zog sich ein Polohemd über den Kopf. Auf der Innenseite seines Bizeps war eine an einem Angelhaken hängende Glocke eintätowiert. Er küsste ein Medaillon des heiligen Dismas, das an einer Kette um seinen Hals hing. Mitten in den Flammen lag umgeben von zahnbewehrten Fischköpfen Antonios Schädel. Er trug immer noch die Taucherbrille, und die Augen starrten sie an, während das Gummi um das Glas herum schmolz. Der Ohrring mit dem schwarzen gotischen Kreuz war ihm aus dem Ohrläppchen gerissen worden. Cari Mora trat aus dem Schatten und stellte sich neben Benito. Sie trug einen Zweig mit orangefarbenen Jasminblüten. Neben den Männern stehend, sah sie unverwandt ins Innere der Verbrennungsanlage. Sie legte den Jasminzweig ins Feuer, um Antonios zerstörtes Gesicht teilweise zu verdecken. Benito warf Brandbeschleuniger ins Feuer. Funken und Flammen schossen aus dem Schornstein. Der Feuerschein tauchte ihre Gesichter in rotes Licht. Kapitän Marcos Augen glänzten feucht, aber seine Stimme war fest. »Großer Sankt Dismas, Schutzpatron der reuigen Diebe, du bist mit Christus durch die Qualen der Hölle gegangen. Geleite nun unseren Bruder sicher in den Himmel.« Benito schloss die Klappe der Verbrennungsanlage. Ohne das Licht des Feuers war es sehr dunkel. Cari blickte auf die gestampfte Erde der Bootswerft. Sie sah genauso aus wie die gestampfte Erde, die sie von früher kannte, aus der Zeit, bevor sie in die Vereinigten Staaten gekommen war. »Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte Marco Cari. »Eine Schachtel .40-S&W-Patronen wäre gut«, erwiderte sie. »Sie müssen wegen der Pistole etwas unternehmen«, sagte Marco. »Werfen Sie sie weg.« »Nein.« »Dann tauschen Sie mit mir«, sagte Marco. »Benito, kann dein Neffe Lauf und Verschlussfläche bearbeiten?« »Am besten auch gleich Auswerfer und Zündstift«, erwiderte Benito. Er streckte die Hand nach der Pistole aus. »Sie bekommen sie wieder«, sagte Marco. »Cari, Sie müssen mit uns kooperieren. Ich bin hier der jefe.« Jefe, wie Antonio jefe war. Ich hätte mich unter dem Anleger verstecken und ihm Deckung geben sollen. Marco redete immer noch auf sie ein. »Waren Ihre Fingerabdrücke auf der Hülse – haben Sie den Clip geladen?« »Nein.« »Sie haben die Hülse am Tatort gelassen.« »Ja.« Sie gab Benito die Pistole. »Danke, Cari.« Marco holte eine Sig Sauer und eine Schachtel Patronen für sie aus dem Werftbüro. Die Pistole war eine .357. Das ging in Ordnung. »Cari, wollen Sie mit uns zusammenarbeiten?«, fragte Marco dicht an ihrem Ohr. Cari schüttelte den Kopf. »Ich bin raus.« Aus der Dunkelheit ertönte ein Pfiff. Kapitän Marco und die anderen waren sofort alarmiert. Als Detective Sergeant Terry Robles aus dem Auto stieg, sah er die Funken aus der Verbrennungsanlage über der Bootswerft aufsteigen. Der Weg ins Innere der Werft führte zwischen hohen Reusenstapeln hindurch. Im Wind schrillte ein hoher Pfiff, und der blutrote Punkt eines Laservisiers erschien vorne auf seinem Hemd. Robles blieb stehen. Er hob das Ausweisetui, offen, sodass die Polizeimarke sichtbar war. »¡Alto! Halt«, rief eine Stimme aus der Dunkelheit. »Terry Robles, Miami Police Department. Weg mit dem Laser. Sofort.« Kapitän Marco hob die Hand, und der Laserpunkt wanderte von Robles’ Brust zu der Marke, die er über seinen Kopf hielt. Kapitän Marco stellte sich Robles im Durchgang zwischen den Reusenstapeln in den Weg. »Müsst ihr das Blechding nicht abgeben, wenn ihr im Krankenstand seid?« »Nein«, sagte Robles. »Das bleibt einem wie ein Ten-Bells-Tattoo.« »Ich freue mich, Sie zu sehen«, sagte Marco. »Nein, ›freuen‹ ist zu viel gesagt, da habe ich als Ausländer wohl das falsche Wort erwischt. Es ist mir nicht unangenehm. Zumindest noch nicht. Wollen Sie was trinken?« »Ja«, erwiderte Robles. In dem offenen Schuppen füllte Kapitän Marco zwei Schnapsgläser mit Rum. Die Zitrone schenkten sie sich. Für Robles war nur Kapitän Marco sichtbar, aber er konnte die anderen draußen in der Dunkelheit spüren. Es kribbelte geradezu zwischen seinen Schulterblättern. »Ich habe eine Leiche mit einem Ten-Bells-Tattoo. Sie wissen wahrscheinlich, um wen es sich handelt«, sagte Robles. Kapitän Marco breitete die Hände aus. Ein weiterer Frachter glitt mit Schleppern an Bug und Heck auf dem Fluss vorüber. Sie mussten die Stimme heben, um das Dröhnen der Maschinen zu übertönen. »Ein junger Lateinamerikaner, in den Zwanzigern«, sagte Robles. »In gutem Allgemeinzustand, mit Schwimmflossen an den Füßen. Wir haben weder Kopf noch Finger. Das Tattoo befindet sich auf der Fußsohle. Und die Blutgruppe hat er auch auf die Fußsohle eintätowiert – GS für grupo sanguíneo, 0 positiv.« »Wie ist er gestorben?« »Ein Pfeil oder ein Armbrustbolzen durch das Herz. Es ging schnell, falls Sie das wissen wollen. Es war kein Verhör. Die Finger wurden erst abgeschnitten, als er schon tot war.« Robles konnte Marcos Gesicht nichts entnehmen. »Eine der Kugeln in seinem Körper weist Übereinstimmungen mit einer Kugel auf, die in meinem Haus gefunden wurde«, erklärte Robles. »Ah. Das.« »Das«, bestätigte Robles. Ein Nachtfalter flog um die nackte Glühbirne, der Schatten wanderte über beide Männer hinweg. »Ich möchte, dass Sie eines wissen«, sagte Marco. »Bei der Seele meiner Mutter, wir kannten den Mann nicht, der Ihr Haus beschossen hat. Ich würde genauso wenig Ihr Haus beschießen wie Sie meins. Es tut uns allen leid, was mit Ihrer Señora passiert ist.« »Viele Leute beschießen Wohnhäuser. Und erschießen junge Männer mit Schwimmflossen. Vermissen Sie einen?« Ein dumpfes Krachen aus der Verbrennungsanlage, wo Antonios Gehirn brodelte. Ein Funkenschweif aus dem Schornstein. »Meiner Besatzung geht es gut«, sagte Kapitän Marco. »Ich will wissen, wer den Jungen erschossen hat, und ich will die Waffe und den, der sie besorgt hat. Wir beide sind für den Augenblick quitt. Sollte ich herausfinden, dass Sie mit Informationen hinter dem Berg halten, ist es damit vorbei.« »Sie wissen, dass ich seit Langem als gesetzestreuer Bürger lebe. Allerdings ist mir bei einem Familientreffen, einer Erstkommunion in Cartagena vor einem Monat, eine wichtige Persönlichkeit über den Weg gelaufen.« »Don Ernesto.« »Bleiben wir bei ›wichtige Persönlichkeit‹.« »Weiß er, woher die Waffe stammt?« »Nein, und das möchte er Ihnen persönlich sagen. Falls diese Persönlichkeit irgendwann nach Miami kommt, würden Sie sich persönlich mit ihr treffen?«, fragte Marco. »Persönlich. Jederzeit, egal wo.« Robles bedankte sich mit einem Nicken für den Drink und ging zwischen den gestapelten Reusen und Kisten davon. Der Laserpunkt folgte ihm auf dem dunklen Boden. »Das dürfte etwa nächsten Dienstag sein«, sagte Marco zu sich selbst. Ein Puffen in der Verbrennungsanlage. Antonios Schädel explodierte, und ein mit glitzernden Funken durchsetzter Rauchring stieg wie ein dunkler Heiligenschein aus dem Schornstein auf. Marco konnte nur hoffen, dass die Polizei Antonio nicht allzu bald identifizierte, weil sich die Cops dann mit seiner Tour bei den Poolservice-Kunden befassen würden. ViSiT WWW.iBOOKS.TO 20 Nachdem Antonio drei Tage lang nicht zur Arbeit gekommen war und sein Pick-up unauffindbar blieb, meldete die Poolservice-Firma ihn als vermisst. Die Fahndung nach seinem Auto lief erst seit zwei Stunden, als der Pick-up vor der Ladenzeile entdeckt wurde. Eine Arbeitskollegin, die mit einer Kühlkompresse am Hals gegen Übelkeit kämpfte, sah sich das Video der Rechtsmedizin an und identifizierte Antonios Tätowierungen. Als Hans-Peter Schneider in den Nachrichten mitbekam, dass Antonio identifiziert worden war, wusste er, dass die Zeit knapp wurde. Die Polizei würde Antonios Kundenliste abarbeiten. Zwei Tage lang hatte Hans-Peter die Entwicklung beobachtet und abgewartet. Er hatte die Zeit genutzt, um die Männer zu ersetzen, die er verloren hatte. Zwei Mann waren ihm abhandengekommen, Felix nicht mitgezählt. Nur Mateo war noch übrig. Hans-Peter bevorzugte einen ethnischen und sprachlichen Mix in seinem Team, weil er glaubte, damit Machenschaften, die sich gegen ihn richteten, verhindern zu können. In einem Bordell und Erotikshop an der Interstate 95 spürte er Finn Carter auf, der sich auf den Umgang mit Einbruchswerkzeugen verstand. Sie hatten früher schon einmal zusammengearbeitet. Carter zuckte bei Hans-Peters Anblick kurz zusammen, aber er hatte erst vor Kurzem fünf Jahre in der Union Correctional Institution in Raiford abgesessen und war für jedes Angebot offen. Der andere Mann war Flaco Nuñez, ein Karosseriemechaniker, der in seiner Werkstatt in Immokalee Autos aus gestohlenen Teilen zusammenbaute und zwei Verurteilungen wegen häuslicher Gewalt auf dem Kerbholz hatte. Flaco war Türsteher in Hans-Peters Bars gewesen, bevor das Gesundheitsministerium sie geschlossen hatte. Als die Polizei nicht am Escobar-Haus erschien, ging Hans-Peter wieder an die Arbeit. Carter und Flaco hatten die Bohrarbeiten übernommen. Hans-Peter Schneider beobachtete sie von der Kellertreppe aus. Er trug Antonios Ohrring, das schwarze gotische Kreuz, und fühlte sich damit sehr verwegen. Seinen neuen Mitarbeitern sagte er nichts von dem Sprengstoff, auf den sie möglicherweise stoßen würden. Vielleicht hatte Jesús ja gelogen, wer wusste das schon? In Miami Beach sind Keller unter der Erdoberfläche ein Ding der Unmöglichkeit, weil der Grundwasserspiegel zu hoch ist. Ein echter Keller würde volllaufen, und das Haus würde in einem Wasserbad sitzen. Zum Schutz vor durch Hurrikans ausgelöste Flutwellen war das Escobar-Haus wie die Terrasse auf Pfeilern errichtet, um die herum Erde aufgeschüttet worden war. Der Keller lag daher zwar unter der Oberfläche, aber so hoch, dass nur bei einer Ausnahmeflut Überschwemmungsgefahr bestand. Carter und Flaco hatten den Zement der Kellerwand entfernt und die Landseite des Stahlblocks freigelegt. In den Würfel war eine Tresortür eingelassen. Die gesamte Vorderseite war mit einem farbenfrohen, überlebensgroßen Bild bemalt, das die barmherzige Jungfrau von El Cobre, Nuestra Señora de la Caridad del Cobre, die Schutzpatronin Kubas, mit den Schiffern zu ihren Füßen zeigte. An der Tür war weder ein drehbares Zahlenschloss noch ein Schlüsselloch zu entdecken, nur ein kleiner Griff, der sich nicht drehen ließ. Carter setzte ein Bit mit einem Kobaltanteil von acht Prozent in die schwere elektrische Bohrmaschine und rieb die Schneidspitze mit Schwarzoxid ein. Um eine Spannung von zweihundertzwanzig Volt zu bekommen, mussten sie das Kabel über die Treppe laufen lassen und in der Küche hinter dem Herd anschließen. Carter bekreuzigte sich, bevor er den Bohrer an der Brust des Madonnenbildes ansetzte und einschaltete. Ein Kreischen und ein leichtes Kräuseln des Metalls – mehr nicht. Hans-Peter überlegte. Das Bohrgeräusch ließ ihn zusammenzucken. Seine wimpernlosen Lider senkten sich, und er hörte im Geiste die Stimme von Jesús Villarreal: Die Jungfrau hat ein explosives Temperament. Er musste brüllen, um Carter zu stoppen. Zum Telefonieren ging er lieber in den Garten. Es dauerte drei Minuten, bis der Anruf angenommen wurde. Zuerst hörte Hans-Peter das Zischen des Beatmungsgeräts, bevor sich die schwache Stimme von Jesús Villarreal in Barranquilla meldete. »Jesús, es wird Zeit, dass Sie das Geld verdienen, das ich Ihnen geschickt habe«, sagte Schneider. »Señor Schneider, es wird Zeit, dass Sie mir das restliche Geld schicken, das ich mir verdient habe«, erwiderte Jesús. »Ich habe eine Tresortür.« »Die Sie ohne mich nicht gefunden hätten.« »Es gibt kein Zahlenschloss, nur einen kleinen Griff. Soll ich den öffnen?« Ein Keuchen, eine Pause, dann meldete sich die schwache Stimme wieder. »Die Tür ist verriegelt.« »Soll ich sie aufbrechen?« »Nicht, wenn Ihnen an Ihrem irdischen Dasein gelegen ist.« »Dann helfen Sie mir, mein guter alter Freund Jesús.« »Wenn das Geld käme, würde das meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.« »Überall lauern Gefahren, und die Zeit ist knapp«, erwiderte Schneider. »Sie wollen, dass für Ihre Familie gesorgt ist. Ich will meine Männer schützen. Was für das eine gefährlich ist, gefährdet auch das andere – ist Ihr Verstand klar genug, um mir zu folgen?« »Mein Kopf ist klar genug, um Geld zu zählen. Die Sache ist ganz einfach: Zahlen Sie wie versprochen, und zwar jetzt.« Jesús musste innehalten, um mehrmals Luft zu holen und Sauerstoff zu inhalieren. »Andere könnten sich als großzügiger erweisen. In der Zwischenzeit würde ich die Finger von der Barmherzigen Jungfrau von El Cobre lassen, mein lieber Freund Señor Schneider.« Die Leitung war tot. Schneider griff hinter den Herd und zog das Stromkabel für die große Bohrmaschine heraus. Dann ging er nach unten. »Wir müssen warten oder das Ding im Ganzen wegschaffen«, sagte er zu seinen Männern. »Wir müssen es irgendwo hinbringen, wo wir in Ruhe arbeiten können. Das ist ein Riesenklotz Stahl, Carter. Wir müssen ungestört sein.« In den Mittagsnachrichten im Fernsehen wurde Antonios Identität erneut bestätigt und die Nummer eingeblendet, unter der die Polizei Hinweise entgegennahm. Schneider rief Clyde Hopper in Fort Lauderdale an. Hopper hatte eine Wasserbaufirma und verdiente sich mit der Zerstörung historischer Gebäude in Miami für Bauträger ein schönes Zubrot. Abrissgenehmigungen für historische Häuser in Miami und Miami Beach sind bekanntermaßen schwer zu bekommen. Ein Bauträger kann schon mal Wochen oder Monate auf die Genehmigung warten, auf einem Grundstück alte Eichen zu fällen oder ein historisches Haus abzureißen. Clyde Hoppers doppelarmiger Hitachi-Abrissbagger konnte ein Haus in wenigen Stunden an einem Sonntag in einen Schutthaufen verwandeln, wenn der Inspektor der Bauaufsichtsbehörde zu Hause bei Frau und Kindern saß. Der Baggerfahrer hatte immer eine Rolle Müllbeutel dabei, für Küken, Nester und andere Tierbehausungen, die auf dem Boden landen, wenn ein Baum gefällt wird. Wurde das Werk der Zerstörung entdeckt, stimmten die Denkmalschützer ein großes Geschrei an, und der Bauunternehmer musste eine Strafe von vielleicht einhundertfünfundzwanzigtausend Dollar zahlen, eine Kleinigkeit verglichen mit den immensen Kosten für eine verzögerte Erteilung der Baugenehmigung, wenn die Banker schon wie die Geier kreisten. Hans-Peter war an der Fünfzig-Tonnen-Winde und dem Kran interessiert, die Hopper auf einem Schlepper montiert hatte. Er nannte Clyde Hopper einen Betrag. Dann nannte er einen zweiten Betrag, und es wurde ein Treffen vereinbart. »Wir holen das Ding am Sonntag tagsüber raus«, sagte Schneider zu den Männern, die im Keller in ihren Unterhemden schwitzten. 21 Barranquilla, Kolumbien Ein Taxi drängelte sich auf einen der heiß umkämpften Parkplätze an der Straße vor der Clínica Ángeles de la Misericordia. Ein Straßenverkäufer mit einem Handkarren stritt sich kurz mit dem Taxifahrer um den Platz, aber als er eine Nonne auf dem Rücksitz sah, bekreuzigte er sich und gab sich geschlagen. Im Desinfektionsgeruch der Station im Erdgeschoss zog ein Priester die Vorhänge um einen bis aufs Skelett abgemagerten Mann teilweise zu und begann mit der Krankensalbung. Eine Fliege stieg von einem angeschlagenen Emaillebecken auf und versuchte, auf dem geweihten Öl zu landen. Der Priester bemerkte den Habit einer in der Krankenpflege eingesetzten Ordensschwester und rief ihr zu, das Insekt zu verscheuchen. Sie reagierte nicht, sondern ging weiter, wobei sie Bonbons an die Kinder verteilte, denen sie begegnete, das Obst in ihrem übervollen Korb jedoch für sich behielt. Sie brachte den Korb zu einem der Einzelzimmer am Ende der Station. Jesús Villarreal lag in seinem Bett. Er freute sich, eine Frau zu sehen, und schob die Sauerstoffmaske zur Seite, um ihr zuzulächeln. »Gracias, Schwester«, sagte er mit schwacher Stimme. »War bei dem Korb eine Karte dabei? Ein Umschlag, eine DHL-Sendung?« Die Nonne lächelte, holte einen Umschlag unter ihrem Schleier hervor und drückte ihn Jesús in die Hand. Sie deutete zum Himmel, trat neben sein Bett und räumte die Dinge auf seinem Nachttisch beiseite, um den Obstkorb in seine Reichweite zu stellen. Jesús, dem der Geruch von Parfüm und Zigarettenrauch in die Nase stieg, amüsierte sich insgeheim darüber, dass eine Nonne heimlich rauchte. Sie tätschelte ihm die Hand und neigte den Kopf zum Gebet. Jesús küsste das Medaillon mit dem heiligen Dismas, das er an sein Kissen geheftet hatte. »Dios se lo pague«, sagte er. Gott möge es Ihnen vergelten. Der Umschlag enthielt eine Zahlungsanweisung über zweitausend Dollar. Vor dem Krankenhaus kam Don Ernestos schwarzer Range Rover langsam zum Stehen. Isidro Gómez, der Leibwächter, stieg auf der Beifahrerseite aus und öffnete Don Ernesto die hintere Tür. Der Taxifahrer hinter ihnen schlug die Boulevardzeitung La Libertad auf und hielt sie so, dass sie sein Gesicht verdeckte. Auf der Station erkannten die Patienten Don Ernesto auf Anhieb und riefen seinen Namen, als er mit Gómez an ihnen vorbeiging. Die Nonne, die erneut Bonbons verteilte, war schon auf dem Rückweg. Unter ihrer Haube warf sie Don Ernesto einen Seitenblick zu und lächelte mit gesenktem Blick, als sie an ihm vorüberging. Don Ernesto klopfte an die offene Tür zu Jesús’ Zimmer. »Bienvenido«, flüsterte Jesús hinter seiner Sauerstoffmaske. Er schob sie zur Seite, um reden zu können. »Welche Ehre, dass ich Sie empfangen darf, ohne vorher befummelt zu werden.« »Ich habe gute Nachrichten für Sie«, sagte Don Ernesto. »Wollen Sie sie hören?« Jesús machte eine schwache, auffordernde Geste mit seiner verschrumpelten Hand. »Die Neugier bringt mich um – oder sollte es was anderes sein?« Don Ernesto holte Dokumente und ein Foto aus der Tasche. »Ich kann Ihrer Frau und Ihrem Sohn das Haus auf dem Bild geben. Lupita hat es der Señora und ihrer Schwester gezeigt. Bei allem Respekt, Ihre Schwägerin ist sehr kritisch und hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, Jesús.« »Wem sagen Sie das?«, erwiderte Jesús. »Sie hat mich nie zu schätzen gewusst.« »Aber von dem Haus war sie trotz allem beeindruckt. Und Ihre Frau ist ganz verliebt. Im Vergleich zum Heim ihrer gestrengen Schwester findet sie es geradezu entzückend. Die Señora hat die Besitzurkunde einem Richter zur Prüfung vorgelegt und dessen Bestätigung gleich mitgebracht. Außerdem bin ich bereit, einen Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, der es Ihrer Frau und Ihrem Sohn ermöglicht, das Haus für immer zu behalten. Das Geld ist bereits auf einem Treuhandkonto. Hier ist die Quittung der Bank. Als Gegenleistung will ich wissen, was Sie für Pablo nach Miami geschafft haben und wie ich da rankomme.« »Das ist eine komplexe Angelegenheit.« »Jesús, versuchen Sie nicht, mich hinzuhalten. Schneider hat den Würfel gefunden. Den Standort brauche ich nicht mehr, den kenne ich schon. Den haben Sie nämlich Schneider verkauft.« »Dann sage ich Ihnen, wenn der Tresor auf die falsche Art geöffnet wird, wird das noch in einer Entfernung von mehreren Kilometern zu hören sein. Ich brauche Sicherheiten …« »Vertrauen Sie Ihrem Anwalt?« »Meinem Anwalt?«, fragte Jesús. »Selbstverständlich nicht. Was für eine Frage!« »Aber ein Mann Ihres Kalibers vertraut sicherlich seiner Frau«, sagte Don Ernesto. Er klopfte gegen die Tür, und Jesús’ Frau und sein Sohn, ein Junge im Teenageralter, kamen herein. Jesús’ streng blickende Schwägerin stakste ebenfalls ins Zimmer und musterte die beiden Männer, den Raum, ja selbst das Obst im Korb, das ihr gewachst schien, mit missbilligenden Blicken. »Ich lasse Sie allein, damit Sie reden können«, sagte Don Ernesto. Bewacht von seinem Chauffeur und Gómez, wartete Don Ernesto unter dem Vordach am Eingang des Krankenhauses. Er hatte seinen Zigarillo fast aufgeraucht, als Jesús’ Frau, ihre Schwester und der Junge aus dem Krankenhaus kamen. Don Ernesto lüftete den Hut, um sich von den Damen zu verabschieden. Er schüttelte dem Jungen die Hand. Gómez half ihnen in das wartende Auto. Das Taxi stand immer noch mit laufendem Motor am Straßenrand. Das Gesicht des Fahrers wurde durch die Zeitung verdeckt. Gómez ging hin und schob die Zeitung mit dem Zeigefinger beiseite, um sich den Fahrer genauer anzusehen. Er warf einen Blick auf den Rücksitz, wo die Nonne saß, und lüftete grüßend den Hut. Der Fahrer hörte ein trauriges Bachata-Stück von Monchy und Alexandra. Ihm stieg Gómez’ Geruch nach gutem Eau de Cologne und Gewehröl in die Nase. Er saß ganz still, bis Gómez wieder gegangen war. Don Ernesto verschwand mit Gómez erneut im Krankenhaus. Im Taxi zündete sich die Nonne eine Zigarette an und holte ein Handy heraus. »Gib mir Señor Schneider. Hombre, beeil dich!« Sie musste etwa fünf Sekunden warten. Die Verbindung war nicht gut. »Hallo«, sagte sie. »Unser Freund ist wieder ins Krankenhaus gegangen. Er redet jetzt mit dem Großmaul.« »Danke, Paloma«, erwiderte Hans-Peter Schneider. »Ich muss Ihnen leider sagen, dass es mit Karla nicht funktioniert hat. Nein, behalten Sie das Geld und schicken Sie mir eine Neue. Eine Russin wäre in Ordnung.« Drinnen, auf dem Weg zu Jesús’ Zimmer, wurde Don Ernesto von einem Patienten am Ärmel gezupft. Gómez wollte den Mann beiseiteschieben, aber Don Ernesto hinderte ihn daran. »Das ist schon in Ordnung.« Der Mann hatte Tränen in den Augen und fing an, mit leiser Stimme seine Probleme aufzuzählen. Er versuchte, Don Ernesto die offene Stelle an seinem Rücken zu zeigen. »Gib ihm Geld«, sagte der Don zu Gómez. »Dios se lo pague«, sagte der Kranke und versuchte, Don Ernesto die Hand zu küssen. In seinem Zimmer betrachtete Jesús ohne großen Appetit den Obstkorb, der den Großteil seines Nachttischs einnahm. Aus dem Korb drang eine kurze Melodie. Das gefürchtete mexikanische Hornsignal »El Degüello« – die durchgeschnittene Kehle. Jesús versuchte, in den Korb zu greifen, aber die Schläuche waren im Weg, und einige Früchte fielen zu Boden. Schließlich gelang es ihm, das Handy unten aus dem Korb zu fischen. »Dígame. Hallo.« Hans-Peter Schneiders Stimme. »Jesús, Sie hatten Besuch. Haben Sie ihm etwas gesagt? Haben Sie ihm etwas verraten, wofür ich gutes Geld bezahlt habe?« »Nichts, das schwöre ich. Schicken Sie mir das restliche Geld, nicht bloß diese Almosen, Señor Hans-Pedro. Ich habe Informationen, die Ihnen und Ihren Männern das Leben retten können.« »Ich heiße Hans-Peter, nicht Hans-Pedro. Für Sie Señor Schneider … Patrón für Sie … Su Eminencia für Sie … Ich habe bezahlt! Sagen Sie mir, wie das Ding aufgeht.« »Sie brauchen eine Zeichnung, Su Eminencia Reverendísima. Ich habe Ihnen alles aufgezeichnet, was Sie brauchen. Schicken Sie mir das restliche Geld per DHL und legen Sie einen frankierten Rückumschlag bei. Ich warte bis übermorgen, Su Beatitud.« Eintausendsiebenhundert Kilometer entfernt riss Schneider die haarlosen Lider auf, und die Augen quollen ihm aus dem Kopf. »Don Ernesto ist bei Ihnen, stimmt’s? Ihr macht euch über mich lustig. Lassen Sie mich mit ihm reden, geben Sie ihm das Handy«, drängte er. Ein Schaumfleck trat in seinen Mundwinkel. Er rief ein anderes Mobiltelefon an. »Nein, ich bin allein, wie wir alle«, entgegnete Jesús. »Schick mir das Geld, du pince gilipollas, du Pepa Pelona, du kahlköpfiges Arschloch – oder eine Postkarte, wenn deine Eier am Mars vorbeifliegen.« Das Handy explodierte mit solcher Wucht, dass Jesús’ zerfetzter Schädel im gesamten Raum verteilt wurde. Die Zimmertür wurde nach außen aufgedrückt, und Don Ernesto, der die Hand auf den Türknopf gelegt hatte, wurde von einem Splitter getroffen und trug eine Schnittwunde über dem Auge davon. Don Ernesto trat in den Qualm. Die Leiche zuckte noch, Blut pumpte aus dem zerfetzten Körper. Ein Stück Schädel, das an der Decke geklebt hatte, fiel auf Don Ernesto. Er schnippte es weg. Er blickte betrübt, aber gefasst drein. Ein Tropfen Blut lief über seine Wange wie eine Träne. Er durchsuchte den Nachttisch, fand aber nichts. »Dios se lo pague«, sagte er. Gott möge es Ihnen vergelten. 22 Die Tanzschule Academia de Bailar Alfredo in Barranquilla, Kolumbien, lag in einer Straße mit vielen Bars und Cafés. Am Eingang prangte das Bild eines Tango tanzenden Paares, obwohl Tango gar nicht auf dem Lehrplan stand. Die Akademie war das aktuelle Hauptquartier der Ten-Bells-Schule für Taschendiebe, Einbrecher und Räuber. Die Schule war nach einer Prüfung benannt: Eine Testperson, an deren Kleidung zehn Glöckchen befestigt sind, muss lautlos bestohlen werden. Manchmal sind in den Taschen zusätzlich Angelhaken oder Rasierklingen versteckt, um die Aufgabe zu erschweren. Das Studio im ersten Stock hatte eine große offene Tanzfläche. An diesem Vormittag drang durch die hohen Fenster eine angenehme Brise, die die Geräusche von der Straße hinauf in den Saal trug. In einer Ecke der Tanzfläche war eine Flughafen-Cafeteria mit Ausgabetheke, Stehtischen und Buffet-Station aufgebaut. Ein Dutzend Teenager und junge Leute Anfang zwanzig standen in Straßenkleidung auf der offenen Fläche. Die Auszubildenden kamen aus sechs verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. Der Ausbilder war um die vierzig. Er trug Pumas und hatte die Brille auf den Kopf geschoben. Er hielt sich für einen Choreografen und sah auch so aus, wenn er ein Hemd über seinen Gefängnistätowierungen trug. Sein Foto hing in den Polizeiinspektionen der großen Flughäfen überall auf der Welt. Die Teams übten »Soßen abwischen«. Der Ausbilder hielt einen Vortrag. »Beim Soßen-Abwischen müsst ihr rechtzeitig vor Ort sein und die Zielperson schon beobachten, wenn sie in die Cafeteria kommt, damit ihr wisst, in welcher Hand sie das betreffende Objekt hält. Sagen wir, es handelt sich um eine Computertasche mit Inhalt in der linken Hand. Konzentriert euch darauf. Linke Hand. Ihr müsst den Senf oder die Mayonnaise hinter die rechte Schulter schmieren, damit die Stelle nur mit der linken Hand erreichbar ist. Meine Damen, wenn ihr eine männliche Zielperson auf einen Senffleck hinweist, müsst ihr dieser sofort Feuchttücher in die freie rechte Hand drücken, sodass sie die Computertasche nicht einfach in die andere Hand nehmen kann, um sich die Stelle hinter der Schulter abzuwischen. Die Zielperson ist dann gezwungen, das Gepäckstück auf dem Boden abzustellen und sich nach der verschmierten Schulter umzusehen. Damit ist die Tasche nicht mehr in ihrem Blickfeld. Für die Damen: Drückt mit der teta gegen den Arm des Objekts, während ihr ihm behilflich seid. Ein gepolsterter BH mit Bügel sorgt dafür, dass das auch durch eine Anzugjacke zu spüren ist. In diesem Augenblick schlägt euer Partner zu. Ihr würdet euch wundern, wie viele Leute die Soße auf die falsche Schulter schmieren oder zu langsam mit den Feuchttüchern sind. Die sitzen dann in einem fensterlosen Kabuff am Flughafen und warten darauf, dass jemand die Kaution für sie hinterlegt und dass sie endlich aufs Klo gehen können. Okay, es geht los. Vincent und Carlita, ihr seid dran. Alle in Position! Okay, Zielperson bitte. Und los!« Der Regisseur legte die Hände um den Mund und rief näselnd: »Flug achtundachtzig nach Houston ist jetzt an Gate elf zum Einsteigen bereit. Anschlussflüge nach Laredo, Midland, El Paso.« In seinem Büro neben der Tanzfläche hörte Don Ernesto Ibarra die aufgeregten Stimmen, die schnellen Schritte, hörte Carlita rufen, während sie in die falsche Richtung deutete: »Er ist da lang, ich hab’s genau gesehen!« In seiner Eigenschaft als Leiter der Ten-Bells-Schule und ihrer kriminellen Fortbildungsangebote schrieb Don Ernesto einen schwierigen Brief an die Eltern des verstorbenen Antonio, dem er einen Scheck beilegte. Er rechnete damit, dass sie ihn trotz des großzügigen Betrags als Beleidigung empfinden würden. Er hoffte es. Dann konnten die Eltern ihn verfluchen, während sie das Geld ausgaben, und ersparten ihm mündliche Beileidsbekundungen. Ein Klopfen an der Bürotür, und Don Ernestos Sekretärin brachte ihm ein Wegwerf-Handy. Sie hielt es mit einer Serviette, die Don Ernesto ebenfalls benutzte. »Es wird in fünf Minuten klingeln. Sie kennen den Anrufer«, sagte sie. Am Tour de Rêve auf dem geschäftigen Marché en Fer in Port-au-Prince waren viele alte Fahrräder billig zu haben. Die meisten davon wurden im Schutz der Nacht in Miami beschafft. Alle waren überholt und hatten mindestens einen Monat Garantie. Jean-Christophe, der Inhaber, hatte früher am Tag die große Kette abgeschlossen, mit der die Ausstellungsmodelle vor dem Laden gesichert wurden, und war mit seinem Laptop ins Internetcafé gegangen. Von dort schickte er eine E-Mail nach Barranquilla. Sie lautete: Mi Señor, können Sie mir eine Nummer mitteilen, die Ihnen genehm ist? Die Antwort kam binnen Minuten. +57 JK5 1795. In Alfredos Tanzakademie in Barranquilla summte und vibrierte das Handy in Don Ernestos Hand. »Jean-Christophe hier.« »Bonjour, Jean-Christophe! Wie geht es der Band?« »Daran erinnern Sie sich? Wenn wir Glück haben, spielen wir im Oloffson, an den seltenen Abenden, wenn Boogaloo nicht in der Stadt ist.« »Wann kommt Ihre DVD heraus?« »Die ist noch in Arbeit, danke der Nachfrage, Don Ernesto. Wir brauchen Studiozeit. Don Ernesto, ich rufe an, weil mein Lieferant in Miami, der mir die Fahrräder schickt … Er hat einen Anruf von einem Menschen mit gutturalem Akzent aus Paraguay erhalten. Einem Menschen ohne Haare. Diese Person benötigt Unterstützung in unserem Hafen Gonaïves.« »Was für Unterstützung, Jean-Christophe?« »Bei einem Schwerguttransport aus Miami. Unter der Hand. Muss in Gonaïves von einem Schiff auf einen Trawler umgeladen werden. Ich dachte, das könnte von Interesse sein. Ist Ihnen eine solche Person bekannt?« »Ja.« »Ein kleiner Frachter, die Jezi Leve, läuft in einer Woche in Miami aus. Ich erwarte eine ganze Ladung Fahrräder, die an Bord sein soll. Morgen Abend soll auf dem Schiff eine Besprechung stattfinden, danach ruft mein Fahrradfreund an. Soll ich dieses Handy entsorgen?« »Das wäre empfehlenswert, Jean-Christophe. Sagen Sie Ihrem Freund in Miami, er möge ein Tuch um den Hals tragen. Am besten leuchtend orange. Würden Sie bitte meiner Sekretärin Ihre Bankverbindung geben? Danke und viel Erfolg mit der Musik.« Es klopfte an der Bürotür. Don Ernestos Assistent Paolo, ein schweigsamer Mann in den Dreißigern mit einem ausgeprägten, spitzen Haaransatz, trat ein. Don Ernesto hob fragend die Augenbrauen und spürte, wie die Naht über seiner Augenbraue spannte. »Paolo, wen haben wir gerade in Südflorida? Jetzt, in diesem Augenblick?« »Ein gutes Team, das auf der Schmuckmesse in Tampa im Einsatz ist. Victor, Cholo, Paco und Candy.« Don Ernesto musterte die Dokumente auf seinem Schreibtisch. Er tippte mit dem Beileidsschreiben gegen seine Zähne. »Haben Victor und sein Team schon Säuberungen durchgeführt?« Paolo antwortete nach kurzer Überlegung. »Unerfahren sind sie nicht.« An der Bootswerft in Miami ging Kapitän Marco ans Telefon. »Hola, Marco.« »Don Ernesto, buenos días, Señor.« »Marco, wann warst du zum letzten Mal in der Kirche?« »Das weiß ich nicht mehr, patrón.« »Dann wird es Zeit, dass du etwas für dein geistliches Wohl tust. Geh morgen Abend zur Messe. In Boca gibt es eine nette Kirche. Geh zur Sechs-Uhr-Messe. Nimm deine Helfer mit, betet für Antonio. Setzt euch in die erste Reihe, wo euch jeder sehen kann. Macht Selfies von euch in der Kirche.« »Manche von ihnen können nicht zur Kommunion gehen. Ich will keine Namen nennen.« »Dann sollen sie sich rausschleichen oder während der Kommunion Däumchen drehen. Wenn ihr das hinter euch gebracht habt, besucht ihr ein gutes Restaurant, eine Stunde nördlich von Miami. Schickt ein Essen zurück in die Küche, damit sie sich ärgern, und gebt dann ein großes Trinkgeld. So vergessen sie euch bestimmt nicht. Und, Marco, finde heraus, was dein Freund Favorito treibt.« 23 Der Kombi verließ Tampa nach der morgendlichen Stoßzeit und fuhr auf der Alligator Alley in Richtung Osten nach Miami. Candy saß auf dem Rücksitz. Sie war fünfunddreißig und attraktiv, hatte aber harte Jahre hinter sich, die ihr zunehmend anzusehen waren. Die anderen drei waren Männer in den Dreißigern: Victor, Cholo und Paco, alle wie aus dem Ei gepellt. Der Juwelenkurier, auf den sie es ursprünglich abgesehen hatten, würde warten müssen. »Den schnappen wir uns in Los Angeles«, sagte Victor. »Jetzt wissen wir ja, was er mag«, sagte Paco mit einem gierigen Blick auf Candy, die Lippenbalsam auftrug. Candy sah ihn angewidert an und verstaute den Lippenbalsam sorgfältig im Handyfach ihrer Handtasche, damit er sich nicht in der Sicherung ihrer Pistole verkeilte. Die Lageranlage im Westen Miamis war in einem riesigen, blassgrünen Gebäude ohne Fenster untergebracht. Paco, ein verhinderter Songschreiber, fühlte sich an einen Schlachthof erinnert. »Lagerhäuser«, sagte er. »Die Schlachthöfe der Träume.« Candy wartete am Steuer des Kombis, während Victor, Paco und Cholo nach drinnen gingen. »Wir nennen dich einfach Bud«, sagte Victor, als sich der Mann, der sie in Empfang nahm, nicht vorstellte. Er zeigte dem Mann eine Münze auf seiner Handfläche. Bud führte sie durch einen dämmrigen Gang mit zahlreichen Türen. Die Luft roch nach Schweißschuhen und alter Bettwäsche, zerknitterten, verfleckten Decken. Der Geruch fehlgeschlagener Pläne – Möbel aus Scheidungen, ein Auto-Kindersitz. Paco schauderte ein wenig. Die Lagerabteile waren oben offen und mit dickem Maschendraht abgedeckt, wie Zimmer in einer billigen Absteige. Bud blieb vor einer Tür stehen und sah Victor an, bis Victor zwei Banknotenbündel mit Banderole herausholte. »Halbe-halbe, Bud«, sagte Victor und gab ihm die Hälfte des Geldes. »Zeig mir was.« Das betreffende Lagerabteil enthielt einen Kleinflügel, eine tragbare Bar und einen verschlossenen schweren Schrank. Bud hob den Sitz des Klavierhockers an und nahm zwischen den Notenblättern einen Schlüssel heraus. »Überprüf den Gang«, sagte er zu Paco. »Ist sauber«, sagte Paco. Bud öffnete den Schrank und holte zwei MAC-10-Maschinenpistolen, ein AK-47 und ein AR-15-Sturmgewehr heraus. »Ist vollautomatisches Feuer einstellbar?«, fragte Victor. Bud gab ihm das AR-15 mit dem Drop-in-Abzugsstück, durch den es zur automatischen Waffe wurde. »Die sind garantiert inocentes, sin pasado, sauber und nicht rückverfolgbar – jede einzelne?«, fragte Victor. »Da könnt ihr euer Leben drauf verwetten.« »Ich würde sagen, es geht um dein Leben, Bud.« Bud verstaute die Waffen in einem Akkordeonkoffer, zusammen mit geladenen Magazinen und Schalldämpfern. Eine kurze Schrotflinte legte er in einen Koffer für ein Basssaxofon. Victor sah Paco an. »Endlich mal ein Instrument, das du beherrschst.« Am Nachmittag kauften sie in der Mall of the Americas ein, und Candy ließ sich die Haare tönen. 24 Cari, die Erfahrung mit Trauer hatte, sorgte dafür, dass sie beschäftigt war. Am Tag, nachdem sie Antonios Kopf verbrannt hatten, kümmerte sie sich zusammen mit ihrer Cousine Julieta um das Catering für eine Bootstour von der Pelican Harbor Seabird Station zur Kolonie auf Bird Key, ein Job, mit dem sie sich jeden Monat etwas dazuverdienten. Was sollten sie servieren? Fingerfood, das nicht tropfte. Empanadas – gefüllte Teigtaschen, Finger-Sandwiches, chorizo auf Zahnstochern. Mit ceviche, dem in Limettensaft marinierten rohen Fisch, gefüllte Avocadohälften, wenn das Budget es erlaubte. Süße Cocktails, Rum, Wodka und Bier. Sie hatten es mit kleinen Spareribs versucht, aber die tropfende Barbecuesoße klebte überall im Boot, und sie hatten alles wegputzen müssen. Offenes Feuer war an Bord nicht erlaubt, doch im Jachthafen gab es Grillplätze, die sie benutzen durften. Sie wärmten empanadas auf und dämpften Klöße im Sterilisator der Tierarztpraxis. Das relativ große Tourboot war offen, mit einem Segeltuchdach und einer Toilettenkabine neben dem Ruder. Es gab vierzig Rettungswesten. An der Reling entlang befanden sich Sitzbänke. Dreißig Passagiere, von denen viele aus Miami stammten und wieder einmal nicht wussten, was sie mit ihren Besuchern anfangen sollten, hatten sich für die Tour angemeldet, und die war ihr Geld wert. Zweck war es, Unterstützung für die Seevogelstation zu gewinnen, die sich durch Spenden finanzierte. Die reguläre Route führte um die natürliche Vogelkolonie auf Bird Key und dann, wenn es dunkel wurde, ein Stück den Miami River hinauf, zwischen den Wolkenkratzern der spektakulären nächtlichen Skyline hindurch. Heute Abend würden sie eine Pause einlegen, um das Feuerwerk im Bayfront Park zu genießen. Dr. Lilibet Blanco, Tierärztin und ehemalige Leiterin der Seevogelstation von Pelican Harbor, war die Gastgeberin des Abends. Sie war im Alter von sieben Jahren im Rahmen der Operación Pedro Pan allein aus Kuba in die Vereinigten Staaten gekommen. Dr. Blanco ließ Cari oft bei den Tieren helfen. Heute Nacht sah die Tierärztin in ihrem schwarzen Hosenanzug, zu dem sie eine Perlenkette trug, ganz anders aus. Ihr Ehemann war ebenfalls dabei. Ihm gehörten Anteile an einem Jai-Alai Frontón, einer Wettkampfhalle für einen mit dem baskischen pelota verwandten Ballsport, den Auswanderer einst in die USA gebracht hatten. Dr. Blanco sagte ein paar Worte zur Begrüßung, als das Ausflugsschiff ablegte. Das Boot tuckerte unter dem 79th Street Causeway nach Süden, in Richtung Bird Key, einer Gruppe von zwei verwilderten Inseln mit einer Gesamtfläche von gut anderthalb Hektar. Eine der Inseln ist natürlichen Ursprungs, die andere aufgeschüttet. Bird Key befindet sich im Privatbesitz, und der Staat stellt keinerlei Mittel für den Unterhalt zur Verfügung. Die Vögel kehrten in ihre Nester zurück – Ibisse, Silber- und Fischreiher, Pelikane und Fischadler flogen in Schwärmen heim. Die weißen Silberreiher und Ibisse schimmerten vor dem sich verdunkelnden östlichen Himmel in der Sonne. Bei jeder Tour versuchte die Station, eine Freilassung zu inszenieren und einen genesenen Vogel in der Wildnis auszusetzen. Es motivierte die Spender, wenn sie die Arbeit der Station aus nächster Nähe miterlebten. An diesem Abend hatten sie einen heranwachsenden Nachtreiher in einer Transportbox für Haustiere an Bord. Die Box war mit einem Handtuch abgedeckt, damit der Vogel in der Dunkelheit so ruhig wie möglich blieb. Der Reiher war gerade flügge gewesen, als ihn Hurrikan Irma aus dem Nest geweht hatte. Dabei hatte er sich am Flügel verletzt. Nachdem er wieder aufgepäppelt worden und das Gelenk verheilt war, hatte er seine Flugkünste in den Volieren der Station geübt. Nun konnte er wieder ausgesetzt werden. Der Kapitän fuhr mit dem Boot so nah an Bird Key heran, wie es in dem flachen Wasser möglich war. Cari trug die Box ans Heck des Bootes und stützte sie auf der Reling ab. Ein beliebter Wettermoderator hielt – gefilmt von einer Fernsehcrew – einen kurzen Vortrag über die Umwelt. Er stand an der Reling, während Cari die Box festhielt und darauf achtete, dass sie selbst nicht im Bild war. Als sie das Handtuch abnahm und die Box öffnete, drehte der Vogel der Klappe den Rücken zu und zeigte nur seinen Schwanz. Der Meteorologe wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. »Zupfen Sie an den Schwanzfedern, dann dreht er sich um«, riet Cari. Als der große, immer noch flaumige Jungvogel das Zupfen an seinen Schwanzfedern spürte, drehte er sich sofort um, steckte den Kopf aus der Box, sah die anderen Nachtreiher über Bird Key am dunklen Himmel kreisen und schoss wie eine Rakete davon, um sich ihnen anzuschließen. Caris Geist erhob sich mit dem Nachtreiher in die Lüfte, und das befreiende Gefühl hielt an, bis sie den Vogel nicht mehr von den anderen unterscheiden konnte, die über der Insel kreisten. Einige Passagiere hatten Ferngläser. Einer von ihnen sprach mit dem Kapitän und deutete mit einer empanada auf die Insel. Cari stellte ein Tablett mit Finger-Sandwiches ab, und der Kapitän bot ihr sein Fernglas an. Auf der Insel hing ein Fischadler mit dem Kopf nach unten in einer Schnur, die sich in einem Knäuel um den Ast eines Baumes ballte. Am Haken neben dem Vogel baumelte ein vertrocknender Fisch. Der Schnabel des Vogels stand offen, die schwarze Zunge hing heraus. Die Krallen griffen ins Leere. Die Passagiere drängten sich an der Reling. »Seht euch die Krallen von dem Kerl an!« »Schaut mal, der hat irgendwem seinen Fisch geklaut.« »Das war sein letzter.« »Können wir irgendwas tun?« Das Wasser war zu seicht, als dass das Boot näher hätte heranfahren können. Sie waren fünfzig Meter von dem roten Mangrovendickicht entfernt, das die Insel umgab, nah genug, um das Gewirr von Müll und Gestrüpp zu erkennen, das den Boden zwischen den Bäumen bedeckte. Der Abfall war für Bird Key eine zweischneidige Sache. Er schützte die Vogelkolonie vor Picknickausflüglern, aber manchmal verfingen sich Tiere im Müll. Durch das Fernglas betrachtete Cari den Vogel. Gefesselt, die grimmigen Augen zum Himmel gerichtet, mit den großen Krallen in die Luft greifend. Über ihm kreisten Vögel. Eine helle Reihe von Ibissen begann ihren Anflug, um sich für die Nacht in den Bäumen niederzulassen. Cari war gepackt vom Anblick des gefesselten Vogels. Gefesselt … Die Kinder im Wasser, gefesselt. Sie konnten nur die Wangen aneinanderdrücken, die Arme hatte man ihnen auf den Rücken gebunden. Konnten nur die Wangen aneinanderdrücken, als die Gewehre klickend entsichert wurden, vor dem Stakkato der Salve. Niedergeschossen, vom Wasser weggespült, eingehüllt von einem blutigen Schleier, als sie dahintrieben. »Ich hole ihn«, sagte sie zum Kapitän. »Wenn Sie warten können, hole ich den Vogel.« Er sah auf die Uhr. »Wir dürfen das Feuerwerk nicht verpassen. Jemand kann mit dem Dingi von der Station herkommen.« »In der Station ist niemand«, erwiderte Cari. »Das klappt vor morgen nicht.« Manchmal kamen Ehrenamtliche zur Insel, um Vögel zu befreien, die sich verfangen hatten, aber es gab keinen festen Zeitplan. Viele würden sich nicht in die Nähe des gefährlich wirkenden Vogels wagen. »Cari, Sie haben an Bord zu tun.« »Sie können mich hier absetzen und auf dem Rückweg wieder mitnehmen. Bitte, Kapitän. Julieta kann sich um das Essen kümmern.« Er sah ihr an, dass sie es so oder so tun würde. Wenn er sie zwang, sich ihm offen zu widersetzen, würde sie das den Job kosten – das wollte er nicht. Über Caris Schulter begegnete der Kapitän Dr. Blancos Blick. Sie nickte zustimmend. »Beeilen Sie sich«, sagte er. »Wenn es länger als zwanzig Minuten dauert, rufe ich die Küstenwache zu Hilfe.« Das Wasser war einigermaßen klar und hatte in der näheren Umgebung des Bootes eine Tiefe von gut 1,20 Meter. Auf dem gekräuselten sandigen Untergrund wogte das Gras in der sanften Strömung. Der Kapitän öffnete den kleinen Werkzeugkasten des Bootes. »Nehmen Sie, was Sie brauchen.« Cari nahm sich eine Zange und Isolierband. Und Handschuhe, die dort – Gott sei Dank! – für Arbeiten am heißen Motor bereitlagen. Außerdem gab es einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten, der allerdings nicht gerade üppig ausgestattet war: eine Mullbinde, Pflaster, eine Tube Antibiotikacreme. Sie verstaute Werkzeug, Verbandskasten und ein Handtuch, das aus der Badetasche eines Passagiers stammte, in einer Kühlbox. Dann nahm Cari die Schürze ab und legte eine Rettungsweste an. Mit Schuhen ließ sie sich rücklings ins Wasser fallen. Es war etwa vierundzwanzig Grad warm, aber es fühlte sich kühl an, als es in ihre Kleidung drang. Mit den Füßen ertastete sie den Grund, das Gras kitzelte an ihren Knöcheln. Das auf und ab tanzende Boot neben ihr kam ihr sehr hoch vor. Der Kapitän reichte ihr die Kühlbox nach unten, den Deckel hatte er mit einer Schnur festgebunden. Auch die vielbeinigen Mangroven im Salzwasser, die sich bis an die Insel zogen, sahen aus dieser Perspektive sehr hoch aus. Der Grund der Biscayne Bay wird von Kanälen durchfurcht, die der Schiffsverkehr gezogen hat. Einen dieser Gräben musste Cari durchschwimmen, wobei sie die Kühlbox vor sich herschob und Wasser trat. Zum Glück hatte sie Sneaker mit Schnürsenkeln an. Dann war das Wasser wieder flach. Erst zog sie die Kühlbox hinter sich her, musste sie dann aber anheben, um sich seitwärts durch die verschlungenen Mangroven zur Insel zu schlängeln. Nun stand sie unter den Bäumen, wusste aber nicht mehr, wo sich der Vogel befand. Sie drehte sich zum Boot um, und der Kapitän deutete in Richtung Süden. Gar nicht so einfach. Der Boden war mit Müll bedeckt – Kühlboxen, Gaskartuschen, verknäulte Angelschnüre, ein Kinderstuhl, ein Autositz mit salzverkrusteten Polstern, ein Fahrradreifen, eine schmale Matratze. Vieles davon hatte die Flut mitgebracht, Strandgut, angespült vom Little River, der in der Nähe in die Bucht mündete. Sie musste durch Müll und Strandgut waten, die ihr wie ein Abbild ihres Lebens vorkamen. Aber nur fast, denn sie sah keine menschlichen Körperteile in den Trümmern. Der Vogel hing an einem Ast etwa anderthalb Meter über dem Boden. Füße und Beine in eine Vorfachschnur aus besonders widerstandsfähigem Fluorocarbon verstrickt, drehte er sich langsam mit dem Kopf nach unten, schlug schwach mit einer Schwinge, griff mit den Krallen nach dem Himmel. Der Schnabel war geöffnet, die kleine schwarze Zunge stach zwischen dem hellen Lila der Schnabelinnenseite hervor. Der Fisch war verschrumpelt, die Augen waren eingesunken. Er war seit mehreren Tagen tot, das konnte Cari riechen. Sie stellte sich so dicht neben den Vogel wie möglich, ohne in Reichweite seines Schnabels zu geraten. Mit dem Fuß scharrte sie Blätter und Zweige unter dem Tier zusammen und breitete das Badetuch darüber aus. Sie griff über den Vogel hinweg, hielt mit einer Hand die Vorfachschnur und wickelte sie um zwei Finger, um sie mit dem Drahtschneider der Zange zu durchtrennen. Der Drahtschneider knickte die feste Nylonschnur nur. Sie holte ihr Taschenmesser heraus und klappte mit dem Daumen die Klinge auf, ohne hinzusehen. Ihr Messer war sehr scharf. Die Sägezähne der Klinge schnitten durch die Vorfachschnur. Obwohl der Vogel keine anderthalb Kilo wog, hing er schwer in ihrer Hand, weil er mit einem Flügel schlug und den Körper in Schwingung versetzte. Er streifte ihre Beine, als sie ihn auf dem Strandtuch ablegte und locker einwickelte, schlug die Krallen in den Stoff. Sie hörte einen schrillen Schrei, als sie den Fischadler in die offene Kühlbox setzte. Vorsichtig stakste sie durch das Gestrüpp, die Kühlbox über dem Kopf, damit sie sehen konnte, wo sie hintrat, während sie durch den Müll zum Wasser watete. Dann setzte sie die Kühlbox auf das Wasser, schob sie im Waten vor sich her und hielt sie fest, damit sie nicht umkippte. Ein am Meeresgrund ruhender Stachelrochen, den sie aufgeschreckt hatte, schwamm mit den Schwingen schlagend davon. Ein Schwarm Tümmler zog vorbei, deren Atmen sie trotz der lauten Rufe vom Boot hören konnte. Julieta war jetzt im Wasser und schwamm ihr entgegen, ein deutscher Tourist zog, übermannt von Hilfsbereitschaft, als er die beiden jungen Frauen im Wasser sah, seine Hose aus und sprang ihr in Unterwäsche nach, um ihnen zur Seite zu stehen. Er war so groß, dass er die Kühlbox auf das Dollbord des Boots heben konnte. Vereinzelter Applaus brandete auf, als sie den Vogel auf die Theke der Bar stellten. Dr. Blanco verfolgte die Ereignisse. Cari sah die Tierärztin an. »Was würden Sie jetzt als Erstes tun, Cari?«, fragte Dr. Blanco. »Wenn ich nicht hier wäre, meine ich.« Sie stupste ihren Ehemann an. »Er ist stark ausgetrocknet, Dr. Blanco«, sagte Cari. »Ich würde Flüssigkeit zuführen, den Flügel ruhigstellen und das Tier dunkel und warm halten, bis wir es zur Station bringen können.« »Dann tun Sie das.« Dr. Blanco setzte sich so, dass sie die Vorgänge beobachten konnte. Cari tastete im Handtuch nach dem Vogel, packte die Beine fest mit den Fingern einer Hand und legte, unterstützt von Julieta, mit einer Mullbinde einen Achterverband an, um den verletzten Flügel ruhigzustellen. Während das Boot in südlicher Richtung fuhr, intubierte Cari den Vogel mit einem eingefetteten Trinkhalm aus der Bar, suchte die Öffnung der Speiseröhre und schob den Strohhalm hinein. »Tut ihm das nicht weh?«, fragte ein Passagier. Cari antwortete nicht. Mit einer geliehenen Brille auf der Nase blies sie Wasser aus ihrem Mund in den Strohhalm. Der warme Fischatem des Vogels lag auf ihrem Gesicht, der gelbe Ring seines Auges so dicht an ihrem Auge war riesengroß. Sie setzten den Vogel in die Transportbox, die sie für den genesenen Nachtreiher verwendet hatten, und deckten die Klappe mit einem Gläsertuch aus der Bar ab. »Mir tut so ein Vogel einfach nicht leid, nicht wie ein Welpe oder so, meine ich – das sind Raubtiere, die töten«, sagte eine Passagierin. »Schmeckt Ihnen der Hühnchenflügel?«, fragte Dr. Blanco. Sie ging zu Cari, die die Bartheke abwischte und Mühe hatte, sich ihres deutschen Helfers zu erwehren, der ihr unbedingt mit der Theke helfen wollte – und überhaupt zu allem bereit war. »Cari, sprechen Sie mich am Montag an«, sagte Dr. Blanco. »Mein Mann sagt, er bezahlt eine ganze Horde Anwälte. Die sollen sich ansehen, was sie gegebenenfalls – so reden diese Leute – wegen Ihrer Papiere unternehmen können. Er sagt, um die begründete Furcht zu belegen, auf der Ihr Schutzstatus beruht, müssen Sie Fotos von Ihren Armen machen.« Als Cari merkte, dass sie von dem Fernsehteam gefilmt wurde, wandte sie das Gesicht ab und weigerte sich, ein Interview zu geben. Hans-Peter erkannte Caris vernarbte Arme in den Abendnachrichten im Fernsehen. Zwei Arme waren ihm zu viel des Guten. Eine kleine Asymmetrie war viel aparter. Er öffnete seinen Ordner und fing an zu zeichnen. 25 Der haitianische Frachter Jezi Leve lag an einem Kai am Miami River, sechseinhalb Kilometer flussaufwärts. Die Schiffswache auf dem Deck konnte den Bogen der Tri-Rail-Hochbahn mit ihrem Neon-Regenbogen über dem Fluss sehen. Der Mann hatte ein paar Pornohefte neben sich liegen sowie eine kurze, gerade noch legale Schrotflinte: Der Lauf war von der Verschlussfläche aus gemessen 18,1 Zoll lang. Um den Hals trug er ein orangefarbenes Tuch. Als gründlicher Mensch hatte er zur Vorbereitung auf seine Aufgabe zwei Avocados zu Mittag gegessen. Hans-Peters Mann Flaco stand mit einem AR-15 und einer Pistole im Gürtel bewaffnet neben ihm. Als es Abend wurde, flammten flussaufwärts und -abwärts Lichter auf. Flaco konnte schwach die Musik hören, die in Fetzen von den Restaurants flussabwärts herübergetragen wurde. Gespielt wurde Travesuras von Nick Jam. Bestimmt wurde getanzt, und die Brüste der Mädchen hüpften im Rhythmus, erst die eine, dann die andere. Den Song hatten sie gespielt, als er im Club Chica mit dem Mädchen getanzt hatte, das einen blauen Vogel auf die Brust tätowiert hatte. Draußen im Auto hatten sie Kokain von einem Schlüssel geschnupft, dann herumgeknutscht und dann … Wow! Flaco fragte sich, warum er nicht ein heißes Date in einem Restaurant am Wasser hatte, statt mit diesem Widerling Wache zu schieben, der alle paar Minuten furzte. Unter Deck in der schäbigen Offiziersmesse der Jezi Leve sprach Hans-Peter Schneider mit Clyde Hopper aus Fort Lauderdale und dem Zweiten Offizier des Schiffs, einem jungen Haitianer mit Epauletten am Hemd. Der Zweite Offizier holte Tommy, den Bootsmann, dazu, der für das Hebezeug des Schiffs zuständig war. Tommy ließ sich gern »Tommy the Bosun« nennen, weil bosun nicht nur »Bootsmann« hieß, sondern im jamaikanischen Patois noch eine ganz andere Bedeutung hatte, nämlich »Ständer«. Der Kapitän war an Land und damit fein raus. Mateo stand mit einer Schrotflinte Kaliber 12 unten am Niedergang. »Wo ist Felix?«, wollte Hopper wissen. »Sein Sohn hat eine Mandeloperation«, antwortete Schneider. »Seine Frau wollte, dass er mit ihr im Krankenhaus bleibt.« Schneider hatte die Blaupausen für den Bau der Escobar-Terrasse auf dem Tisch ausgebreitet, zusammen mit den Fotos des Lochs unter der Ufermauer aus Antonios Kamera. Hopper hatte Bilder seiner Maschinen dabei. »Das hier ist der Abrissbagger mit hohem Ausleger und hydraulischem Scherenaufsatz auf dem Schlepper. Wir müssen das Ding gar nicht drehen, um ihn einsetzen zu können. Wir haben eine hydraulische Fünfzig-Tonnen-Winde, damit ziehen wir es einfach raus.« »Und eine Flut reicht dafür?« »Eine Flut reicht. Sollen wir das Ding wirklich nicht gleich auf ein Boot verladen?« »Machen Sie es genau so, wie ich es Ihnen gesagt habe. Setzen Sie es auf Ihrem Schlepper ab. Wickeln Sie es in Ladenetze ein und bringen Sie es her.« Schneider drehte sich zum Schiffsoffizier um. »Sie halten das Hebezeug bereit. Zeigen Sie mir, wo Sie das Ding verstauen wollen.« Sie gingen zusammen mit dem Bootsmann nach hinten in den Laderaum des Schiffes. »Hier«, erklärte der junge Offizier. »Es wird durch die Hauptluke in den Laderaum heruntergelassen und mit Fahrrädern zugedeckt. Auf Deck stapeln wir noch mehr Fahrräder über der Luke.« Draußen auf der Brücke sah die Schiffswache einen Foodtruck auf der Straße am Fluss heranrollen. Seine Hupe dudelte La Cucaracha. Der Mann hielt sich den Magen und ließ eine gewaltige Avocadoblähung ab. »Ich muss mal verschwinden«, sagte er. »Bin gleich wieder da.« Flaco fächelte sich frische Luft zu, während er mit seinen enttäuschten Liebesträumen allein auf der Brücke zurückblieb. Candy fuhr den Wagen auf den Kai, hielt an und stieg aus. Mit den kurzen Shorts und der unter der Brust zusammengeknoteten Bluse sah sie richtig gut aus. »Hey, ich habe heiße empanadas«, rief sie Flaco oben auf der Brücke des Schiffs zu. »Heiß ist gar kein Ausdruck«, murmelte Flaco bei sich. »Anderthalb Dollar, mit einem kalten Presidente. Sind noch mehr unter Deck? Die wollen bestimmt auch was. Anderthalb Dollar. Du kannst mir auch ein Bier ausgeben.« Sie wartete einen Augenblick, zuckte mit den Schultern und schickte sich an, wieder in den Wagen zu steigen. »Kaufst du dir dein eigenes Bier ab?« Flaco kam die Gangway herunter. »Mit deinem Geld, hoffe ich«, sagte Candy. Sie sah den Abdruck einer Pistole unter seinem Hemd. Das Gewehr hatte er auf der Brücke gelassen. Sie öffnete die hinteren Türen des Foodtrucks. Er war halb leer, bis auf die beiden Thermoboxen mit den warmen empanadas und dem kalten Bier, eine große Kühltruhe und einen Butangrill. Sie öffnete eine Flasche Presidente und gab sie Flaco. »Warum setzt du dich nicht auf die Bank? Ich hole die empanadas.« Sie hängte sich ihre Schultertasche über und nahm das Essen aus dem Auto. Mit dem Rücken zum Schiff setzten sie sich auf eine Bank auf dem Kai. Sie tätschelte Flaco den Oberschenkel. »Ziemlich gut, was?« Flaco kaute. »Deine Hupe spielt La Cucaracha. Das ist ja witzig«, sagte er mit vollem Mund. Er konnte kaum schlucken, weil er den Kopf verdrehte, um in den Ausschnitt ihrer Bluse zu glotzen. Hinter ihnen schlichen Victor, Cholo und Paco über die Gangway auf das Schiff. »Du gefällst mir«, sagte Flaco. »Verkaufst du sonst noch was? Soll ich mit ins Auto kommen?« Candy wartete, bis ein Boot vorbeigefahren war. Sie sah sich in beiden Richtungen nach weiterem Verkehr auf dem Fluss um, konnte aber nichts entdecken. »Ich gebe dir eine Nase voll Kokain vorher und hundert Dollar hinterher«, sagte Flaco. Er zeigte ihr einen Hundert-Dollar-Schein. Candy drückte die Zentralverriegelungstaste des Zündschlüssels, und die Lampen an ihrem Lieferwagen leuchteten auf. Auf dem Schiff knatterten zwei MAC-10-Maschinenpistolen los, Lichtblitze ließen die Bullaugen aufleuchten. Candy schoss durch ihre Handtasche auf Flaco und traf ihn zweimal zwischen die Rippen. Dann drückte sie die Waffe unter seinen Arm und feuerte noch zweimal. Als sie in sein Gesicht blickte, wusste sie, dass es vorbei war. Sie steckte die hundert Dollar in ihre Tasche. Die Flaschen und seine halb gegessene empanada warf sie mitsamt der Serviette in den Fluss. Ein Fisch schnappte nach der mit Fleisch gefüllten Teigtasche. Über das Wasser drang leise die Musik aus den Restaurants herüber. In der Stille tauchte ein Manati mit seinem Kalb auf, um Luft zu holen. Im Inneren des Frachters lagen Hopper, der junge Schiffsoffizier und der Bootsmann tot am Boden. Von Mateo war nichts zu sehen. Hans-Peter Schneider lag mit blutigem Schädel unter dem Tisch. Victor schoss erneut auf ihn, die Kugeln zerrten an Schneiders Mantel und Hemd, Staub wirbelte auf. Die Papiere lagen noch auf dem Tisch. Cholo versuchte, Schneider die Brieftasche abzunehmen. »Lauft!«, sagte Victor. »Lauft! Bewegt euch!« Victor und Paco rannten zum vorderen Aufgang. Cholo blieb zurück, weil er es auf Schneiders Uhr abgesehen hatte. Er zerrte noch daran, als Schneider auf ihn schoss. Schneider rappelte sich auf und rannte in Richtung Heck, zum hinteren Aufgang. Victor und Paco schossen auf ihn, und die Kugeln kreischten auf dem Metall. An Deck stürzte Schneider rücklings über die Reling und fiel auf der Flussseite des Schiffs ins Wasser. Victor und Paco schossen auf ihn, als er untertauchte. Dann liefen sie zurück in den Frachtraum, um nach Cholo zu sehen. Victor legte Cholo die Hand an den Hals. »Er ist tot, nimm seinen Ausweis mit.« Sie rannten die Gangway zum Kai hinunter und warfen die Maschinenpistolen in die große Kühltruhe. Mateo hatte in Schneiders Auto die Flucht ergriffen. »Die Papiere«, sagte Candy. »Wo sind die Papiere?« Sie warf ihre Patronenhülsen in die Handtasche und lud mit einem Schnellladestreifen nach. »Papiere, Mist … Lasst uns abhauen«, sagte Paco. »Verdammt noch mal, holt die Papiere! Seid ihr sicher, dass Cholo tot ist?« »Denkst du, ich hätte ihn sonst liegen lassen?«, fuhr Victor sie an. Candy klappte die Trommel ihres Revolvers zu. »Kommt schon.« Wieder im Laderaum, stopften sie die Papiere in Candys Tasche. Cholos tote Augen trockneten schon aus. Sie drehten sich nicht noch einmal nach ihm um. Am Kai rannte Paco zu dem Kombi, der weiter oben an der Straße parkte, Candy und Victor nahmen den Foodtruck. Sie rasten davon. In der Ferne heulten Sirenen. Die Fische unter der Brücke spürten die heranrollende Hochbahn. Der Tri-Rail fuhr über den Fluss, schüttelte Insekten von der Brücke, bis das Wasser mit ihnen übersät war. Die wartenden Fische saugten sie in die Tiefe und malten dabei Kringel auf die glatte Oberfläche des Flusses. 26 Candy fuhr den Foodtruck. Die Lichter des Flughafens, das sich drehende Signalfeuer, waren bereits in Sichtweite. Eine Maschine flog so tief über sie hinweg, dass sie die Stimme heben musste, damit der neben ihr sitzende Victor sie verstand. »Was steht auf dem Papier, welche Garage?« »Gegenüber Halle D«, sagte Victor. »Direkt gegenüber von den internationalen Abflügen. Unser Flug geht in vierzig Minuten.« Sie näherten sich einem ebenerdigen Bahnübergang. Die Warnleuchten schalteten sich ein, die Signalanlage fing an zu bimmeln. »Mierda«, sagte Candy und ließ den Wagen ausrollen. Während ein langsamer Güterzug die Straße querte, drehte Candy den Rückspiegel so, dass sie ihr Make-up kontrollieren konnte. Ihr Gesicht explodierte in einer Salve automatischen Feuers aus dem Laderaum hinter ihnen, dem auch Victor neben ihr zum Opfer fiel. Candys Leiche fiel nach vorne auf das Lenkrad und löste die Hupe aus. La Cucaracha, wieder und wieder, zusammen mit dem Warnläuten und dem Donnern des Zuges. Ihr Fuß glitt von der Bremse, und der Wagen schob sich immer näher an den vorbeifahrenden Zug heran. Die Hecktür des Foodtrucks ging auf. Ein blutüberströmter Hans-Peter Schneider kletterte heraus, sein zerfetztes Hemd bedeckte die kugelsichere Weste nur halb. Er hielt eine Maschinenpistole in der Hand. Ein weiteres Fahrzeug näherte sich, ein Taxi. Der Fahrer versuchte zu wenden, um zu entkommen, aber Schneider erschoss ihn durch das Seitenfenster, zog ihn aus dem Wagen und legte ihn auf den Boden. Dann setzte er sich auf den Fahrersitz und feuerte eine kurze Salve in den Butantank hinten im Foodtruck. Er explodierte mit einer Wucht, die das Taxi erschütterte, als Schneider davonfuhr. Schneider stellte den Basispreis ein und ließ sich von dem Gemurmel aus dem Funkgerät nicht beeindrucken. Er hatte durch ein offenes Fenster geschossen, aber das Fenster auf der Beifahrerseite hatte Löcher, sodass er es vorsichtshalber öffnete. Sitz und Lenkrad waren klebrig, und die Knochenfragmente knirschten. Auch wenn das Taxi wahrscheinlich keinen Diebstahlschutz hatte, konnte das Taxiunternehmen es sicherlich über Satellit orten. Noch wurde er nicht gesucht, aber sehr bald würde nach dem Taxi gefahndet werden. Er war voller Blut, nass, und sein Hemd war zerfetzt. Während er dahinfuhr, sang er mit hoher, nasaler Stimme. Von Zeit zu Zeit rief er »Yes!«. Vor ihm tauchte eine Bushaltestelle auf. Ein alter Mann saß auf der Bank. Er trug einen Strohhut mit Klappkrempe und ein geblümtes kurzärmeliges Hemd. In der Hand hielt er, in einer Papiertüte versteckt, eine fast einen Liter fassende Flasche, eine sogenannte caguama, mit eiskaltem Corona. Schneider versteckte die Waffe zwischen seinem Bein und der Tür. Er beugte sich über den Beifahrersitz. »Hey. Hey, Sie da.« Der alte Mann öffnete schließlich die Augen. »Ich gebe Ihnen hundert Dollar für das Hemd.« »Welches Hemd meinen Sie?« »Das Hemd, das Sie anhaben. Kommen Sie her.« Schneider hielt das Geld hoch und beugte sich zum Beifahrerfenster. Der alte Mann stand auf und ging zum Auto. Er hinkte. Er blickte Schneider aus wässerigen Augen an. »Vielleicht verlange ich aber zweihundertfünfzig.« Schneider trat der Schaum in den Mundwinkel. Er hob die MAC-10 und richtete sie auf den alten Mann. »Geben Sie mir das Hemd, oder ich blase Ihnen das Gehirn raus!« Dann fiel ihm ein, dass er das Hemd ruinierte, wenn er schoss. »Andererseits sind hundert Dollar auch nicht schlecht«, sagte der alte Mann. Er zog das Hemd aus und reichte es durch das Fenster ins Auto. Dann zupfte er den Hundert-Dollar-Schein aus Schneiders Fingern. »Ich hätte noch eine Hose, die für Sie von Interesse …«, sagte er, aber Schneider war schon losgefahren. Der alte Mann setzte sich in Hose und Unterhemd wieder auf seinen Platz und nahm einen ausgiebigen Schluck aus der Papiertüte. Schneider fuhr das Taxi zur nächsten Metrohaltestelle. Mateo meldete sich, als Hans-Peter Schneider anrief. »Ich bin in Ihrem Auto abgehauen«, sagte er. »Es tut mir leid, ich dachte … Sie wissen schon … Ich dachte, die hätten Sie erwischt.« Hans-Peter wickelte die Waffe in eine Fußmatte aus dem Taxi. Dann wartete er auf Mateo, die Matte unter dem Arm. Hans-Peter hatte zwei Privatzimmer, die an das Peepshow-Studio in seinem Lagerhaus an der Bucht angrenzten. Einer der Räume war mit Flock-Tapeten und viel Samt ausgestattet, alles in Burgunderrot, mit Chinchilladecken. Der andere Raum war schalldicht und gekachelt und hatte einen Abfluss in der Mitte des Fußbodens. Er enthielt seine große Dusche und Sauna, mit Düsen in jeder Höhe und Richtung, seinen Kühlschrank und die Resomationsvorrichtung, seine Masken und die Obsidianskalpelle – sechs und zwölf Millimeter –, die vierundachtzig Dollar pro Stück kosteten und viel schärfer als Stahl waren. Angezogen setzte er sich auf den Boden der Dusche und ließ das heiße Wasser das Blut aus seiner Kleidung peitschen. Als das Wasser unter seine Weste lief, zog er sie aus und warf sie zusammen mit dem Hemd des alten Mannes in die Ecke der Dusche. Der Raum war mit einer Musikanlage ausgestattet. Schneider hatte die Fernbedienung mit einem Kondom überzogen, das Ende des Überzugs stand in die Höhe wie eine stumpfe Antenne. Aufbewahrt wurde das Ganze in der Seifenschale. Er spielte Schuberts Forellenquintett. Es war die Musik, die seine Eltern im Haus in Paraguay den ganzen Sonntagnachmittag hatten laufen lassen, während er darauf gewartet hatte, bestraft zu werden. Leise, dann lauter und lauter spielte die Musik in der gekachelten Dusche, in der Schneider in die Ecke gekauert auf dem Boden saß, während das Wasser das Blut aus seiner Kleidung peitschte. Mit einer leichten Armbewegung, ohne den Körper anzuspannen, setzte er seine aztekische Todespfeife an die Lippen und blies, blies mit voller Kraft, bis er die Musik übertönte. Die Pfeife war wie zehntausend kreischende Mordopfer, und das Forellenquintett versank in der Musik von Montezumas Krönung. Er blies, bis er zusammenbrach, mit dem Gesicht am Abfluss, die Augen offen, sein Blick erfüllt von dem kreiselnden Wasser um den saugenden Ablauf. 27 Hans-Peter lag trocken und sauber in seinem Bett. Das Wasser hatte das Blut aus der Kleidung gewaschen, die auf dem Boden der Dusche lag. Auf der Suche nach einem Platz, an dem seine Gedanken Ruhe fanden, durchstreifte er immer ältere Räume in seinem Gedächtnis, bis er schließlich zu dem Gefrierraum seiner Jugend in Paraguay gelangte. Seine Eltern waren in dem Gefrierraum, er hörte ihre Stimmen durch die Tür. Sie konnten nicht heraus, weil die Tür mit einer Kette gesichert war, die Hans-Peter zu einem exzellenten Knoten gebunden hatte. Wie sein Vater es ihn gelehrt hatte, hatte er den Knoten geschüttelt, bis sich die Kettenglieder festgezogen hatten. In seinem Bett in Miami gab er den Bildern, die die Zimmerdecke bevölkerten, eine Stimme. Die Stimmen seines Vaters und seiner Mutter kamen aus seinem Gesicht, das die Züge beider trug. Vater: »Er spielt nur, er lässt uns schon wieder raus. Und dann verprügle ich ihn, bis er sich in die Hose macht.« Mutter ruft durch die Tür: »Hans, Liebes. Das ist nicht mehr witzig, wir werden uns erkälten, und dann musst du uns bedienen und uns Taschentücher und Tee bringen. Ha, ha.« Hans-Peters Stimme klang dumpf unter der Hand über seinem Mund, als er wiederholte, was er durch die Tür gehört hatte. Flehentliche Bitten wie durch Watte, die ganze Nacht hindurch, vor so langer Zeit. »Tuck, tuck, tuck«, sagte Hans-Peter, wie der vibrierende Schlauch am Auspuff des Autos, den er mit Klebeband an der Lüftungsöffnung des Gefrierraums befestigt hatte. Als er den Raum nach vier Nächten öffnete, saßen seine Eltern aufrecht, jeder für sich allein. Sie sahen ihn mit glitzernden, gefrorenen Augäpfeln an. Als er die Axt schwang, zerbarsten sie in große Stücke. Die herumfliegenden Brocken erstarrten. Bewegungslos hingen die Gestalten wie ein Deckengemälde über Hans-Peters warmem Bett in Miami. Er rollte sich zur Seite und schlief wie eine Schlachthofkatze. Hans-Peter erwachte in völliger Dunkelheit. Er war hungrig. Er tapste im Dunkeln zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Im Kühlschranklicht wurde er plötzlich in dem dunklen Raum sichtbar, weiß und nackt. Karlas Nieren lagen mit einer Salzlösung durchtränkt im untersten Fach in einer Eislösung. Rosig und vollkommen warteten sie auf die Abholung durch den Organhändler. Hans-Peter gab das Paar für zwanzigtausend Dollar ab. Wäre er nicht am Escobar-Haus unabkömmlich gewesen, hätte er Karla nach Hause in die Ukraine bringen können, um dort ihre Nieren zu ernten, für zweihunderttausend Dollar. Hans-Peter hasste Mahlzeiten und Tischrituale, aber er war hungrig. Er feuchtete ein Ende eines Geschirrtuchs an und zog es durch den Griff des Kühlschranks. Dann breitete er ein weiteres Handtuch auf dem Boden aus. Hans-Peter nahm ein ganzes Grillhähnchen in beide Hände und sprach den Segen, den er in seinem Herzen trug, der ihm eine Tracht Prügel eingebracht hatte, als er ihn an der Familientafel sprach: »Scheiß auf diesen gottverdammten Dreck.« Am offenen Kühlschrank stehend, biss er in das Hähnchen wie in einen Apfel, riss mit ruckartigen Kopfbewegungen Fleischfetzen heraus. Er hielt inne, um Cari Moras Kakadu zu imitieren: »Was soll der Scheiß, Carmen?« Und biss zu, wieder und wieder. Er holte Milch aus dem Kühlschrank, trank davon und goss sich den Rest über den Kopf, bis die Milch über seine Beine strömte und in den Abfluss lief. Er wischte sich Gesicht und Kopf mit dem Handtuch ab und stellte sich singend unter die Dusche: »›Kraut und Rüben haben mich vertrieben; hätt mein Mutter Fleisch gekocht, so wär ich länger geblieben.‹« Das gefiel ihm so gut, dass er es auch noch auf Englisch sang: »›Sauerkraut and beets have driven me out; had Mother cooked meat, I’d have lingered about.‹« Singend legte Hans-Peter seine Obsidianskalpelle, die bei den Schönheitschirurgen Miamis so beliebt sind, in den Sterilisator. Er ging vorsichtig mit den empfindlichen Klingen aus vulkanischem Glas um. Zehnmal so scharf wie eine Rasierklinge, kann ihre Dreißig-Ångström-Schneide einzelne Zellen zerteilen, ohne sie zu zerreißen. Man kann sich schneiden und merkt es erst, wenn Blut fließt. Aus Hans-Peters Mund kam die Stimme von Cari Mora: »Gute chuletas bei Publix. Gute chuletas bei Publix. Gute chuletas bei Publix.« Er wischte sich die Hände an dem nassen Geschirrtuch ab. »Es gibt Foodtrucks«, sagte er mit Cari Moras Stimme. »Ich finde Comidas Distinguidas am besten.« Und wieder der Vogel: »Was soll der Scheiß, Carmen?« Er griff nach seiner Todesschreipfeife und blies, blies und blies in dem gekachelten Raum, dessen Fußboden zum Abfluss hin abfiel, und seine Resomationsmaschine schwappte hin und her wie ein langsames Metronom. 28 Mr. Imran traf kurz nach dreiundzwanzig Uhr vor Hans-Peters Gebäude ein. Er saß auf dem dritten Sitz eines Lieferwagens. Auf dem Boden, dort, wo sonst der mittlere Sitz war, wölbte sich ein Buckel unter einer Decke. Der Buckel bewegte sich leicht, als der Kleinbus hielt. Mr. Imran war auf Einkaufstour für seinen steinreichen Arbeitgeber, Mr. Gnis aus Mauretanien, den Hans-Peter nie zu Gesicht bekommen hatte. Der Fahrer stieg aus und öffnete Mr. Imran die Schiebetür. Er war ein großer Mann mit einem Blumenkohlohr. Seine Züge ließen keine Regung erkennen. Hans-Peter fiel der Armschutz für Bogenschützen auf, den der Fahrer an beiden Armen unter seinem Hemd trug. Hans-Peter hielt Abstand vom Lieferwagen. Er hütete sich, Mr. Imran zu nahe zu kommen. Mr. Imran war ein Beißer, der sich nicht immer unter Kontrolle hatte. Vorsichtshalber hatte Hans-Peter einen Taser in seine Tasche gesteckt. Sie saßen auf Hockern in Hans-Peters Duschraum. »Was dagegen, wenn ich vape?«, fragte Mr. Imran. »Nein, nur zu.« Parfümierter Dampf stieg auf, als Mr. Imran seine E-Zigarette anzündete. Die Resomationsmaschine schaukelte sanft hin und her, gurgelte vor sich hin, während sie Karlas Leiche mit Lauge durchtränkte. Hans-Peter trug ihre Ohrringe und ein Medaillon mit dem Bild von Karlas Vater. Er tat so, als wäre es sein eigener Vater und als wäre das Medaillon voller Kohlenmonoxid. Mr. Imran und Hans-Peter beobachteten die Maschine einige Minuten lang wortlos, wie Zuschauer eines Ballsports. Hans-Peter hatte dem Bad fluoreszierende Flüssigkeit zugesetzt, und wenn sich die Maschine nach oben bewegte und Karla auftauchte, leuchteten der Schädel und was von ihrem Gesicht noch übrig war. »Das ist ein besonders schmeichelhafter Farbton«, sagte Mr. Imran. Sein Blick begegnete dem von Hans-Peter, und jeder sann darüber nach, wie unterhaltsam es wäre, den jeweils anderen bei lebendigem Leib aufzulösen. »Haben Sie sie lebend in das Bad gesteckt?«, fragte Mr. Imran in vertraulichem Ton. »Nein, leider nicht. Sie hatte einen tödlichen Unfall, als sie in der Nacht einen Fluchtversuch unternommen hat. Aber selbst wenn sie tot sind, zappeln sie recht lustig, wenn es heiß wird«, erwiderte Hans-Peter. »Könnten Sie solch einen Apparat wohl für Mr. Gnis’ Fernsehzimmer anpassen und an einer Testperson demonstrieren, die bei vollem Bewusstsein ist?« »Ja.« »Sie wollten mir heute etwas zeigen.« Hans-Peter reichte Mr. Imran eine große Ledermappe mit eingearbeitetem Blumenmuster. Sie enthielt freizügige Fotos von Cari Mora, die mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden waren, während sie in der Escobar-Villa und im Garten arbeitete, sowie Hans-Peters Skizzen mit Anregungen. »Mhm«, sagte Mr. Imran. »Ja, Mr. Gnis war ganz begeistert und bedankt sich für die Zusendung. Wirklich bemerkenswert. Woher hat sie die Narben?« »Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich wird sie es im Verlauf der Arbeiten erzählen – ich gehe davon aus, dass Arbeiten vorgenommen werden?« »Oh ja«, sagte Mr. Imran. »Ich hoffe, ich habe die Ehre, dieser Unterhaltung beiwohnen zu können – die Gespräche sind doch immer der beste Teil.« Er lächelte. Mr. Imrans Zähne standen nach hinten wie bei einer Ratte, aber ihre Farbe ähnelte mehr dem rostigen Orange von Biberzähnen mit ihrer hohen Eisenkonzentration im Zahnbein. Seine Mundwinkel waren dunkel verfleckt. »Die Hauptarbeit muss wohl auf der Empfängerseite erledigt werden, Mr. Imran, weil der Transport danach schwierig werden dürfte. Das ist nicht so einfach wie eine Nierenernte am Flughafen.« »Bei diesem Projekt wird mein Mr. Gnis persönlich Hand anlegen«, erklärte Mr. Imran. »Er will in jeder Phase selbst aktiv werden. Muss er sein Spanisch aufpolieren?« »Das kann nicht schaden. Sie ist zweisprachig, in extremis wird sie jedoch wahrscheinlich ins Spanische verfallen – das ist häufig der Fall.« »Mr. Gnis benötigt die Dienste von Karen Keefe für Porträt-Tattoos seiner Mutter. Er möchte Mutter Gnis auf der Zielperson über der Originalbearbeitung eintätowieren lassen, wenn die betreffenden Arbeiten abgeschlossen und vollständig verheilt sind.« »Leider sitzt Karen eine Gefängnisstrafe ab und kommt erst in einem Jahr wieder frei.« »Das könnte im langfristigen Projektverlauf durchaus noch klappen. Mutter Gnis’ Geburtstag wird schließlich jedes Jahr begangen, für alle Zeiten. Wird Karen nach ihrer Entlassung reisen können?« »Ja, eine Verurteilung wegen eines Verbrechens ist kein Hindernis für die Erteilung eines Passes, sofern keine Geldstrafen offen sind«, erwiderte Hans-Peter. »Mr. Gnis schätzt die Schattierungen und die Nuancierung ihrer Porträts.« »Karen ist fantastisch«, stimmte Hans-Peter zu. »Wäre es sinnvoll, Ms. Keefe Porträtaufnahmen von Mutter Gnis zur Verfügung zu stellen, damit sie diese während der verbleibenden Haftzeit studieren kann?« »Ich werde sie fragen.« »Wann können Sie diese Miss …« »Mora«, ergänzte Hans-Peter. »Cari Mora heißt sie. Wenn Mr. Gnis seine Jacht schickt, könnten wir das koordinieren. Möglicherweise werde ich noch etwas anderes mitschicken. Klein, aber schwer.« »Wir werden sie zwangsmästen müssen«, sagte Mr. Imran. »Mit dem Stopfen könnten wir schon auf dem Schiff anfangen.« Mr. Imran schrieb etwas in sein Aalhautnotizbuch. Die Resomationsmaschine fing an zu klimpern, während sie Karla davonschaukelte. »Was Sie da hören, ist ein Kettenbikini«, erläuterte Hans-Peter. »Der klimpert auf den Knochen, wenn das Fleisch weg ist.« »Wir nehmen einen«, sagte Mr. Imran. »Ist es schwer, die Größe anzupassen?« »Keineswegs«, sagte Hans-Peter. »Zusätzliche Kettenglieder, die einfach eingehängt werden können, sind im Lieferpreis inbegriffen.« »Dürfte ich die Nieren sehen?« Hans-Peter holte Karlas Nieren aus dem Kühlschrank. Mr. Imran drückte an der Plastikhülle herum, die die Organe in der Suppe aus Eis und Wasser schützte. »Die Harnleiter sind etwas kurz, bei beiden.« »Mr. Imran, sie werden im Becken eingesetzt, keine drei Zentimeter von der Blase entfernt, nicht in der natürlichen Lage der Nieren. Dort hat seit Jahren niemand mehr Nieren implantiert. Sie sind wohl nicht auf dem neuesten Stand. Der Harnleiter reicht locker.« Mr. Imran verabschiedete sich mit einem Paar rosiger, in Salzlösung getränkter Nieren. Da der Empfänger auch mit einer davon leben konnte und nichts merken würde, solange man ihm zwei neue Schnitte verpasste, verspeiste Mr. Imran eine gleich im Auto. Er zog die Augenbrauen hoch. »Vorverkauf!« 29 Oro del Mar war eine kleine Fischkonservenfabrik am Meer in Barranquilla, Kolumbien. Don Ernestos Lincoln Baujahr 1963 mit den Selbstmördertüren parkte zwischen den klapprigen Pick-ups der Fischer. An einem Konferenztisch im obersten Stock besprach sich Don Ernesto mit J. B. Clarke aus Houston, Texas, und dem Werksleiter, Señor Valdez. Es ging um die Beteiligung des Dons an einem Start-up. Zwei Teller mit Schnecken und eine Flasche Wein standen auf dem Tisch. Gómez, der zu breit für den Stuhl war, hatte sich so positioniert, dass er die Tür im Auge behalten konnte, und fächelte sich mit seinem Hut Kühlung zu. Eigentlich war er Leibwächter, aber Don Ernesto ließ ihn mitreden. Clarke war ein Werbemensch. Er öffnete sein Portfolio. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie Werbung, die für Exklusivität und Prestige steht. Mit Begriffen wie ›prestigiosos‹ …« »Caracoles finos y prestigiosos«, sagte Don Ernesto. »Passt das auf ein Etikett, oder ist es zu lang?« »Das passt. Ich habe das im Griff.« Clarke holte Zeichnungen von Dosenetiketten heraus. Eines davon zeigte den Eiffelturm und die Aufschrift »Caracoles finos«, ein anderes trug die Aufschrift »Fine Escargots« mit einem französischen Motiv. Auf einem weiteren Entwurf war im Hintergrund ein château, ein Schloss, zu sehen, ganz im Vordergrund eine Schnecke an einem Stängel. Alle Etiketten trugen den Hinweis »Verpackt in Kolumbien«. »Warum steht da ›Verpackt in Kolumbien‹? Warum nicht ›Verpackt in Frankreich‹?«, wollte Gómez wissen. »Weil das gegen das Gesetz verstößt«, sagte J. B. Clarke. »Die Verpackung erfolgt doch hier an Ort und Stelle. Das französische Motiv ist nur ein Verkaufstrick.« »Ja, das wäre unethisch, Gómez«, stimmte Don Ernesto zu. »Sie könnten in den Werbespots das honduranische Lied Sopa de caracol verwenden«, schlug Gómez vor. »Das ist nicht französisch«, gab Clarke zu bedenken. »Die Etiketten sind mit Leim aus tierischen Abfällen bestrichen. Müssen wir sie anlecken?«, fragte der Werksleiter. »No, Señor Valdez. Nach dem Markttest kaufen wir eine Etikettiermaschine«, beruhigte ihn Don Ernesto. »Sie kümmern sich hier nur um die Abfüllung. Zeigen Sie mir die Gehäuse.« Valdez stellte einen Behälter auf den Tisch. Er holte eine Handvoll Schneckenhäuser heraus und legte sie auf den Tisch. Gómez roch an einer davon und rümpfte die Nase. »Die riechen nach ranziger Butter und altem Knoblauch. Die Restaurants waschen sie nicht, bevor sie sie wegwerfen, sie kratzen einfach alles vom Teller. Wir haben versucht, sie einzuweichen, aber mit Clorox verblasst die Farbe«, sagte Valdez. »Was ist mit Mr. Clean?«, sagte Gómez, der Junggeselle war. Don Ernesto schob die Zeichnungen beiseite. »Señor Clarke, ich möchte ein schlichtes, elegantes Motiv auf dem Etikett. Eine Kerze, eine Frauenhand um den Stiel eines Weinglases. Die Botschaft soll sein … Wer diese hochklassigen Schnecken einer Dame serviert, erweist sich als Mann von Welt.« »Und bekommt vielleicht auch noch gatita dulce, wenn sie ihre Schnecken gegessen hat. Das heißt ›Muschi‹«, erklärte Gómez. »Er weiß, was es heißt«, sagte Don Ernesto. »So, Valdez, welche von diesen Schnecken sind tatsächlich aus Frankreich?« »Die auf dem grünen Teller.« »Das heißt, auf dem einen Teller haben wir feinste französische Schnecken, auf dem anderen welche aus Eigenproduktion. Wie Sie sehen, sind beide optisch identisch. Ich bin davon überzeugt, dass sich das Genusserlebnis auch nicht unterscheidet. Sollen wir sie probieren?«, fragte Don Ernesto. Alle wirkten angespannt. »Permiso, Entschuldigung, Don Ernesto«, sagte Valdez, »wäre es möglich …« »Deshalb haben wir Alejandro hier. Hol ihn, Gómez.« Don Ernesto wählte eine französische Schnecke von dem grünen Teller und aß sie mit großer Geste, als Gómez mit Alejandro zurückkam, einem Mann um die fünfunddreißig. Alejandro trug einen Borsalino aus Stroh, einen Ascot-Krawattenschal und ein fließendes Einstecktuch. Don Ernesto legte sein Gehäuse auf den blauen Teller. »Alejandro ist ein Mann von Welt, ein ausgewiesener Feinschmecker und Restaurantkritiker. Und, Mr. Clarke, Alejandro hat Freunde bei allen Lifestyle-Magazinen.« Alejandro setzte sich und schüttelte Clarke die Hand. »Don Ernesto ist zu gütig. Ich esse nur gern, und manche Leute halten mich für einen Snob.« Don Ernesto schenkte ihm Wein ein. »Reinigen Sie Ihren Gaumen, lieber Freund. Kosten Sie zunächst bitte die an der Südküste der Provence heimische escargot.« Don Ernesto reichte ihm die französischen Schnecken. Alejandro ließ sich eine davon auf der Zunge zergehen. Er trank einen Schluck Wein und nickte heftig. Don Ernesto reichte ihm ein Exemplar aus seiner eigenen Produktion. »Und jetzt diese hier, aus der Bretagne, also ebenfalls aus Frankreich.« Alejandro zog das Schneckenfleisch aus dem Gehäuse und kaute und kaute. »Der Geschmack ist vergleichbar, Don Ernesto, aber die zweite Charge hat mehr … Konsistenz, und der Geschmack ist etwas intensiver.« Gómez bekam eine Niesattacke und musste sich das breite Ende seiner Krawatte vors Gesicht halten. »Würden Sie sie kaufen?«, fragte Don Ernesto. »Tatsächlich würde ich die erste Sorte bevorzugen, aber wenn diese nicht verfügbar wäre … Ja, dann würde ich die zweite kaufen. Sie wurde in gechlortem Wasser gereinigt, glaube ich – ich nehme den leichten Chlornachgeschmack wahr, den ich am Großstadtwasser so störend finde. Vielleicht möchten Sie die Leute in der Bretagne darauf ansprechen.« »Würden Sie sagen, die Konsistenz ist sinnlich? Sollen wir das Mundgefühl hervorheben, wie Sie als Weinkenner sagen würden?« »Unbedingt«, erwiderte Alejandro. »Mundgefühl, sinnliche Konsistenz, intensiver Geschmack.« »Vom Konzept her ist das genau die Richtung, die wir eingeschlagen haben«, sagte Clarke. »Ich denke an eine Regalkarte für den Einzelhandel. ›C’est si bon – Genuss pur!‹ oder etwas in der Art.« »Mr. Clarke, Alejandro, nehmen Sie sich ein Glas Wein mit, wir treffen uns am Auto.« Gómez füllte sein Glas. »Dieser Wein könnte intensiver schmecken«, sagte er. Valdez schloss die Tür zu den Produktionsräumen auf und schloss sie hinter sich wieder ab, nachdem Don Ernesto und Gómez durchgegangen waren. Don Ernesto sprach ihm ins Ohr. »In Gonaïves muss ich möglicherweise schwere Fracht umladen. Ihr Deckkran muss vielleicht achthundert Kilo heben. Die Fracht wird vom Schiff auf einen Lkw verladen. Sie sollen sie nach Cap-Haïtien befördern und dort auf ein Flugzeug verladen. Am Flughafen werden Sie einen Gabelstapler benötigen.« »Ein großes Flugzeug?« Don Ernesto nickte. »Eine DC-6A.« »Hat sie die gute Hebevorrichtung an der Ladeklappe?« »Ja.« »Ist das Rollband integriert, oder brauchen wir eins?« »Das ist integriert. Das Flugzeug wird mit Geschirrspülern und Kühlschränken beladen sein, mit einer Lücke für meine Fracht. Es ist wichtig, dass die exakte Position bei der Beladung eingehalten wird. Ich kann Ihnen vielleicht acht Tage Vorlauf geben. Möglicherweise muss stattdessen auch auf ein Schiff umgeladen werden, je nachdem.« »A su servicio, Don Ernesto. Und die Papiere?« »Lassen Sie den Zoll meine Sorge sein.« Hinten in der Halle befand sich eine Produktionslinie wie für die Geflügelverarbeitung. Tote Ratten hingen an den Schwänzen an einem Förderband. Unter den Ratten waren auch einzelne Opossums. Frauen häuteten und filetierten die Tiere. Eine handbetriebene, mit Nickel überzogene und reich verzierte Maschine stanzte drei falsche Schnecken aus jedem Filet. »Für die Maschine habe ich in Paris zwölftausend Euro bezahlt«, sagte Don Ernesto. »Damit werden seit den Zeiten von Escoffier Schnecken produziert. Eine Vorlage, um Schnecken aus Katzenfleisch zu stanzen, war kostenlos dabei. Manche finden, gato schmeckt noch ein bisschen mehr nach Schnecke, auch wenn diese Nager aus einwandfreier Haltung stammen.« Don Ernesto griff nach einem Klemmbrett und hakte einen Punkt ab. Gómez sang zu der Melodie einer bekannten Suppenwerbung. »¡Gato a gatita, yum, yum, yum!« Als sie das Gebäude verließen, reichte Gómez Don Ernesto eine schwarze Krawatte und eine Trauerflor-Armbinde. »Die sind hier leichter anzulegen als im Auto«, sagte er. Sie ließen den Lincoln an der Konservenfabrik stehen und nahmen einen gepanzerten SUV, den Paolo chauffierte. Es ging zur Beerdigung von Jesús Villarreal. Im Auto nahm Don Ernesto zwei abgesicherte Telefonanrufe entgegen, einen von Paco in Medellín. Paco allein hatte es nach der Schießerei auf dem Miami River in Miami zum Flugzeug geschafft und war in einem Auto nach Hause gefahren, in dem drei Sitze leer geblieben waren. War Hans-Peter Schneider tot? Paco wusste es nicht. Er habe die Leichen von zwei Männern von Hans-Peter gesehen und von zwei Männern, die seiner Meinung nach zur Schiffsbesatzung gehörten. Don Ernesto sprach leise mit ihm und sah dann eine ganze Weile wortlos aus dem Fenster. Die Frau, Candy. Er dachte daran, wie er und Candy sich gegenseitig befriedigt hatten, schwer atmend in einem hübschen Hotel auf der Insel San Andrés. Don Ernesto traf eine halbe Stunde zu früh am Friedhof ein und beobachtete von seinem abgedunkelten SUV aus, wie Jesús Villarreals Beerdigungsprozession eintraf. Don Ernesto faltete die Nachricht auf, die er von der Witwe von Jesús Villarreal erhalten hatte, und las sie erneut. »Estimado Señor, es wäre Jesús eine große Ehre, wenn Sie an der Trauerfeier teilnehmen könnten. Möge es Ihnen ein Trost sein, wie auch Sie uns, seiner Familie, ein Trost waren.« Die Witwe und ihr Sohn trafen in Begleitung eines attraktiven Herren mittleren Alters mit distinguiert wirkendem grauem Haarschopf ein. Gómez ließ sein Fernglas über die Gruppe wandern. »Der Mann im schwarzen Jackett ist bewaffnet«, sagte er. »Taschenholster in der rechten vorderen Hosentasche. Warten Sie, bis er sich umdreht. Schulterholster rechts. Er ist Linkshänder. Der Chauffeur steht am Kofferraum. Er hat eine Handfeuerwaffe und den Autoschlüssel in der Hand. Wahrscheinlich eine Langwaffe im Kofferraum. Unter der Chauffeursjacke trägt er eine kugelsichere Weste. Wir haben Ognisanti und Cuevas hinter ihnen. Patrón, soll ich nicht lieber der Witwe die Hand schütteln und ihr eine Nachricht von Ihnen übergeben?« »No, Gómez. Paolo, wer ist der Typ mit dem Haar?« »Ein Winkeladvokat, Diego Riva aus Barranquilla. Er hat Holland Viera nach der Busentführung verteidigt«, sagte Paolo. Vor ihren Augen übergab Diego Riva der Witwe einen schwarzen Lederumschlag, den sie, durch ihre Handtasche verdeckt, in der Hand behielt. Etwa dreißig Trauergäste hatten sich am Grab von Jesús Villarreal versammelt. Es war nur ein Loch zwischen den kunstvollen Marmorgräbern auf dem Friedhof von Barranquilla. Auf dem Friedhof von Cartagena gab es einen hübschen Marmorengel, den Don Ernesto der Witwe Villarreal zukommen lassen wollte, sobald er die Inschrift des rechtmäßigen Eigentümers hatte entfernen lassen. Señora Villarreal trug strenge Trauerkleidung. Ihr Sohn stand in seinem Konfirmationsanzug feierlich neben ihr. Don Ernesto ging auf sie zu. Er schüttelte zuerst dem Sohn die Hand. »Du bist jetzt der Mann im Haus«, sagte er. »Melde dich, wenn ich etwas für dich oder deine Mutter tun kann.« Er wandte sich an die Señora. »Jesús war in vielerlei Hinsicht ein bewundernswerter Mensch. Er stand zu seinem Wort. Ich hoffe, das wird man irgendwann auch von mir sagen.« Señora Villarreal lüftete ihren Schleier und sah ihn an. »Das Haus ist sehr komfortabel, Don Ernesto. Das Geld ist angekommen. Danke. Jesús hat mir Anweisungen gegeben. Wenn alles erledigt ist, sollte ich Ihnen das hier geben.« Sie reichte Don Ernesto den schwarzen Umschlag. »Er hat gesagt, Sie sollen ihn sehr sorgfältig lesen, bevor Sie weitere Schritte unternehmen.« »Señora, darf ich fragen, warum Diego Riva ihn hatte?«, fragte Don Ernesto. »Er hat sich um die Angelegenheiten von Jesús gekümmert. Wir hatten Angst, unsere Feinde würden ihn uns abnehmen. Diego Riva hat ihn für uns in seinem Tresor aufbewahrt. Danke für alles, Don Ernesto. Und, Don Ernesto … Dios se lo pague.« Eine Gulfstream VI wartete am internationalen Flughafen Ernesto Cortissoz. Zwanzig Minuten nach der Beerdigung waren Don Ernesto und seine Eskorte in der Luft und auf dem Weg nach Miami. Don Ernesto hatte die Papiere von Jesús Villarreal auf seinem Klapptisch liegen. Er las sie einmal aufmerksam durch und rief dann Kapitän Marco in Miami an. »Weißt du, ob Hans-Peter Schneider tot ist?« »Ich weiß es nicht, Patrón. Wir haben nichts von ihm gesehen. Am Haus ist alles ruhig. Keine Polizei.« »Ich komme. Wir übernehmen das Haus. Finde für mich heraus, was dein Freund Favorito treibt. Kannst du Kontakt mit ihm aufnehmen?« »Ja, Patrón.« »Habt ihr das Mädchen, Cari? Kann sie nützlich sein?« »Ja, aber sie sagt, sie ist raus aus der Sache, Patrón.« »Ich verstehe. Finde heraus, was sie will, Marco.« 30 Iliana Spraggs, Specialist 4th Class der US-Armee, war endlich in ein Einzelzimmer im Miami Veterans Hospital verlegt worden. Ihr eines Bein steckte in einem Gips und war in einer Schlinge hochgelagert. Sie war eine stämmige junge Frau. Ihr Gesicht sah sehr jung aus, aber unter den Sommersprossen war sie blass und wirkte angespannt. Sie hatte diesen unerfreulichen Zustand gründlich satt. Das Bein im Gips juckte, und der Nachmittag zog sich in die Länge. Ihre Eltern kamen aus Iowa, so oft sie konnten. Sie hatte einen Plüschhund, und am Spiegel hingen Karten mit Genesungswünschen. Das Helium war längst aus dem mit Klebestreifen an der Wand befestigten Ballon entwichen. Er hing herab wie eine verschrumpelte Zitze. Sie hatte auch eine Kuckucksuhr, die für alle ersichtlich nicht funktionierte. Wahrscheinlich ging die Uhr richtig, dachte sie, und die Zeit war stehengeblieben. Ihr Mitpatient Favorito, fünfunddreißig, mit seinem fröhlichen rotbackigen Gesicht hatte kein Einzelzimmer und musste es auf der Station aushalten. Dort hatten einige Marines die Rollen der Seifenoper übernommen, die lautlos auf dem Fernseher in der Ecke lief, und improvisierten lüsterne Dialoge zur Handlung. Ein Gunnery Sergeant sprach für das unschuldige junge Mädchen im Film. »Oh, Raoul«, quiekte der Sergeant, »ist das eine Wiener oder dein Pullermann?« Favorito langweilte sich. Er fuhr mit seinem Rollstuhl zu Ilianas Zimmer, stellte sich als Kuckucksarzt Dr. Favorito vor und bat um Erlaubnis, die Uhr untersuchen zu dürfen. Nachdem er sie vom Regal genommen hatte, manövrierte er den Rollstuhl ans Bett. Dort stellte er die Uhr auf das Essenstablett, mit der Rückwand zu Iliana, sodass sie das Uhrwerk sehen konnte. »Nur ein paar Fragen«, sagte er. »Sie sind die Betreuerin des Kuckucks in Gesundheitsfragen, ist das richtig?« »Ja.« »Den Betreuerausweis können Sie mir später vorlegen, aber ist der Vogel krankenversichert?« »Ich fürchte, nein«, erwiderte Iliana. »Seit wann weigert sich der Kuckuck herauszukommen?« »Aufgefallen ist es mir vor etwa zwei Wochen«, sagte Iliana. »Zuerst wirkte er irgendwie unwillig.« »Und davor kam er regelmäßig?« »Ja, einmal pro Stunde.« »Wow, nicht schlecht«, sagte er. »Können Sie sich erinnern, ob der Vogel bei seinen letzten Auftritten heiser, verstört oder erschöpft klang?« »Überhaupt nicht«, erwiderte sie. »Iliana, Ihren wunderschönen Nägeln sehe ich an, dass Sie ein Manikürset besitzen.« Sie deutete mit dem Kopf auf den Nachttisch. Favorito holte das kleine Etui aus der Schublade, entnahm ihm eine Pinzette und eine Nagelfeile und stellte erfreut fest, dass auch Instant-Nagelkleber vorhanden war. Nach ein paar Einstellungen am Uhrwerk gab dieses ein leises Ping von sich. »Ah! Genau, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das war gerade das ›Sing-Ping‹, wie wir Fachleute dazu sagen. Bei weniger vornehmen Uhren würden wir von ›Kläng-Twäng‹ sprechen.« Er legte die Hände um den Mund, beugte sich dicht an die Uhr und redete auf den Kuckuck ein. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie von hinten anspreche, aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass es fast Mittag ist und Sie sich seit zwei Wochen nicht mehr haben blicken lassen. Iliana ist besorgt.« Er griff mit der Pinzette in die Mechanik und löste ein Bong-Geräusch aus. »Das ist der ›Bong of Song‹«, sagte er zu Iliana, »offiziell auch beatos sono, ein Zeichen, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.« Er zog die Uhr auf und drehte sie mit der Vorderseite zu Iliana. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte er die Zeiger der Uhr auf die richtige Zeit, verglich die beiden Uhren dann mehrmals, musste die Kuckucksuhr mehrmals vorstellen und schien überrascht, dass seine Armbanduhr vorrückte, die Wanduhr jedoch nicht. Dann stellte er zu Ilianas Belustigung fest, dass er vergessen hatte, das Pendel anzustoßen. Jetzt wanderte der Minutenzeiger von 11.59 Uhr auf 12.00 Uhr. Iliana zählte gemeinsam mit ihm rückwärts. »Fünf, vier, drei, zwei, eins.« Der Kuckuck kam heraus, rief ein Mal und verschwand, wobei er die Tür hinter sich zuknallte. Sie lachten beide. Ilianas Gesicht war wie eingerostet, so lange hatte sie nicht gelacht. »Der Kuckuck hat ja nur ein Mal gerufen«, sagte Iliana. »Wie oft soll er um zwölf Uhr denn rufen?« »Zwölfmal«, erwiderte sie. »Das scheint mir übertrieben«, meinte Favorito. »Der Kuckuck muss sich schließlich erst aufwärmen.« Ein leises Klopfen an der Tür. »Herein«, sagte Iliana, nicht gerade erfreut über die Unterbrechung. Kapitän Marco steckte den Kopf zur Tür herein. »Hola, Favorito!« »Marco! Cómo anda? Wie geht es?«, sagte Favorito. »Entschuldige die Störung. Kann ich kurz mit dir reden? Es dauert nur eine Sekunde, Miss, versprochen.« »Einen Augenblick, Marco«, sagte Favorito. Er nahm im Inneren der Uhr eine weitere kleine Einstellung vor und pustete. Als er mit Marco im Gang stand, hob er den Finger, um nicht unterbrochen zu werden, während er ab fünf rückwärts zählte. Aus dem Zimmer drangen zwölf Kuckucksrufe in Folge. Favorito nickte und drehte sich zu Marco um. »Jetzt.« »Kannst du hier tagsüber weg?«, fragte Marco. »Für ein paar Stunden zwischen den Anwendungen, ja.« »Ich habe eine Uhr, die du vielleicht für mich reparieren könntest«, sagte Marco. 31 Don Ernestos Limousine rollte auf einen vollen Parkplatz, auf dem billige Autos mit durchgesessenen Polstern neben ein paar alten Pick-ups und einem halbfertigen, tiefergelegten Impala standen, auf dessen Motorhaube Tlazolteotl, die aztekische Göttin der verbotenen Liebe, gemalt war. Gómez stieg aus und sah sich um, bevor er Don Ernesto die Tür öffnete. In der Ferne krähte ein Hahn. Don Ernesto wies Gómez an, beim Auto zu bleiben. Dann stieg Don Ernesto – im Tropenanzug und mit Panamahut – die Treppe der Wohnanlage hinauf, wobei er aufmerksam die Nummern an den Wohnungstüren musterte. Die gesuchte Tür stand offen, aber ein sich drehender Ventilator versperrte den Durchgang. Auf dem Treppengeländer trocknete eine Bettdecke. Daneben stand ein Käfig mit einem großen weißen Kakadu, der wohl an die frische Luft sollte. Der Hahn krähte erneut. »Was soll der Scheiß, Carmen?«, fragte der Vogel. Cari rief aus einem der Schlafzimmer nach ihrer Cousine. »Julieta, komm und hilf mir, deine Mutter zu wenden.« Julieta kam aus der Küche und trocknete sich im Gehen die Hände ab. Sie sah Don Ernesto in der Tür stehen. »Was wollen Sie?« So gut waren die Leute von den Inkassounternehmen nicht angezogen. Don Ernesto lüftete den Hut. »Nur mit Cari über einen Job sprechen.« Cari rief aus dem Schlafzimmer. »Julieta, bring bitte ihr Waschzeug.« »Ich kenne Sie nicht«, sagte Julieta zu Don Ernesto. Cari erschien in der Schlafzimmertür, um zu sehen, was los war. Eine Hand hielt sie hinter dem Rücken. Don Ernesto lächelte sie an. »Cari, ich habe Antonio gekannt. Ich will mit Ihnen reden. Offensichtlich ist es gerade ungünstig. Bitte lassen Sie sich nicht stören. Ich kann ein paar Minuten warten. Neben dem Gebäude habe ich einen Picknicktisch gesehen. Können wir uns dort treffen, wenn Sie fertig sind?« Sie nickte, verschwand aus seinem Blickfeld und setzte etwas Schweres ab. Ein paar Kinder kickten auf dem Parkplatz einen Fußball herum. Auf einem Grasstreifen zwischen den Sozialwohnungsblöcken gab es einen Betontisch mit aufgemaltem Damebrett und einer Kaffeedose mit Flaschenverschlüssen, die als Spielsteine dienten. Neben dem Tisch stand ein rostiger Grill. Eine Krähe, die Reste vom Rost pickte, flüchtete sich in einen nahe gelegenen Baum und schimpfte wütend, als Don Ernesto die Bank mit seinem Taschentuch säuberte und Platz nahm. Don Ernesto erhob sich wieder, als Cari kam. »Sie pflegen Ihre Tante?« »Zusammen mit meiner Cousine, ja. Wenn wir beide arbeiten, bezahlen wir jemanden dafür, dass er tagsüber auf sie aufpasst. Don Ernesto, ich weiß, wer Sie sind.« »Und ich weiß, was Sie in Kolumbien durchgemacht haben, und es tut mir sehr leid. Cari, ich bin hier als Freund von Antonio, und ich will auch Ihnen ein Freund sein. Sie haben jahrelang in Pablos Haus gearbeitet. Sie kennen das Gebäude und seine Systeme bestimmt gut.« »Das ist richtig.« »Und Sie würden Hans-Peter Schneiders Männer wiedererkennen?« »Ja.« »Die Nachbarn sind es gewöhnt, Sie dort zu sehen?« »Ja, einige kenne ich, vor allem die Leute, die dort arbeiten.« »Leute von Servicefirmen, die es gewöhnt sind, von Ihnen begrüßt zu werden?« »Ja.« »Ich biete Ihnen einen Job an, von dem Ihre Tante enorm profitieren könnte. Welches ist das beste Pflegeheim in Miami? Das allerbeste?« »Palmyra Gardens«, erwiderte sie. »Sehen Sie mein Angebot als Geschenk von Antonio und als Chance für Sie. Ich biete Ihnen an, die Kosten für die Betreuung Ihrer Tante in Palmyra Gardens zu übernehmen, solange sie diese benötigt, und ich biete Ihnen einen Anteil an dem, was wir aus dem Haus holen.« Die Blüten eines zähen alten Frangipani-Baums über dem Tisch lockten die Bienen an. Die Bienen summten leise über ihren Köpfen. Cari vermisste ihren toten Vater, sie vermisste den alten Naturforscher, um den sie sich im Dschungel gekümmert hatte. Sie sehnte sich nach einer starken Schulter, nach jemandem, den sie um Rat fragen konnte. Die Versuchung war groß, Don Ernesto zu folgen. Aber sie sah weder ihren Vater in Don Ernestos Gesicht noch den alten Naturforscher. Über ihr summten die Bienen. »Was müsste ich dafür tun?«, fragte sie. »Auf mich aufpassen, zum einen«, sagte Don Ernesto. »Eine Frau hat Jesús Villarreal mit einer Bombe getötet. Die beste Verteidigung gegen eine Frau ist eine andere Frau. Ich brauche Ihre Augen, um mir den Rücken freizuhalten. Ich brauche Ihre Kenntnis des Hauses.« Die Krähe trippelte ungeduldig auf dem Ast auf und ab. Don Ernestos Augen und die Augen der Krähe waren sich sehr ähnlich, fand Cari. Don Ernesto war klar, dass Cari keinen richtigen Aufenthaltsstatus hatte, dass sie nur mit einem extrem unsicheren Temporary Protected Status, einer Aufenthaltsgestattung, in den Vereinigten Staaten war. Der amerikanische Präsident konnte jede TPS nach Lust und Laune widerrufen, wenn ihm danach war – falls er wusste, was eine TPS war. Cari konnte Don Ernesto und das Gold jederzeit an die Einwanderungsbehörde verraten, gegen anständige Papiere und eine hohe Belohnung. Bisher hatte sie das nicht getan … Es war besser, wenn er sie auf seiner Seite hatte. Don Ernesto lächelte über die schimpfende Krähe. Er dachte daran, was ihnen bevorstand. Die quälend lange Anspannung, der Geruch der Angst in einem gefährlichen, engen Raum. Was soll der Scheiß, Carmen?, dachte er. Sie würde ihm nützlich sein. »Cari, möchten Sie Ihren Kakadu mitbringen?«, fragte er. 32 Im Escobar-Haus war es still. Filmpuppen und Actionfiguren starrten einander über den verhüllten Möbeln an, mit denen die Zimmer vollgestopft waren. Ohne Cari Mora, die auf die richtige Einstellung achtete, blieben die automatischen Jalousien, die sonst morgens hochfuhren und sich in der Hitze des Nachmittags schlossen, fast ständig unten oder fuhren beliebig auf und ab, weil die Zeitschaltuhren aus dem Takt geraten waren. Dadurch lag das Haus fast den gesamten Tag lang im Halbdunkel. Die Sprinkleranlage schaltete sich innerhalb einer Stunde mehrfach ein und aus. Kurz vor Tagesanbruch drückte eine Baumratte den Schrank unter dem Spülbecken von innen auf, lief dicht an der Wand entlang zu einer Stelle, wo das Körnerfutter des abwesenden Kakadus auf den Boden gefallen war, und schlug sich den Bauch voll. Beim ersten Tageslicht hielt der Kleinbus einer Gartenbaufirma am Eingangstor. Cari stieg aus und gab den Zugangscode ein. Das Tor schwang auf, und Marco fuhr mit seinem Team – Ignacio und Esteban sowie Benito und Cari – auf das Grundstück. Gómez saß mit Don Ernesto in einem zweiten Auto, das vor dem nächsten Häuserblock parkte. »Lass den Mund ein Stück weit offen, Gómez, falls es einen Knall und eine Druckwelle gibt«, empfahl Don Ernesto. Bobby Joes Pick-up stand noch vor der Haustür in der Einfahrt. Die Fenster des Pick-ups waren heruntergefahren, und eine Tür stand offen, als wartete das Auto auf Bobby Joe. Es hatte in der Nacht geregnet, und das Innere des Pick-ups war nass geworden. Cari sah sich den Pick-up an. Nass glänzend hatte er fast die Farbe von Bobby Joes Gehirn. Sie stiegen aus, bewaffnet, die Taschen voller Türstopper. Die Männer postierten sich zu beiden Seiten der Haustür und probierten, sie zu öffnen. Abgeschlossen. Cari hatte den Schlüssel. Sie stießen die Tür auf und gaben Cari Deckung, während sie die Bedientafel der Alarmanlage prüfte. Alles ausgeschaltet. Sie aktivierte die Bewegungssensoren im Obergeschoss. »Gebt Acht auf Stolperdrähte in den Türdurchgängen«, warnte sie. Esteban hielt eine Sprühdose mit Puder gegen Genitalpilz in die Höhe. Cari schüttelte den Kopf. »Hier gibt es keine Lichtschranken.« Sie gingen seitlich um das Haus herum, liefen geduckt unter den Fenstern vorbei. Eine Seitentür stand offen. Die Baumratte hörte sie kommen und verschwand wieder unter dem Spülbecken – ohne die Schranktür hinter sich zu schließen. Zimmer für Zimmer überprüften sie das Erdgeschoss und gaben Entwarnung, wenn sie wieder einen Raum verlassen vorgefunden hatten. Oben war eine Stimme zu hören. Sie beobachteten die Leuchten der Bewegungsmelder, aber im Obergeschoss bewegte sich nichts. Cari schaltete die Alarmanlage aus, und Esteban postierte sich so, dass er die große Treppe abdecken konnte. Marco und Cari rannten nach oben. Cari hielt das AK-47 mit dem Tragegurt schussbereit in der unteren Position. In einem kleinen Schlafzimmer oben fanden sie die Spuren eines überstürzten Aufbruchs. Zurückgelassene Kleidung, ein Fernseher lief noch. Eine Wespe war durch das offene Fenster hereingeflogen und flatterte jetzt gegen die Decke. Die einzigen leeren Räume waren das Elternschlafzimmer, das Hans-Peter benutzt hatte, und Mateos Zimmer. Die anderen Schlafzimmer enthielten die verstreuten Habseligkeiten der Toten: Rasierzeug, ein Paar Einbrecherschuhe mit einem Metalldetektor, der mit Klebeband an der Kappe des einen Schuhs befestigt war. In der Ecke eines Schlafzimmers lehnte das AR-15 von Umberto, der Antonios Kopf in die Krabbenreuse gesteckt und Cari fast ertränkt hatte. Mittlerweile hatte er selbst das Zeitliche gesegnet. Im Poolhaus fand Marco das Klettergeschirr, das Felix bei seiner Exkursion in das Loch getragen hatte. Die Riemen waren mit Blut und Sand verkrustet. Marco musterte es einige Minuten lang. Blutige Schleifspuren führten zum Anleger. Er ließ Esteban das Poolhaus mit dem Schlauch vom Blut reinigen. Marco ging in den Keller und betrachtete lange von der Treppe aus die Vorderseite des Würfels. Seine Anweisung lautete, ihn nicht anzurühren. Die in leuchtenden Farben auf die Tresortür gemalte überlebensgroße Darstellung der Nuestra Señora de la Caridad del Cobre ließ den Raum wie eine Kapelle wirken. Zu ihren Füßen kämpften Schiffer auf dem Meer um ihr Leben. Ein frischer Metallspan kräuselte sich über einem flachen Loch, das jemand in die Seite der Madonna gebohrt hatte. Die große Bohrmaschine lag auf dem Boden. Beim Anblick der verzweifelten Schiffer, die sich der Jungfrau anvertraut hatten, bekreuzigte sich Marco. Don Ernesto wartete in seinem Auto. Sein Telefon klingelte. Antonios Telefon rief an. Er blickte einen Augenblick auf das Display, bevor er abnahm. »Sie haben also das Haus«, sagte Hans-Peter Schneider. »Wenn ich will, haben Sie in fünf Minuten die Polizei am Hals.« »Was wollen Sie?«, fragte Don Ernesto. »Ein Drittel, das ist mehr als angemessen.« »Haben Sie einen Abnehmer?« »Ja.« »Und Ihr Abnehmer zahlt bar?« »Oder per Überweisung, wie Sie wollen.« »In Ordnung.« »Da ist noch etwas.« Hans-Peter flüsterte seinen Herzenswunsch. Don Ernesto schloss die Augen und lauschte. »Das geht nicht«, sagte er. »Das kann ich nicht tun.« »Ich glaube, Sie kennen sich selbst nicht, Don Ernesto. Für zwei Drittel von fünfundzwanzig Millionen Dollar würden Sie alles tun.« Die Leitung war tot. 33 Im Keller des Escobar-Hauses saß Favorito in seinem Krankenhaus-Rollstuhl an einem Kartentisch und studierte die eingescannten Kopien von Dokumenten und Zeichnungen, die Don Ernesto von der Witwe von Jesús Villarreal bekommen hatte. Darunter war eine beschriftete Skizze des Würfels. Favorito hatte ein Stethoskop um den Hals und einen kleinen Werkzeugkasten. Mehrere Studioleuchten erhellten die Darstellung der Nuestra Señora de la Caridad del Cobre auf der Vorderseite des Tresors. Neben Favorito hielten sich Marco und sein Erster Offizier, Esteban, in dem kleinen Raum auf. Ein Raunen, Kopfbedeckungen wurden gezogen und Begrüßungen gemurmelt, als Don Ernesto auf der Treppe erschien. Bei ihm waren Gómez und Cari. Cari nickte Marco und Esteban zu. Sie schienen nicht überrascht, sie zu sehen. Don Ernesto stellte sich an den Tisch und legte Favorito die Hand auf die Schulter. »Hola, Patrón«, sagte Favorito. »Ist das alles, was Sie von Señora Villarreal bekommen haben? Hat Jesús Ihnen irgendwas Konkretes dazu gesagt?« »Ich habe die Unterlagen erst nach seinem Tod bekommen, Favorito. Unmittelbar bevor ich sie für dich gescannt habe. Hier ist das Original. Es ist nicht viel besser als der Scan.« Sie rollten die Papiere auf dem Tisch aus. »Den Fotos nach würde ich sagen, das ist ein Dreihundertvierzig-Liter-Würfel aus Edelstahl, damit wären die Wände mehr als dreizehn Zentimeter stark«, sagte Favorito. Er fuhr mit dem Finger über das gezeichnete Diagramm. »Hier sitzt die Sprengstoffladung. Das hier ist, glaube ich, eine fotoelektrische Zelle, wahrscheinlich diffus, sodass jedes Licht die Explosion auslöst, sobald die Tresorwand durchbohrt wird. Man muss also nicht einmal eine Lichtschranke unterbrechen.« »Braucht eine Zelle nicht Batterien? Das ist eine lange Zeit«, sagte Marco. Favorito tippte auf die Papiere. »Wahrscheinlich finden wir eine Stromquelle, möglicherweise unter der Terrassenbeleuchtung, mit der die Akkus im Tresor geladen werden. Die Terrasse wird über eine Zeitschaltuhr gesteuert, stimmt’s?« Cari antwortete von der Treppe aus. »Ja. Die Elektrik hängt an einem Sicherungskasten mit zweimal zwanzig Ampere in der Speisekammer. Das Licht brennt von sieben bis elf. Die Beleuchtung ist nur einmal vier Tage lang ausgefallen, während Hurrikan Wilma.« Favorito sah sich um, etwas überrascht, die Stimme einer jungen Frau zu hören. »Das ist Cari. Sie ist in Ordnung«, sagte Don Ernesto. »Cari«, sagte Favorito. Er deutete auf die Darstellung auf der Tür des Tresors. »Irgendeine Verbindung zur Caridad del Cobre, hoffe ich?« »Eher nicht«, erwiderte Cari. »Es sieht aus, als wäre die Zeichnung aus dem Gedächtnis angefertigt worden«, erklärte Favorito. »Keine Einzelheiten. Kein Stromlaufplan. Hier ist eine schlechte Skizze des Gemäldes. Einige Stellen sind mit dem Wort ›imán‹ bezeichnet.« »Imán. Magnet«, stellte Don Ernesto fest. »Ich glaube, wir müssen uns mal die Rückseite vornehmen, vielleicht finden wir da eine Schwachstelle«, sagte Favorito. »Können wir von hier aus die Wand neben dem Kasten durchbrechen?«, fragte Esteban. »Erschütterungen würde ich lieber vermeiden, bis wir mehr wissen«, sagte Favorito. »Wie lange würde es dauern, Beton und Armierung an den Seiten zu durchbrechen?« »Zwei Tage, wenn wir die ganze Nacht durcharbeiten«, sagte Esteban. »Wir müssen uns das von unten ansehen. Ich gehe«, erklärte Kapitän Marco. Marco hatte das Gefühl, Antonio in den Tod geschickt zu haben. Jetzt freute er sich über die Gelegenheit, sich selbst auf die Probe zu stellen. Don Ernestos Telefon vibrierte. Er warf einen Blick darauf und ging nach draußen, wo er sich ins Poolhaus zurückzog. Das Blut war mit dem Schlauch abgespritzt worden, aber es hatte die Fugen verfärbt. Sie waren jetzt braun. Kleine Ameisen krabbelten darauf herum. Diego Riva, der Rechtsanwalt von Jesús Villarreal, war am Apparat. Don Ernestos Büro in Cartagena hatte ihn weiterverbunden. »Don Ernesto«, sagte Riva honigsüß. »Es war ein Vergnügen, Sie gestern zu sehen, trotz der betrüblichen Umstände. Ich habe es bei Ihnen im Büro versucht. Sind Sie in Cartagena? Wir müssen reden.« »Ich bin auf Geschäftsreise. Was kann ich für Sie tun, Señor Riva?« »Ich möchte Ihnen einen Gefallen erweisen, Señor. Ich gehe davon aus, dass Sie sich in naher Zukunft der Informationen bedienen werden, die Ihnen Señora Villarreal unter großer Gefahr für Leib und Leben zur Verfügung gestellt hat.« »Ja, davon gehe ich auch aus«, sagte Don Ernesto. »Ich habe hier eine beunruhigende Entdeckung gemacht. Mir wurde mitgeteilt, dass einer Ihrer geschäftlichen Konkurrenten bei einer flüchtigen Durchsicht des Materials an den Unterlagen eine Änderung vorgenommen hat. Diese könnte Ihre Sicherheit gefährden, deswegen bin ich so besorgt. Die Unterlagen müssen dringend korrigiert werden, zu Ihrer eigenen Sicherheit.« »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie so schnell Kontakt mit mir aufgenommen haben«, sagte Don Ernesto. »Um welche Änderung handelt es sich? Ich kann Ihnen eine Faxnummer hier vor Ort geben, oder Sie scannen das Dokument ein und schicken es mir auf mein Handy.« »Ich würde ein persönliches Treffen bevorzugen«, sagte Riva. »Ich bin gern bereit, nach Cartagena zu kommen. Don Ernesto, dieses Projekt hat mich in beträchtliche Gefahr gebracht, ganz zu schweigen vom problematischen Umgang mit der Señora und ihrer Schwester, die – gelinde gesagt – schwierig ist. Ich hoffe, Sie lassen mir dafür eine entsprechende Zuwendung zukommen. Eine Million Dollar scheint mir angemessen.« »¡Caramba!«, sagte Don Ernesto. »Eine Million Dollar ist eine ziemlich großzügige Zuwendung, Señor Riva.« »Sie benötigen diese Informationen, das Leben Ihrer Männer hängt davon ab«, sagte Riva. »Ein weniger ehrenwerter Mensch als ich hätte sich wegen der Belohnung möglicherweise an die Behörden gewandt.« »Und wenn ich nicht zahle?« »Dann werden Sie viel Zeit zum Nachdenken haben, und in einigen Monaten, in einer ungewissen Zukunft, wenn andere ihren Profit gemacht haben, werden Sie rückblickend Ihren Irrtum erkennen.« »Señor Riva, würden Sie siebenhundertfünfzigtausend Dollar in Betracht ziehen?« »Ich fürchte, es handelt sich um einen Festpreis.« »Ich melde mich sehr bald.« Don Ernesto legte auf. Er rief Gómez zu sich, um Diego Riva und dessen Anruf mit ihm zu besprechen. »Er hat gesagt, rückblickend würde ich meinen Fehler bedauern«, sagte Don Ernesto. »Ja, rückblickend«, sagte Gómez. »Rückblickend.« »Wenn ich bezahle, Gómez, verkauft er uns an die US-amerikanische Einwanderungsbehörde, sobald er unser Geld hat. Hilf ihm doch mit seinem eigenen Rückblick. Weißt du noch, wie Dracula im Film Renfield den Kopf auf den Rücken gedreht hat?« »Ja«, sagte Gómez, »aber vielleicht sehe ich mir den Film noch mal im Internet an. Ist es in Ordnung, wenn mich mein Onkel unterstützt? Er ist ein sehr fähiger Mann.« »Ja. Flieg hin, sobald wir hier fertig sind«, sagte Don Ernesto. »Sí, Patrón, aber Ihre Sicherheit …« »Ich sorge dafür, dass immer jemand bei mir ist.« »Aus dieser Gruppe? Señor, wenn ich eine Empfehlung aussprechen darf: Egal, für welchen der Männer Sie sich entscheiden, nehmen Sie die Frau mit. Sie ist sehr kompetent. Ich kenne mich mit solchen Dingen aus. Vergessen Sie nicht, Jesús wurde von einer Frau getötet.« Don Ernesto sagte Gómez nichts von den möglicherweise tödlichen Änderungen an den Diagrammen des Tresors. Er sagte kein Wort zu Favorito, zu überhaupt niemand. Wenn Diego Riva sie verriet, würde das den Goldmarkt in Miami ruinieren, auf dem illegales Gold normalerweise leicht loszuwerden ist. Das FBI und die Börsenaufsicht würden danach Ausschau halten und die örtlichen Schmelzereien genau im Auge behalten. Jesús hatte gesagt, einige der Barren seien nummeriert. Das Gold musste also außer Landes, um neu gegossen zu werden. Im Tresor konnte es nicht transportiert werden, wenn der Tresor Bewegungssensoren hatte. Was konnte schlimmstenfalls passieren, wenn das Ding in die Luft flog? Keine Zeugen, keine Beweise, jede Menge Kollateralschäden zu beiden Seiten des Hauses. Er verlor ein paar gute Mitarbeiter, aber ansonsten würde kein ernsthafter Schaden entstehen. Sie mussten den Kasten öffnen, und zwar schnell. Das Gold musste außer Landes, bevor Diego beschloss, die Polizei zu informieren. Don Ernesto rief in Haiti an. Am Flughafen von Port-de-Paix nahm ein Mann in einem braunen Overall den Anruf entgegen. Er säuberte gerade die Treibstofffilter eines sechzig Jahre alten Flugzeugs. Nach einem kurzen Gespräch bestellte Don Ernesto zweihundertfünfzig Kilo Schnittblumen und drei Waschmaschinen. 34 Der große Marktschirm über dem Loch bot zum einen Deckung vor patrouillierenden Hubschraubern von Polizei und Küstenwache, zum anderen spendete er Schatten. Kurz nach Tagesanbruch kam Kapitän Marco in einem neuen Hebegeschirr aus dem Poolhaus. Er hielt Felix’ mit Blut und Sand verkrustetes Klettergeschirr in der Hand und ließ es auf die Fliesen rund um den Pool fallen. Don Ernesto legte Marco die Hand auf die Schulter. »Du musst das nicht selbst machen. Ich kann einen Taucher einfliegen lassen.« »Ich habe Antonio runtergeschickt. Ich gehe selbst«, sagte Marco. »Sí, Capitán«, erwiderte Don Ernesto. Ignacio kam mit einem kleinen Koffer und einem Rucksack aus dem Haus. Er kippte den Inhalt auf den Boden. »Gehört den toten Männern«, sagte er. »Etwas Gras, hauptsächlich Samen und Stängel, im Koffer ein Leatherman-Multifunktionswerkzeug, eine Wichs…«, Ignacio fiel ein, dass Cari hinter ihm stand, »äh, dieses Busenwunder-Magazin hier, manipulierte Würfel und – man fasst es nicht – ein gezinkter Craps-Würfelbecher aus Cord. Der Typ war Miami nicht gewachsen. So ein Ding kann einen hier das Leben kosten. Ich entsorge das Zeug.« »Nimm das Klettergeschirr gleich mit«, sagte Marco. Er trat unter den Sonnenschirm, als ein Hubschrauber der Küstenwache über sie hinwegflog. Benito stellte sich zu ihm unter den Schirm und öffnete den Angelrutenkoffer, den er dabeihatte. Der alte Mann gab Marco einen Taucher-Bangstick mit einer Länge von fast anderthalb Metern. »Falls du Krach schlagen musst«, sagte Benito. »Mein Neffe hat ihn für dich angefertigt.« Er hielt eine Patrone auf seiner Handfläche. Sie war mit Wachs versiegelt. »Das ist eine geladene .30-30-Patrone, umgedreht mit dem Boden nach vorn und mit einer .357-Patrone im Hülsenhals, wo sich sonst das Geschoss befindet. Du lädst sie am besten selbst.« Nachdem Marco die Sicherung des Bangsticks geprüft hatte, setzte er die Patrone am Ende der Waffe ein. Die .357-Patrone würde bei direktem Kontakt die komplette .30-30-Patrone mit ihrer eigenen Sprengladung wie ein langes Geschoss in alles jagen, wogegen Marco die Waffe rammte. Benito und Marco klatschten die Unterarme gegeneinander. »Bringen wir es hinter uns«, sagte Marco. »Ich schwitze mich in dem Ding zu Tode.« Er setzte eine Maske mit zwei Kohlefiltern und einer Videokamera auf. Marco sah Favorito an, der die Streaming-Bildwiedergabe auf seinem Laptop prüfte. Daumen hoch. Auch sie klatschten die Unterarme gegeneinander. Abseilen in die dunkle Höhle mit der Handwinde. Immer wieder ein kleines Ruckeln auf dem Weg nach unten. Marco sah sich mit seiner Taschenlampe um. Die Luft auf seinen Wangen fühlte sich schwer und warm an. »Noch etwas nach unten.« Er streckte die Füße aus. »Weiter, weiter.« Er berührte den Grund. Das Wasser reichte ihm bis zur Taille, der Wellengang machte maximal dreißig Zentimeter Unterschied. Marco richtete seine Lampe auf den Würfel, den menschlichen Schädel, die Wurzeln, die wie ein Kronleuchter von der Höhlendecke herabhingen. Die durch den Eingang unter Wasser hereinströmende See zerrte an seinen Knöcheln. Er nutzte den Bangstick für eine grobe Messung. »Die Pfeiler stehen so weit auseinander, dass wir den Würfel dazwischen herausziehen können, wenn wir die Winde befestigen können.« Er watete los, schniefte unter seiner Maske, musste sich tief ducken, fast tauchen, so weit hinab reichten einige Wurzeln. »Der Kieskahn ragt aus dem Wasser, ist aber nicht im Weg.« Dann erreichte er den Würfel mit dem Schädel daneben. Im flachen Wasser neben dem Würfel lag ein Stück von einem Hund. Marco holte einen Magneten aus der Tasche. Er blieb am Würfel kleben. »Edelstahl wie die andere Seite«, sagte er. »Hier gibt es keine Schwachstellen.« »Siehst du irgendwelche Schweißnähte?«, fragte Favorito, der das Videobild auf seinem Laptop studierte. »Saubere Schweißraupen. Praktisch perfekt. WIG-Schweißnähte, genau wie vorne. Das Ding wurde nicht hier unten gebaut.« »Klopf dagegen«, sagte Favorito. Ein saugendes Geräusch aus dem Durchgang unter der Ufermauer. Ein paar Blasen stiegen auf. Kapitän Marco nahm einen kleinen Hammer von seinem Gürtel und klopfte gegen den Würfel. Das Geräusch änderte sich von der Mitte zur einen Ecke hin nur wenig. »Genau wie die Vorderseite. Vielleicht dreizehn Zentimeter stark. Ich sehe mir den Bereich hinter der Kante genauer an. Ist das Bild gut?« »Kannst du mal das Objektiv abwischen, Marco?« Marco hatte ein Tuch in einer Plastiktüte dabei, mit dem er zuerst die Kamera und dann seine Maske abwischte. »Hallo … Hier ist ein Fleck, seht ihr den?« Er legte den Finger auf den Würfel. »So groß wie ein Bleistift. Das sieht nicht gut aus. Ich komme rauf.« Saugende Laute vom Unterwasserdurchgang zur Bucht. Marco watete auf die Lichtsäule zu, die durch das Loch über ihm fiel. Er stolperte über etwas, und die obere Hälfte von Felix tauchte auf, aufgebläht und angenagt. Wo der Körper in zwei Teile gerissen worden war, hingen die Organe heraus. Marco wollte nur noch weg, aber in seiner Panik trat er auf Felix. Felix’ Auge platzte, und der Fäulnisgestank brachte Marco selbst unter seiner Maske noch zum Würgen. Die halbe Leiche geriet in Bewegung, wurde weggerissen, und Marco hob seinen Bangstick. Ein saugendes Geräusch unter der Ufermauer. Marco watete, so schnell er konnte, das Seil verschwand rasch durch das Loch zum Garten. »Zieht! Zieht!«, brüllte Marco mit unter der Maske halb erstickter Stimme. Er schwang in der Luft, mit angezogenen Beinen, bewegte sich auf das Licht zu, nach oben, während unter ihm die Blasen im Wasser die Form eines nach vorne schmaler werdenden Rechtecks annahmen. Esteban und Ignacio kämpften mit der Winde, er hörte Kiefer unter seinen Füßen zuschnappen, dann war er oben im Hellen. Kapitän Marco saß keuchend und würgend auf dem Boden, den Wetsuit hatte er bis zur Taille heruntergezogen. Die anderen hielten ihm Wasser hin, von dem er ein paar Schluck trank und gleich wieder ins Blumenbeet erbrach. Cari brachte ihm kaltes Wasser, damit er den Mund ausspülen konnte, und ein Schnapsglas mit Rum. Don Ernesto legte die Hand auf Marcos Kopf wie ein Bischof bei einer Segnung. Sie studierten die Bilder von Marcos Kamera auf dem Laptop. »Wahrscheinlich haben die Metalldetektoren des FBI wegen des eisernen Kieskahns im Schutt angeschlagen«, meinte Don Ernesto. »Vermutlich haben sie gebohrt und das Ding mehrmals erwischt«, sagte Favorito. Don Ernesto zeigte auf die in regelmäßigen Abständen in Felix’ Leiche gestanzten Löcher. »Das war ein Salzwasserkrokodil. Gómez, weißt du noch, wie César einem Salzwasserkrokodil zum Opfer fiel, als er und sein Partner den Kredit nicht zurückzahlen wollten?« »Ja, im Lago Enriquillo unter der Brücke in der Nähe seines Büros«, sagte Gómez. Er übte, sich gewählt auszudrücken, ganz wie der Don. »Das Krokodil trug ihn davon, und es scheint mir höchstwahrscheinlich, dass es ihn verspeiste.« »Sie können nicht kauen«, erklärte Don Ernesto. »Sie legen sich unter Wasser Vorräte an, damit das Fleisch verwest und weich und zart wird. Das Krokodil hat diesen Mann erst weggeschleppt und dann zurückgebracht, damit er reifen kann.« Favorito deutete auf den Bildschirm. »Gut, dass wir den Würfel inspiziert haben. Seht ihr die Stelle, die Marco aufgefallen ist?« »Der Tresor hat einen Quecksilberschalter und kann also nicht bewegt werden«, stellte Cari fest. »Da war ein Loch, das wurde mit Lötmetall verschlossen, und die Fläche wurde poliert«, sagte Favorito. »Bei einem versiegelten Behälter mit einer Sprengstoffladung kann man nachträglich durch ein Loch an der Seite ein Kabel einführen, um einen Quecksilberschalter anzuschließen. Wenn jemand versucht, den Behälter zu bewegen, knallt es. Das ist alte IRA-Schule.« Cari nickte. »Der Ire, der uns gezeigt hat, wie man aus Gasflaschen Mörser baut, hat uns den Trick beigebracht. Er hat damals jeden Mörser mit seinem Namen signiert: ›Hugh G. Erection‹.« »Wohl ein Alias«, sagte Gómez vornehm. »Können wir den Safe mit einem Plasmaschneidbrenner von hinten aufschneiden?«, fragte Don Ernesto. Favorito schüttelte den Kopf. »Wenn ich so ein System installieren würde, dann würde ich im Inneren Infrarotsensoren anbringen, um genau das zu verhindern.« Er holte tief Luft. »Wir brauchen die Person, die sich das ausgedacht hat. Für den Transport könnte man einen Quecksilberschalter mit Flüssigstickstoff einfrieren. Dafür muss es allerdings richtig kalt sein, minus vierzig Grad, sonst fliegt einem das Ding um die Ohren. Bei dem optischen Zeug fällt mir nichts ein.« »Pablo hat sein Geld nicht für alle Ewigkeit weggeschlossen. Er wollte da wieder dran. Also geht der Safe irgendwie auf. Bist du bereit, es zu versuchen?«, fragte Don Ernesto. »Lassen Sie mich nachdenken«, erwiderte Favorito. Er blickte auf seine nutzlosen Beine. »Manchmal denke ich zu wenig nach.« »Du hast eine halbe Stunde«, sagte Don Ernesto. Sie studierten die Bilder auf dem Laptop. Favorito fuhr mit dem Finger über eine Schweißnaht. »Nicht jeder kann so schweißen. Das hier ist WIG-Schweißen. Seht euch an, wie hier gearbeitet, wie die Düse an der Schweißnaht entlanggeführt wurde. Sehr schöne Arbeit. Leute, die das können, gibt es nicht viele. Sehen wir uns die Baugenehmigung für die Terrasse an, der Tresor muss um dieselbe Zeit eingebaut worden sein.« Favorito gab Marcos Foto des Würfels in Photo Plus, ein Bildbearbeitungsprogramm ein, und klickte auf Bildoptimierung. »Oh, ja … Danke, Marco!« Unten auf der Seite des Würfels waren im Schatten des Blitzlichts drei mit Fettstift geschriebene Buchstaben zu erkennen. »T-A-B – Thunder Alley Boats. Don Ernesto, ich weiß, wo ich nachfragen muss, aber ich brauche ein paar dulces, um das Ganze zu versüßen.« »Geld oder llello?«, fragte Don Ernesto. »Am besten Geld und Kokain.« 35 Das Krokodil schwamm mit angenehm vollem Bauch in südliche Richtung und tauchte dabei jedes Mal unter, wenn ein Schiff vorbeikam. Es war ein über vier Meter langes Weibchen, ein Salzwasserkrokodil, das einen Teil der Zeit in den Everglades lebte und sich von jungen Tigerpythons und gelegentlich ein paar Bisamratten und Nutrias ernährte. Am liebsten war ihm aber die Salzwasserbucht des South Bay Country Club, wo es sich in der Nähe des Fairways sonnte. In der Bucht in der Nähe des Golfplatzes gab es noch andere Krokodile, ein oder zwei Nilkrokodile und ein paar Alligatoren bei den Süßwasserquellen, die sich alle die warme Sonne auf den Panzer scheinen ließen. Am besten war, dass die auf dem Golfplatz eingesetzten Insektizide mit den Schmetterlingen und Motten aufgeräumt hatten, die mit ihren kratzigen Füßen Druck auf die Tränendrüsen der Krokodile ausüben, um die Tränen zu trinken. Das Krokodil döste vor sich hin und sah den Golfern in ihren Bermuda-Shorts zu. Leider waren Hunde auf dem Golfplatz nicht erlaubt. Manchmal schlichen sich Anwohner – oft keine Mitglieder – abends mit Kotschaufeln und Plastiktüten bewaffnet auf den Golfplatz und ließen ihre Hündchen am Wasser frei laufen. Da Krokodile nicht kauen können, müssen sie größere Lebewesen stückweise zu sich nehmen und abwarten, bis sie verwest sind. Aber Chihuahuas können sie ganz herunterschlucken, genau wie Corgis, Lhasa Apsos und Shih Tzus. Sie können frisch verzehrt werden und müssen nicht erst in einem Versteck reifen, wie es das Krokodil unter dem Escobar-Haus angelegt hatte. Abgesehen von Felix hatte das Krokodil erst ein Mal einen Menschen gefressen, einen Säufer, der von einem Boot voller Säufer fiel und weder damals noch später vermisst oder betrauert wurde. Nachdem ihn das Krokodil verspeist hatte, war es eine ganze Stunde lang ziemlich beschwipst. Das Krokodil hatte es sich nicht zur Gewohnheit gemacht, Menschen zu essen, aber mit seinem erstaunlichen Gedächtnis für Nahrung und die Orte, an denen sie zu finden war, hatte es noch genau im Kopf, dass man sich bei Menschen weder mit Fell und Federn noch mit zähem Leder, Hörnern, Schnäbeln oder Hufen herumärgern musste. Nicht wie bei einem Pelikan, bei dem sich der Aufwand kaum lohnt. Hundebesitzer in Shorts mit dicken weißen Beinen, die in der Abenddämmerung flott hinter ihren Haustieren hermarschierten, wirkten sehr appetitlich und konnten im Halbdunkel nicht viel erkennen. Jetzt hieß es nur warten. Während der Nacht schied das Krokodil mit etwas Mühe Felix’ Stirnlampe aus und hinterließ sie neben dem Fairway, was die Platzwarte sehr verwirrte. 36 Diego Riva war ein attraktiver Mann, der fälschlicherweise behauptete, der Enkel des Schauspielers César Romero zu sein. Sein verbitterter Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der weniger ist, als er scheint. Teilen war ihm zutiefst zuwider, und er ertrug es nicht, wenn andere es sich gut gehen ließen. Besonders beneidete er die Witwe von Jesús Villarreal um das schöne Haus, das Don Ernesto ihr hatte zukommen lassen. Unglücklicherweise waren das Haus und die Gelder für Señora Villarreal nicht über Diego Riva gelaufen, sodass er nichts daran verdient hatte. Ein Besuch bei Señora Villarreal nach Jesús’ Tod hatte sich als unergiebig erwiesen. Er wies zwar darauf hin, dass ihm eigentlich ein Honorar zustehe, aber sie zeigte sich unbeeindruckt, saß in ihrem schönen Heim und ließ sich von den Dienstboten verwöhnen, während ihre bissige Schwester sie von ihrem Platz in der Ecke aus mit giftigen Kommentaren unterstützte. Zurück in seinem Büro, brütete Diego Riva den Großteil des Nachmittags vor sich hin, ließ mit eingezogenem Hals den Blick von einer Zimmerecke zur anderen wandern. Er hatte die Diagramme und Anweisungen geändert, die Jesús für den Tresor in Miami erstellt hatte, aber er war nicht sicher, ob Don Ernesto ihn für die Korrekturen bezahlen würde. Doch wenn Don Ernesto ihn nicht bezahlte und die Korrekturen nicht bekam, würde es in Miami Beach einen lauten Knall geben, und dann war niemand mehr übrig, der ihn bezahlen konnte. Eine kurze Recherche ergab, dass sich die höchste Belohnung, die die US-Regierung im vergangenen Jahr für sachdienliche Hinweise bezahlt hatte, auf einhundertvier Millionen Dollar belief. Für die Wiederbeschaffung von Wertgegenständen gab es zehn bis dreißig Prozent. Seine Berechnungen, die er mit einem kurzen Golfbleistift vornahm, ergaben, dass bei einem Goldwert von fünfundzwanzig Millionen Dollar mindestens 2,5 Millionen Dollar in seiner Tasche landen würden. Er beschloss, Don Ernesto zu verpfeifen. Sein Anruf bei der Whistleblower-Hotline der Börsenaufsicht in Washington wurde über mehrere Telefonzentralen weiterverbunden, bevor sich eine sehr freundliche Dame im Heimatschutzministerium meldete. Im Gespräch versuchte sie herauszufinden, ob er irgendeinen Groll hegte, wie sie es von den üblichen unzufriedenen Bankangestellten und verbitterten kleinen Firmenmitarbeitern kannte. Sie versicherte Diego Riva, sein Verhalten sei ebenso korrekt wie gerecht. Wörtlich sagte sie, er »bereinige eine untragbare Situation« und »sorge dafür, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werde«. Informanten bezeichnete sie als »Hinweisgeber«. Sie zeichnete das Gespräch mit Diego Riva ohne das gesetzlich vorgeschriebene, warnende Piepsen auf. Das Gerät stand neben einem kleinen Schild auf ihrem Schreibtisch, das die Aufschrift Wamm, bamm, qui tam! trug – eine Anspielung auf Privatpersonen, die sich durch ihre Unterstützung bei der Strafverfolgung einen Anteil an etwaigen Bußgeldern sicherten. Die verschiedenen Whistleblower-Programme von Steuerbehörde, Börsenaufsicht, Justizministerium und Heimatschutzministerium arbeiten bis zu einem gewissen Grad zusammen. Üblicherweise ermutigt und befragt die Stelle, bei der sich ein Hinweisgeber zuerst meldet, den Anrufer, und die Angelegenheit wird später an die eigentlich zuständige Behörde weitergeleitet. Die Beamtin versicherte Diego Riva, die Börsenaufsicht werde zahlen, sofern der Antrag innerhalb von einhundertzwanzig Tagen nach der ersten Meldung erfolge – selbst wenn er die Informationen zunächst einer anderen Behörde übermittelt habe. Diego Riva sagte, er benötige eine schriftliche Bestätigung, dass ihm eine Belohnung zustehe. Seine Informationen würden zur Entdeckung von großen Mengen Gold und Sprengstoff in den Vereinigten Staaten führen. Die Beamtin des Heimatschutzministeriums erklärte, das könne einige Stunden in Anspruch nehmen. Diego Riva erwiderte, solange er die schriftliche Bestätigung nicht in Händen halte, könne er keine weiteren Informationen liefern, und setzte sich neben sein Telefon und das Fax. Ein Beamter, der kurzfristig von der Initiative für Containersicherheit des Heimatschutzministeriums in Cartagena abgeordnet worden war, beobachtete Rivas Haus, bis er am Abend von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde in Bogotá abgelöst wurde. 37 Favorito betrachtete die auf die Tresortür gemalte Jungfrau, und das Bildnis sah Favorito in seinem Rollstuhl an. Die Schiffer unter ihrem Schutz kämpften mit den gemalten Wellen. Favorito saß an seinem Kartentisch. Auf dem Tisch standen ein Gaussmeter, ein Spannungsmessgerät, ein halbes Dutzend starke Magneten und ein Stethoskop. Don Ernesto, Gómez, Marco, Esteban und Cari sahen zu, Cari und Esteban standen auf der Treppe, um in dem kleinen Kellerraum Bodenfläche frei zu machen. Don Ernesto hatte Gómez an seiner Seite. Gómez konnte Favorito mitsamt seinem Rollstuhl in kürzester Zeit die Treppe hinauftragen. Das Bild der Jungfrau strahlte im Flutlicht in dem ansonsten dämmrigen Keller. »Wir wissen jetzt, dass die Metallarbeiten in der Thunder Alley durchgeführt wurden«, sagte Favorito. »Die Leute von der Werft, mit denen ich gesprochen habe, sagen, Pablo hat sich das persönlich angesehen. Der Würfel wurde mit dem Lkw zur Baustelle geschafft und mit einem Kran in der Erde versenkt. Damals war das alles fester Boden. Niemand von Thunder Alley hat die Verkabelung gesehen. Pablo muss dafür jemanden aus Cali geholt haben. Das Gas von der Straße ist abgestellt?« »Ja«, sagte Cari. »Ich habe es zugedreht.« Benito rief vom Miami International Airport an. Don Ernesto hatte ihn dorthin geschickt, um die landende DC-6A in Empfang zu nehmen und die Hebevorrichtung der alten Maschine zu inspizieren. Benito hatte zu seiner Zeit viele DC-6s beladen. Das Flugzeug war aufgetankt und bereit und die Hebevorrichtung in Ordnung, berichtete er. Kein Grund mehr, noch länger zu warten. Jetzt oder nie. Favorito testete seine Magneten. Ausgebreitet vor ihm lagen die Papiere und Zeichnungen von Jesús Villarreal. Favorito zündete sich eine Zigarette an. »Findest du es richtig, dass du hier rauchst?«, fragte Gómez. »Und ob«, entgegnete Favorito. »Okay. Dieser Zeichnung nach gehören die Magnete auf die Rosetten neben den Schiffern, hier und hier. Mit dem dritten Magneten geht man auf die Legende unten auf dem Gemälde: YO SOY LA VIRGEN DE LA CARIDAD DEL COBRE. Man tippt mit dem Magneten die Buchstaben für das Wort AVE an.« Favorito trocknete sich die Hände an einem Papierhandtuch ab. »Don Ernesto, wenn jemand den Raum verlassen will, ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Eine Bitte. Ab jetzt bis zum Ende unserer Arbeiten hier in diesem Raum tut jeder genau das, was ich sage. Ich bitte Sie respektvoll darum, sich ebenfalls daran zu halten, Don Ernesto.« »A sus ordenes«, bestätigte Don Ernesto. Zu Befehl. Favorito nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, warf sie auf den Boden und fuhr mit einem Rad darüber, um sie auszudrücken. Er sah zu dem leuchtenden Gemälde der Nuestra Señora de la Caridad del Cobre auf und bekreuzigte sich. Dann berührte er die Schiffer unten im Bild. »Wir sitzen alle im selben Boot, Brüder«, sagte er. In diesem Augenblick klingelte über dreitausend Kilometer entfernt im Büro von Diego Riva das Telefon, und ein Dokument schob sich aus dem Faxgerät. Im Keller des Escobar-Hauses rollte Favorito seinen Rollstuhl dicht vor die bemalte Tresortür und zog die Bremsen an. Er setzte den ersten Magneten auf die linke Rosette. Er horchte mit dem Stethoskop, setzte den zweiten Magneten auf die rechte Rosette. Ein Klicken aus dem Inneren der Tresortür. Favorito blinzelte mehrmals. Seine Augenlider schienen ebenfalls zu klicken. »Jetzt tipp A-V-E«, befahl er sich selbst. »Ave, und wenn ich Ave sage, Nuestra Señora, meine ich Ave.« Er tippte das A an, dann das V. Er suchte das E und tippte darauf. Ein Herzschlag verstrich. Ein Klicken. Er probierte den Griff, doch der bewegte sich nicht. Aber ganz leise in seinem Stethoskop hörte er ein Ticken. Das Ticken wurde lauter, bis es im ganzen Raum zu hören war. Tick. TICK. »Raus hier«, sagte Favorito, ohne den Kopf von den Papieren zu heben. »Lauft, immer weiter, bis auf die Straße, geht hinter der Mauer in Deckung.« »Wir tragen dich raus«, sagte Don Ernesto. »Gómez!« Der große Mann ging zu Favorito und beugte sich vor, um ihn hochzuheben. »Nein! Sie haben mir Ihr Wort gegeben, Señor«, sagte Favorito. »Alles raus«, befahl Don Ernesto. »Sofort. Lauft!« Den Männern war es peinlich, im Haus zu rennen, aber sie wollten leben. Sie gingen, so schnell sie konnten, und rannten los, sobald sie den Rasen erreichten. »Was soll der Scheiß, Carmen?«, sagte der Vogel in der Küche. Cari hörte ihn und rannte zu ihm, um den Käfig zu öffnen. Im Keller hielt Favorito einen Magneten in der Hand. Er fuhr damit auf und ab über die Legende. Tick, tick, ein wenig schneller, viel lauter, sein Herz und das Ticken in furchtbaren Synkopen. Favorito hielt das Papier in die Höhe, studierte die Zeichnung und das hell erleuchtete Gemälde gleichzeitig. Das Licht vom Gemälde schien durch das Papier, beleuchtete eine helle Stelle, wo das Papier von einer Radierung dünn geworden war. Der Punkt unmittelbar links von zwölf Uhr in dem beblätterten Heiligenschein um den Kopf der Caridad im Gemälde fehlte in der Zeichnung. Er nahm einen Magneten und streckte im Rollstuhl den Arm nach oben aus. Der Heiligenschein war außer seiner Reichweite. Er blockierte die Räder und versuchte, sich mit einem Arm vom Rollstuhl abzustoßen. Das Ticken dröhnte wie Donner, wie Gewehrfeuer, und er blickte der Jungfrau ins Gesicht und rief ihren Namen. »Caridad!« Cari hörte ihn oben. Sie schleuderte den flatternden weißen Vogel auf die Couch und rannte die Treppe hinunter in das wimmelnde Licht und Ticken. Favorito warf ihr den Magneten zu. »Der schwarze Punkt auf dem Heiligenschein, zwölf Uhr.« Cari rannte in drei langen Sätzen zu dem Bild, stieg in die Höhe wie eine Basketballspielerin, die einen Slam Dunk wirft, und klebte den Magneten direkt auf den Punkt über der Jungfrau. TICK. Tick. Das Ticken hörte auf. Der Griff der Tresortür drehte sich mit einem Knacksen. Favorito und Cari rangen nach Luft. Sie beugte sich über Favorito, und sie hielten sich in den Armen, so fest sie konnten, bis sich ihr keuchender Atem in Gelächter verwandelte. 38 Eine Viertelminute lang schien es kein Ticken mehr zu geben – nirgendwo auf der Welt. Cari und Favorito fuhren zusammen, als der Tresor noch ein einziges Ticken von sich gab, und dann waren sie sehr beschäftigt. Favorito konnte nicht jede Stelle im Tresor erreichen. Cari half ihm. Gemeinsam holten sie die verschlungene bunte Zündschnur und die unauffälligen Sprengkapseln heraus und legten sie auf den Tisch. Das Semtex und die Nägel, die als Schrapnell um den Sprengstoff gepackt waren, ließen sie im Tresor. In unmittelbarer Nähe des Tresors wollten sie kein Mobiltelefon benutzen. Als die Sprengkapseln sicher entfernt waren, ließ Cari Favorito daher im Keller zurück und lief nach oben. Um Entwarnung zu geben, winkte sie den anderen mit dem Vogel auf der Faust. Dann ging alles ganz schnell. Wie in einer Löschkette gaben sie die Good-Delivery-Barren, die Kilobarren, die Industriegoldbarren aus den illegalen Inirida-Minen und die Tasche mit den dicken kleinen Tola-Barren weiter, die kaum größer als ein Zippo-Feuerzeug waren. Im Lieferwagen befanden sich drei Toplader-Waschmaschinen, die im Inneren massiv mit einer in der Werft eingeschweißten Armierung verstärkt waren. Gómez stellte sich hinter Favorito und den Rollstuhl, hob ihn mitsamt dem Werkzeugkasten hoch und trug ihn die Treppe hinauf. Wenige Minuten später rollte der Lieferwagen durch den leichten Regen zum Flughafen. Auf dem Julia Tuttle Causeway kam ihnen ein Konvoi entgegen, der mit hoher Geschwindigkeit nach Miami Beach unterwegs war. 39 Zwei Kleinbusse der Einwanderungsbehörde mit je sechs Beamten, vier FBI-Beamte, die Miami-Dade-Spezialeinheit für Waffen und Taktik und die Bombenentschärfer der Polizei mit ihrem Roboter rasten mit heulenden Sirenen über den Julia Tuttle Causeway. Auf halbem Weg schalteten sie die Polizeisirenen aus und fuhren mit einer einzelnen Rettungswagensirene nach Miami Beach weiter. Das Miami-Beach-Einsatzkommando und eins der Feuerwehrfahrzeuge erreichten das Escobar-Haus an der Bucht zuerst. Die Miami-Dade-Küstenwache kam über das Wasser, ohne Licht, ohne Sirenen. Das Einsatzkommando drang zeitgleich von der Vorder- und von der Rückseite ins Haus ein. Über allem schwebte ein Polizeihubschrauber, der den ausgefransten alten Windsack am Hubschrauberlandeplatz des Hauses ordentlich flattern ließ. Der Roboter war darauf programmiert, Hindernisse zu vermeiden, und deshalb von dem engen Treppenhaus nicht begeistert. Sein Bediener musste ihm gut zureden, damit er in den Keller hinunterstieg. Der Lauf der Kaliber-12-Schrotflinte des Roboters war mit Wasser gefüllt, um den Zündstromkreis der Bombe zu unterbrechen. Bei der Patrone war die Sprengkapsel durch einen elektrischen Zünder ersetzt. Die Roboterkamera zeigte den offenen Tresor, dessen obere Fächer leer waren, während im untersten Fach kiloweise Semtex lagerte. Zur Freude der Bombenentschärfer zeigte die Kamera des Roboters ein Knäuel bunter Zündschnur, die vom Sprengstoff getrennt auf dem Kartentisch lag. Neben der Zündschnur war ein Quecksilberschalter zu erkennen, der nun keinen Schaden mehr anrichten konnte. Die Sprengstoffexperten wussten diese höfliche Geste zu schätzen. Drei schwere Magnete und Favoritos mit Öl abgewischte Werkzeuge lagen in einem losen Haufen unter der Treppe. Bis auf die Filmpuppen, Gipsmonster und Requisiten fanden die Beamten der verschiedenen Behörden, die sich im Haus drängten, niemanden. Als der Sprengstoff in einem Spezialfahrzeug abtransportiert worden war, löste sich die Anspannung. Die Bombenentschärfer versammelten sich um den historischen elektrischen Stuhl im Wohnzimmer und überlegten, ob man darauf Pizza backen konnte. Ihr Sergeant, der auf dem elektrischen Stuhl saß, behauptete, der Stuhl könne höchstens andünsten, aber nicht garen, und deswegen sei er in Sing Sing ausgemustert worden. Jetzt, wo die Bombe weg war, kam ihnen alles witzig vor. Die Küstenwache sperrte den 79th Street Causeway und den Julia Tuttle Causeway und durchsuchte alle Boote, die darunter hindurchfuhren. Terry Robles sammelte die Waffen im Haus ein, eine Kalaschnikow und ein AR-15 aus dem Zimmer von Umberto, der mittlerweile das Zeitliche gesegnet hatte. Mit Handschuhen betätigte er den Ladehebel des AR-15 und nahm das Abzugsstück, ein kleines kastenähnliches Bauteil aus Aluminium, aus der Feuerleitgruppe heraus. Damit konnte das Gewehr auf vollautomatisches Feuer umgestellt werden. Er zeigte das Abzugsstück den Beamten vom Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, die ebenfalls vor Ort waren. Ein ATF-Beamter sah es sich an. Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Neuanfertigung«, stellte er fest. Legale Drop-in-Abzugsstücke für das AR-15 wurden nur bis 1986 gefertigt. Ein legales, registriertes Abzugsstück kostet fünfzehntausend Dollar, wenn man Glück hat und einen Waffenschein der Klasse drei besitzt. Ein illegales, neu angefertigtes Abzugsstück bringt einem eine Geldstrafe von zweihundertfünfzigtausend Dollar und zwanzig Jahre in einem Bundesgefängnis ohne Aussicht auf Bewährung ein. »Tut mir einen Gefallen«, sagte Robles zu den ATF-Beamten. »Lasst das im Eilverfahren durch euer Labor laufen.« In Hans-Peters Raum fand er eine Mappe mit Kopien von Zeichnungen, deren Anblick ihm unerträglich schien. Zwei Tage später erschien Detective Robles undercover zusammen mit dem ATF in der an einen Schlachthof erinnernden, fensterlosen Self-Storage-Lagerhalle, wo sich sowohl Don Ernestos Leute als auch Hans-Peter ihre Waffen beschafften. Der Inhaber stellte sich Robles als »Bud« vor. Dem Haftbefehl in Detective Robles’ Tasche zufolge hieß er in Wirklichkeit David Vaughn Webber. Weiß, männlich, achtundvierzig Jahre alt, zwei Vorstrafen für Kokainbesitz und eine für Trunkenheit am Steuer. Detective Robles und die ATF-Beamten hatten ihn anhand des Fingerabdrucks auf der Innenseite des kleinen Drop-in-Abzugsstücks in Umbertos Gewehr identifiziert. 40 Am Flughafen fuhr der Lieferwagen dicht an das alte Flugzeug heran, damit Don Ernestos Team die Waschmaschinen mithilfe eines Rollbands auf die Hebevorrichtung befördern konnte. Die mit dem Gold beladenen Maschinen verschwanden im Inneren des Flugzeugs, um inmitten ganz gewöhnlicher Waschmaschinen ihre Reise nach Südamerika anzutreten. Regen fiel auf den Asphalt. Die Tropfen pickten Löcher in das Spiegelbild des grauen Himmels. Eine alte Boeing 707 rollte vorbei und übertönte jedes Gespräch. »Kommen Sie mit, Cari«, sagte Don Ernesto, als die Maschine vorüber war. »Arbeiten Sie für mich. Hier sind Sie nicht sicher.« »Danke, Don Ernesto, aber ich fühle mich hier zu Hause.« »Ich rate Ihnen dringend mitzukommen.« Sie schüttelte den Kopf. Im Regen wirkte ihr Gesicht jünger als fünfundzwanzig Jahre. Er nickte. »Ich melde mich, wenn das Gold verkauft ist. Suchen Sie sich einen Platz, wo Sie Bargeld aufbewahren können. Besorgen Sie sich ein großes Bankschließfach. Wenn das Geld bei Ihnen eingetroffen ist, müssen Sie es in kleinen Beträgen in Ihre Finanzen einschleusen, bis Sie in ein Geldwäsche-Geschäft investieren können. Zu gegebener Zeit kann ich einen Finanzberater empfehlen.« »Und meine Tante?« »Darum kümmere ich mich, versprochen.« Hans-Peter beobachtete das Flugzeug vom Bankett der Straße aus, die außen um die Einzäunung des Flughafens herumführte. Sein Handy lag in seinem Schoß. Auf einem Zettel hatte er die Nummern der Flugverkehrskontrolle, der Flughafeninspektion der Polizei von Miami-Dade County, der Verkehrsbehörde und der Einwanderungsbehörde notiert. Don Ernesto eilte zur Toilette. Er wählte und sprach schon in sein Handy, als er zur Tür hereinkam. Etwas spät fiel ihm ein, dass er besser unter der Tür der Kabine nachschauen sollte. Keine Füße zu sehen. Don Ernesto redete, während er am Urinal stand. »Sie arbeitet in der Seevogelstation am 79th Street Causeway«, sagte er. Sirenen in der Ferne, vielleicht ein Feuer, vielleicht ihre Verfolger. Don Ernesto sprintete zurück zum Flugzeug und stieg ein. Als die Toilettentür hinter ihm zufiel, konnte Benito endlich die Füße absetzen. Im SUV schaltete Hans-Peter das Mobiltelefon aus, steckte es in die Tasche und zerknüllte die Liste mit den Telefonnummern. Nachdem er gesehen hatte, wie die Piloten um die alte DC-6A herumgingen, fuhr er davon. Das Flugzeug rollte und rollte und rollte auf der Startbahn, die vier Propeller schaufelten Luft, sodass das Gras neben der Startbahn zu Boden gedrückt wurde. Vollgepackt mit Geschirrspülern und Waschmaschinen – von denen nur drei Schwergewichte waren –, erhob es sich schließlich mühsam in die Lüfte, löste sich in einer lang gezogenen Kurve aus dem dichten Verkehr und nahm über dem Meer Kurs nach Süden, in Richtung Haiti. Don Ernesto schloss die Augen und dachte an Candy und die guten Zeiten, die nicht wiederkehrten, und dann dachte er an die guten Zeiten, die noch kommen würden. Gómez, den die Besatzung auf einen Platz hinter dem Schwerpunkt des Flugzeugs dirigiert hatte, las die Massageanzeigen in der New Times. Die beiden Namen, die Diego Riva kannte, waren die von Don Ernesto und Isidro Gómez. Die Haftbefehle wurden ordnungsgemäß ausgestellt, aber zu diesem Zeitpunkt ächzte die alte Maschine schon außer Reichweite über der Floridastraße und war in Sicherheit. 41 Zwei Wochen vergingen, ohne dass Don Ernesto von sich hören ließ. Marco kaufte eine Telefonkarte und rief auf einem Wegwerf-Handy in Alfredos Tanzakademie an. Dort kannte man keinen Don Ernest – oder war der Name Ernesto? An einem schönen Morgen am See im Greynolds Park in North Miami Beach. Pärchen paddelten in gemieteten Booten über das ruhige Wasser. Picknickausflügler breiteten unter den Bäumen Tischdecken aus, und jemand spielte Akkordeon. Blauer Rauch trieb von den Grillplätzen über das Wasser. Cari Mora sah auf die Uhr und setzte sich an den Rand des Anlegers. Sie trug einen Gartenhut aus Stroh mit einem bunten Band. Ein Skiff mit dem typischen flachen Rumpf näherte sich dem Steg. Favorito saß hinten und paddelte, der Rollstuhl lag vor ihm zusammengefaltet auf dem Boden des Bootes. Cari hatte ihn nicht gesehen, seit sie den Tresor geöffnet hatten. Sie hatten nur einmal miteinander gesprochen, fünfzehn Sekunden am Telefon. Im Bug des Skiffs saß Iliana Spraggs und paddelte ebenfalls. Ihr Bein steckte in einem aufblasbaren Verband. Beide trugen Rettungswesten. Ilianas Gesicht hatte sich in der Sonne bereits rosa gefärbt. Favorito lächelte Cari an. »Hi«, sagte er. »Tick, tick. Das ist Iliana.« »Tick, tick«, antwortete Cari. »Hi, Iliana.« Iliana Spraggs sah Cari bewusst nicht an und erwiderte ihren Gruß nicht. »Cari, niemand hat von unserem Freund im Süden gehört«, sagte Favorito. »Durchaus möglich, dass er sich nie wieder meldet. Ich glaube, er hat sich abgesetzt.« Er reichte ihr einen Picknickkorb. »Unter den Sandwiches.« Cari schob den Proviant beiseite. Darunter glitzerte es gelb. Sie sah sich um. Die nächsten Picknickausflügler saßen hinten unter den Bäumen. Sie stocherte im Korb herum. In einer lockeren Stofftasche fand sie neun dicke kleine Tola-Barren mit dem Stempel 3.75 oz. »Achtzehn davon sind in meinen Werkzeugkasten gefallen«, sagte Favorito. »Neun für dich, neun für uns.« Seine nächsten Worte waren ebenso für Iliana bestimmt wie für Cari. »Wenn du nicht in den Keller gekommen wärst, Cari … Ohne dich wäre ich jetzt Hackfleisch. Mit Explosionen kenne ich mich aus. Diese neun sind rund vierundvierzigtausend Dollar wert. Sie haben eine Crédit-Suisse-Markierung und sind nicht nummeriert. Zu gegebener Zeit lassen sie sich mit Sicherheit leicht verkaufen. Du darfst aber nichts überstürzen. Lass dir Zeit, pass auf, dass du das Geld in kleinen Beträgen in dein Projekt einschleust, was auch immer das sein mag. Wenn du Geld einzahlst, bleib unter fünftausend Dollar. Zahl deine Steuern.« »Danke, Favorito«, sagte Cari. Sie nahm die Tasche mit den Tola-Barren und stellte den Picknickkorb ins Boot auf den zusammengeklappten Rollstuhl. »Hier hat wohl jemand zu viel Sonne erwischt«, meinte sie. Sie bot Iliana ihren Gartenhut an. Iliana machte keine Anstalten, ihn zu nehmen. Cari sah in Ilianas verschlossenes Gesicht. »Halt Favorito ganz fest. Er ist ein Guter.« Sie legte den Gartenhut ins Boot, auf den Korb. Die beiden paddelten davon. Cari verstaute die Tola-Barren in ihrer Sporttasche, bei den Lehrbüchern und dem Sack Obstbaumdünger. »Sie ist verdammt hübsch«, sagte Iliana außer Hörweite mit zusammengebissenen Zähnen. »Ja. Genau wie du«, erwiderte Favorito. Ein Augenblick verging, dann setzte Iliana den Hut auf und winkte Cari vom Boot aus zu. Vielleicht lächelte sie sogar. Cari nahm den Bus, um an ihrem künftigen Haus in der Nähe des Snake Creek Canal zu arbeiten. 42 Ein warmer Tag kurz vor Weihnachten. Die Frangipani-Bäume hatten ihre Blätter abgeworfen, um sich für die Wintertemperaturen von vierundzwanzig Grad zu wappnen. Die großen Blätter wehten Cari Mora um die Beine, als sie von der Bushaltestelle zu ihrem Haus ging. Sie schleppte zwei Stofftaschen. Die eine enthielt einen Zierhopfen mit leuchtend rosa Blütenständen, die andere ihre Lehrbücher und eine Ausgabe der vom Verband der Holzindustrie herausgegebenen Stützweitentabelle für Dachbalken und -sparren. In der Nachbarschaft bauten Kinder, Durchschnittsalter acht, in ihrem Vorgarten eine Krippe auf. Sie hatten Figuren von Maria und Josef, dem Jesuskind in der Krippe und den Tieren im Stall, einem Esel, einer Ziege, einem Schaf und drei Schildkröten. Inmitten der Szenerie steckte eine Zeltstange im Boden. Zwei Mädchen und ein Junge befestigten Lichterketten an der Stange und breiteten sie wie ein Zelt zu einem bunten Weihnachtsbaum über der Krippenszene aus. Ihre Mutter sah von der Veranda aus zu. Sie war Hüterin des Niederspannungstransformators, dessen Kabel unter ihrem Stuhl zusammengerollt war. Cari lächelte der Frau auf der Veranda zu. »Das ist eine schöne nacimiento«, sagte sie zu den Kindern. »Danke«, sagte das ältere Mädchen. »Nacimientos aus plástico, die den Regen aushalten, gibt es nur bei K-Mart. Die aus Gips lösen sich auf.« »Was machen die Schildkröten im Stall bei Josef, Maria und dem Jesuskind?« »K-Mart hatte keine Weisen und Könige mehr, und die Schildkröten hatten wir schon. Wir haben sie in Klebstoff getaucht, falls es regnet.« »Die Schildkröten sind also …« »¡Claro! Das sind die weisen drei Schildkröten«, sagte der kleine Junge. »Wenn wir noch Könige oder Weise aus dem Morgenland finden, nehmen wir die Schildkröten als ganz normale Schildkröten, die mit ihren Freunden, dem Esel und dem Schaf, im Stall wohnen.« »Wir schmieren sie ein bisschen mit Dreck ein, damit sie aussehen wie die im Snake Creek«, sagte das Mädchen. »Sehr schöne nacimiento«, wiederholte Cari. »Danke, dass ihr mir alles erklärt habt.« »Gern. Komm wieder, wenn Mami die Lichter eingesteckt hat. Feliz Navidad.« Cari hörte das Pfeifen, als sie sich ihrem Haus mit der blauen Plane auf dem Dach näherte. Es begann mit ein, zwei vereinzelten Pfiffen und wurde dann immer lauter und schneller, bis die ganze Straße von einem Lärm widerhallte, der durchaus von kleinen Dampfpfeifenorgeln hätte stammen können. Sie erkannte die Pfeifsprache Silbo Gomero. Wahrscheinlich hatte der Mann, der auf der Vordertreppe ihres Hauses saß, für Aufregung gesorgt. Cari nahm die Tasche mit der schweren Topfpflanze in die rechte Hand. Sie schwang locker neben ihrem Körper. Der Mann stand auf, als er sie kommen sah. Cari blieb an der Ecke zu ihrem Garten stehen und inspizierte eine Pflanze, die sich gelb verfärbte. Sie konnte erkennen, dass ihr Besucher rechts an seinem Gürtel eine Waffe trug – der Griff einer Pistole zeichnete sich unter seiner Jacke ab. Statt den Gartenweg zu benutzen, ging sie über den Rasen, damit er in die Sonne sehen musste. »Miss Mora, ich bin Detective Terry Robles, Polizei Miami-Dade County. Kann ich kurz mit Ihnen reden?« Aus Höflichkeit zeigte er ihr seinen Ausweis statt der Polizeimarke. Sie ging nicht nah genug heran, um den Ausweis zu lesen. Ob er Kabelbinder-Handschellen am Gürtel trug? Terry Robles erkannte Caris Gesicht als das auf den Zeichnungen in der Mappe unter seinem Arm. Die Zeichnungen fühlten sich nicht mehr an wie bloße Beweismittel, sie kamen ihm schmutzig und widerwärtig vor, brannten heiß und schändlich unter seinem Arm. Cari wollte Terry Robles nicht in ihrem Haus haben, wo sie ihre drei Möbelstücke mehrmals pro Woche neu arrangierte. Er war ein Cop, das war so schlimm wie die Einwanderungsbehörde. Er hatte drinnen nichts zu suchen. Sie forderte Robles auf, sich an einen Tisch im Garten zu setzen. Auf der Veranda hinter dem Haus antwortete der Kakadu auf das Silbo-Gomero-Pfeifen von nebenan. Der Vogel pfiff und grölte auf Englisch und Spanisch. »Verstehen Sie die Pfeifsprache?«, fragte Robles. »Nein. Meine Nachbarn sparen sich so Handyminuten. Das hackt keiner. Bitte ignorieren Sie die Ausdrücke, mit denen der Vogel um sich wirft. Er hört überall mit und mischt sich in die Gespräche ein. Wenn er was zu Ihnen sagt, ist es auf jeden Fall nicht persönlich gemeint.« »Miss Mora, in dem Haus, wo Sie früher gearbeitet haben, ist einiges passiert. Kannten Sie die Leute dort?« »Ich war nur ein paar Tage mit ihnen zusammen da.« »Wer hat Sie für diese Tage eingestellt?« »Angeblich eine Filmfirma, auf der Genehmigung stand ein Name. In den letzten Jahren haben dort viele Leute gedreht und die Requisiten im Haus für Fernsehwerbung genutzt.« »Kannten Sie jemanden von der Crew?« »Der Chef war ein großer Mann, den sie Hans-Peter genannt haben.« »Wissen Sie, was in dem Haus gefunden wurde?« »Nein. Mir gefielen die Leute nicht, und ich habe am zweiten Tag gekündigt.« »Warum?« »Das waren Gangster. Sie haben sich unmöglich aufgeführt.« »Haben Sie sich irgendwo über sie beschwert?« »Bei ihnen selbst, bevor ich gekündigt habe.« Robles nickte. »Einige von ihnen sind tot und andere vermisst.« Er sah keine Reaktion bei Cari. »Sie gehen aufs College.« »Miami-Dade. Ich habe gerade erst angefangen.« »Was haben Sie für Pläne?« »Ich will Tierärztin werden, ich bin noch im Grundstudium.« »Ihre Aufenthalts- und Ihre Arbeitserlaubnis sind kürzlich verlängert worden. Herzlichen Glückwunsch.« »Danke.« Sie ahnte Schlimmes. Robles rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Sie haben die Staatsbürgerschaft beantragt. Sie haben eine Ausbildung als ambulante Pflegehelferin, Sie haben alte Menschen betreut, Sie haben als Putzfrau gearbeitet. Diese Leute haben jede Menge Gold aus dem Haus geholt, in dem Sie gearbeitet haben. Miss Mora, haben Sie davon etwas bekommen?« »Gold? Haushaltsgeld haben sie mir gegeben, und nicht gerade üppig.« Drei Tola-Barren lagen noch in dem Opossum-Bau auf dem Dachboden. »Im vergangenen Jahr haben Sie bei der Finanzbehörde ein sehr bescheidenes Einkommen angegeben, und jetzt können Sie sich dieses Haus leisten?« »Das Haus gehört hauptsächlich der Bank. Eigentümer ist der Schwager meiner Cousine in Quito. Ich kümmere mich nur darum. Renovierungsarbeiten.« Das stimmte, zumindest auf dem Papier. Dem würde sie es zeigen. Wut stieg in Cari auf, als sie in Robles’ Gesicht sah, in Augen dunkel wie ihre eigenen. Sie hatte nicht geglaubt, dass die Probleme sie hier einholen würden. Nicht hier, in ihrem Garten, ihrem Haus, auf einem Fundament, sodass kein Kind unter dem Haus Schaden nehmen konnte. Robles’ Gesicht wirkte gestochen scharf, schärfer als der Garten um ihn herum. Im Zentrum ihres Gesichtsfelds sah sie ganz klar, wie damals, als sie den comandante in Kolumbien auf das Kind unter dem Haus hatte schießen sehen. Cari sah in ihren Mangobaum hinauf, hörte ihn im Wind atmen. Dann atmete sie tief durch, einmal und noch einmal. Eine zum Wintersammeldienst abgeordnete Biene landete auf dem Zierhopfen in ihrer Tasche und stocherte in den Blüten herum. Cari sah den alten Naturforscher vor sich, um den sie sich in Kolumbien gekümmert hatte, mit der zusammengeklappten Brille in der Tasche und dem Bienenhut auf dem Kopf. Ihre Wut auf Robles war irrational, und sie wusste es. Sie stand auf. »Detective Robles, ich hole Ihnen jetzt ein Glas Eistee, und Sie sagen mir, warum Sie hier sind.« Als junger Marine war Terry Robles sechs unwirkliche Wochen lang Meister im Halbschwergewicht der Pazifikflotte gewesen. In Caris Gesicht sah er eine Regung, die ihm vertraut war. Okay. Okay. Er musste zur Sache kommen. »Okay«, sagte er, nachdem er das Wort zehnmal in seinem Kopf gehört hatte. »Haben Sie eine Ahnung, was Hans-Peter Schneider mit Ihnen vorhatte?« »Nein.« »Schneider liefert Frauen für die Bergleute in den illegalen Goldminen von Kolumbien und Peru. Viele von ihnen bekommen eine Quecksilbervergiftung, weil die Minen das Wasser verseuchen. Deshalb sind ihre Organe schlecht verkäuflich, wenn sie sterben. Er handelt aber auch mit menschlichen Organen, die frei von Quecksilber sind. Die werden in Motels geerntet. Er verkauft verstümmelte Frauen an Spezialklubs in verschiedenen Teilen der Welt. Auf Wunsch nimmt er individuell Änderungen an den Frauen vor. Was ich damit sagen will: Auch wenn er Sie nicht erwischt – er wird eine andere Frau zu Tode quälen.« Keine sichtbare Reaktion von Cari. »Hier sind seine Skizzen der Pläne, die er für Sie im Sinn hatte. Ich muss mich noch einmal entschuldigen, aber wir müssen vorankommen.« Er gab ihr einen Stapel Zeichnungen, Rückseite nach oben. Sie drehte ein Blatt nach dem anderen um. Handwerklich waren die Zeichnungen hervorragend. Auf der ersten hatte sie nur noch eine Extremität – einen Arm und eine Hand, mit denen sie ihren Herren Vergnügen bereiten konnte. In ihre Haut waren Porträts von Mutter Gnis eintätowiert. Von ihren anderen Extremitäten keine Spur. Sie war wie ein Stumpf mit einem einzigen Ast. »Schweineschulter« stand klein in einer Ecke. Die anderen Zeichnungen waren noch schlimmer. Sie sah sich alle an, stapelte sie ordentlich und schob sie Robles über den Tisch zu. »Sie könnten uns helfen, Schneider zu fassen«, sagte er. »Wie?« »Er ist von Ihnen besessen. Ich will ihn, und Interpol will ihn. Wir müssen seine perversen, reichen Kunden hinter Gitter oder in eine psychiatrische Einrichtung bringen, wo sie hingehören. Ich will, dass Schneider aufhört, Frauen für sie zu zerlegen. Sie könnten unser Lockvogel sein.« »Wissen Sie, wo er ist?« »Seine Kreditkarten wurden in den vergangenen beiden Tagen in Bogotá und in Barranquilla verwendet, und von seinem Telefon wurde ein paarmal von Bogotá aus telefoniert. Aber er kommt sicher wieder her. Falls nicht, müssen wir proaktiv werden und mit Interpol auf die Reise gehen. Ein Informant hat einige seiner Kunden identifiziert. Einer besitzt eine Villa auf Sardinien. Ich kann dafür sorgen, dass es keine Probleme gibt, wenn Sie am College und in der Arbeit fehlen. Würden Sie das tun? Würden Sie mir helfen, ihn dingfest zu machen?« »Ja.« »Und dann will ich die Männer hinter Gitter bringen, die ihm die Waffen beschafft haben«, sagte Robles. Robles hatte im Zusammenhang mit den Waffengeschäften Verhaftungen vorgenommen, aber er musste einem Geschworenengericht beweisen, dass diese Waffen in die Hände von Schwerverbrechern gelangt waren. »Mit einer dieser Waffen wurde meine Frau niedergeschossen«, sagte er. »Ich wurde angeschossen, mein Haus wurde unter Beschuss genommen. Es sieht ganz ähnlich aus wie das hier. Ich liebe mein Haus genauso wie Sie Ihres – ich meine das Haus des Schwagers Ihrer Cousine. Haben Sie gesehen, ob Schneider Waffen hatte?« »Ja.« »Was haben Sie gesehen? Können Sie die Waffen beschreiben?« »Die Waffen beschreiben?« »Ich habe Ihren Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis gelesen. Ich kenne Ihren Hintergrund. Können Sie sicher sagen, dass es keine Filmrequisiten waren?« »Sie hatten zwei Kalaschnikows, einstellbarer Feuermodus, mit Schalldämpfern, und mehrere AR-15, eine davon mit Bump Stock für vollautomatisches Feuer. Außerdem hatten sie für alle Waffen Banana-Clip-Magazine mit dreißig Schuss und ein Trommelmagazin für eine der Kalaschnikows. Schneider, der Große, hatte eine 9-mm-Glock in einem Schulterholster. Nehmen Sie Zitrone?« »Ich möchte keinen Tee. Miss Mora, ich kann Ihr Haus nicht rund um die Uhr bewachen lassen, aber es gibt verschiedene Zeugenschutzeinrichtungen, wo Sie in Sicherheit sind. Dort könnten Sie sich aufhalten, bis …« »Nein. Ich lebe hier.« »Würden Sie mir einen Gefallen tun und sich die Zeugenschutzwohnungen wenigstens ansehen?« »Nein, Detective. Ich kenne die Unterkünfte für Abschiebekandidaten im Krome Detention Center. Das reicht mir.« »Kann ich Sie jederzeit per Handy erreichen?« »Ja.« »Ich werde die Polizei von North Miami Beach bitten, regelmäßig hier vorbeizufahren.« »In Ordnung.« Detective Terry Robles fand Caris Anblick an diesem goldenen Nachmittag sehr erfreulich, auch wenn sie ihn nicht leiden konnte. Offenbar war er zu viel allein. Er dachte an seine Frau in Palmyra Gardens, wenn die Sonne auf ihr Haar schien. Er musste hier weg. »Die Fahndung nach Hans-Peter Schneider läuft«, sagte er. »Wenn wir ihn ausfindig machen, melde ich mich. Schließen Sie ab.« »Frohe Weihnachten, Detective Robles.« »Feliz Navidad«, sagte Robles. Vielleicht hasst sie mich doch nicht … Nicht dass es irgendeinen Unterschied macht, weder beruflich noch privat, dachte er, während er zu seinem Auto ging. 43 Hans-Peter Schneider hatte für den Augenblick alles, was er brauchte. Die Hälfte der zweihunderttausend Dollar, die er dafür berechnen würde, dass er Cari an Mr. Gnis lieferte und ihre Modifizierung überwachte, war bereits eingegangen. Sein Hauptquartier hier in Miami, das nirgendwo auf seinen Namen eingetragen war. Seine Jacht, die auf ein Unternehmen in Delaware zugelassen war, konnte er problemlos nutzen. Paloma setzte seine Kreditkarten und sein Mobiltelefon in Kolumbien ein. Die inhaftierte Tätowiererin Karen Keefe hatte ihm mitgeteilt, sie sei bereit, nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis nach Mauretanien zu reisen, um Cari zu dekorieren. Hans-Peter hatte ihr für Übungszwecke eine Zeichnung von Mutter Gnis’ Gesicht zur Verfügung gestellt. Er hatte sich ein CO2-Injektionsgewehr, Modell JM Standard, besorgt, dessen Pfeile ausreichend Azaperon enthielten, um ein siebenundfünfzig Kilo schweres Säugetier zu sedieren. Hinten in seinem Hosenbund steckte eine 9-mm-Pistole. Hans-Peters Erfahrung nach konnte man gefesselte Personen am besten in belüfteten Leichensäcken mit Tragegurten transportieren. Normalerweise lassen die geruchs- und flüssigkeitsdichten Hüllen keine Luft durch, sodass die transportierte Person erstickt, falls sie nicht bereits tot ist. Der zu Hans-Peters Ausrüstung gehörende Sack war gut belüftet und bestand aus einer einzigen Segeltuchschicht. Schwerlast-Kabelbinder, Chloroform und Gesichtspads waren zur Hand. Er hatte sich Nahrungsergänzungsmittel besorgt, um Cari auf dem Schiff zu mästen, und verfügte über Obsidianskalpelle, falls sie auf dem Tisch der Kombüse von Mr. Gnis’ Jacht während der Überfahrt nach Mauretanien bereits ein paar kleinere Eingriffe vornehmen wollten. Am späten Nachmittag räumte Hans-Peter seine Zimmer auf und spülte Karla die Toilette hinunter. Er hatte mit einem gefälschten Ausweis einen Van gekauft und den mittleren Sitz ausgebaut, um für Cari auf dem Fußboden Platz zu schaffen. Die Sicherung für die Innenbeleuchtung entfernte er, damit er die Seitentür offen lassen konnte, ohne dass sich das Licht einschaltete. Die Nacht brach herein. Starenschwärme ließen sich in den Hecken rund um die Seevogelstation von Pelican Harbor nieder. Zwei Papageienfamilien übertönten mit ihrem abendlichen Zwist die Musik von den Jachten in der Marina. Der Geruch auf dem Grill schmorender Abendessen und ein dünner blauer Rauchfaden trieben über das Wasser. Auf dem Parkplatz an der Seevogelstation saß Benito in seinem alten Pick-up. Er wartete auf Cari, um sie zu ihrer Cousine zu fahren, wo sie übernachten würde. Die Klimaanlage des Autos funktionierte seit Jahren nicht mehr, daher hatte er die Fenster geöffnet und war dankbar für die Brise, die von der Bucht herüberwehte. Unter den dichten Bäumen des Parkplatzes war es in der Dämmerung schon weitgehend dunkel. Cari erledigte die letzten Arbeiten im Behandlungsraum, sterilisierte die Instrumente und brachte der Eule eine Ratte. Sie schloss die Augen und fühlte den Luftzug über ihr, als der große Vogel herabstieß, um sich die Beute zu sichern. Benito wollte nicht rauchen, wenn Cari im Auto saß, also drehte er sich im Dunkeln eine Zigarette, die er noch schnell genießen wollte, bevor sie kam. In der Dunkelheit klopfte er mit seinen großen Pranken gegen die Tabakdose. Er drehte die Zigarette, leckte das Papier an und verzwirbelte die Enden. Dann zündete er ein Streichholz an. Das Streichholz flackerte in der Kabine des Pick-ups orange auf, und der Pfeil traf ihn seitlich in den Hals. Er griff danach, und die Zigarette fiel in einem Funkenregen in seinen Schoß. Unter dem Latz der Arbeitshose tastete er nach der Pistole, umschloss den Griff, aber das Lenkrad kam immer näher und verschwamm vor seinen Augen. Mit der Hand erreichte er noch den Türgriff, doch weil er in den Hals getroffen worden war, wurde es schnell dunkel. Hans-Peter war hin- und hergerissen, als er das Injektionsgewehr neu lud. Er hätte Benito gern vor Caris Augen bei lebendigem Leib aufgelöst, sozusagen als Orientierungshilfe. Wenn das nicht unterhaltsam gewesen wäre … Aber die Zeit war knapp. Er musste Cari außerhalb der US-amerikanischen Hoheitsgewässer an Bord von Mr. Gnis’ großer Jacht abliefern. Da war es besser, Benito einfach die Kehle durchzuschneiden. Hans-Peter klappte das Messer auf. Er war noch auf dem Parkplatz, auf dem Weg zu Benitos Pick-up, als die letzten Lichter in der Seevogelstation erloschen und er hörte, wie eine Tür energisch zugezogen und abgeschlossen wurde. Vergiss Benito. Cari war unterwegs. Sie sang Shakiras Part von Mi Verdad, als sie den Pick-up erreichte. Benito saß zusammengesunken hinter dem Lenkrad, das Kinn auf der Brust. Cari hatte eine kalte Tamarindencola für ihn dabei. Benito bestand darauf, sie nach Hause zu fahren, und war oft eingeschlafen, wenn sie aus der Station kam. »Hola, mi Señor.« Sie sah den Pfeil in Benitos Hals im selben Augenblick, in dem sie hinter sich ein Knacksen wie von einem brechenden Palmwedel hörte und einen Stich in einer Pobacke spürte. Durch das Fenster griff sie ins Auto, bekam Benitos Waffe zu fassen, wirbelte herum und hob die Pistole. Aber der Asphalt kam ihr entgegen und schlug ihr ins Gesicht, hüllte sie ein und nahm ihr die Luft zum Atmen. Dunkelheit senkte sich über sie. Dunkelheit. Es roch nach Diesel und Schweiß und Schuhen. Ein Pulsieren, ein Vibrieren des Metallbodens, schneller als ein menschlicher Puls, ein Brummen. Anlasser heulten auf. Zwei Turbodiesel starteten in unruhigem Leerlauf, dann setzte sich das Schiff in Bewegung. Die Motoren fanden zu einem tiefen Grollen, in das sich immer wieder Nebenvibrationen mischten. Ein stetiges Wummern. Cari öffnete die Augen einen Spaltbreit, sah das Metalldeck. Öffnete die Augen ein Stück weiter. Sie lag allein in der Kajüte im Bug einer Jacht auf dem Boden. In die Decke über ihr war mittig eine Luke aus durchsichtigem Plexiglas eingelassen, die zugleich als Oberlicht diente. Ein wenig Licht fiel durch die Luke, und das Geräusch veränderte sich, als die Jacht aus einem Bootshaus in die Nacht glitt. Ein Gesicht erschien im Oberlicht, jemand auf Deck blickte auf sie herunter. Hans-Peter Schneider. Er trug Antonios Ohrring, das gotische Kreuz. Cari schloss die Augen, wartete einen Augenblick und öffnete die Augen erneut. Sie lag vor einer V-Koje auf dem Boden. Ein abgerissener blutiger Fingernagel, der nicht von ihr stammte, steckte zwischen der Schiebetür unter der Koje und der Laufschiene. Ihre Arme und Schultern wurden schmerzhaft gegen das Metalldeck gedrückt. Die Handgelenke waren auf den Rücken gefesselt, die Beine zusammengebunden. An ihren Knöcheln sah sie vier Schwerlast-Kabelbinder. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon auf dem Schiff war. Es bewegte sich nicht besonders schnell. Wasser rauschte um den Rumpf. Die Chancen für eine Flucht sind kurz nach der Gefangennahme am besten, das hatte sie gelernt. Auf der Brücke der langen schwarzen Jacht stand Mateo am Steuerrad, während Hans-Peter mit Mr. Imran auf der sechzig Meter langen Jacht von Mr. Gnis telefonierte, die sie ansteuerten. »Ich bin unterwegs«, sagte Hans-Peter. Neben Mr. Imran hörte er einen Menschen schreien. »Ich lasse ein Bad ein«, sagte Mr. Imran. »Gute Idee«, sagte Hans-Peter. »Sie wird sich wahrscheinlich in die Hose machen.« Beide Männer lachten herzlich über diesen Insider-Scherz. Unten in der Bugkajüte bewegte Cari vorsichtig alles, was sie bewegen konnte. Offenbar waren keine Knochen gebrochen, aber ihre Stirn war verschwollen und klebrig. Sie wärmte ihre Muskeln auf, indem sie sie bewegte, so gut es ging, während sie seitlich dalag. Ohne das Oberlicht aus den Augen zu lassen, rollte sie sich zum Sitzen, mit dem Rücken gegen die Koje. Es bedurfte einiger Dehnungen, sie brauchte fünf Versuche, aber dann hatte sie die gefesselten Handgelenke unter ihrem Po hindurch bis unter die Knie manövriert. Sie zog die Knie an die Brust, schob die Handgelenke mit einer enormen Anstrengung bis unter die Füße und zog sie heraus. Jetzt lagen die Hände vor ihrem Körper. Die vier Schwerlast-Kabelbinder waren vom selben Typ wie die um ihre Knöchel. Genauso groß. Die freien Enden standen an ihren Handgelenken weit über. Die gefesselten Kinder im Wasser. Die Enden der Kabelbinder standen weit von den schmalen Handgelenken ab. Sie drückten die Wangen aneinander. Das Knattern von Gewehrfeuer. Bei der Erinnerung stieg eine heiße Welle in Cari auf, und ein Teil davon war Energie. Wie befreit man sich von Kabelbindern? Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Ein oder zwei normale Kabelbinder konnte man unter Zuhilfenahme der Hüften vielleicht zerreißen, aber nicht diese großen, und schon gar nicht vier. Mit einem Keil … Doch die Kabelbinder an ihren Handgelenken waren für sie außer Reichweite. Vielleicht konnte sie die Fesseln an ihren Beinen öffnen, wenn sie einen Keil auftrieb. Das Petruskreuz mit dem versteckten Dolch an ihrem Hals war verschwunden. Sie suchte den Boden mit den Blicken ab, nach einem Werkzeug, einer Haarnadel, egal was. Sie drehte sich, sodass sie ins Bad sehen konnte. Vielleicht lag eine Haarnadel auf dem Boden. Nichts. Eine Schiffstoilette, ein Spiegel, eine Ablage, eine Dusche. Eine Personenwaage. Sie sah unter die Kojen, tastete den Boden ab. Nichts außer einem stinkenden Paar Bootsschuhe. Was war flach und aus Metall und konnte als Keil dienen? Ihr Dolch war weg. Ihre Taschen waren nach außen gekehrt. Sie war gründlich durchsucht worden. Auf ihrer Brust spürte sie ein Kratzen, eine Hautreizung von Bartstoppeln. Pfui Teufel. Was ist flach und aus Metall und … Der Schiebergriff am Reißverschluss ihrer Jeans! Cari zog den Reißverschluss auf. Es dauerte endlos, bis sie die Jeans über ihre Beine nach unten bugsiert und den Bund über die Hosenbeine manövriert hatte, die sich über den gefesselten Knöcheln bauschten. Einen Augenblick lang versuchte sie, den Schiebergriff in den Kopf der Kabelbinder an ihren Handgelenken zu manövrieren, aber da sie ihre Finger nicht benutzen konnte, hatte sie keine Kontrolle über den Griff. Er klappte einfach nur vor und zurück. Sie nahm sich ihre Knöchel vor. Zwei Kabelbinder waren vorne eingerastet. Sie drückte den Schiebergriff in den Kopf des obersten Kabelbinders. Nein. Nein. Die Zunge des Kabelbinderkopfes rutschte immer wieder weg. Nein. Nein. Nein. Ja … Die Zunge gab nach, das lange, überstehende Stück rutschte durch den Kopf des Kabelbinders, und er löste sich. Sie schob den losen Kabelbinder unter eine Koje, damit er von oben nicht zu sehen war. Sie rieb sich die rote Einschnürung an ihrem Bein und ging den nächsten Kabelbinder an. Der war hartnäckig und gab erst beim zwölften Versuch nach. Die beiden anderen waren hinten an ihren Beinen eingerastet. Beim ersten musste sie nach Gefühl arbeiten. Es dauerte zehn Minuten, während das Wasser unter dem Rumpf hinwegströmte und sie Meile um Meile zurücklegten. Der andere war so locker, dass sie ihn nach vorne ziehen und schon beim dritten Versuch öffnen konnte. Mit ihren Handgelenken sah es anders aus. Solange sie die Finger nicht benutzen konnte, würde es ihr nicht gelingen, den Schiebergriff richtig einzusetzen. Er klappte nur kraftlos gegen die Zunge des Kabelkopfes. Auf dem Boden sitzend, lehnte sie den Kopf gegen die Koje. Da näherten sich auf dem Niedergang Schritte. Mit ihren Beinen konnte sie auch mit gefesselten Händen kämpfen. Sollte sie die Füße unter der Koje verstecken und sich bewusstlos stellen, um Zeit zu gewinnen? Nein, sie musste sich dem Kampf jetzt stellen. Sie holte die schwere Waage aus dem Bad. Sorgfältig darauf bedacht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, richtete sie sich auf und hob die Waage mit den gefesselten Händen hoch über den Kopf. Die Kajütentür öffnete sich. Sie trat Mateo so fest in die Hoden, dass er fast von den Beinen gerissen wurde. Ein weiterer Tritt gegen den Solarplexus, damit er nicht schrie. Als er sich zusammenkrümmte, ließ sie die Waage mit voller Wucht auf seinen Hinterkopf niedersausen. Er stürzte vornüber auf den Metallboden. Sie drehte die Waage seitlich und rammte sie ihm zweimal mit der Kante in den Hinterkopf. Beim zweiten Mal klang der Aufprall weicher. Starker Uringeruch stieg auf, unter ihm breitete sich eine Pfütze aus. Ein paar dumpfe Schläge, ein kurzes Stöhnen, mehr war es nicht gewesen, kaum lauter als der Maschinenlärm und das Klatschen der Wellen am Rumpf. Vielleicht hatte Hans-Peter Schneider am Steuerrad nichts gehört. Aber er würde Mateo nach ein paar Minuten vermissen. Ihre Hände, ihre Hände … Ohne ihre Hände konnte sie nicht schwimmen, wenn sie nichts hatte, was ihr Auftrieb gab, eine Rettungsweste. Keine in der Kajüte. Sie durchsuchte Mateo in der Hoffnung, ein Messer, eine Pistole zu finden. Aber Hans-Peter war zu schlau, um einen Gefängniswärter mit einer Waffe zu ihr zu schicken. In seinen Taschen fand sich nichts Nützliches, nur Kaugummi. Wie ließ sich ein Kabelbinder sonst noch öffnen? Wenn sie die Hände nicht frei hatte, konnte sie nicht weit schwimmen. Sie atmete schwer, und mit dem Atem stiegen ihr die Gerüche der Jacht in die Nase. Der Geruch von muffiger Bettwäsche und getrocknetem Blut. Der Geruch des Urins von dem Toten neben ihr. Der Käsefußgeruch der alten Bootsschuhe mit ihren Lederschnürsenkeln … Eine Reibungssäge! Wie viel Zeit blieb ihr? Nicht viel. Hans-Peter brüllte den Niedergang herunter. »Überprüf die Fesseln und komm wieder nach oben, Mateo. Wenn du sie fickst, bringe ich dich um. Wir verkaufen frische Ware!« Cari fand die Bootsschuhe und zog mit Fingern und Zähnen die ledernen Schnürsenkel heraus. Sie band sie zu einem langen Riemen zusammen, den sie über die Fesseln an ihren Handgelenken führte. In jedes der freien Enden knotete sie eine Schlaufe. Sie stieg in die Schlaufen wie in Steigbügel und fing an, die Füße wie ein Radfahrer nach unten zu stoßen. Der Lederriemen fuhr zischend über den oberen Kabelbinder an ihren Armen, vor und zurück, während sie mit den Beinen strampelte, um ihn in Bewegung zu halten. Rauch stieg vom Riemen und den metallverstärkten Kabelbindern auf, Wärme, die sie auf den Armen spürte. Hans-Peter brüllte nach unten in den Niedergang. »Mateo, du Arschloch, komm sofort rauf! Ich hätte dir nicht erlauben sollen, ihre Titten zu lecken!« Treten, treten, der Lederriemen zischte über den Kunststoff des Kabelbinders. Rauch und Wärme, und der oberste Kabelbinder gab nach. Der Riemen dehnte sich über den nächsten, zischend und qualmend, und dann riss auch der zweite Kabelbinder. Eine Schlaufe rutschte ihr vom Fuß. Es dauerte eine nervenzerfetzende Sekunde, sie wieder an Ort und Stelle zu befestigen, und schon strampelte sie wieder, trat und trat, bis der Kabelbinder nachgab. Wieder treten, treten, treten. Dann war es geschafft. Ihre Hände waren frei, ein wenig taub, kribbelten, als das Blut zurückkehrte. Sie steckte den Kopf in die Glaskuppel, gerade rechtzeitig, um ein Licht über sich hinwegziehen zu sehen, einen Lichtstreifen, blasslila wie das Innere eines Falkenschnabels. Es war die Unterseite des Causeway. Signalfeuer, um den Flugverkehr zu warnen, wie ein roter und ein weißer Stern am Himmel! Die Signalleuchten befanden sich auf den hohen Antennen neben der Seevogelstation, wo ihre Schulbücher waren, wo der Sack mit dem Baumdünger wartete. Als die Jacht weiter in südlicher Richtung fuhr, tauchten die Lichter der Autos auf, die auf dem Causeway vorbeirasten. Lichtbänder wie die Leuchtspuren eines schweren Maschinengewehrs. Wenn sie sich auf die Koje stellte, konnte sie die Luke öffnen. Aber das Oberlicht befand sich auf dem Vordeck. Vom Steuerrad aus würde Hans-Peter sehen, wie es sich öffnete. Jetzt waren sie südlich des Causeway, entfernten sich stetig. Sie konnte nicht warten. Die Maschinen wurden langsamer und stoppten. Sie legte den windigen Riegel der Kajütentür vor. Hans-Peter brüllte den Niedergang hinunter. Schritte näherten sich. Sie stieß die Luke auf und stemmte sich hoch, auf das Vordeck, als Hans-Peter unter ihr die Kajütentür eintrat. Er hielt das Betäubungsgewehr in der Hand. Als er die offene Luke sah, machte er kehrt, rannte die Leiter wieder hinauf, zurück an Deck. Aber Cari tauchte bereits mit einem eleganten Sprung ins Wasser und schwamm auf den schwarzen, verschwommenen Umriss von Bird Key zu. Hans-Peter stand mit dem Gewehr auf dem Deck, Ausschau haltend, suchend. Er schwang den großen Scheinwerfer herum, erfasste sie im Lichtkegel, hob das Gewehr. Als das Licht Cari traf, tauchte sie, berührte sehr schnell Grund. Das Wasser war so seicht, dass sie ihren Schatten im Scheinwerferlicht auf dem Sand unter sich sah. Sie musste Luft holen, unter Wasser ausatmen, auftauchen und Luft schnappen, wieder hinunter, als das Narkosegewehr mit einem dumpfen Paff einen Pfeil durch ihr Haar jagte, das sie beim Schwimmen wie einen Schleier hinter sich herzog. Sein letzter Pfeil. Er würde unter Deck Nachschub holen müssen. Hans-Peter warf das Gewehr zu Boden und langte wieder nach dem Steuerrad. Den Scheinwerfer konnte er von dort aus kontrollieren, und der Lichtkegel wanderte über das Wasser und fand Cari erneut. Hans-Peter beschleunigte und nahm die Verfolgung auf. Wenn nötig, würde er sie mit dem Kahn überfahren, selbst wenn sie das nicht überlebte. Cari war eine gute Schwimmerin und sie schwamm so schnell wie noch nie. Zwei große Dieselmotoren dröhnten hinter ihr, immer näher. Vor ihr Bird Key, noch fünfzig Meter. Das Röhren der Jacht schien direkt über ihr zu sein, sie einzusaugen, aber der Scheinwerfer ließ sich nicht genug absenken, um sie im Schatten der Jacht zu erfassen. Die Jacht lief auf Grund. Ein lang gezogenes Knirschen und Schrammen, als sie eine Sandbank vor Bird Key rammte. Hans-Peter wurde gegen das Steuerrad geschleudert, stürzte auf das Deck, war aber sofort wieder auf den Beinen. Cari schwamm, fand den Grund mit den Händen, sprang auf, lief im Wasser auf die dunkle, von keinem Licht erhellte Insel zu. Lief und lief. Sollte sie besser im Wasser kämpfen? Sich umdrehen und sich ihm stellen? Nein, im Wasser kann ich die Beine nicht einsetzen, und er ist bewaffnet. Durch die Mangroven, auf Bird Key. Sie stolperte durch den Müll auf dem Boden, den angespülten Abfall von den Ausflugsbooten, das Treibgut vom Fluss, zerbrochene Kühlboxen, Flaschen, Plastikkanister, lief, konnte im Dämmerlicht unter den Bäumen nur die helleren Gegenstände ausmachen, stolperte über die dunkleren. Der Guanogeruch war durchdringend. Die nistenden Vögel schimpften vor sich hin, die schlafenden Schwärme in den Bäumen wurden unruhig, Aufruhr bei den Ibissen. Es gab keine richtigen Wege, nur ein paar überwucherte Pfade. Hans-Peter brauchte ein paar Augenblicke, um Pfeile zu holen und gegen die auflaufende Flut Anker zu werfen. Dann war auch er im Wasser. Er legte einen Pfeil ein, watete mit seinen langen Beinen auf die dichten Mangroven um Bird Key zu, die Pistole im Gürtel, das Betäubungsgewehr und eine Taschenlampe in den Händen. Er musste sich beeilen – die Küstenwache würde sich vielleicht für die Jacht interessieren. Mühsam arbeitete er sich durch das Mangrovengestrüpp, auf der Suche nach festem Boden, nicht leicht, wenn man die Hände nicht frei hatte. Cari rannte, stolperte, ganz in der Nähe der Stelle, an der sie den Fischadler gerettet hatte. Jede Waffe wäre willkommen. Alles, ein Knüppel, bitte, lieber Gott, ein Fischspeer, irgendwas. Ein toter Vogel oder zwei auf dem Boden, die sich in einer Angelschnur verfangen hatten. Eine zerbrochene Angelrute. Ein leerer Kasten Miller Lite. Wolken glitten über den blassen Mond hinweg. Das schwache Mondlicht flackerte hinter den ziehenden Wolken. Tausend Vögel murmelten unruhig, Küken piepsten schrill, bis sie mit einigen Bissen hochgewürgtem Fisch beruhigt wurden. Ein Nachtreiher stakste durch die äußeren Ränder des Mangrovengestrüpps, blieb wie erstarrt stehen, den schlangenartigen Hals angespannt, um blitzschnell zuzustoßen. Die Nacht war voller Leben. Cari suchte auf dem Boden nach einer Waffe, bis sie Schneider durch die Mangroven brechen hörte. Sie verhielt sich ganz still, als er an Land ging, drückte sich ins Gebüsch, sah, wie der blasse Mond auf seinen Kopf schien. Jetzt war er ganz nah. Hinten im Hosenbund steckte eine Pistole, und er trug Antonios Ohrring. Auf der kleinen Lichtung, wo sie den Fischadler gefunden hatte, musste er direkt an ihr vorbei. Sie wich ins Gestrüpp zurück, vielleicht konnte sie ihn umgehen und ihm die Pistole abnehmen. Vorsichtig bewegte sie sich rückwärts, ließ den Fuß seitlich über den Boden gleiten, bevor sie ihn belastete, damit nur nichts knackste. Ein Papagei stieg mit lautem Kreischen über ihr auf und flatterte davon. Schneider fuhr zu ihr herum, richtete das Narkosegewehr auf sie. Es klickte, der Pfeil zischte an ihrem Ohr vorbei, und schon war Schneider da. Ein harter Tritt gegen seinen Oberschenkel, doch dann prallte er gegen sie. Sie ging zu Boden, wurde mit dem Rücken ins Gebüsch gedrückt, presste die Hände gegen seine Brust. Er war unglaublich stark. Sein Unterarm quetschte ihr die Kehle, und er tastete in seiner Tasche nach einem weiteren Pfeil, den er ihr mit der Hand in den Körper rammen konnte. Etwas berührte ihr Gesicht, baumelte von seinem Hals, und sie sah, dass er ihr Petruskreuz trug. Er wechselte die Hand, griff in die andere Tasche. Das verschaffte ihr genügend Luft, um ihn mit aller Kraft wegzudrücken. Mit der Hand fühlte sie das baumelnde Kreuz und riss den Dolch heraus. Er war kurz, aber nicht zu kurz. Sie jagte ihm die Klinge mit Schwung in die weiche Stelle unter dem Kinn, stach zu, bohrte sie ihm unter den Kiefer, drehte sie in der Wunde. Der Dolch fuhr ihm in den Mund und durchtrennte die großen Blutgefäße unter seiner Zunge, denn dafür war er gemacht. Schneider setzte sich auf, rang nach Luft, griff sich ins Gesicht, hustete sprühend Blut. Sie wand sich unter ihm hervor. Er langte hinter sich nach der Pistole, fasste dann wieder an seine Kehle. Blut sprühte aus seiner Nase und pumpte schwarz im Mondlicht über seine Brust. Nach Luft ringend, krümmte er sich, wandte sich von ihr ab. Cari riss die Pistole hinten aus seinem Hosenbund und schoss ihm in die Wirbelsäule. Er sank gegen den Baum, an dem der Fischadler gehangen hatte. Mit dem Rücken am Baum sah er sie im Mondlicht an. Sie erwiderte den Blick. Unverwandt schaute sie ihm ins Gesicht, bis er starb. Dann ging sie zu ihm und nahm ihr Kreuz an sich. In einigen Tagen würden Vogelfreunde ihn dort finden, die mit dem Boot unterwegs waren, würden die Behörden rufen. Sie würden ihn am Baum sitzend finden, Geier auf beiden Schultern. Dunkle Engel, wie es seiner Natur entsprach, die ihn mit ihren schwarzen Schwingen beschirmten, während sie die Weichteile seines Gesichts fraßen und seine versilberten Eckzähne freilegten, die nun für immer im Licht glänzen würden. Der Tag brach an. Die Vogelkolonie erwachte zum Leben. Überall spritzte es auf den Boden, die ersten Schwärme stiegen auf und kreisten, die weißen Ibisse flogen strahlend im ersten Licht davon. Der gewaltige Schlafplatz pulsierte vor Leben. Im Osten wurde es hell. Cari konnte von Bird Key aus den Causeway sehen. Die Signalleuchten für den Luftverkehr über der Seevogelstation verblassten wie Sterne in der Morgendämmerung. Die Seevogelstation, wo ihre Lehrbücher waren, ihr Baumdünger, ihr Studentenausweis für das Miami-Dade College. Cari bastelte sich Schwimmflügel aus Vier-Liter-Kanistern. Einer hatte noch einen Deckel, den anderen verschloss sie mit einem Stück Plastik und Angelschnur. Mit den Schwimmflügeln watete sie in die Bucht hinaus. Ohne sich noch einmal umzusehen, schwamm Cari dem Morgen entgegen. ViSiT WWW.iBOOKS.TO Danksagung Mein Dank gilt dem Quaker United Nations Office für die Feldstudien »The Voices of Girl Child Soldiers« von Yvonne E. Keairns, PhD. Sergeant David Rivers (im Ruhestand) vom Miami-Dade Police Homicide Bureau ließ mich an einer Reihe hervorragender Seminare zum Thema Ermittlungen bei Tötungsdelikten teilnehmen, bei denen er unterrichtete und den Lehrplan schrieb. Die Pelican Harbor Seabird Station pflegt verletzte Vögel und andere Tiere gesund, bis sie wieder in die Freiheit entlassen werden können. Es ist eine bewundernswerte Institution voller Menschlichkeit, die durch Spenden und ehrenamtliche Tätigkeit unterstützt wird. Die Station freut sich über Besucher. Vor allem aber möchte ich mich bei dieser pikanten, schönen Stadt – bei Miami – bedanken, einer durch und durch amerikanischen Stadt, die von Menschen errichtet wurde, die – oft zu Fuß – aus anderen Ländern eingewandert sind. Sie wollen gleich weiterlesen? Unsere Empfehlungen für Sie… Thomas Harris Das Schweigen der Lämmer Roman Heyne Verlag Zum Shop Thomas Harris Hannibal Roman Heyne Verlag Zum Shop Thomas Harris Hannibal Rising Roman Heyne Verlag Zum Shop Thomas Harris Roter Drache Roman Heyne Verlag Zum Shop Jetzt anmelden DATENSCHUTZHINWEIS